{"numero_id": "bm-bmtnabi-1854-06-10-01", "volume": "bmtnabi_1854-06-10_01", "ocr_sha256": "59c689be10b7ded88da5b01b46a5fa08f278413abad141428afb249450833c71", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1854/06/10_01/bmtnabi_1854-06-10_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540610-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1854-06-10-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-06-10_01#c001", "volume": "bmtnabi_1854-06-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "177", "page_fin": "182", "image_debut": 1, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540610-01.2.1", "titre_corps": "Ueber das Verhältniss des Musikalischen zum Dramatischen in der Oper.", "titre_sommaire": "Ueber das Verhältniss des Musikalischen zum Dramatischen in der Oper.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "177", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540610-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3884, "texte": "Ueber das Verhältniss des Musikalischen zum\nDramatischen in der Oper.\nAbgerissene Gedanken\nvon\nRoderich Benedix.\n(Fortsetzung. S. Nr. 22.)\nAllein neben dem Begriffe „Dramatisch\" macht sich\nnoch ein anderer geltend, das ist der Begriff „Theatralisch\".\nWir werden sehen müssen, wie diese beiden Begriffe sich\nzu einander verhalten.\nJedes Drama bedarf, um zur vollen Geltung zu gelan-\ngen, der Darstellung, der Aufführung. Ja, das dargestellte\nDrama ist eigentlich das wahre Drama, das geschriebene\nist nur ein Bild davon, wie denn das gesprochene Wort,\ndas von Mund zu Ohr geht, eigentlich nur das Wort ist,\ndie geschriebene Sprache nur ein Bild desselben, ein Noth-\nbehelf. Zur Darstellung bedarf das Drama einer anderen\nKunst, der Schauspielkunst. Es fragt sich nun, ob beide\nKünste, diese und die Dichtkunst, so zusammenfallen, dass,\nwas der einen wesentlich, es auch der anderen ist. Dann\nwürde Dramatisch mit Theatralisch identisch sein. Allein das\nist nicht ganz der Fall. In der Hauptsache allerdings wird\neine Uebereinstimmung Statt finden, d. h. das echt Drama-\ntische wird auch echt theatralisch sein. Allein es kann auch\netwas theatralisch sein, was nicht dramatisch ist. Die Büh-\nnenkunst hat nämlich viele Mittel das Drama so aufzufüh-\nren, dass es den vollen Schein der Wirklichkeit erreicht,\nwas ja doch der Zweck ist. Diese Mittel sind nicht bloss\nkünstlerische, d. h. nicht bloss diejenigen, die das Talent\ndes Schauspielers im Vortrage, im Spiele, überhaupt\nin der Verkörperung der dargestellten Person anwen-\ndet, es sind auch äussere. Dahin gehören Costume, Deco-\nrationen, kunstreiche Beleuchtung derselben, dann Aufzüge,\nkurz, Pracht, Pomp aller Art. Diese äusseren Mittel unter-\nstützen allerdings zunächst das echte Drama in seiner Wir-\nkung allein auch an und für sich angewendet, machen\nsie eine Wirkung. Dann sind sie theatralisch. Sehen wir\nz. B. einen Volksaufzug aus einem früheren Jahrhundert\nauf der Bühne dargestellt, treu im Costume der Zeit, gut\ngeordnet, so ist derselbe allerdings nicht dramatisch, er ist\nnur theatralisch; allein er macht uns Freude, und das mit\nRecht. Warum sollten wir uns nicht an einem treuen Le-\nbensbilde ergötzen, wenn auch keine Poesie, sondern nur\nGeschicklichkeit dazu gehört, es uns vorzuführen? Theatra-\nlisch würde also alles das sein, was die Bühnenkunst mit\nden ihr eigenen Mitteln leistet, darstellt, ohne dass dasselbe\neinen dramatischen, dichterischen Inhalt zu haben braucht.\nEin mässiger Gebrauch des bloss Theatralischen im Drama\nmuss gestattet sein, Missbrauch desselben ist wie am\nEnde jeder Missbrauch verwerflich. In der höchsten\nKunstleistung wird das Dramatische mit dem Theatralischen\nzusammenfallen.\nNachdem wir uns über diese Begriffe verständigt ha-\nben, kommen wir zur Oper, und hier entsteht die Frage:\nWie weit und wann, unter welchen Bedingungen ist etwas\nDramatisches musikalisch ? An und für sich ist nicht jedes\nDrama musikalisch, denn sonst müsste sich ja jedes Drama\ncomponiren lassen.\nDas Wesentlichste in der Oper ist der Gesang. Das\nOrchester steht in der Oper in zweiter Reihe. Der Gesang\nist eine dem Menschen eigenthümliche Art und Weise, sich\nauszudrücken, seine Gedanken und Empfindungen mitzu-\ntheilen. Verwandt mit dem Gesänge ist der Vortrag, die\nDeclamation. Beiden gemeinschaftlich ist das Wort, das sie\nsprechen oder singen. Verschieden sind sie in den Mitteln,\ndas Wort zu verkörpern.\nDer Vortrag hat nur den gesprochenen Ton, der Ge-\nsang den gesungenen, musikalischen Ton.\nDer Vortrag hat die mannigfachsten Mittel, die er an-\nwendet, z. B. die Tonfarbe, d. i. der eigenthümliche Aus-\ndruck der menschlichen Stimme, der jede Empfindung cha-\nrakterisirt, die Steigerung des Tempo's, der Tonstärke, das\nAbnehmen beider u. s. w. Allein diese Mittel des höheren\nVortrags sind nicht überall anzuwenden. Bei einfachen Be-\nrichten, bei Meldung gleichgültiger Dinge wird der Vortrag"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "178", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540610-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5160, "texte": "seine höheren Mittel nicht anwenden, dafür genügt die\nDeutlichkeit der Aussprache. Die Meldung z. B.: „Der\nWagen ist da\", wird ohne Tonfarbe, ohne Steigerung ein-\nfach deutlich gesprochen. Wie nun der Vortrag nicht über-\nall anwendbar, wie es auf den Inhalt der Worte ankommt,\nob dieselben vorgetragen, declamirt oder bloss gesagt\nwerden sollen, eben so ist auch nicht Alles durch den Ge-\nsang auszudrücken es kommt auf den Inhalt der Worte\nan, ob bei ihnen musikalischer Vortrag, d. i. Gesang, an-\nwendbar ist.\nWir müssen also untersuchen, was gesungen werden,\nwas die Musik ausdrücken kann. Hier stossen wir auf zwei ein-\nander entgegengesetzte Ansichten, die sich geltend zu machen\nversucht haben. Nach der einen kann die Musik Alles aus-\ndrücken, nach der anderen nichts. Nach letzterer ist die\nOper ein Unsinn, weil eine Welt von singenden Menschen\nnicht vorkomme, die Oper also an sich etwas Unwahres sei.\nDas ist denn die leidige Beschränktheit, welche die nackte\nNaturwirklichkeit immer mit der Kunstwahrheit verwech-\nselt. Ist der Gesang überhaupt ein Mittel für den Menschen,\nsein Fühlen und Wollen auszudrücken, so muss auch die\nKunst das Recht haben, in irgend einer Darstellung sich\nausschliesslich dieses Mittels zu bedienen. Das thut sie in\nder Oper. Eben so sind blosse Gesten ein Mittel für den\nMenschen, sich auszudrücken, sich verständlich zu machen,\nund die Kunst hat das Recht, sich dieses Mittels zur Dar-\nstellung ausschliesslich zu bedienen. Und das thut sie in\nder Pantomime. Solche Kunstformen setzen stillschweigend\nvoraus, dass das Publicum sie für wahr nimmt, und diese\nVoraussetzung ist eine Convention zwischen Publicum und\nKunst, wodurch sie wahr werden. Von der Naturwirklich-\nkeit aus angesehen, ist der Vers im Drama auch ein Un-\nsinn, denn in der Welt sprechen die Menschen nicht in\nVersen; ja, das Drama an und für sich ist ein Unsinn, denn\nin ihm werden Vorgänge in wenig Stunden zusammen-\ngedrängt, die in der Wirklichkeit Tage, oft Jahre Zeit ein-\nnehmen.\nDie Oper an sich hat also eine eben solche künstleri-\nsche Berechtigung, wie jede andere Kunstgattung.\nDies zugegeben, fragt sich nun: Kann die Musik alles\nausdrücken, was in einem Drama ausgedrückt werden soll?\nHier ist die Antwort Nein. Die Ausdrucksfähigkeit der Mu-\nsik ist eine beschränkte. Untersuchen wir dieselbe. Ein ein-\nzelner Ton drückt gar nichts aus*). Eine Folge von Tönen,\neine Melodie, oder ein Zusammenklingen von Tönen, eine\nHarmonie, erweckt in uns gewisse Empfindungen. In so\nfern nun durch Melodie oder Harmonie in uns Empfindun-\ngen geweckt werden, sagen wir mit einer Umdrehung des\nBegriffes: Die Musik drückt Empfindungen aus.\nDiese Empfindungen sind aber sehr allgemein. Andacht,\nSehnsucht, Trauer, Freude in verschiedenen Abstufungen\nbis zum Jubel, Muth und Begeisterung das ist es etwa,\nwas die Musik ausdrückt. Weiteres können die Töne an\nund für sich nichts, als eben solche allgemeine Gefühle an-\nregen. Sollen diese allgemeinen Gefühle speciel werden,\nsoll das Sehnen Liebe, Liebe für eine bestimmte Person,\nsoll die Trauer Schmerz, Schmerz um einen bestimmten\nVerlust, soll der Muth Kühnheit gegen ein bestimmtes Ob-\nject ausdrücken, so muss mit den Tönen sich das Wort\nverbinden wir haben den Gesang —, und damit stehen\nwir in der Oper. Was die Ausdrucksfähigkeit von Empfin-\ndungen betrifft, so gilt diese zunächst von dem Gesänge.\nIn wie fern das Orchester dabei mitwirkt, in wie fern dann\nüberhaupt die Instrumental-Musik in der Oper angewendet\nwird, sehen wir weiter unten.\nHalten wir das fest, dass der Gesang Empfindungen\nausdrückt, so lässt sich leicht ermitteln, in wie fern der\nGesang ein passendes Mittel des Ausdrucks im Drama ist\noder, anders gefasst, wie ein Opern-Text beschaffen\nsein muss, dass er sich gut componiren lässt.\nGehen wir die Erfordernisse des Dramatischen wieder\ndurch, so finden wir zunächst Handlung. Eine Handlung\nals solche kann die Musik nicht, wohl aber kann sie die\nEmpfindungen der handelnden Personen ausdrücken. Für\ndie Wirkung bleibt das ganz dasselbe. Daraus ergibt sich\nalso die erste Forderung, dass die handelnden Personen\naus Empfindung, nicht aus anderen Motiven handeln. Die\nEmpfindungen sind nun namentlich in ihrer höchsten Stufe,\nder Leidenschaft, die stärksten und allgemeinsten Triebfe-\ndern der Handlungen. Diese Empfindungen, in so fern sie\ndurch den Gesang auszudrücken sind, müssen auch mo-\nmentan sein. Eine Empfindung oder ein Gefühl im Menschen\nist nämlich dauernd, aber nicht zu jeder Zeit thätig. Der\nHass, die Liebe z. B. sind Gelühle, die der Mensch lange\n\n*) Allerdings kann ein einzelner gesungener Ton eine Empfin-\ndung ausdrücken durch die Tonfarbe, die ihm der Sänger\ngibt. Ein Ausruf z. B. auf eine Note kann schmerzlich, kühn,\nfreudig klingen, je nach dem Ausdrucke, den der Sänger in\ndiesen Ton legt. Allein das ist nicht der absolute Ton, der\nTon an sich. Diese Tonfarbe hat das gesprochene Wort in\nunendlich grösserem Maasse, woraus hervorgeht, dass sie nicht\nder Musik als solcher, sondern dem Instrumente, das sie er-\nzeugt, d. i. die menschliche Stimme, angehört. Demnach müs-\nsen wir dabei stehen bleiben, dass der einzelne Ton an sich\nnichts ausdrückt."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "179", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540610-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5166, "texte": "Zeit im Busen trägt, ohne dass sie fortwährend sich äussern.\nSie sind im Gegentheil oft schlummernd, wenn andere Thä-\ntigkeiten den Menschen in Anspruch nehmen. Im Drama\naber müssen diese Empfindungen thätig sein; die Liebe,\nder Hass, die Begeisterung müssen in dem Augenblicke\nwach sein, sich äussern, wenn sie durch den Gesang aus-\ngedrückt werden sollen. Das Handeln muss aus der Em-\npfindung des Augenblickes hervorgehen, wenn die Empfin-\ndung darstellbar sein soll.