{"numero_id": "bm-bmtnabi-1854-07-29-01", "volume": "bmtnabi_1854-07-29_01", "ocr_sha256": "05fda1f6e8154bfe5660622dfe4d4ecb21d163c3ed5d55dc7986ab57b3defff2", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1854/07/29_01/bmtnabi_1854-07-29_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540729-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1854-07-29-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-07-29_01#c001", "volume": "bmtnabi_1854-07-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "233", "page_fin": "236", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540729-01.2.1", "titre_corps": "Das Musikfest zu Rotterdam.", "titre_sommaire": "Das Musikfest zu Rotterdam.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "233", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540729-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3965, "texte": "Das Musikfest zu Rotterdam.\nII.\nWenn es bei einem Musikfeste vor allen Dingen auf\ndas Programm desselben ankommt, so muss man dem Fest-\nComite das Zeugniss geben, dass es eine sehr gute Wahl\nder aufzuführenden Werke getroffen hatte. Iländel's\nIsrael in Aegypten, Haydn's Jahreszeiten, Beethoven s\nneunte Sinfonie waren wahrlich geeignet, ein musicalisches\nJubelfest zu verherrlichen. Dass man eine Fest-Ouver-\nture von W. llutschenruyter und einen Psalm von\nJ. J. H. Verhülst dazu genommen, war ganz in der\nOrdnung.\nMit der genannten Ouvertüre begann die Aufführung\nam ersten Tage, den 13. Juli, Abends 7 Uhr. Sie wurde\nvom Componisten selbst dirigirt und machte durch frische\nMelodie und glänzende Instrumentirung, ohne gerade Aus-\ngezeichnetes zu enthalten, einen guten Eindruck, welcher\nlauten und anhaltenden Beifall hervorrief. Einige Verkür-\nzungen dürften ihre Wirkung erhöhen.\nDarauf folgte Händel's gewaltiges Werk „Israel in\nAegypten\". Zu loben ist vor Allem, dass sowohl dieses\nOratorium als auch Haydn's Jahreszeiten ganz ohne irgend\neine Auslassung, aber auch ohne irgend einen Zusatz, ge-\ngeben wurden. Ueber die Zahl der vereinigten Kräfte ver-\nmögen wir, da leider kein Verzeichniss der Mitwirkenden\ngedruckt worden war, keine genaue Angabe zu machen;\nes mochten zwischen B—9oo Sänger und Instrumentali-\nsten auf der Bühne versammelt sein. Der Druck einer Liste\nder Ausführenden wäre besonders bei einem Jubelfeste\ndurchaus wünschenswerth gewesen. Warum ist er unter-\nblieben? Aus Sparsamkeit schwerlich. Wir hörten den\nVerdacht aussprechen, dass man ihn unterlassen habe, weil\nmanche Dilettanten und Dilettantinnen in Holland ihrem\nStande etwas zu vergeben meinten, wenn sie ihre Namen\npele-mele mit den Namen der Musiker von Fach drucken\nliessen. Kaum glaublich, aber immerhin möglich; denn\nbei aller Gastfreiheit hat doch ein grosser Theil der\nholländischen Mynlieersund Mnoch keinen Begriff\nvon der eigentlichen Würde der Kunst und des Künstlers.\nQuaerenda pecunia primum: artes post nummos!\nSollen wir zuerst über die beiden Hauptgruppen, Chor\nund Orchester, unser Urtheil aussprechen, so müssen wir\ndem Chor den Preis zuerkennen. Er hatte zahlreiche schöne\nund namentlich im Sopran jugendlich frische, überall klang-\nvolle Stimmen, er war kräftig und feurig, dabei vortreff-\nlich einstudirt in allem, was Reinheit, Correctheit und Prä-\ncision betrifft, weniger geschult jedoch in den Nuancen des\nVortrags und dem andauernden Aushalten eines und des-\nselben Tones. Das Orchester war gut, aber keineswegs\nausgezeichnet; bei trefflichen Contrabässen war doch das\nStreich-Quartett nicht kräftig und tonvoll genug, wir ver-\nmissten zuweilen das feste Attakiren mit Einem Strich wie\nEines Mannes, wie wir es bei den rheinischen Musikfesten\ngewohnt sind; die prachtvollen Vorspiele vor einigen Chö-\nren und die Schläge mitten in den Chor hinein waren zu\nmatt, wie z. B. bei Nr. 14: „Aber die Fluten überwäl-\ntigten \", in C-moll, und bei Nr. 17: „ Moses und die Kin-\nder Israel\", C-dur,in welchem letzteren alle die herrlichen\nAccorde, und namentlich die Sechszehntel nach den punk-\ntirten Achteln nicht energisch genug accentuirt wurden.\nWarum die Accordschläge des Ritornells von Nr. 7: „Ha-\ngel statt Regen fiel herab\", durchweg gemacht wur-\nden, begreifen wir nicht. Ob das abwechselnde und\nPiano im Breidenstein'schen Clavier-Auszuge von Händel\nherrührt, wissen wir nicht; jedenfalls müssen die Accorde,\nwenn man Piano und Forte etwa zu modern findet, dem\nCharakter des Stückes nach eher sempre forte als sempre\npiano genommen werden. Dem Sängerchor ist auch noch\ndie gute Aussprache des deutschen Textes nachzurühmen;\nauch trat die Sonderung der Doppel-Chöre gut hervor.\nDie Auffassung dieses Oratoriums als Ganzes ist\nschwierig, weil die unmittelbare Aufeinanderfolge vieler\nChöre leicht eine gewisse Monotonie und Abspannung er-\nzeugt. Es ist daher nothwendig, den charakteristischen Un-\nterschied derselben durch grosse Bestimmtheit der Tempi"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "234", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540729-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5099, "texte": "und Schärfe des Rhythmus aus einander zu halten, auf der\nanderen Seite die verbindenden Elemente zwischen man-\nchen aufzufinden und geltend zu machen, wobei in beiden\nFällen auch auf die Folge der Tonarten wohl zu achten ist,\nwelche Händel niemals ohne Beziehungen zu einander wählt.\nEs können daher die längeren oder kürzeren Pausen zwi-\nschen den einzelnen Nummern durchaus nicht willkürlich\nseilt, sondern sie werden durch die ästhetisch-musicalische\nBetrachtung geboten. In Hinsicht auf alles dieses liess die\nAufführung Manches zu wünschen übrig.\nSo gehören z. B. die Chöre Nr. 6 (Die Fliegen und\nHeuschrecken), 7 (Hagel und Feuer), 8 (Dicke Finsterniss),\n9 (Er schlug alle Erstgeburt) und 10 (Er führte sie aus)\nzusammen in Einen Rahmen. Nur nach Nr. 6 B-dur ist\neine kleine Pause von etwa einem halben Tacte zu gestat-\nten, die übrigen müssen sich eng an einander schliessen\nund nur die vorgeschriebenen Pausen zur Geltung kommen\nlassen. Man sieht ja klar, dass zwischen dem C-c/wr-Scliluss\nvon Nr. 7 und dem Anfang von Nr. 8, der aus C-dur\nwundervoll wieder nach C-duYpräludirt, keine Pause\ngeschweige denn ein langer Abschnitt, wie es hier geschah\nStatt finden darf, dass ferner der recitativische Schluss\nvon Nr. 8 in E-dur das unmittelbare Einfallen des A-moll\nvon Nr. 9 gebieterisch fordert, und dass der Eindruck des\nsiegreich auflodernden D-dur in den sieben ersten Tacten\nvon Nr. 10, aus welchem Händel erst im achten Tacte\nnach der Haupt-Tonart G-dur geht, nur durch die unmit-\ntelbare Folge auf den Ä-moll-Sch\\usvon Nr. 9 seine volle\nBedeutung gewinnt.\nDer Chor Nr. 11 steht für sich allein, muss also durch\nkleine Ruhepunkte von dem vorhergehenden und dem fol-\ngenden getrennt werden. Aber Nr. 12 Schluss\nmoll) und Nr. 13 (Es-dur,Schluss und Nr. 14\n(C-moll) gehören so deutlich zusammen, dass die vom Di-\nrigenten gernachte lange Pause zwischen 12 und 13 ganz\nunbegreiflich war.\nMit Nr. 14 (Aber die Fluten überwältigten der Feinde\nSchar) ist das Epos aus, die Schilderung des Auszuges ist\nvorbei. Hier ziemt sich also ein Abschnitt. Diebeiden letz-\nten Chöre des ersten Theiles reihen sich der Erzählung nur\nals fromme Betrachtung an.\nDer Inhalt des ganzen zweiten Theiles ist nicht mehr\nepisch, sondern lyrisch, daher leichter aufzufassen und eben\ndaher auch mehr mit Solostücken vom Componisten be-\ndacht, qui nil molilur inepte. Nur zwischen Nr. 26 (Du\nsandtest deinen Grimm, der sie verzehrte wie Stoppeln) in\nA-moll und Nr. 27 (Und von dem Hauch deines Mundes)\nin D-dur wurde wieder eine ganz unstatthafte längere\nPause gemacht, und der endliche Beginn von Nr. 27 sogar\ndurch neues und sehr vernehmbares Aufklopfen aufs Pult\nveranlasst. Da hört freilich alle Illusion auf, und das Ganze\neines Kunstwerkes zerfällt in Stücke.\nt\nWas die Tempi betrifft, deren richtige Beurtheilung\nund Charakter des Musikstückes sowohl in Hinsicht auf den\nInhalt des Textes als auf die musicalische Form angemes-\nsene Auliässung eine Hauptsache bei der Direction ist, so\nräumen wir dabei der individuellen Auffassung des Diri-\ngenten allerdings einigen Spielraum ein, müssen aber bei\nallen Werken, und vorzüglich bei Händel und Haydn, den-\nselben auf sehr enge Gränzen beschränken und uns ganz\nentschieden gegen die Ansicht erklären, als sei die Subjec-\ntivität oder gar die Stimmung des dirigirenden Indivi-\nduums der oberste Richter über das Maass von charakte-\nristischer Bewegung, welche einem Musikstücke bei der\nAusführung zu geben sei. Die Bestimmung des Tempo's\nhängt, wie schon gesagt, von dem Inhalt und der Form des\nStückes ab, und die Bezeichnung durch den Componisten\nist nur die Hinweisung auf den Standpunkt, von welchem\naus der Geist des Ganzen aufgefasst und wiedergegeben\nwerden soll. Dabei darf man nicht vergessen, dass es für\nalle classischen Werke, namentlich für die älteren Oratorien,\neine von allen tüchtigen Musikern anerkannte Tradition gibt,\nwelche sich nicht ungestraft und ohne Nachtheil für die\nAufführung ignoriren oder vernachlässigen lässt.\nBeim Israel hat Herr V e r h ü 1 s t, der schon durch die\npräcise Einübung der Chöre sein Talent in diesem Theile\nseines Berufes bewiesen, die Tempi fast überall richtig ein-\ngesetzt, aber trotzdem dennoch die wahre Wirkung nicht\nimmer erreicht, weil es ihm an Sicherheit im Festhal-\nten des Tempo's fehlte. Das Eilen vertragen Händel's\nbreite, kräftige Motive und die regelmässigen Evolutionen\nseiner Massen nun einmal durchaus nicht. In den Jahres-\n/\nZeiten von Haydn wurden mehrere Chöre schon von vorn\nherein im Tempo geradezu vergriffen, dann aber noch ge-\ngen das Ende hin so übereilt, dass z. B. bei dem grossar-\ntigen Schlusschor des Frühlings: „Ewiger, mächtiger, gü-\ntiger Gott\" in B-dur alle Majestät des Ausdrucks\nverloren ging. Nun, Uebung und Erfahrung gehört in al-\nlen Dingen dazu, um zur Meisterschaft zu gelangen; ge-\nwiss ist das Feuer, mit welchem Verhülst dirigirt, ein Aus-\nlluss wahrer Begeisterung für seinen Beruf, und wir dan-\nken dieser Begeisterung den prachtvollen und imposanten\nEindruck der meisten Chöre an beiden Abenden. Allein\nRuhe und Festigkeit ist ebenfalls eine nothwendige Tugend"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "235", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540729-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5069, "texte": "eines Dirigenten, womit wir natürlich nicht eine schläfrige\nSchlaffheit meinen können, sondern die Besonnenheit der\nBegeisterung, die unzerstörbare Geistesgegenwart mitten\nim Feuer, welche dem Feldherrn jeder Armee, also auch\neiner musicalischen, ziemt. Dass übrigens Herr Verhülst\nim Stande ist, die Massen zu zügeln und sogar zurückzu-\nhalten, haben wir bei dem Chor Nr. 10 in G-dur im Israel\ngesehen, wo wir mit der etwas verzögerten Bewegung am\nEnde (nach dem letzten Fugato) und der dadurch erzielten\nBreite und Kraft ganz einverstanden waren, was zugleich\ndem Herrn Dirigenten beweisen mag, wie aufmerksam wir\nder Aufführung Stück für Stück gefolgt sind.