{"numero_id": "bm-bmtnabi-1854-06-24-01", "volume": "bmtnabi_1854-06-24_01", "ocr_sha256": "38c5f9421886c0a44ff15206c4e9ed28eeff2053e7d166a8cd4bdcd01ac794c8", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1854/06/24_01/bmtnabi_1854-06-24_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540624-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1854-06-24-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-06-24_01#c001", "volume": "bmtnabi_1854-06-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "193", "page_fin": "194", "image_debut": 1, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540624-01.2.1", "titre_corps": "Berliner Briefe.", "titre_sommaire": "Berliner Briefe.", "signature_source": "G. 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Die\nAufführungen haben eine weit grössere Präcision und Si-\ncherheit gewonnen, als in den früheren Jahren der Fall\nwar ; namentlich ist die edle Mässigung im Vortrage rühmend\nzu erwähnen, die sich von jeder Zudringlichkeit fern hält\nein Vorzug, den die Sing-Akademie fast vor allen hie-\nsigen Musik-Instituten voraus hat ; nur bleibt immer noch\neine grössere Frische und Jugendlichkeit der Stimmen zu\nwünschen, vornehmlich im Tenor und Bass. Die Gleichgül-\ntigkeit unter den jüngeren Männern gegen ernste musicali-\nsche Beschäftigung dauert in einer betrübenden Weise fort;\nalle Vereine leiden darunter. Die Besetzung der Soli in die-\nsen Concerten findet, grossentheils noch immer durch die\nMitglieder der königlichen Bühne Statt und ist dann mei-\nstens genügend; von unseren Dilettanten-Kräften sind dieser\nAufgabe, mit correctem und lebendigem Concert-Vortrage\nzu singen, einen grossen Raum zu füllen und ein Orchester\nzu dominiren, nur wenige gewachsen. Die Orchester-Be-\ngleitung hat neuerdings in durchaus tüchtiger Weise die\nLieb ig'sehe Capelle übernommen, deren Bedeutung für\nunser Musikleben mithin in beständigem Steigen begriffen\nist. Von den einzelnen Concerten war uns die Aufführung\nder Cherubinischen Messe bei Weitem am interessantesten,\nda das Werk im Verhältniss zu seinem hohen künstleri-\nschen Werthe noch immer sehr wenig bekannt ist. Es ver-\neinigt in wunderbarer Weise die kirchliche Ruhe und Er-\nhabenheit mit der lebendigsten modernen Dramatik, und\nenthält einen musicalischen Reichthum von der ursprüng-\nlichsten Originalität in sich, dass einem die Ohren übergehen.\nDie Aufführung der Matthäus-Passion kam leider zu spät,\nweit nach Ostern, an einem herrlichen Sommerabend; na-\ntürlich war der Saal leer. Der Stern'sehe Verein\nführte zweimal Händel's Israel in Aegypten auf, zuerst im\nConcertsaale, dann in der Garnisonkirche. Wenn die erste\nAufführung in der Besetzung einiger Solo-Partieen vor der\nletzteren den Vorzug verdiente, so gewann diese durch die\nBegleitung der Orgel, die Herr M.-D. Küster übernom-\nmen hatte, ein noch höheres Interesse für uns. Der Ein-\ndruck des Werkes wird dadurch ein ganz anderer; mit un-\nverkennbaren Zügen drückt es die Orgel aus, dass alle\nMannigfaltigkeit, die hier im Einzelnen entsteht, auf dem\nfesten Grunde der göttlichen Erhabenheit beruht, dass sich\num alles Menschliche das eine göttliche Band schlingt. Die\nFelsenfestigkeit dieser Kunstschöpfung kommt erst durch\ndie Orgel vollständig zu ihrer äusseren Erscheinung. Im\nUebrigen stimmen wir nicht mit denen überein, die den\nIsrael für Händel's bedeutendstes Werk halten; der Messias\nwenigstens erscheint uns reifer, ausgeführter und reiner. Die\nblosse Vielstimmigkeit der Chöre im Israel reicht nicht hin,\num den Vorzügen des Messias das Gegengewicht zu halten.\nDie Ausführung der Chöre war ganz vortrefflich; unter\nden Solo.-Partieen zeichnete sich der Tenor des Herrn\nOtto aus. Wie es heisst,.studirt der Stern'sche Verein\ngegenwärtig Beethovens grosse Messe, die, wenn ich nicht\nirre, noch niemals in Berlin zur Aufführung gekommen ist;\nmöge er nicht nachlassen, er findet * selten eine bessere\nGelegenheit, sich um unsere Musik-Zustände verdient zu\nmachen. Auch auf das Wilsing'sche De profundis wäre die\nAufmerksamkeit zu lenken. Der Dom-Chor hat im Gan-\nzen vier Abonnements-Concerte gegeben, in denen wir, wie\nimmer, das Vollendetste im Chorgesange zu hören beka-\nmen, in einer Auswahl, die mit Palestrina begann und auch\nden jüngsten der Gestorbenen, Otto Nicolai, nicht aus-\n- Mit jedem Jahre bereichert sich die Zahl der herr-\nlichen Musikstücke aus italiänischer und deutscher Schule,\ndie wir durch den Dom-Chor kennen lernen; eine uner-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "194", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540624-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4198, "texte": "messliche Ausbeute bleibt noch der Zukunft vorbehalten.\nDie Kunst contrapunktischer Schreibweise und melodischer\nStimmführung verschafft sich damit neue Geltung den\netwas einseitigen harmonischen Bestrebungen der neueren\nZeit gegenüber; mit der Hervorsuchung des Alten tritt an\nsich selbst ein neues Element in die Zeit, das auf die\nSchöpfungen der Neueren nicht ohne Einfluss bleiben wird.\nUm die Pflegung dieses Elementes hat sich unser Ge-\nsanglehrer Teschner ein nicht genug anzuerkennendes\nVerdienst erworben, theils durch die reichhaltigste Samm-\nlung älterer Werke, die er sich mit vielen Opfern und dem\nausdauerndsten Fleisse erworben hat, theils durch Verbrei-\ntung des Sinnes dalür in allen ihm nur irgend zugänglichen\nKreisen. Eine Privat-Auflührung, die er kürzlich mit seinen\nSchülerinnen im Chor- und Sologesänge veranstaltete, gab\naufs Neue Zeugniss davon. Der edle, ruhige Sinn, der sich\nin den Compositionen älterer Zeit ausspricht, hat sich auch\nauf seinen Gesang-Unterricht übertragen. Wenige stellen\nsich der oft bis zur Verzerrung gesteigerten Leidenschaft-\nlichkeit der neueren Zeit so standhaft entgegen, als Tesch-\nner. Die Resultate seines Unterrichts sind hinsichtlich der\nUnverdorbenheit des Klanges, in der Reinheit der Intona-\ntion und der Egalität der Stimme, in der Fertigkeit end-\nlich vorzüglich; und wenn auch in der Ausdrucks-Mannig-\nfaltigkeit, in der Accentuation und Tonfarbung noch mehr\nzu wünschen bliebe, so liisst sich doch nicht läugnen, dass\nin allem dem, was die solide Grundlage des Gesanges bil-\ndet, die Leistungen von Teschner allen übrigen uns be-\nkannten voranstehen. Unsere anderen Gesang-Vereine\nhaben nichts Hervortretendes von sich hören lassen.\nIn den Symphonieen-Soireen kam die belgische Preis-Sinfonie\nvon Ulrich zur Aufführung mit einem für die Sprödigkeit\ndes berliner Publicums überraschend lebendigen Beifall.\nReferent selbst war leider verhindert, sie zu hören, und\nmuss sich daher des eigenen Urtheils enthalten. Unsere\nQuartett- und Trio-Soireen, so wie die Soireen der Herren\nGrünwald und Seidel und der Herren v. Kolb und v. d.\nOsten haben manches neue Werk gebracht, aber von ge-\nringerer Bedeutung. Zu rügen bleibt es namentlich, dass\ndas im vorigen Jahre in Druck erschienene Quintett von\nFranz Schubert für Streich-Instrumente, eines seiner be-\nwundernswürdigsten Werke, noch immer nicht öffentlich\nzur Aufführung gelangt ist. Unsere Oper neigt sich\njetzt, nachdem die Damen Köster und Wagner uns\nverlassen haben, den allgemeinen Ferien zu. Ueber die\nneuen Opern, die in diesem Winter zur Aufführung kamen,\nhabe ich bereits berichtet. Im Uebrigen ist das Repertoire\nziemlich unverändert geblieben; nur der weissen Dame mit\nForm es, der den Georg Brown mit anerkennungswerther\nFrische und Leichtigkeit gibt, wäre noch zu erwähnen. An\nGästen hatten wir bis jetzt Fräul. Krall aus Wien, die\nunverdientes Missgeschick hatte, da ihre Mängel mehr aus\nunvollendeter Technik, als aus einem verdorbenen, tadelns-\nwerthen Geschmack hervorgehen (sie trat als Alice, Nacht-\nwandlerin und Zerline auf; im Don Juan missfiel sie am\nmeisten, und mit Recht); Frau Herrmann-Csillag aus\nWien, eine junge Sängerin mit blühendem, üppigem Or-\ngan, erstaunlichem Stimmumfang und natürlichem Talent\nfür melodischen Vortrag; ihr beständiges Tremuliren wird\nin Norddeutschland allgemein missfallen, weniger vielleicht\ndie durch doppelte Anstrengung in Kehle und Brust zu-\ngleich forcirten tiefen Töne, die für unsere Ohren aber das\nSchrecklichste sind; doch steht ihr eine Zukunft auf unse-\nren Bühnen bevor, da sie von der Natur sehr glücklich\nausgestattet ist; sie trat als Fides und als Leonore in Do-\nnizetti's Favoritin auf. Endlich Herr Himmer von Braun-\nschweig, der den Fernando in der Favoritin und den Pro-\npheten sang; ein Tenor mit guten Stimm-Mitteln und dra-\nmatischem Talente, der aber, durch das etwas gefährliche\nVorbild Roger's verleitet, seine Stimme zu einer Höhe der\nLeidenschaftlichkeit hinaufgeschraubt hat, dass es nicht\nmöglich ist, zu einem reinen, edeln Genüsse zu kommen.\nDennoch ist auch er den deutschen Bühnen zur Beachtung\nzu empfehlen, und es ist zu hoffen, dass er mit derZeit zu\nreinerem Geschmack durchdringe.\n\nG. E."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-06-24-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-06-24_01#c002", "volume": "bmtnabi_1854-06-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "194", "page_fin": "197", "image_debut": 2, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540624-01.2.2", "titre_corps": "Wiener Briefe.", "titre_sommaire": "Wiener Briefe.", "signature_source": "B", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "194", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540624-01.1.2", "debut_caractere": 4200, "fin_caractere_exclue": 4972, "texte": "Wiener Briefe.\n\nRückblick auf die C o nccr t-S aiso 11 von 1853—54.\nItalienische Oper. Verdi1 s „Masnadie ri\". Die\nGress'sche Broschüre.]\nDen 14. Juni 1854.\nLassen Sie mich diesmal noch einen Rückblick auf den\nKranz werfen, welchen uns die musicalische Saison von\n1853—54 gewunden. Ich liefere Ihnen indess hier keine\nstatistische Uebersicht der einzelnen Blumen und Blätter,\nwelche sich Ihre Leser mit leichter Mühe aus meinen bis-\nherigen Berichten selbst zusammenstellen können, sondern\nfrage bloss nach Charakter, Gestalt und Duft im Allgemei-\nnen. Da lässt sich denn im Ganzen nicht läugnen, dass der\nKranz recht stattlich und farbig geworden, und dass man\nsich daran erfreuen kann. Mehr als je können wir daher\nden beliebten Vorwurf mit ruhigem Selbstbewusstsein zu-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "195", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540624-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5276, "texte": "rückweisen, dass wir das Treffliche in der Musik nicht zu\nschätzen wüssten und nur Beschützer des Seichten und\nTrivialen wären. Die entgegenstehenden Thatsachen spre-\nchen zu laut, nur vergesse man nie, dass das Wort „Pu-\nblicum\" einen Collectiv-Begriff bezeichnet, dessen einzelne\nGlieder daher gar sehr von einander unterschieden sind.\nIndessen ist mit diesem Lobe unserer einheimischen Be-\nstrebungen freilich nicht gesagt, dass nicht noch mancher-\nlei zu wünschen übrig bliebe, und ich werde daher das Ne-\ngative mit dem Positiven zugleich hervorzuheben nicht un-\nterlassen, Unter den grossen Orchester-Concerten kommen\nvor Allem die Vereins- und Spirituel-Concerte in Betracht.\nIhre Anzahl belief sich auf sieben, was allerdings in einem\nZeiträume von eben so viel Monaten nicht allzu viel ist.