\nDa nun andere Handlungen, als durch die augenblick-\nliche Empfindung eingegebene, nicht musikalisch auszu-\ndrücken sind, so sind solche auch nicht musikalisch, d. h.\nnicht für die Oper brauchbar, und müssen dem gesproche-\nnen Drama vorbehalten bleiben. Es gibt aber noch viele\nTriebfedern im Menschen, die nicht musikalisch auszu-\ndrücken sind, z. B. Pflichtgefühl, berechnender Verstand,\nEhrgeiz, woraus hervorgeht, dass es allerdings eine Masse\ndramatischer Stoffe geben kann, die nicht musikalisch sind.\nMit dieser Aufstellung haben wir die ersten beiden\nForderungen des Dramatischen, Handlung und Charakter-\nzeichnung, erschöpft, indem wir sehen, dass die Musik die\nHandlung eben nicht anders als durch die Charakterzeich-\nnung der handelnden Personen, d. h. indem sie uns diesel-\nben in ihrem mehr oder minder lebhaften Fühlen, Empfin-\nden, in ihrer Leidenschaft, in ihren Seelen-Zuständen vor-\nführt, ausdrücken kann. Was nun die feine Charakterzeich-\nnung in der Oper betrifft, so gehört dieselbe zum grossen\nTheil der Dichtung an. Die Wahrheit, die Folgerichtigkeit\nder Charaktere ist Sache der Dichtung. Allein auch die\nMusik kann sehr scharf charakterisiren, namentlich indivi-\ndualisiren. Wir erinnern an den Osmin, an Papageno, an\nLeporello wir erinnern an die Gegensätze einer Agathe\nund eines Annchens, einer Susanna und einer Gräfin, einer\nZerline und einer Donna Anna. Wie scharf sind hier die Cha-\nraktere musikalisch ausgedrückt! Welche Mittel die Musik\nhat, zu charakterisiren, ist eine Untersuchung, die in unsere\nBesprechung nicht gehört.\nEin Drama nun, in dem die handelnden Personen fort-\nwährend in Leidenschaft wären, wo also Empfindung stets\nauf Empfindung stiesse, dürfte, wo nicht unmöglich, doch\nunendlich schwierig zu dichten sein. Die einzelnen Scenen,\ndie einzelnen Situationen, die einzelnen Vorgänge, die zu-\nsammen das Ganze bilden, müssen unter einander verbun-\nden werden. Das geschieht durch kurze Berichte, Meldun-\ngen, Erläuterungen, durch Entwicklung des Thatsächlichen\nu. s. w. Ihrer Natur nach sind diese Dinge nicht musikalisch\nauszudrücken. Die alten Meister haben das sehr wohl er-\nkannt und für diese verbindenden Mittelglieder das Reci-\ntativ erfunden. Das Recitativ nähert sich der gesprochenen\nRede beinahe ganz, und eben nur der leicht gehaltene Ton\ndes Sängers und die begleitenden Accorde machen es noch\nzur Musik. Uns dünkt in der Erfindung des Recitativs nicht\nnur grosse Weisheit zu liegen, sie scheint sich sogar ganz\nvon selbst ergeben zu haben. Die alten Meister wollten\ndas gar nicht musikalisch ausdrücken, was sich nicht durch\nden Ton bezeichnen lässt und sie fanden daher diese\nForm dafür. Das Recitativ ist also eine nothwendige und\ndarum sehr berechtigte Form in der Oper und kann durch-\naus nicht verworfen werden, wie das wohl in neuerer Zeit\ngeschieht. Wie das Recitativ durch wirkliches Singen der\nTöne wieder dem strengen Gesänge im Tacte sich nähert,\nwie umgekehrt der Gesang durch Aufgeben des strengen\nTactes (a piaeere) sich dem Recitativ nähert, und durch\ndiese Mischung der verschiedenen Formen der mannigfal-\ntigste und höchste Ausdruck erreicht wird, brauchen wir\nhier wohl nicht weiter zu besprechen.\nAls drittes Erforderniss des Dramatischen fanden wir\ndie Situationen. Hier ist es, wo der musikalische Ausdruck\nsein breitestes Feld findet. Die Empfindung als solche hat\ndie mannigfachsten Abstufungen. Von der heftigsten Leiden-\nschaft steigt sie herab bis zu der Stimmung. Und für die\nStimmung hat die Musik den besten, vollendetsten Aus-\ndruck, besser sogar als das Wort. Soll also ein Drama mu-\nsikalisch sein, so darf oder soll es viel Situationen und Stim-\nmungen enthalten. Viele der grossen Ensemblesätze und\nFinale's in der Oper sind componirte Stimmungen und\nSituationen.\nIn den Situationen vermag die Musik eine Eigentüm-\nlichkeit, wir möchten beinahe sagen: einen Vorzug, vor\ndem gesprochenen Drama zu entfalten. Es ist eben das\nEnsemble, d. h. die Möglichkeit, mehrere Personen zusam-\nmen Gleichartiges oder auch Verschiedenes ausdrücken zu\nlassen und dieses doch zu einem harmonischen Ganzen zu\nverweben. Im gesprochenen Drama ist das unmöglich.\nWenn mehrere Personen zu gleicher Zeit sprechen, so ver-\nwirrt sich der Klang, und Undeutlichkeit tritt ein. Diese\nEigenthümlichkeit, welche die Oper vor dem recitirten\nDrama voraus hat, ist ein grosser Reiz derselben.\nDas vierte Erforderniss des Drama's war die Form,\ndie innere, der Gedanken-Inhalt, und die äussere, die sprach-\nliche. Von letzterer kann überhaupt nicht die Rede sein:\neine grammatisch gute Form ist eine sich von selbst ver-\nstehende Nothwendigkeit. Anders verhält es sich mit dem\nGedanken-Inhalt. Hier macht die Oper wesentlich andere"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "180", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540610-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5053, "texte": "Forderungen, als das gesprochene Drama. Halten wir den\nUnterschied zwischen Beiden im Auge, so finden wir: im\ngesprochenen Drama muss die Sprache Alles ausdrücken,\ndas Fühlen, Empfinden, die Leidenschaft; in der Oper aber\ndrückt alles das die Musik aus das Wort erläutert, be-\nzeichnet nur. Desshalb bedarf die Oper nur einfacher\nWorte, wo das Drama viel reichhaltigere Gedanken braucht.\nEin anderer wesentlicher Unterschied ist der: eine Empfin-\ndung, ein Gefühl ist mit wenig Worten angedeutet - will\ndas gesprochene Drama diese Empfindung länger ausspin-\nnen, will es sie uns für die Dauer mehrerer iMinuten zei-\ngen, so muss es die Empfindung sich in Gedanken, in Bil-\ndern, in Gleichnissen aussprechen lassen, es braucht Schwung\nder Sprache, es braucht dichterischen Gedanken-Inhalt. In\nder Oper dagegen ist es eben der Ton, die Melodie, die\nalles das ausdrückt, und oft besser ausdrückt, als die\nSprache es kann. Also ist in der Oper der dichterische\nGedanken-Inhalt gar nicht vonnöthen, sondern nur einfache\nWorte, die das bezeichnen, andeuten, was die Töne aus-\ndrücken. Desshalb sind oft die dichterisch vollendetsten\nDichtungen, z. B. Lieder, nicht musikalisch, während ganz\neinfache, die mit wenig Worten eine Stimmung bezeichnen,\nden besten Vorwurf für die Tonsetzer bilden. Man hat\nletzteren oft vorgeworfen, dass sie schlechte Texte compo-\nnirten; man hat gesagt: was zu dumm sei, gesprochen zu\nwerden, müsse gesungen, könne gesungen werden. Wie\nungerecht meistens dieser Vorwurf ist, geht aus dem eben\n'Gesagten hervor.\nDie Dichtung braucht, um die Darstellung einer Em-\npfindung, einer Leidenschaft zu erschöpfen, die Reflexion,\nden Gedanken der Musiker den Ton, die Melodie. So\nsind die am meisten dichterisch ausgeführten Dichtungen\nnicht musikalisch, denn sie enthalten Reflexionen und\ndiese kann die Musik nicht ausdrücken.\nNehmen wir ein Beispiel. Die Worte in dem Duett in\nder Zauberflöte: „BeiMännern, welche Liebe fühlen\", sind\nso dumm wie möglich, und doch hat Mozart eine so rei-\nzende Melodie dazu gemacht. Natürlich, seine Töne drücken\nvollendet schön die Liebe aus ihm genügt, dass die\nWorte bezeichnen, was er speciel gewollt hat.\nWenn nun die Worte einer Oper einfach sein müssen,\nso schliesst das nicht aus, dass diese einfachen Worte auch\nschön und dichterisch sein können, ja, sogar sollten, damit\nWort und Ton zusammen ein vollendetes Kunstwerk\nlieferten. Obiges Duett würde z. B. als ganzes Kunstwerk\nbetrachtet unendlich höher stehen, wären die Worte gut\nund schön. Allein es ist nicht absolut nothwendig, dass das\nWort dichterisch schön sei, damit auch die Musik es sein\nkönne. Ja, die schönsten Gedanken und Bilder sind eben\ndurch den Ton nicht wiederzugeben. Nehmen wir ein Bei-\nspiel. Ein Dichter sagt:\nIch liebe dich, wie der Strom das Thal,\nAls wie die Fluth den Strand,\nAls wie die Elfe den Mondenstrahl,\nAls wie die Gluth den Brand.\nDiese Verse sind schön. Sollte sie ein Tonsetzer com*\nponiren, was kann er mit den Tönen ausdrücken? Nichts\nals den Grundgedanken: ich liebe dich über alle Maassen.\nAlle die Bilder in den Versen sind nicht durch den Ton\nwiederzugeben und wollte man das durch Tonmalerei\nthun, so wäre das hier ganz am unrechten Platze.\nAus diesen Umständen geht hervor, dass ein gespro-\nchenes Drama unendlich mehr Worte braucht, als die Oper,\nferner auch, dass die Wiederholung derselben Worte im\nGesänge ganz gerechtfertigt ist. Da ferner die Musik die\nEmpfindungen viel breiter ausmalen kann und muss, als das\nWort, so kann auch die Oper nicht so viel Handlung, so\nviel Stoff enthalten, als das Drama an sich. Wie das Drama\ndurch Gedanken-Reichthum das leisten muss, was die Oper\ndurch den Ton leistet, geht recht klar aus dem Umstände\nhervor, dass bei dem Drama die Darstellung durch das Le-\nsen in etwas ersetzt wird, bei der Oper nicht. Eben weil\nbeim Drama der Ausdruck in den Worten liegt und Worte\ndurch Lesen schon unserem Verständnisse vermittelt wer-\nden, ist das Lesen eines Drama's schon ein Genuss. Bei der\nOper aber liegt der Ausdruck in den Tönen, und Töne\nkann man nicht lesen. Selbst die besten Musiker, die beim\nLesen einer Partitur allerdings einen Begriff von den Tönen\nbekommen, werden das Lesen doch nicht für einen Ersatz\ndes Hörens anerkennen. Denn das Verständniss beim Lesen\ndes Wortes ist ein unmittelbares, während man beim Le-\nsen von Tönen sich erst vorstellen muss, wie sie klingen\nwerden.\nWenn nun die Musik vorwiegend Empfindungen aus-\ndrückt, so ist sie eigentlich lyrisch, und man könnte fragen,\nob das lyrische Element der Musik zum Drama passe.\nHierbei muss man festhalten, dass Lvrisch und Dramatisch\ndurchaus keine Gegensätze sind, wie Lyrisch und Episch.\nIm Gegentheil enthält das Dramatische das Lyrische in\nsich. Die Lyrik, d. h. der Ausdruck der subjectiven Gelühle\nund Empfindungen (im Gegensatze zur Epik, welche Ge-\nschehenes, also auch fremde Gefühle, d. h. die Empfindun-\ngen Anderer, mittheilt, also Objectives), hat im Drama ihre\nbreiteste Stelle, ja, ein Drama ohne Lyrik ist gar nicht\ndenkbar. Allein man macht einem Drama den Vorwurf: es"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "181", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540610-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5425, "texte": "sei zu lyrisch. Das ist ein Missbrauch des Wortes oder eine\nandere Bedeutung, die man demselben unterlegt. Man ver-\nwechselt dann Lyrisch mit Elegisch, mit weich, empfin-\ndelnd. Das ist falsch. Die Lyrik umfasst den Ausdruck des\nGefühls von der weichsten Klage an bis zur tobendsten\nLeidenschaft. Die Leidenschaft aber wird doch Niemand\ndem Drama nehmen wollen*). Das Drama also soll und\nmuss Lvrisches enthalten, das musicalische Drama aber\n* * * • • '*\nLyrisches vorzugsweise, beinahe ausschliesslich.\nWTir haben bisher nur vom Gesänge gesprochen. Allein\nneben diesem ist auch die Instrumental-Musik sehr ausge-\nbildet und nimmt ihre Stelle in der Oper ein. Wir haben\nnoch zu sehen, wie es mit der Anwendung dieser aussieht.