{"numero_id": "bm-bmtnabi-1854-07-01-01", "volume": "bmtnabi_1854-07-01_01", "ocr_sha256": "573a03e6ee36d98c726b2aeb171af801be0e4111690a4a28f770230f3c26542d", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1854/07/01_01/bmtnabi_1854-07-01_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540701-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1854-07-01-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-07-01_01#c001", "volume": "bmtnabi_1854-07-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "201", "page_fin": "204", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540701-01.2.1", "titre_corps": "Ueber musicalische Zustände in London.", "titre_sommaire": "Ueber musicalische Zustände in London.", "signature_source": "L. Bischoff", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "201", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540701-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3902, "texte": "Ueber musicalische Zustände in London.\nVon\nProf. L. Bischoff.\nI.\nEngland ist das Land der Gegensätze und der kolos-\nsalen Verhältnisse. Segen und Fluch der Civilisation stehen\nsich gegenüber, und alles, was für öffentliche Zwecke un-\nternommen und veranstaltet wird, tritt nach einem Maass-\nstabe ins Leben, von dessen Grösse man anderwärts kaum\neine Vorstellung hat.\nDiese zwei Eigentümlichkeiten des Landes treten\neben so sichtbar in der Kunst als im Leben hervor. Du\nfindest in den Erscheinungen jeglicher Kunst in England\ndas Edle und Grosse, welches in der That eine Idee des\n* \\\nSchönen verwirklicht, neben dem Gemeinen und Kleinlichen,\ndas Ausserordentliche neben dem Allergewöhnlichsten;\nallein quantitativ ist Alles imponirend, Alles massenhaft und\nriesig in Maass- und Zahlen-Verhältnissen. Daher im All-\ngemeinen in England mehr Staunens werthes als wirk-\nlich Schönes in der Kunst.\nVergleiche die herrliche Westminster-Abtei in London mit\nder Allerseelenkirche am Ende von Regentstreet, und du hast\nneben dem edelsten altdeutschen Stile jener in dieser eine un-\nförmliche Rotunde von zwei Stockwerken mit antiken ioni-\nschen und korinthischen Säulen und einem Zuckerhute oben\ndarauf. Betrachte in Westminster selbst das moderne Fen-\nster am nördlichen Thor, die römischen Zierathen an den\nThören des Haupt-Portals, und du wirst mit Bedauern\nselbst hier die vollkommene Einheit des Stils vermissen.\nMusterst du gar, abgesehen von den historischen Erinne-\nrungen, die Denkmäler dieses nationalen Pantheons als\nKunstwerke der Sculptur, so wird die Ausbeute für den\nechten Geschmack sehr gering sein ; aber ihre Menge\nüberwältigt dich, das Labyrinth von Monumenten macht\ndich stutzig und scheu, diese in Marmor-Gestalten gebannte\nGeschichte von Jahrhunderten der Menschheit erfüllt dich\nmit Staunen und mit einem heiligen Schauer.\nSiehst du die Bildwerke griechischer Kunst und den\nRaub vom athenischen Parthenon im britischen Museum,\ndurchwanderst du die Gemälde-Sammlungen, die öffent-\nlichen und vollends die Säle in den Palästen der Grossen,\nso stehst du entzückt vor den herrlichsten Schöpfungen\ndes menschlichen Geistes. Aber gib dich nur nicht der\nTäuschung hin, als seist du in die Heimat der Kunst ver-\nsetzt: o nein, du bist in einem modernen Rom, das\nAlles zusammenschleppt und zusammenkauft und mit all\nden schönen Mustern keinen Funken eigenen Genie's zu\nwecken vermag. Gehe nur in die diesjährige Ausstellung\nder königlichen Akademie der Künste: wenige Bilder wer-\nden dich fesseln, und doch sind 1531 Nummern von 902\nKünstlern ausgestellt. Aber unter diesen anderthalb Tau-\nsend Nummern befinden sich 626 Portraits nämlich\n512 gemalte und 114 Büsten in Marmor! Auch in der\nKunst ist die Statistik belehrend.\nKommen wir zur Tonkunst, so finden wir wieder das-\nselbe. Erstens die schroffsten Gegensätze: Aufführungen\nclassischer Meisterwerke neben dem Aushängen des Flitter-\ntands der Mode; ferner gespannte, ja, andächtige Aufmerk-\nsamkeit beim Anhören von stundenlangen Oratorien, und\nbegeisterte Schwärmerei für die italiänische Oper; zahlrei-\nchen Besuch der Vereine für deutsche Kammermusik\nernstester Gattung, und unersättliche Theilnahme mit stür-\nmischem Beifall bei Concert-Ragouts, welche in 24 bis 30\nNummern italiänische und französische Virtuoserei für Ge-\nsang oder Instrumente nach und durch einander auftischen.\nZweitens wieder die fabelhaften quantitativen Verhält-\nnisse, sowohl in der Menge der Aufführungen, welche sich\nin der musicalischen Jahreszeit drängen und würgen, als\nin der imponirenden Masse der Kräfte, welche dazu aufge-\nboten werden. Die Millionen von Noten, welche das Con-\ncert-Publicum oder die verschiedenen Concert-Publica in\nLondon während jeder Woche im April, Mai und Juni zu\ngemessen bekommen, sind sicher nur mit den Millionen\nTropfen der mannigfachen Flüssigkeiten zu vergleichen,\nwelche der Bevölkerung, die keine Concerte und Opern be-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "202", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540701-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5245, "texte": "sucht, während derselben Zeit durch die Kehle gehen. Ich\nerwähne nur, dass ich selbst für meine Person z. B. in der\neinzigen Woche vom 8. bis 13. Mai (also in sechs\nTagen, denn Sonntags findet in England bekanntlich nie\neine öffentliche Aufführung Statt) Mozart's Don Juan und\nBeethoven's Fidelio italiänisch, Weber's Freischütz deutsch,\nvon Beethoven ferner zwei Clavier-Concerte (in Es- und\nG-dur), die Ouvertüre zu Coriolan, die neunte Sinfonie und\ndie grosse Messe in D-dur gehört und daneben vier Con-\ncerten des kölner Männergesang-Vereins beigewohnt habe.\nDie Möglichkeit, an so reich besetzten Tafeln überall mit\nzu speisen, wird allein durch die londoner Sitte der Mor-\ngen- und Abend-Concerte gewährt, jene Nachmittags zwi-\nschen drei und sechs, diese Abends von acht oder halb\nneun bis eilf Uhr; zur Ausdauer aber im Genuss und zur\nVerdauung aller Haupt- und Nebengerichte gehört freilich\nein sehr rüstiger Körper und ein englischer, d. h. unver-\nwüstlicher Magen. Denn die Nebengerichte erscheinen gar\nhäufig auch noch in ganz gehöriger Mächtigkeit, wie z. B.\nam 10. Mai neben der neunten Sinfonie noch zwei Ouver-\ntüren, eine grosse Gesangscene, ein Beethoven'sches Cla-\nvier-Concert und zehn bis zwölf Nummern aus. Leslie's,\neines englischen Componisten, Oratorium „Immanuel\". Ist\nman nun gar entweder durch die Gesellschaft, in welcher\nman sich gerade befindet, oder durch Recensenten-Gewis-\nsenhaftigkeit gezwungen, auch beim Nachtisch auszuhalten\nund den Schaum und die Süssigkeiten der Ballets nach der\nOper und der Intermezzi der Solisten im Concert bis zur\nNeige mit auszukosten, ja, dann ist einem gar oft der letzte\nStrich des Orchesters ein Signal der Freiheit und der Er-\nlösung, man erkennt die Berechtigung des Stoffes neben\ndem Geiste vollständig an und eilt, sich davon zu überzeu-\ngen, dass der Name Restaurant kein leerer Wahn ist.\nUnd nun die Masse von Kräften, welche herauf be-\nschworen werden zur Ausführung! Die Directionen der\nOpern und der grossen Musik-Vereine verschreiben sich\nalle möglichen Berühmtheiten aus allen Ländern der Welt,\nihre Agenten reisen auf dem Festlande umher, um die\nglänzendsten musicalischen Portraits lür die grosse Ausstel-\nlung von Tongemälden in der londoner Season zu kaufen\noder zu miethen; was einen Namen hat, müssen sie haben,\nes koste, was es wolle, und was gern einen Namen be-\nkommen möchte, strömt ihnen von selbst zu, schifft sich\nmit ihnen ein, kehrt aber auch freilich sehr seekrank und\nauf mancherlei Weise enttäuscht zurück.\nDie Verkehrung der Jahreszeiten durch die Engländer,\nwelche die Winter-Vergnügungen in das Frühjahr und\nselbst in den Sommer hinein legen, begünstigt diesen Strom\nder künstlerischen Continental-Mächte nach dem britischen\nInsellande; der Zug der Singvögel insbesondere wird von\nJahr zu Jahr regelmässiger, da sich keine Sängerin und\nkein Sänger von Ruf auf dem Festlande anders mehr an-\nstellen lässt, als mit zwei- bis dreimonatlichem Urlaub, wel-\ncher dann ganz vortrefflich in London ausgebeutet werden\nkann. Und welche Iloftheater-Intendanz kann gegen das\nGeld der englischen Privat-Unternehmer und der grossen\nVereine aufkommen? Uebrigens muss ich hier die Be-\nmerkung anknüpfen, dass die Sitte, die Zeit der Kunstge-\nnüsse in der Residenz in das Frühjahr zu legen, keineswegs\nauf blosser Laune oder gar auf dem Hange zum Seltsamen\nberuht, sondern in vielen Dingen gar wohl begründet ist,\nhauptsächlich in der Beschaffenheit der Atmosphäre von\nLondon. Diese ist im Herbste und Winter so dick, so um-\nräuchert und umnebelt, dass ihr ein jeder, den Beruf und\nGeschäfte nicht an die Scholle binden, zu entfliehen sucht,\nwenn er nur einiger Maassen die Mittel dazu hat. Diese\nMittel besitzt aber die hohe Aristokratie, welche die Haupt-\nstütze der Kunst, und zwar in London mehr als in irgend\neiner Hauptstadt des Festlandes ist, bekanntlich in reich-\nlichster Fülle; desswegen verlässt sie die düstere Stadt im\nSpätsommer und geht aufs Land, wo sie den Herbst und\nwenigstens auch den halben Winter auf ihren mit allem\nVorrath für geistige und leibliche Nahrung und mit allen\nBequemlichkeiten des wohlhäbigen Lebens trefflich ver-\nsehenen und keineswegs vereinsamten Schlössern zubringt.\nWenn aber die Frühlingswinde die Luft in London wieder\nrein fegen und den nebeligen Dunst durchsichtiger machen\n- denn ganz verscheuchen lässt er sich nie —, wenn\ndann zu gleicher Zeit das Parlament seine Sitzungen hält,\ndann zieht auch die reiche Aristokratie wieder in die Stadt\nund verlängert oft ihren Aufenthalt in derselben bis tief in\nden Sommer hinein, weil wiederum das eigentümliche\nKlima von London in der warmen Jahreszeit eben so we-\nnig eine drückende Hitze, als im Winter eine übermässige\nKälte aufkommen lässt. In natürlicher Folge jener Gewohn-\nheit fällt also die Aerntezeit der Kunst oder wenigstens\nder Künstler ebenfalls in die Monate Februar bis Juli, ja,\ngemäss den Erfahrungen der letzten Jahre schiebt sie sich\nimmer mehr vor, so dass jetzt April, Mai und Juni die\nHaupt-Monate sind, und die Opern-Unternehmer selbst bis\nin den August hinein ihre Tempel offen halten.\nDass jenes Zusammenströmen von ausgezeichneten\nKünstlern die Kunst fördere, möchte ich nicht behaupten;\nich bin geneigt, das Gegentheil anzunehmen, zumal da ich"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "203", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540701-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5139, "texte": "durch mancherlei Verbindungen und Bekanntschaften Ge-\nlegenheit gehabt habe, etwas tiefer in das londoner Kunst-\ntreiben hinein und auch hier und da hinter die Coulissen\nder Bühne und unter das Postament des Ruhmes mancher\ngefeierten Grössen zu blicken. Im Ganzen führt das Ergeb-\nniss meiner Beobachtungen dahin, dass die fremden Künst-\nler sammt und sonders nur hier sind, um Geld zu machen,\ndass die hier ansässigen mit ihnen darin wetteifern und\nWege und Stege noch besser kennen und zu benutzen\nverstehen, und dass alle, mit wenigen Ausnahmen, es mit\nden Mitteln, diesen Zweck zu erreichen, nicht eben sehr\ngenau nehmen. Die Instrumentalisten bringt dies oft zu\neiner Einseitigkeit und Leierkasten-Manier, welche, abge-\nsehen von den schmählichen Concessionen an den Ge-\nschmack des grossen Haufens in Rücksicht der Compo-\nsitionen, der Kunst durchaus unwürdig ist; es ist mir\neinige Male begegnet, dass ich von sehr namhaften Virtuo-\nsen Ein und dasselbe Stück nicht nur in drei, vier Concer-\nten hinter einander, sondern sogar, an Einem Tage\nzwei Mal, Morgens und Abends, habe anhören müssen!