{"numero_id": "bm-bmtnabi-1854-08-05-01", "volume": "bmtnabi_1854-08-05_01", "ocr_sha256": "b3f1ddfb63bfddb21e9fb5f3f8693e0090b1dae08b69666f4e18401c051b6625", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1854/08/05_01/bmtnabi_1854-08-05_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540805-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1854-08-05-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-08-05_01#c001", "volume": "bmtnabi_1854-08-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "241", "page_fin": "246", "image_debut": 1, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540805-01.2.1", "titre_corps": "Das Musikfest zu Rotterdam.", "titre_sommaire": "Das Musikfest zu Rotterdam.", "signature_source": "L. Bischoff", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "241", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540805-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4060, "texte": "Das Musikfest zu Rotterdam.\n\nIII.\nDen zweiten Tag verherrlichte die Aufführung von\nHaydn's Jahreszeiten, und sowohl die Composition\nals die Auslührung erregte eine wahrhaft festliche Stim-\nmung bei allen, die in der Tonhalle versammelt waren; es\nfand an diesem Abende diejenige erhebende Wechselwir-\nkung zwischen Ausführenden und Zuhörenden, zwischen\nGebenden und Empfangenden Statt, bei welcher sich die\nRollen manchmal gewisser Maassen umkehren, so dass die\nZuhörer mit zu singen vermeinen, weil alle Töne in ihrem\nInnern wiederklingen, und die Sänger mit Freuden zugleich\nzuhören und während des Singens der einzelnen Stimmen\nden Eindruck des Ganzen in sich aufnehmen. Eine solche\nStimmung kann nur ein Meisterwerk der Tonkunst für\nAlle erzeugen, ein Werk, das keiner Commentare und\nkeiner ergrübelten oder erleuchteten Erklärungen, so wie\nkeiner auf- oder untergehenden Sonnen und keiner Thurm-\nTrompeter und Heer-Pauker bedarf, ein Werk, das sich\nselbst erklärt oder vielmehr verklärt und die entgegenge-\nsetztesten Dinge, die Schulweisheit der Fachmänner und\ndie natürliche Lust der Menschen am Gesänge zu Einer\nBewunderung vereinigt. Und in dieser Hinsicht gebührt\ndem Vater Haydn vor allen Uebrigen der Preis, und unter\nseinen Werken sind die Jahreszeiten wiederum das Origi-\nnellste, eine musicalische Idylle, wie sie keine andere Kunst,\nweder die Poesie noch die Malerei, aufzuweisen hat, ent-\nsprungen aus der künstlerischen Erfassung des volksmässi-\ngen Denkens und Empfindens und aus der genialen Ver-\ngeistigung und Veredlung desselben. Predigt und docirt, so\nviel ihr wollt, vom Katheder der neuesten Musik-Philosophie\nherab, rhythmisirt, combinirt, declamirt in euren Compo-\nsitionen so toll wie möglich! Ich will euch aus Vater\nHaydn's Munde sagen, was euch fehlt: Ihr hört in allem,\nwas von aussen her an euer Inneres schlägt, keine Musik,\nihr denkt keine Musik, und so ist es denn auch natürlich,\ndass ihr keine Musik reden könnt. „Hatte ich eine Idee\nerhascht\" - sagte der Alte —, „so ging mein ganzes\nBestreben dahin, sie den Regeln der Kunst gemäss auszu-\nführen und zu souteniren; so suchte ich mir zu helfen,\nund das ist es, was so vielen unserer neuen Componisten\nfehlt; sie reihen ein Stückchen an das andere,\nsie brechen ab, wenn sie kaum angefangen ha-\nben; aber es bleibt auch nichts im Herzen\nsitzen, wenn man es angehört hat.