{"numero_id": "bm-bmtnabi-1854-07-15-01", "volume": "bmtnabi_1854-07-15_01", "ocr_sha256": "66ca0965822805de8482876a6ad1c697910950b38e2ad9df03b6e62c11100b13", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1854/07/15_01/bmtnabi_1854-07-15_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540715-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1854-07-15-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-07-15_01#c001", "volume": "bmtnabi_1854-07-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "217", "page_fin": "220", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540715-01.2.1", "titre_corps": "Ueber musicalische Zustände in London.", "titre_sommaire": "Ueber musicalische Zustände in London.", "signature_source": "L. Bischoff", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "217", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540715-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3903, "texte": "Ueber musicalische Zustände in London.\nVon\nProf. L. Bischoff.\nII.\nDie Macht der Centralisation zeigt sich hinwiederum\nvon einer guten Seite in Bezug auf die musicalischen Ver-\neine und die grossen Aufführungen, welche von diesen aus-\ngehen, und hierin unterscheidet sich London auf höchst\nvortheilhafte Weise von Paris. Wenn in Paris die Centra-\nlisation lür die Bühne Früchte getragen und die Oper in\nihren beiden Hauptgattungen als ein National-Institut ge-\nschaffen hat, so ist sie dagegen lür Kirchen- oder Oratorien-\nund Orchester-Musik ohne alle Wirkung und nur lür das\nVirtuosenthum von Bedeutung gewesen. Und so ist es\nnoch bis jetzt, und selbst das berühmte Concert-Institut\ndes Conservatoire's kann es zu wahrhaft grossen Auffüh-\nrungen mit vereinigten Gesang- und Instrumental-Kräften\nnicht bringen. Erst neuerdings fängt man in Frankreich\nan, eine Art von Musikfesten zu veranstalten und ganze\nOratorien aufzuführen; aber die Provinz überflügelt darin\ndie Hauptstadt, wie wir aus einem pariser Briefe ersehen,\nden wir in der nächsten Nummer werden abdrucken lassen.\nIn Paris selbst ist es bis zur Stunde geradezu unmöglich,\nan die Aufführung eines Oratoriums, welches einen ganzen\nAbend oder überhaupt ein ganzes Concert füllte, zu den-\nken; die ausübenden Kräfte dazu sind nicht vorhanden,\noder man bringt sie wenigstens nicht zusammen; und ge-\nlänge dies auch, so würde es an Zuhörern fehlen. Dass ein\nalle Jubeljahr einmal auf dem Theater und von dem Theater-\nPersonal allein gegebenes Stabat mater von Rossini die\nobige Thatsache nicht umstossen kann, sieht Jeder ein.\nOratorien-Aufführungen sind nur durch musicali-\nsche Vereine möglich, und hier steht England im All-\ngemeinen und London im Besonderen durch seinen leben-\ndigen Associations-Geist vor allen Ländern oben an, selbst\nvor Deutschland, wenn auch vor diesem nur durch die\nzahlreichere Theilnahme und die grösseren Geldmittel,\nwelche zur Verwirklichung des Zweckes der Vereine auf-\ngebracht werden. Neben den Vereinen für Kirchen-Musik\nstehen auch eben so tüchtige Gesellschaften für grosse Or-\nchester-Musik, und beide Arten von Instituten haben seit\neinem Jahrhundert den grössten Einlluss auf Erzeugung\nbedeutender Kunstwerke und auf Bewahrung des Sin-\nnes und der Empfänglichkeit für dieselben geübt, und sind\nbis heute noch ein mächtiger Damm gegen die andringende\nFlut des Ungeschmacks. Man denke nur an die Entstehung\nder Händel'schen Oratorien und der zwölf grossen Sinfo-\nnieen von Haydn, und man höre nur den Messias in Exeter\nHall, um sich zu überzeugen, wie eine einzige solche Auf-\nführung allen sächsischen und thüringischen Bündler-De-\nclamatoren über die Grablegung der Oratorien mit Einem\nMale das Maul stopft!\nUnd bei der durchweg ernsten und keuschen Tendenz\nder londoner Vereine kann man ihnen doch keineswegs\nVerkümmerung in sich selbst durch halsstarriges Festhal-\nten am Alten und nur am Alten vorwerfen; denn Beetho-\nven und Mendelssohn werden nirgends mehr gefeiert, als\nin ihnen, und es ist bekannt, wie sie stets berühmte Com-\nponisten der Gegenwart zu sich einladen, um deren Werke,\nunter ihrer eigenen Leitung aufgeführt, kennen zu lernen.\nWie wenig ausschliesslich sie dabei verfahren, davon ist\nwohl der auffallendste Beweis der, dass es die eine londo-\nner philharmonische Gesellschaft sogar mit Hektor Berlioz\nversucht hat!\nMerkwürdig ist die Erscheinung, dass in England das-\njenige, was wir musicalischen Dilettantismus nennen, eigent-\nlich nur in sehr geringem Maasse und, gegen Deutschland\nund Frankreich und Italien genommen, so gut wie gar\nnicht vorhanden ist, und dennoch eine Menge von Vereinen\nfür Tonkunst bestehen, welche eine so grosse Anzahl von\nMitgliedern aufweisen und über solche Mittel verfügen, wie\nkeine einzige musicalische Gesellschaft auf dem Festlande.\nVon einer Unterstützung des Staates ist dabei gar nicht die\nRede; das Prädicat Royal, welches viele derselben ihrem"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "218", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540715-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4962, "texte": "Titel voranstellen, bezieht sich bloss auf das Patronat des\nSouverains; auch lässt es dieser und besonders die\njetzige Königin nicht an Beiträgen und Geschenken\nfehlen; aber an regelmässige Staats-Unterstützung ist nicht\nzu denken; die Majestät und die Königlichen Hoheiten er-\nscheinen dabei nur als Unterzeichner und werden in ihren\nGaben nicht selten von Privatleuten übertroffen. Lassen\nwir Zahlen sprechen.\nDie Royal Society ofMusicians, eine Gesell-\nschaft, deren Zweck Unterstützung von altersschwachen\nund bedürftigen Musikern und deren Witwen und Waisen\nist, wurde am 19. April 1738 gegründet, hauptsächlich\nunter Händers Mitwirkung, welcher für sie 1739 sein\n„Alexanderfest\", 1740 „Acis und Galatheal74l die\ni l\nSerenata „Parnasso in Festa\"componirte und aufführte,\nund bei seinem Tode ihr 1000 Pfund vermachte. Sein\nunsterblicher Name brachte ihr aber noch viel mehr ein;\ndenn von den vier grossen musicalischen Gedächtnissfeiern\nHändel's in der Westminster-Abtei in den Jahren 1784\nbis 1787, welche zu wohlthätigen Zwecken veranstaltet\nwurden und die ersten grossen Musikfeste in Europa wa-\nren, erhielt die Gesellschaft auf ihren Antheil 16,000\nPfund, mithin über 100,000 Thaler. An Vermächtnissen\nvon 1 759 bis 1853 7353 Pfund, darunter vier zu 1000\nund eines zu 754 Pfund. Im Jahre 1834 brachte ein Hän-\ndel-Fest in Westminster 2250 Pfund ein. Die königliche\nFamilie gab von 1804 (erste Gabe 500 Pfund von Georg\nIII.) bis 1854 995 Pfund, aber John Broadwoad und\nSöhne von 1820 bis 1854 712 Pfund, Jenny Lind 1849\neinen Concert-Ertrag mit 150 Pfund u. s. w. Die Rech-\nnung über Einnahme und Ausgabe im Jahre 1853 weis't\neine Einnahme an Capital-Zinsen, Grundrenten, jährlichen\nBeiträgen der Mitglieder, Schenkungen und Concert-Erträ-\ngen von 2998 L. 15 Sh. 8 P. nach und eine Ausgabe\nvon 2679 L. 14 Sh. 1 1 P., wobei sich 2000 L. (über\n13,000 Thlr.) für Pensionen befinden. Die Gesellschaft\nzählt 229 Unterzeichner auf Lebenszeit (die Königin, die\nHerzogin vonKent, der König von Belgien und Prinz Albert\nan der Spitze), 180 aufs Jahr und 190 Künstler von Fach,\nzusammen 599 Mitglieder*).\nDie Entstehung dieser Gesellschaft hatte folgende Ver-\nanlassung. In den ersten Jahrzehenden des vorigen Jahr-\nhunderts lebte in London ein berühmter deutscher Oboe-\nbläser, Namens Kritsch. Er war ein sehr talentvoller und\ngesuchter Künstler, aber, wie so manche seiner Genossen,\nein schlechter Wirth. Er vernachlässigte seine Familie und\nsich selbst und kam so herunter, dass er in keiner anstän-\ndigen Gesellschaft mehr erscheinen konnte. Der Unglück-\nliche starb auf der Strasse.\nNicht lange nach seinem Tode standen drei Künstler,\nder Oboebläser Vincent und zwei Deutsche, der Violinspie-\nler Festing und der Flötenbläser Weidemann, vor einem\nKaffeehause auf Haymarket und bemerkten zwei Knaben,\nwelche Milch-Esel trieben; ihre interessante Physiognomie\nfiel ihnen auf, sie fragten nach ihrer Herkunft es wa-\nren die Waisen des verkommenen Kritsch. Auf der Stelle\neröffneten die genannten Künstler eine Subscription für die\nErziehungskosten der Knaben, traten mit den ersten Com-\nponisten und Musikgelehrten der damaligen Zeit zusammen\nund stifteten am 19. April 1738 die Gesellschaft. Unter\nden Stiftern finden wir die Namen G. F. Händel, J. C.\nSmith (Händel's Amanuensis), Dr. Greene, Dr. Pepusch,\nBurnett, Dr. Burnev, J. C. Bach, W. und F. Cramer u. s. w.\nIn der Regel veranstaltet die Gesellschaft nur eine\ngrosse Aufführung jährlich, wozu gewöhnlich Händel's\nMessias gewählt wird, wie das auch in diesem Jahre am\n17. Mai der Fall war. Der Mitwirkenden waren an 700,\nMusiker von Fach und Dilettanten; den Haupt-Bestandtheil\ndes Chors hatte der Verein Scic gelie-\nfert, von welchem später die Rede sein wird.\nIch benutze diese Gelegenheit, um einige Irrthümer\nüber die Entstehung und die ersten Aufführungen des\nMessias zu berichtigen, welche sich durch Nacherzählen\nund Nachschreiben bis auf unsere Zeit fortgepflanzt haben\nund trotz dem, dass sie in England schon seit mehreren\nJahren aufgeklärt worden sind, doch noch immer wieder\nin deutschen Blättern auftauchen und im Munde der Mu-\nsiker und Dilettanten leben. Freilich geht mit ihrer Berich-\ntigung manch schönes Anekdötchen verloren, wie z. 8., dass\nLord Chesterfield den König in seiner Einsamkeit beim\nAnhören des Messias nicht habe stören wollen, was eben\nso wenig wahr ist, als dass das Werk am 12. September\n1741 beendigt und am 14. schon aufgelührt worden sei,\nund dass Händel sein Vermögen dabei zugesetzt habe.\nHändel bedurfte der Einnahmen durch den Messias so we-\nnig, dass er ihn bis an seinen Tod fast jährlich nicht anders\nals zu wohlthätigen Zwecken aufgeführt hat (von 1749\nbis 1759 für das Findlings-Hospital, dem er an 4000\nPfund einbrachte); dass ferner ein Mann, der, wie wir oben\ngesehen, einer Gesellschaft, die er mit gestiftet hat, ein\nCapital von 7000 Thlrn. vermacht, nicht arm gestorben\nsein kann, leuchtet ebenfalls ein.\n\n*) Jahresbericht für 1853 von John Parry Esq."