\nAuf dem Theater, namentlich bei den Italiänern in Covent-\ngarden, führt der Wettlauf der Celebritäten zur Vernich-\ntung aller dramatischen Wahrheit, zur Auflösung des\nKunstwerks in seine einzelnen Bestandteile, zur Zer-\nstückelung einer Bildsäule in Arme und Beine und wer\nweiss was sonst noch für schöne und unschöne Theile des\n\\\nKörpers! Eine höchst ehrenwerthe Ausnahme in dieser\nHinsicht macht Karl Formes; ich habe lange keinen\nBühnenkünstler gesehen, der auf eine so geschickte oder\nvielmehr geniale Weise, wie er, die einschlagendste Wir-\nkung von Gesang und Darstellung auf die gesammte Zu-\nhörerschaft mit dem zu vereinigen wüsste, was er der\nKunst und dem dramatischen Ganzen schuldig ist. Ich werde\nbei der Vergleichung der Aufführungen des Don Juan und\ndes Fidelio in Coventgarden durch die Italiäner und in\nDrurylane durch die Deutschen darauf zurückkommen.\nHat denn aber diese Centralisation in London, dieses\nZusammentreffen musicalischer Berühmtheiten gar keinen\nVortheil für die Kunst? Allerdings hat es den in mancher\nBeziehung, und ich möchte nicht gern in den Ruf kommen,\nals sähe ich in dieser Hinsicht Alles zu schwarz an. Ich\ngestehe sehr gern, dass ich mich der edlen Kunstleistung\neines Virtuosen mit voller Theilnahme hingebe, und dass\nich es als einen Gewinn für die Kunst und für die Verbrei-\n/\ntung und Förderung der Kunstliebe betrachte, wenn irgend\nein Meisterwerk der Composition oder selbst nur ein auf\ndie Eigentümlichkeit des Instrumentes oder der Stimme\ngeschickt berechnetes Musikstück von einem Meister in der\nAusfuhrung vorgetragen und gewisser Maassen neu ge-\nschaffen wird. Dass ein solcher Genuss einem in London\nwährend der Kunst-Jahreszeit oft und in verschiedenartig-\nster Weise trotz der obigen Bemerkungen geboten wird,\nwer könnte das läugnen? Und kann man die Centralisation\nder Kunst und der Künstler auf wenige Monate wohl un-\nbedingt verdammen, wenn sie uns Gelegenheit gibt, die\nSolo-Partieen z. B. im Messias, in der Beethoven'schen\nD-dur-Messe und in Mendelssohn's Elias durch ein Vier-\ngestirn vertreten zu sehen, wie es jetzt die Novello und\nDolby, Sims-Reeves und Karl Formes bildeten?\nDagegen darf man wieder nicht verschweigen, dass\neben die Möglichkeit, in diesen Monaten so viel Ausge-\nzeichnetes neben einander zu haben, zu jener Abart von\nConcerten geführt hat, welche London eigentümlich sind,\nund in einer unerhörten Reihe von Nummern ihres Pro-\ngramms einen musicalischen Küchenzettel bringen, der an\nUmfang und Leckereien ganz das Ebenbild der riesigen\nSpeisekarten der ersten Restaurationen ist. Da werden 24\nbis 30 Stücke abgesungen und abgespielt, ohne dass das\ngespannte Publicum sich anders rückt und regt, als zum\nBeifallklatschen. Die Individualität eines Künstlers als Com-\nponist oder Virtuose oder als Beides zugleich in einem Con-\ncerte ad hoc kennen zu lernen, darauf kommt es dem Publi-\ncum gar nicht an, daher denn auch so genannte individuelle\nConcerte selbst für die bedeutendsten Künstler von Jahr zu\nJahr schwieriger zu veranstalten und gegenwärtig geradezu\nunmöglich geworden sind. Ist einer aber einmal durch die\nWoge des Rufes oben auf gekommen, so fährt er aus\neinem Concerte in das andere die gleichzeitig Statt fin-\ndenden richten sogar ihre Programme danach ein —, singt\noder spielt oder bläs't in jedem sein Stück nach der Uhr\nab und hat am Abend ein ganz hübsches Sümmchen ver-\ndient. Jeder Concertsaal hat seine besonderen eleganten\nNebenzimmer für die Solisten; gehst du etwa in der Pause,\ndie übrigens stets sehr kurz ist, dahin, um den Künstler,\nden du so eben gehört, zu begrüssen, so empfängt dich\nzweifelsohne der Thürsteher mit den Worten: „Herr So\n*\nund So ist bereits wieder weg gefahren.\" Eben so ver-\nschwenderisch würde es gehandelt sein, wenn einer über\nzehn Minuten früher käme, als er aufzutreten hat.\nIs money !\nDie Veranstalter von dergleichen Ragout-Concerten,\nmeist in London ansässige und oft sehr achtungswerthe\nMusiker, haben indess eine Entschuldigung für die Auf-\nstellung ihrer buntscheckigen Programme, und diese liegt"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "204", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540701-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4183, "texte": "wieder in einer herrschenden Sitte. Die Sehnsucht des\nEngländers in der Provinz, und besonders seiner Frau und\nseiner Töchter, ist London; seine Königin und die Haupt-\nstadt zu sehen, ist eines von den Zielen seiner Arbeit, seiner\nSparsamkeit. Ist er wohlhabend oder gar reich, so gehört\ndie Reise nach London zu den regelmässigen Ausgabe-\nPosten auf seinem jährlichen Finanz-Budget. Die Zeit,\nwelche er zu diesem Ausfluge wählt, ist jedenfalls die, in\nwelcher die Weltstadt in ihrem Feierkleide erscheint und\nalles Sehens- und Hörenswerthe um sich versammelt, also\nder Frühling. Ist er angekommen, so macht er mit Hülfe\nder Zeitungen und der wöchentlichen Anzeigen des Herrn\nMitchell über Kunstgenüsse seinen Plan. Was er sonst\nalles sieht und besucht, geht uns nichts an; aber Ein Mal\nmuss seine Familie ein Oratorium hören, Ein Mal muss er\n#\nsie in die Oper, Ein Mal in das Concert führen ohne\ndieses wäre sein Zweck verfehlt: Frau und Kinder könnten\ndaheim nicht mitreden von der Kunst und müssten schaam-\nroth werden, wenn sie die berühmten Künstler der Gegen-\nwart nicht gehört und ihre Namen nicht in ihre Schreib-\ntafel eingezeichnet hätten.\nSolche drei Abende kosten aber Geld und nehmen,\nwenn die Familie aus drei bis vier Personen besteht, an\nzehn bis zwölf Guineen in Anspruch. Desshalb geben gar\nViele die Oper daran; ja, solche, die noch rathsamer mit\nihrer Reisecasse umgehen müssen, opfern auch wohl das\nOratorium auf, wiewohl sie schon schwerer zu diesem\nOpfer sich entschliessen, was ein lobenswerther, charak-\nteristischer Zug ist. Das Concert aber aufzugeben, dazu\nbringt sie keine Noth und kein Gebot; das Concert muss\ndann allein ihre Erinnerung oder wenigstens ihre Schreib-\ntafel füllen. Was bestimmt aber dabei ihre Wahl? Etwa\ndie Ouvertüre, die Sinfonie, überhaupt irgend eine Compo-\nsition? Nichts weniger als das: nur der Reichthum des\nConcertzettels an berühmten Namen entscheidet\nfür den Besuch. Das wissen die Concertgeber sehr wohl,\ndesshalb befassen sie sich nicht mit Aufführungen von\nOuvertüren oder gar Sinfonieen, sondern führen so viel\nBerühmtheiten als möglich der Reihe nach vor, und sind\nalsdann einer zahlreichen Zuhörerschaft gewiss. Daher die\nellenlangen Zettel und die unendliche Reihe von Musik-\nstücken, welche solch ein Concert zu einem musicalischen\nKaleidoskop machen.\nKann der Concertgeber vollends die Patronage einiger\nHerzoginnen und Marquisen, oder noch besser einiger Ho-\nheiten, oder gar der Königin selbst an die Spitze der An-\nkündigung stellen, was übrigens weiter nichts heisst, als\nDass die hohen Patroninnen erscheinen werden oder we-\nnigstens Billets unterzeichnet haben, so macht sich das\nGeschäft noch leichter, und neben den Fremden aus der\nProvinz ist dann auch ein grosser Theil der Aristokratie\nfür den Besuch gewonnen. Ich gebe ein paar Beispiele:\nBenedict's Concert wurde auf den 23. Juni schon\nsechs bis acht Wochen vorher folgender Maassen angekün-\ndigt: „Unter der unmittelbaren Patronage Ihrer Maj. der\nKönigin, des Prinzen Albert K. Hoheit, und der Herzogin-\nnen von Kent, Gloucester und Cambridge KK. HH., wird\nMr. Benedict's jährliches Morgen-Concert in dem k. italiäni-\nschen Opernhause zu Coventgarden Statt finden, wozu alle\neminenten Sänger, das Orchester und der Chor dieses gros-\nsen Etablissements engagirt sind, Mad. Grisi und Signor\nMario mit inbegriffen, deren einziges Auftreten in einem\nMorgen-Concert in dieser Season dies vor ihrer Abreise\nnach America sein wird (das Künstlerpaar steht be-\nkanntlich schon seit zwei Jahren auf dem Punkte, sich ein-\nzuschiffen) —, mit denen sich zugleich die ausgezeichnet-\nsten Instrumental-Talente vereinigen werden u. s.w. u.s.w.\nPrivat-Logen jede zu 4 und 5 Guineen, Sperrsitze 1 Guinee,\nParterre 8 Shilling (2 Thlr. 20 Sgr.).\"\nAuf dem Programme des ebenfalls jährlichen Concer-\ntes der Madame P u z z i figurirten die Sängerinnen Novello,\nAmedei, Pyne, Caradori, Nissen-Saloman, Reeves; die Sän-\nger Beletti, Sims-Reeves, Gardoni, Ciabatta, Flavio, Bur-\ndini, Formes, Reichardt, Lefort, Harrison, Bettini; die In-\nstrumentalisten Prudent, Bazzini, Benedict, Puzzi (Horn),\nVera Pilotti, Schira gibt, wenn Jeder nur Ein Stück\nvorträgt, schon 23 Nummern!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-07-01-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-07-01_01#c002", "volume": "bmtnabi_1854-07-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "204", "page_fin": "206", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540701-01.2.2", "titre_corps": "Zöpfe und Coterieen.", "titre_sommaire": "Zöpfe und Coterieen.", "signature_source": "DIXI", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "204", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540701-01.1.4", "debut_caractere": 4185, "fin_caractere_exclue": 4971, "texte": "Zöpfe und Coterieen.\n\nGrundprosaisch ist diejenige Kunstrichtung, welche in\naller Kunst und Schönheit nur sucht, was sie m u s s, statt\nzu schauen, was sie i s t. Das ist nun zwar ein sehr be-\nkanntes Axiom, dem sich die meisten Kunstgelehrten unse-\nrer Tage mit Leib und Seele verpflichtet nennen, daher\nsie denn mit Worten alle Tendenzen zu verfolgen sich\nanschicken, und desshalb gegen Pietisten, Schulmeister,\nAsketen, Altgesinnte, Zöpflinge und dergleichen Geschmeiss\neinen abgründlichen Abscheu zu hegen vermeinen. Wie\naber, wenn nun dennoch viele Kunst-Professoren und Pro-\nfessionisten der Neuzeit noch bis zur letzten Stunde in\nTendenzen stäken bis über die Ohren? Denn wer am\nKünstler eher fragt, nach was er strebt, als\nwas er leistet, ist ein prosaischer Tendenzler; wer das"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "205", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540701-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5143, "texte": "Neue darum liebt, weil es neuzeitlich ist, ist\nnichts besser, als der thörichte, altzöpfichte Tendenz-Histo-\nriker; wer die Vaterlands-Spectakel-Decorations-Puppen-\nBallette mit obligater Trompeten-Musik und chromatischem\nPosaunen-Geheule desshalb preis't, weil sie vater-\nländisch seien, ist ein Verräther an Schönheit und Va-\nterland; denn er nimmt Beiden, was das Ihre ist; wer aus-\ndrücklich und absichtlich Quinten- und Octaven-Pa-\nraHelen rücksichtslos gebraucht, weil das Quinten-Ver-\nbot von den Altvätern ererbt ist, der ist mit demselben\nZopfe behaftet, wie jener alte generalbassistische Gramma-\ntiker, nur mit dem Unterschiede, dass dieser letztere seinen\nZopf mit Ehren trug, gleich manchen anderen unserer Vä-\nter in des grossen Friedrich Geleit, vor welchen Russen\nund Franzosen erbebten. Der alte Fritz trug bekanntlich\nauch einen Zopf; doch scheint's, er hatte mehr Witz im\nkleinen Finger, als mancher moderne Phraseologe im gan-\nzen Gehirn, und mehr warmes Blut im Herzen, als diejeni-\ngen fieberhaften Rhetoriker, die mit nachgeplapperten\nPhrasen mühselig fremdes Feuer aufwärmen. Damit uns\nnicht gewisse leipziger und Weimarer Kaffeetrinker inju-\nriarum belangen denn die meisten Injurien- und Ten-\ndenz-Processe gewinnen bekanntlich die Radicalen, weil sie\nmehr Uebung darin haben —, so erkläre ich hiedurch aus-\ndrücklich, dass ich Niemanden nenne, weil die Koryphäen\nder Neuzeit ja vor Aller Augen im hellen Sonnenlichte\nwandeln.