{"numero_id": "bm-bmtnabi-1854-07-22-01", "volume": "bmtnabi_1854-07-22_01", "ocr_sha256": "bbccf3ede008e5062d7881651e50fb36c533a44ac72983710918c44833cd39c6", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1854/07/22_01/bmtnabi_1854-07-22_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540722-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1854-07-22-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-07-22_01#c001", "volume": "bmtnabi_1854-07-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "225", "page_fin": "229", "image_debut": 1, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540722-01.2.1", "titre_corps": "Das Musikfest zu Rotterdam.", "titre_sommaire": "Das Musikfest zu Rotterdam.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "225", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540722-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3975, "texte": "Das Musikfest zu Rotterdam.\nI.\nIn den Tagen vom 13.—15. Juli ist in Rotter-\ndam ein Musikfest gefeiert worden, welches sowohl durch\nseine Veranlassung und geschichtliche Bedeutung, als durch\ndie Grösse der Mittel, die zu der Ausführung aufgeboten\nwaren, einen Platz in der Kunstgeschichte verdient.\nDie Bestimmung desselben war die Gedenkfeier der\nStiftung der niederländischen\nder Toonkunst(Gesellschaft zur Beförderung\nder Tonkunst), welche vor fünfundzwanzig Jah-\nren auf Betrieb des Herrn A. C. G. Vermeulen, eines\nausgezeichneten Dilettanten, der sich auch mit Glück in\nCompositionen versucht hat, zu Rotterdam ins Leben\ntrat. Seitdem hat sie sich über einen grossen Theil von\nHolland verbreitet, und ihre Haupt-Abtheilungen bestehen\nin Amsterdam, Rotterdam, Haag, Utrecht, Haarlem, Heus-\nden, Goes, Dortrecht u. s. w. Sie zählt gegenwärtig 1774\nMitglieder, nämlich 1572 zahlende (wobei 5 7 Künstler\nvom Fach), 131 Ehren-Mitglieder, 35 correspondirende\nund 36 Verdienst-Mitglieder. Unter dem letzteren Aus-\ndrucke versteht man im Holländischen Männer von aner-\nkanntem Verdienst um die Tonkunst, bedeutende Compo-\nnisten u. s. w. Der jährliche Beitrag beträgt fünf Gulden.\nAusserdem fliessen in die allgemeine Casse die Einnahmen\nvon Concerten, welche zu diesem Zwecke von den einzel-\nnen Abtheilungen veranstaltet werden, in den letzten Jah-\nren aber weniger eingebracht haben, als früher. An Ge-\nschenken von Kunstfreunden fehlt es auch nicht, wohl aber\nbis jetzt, so viel wir wissen, an Vermächtnissen. Zu voll-\nständiger Durchführung der grossen und edeln Zwecke,\nwelche sich die Gesellschaft gestellt hat, reichen die Ein-\nnahmen nicht hin und sind mit den Geldmitteln, über welche\ndie meisten musicalischen Vereine in England zu verfügen\nhaben, gar nicht zu vergleichen. Das liegt nicht an dem\nMangel an Reichthum in Holland, wohl aber an dem Man-\ngel an Sinn für die Tonkunst gerade bei denen, welche am\nmeisten dafür thun könnten. Um so ehrenwerther ist es,\ndass die Maatschappij ihr Ziel trotzdem unverrückt im Auge\nhält und es mit unablässigem Eifer verfolgt; die Früchte\nihrer Thätigkeit werden nicht ausbleiben, zumal wenn sie\nund Holland überhaupt mehr auf das sehen, was ihnen\nnoch zu erringen bleibt, als auf das, was sie bereits er-\nrungen haben.\nWir wollen uns deutlicher erklären. Es ist eine merk-\nwürdige Erscheinung, dass bei den Niederländern, bei de-\nnen die Tonkunst in früheren Zeiten so hoch stand, dass\nsie die Lehrer anderer Nationen wurden, die Productions-\nkraft und selbst die Liebe zur Musik so sehr erschlaffte,\ndass von der ehemaligen Grösse auch rein gar nichts übrig\nblieb. Fast zwei Jahrhunderte hindurch stand die nieder-\nländische Schule zuerst als bahnbrechende, dann als herr-\nschende da, und ihre Verdienste um die Musik und im Be-\nsonderen um die contrapunktische Kunst sind allgemein\nanerkannt; ja, in der neuesten Zeit, die sich nun einmal in\nExtremen gefällt, stellt eine ultraconservative oder viel-\nmehr reactionäre Partei die Compositionen jener alten Nie-\nderländer als vollendete Meisterwerke und als den einzig\nwahren Typus der echten Kirchenmusik auf, während die\nandere, die revolutionäre und destructive Partei alles Monu-\nmentale in die Rumpelkammer zu den alten Zöpfen und\nPerrücken wirft.\nLassen wir die Frage über den absoluten Werth jener\nalten Schule der relative ist über alle Polemik erha-\nben bei Seite; das bleibt stehen, dass der Baum, der\nhundert und fünfzig Jahre lang in Niederland Früchte ge-\ntragen, allmählich verdorrte und man im 1 7. Jahrhundert\nnur noch die Stelle zu zeigen vermochte, wo er ehemals\ngestanden. Und es konnte nicht anders sein. Alles, was\ndie Geschichtschreiber der Musik über die Ursachen des Ver-\nfalls der Tonkunst in Niederland fabeln, als da heisst Re-\nformation, bürgerliche Unruhen u. s. w., hält nicht Stand;\nsie musste fallen in dem beginnenden Kampfe des Ge-\nfühls mit dem Verstände in der Musik. Die speculative\nThätigkeit der niederländischen Schule war eine nothwen-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "226", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540722-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5116, "texte": "dige und segensreiche, aber ihre Arbeit war gethan, so-\nbald der Hauch von Italien her über die Alpen wehte und\nden Zusammenhang des sinnlichen Klanges, der Melodie,\nmit den Empfindungen des inneren Menschen, mit der Seele\noffenbarte. Da wurde erst die wahre Musik geboren durch\ndie Vermählung des Sinnlichen mit dem Seelischen, und\nvor der Zauberkraft dieses neu offenbarten Naturgeheim-\nnisses konnten die künstlichen Schöpfungen des Ver-\nstandes nicht bestehen.\nZwar erhob der grosse Stamm der Deutschen seine\nAugen alsbald zu dem aufgehenden Stern und bekannte\nsich zu der gewordenen Offenbarung, und aus dem Glau-\nben daran und mit Unterstützung der Wissenschaft gingen\nim vorigen Jahrhundert jene Meisterwerke hervor, durch\nwelche die Bach, Händel, Haydn, Mozart und Beethoven\ndie neuere Musik schufen und auf die Höhe der Kunst\nbrachten. Aber der niederländische Zweig des grossen\nStammes fiel ab von ihm und trug weder Blatt noch Bli'ithe\nmehr; zwei Jahrhunderte lang brachten diese in jeder an-\nderen Hinsicht so reichen Provinzen alles Andere hervor,\nnur nicht Erzeugnisse der musicalischen Kunst. Ja, das\nSchlimmste war, sie wurden auf dem Gebiete der Kunst\neine Beute des Auslandes, französischer Geschmack über-\nflutete sie, und selbst die Erinnerung an die frühere Be-\ndeutung der eigenen Künstler ging verloren, während das\nOhr dem Rauschen in den Wäldern Deutschlands, durch\ndie der Siegeszug des neuen Orpheus braus'te, hartnäckig\nverschlossen blieb. Ist doch noch bis heute die französische\nOper Herrin in Holland wie in Belgien geblieben, eine\ndeutsche kann sich nur kümmerlich halten, an eine hollän-\ndische ist gar nicht zu denken, und noch vor Kurzem wur-\nden Preis-Aufgaben für holländische Opern-Compo-\nnisten auf französische Texte von der Regierung aus-\ngeschrieben !\nTrotzdem hat sich seit fünfundzwanzig bis dreissig\nJahren die Sache ganz bedeutend geändert; es hat ein\ngrosser Umschwung im musicalischen Leben Hollands Statt\ngefunden, und der unläugbare Fortschritt, der sich darin\noffenbart, ist die Folge der Rückkehr zur deutschen Musik.\nOb diese Rückkehr mit Bewusstsein geschehen, glauben\nwir kaum; es hat dabei mehr die nicht zu vertilgende Ver-\nwandtschaft des germanischen Wesens und die unbewusst\nzwingende Kraft der deutschen Musik gewaltet. Die Rück-\nwirkung gegen das Ausländische ist jedenfalls von Segen\ngewesen, und selbst ihre Uebertreibung, nämlich das spe-\nciel nationale, wir möchten sagen: sonderbündlerische, Stre-\nben, eine holländische Tonkunst in die Reihe der drei\ngrossen Machte der Deutschen, Franzosen und Italiäner als\nvierte Grossmacht eintreten zu lassen, hat zum Vortheil\nder Kunst überhaupt und mittelbar, selbst wider Willen\nder Ultra-Patrioten, zur Verbreitung der deutschen Musik\nin Holland gewirkt, weil sich die vielen Vereine zur He-\nbung der Musik in allen Städten sehr vernünftiger Weise\nan Auflührungen deutscher Meisterwerke hielten, meist\ndeutsche Musiker an die Spitze ihrer Orchester stellten,\ndeutsche Musiklehrer ins Land zogen, und weil die hollän-\ndischen Componisten, die nach und nach wieder auftauch-\nten, einzig und allein die grossen deutschen Meister zum\nMuster nahmen, bei den todten und lebenden in die Schule\ngingen, ihre Instrumental-Compositionen nach ihnen bilde-\nten, ihre Gesang-Compositionen auf deutsche Texte schrie-\nben. Eine holländische Musik ist eben so sehr ein Unding,\nwie eine dänische und eine schweizerische, trotz Gade und\nNägeli; thatsächlich ist ihr Charakter kein anderer als der\ndeutsche.\nZu dem erwähnten Aufschwünge der Tonkunst in Hol-\nland hat nun die Maatschappij ausserordentlich viel beige-\ntragen, und kein Unparteiischer kann ihr die gebührende\nAnerkennung versagen. Dass sie den musicalischen Fort-\nschritt allein heraufgeführt habe, fällt ihr nicht ein zu\nbehaupten; die verschiedenen Vereine für Orchester- und\nGesang-Musik, selbst die Liedertafeln, ferner die Thätig-\nkeit einzelner hervorragender Männer, welche als Compo-\nnisten, Lehrer und Dirigenten in den grossen Städten wirk-\nten, wie 11. Lübeck im Haag, Mühlenfeldt in Rotter-\ndam, van Bree in Amsterdam, Kufferath in Utrecht\nu. s. w., endlich auch die wissenschaftliche und ästhetische\nKritik in öffentlichen Blättern, alles dies mit den Bestre-\nbungen der Maatschappij zusammen genommen hat es\nmöglich gemacht, Holland auf den Standpunkt zu bringen,\nein so glänzendes Musikfest zu veranstalten und mit Erfolg\nins Werk zu setzen, als das rotterdamer Fest war.\nDer Hauptzweck der Gesellschaft zur Beförderung der\nTonkunst war ursprünglich nur der, durch Aussetzung von\nPreisen und Erleichterung der Herausgabe ihrer Arbeiten\njunge einheimische Talente zur Composition aufzumuntern,\nund durch Stiftung von Gesang- und Musikschulen oder\nwenigstens durch Anregung dazu auf die musicalische Bil-\ndung der Jugend zu wirken. Um die grösstmögliche Un-\nparteilichkeit bei den Preis-Vertheilungen zu erzielen, er-\nnannte die Gesellschaft mehrere auswärtige Tonkünstler\nund Theoretiker, namentlich in Deutschland, zu correspon-\ndirenden Mitgliedern, schickte ihnen die eingesandten Com-\npositionen zu und ersuchte sie um ihre motivirten Urtheile"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "227", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540722-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4961, "texte": "darüber. Stimmten diese überein, so wurde danach ent-\nschieden. Dasselbe Verfahren besteht noch. So erhielt z. B.\nim vorigen Jahre eine Sonat' (ür Pianoforte und Violine\nvon J. A. van Eyken, damals Organist an der Zuiderkerk\nzu Rotterdam, den Preis für 1852, und die Beurtbeiler\nwaren Hauptmann, Spohr, Onslow und Berlioz gewesen.