\nZunächst trägt das Orchester den Gesang. Wie es\ndenselben im Ritornell vorbereitet, wie es ihm in Zwischen-\nspielen Ruhepunkte gewährt, wie es durch feine Ausfüh-\nrung, Instrumentation u. s. w. ihn hebt, den ganzen Ein-\ndruck verstärkt, wie es sich überhaupt musikalisch mit ihm\nverbindet, brauchen wir hier nicht zu erörtern. Als Beglei-\ntung des Gesanges bildet das Orchester mit diesem ein\nGanzes und unterliegt in so weit den bereits besprochenen\nBedingungen.\nAllein das Orchester kann auch für sich allein, ohne\nGesang, angewendet werden, und wir müssen sehen, in\nwie weit das Drama ihm hier eine Stelle einräumen kann.\nDie Musik im Allgemeinen (abgesehen von der Tren-\nnung in Vocal- und Instrumental-Musik) kann auch noch\nAndei es als Empfindungen ausdrücken. Zunächst wirkt ein\nlebhafter Rhythmus, besonders unterstützt durch eine prä-\ngnante Melodie, anregend, anfeuernd. Die Anwendung der\nMusik in dieser Beziehung ist sehr vielfach, wie uns die\nzahllosen Tänze und Märsche beweisen, deren Zweck und\nErlolg eben Anregung und Anfeuerung zum Tanz und\nzum Gehen ■— ist. Eben so kann die Musik, wenn auch\nnur sehr beschränkt, malen, d. h. Äussere Vorgänge näch-\nahmen, Z. B. das Rauschen des Meeres, ein Gewitter u. s.\nw. kann die Musik in etwas ausdrücken, besonders wenn\nirgend eine Andeutung durch Wort oder Bild dem Hörer\nzum speciellen Verständnisse hilft. (Die Pastoral-Sinfonie\nenthält z. B. viel solch Malendes.)\nIn wie weit nun diese Instrumental-Musik sich in der\nOper geltend machen darf, wird uns klar werden, wenn\nwir uns erinnern, dass im Drama neben dem Dramatischen,\nd. h. Dichterischen, auch noch das Theatralische eine Stelle\nfand. Zur Begleitung, zur Ausschmückung des Theatrali-\nschen dient das Orchester vortrefflich. Aufzüge, Märsche,\nGruppirungen, Gefechte, Tänze, Festlichkeiten werden\ndurch Instrumental-Musik unendlich belebt auf der an-\nderen Seite hat die Musik die schönste Gelegenheit, in sol-\nchen Dingen ihre besten Mittel zu entfalten. Auch andere\nVorgänge können durch die Musik ausgemalt werden. Als\nein schlagendes Beispiel diene uns hier die Scene in der\nWolfsschlucht im Freischütz. Diese ganze Scene ist thea-\ntralisch, Dramatisches hat sie wenig und alle diese\ntheatralischen Vorgänge werden durch die Musik so treff-\nlich begleitet, dass die Scene immer eine grosse Wirkung\nmacht. Die Musik ist für das Theatralische nicht nur an-\nwendbar, sie ist sogar nothwendig. Auch das recitirte\nDrama nimmt sie in Anspruch, kommt in ihm Theatralisches\nvor. Der Krönungszug in der Jungfrau von Orleans wäre\nohne Marschmusik unendlich todt. Und denken wir uns die\nWolfsschlucht-Scene ohne Musik ausgeführt, so würde sie\nvon geringer oder keiner Wirkung sein. Auch andere thea-\ntralische Wirkungen werden durch die Musik unterstützt.\nSchiller schreibt in seinem Teil im zweiten Acte vor, dass\nnach Abgang der handelnden Personen die Bühne leer\nbleiben und uns den Aufgang der Sonne zeigen soll. Das\nlässt sich jetzt mit den dioramatischen Mitteln unserer De-\ncorationskunst sehr schön darstellen, und das Drama ist\nhier wohl berechtigt, dieses bloss Theatralische zur Ver-\nstärkung des Eindruckes zu brauchen. Denken wir uns\nnun den fortschreitenden Lichtwechsel bei der aufgehenden\nSonne, der doch einige Minuten währt, bei leerer Bühne\nin gänzlicher Stille, so wird das einen etwas unheimlichen\nEindruck machen. Allein von passender Musik begleitet,\nwird der Eindruck ein sehr wohlthätiger sein. Hierbei ist\ndie Musik nun nicht bloss dienend, sondern umgekehrt\nwird die Malerei des Sonnenaufgangs (die z. B. David in\n\n.*) Allerdings kann das Lyrische im Drama überwuchern und\ndadurch fehlerhaft werden. Es wird es dann thun, wenn die\nPersonen im Drama von der Empfindung nicht zum Handeln\nkommen, wenn sie uns nur ihre Empfindungen mittheilen,\nohne dass wir in denselben Triebfedern ihres Handelns er-\nkennen. Ein solches Ueberwuchern der Lyrik findet z. B. in\ndem bekannten kleinen Drama Statt: König Rene's Tochter,\nwo ein blindgeborenes Mädchen vorgeführt wird, die ihre\nEmpfindungen und Anschauungen ausspricht. Hier ist aller-\ndings keine Handlung, also auch kein eigentliches Drama,\nsondern nur ein lyrisches Gedicht in dramatischer Form. Ob\nnun die Lyrik das Recht hat, sich der dramatischen Form zu\nbedienen, ob dann die Bühne das Recht hat, solche Gedichte\nzur Aufliihrung zu bringen, in denen sich ein schöner Vor-\ntrag besonders geltend machen kann, und ob wir uns mit\nRecht an der Aufführung solcher Gedichte ergötzen das\nsind Fragen, deren Erörterung uns hier zu weit führen\nwürde. Thatsächlich scheint es, dass derartige kleine lyrische\nStücke allerdings gefallen können. Grössere aber würden\nohne dramatisches Salz die Zuschauer nicht befriedigen."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "182", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540610-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2772, "texte": "der „ Wüste\" auch ohne Decorationen versucht hat), welche\ndie Musik gibt, trefflich durch die Decoration unterstützt,\nerläutert.\nDa nun die Musik im Orchester die erwähnten Mittel,\ntreffliche Wirkungen hervorzubringen, besitzt, so wird auch\ndie Forderung nicht unbillig sein, dass man ihr Gelegenheit\ngebe, diese Mittel zu zeigen, anzuwenden. Und aus diesem\nGrunde kann und soll man dem Theatralischen in der Oper\nmehr Raum gönnen, als im recitirten Drama. Und auch\nschon desswegen, weil das Theatralische in der Oper nicht\nallein steht, sondern in Verbindung mit der Musik auftritt\nund dadurch künstlerischer wird.\nWie das Theatralische und das Dramatische sich unter\neinander verhalten, mögen uns ein paar Beispiele zeigen.\nVon allen Opern, die seit sechszig Jahren etwa, ja, die\nüberhaupt geschrieben worden, sind es zwei, die sich dau-\nernd auf dem Repertoire erhalten haben, das sind Don Juan\nund die Zauberflöte. Diese Unverwüstlichkeit dieser Opern\nist ein Urtheil des Publicums und ein solches durch die\nZeit bewährtes Urtheil gilt uns lür das einzig unumstöss-\nliche, unumstösslicher als die scharfsinnigsten, kritisch-ästhe-\ntischen Deductionen. Diese Opern erkennen wir also lür\ntreffliche. Da wir im Anfange sahen, dass die schönste Mu-\nsik in der Oper sich nicht hält, taugt der Text nichts, so\nmüssen auch die Texte gut sein, sonst hätten sie sich nicht\ngehalten. Sehen wir uns dieselben genauer an, so finden\nwir einen wesentlichen Unterschied. Don Juan ist ganz\ndramatisch, die Zauberflöte ist vorwiegend theatra-\nlisch. Don Juan ist voll dramatischen Lebens. Die Oper\nhat eine bunte, bewegte Handlung, von den verschieden-\nsten Leidenschaften bedingt, von interessanten, lebenvollen\nCharakteren getragen, gemischt mit den ergreifendsten Si-\ntuationen kurz, wir müssen erkennen, dass das Drama-\ntische im Don Juan vortrefflich ist. Und verbunden mit\nMozart's herrlichen Tönen ist die ganze Oper ein Meister-\nwerk. Dagegen hat die Zauberflöte sehr wenig dramatischen\nInhalt. Die Personen sind vorwiegend lyrisch, und zwar\npassiv lyrisch, bis etwa auf Papageno. Allein die Oper hat\neine Fülle von Theatralischem die Priester-Chöre, das\nFeierliche der Aufzüge, die drei Damen, die Genien, alles\ndas ist theatralisch, und auch gut theatralisch. Da nun die\nZauberfföte durch das Urtheil des Volkes lür gut erklärt\nworden, so müssen wir auch den Text für gut halten, ob-\nschon seine Worte, sein Gedanken-Inhalt erbärmlich sind.\nDiese beiden Beispiele werden Vieles von dem bestätigen,\nwas wir oben sagten, und sie werden uns nicht nur den\nUnterschied zwischen Dramatischem und Theatralischem\nrecht klar machen, sie werden uns auch beweisen, wie je-\ndes auf seiner Stelle wirkt und dass das Theatralische\nin der Oper eine grosse Berechtigung hat.\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-06-10-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-06-10_01#c002", "volume": "bmtnabi_1854-06-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "182", "page_fin": "183", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540610-01.2.2", "titre_corps": "Wiener Briefe.", "titre_sommaire": "Wiener Briefe.", "signature_source": "B", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "182", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540610-01.1.6", "debut_caractere": 2774, "fin_caractere_exclue": 5757, "texte": "Wiener Briefe.\n\n(Schluss. S. Nr. 21.)\nSie sehen, wie wenig mich mein eigentliches Thema Verdi s\nTrovatore fesselt, da ich immer wieder davon abspringe. Doch,\num es in Kürze zu erledigen, Folgendes. Das Sujet (von Camma-\nrano bearbeitet) ist von der grauserlichsten Art. Es spielt in Spa-\nnien zu Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts und hat zum Vorder-\ngrunde die alte Zigeuner-Wirthschaft. Es wird erzählt, dass der\nalte Conte di Luna eine Zigeunerin zum Scheiterhaufen verurtheilte,\ndie sich in das Schlafgemach seiner beiden Knäblein geschlichen,\num sie, wie angenommen wurde, zu behexen. Racheschnaubend\nraubt ihre Tochter, selbst schon Mutter, das eine der Kinder und\nwill es gleichfalls verbrennen, schleudert aber in dem Fieber-Pa-\nroxysmus ihrer Sinne ihr eigenes Kind in die Flammen. Nun wird\nsie aber Pflegemutter des geraubten Kindes, um es zu künftiger\nRache zu erziehen. Zum Jüngling herangewachsen, wird Manrico\ndies sein Name Zigeuner-Graf. Auf Abenteuer ausgehend,\nlernt er eine junge Dame kennen und verliebt sich in sie die\nAngetraute seines Bruders, die gleichfalls in ihn entbrennt. Daraus\nentspringt später bei einem unliebsamen Zusammentreffen ein Duell\nzwischen den sich natürlich fremd gegenüber stehenden Brüdern. Man-\nrico unterliegt und wird todt geglaubt. Leonore, so heisst die zwiefach\nUmworbene, geht ins Kloster. Der Conte di Luna will sie mit Ge-\nwalt entführen, Manrico erfährt es und jagt sie ihm ab. Darauf\nwird seine Burg von den Kriegsknechten des Grafen belagert und\nerstürmt, Manrico und seine Pflegemutter Azucena, in der man die\nehemalige Räuberin entdeckt, zum Tode verurtheilt. Leonore nimmt\nGift, Manrico wird hingerichtet, Azucena ebenfalls, ruft aber im\nletzten Momente dem Grafen zu: „Jener war dein Bruder!\" und\nhoffentlich stirbt der Graf, wenn er ein anständiger Mensch ist,\nvon selbst. Es bleibt einem völlig freigestellt, sich sodann nachträg-\nlich noch die Todlen vorzustellen, wie sie zu schauerlicher Mitter-\nnachtsstunde „in des Schlosses öden Hallen\" als Gespenster umher-\nwandeln, und man wird nicht vergessen, auch der verbrannten Zi-\ngeunerin und dem bei langsamem Feuer gerösteten Kinde\neine Rolle zuzutheilen. Was nun die Musik des Maestro Verdi\nbetrifft, so berufe ich mich auf das oben Gesagte und erwähne nur\nflüchtig die paar Einzelheiten, die ich aus dem allgemeinen Ver-\ndammungs-Urtheile ausnehmen möchte. Es sind ein niedliches\nLiedchen des Trovatore (Manrico) im ersten Acte (sonst der Schlech-\nteste unter den Schlechten), die Cabaletta Azucena's im zweiten\nActe, nicht ganz ohne charakteristische Färbung, und deren darauf\nfolgende Erzählung von der schrecklichen, vor den Beginn der\nHandlung fallenden Begebenheit, in der einige echte Gluth lodert;\ndann ein kleiner Chorsatz im dritten Acte, welcher einen Anflug\nmusicalischer Arbeit hat, aber freilich schnell genug verläuft; end-\nlich die übrigens der Visions-Scene in Meyerbeer's Prophet nach-\ncopirte Kerker-Scene im letzten Acte, die schon als ein Moment"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "183", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540610-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3325, "texte": "der Ruhe nach so vielem vorhergegangenen Spectakel, an dem es\nnatürlich nicht fehlt, von wohlthuender Wirkung ist. Die Auffüh-\nrung war eine theilweise recht gute, nach dem Urtheile derjenigen,\nwelche die vorhergegangenen besucht, die beste dieser Saison.