\nWer am Künstler eher fragt, was er strebe, als was\ner leiste *), der bezeugt damit, dass es ihm zu thun ist um\nSchule, Nützlichkeit und Arbeit, dass er nicht suche in der\nKunst das wallende Leben der Schönheit, die zur Wonne\nder Welt geschaffen ist. Soll denn auch in unserer hohen,\nhimmlischen Kunst alle unbefangene Lust, das Seiende\nzu vernehmen, zu Grunde gehen in diesem schulmeister-\nlichen Streben, aus den Dingen, Leibern und Seelen etwas\nzurecht zu machen für absonderliche Zwecke? Manche\nnicht alle von den verachteten Altvätern suchten\nim Kunstwerke ihre Seelenlust und fragten nicht nach\nStrebungen, sondern nach Leistungen. Leisten ist liebevoll\nergossene Schöpferkraft, die nicht strebsinniger Zeitungs-\nJüngerschaften bedarf, um zu leuchten und zu zünden; das\nist's ja, was die Kunst-Schönheit mit der Natur-Schönheit\ngemein hat: Lebens-, Liebes- und Schönheits-Zeugung\nquellen und strömen auf gleiche Weise. Alle wahren Dich-\nter aller Zeiten haben dies gefühlt, alle verkehrten Halb-\nDichter, Philosophen und Schulmeister haben das Gegen-\ntheil darzulegen gesucht.\nDenn das leuchtet dem gemeinen Realismus sogleich\nein, wo er Verliebtheit ohne Liebesdichtung, sackleinene\nThatkräftigkeit ohne Heldengedicht erblickt ; dieses begreift\ner, er kann es mit Händen fassen, auch ohne daran zu\nglauben. Obwohl er dem Frommen, der sich einfältig in\nalter Kirchenweise erbaut, diese Herzensstärkung miss-\ngönnt, um sie wohlfeil als Heuchelei zu brandmarken, so\nlässt er es dagegen ruhig über sich ergehen, wo in den\nHugenotten Heuchelei, Fanatismus und Geilheit für Reli-\ngion verkauft werden, oder im Lohengrin steifleinene Rit-\nterlichkeit dämmerigen Heldenschein erheuchelt, oder wo\nBerlioz immense Zukunfts-Ideen.... in parenthetischen\nUeberschriften seinen Partituren beimalt, statt sie in Noten\nund Tönen lebendig auszudrücken.\nUnsere nothgedrungen real gewordene Zeit, die nun\neinmal dazu verdammt ist, sich dumm zu lesen, lässt sich\ngeruhig maassregeln durch politische Leit-Artikel aus dem\nLager der Progressisten, die von Anfang der Welt jeder-\nzeit den Vorzug der Phrase behauptet haben. Sieht man\ndiesem Geschreibsel hinter die Coulissen, so erscheint\nNiemand anders als jener kategorische Imperativ, jenes Ge-\nspenst aus Kleister und Pappe, wie es Ehren-Klinger rich-\ntig darstellt.\nDem gröbsten Realismus zur Seite geht die Aufblä-\nhung der Hand werker -Technik, die eben bei den\nalleridealsten Zukunfts-Musicanten und Zeit-Ideal-Künstlern\nein ziemlich Theil ihrer Gesammt-Thätigkeit dahinnimmt.\nIch meine nicht die elenden Virtuosen, die sich Geldes hal-\nber an allem Schönen und Heiligen versündigen; auch\nnicht die horrende Technik, deren Wagner und Berlioz be-\ndürfen, um nur gehört zu werden; sondern das kindische\nSpiel mit Formen, Instrumental-Künsten, Klang-EfTecten,\nFarbenspielen u. dgl. meine ich; es tödtet die Kunst, wo ihm\nein Werth an sich beigelegt wird, wo man z. B. bei\nBerlioz' Instrumental-Künsteleien die entsetzliche Melodieen-\nArmuth gnädig übersieht, oder bei Schumann's und Meyer-\nbeer*s Klang-Pfiffigkeiten die Unwahrheit und Unschönheit\nnicht merken will.\nDas kritische Proletariat, das Technik und Schönheit\n' \\\nnicht zu unterscheiden weiss, gibt vor, sich über Fugen\n\n*) Diese unselige Zeitungs-Phrase, auf die wir wider Willen oft\nzurückkommen müssen, weil sie die ganze Schulmeister-Weis-\nheit der Neuzeit durchdringt, bedeutet, in gutes Deutsch über-\nsetzt, eigentlich nichts als dieses: „Du kannst zwar nicht\nviel, aber weil du ein gutes Schul-Exercitium nach unserem\nMuster gemacht hast, lobe ich dich und übrigens man\nkann nicht wissen, ob du nicht noch einmal ein berühmter\nMann wirst, und dann wehe mir armen Recensenten! Ergo .. \""}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "206", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540701-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2394, "texte": "und Contrppunkt zu ereifern. Gewiss, es gab auch während\nder Blütliezeit des Fugenthums leere Techniker; aber Nie-\nmand hat auch Mar pur g einen weltbewegenden Künstler\ngescholten, weil er ein paar zopfgemässe Fugen geschmie-\ndet mit regelrechten Repercussionen. Jenen anderen\nSatz aber, den einstmals der alte Bach gesprochen: Es sei\nein Zeichen guter Tonbegabung, gern Fugen zu hören\nden werdet ihr Neuzeitlichen längst in dieselbe Rumpel-\nkammer geworfen haben, wo ihr eure übrigen Zöpfe auf-\nbewahrt. Lieb wäre mir's doch, wenn auch ihr einen ähn-\nlichen Satz aufstelltet, der sich hundertjährige Geltung er-\nwürbe, wie jener Baeh'sche, aber „einen erklecklichen\nSatz will ich, und der auch was setzt\".\nMan sagt, wir seien grob. Gut das; dürfen wir's nicht\nsein, so gut wie unsere Gegner? Sollen wir nicht gleiche\nWaffen gebrauchen, so lange es keine unehrlichen sind?\nWenn die Brüder Leipziger jeden Andersdenkenden mit\nder Plumpkeule breitschlagen und doch läugnen, dass sie\nCoterie machen wenn dieselben für ihre Strebungen\nden breitesten Raum in Anspruch nehmen und dagegen\ndie wackeren Schwaben Lachner, Lindpaintner\nu. s. w. öffentlich verhöhnen und beschimpfen, weil diese\nnun eben auch auf ihre Weise Musik machen wollen, wo\nNiemand drein zu reden hat wenn dieselben lür einen\ndurchgefallenen Tannhäuser oder Lohengrin den Dirigen-\nten verantwortlich machen!! weil dieser Lob\nund Tadel zu leiten verpflichtet sei!!!\naus mit der lammherzigen Geduld; man werde grob, man\ndecke die Cuterie-Manoeijvres auf, überlasse dem gesunden\noder genesenden Sinne des Volkes das Weitere und rufe\nendlich: Dioci el salvavi animam.\nUnd wiire noch ihre Technik eine wahrhaft neue,\ngesunde, zwingende: wir wollten uns ehrfürchtig beugen;\ndenn alles Heldenthum bezwingt die Welt. Wer aber nicht\nmal Tact halten kann, weder mit dem Directorstabe noch\nam Ciavier und dann hinterher „die Manier des\n1) irigi ren s\" lächerlich macht (wie kürzlich die Neue Musik-\nZtg. gethan): der spricht sich selbst das Urtheil. Kürzlich\nsah ich Joachim in Hannover die Mozart'sche Es-dur-Sm-\nfonic dirigiren (18. März), wo der Tact des Birectorstabes\nwedelte und fädelte, wie die Juden beim Leichenbegäng-\nniss; nur dem sehr tüchtigen Orchester, das Marschner,\nnicht Joachim herangebildet, war zu danken, dass die Sin-\nfonie im Adagio nicht umwarf. Ist das neuzeitliche Technik?\n0, dann willkommen, lieber Zopf! ,\n\nDIXI."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-07-01-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-07-01_01#c003", "volume": "bmtnabi_1854-07-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "206", "page_fin": "208", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540701-01.2.3", "titre_corps": "Berliner Briefe.", "titre_sommaire": "Berliner Briefe.", "signature_source": "G. E", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "206", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540701-01.1.6", "debut_caractere": 2396, "fin_caractere_exclue": 4944, "texte": "Berliner Briefe.\n\nDen 22. Juni 1854.\nHeute beschliesst Jenny Ney ihr hiesiges, auf acht\nRollen ausgedehntes Gastspiel, und nächsten Sonntag ist\ndie letzte Opern-Vorstellung vor dem Eintritt der Ferien.\nWelches Aufsehen Frl. Ney in Berlin gemacht hat, geht\nschon daraus hervor, dass trotz der drückenden Hitze das\nHaus fast jedesmal bis auf den letzten Platz gefüllt war;\nder Beifall war überreich; denn J. N. bildete neben der Politik\nden Inhalt aller Tagesgespräche. Nach ihrem ersten Auf-\ntreten wurde ihre Bedeutung von einem Theile des Publi-\ncums überschätzt; man fand nicht nur Alles vollendet, son-\ndern glaubte selbst eine Jenny Lind durch sie in den Hin-\ntergrund gedrängt. Dann entstand eine Reaction, die eben-\nfalls zu weit ging und nur die Stimme für schön erklärte,\ndagegen dramatische Begabung und seelischen Gehalt gänz-\nlich vermisste. Allmählich hat sich das Urtheil abgeklärt,\nund die Meisten werden darin übereinstimmen, dass J. N.\nnicht eine Sängerin der alleridealsten Art ist, wie etwa\nJenny Lind, aber eine sehr bedeutende Künstlerin, die un-\nter denen der Gegenwart eine der ersten Stellen einnimmt.\nSie ist hier aufgetreten als Norma, Donna Anna, Va-\nlentine, Julia (in der Vestalin), Fidelio, Lucrezia Borgia und\nals Frau Fluth in Nicolai's lustigen Weibern von Windsor.\nVon den sechs erstgenannten, der ernsten Oper angehöri-\ngen Leistungen möchte ich keiner einen entschiedenen Vor-\nzug geben (ich bemerke, dass ich über die Vestalin nur\nnach dem Urtheil Anderer berichten kann); als dramatische\nLeistung, Alles in Allem betrachtet, stelle ich aber die Frau\nvj\nFluth am höchsten; hier gab Frl. N. etwas Meisterhaftes,\ndas in jeder Beziehung vollendet, im idealsten Sinne vollen-\ndet war. Bei einem Sänger kommt zunächst die Stimme\nin Betracht, obschon auch diese mit dem Vortrag und der\nArt des Ausdruckes stets in einem untrennbaren Zusammen-\nhange steht; die Richtung des Gefühls, die einen Sänger\nbeseelt, bestimmt zugleich'die Färbung der \\ocale, die\nFassung des Tons, den Tonanschlag und gibt sich somit\nschon in dem blossen Klange des Organs zu erkennen. Bei\neiner nicht ausgebildeten Stimme wird freilich immer eine\nDifferenz zwischen dem inneren Streben und der äusseren\nVerwirklichung vorhanden sein; anders bei einer entwickel-\nten, wo entweder alle Eigenthümlichkeiten des Organs aus\neiner von innen nach aussen gerichteten Thätigkeit hervor-\ngegangen sein können, oder auch umgekehrt eine angelernte\nMethode zu einer bestimmten Richtung des Gefühlsaus-\ndruckes geführt haben mag. An dem hellen, sauberen und"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "207", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540701-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5363, "texte": "durch regelmässiges Tonziehen sich zur Fülle steigernden\nKlange, den Frl. N. besitzt, kann man bereits die Richtung\nihres Gesanges erkennen. Wer des Tonschwellens so mäch-\ntig ist, wie sie, wird immer etwas Seelisches in seinem\nGesang haben; denn der lebendig schwingende Athem druckt\nmit Nothwendigkeit eine innere Thätigkeit aus. Dass daher\nihr Vortrag des Adagio und der ruhigen Cantilenc, in der\nsie diese Kunst anwenden kann, kalt lasse, muss ich be-\nstreiten; das ist kein bloss sinnlicher Effect, das ist ein Her-\nausströmen des Innern, wenngleich vielleicht in der Weise\neinfacherer Naturen, die erregbar und gefühlvoll sind, ohne\ngerade nach dem Höchsten zu streben, ohne das Geheim-\nniss tief ernster und sinniger Innigkeit zu besitzen. Ein\nMangel wird dagegen meistens in leidenschaftlicheren Stellen\nund im Allegro bemerkbar, wo die Zeit zum eigentlichen\nTonziehen nicht ausreicht; die Stimme klingt dann etwas\nmager und kraftlos, Frl. N. besitzt nicht die Kunst, die\nganze Stimme in einem Momente heraus zu bringen, und\nnamentlich in diesem Punkt ist ihr Johanna Wagner weit\nüberlegen. Daher finden Viele ihren Gesang kalt als ob\nLeidenschaft die einzige Art der Wärme wäre und es nicht\nein Mittleres zwischen Frost und heller Flamme gäbe; etwas\nWahres liegt aber darin, und wer z. B. das Terzett zwi-\nschen Adalgise, Norma und Sever am Schluss des ersten\nActes von der Viardot-Garcia und dann von Jenny Ney\ngehört hat, wird den Unterschied fühlen. Ein anderer Man-\ngel wird in declamatorisch-recitativischen Stellen bemerkbar,\nwo sich in wenige Töne die Kraft eines überströmenden\nGefühls zusammendrängt, z. B. in den Stellen der Hu ge-\nnotten „Ich bin ein Mädchen, das ihn liebt\" und „Raoul,\nich liebe dich\", ferner in derVestalin bei den Worten „Er\nist frei\", in Fidelio „Tödt' erst sein Weib\". Der Klang des\nOrgans ist ferner hell und sauber. Jenny Ney wird den\nTon, sowohl rücksichtlich der Intonation als der Aussprache,\nstets sehr bestimmt und deutlich fassen, eher etwas zu\nsehr, als zu wenig; nur die allerhöchsten Töne, woraus\nwir einem Sopran keinen Vorwurf machen wollen, scheinen\neine ganz deutliche Aussprache nicht mehr zu gestatten.