\nWenn Herr Director Hellmesberger sich entschliessen\nwollte, einen Theil der Leitung dieser Concerte dem als\ntrefflichen Dirigenten längst bewährten und anerkannten\nHerrn Professor Stegmaier zu übertragen, so könnten die-\nselben künftighin leicht um ein Beträchtliches vermehrt\nwerden. Vor den Interessen der Kunst sollten doch per-\nsönliche Rivalitäten billig zurückweichen, und Herr Pro-\nfessor Hellmesberger hat sich zu reiche Verdienste erwor-\nben, als dass dieselben durch eine solche Theilung geschmä-\nlert werden könnten. Gewiss lag es auch nur an der Er-\nschöpfung und Abspannung der Einzelkraft, dass der zweite\nCyklus der Spirituel-Concerte, welcher bereits angekündigt\nwar, und der so bedeutende Werke wie Händel's Messias,\nSchumann's Sinfonie in B u. A. bringen sollte, ausfiel. So-\ndann möge die Gesellschaft der Musikfreunde in Zukunft\nimmerhin noch auf eine sorgfältigere, bedeutsamere Zusam-\nmenstellung ihres Repertoire's bedacht sein. Als leitender\nGrundsatz müsste angenommen werden, jene Werke,\nwelche, wenn auch an sich noch so trefflich, der musicali-\nschen Welt durch zahllose Aufführungen und Arrangements\naller Art bereits bis zum Auswendigwissen geläufig sind,\nnur sehr sparsam einzuflechten, dagegen mit Liebe und Ge-\nwissenhaftigkeit andere längst wie verschollene Meisterwerke\nder Gegenwart wieder zu lebendigem Genüsse vorzuführen,\nund vor Allem auch den jüngeren Bestrebungen der Ton-\nkunst ihr verdientes Recht angedeihen zu lassen. Der An-\nfang zu allem dem wurde zwar gemacht, aber auf dem Felde\nder That begegneten wir nur der geringeren Hälfte, die\ngewichtigere blieb leider im guten Willen stecken. Men-\ndelssohn hat auch für Wien bereits seine absolute Höhe\nerreicht, d.h.: es ist durch öftere Vorführung seiner Haupt-\nwerke Jedermann so ziemlich ein Gesammt-Urtheil über\nihn ermöglicht; er lebt unter uns. Im entgegengesetzten\nFalle befinden sich unter den Neueren Schumann, Hiller,\nGade und manche andere Tondichter, die, wenn sie auch\nnicht immer erste Meisterwerke geliefert, doch auch nicht\nvöllig unberücksichtigt zu bleiben verdienen. Nur nicht diese\nkleinsinnige Quarantaine gegen alles, was nicht schon irgend\nwoher als ein Souveraines gestempelt ist sie beschränke\nsich auf das absolut Unbedeutende und Mittelmässige! Es\nmuss doch für Jedermann, den Philister ausgenommen, auch\nvon Interesse sein, die Physiognomie der Gegenwart kennen\nzulernen. EinenHaupt-Uebelstand, welcher einer allseitige-\nren und namentlich quantitativ reicheren Entfaltung der\npolyphonen Instrumental-Musik im Wege steht, habe ich\nschon einmal hervorgehoben, und er besteht darin, dass\nbei uns fast alle grossen Instrumental-Concerte an die\nWirksamkeit eines einzigen Körpers gebunden sind, näm-\nlich an jene des Opern-Theater-Orchesters. Wenn man\naber nun bedenkt, in wie hohem Grade die Kräfte dessel-\nben schon durch die täglichen Anforderungen der Oper in\nAnspruch genommen sind, wie dessen einzelne Mitglieder\nnoch überdies theils berufen, theils genöthigt sind, ihre\nKunstfertigkeit auf die mannigfaltigste Weise auszuüben,\nso ist es wohl kein Wunder, wenn bei so unausgesetzter\nThätigkeit in Einem Kreise allmählich Erschlaffung und\nGleichgültigkeit eintreten. Darum müsste endlich einmal an\ndie Bildung eines grossen Gesammtkörpers gedacht werden,\ndessen specielle Aufgabe es wäre, alljährlich eine bestimmte\nAnzahl Concerte zu geben. Die ausübenden Kräfte müssten\nhier weniger durch die erwünschte Gelegenheit von Geld-\nerwerb zusammen gehalten, als vielmehr durch die Liebe\nzur Sache herangezogen werden. An der Spitze müsste ein\nbedeutender Mann, wo möglich eine allgemein anerkannte\nAutorität, stehen, und alles dies ins Leben zu rufen, dazu\nwäre wohl ein echtes, wirkliches Conservatorium berufen,\ndas wir eben nicht haben. Ein solches würde dann auch\njüngeren Talenten und noch minder bekannten Autoren\nzuweilen Gelegenheit bieten können, ihre Arbeiten und\nVersuche dem Publicum vorzulühren, was ihnen bis jetzt\nnur unter den empfindlichsten, den meisten geradezu uner-\nschwinglichen Opfern und nur in einer Weise möglich ist,\ndie sich für sie nicht einmal immer geziemen will, nämlich\ndurch Veranstaltung selbstständiger Concerte, wobei sie\nnoch überdies den Vorwurf der Selbstüberschätzung auf\nsich zu laden Gefahr laufen. Hierin aber, dass solche Car-\ndinal-Gebrechen zur Stunde noch ungehoben sind, zeigt es\nsich, nicht dass es bei uns an Kunstliebe und Verständniss\nim Einzelnen, wohl aber an allem flüssigen Kunstleben\nim Ganzen fehlt."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "196", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540624-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5054, "texte": "Ich komme von meiner Abschweifung zurück. Ausser\njenen grossen Orchester-Concerten, deren ich oben er-\nwähnt, kommen noch die stehenden Oratorien-Auflührun-\ngen der Gesellschaft der Tonkünstler-Witwen und Waisen\nin Betracht, oder vielmehr: sie kommen nicht in Betracht;\ndenn hier fehlt es an Allem von A bis Z, zunächst an einem\nwirklichen Repertoire. Höchsten Respect vor Haydn's\nSchöpfung und Jahreszeiten aber es gäbe doch wohl\nnoch manches andere Werk, welches neben diesen an das\nLicht des Tages gebracht zu werden verdiente und darum\nweder Preyer's preiswürdiger „Noah\", noch auch Ass-\nmayer's bewährt-unwiderstehlicher „ Saul\" zu sein brauchte.\nDie Kunstgeschichte kennt aus älterer und selbst neuerer\nZeit noch sonst manches nicht ganz verachtungswerthe\nWerk dieser Gattung, was wir die verehrungswürdigen Be-\nschützer der Witwen und Waisen zu erwägen bitten\nWerke, die sie mit geringerer Gefahr für die materiellen\nInteressen der letzteren (die Erfahrung hat es gelehrt) in\nScene setzen könnten, als den gewaltigen Saul.\nWas sonst an Orchester-Productionen vorkam, be-\nschränkte sich auf Beigaben zu Concerten einzelner Künst-\nler (wie Vieuxtemps', Jenny Lind's) und auf gewisse Aka-\ndemieen, deren letztes Resultat für jeden anständigen Men-\nschen ein kläglicher Katzenjammer ist, den er nur durch\nmehrtägiges Fasten curiren kann, wenn er nicht schnell\neine kräftige Brühe zur Hand hat.\nDie bedeutendste Stelle neben den grossen Orchester-\nConcerten (von der Oper spreche ich zuletzt) nehmen die\nQuartett-Productionen ein. Schon der einzige Umstand,\ndass solche noch vor sechs Jahren hier ein ganz unbekann-\ntes Ding waren und nur ganz sporadisch auftraten, wäh-\nrend wir im abgelaufenen Winter deren nahe an dreissig\nzählten, verbürgt unbefangen Urtheilenden einen wesent-\nlichen Fortschritt. Sie wissen, dass dieses ansehnliche Con-\ntingent durch die stetigen Quartett-Soireen des Prof. Hell-\nmesberger und durch jene der Gebrüder Müller und von\nVieuxtemps gestellt und also auch qualitativ fast nur Aus-\ngezeichnetes geboten wurde. Den bereits eingebürgerten\nQuartett-Productionen des Prof. Hellmesberger gegenüber\nhaben wir nur die eine wesentliche Forderung geltend zu\nmachen: liberale Erweiterung der Programme, d. h. wür-\ndigere Berücksichtigung der Neuzeit. Von den 36 Werken,\nwelche dieselben zur Aufführung brachten, fielen auf\nlebende Autoren, von Altmeister Spohr abgesehen, nur\nlünf (Schumann, Volkmann, Veit, Wölfl* und Assmaier),\nwas denn doch ein gar zu kärgliches Almosen ist.\nIch komme nunmehr zu unserem Männergesang-Ver-\neine. Imposante Kräfte, herrliches Ensemble (um welches\nnamentlich Prof. Stegmayer grosses Verdienst hat), aber\ndie künstlerische Tendenz zu leichtfertig. Das Unbedeu-\ntende, Gegenwärtige hat hier zu sehr die Oberhand. Er\nmöge sich also mehr zusammennehmen und namentlich\nGrösseres geben. Vor Allem möge er sich erinnern, dass\nes noch in unmittelbarster Gegenwart einen gewissen Karl\nLöwe gibt, dessen Existenz derselbe bisher total ignorirt,\nvon dem wir aber nichts desto weniger bekanntlich gerade\nin diesem Genre im Grossen wie im Kleinen Meisterliches\nbesitzen.\nUnter den Einzel-Concerten waren die hervorragend-\nsten jene Vieuxtemps', Jenny Lind's und Stockhausen's.\nEine solche Liste concertirender Pianisten, wie sie Ihr pa-\nriser Correspondent zusammengestellt, vermöchte ich, dem\nHimmel sei Dank, nicht aufzutreiben. Was aber auf diesem\nGebiete auftauchte, hinterliess keine besondere Spur seines\nDaseins; selbst die einstigen Löwen Willmers und Leop.\nv. Meyer sind sehr bedeutend degradirt worden. Mag im-\nmerhin Herr Goldschmidt sich als Virtuose mit diesen Bei-\nden nicht messen können, so muss man ihm doch nach-\nrühmen, dass er von seiner Kunstfertigkeit einen würdige-\nren Gebrauch macht, und dass er vielleicht nur etwas mehr\nEnergie und eine minder berühmte Gattin zu besitzen\nbrauchte, um allgemeinere Anerkennung zu gewinnen.\nUnter den jüngeren, emporstrebenden Kunst-Candidäten\nmachte sich besonders der Violinist Herr Ludwig Strauss\nbemerkbar, und man kann demselben eine schöne Zukunft\nprognosticiren; nur möge er das Beispiel Joachim's nach-\nahmen und in seinen Productionen möglichst leeren Flitter-\nkram vermeiden. An Privat-Concerten war kein Mangel,\nund unter ihnen nahmen jene des Pianoforte-Fabricanten\nHerrn Seuflert eine achtbare Stelle ein. Endlich erwarb\nsich auch Herr Prof. FischhofT, wenn auch nur im engeren\nKreise, in gewohnter Weise namhafte Verdienste um die\nVerlebendigung der älteren Kirchen-Musik.\nIch komme schliesslich noch auf die Oper zu sprechen,\nnicht jedoch, um auch hier noch ein Gesammt-Facit zu\nziehen (da ich zu oft die Rechnung im Einzelnen abge-\nschlossen), sondern um Ihnen in einigen Worten über die\njüngste Novität, über Verdi's „Masnadieri*, zu berichten.\nDer Mensch ist ein schwacher Sterblicher und hat als sol-\ncher Momente, wo er mit bestem Willen nicht seine volle\nAufmerksamkeit auf das sonstige Object seiner Neigung\noder Pflicht zu wenden vermag. Ein jüngst erlebtes, bedeu-\ntendes Ereigniss, ein Paar schwarzer Augen, die allzu feurig"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "197", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540624-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3776, "texte": "auf ihn herniederblitzen, können seine Seele so in Bann\nlegen, dass nichts Anderes zu ihr Zutritt finden kann. So\nerging es mir in Verdi's Oper, und ich vermöchte daher\ndiesmal mein Urtheil selbst nicht als individuel maassge-\nbend anzusehen. Nach den instinetiven Eindrücken aber,\ndie ich empfing, möchte ich dieser Oper Verdi's mehr zu-\ngestehen, als irgend einer, die ich bisher von dem Maestro\ngehört. Einzelnes, wie gleich die ersten Scenen des ersten\nActes, schien mir von ungewohnt bestimmterem Gepräge,\nnicht so ganz phrasenhaft, die Instrumentation im Ganzen\nsinnvoller und gewählter, die Behandlung der Singstimmen\nnatürlicher und discreter. Dies ist alles, was ich sagen kann.\nDas Finale des vierten Actes wurde mir auch sehr gerühmt,\ndoch habe ich diesen nicht einmal mehr gehört. Sie sehen,\nwie gewissenhaft ich bin! Auch lässt sich sonst Günstiges\nfür diese Oper anführen. In Italien erfuhr sie, wenn ich\nnicht irre, ein missliches Schicksal; dagegen fand sie in\nLondon 1846 vielen Beifall, und unsere Roues der ita-\nliänischen Oper sagen, sie habe wenig Melodie: lauter gute\nZeichen. Bei uns wurde sie sehr günstig aufgenommen,\nwozu indess die jedenfalls ausgezeichnete Darstellung mit\nder Medori (Amalie) und den Herren de Bassini und Mi-\nrate (Franz und Karl Moor) auch das Ihrige beitrugen.\nDie Handlung ist ganz und gar Schillers Räubern entnom-\nmen und daher in deutschen Landen wohl bekannt. Die\nGeschichte der diesjährigen italiänischen Oper ist überhaupt\neine seltsame. In der ersten Hälfte ihrer Herrschaft folgte\nein Fiasco dem anderen, sie wurde geradezu verhöhnt und\nausgelacht. Das muss ihr denn zu Herzen gegangen sein,\nund es gelang ihr, mit plötzlichem Umschwünge sich wie-\nder in vollen Credit zu setzen. In der That war auch an\nder Aufführung von Mercadante's „Giuramento\" (nach\nmeiner Meinung eine der besseren neueren Opern) und\nVerdi's „ Masnadieri\" wenig auszusetzen. Dessen ungeach-\ntet aber spricht man davon, dass im nächsten Jahre keine\nitaliänische Opern-Saison Statt finden solle, wogegen ich\nfür meine Person nicht das Mindeste einzuwenden hätte,\nauch wenn diese Maxime auf alle künftigen Zeiten ausge-\ndehnt werden sollte. Das, glaube ich, heisst noch nicht\nengherzig national gedacht, wenn.man fordert, dass auf\ndeutschen Bühnen Deutsch gesprochen und gesungen werde.