\"\nIm Ganzen war die Aufführung eine des Werkes\nwürdige, durchaus anregende und erhebende, grossentheils\nvortreffliche, in einzelnen Theilen vollendet schöne, so dass\nunter den drei Concerten des Festes das am zweiten Tage\nunstreitig das gelungenste war. Indem wir dieses mit Ver-\ngnügen anerkennen, darf es uns doch nicht hindern, beim\nDurchgehen des Einzelnen denjenigen kritischen Maassstab\nanzulegen, welchen die Bedeutung des rotterdamer Musik-\nfestes und die Sache der Kunst fordern.\nGleich die Instrumental-Einleitung war unsicher und\nnicht scharf genug accentuirt, und das Eilen, mög' es nun\nabsichtlich oder unwillkürlich gewesen sein, nicht zu billi-\ngen. Ueberhaupt fanden wir, was wir schon am ersten\nTage in Bezug auf das Orchester vermisst, auch am zwei-\nten nicht in besserem oder höherem Grade vorhanden. Das\nStreich-Quartett, namentlich die Violinen, waren nicht im-\nmer im gleichen Strich, und nicht alle führten die verschie-\ndenen Stricharten (Ligato, Staccato etc.) gleichmässig aus,\nwas selbst gleich in dem kleinen Vorspiele des ersten Chors\naus G-dur hörbar wurde, noch mehr bei den Staccato-\nTriolen im „Gewitter\", wo es dann auch wieder, wie öf-\nters im Israel, an Kraft und Energie fehlte, trotzdem dass\n(wie man uns in Betreff der Anzahl der Mitwirkenden\nschreibt) 74 Violinen, 20 Bratschen, 24 Celli und 16\nContrabässe im Orchester waren*). Es gibt aber bei den\n\n*) Die Blas-Instrumente verdoppelt: 4 Flöten u.s.w,, 8 Hörner,\n6 Posaunen zusammen im Orchester 173 Personen. Der\nChor zählte 170 Soprane, 120 Alte, 140 Tenörc und 160\nBässe mithin 590 Personen. Dass die Männerstimmen so\nzahlreich gewesen, hätten wir nicht geglaubt. Im Ganzen also\n763 Personen auf der Tonbühne."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "242", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540805-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4734, "texte": "Violinen ein gewisses energisches Forte, welches nicht durch\ndie Menge, sondern durch kecken, markigen Strich und\nvollen Ton hervorgebracht wird. Die Blas-Instrumente wa-\nren grösstentheils gut besetzt, einige vorzüglich nur\nstanden sie, wie schon gesagt, zu lief.\nDer Chor entwickelte seine Vorzüge noch glänzender,\nals am ersten Tage; was von demselben in technischer\nHinsicht noch mehr sludirt werden muss, ist das gleich-\nmässig kräftige Aushalten des einzelnen Tones durch\nmehrere Tacte da, wo kein D Statt finden darf\n(jedoch sank derselbe niemals), und zweitens das Einsetzen\nim Piano und überhaupt das M in längeren zarten\nStellen. Im „Frühling\" war der Chor in F: „Sei uns gnä-\ndig!\" ausgezeichnet, nur dass auch hier schon wieder ge-\neilt wurde und das Un poco „Uns spriesset\nUeberfluss\" nicht ein etwas bewegteres Poco Adagio nach\nder Vorschrift des Componisten blieb, wie es denn auch\nder Charakter dieses Fugalo mit den Sechszehntel-Figuren\nder Bässe und zuletzt gar den Sechszehntel-Sextolen der\nViolinen durchaus verlangt, sondern zum förmlichen Allegro\nwurde. Bei der Stelle: „Lass deine Sonne scheinen hell\",\nstrahlte der Sopran mit dem hohen b im frischesten Glänze\nund blieb nicht hinter der vortrefflichen Vorsängerin (Fräul.