\nDen Ansatz wünschte ich manchmal etwas duftiger, weicher,\nzarter; man kann nach dieser Seite hin nicht leicht zu viel\nthun; Weichheit des Tons und des Vortrags (durch Legato\nund Portament) ist das Zeichen höchster Kunstvollendung,\nund gerade durch diese Eigenschaften errang eine Jenny\nLind den ersten Preis und wird in der Geschichte des Ge-\nsanges eine der ersten Stellen einnehmen. Aehnlich ver-\nhält ,es sich mit der Helligkeit; dieser Art von Klarheit\nfehlt in etwas die Innigkeit; die höchste Kunst ist ein sinn-\nlicher Ausdruck des höchsten Ideals, des Geistes überhaupt;\nund wie dies in dem Ebenmaass zwischen Subjectivität und\nObjectivität, zwischen einem tiefinnigen Fühlen und in\neinem freundlichen Verkehr mit der Aussenwelt besteht, so\n\\\nist es auch in der Kunst. Jenny Ney gehört zu den Na-\nturen, die offen und harmlos der Welt gegenübertreten;\naber den ernsten, sinnigen Zug, den Jenny Lind auch\nschon in dem blossen Klange des Organs damit zu verbin-\nden wusste, besitzt sie nicht. Dennoch sehen wir es für\nkeinen Zufall an, dass ihre Stimme im Fidelio dunkler, ge-\nfühlvoller und weniger glänzend, als je, klang; sie fühlte\noffenbar, dass Beethoven's Ideal nicht das der italiänischen\nSchule ist; und wenngleich sie als Fidelio nicht die höch-\nsten Gipfel erreichte, so hatte sie doch den richtigen Weg\nbetreten, den der deutschen Innerlichkeit, und zeigte sich\nnamentlich im zweiten Acte von einer Wärme des Gefühls\ndurchdrungen, in der ihre ganze Erscheinung, wenn auch\nweniger imponirend, so doch aufs ergreifendste wirkte.\nAuch im Dialog wusste sie oft Färbungen des Organs zu\ntreffen, um die sie die meisten Schauspielerinnen hätten\nbeneiden können; dass sie in der That künstlerisches Ver-\nständniss und ein hohes Streben besitzt, bewies sie in dieser\nRolle ganz unzweideutig. Noch habe ich über die Technik,\nd. h. über die Coloratur, zu sprechen. Grosses Aufsehen\nmacht der Triller, den Jenny Ney besitzt und den sie oft\nin den höchsten Lagen mit glänzender Sicherheit und Kraft,\nüber Chor- und Orchestermassen hinweg, dem Publicum\nin die Ohren schleudert; auch sonstige Passagen wurden\nnicht selten angestaunt, doch glaubten hier auch ungeübtere\nOhren zuweilen herauszuhören, dass nicht Alics in Rich-\ntigkeit sei. Jenny Ney macht das Meiste mit Fertigkeit und\nziemlicher Bestimmtheit, namentlich lässt sich nicht läugnen,\ndass der Triller wirklich etwas Kühnes und Glänzendes hat;\nihrer Coloratur fehlt aber das Flüssige, gleichmässig sich\nfort Bewegende, es klingt immer, als ob sich ein fremdes,\nstörendes Element dazwischen dränge. Und dies hat ein-\nfach darin seinen Grund, dass ihre Haltung des Mundes\nund der Gesichtszüge während der Dauer einer Passage\nnicht ruhig und feststehend ist. Auch in diesem Punkte muss\nJenny Lind als unerreichtes Muster gelten. Nur in Einer\nRolle störte uns diese fehlerhafte Technik nicht, in den\nlustigen Weibern von Windsoi, wo sie das Charakterbild\nder Frau Flulh in der That vervollständigen half. In dieser\nI\nRolle schuf Jenny Ney überhaupt etwas ganz Eigenthüm-\nliches, wie wir es, in der Oper wenigstens, noch nicht auf\nden Brettern gesehen haben; einen Charakter voller Humor\nund Laune und zugleich mit einer gewissen imponirenden"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "208", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540701-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 367, "texte": "Grösse, die den Darstellerinnen solcher Rollen meist zu\nfehlen pflegt. Allgemein wird es daher bedauert, dass eine\nWiederholung dieser Leistung nicht mehr in Aussicht steht.\nSo hat denn unsere musicalische Saison einen trefflichen\nSchluss gehabt, und mit diesem Briefe beurlaube auch ich\nmich von Ihnen, da die nächsten Monate wohl nichts Neues\nbringen werden.\n\nG. E."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-07-01-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-07-01_01#c004", "volume": "bmtnabi_1854-07-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "208", "page_fin": "208", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540701-01.2.4", "titre_corps": "Aus Gotha.", "titre_sommaire": "Aus Gotha.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "208", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540701-01.1.8", "debut_caractere": 369, "fin_caractere_exclue": 7104, "texte": "Aus Gotha.\n*)\nAm Sonntag den 2. April wurde Santa Chiara, grosse roman-\ntische Oper in 3 Abtheilungen von Charlotte Birch-Pfeiffer gege-\nben. Es wäre ein thÖrichtes Beginnen, den Componisten dieser ge-\nstern hier zur ersten Aufführung gebrachten Oper zu ignoriren, da\nfremde Blätter Se. Hoheit unsern durchlauchtigsten Herzog als den\nSchöpfer dieses Tonwerks nennen.\nZuvörderst bemerken wir, dass der Stoff des Libretto der-\nselbe, welchen H. Zschokke novellistisch behandelte den „Pieces\ninteressantes et pen conmies pour servir ä Vhistoire de Russieu ent-\nnommen ist. Es ist die Geschichte der unglücklichen Christine,\nPrinzessin von Wolfenbüttel, welche dem missrathenen Sohne Peters\ndes Grossen, Alexis, vermählt und von ihm misshandelt, durch\nScheintod ihrem unseligen Geschick entging und ein besseres Loos\nin der neuen Welt suchte und fand. Dies gut gewählte Sujet hat\ndie berühmte Verfasserin mit der ihr innwohnenden Geschicklichkeit\nbehandelt. Ueberall dramatisches Leben, überall drastischer Bühnen-\neffect. Der Scencngang ist natürlich, die Actschlüsse sind wohl-\nmotivirt, kurz, man könnte die Arbeit eine wohlgelungene nennen,\nstiesse man nicht am Schlüsse des 3. Acts auf wunderliche Unglaub-\nlichkeiten, und wäre stellenweise die Diction befriedigender. Leider\nverletzte uns viel Unpoetisches im Ausdruck.\nWas die Tondichtung angeht, so heben wir als besonders wirk-\nsam hervor zuerst die brillant instrumentirte Ouvertüre mit ihren\nbedeutsamen Intentionen; dann das Duett zwischen Victor (Herr\nReer) und Alphons (Herr A b t), ein effcctreiches Musikstück,\nwelches bei angemessenem Vortrag überall einen guten Eindruck\nmachen muss. Ferner das Recitativ und Romanze (Nr. 3) des Vic-\ntor: „Am blumigen Rain, im kühlen Grund\", in welcher der, wenn\nauch in anderer Gestaltung, oft wiederkehrende Hauptgedanke der\nOper ausgesprochen ist. l)iese Melodie ist eben so glücklich erfun-\nden als tief empfunden. Das Quartett Nr. 4in Des Larghetto: „Er\nist's66, zeichnet sich sowohl durch Erfindung als durch Ausarbeitung\naus; das frische Motiv, die sangesmässige Stimmführung und die\nglücklichen harmonischen Ausweichungen müssen gefallen. Das\n.Duett Nr. 5 (Charlotte Frl. Falconi; Bertha Frl. Remond):\n„Fremd steh' ich4', in F-dur 3/j Tact ist ein lebendiges, für die\nSängerinnen dankbares Tonstück, w elches wohl bald in allen Salons\nder musikalischen Welt Avidertönen dürfte. Das Finale dieses ersten\nActes beginnt mit einem Ballet, dessen Musik höchst charakteristisch\ngehalten ist. Ueberraschend wirkt der kecke Gedanke im Trom-\npeten-Solo, und ergreifend ist die Stelle: „Hast du den Trank?44,\nnicht minder die Schluss-Arie Charlottens, welche allerdings grosse\nStimmmittel erheischt und bei ihrer hohen Tonlage bedeutende\nSchwierigkeiten im Vortrage bietet.\nWenn schon der erste Act viel Schönes darbietet, so ist der\nzweite von ergreifender Natur. Aus dem Festsaal des Czaaren-\npalastes finden wir uns in die griechische Capelle desselben ver-\nsetzt, wir stehen am Sarge der todtgeglaubtcn Grossfürstin. Wir\nvernehmen Orgelklänge und den Chor der Betenden hinter der\nScene. Das Motiv dieses Chors wurde, wie wir erfahren, einem\nrussischen Psalm entlehnt. Die thematische Durchführung wie auch\ndie Modulationen zeugen von einer Meisterhand. Die darauf fol-\ngende Cavatine Bertha's in F-moll wirkte magisch durch den Aus-\ndruck des tief empfundenen Wehes. Die Arie Victors (Nr. 10):\n„0 welch ein Anblick!'4 mit Harfen-Begleitung scheint uns der\nlyrische Culminationspunkt der Oper. Einen unbeschreiblichen Ein-\ndruck machen die Worte: „Du bist geopfert worden.44 Das Finale\ndes 2. Actes ist ein wahres Meisterstück und reisst den aufmerksam\nfolgenden Hörer hin, nicht bloss durch den Ausdruck glühender\nEmpfindung, sondern auch durch die bewundernswürdige Stimm-\nführung und den überraschendsten Harmoniewechsel. Das Requiem,\nmit welchem der Act schliesst, macht einen erhabenen und ernsten\nEindruck auf das Gemüth des Hörers.\nWohlthätig wirkt daher durch den Contrast der Anfang des\ndritten Actes. Die gerettete Fürstin weilt ungekannt in der Gegend\nvon Neapel unter dem Namen Santa Chiara. Nach den munteren\nTönen der Winzer und Winzerinnen, der Fischer und Fischerinnen\nfolgt eine Arie Charloltens. Das Motiv derselben ist wohl anzie-\nhend, doch vermissten wir eine gewähltere Harfen-Begleitung, auch\ndürfte eine Abkürzung hier vielleicht rathsam sein, Scene und Arie\nNr. 14: „O neugeschenktes Leben44, in F. zeichnet sich durch San-\ngesmässigkeit und dramatischen Ausdruck aus. Das Recitativ Nr.\n15: „Ha, wieder hier!44 ist grossartig gehalten, das Duett Nr. 16 in\nB-dur dagegen, graziös und ruhig, wirkt wohlthätig nach der vor-\nhergegangenen geräuschvollen Nummer. Nr. 17 und 18 endlich\nschienen uns in der Anlage nicht klar genug und zu weit ausge-\nführt. Unserer unvorgreillichen Ansicht nach würden Kürzungen\nsowohl in der Dichtung als in der Musik hier von Nutzen sein.\nEs bedarf wohl kaum der Erwähnung, dass von Seiten der Dar-\nsteller und des Orchesters alles, was nur möglich, geschah, um das\nherrliche Werk zur vollsten Geltung zu bringen. Franz Liszt\nwar von dem hohen Componisten eingeladen worden, die erste Auf-\nführung zu leiten, und es steht wohl nicht in Frage, dass er die\nnicht leichte Aufgabe in der ihm eigentümlichen Weise zur höch-\nsten Zufriedenheit glorreich lös'te. Die Capelle leistete unter dem\nhochbegabten genialen Führer Ungewöhnliches. Aehnliches Hesse\nsich von den Chören sagen. Die Damen Falconi und Remond,\ndie Herren Reer, Abt und Killmer brachten ihr Bestes und wett-\neiferten gleichsam, um das schöne Werk zu fördern. Alle sangen\nund spielten mit Lust und Liebe. Lobenswerth war die Inscenirung,\ndie decorative Ausstattung glänzend. Am Schlüsse wurden Alle gerufen.