\nDie erste Novität im kommenden Herbste wird natürlich\nMeyerbeer's „Nordstern\" sein. Möge es der Direction auch\nnicht an gutem Willen und entsprechendem Gelingen feh-\nlen, Richard Wagner's Opern wenigstens versuchsweise\n„die Pforten der Holbühne zu erschliessen\". Auch Men-\ndelssohn's Loreley-Fragmentes könnte sie eingedenk sein,\nund sollte sie ja wieder einmal der in Acht und Bann ge-\nlegten bescheideneren Operetten gedenken, so wünschten\nwir vor Allem wieder einmal Mendelssohns köstliche\n„Heimkehr aus der Fremde\" und Hoven's mit Recht stets\nbeliebt gewesenes „Abenteuer Karl's II.\" zu hören.\nVon der Gress'schen Broschüre: „Recensionen über\nTheater und Musik\", ist bereits ein vierter Band erschie-\nnen. Derselbe enthält fast ausschliesslich Detail-Kritiken\nüber die Opern-Vorstellungen des abgelaufenen Halbjahres.\nWer soll denn aber um Gottes willen die Geduld haben,\nalles das jetzt noch einmal durchzukauen? So viel ich aus\neinem flüchtigen Durchblättern gesehen, handhabt der Ver-\nfasser sein kritisches Schlachtschwert noch immer mit sehr\ngrosser Strenge, die ihn denn doch gegen Einzelne manch-\nmal ungerecht werden lässt, wie z. ß. gegen die nach\nmanchen Seiten hin sehr schätzbare Marlow. Ihr kölner\nPublicum, welches unseren Beck mit so schmeichelhaften\nOvationen überhäufte, würde nicht wenig verwundert sein,\nzu lesen, was hier über diesen Sänger und in specie über\nseine Leistung als Don Juan, offenbar zu weit gehend, ge-\nschrieben steht.\n\nB."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-06-24-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-06-24_01#c003", "volume": "bmtnabi_1854-06-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "197", "page_fin": "198", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540624-01.2.3", "titre_corps": "Aus Münster.", "titre_sommaire": "Aus Münster.", "signature_source": "Kg", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "197", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540624-01.1.5", "debut_caractere": 3778, "fin_caractere_exclue": 5372, "texte": "Aus Münster.\n\nDen 10. Juni 1854:\nIn den vom October 1853 bis Mai 1854 gegebenen 16 Concer-\nten des hiesigen Musik-Vereins wurden aufgeführt: Sinfonieen:\nvon Beethoven Nr. 2, 3, 4, 5. 6 und 7, von Mendelssohn\nA-dur (Nr. 4) und A-moll (Nr. 3), von Spohr*) historische Sin-\nfonie*, von Schumann D-moll* (Nr. 4), von Rein ecke\nvon Hiller „Es muss doch Frühling werden\"\", von Franz Schu-\nbert C-dur,drei Andanten aus Sinfonieen von Mozart, Haydn,\nFrank. Ouvertüren: Mozart's Zauberflöte, Ben n e 11' s Wald-\nNymphe, Mendclssohn's Meeresstille und glückliche Fahrt,\nCherubini's Lodoiska, Anakrcon, Wasserträger, Abenceragen,\nKarl Müller's Macbeth*, Spo ntini's Vestalin, Boildieu's\nWeisse Dame, Beethoven's Egmont, Fidelio (Nr. 4), WiiUner's\nConcert-Ouverture in D,Webers Freischütz, Euryanthe, E.\nFrank's „Der römische Carneval\"*, Bei ssiger's Nero. Für\nGesang und Orchester: Händel's Messias, Fcsca's Psalm\n103, Bomberg's Glocke, Mehul's Joseph in Aegypten (mit ver-\nbindenden Worten von Gisbert Freiherrn von Vincke)*, Beetho-\nven's Fidelio, erster Act, Meeresstille und glückliche Fahrt, Musik\nzum Egmont mit Moscngeil's Gedicht, Musik zum Festspiel: Die\nBuinen von Athen, Mozart's zwei Quintette, Terzett und Chor\naus Cosi fan lutte,Gade's Frühlings-Phantasie*, Comala *. Con-\ncertstücke für Pianöforte; Mendelssohn's Capriccio\n[H-moll] mit Orchester-Begleitung (vorgetragen von Herrn Wüllner),\nBeethoven's Sonate Les adieuxu.- 's. w. (vorgetragen von dem-\nselben), Mozart's Phantasie aus zu vier Hiinden, E.\n\n*) Die mit einem * bezeichneten Tonwerke kamen hier zum er-\nsten Male zur Aufführung."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "198", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540624-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3513, "texte": "Frank's Concert aus D-moll* (vorgetragen vom Herrn Compo-\nnisten), Mozart's Ouvertüre zur Zauberflöte, für Pianoforte zu\nzwei Händen eingerichtet von Frank* (vorgetragen von demsel-\nben), Mendelssohn's Concert aus G-moll, Chopin's Notturno,\nReinecke's Ballade (diese drei Stücke vorgetragen von Herrn\nRein ecke). Ausserdem wurden von der hiesigen Liedertafel Lie-\nder von Kücken, Preyer, Marschner, Reichardt, Silcher, Veit,\nHäser und Mendelssohn vorgetragen.\nDie Wahl dieser Tonwerke spricht ohne Commentar über den\nGeschmack des hiesigen Publicums. Die herrschende Richtung geht\ndurchaus auf das Classische in der Tonkunst; sie ist aber nicht\neinseitig und hat auch ein empfängliches Ohr für gediegene Schö-\npfungen der Gegenwart. Diese Richtung findet einen wesentlichen\nStützpunct in der vortrefflichen Art, in welcher die Tonwerke, na-\nmentlich die für Orchester, durch den Director des Musik-Vereins,\nHerrn Karl Müller, zur Aufführung gebracht werden. Durch\nseinen Tasso in Sörrent als begabter Componist bekannt, verbindet\ner als Dirigent des Orchesters und Chors mit classischem Geschmack\nund tiefer Kenntniss der classischen Tonwerke in hohem Grade die\nKunst, die Ausführenden in den tieferen Sinn der Composition\neinzuführen und dieselben durch seine ruhige und doch des nöthi-\ngen Feuers nicht entbehrende, so wie durch seine ernste und doch\nfreundliche Haltung für den Dienst der Muse zu fesseln, so dass\nsie zusammen wie Ein Instrument sich darstellen, welches von ihm\ngespielt zu werden scheint. Die Folge davon ist, dass auch sein\nOrchester und Chor das Spielen nicht als Spiel, sondern als eine\nernste Sache betrachtet, für welche nur init vollster Hingebung und\ndurch grosse Opfer an Fleiss und Zeit Erfolge errungen werden\nkönnen. Unter solchen Verhältnissen war denn auch die Auffüh-\nrung jener Tonwerke hinsichtlich des Orchesters und Chors eine\ndurchweg gelungene, und selbst die der grösseren und schwierige-\nren unter ihnen Hess in Beziehung auf Auffassung und Ausdruck\nbis zu den feinsten Nuancirungen fast nichts zu wünschen übrig.\nAuch die Liedertafel erfreute allgemein durch ihren innigen, aus-\ndrucksvollen Vortrag.\nWas die Solo-Partieen anlangt, so gebührt zunächst den ge-\nnannten Herren Pianisten für ihr vortreffliches Spiel der herzlichste\nDank. Im Uebrigen aber lässt sich der Wunsch nicht unterdrücken,\ndass nach dieser Seite der musicalischen Production hin Manches\nsich hier anders gestalten möge. Die Aufführung des Messias\nmachte für die Solo-Partieen das Heranziehen auswärtiger Kräfte\nnothwendig; die Solo-Partieen für Gesang in den übrigen Auffüh-\nrungen Hessen Manches zu wünschen übrig, und Solo-Vorträge für\nInstrumente wurden, ausser denen von den genannten, unserer\nStadt nicht angehörigen Pianisten, nicht gehört. Es lässt sich nicht\nverkennen, dass an leitender Stelle das alle Anerkennung verdie-\nnende Motiv vorwaltet, auch in dieser Beziehung das Mittelmässige\nauszuschliessen und dem grösseren musicalischen Publicum nur das\nGediegene vorzuführen. Es dürfte jedoch auch Beachtung verdie-\nnen, dass bei zu starkem Betonen einer aus Ursachen, die in der\ngegenwärtigen allgemeinen Strömung des musicalischen Lebens He-\ngen, mit dem Virtuosenthum vielfach in Opposition stehenden\nRichtung das in der Zulassung der Einzel-Productionen liegende\npädagogische Element nicht genügend gewürdigt wird, und dass\nauch für viele Hörer der Solo-Vortrag der Durchgangspunct für\ndas Verständniss der grossen, massenhaft wirkenden Erzeugnisse\nder schaffenden Tonkunst ist.\n\nKg."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-06-24-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-06-24_01#c004", "volume": "bmtnabi_1854-06-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "198", "page_fin": "198", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540624-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "198", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540624-01.1.6", "debut_caractere": 3515, "fin_caractere_exclue": 7135, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nFrankfurt am Main. Wiederum ist hier etwas für das\ngänzlich brach liegende Feld der Kirchen-Musik geschehen. Unter\nAnregung und Leitung des Herrn Jakob Bisch off, ehemaligen\nStipendiaten der Mozart-Stiftung, hat sich ein Verein von ungefähr\n80 Mitgliedern, Herren und Damen, gebildet, der sich zur Aufgabe\nstellt, zur Verherrlichung des Gottesdienstes in einigen der grösse-\nren evangelischen Kirchen Gesang-Musik a Capella auszuführen.\nSeine Wirksamkeit begann er am Pfmgstsonntage in der Cathari-\nnenkirche und am Tage darauf in der Paulskirche. Die statutge-\nmässe Begründung des Vereins ist jedoch noch nicht erfolgt. Mö-\ngen sich diesem löblichen Unternehmen nicht Hindernisse entge-\ngenstellen, wie jenem des Herrn Henkel mit katholischer Kir-\nchen-Musikhierorts, das auf zwei oder drei Aufführungen im Jahre\nbeschränkt bleibt, folglich so gut als gar nicht existirend zu be-\ntrachten ist! Wo Kirchen-Musik nicht gleichsam radicirt ist, wie in\nallen österreichischen Dorfkirchen, da begegnet man immer den-\nselben Hindernissen, die sich ähnlichen Unternehmungen entgegen-\nstellen: Unzulänglichkeit der vorhandenen, durch Sammeln aufge-\nbrachten Geldmittel und Theilnahmlosigkeit des katholischen Cle-\nrus. Ob letztere bei dem hiesigen Clerus eben so wie anderwärts\nvorherrscht, will ich nicht behaupten, doch fällt es mir nicht\nschwer, auszusprechen, dass Ilenkel's Unternehmen an der Spitze\neines wackeren Vereins eine ganz andere Folge haben würde,\nwenn der geistliche Vorstand der katholischen Kirchen für Auf-\nbringung der benöthigten Geldmittel allein Sorge tragen wollte. Die\nErfahrung lehrt überall, dass Kirchen-Musik nur gedeiht, wenn\nihre materielle Unterhaltung nicht auf willkürliche Beiträge basirt\nwird; denn die Mildthätigkeit in diesem Puncte ist von gar kurzer\nDauer.\nZu dem schönen Berichte unseres Freundes Mosewius in Nr.\n17 dieser Zeitung, welcher beweiset, dass in der breslauer Akade-\nmie die Musik eine Wahrheit geworden, fügen wir\ncet componere magnis einige Parallelen aus unserem nordischen\nOstfriesland, wo zwar keine Virtuosen und Zukunfts-Musieanten\ngedeihen, aber doch ziemlich gut gesungen wird, um den alten\nSpruch zu Schanden zu machen: In Emden\nbesteht unter Leitung des jungen Storme, eines sehr talentvollen\nMusikers, der sich kürzlich auch durch Composilionen zur Ama-\nranth (Minden, 1 issener) bekannt gemacht hat, ein Singvercin und\neine Liedertafel; letztere leistet sehr Tüchtiges, namentlich in Prä-\ncision und Aussprache; der Singverein hat kürzlich den Elias zu\nvollständiger und befriedigender Ausführung gebracht; früher wurden\nPaulus und Lowe's Siebenschläfer eingeübt. In Aurich\nist unter Leitung des Dr. Krüger einSingverein, der sich an alt-\ndeutschen Volks- und Kirchenliedern und an Oratorien von Händel\nversucht; er hat zu öffentlicher Aufführung gebracht: Ostern 1853\nHändel's Israel in Aegypten, Ostern 1854 Händel's Samson, beide\nmit Orchester-Begleitung; Weihnachten 1853 das achtstimmige\nMotctt: „Singet dem Herrn ein neues Lied\", und: „Hirte Israels''\nvon S. Bach; „Weihnachtslied\" und „Darbringung im Tempel\" von\nEccard. In früheren Jahren, seit 1834, wurden in Emden und Au-\nrich öffentlich aufgeführt, theils mit Orchester, theils mit Orgel:\nHaydns Schöpfung und Jahreszeiten, beide einmal; Han-\ndels Messias, viermal; Maccabäus, dreimal; Josua, einmal;\nIsrael in Aegypten, zweimal; B eis azar, einmal; Spohr'sFall\nBabylon s, einmal. Sämmlliche Händel'sche Oratorien sind ohne\nKürzung und Wegschneidung aufgeführt, und Niemand\naus dem mannigfach zusammengewürfelten Publicum hat die Auf-\nführung vor dem Ende verlassen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-06-24-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-06-24_01#c005", "volume": "bmtnabi_1854-06-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "199", "page_fin": "200", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540624-01.2.5", "titre_corps": "Erwiderung auf eine grimmige Philippica.", "titre_sommaire": "Erwiderung auf eine grimmige Philippica.", "signature_source": "A. S", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "199", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540624-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7368, "texte": "Erwiderung auf eine grimmige Philippica.