\nFräul. Demeric als Azucena war ausgezeichnet, ja, meisterlich in\nGesang und Spiel. Der Tenor Bettini hat ein schönes Organ, das\ntrotz der verschiedenen Lage fast an Beck erinnert. Auch bildet er\nin seiner edleren Vortragsweise zu dem nicht singenden, sondern\nmäkernden Ferri, in dessen Händen die Partie des Conte di Luna\nwar, einen ähnlichen Gegensatz, wie Beck zu Steger. Fräul. Bon-\ndazzi (Leonore) genügte, ohne Ausgezeichnetes zu leisten. Als ein\nCuriosum muss ich bemerken, dass sich unter den Mitgliedern der\nGesellschaft zwei mit dritten und vierten Partieen Betraute befin-\nden, deren Namen in dem Personen-Verzeichnisse des Trovatore\nneben einander standen und lauten: Laura und Petrarka! Doch\nwenn diesen Namen ein poetischer Duft entströmen soll, so muss\nman an die Verblichenen, nicht an die Lebenden denken. Um die\nDirection des ganzen WTerkes hat sich Capellmcister Eckert sehr\nverdient gemacht. Die Aufnahme desselben war von Seiten des\nPublicums eine, wie sich leider nicht läugnen lässt, ziemlich gün-\nstige, doch sind zwei gute Drittheile des reich gespendeten Beifalls\nauf Rechnung der Darstellung zu setzen, und die ziemlich ansehn-\nliche Schar der hier anwesenden Italiäner gab sich natürlich alle\nmögliche Mühe, die vaterländische Ehre zu retten.\nVon Concerten ist so gut wie nichts zu berichten. Frau Jenny\nLind-Goldschmidt ist bereits bis zu ihrem siebenten gediehen;\ndoch habe ich keine Ursache, zu dem, was ich Ihnen schon über\nsie geschrieben; ein Weiteres hinzuzufügen. Der Enthusiasmus\nfällt etwas mit dem steigenden Thermometer. Eine eigentüm-\nliche Erscheinung war die des Sängers Geraldi, Professors am\nConservatorium zu Brüssel. Stockhausen hatte ihn in einem seiner\nConcerte eingeführt, was überhaupt heuer sehr im Schwange war,\nund worauf er zwei selbstständige Concerte gab. Diejenigen, welche\nihn vor etwa zehn Jahren in Paris zu hören Gelegenheit hatten,\nwissen ihn nicht genug als einen trefflichen Buffo zu rühmen.\nAuch hier waren seine Vorträge meist dem Burlesken, französischen\nChansons u. dgl., zugewendet. Hatte er aber damals vielleicht über\nStimmmittel zu gebieten, so ist dies jetzt nicht mehr der Fall;\nlag in seinen Vorträgen vielleicht damals wirklicher Humor, so ist\ndieser inzwischen zur krassesten Caricatur geworden. Kurz, für die\nKunst kommt er in keinerlei Weise in Betracht; möge er ruhig\nProfessor bleiben, wenn's den Brüsselern genehm ist, aber das\nConcertgeben wolle er Anderen überlassen. „Alles schickt sich nicht\nfür Einen.\" Auch liess ihn das anfänglich zwar durch die Neuheit\nbethörte Publicum bald fallen. In seinem zweiten Concerte erwarb\nsich der junge, strebsame Violin-Virtuose Herr Ludwig Strauss,\nauf welchen ich Sie schon mehrmal aufmerksam machte, wieder\ndurch den Vortrag des achten Beriot'schen Coneertes reichen Beifall.\nIn meinem nächsten Berichte hoffe ich Ihnen eine ähnliche sta-\ntistische Uebersicht über unsere diesjährige winterlichej Concert-\nSaison geben zu können, wie jüngst Ihr pariser Correspondent, nur\ndass ich alle Zweige zu umfassen gedenke. Bis dahin Ihr erge-\nbenster\n\nB."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-06-10-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-06-10_01#c003", "volume": "bmtnabi_1854-06-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "183", "page_fin": "183", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540610-01.2.3", "titre_corps": "Aus Düren.", "titre_sommaire": "Aus Düren.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "183", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540610-01.1.7", "debut_caractere": 3327, "fin_caractere_exclue": 6048, "texte": "Aus Düren.\nUngeachtet der vielen Hindernisse, welche sich der für einen\nOrt, wie der unsrige, so nothwendigen Vereinigung aller Kräfte\nentgegenstellten, hat es in der verflossenen Concert-Saison den-\nnoch nicht an schönen und befriedigenden Genüssen gefehlt,\nund ist es dem Eifer des Herrn Directors Schollmeyer gelun-\ngen, mit verhältnissmässig geringen Kräften Erfreuliches zu Stande\nzu bringen und einen nicht unbedeutenden Fortschritt tür Chor\nund Orchester bemerkbar zu machen.\nEs fanden im Ganzen nur tünf Concerte, darunter vier vom\nAllgemeinen Musik-Vereine und eines von der Liedertafel, Statt.\nFür den Mangel an öffentlichen Auflührungen hat man sich durch\nhäufig wiederkehrende, so genannte musicalische Abende entschä-\ndigt, in welchen so ziemlich alle Trio's lür Piano, Violine und\nCello von Beethoven, das Es-dwr-Trio von Franz Schubert, das\nD-moll-Trio von Mendelssohn, von Sonaten lür Piano und Violine\nmehrere von Beethoven (auch die so genannte Kreutzer-Sonate),\ndann von Mozart, eine neue von Beaufort (einem früheren Schüler\nvon Dir. Schollmeyer) und anderen Componisten, daneben Lieder,\nSolo- und Chorsachen mit Piano vorgetragen wurden. Piano ver-\nschiedene tüchtige Dilettantinnen, Cello Herr Dr. G., Violine Herr\nDir. Schollmeyer. (Ueberhaupt wird in der Kammermusik hier recht\nTüchtiges geleistet.)\nAus dem Programm des ersten Coneertes sind als die bedeu-\ntendsten Nummern hervorzuheben: das Trio in D-dur von Beetho-\nven, das Hallelujah aus Händers Messias und der 42. Psalm von\nMendelssohn. Zweites Concert: Quartett für Streich-Instrumente\nmit Variationen über die österreichische National-Hymne von Haydn\n(schön nuancirt ausgeführt). Dritte« Concert: ZJ-rfwr-Sinfonie von\nBeethoven, Sonate für Piano und Violine, D-dur, von demselben,\nBass-Arie aus dem Opferfest (wurde da capo verlangt). Viertes\nConcert: Gesang der Geister über den Wassern von F. Hiller, Trio\nin Es-dur von Beethoven und Hymne für Sopran, Solo und Chor\nvon Mendelssohn.\nMit frischen, kräftigen Sopran- und Alt-Stimmen ist der Verein\nsowohl lür Solo als Chor reichlich ausgestattet; eben so sind die\nTenor- und Bass-Soli in guten Händen; nur ist zu bedauern, dass\nder Männerchor verhältnissmässig nicht so günstig vertreten ist.\nDas Oratorium „Paulus\", welches zum grossen Theil einstudirt und\nfür das Oster-Concert bestimmt war, konnte leider wegen Verhin-\nderung mehrerer unentbehrlichen Mitglieder nicht zur Aufführung\nkommen. Ueberhaupt wäre zu wünschen, dass durch einheitlicheres\nZusammenhalten das Gedeihen und die Fortschritte des hiesigen\nMusiklebens erleichtert werden und der Eifer des Herrn Dir.\nSchollmeyer, dessen feste und sichere Leitung allgemeine Anerken-\nnung verdient, grössere Befriedigung finden möge."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-06-10-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-06-10_01#c004", "volume": "bmtnabi_1854-06-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "183", "page_fin": "184", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540610-01.2.4", "titre_corps": "Das fünfundzwanzigjährige Jubelfest des niederländischen Vereins zur Beförderung der Tonkunst", "titre_sommaire": "Das fünfundzwanzigjährige Jubelfest des niederländischen Vereins zur Beförderung der Tonkunst", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "183", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540610-01.1.7", "debut_caractere": 6050, "fin_caractere_exclue": 6649, "texte": "Das fünfundzwanzigjährige Jubelfest\ndes\nniederländischen Vereins zur Beförderung der Tonkunst\nwird zu Rotterdam vom 13. bis 15. Juli Statt finden, wie wir\nbereits früher in diesen Blättern gemeldet haben. Gegenwärtig sind\nwir im Stande, das Genauere über die bevorstehende Feier mit-\nzutheilen.\nEs ist ein Festgebäude errichtet worden, welches ausser einer\nTonbühne für 800 Sänger und Instrumentalisten für 4000 Zuhörer\nRaum hat. Die artistische Direction der Auflührungen ist Herrn\nJ. H. Verhülst, Verdienst-Mitglied des Vereins, übertragen\nworden.\nDas Programm für die drei Festtage ist folgendes;"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "184", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540610-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1990, "texte": "Am 13. Juli:\nFest-Ouvertüre von W. H utschenruy ter, Verdienst-Mit-\nglied des Vereins (unter Leitung des Componisten).\nIsrael in Aegypten, Oratorium von Händel.\nAm 14. Juli:\nDie Jahreszeiten von J. Haydn.\nAm 15. Juli:\nDer 145. Psalm für Chor und Orchester, componirt von J. H.\nVerhü 1 s t.\nVorträge einzelner Künstler.\nDie neunte Sinfonie von Beethoven.\nDie Soli werden von Künstlern ersten Ranges ausgeführt, im\nSopran von Fräulein Jenny Ney aus Dresden und Frau Offcr-\nmans van Hove aus dem Haag, im Alt von Fräulein Dolby\naus London, im Tenor von Herrn Roger aus Paris, im Bass von\nHerrn Karl Formes aus London und Herrn Pischek aus\nStuttgart.\nAlle Mitglieder des Vereins zur Beförderung der Tonkunst ha-\nben freien Eintritt; für Nicht-Mitglieder werden Eintrittskarten zu\n12i/2 Gulden für alle drei Tage ausgegeben. Alle auswärtigen Eh-\nren-Mitglieder des Vereins sind eingeladen worden; die Annahme\nder Einladung ist schon von vielen erfolgt, z. B. von Meyerbeer,\nLiszt, F. Hiller, Lindpaintner, Marschner, AL Schmitt, dem Fürsten\nvon der Moscowa, A. G. Ritter, Dr. Breidenstein, A. Gathy, A. E.\nGrell, Dr. Schilling, M. Schlesinger, L. Bischoff u. s. w., und wird\nvon mehreren erwartet. Die Proben finden am 10, 11. und 12.\nJuli Statt.\nFür Anordnung ausser-musicalischer Festlichkeiten ist reichlich\ngesorgt, z. B. gesellige Vereinigung in der neuen Anlage in\nder Nähe der Concerthalle, Erleuchtung und Vauxhall, am Mitt-\nwoch WTettfahrt der Mitglieder des niederländischen Yacht-\nklubs, am letzten Tage grosses Festessen und Feuerwerk. Zu al-\nlen Festlichkeiten ist der freie Eintritt für alle eingeladenen Ehren-\nMitglieder und für alle bei den Aufführungen Mitwirkenden vorbe-\nhalten. Während der ganzen Woche wird die Kunst-Ausstellung\nvon Gemälden und anderen Gegenständen im grossen Saale des\nDoelen geöffnet sein. Wahrscheinlich wird auch der König\nvon Holland, ausserordentliches Ehren-Mitglied des Vereins,\nnebst der königlichen Familie das Fest mit seiner Gegenwart\nbeehren."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-06-10-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-06-10_01#c005", "volume": "bmtnabi_1854-06-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "184", "page_fin": "184", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540610-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "184", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540610-01.1.8", "debut_caractere": 1992, "fin_caractere_exclue": 3663, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\n14öSii. Unser Männergesang-Verein ist am 6. d. Mts.