\nAusser dem Chor Nr. 10 zeichnen wir noch Nr. 7\n4\n(„Hagel und Feuer\"), Nr. 13 und 14, Nr. 18 („Das\nRoss und den Reiter\"), Nr. 23, und vor allen Nr. 33\n(„Das hören die Völker\") aus, welche trotz einer kleinen,\njedoch unbedeutenden Schwankung in der Mitte eine mäch-\ntige Wirkung machte. Die Ausführung aller dieser Chöre\nbewies die hohe Stufe, welche der vereinigte Chorgesang\nin Holland erreicht hat.\nDagegen scheint es, für den Augenblick wenigstens,\nan Solosängern für ein Musikfest dort zu fehlen, oder\ndas Comite hatte der Einnahme wegen als Reizmittel die\ngrössten Berühmtheiten Europa's kommen lassen. Unter\nden Solisten war nur Eine Holländerin, Frau Offer-\nmans van Hove aus dem Haag, Sopranistin. DieHaupt-\npartieen an allen drei Tagen waren Fräulein Jenny Ney,\nMiss Dolby und den Herren Roger, Pischek und\nKarl Formes übertragen worden, Künstlern, welche als\nSterne erster Grösse am musicalischen Horizont glänzen.\nMan hat aber schon öfter gesehen, dass auch der glänzend-\nste Stern durch Veränderungen des Dunstkreises verdun-\nkelt oder wenigstens auf Augenblicke verschleiert wird, und\nso hinderte auch hier die Atmosphäre des alten ehrwür-\ndigen Israel das helle Leuchten von manchem dieser Sterne.\nProsaisch ausgedrückt, waren nur Frau Offermans, Miss\nDolby und Formes im Oratorien-Stil zu Hause und dem\nVortrage Händel'scher Musik gewachsen; da aber Frau\nOffermans nur in dem Duett Nr. 19, und Formes eben-\nfalls nur in einem Duett (Nr. 22) beschäftigt war, so blieb\ndie Altistin Miss Dolby die einzige, welche die Arien im\nIsrael würdig und edel auffassle und vortrug, während we-\nder Fräulein Ney noch Roger sich in den Stil, der ihnen\ndurchaus fremd schien, finden konnten.\nMiss Dolby, die gefeierteste Altistin in England, hat\neine sehr klangvolle gleichmässige Stimme, deren Farbe et-\nwas Eigenthümliches besitzt, wir möchten sagen: etwas\nClarinettenähnliches, welches besonders bei dem eingestri-\nchenen f (auch zuweilen bei e und es) auffällt, aber, mit\nAusnahme des genannten Tones, etwas sehr Angenehmes\nhat. Sie trug die beiden Arien Nr. 5 aus Es-dur „ Und\nFrösche ohne Zahl\", die sonst auch wohl von Bassisten\ngesungen wird, und Nr. 34 aus E-dur „Bringe sie hin-\nein\" ganz vortrefflich vor; namentlich bot die letztere einen\nwahren Kunstgenuss dar und wurde gerufen, was\ndem Publicum eben so wie der Sängerin zur Ehre ge-\nreichte. Auch in dem Duett Nr. 32 mit Roger war\nsie vorzüglich.\nFräulein Ney sah sich in die unangenehme Lage ver-\nsetzt, vor einem so zahlreich versammelten Publicum in\neinem fremden Lande zuerst in einer Partie auftreten zu\nmüssen, welche sie während der ganzen ersten Hälfte des\nAbends zum Schweigen verurtheilte, dann nicht einmal mit\neinem Solo, sondern mit einem Duett begann, und über-\nhaupt, mit Ausnahme der wenigen Töne am Schlüsse, ihrer\nEigentümlichkeit gar nicht zusagte. Sie hätte dieselbe gar\nnicht übernehmen sollen. Jenny Ney gehört unbedingt zu\nden grössten Sängerinnen der Gegenwart, das hat sie auch\nbei dem rotterdamer Musikfest am zweiten und dritten\nTage vollkommen bewiesen, während man ihr am ersten\nallerdings die Unbehaglichkeit und Unsicherheit, mit welcher\nsie sich in den Händel'schen Formen bewegte, sehr deut-\nlich anmerkte. Das Duett Nr. 19 aus A-moll „Der Herr\nist mein Heil und mein Lied\", ursprünglich für zwei Te-\nnöre geschrieben, als Composition eine gute zweistimmige\nArbeit, aber von ausgezeichnetem Zopf, misslang gänzlich,\nund zwar nicht bloss dadurch, dass ein verkehrt gebunde-\nnes Blatt in dem Ciavierauszug, aus dem Fräulein Ney sang,\nein Abbrechen und Vonvornanfangen veranlasste, sondern,\nweil kein rechtes Ineinander der beiden Stimmen (Frau Of-\nfermans zweiter Sopran), keine gegenseitige Rücksicht,\nkeine Harmonie vorhanden war. Frau Offermans gebührt\ndie Anerkennung, dass sie sich auch hier, wie schon bei so\nvielen grossen Aufführungen in ihrem Vaterlande, als eine\nunzerstörbar feste Oratorien-Sängerin bewährte. Ihre\nStimme ist etwas schärfer geworden, und der Timbre der-\nselben passt namentlich nicht zu der Stimme der Ney.\nIn der Arie Nr. 29 aus Es-dur „Aber du liessest\nwehn\" entfaltete Fräulein Nev ihre schönen Mittel schon\nmehr; wenn sie Tact 15 zwei Achtel für Sechszehntel\nnahm und dadurch den Tact um ein Achtel verkürzte, so\nwar es uns und jedem routinirten Dirigenten unbegreiflich,\ndass, da das ganze übrige Orchester in diesem Tact pausirt\nund nur die zwei Oboen die Terz und aushalten, der"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "236", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540729-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1879, "texte": "Dirigent und das Orchester nicht mit der Sängerin gin-\ngen! Dasselbe fand in den Jahreszeiten bei der ersten\nArie Rogers Statt; bei einem Dirigenten, der die Schule\nam Theaterpult durchgemacht, wäre Roger schwerlich\nherausgekommen. Wenn Alles niet- und nagelfest ist und\ndie Maschine von selbst geht, ist es freilich keine Kunst, zu\ndirigiren. In der letzten Nummer schwang sich in den we-\nnigen Tönen der Mirjam: „Singet unserm Gott u. s. w.\"\nder wundervolle Klang des mächtigen Soprans der Ney\nsiegreich empor.\nRoger stand in dem Oratorium auch nicht auf dem\ngewohnten und ihm zusagenden Boden und hat sicher lie-\nber mit Mehul's Joseph in Aegypten als mit Händers Israel\nin Aegypten zu thun. Der Vortrag der Arie Nr. 28 G-dur\n„So dachte der Feind\" konnte uns nicht befriedigen,\nwiderlegte aber auf glänzende Weise das Gerede von der\nAbnahme der Stimme dieses grossen Sängers. In dem\nDuett Nr. 32 D-moll mit Miss Dolby traten die Vorzüge\ndesselben schon leuchtender hervor, seine Leistung darin\nstand höher als die der Mitsängerin, der rauschende Bei-\nfall war vollkommen verdient. Hätte er aber auch nichts\nweiter gesungen, als die beiden Recitative Nr. 36 und 37,\nso würde der wunderbar schöne Vortrag dieser wenigen\nZeilen allein hinreichen, sein Recht auf die hohe Ruhmes-\nstelle, die er einnimmt, zu beweisen.\nPischek und Formes hatten ausser dem Duett\nNr. 22 in A-dur,in welchem sie Pharao's Heer und alle\nStimmen der gewöhnlichen Menschenkinder aul Erden todt-\nschlugen und in das Grab der Wellen ihrer ungeheuren\nBasstöne versenkten, nichts zu thun; dafür mussten sie es\naber auch zwei Mal singen das Publicum wollte auch\nseinen Theil an der Handlung haben und stellte den Sturm\nauf dem rothen Meere in einem Beifallsgewitter ganz vor-\ntrefflich dar. SJeber die beiden berühmten Sänger werden\nwir in dem folgenden Artikel Gelegenheit haben, ausführ-\nlicher zu sprechen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-07-29-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-07-29_01#c002", "volume": "bmtnabi_1854-07-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "236", "page_fin": "238", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540729-01.2.2", "titre_corps": "Pariser Briefe.", "titre_sommaire": "Pariser Briefe.", "signature_source": "B. 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Du wirst mir aber\nerlassen, ihr Fabricat zu mustern, zumal da die meisten\nArbeiter, Julius Schul hoff etwa ausgenommen, in kei-\nner Hinsicht Seide dabei gesponnen haben.\nSchulhofT hat drei öfTentliche Concerte gegeben. Das\nUrtheil über ihn als Virtuosen vereinigt sich so ziemlich da-\nhin, dass seine ausserordentliche Technik zu bewundern ist,\ndass man aber Geist, Phantasie, Seele, mit Einem Worte\nPoesie in seinem Spiele vermisst. Er hat zwei Mal seine\nSonate in F-mollgespielt, eine Composition, welche mit\nAnsprüchen auftritt, sie aber nur zum Theil befriedigt.\nDoch will ich nicht läugnen, dass es immer erfreulich ist,\nwenn ein Pianist von Schulhoffs Farbe eine so ernste Nei-\ngung zeigt und der Jungfrau Sonate huldigt, während er\nsonst nur gewohnt ist, mit frivolen Coquetten sich in spa-\nnischen Serenaden, italiänischen Tarantellen, Barcarolen,\nböhmischen Capricen, russischer Sehnsucht nach Kiew u. s.\nw. herumzutreiben. Seine Reduction der Oberon-Ouver-\nture auf die Mittel der Claviatur bewies eben nur, dass\ndiese Mittel unzulänglich sind lür den erforderlichen Aus-\ndruck, und dass ein solches Musikstück doch eigentlich zu\ngut ist, um als blosser Prüfstein der Kunstfertigkeit her-\nhalten zu müssen.\nVon anderen Pianisten, welche mein Register [siehe\nNr. 18] vermehren, will ich nur Bergson aus Polen,\nVilanova aus Alt-Gastilien erwähnen, weil sie, wie du\nsiehst, weit her sind. Der Pole soll nach hiesigen Reclamen\nin Italien und Deutschland [??] durch Opern-Compositionen\nRuf erworben haben; der Spanier treibt die Virtuosität der\nFinger-Verrenkungen in seinen Quarten- und Sexten-Etu-\nden so weit, dass einem die Haare zu Berge stehen und\nman von Herzen in die Antwort jenes Laien einstimmt,\nder einem Kenner auf den Ausruf: „Gott, wenn Sie wüss-\nten, wie schwer das ist!1 erwiderte: „ Ich wollte, es wäre\nunmöglich!\"\nVon Orchester-Goncerten ist im Mai nichts, was von\neiniger Bedeutung wäre, vorgekommen, wenn man nicht\ndem Concerte der „Philharmonischen Gesellschaft\", weil\nes das 1 7 4ste war, das dieser gemüthliche Bürger-Verein\ngab, eine solche zuerkennen will. Die Mitglieder desselben\nsind Kaufleute und Handlungsbeflissene, Dilettanten von\nallerlei Caliber, deren ursprünglicher Zweck war, Ouver-\ntüren französischer Meister aufzuführen. Diese sind auch"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "237", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540729-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5095, "texte": "jetzt noch die Hauptsache, wie denn in dem erwähnten Con-\ncerte die Ouvertüren zu Joseph von Mehul, zur Caravane\nvon Gretry und zur Weissen Dame von Boieldieu gespielt\nwurden. Allein nach und nach der Verein zählt schon\nseine 30 Jahre verstieg man sich auch zu anderer Mu-\nsik, und die ältesten Zöglinge des Conservatoires und auch\neinzelner Professoren finden hier eine schöne Gelegenheit,\nsich in Vorträgen zu versuchen und zu lernen, dem Publi-\ncum ins Auge zu schauen. Ein solches Institut, wenn auch\nohne eigentlich künstlerische Bedeutung, hat doch seinen\nNutzen, zumal der gegenwärtige Dirigent, Herr Roussette,\nden Geschmack der Zuhörer auf gute Musik hinzuleiten\nversteht.