\nNey) zurück. Auch der Schluss-Chor wurde fest und kräf-\ntig gesungen; aber wo bleibt das Majestätische, das auch\nnoch im Allegro den Charakter dieses Musikstückes bildet,\nbei einem solchen Drängen und Eilen, wie es hier leider\nwieder Statt fand?\nGehen wir gleich auch die Chöre in den drei anderen\nAbtheilungen durch, so müssen wir bemerken, dass es\ndem Gesang-Personale zur Ehre gereicht, das „Jauchzen\"\nauf den Sechszehnteln in dem „Heil, o Sonne\"\nbei diesem Tempo noch so deutlich wenigstens im So-\npran herausgebracht zu haben! Im „Ungewitter hätten\nwir mehr durchschlagende Schwere der Accentuation ge-\nwünscht, besonders bei dem: „Schmetternd krachen\nSchlag auf Schlag\", woran man doch nicht so ganz glau-\nben konnte; wenn Chor und Orchester dabei vollkommen\nihre Pllicht thun, so muss einem zu Muthe werden, als\nmüsste man irgendwo unterkriechen.\nDie Chöre im „Herbst\", namentlich „0 Fleiss\" und\nder „Jagd-Chor\" wurden in jeder Hinsicht vortrefflich, der\nletztere mit wahrer Begeisterung ausgeführt und mit Recht\nda capo gerufen. Auch die Männerstimmen und das Orches-\nter, namentlich die Hörner, waren darin vorzüglich. Der\n„Wein-Chor\" schwankte zwar in der Mitte (im G-dur) ein\nklein wenig, weil wiederum das Tempo nicht festgehalten\nwurde, aber Anfang und Ende (vom neuen Eintritt des\nC-dur ab) rissen mit Recht allgemein hin, und der Sopran\nwar mit seinem\ngar prächtig. lm letzten Theile, im „Winter\", herr-\nschen bekanntlich die Soli vor; der grosse Schluss-Chor\nbeendete die Aufführung auf gelungene und imposante\nWeise.\nDie Solo-Gesänge wurden von Fräul. Jenny Ney,\nHerrn Roger und den Herren Pischek und Formes\ngesungen, von den beiden letzteren so, dass Pischek in\nden beiden ersten Abtheilungen, Formes in den beiden\nletzten sang.\nJenny Ney hatte hier volle Gelegenheit, den Zauber\nihrer herrlichen Sopranstimme walten zu lassen und zu-\ngleich alle diejenigen Eigenschaften zur Geltung zu brin-\ngen, welche den Gesang zu einer Kunst machen. Bei der\nausgezeichneten Tonfülle und Gleichmässigkeit ihres Organs\nwar die richtige Auflassung einer jeden Nummer ihrer\nPartie, deren Gesangstücke einen sehr verschiedenen Cha-\nrakter haben, von doppeltem Werthe für den Zuhörer.\nNirgends zeigte sich auch nur eine Spur von Gunstbuhlerei,\nihr Vortrag war stets edel, überschritt nie das Maass und\ndie Gränze des Schönen und schwang sich doch über das\nGewöhnliche mit derjenigen künstlerischen Zuversicht em-\npor, welche das Bewusstsein der natürlichen Kraft und des\nTalentes, das diese Kraft zu beherrschen versteht, gibt.\nSo konnte es nicht fehlen, dass sie Alles entzückte.\nRoger blieb zwar durchaus nicht unter seinem Rufe,\nallein seine Leistung war doch nicht durchweg so vollkom-\nmen, als die seiner Kunstgenossin. Es ist keine Frage, dass\njeder, der ein Urtheil hat, Roger als Muster aufstellen wird\ngegenüber der Geistesträgheit und Studienfaulheit und\nCoulissen-Bramarbasirung der meisten Sänger in Deutsch-\nland und Frankreich; allein dies hindert nicht, einzusehen,\ndass manches Einzelne bei ihm manierirt erscheint und das\nMaass des Schönen überschreitet, und vor allen Dingen,\ndass er kein Sänger für Alles, für jede Gattung von Musik\nist, dass keineswegs jede Aufgabe in den Bereich seiner\nkünstlerischen Sphäre gehört. Dieses soll und kann keine\nSchmälerung