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "219", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540715-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4943, "texte": "Aber wir Deutschen haben zwei besondere Liebhabe-\nreien, welche in der Kunstgeschichte eine Rolle spielen:\nerstens lassen wir alle unsere Genies gar zu gern arm da-\nhin sterben, wo möglich verhungern, und zweitens sollen\nihre grössten Werke bei ihrer ersten Erscheinung stets\nnicht gefallen haben! Das Letztere namentlich wird von allen\nmittelmässigen Talenten gehörig ausgebeutet, um der Welt\nzu beweisen, dass auch sie Genies sind, wir aber, das\ni\nPublicum nämlich, Dummköpfe, deren Urtheil die Nachwelt\nLügen strafen wird, wesshalb sich denn neuerdings eine\nganze Schule oder Secte von Componisten entschlossen\nhat, geradezu bloss für die Zukunft zu schreiben. Nun,\nGlück zu! Bei Händel fand keines von jenen beiden Postu-\nlaten für ein deutsches Genie Statt, und sein Messias na-\nmentlich erregte auf der Stelle Bewunderung und ganz\nausserordentlichen Beifall.\nDoch zunächst sei vom Text die Rede. Den soll Hän-\ndel selbst zusammengestellt haben ja, es gibt auch\ndarüber eine Anekdote, welche ihn in Zorn gerathen lässt,\nweil ihm ein Bischof das Anerbieten eines Textes gemacht,\nwobei der Meister ausgerufen habe: „ Meint er was Besse-\nres liefern zu können als Propheten und Apostel, oder dass\nich die Bibel nicht so gut kännte, wie er?\" Schade\nnur, dass das Geschichtchen nicht wahr ist. Der Verfasser\ndes Textes war Charles Jennens auf Gopsall Hall in\nLeicestershire. Jennens war ein Vorfahr des jetzigen Earl\nHowe und ein Mann von grossem Vermögen, von Ge-\nschmack und Kenntnissen, dabei musicalisch gebildet und\nein vertrauter Freund von Händel, welcher, wenn nicht\nden ganzen Messias, doch den grössten Theil desselben,\nauch auf dessen Landsitze geschrieben haben soll. Einige\nGemälde, welche Händel seinem Freunde Jennens vermacht\nhat, befinden sich noch in Gopsall im Besitze des Lords\nHowe, und die Orgel, an welcher Händel den grössten\nTheil des Messias componirt hat, wird von einem anderen\nZweige der Familie Jennens zu Packington in Warwick-\nshire aufbewahrt.\nLord Howe ist ferner im Besitz zweier Briefe von\nHändel an Jennens. In dem ersten, aus Dublin vom 29.\nDecember 1741, erkennt er den Empfang einiger Zeilen\nan, welche als Vorwort zu dem Oratorium Messias dienen\nsollten. Der zweite ist nach der Aufführung in Dublin\n(welche am 12. April 1742 Statt fand und die erste\nwar) geschrieben und trägt das Datum London, den 9.\nSeptember 1742. Darin heisst es: „Ich hatte vor, Ihnen\neinen Besuch auf meiner Rückreise von Irland nach Lon-\ndon zu machen; dann hätte ich freilich Ihnen besser münd-\nlichen Bericht, als schriftlich, darüber abstatten können,\nwie gut Ihr Messias in jenem Lande aufgenommen\nworden ist.\"\nDer Messias war Iländers sechstes Werk in dieser\nGattung; dessen Vorgänger waren: Esther, Deborah,\nAthalia, Israel in Aegypten, Saul. Diese fünf wa-\nren geschrieben, ehe sich Händel ganz von der Compo-\nsition von Opern für das italiänische Theater lossagte. Seine\nletzte Oper, Deidamia, wurde am 10. Januar 1741\nzum ersten und am 10. Februar desselben Jahres zum\nletzten Male gegeben. Persönliche Verhältnisse und die\nmächtige Opposition einer Partei unter den Gönnern der\nitaliänischen Oper brachten ihn zu dem Entschlüsse, gänz-\nlich mit ihr zu brechen und sein Talent einer Beschäftigung\nzu weihen, welche, wie er selbst sagte, „seinem vorge-\nrückten Alter besser gezieme\". Die erste Frucht dieses\nEntschlusses war der Messias.\nNach den Angaben in der Original-Partitur, welche\ndie königliche Bibliothek im Buckingham-Palast aufbe-\nwahrt, ist das Werk Sonnabend den 22. August 1741\nangefangen worden; der erste Theil war Freitag den 28.\nfertig der zweite, der mit dem Hallelujah schliesst,\nSonntag (wohl zu merken! denn Händel war wirklich\nfromm, und welche Sonntagsstimmung herrscht im Halle-\nlujah!) den 6. September, und der dritte Sonnabend den\n12. September vollendet. Das unvergängliche Werk ist\nalso in 22 Tagen geschrieben! Das ist freilich bekannt\nund folglich keine Neuigkeit; aber es ist gut, daran zu er-\ninnern, damit die heutigen Musik-Philosophen und Grössen-\nmacher einsehen, was für ein Unterschied sei zwischen\neinem musicalischen Genie und einem musicalischen\nDrahtzieher.\nMehr Zweifeln unterworfen war Tag und Ort der\nersten Aufführung. Die Sage, dass das Oratorium in Lon-\ndon durchgefallen und erst nach Händel's Rückkehr aus\nDublin, wo es mit Begeisterung aufgenommen wurde, Bei-\nfall gefunden habe, stammt aus den unechten Memoiren\nvon Händel her, welche 1760, ein Jahr nach dessen Tode,\nveröffentlicht wurden, und deren Compilation man einem\ngewissen Mainwaring zuschreibt. Darin steht, dass der Mes-\nsias 1741 in London aufgeführt und sehr kalt aufgenom-\nmen worden sei, wesshalb Händel aus Verdruss London\nverlassen und nach Dublin gegangen sei. Danach bringt\nJ. Hawkins in seiner Geschichte der Musik dieselbe\nNachricht mit dem Zusätze, dass die Aufführung im Covent-\ngarden-Theater Statt gefunden habe, und Dr. Burney in\nseiner Biographie Händel's wiederholt sie ebenfalls. Allein"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "220", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540715-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4519, "texte": "Burney's spätere Forschungen führten ihn auf die Wahr-\nheit, und er widerlegte sich selbst im vierten Bande seiner\nGeschichte der Musik (S. 441, S. G6l).\nWarum Händel mit der Partitur des Messias im Kof-\nfer London verliess, lässt sich leicht, wenn man die obigen\nData vergleicht, aus seinem Aerger über die Opern-Ange-\nlegenheit erklären. Auch mochte er einen augenblicklichen\nTik auf die Londoner haben und ihnen desshalb die erste\nAnhörung des Werkes, welches er selbst für sein bestes\nhielt, missgönnen. Kurz, die erste Aufführung fand nicht in\nLondon, sondern in Dublin am 12. April 1742 Statt.\nZwar hat Hogarth in seiner Geschichte der Musik aus\nder oben erwähnten Original-Partitur eine Aufführung zu\nLondon schon am 14. September 1741 beweisen wollen\nzwei Tage nach der Vollendung des Werkes! ;\naber er hat sich verlesen oder das Deutsche nicht richtig\nverstanden.\nIn jener Partitur steht nämlich am Schlüsse von Hän-\nHand geschrieben: „Fine dell' Oratorio. G. F.\nHändel. Sonnabend (durch c}as astronomische Zeichen\nausgedrückt) September 12. 1741\", und darunter\nsteht: „ausgefüllt den 14. dieses\", in deutscher\nSprache. Das Wort „ausgefüllt\", das sich auf die Instru-\nmentirung u. s. w. bezieht, hat Hogarth „ausgeführt\"\ngelesen oder dafür genommen, daher der Irrthum, der aber\nnoch im Jahre 1850 von mehreren Blättern wiederholt\nworden ist. Freilich hätte die Unwahrscheinlichkeit oder\nvielmehr die Unmöglichkeit der Sache schon stutzig machen\nsollen; denn die Kräfte, welche eine Partitur wie die des\nMessias binnen zwei Tagen in Stimmen ausschreiben, ein-\nstudiren, probiren und aufführen können, dürften wohl nicht\nauf Erden zu finden sein! Uebrigens war es Händel's Ge-\nwohnheit, den Tag des Anfangs und der Vollendung in sei-\nnen Partituren zu notiren, nicht aber den Tag der ersten\nAufführung. So findet sich z. B. in der Original-Partitur\nder Oper Berenice in der königlichen Bibliothek auf der\nletzten Seite: „Fine dell' Opera Berenice, G. F. Händel,\nJanuar 18. 1737\", und darunter: „Auszufüllen\";\nganz unten: „Geendigt den 27. January 1737\".\nNach seiner Rückkehr von Irland eröffnete Händel in\nLondon eine Unterzeichnung auf 12 Oratorien-Concerte im\nCoventgarden-Theater während der Fastenzeit des Winters\nvon 1742 43, welche mit „ einem neuen Oratorium, ge-\nnannt Samson\", begannen. Nach mehreren erfolgreichen\nAufführungen kam am neunten \"Abend der Messias an die\nReihe, Mittwoch, den 23. März 1743, und dies war\ndie erste Aufführung in London, und zwar bloss unter\ndem Titel: „A IVew Sacred (ein heiliges Ora-\ntorium); auch nannte Händel noch viele Jahre lang sein\nWerk in allen Ankündigungen bloss „ \"\nwahrscheinlich gab er ihm diesen Titel vorzugsweise,\nweil der Text rein aus Bibelstellen besteht. Daher auch\nder Gebrauch, den englischen Textbüchern bei jedem Ab-\nsatz den Nachweis der betreffenden Bibelslelle beizusetzen,\nz. B: „Tröstet mein Volk\", Jesaias 40, I—3. „Es isi;\nuns ein Kind geboren\", Jes. 9, 6. „Der Herr gab das\nWort\", Psalm 68, 11. u. s. w.\nDas Werk wurde mit demselben Erfolg wie in Dublin,\nmit allgemeinem Beifall und Bewunderung aufgenommen\nund noch zweimal in derselben Saison gegeben. Ein Augen-\nzeuge, der Earl of Kinnoul, welcher im Jahre 1787 starb,\näussert sich in der Biographia Dramatica folgender Maas-\nsen darüber: „Als dieses Werk zum ersten Male aufgeführt\nwurde, war die Zuhörerschaft aussergewöhnlich ergriffen\nund aufgeregt durch die Musik im ganzen Oratorium; als\naber der Chor: „ „Hallelujah, denn der Herr regiert!\"\"\nerschallte, da ergriff uns eine solche Begeisterung, dass Alle\nmit dem Könige, der auch gegenwärtig war, aufstanden\nund bis zum Ende des Chors stehen blieben. Und von da-'\nher schreibt sich die Sitte, dass in England das Publicum\njenen Chor jedesmal stehend anhört.\"\nUnd diese Sitte hat sich über ein Jahrhundert lang bis\nheute erhalten. Auch am 17. Mai dieses Jahres erhob sich\nbei den ersten Accorden des Hallelujah die ganze Zuhörer-\nschaft im Saale und auf den Galerieen von ihren Sitzen,\nund an 2500 Menschen hörten stehend und mit Andacht\nden mächtigen Klängen zu; der Eindruck, den dies macht,\nist grossartig und erhebend; es ist ein Gottesdienst, den\nReligion und Kunst zugleich feiern.\nDies ist die wahre Geschichte von der Aufnahme des\nMessias in London, aus den besten Quellen in der Biblio-\nthek der Sacred Harmonie Society geschöpft. Sie mag viel-\nleicht manchem Musikgelehrten, im Ganzen wenigstens, be-\nkannt sein: beim grossen Publicum der musicalischen Wrelt\nist sie es aber nicht, und desshalb habe ich sie hier gegeben."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-07-15-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-07-15_01#c002", "volume": "bmtnabi_1854-07-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "220", "page_fin": "223", "image_debut": 4, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540715-01.2.2", "titre_corps": "Bericht der Commission zur Untersuchung der Lage der grossen Oper in Paris.", "titre_sommaire": "Bericht der Commission zur Untersuchung der Lage der grossen Oper in Paris.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "220", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540715-01.1.4", "debut_caractere": 4521, "fin_caractere_exclue": 4758, "texte": "Bericht der Commission\nzur Untersuchung der Lage der grossen Oper in Paris.