\nEin Curiosum darf ich aber nicht übergehen, dessen\nAnkündigungs-Zettel die furchtbaren biblischen Drohworte\nMene Tekel Phares in grossen Buchstaben oben an zeigte,\ndie etwas weiter unten durch: „Die Jaden in Babylon, eine\nSinfonie in drei Sätzen mit Soli und Chören\" ihre\nErklärung fanden. Der muthvolle Componist nennt sich\nJ. Hassenhut und ist aus Ungarn, seiner Heimat, hieher\ngekommen, um seinen Stern neben dem Stern des Nordens\nO *\nleuchten zu lassen. Nun, kein Prophet gilt etwas in seinem\nVaterlande ich bin aber bange, dass auch in Paris bei die-\nser ganzen Geschichte von keinem anderen Propheten die\nRede sein wird, als vom Daniel. Der Trost bleibt dem\nedlen Ungarn, der wenigstens die Tugend hat, dass er\nnicht auf den Ruf einer verbannten politischen Grösse, son-\ndern nur auf den Pass eines verkannten Genies reis't, dass\ner die Gleichgültigkeit des Publicums und das Kopfschütteln\nder unreifen Zeitgenossen mit H. Berlioz theilt. Wer wird\naber auch für die Vorführung solcher Musik, welche durch\nPlan- und Formlosigkeit und groteske Rahmen-Einfas-\nsung den offenbaren Fortschritt bekundet, den pariser Bo-\nden wählen? Nach Leipzig, lieber Herr Hassenhut, müssen\nSie mit Ihrem Balthasar und Ihrem Hymnus an die Venus\nsehen, damit die Ihrige der Tannhäuser'schen die Hand\no 7 C\nreiche, und Sie sollen sehen, es geht gut. Als Ungar kann\nes Ihnen in dortiger Gegend auch nicht an Protection feh-\nlen. Leben Sie wohl!\nEine erhebende, nur etwas zu lange dauernde Feier-\nlichkeit fand am 26. Mai in der Kirche St. Eustache Statt,\ndie Einweihung der neuen grossen Orgel. Im Jahre 1844\nentstand Brand im Innern dieser Kirche, und das Feuer\nverzehrte die Orgel; die Kosten für den Bau der neuen\nsind durch die Bemühungen der Pfarrer und der Mitglieder\nder Gemeinde durch eine Lotterie und Zuschüsse von Sei-\nten der Stadt und des Staates aufgebracht worden. Die\nOrgel ist eine der grössten, die in neueren Zeiten gebaut\nwurden; sie hat ein Principal von 32 Fuss und 4 Manuale,\nund eine Menge von Stimmen, welche sich durch Fülle des\nTones und namentlich durch die Verschiedenheit der Klang-\nfarbe sehr vorteilhaft auszeichnen. Ich bin zu wenig Ken-\nner, um in das Einzelne eingehen zu können; ich kann nur\nsagen, dass das volle Werk sowohl als die Combination\neinzelner Register einen ausserordentlichen Eindruck auf\nmich gemacht hat. Die meisten Vorträge waren Herrn\nLern mens, Organisten aus Brüssel, übertragen worden;\ner spielte 7■— B Nummern (am meisten sprach der letzte\nSatz aus Mendelssohn's erster Orgel-Sonate und die E-moll-\nFuge von Bach an) und gab zuletzt noch eine freie Phan-\ntasie das war des Guten zu viel! Von den hiesigen\nOrganisten spielten die Herren Cavallo, Bazille und\nFranck; der ersten Improvisation von Cavallo gebührte\nunstreitig der Preis vor allen Productionen des Tages. Ein\nzahlreicher Chor sang ein S von Cherubini\nu. s. w.; als Solisten wirkten Fräul. Duprez und Herr Ba-\ntaille von der komischen Oper mit. Die Sammlung brachte\n7000 Francs ein. Die ganze Kirche ist grösstentheils\nrestaurirt, und wird es noch gegenwärtig; sie lag bisher\nsehr versteckt, die Abbrechung der Strasse hat ihr\nbereits viel Licht verschafft; man geht aber damit um, auch\ndie Strassen, welche das schöne Denkmal alter Baukunst\nauf den anderen Seiten noch verdunkeln, ebenfalls nieder-\nzureissen. Ein wahres Kunstwerk ist das Gehäuse der\nneuen Orgel.\nDass Paris mit allen seinen musicalischen Kräften keine\neigentlich grossen, ich meine musikfestartigen Aufführungen\nzu Stande bringen kann, ist eine bekannte Sache. Die Zei-\nten, wo Haydn's Schöpfung hier von 250 Sängern im\nOpernhause aufgeführt wurde, sind längst vorbei. Das war\nam 24.December des Jahres 1800. Ich will nicht fragen:\nwo sind jetzt die Künstler in Paris zu finden, welche, wie\ndie damaligen, eine goldene Medaille auf die Composition\neines Meisterwerkes schlagen lassen und sie dem Tondich-\nter mit einem begeisterten Schreiben übersenden würden:\nich will nur fragen: „Wo sind gegenwärtig hier die Künst-\nler zu finden, die daran zu denken wagen, ein neues Ora-\ntorienwerk, oder auch ein altes, nur zur Aufführung zu\nbringen?\" Wenn das aber nicht möglich ist, was faselt man\ndenn in die Welt hinein von dem Segen der Centralisation\nfür die Kunst? Nur dadurch, dass es sich aus den Banden\ndieser Centralisation zu befreien sucht, kann Frankreich\ndie Bahn mit Glück betreten, auf welcher Deutschland ihm\nso weit voraus geeilt ist."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "238", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540729-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4847, "texte": "Und ein solches Streben regt sich allerdings. Voran\ngeht dabei die Stadt Strassburg, in welcher auch für\nTonkunst der deutsche Geist und der deutsche Sinn noch\neben so wenig erstorben ist, als für Sprache und Literatur.\nDer Organist Stern an der dortigen neuen protestanti-\nschen Kirche hat einen Gesang-Verein für Kirchen-Musik\ngegründet, welcher vor zwei Jahren Mendelssohn's\nElias mit vollständigem Orchester unter Leitung des tüch-\ntigen Musik-Directors Reiter aufführte und jetzt, am 19.\nMai dieses Jahres, eine eben so grossartige Aufführung des\nPaulus veranstaltet hat. Der Verein singt stets nur deut-\nschen Text.\nAber auch im innersten Frankreich hat sich eine mu-\nsicalische Gesellschaft gebildet, welche Oratorien, und zwar\nganz und unverstümmelt, aufführt. Die sechs Departements\nder Ober- und Nieder-Charente, der Ober- und Nieder-\nVienne, der Vendee und der haben einen\nVerein gestiftet, der bereits vier Jahre besteht. Er hat in\nNiort Haydn's Schöpfung, inLaßochelle Mendels-\nsohn's Paulus, in Angouleme Beethoven's Christus\nam Oelberge (mit italiänischem Texte die beiden an-\nderen Oratorien mit französischem) aufgeführt, und sein\ndiesjähriges Musikfest fand wiederum zu Niort am 26.,\n27. und 28. Juni Statt. Das Programm war folgendes:\nAm ersten Tage: 1) Choral aus der Passion von J. S.\nBach; 2) Die Jahreszeiten von Haydn. Am zweiten\nTage: l) Sinfonia eroica von Beethoven; 2) Ouvertüre\nzu Oberon von C. M. von Weber; 3) Finale des dritten\nActes der Jüdin von Haievy; 4) Finale des zweiten Actes\naus Wilhelm Teil von Rossini. Am dritten Tage fanden\nWettstreite in Männergesang und in Harmonie-Musik Statt.\nDie Stadt Niort hat zuerst die Anregung zu derglei-\nchen musicalischen Festen gegeben und in ihr ein tüchtiger\nMusiker, Namens Beaulieu, welcher auch dieses Mal die\nJahreszeiten, die Beethoven'sche Sinfonie und die Oberon-\nOuverture dirigirte.\nNach dem Vorgange dieses\nhaben sich auch in Bordeaux, Nantes, Rouen ähn-\nliche Vereine gebildet, die sich jedoch in den Programmen\nihrer diesjährigen Feste noch nicht zu Aufführungen gros-\nser classischer Werke erhoben haben. Doch sind in Rouen\n400 Sänger und Instrumentalisten vereinigt gewesen; die\nHauptsache war aber die Aufführung einer patriotischen\nGelegenheits-Cantate „France et Anglelerre\". Am grossar-\ntigsten, was die Quantität betrifft, war am 29. Mai das\nerste Musikfest zu Bordeaux, wo über 800 Mitwirkende\neine Zuhörerschaft von vielen Tausenden hatten. Allein\nAusser den Ouvertüren von Mendelssohn zur Athalia, von\nSpontini zu Nurmahal, Meyerbeer zum und\nWeber's Jubel-Ouverture wurden nur Bruchstücke aus\nOratorien und Opern bunt durch einander gemacht, darun-\nter mehrere Chöre aus der Schöpfung und den Jahreszei-\nten, einer sogar aus Händel's Messias, daneben Berlioz'\nTuba mirum und ein Finale aus Verdi's Ernani und, ohne\nzu erröthen, ein Adoramusvon Palestrina, nebst Bravour-\nArien der Madame Cabel aus Sonnambula, Bijou perdu,\nDemon de la Nuitü Dagegen wurde Mitte Juni in\nMarseille Mozart's Requiem vollständig von 150 Sän-\ngern und 100 Instrumentalisten unter der Direction von\nHasselmans in der Josephskirche aufgeführt.\nDas sind alles Anfänge einer musicalischen Bewegung,\nwelche dem Monopol der Pariser sehr gefährlich, der Kunst\naber recht erspriesslich werden kann. Bemerkenswerth\nist auch, dass in Marseille gar keine und in Niort nur we-\nnige Solisten aus Paris mitgewirkt haben. Auch die Män-\nnergesang-Feste beginnen Platz zu greifen; in Me-\nlun waren am Sonntag den 3. Juli nicht weniger als 56\nVereine versammelt, wovon 18 jedoch Harmonie- oder\nRegiments-Musik-Corps waren. An eine künstlerische Be-\ndeutung dieser Sängerfeste, an denen übrigens die städti-\nschen und die Staats-Behörden stets fördernd Theil neh-\nmen, ist freilich noch nicht zu denken; aber in einem Lande\nwie Frankreich, wo allen Provinzen das Bisschen musicali-\nsche Nahrung, was ihnen wurde, seit einem Jahrhundert\nund länger nur in gnädiger Huld von Paris aus zugewor-\nfen wurde, trägt alles dies zur Erhebung der Departements\ngegen die Centralisation in der Hauptstadt bei.\nKehren wir zu dieser zurück, so finden wir, um auf\ndie Theater zu kommen, die italiänische Oper geschlossen\nund die grosse Oper durch das Einschreiten des Kaisers\neinmal wieder vom Bankerott gerettet. Die Italiäner haben\nsich dieses Jahr so hingeläppert, wie man in Berlin sagt;\nNeues haben sie gar nichts gebracht, wohl aber 16 wohl-\nbekannte alte Opern, mit wohlbekannten alten Künstlern\nbesetzt, gegeben. Ausser dem der es doch\nauf sieben Aufführungen gebracht hat, figuriren Rossini's\nBarbier 14 und Bellini's Puritaner 11 Mal (!) auf dem\nRepertoire, Rossini überhaupt 37 Mal, Bellini 24, Donf-\nzetti 15, Verdi mit dem Ernani 6 Mal. Wie lange wird\nsich noch das hochgebildete (?) Publicum dieses Theaters\nin der alten Wiege für sein theures Geld schaukeln lassen?\n(Schluss folgt.)\n\nB. P."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-07-29-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-07-29_01#c003", "volume": "bmtnabi_1854-07-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "239", "page_fin": "239", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540729-01.2.3", "titre_corps": "Aus Düsseldorf.", "titre_sommaire": "Aus Düsseldorf.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "239", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540729-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4446, "texte": "Aus Düsseldorf.\nAm 20. Juli gab der „Allgemeine Musik-Verein\" ein\nConcert zum Besten des Herrn Julius Tausch im\nGeisler'schen Saale. Es begann mit einer neuen Ouver-\ntüre {C-moll)von Jul. Tausch, welche nach einer ruhi-\ngen, kurzen Einleitung in ein schwungvolles Allegro über-\ngeht. Die Ouvertüre hat schöne Motive, ist flüssig gearbei-\ntet und gut instrumentirt. Ein rüstiges „Vorwärts\" ist bei\nHerrn Tausch unverkennbar, wenn auch hier und da\nSchumann, Mendelssohn und Weber als Vorbilder durch-\nblicken, was uns aber lieber ist als origineller Unsinn. Leb-\nhafter Beifall lohnte dem Componisten. Hierauf folgten zwei\nMännerchöre von Schumann undW'eber, von Schu-\nmann der reizende Chor „Bin in den Wald gegangen\" aus\n„Der Rose Pilgerfahrt\". Wie Waldbachs-Rieseln, wie Wal-\ndesduft ziehen diese Töne dem Ohre vorbei; aufjauchzen\nmöchte man vor Lust und welches Weh ergreift das\nHerz, wenn man bedenkt, dass der gewaltige Geist, der sie\ngeschaffen, in des Irrsinns fürchterliche Nacht gebannt ist!