\n\n(Durch Zufall verspätet.)\nDiese schleudert Herr Ferdinand Ililler in Form eines offenen\nBriefes in Nr. 21 d. 81. mir entgegen. Wenn Zorn und Rache in\nGemeinschaft von Eitelkeit und Dünkel die Feder führen/ werden\nVernunft und Klugheit in den Hintergrund gedrängt und nicht ge-\nhört. Herr Ililler bricht die Gelegenheit vom Zaune, um dem frank-\nfurter Referenten in den Grenzboten vom 24. März einige Rippen-\nstösse zu versetzen. Und doch hat dieser Referent über die Erleb-\nnisse im Museum am 3. März nur der Wahrheit die Ehre gege-\nben, der marktschreierischen Lüge ein Sordin aufgesteckt und das\nmeist gesunde Urtheil des hiesigen Concert-Publicums, aber auch\ndas tüchtiger Musiker, in der Ferne respectiren gemacht. Nebenbei\nward Herrn Hiller eine heilsame Lehre zu Theil, für welche er in\nanständiger Weise seinen Dank hätte aussprechen sollen, nicht aber\nvon Beidem das Gegentheil. Möge nun der Herr Capellmeister,\nder bei seinem Auftreten die Rücksicht auf seine amtliche Stellung\nausser Acht gelassen, in Folgendem die verlangten Auskünfte, aber\nauch neue Belehrung finden.\nWas zunächst den angefallenen Aufsatz oder Abschnitt aus mei-\nner 1849 nicht für Professoren, sondern ausdrücklich „für Sludi-\nrende von Beethovens Clavier-Musik44 als Manuscript gedruckten\nSchrift betrifft (s. Niederrheinische Musik-Zeitung Nr. 20), so er-\nklärt die Redaction Eingangs: „Der Verfasser hat uns gestattet,\nden folgenden interessanten Abschnitt durch Wiederabdruck auch\ndem grosseren Publicum mitzutheilen.44 Aus diesen Worten ist zu\nentnehmen, dass die Redaction mit jenem Inhalte einverstanden\nist*), folglieh wohl auch dafür verantwortlich sein wird, zumal in\nBezug auf die älteren Koryphäen des Ciavierspiels keine Aeusse-\nrung vorkommt, die nicht von Anderen bereits ausgesprochen\nworden wäre.\nEinem Künstler, wie F. Hiller, der den grössten Theil seines\nLebens in fernen Landen mit Vermehrung seines Ruhmes beschäf-\ntigt gewesen, was bekanntlich viel Zeit, auch viel Geld kostet, ist\nes nicht übel zu nehmen, wenn er von alten Musikern im deut-\nschen Vaterlande, die längst von der Schaubühne abgetreten, nichts\nweiss. Dieselbe Bewandtniss mag es haben mit dem Kreise von\nKünstlern und Kunstfreunden zu Köln, die ihn „schmeichelhafter\nWeise mit Fragen bestürmt haben, um Näheres über mich zu er-\nfahren\". Nichts wussten die wissbegierigen Leute, als dass ich in\nMünster (soll wohl heissen: Ultima Thüle) Musik-Director gewesen,\nüber Mendelssohns Fähigkeit als Dirigent eigentümliche Ansich-\nten veröffentlicht und in Paris als „Ami de Beelhoven\" aufgetreten.\nUnbekannt ist es also leider Herrn Ililler und seinem Kreise ge-\nblieben, dass ich in derselben Eigenschaft, in der er gegenwärtig\nwirkt, nahe an zehn Jahre in Wien und fünf Jahre in Aachen ge-\nwirkt habe, nicht aber in dem Aachen, wo so eben ein niederrhei-\nnisches Musikfest Statt gehabt, sondern in der Stadt gleichen Na-\nmens hinter den Himalaja-Bergen, von woher musicalische Nach-\nrichten sich nicht bis Köln verlieren, am wenigsten bis zu den\nOhren von Ciavier-Virtuosen, sie mögen leben, wo immer. Welch\ngeringe Theilnahme diese Menschen-Classe allem widmet, was nicht\nihre Person und das Piano angeht, ist bekannt; daher ihr kurzes\nGedächtniss in so vielen Dingen. Herr Ililler hat mir in seiner\nPhilippica die passende Gelegenheit gegeben, das seinige in etwas\naufzufrischen.\nDer Director der Rheinischen Musikschule und Consorten wür-\nden sich die Nachfrage um mich leicht gemacht haben, hätten sie\nsich an gewisse Musiker in Köln gewendet, vielleicht an Doin-Ca-\npellmeister Leibi, an die Herren Breuer, Derckum, Hartmann,\nFranz Weber und Andere. Oder sollten diese wackeren Künstler\nalle nicht mehr unter den Lebenden wandeln? Sollte wohl gar die\ngrosse Schar von Herren und Damen, die im December 1840\neine Messe von meiner Composition unter Leibl's Direction mi\ndankenswerthem Fleiss und Eifer im kölner Dome aufgeführt, be-\nreits in Abrahams Schoosse ruhen? Ja, dann bliebe freilich nichts\nübrig, als die Neugierigen wenigstens auf den in der Kölnischen\nZeitung vom 18. December 1840 (Beilage) mein Werk und dessen\nAusführung besprechenden Bericht zu verweisen, der aus der Feder\neines gewissen Präsidenten Verkenius herrühren soll ein Name,\nden kölnischen Virtuosen der Gegenwart sicherlich ganz unbekannt.\nAm Schlüsse seines Berichtes bemerkt jener Referent, dass dies\nnicht die dem Papste gewidmete Messe sei; also eine zweite noch,\ndie er, wie auch der seiige Dom-Capellmeister wohl gekannt ha-\nben. Da jedoch beide treffliche Männer längst abgeschieden, Herrn\nHillers Neugierde folglich nicht mehr stillen können, so bleibt\nwiederum nichts übrig, als ihn an den Bericht über die Auffüh-\nrung dieses Werkes in der Karlskirche zu Wien zu verweisen,\nder sich in der Wiener Musik-Zeitung von 1841 vorfindet. Ich ver-\nspreche ihm namenlose Freude, die ihn bei Lesung dieser beiden\nBerichte überfallen wird, und wird er mir für deren Mittheilung\ngewiss ewig dankbar sein.\nGleichen Dank hoffe ich zu ärnten durch Auffrischen seines\nschlechten Gedächtnisses. Es wird durch Vorhalten eines Factums\ngeschehen können, dessen Zeuge auch er gewesen. Am 7. April\n1827, wenige Tage nachdem sich das Grab über Beethoven ge-\nschlossen hatte, fand im Josephstädter Theater zu WTien ein dem\nhier Unterzeichneten von der Direction rückständig gebliebenes\nBcnefice-Concert Statt, zu welcher Verpflichtung die Direction durch\ndie Gerichte verurtheilt worden war. Unter den Mitwirkenden be-\nfand sich auch Hummel. Auf den Affichcn war folgende Anmer-\nkung zu lesen: „Herr Hummel wird die Ehre haben, sich zum\nletzten Male vor seiner Abreise hören zu lassen, und es gereicht\nihm zum besonderen Vergnügen, den Wunsch seines verewigten\nFreundes Beethoven, der ihn noch auf dem Sterbebette er-\nsuchte, an seiner Statt den Unterzeichneten (Anton Schindler,\nvormals Orchester-Director dieses Theaters)*), bei dieser Benefice-\nVorstellung zu unterstützen, erfüllen zu können.44 Denkwürdig ist\ndieses Factum nicht bloss dadurch, dass sich Beethoven, in Vor-\nahnung seiner baldigen Auflösung, durch persönliche Mitwirkung\ndem langjährigen, für ihn stets thätig gewesenen Freunde sich\ndankbar zu beweisen behindert sah, wesshalb er Hummel ersuchte,\ndieses an Statt seiner zu thun; sondern auch dadurch noch, weil\nHummel dabei Gelegenheit gefunden, seine Aussöhnung mit Beet-\nhoven Öffentlich zu bekunden. Ich lege eine Affiche jener Feierlich-\nkeit, von der die wiener Blätter zur Zeit mehr zu sagen wussten,\nfür die Redaction bei. Vielleicht kann Hümmels Schüler beim\nAnblicke des interessanten Documentes schaamroth werden.\nUcber meine „eigentümliche Ansicht von Mendclssohn's Fähig-\nkeit als Dirigent4 erfahre Herr Hiller und Consorten Folgendes:\nDie Grenzboten vom 5. Mai bringen einen auslührlichen Bericht\nüber die Zustände, resp. den Verfall, der leipziger Gewandhaus-Con-\n\n*) Bitte um Entschuldigung; es ist daraus nur zu entnehmen,\ndass die Redaction den Abschnitt für „interessant44 hält.\nFür jedes apodiktische Urtheil eines geehrten Mitarbeiters,\nwelcher seinen Namen unterschreibt, verantwort-\nlich sein zu wollen, kann uns nicht einfallen.\nDie R edaction.\n*) „Das weiland nicht zu den geringsten Wiens zählte44, be-\nmerkt ein Correspondent über den jetzigen Zustand des Jo-\nsephstädtcr Theaters in der Beilage zur Allg. Zeitung vom\n5. d. Mts, Anm. des Verfassers."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "200", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540624-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4938, "texte": "certe. Darin heisst es unter Anderem: „Ein Grundschaden für alle\nLeistungen des Orchesters ist das Ueberhctzen der meisten Tem-\npo's, welches, leider nach M e n d e 1 s s o h n* s V o r g a n g, hier\nimmer mehr um sich gegriffen44 u. s. wr. Schon 1836 hatte ich\nVeranlassung, diesem Grundschaden, d. h. Mendelssohn's Auffas-\nsung der classischen Instrumental werke, zunächst Beethoven's, in\nder Kölnischen Zeitung entgegen zu treten, und erlaubte mir, den\nin der Rheinprovinz vergötterten, wenngleich noch sehr jungen Di-\nrigenten an die wiener Concerts spirituels zu weisen, wo damals\nnoch eine getreue Tradition davon zu holen war. Ueber die Wir-\nkung solcher Kühnheit schweige ich. Die Folgezeit hat aber leider\nnur zu offenbar gezeigt, welche Begriffs-Verwirrung von dem Geiste\nder classischen Orchesterwerke durch Ueberhetzen der Tempo's,\nnach Mendelssohn's Beispiel, in den deutschen Orchestern einge-\nrissen ist, wogegen meines Erachtens kein Remedium aufzufinden\nsein dürfte, wie dessgleichen auch gegen die übermässig hohe\nStimmung aller deutschen Orchester zum sicheren Ruin der Sing-\nstimmen. Lebte nicht Franz Lachner noch, der die Traditionen\nvon Haydn's, Mozart's und Beethoven's Instrumental-Werken von\nden wiener Concerts spirituels überkommen, ich wüsste keinen Or-\nchester-Director an der Spitze eines ausgezeichneten Orchesters in\nganz Deutschland, an den Aspiranten auf ein Directions-Pult zu\nweisen wären» Hört und lies't man jetzt so häufig Klagen über\nAusarten der Orchester in blosse Virtuosität, vergleicht man diese\nmit dem Ueberfahren der Dampfschiffe und Locomotiven in Ame-\nrica, so ist die Quelle dieses heillosen Treibens bei Mendelssohn\nzu suchen. Seine Auflassung der Orchester-Musik geschah fast im-\nmer vom Standpuncte des Clavier-Virtuosen. Da liegt die Grund-\nursache des Grundschadens. Erst nachdem Mendelssohn todt war,\nbekam die Kritik Muth und Einsicht, an seiner Unfehlbarkeit als\nDirigent und Componist Zweifel laut werden zu lassen, und excel-\nlirte nicht selten in der Uebertreibung, z. B. Dr. Krüger und die\nN. Zeitschrift für Musik. Gerade so ging es der Kritik mit dem\nälteren und jüngeren Virtuosenthume. Zuerst maasslose Bewunde-\nrung und Verhimmelung, hinterher feiges Gejammer und ohnmäch-\ntiges Beissen. ' - •\n„Ami de Beethoven— Im April 1841 schrieb Herr Heine un-\nter Anderem der Allg. Zeitung, „dass im letzten Winter ein deut-\nscher Musiker mit einer Lcichenbitter-Miene und blendend weisser\nCravate in Paris gewesen, (kr auf seinen Visitenkarten sich Ami\nde Beethoven genannt haben soll44 u. s. w. Dieser deutsche Musiker\nerschien aber alsbald in der Deutschen x\\llg. Zeitung mit einer\nZüchtigung, darauf zu erwidern der saubere Herr Heine vergessen\nhat, wie auf so viele andere ihm widerfahrene. Aber einigen in\nParis lebenden deutschen Musikern entgegnete er, diesen Witz\nbloss seinem damals noch sehr dicken Freunde Franz Liszt zu Ge-\nfallen losgelassen zu haben. Dies das interessante Märchen Von\ndem Ami de Beethoven, daran Herr Hiller und Consorten in und\nausserhalb Köln sich gewiss oft ergötzt haben. Mögen sie sich\nnicht stören lassen.\nWäre also-jetzt noch der Fragepunct über mein Ciavierspiel zu\nbeantworten. Herr Hiller wolle sich gedulden bis zur nächsten\nVacanz einer Stelle als Lehrer des Piano an der Rheinischen Mu-\nsikschule, um die ich mich zu bewerben gedenke. Die Prüfung\nmeiner Virtuosität soll darthun, dass ich mir die modern-coquette\nEleganz und genial-schlotterige Nonchalance des Herrn Directors\naufs beste angeeignet habe. Ich werde damit bekunden, dass ich\neben so wenig in dem bereits veralteten Stile Hummers vor-\ntrage, als dieser aus den Vorträgen des Herrn Directors, Kennern\ngegenüber, sich gegenwärtig bekundet. Stil und Geist Hummel's\nsind diesem seiner Schüler längst abhanden gekommen.