\nNach und nach aber dehnte die Gesellschaft ihre Wirk-\nsamkeit auf weitere Gegenstände aus, so dass sie jetzt fast\nalles betrifft, was nur irgend mit der Tonkunst in Berüh-\nrung steht. So schön nun auch der Gedanke einer so um-\nfassenden Thätigkeit für Förderung der Tonkunst in jegli-\ncher Hinsicht ist, so halten wir doch dalür, dass wenn\nnicht die höchst wünschenswerte Verbreitung der Gesell-\nschaft bedeutend zunimmt eine Beschränkung auf ge-\nwisse Haupt-Gegenstände nothwendig und wohlthuend sein\ndürfte, damit die verfügbaren Mittel nicht allzu\nsehr zersplittert und ein nachhaltiger Erfolg für Ein-\nzelnes und Wichtigstes vereitelt werde.\nDenn die Gegenstände, auf welche sich jetzt die Für-\nsorge der Maatschappij erstreckt, sind folgende: 1) Eröff-\nnung der Gelegenheit für junge Componisten, ihre Werke\nzu eigener Belehrung durch Vermittlung der Gesellschaft\nbeurtheilen zu lassen. 2) Aufstellung von Preis-Aufga-\nben für Composition. 3) Herausgabe von Werken älte-\nrer und neuerer Componisten. —4) Preis-Aufgaben für Dich-\nter zu lyrischen oder dramatischen niederdeutschen Texten\nfür musicalische Composition. 5) Prämien-Vertheilung\nan die thätigsten Musik-Verleger in Holland. 6) Wett-\nstreit junger Künstler um Erlangung einer dreijährigen Un-\nterstützung von 800 Fl. jährlich. 7) Errichtung und\nUnterstützung von Musik- und Gesangschulen.\nterstützung hülfsbedürftiger holländischer Tonkünstler und\nihrer Hinterbliebenen. • 9) Veranstaltung von allgemeinen\nMusikfesten und 10) von Concert-Aufführungen in den ein-\nzelnen Abtheilungen.\neiner musicalischen Bibliothek.\njährlichen Albums, enthaltend kleinere Original-Composi-\nlionen für Orgel oder Piano und für ein- oder mehrstimmi-\ngen Gesang auf holländischen Text, nebst Rechenschafts-\nBericht und Protocoll der Verhandlungen.\nDas ist offenbar zu viel, und die blosse Aufzählung\nwird unsere Ansicht über die Notwendigkeit einer Be-\nschränkungrechtfertigen. Um so verdienstlicher ist es, dass\ntrotz dieser Ausdehnung dennoch schon so Vieles geleistet\nworden ist. An Prämien für Compositionen sind jährlich\nmehrere Hundert Gulden gezahlt worden. Unter den von\nder Gesellschaft veröffentlichten Werken nimmt die Collec-\ntio Operum Musicorum Batavorum Saeculi XVI., heraus-\ngegeben von F. Commer, den bedeutendsten Platz ein.\nDie bisher gedruckten acht Bände enthalten 98 Compo-\nsilionen alter niederländischer Meister, namentlich von Adr.\nWillaert, Jac. Clemens, Chr. Holländer, Josquin des Prees,\nOrl. Lassus u. s. w. In der Handschrift vollendet, befinden\nsich noch zehn Bände auf der Bibliothek der Gesellschaft,\n154 Compositionen der genannten und anderer Tonsetzer\nenthaltend.\nAusser dieser Commer'schen Sammlung sind auf Kosten\nder Gesellschaft seit 1834 dreizehn Werke gedruckt wor-\nden, worunter wir als die bedeutendsten zwei Messen in\nPartitur mit untergelegtem Clavier-Auszug und in Stimmen,\ndie eine von J. B. van Bree in die andere von J. G.\nBertelman in C, und eine Sinfonie von J. J. 11. Ver-\nhülst nennen.\nAn dem musicalischen Unterrichte in den Bildungs-\nAnstalten der Gesellschaft (Gesang-, Normal-, Musik-, In-\nstrumental-Schulen und Gesang-Vereinen) nehmen an 1400\nPersonen, sowohl Kinder als Erwachsene, Theil. Die Maat-\nschappij hat in zehn Orten (Amsterdam, Enkhuizen, Geer-\ntruidenberg, Goes, s'Gravenhage, Haarlem, Heusden, Rot-\nterdam, Dortrecht und Utrecht) 23 Gesang-Vereine und\nmusicalische Schul-Anstalten gegründet wahrlich eine\nehrenwerthe Thätigkeit, deren Früchte nicht ausbleiben kön-\nnen. Der Staat unterstützt die Gesellschaft nicht, und nach\nder einmaligen Gabe von 1000 Fl. durch den König Wil-\nhelm 11. ist uns keine weitere von Seiten des Hofes bekannt\ngeworden. Die bedeutendsten und wirksamsten Anstalten\ndürften wohl die Normalschule für Gesanglehrer in Amster-\ndam, unter Leitung von W i 1 h. S m i t s, und die Musik-\nschule in Rotterdam mit 284 Schülern sein, nämlich 106\nfür Gesang, 160 für Piano, 9 für Violine, 3 für Violon-\ncello, 1 für Flöte und nur 5 für Theorie. Man kann hier-\naus auf die Einrichtung und die Tendenz dieser Musik-\nschule schliessen, welche von derjenigen der deutschen\nMusikschulen in Köln, Leipzig, Berlin, Prag u. s. w. ver-\nschieden ist.\nUm den Geist zu bezeichnen, in welchem die Gesell-\nschaft durch öffentliche Aufführungen auf den Geschmack\nund die Bildung des musicalischen Sinnes zu wirken sucht,\nführen wir Folgendes an. Es wurden im Laufe des Gesell-\nschafts-Jahres 1852—53 gegeben: in Amsterdam\nMendelssohn's Paulus und Walpurgisnacht, Schu-\nmann's Paradies und Peri, Mo zart's\nBeethoven's Christus am Oelberg; —in Goes Instru-\nmental-Werke von Havdn, Mozart, Beethoven, Spohr, J. S."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "228", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540722-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5057, "texte": "Baeh's Concert für drei Claviere, Fesca's Vaterunser,\nMozart's Requiem, Beethoven's Messe in C; im Haag\nHändel's Salomon, Mendelssohn's 95. Psalm und\nHymne für Sopran und Chor, Spohr, Des Heilands letzte\nStunden (theilweise), Haydn's Schöpfung, Schumann,\nDer Rose Pilgerfahrt, Hiller, Die Zerstörung Jerusalems,\nHaydn's Jahreszeiten. In Rotterdam fand in dem ver-\ngangenen Jahre keine öffentliche Aufführung von Seiten\nder Maalschappij Statt, studirt wurden Werke von Bach,\nBeethoven, Mendelssohn, Hiller; im vorher-\ngehenden Jahre wurden Haydn's Jahreszeiten, Spohr's\nLetzte Dinge, Verhülst's 145. Psalm und Mendels-\nsohn's Athalia gegeben.\nMan sieht, in wie ernsterWeise die ihren\nZweck nach dieser Seite hin verfolgt. Man würde aber\nirren, wenn man glaubte, die angegebenen Musik-Auffüh-\nrungen wären die einzigen in Holland während des genann-\nten Jahres gewesen; sie sind im Gegentheil nur ein kleiner\nTheil davon, da jede Stadt ausserdem ihr von der\nschappij unabhängiges Concert-Institut besitzt, und auch\nausser den Abonnements-Concerten zuweilen noch grosse\nAufführungen, veranstaltet werden, wie z. B. in Amsterdam\nvor Kurzem die der D-dur-Messe von Beethoven unter\nvan Bree's Leitung.\nAllgemeine Musikfeste hat die Gesellschaft nur\nfünf veranstaltet, von denen das vierte im Jahre 1842\nim Haag unter der Direction von H.Lübeck, das fünfte\nim Jahre 1850 den 13.—15. Juni zu Haarlem unter\nder Leitung von van Bree und Verhülst Statt fand.\nBei letzterem wurden auch Männergesänge von 18 Ver-\neinen, von denen jedoch nur 6 sich in die Schranken als\nPreiskämpfer wagten, vorgetragen. Den ersten Preis ge-\nwann die Eutonia von Amsterdam, Dirigent C. A. Be r-\ntelsmann*); die Haupt-Aufführung war der Elias von\nMendelssohn. Diese allgemeinen Musikfeste verursach-\nten der Gesellschafts-Casse allzu grosse Kosten, da der Zu-\ntritt zu ihnen statutgemäss nur den Mitgliedern, und zwar\nunentgeltlich, erlaubt war. Man versuchte daher schon bei\ndem Feste in Haarlem an den zwei ersten Tagen das Pu-\nblicum gegen Eintrittsgeld zuzulassen; nur der dritte Tag\n(Aufführung des Elias) war für die Mitglieder vorbehalten,\nwelche jedoch für ihre Damen ebenfalls Eintrittsgeld bezahl\nlen mussten. Beim diesjährigen Feste zu Rotterdam hat\nman endlich die Beschränkung ganz fallen lassen und dem\ngrossen Publicum die Concert-Halle gegen Eintrittsgeld\n(12 Fl. für die drei Tage) geöffnet. Das dürfte auch der\neinzig richtige Weg sein, auf welchem fernerhin allgemeine\nMusikfeste ohne Nachtheil der Casse veranstaltet werden\nkönnen; es ist genug und schon ein grosser Vortheil für\ndie Kunst, wenn die Gesellschafts-Casse das etwaige De-\nficit deckt. Könnten wir es am Rheine durch Gründung\neines allgemeinen Vereins, wie wir schon oft, aber stets\nvergeblich vorgeschlagen haben, ebenfalls bis zu einem sol-\nchen sicheren Rückhalt bringen, so würden unsere nieder-\nrheinischen Musikfeste eine festere Gestalt annehmen, ihr\nZustandekommen würde nicht von dem Muthe oder der\nZaghaftigkeit der städtischen Comite's abhangen, und man\nbrauchte in Bezug auf die Solisten den Luxus nicht so weit\nauszudehnen, wie in dem letzten Jahrzehend geschehen,\num das Publicum anzulocken.\nFür das Musikfest zu Rotterdam als Jubelfest eröffnete\nman reichliche Quellen. Die M selbst wies fünf-\nzehntausend Gulden dazu an, die Stadt Rotterdam fünf-\ntausend, und einzelne Kunstfreunde ebenfalls fünftausend\nGulden, und die ersten Häuser der Stadt erboten sich zu\ngastlicher Aufnahme der Ehrengäste. So konnte denn eine\ngrosse Tonhalle, welche ausser dem Personal der Ausfüh-\nrenden 4000 Zuhörer fasste, erbaut und geschmackvoll\nverziert und geschmückt, und alle Anordnungen getroffen\nwerden, welche zu Erhöhung des Glanzes der Fest-\ntage und zur Bequemlichkeit und Befriedigung der Theil-\nnehmer an der seltenen Feier nur irgend beitragen konn-\nten. Die Akustik in dem Festgebäude war vortrefflich, die\nEinrichtungen für die Zuhörer höchst praktisch. Da der\nSaal ausser dem Haupteingang (dem Orchester gegenüber)\nauf jeder Seite noch vier breite Flügelthüren hatte, über\ndenen ausserhalb die Reihen der Nummern zu lesen wa-\nren, zu welchen man durch jede Thür gelangte, da zu der\nOrchesterbühne auch noch besondere vier Eingänge führ-\nten, so konnte nirgends Gedränge entstehen, und nach dem\nSchlüsse jedes Concertes war der Saal, den etwa 5000\nMenschen füllten, binnen zehn Minuten leer. Der Bau der\nTonbühne hingegen war mangelhaft, indem weder die In-\nstrumentalisten noch die Sänger auf hinlänglich erhöhten\nStufen hinter einander aufgestellt waren. Auch die Placi-\nrung der Damen konnten wir nicht billigen; Sopran und\nAlt sassen sich nämlich gegenüber und sahen und sangen\neinander an, anstatt den Klang der Stimmen und den Glanz\n\n*) Durch einen Irrthum ist in mehrere deutsche Blätter vor\neiniger Zeit die Nachricht von dem Tode dieses Tonkünstlers\nund Componisten gekommen, der sich, wie wir allen Freun-\nden desselben mit Vergnügen versichern können, sehr wohl\nund munter befindet. Der in Amsterdam verstorbene Musiker\nhiess J. G. Bertelman, Componist der oben angeführten\nMesse in C."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "229", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540722-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 176, "texte": "der Augen dem Publicum zuzuwenden. 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Hitzschold", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "229", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540722-01.1.5", "debut_caractere": 178, "fin_caractere_exclue": 4966, "texte": "Freuden und Leiden eines heutigen Clavierlehrers.