\n(Auszug.)\nDie Lage der Oper verlangt schnelle und durchgrei-\nfende Maassregeln. Die Verwicklung ihrer Finanz-Verhält-\nnisse bedroht sie mit gänzlicher Auflösung."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "221", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540715-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4917, "texte": "Abseseheh von allem, wodurch dieser Zustand herbei-\ngeführt worden sein mag, muss die Ansicht fest stehen,\ndass diese Bühne, wenn auch ihre Verwaltung und Füh-\nrung der Privat-Unternehmung überlassen war, dennoch,\nvom Standpunkte der Kunst aus betrachtet, Frankreich\nund Europa angehört und nicht untergehen darf.\nDie grosse Oper ist ihrer Natur nach ein sehr kost-\nspieliges Theater. Ihr Glanz hat jederzeit bedeutende Opfer\nverlangt.\nUnter Ludwig XIV. und im Anfange der Regierung\nLudwig's XV., wo die Oper durch bevorrechtete Unter-\nnehmer gelührt wurde, machten diese alle, mit Ausnahme\nvon Lulli, schlechte Geschäfte. Bankerotte waren das ge-\nwöhnliche Resultat, und wenn zuweilen die Gläubiger auf\nihre Rechnung die Unternehmung bis zum Ende der ver-\ntragsmässigen Zeit fortführen liessen, so wurden sie selbst\nin den Strudel der Zerrüttung durch Schulden mit fortge-\nrissen*). Um diesem Uebel zu steuern, bewilligte das De-\ncret vom 25. August 1749 der Stadt Paris das Privile-\ngium der Oper. Allein die städtische Behörde weiss auch\nnicht, wie sie es anfangen soll, um ohne Verlust durchzu-\nkommen. Das Verwaltungs-System wird alle Augenblicke\ngeändert, aber der ungeheure Schaden bleibt immer der-\nselbe, die Stadt mag einen Director für ihre Rechnung an-\nstellen, oder die Bühne verpachten.\nIm Jahre 1776 griff der König auf den Rath von\nMalesherbes ein, um dem vollständigen Ruin der Oper zu-\nvorzukommen, und überwies die Bühne der Verwaltung\ndes Intendanten und Schatzmeisters seiner menus plaisirs.\nDieser Zustand dauerte aber nicht lange; Unternehmer und\nstädtische Verwaltung wechselten wieder mit einander ab,\nbis im Jahre 1780 die letztere sich mit 200,000 Frcs.\nSchulden und der Verpflichtung zu 11 2,000 Frcs. jähr-\nlich an lebenslänglichen Pensionen vor dem Privilegium\nbedankte.\nNun wurde die Oper wieder unter die unmittelbare\nLeitung des Ministers des Departements von Paris und des\nköniglichen Hauses gestellt, und diese Verwaltung setzte\nin zehn Jahren 3,992,752 Frcs. zu, das ist in mittlerer\nSumme 362,977 Frcs. jährlich. Ausserdem gab der Kö-\nnig jährlich 150,000 Frcs., welche aber lür die zwölf\nVorstellungen bei Hofe in Versailles und Fontainebleau\ndaraufgingen.\nUnd bei allen diesen Schwankungen und äusseren Nö-\nthen war die Periode von 1775 —1790 dennoch eine\nder ruhmvollsten lür die französische Oper; es war die Zeit\nvon Picini und Gluck! Diese grossen Genies feierten\ndie glänzendsten Siege, während die Unternehmer und In-\ntendanten von der Last ihrer Niederlagen erdrückt wurden.\nDie Revolution brachte die Oper wieder an die Stadt\nParis, aber ohne Vortheil für die Casse. Napoleon, welcher\nein Feind von schwankenden Stellungen und täuschenden\nProjecten war, ging von der Ansicht aus, dass die Oper\nunmöglich ihre Ausgabe durch die Einnahme decken könne,\nund warf für sie schon als erster Consul eine Staats-Unter-\nstützung von 50,000 Frcs. monatlich aus. Als Kaiser\nerhöhte er die Summe bis auf 720,000 Frcs. jährlich, und\nverfügte noch, dass die Theater zweiten Ranges, gleichsam\nals Vasallen der grossen Oper, eine Abgabe an dieselbe\nentrichten mussten. Das Ministerium des kaiserlichen Hau-\nses verwaltete das Theater, nicht auf Kosten und Gefahr\nder Civilliste, sondern für Rechnung des Staates, als eine\nArt von General-Direction.\nDie Restauration nahm die Grundlagen dieses Systems\nan, nur mit der Aenderung, dass die königliche Civilliste\ndie Oper auf ihre Rechnung in Bausch und Bogen über-\nnahm, der Staat aber eine Unterstützung zahlte, welche\nsich im Jahre 1830 auf 850,000 Frcs. belief. Im Gan-\nzen legte diese Art der Verwaltung der Civilliste nur\nmässige Opfer auf. Wenn ein oder das andere Mal die Fi-\nnanzen der Oper etwas ins Gedränge kamen, so war das\ndie Folge vorübergehender verschwenderischer Bevorzu-\ngungen und der unentgeltlichen Bewilligung von zu vielen\nLogen an zudringliche Forderer.\nDie Juli-Revolution von 1830 änderte Alles wieder.\nDie Civilliste des neuen Königs wollte nichts mit dem Pa-\ntronat der grossen Oper zu schaffen haben. Das Kunst-\nInstitut wurde Gegenstand der Industrie und der Privat-\nSpeculation (29. Januar 1831). Die Staats-Unterstützung\nwurde um 40,000 Frcs. verkürzt und erlitt späterhin\nnoch bedeutendere Schmälerungen. Ferner wurde die Ab-\ngabe, welche die kleineren Theater zahlen mussten, und\ndas Monopol der Maskenbälle, welches die Oper gehabt\nhatte, aufgehoben.\nEs darf nicht geläugnet werden, dass der erste Versuch\ndieser Rückkehr zur Führung der Oper durch Unterneh-\nmer von einem vollständigen Erfolg gekrönt wurde. Eine\ngeschickte und glückliche Verwaltung, welche ihre Lauf-\nbahn mit 810,000 Frcs. Unterstützung, mit grossen\nKünstler-Talenten für mässiges Gehalt*) und ohne Ueber-\n\n*) Diese und alle folgenden Angaben sind im Original-Berichte\ndurch Anführungen aus den Archiven belegt.\n*) Die Gehälter der Künstler in Paris waren damals gegen die\njetzigen in der That gering, wie aus folgenden Beispielen er-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "222", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540715-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5053, "texte": "nähme einer Schuldenlast begann, verstand die zufälligen\ngünstigen Umstände zu benutzen. Sie hatte ferner das\nGlück, „Robert den Teufel\" in Scene zu setzen, wozu sie\nnoch -30,000 Frcs. Ausserordentlichen Zuschuss vom Staate\nerhielt, und so machte sie treffliche Geschäfte.\n. Aber die Umstände änderten sich; die Unterstützung\nwar im Jahre 1835 auf 620,000 Frcs. herabgekommen\n(so viel betrug sie noch bis auf diesen Augenblick), und im\nJahre 1840 war das Deficit wieder da. Es vergrösserte\nsich mit jedem Jahre; der Wechsel der Unternehmer, an-\nstatt es auszufüllen, machte es bleibend und unheilbar und\nvererbte es regelmässig auf die Nachfolger, welche mithin\nschon von Haus aus mit Verlust anfingen.\nSo kommt man denn bis zu der gegenwärtigen Theater-\nDirection. Wir wollen nicht behaupten, dass die Verpflich-\ntung, die Schulden ihrer Vorgängerin zu bezahlen, die\nalleinige Ursache ihres Falles ist. Man muss ausserdem die\nVerkürzung der Staats-Unterstützung und die unverhält-\nnissmässige Steigerung der Gehalts-Ansprüche der Künst-\nler ersten Ranges in der Oper und im Ballet in Anschlag\nbringen. Immer jedoch blieb die Uebernahme der Schul-\ndenlast der früheren Directionen die drückende Last, welche\njeden Aufschwung hemmte.\nWas ist also zu thun? Das Material der grossen Oper\nhat nie aufgehört, Staats-Eigenthum zu sein, und es ist\nvon grossem Werthe. Kann man nun die Unternehmung\nder Strenge der Gesetze nach gemeinem Rechte Preis ge-\nben? Nun, dann hört das Theater plötzlich auf, das Per-\nsonal geht aus einander, und die Gläubiger streiten sich\nmit dem Staate um die Pländung des Materials. Kann man\nauf der anderen Seite die Verwaltung von ihren Schulden\nbefreien, ohne diese dem neuen Unternehmer zur Last zu\nschreiben? Nun, dann deckt man den Schaden der alten\nDirection und impft ihn der neuen ein.\nUm aus dieser schwierigen Lage herauszukommen,\nscheint das beste Mittel das zu sein, das System der Ver-\ngebung der Oper an Privat-Unternehmer aufzugeben und\nfolgende Vorschläge anzunehmen:\nDer Staat bezahlt die Schulden der Oper. Er vermehrt\ndie Summe der jährlichen Unterstützung, welche in ihrem\njetzigen Betrage offenbar ungenügend ist. Die Civilliste tritt\nin den Besitz der Oper; sie übernimmt sie ohne alle Pas-\nsiva und lässt sie durch das Ministerium des Hauses des\nKaisers verwalten, unter dem Beirath einer technischen\nCommission. Dadurch wird der Opernbühne eine Wirk-\nsamkeit gesichert, welche von den Fesseln der\nindustriellen Speculation befreit ist und den\nForderungen der Kunst genügen kann.\n(Hierauf folgt eine lange Beweisführung, dass es im\nInteresse des Staates liege, mit der Vergangenheit der gros-\nsen Oper reine Bahn zu machen, d. h.: ihre Schulden zu\nbezahlen, und dass derselbe nie in ähnliche Verlegenheit\noder Notwendigkeit kommen werde, wenn die Civilliste\nvon jetzt an die Verwaltung und folglich auch die Deckung\neines etwaigen jährlichen Deficits übernehme. Dann geht\nder Bericht zu den Vortheilen, welche die neue Einrich-\ntung dem wahren Gedeihen der Kunst bringen werde,\nfolgender Maassen über:)\nDie Privat-Unternehmungen haben ohne Zweifel einen\nscharfsinnigen Instinct, alle Elemente, die zu einem Erfolg\nfuhren können, in Bewegung zu setzen. Aber neben die-\nsem Vortheile liegt die Gefahr, dass sie der eiteln Lust und\nLaune des Publicums schmeicheln, anstatt es in den Schran-\nken des guten Geschmacks festzuhalten.\nEs ist nichts leichter, als eine Zuhörerschaft durch\nden Missbrauch der Mittel und der Aufregungen zu er-\nschüttern; und wenn auch die Gebildeten kalt bleiben bei\nEffecten, welche über das Ziel hinaus gehen, so lässt sich\ndoch die Menge leicht beherrschen durch den Ausbruch\nübermässiger Leidenschaften und den Charlatanismus eines\nforcirten dramatischen Ausdrucks. Gesetzt nun, das Publi-\ncum zeigte sich nur gar zu empfänglich für das Verführe-\nrische einer solchen übertriebenen Kunst: würde es dann\nnicht von einer Privat-Unternehmung zu viel verlangt sein,\nvon ihr zu fordern, sich zur kühnen Vorkämpferin für die\nverkannte wahre Kunst aufzuwerfen ? Mehr Muth ist aber\nvon einer Verwaltung zu hoffen, welche weniger darauf\nangewiesen ist, ein gutes Geschäft zu machen, als den gu-\nten Geschmack aufrecht zu erhalten. Kann sie auch nicht\nin offenen Kampf gegen alle Verirrungen der Mode treten,\nso braucht sie ihr doch nicht unterthänig zu sein und kann\ndie Erziehung und Bildung des Publicums im Auge behal-\nten, welches am Ende dem Reize des wahren Schönen\ndoch nicht widersteht.\nWir wollen z. B. nur eines einzigen Punktes gedenken.