seines Verdienstes sein, sondern nur ein\nDämpfer auf die maasslose Bewunderungs-Posaune derjeni-\ngen Leute in Deutschland, welche gar nicht fühlen, dass es\nin der deutschen Musik Dinge gibt, yon denen sich die"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "243", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540805-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5121, "texte": "Franzosen und Italiäner nichts träumen lassen. Denn so\nsehr der deutsche Gesang Charakteristik verlangt, so wenig\ndarf er in extreme Stimmungen und Uebertreibungen zer-\nfallen. Roger ist ein vollendeter Träger der fanzösischen\nund der italiänischen Musik; die Opern-Parlieen derselben\nsingt und spielt er mit hinreissender Wahrheit, und was er\nin diesen auf der Bühne leistet, gehört zu dem Höchsten,\nwas man von dramatischem Gesänge fordern kann. Mit allen\nseinen Vorzügen erschien er auch beim rotterdamer Feste\nam dritten Tage in dem Vortrage der grossen Arie des\nJoseph von Mehul und als Arnold in dem Terzett aus Wil-\nhelm Teil von Rossini, und in Haydn's Jahreszeiten eben-\nfalls an denjenigen Stellen, welche dramatischen Vortrag\nverlangen oder wenigstens erlauben, und welche ihm Gele-\ngenheit gaben, seine künstlerische Individualität zur Er-\nscheinung zu bringen und den Reichthum eines sich in Tö-\nnen offenbarenden tiefen Gefühls zu entfalten.\nDahin gehörten zuvörderst alle Recitative und dann\ndas Duett aus B-dur mit Fräul. Ney, welches stürmisch\nda capo gerufen wurde; die beiden Arien hingegen haben\nuns nur stellenweise befriedigt. Wir wollen nicht gerade\nhervorheben, dass die Cavatine in E-dur (Dem Druck er-\nlieget die Natur) an einer Stelle ganz verunglückte, weil\nder Sänger aus dem Tacte kam, wiewohl freilich derglei-\nchen bei einem fertigen Künstler nicht vorkommen sollte\n(eben so wenig wie in der Oboe das Anstossen des zweiten\ne, welches an das erste gebunden ist\nallein sowohl hier als besonders in der Arie in\n(Hier steht der Wandrer nun) fehlte jene Keuschheit des\nVortrages, den die deutsche Musik verlangt; der Sänger\nwollte zu viel hineinlegen, anstatt nur aus dem klaren Born\nzu schöpfen, der in der Composition selbst quillt. Das\n„ Schaffen\" einer Partie ein Lieblings-Ausdruck der\njetzigen dramatischen Sänger mag allerdings in der Oper\nseine Berechtigung haben, in der Cantate und im Orato-\nrium können wir es uns aber nicht gefallen lassen. Der\nSchluss der E-dur-Arie war durch den schönen Ton der\nStimme und durch den gesteigerten Ausdruck glänzend.\nPi s ch e k gehört zu denjenigen Bühnensängern, welche\nsich nur sehr schwer in Oratorien-Musik finden können;\nwir sind weit entfernt, ihm sein Verdienst als dramatischem\njedoch mehr theatralischem Sänger und als Darstel-\nler abzusprechen: aber im Oratorium hat er uns nie be-\nfriedigt. Es fehlt ihm an Auffassung und an Adel des Aus-\ndrucks; die Stimme ist immer noch kräftig, hat aber den\nwahren Timbre und den Wohllaut verloren, so dass sie für\nzarte Stellen nicht mehr anspricht. Dazu kommt, dass die\nAussprache ausserordentlich störend ist, indem von den\nVocalen das eund von den Consonanten das r fast uner-\nträglich sind. Wie vortheilhaft sticht dagegen die Aus-\nsprache Roger's ab, selbst wenn er Deutsch singt! Doch\ndürfen wir nicht verschweigen, dass