\n\nDu schreibst mir, lieber Pathe, du wollest dich nach\nAbschluss deiner künstlerischen Studien nicht mit dem\nVirtuosenthume befassen, obwohl du recht leidlich Ciavier\nspielst, sondern dich dem solideren Berufe eines Ciavier-\nmeisters widmen, und bittest mich um meine Meinung und\nmeinen Rath. Ich muss diesen deinen Entschluss billigen\nund loben, ohne dir gerade dazu Glück wünschen zu kön-\nnen, weil ich die Schattenseiten des lieben Lehramtes nur\nallzu deutlich kennen gelernt habe. Indess der Virtuosen\ngibt es heut zu Tage schon so viel, dass man kaum mehr\neinen Musiker aufzufinden vermag; schon ist man dahin\ngekommen, dass man, wie den Wald vor lauter Bäumen,\nso die Kunst vor lauter Künstlern nicht mehr hört\nnoch sieht. Da aber jede Kunst, vor allen aber die edle\nArs musica, unsterblich ist, weil sie von den Göttern un-\nmittelbar kommt, so thust du ganz recht, dass du dich lie-\nber an sie, als an das blosse Handwerk hältst, das so ver-\ngehen wird, wie die löblichen Zünfte und Innungen der\nguten alten Zeit.\nBilde dir aber ja nicht ein, lieber Pathe, dass du als\nwohlbestallter Musiklehrer zugleich und unzweifelhaft ein\nVertreter der ernsten und heiligen Kunst selbst werdest!\nGott bewahre! Zunächst wirst du nur ein Befriediger der\nLaunen der »musicalischen Leute\", der so genannten Di-\nlettanten. Von diesen aber gelangt nur ein kleiner Theil\nzum Geschmack und zur Kunst-Einsicht; denn neun Zehn-\ntel der heutigen Opernschreiber haben jenen die Köpfe\nverdreht und die Herzen gelähmt.\nDu willst dir mit Musik-Unterricht also zunächst dein\nBrod verdienen. Bedenke daher, dass du dir den Beifall\njener grossen Menge ohne Geschmack und Kennerblick\nverschaffen musst, um zu existiren. Ich rathe dir, nimm es\ndesshalb mit dem Unterrichte nie zu ernst; denn jene wol-\nlen ja nur, dass man sie oder ihre Kinder „ spielen\" lehre,\nund noch dazu, dass man es „spielend\" lehre; denn ein\nTänzchen, ein Ariettchen oder Duettchen ist etwas so An-\nmuthiges, so Leicht-Gefälliges, dass es dem Lernenden mög-\nlichst bequem und leicht beigebracht werden muss. Lass\ndir es daher ja nicht zu Herzen gehen, wenn du mit der\ngrössten Partie deiner Schüler wenig und nur sehr langsam\nvorwärts kommst; sie oder ihre Eltern wollen es nun\neinmal so haben, und nach dem freilich etwas jesuitischen,\ndarum aber um so zeitgemässeren Satze: „Die Welt will\nbetrogen sein, also werde sie es!\" darfst du getrost ihren\nWünschen nachkommen.\nWenn du daher deine Methode nach den gründlichen\nAnleitungen eines Czerny, Kalkbrenner oder Moscheies,\noder nach den praktischen Winken eines Knorr und Wieck\neinrichten und streng danach ausüben willst, so bist du\nauf dem Holzwege. Bedenke, jene Männer waren zu der Zeit,\nals sie den Schatz ihrer Erfahrungen veröffentlichten, keine\nAnlänger und Neulinge mehr, und hatten als Künstler und\nLehrer von Ruhm oder Ruf wahrscheinlich ausser dem\nverdienten „Brode\" auch schon Braten zu essen und Wein\nzu trinken; du willst aber erst den Versuch machen, dir\ndeinen Unterhalt zu erlehren. Lehre daher so, lieber Pathe,\ndass du deinen Nutzen mit dem Vergnügen deiner Kunden\nin Einklang bringst und ihnen, willst du recht ehrlich und\ngewissenhaft sein, nicht schadest, ja, sogar etwas nützest,\ndoch ja, ohne dass sie es merken; denn über dem Nutzen\nfürchten sie immer die Annehmlichkeit zu verlieren.\nLass uns zuerst von wirklichen Talenten sprechen.\nKannst du einem solchen durch Anwendung aller Bered-\nsamkeit begreiflich machen, dass das Ciavierspiel nicht ein\nZweck, sondern ein Mittel zum Zweck und nicht mehr\nnoch weniger als jedes andere Kunstmittel ist, will er durch\ndie Handhabung dieses Instrumentes zum Genüsse und zur\nKenntniss der Musik gelangen wohlan: so gehe mit\nihm den engen, aber langen und etwas eintönigen Weg\neiner gründlich geregelten Methode. Halte ihn eine Weile\nfest bei den Fingerübungen ohne Noten, lege ihm sodann\nWerke mit fortschreitender Schwierigkeit vor und gehe\nbald ich denke, nach Clementi zu passenden Etüden\nAI. Schmitt, Bertini über, neben welchen du ihn\nimmer freundliche Blicke in die reizenden Oasen der bes-\nseren Clavier-Musik thun lassen kannst, bis du ihn glück-\nlich zu Beethoven's Sonaten und von diesen aus zu F.\nSchubert und Mendelssohn gebracht hast. Die Kenntniss-\nnahme von Chopin und Schumann, deren geniale Blitze\nso manchen der Spieler und Componisten mit verlocken-\ndem Irrlichtschimmer auf grundlosen Boden gelührt haben,\nüberlass ihren eigenen Studien, um von jeder Verantwortung\nfür ihre weitere Geschmacksrichtung frei zu bleiben. Da\naber Musik-Genuss und Kenntniss das Endziel alles Clavier-\nspielens ist oder sein soll, so mache diese deine treuen und\naufrichtigen Schüler auch mit Kirchen-Musik und Oper, der\nSinfonie und dem Liede in guten zwei- und vierhändigen"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "230", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540722-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5049, "texte": "Arrangements bekannt. Um aber ihren Geschmack vollends\nzu bilden und sie zu einem ganz selbstständigen und vor-\nurteilslosen Urtheile zu leiten, lass sie auch das künstle-\nrische Mittelgut der heutigen Salon- und Concert-Musik\nkennen. Zeige ihnen aber dabei fortwährend, und namentlich\nauch dann, wenn sie selbst Virtuosen werden wollen, wie\nhohl und äusserlich, nur die vollendete Technik, nicht den\nmusicalischen Inhalt, nicht Seele und Wohlklang anstrebend\ndie Opera operata der meisten heutigen „Clavierschläger\"\nsind. Mit F. Liszt aber lass sie ebenfalls sich selbst be-\nkannt machen.\nIch komme nun, nachdem ich dir die Ausnahmen ans\nIlerz gelegt, zu der Masse der gewöhnlichen Schüler. Eine\ngewisse Befähigung setze ich natürlich auch bei die-\nsen voraus; denn Holzblöcke zu behauen, überlass dem\nZimmermann und Schreiner. Bei den gewöhnlichen Schü-\nlern also unterscheide zwischen fleissigen und faulen.\nZur ersten Gattung gehören in der Regel die Unter-\narten der eiteln und hörlüsternen Schüler; sind es\nnoch Rinder, so rechne auch1 die eiteln und lüsternen El-\ntern mit in dieses Capitel.\nDie Eitelkeit findest du am häufigsten bei den so\ngenannten vornehmen Leuten, d. h. bei denen, welche\nSoireen besuchen und selbst veranstalten. Wolltest du,\nPathe, deren Lehrer zu sein ablehnen, so wärest du sehr\nthöricht; denn erstens bezahlen Hochdieselben gern lür\nBefriedigung ihrer Eitelkeit, und zwar gut, d. h. theils baar,\ntheils mit Empfehlungen, und zweitens ist ja ihre ganze Er-\nziehung so gemodelt, dass ihnen Musik für Herz und Ge-\nmüth ein ganz überflüssiges und lästiges Etwas wäre. Lass\ndaher sie oder ihre Kinder direct auf die Salon-Musik und\ndas halbe oder Vierteis-Virtuosenthum zusteuern. Verfahre\naber hier mit Geschmack und sorgfältiger Auswahl, da sie\nfür alles Aeusserliche einen richtigen Blick haben und sich\nnie wollen langweilen lassen. Und auch dich, lieber Pathe,\nwird es ja nicht gerade langweilen, wenn du mit ihnen\nHerz, Ch. Mayer, Kullak, Doehler, Henselt u. s. w. vor-\nnimmst. Du kannst ja das viele geschmacklos-schwere Zeug,\nnamentlich der Neuzeit, ruhig bei Seite liegen und sie doch\nmanche Nüsse mit ihren zarten Fingerspitzen aufknacken\nlassen. Sind die eiteln Schüler aber, trotz ihrer Be-\nfähigung, nicht vornehm, oder als Jungfrauen nicht we-\nnigstens durch Schönheit geadelt, so lass sie weiter als\nbis zur Viertels-Schwierigkeit in der Salon-Musik nicht vor-\ndringen, sobald sie nicht ihre Paradestücke aus\ndem Kopfe spielen können; denn nur privilegir-\nten Halb-Virtuosen verzeiht man jenes Falschgreifen, das\ndem Spieler bei mangelndem Gedächtniss stets mehr oder\nweniger zu schaffen macht.\nSind deine talentbegabten Schüler (oder deren Eltern)\naber nur hörlüstern, d. h. mit übermässig vorherrschendem\nGehördrange begabt, so führe sie über Czerny, Hünten,\nCramer zu Voss und Schulhoff und schliesse mit Ouvertü-\nren und mitlelschweren Opern-Arrangements. Weiter kön-\nnen, weiter wollen diese Art von Spielern es nicht brin-\ngen. Denn das Langweilige der virtuosen Bravoursachen\nwerden sie, bei mangelnder Eitelkeit, trotz alles Fleisses\nnie überwinden. Ist übrigens bei dieser Classe der Fleiss\ngrösser als die Hörlust, oder tritt die der Eltern nicht zu\nanspruchsvoll und ungeduldig hervor—was mir öfter vor-\ngekommen —, so lässt sich hier noch manches gute Saat-\nkörnchen mit aussäen. So kann man sie zu melodischen\nEtüden, die ja dennoch instructiv wirken, und unter ab-\nwechselndem Gebrauche zu manchem guten Ciavier-\nwerke, z. B. Kuhlau, Weber, Hummel, sogar Mozart und\nMendelssohn, bringen, ja, vielleicht kann man es sogar zu-\nletzt mit Beethoven wagen. Nur muss man immer mit be-\nliebten Producten der modernen Melodik und Rhythmik\ndazwischen stehen, um den üppigen Ohren, namentlich der\nEltern, Concessionen zu machen. Empfehlenswert!) sind in\ndieser Hinsicht die Tänze von Labizky und Wallerstein,\ndie Opernstücke von Mozart und Weber, von Rossini,\nMeyerbeer, Adam.\nWas nun die zweite Gattung, die der faulen Schü-\nler, anlangt, so haben wir nur noch zu sprechen von denen\nmit Talent. Die ganz Unbefähigten, d. h. die Ge-\nhörlosen und Fingerträgen, weil plumpen, werden zwar\nvon manchen Lehrern oft Jahre lang mit Beyer, Oesten,\nBurgmüller und Consorten und mit den Potpourris aus\nDonizetti's und Verdi's, Flotow's und Balfe's Opern hinge-\nhalten, die allerdings Werke von Anfängern für Anfänger\nim Hören und Spielen zu sein scheinen. Ich halte aber diese\nhinhaltende Behandlung für eine gewissenlose Speculation,\nbei der für den zahlenden Theil gar nichts, für den empfan-\ngenden nur Unehre herauskommt; denn Stillstand ist Rück-\ngang! Und wenn am Ende solche Klimper-Schüler ein hal-\nbes Decennium hindurch gefingert und geradbrecht haben,\nso brechen sie zuletzt doch immer noch über einen kurzen\nTerzengang der rechten Hand fast die Finger und schlagen\nbei springenden Accorden des Basses unverdrossen mit\nihren tauben Ohren die Septime oder None des Grundtones\nim Octavengriffe an, dass der Lehrer auch im sechsten\nJahre noch kaltblütig rufen muss: „Mein Fräulein, Sie\ngreifen daneben!\""}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "231", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540722-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3664, "texte": "Dagegen kannst du es wagen, dich mit 1 ragen, aber\nnicht Unmusicalischen, vorzugsweise zu befassen, indem du\ndabei hoffen und die Hoffnung aussprechen kannst, dass\nihnen im späteren Leben noch Lust und Liebe ni i t dem\nThätigkeitstriebe kommen werde. Wollten sie aber dann\nals Erwachsene es noch mit den Anfangsgründen aufneh-\nmen, so würden sie bald ob ihrer ganz versteiften tinger\nmürrisch werden. Denn kein älterer Mensch hält aus bei\ndem ABC, wesshalb du solche stets zurückweisen magst,\nwenn sie noch Stunde nehmen wollen. Jene träge Art\nvon Schülern aber darfst du mit Brunner uud Ilünten,\nmit Volksliedern und Tänzen, Märschen und Ouvertüren\nzum bravourlosen Vomblattspielen bringen und dich mit\nErreichung dieses Zieles begnügen. Sie werden zwar nicht\nCiavierspieler im strengeren Sinne des Wortes, werden\naber doch Geschmack an der Musik und einigen Genuss\nund etliche Kenntniss davon gewinnen, so dass sie sich spä-\nter im Leben selbst zurecht finden können. Ich erwähnte\nder Tänze und Märsche besonders, weil ich gefunden, dass\nman dem unerhörten Phlegma solcher Leutchen •—• so wie\ndem mangelnden Tactsinne Anderer nicht anders bei-\nzukommen vermag, als mit scharf accentuirten, rhythmisch-\nprägnanten Stücken. Fortreissend wirkt hier auch das\nVierhändig-Spielen.