\nDieses Gefühl wird noch lange nachhallen und uns zu kei-\nnem ungetrübten Genüsse der SchumannVhen Werke\nkommen lassen; unwillkürlich muss man des Schöpfers ge-\ndenken, der uns durch seine hiesige Stellung so eng ver-\nbunden und den wir nun so schmerzlich vermissen. We-\nber's frischer Chor aus Euryanthe, „Die Thale dampfen\",\nkonnte die Stimmung nicht verwischen, und beide Stücke\nwurden mit stiller Anerkennung hingenommen, fast wie ein\nToast auf einen Todten.\nFräul. Natalie Eschborn sang die Arie „Höre,\nIsrael\", aus Elias von Mendelssohn und brachte das\nPublicum durch ihren herrlichen Vortrag wieder zur lauten\nFreude zurück. Diese junge Dame ist mit einer umfang-\nreichen, schönen und vortrefflich gebildeten Stimme begabt.\nSie besitzt Seele und Leidenschaft in ihrem Vortrage, hat\neine schöne Tonbildung, leichte Ansprache des Tones und\nklare Aussprache des Textes. Den zweiten Theil der Arie,\nAllegro maestoso, hätten wir etwas lebhafter gewünscht, der\nVortrag würde nur gewonnen haben. Hierbei wollen wir\nnicht unterlassen, Fräul. Eschborn auf den Fehler eines\nimmerwährend schluchzenden Athemnehmens aufmerk-\nsam zu machen; in Stellen der Leidenschaft oder überhaupt\nder Affecte mag das hingehen, jedoch überall angebracht,\nklingt es krankhaft. Noch ganz besonders erfreute uns\nFräul. Eschborn mit der auf dem Programm nicht ange-\nführten Arie aus Mozart's Entführung: „Ach, ich liebte,\nwar so glücklich\", welche sie ganz vortrefflich sang und\nsich als würdige Tochter der einst in diesen Partieen so\ngefeierten Mutter zeigte. Die Läufe wurden mit einer be-\nwundernswürdigen Klarheit ausgeführt, was bei der hohen\nLage dieser Arie keine Kleinigkeit ist. Die Triller könnten\nmit noch mehr Leichtigkeit ausgeführt werden, was einer\nDame leicht zu erreichen sein wird, die schon auf einer so\nhohen Stufe der Ausbildung steht. Der lebhafteste Beifall,\nund zwar ein wohlverdienter, wurde ihren trefflichen Kunst-\nleistungen zu Theil.\nZwischen diesen beiden Arien trug Herr Tausch\nBeethoven's C-moll-Concert mit guter Technik und\nvortrefflicher Auffassung vor. Die grosse Hitze und die\nschon ohnedies etwas lange Dauer der ersten Abtheilung\ndes Concertes mochte wohl die Veranlassung sein, dass er\nkeine freien Cadenzen hinzufügte.\nDen zweiten und schwächsten Theil bildete Gade's\n„Comala\". Das Orchester, welches schon in der ersten\nAbtheilung etwas stark auftrug, machte besonders den\nSolo-Gesang in diesem Werke stellenweise ganz wirkungs-\nlos. Sollte dieses nicht mit am Dirigenten gelegen haben?\nDas Werk ist ohnehin stark instrumentirt, und soll der\nSänger nicht monoton im Vortrage werden, wozu auch die\nComposition selbst verführt, so muss sich das Orchester\num so mehr massigen bei den Pianostellen des Sängers.\nDie Comala wurde von Fräul. Eschborn zum Theil\nrecht brav vorgetragen, obwohl nicht zu läugnen, dass\nFräul. Hartmann, welche früher die Partie hier gesun-\ngen, in einige Stellen mehr Ausdruck zu legen wusste.\nFingal wurde von einem hiesigen schätzenswerthen Di-\nlettanten gesungen und besonders der Schluss so vortreff-\nlich, wie man es eben von einem Manne erwarten kann,\nder gediegene Gesang-Studien gemacht. Von den Chören\nwill ich lieber nicht reden, sie sind jetzt Düsseldorfs\nschwächster Theil. Es soll dies kein Vorwurf für den Di-\nrigenten sein: es liegt eben in den zufälligen Umständen.\nDie besten Kräfte hat uns Hymen entführt, möge sich Cä-\ncilia unser bald erbarmen, und Orpheus uns nicht minder\ngnädig sein!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-07-29-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-07-29_01#c004", "volume": "bmtnabi_1854-07-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "239", "page_fin": "240", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540729-01.2.4", "titre_corps": "Musikiest in Elberfeld.", "titre_sommaire": "Musikiest in Elberfeld.", "signature_source": "X", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "239", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540729-01.1.7", "debut_caractere": 4448, "fin_caractere_exclue": 5148, "texte": "Musikiest in Elberfeld.\n\nDas Musikfest zu Elberfeld, welches fast gleichzeitig mit dem\nzu Rotterdam an zwei Abenden hinter einander Statt hatte (am 10.\nund 17. d. Mts.), konnte sich an Grossartigkeit der Mittel mit dem\nholländischen nicht messen, doch hatte man auch hier alles Mög-\nliche gethan, um zu der Gediegenheit einheimischer lind benach-\nbarter künstlerischer Kräfte einigen ausländischen und anlockenden\nGlanz hinzuzufügen. Man hatte für die Solo-Partie Fräul. Natalie\nEschborn aus Stuttgart und die Herren Kindermann aus\nMünchen und Schneider (Tenor) aus Leipzig gewonnen. Das\nOrchester war durch die Herren Hartmann, Pixis, Peters,\nDerckum, Gebrüder Breuer u. A. aus Köln, so wie der Chor"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "240", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540729-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5674, "texte": "durch treffliche Dilettanten aus Barmen und Köln verstärkt worden.\nHerr Schornstein, der neue, an seines Vaters Stelle gewählte\nMusik-Director, hat sich durch Anordnung und Leitung des Ganzen\neinen ehrenvollen Namen als Dirigent gesichert. Die Aufführung\nder Jahreszeiten am ersten Abend war hinsichtlich der Prä-\ncision der Chöre, des Zusammenwirkens von Orchester und Solo\neine durchaus frische und abgerundete Leistung; das einzige kleine\nVersehen des Solosängers in der ersten Bass-Arie wurde durch die\nGeistesgegenwart des Dirigenten und Orchesteiiührers glücklichst\nparirt. Obgleich am Rheine guter Chorgesang zu Hause ist, so\nmögen wir es doch nicht als selbstverständlich übergehen, wenn\nwie in Elberfeld die Chöre mit so warmer Begeisterung und frischer\nKraft gesungen worden sind; gerade diese kleineren, vortrefflichen\nLeistungen führen immer darauf zurück, dass nicht in der kolossa-\nlen Masse, sondern in dem richtigen Verhältnisse zwischen Raum\nund Tonkraft, in der Vollkommenheit der Ausführung der Schwer-\npunkt für die Musikfeste festzuhalten ist. Nicht der Zusammcnfluss\nglanzvoller Persönlichkeiten, sondern die gemeinsame Freude an\neinem Kunstwerke hat die Musikfeste gebildet und wird sie allein\nauf die Dauer halten können. Am Morgen des ersten Concert-Tages\nüberraschte das kölner Streich-Quartett durch einen improvisirten\nVortrag zweier Quartette von Mozart und Beethoven, welche bei\nmagischem Halbdunkel in dem akustisch-schönen Casinosaale von\nganz ausserordentlicher Wirkung waren. Die Leistungen der Solo-\nsänger im Oratorium waren im Ganzen befriedigend; zwar ent-\nspricht Herr Kindermann nicht dem bedeutenden, nach Elberfeld\nihm vorangegangenen Rufe, denn evr weiss seine schönen Stimm-\nmittel nicht immer mit künstlerischem Geiste zu beleben: sein Vor-\ntrag ist etwas trocken und entbehrt der Grazie, doch hat er sich\nwenigstens nicht so ausserordentliche Effecthaschereien zu Schulden\nkommen lassen, wie einer seiner berühmten Collegen aus Süd-\ndeutschland. Dagegen machte man in Herrn Schneider die Be-\nkanntschaft eines höchst angenehmen Gesang-Talentes; seine Stimme\nist weich, hat einen edeln Klang, und die Benutzung derselben\nverräth durchaus einen fein fühlenden, gebildeten Menschen und\neinen Musiker von gutem Geschmack und tüchtigem Streben.\nFräul. Eschborn hat ihre letzte Ausbildung in Italien erhalten.\nVon der Natur mit lieblicher und graziöser Stimme begabt, und\nangeregt von dem, was sie in fremden Landen gehört, möchte sie\nvielleicht in Gefahr gerathen, den Ausdruck des Gefühls, dessen sie\nin schöner Weise fähig ist, hinter die glänzenden und verlocken-\nden Künste des Effectes zurücktreten zu lassen, hätte sie nicht in\nder Erziehung ihres Vaters eine gute Beigabe deutschen Ge-\nschmacks bekommen, dessen sorgsamste Pflege ihr diejenigen wün-\nschen, die sich an ihrem schönen Talente erfreuen. Unterstützt\ndurch eine angenehme Persönlichkeit, war sie in der Thal ein\nhöchst anmuthiges Hannchen, der man in ihrer Schilderung des\nLandlebens, ihrer Liebe und ihres Glückes mit Vergnügen folgen\nkonnte. ln den Ensembles gingen die Solostimmen vortrefflich\nzusammen, namentlich war bei dem in schöner Wechselwirkung\nstehenden Timbre der Tenor- und Sopranstimme das Duett von\nreizender Wirkung.\nAm zweiten Abend war in der Anordnung und Wahl des Pro-\ngramms dem subjectivcn Geschmack der Künstler ein wenig mehr,\nals es im Interesse des Ganzen war, nachgegeben worden. Wir\nrechnen dahin die Arie aus Torquato Tasso, einige baierische\nVolkslieder, Beides vorgetragen von Fräul. Eschborn, von denen\nnamentlich das letztere mehr dem engen Familienkreise („Mädel,\nruck-ruck-ruck an meine grüne Seite\" unglaublich, aber wahr!)\nals dem öffentlichen Vortrage beim Musikfeste angehören dürfte;\neben so die Wahl eines Verdi'schcn Motivs zu einer Phantasie\niür Violine. Glänzende Auszeichnung und verdiente An-\nerkennung fand Herr Fr an ck aus Köln nach dem vollendeten\nVortrage des Mendelssohn'schen G-wo//-Concertes; sein feines, zu\nkünstlerischem Ebenmaass glücklich hindurch gedrungenes Spiel,\nan dem sich Herz und Kopf des'llörers erfreut, tritt bei jeder Ge-\nlegenheit in gewinnendster Weise an den Tag. Die Wahl des\nVieuxtemps'schen Concertes in E< so wie die Stellung desselben im\nProgramm (die siebente Nummer in ununterbrochener Folge bei\nbedeutender Hitze), that der vollen Wirkung des glänzenden und\nfein nuancirten Spieles des Herrn Pixis aus Köln zwar einigen\nEintrag, doch fanden seine anerkannten Vorzüge, Eleganz, Reinheit-\nGrazie der Auffassung, den lebhaftesten Beifall.,\nDem Vortrage der Arie des Grafen aus Figaro, so wie des Mönches\nvon Meyerbeer durch Hrn. Kindermann vermochten wir weniger Ge-\nschmack abzugewinnen, namentlich war die erste zu breit und mas-\nsiv für einen spanischen Grafen im Mozart'schcn Costume; dagegen\nerfreute Herr Schneider durch eine edle und fein empfundene Aus-\nführung der Adelaide und der Pylades-Arie von Gluck. Diese Mu-\nsikstücke waren eingefasst in den Rahmen der Euryanthe-Ouver-\nture, der Concert-Ouverture von Julius Rietz und des 114. Psalmes\nfür achtstimmigen Chor und Orchester von Mendelssohn, alle drei\nin präciser und glücklicher Ausführung, und wurden vom Publi-\ncum mit lebhaftester Theilnahme aufgenommen; die Ausführenden\nerhielten die üblichen Ovationen von Blumensträussen, der treff-\nliche Dirigent einen Kranz, dem er sich vergebens zu entziehen\nbemühte. Die heitere Stimmung wurde eben so sehr durch die\ngünstige Lage des Concert-Locales, die herrliche Aussicht von der\nTerrasse, durch die glückliche Gestaltung des Wetters und das lie-\nbenswürdige und zuvorkommende Betragen der Elberfelder gegen\ndie Gäste erhöht und bis zum Schlüsse des Festes erhalten.\n\nX."