\nZweierlei sind die Beweggründe zu vorstehender Erwiderung:\ndie bürgerliehe Stellung des Mannes, von dem die Verunglimpfung\nausgegangen, und das Semper aliquid haeret Sonst wäre es meiner\nunwürdig, Ausfälle der Art zu beachten, zumal sie den verdienten\nLohn in sich selbst tragen und von allen Unbefangenen alsbald\nverurtheilt werden.\nFrankfurt am Main.\nA. Schindler.\nNachschrift. Einer hochpreislichen Redaction der Süddeut-\nschen Musik-Zeitung darf ich für den Abdruck „in extenso\" des\nHiller'sehen Briefes meinen tiefgefühlten Dank beigehend nicht\nschuldig bleiben. Sicherlich hat diese Aufmerksamkeit nur in dienst-\nfertiger Vermehrung von Ehr* und Ruhm seines Verfassers ihren\nGrund, aber vielleicht auch, um mir Spass zu machen. Fahre die\nHochpreisliche nur so fort. Nötigenfalls erbiete ich mich zu Bei-\nträgen, auch zur Tragung der Einrückungskosten für alle derartigen\nEinsendungen aus Süd und Nord. Zunächst aber wird die Hoch-\npreisliche ihre redlichen Gesinnungen durch Abdruck in extenso>\nvorstehender Erwiderung zu bethätigen Gelegenheit haben; denn\nauch darin ist „Ergötzliches\" für Gesinnungstüchtige zu finden.\n„Spass muss ja sind.\"\n\nA. S."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "193", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540624-01.1.1", "texte": "Berliner Briefe.\n\nDen 16. Juni 1854.\nIch schrieb Ihnen in meinem letzten Briefe von den\nConcerten auswärtiger Künstler, die wir in der letzten\nHälfte dieses Winters hörten; ich hole noch Einiges von\nden heimischen nach. Die Sing-Akademie gab den Elias,\ndie grosse D-moll-Messe von Cherubini, zwei kleine Kir-\nchenstücke von Grell, von denen sich namentlich ein Te\nDeum durch klare und interessante Arbeit auszeichnet, den\nTod Jesu und die Matthäus-Passion von Seb. Bach. Die\nAufführungen haben eine weit grössere Präcision und Si-\ncherheit gewonnen, als in den früheren Jahren der Fall\nwar ; namentlich ist die edle Mässigung im Vortrage rühmend\nzu erwähnen, die sich von jeder Zudringlichkeit fern hält\nein Vorzug, den die Sing-Akademie fast vor allen hie-\nsigen Musik-Instituten voraus hat ; nur bleibt immer noch\neine grössere Frische und Jugendlichkeit der Stimmen zu\nwünschen, vornehmlich im Tenor und Bass. Die Gleichgül-\ntigkeit unter den jüngeren Männern gegen ernste musicali-\nsche Beschäftigung dauert in einer betrübenden Weise fort;\nalle Vereine leiden darunter. Die Besetzung der Soli in die-\nsen Concerten findet, grossentheils noch immer durch die\nMitglieder der königlichen Bühne Statt und ist dann mei-\nstens genügend; von unseren Dilettanten-Kräften sind dieser\nAufgabe, mit correctem und lebendigem Concert-Vortrage\nzu singen, einen grossen Raum zu füllen und ein Orchester\nzu dominiren, nur wenige gewachsen. Die Orchester-Be-\ngleitung hat neuerdings in durchaus tüchtiger Weise die\nLieb ig'sehe Capelle übernommen, deren Bedeutung für\nunser Musikleben mithin in beständigem Steigen begriffen\nist. Von den einzelnen Concerten war uns die Aufführung\nder Cherubinischen Messe bei Weitem am interessantesten,\nda das Werk im Verhältniss zu seinem hohen künstleri-\nschen Werthe noch immer sehr wenig bekannt ist. Es ver-\neinigt in wunderbarer Weise die kirchliche Ruhe und Er-\nhabenheit mit der lebendigsten modernen Dramatik, und\nenthält einen musicalischen Reichthum von der ursprüng-\nlichsten Originalität in sich, dass einem die Ohren übergehen.\nDie Aufführung der Matthäus-Passion kam leider zu spät,\nweit nach Ostern, an einem herrlichen Sommerabend; na-\ntürlich war der Saal leer. Der Stern'sehe Verein\nführte zweimal Händel's Israel in Aegypten auf, zuerst im\nConcertsaale, dann in der Garnisonkirche. Wenn die erste\nAufführung in der Besetzung einiger Solo-Partieen vor der\nletzteren den Vorzug verdiente, so gewann diese durch die\nBegleitung der Orgel, die Herr M.-D. Küster übernom-\nmen hatte, ein noch höheres Interesse für uns. Der Ein-\ndruck des Werkes wird dadurch ein ganz anderer; mit un-\nverkennbaren Zügen drückt es die Orgel aus, dass alle\nMannigfaltigkeit, die hier im Einzelnen entsteht, auf dem\nfesten Grunde der göttlichen Erhabenheit beruht, dass sich\num alles Menschliche das eine göttliche Band schlingt. Die\nFelsenfestigkeit dieser Kunstschöpfung kommt erst durch\ndie Orgel vollständig zu ihrer äusseren Erscheinung. Im\nUebrigen stimmen wir nicht mit denen überein, die den\nIsrael für Händel's bedeutendstes Werk halten; der Messias\nwenigstens erscheint uns reifer, ausgeführter und reiner. Die\nblosse Vielstimmigkeit der Chöre im Israel reicht nicht hin,\num den Vorzügen des Messias das Gegengewicht zu halten.\nDie Ausführung der Chöre war ganz vortrefflich; unter\nden Solo.-Partieen zeichnete sich der Tenor des Herrn\nOtto aus. Wie es heisst,.studirt der Stern'sche Verein\ngegenwärtig Beethovens grosse Messe, die, wenn ich nicht\nirre, noch niemals in Berlin zur Aufführung gekommen ist;\nmöge er nicht nachlassen, er findet * selten eine bessere\nGelegenheit, sich um unsere Musik-Zustände verdient zu\nmachen. Auch auf das Wilsing'sche De profundis wäre die\nAufmerksamkeit zu lenken. Der Dom-Chor hat im Gan-\nzen vier Abonnements-Concerte gegeben, in denen wir, wie\nimmer, das Vollendetste im Chorgesange zu hören beka-\nmen, in einer Auswahl, die mit Palestrina begann und auch\nden jüngsten der Gestorbenen, Otto Nicolai, nicht aus-\n- Mit jedem Jahre bereichert sich die Zahl der herr-\nlichen Musikstücke aus italiänischer und deutscher Schule,\ndie wir durch den Dom-Chor kennen lernen; eine uner-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "194", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540624-01.1.2", "texte": "messliche Ausbeute bleibt noch der Zukunft vorbehalten.\nDie Kunst contrapunktischer Schreibweise und melodischer\nStimmführung verschafft sich damit neue Geltung den\netwas einseitigen harmonischen Bestrebungen der neueren\nZeit gegenüber; mit der Hervorsuchung des Alten tritt an\nsich selbst ein neues Element in die Zeit, das auf die\nSchöpfungen der Neueren nicht ohne Einfluss bleiben wird.\nUm die Pflegung dieses Elementes hat sich unser Ge-\nsanglehrer Teschner ein nicht genug anzuerkennendes\nVerdienst erworben, theils durch die reichhaltigste Samm-\nlung älterer Werke, die er sich mit vielen Opfern und dem\nausdauerndsten Fleisse erworben hat, theils durch Verbrei-\ntung des Sinnes dalür in allen ihm nur irgend zugänglichen\nKreisen. Eine Privat-Auflührung, die er kürzlich mit seinen\nSchülerinnen im Chor- und Sologesänge veranstaltete, gab\naufs Neue Zeugniss davon. Der edle, ruhige Sinn, der sich\nin den Compositionen älterer Zeit ausspricht, hat sich auch\nauf seinen Gesang-Unterricht übertragen. Wenige stellen\nsich der oft bis zur Verzerrung gesteigerten Leidenschaft-\nlichkeit der neueren Zeit so standhaft entgegen, als Tesch-\nner. Die Resultate seines Unterrichts sind hinsichtlich der\nUnverdorbenheit des Klanges, in der Reinheit der Intona-\ntion und der Egalität der Stimme, in der Fertigkeit end-\nlich vorzüglich; und wenn auch in der Ausdrucks-Mannig-\nfaltigkeit, in der Accentuation und Tonfarbung noch mehr\nzu wünschen bliebe, so liisst sich doch nicht läugnen, dass\nin allem dem, was die solide Grundlage des Gesanges bil-\ndet, die Leistungen von Teschner allen übrigen uns be-\nkannten voranstehen. Unsere anderen Gesang-Vereine\nhaben nichts Hervortretendes von sich hören lassen.\nIn den Symphonieen-Soireen kam die belgische Preis-Sinfonie\nvon Ulrich zur Aufführung mit einem für die Sprödigkeit\ndes berliner Publicums überraschend lebendigen Beifall.\nReferent selbst war leider verhindert, sie zu hören, und\nmuss sich daher des eigenen Urtheils enthalten. Unsere\nQuartett- und Trio-Soireen, so wie die Soireen der Herren\nGrünwald und Seidel und der Herren v. Kolb und v. d.\nOsten haben manches neue Werk gebracht, aber von ge-\nringerer Bedeutung. Zu rügen bleibt es namentlich, dass\ndas im vorigen Jahre in Druck erschienene Quintett von\nFranz Schubert für Streich-Instrumente, eines seiner be-\nwundernswürdigsten Werke, noch immer nicht öffentlich\nzur Aufführung gelangt ist. Unsere Oper neigt sich\njetzt, nachdem die Damen Köster und Wagner uns\nverlassen haben, den allgemeinen Ferien zu. Ueber die\nneuen Opern, die in diesem Winter zur Aufführung kamen,\nhabe ich bereits berichtet. Im Uebrigen ist das Repertoire\nziemlich unverändert geblieben; nur der weissen Dame mit\nForm es, der den Georg Brown mit anerkennungswerther\nFrische und Leichtigkeit gibt, wäre noch zu erwähnen. An\nGästen hatten wir bis jetzt Fräul. Krall aus Wien, die\nunverdientes Missgeschick hatte, da ihre Mängel mehr aus\nunvollendeter Technik, als aus einem verdorbenen, tadelns-\nwerthen Geschmack hervorgehen (sie trat als Alice, Nacht-\nwandlerin und Zerline auf; im Don Juan missfiel sie am\nmeisten, und mit Recht); Frau Herrmann-Csillag aus\nWien, eine junge Sängerin mit blühendem, üppigem Or-\ngan, erstaunlichem Stimmumfang und natürlichem Talent\nfür melodischen Vortrag; ihr beständiges Tremuliren wird\nin Norddeutschland allgemein missfallen, weniger vielleicht\ndie durch doppelte Anstrengung in Kehle und Brust zu-\ngleich forcirten tiefen Töne, die für unsere Ohren aber das\nSchrecklichste sind; doch steht ihr eine Zukunft auf unse-\nren Bühnen bevor, da sie von der Natur sehr glücklich\nausgestattet ist; sie trat als Fides und als Leonore in Do-\nnizetti's Favoritin auf. Endlich Herr Himmer von Braun-\nschweig, der den Fernando in der Favoritin und den Pro-\npheten sang; ein Tenor mit guten Stimm-Mitteln und dra-\nmatischem Talente, der aber, durch das etwas gefährliche\nVorbild Roger's verleitet, seine Stimme zu einer Höhe der\nLeidenschaftlichkeit hinaufgeschraubt hat, dass es nicht\nmöglich ist, zu einem reinen, edeln Genüsse zu kommen.\nDennoch ist auch er den deutschen Bühnen zur Beachtung\nzu empfehlen, und es ist zu hoffen, dass er mit derZeit zu\nreinerem Geschmack durchdringe.\n\nG. E.\n\nWiener Briefe.\n\nRückblick auf die C o nccr t-S aiso 11 von 1853—54.\nItalienische Oper. Verdi1 s „Masnadie ri\". Die\nGress'sche Broschüre.]\nDen 14. Juni 1854.\nLassen Sie mich diesmal noch einen Rückblick auf den\nKranz werfen, welchen uns die musicalische Saison von\n1853—54 gewunden. Ich liefere Ihnen indess hier keine\nstatistische Uebersicht der einzelnen Blumen und Blätter,\nwelche sich Ihre Leser mit leichter Mühe aus meinen bis-\nherigen Berichten selbst zusammenstellen können, sondern\nfrage bloss nach Charakter, Gestalt und Duft im Allgemei-\nnen. Da lässt sich denn im Ganzen nicht läugnen, dass der\nKranz recht stattlich und farbig geworden, und dass man\nsich daran erfreuen kann. Mehr als je können wir daher\nden beliebten Vorwurf mit ruhigem Selbstbewusstsein zu-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "195", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540624-01.1.3", "texte": "rückweisen, dass wir das Treffliche in der Musik nicht zu\nschätzen wüssten und nur Beschützer des Seichten und\nTrivialen wären. Die entgegenstehenden Thatsachen spre-\nchen zu laut, nur vergesse man nie, dass das Wort „Pu-\nblicum\" einen Collectiv-Begriff bezeichnet, dessen einzelne\nGlieder daher gar sehr von einander unterschieden sind.\nIndessen ist mit diesem Lobe unserer einheimischen Be-\nstrebungen freilich nicht gesagt, dass nicht noch mancher-\nlei zu wünschen übrig bliebe, und ich werde daher das Ne-\ngative mit dem Positiven zugleich hervorzuheben nicht un-\nterlassen, Unter den grossen Orchester-Concerten kommen\nvor Allem die Vereins- und Spirituel-Concerte in Betracht.\nIhre Anzahl belief sich auf sieben, was allerdings in einem\nZeiträume von eben so viel Monaten nicht allzu viel ist.