\nIch muss dich endlich noch, lieber Pathe, auf eine Art\nvon Schülern aufmerksam machen, denen Unterricht zu ge-\nben sehr gefährlich und daher unräthlich ist. Ich meine die,\nderen Mütter selbst spielen und sich dadurch für be-\nrechtigt, vielleicht sogar verpflichtet halten, dir in deinen\nUnterricht hinein zu reden. Ich warne dich vor\nihnen nicht desshalb, weil ihr Tadel dir mannigfachen Aer-\nger zuziehen würde bewahre! ohne Neid, Tadel und\nAerger kann ja kein Vertreter und Lehrer der Kunst sein\nliebes Leben fristen, und darauf wirst also auch du gefasst\nsein —, sondern ich befürchte mit Grund, dass dir von\nihnen deine Wirksamkeit ganz und gar unmöglich gemacht\nwerde. Oder sage mir, wie würdest du dich aus ioigenden\nVerwicklungen ziehen? Eine Mutter, welche aus Pietät ge-\n<ren ihren seligen Lehrer will, dass ihr Söhnchen ganz nach\nseiner Methode unterrichtet werde, legt dir dessen Ciavier-\nschule auf vergilbtem Papier auf das Notenpult. Eine An-\ndere, eine Tacthackerin, kennt noch nicht den Unterschied\nzwischen Tact und Rhythmus, und verlangt stete Betonung\nder ersten Viertel oder Achtel, am liebsten mit beiden\nFäusten, und wünscht, dass ihr Kind, wie sie selbst, bis ans\nLebensende laut zählen möge. Eine dritte, deren Töch-\nterchen leidlich spielte, wenn sie nur je auf die Noten zu\nsehen beliebte, rügt es, dass du derselben in jeder Stunde\nein neues Stück vorlegst, und will, dass sie nur wenige\nStückchen, aber diese ganz fehlerlos und durch deine\nBemühung aus dem Kopfe lerne, um sie vorspielen\nzu können. Vergebens stellst du ihr vor, dass die Stücke\nfür die Schüler, nicht diese für die Stücke, und Anlänger\nkeineswegs zum „Vorspielen\" da sind.\nDiesen gefährlichen Müttern gegenüber, Pathe, wirst\ndu eine üble Stellung haben, wenn du ihrem Drange zum\nMitregieren und ihrem Besserwissen nur einmal Conces-\nsion machst. Sie können deinen Ruf gefährden; denn sie\n#\ngelten allgemein als „sehr musicalisch\". Antworte ihnen\ndaher entweder sogleich entschieden auf Gründe darl\nman sich dem schönen Geschlechte gegenüber nie einlassen,\nda sie nur Gefühle kennen oder, noch besser, gib die\nStunden bei ihnen auf.\nUnd so, lieber Pathe, lebe für einstweilen wohl und\nschreibe mir wieder, wenn du von einem freud- und leid-\nvollen Practicus, doch stetem Anbeter wahrer, reiner Kunst,\nmehr wissen möchtest. Du wirst mich allezeit zu Rath\nund That bereit finden.\n\nA. Hitzschold."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-07-22-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-07-22_01#c003", "volume": "bmtnabi_1854-07-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "231", "page_fin": "232", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540722-01.2.3", "titre_corps": "Henriette Sontag.", "titre_sommaire": "Henriette Sontag.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "231", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540722-01.1.7", "debut_caractere": 3666, "fin_caractere_exclue": 4942, "texte": "Henriette Sontag.\nLeider bestätigt sich die Nachricht von dem plötzlichen\nTode dieser letzten grossen Sängerin, mit deren Verschwin-\nden von der Bühne der Welt wohl auch, wie die Sachen\njetzt stehen, die wahre Kunst des Gesanges, welche die\nitaliänische und deutsche Schule vereinigte und durch das\ngeistige Element, das ihre vollendete Technik durchdrang,\nden Triumph der Kunst über den rohen Materialismus\nfeierte, zu Grabe gegangen sein wird.\nWir sind jetzt im Stande, aus americanischen Blättern\ndie näheren Umstände des traurigen Ereignisses zu berichten.\nHenriette Sontag, vermählte Gräfin Rossi, war nach der\nHauptstadt von Mexico durch Herrn Rene Masson, Un-\nternehmer der dortigen italiänischen Oper, berufen wor-\nden. Die Gehalts-Bedingungen waren 30,000 Dollars\n(40,000 Thlr.) für fünf Monate. Sie traf am 5. Mai dort\nein und wurde gleich von Anfang an der Gegenstand der\naufgeregtesten Bewunderung des Publicums, welches sie\nmit enthusiastischen Beifallsspenden, Blumensträussen und\nGeschenken, Abend- und Morgen-Ständchen überhäufte.\nAuf den 11. Juni war Lucrezia Borgia angekündigt, worin\nsie die Lucrezia singen sollte. Aber an demselben Tage\nergriff sie die Cholera, welche in der Stadt schon seit meh-\nreren Tagen ihre Opfer forderte. Der Krankheitsanfall war"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "232", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540722-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1562, "texte": "furchtbar und liess gleich von Anfang an nur geringe Hoff-\nnung für ihr Leben; dennoch gelang es, ihn zu bekämpfen,\nund am 16. betrachtete man die Künstlerin als ausser Ge-\nfahr. Vergebliche Täuschung! Nach wenigen Stunden be-\nkam sie einen Rückfall, und am 1 7. früh Morgens hauchte\nsie ihr Leben aus.\nDas Leichenbegängniss fand am 19. Statt; eine unge-\nheure Volksmenge folgte dem Zuge, dem sich die städti-\nschen Behörden und die fremden Gesandten angeschlossen\nhatten. Der Sarg wurde in der Kirche S. Fernandez beigesetzt.\nDiesem Berichte fügen wir hinzu, dass Henriette Son-\ntag nicht, wie es bei Gelegenheit dieser Nachricht alle\nBlätter nach den americanischen und französischen wieder-\nholen, im Mai 1805, sondern den 3. Januar 1806\nzu Coblenz geboren ist. Sie ist also 48 Jahre und beinahe\n6 Monate alt geworden.\nNach einer Mittheilung von Paris war dort vor kaum\nvierzehn Tagen ein Brief vom Grafen Rossi angekommen,\nin welchem er seinen Freunden seine und seiner Gemah-\nlin Rückkehr nach Europa für die ersten Tage des Mona-\ntes September ankündigte. Der Zweck der Mutter, ihren\nKindern wieder ein anständiges Vermögen zu verschaffen,\nwar erreicht, sie hoffte im Herbst wieder mit ihnen ver-\neint zu werden, um sich im Leben nie mehr von ihnen zu\ntrennen, als der Tod diese Hoffnung plötzlich vernichtete.\nDerselben Mittheilung aus Paris nach hat sie vor ihrer Abreise\nnach Mexico etwa 100,000 Thlr. in Europa angelegt. Die\nZukunft ihrer Kinder ist also gesichert, sie selbst ist der Durch-\nführung eines heldenmüthigenEntschlusses zum Opfer gefallen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-07-22-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-07-22_01#c004", "volume": "bmtnabi_1854-07-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "232", "page_fin": "232", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540722-01.2.4", "titre_corps": "Aus Dessau.", "titre_sommaire": "Aus Dessau.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "232", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540722-01.1.8", "debut_caractere": 1564, "fin_caractere_exclue": 3946, "texte": "Aus Dessau.\nDen 13. Juli 1854.\nDie Angelegenheit der Besetzung unserer Capellmeister-Stelle,\nwelche durch Fr. Schneiders Tod erledigt ist, schwebt noch im\nUnentschiedenen. Bestimmte Anträge waren bis jetzt nur an Kal-\nliwoda ergangen, welchen unser Herzog sehr gern in seinen\nDiensten gewünscht hätte. Er hat aber das Anerbieten ausgeschla-\ngen, da sein Fürst ihn nicht ziehen lassen will. Unser Herzog äus-\nserte sich selbst darüber gegen mich mit den Worten: dass sich\ndie Unterhandlungen mit Kalliwoda „zu seinem Leidwesen\" zer-\nschlagen hätten. So viel steht fest, dass der Herzog durchaus per-\nsönlich entscheiden wird, dass er mit der grössten Vorsicht ver-\nfährt und sicher die Stelle auf eine würdige Weise besetzen wird,\nso schwer dies auch fällt. Ein Freund der Neuerer ist er durch-\naus nicht; er ist, wie Sie wissen, von Jugend auf mit den edelsten\nKlängen deutscher Musik genährt und ein inniger Verehrer\nHaydn's, Mozart's und Beethoven's *).\nDer Kirchendienst, den der verstorbene Schneider auch versah,\nist übrigens bereits von dem Wirkungskreise der Capellmeister-\nStelle abgezweigt; Herr Rümpler, der langjährige Stellvertreter\nSchneider's an der Orgel der Schlosskirche, ist zu dessen Nachfol-\nger als Organist ernannt, und die Chor-Director-Stelle an derselben\nKirche mit der Function, die Kirchen-Musiken einzustudiren und\nzu leiten, ist dem Herrn Kammer-Musicus Theodor Schneider,\ndem Vorsteher der hiesigen Musikschule und Sohne von Friedrich\nSchneider, übertragen worden.\nAuf den Aufruf des Comite's für Schneider's Hinterlassene ha-\nben bis jetzt Concerte Statt gefunden in Bautzen, Kothen,\nDuisburg, Stuttgart, Trier, Chemnitz, Magdeburg,\nBallenstädt, Dessau, Hamburg, Liegnitz, Halle und\nsind aus den Erträgen, wie auch von Einzelnen, grössere und klei-\nnere Summen eingegangen, welche jedoch dem Zwecke noch lange\nnicht genügen. Die Auflührung des „Weltgerichts\" in Halle unter\nder Leitung des Musik-Directors Herrn Thieme war eine vorzüg-\nliche in jeder Beziehung; ihr Reinertrag war 305 Thaler.\n*) Bei dem Musikfeste in Rotterdam lief unter den Musikern\ndas Gerücht um, Joachim Raff sei zum Capellmeister in\nDessau ernannt. „Raff Schneiders Nachfolger ?!\" rief Mancher\naus. Bei meiner Rückkehr fand ich obigen Brief meines ge-\nehrten Herrn Correspondenten aus Dessau vor, wonach die\nSache doch noch nicht so weit gekommen zu sein scheint.\nDie Redaction."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-07-22-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-07-22_01#c005", "volume": "bmtnabi_1854-07-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "232", "page_fin": "232", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540722-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "232", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540722-01.1.8", "debut_caractere": 3948, "fin_caractere_exclue": 5896, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nAm 2. März dieses Jahres starb, wie bereits gemeldet, zu Ro-\nmana, einem Dorfe bei Bergamo, Giam-Battista Rubini,\nder gefeierte Tenor. Er war in demselben Dorfe im Jahre 1793\nund in demselben Jahre wie Rossini, geboren. Sein Vater be-\nstimmte ihn zum Schneider-Handwerk. Als eines Tages der schnei-\ndernde Lehrling mit gekreuzten Beinen am offenen Fenster sass\nund ein Liedchen sang, wurde ein Musikfreund auf seine herr-\nliche Stimme aufmerksam und bestimmte ihn, sein Gesangs-\nTalent auszubilden. Rubini fing klein an. In dem prachtvollen\nSchlosse, das er später in seinem Geburtsorte baute, und in wel-\nchem er auch starb, befindet sich ein Gemach, in welchem alle die\nreichen Trophäen seiner Kunst, goldene Kränze, Kleinodien etc.