\nvon seiner ruhmreichen Fahrt nach London hieher zurückgekehrt.\nDie letzte Woche seines Aufenthaltes in England hat er zu einer\nKunstreise nach den nördlichen Grafschaften verwendet und in\nBradford, Manchester und Liverpool fünf Concerte gege-\nben. Der Erfolg war überall in jeder Beziehung ein eben so aus-\nserordentlicher, als in der Hauptstadt. Am 3. gab er noch ein Ab-\nschieds-Concert in London und am 5. das letzte (das zweiundzwan-\nzigste binnen vier Wochen) auf der ganzen Preise in Lille in\nFrankreich. WTir werden dieser interessanten Sängerfahrt, welche\njedenfalls eine höhere Bedeutung für die Verbreitung des Ge-\nschmacks an deutscher Kunst in der Fremde hat, als die Virtuosen-\nReisen nach England, einen besonderen Artikel widmen,\n> '■< •£ * • ■*l -c * ■ . • • . . ' * * ... •\nBonn. Am 31. Mai veranstaltete Herr v. Wasielewski\nunter Mitwirkung des Herrn Capellmeisters Hiller und des Herrn\nKoch aus Köln, so wie des geschätzten Violoncellisten Herrn Rei-\nmers aus Bonn eine musicalische Soiree im grossen Saale der\nLese-Gesellschaft, die in jeder Hinsicht von den schönsten Erfolgen\nbegleitet war. Zum Vortrag kamen: Trio (Op. 70) D-dur von Beet-\nhoven, Lieder von Franz Schubert, Franz und Messer,\nCiaccona von Bach für Violin-Solo, Studien für Piano und Geige\nvon Ferd. Hiller, Romanesca von Servais für Violoncello.\nZum Schlüsse gab Herr Capellmeister Hill er ein paar Solostücke\nund eine sehr geistvolle Improvisation.\nDas diesjährige Niederrheinische Musikfest hat in\nAachen am 4., 5. und 6. Juni Statt gefunden. Wir werden dar-\nüber in der nächsten Nummer berichten."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "177", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540610-01.1.1", "texte": "Ueber das Verhältniss des Musikalischen zum\nDramatischen in der Oper.\nAbgerissene Gedanken\nvon\nRoderich Benedix.\n(Fortsetzung. S. Nr. 22.)\nAllein neben dem Begriffe „Dramatisch\" macht sich\nnoch ein anderer geltend, das ist der Begriff „Theatralisch\".\nWir werden sehen müssen, wie diese beiden Begriffe sich\nzu einander verhalten.\nJedes Drama bedarf, um zur vollen Geltung zu gelan-\ngen, der Darstellung, der Aufführung. Ja, das dargestellte\nDrama ist eigentlich das wahre Drama, das geschriebene\nist nur ein Bild davon, wie denn das gesprochene Wort,\ndas von Mund zu Ohr geht, eigentlich nur das Wort ist,\ndie geschriebene Sprache nur ein Bild desselben, ein Noth-\nbehelf. Zur Darstellung bedarf das Drama einer anderen\nKunst, der Schauspielkunst. Es fragt sich nun, ob beide\nKünste, diese und die Dichtkunst, so zusammenfallen, dass,\nwas der einen wesentlich, es auch der anderen ist. Dann\nwürde Dramatisch mit Theatralisch identisch sein. Allein das\nist nicht ganz der Fall. In der Hauptsache allerdings wird\neine Uebereinstimmung Statt finden, d. h. das echt Drama-\ntische wird auch echt theatralisch sein. Allein es kann auch\netwas theatralisch sein, was nicht dramatisch ist. Die Büh-\nnenkunst hat nämlich viele Mittel das Drama so aufzufüh-\nren, dass es den vollen Schein der Wirklichkeit erreicht,\nwas ja doch der Zweck ist. Diese Mittel sind nicht bloss\nkünstlerische, d. h. nicht bloss diejenigen, die das Talent\ndes Schauspielers im Vortrage, im Spiele, überhaupt\nin der Verkörperung der dargestellten Person anwen-\ndet, es sind auch äussere. Dahin gehören Costume, Deco-\nrationen, kunstreiche Beleuchtung derselben, dann Aufzüge,\nkurz, Pracht, Pomp aller Art. Diese äusseren Mittel unter-\nstützen allerdings zunächst das echte Drama in seiner Wir-\nkung allein auch an und für sich angewendet, machen\nsie eine Wirkung. Dann sind sie theatralisch. Sehen wir\nz. B. einen Volksaufzug aus einem früheren Jahrhundert\nauf der Bühne dargestellt, treu im Costume der Zeit, gut\ngeordnet, so ist derselbe allerdings nicht dramatisch, er ist\nnur theatralisch; allein er macht uns Freude, und das mit\nRecht. Warum sollten wir uns nicht an einem treuen Le-\nbensbilde ergötzen, wenn auch keine Poesie, sondern nur\nGeschicklichkeit dazu gehört, es uns vorzuführen? Theatra-\nlisch würde also alles das sein, was die Bühnenkunst mit\nden ihr eigenen Mitteln leistet, darstellt, ohne dass dasselbe\neinen dramatischen, dichterischen Inhalt zu haben braucht.\nEin mässiger Gebrauch des bloss Theatralischen im Drama\nmuss gestattet sein, Missbrauch desselben ist wie am\nEnde jeder Missbrauch verwerflich. In der höchsten\nKunstleistung wird das Dramatische mit dem Theatralischen\nzusammenfallen.\nNachdem wir uns über diese Begriffe verständigt ha-\nben, kommen wir zur Oper, und hier entsteht die Frage:\nWie weit und wann, unter welchen Bedingungen ist etwas\nDramatisches musikalisch ? An und für sich ist nicht jedes\nDrama musikalisch, denn sonst müsste sich ja jedes Drama\ncomponiren lassen.\nDas Wesentlichste in der Oper ist der Gesang. Das\nOrchester steht in der Oper in zweiter Reihe. Der Gesang\nist eine dem Menschen eigenthümliche Art und Weise, sich\nauszudrücken, seine Gedanken und Empfindungen mitzu-\ntheilen. Verwandt mit dem Gesänge ist der Vortrag, die\nDeclamation. Beiden gemeinschaftlich ist das Wort, das sie\nsprechen oder singen. Verschieden sind sie in den Mitteln,\ndas Wort zu verkörpern.\nDer Vortrag hat nur den gesprochenen Ton, der Ge-\nsang den gesungenen, musikalischen Ton.\nDer Vortrag hat die mannigfachsten Mittel, die er an-\nwendet, z. B. die Tonfarbe, d. i. der eigenthümliche Aus-\ndruck der menschlichen Stimme, der jede Empfindung cha-\nrakterisirt, die Steigerung des Tempo's, der Tonstärke, das\nAbnehmen beider u. s. w. Allein diese Mittel des höheren\nVortrags sind nicht überall anzuwenden. Bei einfachen Be-\nrichten, bei Meldung gleichgültiger Dinge wird der Vortrag"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "178", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540610-01.1.2", "texte": "seine höheren Mittel nicht anwenden, dafür genügt die\nDeutlichkeit der Aussprache. Die Meldung z. B.: „Der\nWagen ist da\", wird ohne Tonfarbe, ohne Steigerung ein-\nfach deutlich gesprochen. Wie nun der Vortrag nicht über-\nall anwendbar, wie es auf den Inhalt der Worte ankommt,\nob dieselben vorgetragen, declamirt oder bloss gesagt\nwerden sollen, eben so ist auch nicht Alles durch den Ge-\nsang auszudrücken es kommt auf den Inhalt der Worte\nan, ob bei ihnen musikalischer Vortrag, d. i. Gesang, an-\nwendbar ist.\nWir müssen also untersuchen, was gesungen werden,\nwas die Musik ausdrücken kann. Hier stossen wir auf zwei ein-\nander entgegengesetzte Ansichten, die sich geltend zu machen\nversucht haben. Nach der einen kann die Musik Alles aus-\ndrücken, nach der anderen nichts. Nach letzterer ist die\nOper ein Unsinn, weil eine Welt von singenden Menschen\nnicht vorkomme, die Oper also an sich etwas Unwahres sei.\nDas ist denn die leidige Beschränktheit, welche die nackte\nNaturwirklichkeit immer mit der Kunstwahrheit verwech-\nselt. Ist der Gesang überhaupt ein Mittel für den Menschen,\nsein Fühlen und Wollen auszudrücken, so muss auch die\nKunst das Recht haben, in irgend einer Darstellung sich\nausschliesslich dieses Mittels zu bedienen. Das thut sie in\nder Oper. Eben so sind blosse Gesten ein Mittel für den\nMenschen, sich auszudrücken, sich verständlich zu machen,\nund die Kunst hat das Recht, sich dieses Mittels zur Dar-\nstellung ausschliesslich zu bedienen. Und das thut sie in\nder Pantomime. Solche Kunstformen setzen stillschweigend\nvoraus, dass das Publicum sie für wahr nimmt, und diese\nVoraussetzung ist eine Convention zwischen Publicum und\nKunst, wodurch sie wahr werden. Von der Naturwirklich-\nkeit aus angesehen, ist der Vers im Drama auch ein Un-\nsinn, denn in der Welt sprechen die Menschen nicht in\nVersen; ja, das Drama an und für sich ist ein Unsinn, denn\nin ihm werden Vorgänge in wenig Stunden zusammen-\ngedrängt, die in der Wirklichkeit Tage, oft Jahre Zeit ein-\nnehmen.\nDie Oper an sich hat also eine eben solche künstleri-\nsche Berechtigung, wie jede andere Kunstgattung.\nDies zugegeben, fragt sich nun: Kann die Musik alles\nausdrücken, was in einem Drama ausgedrückt werden soll?\nHier ist die Antwort Nein. Die Ausdrucksfähigkeit der Mu-\nsik ist eine beschränkte. Untersuchen wir dieselbe. Ein ein-\nzelner Ton drückt gar nichts aus*). Eine Folge von Tönen,\neine Melodie, oder ein Zusammenklingen von Tönen, eine\nHarmonie, erweckt in uns gewisse Empfindungen. In so\nfern nun durch Melodie oder Harmonie in uns Empfindun-\ngen geweckt werden, sagen wir mit einer Umdrehung des\nBegriffes: Die Musik drückt Empfindungen aus.\nDiese Empfindungen sind aber sehr allgemein. Andacht,\nSehnsucht, Trauer, Freude in verschiedenen Abstufungen\nbis zum Jubel, Muth und Begeisterung das ist es etwa,\nwas die Musik ausdrückt. Weiteres können die Töne an\nund für sich nichts, als eben solche allgemeine Gefühle an-\nregen. Sollen diese allgemeinen Gefühle speciel werden,\nsoll das Sehnen Liebe, Liebe für eine bestimmte Person,\nsoll die Trauer Schmerz, Schmerz um einen bestimmten\nVerlust, soll der Muth Kühnheit gegen ein bestimmtes Ob-\nject ausdrücken, so muss mit den Tönen sich das Wort\nverbinden wir haben den Gesang —, und damit stehen\nwir in der Oper. Was die Ausdrucksfähigkeit von Empfin-\ndungen betrifft, so gilt diese zunächst von dem Gesänge.\nIn wie fern das Orchester dabei mitwirkt, in wie fern dann\nüberhaupt die Instrumental-Musik in der Oper angewendet\nwird, sehen wir weiter unten.\nHalten wir das fest, dass der Gesang Empfindungen\nausdrückt, so lässt sich leicht ermitteln, in wie fern der\nGesang ein passendes Mittel des Ausdrucks im Drama ist\noder, anders gefasst, wie ein Opern-Text beschaffen\nsein muss, dass er sich gut componiren lässt.\nGehen wir die Erfordernisse des Dramatischen wieder\ndurch, so finden wir zunächst Handlung. Eine Handlung\nals solche kann die Musik nicht, wohl aber kann sie die\nEmpfindungen der handelnden Personen ausdrücken. Für\ndie Wirkung bleibt das ganz dasselbe. Daraus ergibt sich\nalso die erste Forderung, dass die handelnden Personen\naus Empfindung, nicht aus anderen Motiven handeln. Die\nEmpfindungen sind nun namentlich in ihrer höchsten Stufe,\nder Leidenschaft, die stärksten und allgemeinsten Triebfe-\ndern der Handlungen. Diese Empfindungen, in so fern sie\ndurch den Gesang auszudrücken sind, müssen auch mo-\nmentan sein. Eine Empfindung oder ein Gefühl im Menschen\nist nämlich dauernd, aber nicht zu jeder Zeit thätig. Der\nHass, die Liebe z. B. sind Gelühle, die der Mensch lange\n\n*) Allerdings kann ein einzelner gesungener Ton eine Empfin-\ndung ausdrücken durch die Tonfarbe, die ihm der Sänger\ngibt. Ein Ausruf z. B. auf eine Note kann schmerzlich, kühn,\nfreudig klingen, je nach dem Ausdrucke, den der Sänger in\ndiesen Ton legt. Allein das ist nicht der absolute Ton, der\nTon an sich. Diese Tonfarbe hat das gesprochene Wort in\nunendlich grösserem Maasse, woraus hervorgeht, dass sie nicht\nder Musik als solcher, sondern dem Instrumente, das sie er-\nzeugt, d. i. die menschliche Stimme, angehört. Demnach müs-\nsen wir dabei stehen bleiben, dass der einzelne Ton an sich\nnichts ausdrückt."