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-07-29-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-07-29_01#c005", "volume": "bmtnabi_1854-07-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "240", "page_fin": "240", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540729-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "240", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540729-01.1.8", "debut_caractere": 5676, "fin_caractere_exclue": 6494, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMo tu. In dieser und der vergangenen Woche haben wir viele\nbedeutende Tonkünstler, thcils auf der Durchreise, theils bei län-\ngerem Aufenthalt, in unseren Mauern begrüsst, wie die Herren\nPanofka und Gouvy aus Paris, Marschner aus Hannover,\nRitter aus Magdeburg, F. Commer und H. Dorn aus Berlin,\nLiszt aus Weimar dazu den trefflichen Dichter AI fr. Meiss-\nner aus Prag.\nMeyerbeer's „Stern des Nordens'4 hat schon über 60 Vor-\nstellungen erlebt. Der Clavierauszng, welcher im Mai heraus kam,\nwar in Paris in den ersten acht Tagen vergriffen und musste neu\ngedruckt werden.\nIn Paris hat der Pfarrer der Kirche Notre Dame de Loretto in\ndem Marien-Monat an vier Wochentagen Kirchenmusik für Ge-\nsang und Orchester-Begleitung eingeführt, welche Herr Lütgen,\nunser kölner Landsmann, dirigirt."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "233", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540729-01.1.1", "texte": "Das Musikfest zu Rotterdam.\nII.\nWenn es bei einem Musikfeste vor allen Dingen auf\ndas Programm desselben ankommt, so muss man dem Fest-\nComite das Zeugniss geben, dass es eine sehr gute Wahl\nder aufzuführenden Werke getroffen hatte. Iländel's\nIsrael in Aegypten, Haydn's Jahreszeiten, Beethoven s\nneunte Sinfonie waren wahrlich geeignet, ein musicalisches\nJubelfest zu verherrlichen. Dass man eine Fest-Ouver-\nture von W. llutschenruyter und einen Psalm von\nJ. J. H. Verhülst dazu genommen, war ganz in der\nOrdnung.\nMit der genannten Ouvertüre begann die Aufführung\nam ersten Tage, den 13. Juli, Abends 7 Uhr. Sie wurde\nvom Componisten selbst dirigirt und machte durch frische\nMelodie und glänzende Instrumentirung, ohne gerade Aus-\ngezeichnetes zu enthalten, einen guten Eindruck, welcher\nlauten und anhaltenden Beifall hervorrief. Einige Verkür-\nzungen dürften ihre Wirkung erhöhen.\nDarauf folgte Händel's gewaltiges Werk „Israel in\nAegypten\". Zu loben ist vor Allem, dass sowohl dieses\nOratorium als auch Haydn's Jahreszeiten ganz ohne irgend\neine Auslassung, aber auch ohne irgend einen Zusatz, ge-\ngeben wurden. Ueber die Zahl der vereinigten Kräfte ver-\nmögen wir, da leider kein Verzeichniss der Mitwirkenden\ngedruckt worden war, keine genaue Angabe zu machen;\nes mochten zwischen B—9oo Sänger und Instrumentali-\nsten auf der Bühne versammelt sein. Der Druck einer Liste\nder Ausführenden wäre besonders bei einem Jubelfeste\ndurchaus wünschenswerth gewesen. Warum ist er unter-\nblieben? Aus Sparsamkeit schwerlich. Wir hörten den\nVerdacht aussprechen, dass man ihn unterlassen habe, weil\nmanche Dilettanten und Dilettantinnen in Holland ihrem\nStande etwas zu vergeben meinten, wenn sie ihre Namen\npele-mele mit den Namen der Musiker von Fach drucken\nliessen. Kaum glaublich, aber immerhin möglich; denn\nbei aller Gastfreiheit hat doch ein grosser Theil der\nholländischen Mynlieersund Mnoch keinen Begriff\nvon der eigentlichen Würde der Kunst und des Künstlers.\nQuaerenda pecunia primum: artes post nummos!\nSollen wir zuerst über die beiden Hauptgruppen, Chor\nund Orchester, unser Urtheil aussprechen, so müssen wir\ndem Chor den Preis zuerkennen. Er hatte zahlreiche schöne\nund namentlich im Sopran jugendlich frische, überall klang-\nvolle Stimmen, er war kräftig und feurig, dabei vortreff-\nlich einstudirt in allem, was Reinheit, Correctheit und Prä-\ncision betrifft, weniger geschult jedoch in den Nuancen des\nVortrags und dem andauernden Aushalten eines und des-\nselben Tones. Das Orchester war gut, aber keineswegs\nausgezeichnet; bei trefflichen Contrabässen war doch das\nStreich-Quartett nicht kräftig und tonvoll genug, wir ver-\nmissten zuweilen das feste Attakiren mit Einem Strich wie\nEines Mannes, wie wir es bei den rheinischen Musikfesten\ngewohnt sind; die prachtvollen Vorspiele vor einigen Chö-\nren und die Schläge mitten in den Chor hinein waren zu\nmatt, wie z. B. bei Nr. 14: „Aber die Fluten überwäl-\ntigten \", in C-moll, und bei Nr. 17: „ Moses und die Kin-\nder Israel\", C-dur,in welchem letzteren alle die herrlichen\nAccorde, und namentlich die Sechszehntel nach den punk-\ntirten Achteln nicht energisch genug accentuirt wurden.\nWarum die Accordschläge des Ritornells von Nr. 7: „Ha-\ngel statt Regen fiel herab\", durchweg gemacht wur-\nden, begreifen wir nicht. Ob das abwechselnde und\nPiano im Breidenstein'schen Clavier-Auszuge von Händel\nherrührt, wissen wir nicht; jedenfalls müssen die Accorde,\nwenn man Piano und Forte etwa zu modern findet, dem\nCharakter des Stückes nach eher sempre forte als sempre\npiano genommen werden. Dem Sängerchor ist auch noch\ndie gute Aussprache des deutschen Textes nachzurühmen;\nauch trat die Sonderung der Doppel-Chöre gut hervor.\nDie Auffassung dieses Oratoriums als Ganzes ist\nschwierig, weil die unmittelbare Aufeinanderfolge vieler\nChöre leicht eine gewisse Monotonie und Abspannung er-\nzeugt. Es ist daher nothwendig, den charakteristischen Un-\nterschied derselben durch grosse Bestimmtheit der Tempi"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "234", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540729-01.1.2", "texte": "und Schärfe des Rhythmus aus einander zu halten, auf der\nanderen Seite die verbindenden Elemente zwischen man-\nchen aufzufinden und geltend zu machen, wobei in beiden\nFällen auch auf die Folge der Tonarten wohl zu achten ist,\nwelche Händel niemals ohne Beziehungen zu einander wählt.\nEs können daher die längeren oder kürzeren Pausen zwi-\nschen den einzelnen Nummern durchaus nicht willkürlich\nseilt, sondern sie werden durch die ästhetisch-musicalische\nBetrachtung geboten. In Hinsicht auf alles dieses liess die\nAufführung Manches zu wünschen übrig.\nSo gehören z. B. die Chöre Nr. 6 (Die Fliegen und\nHeuschrecken), 7 (Hagel und Feuer), 8 (Dicke Finsterniss),\n9 (Er schlug alle Erstgeburt) und 10 (Er führte sie aus)\nzusammen in Einen Rahmen. Nur nach Nr. 6 B-dur ist\neine kleine Pause von etwa einem halben Tacte zu gestat-\nten, die übrigen müssen sich eng an einander schliessen\nund nur die vorgeschriebenen Pausen zur Geltung kommen\nlassen. Man sieht ja klar, dass zwischen dem C-c/wr-Scliluss\nvon Nr. 7 und dem Anfang von Nr. 8, der aus C-dur\nwundervoll wieder nach C-duYpräludirt, keine Pause\ngeschweige denn ein langer Abschnitt, wie es hier geschah\nStatt finden darf, dass ferner der recitativische Schluss\nvon Nr. 8 in E-dur das unmittelbare Einfallen des A-moll\nvon Nr. 9 gebieterisch fordert, und dass der Eindruck des\nsiegreich auflodernden D-dur in den sieben ersten Tacten\nvon Nr. 10, aus welchem Händel erst im achten Tacte\nnach der Haupt-Tonart G-dur geht, nur durch die unmit-\ntelbare Folge auf den Ä-moll-Sch\\usvon Nr. 9 seine volle\nBedeutung gewinnt.\nDer Chor Nr. 11 steht für sich allein, muss also durch\nkleine Ruhepunkte von dem vorhergehenden und dem fol-\ngenden getrennt werden. Aber Nr. 12 Schluss\nmoll) und Nr. 13 (Es-dur,Schluss und Nr. 14\n(C-moll) gehören so deutlich zusammen, dass die vom Di-\nrigenten gernachte lange Pause zwischen 12 und 13 ganz\nunbegreiflich war.\nMit Nr. 14 (Aber die Fluten überwältigten der Feinde\nSchar) ist das Epos aus, die Schilderung des Auszuges ist\nvorbei. Hier ziemt sich also ein Abschnitt. Diebeiden letz-\nten Chöre des ersten Theiles reihen sich der Erzählung nur\nals fromme Betrachtung an.\nDer Inhalt des ganzen zweiten Theiles ist nicht mehr\nepisch, sondern lyrisch, daher leichter aufzufassen und eben\ndaher auch mehr mit Solostücken vom Componisten be-\ndacht, qui nil molilur inepte. Nur zwischen Nr. 26 (Du\nsandtest deinen Grimm, der sie verzehrte wie Stoppeln) in\nA-moll und Nr. 27 (Und von dem Hauch deines Mundes)\nin D-dur wurde wieder eine ganz unstatthafte längere\nPause gemacht, und der endliche Beginn von Nr. 27 sogar\ndurch neues und sehr vernehmbares Aufklopfen aufs Pult\nveranlasst. Da hört freilich alle Illusion auf, und das Ganze\neines Kunstwerkes zerfällt in Stücke.\nt\nWas die Tempi betrifft, deren richtige Beurtheilung\nund Charakter des Musikstückes sowohl in Hinsicht auf den\nInhalt des Textes als auf die musicalische Form angemes-\nsene Auliässung eine Hauptsache bei der Direction ist, so\nräumen wir dabei der individuellen Auffassung des Diri-\ngenten allerdings einigen Spielraum ein, müssen aber bei\nallen Werken, und vorzüglich bei Händel und Haydn, den-\nselben auf sehr enge Gränzen beschränken und uns ganz\nentschieden gegen die Ansicht erklären, als sei die Subjec-\ntivität oder gar die Stimmung des dirigirenden Indivi-\nduums der oberste Richter über das Maass von charakte-\nristischer Bewegung, welche einem Musikstücke bei der\nAusführung zu geben sei. Die Bestimmung des Tempo's\nhängt, wie schon gesagt, von dem Inhalt und der Form des\nStückes ab, und die Bezeichnung durch den Componisten\nist nur die Hinweisung auf den Standpunkt, von welchem\naus der Geist des Ganzen aufgefasst und wiedergegeben\nwerden soll. Dabei darf man nicht vergessen, dass es für\nalle classischen Werke, namentlich für die älteren Oratorien,\neine von allen tüchtigen Musikern anerkannte Tradition gibt,\nwelche sich nicht ungestraft und ohne Nachtheil für die\nAufführung ignoriren oder vernachlässigen lässt.\nBeim Israel hat Herr V e r h ü 1 s t, der schon durch die\npräcise Einübung der Chöre sein Talent in diesem Theile\nseines Berufes bewiesen, die Tempi fast überall richtig ein-\ngesetzt, aber trotzdem dennoch die wahre Wirkung nicht\nimmer erreicht, weil es ihm an Sicherheit im Festhal-\nten des Tempo's fehlte. Das Eilen vertragen Händel's\nbreite, kräftige Motive und die regelmässigen Evolutionen\nseiner Massen nun einmal durchaus nicht. In den Jahres-\n/\nZeiten von Haydn wurden mehrere Chöre schon von vorn\nherein im Tempo geradezu vergriffen, dann aber noch ge-\ngen das Ende hin so übereilt, dass z. B. bei dem grossar-\ntigen Schlusschor des Frühlings: „Ewiger, mächtiger, gü-\ntiger Gott\" in B-dur alle Majestät des Ausdrucks\nverloren ging. Nun, Uebung und Erfahrung gehört in al-\nlen Dingen dazu, um zur Meisterschaft zu gelangen; ge-\nwiss ist das Feuer, mit welchem Verhülst dirigirt, ein Aus-\nlluss wahrer Begeisterung für seinen Beruf, und wir dan-\nken dieser Begeisterung den prachtvollen und imposanten\nEindruck der meisten Chöre an beiden Abenden. Allein\nRuhe und Festigkeit ist ebenfalls eine nothwendige Tugend"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "235", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540729-01.1.3", "texte": "eines Dirigenten, womit wir natürlich nicht eine schläfrige\nSchlaffheit meinen können, sondern die Besonnenheit der\nBegeisterung, die unzerstörbare Geistesgegenwart mitten\nim Feuer, welche dem Feldherrn jeder Armee, also auch\neiner musicalischen, ziemt. Dass übrigens Herr Verhülst\nim Stande ist, die Massen zu zügeln und sogar zurückzu-\nhalten, haben wir bei dem Chor Nr. 10 in G-dur im Israel\ngesehen, wo wir mit der etwas verzögerten Bewegung am\nEnde (nach dem letzten Fugato) und der dadurch erzielten\nBreite und Kraft ganz einverstanden waren, was zugleich\ndem Herrn Dirigenten beweisen mag, wie aufmerksam wir\nder Aufführung Stück für Stück gefolgt sind.