\nWenn Herr Director Hellmesberger sich entschliessen\nwollte, einen Theil der Leitung dieser Concerte dem als\ntrefflichen Dirigenten längst bewährten und anerkannten\nHerrn Professor Stegmaier zu übertragen, so könnten die-\nselben künftighin leicht um ein Beträchtliches vermehrt\nwerden. Vor den Interessen der Kunst sollten doch per-\nsönliche Rivalitäten billig zurückweichen, und Herr Pro-\nfessor Hellmesberger hat sich zu reiche Verdienste erwor-\nben, als dass dieselben durch eine solche Theilung geschmä-\nlert werden könnten. Gewiss lag es auch nur an der Er-\nschöpfung und Abspannung der Einzelkraft, dass der zweite\nCyklus der Spirituel-Concerte, welcher bereits angekündigt\nwar, und der so bedeutende Werke wie Händel's Messias,\nSchumann's Sinfonie in B u. A. bringen sollte, ausfiel. So-\ndann möge die Gesellschaft der Musikfreunde in Zukunft\nimmerhin noch auf eine sorgfältigere, bedeutsamere Zusam-\nmenstellung ihres Repertoire's bedacht sein. Als leitender\nGrundsatz müsste angenommen werden, jene Werke,\nwelche, wenn auch an sich noch so trefflich, der musicali-\nschen Welt durch zahllose Aufführungen und Arrangements\naller Art bereits bis zum Auswendigwissen geläufig sind,\nnur sehr sparsam einzuflechten, dagegen mit Liebe und Ge-\nwissenhaftigkeit andere längst wie verschollene Meisterwerke\nder Gegenwart wieder zu lebendigem Genüsse vorzuführen,\nund vor Allem auch den jüngeren Bestrebungen der Ton-\nkunst ihr verdientes Recht angedeihen zu lassen. Der An-\nfang zu allem dem wurde zwar gemacht, aber auf dem Felde\nder That begegneten wir nur der geringeren Hälfte, die\ngewichtigere blieb leider im guten Willen stecken. Men-\ndelssohn hat auch für Wien bereits seine absolute Höhe\nerreicht, d.h.: es ist durch öftere Vorführung seiner Haupt-\nwerke Jedermann so ziemlich ein Gesammt-Urtheil über\nihn ermöglicht; er lebt unter uns. Im entgegengesetzten\nFalle befinden sich unter den Neueren Schumann, Hiller,\nGade und manche andere Tondichter, die, wenn sie auch\nnicht immer erste Meisterwerke geliefert, doch auch nicht\nvöllig unberücksichtigt zu bleiben verdienen. Nur nicht diese\nkleinsinnige Quarantaine gegen alles, was nicht schon irgend\nwoher als ein Souveraines gestempelt ist sie beschränke\nsich auf das absolut Unbedeutende und Mittelmässige! Es\nmuss doch für Jedermann, den Philister ausgenommen, auch\nvon Interesse sein, die Physiognomie der Gegenwart kennen\nzulernen. EinenHaupt-Uebelstand, welcher einer allseitige-\nren und namentlich quantitativ reicheren Entfaltung der\npolyphonen Instrumental-Musik im Wege steht, habe ich\nschon einmal hervorgehoben, und er besteht darin, dass\nbei uns fast alle grossen Instrumental-Concerte an die\nWirksamkeit eines einzigen Körpers gebunden sind, näm-\nlich an jene des Opern-Theater-Orchesters. Wenn man\naber nun bedenkt, in wie hohem Grade die Kräfte dessel-\nben schon durch die täglichen Anforderungen der Oper in\nAnspruch genommen sind, wie dessen einzelne Mitglieder\nnoch überdies theils berufen, theils genöthigt sind, ihre\nKunstfertigkeit auf die mannigfaltigste Weise auszuüben,\nso ist es wohl kein Wunder, wenn bei so unausgesetzter\nThätigkeit in Einem Kreise allmählich Erschlaffung und\nGleichgültigkeit eintreten. Darum müsste endlich einmal an\ndie Bildung eines grossen Gesammtkörpers gedacht werden,\ndessen specielle Aufgabe es wäre, alljährlich eine bestimmte\nAnzahl Concerte zu geben. Die ausübenden Kräfte müssten\nhier weniger durch die erwünschte Gelegenheit von Geld-\nerwerb zusammen gehalten, als vielmehr durch die Liebe\nzur Sache herangezogen werden. An der Spitze müsste ein\nbedeutender Mann, wo möglich eine allgemein anerkannte\nAutorität, stehen, und alles dies ins Leben zu rufen, dazu\nwäre wohl ein echtes, wirkliches Conservatorium berufen,\ndas wir eben nicht haben. Ein solches würde dann auch\njüngeren Talenten und noch minder bekannten Autoren\nzuweilen Gelegenheit bieten können, ihre Arbeiten und\nVersuche dem Publicum vorzulühren, was ihnen bis jetzt\nnur unter den empfindlichsten, den meisten geradezu uner-\nschwinglichen Opfern und nur in einer Weise möglich ist,\ndie sich für sie nicht einmal immer geziemen will, nämlich\ndurch Veranstaltung selbstständiger Concerte, wobei sie\nnoch überdies den Vorwurf der Selbstüberschätzung auf\nsich zu laden Gefahr laufen. Hierin aber, dass solche Car-\ndinal-Gebrechen zur Stunde noch ungehoben sind, zeigt es\nsich, nicht dass es bei uns an Kunstliebe und Verständniss\nim Einzelnen, wohl aber an allem flüssigen Kunstleben\nim Ganzen fehlt."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "196", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540624-01.1.4", "texte": "Ich komme von meiner Abschweifung zurück. Ausser\njenen grossen Orchester-Concerten, deren ich oben er-\nwähnt, kommen noch die stehenden Oratorien-Auflührun-\ngen der Gesellschaft der Tonkünstler-Witwen und Waisen\nin Betracht, oder vielmehr: sie kommen nicht in Betracht;\ndenn hier fehlt es an Allem von A bis Z, zunächst an einem\nwirklichen Repertoire. Höchsten Respect vor Haydn's\nSchöpfung und Jahreszeiten aber es gäbe doch wohl\nnoch manches andere Werk, welches neben diesen an das\nLicht des Tages gebracht zu werden verdiente und darum\nweder Preyer's preiswürdiger „Noah\", noch auch Ass-\nmayer's bewährt-unwiderstehlicher „ Saul\" zu sein brauchte.\nDie Kunstgeschichte kennt aus älterer und selbst neuerer\nZeit noch sonst manches nicht ganz verachtungswerthe\nWerk dieser Gattung, was wir die verehrungswürdigen Be-\nschützer der Witwen und Waisen zu erwägen bitten\nWerke, die sie mit geringerer Gefahr für die materiellen\nInteressen der letzteren (die Erfahrung hat es gelehrt) in\nScene setzen könnten, als den gewaltigen Saul.\nWas sonst an Orchester-Productionen vorkam, be-\nschränkte sich auf Beigaben zu Concerten einzelner Künst-\nler (wie Vieuxtemps', Jenny Lind's) und auf gewisse Aka-\ndemieen, deren letztes Resultat für jeden anständigen Men-\nschen ein kläglicher Katzenjammer ist, den er nur durch\nmehrtägiges Fasten curiren kann, wenn er nicht schnell\neine kräftige Brühe zur Hand hat.\nDie bedeutendste Stelle neben den grossen Orchester-\nConcerten (von der Oper spreche ich zuletzt) nehmen die\nQuartett-Productionen ein. Schon der einzige Umstand,\ndass solche noch vor sechs Jahren hier ein ganz unbekann-\ntes Ding waren und nur ganz sporadisch auftraten, wäh-\nrend wir im abgelaufenen Winter deren nahe an dreissig\nzählten, verbürgt unbefangen Urtheilenden einen wesent-\nlichen Fortschritt. Sie wissen, dass dieses ansehnliche Con-\ntingent durch die stetigen Quartett-Soireen des Prof. Hell-\nmesberger und durch jene der Gebrüder Müller und von\nVieuxtemps gestellt und also auch qualitativ fast nur Aus-\ngezeichnetes geboten wurde. Den bereits eingebürgerten\nQuartett-Productionen des Prof. Hellmesberger gegenüber\nhaben wir nur die eine wesentliche Forderung geltend zu\nmachen: liberale Erweiterung der Programme, d. h. wür-\ndigere Berücksichtigung der Neuzeit. Von den 36 Werken,\nwelche dieselben zur Aufführung brachten, fielen auf\nlebende Autoren, von Altmeister Spohr abgesehen, nur\nlünf (Schumann, Volkmann, Veit, Wölfl* und Assmaier),\nwas denn doch ein gar zu kärgliches Almosen ist.\nIch komme nunmehr zu unserem Männergesang-Ver-\neine. Imposante Kräfte, herrliches Ensemble (um welches\nnamentlich Prof. Stegmayer grosses Verdienst hat), aber\ndie künstlerische Tendenz zu leichtfertig. Das Unbedeu-\ntende, Gegenwärtige hat hier zu sehr die Oberhand. Er\nmöge sich also mehr zusammennehmen und namentlich\nGrösseres geben. Vor Allem möge er sich erinnern, dass\nes noch in unmittelbarster Gegenwart einen gewissen Karl\nLöwe gibt, dessen Existenz derselbe bisher total ignorirt,\nvon dem wir aber nichts desto weniger bekanntlich gerade\nin diesem Genre im Grossen wie im Kleinen Meisterliches\nbesitzen.\nUnter den Einzel-Concerten waren die hervorragend-\nsten jene Vieuxtemps', Jenny Lind's und Stockhausen's.\nEine solche Liste concertirender Pianisten, wie sie Ihr pa-\nriser Correspondent zusammengestellt, vermöchte ich, dem\nHimmel sei Dank, nicht aufzutreiben. Was aber auf diesem\nGebiete auftauchte, hinterliess keine besondere Spur seines\nDaseins; selbst die einstigen Löwen Willmers und Leop.\nv. Meyer sind sehr bedeutend degradirt worden. Mag im-\nmerhin Herr Goldschmidt sich als Virtuose mit diesen Bei-\nden nicht messen können, so muss man ihm doch nach-\nrühmen, dass er von seiner Kunstfertigkeit einen würdige-\nren Gebrauch macht, und dass er vielleicht nur etwas mehr\nEnergie und eine minder berühmte Gattin zu besitzen\nbrauchte, um allgemeinere Anerkennung zu gewinnen.\nUnter den jüngeren, emporstrebenden Kunst-Candidäten\nmachte sich besonders der Violinist Herr Ludwig Strauss\nbemerkbar, und man kann demselben eine schöne Zukunft\nprognosticiren; nur möge er das Beispiel Joachim's nach-\nahmen und in seinen Productionen möglichst leeren Flitter-\nkram vermeiden. An Privat-Concerten war kein Mangel,\nund unter ihnen nahmen jene des Pianoforte-Fabricanten\nHerrn Seuflert eine achtbare Stelle ein. Endlich erwarb\nsich auch Herr Prof. FischhofT, wenn auch nur im engeren\nKreise, in gewohnter Weise namhafte Verdienste um die\nVerlebendigung der älteren Kirchen-Musik.\nIch komme schliesslich noch auf die Oper zu sprechen,\nnicht jedoch, um auch hier noch ein Gesammt-Facit zu\nziehen (da ich zu oft die Rechnung im Einzelnen abge-\nschlossen), sondern um Ihnen in einigen Worten über die\njüngste Novität, über Verdi's „Masnadieri*, zu berichten.\nDer Mensch ist ein schwacher Sterblicher und hat als sol-\ncher Momente, wo er mit bestem Willen nicht seine volle\nAufmerksamkeit auf das sonstige Object seiner Neigung\noder Pflicht zu wenden vermag. Ein jüngst erlebtes, bedeu-\ntendes Ereigniss, ein Paar schwarzer Augen, die allzu feurig"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "197", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540624-01.1.5", "texte": "auf ihn herniederblitzen, können seine Seele so in Bann\nlegen, dass nichts Anderes zu ihr Zutritt finden kann. So\nerging es mir in Verdi's Oper, und ich vermöchte daher\ndiesmal mein Urtheil selbst nicht als individuel maassge-\nbend anzusehen. Nach den instinetiven Eindrücken aber,\ndie ich empfing, möchte ich dieser Oper Verdi's mehr zu-\ngestehen, als irgend einer, die ich bisher von dem Maestro\ngehört. Einzelnes, wie gleich die ersten Scenen des ersten\nActes, schien mir von ungewohnt bestimmterem Gepräge,\nnicht so ganz phrasenhaft, die Instrumentation im Ganzen\nsinnvoller und gewählter, die Behandlung der Singstimmen\nnatürlicher und discreter. Dies ist alles, was ich sagen kann.\nDas Finale des vierten Actes wurde mir auch sehr gerühmt,\ndoch habe ich diesen nicht einmal mehr gehört. Sie sehen,\nwie gewissenhaft ich bin! Auch lässt sich sonst Günstiges\nfür diese Oper anführen. In Italien erfuhr sie, wenn ich\nnicht irre, ein missliches Schicksal; dagegen fand sie in\nLondon 1846 vielen Beifall, und unsere Roues der ita-\nliänischen Oper sagen, sie habe wenig Melodie: lauter gute\nZeichen. Bei uns wurde sie sehr günstig aufgenommen,\nwozu indess die jedenfalls ausgezeichnete Darstellung mit\nder Medori (Amalie) und den Herren de Bassini und Mi-\nrate (Franz und Karl Moor) auch das Ihrige beitrugen.\nDie Handlung ist ganz und gar Schillers Räubern entnom-\nmen und daher in deutschen Landen wohl bekannt. Die\nGeschichte der diesjährigen italiänischen Oper ist überhaupt\neine seltsame. In der ersten Hälfte ihrer Herrschaft folgte\nein Fiasco dem anderen, sie wurde geradezu verhöhnt und\nausgelacht. Das muss ihr denn zu Herzen gegangen sein,\nund es gelang ihr, mit plötzlichem Umschwünge sich wie-\nder in vollen Credit zu setzen. In der That war auch an\nder Aufführung von Mercadante's „Giuramento\" (nach\nmeiner Meinung eine der besseren neueren Opern) und\nVerdi's „ Masnadieri\" wenig auszusetzen. Dessen ungeach-\ntet aber spricht man davon, dass im nächsten Jahre keine\nitaliänische Opern-Saison Statt finden solle, wogegen ich\nfür meine Person nicht das Mindeste einzuwenden hätte,\nauch wenn diese Maxime auf alle künftigen Zeiten ausge-\ndehnt werden sollte. Das, glaube ich, heisst noch nicht\nengherzig national gedacht, wenn.man fordert, dass auf\ndeutschen Bühnen Deutsch gesprochen und gesungen werde.