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "179", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540610-01.1.3", "texte": "Zeit im Busen trägt, ohne dass sie fortwährend sich äussern.\nSie sind im Gegentheil oft schlummernd, wenn andere Thä-\ntigkeiten den Menschen in Anspruch nehmen. Im Drama\naber müssen diese Empfindungen thätig sein; die Liebe,\nder Hass, die Begeisterung müssen in dem Augenblicke\nwach sein, sich äussern, wenn sie durch den Gesang aus-\ngedrückt werden sollen. Das Handeln muss aus der Em-\npfindung des Augenblickes hervorgehen, wenn die Empfin-\ndung darstellbar sein soll.\nDa nun andere Handlungen, als durch die augenblick-\nliche Empfindung eingegebene, nicht musikalisch auszu-\ndrücken sind, so sind solche auch nicht musikalisch, d. h.\nnicht für die Oper brauchbar, und müssen dem gesproche-\nnen Drama vorbehalten bleiben. Es gibt aber noch viele\nTriebfedern im Menschen, die nicht musikalisch auszu-\ndrücken sind, z. B. Pflichtgefühl, berechnender Verstand,\nEhrgeiz, woraus hervorgeht, dass es allerdings eine Masse\ndramatischer Stoffe geben kann, die nicht musikalisch sind.\nMit dieser Aufstellung haben wir die ersten beiden\nForderungen des Dramatischen, Handlung und Charakter-\nzeichnung, erschöpft, indem wir sehen, dass die Musik die\nHandlung eben nicht anders als durch die Charakterzeich-\nnung der handelnden Personen, d. h. indem sie uns diesel-\nben in ihrem mehr oder minder lebhaften Fühlen, Empfin-\nden, in ihrer Leidenschaft, in ihren Seelen-Zuständen vor-\nführt, ausdrücken kann. Was nun die feine Charakterzeich-\nnung in der Oper betrifft, so gehört dieselbe zum grossen\nTheil der Dichtung an. Die Wahrheit, die Folgerichtigkeit\nder Charaktere ist Sache der Dichtung. Allein auch die\nMusik kann sehr scharf charakterisiren, namentlich indivi-\ndualisiren. Wir erinnern an den Osmin, an Papageno, an\nLeporello wir erinnern an die Gegensätze einer Agathe\nund eines Annchens, einer Susanna und einer Gräfin, einer\nZerline und einer Donna Anna. Wie scharf sind hier die Cha-\nraktere musikalisch ausgedrückt! Welche Mittel die Musik\nhat, zu charakterisiren, ist eine Untersuchung, die in unsere\nBesprechung nicht gehört.\nEin Drama nun, in dem die handelnden Personen fort-\nwährend in Leidenschaft wären, wo also Empfindung stets\nauf Empfindung stiesse, dürfte, wo nicht unmöglich, doch\nunendlich schwierig zu dichten sein. Die einzelnen Scenen,\ndie einzelnen Situationen, die einzelnen Vorgänge, die zu-\nsammen das Ganze bilden, müssen unter einander verbun-\nden werden. Das geschieht durch kurze Berichte, Meldun-\ngen, Erläuterungen, durch Entwicklung des Thatsächlichen\nu. s. w. Ihrer Natur nach sind diese Dinge nicht musikalisch\nauszudrücken. Die alten Meister haben das sehr wohl er-\nkannt und für diese verbindenden Mittelglieder das Reci-\ntativ erfunden. Das Recitativ nähert sich der gesprochenen\nRede beinahe ganz, und eben nur der leicht gehaltene Ton\ndes Sängers und die begleitenden Accorde machen es noch\nzur Musik. Uns dünkt in der Erfindung des Recitativs nicht\nnur grosse Weisheit zu liegen, sie scheint sich sogar ganz\nvon selbst ergeben zu haben. Die alten Meister wollten\ndas gar nicht musikalisch ausdrücken, was sich nicht durch\nden Ton bezeichnen lässt und sie fanden daher diese\nForm dafür. Das Recitativ ist also eine nothwendige und\ndarum sehr berechtigte Form in der Oper und kann durch-\naus nicht verworfen werden, wie das wohl in neuerer Zeit\ngeschieht. Wie das Recitativ durch wirkliches Singen der\nTöne wieder dem strengen Gesänge im Tacte sich nähert,\nwie umgekehrt der Gesang durch Aufgeben des strengen\nTactes (a piaeere) sich dem Recitativ nähert, und durch\ndiese Mischung der verschiedenen Formen der mannigfal-\ntigste und höchste Ausdruck erreicht wird, brauchen wir\nhier wohl nicht weiter zu besprechen.\nAls drittes Erforderniss des Dramatischen fanden wir\ndie Situationen. Hier ist es, wo der musikalische Ausdruck\nsein breitestes Feld findet. Die Empfindung als solche hat\ndie mannigfachsten Abstufungen. Von der heftigsten Leiden-\nschaft steigt sie herab bis zu der Stimmung. Und für die\nStimmung hat die Musik den besten, vollendetsten Aus-\ndruck, besser sogar als das Wort. Soll also ein Drama mu-\nsikalisch sein, so darf oder soll es viel Situationen und Stim-\nmungen enthalten. Viele der grossen Ensemblesätze und\nFinale's in der Oper sind componirte Stimmungen und\nSituationen.\nIn den Situationen vermag die Musik eine Eigentüm-\nlichkeit, wir möchten beinahe sagen: einen Vorzug, vor\ndem gesprochenen Drama zu entfalten. Es ist eben das\nEnsemble, d. h. die Möglichkeit, mehrere Personen zusam-\nmen Gleichartiges oder auch Verschiedenes ausdrücken zu\nlassen und dieses doch zu einem harmonischen Ganzen zu\nverweben. Im gesprochenen Drama ist das unmöglich.\nWenn mehrere Personen zu gleicher Zeit sprechen, so ver-\nwirrt sich der Klang, und Undeutlichkeit tritt ein. Diese\nEigenthümlichkeit, welche die Oper vor dem recitirten\nDrama voraus hat, ist ein grosser Reiz derselben.\nDas vierte Erforderniss des Drama's war die Form,\ndie innere, der Gedanken-Inhalt, und die äussere, die sprach-\nliche. Von letzterer kann überhaupt nicht die Rede sein:\neine grammatisch gute Form ist eine sich von selbst ver-\nstehende Nothwendigkeit. Anders verhält es sich mit dem\nGedanken-Inhalt. Hier macht die Oper wesentlich andere"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "180", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540610-01.1.4", "texte": "Forderungen, als das gesprochene Drama. Halten wir den\nUnterschied zwischen Beiden im Auge, so finden wir: im\ngesprochenen Drama muss die Sprache Alles ausdrücken,\ndas Fühlen, Empfinden, die Leidenschaft; in der Oper aber\ndrückt alles das die Musik aus das Wort erläutert, be-\nzeichnet nur. Desshalb bedarf die Oper nur einfacher\nWorte, wo das Drama viel reichhaltigere Gedanken braucht.\nEin anderer wesentlicher Unterschied ist der: eine Empfin-\ndung, ein Gefühl ist mit wenig Worten angedeutet - will\ndas gesprochene Drama diese Empfindung länger ausspin-\nnen, will es sie uns für die Dauer mehrerer iMinuten zei-\ngen, so muss es die Empfindung sich in Gedanken, in Bil-\ndern, in Gleichnissen aussprechen lassen, es braucht Schwung\nder Sprache, es braucht dichterischen Gedanken-Inhalt. In\nder Oper dagegen ist es eben der Ton, die Melodie, die\nalles das ausdrückt, und oft besser ausdrückt, als die\nSprache es kann. Also ist in der Oper der dichterische\nGedanken-Inhalt gar nicht vonnöthen, sondern nur einfache\nWorte, die das bezeichnen, andeuten, was die Töne aus-\ndrücken. Desshalb sind oft die dichterisch vollendetsten\nDichtungen, z. B. Lieder, nicht musikalisch, während ganz\neinfache, die mit wenig Worten eine Stimmung bezeichnen,\nden besten Vorwurf für die Tonsetzer bilden. Man hat\nletzteren oft vorgeworfen, dass sie schlechte Texte compo-\nnirten; man hat gesagt: was zu dumm sei, gesprochen zu\nwerden, müsse gesungen, könne gesungen werden. Wie\nungerecht meistens dieser Vorwurf ist, geht aus dem eben\n'Gesagten hervor.\nDie Dichtung braucht, um die Darstellung einer Em-\npfindung, einer Leidenschaft zu erschöpfen, die Reflexion,\nden Gedanken der Musiker den Ton, die Melodie. So\nsind die am meisten dichterisch ausgeführten Dichtungen\nnicht musikalisch, denn sie enthalten Reflexionen und\ndiese kann die Musik nicht ausdrücken.\nNehmen wir ein Beispiel. Die Worte in dem Duett in\nder Zauberflöte: „BeiMännern, welche Liebe fühlen\", sind\nso dumm wie möglich, und doch hat Mozart eine so rei-\nzende Melodie dazu gemacht. Natürlich, seine Töne drücken\nvollendet schön die Liebe aus ihm genügt, dass die\nWorte bezeichnen, was er speciel gewollt hat.\nWenn nun die Worte einer Oper einfach sein müssen,\nso schliesst das nicht aus, dass diese einfachen Worte auch\nschön und dichterisch sein können, ja, sogar sollten, damit\nWort und Ton zusammen ein vollendetes Kunstwerk\nlieferten. Obiges Duett würde z. B. als ganzes Kunstwerk\nbetrachtet unendlich höher stehen, wären die Worte gut\nund schön. Allein es ist nicht absolut nothwendig, dass das\nWort dichterisch schön sei, damit auch die Musik es sein\nkönne. Ja, die schönsten Gedanken und Bilder sind eben\ndurch den Ton nicht wiederzugeben. Nehmen wir ein Bei-\nspiel. Ein Dichter sagt:\nIch liebe dich, wie der Strom das Thal,\nAls wie die Fluth den Strand,\nAls wie die Elfe den Mondenstrahl,\nAls wie die Gluth den Brand.\nDiese Verse sind schön. Sollte sie ein Tonsetzer com*\nponiren, was kann er mit den Tönen ausdrücken? Nichts\nals den Grundgedanken: ich liebe dich über alle Maassen.\nAlle die Bilder in den Versen sind nicht durch den Ton\nwiederzugeben und wollte man das durch Tonmalerei\nthun, so wäre das hier ganz am unrechten Platze.\nAus diesen Umständen geht hervor, dass ein gespro-\nchenes Drama unendlich mehr Worte braucht, als die Oper,\nferner auch, dass die Wiederholung derselben Worte im\nGesänge ganz gerechtfertigt ist. Da ferner die Musik die\nEmpfindungen viel breiter ausmalen kann und muss, als das\nWort, so kann auch die Oper nicht so viel Handlung, so\nviel Stoff enthalten, als das Drama an sich. Wie das Drama\ndurch Gedanken-Reichthum das leisten muss, was die Oper\ndurch den Ton leistet, geht recht klar aus dem Umstände\nhervor, dass bei dem Drama die Darstellung durch das Le-\nsen in etwas ersetzt wird, bei der Oper nicht. Eben weil\nbeim Drama der Ausdruck in den Worten liegt und Worte\ndurch Lesen schon unserem Verständnisse vermittelt wer-\nden, ist das Lesen eines Drama's schon ein Genuss. Bei der\nOper aber liegt der Ausdruck in den Tönen, und Töne\nkann man nicht lesen. Selbst die besten Musiker, die beim\nLesen einer Partitur allerdings einen Begriff von den Tönen\nbekommen, werden das Lesen doch nicht für einen Ersatz\ndes Hörens anerkennen. Denn das Verständniss beim Lesen\ndes Wortes ist ein unmittelbares, während man beim Le-\nsen von Tönen sich erst vorstellen muss, wie sie klingen\nwerden.\nWenn nun die Musik vorwiegend Empfindungen aus-\ndrückt, so ist sie eigentlich lyrisch, und man könnte fragen,\nob das lyrische Element der Musik zum Drama passe.\nHierbei muss man festhalten, dass Lvrisch und Dramatisch\ndurchaus keine Gegensätze sind, wie Lyrisch und Episch.\nIm Gegentheil enthält das Dramatische das Lyrische in\nsich. Die Lyrik, d. h. der Ausdruck der subjectiven Gelühle\nund Empfindungen (im Gegensatze zur Epik, welche Ge-\nschehenes, also auch fremde Gefühle, d. h. die Empfindun-\ngen Anderer, mittheilt, also Objectives), hat im Drama ihre\nbreiteste Stelle, ja, ein Drama ohne Lyrik ist gar nicht\ndenkbar. Allein man macht einem Drama den Vorwurf: es"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "181", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540610-01.1.5", "texte": "sei zu lyrisch. Das ist ein Missbrauch des Wortes oder eine\nandere Bedeutung, die man demselben unterlegt. Man ver-\nwechselt dann Lyrisch mit Elegisch, mit weich, empfin-\ndelnd. Das ist falsch. Die Lyrik umfasst den Ausdruck des\nGefühls von der weichsten Klage an bis zur tobendsten\nLeidenschaft. Die Leidenschaft aber wird doch Niemand\ndem Drama nehmen wollen*). Das Drama also soll und\nmuss Lvrisches enthalten, das musicalische Drama aber\n* * * • • '*\nLyrisches vorzugsweise, beinahe ausschliesslich.