die deutsche Presse\nauch in dieser Hinsicht über Roger des Guten zu viel ge-\nsagt hat. Bei aller Anerkennung, die der Fleiss eines Fran-\nzosen verdient, der es so weit im Deutschen gebracht hat,\nwie er, lässt sich doch nicht übersehen, dass noch so Man-\nches mit unterläuft, was falsch ist, besonders in der Beto-\nnung, wie z. B. im ersten Recitativ im Herbst das Wort\n„Vorrath\" wie „Verrath\" accentuirt und die beiden Achtel\neis zu einem Achtel und Viertel gemacht wurden. Freilich\nlässt sich das einem Franzosen eher verzeihen, als wenn\nHerr Pischek den „Ackermann in langer Furchen\"\nschreiten lässt.\nKarl Form es war die vierte Grösse, welche man\nzur Verherrlichung des Festes durch berühmte Sänger\nnach Rotterdam entboten hatte, und seine unvergleichliche\nBassstimme war vor Allem eine feste Säule für das Solo-Ter-\nzett und Quartett, was sich im Herbst und Winter der\nJahreszeiten und vorzüglich am dritten Tage in der neun-\nten Sinfonie bewährte. Allerdings muss man auch Formes,\num seine geniale Künstler-Erscheinung ganz zu würdigen,\nauf der Bühne sehen; allein er ist zugleich von allen Büh-\nnensängern vielleicht der einzige, der auch den Oratorien-\nStil richtig aufzufassen und mit Adel und Würde wieder-\nzugeben weiss. Ich will von seinen Darstellungen in den\nOpern Meyerbeer's ganz abstrahiren dass die Meyer-\nbeer'sche Musik keinen wahreren und grösseren Repräsen-\ntanten hat, als ihn, ist bekannt und vom Componisten selbst\nanerkannt und mich nur an classische Musik halten.\nWenn ich dann Formes als den teuflischen Caspar im\nFreischütz und wieder als den gutherzigen Rocco im Fide-\nlio sehe, und ihn dazwischen im Messias und im Elias höre,\nso muss ich ein Talent aufrichtig bewundern, welches in\nso verschiedenartigen Leistungen sich auf die Höhe der\nKunst zu schwingen gewusst hat. Der Glanzpunkt seiner\nMitwirkung in Rotterdam am zweiten Tage war die Arie\naus Es-dur:„Erblicke hier, bethörter Mensch, deines Le-\nbens Bild\". Die grossartige Breite des Vortrages, welche\nallein durch eine Stimmfülle möglich wird, die niemals im\nStiche lässt, die vortreffliche Declamation, welche, ohne je-\nmals theatralisch zu werden, dennoch einen erschütternden\nEindruck machte, das gewissenhafte Festhalten an den No-\nten des Componisten alles das zusammen gab eines"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "244", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540805-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4848, "texte": "der schönsten deutschen Musikstücke in einem echt deut-\nschen Tonbilde wieder. Auch die Recitative sang Formes\nvortrefflich. Dabei müssen wir aber die Fehler rügen, wel-\nche bei der Leitung der Orchester-Begleitung der Recita-\ntive überhaupt vorfielen. Der Herr Dirigent schnitt einige\nMale den Sängern geradezu den Ton ab, indem er das\nOrchester viel zu früh einfallen liess; am auffallendsten ge-\nschah dieses am Schlüsse des Recitativs des Soprans in\nA-dur: „Erhört ist unser Flehn\" (Frühling), und in dem\ngrossen Recitativ des Basses im Winter: „Nun senket sich\ndas blasse Jahr\", wo das Streich-Quartett hei der Stelle:\nmit dem Ges unisono sogar auf das f des Sängers so\nwidrig störend einschlug, dass dieser unwillkürlich dem Di-\nrigenten einen zornigen Blick zuwarf. Von der Begleitung\ndes Recitativs scheint Herr Verhülst noch keine richtige\nVorstellung zu haben; selbst nach dem Verhallen des To-\nnes des Sängers ist der Eintritt des Orchesters keineswegs\neine willkürliche Sache, sondern muss im passenden rhyth-\nmischen Verhältnisse zu der Phrase des Sängers stehen.