\nDie erste Novität im kommenden Herbste wird natürlich\nMeyerbeer's „Nordstern\" sein. Möge es der Direction auch\nnicht an gutem Willen und entsprechendem Gelingen feh-\nlen, Richard Wagner's Opern wenigstens versuchsweise\n„die Pforten der Holbühne zu erschliessen\". Auch Men-\ndelssohn's Loreley-Fragmentes könnte sie eingedenk sein,\nund sollte sie ja wieder einmal der in Acht und Bann ge-\nlegten bescheideneren Operetten gedenken, so wünschten\nwir vor Allem wieder einmal Mendelssohns köstliche\n„Heimkehr aus der Fremde\" und Hoven's mit Recht stets\nbeliebt gewesenes „Abenteuer Karl's II.\" zu hören.\nVon der Gress'schen Broschüre: „Recensionen über\nTheater und Musik\", ist bereits ein vierter Band erschie-\nnen. Derselbe enthält fast ausschliesslich Detail-Kritiken\nüber die Opern-Vorstellungen des abgelaufenen Halbjahres.\nWer soll denn aber um Gottes willen die Geduld haben,\nalles das jetzt noch einmal durchzukauen? So viel ich aus\neinem flüchtigen Durchblättern gesehen, handhabt der Ver-\nfasser sein kritisches Schlachtschwert noch immer mit sehr\ngrosser Strenge, die ihn denn doch gegen Einzelne manch-\nmal ungerecht werden lässt, wie z. ß. gegen die nach\nmanchen Seiten hin sehr schätzbare Marlow. Ihr kölner\nPublicum, welches unseren Beck mit so schmeichelhaften\nOvationen überhäufte, würde nicht wenig verwundert sein,\nzu lesen, was hier über diesen Sänger und in specie über\nseine Leistung als Don Juan, offenbar zu weit gehend, ge-\nschrieben steht.\n\nB.\n\nAus Münster.\n\nDen 10. Juni 1854:\nIn den vom October 1853 bis Mai 1854 gegebenen 16 Concer-\nten des hiesigen Musik-Vereins wurden aufgeführt: Sinfonieen:\nvon Beethoven Nr. 2, 3, 4, 5. 6 und 7, von Mendelssohn\nA-dur (Nr. 4) und A-moll (Nr. 3), von Spohr*) historische Sin-\nfonie*, von Schumann D-moll* (Nr. 4), von Rein ecke\nvon Hiller „Es muss doch Frühling werden\"\", von Franz Schu-\nbert C-dur,drei Andanten aus Sinfonieen von Mozart, Haydn,\nFrank. Ouvertüren: Mozart's Zauberflöte, Ben n e 11' s Wald-\nNymphe, Mendclssohn's Meeresstille und glückliche Fahrt,\nCherubini's Lodoiska, Anakrcon, Wasserträger, Abenceragen,\nKarl Müller's Macbeth*, Spo ntini's Vestalin, Boildieu's\nWeisse Dame, Beethoven's Egmont, Fidelio (Nr. 4), WiiUner's\nConcert-Ouverture in D,Webers Freischütz, Euryanthe, E.\nFrank's „Der römische Carneval\"*, Bei ssiger's Nero. Für\nGesang und Orchester: Händel's Messias, Fcsca's Psalm\n103, Bomberg's Glocke, Mehul's Joseph in Aegypten (mit ver-\nbindenden Worten von Gisbert Freiherrn von Vincke)*, Beetho-\nven's Fidelio, erster Act, Meeresstille und glückliche Fahrt, Musik\nzum Egmont mit Moscngeil's Gedicht, Musik zum Festspiel: Die\nBuinen von Athen, Mozart's zwei Quintette, Terzett und Chor\naus Cosi fan lutte,Gade's Frühlings-Phantasie*, Comala *. Con-\ncertstücke für Pianöforte; Mendelssohn's Capriccio\n[H-moll] mit Orchester-Begleitung (vorgetragen von Herrn Wüllner),\nBeethoven's Sonate Les adieuxu.- 's. w. (vorgetragen von dem-\nselben), Mozart's Phantasie aus zu vier Hiinden, E.\n\n*) Die mit einem * bezeichneten Tonwerke kamen hier zum er-\nsten Male zur Aufführung."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "198", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540624-01.1.6", "texte": "Frank's Concert aus D-moll* (vorgetragen vom Herrn Compo-\nnisten), Mozart's Ouvertüre zur Zauberflöte, für Pianoforte zu\nzwei Händen eingerichtet von Frank* (vorgetragen von demsel-\nben), Mendelssohn's Concert aus G-moll, Chopin's Notturno,\nReinecke's Ballade (diese drei Stücke vorgetragen von Herrn\nRein ecke). Ausserdem wurden von der hiesigen Liedertafel Lie-\nder von Kücken, Preyer, Marschner, Reichardt, Silcher, Veit,\nHäser und Mendelssohn vorgetragen.\nDie Wahl dieser Tonwerke spricht ohne Commentar über den\nGeschmack des hiesigen Publicums. Die herrschende Richtung geht\ndurchaus auf das Classische in der Tonkunst; sie ist aber nicht\neinseitig und hat auch ein empfängliches Ohr für gediegene Schö-\npfungen der Gegenwart. Diese Richtung findet einen wesentlichen\nStützpunct in der vortrefflichen Art, in welcher die Tonwerke, na-\nmentlich die für Orchester, durch den Director des Musik-Vereins,\nHerrn Karl Müller, zur Aufführung gebracht werden. Durch\nseinen Tasso in Sörrent als begabter Componist bekannt, verbindet\ner als Dirigent des Orchesters und Chors mit classischem Geschmack\nund tiefer Kenntniss der classischen Tonwerke in hohem Grade die\nKunst, die Ausführenden in den tieferen Sinn der Composition\neinzuführen und dieselben durch seine ruhige und doch des nöthi-\ngen Feuers nicht entbehrende, so wie durch seine ernste und doch\nfreundliche Haltung für den Dienst der Muse zu fesseln, so dass\nsie zusammen wie Ein Instrument sich darstellen, welches von ihm\ngespielt zu werden scheint. Die Folge davon ist, dass auch sein\nOrchester und Chor das Spielen nicht als Spiel, sondern als eine\nernste Sache betrachtet, für welche nur init vollster Hingebung und\ndurch grosse Opfer an Fleiss und Zeit Erfolge errungen werden\nkönnen. Unter solchen Verhältnissen war denn auch die Auffüh-\nrung jener Tonwerke hinsichtlich des Orchesters und Chors eine\ndurchweg gelungene, und selbst die der grösseren und schwierige-\nren unter ihnen Hess in Beziehung auf Auffassung und Ausdruck\nbis zu den feinsten Nuancirungen fast nichts zu wünschen übrig.\nAuch die Liedertafel erfreute allgemein durch ihren innigen, aus-\ndrucksvollen Vortrag.\nWas die Solo-Partieen anlangt, so gebührt zunächst den ge-\nnannten Herren Pianisten für ihr vortreffliches Spiel der herzlichste\nDank. Im Uebrigen aber lässt sich der Wunsch nicht unterdrücken,\ndass nach dieser Seite der musicalischen Production hin Manches\nsich hier anders gestalten möge. Die Aufführung des Messias\nmachte für die Solo-Partieen das Heranziehen auswärtiger Kräfte\nnothwendig; die Solo-Partieen für Gesang in den übrigen Auffüh-\nrungen Hessen Manches zu wünschen übrig, und Solo-Vorträge für\nInstrumente wurden, ausser denen von den genannten, unserer\nStadt nicht angehörigen Pianisten, nicht gehört. Es lässt sich nicht\nverkennen, dass an leitender Stelle das alle Anerkennung verdie-\nnende Motiv vorwaltet, auch in dieser Beziehung das Mittelmässige\nauszuschliessen und dem grösseren musicalischen Publicum nur das\nGediegene vorzuführen. Es dürfte jedoch auch Beachtung verdie-\nnen, dass bei zu starkem Betonen einer aus Ursachen, die in der\ngegenwärtigen allgemeinen Strömung des musicalischen Lebens He-\ngen, mit dem Virtuosenthum vielfach in Opposition stehenden\nRichtung das in der Zulassung der Einzel-Productionen liegende\npädagogische Element nicht genügend gewürdigt wird, und dass\nauch für viele Hörer der Solo-Vortrag der Durchgangspunct für\ndas Verständniss der grossen, massenhaft wirkenden Erzeugnisse\nder schaffenden Tonkunst ist.\n\nKg.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nFrankfurt am Main. Wiederum ist hier etwas für das\ngänzlich brach liegende Feld der Kirchen-Musik geschehen. Unter\nAnregung und Leitung des Herrn Jakob Bisch off, ehemaligen\nStipendiaten der Mozart-Stiftung, hat sich ein Verein von ungefähr\n80 Mitgliedern, Herren und Damen, gebildet, der sich zur Aufgabe\nstellt, zur Verherrlichung des Gottesdienstes in einigen der grösse-\nren evangelischen Kirchen Gesang-Musik a Capella auszuführen.\nSeine Wirksamkeit begann er am Pfmgstsonntage in der Cathari-\nnenkirche und am Tage darauf in der Paulskirche. Die statutge-\nmässe Begründung des Vereins ist jedoch noch nicht erfolgt. Mö-\ngen sich diesem löblichen Unternehmen nicht Hindernisse entge-\ngenstellen, wie jenem des Herrn Henkel mit katholischer Kir-\nchen-Musikhierorts, das auf zwei oder drei Aufführungen im Jahre\nbeschränkt bleibt, folglich so gut als gar nicht existirend zu be-\ntrachten ist! Wo Kirchen-Musik nicht gleichsam radicirt ist, wie in\nallen österreichischen Dorfkirchen, da begegnet man immer den-\nselben Hindernissen, die sich ähnlichen Unternehmungen entgegen-\nstellen: Unzulänglichkeit der vorhandenen, durch Sammeln aufge-\nbrachten Geldmittel und Theilnahmlosigkeit des katholischen Cle-\nrus. Ob letztere bei dem hiesigen Clerus eben so wie anderwärts\nvorherrscht, will ich nicht behaupten, doch fällt es mir nicht\nschwer, auszusprechen, dass Ilenkel's Unternehmen an der Spitze\neines wackeren Vereins eine ganz andere Folge haben würde,\nwenn der geistliche Vorstand der katholischen Kirchen für Auf-\nbringung der benöthigten Geldmittel allein Sorge tragen wollte. Die\nErfahrung lehrt überall, dass Kirchen-Musik nur gedeiht, wenn\nihre materielle Unterhaltung nicht auf willkürliche Beiträge basirt\nwird; denn die Mildthätigkeit in diesem Puncte ist von gar kurzer\nDauer.\nZu dem schönen Berichte unseres Freundes Mosewius in Nr.\n17 dieser Zeitung, welcher beweiset, dass in der breslauer Akade-\nmie die Musik eine Wahrheit geworden, fügen wir\ncet componere magnis einige Parallelen aus unserem nordischen\nOstfriesland, wo zwar keine Virtuosen und Zukunfts-Musieanten\ngedeihen, aber doch ziemlich gut gesungen wird, um den alten\nSpruch zu Schanden zu machen: In Emden\nbesteht unter Leitung des jungen Storme, eines sehr talentvollen\nMusikers, der sich kürzlich auch durch Composilionen zur Ama-\nranth (Minden, 1 issener) bekannt gemacht hat, ein Singvercin und\neine Liedertafel; letztere leistet sehr Tüchtiges, namentlich in Prä-\ncision und Aussprache; der Singverein hat kürzlich den Elias zu\nvollständiger und befriedigender Ausführung gebracht; früher wurden\nPaulus und Lowe's Siebenschläfer eingeübt. In Aurich\nist unter Leitung des Dr. Krüger einSingverein, der sich an alt-\ndeutschen Volks- und Kirchenliedern und an Oratorien von Händel\nversucht; er hat zu öffentlicher Aufführung gebracht: Ostern 1853\nHändel's Israel in Aegypten, Ostern 1854 Händel's Samson, beide\nmit Orchester-Begleitung; Weihnachten 1853 das achtstimmige\nMotctt: „Singet dem Herrn ein neues Lied\", und: „Hirte Israels''\nvon S. Bach; „Weihnachtslied\" und „Darbringung im Tempel\" von\nEccard. In früheren Jahren, seit 1834, wurden in Emden und Au-\nrich öffentlich aufgeführt, theils mit Orchester, theils mit Orgel:\nHaydns Schöpfung und Jahreszeiten, beide einmal; Han-\ndels Messias, viermal; Maccabäus, dreimal; Josua, einmal;\nIsrael in Aegypten, zweimal; B eis azar, einmal; Spohr'sFall\nBabylon s, einmal. Sämmlliche Händel'sche Oratorien sind ohne\nKürzung und Wegschneidung aufgeführt, und Niemand\naus dem mannigfach zusammengewürfelten Publicum hat die Auf-\nführung vor dem Ende verlassen."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "199", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540624-01.1.7", "texte": "Erwiderung auf eine grimmige Philippica.\n\n(Durch Zufall verspätet.)\nDiese schleudert Herr Ferdinand Ililler in Form eines offenen\nBriefes in Nr. 21 d. 81. mir entgegen. Wenn Zorn und Rache in\nGemeinschaft von Eitelkeit und Dünkel die Feder führen/ werden\nVernunft und Klugheit in den Hintergrund gedrängt und nicht ge-\nhört. Herr Ililler bricht die Gelegenheit vom Zaune, um dem frank-\nfurter Referenten in den Grenzboten vom 24. März einige Rippen-\nstösse zu versetzen. Und doch hat dieser Referent über die Erleb-\nnisse im Museum am 3. März nur der Wahrheit die Ehre gege-\nben, der marktschreierischen Lüge ein Sordin aufgesteckt und das\nmeist gesunde Urtheil des hiesigen Concert-Publicums, aber auch\ndas tüchtiger Musiker, in der Ferne respectiren gemacht. Nebenbei\nward Herrn Hiller eine heilsame Lehre zu Theil, für welche er in\nanständiger Weise seinen Dank hätte aussprechen sollen, nicht aber\nvon Beidem das Gegentheil. Möge nun der Herr Capellmeister,\nder bei seinem Auftreten die Rücksicht auf seine amtliche Stellung\nausser Acht gelassen, in Folgendem die verlangten Auskünfte, aber\nauch neue Belehrung finden.