\nWTir haben bisher nur vom Gesänge gesprochen. Allein\nneben diesem ist auch die Instrumental-Musik sehr ausge-\nbildet und nimmt ihre Stelle in der Oper ein. Wir haben\nnoch zu sehen, wie es mit der Anwendung dieser aussieht.\nZunächst trägt das Orchester den Gesang. Wie es\ndenselben im Ritornell vorbereitet, wie es ihm in Zwischen-\nspielen Ruhepunkte gewährt, wie es durch feine Ausfüh-\nrung, Instrumentation u. s. w. ihn hebt, den ganzen Ein-\ndruck verstärkt, wie es sich überhaupt musikalisch mit ihm\nverbindet, brauchen wir hier nicht zu erörtern. Als Beglei-\ntung des Gesanges bildet das Orchester mit diesem ein\nGanzes und unterliegt in so weit den bereits besprochenen\nBedingungen.\nAllein das Orchester kann auch für sich allein, ohne\nGesang, angewendet werden, und wir müssen sehen, in\nwie weit das Drama ihm hier eine Stelle einräumen kann.\nDie Musik im Allgemeinen (abgesehen von der Tren-\nnung in Vocal- und Instrumental-Musik) kann auch noch\nAndei es als Empfindungen ausdrücken. Zunächst wirkt ein\nlebhafter Rhythmus, besonders unterstützt durch eine prä-\ngnante Melodie, anregend, anfeuernd. Die Anwendung der\nMusik in dieser Beziehung ist sehr vielfach, wie uns die\nzahllosen Tänze und Märsche beweisen, deren Zweck und\nErlolg eben Anregung und Anfeuerung zum Tanz und\nzum Gehen ■— ist. Eben so kann die Musik, wenn auch\nnur sehr beschränkt, malen, d. h. Äussere Vorgänge näch-\nahmen, Z. B. das Rauschen des Meeres, ein Gewitter u. s.\nw. kann die Musik in etwas ausdrücken, besonders wenn\nirgend eine Andeutung durch Wort oder Bild dem Hörer\nzum speciellen Verständnisse hilft. (Die Pastoral-Sinfonie\nenthält z. B. viel solch Malendes.)\nIn wie weit nun diese Instrumental-Musik sich in der\nOper geltend machen darf, wird uns klar werden, wenn\nwir uns erinnern, dass im Drama neben dem Dramatischen,\nd. h. Dichterischen, auch noch das Theatralische eine Stelle\nfand. Zur Begleitung, zur Ausschmückung des Theatrali-\nschen dient das Orchester vortrefflich. Aufzüge, Märsche,\nGruppirungen, Gefechte, Tänze, Festlichkeiten werden\ndurch Instrumental-Musik unendlich belebt auf der an-\nderen Seite hat die Musik die schönste Gelegenheit, in sol-\nchen Dingen ihre besten Mittel zu entfalten. Auch andere\nVorgänge können durch die Musik ausgemalt werden. Als\nein schlagendes Beispiel diene uns hier die Scene in der\nWolfsschlucht im Freischütz. Diese ganze Scene ist thea-\ntralisch, Dramatisches hat sie wenig und alle diese\ntheatralischen Vorgänge werden durch die Musik so treff-\nlich begleitet, dass die Scene immer eine grosse Wirkung\nmacht. Die Musik ist für das Theatralische nicht nur an-\nwendbar, sie ist sogar nothwendig. Auch das recitirte\nDrama nimmt sie in Anspruch, kommt in ihm Theatralisches\nvor. Der Krönungszug in der Jungfrau von Orleans wäre\nohne Marschmusik unendlich todt. Und denken wir uns die\nWolfsschlucht-Scene ohne Musik ausgeführt, so würde sie\nvon geringer oder keiner Wirkung sein. Auch andere thea-\ntralische Wirkungen werden durch die Musik unterstützt.\nSchiller schreibt in seinem Teil im zweiten Acte vor, dass\nnach Abgang der handelnden Personen die Bühne leer\nbleiben und uns den Aufgang der Sonne zeigen soll. Das\nlässt sich jetzt mit den dioramatischen Mitteln unserer De-\ncorationskunst sehr schön darstellen, und das Drama ist\nhier wohl berechtigt, dieses bloss Theatralische zur Ver-\nstärkung des Eindruckes zu brauchen. Denken wir uns\nnun den fortschreitenden Lichtwechsel bei der aufgehenden\nSonne, der doch einige Minuten währt, bei leerer Bühne\nin gänzlicher Stille, so wird das einen etwas unheimlichen\nEindruck machen. Allein von passender Musik begleitet,\nwird der Eindruck ein sehr wohlthätiger sein. Hierbei ist\ndie Musik nun nicht bloss dienend, sondern umgekehrt\nwird die Malerei des Sonnenaufgangs (die z. B. David in\n\n.*) Allerdings kann das Lyrische im Drama überwuchern und\ndadurch fehlerhaft werden. Es wird es dann thun, wenn die\nPersonen im Drama von der Empfindung nicht zum Handeln\nkommen, wenn sie uns nur ihre Empfindungen mittheilen,\nohne dass wir in denselben Triebfedern ihres Handelns er-\nkennen. Ein solches Ueberwuchern der Lyrik findet z. B. in\ndem bekannten kleinen Drama Statt: König Rene's Tochter,\nwo ein blindgeborenes Mädchen vorgeführt wird, die ihre\nEmpfindungen und Anschauungen ausspricht. Hier ist aller-\ndings keine Handlung, also auch kein eigentliches Drama,\nsondern nur ein lyrisches Gedicht in dramatischer Form. Ob\nnun die Lyrik das Recht hat, sich der dramatischen Form zu\nbedienen, ob dann die Bühne das Recht hat, solche Gedichte\nzur Aufliihrung zu bringen, in denen sich ein schöner Vor-\ntrag besonders geltend machen kann, und ob wir uns mit\nRecht an der Aufführung solcher Gedichte ergötzen das\nsind Fragen, deren Erörterung uns hier zu weit führen\nwürde. Thatsächlich scheint es, dass derartige kleine lyrische\nStücke allerdings gefallen können. Grössere aber würden\nohne dramatisches Salz die Zuschauer nicht befriedigen."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "182", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540610-01.1.6", "texte": "der „ Wüste\" auch ohne Decorationen versucht hat), welche\ndie Musik gibt, trefflich durch die Decoration unterstützt,\nerläutert.\nDa nun die Musik im Orchester die erwähnten Mittel,\ntreffliche Wirkungen hervorzubringen, besitzt, so wird auch\ndie Forderung nicht unbillig sein, dass man ihr Gelegenheit\ngebe, diese Mittel zu zeigen, anzuwenden. Und aus diesem\nGrunde kann und soll man dem Theatralischen in der Oper\nmehr Raum gönnen, als im recitirten Drama. Und auch\nschon desswegen, weil das Theatralische in der Oper nicht\nallein steht, sondern in Verbindung mit der Musik auftritt\nund dadurch künstlerischer wird.\nWie das Theatralische und das Dramatische sich unter\neinander verhalten, mögen uns ein paar Beispiele zeigen.\nVon allen Opern, die seit sechszig Jahren etwa, ja, die\nüberhaupt geschrieben worden, sind es zwei, die sich dau-\nernd auf dem Repertoire erhalten haben, das sind Don Juan\nund die Zauberflöte. Diese Unverwüstlichkeit dieser Opern\nist ein Urtheil des Publicums und ein solches durch die\nZeit bewährtes Urtheil gilt uns lür das einzig unumstöss-\nliche, unumstösslicher als die scharfsinnigsten, kritisch-ästhe-\ntischen Deductionen. Diese Opern erkennen wir also lür\ntreffliche. Da wir im Anfange sahen, dass die schönste Mu-\nsik in der Oper sich nicht hält, taugt der Text nichts, so\nmüssen auch die Texte gut sein, sonst hätten sie sich nicht\ngehalten. Sehen wir uns dieselben genauer an, so finden\nwir einen wesentlichen Unterschied. Don Juan ist ganz\ndramatisch, die Zauberflöte ist vorwiegend theatra-\nlisch. Don Juan ist voll dramatischen Lebens. Die Oper\nhat eine bunte, bewegte Handlung, von den verschieden-\nsten Leidenschaften bedingt, von interessanten, lebenvollen\nCharakteren getragen, gemischt mit den ergreifendsten Si-\ntuationen kurz, wir müssen erkennen, dass das Drama-\ntische im Don Juan vortrefflich ist. Und verbunden mit\nMozart's herrlichen Tönen ist die ganze Oper ein Meister-\nwerk. Dagegen hat die Zauberflöte sehr wenig dramatischen\nInhalt. Die Personen sind vorwiegend lyrisch, und zwar\npassiv lyrisch, bis etwa auf Papageno. Allein die Oper hat\neine Fülle von Theatralischem die Priester-Chöre, das\nFeierliche der Aufzüge, die drei Damen, die Genien, alles\ndas ist theatralisch, und auch gut theatralisch. Da nun die\nZauberfföte durch das Urtheil des Volkes lür gut erklärt\nworden, so müssen wir auch den Text für gut halten, ob-\nschon seine Worte, sein Gedanken-Inhalt erbärmlich sind.\nDiese beiden Beispiele werden Vieles von dem bestätigen,\nwas wir oben sagten, und sie werden uns nicht nur den\nUnterschied zwischen Dramatischem und Theatralischem\nrecht klar machen, sie werden uns auch beweisen, wie je-\ndes auf seiner Stelle wirkt und dass das Theatralische\nin der Oper eine grosse Berechtigung hat.\n(Schluss folgt.)\n\nWiener Briefe.\n\n(Schluss. S. Nr. 21.)\nSie sehen, wie wenig mich mein eigentliches Thema Verdi s\nTrovatore fesselt, da ich immer wieder davon abspringe. Doch,\num es in Kürze zu erledigen, Folgendes. Das Sujet (von Camma-\nrano bearbeitet) ist von der grauserlichsten Art. Es spielt in Spa-\nnien zu Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts und hat zum Vorder-\ngrunde die alte Zigeuner-Wirthschaft. Es wird erzählt, dass der\nalte Conte di Luna eine Zigeunerin zum Scheiterhaufen verurtheilte,\ndie sich in das Schlafgemach seiner beiden Knäblein geschlichen,\num sie, wie angenommen wurde, zu behexen. Racheschnaubend\nraubt ihre Tochter, selbst schon Mutter, das eine der Kinder und\nwill es gleichfalls verbrennen, schleudert aber in dem Fieber-Pa-\nroxysmus ihrer Sinne ihr eigenes Kind in die Flammen. Nun wird\nsie aber Pflegemutter des geraubten Kindes, um es zu künftiger\nRache zu erziehen. Zum Jüngling herangewachsen, wird Manrico\ndies sein Name Zigeuner-Graf. Auf Abenteuer ausgehend,\nlernt er eine junge Dame kennen und verliebt sich in sie die\nAngetraute seines Bruders, die gleichfalls in ihn entbrennt. Daraus\nentspringt später bei einem unliebsamen Zusammentreffen ein Duell\nzwischen den sich natürlich fremd gegenüber stehenden Brüdern. Man-\nrico unterliegt und wird todt geglaubt. Leonore, so heisst die zwiefach\nUmworbene, geht ins Kloster. Der Conte di Luna will sie mit Ge-\nwalt entführen, Manrico erfährt es und jagt sie ihm ab. Darauf\nwird seine Burg von den Kriegsknechten des Grafen belagert und\nerstürmt, Manrico und seine Pflegemutter Azucena, in der man die\nehemalige Räuberin entdeckt, zum Tode verurtheilt. Leonore nimmt\nGift, Manrico wird hingerichtet, Azucena ebenfalls, ruft aber im\nletzten Momente dem Grafen zu: „Jener war dein Bruder!\" und\nhoffentlich stirbt der Graf, wenn er ein anständiger Mensch ist,\nvon selbst. Es bleibt einem völlig freigestellt, sich sodann nachträg-\nlich noch die Todlen vorzustellen, wie sie zu schauerlicher Mitter-\nnachtsstunde „in des Schlosses öden Hallen\" als Gespenster umher-\nwandeln, und man wird nicht vergessen, auch der verbrannten Zi-\ngeunerin und dem bei langsamem Feuer gerösteten Kinde\neine Rolle zuzutheilen. Was nun die Musik des Maestro Verdi\nbetrifft, so berufe ich mich auf das oben Gesagte und erwähne nur\nflüchtig die paar Einzelheiten, die ich aus dem allgemeinen Ver-\ndammungs-Urtheile ausnehmen möchte. Es sind ein niedliches\nLiedchen des Trovatore (Manrico) im ersten Acte (sonst der Schlech-\nteste unter den Schlechten), die Cabaletta Azucena's im zweiten\nActe, nicht ganz ohne charakteristische Färbung, und deren darauf\nfolgende Erzählung von der schrecklichen, vor den Beginn der\nHandlung fallenden Begebenheit, in der einige echte Gluth lodert;\ndann ein kleiner Chorsatz im dritten Acte, welcher einen Anflug\nmusicalischer Arbeit hat, aber freilich schnell genug verläuft; end-\nlich die übrigens der Visions-Scene in Meyerbeer's Prophet nach-\ncopirte Kerker-Scene im letzten Acte, die schon als ein Moment"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "183", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540610-01.1.7", "texte": "der Ruhe nach so vielem vorhergegangenen Spectakel, an dem es\nnatürlich nicht fehlt, von wohlthuender Wirkung ist. Die Auffüh-\nrung war eine theilweise recht gute, nach dem Urtheile derjenigen,\nwelche die vorhergegangenen besucht, die beste dieser Saison.