\naufbewahrt sind. Das erste und werthvollste war aber dem Künst-\nler ein alter Anschlagzettel unter Glas und Rahmen, auf welchem\nder Impresario des Scala-Theaters in Mailand im Jahre 1812 beim\nBeginn der Theater-Saison die Zusammensetzung seiner Truppe\nankündigte. Als letzter Name unter den zweiten Tenoren des Chors\nsteht der Name Rubini. Er verdiente damals 10 Sous per Abend.\nUnd derselbe Mann hinterliess ein Vermögen von 3 bis 4 Millionen\nFrancs. In Paris debutirte Rubini im Jahre 1825 und verliess die\ndortige italiänische Bühne nicht mehr bis 1842. Während dieser\nZeit heirathete er eine französische Sängerin, Fräulein Chomel. Ihr\nContract wurde eines Abends auf offener Bühne unterzeichnet beim\nFinale des „Barbiers von Sevilla4' vor dem Beifall klatschenden\nPublicum als Zeugen. Rubini gründete mit Tamburini und der\nPaulinc Viardot das neue italiänische Theater in St. Petersburg\nund zog sich im Jahre 1845 vollständig von der Bühne zurück, um\nsein Leben still und im Frieden in seiner Heimat zu beschliessen.\nEr hinterlässt keine Kinder. Wie man versichert, vermachte er der\nStadt Bergamo eine hinreichende Summe zur Gründung eines Ge-\nsang- und Musik-Conservatoriums."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "225", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540722-01.1.1", "texte": "Das Musikfest zu Rotterdam.\nI.\nIn den Tagen vom 13.—15. Juli ist in Rotter-\ndam ein Musikfest gefeiert worden, welches sowohl durch\nseine Veranlassung und geschichtliche Bedeutung, als durch\ndie Grösse der Mittel, die zu der Ausführung aufgeboten\nwaren, einen Platz in der Kunstgeschichte verdient.\nDie Bestimmung desselben war die Gedenkfeier der\nStiftung der niederländischen\nder Toonkunst(Gesellschaft zur Beförderung\nder Tonkunst), welche vor fünfundzwanzig Jah-\nren auf Betrieb des Herrn A. C. G. Vermeulen, eines\nausgezeichneten Dilettanten, der sich auch mit Glück in\nCompositionen versucht hat, zu Rotterdam ins Leben\ntrat. Seitdem hat sie sich über einen grossen Theil von\nHolland verbreitet, und ihre Haupt-Abtheilungen bestehen\nin Amsterdam, Rotterdam, Haag, Utrecht, Haarlem, Heus-\nden, Goes, Dortrecht u. s. w. Sie zählt gegenwärtig 1774\nMitglieder, nämlich 1572 zahlende (wobei 5 7 Künstler\nvom Fach), 131 Ehren-Mitglieder, 35 correspondirende\nund 36 Verdienst-Mitglieder. Unter dem letzteren Aus-\ndrucke versteht man im Holländischen Männer von aner-\nkanntem Verdienst um die Tonkunst, bedeutende Compo-\nnisten u. s. w. Der jährliche Beitrag beträgt fünf Gulden.\nAusserdem fliessen in die allgemeine Casse die Einnahmen\nvon Concerten, welche zu diesem Zwecke von den einzel-\nnen Abtheilungen veranstaltet werden, in den letzten Jah-\nren aber weniger eingebracht haben, als früher. An Ge-\nschenken von Kunstfreunden fehlt es auch nicht, wohl aber\nbis jetzt, so viel wir wissen, an Vermächtnissen. Zu voll-\nständiger Durchführung der grossen und edeln Zwecke,\nwelche sich die Gesellschaft gestellt hat, reichen die Ein-\nnahmen nicht hin und sind mit den Geldmitteln, über welche\ndie meisten musicalischen Vereine in England zu verfügen\nhaben, gar nicht zu vergleichen. Das liegt nicht an dem\nMangel an Reichthum in Holland, wohl aber an dem Man-\ngel an Sinn für die Tonkunst gerade bei denen, welche am\nmeisten dafür thun könnten. Um so ehrenwerther ist es,\ndass die Maatschappij ihr Ziel trotzdem unverrückt im Auge\nhält und es mit unablässigem Eifer verfolgt; die Früchte\nihrer Thätigkeit werden nicht ausbleiben, zumal wenn sie\nund Holland überhaupt mehr auf das sehen, was ihnen\nnoch zu erringen bleibt, als auf das, was sie bereits er-\nrungen haben.\nWir wollen uns deutlicher erklären. Es ist eine merk-\nwürdige Erscheinung, dass bei den Niederländern, bei de-\nnen die Tonkunst in früheren Zeiten so hoch stand, dass\nsie die Lehrer anderer Nationen wurden, die Productions-\nkraft und selbst die Liebe zur Musik so sehr erschlaffte,\ndass von der ehemaligen Grösse auch rein gar nichts übrig\nblieb. Fast zwei Jahrhunderte hindurch stand die nieder-\nländische Schule zuerst als bahnbrechende, dann als herr-\nschende da, und ihre Verdienste um die Musik und im Be-\nsonderen um die contrapunktische Kunst sind allgemein\nanerkannt; ja, in der neuesten Zeit, die sich nun einmal in\nExtremen gefällt, stellt eine ultraconservative oder viel-\nmehr reactionäre Partei die Compositionen jener alten Nie-\nderländer als vollendete Meisterwerke und als den einzig\nwahren Typus der echten Kirchenmusik auf, während die\nandere, die revolutionäre und destructive Partei alles Monu-\nmentale in die Rumpelkammer zu den alten Zöpfen und\nPerrücken wirft.\nLassen wir die Frage über den absoluten Werth jener\nalten Schule der relative ist über alle Polemik erha-\nben bei Seite; das bleibt stehen, dass der Baum, der\nhundert und fünfzig Jahre lang in Niederland Früchte ge-\ntragen, allmählich verdorrte und man im 1 7. Jahrhundert\nnur noch die Stelle zu zeigen vermochte, wo er ehemals\ngestanden. Und es konnte nicht anders sein. Alles, was\ndie Geschichtschreiber der Musik über die Ursachen des Ver-\nfalls der Tonkunst in Niederland fabeln, als da heisst Re-\nformation, bürgerliche Unruhen u. s. w., hält nicht Stand;\nsie musste fallen in dem beginnenden Kampfe des Ge-\nfühls mit dem Verstände in der Musik. Die speculative\nThätigkeit der niederländischen Schule war eine nothwen-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "226", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540722-01.1.2", "texte": "dige und segensreiche, aber ihre Arbeit war gethan, so-\nbald der Hauch von Italien her über die Alpen wehte und\nden Zusammenhang des sinnlichen Klanges, der Melodie,\nmit den Empfindungen des inneren Menschen, mit der Seele\noffenbarte. Da wurde erst die wahre Musik geboren durch\ndie Vermählung des Sinnlichen mit dem Seelischen, und\nvor der Zauberkraft dieses neu offenbarten Naturgeheim-\nnisses konnten die künstlichen Schöpfungen des Ver-\nstandes nicht bestehen.\nZwar erhob der grosse Stamm der Deutschen seine\nAugen alsbald zu dem aufgehenden Stern und bekannte\nsich zu der gewordenen Offenbarung, und aus dem Glau-\nben daran und mit Unterstützung der Wissenschaft gingen\nim vorigen Jahrhundert jene Meisterwerke hervor, durch\nwelche die Bach, Händel, Haydn, Mozart und Beethoven\ndie neuere Musik schufen und auf die Höhe der Kunst\nbrachten. Aber der niederländische Zweig des grossen\nStammes fiel ab von ihm und trug weder Blatt noch Bli'ithe\nmehr; zwei Jahrhunderte lang brachten diese in jeder an-\nderen Hinsicht so reichen Provinzen alles Andere hervor,\nnur nicht Erzeugnisse der musicalischen Kunst. Ja, das\nSchlimmste war, sie wurden auf dem Gebiete der Kunst\neine Beute des Auslandes, französischer Geschmack über-\nflutete sie, und selbst die Erinnerung an die frühere Be-\ndeutung der eigenen Künstler ging verloren, während das\nOhr dem Rauschen in den Wäldern Deutschlands, durch\ndie der Siegeszug des neuen Orpheus braus'te, hartnäckig\nverschlossen blieb. Ist doch noch bis heute die französische\nOper Herrin in Holland wie in Belgien geblieben, eine\ndeutsche kann sich nur kümmerlich halten, an eine hollän-\ndische ist gar nicht zu denken, und noch vor Kurzem wur-\nden Preis-Aufgaben für holländische Opern-Compo-\nnisten auf französische Texte von der Regierung aus-\ngeschrieben !\nTrotzdem hat sich seit fünfundzwanzig bis dreissig\nJahren die Sache ganz bedeutend geändert; es hat ein\ngrosser Umschwung im musicalischen Leben Hollands Statt\ngefunden, und der unläugbare Fortschritt, der sich darin\noffenbart, ist die Folge der Rückkehr zur deutschen Musik.\nOb diese Rückkehr mit Bewusstsein geschehen, glauben\nwir kaum; es hat dabei mehr die nicht zu vertilgende Ver-\nwandtschaft des germanischen Wesens und die unbewusst\nzwingende Kraft der deutschen Musik gewaltet. Die Rück-\nwirkung gegen das Ausländische ist jedenfalls von Segen\ngewesen, und selbst ihre Uebertreibung, nämlich das spe-\nciel nationale, wir möchten sagen: sonderbündlerische, Stre-\nben, eine holländische Tonkunst in die Reihe der drei\ngrossen Machte der Deutschen, Franzosen und Italiäner als\nvierte Grossmacht eintreten zu lassen, hat zum Vortheil\nder Kunst überhaupt und mittelbar, selbst wider Willen\nder Ultra-Patrioten, zur Verbreitung der deutschen Musik\nin Holland gewirkt, weil sich die vielen Vereine zur He-\nbung der Musik in allen Städten sehr vernünftiger Weise\nan Auflührungen deutscher Meisterwerke hielten, meist\ndeutsche Musiker an die Spitze ihrer Orchester stellten,\ndeutsche Musiklehrer ins Land zogen, und weil die hollän-\ndischen Componisten, die nach und nach wieder auftauch-\nten, einzig und allein die grossen deutschen Meister zum\nMuster nahmen, bei den todten und lebenden in die Schule\ngingen, ihre Instrumental-Compositionen nach ihnen bilde-\nten, ihre Gesang-Compositionen auf deutsche Texte schrie-\nben. Eine holländische Musik ist eben so sehr ein Unding,\nwie eine dänische und eine schweizerische, trotz Gade und\nNägeli; thatsächlich ist ihr Charakter kein anderer als der\ndeutsche.\nZu dem erwähnten Aufschwünge der Tonkunst in Hol-\nland hat nun die Maatschappij ausserordentlich viel beige-\ntragen, und kein Unparteiischer kann ihr die gebührende\nAnerkennung versagen. Dass sie den musicalischen Fort-\nschritt allein heraufgeführt habe, fällt ihr nicht ein zu\nbehaupten; die verschiedenen Vereine für Orchester- und\nGesang-Musik, selbst die Liedertafeln, ferner die Thätig-\nkeit einzelner hervorragender Männer, welche als Compo-\nnisten, Lehrer und Dirigenten in den grossen Städten wirk-\nten, wie 11. Lübeck im Haag, Mühlenfeldt in Rotter-\ndam, van Bree in Amsterdam, Kufferath in Utrecht\nu. s. w., endlich auch die wissenschaftliche und ästhetische\nKritik in öffentlichen Blättern, alles dies mit den Bestre-\nbungen der Maatschappij zusammen genommen hat es\nmöglich gemacht, Holland auf den Standpunkt zu bringen,\nein so glänzendes Musikfest zu veranstalten und mit Erfolg\nins Werk zu setzen, als das rotterdamer Fest war.\nDer Hauptzweck der Gesellschaft zur Beförderung der\nTonkunst war ursprünglich nur der, durch Aussetzung von\nPreisen und Erleichterung der Herausgabe ihrer Arbeiten\njunge einheimische Talente zur Composition aufzumuntern,\nund durch Stiftung von Gesang- und Musikschulen oder\nwenigstens durch Anregung dazu auf die musicalische Bil-\ndung der Jugend zu wirken. Um die grösstmögliche Un-\nparteilichkeit bei den Preis-Vertheilungen zu erzielen, er-\nnannte die Gesellschaft mehrere auswärtige Tonkünstler\nund Theoretiker, namentlich in Deutschland, zu correspon-\ndirenden Mitgliedern, schickte ihnen die eingesandten Com-\npositionen zu und ersuchte sie um ihre motivirten Urtheile"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "227", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540722-01.1.3", "texte": "darüber. Stimmten diese überein, so wurde danach ent-\nschieden. Dasselbe Verfahren besteht noch. So erhielt z. B.