\nDie Bedingungen, welche der Contract der bisherigen Un-\nternehmer enthält, legen allen die Verpflichtung auf, alle\nJahre einige von den Meisterwerken des älteren Repertoires\n\nhellt, die wir der Biographie Rossini's von Stendhal entneh-\nmen. Die Pasta erhielt 35,000 Frcs. und ein Benefiee mit\n15,000 Frcs. verbürgt, Garcia 30,000, Pellegrini 24,000,\nBordogni 20,000, Levasseur 12,000 Frcs. (Forracs in\nLondon im Jahre 1854 75 Pf. Sterl. wöchentlich!), die\nCinti-Damoreau 15,000 Frcs. (die Cruvelli 1854\n100,000 Frcs.!). Anm. der liedaction."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "223", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540715-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1229, "texte": "aufführen zu lassen, und man sieht die Zweckmässigkeit\ndieses Paragraphen beim ersten Blicke ein. Trotzdem ist\ner fast ganz in Vergessenheit gerathen, und während\nDeutschland auf den Hoftheatern die unsterblichen Werke\nGluck's zu hören bekommt, bleibt dieses erhabene Genie\ndem gegenwärtigen Geschlechte in Frankreich unbekannt\nund gleichsam verhehlt.\nMan hat eingewandt, dass die Wiederbelebung musi-\ncalischer Formen, deren Tradition sich verloren hat, das\nPublicum wenig anziehen würde. Dieser Einwand kann\nnur für eine Privat-Unternehmung gelten; auf eine Vervval-\ntung, welche vom künstlerischen Gesichtspunkte aus orga-\nnisirt ist, kann er keinen Einfluss üben. Diese darf und\nmuss einige augenblickliche Opfer bringen, um die Kunst\nauf ihrer Höhe und in ihrer Reinheit zu erhalten. Und\neben desshalb scheint uns der Uebergang der Oper auf die\nCivilliste ein glückliches Ereigniss zu sein. So mögen wir\ndenn die Schätze der Gegenwart bewahren und doch die\nreiche Erbschaft der Vergangenheit nicht von uns stossen,\nsondern dem Publicum auch jene unvergänglichen Muster\nvor Augen stellen, denen gesunder Sinn und gesunder Ge-\nschmack immer huldigen, sobald sie nur auf würdige Weise\nvorgeführt werden.\n(Moniteur vom 2. Juli.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-07-15-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-07-15_01#c003", "volume": "bmtnabi_1854-07-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "223", "page_fin": "224", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540715-01.2.3", "titre_corps": "Zur Beantwortung der Fragen über Beethoven’s Taubheit, in Nr. 24 dieses Blattes.", "titre_sommaire": "Zur Beantwortung der Fragen über Beethoven’s Taubheit, in Nr. 24 dieses Blattes.", "signature_source": "A. Schindler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "223", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540715-01.1.7", "debut_caractere": 1231, "fin_caractere_exclue": 5015, "texte": "Zur Beantwortung der Fragen über Beethoven’s\nTaubheit, in Nr. 24 dieses Blattes.\n\nDer Einsender einer Beantwortung in der vorigen\nNummer gibt Daten über Beethoven's Taubheit bis zum\nJahre 1813, ohne jedoch die präcis gestellten Fragen zu\nberühren. Jedenfalls dürften diese mit „chronologischer\nGenauigkeit\" von Niemand genügend beantwortet wer-\nden können. Doch soll aus dem dort Gesagten nicht ge-\nfolgert werden, dass Beethoven's Gehör schon 1813 fast\nerloschen gewesen. Nachstehende Data mögen dies zeigen.\nAm 11. April 1814 spielte Beethoven mit Schup-\npanzig und Linke im Saale zum „Römischen Kaiser\" sein\nneues Trio, Op. 97, und wiederholte es bald darauf in ei-\nner Matinee im Prater. Beide Mal war ich unter den Zu-\nhörern. Es waren dies die letzten Productionen Beetho-\nven's vor einem Publicum. Die Leipziger Allg. Musik-Z.\nerwähnt diese Aufführungen gleichfalls. Dieselbe Zeitung\nspricht 1816, S. 121, zum ersten Mal von dem Zustande\nseines Gehörs, „der ihn unfähig mache, seine Werke selbst\nzu dirigiren.\" Diese Notiz in Bezug auf das Selbstdi-\nrigiren wolle man fest im Auge behalten, denn sie scheint\nmir bei Ergründung der beiden Fragepunkte die wichtigste,\nja, entscheidendste. Dass die Abnahme seines Gehörs in\ndiesem und auch im folgenden Jahre in seinem Clavier-\nspiele nicht zu bemerken war, wird Herr Musik-Verleger\nSimrock in Bonn, der in jener Zeit Beethoven wieder-\nholt gehört hat, ebenfalls bestätigen. Seite 110 mei-\nnes Buches wird eines kleinen Vereins (dessen Theilhaber\nauch ich gewesen) für Aufführung Beethoven'scher Ciavier-\nmusik bei C. Czerny gedacht und gesagt, dass Beethoven\nselbst mehrere seiner Werke zu diesem Behufe mit Czerny\nvorgenommen und bei den Aufführungen öfters an dessen\nSeite gesessen habe. Zum letzten Mal war dies der Fall\nbeim Vortrage der neuen Sonate Op. 106, im Frühling\n1819. Ueberhaupt kam C. Czerny vom Jahre 1801 bis\n1819 oft mit Beethoven am Piano zusammen. Er selbst\näussert sich darüber im vierten Theile seiner Ciavierschule.\nEr kann bestätigen, dass unser Meister im Jahre 1819\ndas Spiel eines Anderen noch recht wohl zu corrigiren im\nStande gewesen. Dasselbe vermochte er noch einige Jahre\nspäter mit mir. Und warum sollte er denn im April 1824\ndie beiden Damen Sontag und Unger wiederholt zu\nsich beschieden haben, um mit ihnen die Solo-Partieen aus\nder 9. Sinfonie und der Missa einzuüben, wenn er sich\nnicht fähig gehalten hätte, ihren Gesang überhören zu kön-\nnen? Man erinnere sich gefälligst der dabei Statt gehabten\nAnmerkungen Seitens der beiden Sängerinnen, die ich bei-\nspielsweise Seite 154 nur angedeutet habe.\nEs unterliegt keinem Zweifel, dass Beethoven bis zu\njenem Zeitpunkte wenigstens vermittels des linken Ohrs ein-\nzelne oder einige Stimmen zu überhören vermochte, nicht\naber in Massen; und daher seine Unfähigkeit, diese zu lei-\nten. Die Vorgänge 1822 im Josephstädter Theater, das\nJahr darauf mit seinem Fidelio im Kärnthnerthor-Theater,\nganz besonders jene 1824 bei Aufführung der 9. Sinfo-\nnie und der Missa zeigen das zur Genüge. Doch hat er\nim August 1825 das neue AQuartett, Op. 132 *),\ndas Herr Moriz Schlesinger gekauft und zu hören\nwünschte, sorgfältig mit dem Vortragenden eingeübt. Hr.\nKarl Holz sass an der ersten Violine, „Hephaestos\"\nLinke am Violoncell. Die Leipz. Allg. Musik-Z. 1822\nberichtet endlich noch in Nr. 19, „dass Beethoven in ei-\nnem geselligen Cirkel mehrere Male ganz meisterlich phan-\n\n*) Diese Thatsache zeigt deutlich, dass der Beisalz: „Aus dem\nNachlasse44, welcher bei Anführung dieses Quartetts in dem\nthematischen Verzeichnis der Beethovenschen Werke bei\nBreitkopf u. Härtel zu lesen steht, falsch ist. Dessgleichen\nist falsch dieser Beisatz bei dem Quartett Op. 135, in F-dur.\nHr. Schlesinger hat dieses Werk 1826 von Beethoven selbst\nzugeschickt erhalten."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "224", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540715-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1632, "texte": "tasirt habe.\" Es geschah dies im Hause seiner Freundin\nund Leidensgefährtin, der Frau Baronin von Puthon, die\ner damals noch zuweilen besucht hat.\nOb sich somit das Jahr, in welchem Beethoven völ-\nlig taub geworden, wie auch das erste Opus seit der\nZeit seiner Taubheit — worauf die beiden Fragen in Nr.\n24 gerichtet sind — nur mit einiger Gewissheit angeben\nlassen, möge man nach diesen Daten zu ergründen ver-\nsuchen. Die hier genannten Herren (mit Ausnahme von\nLinke, der nicht mehr am Leben), ferner die Frau Gräfin\nRossi-Sontag und Frau Unger-Sabatier, werden sicherlich\ndabei behülflich sein. — Für mündliche Conversation war\nBeethoven's Gehör schon im Laufe von 1818, selbst mit\nHülfe der Sprachrohre, zu schwach, und musste von da\nan zur Schrift Zuflucht genommen werden. Nur allein im\nVerkehr mit dem Erzherzog Rudolph, und zwar seines\nweichen Sprachtons wegen, vermochte das kleinste seiner\nSprachrohre noch mehrere Jahre hindurch gute Dienste\nzu leisten.\nDie Eingangsworte des Fragestellers: „Es wird so\nviel über Beethoven's Taubheit gesprochen mit gewissen\nConsequenzen, die alsbald tendentiös ausgebeutet werden\",\nverdienen nach Erwägung der betreffenden Daten im In-\nteresse der Beethoven'schen Musik wohl eine nähere Erläu-\nterung; denn haben wir nicht schon erlebt, dass selbst\nhochgestellte Musiker bloss auf Grund von Beethoven's\nSchwerhörigkeit diesem das Recht abgesprochen ha-\nben, das Tempo seiner Werke zu bestimmen, weil er sie\nmit dem äusseren Ohr nicht mehr scharf zuhören\nvermochte ? Welch grobe Ungereimtheiten (wenn dies ja\nder rechte Ausdruck ist) kann nicht die Folgezeit noch\nerleben!\n\nA. Schindler."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-07-15-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-07-15_01#c004", "volume": "bmtnabi_1854-07-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "224", "page_fin": "224", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540715-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "224", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540715-01.1.8", "debut_caractere": 1634, "fin_caractere_exclue": 4807, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nDer grossherzoglich weimar'sche Kammervirtuose Herr Laub\nbefindet sich gegenwärtig am Rheine und hat im Bad Soden am\n28. Juni ein Concert gegeben. Ein meisterlich technisches Violin-\nspiel und eine grosse Behandlungsweise seines Instrumentes zeich-\nnen ihn aus und werden ihm in allen Rheinstädten denselben\nausserordentlichen Beifall erringen, den er hier in Soden gefun-\nden hat.\nIn Luzern wurde am 4. Juni die grosse Messe von Cheru-\nbini Nr. IV. aufgeführt; in Bern am 11. Juni Mendelssohns\nPaulus unter Direction des Hrn. Methfessel beide Auffüh-\nrungen in Kirchen.\nDer-Sänger Roger hat seine Anstellung bei der pariser grossen\nOper ganz aufgegeben. Er reis't gegenwärtig in Deutschland (W ci-\nmar, Hamburg) und wird auf dem grossen Musikfeste zu Rotter-\ndam singen.\nUebcr die bedeutende musicalische Bibliothek des Abts Santini\nin Rom ist ein Katalog erschienen: Lfabbe Santini et sa collection\nrnusicale ä Rorne, par Wl adi m ir Sta s s o ff.\nSophia Cruvclli hat in Paris ausser der Valentine und der\nJulia noch die Alice gesungen und ist am 1. Juli wieder nach\nLondon gegangen. Wie man sagt, wird sie bei der Gesellschaft\nsein, mit welcher der Unternehmer Bealc eine Kunstreise in die\nProvinzen von England machen will.\nDer Pianist W. Krüger hat Paris verlassen, um wieder drei\nMonate in Deutschland zuzubringen.\nVon Thalberg's Oper Florin da ist in Paris der Ciavier-\nauszug erschienen.\nIn London macht die französische Opern-Gesellschaft des\nThedtre Lyrique Glück. Sie spielt auf dem St. James-Theater. Die\nSängerin Madame Ca bei zieht besonders das Publicum an.