\nFräul. Demeric als Azucena war ausgezeichnet, ja, meisterlich in\nGesang und Spiel. Der Tenor Bettini hat ein schönes Organ, das\ntrotz der verschiedenen Lage fast an Beck erinnert. Auch bildet er\nin seiner edleren Vortragsweise zu dem nicht singenden, sondern\nmäkernden Ferri, in dessen Händen die Partie des Conte di Luna\nwar, einen ähnlichen Gegensatz, wie Beck zu Steger. Fräul. Bon-\ndazzi (Leonore) genügte, ohne Ausgezeichnetes zu leisten. Als ein\nCuriosum muss ich bemerken, dass sich unter den Mitgliedern der\nGesellschaft zwei mit dritten und vierten Partieen Betraute befin-\nden, deren Namen in dem Personen-Verzeichnisse des Trovatore\nneben einander standen und lauten: Laura und Petrarka! Doch\nwenn diesen Namen ein poetischer Duft entströmen soll, so muss\nman an die Verblichenen, nicht an die Lebenden denken. Um die\nDirection des ganzen WTerkes hat sich Capellmcister Eckert sehr\nverdient gemacht. Die Aufnahme desselben war von Seiten des\nPublicums eine, wie sich leider nicht läugnen lässt, ziemlich gün-\nstige, doch sind zwei gute Drittheile des reich gespendeten Beifalls\nauf Rechnung der Darstellung zu setzen, und die ziemlich ansehn-\nliche Schar der hier anwesenden Italiäner gab sich natürlich alle\nmögliche Mühe, die vaterländische Ehre zu retten.\nVon Concerten ist so gut wie nichts zu berichten. Frau Jenny\nLind-Goldschmidt ist bereits bis zu ihrem siebenten gediehen;\ndoch habe ich keine Ursache, zu dem, was ich Ihnen schon über\nsie geschrieben; ein Weiteres hinzuzufügen. Der Enthusiasmus\nfällt etwas mit dem steigenden Thermometer. Eine eigentüm-\nliche Erscheinung war die des Sängers Geraldi, Professors am\nConservatorium zu Brüssel. Stockhausen hatte ihn in einem seiner\nConcerte eingeführt, was überhaupt heuer sehr im Schwange war,\nund worauf er zwei selbstständige Concerte gab. Diejenigen, welche\nihn vor etwa zehn Jahren in Paris zu hören Gelegenheit hatten,\nwissen ihn nicht genug als einen trefflichen Buffo zu rühmen.\nAuch hier waren seine Vorträge meist dem Burlesken, französischen\nChansons u. dgl., zugewendet. Hatte er aber damals vielleicht über\nStimmmittel zu gebieten, so ist dies jetzt nicht mehr der Fall;\nlag in seinen Vorträgen vielleicht damals wirklicher Humor, so ist\ndieser inzwischen zur krassesten Caricatur geworden. Kurz, für die\nKunst kommt er in keinerlei Weise in Betracht; möge er ruhig\nProfessor bleiben, wenn's den Brüsselern genehm ist, aber das\nConcertgeben wolle er Anderen überlassen. „Alles schickt sich nicht\nfür Einen.\" Auch liess ihn das anfänglich zwar durch die Neuheit\nbethörte Publicum bald fallen. In seinem zweiten Concerte erwarb\nsich der junge, strebsame Violin-Virtuose Herr Ludwig Strauss,\nauf welchen ich Sie schon mehrmal aufmerksam machte, wieder\ndurch den Vortrag des achten Beriot'schen Coneertes reichen Beifall.\nIn meinem nächsten Berichte hoffe ich Ihnen eine ähnliche sta-\ntistische Uebersicht über unsere diesjährige winterlichej Concert-\nSaison geben zu können, wie jüngst Ihr pariser Correspondent, nur\ndass ich alle Zweige zu umfassen gedenke. Bis dahin Ihr erge-\nbenster\n\nB.\n\nAus Düren.\nUngeachtet der vielen Hindernisse, welche sich der für einen\nOrt, wie der unsrige, so nothwendigen Vereinigung aller Kräfte\nentgegenstellten, hat es in der verflossenen Concert-Saison den-\nnoch nicht an schönen und befriedigenden Genüssen gefehlt,\nund ist es dem Eifer des Herrn Directors Schollmeyer gelun-\ngen, mit verhältnissmässig geringen Kräften Erfreuliches zu Stande\nzu bringen und einen nicht unbedeutenden Fortschritt tür Chor\nund Orchester bemerkbar zu machen.\nEs fanden im Ganzen nur tünf Concerte, darunter vier vom\nAllgemeinen Musik-Vereine und eines von der Liedertafel, Statt.\nFür den Mangel an öffentlichen Auflührungen hat man sich durch\nhäufig wiederkehrende, so genannte musicalische Abende entschä-\ndigt, in welchen so ziemlich alle Trio's lür Piano, Violine und\nCello von Beethoven, das Es-dwr-Trio von Franz Schubert, das\nD-moll-Trio von Mendelssohn, von Sonaten lür Piano und Violine\nmehrere von Beethoven (auch die so genannte Kreutzer-Sonate),\ndann von Mozart, eine neue von Beaufort (einem früheren Schüler\nvon Dir. Schollmeyer) und anderen Componisten, daneben Lieder,\nSolo- und Chorsachen mit Piano vorgetragen wurden. Piano ver-\nschiedene tüchtige Dilettantinnen, Cello Herr Dr. G., Violine Herr\nDir. Schollmeyer. (Ueberhaupt wird in der Kammermusik hier recht\nTüchtiges geleistet.)\nAus dem Programm des ersten Coneertes sind als die bedeu-\ntendsten Nummern hervorzuheben: das Trio in D-dur von Beetho-\nven, das Hallelujah aus Händers Messias und der 42. Psalm von\nMendelssohn. Zweites Concert: Quartett für Streich-Instrumente\nmit Variationen über die österreichische National-Hymne von Haydn\n(schön nuancirt ausgeführt). Dritte« Concert: ZJ-rfwr-Sinfonie von\nBeethoven, Sonate für Piano und Violine, D-dur, von demselben,\nBass-Arie aus dem Opferfest (wurde da capo verlangt). Viertes\nConcert: Gesang der Geister über den Wassern von F. Hiller, Trio\nin Es-dur von Beethoven und Hymne für Sopran, Solo und Chor\nvon Mendelssohn.\nMit frischen, kräftigen Sopran- und Alt-Stimmen ist der Verein\nsowohl lür Solo als Chor reichlich ausgestattet; eben so sind die\nTenor- und Bass-Soli in guten Händen; nur ist zu bedauern, dass\nder Männerchor verhältnissmässig nicht so günstig vertreten ist.\nDas Oratorium „Paulus\", welches zum grossen Theil einstudirt und\nfür das Oster-Concert bestimmt war, konnte leider wegen Verhin-\nderung mehrerer unentbehrlichen Mitglieder nicht zur Aufführung\nkommen. Ueberhaupt wäre zu wünschen, dass durch einheitlicheres\nZusammenhalten das Gedeihen und die Fortschritte des hiesigen\nMusiklebens erleichtert werden und der Eifer des Herrn Dir.\nSchollmeyer, dessen feste und sichere Leitung allgemeine Anerken-\nnung verdient, grössere Befriedigung finden möge.\n\nDas fünfundzwanzigjährige Jubelfest\ndes\nniederländischen Vereins zur Beförderung der Tonkunst\nwird zu Rotterdam vom 13. bis 15. Juli Statt finden, wie wir\nbereits früher in diesen Blättern gemeldet haben. Gegenwärtig sind\nwir im Stande, das Genauere über die bevorstehende Feier mit-\nzutheilen.\nEs ist ein Festgebäude errichtet worden, welches ausser einer\nTonbühne für 800 Sänger und Instrumentalisten für 4000 Zuhörer\nRaum hat. Die artistische Direction der Auflührungen ist Herrn\nJ. H. Verhülst, Verdienst-Mitglied des Vereins, übertragen\nworden.\nDas Programm für die drei Festtage ist folgendes;"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "184", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540610-01.1.8", "texte": "Am 13. Juli:\nFest-Ouvertüre von W. H utschenruy ter, Verdienst-Mit-\nglied des Vereins (unter Leitung des Componisten).\nIsrael in Aegypten, Oratorium von Händel.\nAm 14. Juli:\nDie Jahreszeiten von J. Haydn.\nAm 15. Juli:\nDer 145. Psalm für Chor und Orchester, componirt von J. H.\nVerhü 1 s t.\nVorträge einzelner Künstler.\nDie neunte Sinfonie von Beethoven.\nDie Soli werden von Künstlern ersten Ranges ausgeführt, im\nSopran von Fräulein Jenny Ney aus Dresden und Frau Offcr-\nmans van Hove aus dem Haag, im Alt von Fräulein Dolby\naus London, im Tenor von Herrn Roger aus Paris, im Bass von\nHerrn Karl Formes aus London und Herrn Pischek aus\nStuttgart.\nAlle Mitglieder des Vereins zur Beförderung der Tonkunst ha-\nben freien Eintritt; für Nicht-Mitglieder werden Eintrittskarten zu\n12i/2 Gulden für alle drei Tage ausgegeben. Alle auswärtigen Eh-\nren-Mitglieder des Vereins sind eingeladen worden; die Annahme\nder Einladung ist schon von vielen erfolgt, z. B. von Meyerbeer,\nLiszt, F. Hiller, Lindpaintner, Marschner, AL Schmitt, dem Fürsten\nvon der Moscowa, A. G. Ritter, Dr. Breidenstein, A. Gathy, A. E.\nGrell, Dr. Schilling, M. Schlesinger, L. Bischoff u. s. w., und wird\nvon mehreren erwartet. Die Proben finden am 10, 11. und 12.\nJuli Statt.\nFür Anordnung ausser-musicalischer Festlichkeiten ist reichlich\ngesorgt, z. B. gesellige Vereinigung in der neuen Anlage in\nder Nähe der Concerthalle, Erleuchtung und Vauxhall, am Mitt-\nwoch WTettfahrt der Mitglieder des niederländischen Yacht-\nklubs, am letzten Tage grosses Festessen und Feuerwerk. Zu al-\nlen Festlichkeiten ist der freie Eintritt für alle eingeladenen Ehren-\nMitglieder und für alle bei den Aufführungen Mitwirkenden vorbe-\nhalten. Während der ganzen Woche wird die Kunst-Ausstellung\nvon Gemälden und anderen Gegenständen im grossen Saale des\nDoelen geöffnet sein. Wahrscheinlich wird auch der König\nvon Holland, ausserordentliches Ehren-Mitglied des Vereins,\nnebst der königlichen Familie das Fest mit seiner Gegenwart\nbeehren.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\n14öSii. Unser Männergesang-Verein ist am 6. d. Mts.\nvon seiner ruhmreichen Fahrt nach London hieher zurückgekehrt.\nDie letzte Woche seines Aufenthaltes in England hat er zu einer\nKunstreise nach den nördlichen Grafschaften verwendet und in\nBradford, Manchester und Liverpool fünf Concerte gege-\nben. Der Erfolg war überall in jeder Beziehung ein eben so aus-\nserordentlicher, als in der Hauptstadt. Am 3. gab er noch ein Ab-\nschieds-Concert in London und am 5. das letzte (das zweiundzwan-\nzigste binnen vier Wochen) auf der ganzen Preise in Lille in\nFrankreich. WTir werden dieser interessanten Sängerfahrt, welche\njedenfalls eine höhere Bedeutung für die Verbreitung des Ge-\nschmacks an deutscher Kunst in der Fremde hat, als die Virtuosen-\nReisen nach England, einen besonderen Artikel widmen,\n> '■< •£ * • ■*l -c * ■ . • • . . ' * * ... •\nBonn. Am 31. Mai veranstaltete Herr v. Wasielewski\nunter Mitwirkung des Herrn Capellmeisters Hiller und des Herrn\nKoch aus Köln, so wie des geschätzten Violoncellisten Herrn Rei-\nmers aus Bonn eine musicalische Soiree im grossen Saale der\nLese-Gesellschaft, die in jeder Hinsicht von den schönsten Erfolgen\nbegleitet war. Zum Vortrag kamen: Trio (Op. 70) D-dur von Beet-\nhoven, Lieder von Franz Schubert, Franz und Messer,\nCiaccona von Bach für Violin-Solo, Studien für Piano und Geige\nvon Ferd. Hiller, Romanesca von Servais für Violoncello.\nZum Schlüsse gab Herr Capellmeister Hill er ein paar Solostücke\nund eine sehr geistvolle Improvisation.\nDas diesjährige Niederrheinische Musikfest hat in\nAachen am 4., 5. und 6. Juni Statt gefunden. Wir werden dar-\nüber in der nächsten Nummer berichten."}]}