\nAusser dem Chor Nr. 10 zeichnen wir noch Nr. 7\n4\n(„Hagel und Feuer\"), Nr. 13 und 14, Nr. 18 („Das\nRoss und den Reiter\"), Nr. 23, und vor allen Nr. 33\n(„Das hören die Völker\") aus, welche trotz einer kleinen,\njedoch unbedeutenden Schwankung in der Mitte eine mäch-\ntige Wirkung machte. Die Ausführung aller dieser Chöre\nbewies die hohe Stufe, welche der vereinigte Chorgesang\nin Holland erreicht hat.\nDagegen scheint es, für den Augenblick wenigstens,\nan Solosängern für ein Musikfest dort zu fehlen, oder\ndas Comite hatte der Einnahme wegen als Reizmittel die\ngrössten Berühmtheiten Europa's kommen lassen. Unter\nden Solisten war nur Eine Holländerin, Frau Offer-\nmans van Hove aus dem Haag, Sopranistin. DieHaupt-\npartieen an allen drei Tagen waren Fräulein Jenny Ney,\nMiss Dolby und den Herren Roger, Pischek und\nKarl Formes übertragen worden, Künstlern, welche als\nSterne erster Grösse am musicalischen Horizont glänzen.\nMan hat aber schon öfter gesehen, dass auch der glänzend-\nste Stern durch Veränderungen des Dunstkreises verdun-\nkelt oder wenigstens auf Augenblicke verschleiert wird, und\nso hinderte auch hier die Atmosphäre des alten ehrwür-\ndigen Israel das helle Leuchten von manchem dieser Sterne.\nProsaisch ausgedrückt, waren nur Frau Offermans, Miss\nDolby und Formes im Oratorien-Stil zu Hause und dem\nVortrage Händel'scher Musik gewachsen; da aber Frau\nOffermans nur in dem Duett Nr. 19, und Formes eben-\nfalls nur in einem Duett (Nr. 22) beschäftigt war, so blieb\ndie Altistin Miss Dolby die einzige, welche die Arien im\nIsrael würdig und edel auffassle und vortrug, während we-\nder Fräulein Ney noch Roger sich in den Stil, der ihnen\ndurchaus fremd schien, finden konnten.\nMiss Dolby, die gefeierteste Altistin in England, hat\neine sehr klangvolle gleichmässige Stimme, deren Farbe et-\nwas Eigenthümliches besitzt, wir möchten sagen: etwas\nClarinettenähnliches, welches besonders bei dem eingestri-\nchenen f (auch zuweilen bei e und es) auffällt, aber, mit\nAusnahme des genannten Tones, etwas sehr Angenehmes\nhat. Sie trug die beiden Arien Nr. 5 aus Es-dur „ Und\nFrösche ohne Zahl\", die sonst auch wohl von Bassisten\ngesungen wird, und Nr. 34 aus E-dur „Bringe sie hin-\nein\" ganz vortrefflich vor; namentlich bot die letztere einen\nwahren Kunstgenuss dar und wurde gerufen, was\ndem Publicum eben so wie der Sängerin zur Ehre ge-\nreichte. Auch in dem Duett Nr. 32 mit Roger war\nsie vorzüglich.\nFräulein Ney sah sich in die unangenehme Lage ver-\nsetzt, vor einem so zahlreich versammelten Publicum in\neinem fremden Lande zuerst in einer Partie auftreten zu\nmüssen, welche sie während der ganzen ersten Hälfte des\nAbends zum Schweigen verurtheilte, dann nicht einmal mit\neinem Solo, sondern mit einem Duett begann, und über-\nhaupt, mit Ausnahme der wenigen Töne am Schlüsse, ihrer\nEigentümlichkeit gar nicht zusagte. Sie hätte dieselbe gar\nnicht übernehmen sollen. Jenny Ney gehört unbedingt zu\nden grössten Sängerinnen der Gegenwart, das hat sie auch\nbei dem rotterdamer Musikfest am zweiten und dritten\nTage vollkommen bewiesen, während man ihr am ersten\nallerdings die Unbehaglichkeit und Unsicherheit, mit welcher\nsie sich in den Händel'schen Formen bewegte, sehr deut-\nlich anmerkte. Das Duett Nr. 19 aus A-moll „Der Herr\nist mein Heil und mein Lied\", ursprünglich für zwei Te-\nnöre geschrieben, als Composition eine gute zweistimmige\nArbeit, aber von ausgezeichnetem Zopf, misslang gänzlich,\nund zwar nicht bloss dadurch, dass ein verkehrt gebunde-\nnes Blatt in dem Ciavierauszug, aus dem Fräulein Ney sang,\nein Abbrechen und Vonvornanfangen veranlasste, sondern,\nweil kein rechtes Ineinander der beiden Stimmen (Frau Of-\nfermans zweiter Sopran), keine gegenseitige Rücksicht,\nkeine Harmonie vorhanden war. Frau Offermans gebührt\ndie Anerkennung, dass sie sich auch hier, wie schon bei so\nvielen grossen Aufführungen in ihrem Vaterlande, als eine\nunzerstörbar feste Oratorien-Sängerin bewährte. Ihre\nStimme ist etwas schärfer geworden, und der Timbre der-\nselben passt namentlich nicht zu der Stimme der Ney.\nIn der Arie Nr. 29 aus Es-dur „Aber du liessest\nwehn\" entfaltete Fräulein Nev ihre schönen Mittel schon\nmehr; wenn sie Tact 15 zwei Achtel für Sechszehntel\nnahm und dadurch den Tact um ein Achtel verkürzte, so\nwar es uns und jedem routinirten Dirigenten unbegreiflich,\ndass, da das ganze übrige Orchester in diesem Tact pausirt\nund nur die zwei Oboen die Terz und aushalten, der"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "236", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540729-01.1.4", "texte": "Dirigent und das Orchester nicht mit der Sängerin gin-\ngen! Dasselbe fand in den Jahreszeiten bei der ersten\nArie Rogers Statt; bei einem Dirigenten, der die Schule\nam Theaterpult durchgemacht, wäre Roger schwerlich\nherausgekommen. Wenn Alles niet- und nagelfest ist und\ndie Maschine von selbst geht, ist es freilich keine Kunst, zu\ndirigiren. In der letzten Nummer schwang sich in den we-\nnigen Tönen der Mirjam: „Singet unserm Gott u. s. w.\"\nder wundervolle Klang des mächtigen Soprans der Ney\nsiegreich empor.\nRoger stand in dem Oratorium auch nicht auf dem\ngewohnten und ihm zusagenden Boden und hat sicher lie-\nber mit Mehul's Joseph in Aegypten als mit Händers Israel\nin Aegypten zu thun. Der Vortrag der Arie Nr. 28 G-dur\n„So dachte der Feind\" konnte uns nicht befriedigen,\nwiderlegte aber auf glänzende Weise das Gerede von der\nAbnahme der Stimme dieses grossen Sängers. In dem\nDuett Nr. 32 D-moll mit Miss Dolby traten die Vorzüge\ndesselben schon leuchtender hervor, seine Leistung darin\nstand höher als die der Mitsängerin, der rauschende Bei-\nfall war vollkommen verdient. Hätte er aber auch nichts\nweiter gesungen, als die beiden Recitative Nr. 36 und 37,\nso würde der wunderbar schöne Vortrag dieser wenigen\nZeilen allein hinreichen, sein Recht auf die hohe Ruhmes-\nstelle, die er einnimmt, zu beweisen.\nPischek und Formes hatten ausser dem Duett\nNr. 22 in A-dur,in welchem sie Pharao's Heer und alle\nStimmen der gewöhnlichen Menschenkinder aul Erden todt-\nschlugen und in das Grab der Wellen ihrer ungeheuren\nBasstöne versenkten, nichts zu thun; dafür mussten sie es\naber auch zwei Mal singen das Publicum wollte auch\nseinen Theil an der Handlung haben und stellte den Sturm\nauf dem rothen Meere in einem Beifallsgewitter ganz vor-\ntrefflich dar. SJeber die beiden berühmten Sänger werden\nwir in dem folgenden Artikel Gelegenheit haben, ausführ-\nlicher zu sprechen.\n\nPariser Briefe.\n\nIConcertc Philharmonische Gesellschaft Has-\nsen hut, Sinfonie mit Chören Orgel in St. Eustache\nMusikfeste in Frankreich Italienische Oper.]\nDen 24. Juli 1854.\nAls ich den Monat April, ehe ich ihn über die Gränze\nins Reich der Vergessenheit schickte, gehörig durchsuchte\nund unter seinem weiten Mantel eine Menge Concert-Plun-\nder mit dem aufrichtigsten Wunsche einer glücklichen\nReise passiren liess, gab ich dir davon schuldige Rechen-\nschaft und glaubte, die Spedition von dergleichen VVaare\nwäre für dieses Mal vorbei. Vollständige Täuschung die\nConcert-Abspinnerei hat den ganzen Mai und sogar bis in\nden Juni hinein noch fortgearbeitet! Du wirst mir aber\nerlassen, ihr Fabricat zu mustern, zumal da die meisten\nArbeiter, Julius Schul hoff etwa ausgenommen, in kei-\nner Hinsicht Seide dabei gesponnen haben.\nSchulhofT hat drei öfTentliche Concerte gegeben. Das\nUrtheil über ihn als Virtuosen vereinigt sich so ziemlich da-\nhin, dass seine ausserordentliche Technik zu bewundern ist,\ndass man aber Geist, Phantasie, Seele, mit Einem Worte\nPoesie in seinem Spiele vermisst. Er hat zwei Mal seine\nSonate in F-mollgespielt, eine Composition, welche mit\nAnsprüchen auftritt, sie aber nur zum Theil befriedigt.\nDoch will ich nicht läugnen, dass es immer erfreulich ist,\nwenn ein Pianist von Schulhoffs Farbe eine so ernste Nei-\ngung zeigt und der Jungfrau Sonate huldigt, während er\nsonst nur gewohnt ist, mit frivolen Coquetten sich in spa-\nnischen Serenaden, italiänischen Tarantellen, Barcarolen,\nböhmischen Capricen, russischer Sehnsucht nach Kiew u. s.\nw. herumzutreiben. Seine Reduction der Oberon-Ouver-\nture auf die Mittel der Claviatur bewies eben nur, dass\ndiese Mittel unzulänglich sind lür den erforderlichen Aus-\ndruck, und dass ein solches Musikstück doch eigentlich zu\ngut ist, um als blosser Prüfstein der Kunstfertigkeit her-\nhalten zu müssen.\nVon anderen Pianisten, welche mein Register [siehe\nNr. 18] vermehren, will ich nur Bergson aus Polen,\nVilanova aus Alt-Gastilien erwähnen, weil sie, wie du\nsiehst, weit her sind. Der Pole soll nach hiesigen Reclamen\nin Italien und Deutschland [??] durch Opern-Compositionen\nRuf erworben haben; der Spanier treibt die Virtuosität der\nFinger-Verrenkungen in seinen Quarten- und Sexten-Etu-\nden so weit, dass einem die Haare zu Berge stehen und\nman von Herzen in die Antwort jenes Laien einstimmt,\nder einem Kenner auf den Ausruf: „Gott, wenn Sie wüss-\nten, wie schwer das ist!1 erwiderte: „ Ich wollte, es wäre\nunmöglich!\"\nVon Orchester-Goncerten ist im Mai nichts, was von\neiniger Bedeutung wäre, vorgekommen, wenn man nicht\ndem Concerte der „Philharmonischen Gesellschaft\", weil\nes das 1 7 4ste war, das dieser gemüthliche Bürger-Verein\ngab, eine solche zuerkennen will. Die Mitglieder desselben\nsind Kaufleute und Handlungsbeflissene, Dilettanten von\nallerlei Caliber, deren ursprünglicher Zweck war, Ouver-\ntüren französischer Meister aufzuführen. Diese sind auch"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "237", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540729-01.1.5", "texte": "jetzt noch die Hauptsache, wie denn in dem erwähnten Con-\ncerte die Ouvertüren zu Joseph von Mehul, zur Caravane\nvon Gretry und zur Weissen Dame von Boieldieu gespielt\nwurden. Allein nach und nach der Verein zählt schon\nseine 30 Jahre verstieg man sich auch zu anderer Mu-\nsik, und die ältesten Zöglinge des Conservatoires und auch\neinzelner Professoren finden hier eine schöne Gelegenheit,\nsich in Vorträgen zu versuchen und zu lernen, dem Publi-\ncum ins Auge zu schauen. Ein solches Institut, wenn auch\nohne eigentlich künstlerische Bedeutung, hat doch seinen\nNutzen, zumal der gegenwärtige Dirigent, Herr Roussette,\nden Geschmack der Zuhörer auf gute Musik hinzuleiten\nversteht.