\nDer Pianist Alfred Jaell ist aus America zurück gekehrt und\nwird nach einem kurzen Aufenthalte bei den Seinigen in Deutsch-\nland eine Reise nach Italien machen.\nDie Cholera wüthet in Mexico sehr heftig, Zu den Perso-\nnen, welche ihr als Opfer gefallen sind, gehören Henriette Son-\ntag, der britische Gesandtschafts-Secretär Barkeley und Senor Busta-\nmente von der spanischen Gesandtschaft. An einem Tage allein be-\nlief sich die Zahl der Todesfälle auf nicht weniger als 200. Der\nTod der berühmten deutschen Sängerin erfolgte am 17. Juni. Für\nden 11. war ihr Auftreten in der Oper „Lucrezia Borgia\" ange-\nzeigt gewrcsen, doch ward die Aufführung wegen eines plötzlichen\nCholera-Anfalles, welcher die Darstellerin der Hauptrolle heim-\nsuchte, ausgesetzt. Der Tod der Frau Sontag erregte in der mexi-\ncanischen Hauptstadt sehr grosses Aufsehen. Die Beerdigung fand\nam 19. in der Kirche San Fcrnandez Statt. Eine ungeheure Men-\nschenmenge, darunter die Mitglieder der philharmonischen Gesell-\nschaft, die meisten der in der Stadt anwesenden Künstler und meh-\nrere der auswärtigen Gesandten wohnten dem Begräbnisse bei.\nTriftiger Grund. In Rio de Janeiro hat ein Italiäner\nLabocetta in diesem Jahre eine neue italiänische Oper unternom-\nmen. Als das Publicum seine Unzufriedenheit mit dem grössten\nTheilc des Personals kund gab, trat der Director vor und sagte:\n„Was können Sie denn, meine Herrschaften, Besseres verlangen in\neinem Lande, wo die eine Hälfte der Sänger vom gelben Fieber\ndahin gerafft und die andere durch Ihre kolossalen Blumensträusse\ngesteinigt wird ?'*"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "217", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540715-01.1.1", "texte": "Ueber musicalische Zustände in London.\nVon\nProf. L. Bischoff.\nII.\nDie Macht der Centralisation zeigt sich hinwiederum\nvon einer guten Seite in Bezug auf die musicalischen Ver-\neine und die grossen Aufführungen, welche von diesen aus-\ngehen, und hierin unterscheidet sich London auf höchst\nvortheilhafte Weise von Paris. Wenn in Paris die Centra-\nlisation lür die Bühne Früchte getragen und die Oper in\nihren beiden Hauptgattungen als ein National-Institut ge-\nschaffen hat, so ist sie dagegen lür Kirchen- oder Oratorien-\nund Orchester-Musik ohne alle Wirkung und nur lür das\nVirtuosenthum von Bedeutung gewesen. Und so ist es\nnoch bis jetzt, und selbst das berühmte Concert-Institut\ndes Conservatoire's kann es zu wahrhaft grossen Auffüh-\nrungen mit vereinigten Gesang- und Instrumental-Kräften\nnicht bringen. Erst neuerdings fängt man in Frankreich\nan, eine Art von Musikfesten zu veranstalten und ganze\nOratorien aufzuführen; aber die Provinz überflügelt darin\ndie Hauptstadt, wie wir aus einem pariser Briefe ersehen,\nden wir in der nächsten Nummer werden abdrucken lassen.\nIn Paris selbst ist es bis zur Stunde geradezu unmöglich,\nan die Aufführung eines Oratoriums, welches einen ganzen\nAbend oder überhaupt ein ganzes Concert füllte, zu den-\nken; die ausübenden Kräfte dazu sind nicht vorhanden,\noder man bringt sie wenigstens nicht zusammen; und ge-\nlänge dies auch, so würde es an Zuhörern fehlen. Dass ein\nalle Jubeljahr einmal auf dem Theater und von dem Theater-\nPersonal allein gegebenes Stabat mater von Rossini die\nobige Thatsache nicht umstossen kann, sieht Jeder ein.\nOratorien-Aufführungen sind nur durch musicali-\nsche Vereine möglich, und hier steht England im All-\ngemeinen und London im Besonderen durch seinen leben-\ndigen Associations-Geist vor allen Ländern oben an, selbst\nvor Deutschland, wenn auch vor diesem nur durch die\nzahlreichere Theilnahme und die grösseren Geldmittel,\nwelche zur Verwirklichung des Zweckes der Vereine auf-\ngebracht werden. Neben den Vereinen für Kirchen-Musik\nstehen auch eben so tüchtige Gesellschaften für grosse Or-\nchester-Musik, und beide Arten von Instituten haben seit\neinem Jahrhundert den grössten Einlluss auf Erzeugung\nbedeutender Kunstwerke und auf Bewahrung des Sin-\nnes und der Empfänglichkeit für dieselben geübt, und sind\nbis heute noch ein mächtiger Damm gegen die andringende\nFlut des Ungeschmacks. Man denke nur an die Entstehung\nder Händel'schen Oratorien und der zwölf grossen Sinfo-\nnieen von Haydn, und man höre nur den Messias in Exeter\nHall, um sich zu überzeugen, wie eine einzige solche Auf-\nführung allen sächsischen und thüringischen Bündler-De-\nclamatoren über die Grablegung der Oratorien mit Einem\nMale das Maul stopft!\nUnd bei der durchweg ernsten und keuschen Tendenz\nder londoner Vereine kann man ihnen doch keineswegs\nVerkümmerung in sich selbst durch halsstarriges Festhal-\nten am Alten und nur am Alten vorwerfen; denn Beetho-\nven und Mendelssohn werden nirgends mehr gefeiert, als\nin ihnen, und es ist bekannt, wie sie stets berühmte Com-\nponisten der Gegenwart zu sich einladen, um deren Werke,\nunter ihrer eigenen Leitung aufgeführt, kennen zu lernen.\nWie wenig ausschliesslich sie dabei verfahren, davon ist\nwohl der auffallendste Beweis der, dass es die eine londo-\nner philharmonische Gesellschaft sogar mit Hektor Berlioz\nversucht hat!\nMerkwürdig ist die Erscheinung, dass in England das-\njenige, was wir musicalischen Dilettantismus nennen, eigent-\nlich nur in sehr geringem Maasse und, gegen Deutschland\nund Frankreich und Italien genommen, so gut wie gar\nnicht vorhanden ist, und dennoch eine Menge von Vereinen\nfür Tonkunst bestehen, welche eine so grosse Anzahl von\nMitgliedern aufweisen und über solche Mittel verfügen, wie\nkeine einzige musicalische Gesellschaft auf dem Festlande.\nVon einer Unterstützung des Staates ist dabei gar nicht die\nRede; das Prädicat Royal, welches viele derselben ihrem"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "218", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540715-01.1.2", "texte": "Titel voranstellen, bezieht sich bloss auf das Patronat des\nSouverains; auch lässt es dieser und besonders die\njetzige Königin nicht an Beiträgen und Geschenken\nfehlen; aber an regelmässige Staats-Unterstützung ist nicht\nzu denken; die Majestät und die Königlichen Hoheiten er-\nscheinen dabei nur als Unterzeichner und werden in ihren\nGaben nicht selten von Privatleuten übertroffen. Lassen\nwir Zahlen sprechen.\nDie Royal Society ofMusicians, eine Gesell-\nschaft, deren Zweck Unterstützung von altersschwachen\nund bedürftigen Musikern und deren Witwen und Waisen\nist, wurde am 19. April 1738 gegründet, hauptsächlich\nunter Händers Mitwirkung, welcher für sie 1739 sein\n„Alexanderfest\", 1740 „Acis und Galatheal74l die\ni l\nSerenata „Parnasso in Festa\"componirte und aufführte,\nund bei seinem Tode ihr 1000 Pfund vermachte. Sein\nunsterblicher Name brachte ihr aber noch viel mehr ein;\ndenn von den vier grossen musicalischen Gedächtnissfeiern\nHändel's in der Westminster-Abtei in den Jahren 1784\nbis 1787, welche zu wohlthätigen Zwecken veranstaltet\nwurden und die ersten grossen Musikfeste in Europa wa-\nren, erhielt die Gesellschaft auf ihren Antheil 16,000\nPfund, mithin über 100,000 Thaler. An Vermächtnissen\nvon 1 759 bis 1853 7353 Pfund, darunter vier zu 1000\nund eines zu 754 Pfund. Im Jahre 1834 brachte ein Hän-\ndel-Fest in Westminster 2250 Pfund ein. Die königliche\nFamilie gab von 1804 (erste Gabe 500 Pfund von Georg\nIII.) bis 1854 995 Pfund, aber John Broadwoad und\nSöhne von 1820 bis 1854 712 Pfund, Jenny Lind 1849\neinen Concert-Ertrag mit 150 Pfund u. s. w. Die Rech-\nnung über Einnahme und Ausgabe im Jahre 1853 weis't\neine Einnahme an Capital-Zinsen, Grundrenten, jährlichen\nBeiträgen der Mitglieder, Schenkungen und Concert-Erträ-\ngen von 2998 L. 15 Sh. 8 P. nach und eine Ausgabe\nvon 2679 L. 14 Sh. 1 1 P., wobei sich 2000 L. (über\n13,000 Thlr.) für Pensionen befinden. Die Gesellschaft\nzählt 229 Unterzeichner auf Lebenszeit (die Königin, die\nHerzogin vonKent, der König von Belgien und Prinz Albert\nan der Spitze), 180 aufs Jahr und 190 Künstler von Fach,\nzusammen 599 Mitglieder*).\nDie Entstehung dieser Gesellschaft hatte folgende Ver-\nanlassung. In den ersten Jahrzehenden des vorigen Jahr-\nhunderts lebte in London ein berühmter deutscher Oboe-\nbläser, Namens Kritsch. Er war ein sehr talentvoller und\ngesuchter Künstler, aber, wie so manche seiner Genossen,\nein schlechter Wirth. Er vernachlässigte seine Familie und\nsich selbst und kam so herunter, dass er in keiner anstän-\ndigen Gesellschaft mehr erscheinen konnte. Der Unglück-\nliche starb auf der Strasse.\nNicht lange nach seinem Tode standen drei Künstler,\nder Oboebläser Vincent und zwei Deutsche, der Violinspie-\nler Festing und der Flötenbläser Weidemann, vor einem\nKaffeehause auf Haymarket und bemerkten zwei Knaben,\nwelche Milch-Esel trieben; ihre interessante Physiognomie\nfiel ihnen auf, sie fragten nach ihrer Herkunft es wa-\nren die Waisen des verkommenen Kritsch. Auf der Stelle\neröffneten die genannten Künstler eine Subscription für die\nErziehungskosten der Knaben, traten mit den ersten Com-\nponisten und Musikgelehrten der damaligen Zeit zusammen\nund stifteten am 19. April 1738 die Gesellschaft. Unter\nden Stiftern finden wir die Namen G. F. Händel, J. C.\nSmith (Händel's Amanuensis), Dr. Greene, Dr. Pepusch,\nBurnett, Dr. Burnev, J. C. Bach, W. und F. Cramer u. s. w.\nIn der Regel veranstaltet die Gesellschaft nur eine\ngrosse Aufführung jährlich, wozu gewöhnlich Händel's\nMessias gewählt wird, wie das auch in diesem Jahre am\n17. Mai der Fall war. Der Mitwirkenden waren an 700,\nMusiker von Fach und Dilettanten; den Haupt-Bestandtheil\ndes Chors hatte der Verein Scic gelie-\nfert, von welchem später die Rede sein wird.\nIch benutze diese Gelegenheit, um einige Irrthümer\nüber die Entstehung und die ersten Aufführungen des\nMessias zu berichtigen, welche sich durch Nacherzählen\nund Nachschreiben bis auf unsere Zeit fortgepflanzt haben\nund trotz dem, dass sie in England schon seit mehreren\nJahren aufgeklärt worden sind, doch noch immer wieder\nin deutschen Blättern auftauchen und im Munde der Mu-\nsiker und Dilettanten leben. Freilich geht mit ihrer Berich-\ntigung manch schönes Anekdötchen verloren, wie z. 8., dass\nLord Chesterfield den König in seiner Einsamkeit beim\nAnhören des Messias nicht habe stören wollen, was eben\nso wenig wahr ist, als dass das Werk am 12. September\n1741 beendigt und am 14. schon aufgelührt worden sei,\nund dass Händel sein Vermögen dabei zugesetzt habe.