\nim vorigen Jahre eine Sonat' (ür Pianoforte und Violine\nvon J. A. van Eyken, damals Organist an der Zuiderkerk\nzu Rotterdam, den Preis für 1852, und die Beurtbeiler\nwaren Hauptmann, Spohr, Onslow und Berlioz gewesen.\nNach und nach aber dehnte die Gesellschaft ihre Wirk-\nsamkeit auf weitere Gegenstände aus, so dass sie jetzt fast\nalles betrifft, was nur irgend mit der Tonkunst in Berüh-\nrung steht. So schön nun auch der Gedanke einer so um-\nfassenden Thätigkeit für Förderung der Tonkunst in jegli-\ncher Hinsicht ist, so halten wir doch dalür, dass wenn\nnicht die höchst wünschenswerte Verbreitung der Gesell-\nschaft bedeutend zunimmt eine Beschränkung auf ge-\nwisse Haupt-Gegenstände nothwendig und wohlthuend sein\ndürfte, damit die verfügbaren Mittel nicht allzu\nsehr zersplittert und ein nachhaltiger Erfolg für Ein-\nzelnes und Wichtigstes vereitelt werde.\nDenn die Gegenstände, auf welche sich jetzt die Für-\nsorge der Maatschappij erstreckt, sind folgende: 1) Eröff-\nnung der Gelegenheit für junge Componisten, ihre Werke\nzu eigener Belehrung durch Vermittlung der Gesellschaft\nbeurtheilen zu lassen. 2) Aufstellung von Preis-Aufga-\nben für Composition. 3) Herausgabe von Werken älte-\nrer und neuerer Componisten. —4) Preis-Aufgaben für Dich-\nter zu lyrischen oder dramatischen niederdeutschen Texten\nfür musicalische Composition. 5) Prämien-Vertheilung\nan die thätigsten Musik-Verleger in Holland. 6) Wett-\nstreit junger Künstler um Erlangung einer dreijährigen Un-\nterstützung von 800 Fl. jährlich. 7) Errichtung und\nUnterstützung von Musik- und Gesangschulen.\nterstützung hülfsbedürftiger holländischer Tonkünstler und\nihrer Hinterbliebenen. • 9) Veranstaltung von allgemeinen\nMusikfesten und 10) von Concert-Aufführungen in den ein-\nzelnen Abtheilungen.\neiner musicalischen Bibliothek.\njährlichen Albums, enthaltend kleinere Original-Composi-\nlionen für Orgel oder Piano und für ein- oder mehrstimmi-\ngen Gesang auf holländischen Text, nebst Rechenschafts-\nBericht und Protocoll der Verhandlungen.\nDas ist offenbar zu viel, und die blosse Aufzählung\nwird unsere Ansicht über die Notwendigkeit einer Be-\nschränkungrechtfertigen. Um so verdienstlicher ist es, dass\ntrotz dieser Ausdehnung dennoch schon so Vieles geleistet\nworden ist. An Prämien für Compositionen sind jährlich\nmehrere Hundert Gulden gezahlt worden. Unter den von\nder Gesellschaft veröffentlichten Werken nimmt die Collec-\ntio Operum Musicorum Batavorum Saeculi XVI., heraus-\ngegeben von F. Commer, den bedeutendsten Platz ein.\nDie bisher gedruckten acht Bände enthalten 98 Compo-\nsilionen alter niederländischer Meister, namentlich von Adr.\nWillaert, Jac. Clemens, Chr. Holländer, Josquin des Prees,\nOrl. Lassus u. s. w. In der Handschrift vollendet, befinden\nsich noch zehn Bände auf der Bibliothek der Gesellschaft,\n154 Compositionen der genannten und anderer Tonsetzer\nenthaltend.\nAusser dieser Commer'schen Sammlung sind auf Kosten\nder Gesellschaft seit 1834 dreizehn Werke gedruckt wor-\nden, worunter wir als die bedeutendsten zwei Messen in\nPartitur mit untergelegtem Clavier-Auszug und in Stimmen,\ndie eine von J. B. van Bree in die andere von J. G.\nBertelman in C, und eine Sinfonie von J. J. 11. Ver-\nhülst nennen.\nAn dem musicalischen Unterrichte in den Bildungs-\nAnstalten der Gesellschaft (Gesang-, Normal-, Musik-, In-\nstrumental-Schulen und Gesang-Vereinen) nehmen an 1400\nPersonen, sowohl Kinder als Erwachsene, Theil. Die Maat-\nschappij hat in zehn Orten (Amsterdam, Enkhuizen, Geer-\ntruidenberg, Goes, s'Gravenhage, Haarlem, Heusden, Rot-\nterdam, Dortrecht und Utrecht) 23 Gesang-Vereine und\nmusicalische Schul-Anstalten gegründet wahrlich eine\nehrenwerthe Thätigkeit, deren Früchte nicht ausbleiben kön-\nnen. Der Staat unterstützt die Gesellschaft nicht, und nach\nder einmaligen Gabe von 1000 Fl. durch den König Wil-\nhelm 11. ist uns keine weitere von Seiten des Hofes bekannt\ngeworden. Die bedeutendsten und wirksamsten Anstalten\ndürften wohl die Normalschule für Gesanglehrer in Amster-\ndam, unter Leitung von W i 1 h. S m i t s, und die Musik-\nschule in Rotterdam mit 284 Schülern sein, nämlich 106\nfür Gesang, 160 für Piano, 9 für Violine, 3 für Violon-\ncello, 1 für Flöte und nur 5 für Theorie. Man kann hier-\naus auf die Einrichtung und die Tendenz dieser Musik-\nschule schliessen, welche von derjenigen der deutschen\nMusikschulen in Köln, Leipzig, Berlin, Prag u. s. w. ver-\nschieden ist.\nUm den Geist zu bezeichnen, in welchem die Gesell-\nschaft durch öffentliche Aufführungen auf den Geschmack\nund die Bildung des musicalischen Sinnes zu wirken sucht,\nführen wir Folgendes an. Es wurden im Laufe des Gesell-\nschafts-Jahres 1852—53 gegeben: in Amsterdam\nMendelssohn's Paulus und Walpurgisnacht, Schu-\nmann's Paradies und Peri, Mo zart's\nBeethoven's Christus am Oelberg; —in Goes Instru-\nmental-Werke von Havdn, Mozart, Beethoven, Spohr, J. S."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "228", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540722-01.1.4", "texte": "Baeh's Concert für drei Claviere, Fesca's Vaterunser,\nMozart's Requiem, Beethoven's Messe in C; im Haag\nHändel's Salomon, Mendelssohn's 95. Psalm und\nHymne für Sopran und Chor, Spohr, Des Heilands letzte\nStunden (theilweise), Haydn's Schöpfung, Schumann,\nDer Rose Pilgerfahrt, Hiller, Die Zerstörung Jerusalems,\nHaydn's Jahreszeiten. In Rotterdam fand in dem ver-\ngangenen Jahre keine öffentliche Aufführung von Seiten\nder Maalschappij Statt, studirt wurden Werke von Bach,\nBeethoven, Mendelssohn, Hiller; im vorher-\ngehenden Jahre wurden Haydn's Jahreszeiten, Spohr's\nLetzte Dinge, Verhülst's 145. Psalm und Mendels-\nsohn's Athalia gegeben.\nMan sieht, in wie ernsterWeise die ihren\nZweck nach dieser Seite hin verfolgt. Man würde aber\nirren, wenn man glaubte, die angegebenen Musik-Auffüh-\nrungen wären die einzigen in Holland während des genann-\nten Jahres gewesen; sie sind im Gegentheil nur ein kleiner\nTheil davon, da jede Stadt ausserdem ihr von der\nschappij unabhängiges Concert-Institut besitzt, und auch\nausser den Abonnements-Concerten zuweilen noch grosse\nAufführungen, veranstaltet werden, wie z. B. in Amsterdam\nvor Kurzem die der D-dur-Messe von Beethoven unter\nvan Bree's Leitung.\nAllgemeine Musikfeste hat die Gesellschaft nur\nfünf veranstaltet, von denen das vierte im Jahre 1842\nim Haag unter der Direction von H.Lübeck, das fünfte\nim Jahre 1850 den 13.—15. Juni zu Haarlem unter\nder Leitung von van Bree und Verhülst Statt fand.\nBei letzterem wurden auch Männergesänge von 18 Ver-\neinen, von denen jedoch nur 6 sich in die Schranken als\nPreiskämpfer wagten, vorgetragen. Den ersten Preis ge-\nwann die Eutonia von Amsterdam, Dirigent C. A. Be r-\ntelsmann*); die Haupt-Aufführung war der Elias von\nMendelssohn. Diese allgemeinen Musikfeste verursach-\nten der Gesellschafts-Casse allzu grosse Kosten, da der Zu-\ntritt zu ihnen statutgemäss nur den Mitgliedern, und zwar\nunentgeltlich, erlaubt war. Man versuchte daher schon bei\ndem Feste in Haarlem an den zwei ersten Tagen das Pu-\nblicum gegen Eintrittsgeld zuzulassen; nur der dritte Tag\n(Aufführung des Elias) war für die Mitglieder vorbehalten,\nwelche jedoch für ihre Damen ebenfalls Eintrittsgeld bezahl\nlen mussten. Beim diesjährigen Feste zu Rotterdam hat\nman endlich die Beschränkung ganz fallen lassen und dem\ngrossen Publicum die Concert-Halle gegen Eintrittsgeld\n(12 Fl. für die drei Tage) geöffnet. Das dürfte auch der\neinzig richtige Weg sein, auf welchem fernerhin allgemeine\nMusikfeste ohne Nachtheil der Casse veranstaltet werden\nkönnen; es ist genug und schon ein grosser Vortheil für\ndie Kunst, wenn die Gesellschafts-Casse das etwaige De-\nficit deckt. Könnten wir es am Rheine durch Gründung\neines allgemeinen Vereins, wie wir schon oft, aber stets\nvergeblich vorgeschlagen haben, ebenfalls bis zu einem sol-\nchen sicheren Rückhalt bringen, so würden unsere nieder-\nrheinischen Musikfeste eine festere Gestalt annehmen, ihr\nZustandekommen würde nicht von dem Muthe oder der\nZaghaftigkeit der städtischen Comite's abhangen, und man\nbrauchte in Bezug auf die Solisten den Luxus nicht so weit\nauszudehnen, wie in dem letzten Jahrzehend geschehen,\num das Publicum anzulocken.\nFür das Musikfest zu Rotterdam als Jubelfest eröffnete\nman reichliche Quellen. Die M selbst wies fünf-\nzehntausend Gulden dazu an, die Stadt Rotterdam fünf-\ntausend, und einzelne Kunstfreunde ebenfalls fünftausend\nGulden, und die ersten Häuser der Stadt erboten sich zu\ngastlicher Aufnahme der Ehrengäste. So konnte denn eine\ngrosse Tonhalle, welche ausser dem Personal der Ausfüh-\nrenden 4000 Zuhörer fasste, erbaut und geschmackvoll\nverziert und geschmückt, und alle Anordnungen getroffen\nwerden, welche zu Erhöhung des Glanzes der Fest-\ntage und zur Bequemlichkeit und Befriedigung der Theil-\nnehmer an der seltenen Feier nur irgend beitragen konn-\nten. Die Akustik in dem Festgebäude war vortrefflich, die\nEinrichtungen für die Zuhörer höchst praktisch. Da der\nSaal ausser dem Haupteingang (dem Orchester gegenüber)\nauf jeder Seite noch vier breite Flügelthüren hatte, über\ndenen ausserhalb die Reihen der Nummern zu lesen wa-\nren, zu welchen man durch jede Thür gelangte, da zu der\nOrchesterbühne auch noch besondere vier Eingänge führ-\nten, so konnte nirgends Gedränge entstehen, und nach dem\nSchlüsse jedes Concertes war der Saal, den etwa 5000\nMenschen füllten, binnen zehn Minuten leer. Der Bau der\nTonbühne hingegen war mangelhaft, indem weder die In-\nstrumentalisten noch die Sänger auf hinlänglich erhöhten\nStufen hinter einander aufgestellt waren. Auch die Placi-\nrung der Damen konnten wir nicht billigen; Sopran und\nAlt sassen sich nämlich gegenüber und sahen und sangen\neinander an, anstatt den Klang der Stimmen und den Glanz\n\n*) Durch einen Irrthum ist in mehrere deutsche Blätter vor\neiniger Zeit die Nachricht von dem Tode dieses Tonkünstlers\nund Componisten gekommen, der sich, wie wir allen Freun-\nden desselben mit Vergnügen versichern können, sehr wohl\nund munter befindet. Der in Amsterdam verstorbene Musiker\nhiess J. G. Bertelman, Componist der oben angeführten\nMesse in C."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "229", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540722-01.1.5", "texte": "der Augen dem Publicum zuzuwenden. Dass trotz alledem\ndie Chöre dennoch eine imposante Wirkung machten, be-\nwies um so mehr die Tüchtigkeit der hier vereinigten Ge-\nsangkräfte.