\nEin Curiosum darf ich aber nicht übergehen, dessen\nAnkündigungs-Zettel die furchtbaren biblischen Drohworte\nMene Tekel Phares in grossen Buchstaben oben an zeigte,\ndie etwas weiter unten durch: „Die Jaden in Babylon, eine\nSinfonie in drei Sätzen mit Soli und Chören\" ihre\nErklärung fanden. Der muthvolle Componist nennt sich\nJ. Hassenhut und ist aus Ungarn, seiner Heimat, hieher\ngekommen, um seinen Stern neben dem Stern des Nordens\nO *\nleuchten zu lassen. Nun, kein Prophet gilt etwas in seinem\nVaterlande ich bin aber bange, dass auch in Paris bei die-\nser ganzen Geschichte von keinem anderen Propheten die\nRede sein wird, als vom Daniel. Der Trost bleibt dem\nedlen Ungarn, der wenigstens die Tugend hat, dass er\nnicht auf den Ruf einer verbannten politischen Grösse, son-\ndern nur auf den Pass eines verkannten Genies reis't, dass\ner die Gleichgültigkeit des Publicums und das Kopfschütteln\nder unreifen Zeitgenossen mit H. Berlioz theilt. Wer wird\naber auch für die Vorführung solcher Musik, welche durch\nPlan- und Formlosigkeit und groteske Rahmen-Einfas-\nsung den offenbaren Fortschritt bekundet, den pariser Bo-\nden wählen? Nach Leipzig, lieber Herr Hassenhut, müssen\nSie mit Ihrem Balthasar und Ihrem Hymnus an die Venus\nsehen, damit die Ihrige der Tannhäuser'schen die Hand\no 7 C\nreiche, und Sie sollen sehen, es geht gut. Als Ungar kann\nes Ihnen in dortiger Gegend auch nicht an Protection feh-\nlen. Leben Sie wohl!\nEine erhebende, nur etwas zu lange dauernde Feier-\nlichkeit fand am 26. Mai in der Kirche St. Eustache Statt,\ndie Einweihung der neuen grossen Orgel. Im Jahre 1844\nentstand Brand im Innern dieser Kirche, und das Feuer\nverzehrte die Orgel; die Kosten für den Bau der neuen\nsind durch die Bemühungen der Pfarrer und der Mitglieder\nder Gemeinde durch eine Lotterie und Zuschüsse von Sei-\nten der Stadt und des Staates aufgebracht worden. Die\nOrgel ist eine der grössten, die in neueren Zeiten gebaut\nwurden; sie hat ein Principal von 32 Fuss und 4 Manuale,\nund eine Menge von Stimmen, welche sich durch Fülle des\nTones und namentlich durch die Verschiedenheit der Klang-\nfarbe sehr vorteilhaft auszeichnen. Ich bin zu wenig Ken-\nner, um in das Einzelne eingehen zu können; ich kann nur\nsagen, dass das volle Werk sowohl als die Combination\neinzelner Register einen ausserordentlichen Eindruck auf\nmich gemacht hat. Die meisten Vorträge waren Herrn\nLern mens, Organisten aus Brüssel, übertragen worden;\ner spielte 7■— B Nummern (am meisten sprach der letzte\nSatz aus Mendelssohn's erster Orgel-Sonate und die E-moll-\nFuge von Bach an) und gab zuletzt noch eine freie Phan-\ntasie das war des Guten zu viel! Von den hiesigen\nOrganisten spielten die Herren Cavallo, Bazille und\nFranck; der ersten Improvisation von Cavallo gebührte\nunstreitig der Preis vor allen Productionen des Tages. Ein\nzahlreicher Chor sang ein S von Cherubini\nu. s. w.; als Solisten wirkten Fräul. Duprez und Herr Ba-\ntaille von der komischen Oper mit. Die Sammlung brachte\n7000 Francs ein. Die ganze Kirche ist grösstentheils\nrestaurirt, und wird es noch gegenwärtig; sie lag bisher\nsehr versteckt, die Abbrechung der Strasse hat ihr\nbereits viel Licht verschafft; man geht aber damit um, auch\ndie Strassen, welche das schöne Denkmal alter Baukunst\nauf den anderen Seiten noch verdunkeln, ebenfalls nieder-\nzureissen. Ein wahres Kunstwerk ist das Gehäuse der\nneuen Orgel.\nDass Paris mit allen seinen musicalischen Kräften keine\neigentlich grossen, ich meine musikfestartigen Aufführungen\nzu Stande bringen kann, ist eine bekannte Sache. Die Zei-\nten, wo Haydn's Schöpfung hier von 250 Sängern im\nOpernhause aufgeführt wurde, sind längst vorbei. Das war\nam 24.December des Jahres 1800. Ich will nicht fragen:\nwo sind jetzt die Künstler in Paris zu finden, welche, wie\ndie damaligen, eine goldene Medaille auf die Composition\neines Meisterwerkes schlagen lassen und sie dem Tondich-\nter mit einem begeisterten Schreiben übersenden würden:\nich will nur fragen: „Wo sind gegenwärtig hier die Künst-\nler zu finden, die daran zu denken wagen, ein neues Ora-\ntorienwerk, oder auch ein altes, nur zur Aufführung zu\nbringen?\" Wenn das aber nicht möglich ist, was faselt man\ndenn in die Welt hinein von dem Segen der Centralisation\nfür die Kunst? Nur dadurch, dass es sich aus den Banden\ndieser Centralisation zu befreien sucht, kann Frankreich\ndie Bahn mit Glück betreten, auf welcher Deutschland ihm\nso weit voraus geeilt ist."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "238", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540729-01.1.6", "texte": "Und ein solches Streben regt sich allerdings. Voran\ngeht dabei die Stadt Strassburg, in welcher auch für\nTonkunst der deutsche Geist und der deutsche Sinn noch\neben so wenig erstorben ist, als für Sprache und Literatur.\nDer Organist Stern an der dortigen neuen protestanti-\nschen Kirche hat einen Gesang-Verein für Kirchen-Musik\ngegründet, welcher vor zwei Jahren Mendelssohn's\nElias mit vollständigem Orchester unter Leitung des tüch-\ntigen Musik-Directors Reiter aufführte und jetzt, am 19.\nMai dieses Jahres, eine eben so grossartige Aufführung des\nPaulus veranstaltet hat. Der Verein singt stets nur deut-\nschen Text.\nAber auch im innersten Frankreich hat sich eine mu-\nsicalische Gesellschaft gebildet, welche Oratorien, und zwar\nganz und unverstümmelt, aufführt. Die sechs Departements\nder Ober- und Nieder-Charente, der Ober- und Nieder-\nVienne, der Vendee und der haben einen\nVerein gestiftet, der bereits vier Jahre besteht. Er hat in\nNiort Haydn's Schöpfung, inLaßochelle Mendels-\nsohn's Paulus, in Angouleme Beethoven's Christus\nam Oelberge (mit italiänischem Texte die beiden an-\nderen Oratorien mit französischem) aufgeführt, und sein\ndiesjähriges Musikfest fand wiederum zu Niort am 26.,\n27. und 28. Juni Statt. Das Programm war folgendes:\nAm ersten Tage: 1) Choral aus der Passion von J. S.\nBach; 2) Die Jahreszeiten von Haydn. Am zweiten\nTage: l) Sinfonia eroica von Beethoven; 2) Ouvertüre\nzu Oberon von C. M. von Weber; 3) Finale des dritten\nActes der Jüdin von Haievy; 4) Finale des zweiten Actes\naus Wilhelm Teil von Rossini. Am dritten Tage fanden\nWettstreite in Männergesang und in Harmonie-Musik Statt.\nDie Stadt Niort hat zuerst die Anregung zu derglei-\nchen musicalischen Festen gegeben und in ihr ein tüchtiger\nMusiker, Namens Beaulieu, welcher auch dieses Mal die\nJahreszeiten, die Beethoven'sche Sinfonie und die Oberon-\nOuverture dirigirte.\nNach dem Vorgange dieses\nhaben sich auch in Bordeaux, Nantes, Rouen ähn-\nliche Vereine gebildet, die sich jedoch in den Programmen\nihrer diesjährigen Feste noch nicht zu Aufführungen gros-\nser classischer Werke erhoben haben. Doch sind in Rouen\n400 Sänger und Instrumentalisten vereinigt gewesen; die\nHauptsache war aber die Aufführung einer patriotischen\nGelegenheits-Cantate „France et Anglelerre\". Am grossar-\ntigsten, was die Quantität betrifft, war am 29. Mai das\nerste Musikfest zu Bordeaux, wo über 800 Mitwirkende\neine Zuhörerschaft von vielen Tausenden hatten. Allein\nAusser den Ouvertüren von Mendelssohn zur Athalia, von\nSpontini zu Nurmahal, Meyerbeer zum und\nWeber's Jubel-Ouverture wurden nur Bruchstücke aus\nOratorien und Opern bunt durch einander gemacht, darun-\nter mehrere Chöre aus der Schöpfung und den Jahreszei-\nten, einer sogar aus Händel's Messias, daneben Berlioz'\nTuba mirum und ein Finale aus Verdi's Ernani und, ohne\nzu erröthen, ein Adoramusvon Palestrina, nebst Bravour-\nArien der Madame Cabel aus Sonnambula, Bijou perdu,\nDemon de la Nuitü Dagegen wurde Mitte Juni in\nMarseille Mozart's Requiem vollständig von 150 Sän-\ngern und 100 Instrumentalisten unter der Direction von\nHasselmans in der Josephskirche aufgeführt.\nDas sind alles Anfänge einer musicalischen Bewegung,\nwelche dem Monopol der Pariser sehr gefährlich, der Kunst\naber recht erspriesslich werden kann. Bemerkenswerth\nist auch, dass in Marseille gar keine und in Niort nur we-\nnige Solisten aus Paris mitgewirkt haben. Auch die Män-\nnergesang-Feste beginnen Platz zu greifen; in Me-\nlun waren am Sonntag den 3. Juli nicht weniger als 56\nVereine versammelt, wovon 18 jedoch Harmonie- oder\nRegiments-Musik-Corps waren. An eine künstlerische Be-\ndeutung dieser Sängerfeste, an denen übrigens die städti-\nschen und die Staats-Behörden stets fördernd Theil neh-\nmen, ist freilich noch nicht zu denken; aber in einem Lande\nwie Frankreich, wo allen Provinzen das Bisschen musicali-\nsche Nahrung, was ihnen wurde, seit einem Jahrhundert\nund länger nur in gnädiger Huld von Paris aus zugewor-\nfen wurde, trägt alles dies zur Erhebung der Departements\ngegen die Centralisation in der Hauptstadt bei.\nKehren wir zu dieser zurück, so finden wir, um auf\ndie Theater zu kommen, die italiänische Oper geschlossen\nund die grosse Oper durch das Einschreiten des Kaisers\neinmal wieder vom Bankerott gerettet. Die Italiäner haben\nsich dieses Jahr so hingeläppert, wie man in Berlin sagt;\nNeues haben sie gar nichts gebracht, wohl aber 16 wohl-\nbekannte alte Opern, mit wohlbekannten alten Künstlern\nbesetzt, gegeben. Ausser dem der es doch\nauf sieben Aufführungen gebracht hat, figuriren Rossini's\nBarbier 14 und Bellini's Puritaner 11 Mal (!) auf dem\nRepertoire, Rossini überhaupt 37 Mal, Bellini 24, Donf-\nzetti 15, Verdi mit dem Ernani 6 Mal. Wie lange wird\nsich noch das hochgebildete (?) Publicum dieses Theaters\nin der alten Wiege für sein theures Geld schaukeln lassen?\n(Schluss folgt.)\n\nB. P."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "239", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540729-01.1.7", "texte": "Aus Düsseldorf.\nAm 20. Juli gab der „Allgemeine Musik-Verein\" ein\nConcert zum Besten des Herrn Julius Tausch im\nGeisler'schen Saale. Es begann mit einer neuen Ouver-\ntüre {C-moll)von Jul. Tausch, welche nach einer ruhi-\ngen, kurzen Einleitung in ein schwungvolles Allegro über-\ngeht. Die Ouvertüre hat schöne Motive, ist flüssig gearbei-\ntet und gut instrumentirt. Ein rüstiges „Vorwärts\" ist bei\nHerrn Tausch unverkennbar, wenn auch hier und da\nSchumann, Mendelssohn und Weber als Vorbilder durch-\nblicken, was uns aber lieber ist als origineller Unsinn. Leb-\nhafter Beifall lohnte dem Componisten. Hierauf folgten zwei\nMännerchöre von Schumann undW'eber, von Schu-\nmann der reizende Chor „Bin in den Wald gegangen\" aus\n„Der Rose Pilgerfahrt\". Wie Waldbachs-Rieseln, wie Wal-\ndesduft ziehen diese Töne dem Ohre vorbei; aufjauchzen\nmöchte man vor Lust und welches Weh ergreift das\nHerz, wenn man bedenkt, dass der gewaltige Geist, der sie\ngeschaffen, in des Irrsinns fürchterliche Nacht gebannt ist!