\nHändel bedurfte der Einnahmen durch den Messias so we-\nnig, dass er ihn bis an seinen Tod fast jährlich nicht anders\nals zu wohlthätigen Zwecken aufgeführt hat (von 1749\nbis 1759 für das Findlings-Hospital, dem er an 4000\nPfund einbrachte); dass ferner ein Mann, der, wie wir oben\ngesehen, einer Gesellschaft, die er mit gestiftet hat, ein\nCapital von 7000 Thlrn. vermacht, nicht arm gestorben\nsein kann, leuchtet ebenfalls ein.\n\n*) Jahresbericht für 1853 von John Parry Esq."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "219", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540715-01.1.3", "texte": "Aber wir Deutschen haben zwei besondere Liebhabe-\nreien, welche in der Kunstgeschichte eine Rolle spielen:\nerstens lassen wir alle unsere Genies gar zu gern arm da-\nhin sterben, wo möglich verhungern, und zweitens sollen\nihre grössten Werke bei ihrer ersten Erscheinung stets\nnicht gefallen haben! Das Letztere namentlich wird von allen\nmittelmässigen Talenten gehörig ausgebeutet, um der Welt\nzu beweisen, dass auch sie Genies sind, wir aber, das\ni\nPublicum nämlich, Dummköpfe, deren Urtheil die Nachwelt\nLügen strafen wird, wesshalb sich denn neuerdings eine\nganze Schule oder Secte von Componisten entschlossen\nhat, geradezu bloss für die Zukunft zu schreiben. Nun,\nGlück zu! Bei Händel fand keines von jenen beiden Postu-\nlaten für ein deutsches Genie Statt, und sein Messias na-\nmentlich erregte auf der Stelle Bewunderung und ganz\nausserordentlichen Beifall.\nDoch zunächst sei vom Text die Rede. Den soll Hän-\ndel selbst zusammengestellt haben ja, es gibt auch\ndarüber eine Anekdote, welche ihn in Zorn gerathen lässt,\nweil ihm ein Bischof das Anerbieten eines Textes gemacht,\nwobei der Meister ausgerufen habe: „ Meint er was Besse-\nres liefern zu können als Propheten und Apostel, oder dass\nich die Bibel nicht so gut kännte, wie er?\" Schade\nnur, dass das Geschichtchen nicht wahr ist. Der Verfasser\ndes Textes war Charles Jennens auf Gopsall Hall in\nLeicestershire. Jennens war ein Vorfahr des jetzigen Earl\nHowe und ein Mann von grossem Vermögen, von Ge-\nschmack und Kenntnissen, dabei musicalisch gebildet und\nein vertrauter Freund von Händel, welcher, wenn nicht\nden ganzen Messias, doch den grössten Theil desselben,\nauch auf dessen Landsitze geschrieben haben soll. Einige\nGemälde, welche Händel seinem Freunde Jennens vermacht\nhat, befinden sich noch in Gopsall im Besitze des Lords\nHowe, und die Orgel, an welcher Händel den grössten\nTheil des Messias componirt hat, wird von einem anderen\nZweige der Familie Jennens zu Packington in Warwick-\nshire aufbewahrt.\nLord Howe ist ferner im Besitz zweier Briefe von\nHändel an Jennens. In dem ersten, aus Dublin vom 29.\nDecember 1741, erkennt er den Empfang einiger Zeilen\nan, welche als Vorwort zu dem Oratorium Messias dienen\nsollten. Der zweite ist nach der Aufführung in Dublin\n(welche am 12. April 1742 Statt fand und die erste\nwar) geschrieben und trägt das Datum London, den 9.\nSeptember 1742. Darin heisst es: „Ich hatte vor, Ihnen\neinen Besuch auf meiner Rückreise von Irland nach Lon-\ndon zu machen; dann hätte ich freilich Ihnen besser münd-\nlichen Bericht, als schriftlich, darüber abstatten können,\nwie gut Ihr Messias in jenem Lande aufgenommen\nworden ist.\"\nDer Messias war Iländers sechstes Werk in dieser\nGattung; dessen Vorgänger waren: Esther, Deborah,\nAthalia, Israel in Aegypten, Saul. Diese fünf wa-\nren geschrieben, ehe sich Händel ganz von der Compo-\nsition von Opern für das italiänische Theater lossagte. Seine\nletzte Oper, Deidamia, wurde am 10. Januar 1741\nzum ersten und am 10. Februar desselben Jahres zum\nletzten Male gegeben. Persönliche Verhältnisse und die\nmächtige Opposition einer Partei unter den Gönnern der\nitaliänischen Oper brachten ihn zu dem Entschlüsse, gänz-\nlich mit ihr zu brechen und sein Talent einer Beschäftigung\nzu weihen, welche, wie er selbst sagte, „seinem vorge-\nrückten Alter besser gezieme\". Die erste Frucht dieses\nEntschlusses war der Messias.\nNach den Angaben in der Original-Partitur, welche\ndie königliche Bibliothek im Buckingham-Palast aufbe-\nwahrt, ist das Werk Sonnabend den 22. August 1741\nangefangen worden; der erste Theil war Freitag den 28.\nfertig der zweite, der mit dem Hallelujah schliesst,\nSonntag (wohl zu merken! denn Händel war wirklich\nfromm, und welche Sonntagsstimmung herrscht im Halle-\nlujah!) den 6. September, und der dritte Sonnabend den\n12. September vollendet. Das unvergängliche Werk ist\nalso in 22 Tagen geschrieben! Das ist freilich bekannt\nund folglich keine Neuigkeit; aber es ist gut, daran zu er-\ninnern, damit die heutigen Musik-Philosophen und Grössen-\nmacher einsehen, was für ein Unterschied sei zwischen\neinem musicalischen Genie und einem musicalischen\nDrahtzieher.\nMehr Zweifeln unterworfen war Tag und Ort der\nersten Aufführung. Die Sage, dass das Oratorium in Lon-\ndon durchgefallen und erst nach Händel's Rückkehr aus\nDublin, wo es mit Begeisterung aufgenommen wurde, Bei-\nfall gefunden habe, stammt aus den unechten Memoiren\nvon Händel her, welche 1760, ein Jahr nach dessen Tode,\nveröffentlicht wurden, und deren Compilation man einem\ngewissen Mainwaring zuschreibt. Darin steht, dass der Mes-\nsias 1741 in London aufgeführt und sehr kalt aufgenom-\nmen worden sei, wesshalb Händel aus Verdruss London\nverlassen und nach Dublin gegangen sei. Danach bringt\nJ. Hawkins in seiner Geschichte der Musik dieselbe\nNachricht mit dem Zusätze, dass die Aufführung im Covent-\ngarden-Theater Statt gefunden habe, und Dr. Burney in\nseiner Biographie Händel's wiederholt sie ebenfalls. Allein"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "220", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540715-01.1.4", "texte": "Burney's spätere Forschungen führten ihn auf die Wahr-\nheit, und er widerlegte sich selbst im vierten Bande seiner\nGeschichte der Musik (S. 441, S. G6l).\nWarum Händel mit der Partitur des Messias im Kof-\nfer London verliess, lässt sich leicht, wenn man die obigen\nData vergleicht, aus seinem Aerger über die Opern-Ange-\nlegenheit erklären. Auch mochte er einen augenblicklichen\nTik auf die Londoner haben und ihnen desshalb die erste\nAnhörung des Werkes, welches er selbst für sein bestes\nhielt, missgönnen. Kurz, die erste Aufführung fand nicht in\nLondon, sondern in Dublin am 12. April 1742 Statt.\nZwar hat Hogarth in seiner Geschichte der Musik aus\nder oben erwähnten Original-Partitur eine Aufführung zu\nLondon schon am 14. September 1741 beweisen wollen\nzwei Tage nach der Vollendung des Werkes! ;\naber er hat sich verlesen oder das Deutsche nicht richtig\nverstanden.\nIn jener Partitur steht nämlich am Schlüsse von Hän-\nHand geschrieben: „Fine dell' Oratorio. G. F.\nHändel. Sonnabend (durch c}as astronomische Zeichen\nausgedrückt) September 12. 1741\", und darunter\nsteht: „ausgefüllt den 14. dieses\", in deutscher\nSprache. Das Wort „ausgefüllt\", das sich auf die Instru-\nmentirung u. s. w. bezieht, hat Hogarth „ausgeführt\"\ngelesen oder dafür genommen, daher der Irrthum, der aber\nnoch im Jahre 1850 von mehreren Blättern wiederholt\nworden ist. Freilich hätte die Unwahrscheinlichkeit oder\nvielmehr die Unmöglichkeit der Sache schon stutzig machen\nsollen; denn die Kräfte, welche eine Partitur wie die des\nMessias binnen zwei Tagen in Stimmen ausschreiben, ein-\nstudiren, probiren und aufführen können, dürften wohl nicht\nauf Erden zu finden sein! Uebrigens war es Händel's Ge-\nwohnheit, den Tag des Anfangs und der Vollendung in sei-\nnen Partituren zu notiren, nicht aber den Tag der ersten\nAufführung. So findet sich z. B. in der Original-Partitur\nder Oper Berenice in der königlichen Bibliothek auf der\nletzten Seite: „Fine dell' Opera Berenice, G. F. Händel,\nJanuar 18. 1737\", und darunter: „Auszufüllen\";\nganz unten: „Geendigt den 27. January 1737\".\nNach seiner Rückkehr von Irland eröffnete Händel in\nLondon eine Unterzeichnung auf 12 Oratorien-Concerte im\nCoventgarden-Theater während der Fastenzeit des Winters\nvon 1742 43, welche mit „ einem neuen Oratorium, ge-\nnannt Samson\", begannen. Nach mehreren erfolgreichen\nAufführungen kam am neunten \"Abend der Messias an die\nReihe, Mittwoch, den 23. März 1743, und dies war\ndie erste Aufführung in London, und zwar bloss unter\ndem Titel: „A IVew Sacred (ein heiliges Ora-\ntorium); auch nannte Händel noch viele Jahre lang sein\nWerk in allen Ankündigungen bloss „ \"\nwahrscheinlich gab er ihm diesen Titel vorzugsweise,\nweil der Text rein aus Bibelstellen besteht. Daher auch\nder Gebrauch, den englischen Textbüchern bei jedem Ab-\nsatz den Nachweis der betreffenden Bibelslelle beizusetzen,\nz. B: „Tröstet mein Volk\", Jesaias 40, I—3. „Es isi;\nuns ein Kind geboren\", Jes. 9, 6. „Der Herr gab das\nWort\", Psalm 68, 11. u. s. w.\nDas Werk wurde mit demselben Erfolg wie in Dublin,\nmit allgemeinem Beifall und Bewunderung aufgenommen\nund noch zweimal in derselben Saison gegeben. Ein Augen-\nzeuge, der Earl of Kinnoul, welcher im Jahre 1787 starb,\näussert sich in der Biographia Dramatica folgender Maas-\nsen darüber: „Als dieses Werk zum ersten Male aufgeführt\nwurde, war die Zuhörerschaft aussergewöhnlich ergriffen\nund aufgeregt durch die Musik im ganzen Oratorium; als\naber der Chor: „ „Hallelujah, denn der Herr regiert!\"\"\nerschallte, da ergriff uns eine solche Begeisterung, dass Alle\nmit dem Könige, der auch gegenwärtig war, aufstanden\nund bis zum Ende des Chors stehen blieben. Und von da-'\nher schreibt sich die Sitte, dass in England das Publicum\njenen Chor jedesmal stehend anhört.\"\nUnd diese Sitte hat sich über ein Jahrhundert lang bis\nheute erhalten. Auch am 17. Mai dieses Jahres erhob sich\nbei den ersten Accorden des Hallelujah die ganze Zuhörer-\nschaft im Saale und auf den Galerieen von ihren Sitzen,\nund an 2500 Menschen hörten stehend und mit Andacht\nden mächtigen Klängen zu; der Eindruck, den dies macht,\nist grossartig und erhebend; es ist ein Gottesdienst, den\nReligion und Kunst zugleich feiern.\nDies ist die wahre Geschichte von der Aufnahme des\nMessias in London, aus den besten Quellen in der Biblio-\nthek der Sacred Harmonie Society geschöpft. Sie mag viel-\nleicht manchem Musikgelehrten, im Ganzen wenigstens, be-\nkannt sein: beim grossen Publicum der musicalischen Wrelt\nist sie es aber nicht, und desshalb habe ich sie hier gegeben.\n\nBericht der Commission\nzur Untersuchung der Lage der grossen Oper in Paris.\n(Auszug.)