\nUnter den zahlreichen Fremden, welche gekommen waren, das\nneue Werk unseres Herzogs zu sehen und zu hören, bemerkten\nwir interessante Persönlichkeiten: so den General-Intendanten der\nkönigl. Schauspiele, Hrn. v. Hülsen, so wie dessen Vorgänger, den\nGraten Redern und den Geheimrath v. Küstner aus Berlin; von\neben daher Frau Charlotte Birch-Pfeiffer, den Dichter G. Freytag\naus Leipzig u. m. A. Wohl nicht ohne besondere Absichten waren\nder Theater-Director Hoffmann aus Frankfurt a. M„ der Literat\nOppclt aus Brüssel, Uebersetzer der „Casilda44, der Musikalienhänd-\nler Bock aus Berlin u. m. A. Hieher gekommen.\nAm 5. April fand die erste Wiederholung Statt (die Einnahme\nzum Besten der Armen) und am 9. die zweite, mit welcher zugleich\nunsere Bühne geschlossen wurde. Alle drei Vorstellungen fanden\nausser Abonnement Statt und füllten das Haus in allen Räumen.\nLiszt dirigirte sie alle drei. Nach Kürzung einiger Nummern und\nAbänderung des dritten Acts hat die Oper unstreitig gewonnen.\n*) Durch Zufall verspätet."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "201", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540701-01.1.1", "texte": "Ueber musicalische Zustände in London.\nVon\nProf. L. Bischoff.\nI.\nEngland ist das Land der Gegensätze und der kolos-\nsalen Verhältnisse. Segen und Fluch der Civilisation stehen\nsich gegenüber, und alles, was für öffentliche Zwecke un-\nternommen und veranstaltet wird, tritt nach einem Maass-\nstabe ins Leben, von dessen Grösse man anderwärts kaum\neine Vorstellung hat.\nDiese zwei Eigentümlichkeiten des Landes treten\neben so sichtbar in der Kunst als im Leben hervor. Du\nfindest in den Erscheinungen jeglicher Kunst in England\ndas Edle und Grosse, welches in der That eine Idee des\n* \\\nSchönen verwirklicht, neben dem Gemeinen und Kleinlichen,\ndas Ausserordentliche neben dem Allergewöhnlichsten;\nallein quantitativ ist Alles imponirend, Alles massenhaft und\nriesig in Maass- und Zahlen-Verhältnissen. Daher im All-\ngemeinen in England mehr Staunens werthes als wirk-\nlich Schönes in der Kunst.\nVergleiche die herrliche Westminster-Abtei in London mit\nder Allerseelenkirche am Ende von Regentstreet, und du hast\nneben dem edelsten altdeutschen Stile jener in dieser eine un-\nförmliche Rotunde von zwei Stockwerken mit antiken ioni-\nschen und korinthischen Säulen und einem Zuckerhute oben\ndarauf. Betrachte in Westminster selbst das moderne Fen-\nster am nördlichen Thor, die römischen Zierathen an den\nThören des Haupt-Portals, und du wirst mit Bedauern\nselbst hier die vollkommene Einheit des Stils vermissen.\nMusterst du gar, abgesehen von den historischen Erinne-\nrungen, die Denkmäler dieses nationalen Pantheons als\nKunstwerke der Sculptur, so wird die Ausbeute für den\nechten Geschmack sehr gering sein ; aber ihre Menge\nüberwältigt dich, das Labyrinth von Monumenten macht\ndich stutzig und scheu, diese in Marmor-Gestalten gebannte\nGeschichte von Jahrhunderten der Menschheit erfüllt dich\nmit Staunen und mit einem heiligen Schauer.\nSiehst du die Bildwerke griechischer Kunst und den\nRaub vom athenischen Parthenon im britischen Museum,\ndurchwanderst du die Gemälde-Sammlungen, die öffent-\nlichen und vollends die Säle in den Palästen der Grossen,\nso stehst du entzückt vor den herrlichsten Schöpfungen\ndes menschlichen Geistes. Aber gib dich nur nicht der\nTäuschung hin, als seist du in die Heimat der Kunst ver-\nsetzt: o nein, du bist in einem modernen Rom, das\nAlles zusammenschleppt und zusammenkauft und mit all\nden schönen Mustern keinen Funken eigenen Genie's zu\nwecken vermag. Gehe nur in die diesjährige Ausstellung\nder königlichen Akademie der Künste: wenige Bilder wer-\nden dich fesseln, und doch sind 1531 Nummern von 902\nKünstlern ausgestellt. Aber unter diesen anderthalb Tau-\nsend Nummern befinden sich 626 Portraits nämlich\n512 gemalte und 114 Büsten in Marmor! Auch in der\nKunst ist die Statistik belehrend.\nKommen wir zur Tonkunst, so finden wir wieder das-\nselbe. Erstens die schroffsten Gegensätze: Aufführungen\nclassischer Meisterwerke neben dem Aushängen des Flitter-\ntands der Mode; ferner gespannte, ja, andächtige Aufmerk-\nsamkeit beim Anhören von stundenlangen Oratorien, und\nbegeisterte Schwärmerei für die italiänische Oper; zahlrei-\nchen Besuch der Vereine für deutsche Kammermusik\nernstester Gattung, und unersättliche Theilnahme mit stür-\nmischem Beifall bei Concert-Ragouts, welche in 24 bis 30\nNummern italiänische und französische Virtuoserei für Ge-\nsang oder Instrumente nach und durch einander auftischen.\nZweitens wieder die fabelhaften quantitativen Verhält-\nnisse, sowohl in der Menge der Aufführungen, welche sich\nin der musicalischen Jahreszeit drängen und würgen, als\nin der imponirenden Masse der Kräfte, welche dazu aufge-\nboten werden. Die Millionen von Noten, welche das Con-\ncert-Publicum oder die verschiedenen Concert-Publica in\nLondon während jeder Woche im April, Mai und Juni zu\ngemessen bekommen, sind sicher nur mit den Millionen\nTropfen der mannigfachen Flüssigkeiten zu vergleichen,\nwelche der Bevölkerung, die keine Concerte und Opern be-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "202", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540701-01.1.2", "texte": "sucht, während derselben Zeit durch die Kehle gehen. Ich\nerwähne nur, dass ich selbst für meine Person z. B. in der\neinzigen Woche vom 8. bis 13. Mai (also in sechs\nTagen, denn Sonntags findet in England bekanntlich nie\neine öffentliche Aufführung Statt) Mozart's Don Juan und\nBeethoven's Fidelio italiänisch, Weber's Freischütz deutsch,\nvon Beethoven ferner zwei Clavier-Concerte (in Es- und\nG-dur), die Ouvertüre zu Coriolan, die neunte Sinfonie und\ndie grosse Messe in D-dur gehört und daneben vier Con-\ncerten des kölner Männergesang-Vereins beigewohnt habe.\nDie Möglichkeit, an so reich besetzten Tafeln überall mit\nzu speisen, wird allein durch die londoner Sitte der Mor-\ngen- und Abend-Concerte gewährt, jene Nachmittags zwi-\nschen drei und sechs, diese Abends von acht oder halb\nneun bis eilf Uhr; zur Ausdauer aber im Genuss und zur\nVerdauung aller Haupt- und Nebengerichte gehört freilich\nein sehr rüstiger Körper und ein englischer, d. h. unver-\nwüstlicher Magen. Denn die Nebengerichte erscheinen gar\nhäufig auch noch in ganz gehöriger Mächtigkeit, wie z. B.\nam 10. Mai neben der neunten Sinfonie noch zwei Ouver-\ntüren, eine grosse Gesangscene, ein Beethoven'sches Cla-\nvier-Concert und zehn bis zwölf Nummern aus. Leslie's,\neines englischen Componisten, Oratorium „Immanuel\". Ist\nman nun gar entweder durch die Gesellschaft, in welcher\nman sich gerade befindet, oder durch Recensenten-Gewis-\nsenhaftigkeit gezwungen, auch beim Nachtisch auszuhalten\nund den Schaum und die Süssigkeiten der Ballets nach der\nOper und der Intermezzi der Solisten im Concert bis zur\nNeige mit auszukosten, ja, dann ist einem gar oft der letzte\nStrich des Orchesters ein Signal der Freiheit und der Er-\nlösung, man erkennt die Berechtigung des Stoffes neben\ndem Geiste vollständig an und eilt, sich davon zu überzeu-\ngen, dass der Name Restaurant kein leerer Wahn ist.\nUnd nun die Masse von Kräften, welche herauf be-\nschworen werden zur Ausführung! Die Directionen der\nOpern und der grossen Musik-Vereine verschreiben sich\nalle möglichen Berühmtheiten aus allen Ländern der Welt,\nihre Agenten reisen auf dem Festlande umher, um die\nglänzendsten musicalischen Portraits lür die grosse Ausstel-\nlung von Tongemälden in der londoner Season zu kaufen\noder zu miethen; was einen Namen hat, müssen sie haben,\nes koste, was es wolle, und was gern einen Namen be-\nkommen möchte, strömt ihnen von selbst zu, schifft sich\nmit ihnen ein, kehrt aber auch freilich sehr seekrank und\nauf mancherlei Weise enttäuscht zurück.\nDie Verkehrung der Jahreszeiten durch die Engländer,\nwelche die Winter-Vergnügungen in das Frühjahr und\nselbst in den Sommer hinein legen, begünstigt diesen Strom\nder künstlerischen Continental-Mächte nach dem britischen\nInsellande; der Zug der Singvögel insbesondere wird von\nJahr zu Jahr regelmässiger, da sich keine Sängerin und\nkein Sänger von Ruf auf dem Festlande anders mehr an-\nstellen lässt, als mit zwei- bis dreimonatlichem Urlaub, wel-\ncher dann ganz vortrefflich in London ausgebeutet werden\nkann. Und welche Iloftheater-Intendanz kann gegen das\nGeld der englischen Privat-Unternehmer und der grossen\nVereine aufkommen? Uebrigens muss ich hier die Be-\nmerkung anknüpfen, dass die Sitte, die Zeit der Kunstge-\nnüsse in der Residenz in das Frühjahr zu legen, keineswegs\nauf blosser Laune oder gar auf dem Hange zum Seltsamen\nberuht, sondern in vielen Dingen gar wohl begründet ist,\nhauptsächlich in der Beschaffenheit der Atmosphäre von\nLondon. Diese ist im Herbste und Winter so dick, so um-\nräuchert und umnebelt, dass ihr ein jeder, den Beruf und\nGeschäfte nicht an die Scholle binden, zu entfliehen sucht,\nwenn er nur einiger Maassen die Mittel dazu hat. Diese\nMittel besitzt aber die hohe Aristokratie, welche die Haupt-\nstütze der Kunst, und zwar in London mehr als in irgend\neiner Hauptstadt des Festlandes ist, bekanntlich in reich-\nlichster Fülle; desswegen verlässt sie die düstere Stadt im\nSpätsommer und geht aufs Land, wo sie den Herbst und\nwenigstens auch den halben Winter auf ihren mit allem\nVorrath für geistige und leibliche Nahrung und mit allen\nBequemlichkeiten des wohlhäbigen Lebens trefflich ver-\nsehenen und keineswegs vereinsamten Schlössern zubringt.\nWenn aber die Frühlingswinde die Luft in London wieder\nrein fegen und den nebeligen Dunst durchsichtiger machen\n- denn ganz verscheuchen lässt er sich nie —, wenn\ndann zu gleicher Zeit das Parlament seine Sitzungen hält,\ndann zieht auch die reiche Aristokratie wieder in die Stadt\nund verlängert oft ihren Aufenthalt in derselben bis tief in\nden Sommer hinein, weil wiederum das eigentümliche\nKlima von London in der warmen Jahreszeit eben so we-\nnig eine drückende Hitze, als im Winter eine übermässige\nKälte aufkommen lässt. In natürlicher Folge jener Gewohn-\nheit fällt also die Aerntezeit der Kunst oder wenigstens\nder Künstler ebenfalls in die Monate Februar bis Juli, ja,\ngemäss den Erfahrungen der letzten Jahre schiebt sie sich\nimmer mehr vor, so dass jetzt April, Mai und Juni die\nHaupt-Monate sind, und die Opern-Unternehmer selbst bis\nin den August hinein ihre Tempel offen halten.