\n\nFreuden und Leiden eines heutigen Clavierlehrers.\n\nDu schreibst mir, lieber Pathe, du wollest dich nach\nAbschluss deiner künstlerischen Studien nicht mit dem\nVirtuosenthume befassen, obwohl du recht leidlich Ciavier\nspielst, sondern dich dem solideren Berufe eines Ciavier-\nmeisters widmen, und bittest mich um meine Meinung und\nmeinen Rath. Ich muss diesen deinen Entschluss billigen\nund loben, ohne dir gerade dazu Glück wünschen zu kön-\nnen, weil ich die Schattenseiten des lieben Lehramtes nur\nallzu deutlich kennen gelernt habe. Indess der Virtuosen\ngibt es heut zu Tage schon so viel, dass man kaum mehr\neinen Musiker aufzufinden vermag; schon ist man dahin\ngekommen, dass man, wie den Wald vor lauter Bäumen,\nso die Kunst vor lauter Künstlern nicht mehr hört\nnoch sieht. Da aber jede Kunst, vor allen aber die edle\nArs musica, unsterblich ist, weil sie von den Göttern un-\nmittelbar kommt, so thust du ganz recht, dass du dich lie-\nber an sie, als an das blosse Handwerk hältst, das so ver-\ngehen wird, wie die löblichen Zünfte und Innungen der\nguten alten Zeit.\nBilde dir aber ja nicht ein, lieber Pathe, dass du als\nwohlbestallter Musiklehrer zugleich und unzweifelhaft ein\nVertreter der ernsten und heiligen Kunst selbst werdest!\nGott bewahre! Zunächst wirst du nur ein Befriediger der\nLaunen der »musicalischen Leute\", der so genannten Di-\nlettanten. Von diesen aber gelangt nur ein kleiner Theil\nzum Geschmack und zur Kunst-Einsicht; denn neun Zehn-\ntel der heutigen Opernschreiber haben jenen die Köpfe\nverdreht und die Herzen gelähmt.\nDu willst dir mit Musik-Unterricht also zunächst dein\nBrod verdienen. Bedenke daher, dass du dir den Beifall\njener grossen Menge ohne Geschmack und Kennerblick\nverschaffen musst, um zu existiren. Ich rathe dir, nimm es\ndesshalb mit dem Unterrichte nie zu ernst; denn jene wol-\nlen ja nur, dass man sie oder ihre Kinder „ spielen\" lehre,\nund noch dazu, dass man es „spielend\" lehre; denn ein\nTänzchen, ein Ariettchen oder Duettchen ist etwas so An-\nmuthiges, so Leicht-Gefälliges, dass es dem Lernenden mög-\nlichst bequem und leicht beigebracht werden muss. Lass\ndir es daher ja nicht zu Herzen gehen, wenn du mit der\ngrössten Partie deiner Schüler wenig und nur sehr langsam\nvorwärts kommst; sie oder ihre Eltern wollen es nun\neinmal so haben, und nach dem freilich etwas jesuitischen,\ndarum aber um so zeitgemässeren Satze: „Die Welt will\nbetrogen sein, also werde sie es!\" darfst du getrost ihren\nWünschen nachkommen.\nWenn du daher deine Methode nach den gründlichen\nAnleitungen eines Czerny, Kalkbrenner oder Moscheies,\noder nach den praktischen Winken eines Knorr und Wieck\neinrichten und streng danach ausüben willst, so bist du\nauf dem Holzwege. Bedenke, jene Männer waren zu der Zeit,\nals sie den Schatz ihrer Erfahrungen veröffentlichten, keine\nAnlänger und Neulinge mehr, und hatten als Künstler und\nLehrer von Ruhm oder Ruf wahrscheinlich ausser dem\nverdienten „Brode\" auch schon Braten zu essen und Wein\nzu trinken; du willst aber erst den Versuch machen, dir\ndeinen Unterhalt zu erlehren. Lehre daher so, lieber Pathe,\ndass du deinen Nutzen mit dem Vergnügen deiner Kunden\nin Einklang bringst und ihnen, willst du recht ehrlich und\ngewissenhaft sein, nicht schadest, ja, sogar etwas nützest,\ndoch ja, ohne dass sie es merken; denn über dem Nutzen\nfürchten sie immer die Annehmlichkeit zu verlieren.\nLass uns zuerst von wirklichen Talenten sprechen.\nKannst du einem solchen durch Anwendung aller Bered-\nsamkeit begreiflich machen, dass das Ciavierspiel nicht ein\nZweck, sondern ein Mittel zum Zweck und nicht mehr\nnoch weniger als jedes andere Kunstmittel ist, will er durch\ndie Handhabung dieses Instrumentes zum Genüsse und zur\nKenntniss der Musik gelangen wohlan: so gehe mit\nihm den engen, aber langen und etwas eintönigen Weg\neiner gründlich geregelten Methode. Halte ihn eine Weile\nfest bei den Fingerübungen ohne Noten, lege ihm sodann\nWerke mit fortschreitender Schwierigkeit vor und gehe\nbald ich denke, nach Clementi zu passenden Etüden\nAI. Schmitt, Bertini über, neben welchen du ihn\nimmer freundliche Blicke in die reizenden Oasen der bes-\nseren Clavier-Musik thun lassen kannst, bis du ihn glück-\nlich zu Beethoven's Sonaten und von diesen aus zu F.\nSchubert und Mendelssohn gebracht hast. Die Kenntniss-\nnahme von Chopin und Schumann, deren geniale Blitze\nso manchen der Spieler und Componisten mit verlocken-\ndem Irrlichtschimmer auf grundlosen Boden gelührt haben,\nüberlass ihren eigenen Studien, um von jeder Verantwortung\nfür ihre weitere Geschmacksrichtung frei zu bleiben. Da\naber Musik-Genuss und Kenntniss das Endziel alles Clavier-\nspielens ist oder sein soll, so mache diese deine treuen und\naufrichtigen Schüler auch mit Kirchen-Musik und Oper, der\nSinfonie und dem Liede in guten zwei- und vierhändigen"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "230", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540722-01.1.6", "texte": "Arrangements bekannt. Um aber ihren Geschmack vollends\nzu bilden und sie zu einem ganz selbstständigen und vor-\nurteilslosen Urtheile zu leiten, lass sie auch das künstle-\nrische Mittelgut der heutigen Salon- und Concert-Musik\nkennen. Zeige ihnen aber dabei fortwährend, und namentlich\nauch dann, wenn sie selbst Virtuosen werden wollen, wie\nhohl und äusserlich, nur die vollendete Technik, nicht den\nmusicalischen Inhalt, nicht Seele und Wohlklang anstrebend\ndie Opera operata der meisten heutigen „Clavierschläger\"\nsind. Mit F. Liszt aber lass sie ebenfalls sich selbst be-\nkannt machen.\nIch komme nun, nachdem ich dir die Ausnahmen ans\nIlerz gelegt, zu der Masse der gewöhnlichen Schüler. Eine\ngewisse Befähigung setze ich natürlich auch bei die-\nsen voraus; denn Holzblöcke zu behauen, überlass dem\nZimmermann und Schreiner. Bei den gewöhnlichen Schü-\nlern also unterscheide zwischen fleissigen und faulen.\nZur ersten Gattung gehören in der Regel die Unter-\narten der eiteln und hörlüsternen Schüler; sind es\nnoch Rinder, so rechne auch1 die eiteln und lüsternen El-\ntern mit in dieses Capitel.\nDie Eitelkeit findest du am häufigsten bei den so\ngenannten vornehmen Leuten, d. h. bei denen, welche\nSoireen besuchen und selbst veranstalten. Wolltest du,\nPathe, deren Lehrer zu sein ablehnen, so wärest du sehr\nthöricht; denn erstens bezahlen Hochdieselben gern lür\nBefriedigung ihrer Eitelkeit, und zwar gut, d. h. theils baar,\ntheils mit Empfehlungen, und zweitens ist ja ihre ganze Er-\nziehung so gemodelt, dass ihnen Musik für Herz und Ge-\nmüth ein ganz überflüssiges und lästiges Etwas wäre. Lass\ndaher sie oder ihre Kinder direct auf die Salon-Musik und\ndas halbe oder Vierteis-Virtuosenthum zusteuern. Verfahre\naber hier mit Geschmack und sorgfältiger Auswahl, da sie\nfür alles Aeusserliche einen richtigen Blick haben und sich\nnie wollen langweilen lassen. Und auch dich, lieber Pathe,\nwird es ja nicht gerade langweilen, wenn du mit ihnen\nHerz, Ch. Mayer, Kullak, Doehler, Henselt u. s. w. vor-\nnimmst. Du kannst ja das viele geschmacklos-schwere Zeug,\nnamentlich der Neuzeit, ruhig bei Seite liegen und sie doch\nmanche Nüsse mit ihren zarten Fingerspitzen aufknacken\nlassen. Sind die eiteln Schüler aber, trotz ihrer Be-\nfähigung, nicht vornehm, oder als Jungfrauen nicht we-\nnigstens durch Schönheit geadelt, so lass sie weiter als\nbis zur Viertels-Schwierigkeit in der Salon-Musik nicht vor-\ndringen, sobald sie nicht ihre Paradestücke aus\ndem Kopfe spielen können; denn nur privilegir-\nten Halb-Virtuosen verzeiht man jenes Falschgreifen, das\ndem Spieler bei mangelndem Gedächtniss stets mehr oder\nweniger zu schaffen macht.\nSind deine talentbegabten Schüler (oder deren Eltern)\naber nur hörlüstern, d. h. mit übermässig vorherrschendem\nGehördrange begabt, so führe sie über Czerny, Hünten,\nCramer zu Voss und Schulhoff und schliesse mit Ouvertü-\nren und mitlelschweren Opern-Arrangements. Weiter kön-\nnen, weiter wollen diese Art von Spielern es nicht brin-\ngen. Denn das Langweilige der virtuosen Bravoursachen\nwerden sie, bei mangelnder Eitelkeit, trotz alles Fleisses\nnie überwinden. Ist übrigens bei dieser Classe der Fleiss\ngrösser als die Hörlust, oder tritt die der Eltern nicht zu\nanspruchsvoll und ungeduldig hervor—was mir öfter vor-\ngekommen —, so lässt sich hier noch manches gute Saat-\nkörnchen mit aussäen. So kann man sie zu melodischen\nEtüden, die ja dennoch instructiv wirken, und unter ab-\nwechselndem Gebrauche zu manchem guten Ciavier-\nwerke, z. B. Kuhlau, Weber, Hummel, sogar Mozart und\nMendelssohn, bringen, ja, vielleicht kann man es sogar zu-\nletzt mit Beethoven wagen. Nur muss man immer mit be-\nliebten Producten der modernen Melodik und Rhythmik\ndazwischen stehen, um den üppigen Ohren, namentlich der\nEltern, Concessionen zu machen. Empfehlenswert!) sind in\ndieser Hinsicht die Tänze von Labizky und Wallerstein,\ndie Opernstücke von Mozart und Weber, von Rossini,\nMeyerbeer, Adam.\nWas nun die zweite Gattung, die der faulen Schü-\nler, anlangt, so haben wir nur noch zu sprechen von denen\nmit Talent. Die ganz Unbefähigten, d. h. die Ge-\nhörlosen und Fingerträgen, weil plumpen, werden zwar\nvon manchen Lehrern oft Jahre lang mit Beyer, Oesten,\nBurgmüller und Consorten und mit den Potpourris aus\nDonizetti's und Verdi's, Flotow's und Balfe's Opern hinge-\nhalten, die allerdings Werke von Anfängern für Anfänger\nim Hören und Spielen zu sein scheinen. Ich halte aber diese\nhinhaltende Behandlung für eine gewissenlose Speculation,\nbei der für den zahlenden Theil gar nichts, für den empfan-\ngenden nur Unehre herauskommt; denn Stillstand ist Rück-\ngang! Und wenn am Ende solche Klimper-Schüler ein hal-\nbes Decennium hindurch gefingert und geradbrecht haben,\nso brechen sie zuletzt doch immer noch über einen kurzen\nTerzengang der rechten Hand fast die Finger und schlagen\nbei springenden Accorden des Basses unverdrossen mit\nihren tauben Ohren die Septime oder None des Grundtones\nim Octavengriffe an, dass der Lehrer auch im sechsten\nJahre noch kaltblütig rufen muss: „Mein Fräulein, Sie\ngreifen daneben!