\nDie Lage der Oper verlangt schnelle und durchgrei-\nfende Maassregeln. Die Verwicklung ihrer Finanz-Verhält-\nnisse bedroht sie mit gänzlicher Auflösung."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "221", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540715-01.1.5", "texte": "Abseseheh von allem, wodurch dieser Zustand herbei-\ngeführt worden sein mag, muss die Ansicht fest stehen,\ndass diese Bühne, wenn auch ihre Verwaltung und Füh-\nrung der Privat-Unternehmung überlassen war, dennoch,\nvom Standpunkte der Kunst aus betrachtet, Frankreich\nund Europa angehört und nicht untergehen darf.\nDie grosse Oper ist ihrer Natur nach ein sehr kost-\nspieliges Theater. Ihr Glanz hat jederzeit bedeutende Opfer\nverlangt.\nUnter Ludwig XIV. und im Anfange der Regierung\nLudwig's XV., wo die Oper durch bevorrechtete Unter-\nnehmer gelührt wurde, machten diese alle, mit Ausnahme\nvon Lulli, schlechte Geschäfte. Bankerotte waren das ge-\nwöhnliche Resultat, und wenn zuweilen die Gläubiger auf\nihre Rechnung die Unternehmung bis zum Ende der ver-\ntragsmässigen Zeit fortführen liessen, so wurden sie selbst\nin den Strudel der Zerrüttung durch Schulden mit fortge-\nrissen*). Um diesem Uebel zu steuern, bewilligte das De-\ncret vom 25. August 1749 der Stadt Paris das Privile-\ngium der Oper. Allein die städtische Behörde weiss auch\nnicht, wie sie es anfangen soll, um ohne Verlust durchzu-\nkommen. Das Verwaltungs-System wird alle Augenblicke\ngeändert, aber der ungeheure Schaden bleibt immer der-\nselbe, die Stadt mag einen Director für ihre Rechnung an-\nstellen, oder die Bühne verpachten.\nIm Jahre 1776 griff der König auf den Rath von\nMalesherbes ein, um dem vollständigen Ruin der Oper zu-\nvorzukommen, und überwies die Bühne der Verwaltung\ndes Intendanten und Schatzmeisters seiner menus plaisirs.\nDieser Zustand dauerte aber nicht lange; Unternehmer und\nstädtische Verwaltung wechselten wieder mit einander ab,\nbis im Jahre 1780 die letztere sich mit 200,000 Frcs.\nSchulden und der Verpflichtung zu 11 2,000 Frcs. jähr-\nlich an lebenslänglichen Pensionen vor dem Privilegium\nbedankte.\nNun wurde die Oper wieder unter die unmittelbare\nLeitung des Ministers des Departements von Paris und des\nköniglichen Hauses gestellt, und diese Verwaltung setzte\nin zehn Jahren 3,992,752 Frcs. zu, das ist in mittlerer\nSumme 362,977 Frcs. jährlich. Ausserdem gab der Kö-\nnig jährlich 150,000 Frcs., welche aber lür die zwölf\nVorstellungen bei Hofe in Versailles und Fontainebleau\ndaraufgingen.\nUnd bei allen diesen Schwankungen und äusseren Nö-\nthen war die Periode von 1775 —1790 dennoch eine\nder ruhmvollsten lür die französische Oper; es war die Zeit\nvon Picini und Gluck! Diese grossen Genies feierten\ndie glänzendsten Siege, während die Unternehmer und In-\ntendanten von der Last ihrer Niederlagen erdrückt wurden.\nDie Revolution brachte die Oper wieder an die Stadt\nParis, aber ohne Vortheil für die Casse. Napoleon, welcher\nein Feind von schwankenden Stellungen und täuschenden\nProjecten war, ging von der Ansicht aus, dass die Oper\nunmöglich ihre Ausgabe durch die Einnahme decken könne,\nund warf für sie schon als erster Consul eine Staats-Unter-\nstützung von 50,000 Frcs. monatlich aus. Als Kaiser\nerhöhte er die Summe bis auf 720,000 Frcs. jährlich, und\nverfügte noch, dass die Theater zweiten Ranges, gleichsam\nals Vasallen der grossen Oper, eine Abgabe an dieselbe\nentrichten mussten. Das Ministerium des kaiserlichen Hau-\nses verwaltete das Theater, nicht auf Kosten und Gefahr\nder Civilliste, sondern für Rechnung des Staates, als eine\nArt von General-Direction.\nDie Restauration nahm die Grundlagen dieses Systems\nan, nur mit der Aenderung, dass die königliche Civilliste\ndie Oper auf ihre Rechnung in Bausch und Bogen über-\nnahm, der Staat aber eine Unterstützung zahlte, welche\nsich im Jahre 1830 auf 850,000 Frcs. belief. Im Gan-\nzen legte diese Art der Verwaltung der Civilliste nur\nmässige Opfer auf. Wenn ein oder das andere Mal die Fi-\nnanzen der Oper etwas ins Gedränge kamen, so war das\ndie Folge vorübergehender verschwenderischer Bevorzu-\ngungen und der unentgeltlichen Bewilligung von zu vielen\nLogen an zudringliche Forderer.\nDie Juli-Revolution von 1830 änderte Alles wieder.\nDie Civilliste des neuen Königs wollte nichts mit dem Pa-\ntronat der grossen Oper zu schaffen haben. Das Kunst-\nInstitut wurde Gegenstand der Industrie und der Privat-\nSpeculation (29. Januar 1831). Die Staats-Unterstützung\nwurde um 40,000 Frcs. verkürzt und erlitt späterhin\nnoch bedeutendere Schmälerungen. Ferner wurde die Ab-\ngabe, welche die kleineren Theater zahlen mussten, und\ndas Monopol der Maskenbälle, welches die Oper gehabt\nhatte, aufgehoben.\nEs darf nicht geläugnet werden, dass der erste Versuch\ndieser Rückkehr zur Führung der Oper durch Unterneh-\nmer von einem vollständigen Erfolg gekrönt wurde. Eine\ngeschickte und glückliche Verwaltung, welche ihre Lauf-\nbahn mit 810,000 Frcs. Unterstützung, mit grossen\nKünstler-Talenten für mässiges Gehalt*) und ohne Ueber-\n\n*) Diese und alle folgenden Angaben sind im Original-Berichte\ndurch Anführungen aus den Archiven belegt.\n*) Die Gehälter der Künstler in Paris waren damals gegen die\njetzigen in der That gering, wie aus folgenden Beispielen er-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "222", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540715-01.1.6", "texte": "nähme einer Schuldenlast begann, verstand die zufälligen\ngünstigen Umstände zu benutzen. Sie hatte ferner das\nGlück, „Robert den Teufel\" in Scene zu setzen, wozu sie\nnoch -30,000 Frcs. Ausserordentlichen Zuschuss vom Staate\nerhielt, und so machte sie treffliche Geschäfte.\n. Aber die Umstände änderten sich; die Unterstützung\nwar im Jahre 1835 auf 620,000 Frcs. herabgekommen\n(so viel betrug sie noch bis auf diesen Augenblick), und im\nJahre 1840 war das Deficit wieder da. Es vergrösserte\nsich mit jedem Jahre; der Wechsel der Unternehmer, an-\nstatt es auszufüllen, machte es bleibend und unheilbar und\nvererbte es regelmässig auf die Nachfolger, welche mithin\nschon von Haus aus mit Verlust anfingen.\nSo kommt man denn bis zu der gegenwärtigen Theater-\nDirection. Wir wollen nicht behaupten, dass die Verpflich-\ntung, die Schulden ihrer Vorgängerin zu bezahlen, die\nalleinige Ursache ihres Falles ist. Man muss ausserdem die\nVerkürzung der Staats-Unterstützung und die unverhält-\nnissmässige Steigerung der Gehalts-Ansprüche der Künst-\nler ersten Ranges in der Oper und im Ballet in Anschlag\nbringen. Immer jedoch blieb die Uebernahme der Schul-\ndenlast der früheren Directionen die drückende Last, welche\njeden Aufschwung hemmte.\nWas ist also zu thun? Das Material der grossen Oper\nhat nie aufgehört, Staats-Eigenthum zu sein, und es ist\nvon grossem Werthe. Kann man nun die Unternehmung\nder Strenge der Gesetze nach gemeinem Rechte Preis ge-\nben? Nun, dann hört das Theater plötzlich auf, das Per-\nsonal geht aus einander, und die Gläubiger streiten sich\nmit dem Staate um die Pländung des Materials. Kann man\nauf der anderen Seite die Verwaltung von ihren Schulden\nbefreien, ohne diese dem neuen Unternehmer zur Last zu\nschreiben? Nun, dann deckt man den Schaden der alten\nDirection und impft ihn der neuen ein.\nUm aus dieser schwierigen Lage herauszukommen,\nscheint das beste Mittel das zu sein, das System der Ver-\ngebung der Oper an Privat-Unternehmer aufzugeben und\nfolgende Vorschläge anzunehmen:\nDer Staat bezahlt die Schulden der Oper. Er vermehrt\ndie Summe der jährlichen Unterstützung, welche in ihrem\njetzigen Betrage offenbar ungenügend ist. Die Civilliste tritt\nin den Besitz der Oper; sie übernimmt sie ohne alle Pas-\nsiva und lässt sie durch das Ministerium des Hauses des\nKaisers verwalten, unter dem Beirath einer technischen\nCommission. Dadurch wird der Opernbühne eine Wirk-\nsamkeit gesichert, welche von den Fesseln der\nindustriellen Speculation befreit ist und den\nForderungen der Kunst genügen kann.\n(Hierauf folgt eine lange Beweisführung, dass es im\nInteresse des Staates liege, mit der Vergangenheit der gros-\nsen Oper reine Bahn zu machen, d. h.: ihre Schulden zu\nbezahlen, und dass derselbe nie in ähnliche Verlegenheit\noder Notwendigkeit kommen werde, wenn die Civilliste\nvon jetzt an die Verwaltung und folglich auch die Deckung\neines etwaigen jährlichen Deficits übernehme. Dann geht\nder Bericht zu den Vortheilen, welche die neue Einrich-\ntung dem wahren Gedeihen der Kunst bringen werde,\nfolgender Maassen über:)\nDie Privat-Unternehmungen haben ohne Zweifel einen\nscharfsinnigen Instinct, alle Elemente, die zu einem Erfolg\nfuhren können, in Bewegung zu setzen. Aber neben die-\nsem Vortheile liegt die Gefahr, dass sie der eiteln Lust und\nLaune des Publicums schmeicheln, anstatt es in den Schran-\nken des guten Geschmacks festzuhalten.\nEs ist nichts leichter, als eine Zuhörerschaft durch\nden Missbrauch der Mittel und der Aufregungen zu er-\nschüttern; und wenn auch die Gebildeten kalt bleiben bei\nEffecten, welche über das Ziel hinaus gehen, so lässt sich\ndoch die Menge leicht beherrschen durch den Ausbruch\nübermässiger Leidenschaften und den Charlatanismus eines\nforcirten dramatischen Ausdrucks. Gesetzt nun, das Publi-\ncum zeigte sich nur gar zu empfänglich für das Verführe-\nrische einer solchen übertriebenen Kunst: würde es dann\nnicht von einer Privat-Unternehmung zu viel verlangt sein,\nvon ihr zu fordern, sich zur kühnen Vorkämpferin für die\nverkannte wahre Kunst aufzuwerfen ? Mehr Muth ist aber\nvon einer Verwaltung zu hoffen, welche weniger darauf\nangewiesen ist, ein gutes Geschäft zu machen, als den gu-\nten Geschmack aufrecht zu erhalten. Kann sie auch nicht\nin offenen Kampf gegen alle Verirrungen der Mode treten,\nso braucht sie ihr doch nicht unterthänig zu sein und kann\ndie Erziehung und Bildung des Publicums im Auge behal-\nten, welches am Ende dem Reize des wahren Schönen\ndoch nicht widersteht.\nWir wollen z. B. nur eines einzigen Punktes gedenken.\nDie Bedingungen, welche der Contract der bisherigen Un-\nternehmer enthält, legen allen die Verpflichtung auf, alle\nJahre einige von den Meisterwerken des älteren Repertoires\n\nhellt, die wir der Biographie Rossini's von Stendhal entneh-\nmen. Die Pasta erhielt 35,000 Frcs. und ein Benefiee mit\n15,000 Frcs. verbürgt, Garcia 30,000, Pellegrini 24,000,\nBordogni 20,000, Levasseur 12,000 Frcs. (Forracs in\nLondon im Jahre 1854 75 Pf. Sterl. wöchentlich!), die\nCinti-Damoreau 15,000 Frcs. (die Cruvelli 1854\n100,000 Frcs.!). Anm. der liedaction."