\nDass jenes Zusammenströmen von ausgezeichneten\nKünstlern die Kunst fördere, möchte ich nicht behaupten;\nich bin geneigt, das Gegentheil anzunehmen, zumal da ich"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "203", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540701-01.1.3", "texte": "durch mancherlei Verbindungen und Bekanntschaften Ge-\nlegenheit gehabt habe, etwas tiefer in das londoner Kunst-\ntreiben hinein und auch hier und da hinter die Coulissen\nder Bühne und unter das Postament des Ruhmes mancher\ngefeierten Grössen zu blicken. Im Ganzen führt das Ergeb-\nniss meiner Beobachtungen dahin, dass die fremden Künst-\nler sammt und sonders nur hier sind, um Geld zu machen,\ndass die hier ansässigen mit ihnen darin wetteifern und\nWege und Stege noch besser kennen und zu benutzen\nverstehen, und dass alle, mit wenigen Ausnahmen, es mit\nden Mitteln, diesen Zweck zu erreichen, nicht eben sehr\ngenau nehmen. Die Instrumentalisten bringt dies oft zu\neiner Einseitigkeit und Leierkasten-Manier, welche, abge-\nsehen von den schmählichen Concessionen an den Ge-\nschmack des grossen Haufens in Rücksicht der Compo-\nsitionen, der Kunst durchaus unwürdig ist; es ist mir\neinige Male begegnet, dass ich von sehr namhaften Virtuo-\nsen Ein und dasselbe Stück nicht nur in drei, vier Concer-\nten hinter einander, sondern sogar, an Einem Tage\nzwei Mal, Morgens und Abends, habe anhören müssen!\nAuf dem Theater, namentlich bei den Italiänern in Covent-\ngarden, führt der Wettlauf der Celebritäten zur Vernich-\ntung aller dramatischen Wahrheit, zur Auflösung des\nKunstwerks in seine einzelnen Bestandteile, zur Zer-\nstückelung einer Bildsäule in Arme und Beine und wer\nweiss was sonst noch für schöne und unschöne Theile des\n\\\nKörpers! Eine höchst ehrenwerthe Ausnahme in dieser\nHinsicht macht Karl Formes; ich habe lange keinen\nBühnenkünstler gesehen, der auf eine so geschickte oder\nvielmehr geniale Weise, wie er, die einschlagendste Wir-\nkung von Gesang und Darstellung auf die gesammte Zu-\nhörerschaft mit dem zu vereinigen wüsste, was er der\nKunst und dem dramatischen Ganzen schuldig ist. Ich werde\nbei der Vergleichung der Aufführungen des Don Juan und\ndes Fidelio in Coventgarden durch die Italiäner und in\nDrurylane durch die Deutschen darauf zurückkommen.\nHat denn aber diese Centralisation in London, dieses\nZusammentreffen musicalischer Berühmtheiten gar keinen\nVortheil für die Kunst? Allerdings hat es den in mancher\nBeziehung, und ich möchte nicht gern in den Ruf kommen,\nals sähe ich in dieser Hinsicht Alles zu schwarz an. Ich\ngestehe sehr gern, dass ich mich der edlen Kunstleistung\neines Virtuosen mit voller Theilnahme hingebe, und dass\nich es als einen Gewinn für die Kunst und für die Verbrei-\n/\ntung und Förderung der Kunstliebe betrachte, wenn irgend\nein Meisterwerk der Composition oder selbst nur ein auf\ndie Eigentümlichkeit des Instrumentes oder der Stimme\ngeschickt berechnetes Musikstück von einem Meister in der\nAusfuhrung vorgetragen und gewisser Maassen neu ge-\nschaffen wird. Dass ein solcher Genuss einem in London\nwährend der Kunst-Jahreszeit oft und in verschiedenartig-\nster Weise trotz der obigen Bemerkungen geboten wird,\nwer könnte das läugnen? Und kann man die Centralisation\nder Kunst und der Künstler auf wenige Monate wohl un-\nbedingt verdammen, wenn sie uns Gelegenheit gibt, die\nSolo-Partieen z. B. im Messias, in der Beethoven'schen\nD-dur-Messe und in Mendelssohn's Elias durch ein Vier-\ngestirn vertreten zu sehen, wie es jetzt die Novello und\nDolby, Sims-Reeves und Karl Formes bildeten?\nDagegen darf man wieder nicht verschweigen, dass\neben die Möglichkeit, in diesen Monaten so viel Ausge-\nzeichnetes neben einander zu haben, zu jener Abart von\nConcerten geführt hat, welche London eigentümlich sind,\nund in einer unerhörten Reihe von Nummern ihres Pro-\ngramms einen musicalischen Küchenzettel bringen, der an\nUmfang und Leckereien ganz das Ebenbild der riesigen\nSpeisekarten der ersten Restaurationen ist. Da werden 24\nbis 30 Stücke abgesungen und abgespielt, ohne dass das\ngespannte Publicum sich anders rückt und regt, als zum\nBeifallklatschen. Die Individualität eines Künstlers als Com-\nponist oder Virtuose oder als Beides zugleich in einem Con-\ncerte ad hoc kennen zu lernen, darauf kommt es dem Publi-\ncum gar nicht an, daher denn auch so genannte individuelle\nConcerte selbst für die bedeutendsten Künstler von Jahr zu\nJahr schwieriger zu veranstalten und gegenwärtig geradezu\nunmöglich geworden sind. Ist einer aber einmal durch die\nWoge des Rufes oben auf gekommen, so fährt er aus\neinem Concerte in das andere die gleichzeitig Statt fin-\ndenden richten sogar ihre Programme danach ein —, singt\noder spielt oder bläs't in jedem sein Stück nach der Uhr\nab und hat am Abend ein ganz hübsches Sümmchen ver-\ndient. Jeder Concertsaal hat seine besonderen eleganten\nNebenzimmer für die Solisten; gehst du etwa in der Pause,\ndie übrigens stets sehr kurz ist, dahin, um den Künstler,\nden du so eben gehört, zu begrüssen, so empfängt dich\nzweifelsohne der Thürsteher mit den Worten: „Herr So\n*\nund So ist bereits wieder weg gefahren.\" Eben so ver-\nschwenderisch würde es gehandelt sein, wenn einer über\nzehn Minuten früher käme, als er aufzutreten hat.\nIs money !\nDie Veranstalter von dergleichen Ragout-Concerten,\nmeist in London ansässige und oft sehr achtungswerthe\nMusiker, haben indess eine Entschuldigung für die Auf-\nstellung ihrer buntscheckigen Programme, und diese liegt"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "204", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540701-01.1.4", "texte": "wieder in einer herrschenden Sitte. Die Sehnsucht des\nEngländers in der Provinz, und besonders seiner Frau und\nseiner Töchter, ist London; seine Königin und die Haupt-\nstadt zu sehen, ist eines von den Zielen seiner Arbeit, seiner\nSparsamkeit. Ist er wohlhabend oder gar reich, so gehört\ndie Reise nach London zu den regelmässigen Ausgabe-\nPosten auf seinem jährlichen Finanz-Budget. Die Zeit,\nwelche er zu diesem Ausfluge wählt, ist jedenfalls die, in\nwelcher die Weltstadt in ihrem Feierkleide erscheint und\nalles Sehens- und Hörenswerthe um sich versammelt, also\nder Frühling. Ist er angekommen, so macht er mit Hülfe\nder Zeitungen und der wöchentlichen Anzeigen des Herrn\nMitchell über Kunstgenüsse seinen Plan. Was er sonst\nalles sieht und besucht, geht uns nichts an; aber Ein Mal\nmuss seine Familie ein Oratorium hören, Ein Mal muss er\n#\nsie in die Oper, Ein Mal in das Concert führen ohne\ndieses wäre sein Zweck verfehlt: Frau und Kinder könnten\ndaheim nicht mitreden von der Kunst und müssten schaam-\nroth werden, wenn sie die berühmten Künstler der Gegen-\nwart nicht gehört und ihre Namen nicht in ihre Schreib-\ntafel eingezeichnet hätten.\nSolche drei Abende kosten aber Geld und nehmen,\nwenn die Familie aus drei bis vier Personen besteht, an\nzehn bis zwölf Guineen in Anspruch. Desshalb geben gar\nViele die Oper daran; ja, solche, die noch rathsamer mit\nihrer Reisecasse umgehen müssen, opfern auch wohl das\nOratorium auf, wiewohl sie schon schwerer zu diesem\nOpfer sich entschliessen, was ein lobenswerther, charak-\nteristischer Zug ist. Das Concert aber aufzugeben, dazu\nbringt sie keine Noth und kein Gebot; das Concert muss\ndann allein ihre Erinnerung oder wenigstens ihre Schreib-\ntafel füllen. Was bestimmt aber dabei ihre Wahl? Etwa\ndie Ouvertüre, die Sinfonie, überhaupt irgend eine Compo-\nsition? Nichts weniger als das: nur der Reichthum des\nConcertzettels an berühmten Namen entscheidet\nfür den Besuch. Das wissen die Concertgeber sehr wohl,\ndesshalb befassen sie sich nicht mit Aufführungen von\nOuvertüren oder gar Sinfonieen, sondern führen so viel\nBerühmtheiten als möglich der Reihe nach vor, und sind\nalsdann einer zahlreichen Zuhörerschaft gewiss. Daher die\nellenlangen Zettel und die unendliche Reihe von Musik-\nstücken, welche solch ein Concert zu einem musicalischen\nKaleidoskop machen.\nKann der Concertgeber vollends die Patronage einiger\nHerzoginnen und Marquisen, oder noch besser einiger Ho-\nheiten, oder gar der Königin selbst an die Spitze der An-\nkündigung stellen, was übrigens weiter nichts heisst, als\nDass die hohen Patroninnen erscheinen werden oder we-\nnigstens Billets unterzeichnet haben, so macht sich das\nGeschäft noch leichter, und neben den Fremden aus der\nProvinz ist dann auch ein grosser Theil der Aristokratie\nfür den Besuch gewonnen. Ich gebe ein paar Beispiele:\nBenedict's Concert wurde auf den 23. Juni schon\nsechs bis acht Wochen vorher folgender Maassen angekün-\ndigt: „Unter der unmittelbaren Patronage Ihrer Maj. der\nKönigin, des Prinzen Albert K. Hoheit, und der Herzogin-\nnen von Kent, Gloucester und Cambridge KK. HH., wird\nMr. Benedict's jährliches Morgen-Concert in dem k. italiäni-\nschen Opernhause zu Coventgarden Statt finden, wozu alle\neminenten Sänger, das Orchester und der Chor dieses gros-\nsen Etablissements engagirt sind, Mad. Grisi und Signor\nMario mit inbegriffen, deren einziges Auftreten in einem\nMorgen-Concert in dieser Season dies vor ihrer Abreise\nnach America sein wird (das Künstlerpaar steht be-\nkanntlich schon seit zwei Jahren auf dem Punkte, sich ein-\nzuschiffen) —, mit denen sich zugleich die ausgezeichnet-\nsten Instrumental-Talente vereinigen werden u. s.w. u.s.w.\nPrivat-Logen jede zu 4 und 5 Guineen, Sperrsitze 1 Guinee,\nParterre 8 Shilling (2 Thlr. 20 Sgr.).\"\nAuf dem Programme des ebenfalls jährlichen Concer-\ntes der Madame P u z z i figurirten die Sängerinnen Novello,\nAmedei, Pyne, Caradori, Nissen-Saloman, Reeves; die Sän-\nger Beletti, Sims-Reeves, Gardoni, Ciabatta, Flavio, Bur-\ndini, Formes, Reichardt, Lefort, Harrison, Bettini; die In-\nstrumentalisten Prudent, Bazzini, Benedict, Puzzi (Horn),\nVera Pilotti, Schira gibt, wenn Jeder nur Ein Stück\nvorträgt, schon 23 Nummern!\n\nZöpfe und Coterieen.\n\nGrundprosaisch ist diejenige Kunstrichtung, welche in\naller Kunst und Schönheit nur sucht, was sie m u s s, statt\nzu schauen, was sie i s t. Das ist nun zwar ein sehr be-\nkanntes Axiom, dem sich die meisten Kunstgelehrten unse-\nrer Tage mit Leib und Seele verpflichtet nennen, daher\nsie denn mit Worten alle Tendenzen zu verfolgen sich\nanschicken, und desshalb gegen Pietisten, Schulmeister,\nAsketen, Altgesinnte, Zöpflinge und dergleichen Geschmeiss\neinen abgründlichen Abscheu zu hegen vermeinen. Wie\naber, wenn nun dennoch viele Kunst-Professoren und Pro-\nfessionisten der Neuzeit noch bis zur letzten Stunde in\nTendenzen stäken bis über die Ohren? Denn wer am\nKünstler eher fragt, nach was er strebt, als\nwas er leistet, ist ein prosaischer Tendenzler; wer das"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "205", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540701-01.1.5", "texte": "Neue darum liebt, weil es neuzeitlich ist, ist\nnichts besser, als der thörichte, altzöpfichte Tendenz-Histo-\nriker; wer die Vaterlands-Spectakel-Decorations-Puppen-\nBallette mit obligater Trompeten-Musik und chromatischem\nPosaunen-Geheule desshalb preis't, weil sie vater-\nländisch seien, ist ein Verräther an Schönheit und Va-\nterland; denn er nimmt Beiden, was das Ihre ist; wer aus-\ndrücklich und absichtlich Quinten- und Octaven-Pa-\nraHelen rücksichtslos gebraucht, weil das Quinten-Ver-\nbot von den Altvätern ererbt ist, der ist mit demselben\nZopfe behaftet, wie jener alte generalbassistische Gramma-\ntiker, nur mit dem Unterschiede, dass dieser letztere seinen\nZopf mit Ehren trug, gleich manchen anderen unserer Vä-\nter in des grossen Friedrich Geleit, vor welchen Russen\nund Franzosen erbebten. Der alte Fritz trug bekanntlich\nauch einen Zopf; doch scheint's, er hatte mehr Witz im\nkleinen Finger, als mancher moderne Phraseologe im gan-\nzen Gehirn, und mehr warmes Blut im Herzen, als diejeni-\ngen fieberhaften Rhetoriker, die mit nachgeplapperten\nPhrasen mühselig fremdes Feuer aufwärmen. Damit uns\nnicht gewisse leipziger und Weimarer Kaffeetrinker inju-\nriarum belangen denn die meisten Injurien- und Ten-\ndenz-Processe gewinnen bekanntlich die Radicalen, weil sie\nmehr Uebung darin haben —, so erkläre ich hiedurch aus-\ndrücklich, dass ich Niemanden nenne, weil die Koryphäen\nder Neuzeit ja vor Aller Augen im hellen Sonnenlichte\nwandeln.