\""}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "231", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540722-01.1.7", "texte": "Dagegen kannst du es wagen, dich mit 1 ragen, aber\nnicht Unmusicalischen, vorzugsweise zu befassen, indem du\ndabei hoffen und die Hoffnung aussprechen kannst, dass\nihnen im späteren Leben noch Lust und Liebe ni i t dem\nThätigkeitstriebe kommen werde. Wollten sie aber dann\nals Erwachsene es noch mit den Anfangsgründen aufneh-\nmen, so würden sie bald ob ihrer ganz versteiften tinger\nmürrisch werden. Denn kein älterer Mensch hält aus bei\ndem ABC, wesshalb du solche stets zurückweisen magst,\nwenn sie noch Stunde nehmen wollen. Jene träge Art\nvon Schülern aber darfst du mit Brunner uud Ilünten,\nmit Volksliedern und Tänzen, Märschen und Ouvertüren\nzum bravourlosen Vomblattspielen bringen und dich mit\nErreichung dieses Zieles begnügen. Sie werden zwar nicht\nCiavierspieler im strengeren Sinne des Wortes, werden\naber doch Geschmack an der Musik und einigen Genuss\nund etliche Kenntniss davon gewinnen, so dass sie sich spä-\nter im Leben selbst zurecht finden können. Ich erwähnte\nder Tänze und Märsche besonders, weil ich gefunden, dass\nman dem unerhörten Phlegma solcher Leutchen •—• so wie\ndem mangelnden Tactsinne Anderer nicht anders bei-\nzukommen vermag, als mit scharf accentuirten, rhythmisch-\nprägnanten Stücken. Fortreissend wirkt hier auch das\nVierhändig-Spielen.\nIch muss dich endlich noch, lieber Pathe, auf eine Art\nvon Schülern aufmerksam machen, denen Unterricht zu ge-\nben sehr gefährlich und daher unräthlich ist. Ich meine die,\nderen Mütter selbst spielen und sich dadurch für be-\nrechtigt, vielleicht sogar verpflichtet halten, dir in deinen\nUnterricht hinein zu reden. Ich warne dich vor\nihnen nicht desshalb, weil ihr Tadel dir mannigfachen Aer-\nger zuziehen würde bewahre! ohne Neid, Tadel und\nAerger kann ja kein Vertreter und Lehrer der Kunst sein\nliebes Leben fristen, und darauf wirst also auch du gefasst\nsein —, sondern ich befürchte mit Grund, dass dir von\nihnen deine Wirksamkeit ganz und gar unmöglich gemacht\nwerde. Oder sage mir, wie würdest du dich aus ioigenden\nVerwicklungen ziehen? Eine Mutter, welche aus Pietät ge-\n<ren ihren seligen Lehrer will, dass ihr Söhnchen ganz nach\nseiner Methode unterrichtet werde, legt dir dessen Ciavier-\nschule auf vergilbtem Papier auf das Notenpult. Eine An-\ndere, eine Tacthackerin, kennt noch nicht den Unterschied\nzwischen Tact und Rhythmus, und verlangt stete Betonung\nder ersten Viertel oder Achtel, am liebsten mit beiden\nFäusten, und wünscht, dass ihr Kind, wie sie selbst, bis ans\nLebensende laut zählen möge. Eine dritte, deren Töch-\nterchen leidlich spielte, wenn sie nur je auf die Noten zu\nsehen beliebte, rügt es, dass du derselben in jeder Stunde\nein neues Stück vorlegst, und will, dass sie nur wenige\nStückchen, aber diese ganz fehlerlos und durch deine\nBemühung aus dem Kopfe lerne, um sie vorspielen\nzu können. Vergebens stellst du ihr vor, dass die Stücke\nfür die Schüler, nicht diese für die Stücke, und Anlänger\nkeineswegs zum „Vorspielen\" da sind.\nDiesen gefährlichen Müttern gegenüber, Pathe, wirst\ndu eine üble Stellung haben, wenn du ihrem Drange zum\nMitregieren und ihrem Besserwissen nur einmal Conces-\nsion machst. Sie können deinen Ruf gefährden; denn sie\n#\ngelten allgemein als „sehr musicalisch\". Antworte ihnen\ndaher entweder sogleich entschieden auf Gründe darl\nman sich dem schönen Geschlechte gegenüber nie einlassen,\nda sie nur Gefühle kennen oder, noch besser, gib die\nStunden bei ihnen auf.\nUnd so, lieber Pathe, lebe für einstweilen wohl und\nschreibe mir wieder, wenn du von einem freud- und leid-\nvollen Practicus, doch stetem Anbeter wahrer, reiner Kunst,\nmehr wissen möchtest. Du wirst mich allezeit zu Rath\nund That bereit finden.\n\nA. Hitzschold.\n\nHenriette Sontag.\nLeider bestätigt sich die Nachricht von dem plötzlichen\nTode dieser letzten grossen Sängerin, mit deren Verschwin-\nden von der Bühne der Welt wohl auch, wie die Sachen\njetzt stehen, die wahre Kunst des Gesanges, welche die\nitaliänische und deutsche Schule vereinigte und durch das\ngeistige Element, das ihre vollendete Technik durchdrang,\nden Triumph der Kunst über den rohen Materialismus\nfeierte, zu Grabe gegangen sein wird.\nWir sind jetzt im Stande, aus americanischen Blättern\ndie näheren Umstände des traurigen Ereignisses zu berichten.\nHenriette Sontag, vermählte Gräfin Rossi, war nach der\nHauptstadt von Mexico durch Herrn Rene Masson, Un-\nternehmer der dortigen italiänischen Oper, berufen wor-\nden. Die Gehalts-Bedingungen waren 30,000 Dollars\n(40,000 Thlr.) für fünf Monate. Sie traf am 5. Mai dort\nein und wurde gleich von Anfang an der Gegenstand der\naufgeregtesten Bewunderung des Publicums, welches sie\nmit enthusiastischen Beifallsspenden, Blumensträussen und\nGeschenken, Abend- und Morgen-Ständchen überhäufte.\nAuf den 11. Juni war Lucrezia Borgia angekündigt, worin\nsie die Lucrezia singen sollte. Aber an demselben Tage\nergriff sie die Cholera, welche in der Stadt schon seit meh-\nreren Tagen ihre Opfer forderte. Der Krankheitsanfall war"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "232", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540722-01.1.8", "texte": "furchtbar und liess gleich von Anfang an nur geringe Hoff-\nnung für ihr Leben; dennoch gelang es, ihn zu bekämpfen,\nund am 16. betrachtete man die Künstlerin als ausser Ge-\nfahr. Vergebliche Täuschung! Nach wenigen Stunden be-\nkam sie einen Rückfall, und am 1 7. früh Morgens hauchte\nsie ihr Leben aus.\nDas Leichenbegängniss fand am 19. Statt; eine unge-\nheure Volksmenge folgte dem Zuge, dem sich die städti-\nschen Behörden und die fremden Gesandten angeschlossen\nhatten. Der Sarg wurde in der Kirche S. Fernandez beigesetzt.\nDiesem Berichte fügen wir hinzu, dass Henriette Son-\ntag nicht, wie es bei Gelegenheit dieser Nachricht alle\nBlätter nach den americanischen und französischen wieder-\nholen, im Mai 1805, sondern den 3. Januar 1806\nzu Coblenz geboren ist. Sie ist also 48 Jahre und beinahe\n6 Monate alt geworden.\nNach einer Mittheilung von Paris war dort vor kaum\nvierzehn Tagen ein Brief vom Grafen Rossi angekommen,\nin welchem er seinen Freunden seine und seiner Gemah-\nlin Rückkehr nach Europa für die ersten Tage des Mona-\ntes September ankündigte. Der Zweck der Mutter, ihren\nKindern wieder ein anständiges Vermögen zu verschaffen,\nwar erreicht, sie hoffte im Herbst wieder mit ihnen ver-\neint zu werden, um sich im Leben nie mehr von ihnen zu\ntrennen, als der Tod diese Hoffnung plötzlich vernichtete.\nDerselben Mittheilung aus Paris nach hat sie vor ihrer Abreise\nnach Mexico etwa 100,000 Thlr. in Europa angelegt. Die\nZukunft ihrer Kinder ist also gesichert, sie selbst ist der Durch-\nführung eines heldenmüthigenEntschlusses zum Opfer gefallen.\n\nAus Dessau.\nDen 13. Juli 1854.\nDie Angelegenheit der Besetzung unserer Capellmeister-Stelle,\nwelche durch Fr. Schneiders Tod erledigt ist, schwebt noch im\nUnentschiedenen. Bestimmte Anträge waren bis jetzt nur an Kal-\nliwoda ergangen, welchen unser Herzog sehr gern in seinen\nDiensten gewünscht hätte. Er hat aber das Anerbieten ausgeschla-\ngen, da sein Fürst ihn nicht ziehen lassen will. Unser Herzog äus-\nserte sich selbst darüber gegen mich mit den Worten: dass sich\ndie Unterhandlungen mit Kalliwoda „zu seinem Leidwesen\" zer-\nschlagen hätten. So viel steht fest, dass der Herzog durchaus per-\nsönlich entscheiden wird, dass er mit der grössten Vorsicht ver-\nfährt und sicher die Stelle auf eine würdige Weise besetzen wird,\nso schwer dies auch fällt. Ein Freund der Neuerer ist er durch-\naus nicht; er ist, wie Sie wissen, von Jugend auf mit den edelsten\nKlängen deutscher Musik genährt und ein inniger Verehrer\nHaydn's, Mozart's und Beethoven's *).\nDer Kirchendienst, den der verstorbene Schneider auch versah,\nist übrigens bereits von dem Wirkungskreise der Capellmeister-\nStelle abgezweigt; Herr Rümpler, der langjährige Stellvertreter\nSchneider's an der Orgel der Schlosskirche, ist zu dessen Nachfol-\nger als Organist ernannt, und die Chor-Director-Stelle an derselben\nKirche mit der Function, die Kirchen-Musiken einzustudiren und\nzu leiten, ist dem Herrn Kammer-Musicus Theodor Schneider,\ndem Vorsteher der hiesigen Musikschule und Sohne von Friedrich\nSchneider, übertragen worden.\nAuf den Aufruf des Comite's für Schneider's Hinterlassene ha-\nben bis jetzt Concerte Statt gefunden in Bautzen, Kothen,\nDuisburg, Stuttgart, Trier, Chemnitz, Magdeburg,\nBallenstädt, Dessau, Hamburg, Liegnitz, Halle und\nsind aus den Erträgen, wie auch von Einzelnen, grössere und klei-\nnere Summen eingegangen, welche jedoch dem Zwecke noch lange\nnicht genügen. Die Auflührung des „Weltgerichts\" in Halle unter\nder Leitung des Musik-Directors Herrn Thieme war eine vorzüg-\nliche in jeder Beziehung; ihr Reinertrag war 305 Thaler.\n*) Bei dem Musikfeste in Rotterdam lief unter den Musikern\ndas Gerücht um, Joachim Raff sei zum Capellmeister in\nDessau ernannt. „Raff Schneiders Nachfolger ?!\" rief Mancher\naus. Bei meiner Rückkehr fand ich obigen Brief meines ge-\nehrten Herrn Correspondenten aus Dessau vor, wonach die\nSache doch noch nicht so weit gekommen zu sein scheint.\nDie Redaction.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nAm 2. März dieses Jahres starb, wie bereits gemeldet, zu Ro-\nmana, einem Dorfe bei Bergamo, Giam-Battista Rubini,\nder gefeierte Tenor. Er war in demselben Dorfe im Jahre 1793\nund in demselben Jahre wie Rossini, geboren. Sein Vater be-\nstimmte ihn zum Schneider-Handwerk. Als eines Tages der schnei-\ndernde Lehrling mit gekreuzten Beinen am offenen Fenster sass\nund ein Liedchen sang, wurde ein Musikfreund auf seine herr-\nliche Stimme aufmerksam und bestimmte ihn, sein Gesangs-\nTalent auszubilden. Rubini fing klein an. In dem prachtvollen\nSchlosse, das er später in seinem Geburtsorte baute, und in wel-\nchem er auch starb, befindet sich ein Gemach, in welchem alle die\nreichen Trophäen seiner Kunst, goldene Kränze, Kleinodien etc.\naufbewahrt sind. Das erste und werthvollste war aber dem Künst-\nler ein alter Anschlagzettel unter Glas und Rahmen, auf welchem\nder Impresario des Scala-Theaters in Mailand im Jahre 1812 beim\nBeginn der Theater-Saison die Zusammensetzung seiner Truppe\nankündigte. Als letzter Name unter den zweiten Tenoren des Chors\nsteht der Name Rubini. Er verdiente damals 10 Sous per Abend.\nUnd derselbe Mann hinterliess ein Vermögen von 3 bis 4 Millionen\nFrancs. In Paris debutirte Rubini im Jahre 1825 und verliess die\ndortige italiänische Bühne nicht mehr bis 1842. Während dieser\nZeit heirathete er eine französische Sängerin, Fräulein Chomel. Ihr\nContract wurde eines Abends auf offener Bühne unterzeichnet beim\nFinale des „Barbiers von Sevilla4' vor dem Beifall klatschenden\nPublicum als Zeugen. Rubini gründete mit Tamburini und der\nPaulinc Viardot das neue italiänische Theater in St. Petersburg\nund zog sich im Jahre 1845 vollständig von der Bühne zurück, um\nsein Leben still und im Frieden in seiner Heimat zu beschliessen.\nEr hinterlässt keine Kinder. Wie man versichert, vermachte er der\nStadt Bergamo eine hinreichende Summe zur Gründung eines Ge-\nsang- und Musik-Conservatoriums."}]}