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "223", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540715-01.1.7", "texte": "aufführen zu lassen, und man sieht die Zweckmässigkeit\ndieses Paragraphen beim ersten Blicke ein. Trotzdem ist\ner fast ganz in Vergessenheit gerathen, und während\nDeutschland auf den Hoftheatern die unsterblichen Werke\nGluck's zu hören bekommt, bleibt dieses erhabene Genie\ndem gegenwärtigen Geschlechte in Frankreich unbekannt\nund gleichsam verhehlt.\nMan hat eingewandt, dass die Wiederbelebung musi-\ncalischer Formen, deren Tradition sich verloren hat, das\nPublicum wenig anziehen würde. Dieser Einwand kann\nnur für eine Privat-Unternehmung gelten; auf eine Vervval-\ntung, welche vom künstlerischen Gesichtspunkte aus orga-\nnisirt ist, kann er keinen Einfluss üben. Diese darf und\nmuss einige augenblickliche Opfer bringen, um die Kunst\nauf ihrer Höhe und in ihrer Reinheit zu erhalten. Und\neben desshalb scheint uns der Uebergang der Oper auf die\nCivilliste ein glückliches Ereigniss zu sein. So mögen wir\ndenn die Schätze der Gegenwart bewahren und doch die\nreiche Erbschaft der Vergangenheit nicht von uns stossen,\nsondern dem Publicum auch jene unvergänglichen Muster\nvor Augen stellen, denen gesunder Sinn und gesunder Ge-\nschmack immer huldigen, sobald sie nur auf würdige Weise\nvorgeführt werden.\n(Moniteur vom 2. Juli.)\n\nZur Beantwortung der Fragen über Beethoven’s\nTaubheit, in Nr. 24 dieses Blattes.\n\nDer Einsender einer Beantwortung in der vorigen\nNummer gibt Daten über Beethoven's Taubheit bis zum\nJahre 1813, ohne jedoch die präcis gestellten Fragen zu\nberühren. Jedenfalls dürften diese mit „chronologischer\nGenauigkeit\" von Niemand genügend beantwortet wer-\nden können. Doch soll aus dem dort Gesagten nicht ge-\nfolgert werden, dass Beethoven's Gehör schon 1813 fast\nerloschen gewesen. Nachstehende Data mögen dies zeigen.\nAm 11. April 1814 spielte Beethoven mit Schup-\npanzig und Linke im Saale zum „Römischen Kaiser\" sein\nneues Trio, Op. 97, und wiederholte es bald darauf in ei-\nner Matinee im Prater. Beide Mal war ich unter den Zu-\nhörern. Es waren dies die letzten Productionen Beetho-\nven's vor einem Publicum. Die Leipziger Allg. Musik-Z.\nerwähnt diese Aufführungen gleichfalls. Dieselbe Zeitung\nspricht 1816, S. 121, zum ersten Mal von dem Zustande\nseines Gehörs, „der ihn unfähig mache, seine Werke selbst\nzu dirigiren.\" Diese Notiz in Bezug auf das Selbstdi-\nrigiren wolle man fest im Auge behalten, denn sie scheint\nmir bei Ergründung der beiden Fragepunkte die wichtigste,\nja, entscheidendste. Dass die Abnahme seines Gehörs in\ndiesem und auch im folgenden Jahre in seinem Clavier-\nspiele nicht zu bemerken war, wird Herr Musik-Verleger\nSimrock in Bonn, der in jener Zeit Beethoven wieder-\nholt gehört hat, ebenfalls bestätigen. Seite 110 mei-\nnes Buches wird eines kleinen Vereins (dessen Theilhaber\nauch ich gewesen) für Aufführung Beethoven'scher Ciavier-\nmusik bei C. Czerny gedacht und gesagt, dass Beethoven\nselbst mehrere seiner Werke zu diesem Behufe mit Czerny\nvorgenommen und bei den Aufführungen öfters an dessen\nSeite gesessen habe. Zum letzten Mal war dies der Fall\nbeim Vortrage der neuen Sonate Op. 106, im Frühling\n1819. Ueberhaupt kam C. Czerny vom Jahre 1801 bis\n1819 oft mit Beethoven am Piano zusammen. Er selbst\näussert sich darüber im vierten Theile seiner Ciavierschule.\nEr kann bestätigen, dass unser Meister im Jahre 1819\ndas Spiel eines Anderen noch recht wohl zu corrigiren im\nStande gewesen. Dasselbe vermochte er noch einige Jahre\nspäter mit mir. Und warum sollte er denn im April 1824\ndie beiden Damen Sontag und Unger wiederholt zu\nsich beschieden haben, um mit ihnen die Solo-Partieen aus\nder 9. Sinfonie und der Missa einzuüben, wenn er sich\nnicht fähig gehalten hätte, ihren Gesang überhören zu kön-\nnen? Man erinnere sich gefälligst der dabei Statt gehabten\nAnmerkungen Seitens der beiden Sängerinnen, die ich bei-\nspielsweise Seite 154 nur angedeutet habe.\nEs unterliegt keinem Zweifel, dass Beethoven bis zu\njenem Zeitpunkte wenigstens vermittels des linken Ohrs ein-\nzelne oder einige Stimmen zu überhören vermochte, nicht\naber in Massen; und daher seine Unfähigkeit, diese zu lei-\nten. Die Vorgänge 1822 im Josephstädter Theater, das\nJahr darauf mit seinem Fidelio im Kärnthnerthor-Theater,\nganz besonders jene 1824 bei Aufführung der 9. Sinfo-\nnie und der Missa zeigen das zur Genüge. Doch hat er\nim August 1825 das neue AQuartett, Op. 132 *),\ndas Herr Moriz Schlesinger gekauft und zu hören\nwünschte, sorgfältig mit dem Vortragenden eingeübt. Hr.\nKarl Holz sass an der ersten Violine, „Hephaestos\"\nLinke am Violoncell. Die Leipz. Allg. Musik-Z. 1822\nberichtet endlich noch in Nr. 19, „dass Beethoven in ei-\nnem geselligen Cirkel mehrere Male ganz meisterlich phan-\n\n*) Diese Thatsache zeigt deutlich, dass der Beisalz: „Aus dem\nNachlasse44, welcher bei Anführung dieses Quartetts in dem\nthematischen Verzeichnis der Beethovenschen Werke bei\nBreitkopf u. Härtel zu lesen steht, falsch ist. Dessgleichen\nist falsch dieser Beisatz bei dem Quartett Op. 135, in F-dur.\nHr. Schlesinger hat dieses Werk 1826 von Beethoven selbst\nzugeschickt erhalten."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "224", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540715-01.1.8", "texte": "tasirt habe.\" Es geschah dies im Hause seiner Freundin\nund Leidensgefährtin, der Frau Baronin von Puthon, die\ner damals noch zuweilen besucht hat.\nOb sich somit das Jahr, in welchem Beethoven völ-\nlig taub geworden, wie auch das erste Opus seit der\nZeit seiner Taubheit — worauf die beiden Fragen in Nr.\n24 gerichtet sind — nur mit einiger Gewissheit angeben\nlassen, möge man nach diesen Daten zu ergründen ver-\nsuchen. Die hier genannten Herren (mit Ausnahme von\nLinke, der nicht mehr am Leben), ferner die Frau Gräfin\nRossi-Sontag und Frau Unger-Sabatier, werden sicherlich\ndabei behülflich sein. — Für mündliche Conversation war\nBeethoven's Gehör schon im Laufe von 1818, selbst mit\nHülfe der Sprachrohre, zu schwach, und musste von da\nan zur Schrift Zuflucht genommen werden. Nur allein im\nVerkehr mit dem Erzherzog Rudolph, und zwar seines\nweichen Sprachtons wegen, vermochte das kleinste seiner\nSprachrohre noch mehrere Jahre hindurch gute Dienste\nzu leisten.\nDie Eingangsworte des Fragestellers: „Es wird so\nviel über Beethoven's Taubheit gesprochen mit gewissen\nConsequenzen, die alsbald tendentiös ausgebeutet werden\",\nverdienen nach Erwägung der betreffenden Daten im In-\nteresse der Beethoven'schen Musik wohl eine nähere Erläu-\nterung; denn haben wir nicht schon erlebt, dass selbst\nhochgestellte Musiker bloss auf Grund von Beethoven's\nSchwerhörigkeit diesem das Recht abgesprochen ha-\nben, das Tempo seiner Werke zu bestimmen, weil er sie\nmit dem äusseren Ohr nicht mehr scharf zuhören\nvermochte ? Welch grobe Ungereimtheiten (wenn dies ja\nder rechte Ausdruck ist) kann nicht die Folgezeit noch\nerleben!\n\nA. Schindler.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nDer grossherzoglich weimar'sche Kammervirtuose Herr Laub\nbefindet sich gegenwärtig am Rheine und hat im Bad Soden am\n28. Juni ein Concert gegeben. Ein meisterlich technisches Violin-\nspiel und eine grosse Behandlungsweise seines Instrumentes zeich-\nnen ihn aus und werden ihm in allen Rheinstädten denselben\nausserordentlichen Beifall erringen, den er hier in Soden gefun-\nden hat.\nIn Luzern wurde am 4. Juni die grosse Messe von Cheru-\nbini Nr. IV. aufgeführt; in Bern am 11. Juni Mendelssohns\nPaulus unter Direction des Hrn. Methfessel beide Auffüh-\nrungen in Kirchen.\nDer-Sänger Roger hat seine Anstellung bei der pariser grossen\nOper ganz aufgegeben. Er reis't gegenwärtig in Deutschland (W ci-\nmar, Hamburg) und wird auf dem grossen Musikfeste zu Rotter-\ndam singen.\nUebcr die bedeutende musicalische Bibliothek des Abts Santini\nin Rom ist ein Katalog erschienen: Lfabbe Santini et sa collection\nrnusicale ä Rorne, par Wl adi m ir Sta s s o ff.\nSophia Cruvclli hat in Paris ausser der Valentine und der\nJulia noch die Alice gesungen und ist am 1. Juli wieder nach\nLondon gegangen. Wie man sagt, wird sie bei der Gesellschaft\nsein, mit welcher der Unternehmer Bealc eine Kunstreise in die\nProvinzen von England machen will.\nDer Pianist W. Krüger hat Paris verlassen, um wieder drei\nMonate in Deutschland zuzubringen.\nVon Thalberg's Oper Florin da ist in Paris der Ciavier-\nauszug erschienen.\nIn London macht die französische Opern-Gesellschaft des\nThedtre Lyrique Glück. Sie spielt auf dem St. James-Theater. Die\nSängerin Madame Ca bei zieht besonders das Publicum an.\nDer Pianist Alfred Jaell ist aus America zurück gekehrt und\nwird nach einem kurzen Aufenthalte bei den Seinigen in Deutsch-\nland eine Reise nach Italien machen.\nDie Cholera wüthet in Mexico sehr heftig, Zu den Perso-\nnen, welche ihr als Opfer gefallen sind, gehören Henriette Son-\ntag, der britische Gesandtschafts-Secretär Barkeley und Senor Busta-\nmente von der spanischen Gesandtschaft. An einem Tage allein be-\nlief sich die Zahl der Todesfälle auf nicht weniger als 200. Der\nTod der berühmten deutschen Sängerin erfolgte am 17. Juni. Für\nden 11. war ihr Auftreten in der Oper „Lucrezia Borgia\" ange-\nzeigt gewrcsen, doch ward die Aufführung wegen eines plötzlichen\nCholera-Anfalles, welcher die Darstellerin der Hauptrolle heim-\nsuchte, ausgesetzt. Der Tod der Frau Sontag erregte in der mexi-\ncanischen Hauptstadt sehr grosses Aufsehen. Die Beerdigung fand\nam 19. in der Kirche San Fcrnandez Statt. Eine ungeheure Men-\nschenmenge, darunter die Mitglieder der philharmonischen Gesell-\nschaft, die meisten der in der Stadt anwesenden Künstler und meh-\nrere der auswärtigen Gesandten wohnten dem Begräbnisse bei.\nTriftiger Grund. In Rio de Janeiro hat ein Italiäner\nLabocetta in diesem Jahre eine neue italiänische Oper unternom-\nmen. Als das Publicum seine Unzufriedenheit mit dem grössten\nTheilc des Personals kund gab, trat der Director vor und sagte:\n„Was können Sie denn, meine Herrschaften, Besseres verlangen in\neinem Lande, wo die eine Hälfte der Sänger vom gelben Fieber\ndahin gerafft und die andere durch Ihre kolossalen Blumensträusse\ngesteinigt wird ?'*"}]}