\nWas zunächst den angefallenen Aufsatz oder Abschnitt aus mei-\nner 1849 nicht für Professoren, sondern ausdrücklich „für Sludi-\nrende von Beethovens Clavier-Musik44 als Manuscript gedruckten\nSchrift betrifft (s. Niederrheinische Musik-Zeitung Nr. 20), so er-\nklärt die Redaction Eingangs: „Der Verfasser hat uns gestattet,\nden folgenden interessanten Abschnitt durch Wiederabdruck auch\ndem grosseren Publicum mitzutheilen.44 Aus diesen Worten ist zu\nentnehmen, dass die Redaction mit jenem Inhalte einverstanden\nist*), folglieh wohl auch dafür verantwortlich sein wird, zumal in\nBezug auf die älteren Koryphäen des Ciavierspiels keine Aeusse-\nrung vorkommt, die nicht von Anderen bereits ausgesprochen\nworden wäre.\nEinem Künstler, wie F. Hiller, der den grössten Theil seines\nLebens in fernen Landen mit Vermehrung seines Ruhmes beschäf-\ntigt gewesen, was bekanntlich viel Zeit, auch viel Geld kostet, ist\nes nicht übel zu nehmen, wenn er von alten Musikern im deut-\nschen Vaterlande, die längst von der Schaubühne abgetreten, nichts\nweiss. Dieselbe Bewandtniss mag es haben mit dem Kreise von\nKünstlern und Kunstfreunden zu Köln, die ihn „schmeichelhafter\nWeise mit Fragen bestürmt haben, um Näheres über mich zu er-\nfahren\". Nichts wussten die wissbegierigen Leute, als dass ich in\nMünster (soll wohl heissen: Ultima Thüle) Musik-Director gewesen,\nüber Mendelssohns Fähigkeit als Dirigent eigentümliche Ansich-\nten veröffentlicht und in Paris als „Ami de Beelhoven\" aufgetreten.\nUnbekannt ist es also leider Herrn Ililler und seinem Kreise ge-\nblieben, dass ich in derselben Eigenschaft, in der er gegenwärtig\nwirkt, nahe an zehn Jahre in Wien und fünf Jahre in Aachen ge-\nwirkt habe, nicht aber in dem Aachen, wo so eben ein niederrhei-\nnisches Musikfest Statt gehabt, sondern in der Stadt gleichen Na-\nmens hinter den Himalaja-Bergen, von woher musicalische Nach-\nrichten sich nicht bis Köln verlieren, am wenigsten bis zu den\nOhren von Ciavier-Virtuosen, sie mögen leben, wo immer. Welch\ngeringe Theilnahme diese Menschen-Classe allem widmet, was nicht\nihre Person und das Piano angeht, ist bekannt; daher ihr kurzes\nGedächtniss in so vielen Dingen. Herr Ililler hat mir in seiner\nPhilippica die passende Gelegenheit gegeben, das seinige in etwas\naufzufrischen.\nDer Director der Rheinischen Musikschule und Consorten wür-\nden sich die Nachfrage um mich leicht gemacht haben, hätten sie\nsich an gewisse Musiker in Köln gewendet, vielleicht an Doin-Ca-\npellmeister Leibi, an die Herren Breuer, Derckum, Hartmann,\nFranz Weber und Andere. Oder sollten diese wackeren Künstler\nalle nicht mehr unter den Lebenden wandeln? Sollte wohl gar die\ngrosse Schar von Herren und Damen, die im December 1840\neine Messe von meiner Composition unter Leibl's Direction mi\ndankenswerthem Fleiss und Eifer im kölner Dome aufgeführt, be-\nreits in Abrahams Schoosse ruhen? Ja, dann bliebe freilich nichts\nübrig, als die Neugierigen wenigstens auf den in der Kölnischen\nZeitung vom 18. December 1840 (Beilage) mein Werk und dessen\nAusführung besprechenden Bericht zu verweisen, der aus der Feder\neines gewissen Präsidenten Verkenius herrühren soll ein Name,\nden kölnischen Virtuosen der Gegenwart sicherlich ganz unbekannt.\nAm Schlüsse seines Berichtes bemerkt jener Referent, dass dies\nnicht die dem Papste gewidmete Messe sei; also eine zweite noch,\ndie er, wie auch der seiige Dom-Capellmeister wohl gekannt ha-\nben. Da jedoch beide treffliche Männer längst abgeschieden, Herrn\nHillers Neugierde folglich nicht mehr stillen können, so bleibt\nwiederum nichts übrig, als ihn an den Bericht über die Auffüh-\nrung dieses Werkes in der Karlskirche zu Wien zu verweisen,\nder sich in der Wiener Musik-Zeitung von 1841 vorfindet. Ich ver-\nspreche ihm namenlose Freude, die ihn bei Lesung dieser beiden\nBerichte überfallen wird, und wird er mir für deren Mittheilung\ngewiss ewig dankbar sein.\nGleichen Dank hoffe ich zu ärnten durch Auffrischen seines\nschlechten Gedächtnisses. Es wird durch Vorhalten eines Factums\ngeschehen können, dessen Zeuge auch er gewesen. Am 7. April\n1827, wenige Tage nachdem sich das Grab über Beethoven ge-\nschlossen hatte, fand im Josephstädter Theater zu WTien ein dem\nhier Unterzeichneten von der Direction rückständig gebliebenes\nBcnefice-Concert Statt, zu welcher Verpflichtung die Direction durch\ndie Gerichte verurtheilt worden war. Unter den Mitwirkenden be-\nfand sich auch Hummel. Auf den Affichcn war folgende Anmer-\nkung zu lesen: „Herr Hummel wird die Ehre haben, sich zum\nletzten Male vor seiner Abreise hören zu lassen, und es gereicht\nihm zum besonderen Vergnügen, den Wunsch seines verewigten\nFreundes Beethoven, der ihn noch auf dem Sterbebette er-\nsuchte, an seiner Statt den Unterzeichneten (Anton Schindler,\nvormals Orchester-Director dieses Theaters)*), bei dieser Benefice-\nVorstellung zu unterstützen, erfüllen zu können.44 Denkwürdig ist\ndieses Factum nicht bloss dadurch, dass sich Beethoven, in Vor-\nahnung seiner baldigen Auflösung, durch persönliche Mitwirkung\ndem langjährigen, für ihn stets thätig gewesenen Freunde sich\ndankbar zu beweisen behindert sah, wesshalb er Hummel ersuchte,\ndieses an Statt seiner zu thun; sondern auch dadurch noch, weil\nHummel dabei Gelegenheit gefunden, seine Aussöhnung mit Beet-\nhoven Öffentlich zu bekunden. Ich lege eine Affiche jener Feierlich-\nkeit, von der die wiener Blätter zur Zeit mehr zu sagen wussten,\nfür die Redaction bei. Vielleicht kann Hümmels Schüler beim\nAnblicke des interessanten Documentes schaamroth werden.\nUcber meine „eigentümliche Ansicht von Mendclssohn's Fähig-\nkeit als Dirigent4 erfahre Herr Hiller und Consorten Folgendes:\nDie Grenzboten vom 5. Mai bringen einen auslührlichen Bericht\nüber die Zustände, resp. den Verfall, der leipziger Gewandhaus-Con-\n\n*) Bitte um Entschuldigung; es ist daraus nur zu entnehmen,\ndass die Redaction den Abschnitt für „interessant44 hält.\nFür jedes apodiktische Urtheil eines geehrten Mitarbeiters,\nwelcher seinen Namen unterschreibt, verantwort-\nlich sein zu wollen, kann uns nicht einfallen.\nDie R edaction.\n*) „Das weiland nicht zu den geringsten Wiens zählte44, be-\nmerkt ein Correspondent über den jetzigen Zustand des Jo-\nsephstädtcr Theaters in der Beilage zur Allg. Zeitung vom\n5. d. Mts, Anm. des Verfassers."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "200", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540624-01.1.8", "texte": "certe. Darin heisst es unter Anderem: „Ein Grundschaden für alle\nLeistungen des Orchesters ist das Ueberhctzen der meisten Tem-\npo's, welches, leider nach M e n d e 1 s s o h n* s V o r g a n g, hier\nimmer mehr um sich gegriffen44 u. s. wr. Schon 1836 hatte ich\nVeranlassung, diesem Grundschaden, d. h. Mendelssohn's Auffas-\nsung der classischen Instrumental werke, zunächst Beethoven's, in\nder Kölnischen Zeitung entgegen zu treten, und erlaubte mir, den\nin der Rheinprovinz vergötterten, wenngleich noch sehr jungen Di-\nrigenten an die wiener Concerts spirituels zu weisen, wo damals\nnoch eine getreue Tradition davon zu holen war. Ueber die Wir-\nkung solcher Kühnheit schweige ich. Die Folgezeit hat aber leider\nnur zu offenbar gezeigt, welche Begriffs-Verwirrung von dem Geiste\nder classischen Orchesterwerke durch Ueberhetzen der Tempo's,\nnach Mendelssohn's Beispiel, in den deutschen Orchestern einge-\nrissen ist, wogegen meines Erachtens kein Remedium aufzufinden\nsein dürfte, wie dessgleichen auch gegen die übermässig hohe\nStimmung aller deutschen Orchester zum sicheren Ruin der Sing-\nstimmen. Lebte nicht Franz Lachner noch, der die Traditionen\nvon Haydn's, Mozart's und Beethoven's Instrumental-Werken von\nden wiener Concerts spirituels überkommen, ich wüsste keinen Or-\nchester-Director an der Spitze eines ausgezeichneten Orchesters in\nganz Deutschland, an den Aspiranten auf ein Directions-Pult zu\nweisen wären» Hört und lies't man jetzt so häufig Klagen über\nAusarten der Orchester in blosse Virtuosität, vergleicht man diese\nmit dem Ueberfahren der Dampfschiffe und Locomotiven in Ame-\nrica, so ist die Quelle dieses heillosen Treibens bei Mendelssohn\nzu suchen. Seine Auflassung der Orchester-Musik geschah fast im-\nmer vom Standpuncte des Clavier-Virtuosen. Da liegt die Grund-\nursache des Grundschadens. Erst nachdem Mendelssohn todt war,\nbekam die Kritik Muth und Einsicht, an seiner Unfehlbarkeit als\nDirigent und Componist Zweifel laut werden zu lassen, und excel-\nlirte nicht selten in der Uebertreibung, z. B. Dr. Krüger und die\nN. Zeitschrift für Musik. Gerade so ging es der Kritik mit dem\nälteren und jüngeren Virtuosenthume. Zuerst maasslose Bewunde-\nrung und Verhimmelung, hinterher feiges Gejammer und ohnmäch-\ntiges Beissen. ' - •\n„Ami de Beethoven— Im April 1841 schrieb Herr Heine un-\nter Anderem der Allg. Zeitung, „dass im letzten Winter ein deut-\nscher Musiker mit einer Lcichenbitter-Miene und blendend weisser\nCravate in Paris gewesen, (kr auf seinen Visitenkarten sich Ami\nde Beethoven genannt haben soll44 u. s. w. Dieser deutsche Musiker\nerschien aber alsbald in der Deutschen x\\llg. Zeitung mit einer\nZüchtigung, darauf zu erwidern der saubere Herr Heine vergessen\nhat, wie auf so viele andere ihm widerfahrene. Aber einigen in\nParis lebenden deutschen Musikern entgegnete er, diesen Witz\nbloss seinem damals noch sehr dicken Freunde Franz Liszt zu Ge-\nfallen losgelassen zu haben. Dies das interessante Märchen Von\ndem Ami de Beethoven, daran Herr Hiller und Consorten in und\nausserhalb Köln sich gewiss oft ergötzt haben. Mögen sie sich\nnicht stören lassen.\nWäre also-jetzt noch der Fragepunct über mein Ciavierspiel zu\nbeantworten. Herr Hiller wolle sich gedulden bis zur nächsten\nVacanz einer Stelle als Lehrer des Piano an der Rheinischen Mu-\nsikschule, um die ich mich zu bewerben gedenke. Die Prüfung\nmeiner Virtuosität soll darthun, dass ich mir die modern-coquette\nEleganz und genial-schlotterige Nonchalance des Herrn Directors\naufs beste angeeignet habe. Ich werde damit bekunden, dass ich\neben so wenig in dem bereits veralteten Stile Hummers vor-\ntrage, als dieser aus den Vorträgen des Herrn Directors, Kennern\ngegenüber, sich gegenwärtig bekundet. Stil und Geist Hummel's\nsind diesem seiner Schüler längst abhanden gekommen.\nZweierlei sind die Beweggründe zu vorstehender Erwiderung:\ndie bürgerliehe Stellung des Mannes, von dem die Verunglimpfung\nausgegangen, und das Semper aliquid haeret Sonst wäre es meiner\nunwürdig, Ausfälle der Art zu beachten, zumal sie den verdienten\nLohn in sich selbst tragen und von allen Unbefangenen alsbald\nverurtheilt werden.\nFrankfurt am Main.\nA. Schindler.\nNachschrift. Einer hochpreislichen Redaction der Süddeut-\nschen Musik-Zeitung darf ich für den Abdruck „in extenso\" des\nHiller'sehen Briefes meinen tiefgefühlten Dank beigehend nicht\nschuldig bleiben. Sicherlich hat diese Aufmerksamkeit nur in dienst-\nfertiger Vermehrung von Ehr* und Ruhm seines Verfassers ihren\nGrund, aber vielleicht auch, um mir Spass zu machen. Fahre die\nHochpreisliche nur so fort. Nötigenfalls erbiete ich mich zu Bei-\nträgen, auch zur Tragung der Einrückungskosten für alle derartigen\nEinsendungen aus Süd und Nord. Zunächst aber wird die Hoch-\npreisliche ihre redlichen Gesinnungen durch Abdruck in extenso>\nvorstehender Erwiderung zu bethätigen Gelegenheit haben; denn\nauch darin ist „Ergötzliches\" für Gesinnungstüchtige zu finden.\n„Spass muss ja sind.\"\n\nA. S."}]}