\nDieses Gefühl wird noch lange nachhallen und uns zu kei-\nnem ungetrübten Genüsse der SchumannVhen Werke\nkommen lassen; unwillkürlich muss man des Schöpfers ge-\ndenken, der uns durch seine hiesige Stellung so eng ver-\nbunden und den wir nun so schmerzlich vermissen. We-\nber's frischer Chor aus Euryanthe, „Die Thale dampfen\",\nkonnte die Stimmung nicht verwischen, und beide Stücke\nwurden mit stiller Anerkennung hingenommen, fast wie ein\nToast auf einen Todten.\nFräul. Natalie Eschborn sang die Arie „Höre,\nIsrael\", aus Elias von Mendelssohn und brachte das\nPublicum durch ihren herrlichen Vortrag wieder zur lauten\nFreude zurück. Diese junge Dame ist mit einer umfang-\nreichen, schönen und vortrefflich gebildeten Stimme begabt.\nSie besitzt Seele und Leidenschaft in ihrem Vortrage, hat\neine schöne Tonbildung, leichte Ansprache des Tones und\nklare Aussprache des Textes. Den zweiten Theil der Arie,\nAllegro maestoso, hätten wir etwas lebhafter gewünscht, der\nVortrag würde nur gewonnen haben. Hierbei wollen wir\nnicht unterlassen, Fräul. Eschborn auf den Fehler eines\nimmerwährend schluchzenden Athemnehmens aufmerk-\nsam zu machen; in Stellen der Leidenschaft oder überhaupt\nder Affecte mag das hingehen, jedoch überall angebracht,\nklingt es krankhaft. Noch ganz besonders erfreute uns\nFräul. Eschborn mit der auf dem Programm nicht ange-\nführten Arie aus Mozart's Entführung: „Ach, ich liebte,\nwar so glücklich\", welche sie ganz vortrefflich sang und\nsich als würdige Tochter der einst in diesen Partieen so\ngefeierten Mutter zeigte. Die Läufe wurden mit einer be-\nwundernswürdigen Klarheit ausgeführt, was bei der hohen\nLage dieser Arie keine Kleinigkeit ist. Die Triller könnten\nmit noch mehr Leichtigkeit ausgeführt werden, was einer\nDame leicht zu erreichen sein wird, die schon auf einer so\nhohen Stufe der Ausbildung steht. Der lebhafteste Beifall,\nund zwar ein wohlverdienter, wurde ihren trefflichen Kunst-\nleistungen zu Theil.\nZwischen diesen beiden Arien trug Herr Tausch\nBeethoven's C-moll-Concert mit guter Technik und\nvortrefflicher Auffassung vor. Die grosse Hitze und die\nschon ohnedies etwas lange Dauer der ersten Abtheilung\ndes Concertes mochte wohl die Veranlassung sein, dass er\nkeine freien Cadenzen hinzufügte.\nDen zweiten und schwächsten Theil bildete Gade's\n„Comala\". Das Orchester, welches schon in der ersten\nAbtheilung etwas stark auftrug, machte besonders den\nSolo-Gesang in diesem Werke stellenweise ganz wirkungs-\nlos. Sollte dieses nicht mit am Dirigenten gelegen haben?\nDas Werk ist ohnehin stark instrumentirt, und soll der\nSänger nicht monoton im Vortrage werden, wozu auch die\nComposition selbst verführt, so muss sich das Orchester\num so mehr massigen bei den Pianostellen des Sängers.\nDie Comala wurde von Fräul. Eschborn zum Theil\nrecht brav vorgetragen, obwohl nicht zu läugnen, dass\nFräul. Hartmann, welche früher die Partie hier gesun-\ngen, in einige Stellen mehr Ausdruck zu legen wusste.\nFingal wurde von einem hiesigen schätzenswerthen Di-\nlettanten gesungen und besonders der Schluss so vortreff-\nlich, wie man es eben von einem Manne erwarten kann,\nder gediegene Gesang-Studien gemacht. Von den Chören\nwill ich lieber nicht reden, sie sind jetzt Düsseldorfs\nschwächster Theil. Es soll dies kein Vorwurf für den Di-\nrigenten sein: es liegt eben in den zufälligen Umständen.\nDie besten Kräfte hat uns Hymen entführt, möge sich Cä-\ncilia unser bald erbarmen, und Orpheus uns nicht minder\ngnädig sein!\n\nMusikiest in Elberfeld.\n\nDas Musikfest zu Elberfeld, welches fast gleichzeitig mit dem\nzu Rotterdam an zwei Abenden hinter einander Statt hatte (am 10.\nund 17. d. Mts.), konnte sich an Grossartigkeit der Mittel mit dem\nholländischen nicht messen, doch hatte man auch hier alles Mög-\nliche gethan, um zu der Gediegenheit einheimischer lind benach-\nbarter künstlerischer Kräfte einigen ausländischen und anlockenden\nGlanz hinzuzufügen. Man hatte für die Solo-Partie Fräul. Natalie\nEschborn aus Stuttgart und die Herren Kindermann aus\nMünchen und Schneider (Tenor) aus Leipzig gewonnen. Das\nOrchester war durch die Herren Hartmann, Pixis, Peters,\nDerckum, Gebrüder Breuer u. A. aus Köln, so wie der Chor"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "240", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540729-01.1.8", "texte": "durch treffliche Dilettanten aus Barmen und Köln verstärkt worden.\nHerr Schornstein, der neue, an seines Vaters Stelle gewählte\nMusik-Director, hat sich durch Anordnung und Leitung des Ganzen\neinen ehrenvollen Namen als Dirigent gesichert. Die Aufführung\nder Jahreszeiten am ersten Abend war hinsichtlich der Prä-\ncision der Chöre, des Zusammenwirkens von Orchester und Solo\neine durchaus frische und abgerundete Leistung; das einzige kleine\nVersehen des Solosängers in der ersten Bass-Arie wurde durch die\nGeistesgegenwart des Dirigenten und Orchesteiiührers glücklichst\nparirt. Obgleich am Rheine guter Chorgesang zu Hause ist, so\nmögen wir es doch nicht als selbstverständlich übergehen, wenn\nwie in Elberfeld die Chöre mit so warmer Begeisterung und frischer\nKraft gesungen worden sind; gerade diese kleineren, vortrefflichen\nLeistungen führen immer darauf zurück, dass nicht in der kolossa-\nlen Masse, sondern in dem richtigen Verhältnisse zwischen Raum\nund Tonkraft, in der Vollkommenheit der Ausführung der Schwer-\npunkt für die Musikfeste festzuhalten ist. Nicht der Zusammcnfluss\nglanzvoller Persönlichkeiten, sondern die gemeinsame Freude an\neinem Kunstwerke hat die Musikfeste gebildet und wird sie allein\nauf die Dauer halten können. Am Morgen des ersten Concert-Tages\nüberraschte das kölner Streich-Quartett durch einen improvisirten\nVortrag zweier Quartette von Mozart und Beethoven, welche bei\nmagischem Halbdunkel in dem akustisch-schönen Casinosaale von\nganz ausserordentlicher Wirkung waren. Die Leistungen der Solo-\nsänger im Oratorium waren im Ganzen befriedigend; zwar ent-\nspricht Herr Kindermann nicht dem bedeutenden, nach Elberfeld\nihm vorangegangenen Rufe, denn evr weiss seine schönen Stimm-\nmittel nicht immer mit künstlerischem Geiste zu beleben: sein Vor-\ntrag ist etwas trocken und entbehrt der Grazie, doch hat er sich\nwenigstens nicht so ausserordentliche Effecthaschereien zu Schulden\nkommen lassen, wie einer seiner berühmten Collegen aus Süd-\ndeutschland. Dagegen machte man in Herrn Schneider die Be-\nkanntschaft eines höchst angenehmen Gesang-Talentes; seine Stimme\nist weich, hat einen edeln Klang, und die Benutzung derselben\nverräth durchaus einen fein fühlenden, gebildeten Menschen und\neinen Musiker von gutem Geschmack und tüchtigem Streben.\nFräul. Eschborn hat ihre letzte Ausbildung in Italien erhalten.\nVon der Natur mit lieblicher und graziöser Stimme begabt, und\nangeregt von dem, was sie in fremden Landen gehört, möchte sie\nvielleicht in Gefahr gerathen, den Ausdruck des Gefühls, dessen sie\nin schöner Weise fähig ist, hinter die glänzenden und verlocken-\nden Künste des Effectes zurücktreten zu lassen, hätte sie nicht in\nder Erziehung ihres Vaters eine gute Beigabe deutschen Ge-\nschmacks bekommen, dessen sorgsamste Pflege ihr diejenigen wün-\nschen, die sich an ihrem schönen Talente erfreuen. Unterstützt\ndurch eine angenehme Persönlichkeit, war sie in der Thal ein\nhöchst anmuthiges Hannchen, der man in ihrer Schilderung des\nLandlebens, ihrer Liebe und ihres Glückes mit Vergnügen folgen\nkonnte. ln den Ensembles gingen die Solostimmen vortrefflich\nzusammen, namentlich war bei dem in schöner Wechselwirkung\nstehenden Timbre der Tenor- und Sopranstimme das Duett von\nreizender Wirkung.\nAm zweiten Abend war in der Anordnung und Wahl des Pro-\ngramms dem subjectivcn Geschmack der Künstler ein wenig mehr,\nals es im Interesse des Ganzen war, nachgegeben worden. Wir\nrechnen dahin die Arie aus Torquato Tasso, einige baierische\nVolkslieder, Beides vorgetragen von Fräul. Eschborn, von denen\nnamentlich das letztere mehr dem engen Familienkreise („Mädel,\nruck-ruck-ruck an meine grüne Seite\" unglaublich, aber wahr!)\nals dem öffentlichen Vortrage beim Musikfeste angehören dürfte;\neben so die Wahl eines Verdi'schcn Motivs zu einer Phantasie\niür Violine. Glänzende Auszeichnung und verdiente An-\nerkennung fand Herr Fr an ck aus Köln nach dem vollendeten\nVortrage des Mendelssohn'schen G-wo//-Concertes; sein feines, zu\nkünstlerischem Ebenmaass glücklich hindurch gedrungenes Spiel,\nan dem sich Herz und Kopf des'llörers erfreut, tritt bei jeder Ge-\nlegenheit in gewinnendster Weise an den Tag. Die Wahl des\nVieuxtemps'schen Concertes in E< so wie die Stellung desselben im\nProgramm (die siebente Nummer in ununterbrochener Folge bei\nbedeutender Hitze), that der vollen Wirkung des glänzenden und\nfein nuancirten Spieles des Herrn Pixis aus Köln zwar einigen\nEintrag, doch fanden seine anerkannten Vorzüge, Eleganz, Reinheit-\nGrazie der Auffassung, den lebhaftesten Beifall.,\nDem Vortrage der Arie des Grafen aus Figaro, so wie des Mönches\nvon Meyerbeer durch Hrn. Kindermann vermochten wir weniger Ge-\nschmack abzugewinnen, namentlich war die erste zu breit und mas-\nsiv für einen spanischen Grafen im Mozart'schcn Costume; dagegen\nerfreute Herr Schneider durch eine edle und fein empfundene Aus-\nführung der Adelaide und der Pylades-Arie von Gluck. Diese Mu-\nsikstücke waren eingefasst in den Rahmen der Euryanthe-Ouver-\nture, der Concert-Ouverture von Julius Rietz und des 114. Psalmes\nfür achtstimmigen Chor und Orchester von Mendelssohn, alle drei\nin präciser und glücklicher Ausführung, und wurden vom Publi-\ncum mit lebhaftester Theilnahme aufgenommen; die Ausführenden\nerhielten die üblichen Ovationen von Blumensträussen, der treff-\nliche Dirigent einen Kranz, dem er sich vergebens zu entziehen\nbemühte. Die heitere Stimmung wurde eben so sehr durch die\ngünstige Lage des Concert-Locales, die herrliche Aussicht von der\nTerrasse, durch die glückliche Gestaltung des Wetters und das lie-\nbenswürdige und zuvorkommende Betragen der Elberfelder gegen\ndie Gäste erhöht und bis zum Schlüsse des Festes erhalten.\n\nX.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMo tu. In dieser und der vergangenen Woche haben wir viele\nbedeutende Tonkünstler, thcils auf der Durchreise, theils bei län-\ngerem Aufenthalt, in unseren Mauern begrüsst, wie die Herren\nPanofka und Gouvy aus Paris, Marschner aus Hannover,\nRitter aus Magdeburg, F. Commer und H. Dorn aus Berlin,\nLiszt aus Weimar dazu den trefflichen Dichter AI fr. Meiss-\nner aus Prag.\nMeyerbeer's „Stern des Nordens'4 hat schon über 60 Vor-\nstellungen erlebt. Der Clavierauszng, welcher im Mai heraus kam,\nwar in Paris in den ersten acht Tagen vergriffen und musste neu\ngedruckt werden.\nIn Paris hat der Pfarrer der Kirche Notre Dame de Loretto in\ndem Marien-Monat an vier Wochentagen Kirchenmusik für Ge-\nsang und Orchester-Begleitung eingeführt, welche Herr Lütgen,\nunser kölner Landsmann, dirigirt."}]}