\nDie Aufführung im Ganzen versetzte das Publicum in\neine freudig aufgeregte Stimmung und gehörte unstreitig zu\nden schönsten musicalischen Genüssen, welche geboten\nwerden können. Erfreulich war es, zu gewahren, wie auch\nalle die Meister der Töne, welche als Ehrengäste zugegen\nwaren, sich an dem unablässigen Reiz, dem thauigen\nSchmelz, der natürlichen Anmuth, der ewigen Jugend die-\nser Musik recht sichtbar erfrischten und einander ihre Em-\npfindungen mittheilten. Erinnert man sich in solchen\nbegeisterten Augenblicken, in denen die Tonkunst ihre All-\nmacht über jedes unbefangene Gemüth ausübt, an die\nAeusserungen musicalischer Pfeflerstösser mit verdorbenem\nMagen, welche gar nicht begreifen, wie man an der\n„Kindermusik der Jahreszeiten und der Zauberflöte\"\nnoch Behagen finden könne, so bleibt einem nichts übrig,\nals zum Himmel zu blicken und mit Göthe auszurufen:\nAch Hcrre Gott, ach Herre Gott,\nErbarm' Dich doch der Herren!\nAls ein hübscher Nachklang des alten niederländischen\nfreistaatlichen Wesens erschien es, dass das rotterdamer\nMusiklest zu einem wirklichen Volksfeste sich gestaltete\neine Erscheinung, welche wir bei unseren deutschen Musik-\nfesten in neueren Zeiten gar nicht mehr kennen. Die höl-\nzernen Wände der Festhalle hielten die Töne nicht so ge-\nfangen, dass nicht sämmtliche Chöre und selbst die Solo-\nstücke, namentlich was die Ney und Formes sangen,\ndurch sie durchgedrungen wären. Daher umstanden Tau-\nsende von Menschen aller Stände das Festgebäude und\nhörten aufmerksam zu, und bei der lobenswerthen ruhigen\nHaltung dieser exoterischen zahlreichen Zuhörerschaft und\nden vortrefflichen Einrichtungen, welche das Comite getrof-\nfen hatte, fiel auch nicht die geringste Störung vor; das\nBeifallklatschen im Saale fand aber stets einen donnernden\nWiederhall da draussen. Bis nach Mitternacht wogte die\nMenge in den Strassen und besonders in der Umgebung\nder Festhalle aul und ab, in deren Nähe eine glänzende und\ngeschmackvolle Erleuchtung des Parks der so genannten\n„Officier-Gesellschaft\" den festlichen Abend beschloss.\nDer dritte Tag brachte ein Morgen-Concert,\nda der Abend zu einem Festmahle, Feuerwerk und Vaux-\nhall bestimmt war.\nDas Programm zu diesem dritten Concerte enthielt\nzwar zwei eines Musikfestes vollkommen würdige Compo-\nsitionen, Beethoven's neunte Sinfonie und einen\nPsalm für Soli, Chor und Orchester von J. H. Ver-\nhiilst, aber unbegreiflicher Weise war die Reihenfolge so\ngeordnet, dass diese beiden Werke hinter einander die\nerste Abtheilung füllten und neun Nummern Solo-Vor-\nträge die zweite. Wenn einmal, und das mit vollstem\nRechte, die neunte Sinfonie zur Aufführung gewählt war,\nwie konnte man dann auf den verkehrten Gedanken kom-\nmen, ihr einen anderen Platz als am Schlüsse anzuweisen?