\nWer am Künstler eher fragt, was er strebe, als was\ner leiste *), der bezeugt damit, dass es ihm zu thun ist um\nSchule, Nützlichkeit und Arbeit, dass er nicht suche in der\nKunst das wallende Leben der Schönheit, die zur Wonne\nder Welt geschaffen ist. Soll denn auch in unserer hohen,\nhimmlischen Kunst alle unbefangene Lust, das Seiende\nzu vernehmen, zu Grunde gehen in diesem schulmeister-\nlichen Streben, aus den Dingen, Leibern und Seelen etwas\nzurecht zu machen für absonderliche Zwecke? Manche\nnicht alle von den verachteten Altvätern suchten\nim Kunstwerke ihre Seelenlust und fragten nicht nach\nStrebungen, sondern nach Leistungen. Leisten ist liebevoll\nergossene Schöpferkraft, die nicht strebsinniger Zeitungs-\nJüngerschaften bedarf, um zu leuchten und zu zünden; das\nist's ja, was die Kunst-Schönheit mit der Natur-Schönheit\ngemein hat: Lebens-, Liebes- und Schönheits-Zeugung\nquellen und strömen auf gleiche Weise. Alle wahren Dich-\nter aller Zeiten haben dies gefühlt, alle verkehrten Halb-\nDichter, Philosophen und Schulmeister haben das Gegen-\ntheil darzulegen gesucht.\nDenn das leuchtet dem gemeinen Realismus sogleich\nein, wo er Verliebtheit ohne Liebesdichtung, sackleinene\nThatkräftigkeit ohne Heldengedicht erblickt ; dieses begreift\ner, er kann es mit Händen fassen, auch ohne daran zu\nglauben. Obwohl er dem Frommen, der sich einfältig in\nalter Kirchenweise erbaut, diese Herzensstärkung miss-\ngönnt, um sie wohlfeil als Heuchelei zu brandmarken, so\nlässt er es dagegen ruhig über sich ergehen, wo in den\nHugenotten Heuchelei, Fanatismus und Geilheit für Reli-\ngion verkauft werden, oder im Lohengrin steifleinene Rit-\nterlichkeit dämmerigen Heldenschein erheuchelt, oder wo\nBerlioz immense Zukunfts-Ideen.... in parenthetischen\nUeberschriften seinen Partituren beimalt, statt sie in Noten\nund Tönen lebendig auszudrücken.\nUnsere nothgedrungen real gewordene Zeit, die nun\neinmal dazu verdammt ist, sich dumm zu lesen, lässt sich\ngeruhig maassregeln durch politische Leit-Artikel aus dem\nLager der Progressisten, die von Anfang der Welt jeder-\nzeit den Vorzug der Phrase behauptet haben. Sieht man\ndiesem Geschreibsel hinter die Coulissen, so erscheint\nNiemand anders als jener kategorische Imperativ, jenes Ge-\nspenst aus Kleister und Pappe, wie es Ehren-Klinger rich-\ntig darstellt.\nDem gröbsten Realismus zur Seite geht die Aufblä-\nhung der Hand werker -Technik, die eben bei den\nalleridealsten Zukunfts-Musicanten und Zeit-Ideal-Künstlern\nein ziemlich Theil ihrer Gesammt-Thätigkeit dahinnimmt.\nIch meine nicht die elenden Virtuosen, die sich Geldes hal-\nber an allem Schönen und Heiligen versündigen; auch\nnicht die horrende Technik, deren Wagner und Berlioz be-\ndürfen, um nur gehört zu werden; sondern das kindische\nSpiel mit Formen, Instrumental-Künsten, Klang-EfTecten,\nFarbenspielen u. dgl. meine ich; es tödtet die Kunst, wo ihm\nein Werth an sich beigelegt wird, wo man z. B. bei\nBerlioz' Instrumental-Künsteleien die entsetzliche Melodieen-\nArmuth gnädig übersieht, oder bei Schumann's und Meyer-\nbeer*s Klang-Pfiffigkeiten die Unwahrheit und Unschönheit\nnicht merken will.\nDas kritische Proletariat, das Technik und Schönheit\n' \\\nnicht zu unterscheiden weiss, gibt vor, sich über Fugen\n\n*) Diese unselige Zeitungs-Phrase, auf die wir wider Willen oft\nzurückkommen müssen, weil sie die ganze Schulmeister-Weis-\nheit der Neuzeit durchdringt, bedeutet, in gutes Deutsch über-\nsetzt, eigentlich nichts als dieses: „Du kannst zwar nicht\nviel, aber weil du ein gutes Schul-Exercitium nach unserem\nMuster gemacht hast, lobe ich dich und übrigens man\nkann nicht wissen, ob du nicht noch einmal ein berühmter\nMann wirst, und dann wehe mir armen Recensenten! Ergo .. \""}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "206", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540701-01.1.6", "texte": "und Contrppunkt zu ereifern. Gewiss, es gab auch während\nder Blütliezeit des Fugenthums leere Techniker; aber Nie-\nmand hat auch Mar pur g einen weltbewegenden Künstler\ngescholten, weil er ein paar zopfgemässe Fugen geschmie-\ndet mit regelrechten Repercussionen. Jenen anderen\nSatz aber, den einstmals der alte Bach gesprochen: Es sei\nein Zeichen guter Tonbegabung, gern Fugen zu hören\nden werdet ihr Neuzeitlichen längst in dieselbe Rumpel-\nkammer geworfen haben, wo ihr eure übrigen Zöpfe auf-\nbewahrt. Lieb wäre mir's doch, wenn auch ihr einen ähn-\nlichen Satz aufstelltet, der sich hundertjährige Geltung er-\nwürbe, wie jener Baeh'sche, aber „einen erklecklichen\nSatz will ich, und der auch was setzt\".\nMan sagt, wir seien grob. Gut das; dürfen wir's nicht\nsein, so gut wie unsere Gegner? Sollen wir nicht gleiche\nWaffen gebrauchen, so lange es keine unehrlichen sind?\nWenn die Brüder Leipziger jeden Andersdenkenden mit\nder Plumpkeule breitschlagen und doch läugnen, dass sie\nCoterie machen wenn dieselben für ihre Strebungen\nden breitesten Raum in Anspruch nehmen und dagegen\ndie wackeren Schwaben Lachner, Lindpaintner\nu. s. w. öffentlich verhöhnen und beschimpfen, weil diese\nnun eben auch auf ihre Weise Musik machen wollen, wo\nNiemand drein zu reden hat wenn dieselben lür einen\ndurchgefallenen Tannhäuser oder Lohengrin den Dirigen-\nten verantwortlich machen!! weil dieser Lob\nund Tadel zu leiten verpflichtet sei!!!\naus mit der lammherzigen Geduld; man werde grob, man\ndecke die Cuterie-Manoeijvres auf, überlasse dem gesunden\noder genesenden Sinne des Volkes das Weitere und rufe\nendlich: Dioci el salvavi animam.\nUnd wiire noch ihre Technik eine wahrhaft neue,\ngesunde, zwingende: wir wollten uns ehrfürchtig beugen;\ndenn alles Heldenthum bezwingt die Welt. Wer aber nicht\nmal Tact halten kann, weder mit dem Directorstabe noch\nam Ciavier und dann hinterher „die Manier des\n1) irigi ren s\" lächerlich macht (wie kürzlich die Neue Musik-\nZtg. gethan): der spricht sich selbst das Urtheil. Kürzlich\nsah ich Joachim in Hannover die Mozart'sche Es-dur-Sm-\nfonic dirigiren (18. März), wo der Tact des Birectorstabes\nwedelte und fädelte, wie die Juden beim Leichenbegäng-\nniss; nur dem sehr tüchtigen Orchester, das Marschner,\nnicht Joachim herangebildet, war zu danken, dass die Sin-\nfonie im Adagio nicht umwarf. Ist das neuzeitliche Technik?\n0, dann willkommen, lieber Zopf! ,\n\nDIXI.\n\nBerliner Briefe.\n\nDen 22. Juni 1854.\nHeute beschliesst Jenny Ney ihr hiesiges, auf acht\nRollen ausgedehntes Gastspiel, und nächsten Sonntag ist\ndie letzte Opern-Vorstellung vor dem Eintritt der Ferien.\nWelches Aufsehen Frl. Ney in Berlin gemacht hat, geht\nschon daraus hervor, dass trotz der drückenden Hitze das\nHaus fast jedesmal bis auf den letzten Platz gefüllt war;\nder Beifall war überreich; denn J. N. bildete neben der Politik\nden Inhalt aller Tagesgespräche. Nach ihrem ersten Auf-\ntreten wurde ihre Bedeutung von einem Theile des Publi-\ncums überschätzt; man fand nicht nur Alles vollendet, son-\ndern glaubte selbst eine Jenny Lind durch sie in den Hin-\ntergrund gedrängt. Dann entstand eine Reaction, die eben-\nfalls zu weit ging und nur die Stimme für schön erklärte,\ndagegen dramatische Begabung und seelischen Gehalt gänz-\nlich vermisste. Allmählich hat sich das Urtheil abgeklärt,\nund die Meisten werden darin übereinstimmen, dass J. N.\nnicht eine Sängerin der alleridealsten Art ist, wie etwa\nJenny Lind, aber eine sehr bedeutende Künstlerin, die un-\nter denen der Gegenwart eine der ersten Stellen einnimmt.\nSie ist hier aufgetreten als Norma, Donna Anna, Va-\nlentine, Julia (in der Vestalin), Fidelio, Lucrezia Borgia und\nals Frau Fluth in Nicolai's lustigen Weibern von Windsor.\nVon den sechs erstgenannten, der ernsten Oper angehöri-\ngen Leistungen möchte ich keiner einen entschiedenen Vor-\nzug geben (ich bemerke, dass ich über die Vestalin nur\nnach dem Urtheil Anderer berichten kann); als dramatische\nLeistung, Alles in Allem betrachtet, stelle ich aber die Frau\nvj\nFluth am höchsten; hier gab Frl. N. etwas Meisterhaftes,\ndas in jeder Beziehung vollendet, im idealsten Sinne vollen-\ndet war. Bei einem Sänger kommt zunächst die Stimme\nin Betracht, obschon auch diese mit dem Vortrag und der\nArt des Ausdruckes stets in einem untrennbaren Zusammen-\nhange steht; die Richtung des Gefühls, die einen Sänger\nbeseelt, bestimmt zugleich'die Färbung der \\ocale, die\nFassung des Tons, den Tonanschlag und gibt sich somit\nschon in dem blossen Klange des Organs zu erkennen. Bei\neiner nicht ausgebildeten Stimme wird freilich immer eine\nDifferenz zwischen dem inneren Streben und der äusseren\nVerwirklichung vorhanden sein; anders bei einer entwickel-\nten, wo entweder alle Eigenthümlichkeiten des Organs aus\neiner von innen nach aussen gerichteten Thätigkeit hervor-\ngegangen sein können, oder auch umgekehrt eine angelernte\nMethode zu einer bestimmten Richtung des Gefühlsaus-\ndruckes geführt haben mag. An dem hellen, sauberen und"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "207", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540701-01.1.7", "texte": "durch regelmässiges Tonziehen sich zur Fülle steigernden\nKlange, den Frl. N. besitzt, kann man bereits die Richtung\nihres Gesanges erkennen. Wer des Tonschwellens so mäch-\ntig ist, wie sie, wird immer etwas Seelisches in seinem\nGesang haben; denn der lebendig schwingende Athem druckt\nmit Nothwendigkeit eine innere Thätigkeit aus. Dass daher\nihr Vortrag des Adagio und der ruhigen Cantilenc, in der\nsie diese Kunst anwenden kann, kalt lasse, muss ich be-\nstreiten; das ist kein bloss sinnlicher Effect, das ist ein Her-\nausströmen des Innern, wenngleich vielleicht in der Weise\neinfacherer Naturen, die erregbar und gefühlvoll sind, ohne\ngerade nach dem Höchsten zu streben, ohne das Geheim-\nniss tief ernster und sinniger Innigkeit zu besitzen. Ein\nMangel wird dagegen meistens in leidenschaftlicheren Stellen\nund im Allegro bemerkbar, wo die Zeit zum eigentlichen\nTonziehen nicht ausreicht; die Stimme klingt dann etwas\nmager und kraftlos, Frl. N. besitzt nicht die Kunst, die\nganze Stimme in einem Momente heraus zu bringen, und\nnamentlich in diesem Punkt ist ihr Johanna Wagner weit\nüberlegen. Daher finden Viele ihren Gesang kalt als ob\nLeidenschaft die einzige Art der Wärme wäre und es nicht\nein Mittleres zwischen Frost und heller Flamme gäbe; etwas\nWahres liegt aber darin, und wer z. B. das Terzett zwi-\nschen Adalgise, Norma und Sever am Schluss des ersten\nActes von der Viardot-Garcia und dann von Jenny Ney\ngehört hat, wird den Unterschied fühlen. Ein anderer Man-\ngel wird in declamatorisch-recitativischen Stellen bemerkbar,\nwo sich in wenige Töne die Kraft eines überströmenden\nGefühls zusammendrängt, z. B. in den Stellen der Hu ge-\nnotten „Ich bin ein Mädchen, das ihn liebt\" und „Raoul,\nich liebe dich\", ferner in derVestalin bei den Worten „Er\nist frei\", in Fidelio „Tödt' erst sein Weib\". Der Klang des\nOrgans ist ferner hell und sauber. Jenny Ney wird den\nTon, sowohl rücksichtlich der Intonation als der Aussprache,\nstets sehr bestimmt und deutlich fassen, eher etwas zu\nsehr, als zu wenig; nur die allerhöchsten Töne, woraus\nwir einem Sopran keinen Vorwurf machen wollen, scheinen\neine ganz deutliche Aussprache nicht mehr zu gestatten.\nDen Ansatz wünschte ich manchmal etwas duftiger, weicher,\nzarter; man kann nach dieser Seite hin nicht leicht zu viel\nthun; Weichheit des Tons und des Vortrags (durch Legato\nund Portament) ist das Zeichen höchster Kunstvollendung,\nund gerade durch diese Eigenschaften errang eine Jenny\nLind den ersten Preis und wird in der Geschichte des Ge-\nsanges eine der ersten Stellen einnehmen. Aehnlich ver-\nhält ,es sich mit der Helligkeit; dieser Art von Klarheit\nfehlt in etwas die Innigkeit; die höchste Kunst ist ein sinn-\nlicher Ausdruck des höchsten Ideals, des Geistes überhaupt;\nund wie dies in dem Ebenmaass zwischen Subjectivität und\nObjectivität, zwischen einem tiefinnigen Fühlen und in\neinem freundlichen Verkehr mit der Aussenwelt besteht, so\n\\\nist es auch in der Kunst. Jenny Ney gehört zu den Na-\nturen, die offen und harmlos der Welt gegenübertreten;\naber den ernsten, sinnigen Zug, den Jenny Lind auch\nschon in dem blossen Klange des Organs damit zu verbin-\nden wusste, besitzt sie nicht. Dennoch sehen wir es für\nkeinen Zufall an, dass ihre Stimme im Fidelio dunkler, ge-\nfühlvoller und weniger glänzend, als je, klang; sie fühlte\noffenbar, dass Beethoven's Ideal nicht das der italiänischen\nSchule ist; und wenngleich sie als Fidelio nicht die höch-\nsten Gipfel erreichte, so hatte sie doch den richtigen Weg\nbetreten, den der deutschen Innerlichkeit, und zeigte sich\nnamentlich im zweiten Acte von einer Wärme des Gefühls\ndurchdrungen, in der ihre ganze Erscheinung, wenn auch\nweniger imponirend, so doch aufs ergreifendste wirkte.\nAuch im Dialog wusste sie oft Färbungen des Organs zu\ntreffen, um die sie die meisten Schauspielerinnen hätten\nbeneiden können; dass sie in der That künstlerisches Ver-\nständniss und ein hohes Streben besitzt, bewies sie in dieser\nRolle ganz unzweideutig. Noch habe ich über die Technik,\nd. h. über die Coloratur, zu sprechen. Grosses Aufsehen\nmacht der Triller, den Jenny Ney besitzt und den sie oft\nin den höchsten Lagen mit glänzender Sicherheit und Kraft,\nüber Chor- und Orchestermassen hinweg, dem Publicum\nin die Ohren schleudert; auch sonstige Passagen wurden\nnicht selten angestaunt, doch glaubten hier auch ungeübtere\nOhren zuweilen herauszuhören, dass nicht Alics in Rich-\ntigkeit sei. Jenny Ney macht das Meiste mit Fertigkeit und\nziemlicher Bestimmtheit, namentlich lässt sich nicht läugnen,\ndass der Triller wirklich etwas Kühnes und Glänzendes hat;\nihrer Coloratur fehlt aber das Flüssige, gleichmässig sich\nfort Bewegende, es klingt immer, als ob sich ein fremdes,\nstörendes Element dazwischen dränge. Und dies hat ein-\nfach darin seinen Grund, dass ihre Haltung des Mundes\nund der Gesichtszüge während der Dauer einer Passage\nnicht ruhig und feststehend ist. Auch in diesem Punkte muss\nJenny Lind als unerreichtes Muster gelten. Nur in Einer\nRolle störte uns diese fehlerhafte Technik nicht, in den\nlustigen Weibern von Windsoi, wo sie das Charakterbild\nder Frau Flulh in der That vervollständigen half. In dieser\nI\nRolle schuf Jenny Ney überhaupt etwas ganz Eigenthüm-\nliches, wie wir es, in der Oper wenigstens, noch nicht auf\nden Brettern gesehen haben; einen Charakter voller Humor\nund Laune und zugleich mit einer gewissen imponirenden"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "208", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540701-01.1.8", "texte": "Grösse, die den Darstellerinnen solcher Rollen meist zu\nfehlen pflegt. Allgemein wird es daher bedauert, dass eine\nWiederholung dieser Leistung nicht mehr in Aussicht steht.\nSo hat denn unsere musicalische Saison einen trefflichen\nSchluss gehabt, und mit diesem Briefe beurlaube auch ich\nmich von Ihnen, da die nächsten Monate wohl nichts Neues\nbringen werden.\n\nG. E.\n\nAus Gotha.\n*)\nAm Sonntag den 2. April wurde Santa Chiara, grosse roman-\ntische Oper in 3 Abtheilungen von Charlotte Birch-Pfeiffer gege-\nben. Es wäre ein thÖrichtes Beginnen, den Componisten dieser ge-\nstern hier zur ersten Aufführung gebrachten Oper zu ignoriren, da\nfremde Blätter Se. Hoheit unsern durchlauchtigsten Herzog als den\nSchöpfer dieses Tonwerks nennen.\nZuvörderst bemerken wir, dass der Stoff des Libretto der-\nselbe, welchen H. Zschokke novellistisch behandelte den „Pieces\ninteressantes et pen conmies pour servir ä Vhistoire de Russieu ent-\nnommen ist. Es ist die Geschichte der unglücklichen Christine,\nPrinzessin von Wolfenbüttel, welche dem missrathenen Sohne Peters\ndes Grossen, Alexis, vermählt und von ihm misshandelt, durch\nScheintod ihrem unseligen Geschick entging und ein besseres Loos\nin der neuen Welt suchte und fand. Dies gut gewählte Sujet hat\ndie berühmte Verfasserin mit der ihr innwohnenden Geschicklichkeit\nbehandelt. Ueberall dramatisches Leben, überall drastischer Bühnen-\neffect. Der Scencngang ist natürlich, die Actschlüsse sind wohl-\nmotivirt, kurz, man könnte die Arbeit eine wohlgelungene nennen,\nstiesse man nicht am Schlüsse des 3. Acts auf wunderliche Unglaub-\nlichkeiten, und wäre stellenweise die Diction befriedigender. Leider\nverletzte uns viel Unpoetisches im Ausdruck.\nWas die Tondichtung angeht, so heben wir als besonders wirk-\nsam hervor zuerst die brillant instrumentirte Ouvertüre mit ihren\nbedeutsamen Intentionen; dann das Duett zwischen Victor (Herr\nReer) und Alphons (Herr A b t), ein effcctreiches Musikstück,\nwelches bei angemessenem Vortrag überall einen guten Eindruck\nmachen muss. Ferner das Recitativ und Romanze (Nr. 3) des Vic-\ntor: „Am blumigen Rain, im kühlen Grund\", in welcher der, wenn\nauch in anderer Gestaltung, oft wiederkehrende Hauptgedanke der\nOper ausgesprochen ist. l)iese Melodie ist eben so glücklich erfun-\nden als tief empfunden. Das Quartett Nr. 4in Des Larghetto: „Er\nist's66, zeichnet sich sowohl durch Erfindung als durch Ausarbeitung\naus; das frische Motiv, die sangesmässige Stimmführung und die\nglücklichen harmonischen Ausweichungen müssen gefallen. Das\n.Duett Nr. 5 (Charlotte Frl. Falconi; Bertha Frl. Remond):\n„Fremd steh' ich4', in F-dur 3/j Tact ist ein lebendiges, für die\nSängerinnen dankbares Tonstück, w elches wohl bald in allen Salons\nder musikalischen Welt Avidertönen dürfte. Das Finale dieses ersten\nActes beginnt mit einem Ballet, dessen Musik höchst charakteristisch\ngehalten ist. Ueberraschend wirkt der kecke Gedanke im Trom-\npeten-Solo, und ergreifend ist die Stelle: „Hast du den Trank?44,\nnicht minder die Schluss-Arie Charlottens, welche allerdings grosse\nStimmmittel erheischt und bei ihrer hohen Tonlage bedeutende\nSchwierigkeiten im Vortrage bietet.\nWenn schon der erste Act viel Schönes darbietet, so ist der\nzweite von ergreifender Natur. Aus dem Festsaal des Czaaren-\npalastes finden wir uns in die griechische Capelle desselben ver-\nsetzt, wir stehen am Sarge der todtgeglaubtcn Grossfürstin. Wir\nvernehmen Orgelklänge und den Chor der Betenden hinter der\nScene. Das Motiv dieses Chors wurde, wie wir erfahren, einem\nrussischen Psalm entlehnt. Die thematische Durchführung wie auch\ndie Modulationen zeugen von einer Meisterhand. Die darauf fol-\ngende Cavatine Bertha's in F-moll wirkte magisch durch den Aus-\ndruck des tief empfundenen Wehes. Die Arie Victors (Nr. 10):\n„0 welch ein Anblick!'4 mit Harfen-Begleitung scheint uns der\nlyrische Culminationspunkt der Oper. Einen unbeschreiblichen Ein-\ndruck machen die Worte: „Du bist geopfert worden.44 Das Finale\ndes 2. Actes ist ein wahres Meisterstück und reisst den aufmerksam\nfolgenden Hörer hin, nicht bloss durch den Ausdruck glühender\nEmpfindung, sondern auch durch die bewundernswürdige Stimm-\nführung und den überraschendsten Harmoniewechsel. Das Requiem,\nmit welchem der Act schliesst, macht einen erhabenen und ernsten\nEindruck auf das Gemüth des Hörers.\nWohlthätig wirkt daher durch den Contrast der Anfang des\ndritten Actes. Die gerettete Fürstin weilt ungekannt in der Gegend\nvon Neapel unter dem Namen Santa Chiara. Nach den munteren\nTönen der Winzer und Winzerinnen, der Fischer und Fischerinnen\nfolgt eine Arie Charloltens. Das Motiv derselben ist wohl anzie-\nhend, doch vermissten wir eine gewähltere Harfen-Begleitung, auch\ndürfte eine Abkürzung hier vielleicht rathsam sein, Scene und Arie\nNr. 14: „O neugeschenktes Leben44, in F. zeichnet sich durch San-\ngesmässigkeit und dramatischen Ausdruck aus. Das Recitativ Nr.\n15: „Ha, wieder hier!44 ist grossartig gehalten, das Duett Nr. 16 in\nB-dur dagegen, graziös und ruhig, wirkt wohlthätig nach der vor-\nhergegangenen geräuschvollen Nummer. Nr. 17 und 18 endlich\nschienen uns in der Anlage nicht klar genug und zu weit ausge-\nführt. Unserer unvorgreillichen Ansicht nach würden Kürzungen\nsowohl in der Dichtung als in der Musik hier von Nutzen sein.\nEs bedarf wohl kaum der Erwähnung, dass von Seiten der Dar-\nsteller und des Orchesters alles, was nur möglich, geschah, um das\nherrliche Werk zur vollsten Geltung zu bringen. Franz Liszt\nwar von dem hohen Componisten eingeladen worden, die erste Auf-\nführung zu leiten, und es steht wohl nicht in Frage, dass er die\nnicht leichte Aufgabe in der ihm eigentümlichen Weise zur höch-\nsten Zufriedenheit glorreich lös'te. Die Capelle leistete unter dem\nhochbegabten genialen Führer Ungewöhnliches. Aehnliches Hesse\nsich von den Chören sagen. Die Damen Falconi und Remond,\ndie Herren Reer, Abt und Killmer brachten ihr Bestes und wett-\neiferten gleichsam, um das schöne Werk zu fördern. Alle sangen\nund spielten mit Lust und Liebe. Lobenswerth war die Inscenirung,\ndie decorative Ausstattung glänzend. Am Schlüsse wurden Alle gerufen.\nUnter den zahlreichen Fremden, welche gekommen waren, das\nneue Werk unseres Herzogs zu sehen und zu hören, bemerkten\nwir interessante Persönlichkeiten: so den General-Intendanten der\nkönigl. Schauspiele, Hrn. v. Hülsen, so wie dessen Vorgänger, den\nGraten Redern und den Geheimrath v. Küstner aus Berlin; von\neben daher Frau Charlotte Birch-Pfeiffer, den Dichter G. Freytag\naus Leipzig u. m. A. Wohl nicht ohne besondere Absichten waren\nder Theater-Director Hoffmann aus Frankfurt a. M„ der Literat\nOppclt aus Brüssel, Uebersetzer der „Casilda44, der Musikalienhänd-\nler Bock aus Berlin u. m. A. Hieher gekommen.\nAm 5. April fand die erste Wiederholung Statt (die Einnahme\nzum Besten der Armen) und am 9. die zweite, mit welcher zugleich\nunsere Bühne geschlossen wurde. Alle drei Vorstellungen fanden\nausser Abonnement Statt und füllten das Haus in allen Räumen.\nLiszt dirigirte sie alle drei. Nach Kürzung einiger Nummern und\nAbänderung des dritten Acts hat die Oper unstreitig gewonnen.\n*) Durch Zufall verspätet."}]}