\nKann es denn in aller Welt einen grossartigeren Abschluss\neines musicalischen Jubelfestes geben, als Schiller's und\nBeethoven's Hymnus an die Freude? Anstatt diese Sinfo-\nnie als granitnen Markstein an den Schluss des Festes\nzu stellen, zog man vor, allerlei Juwelierwaare, wobei noch\ndazu manches Unechte war, herumzuzeigen und den Jubel\nüber das lünfundzwanzigjährige Bestehen und Wirken einer\nso ehrenwerthen musicalischen Gesellschaft mit Lindpaint-\nners „Fahnenwacht\" und Donizetti's Sextett aus der Lu-\ncia zu beschliessen!\nDer 145. Psal m „Ich will Dich erhöhen, mein Gott\"\nvon J. 11. Verhülst (Op. 45. Amsterdam, bei Theune\n& Comp.), Haupt-Tonart A-dur,bekundet das bedeutende\nCompositions-Talent dieses Tonsetzers in demselben Maasse,\nwie die meisten seiner übrigen Werke, zeigt wie diese eine\ngründliche, den besten Mustern nachstrebende Behandlung\nder Harmonie, geschickte und sichere Handhabung der\nForm und wirksame Benutzung der Vocal- und Instrumen-\ntal-Massen. Der Stil ist ganz und gar der von Mendels-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "245", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540805-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5090, "texte": "söhn; in den Chören kommt der Componist seinem Vor-\nbilde sehr nahe; die Soli (Terzett für Sopran, Tenor und\nBariton, und Quartett), von Frau Offermans und Miss Dolby\nund den Herren Roger und Pischek schön vorgetragen,\nliessen uns trotzdem kalt; sie sind gar zu sehr Copie, und\nzwar in derjenigen Gattung, welche auch bei ihrem Origi-\nnal häufig zwischen Fisch und Fleisch in der Mitte steht.\nEs fehlt darin an Erfindung und ergreifendem Gehalt der\nMelodie, während die Chöre des erhebenden Schwun-\nges keineswegs ermangeln.\nDer gewaltige Geist, der in Beethoven's neunter\nSinfonie wehet, reisst stets die Zuhörer mit sich fort,\nwenn die materiellen Kräfte zur Ausführung vorhanden\nsind. So war es auch hier der Fall, wesshalb denn\nder letzte Satz am meisten imponirte, wozu der zahlreiche\nChor und das vortreffliche Solo-Quartett Ney und\nDolby, Roger und Form es hauptsächlich beitrugen.\nWir haben die Soli mit ihren sehr häkeligen Instrumental-\nFiguren noch nie so vollkommen rein, bis auf jedes Titel-\nchen deutlich und durch Orchester und Chor klangvoll\ndurchdringend gehört, als von den genannten Künstlern.\nDer gewaltige, sonore Bass von Karl Formes gab\ndem Quartett das wahre Fundament; man fühlte, als er\nnach der ersten Cadenz im zweiten Tacte des Allegro das\n„Freude\" auf e d hinausschleuderte, dass dies ein Com-\nmando-Wort sei, vor dem Schmerz und Verzweiflung ver-\nstummen müssen, und man empfand nun erst recht leb-\nhaft, was Beethoven mit diesen zwei Noten gewollt hat,\nwelche sonst so oft fast unbemerkt vorübergehen. Roger\nliess „freudig wie ein Held zum Siegen\" sein hohes so\nkraftvoll durch die ganze Tonmasse von Orchester und\nChor erschallen, dass wir alle ihm ein unwillkürliches\nBravo zuriefen. Die Altstimme war stets hörbar, und das\nerlebt man bei dieser Partie nur selten, und der Sopran\nspielte mit den hohen Tönen mit einer Sicherheit und Leich-\ntigkeit der Intonation, welche alle Vorwürfe der Unsang-\nbarkeit dieser Variationen siegreich widerlegte.\nSollen wir aber unser unparteiisches Urtheil über die\nAuffassung des kolossalen Werkes und die geistige Weihe,\nwelche die Ausführung durchdringen muss, so wie über\ndas Technische der letzteren, aussprechen, so können wir\nkeineswegs unbedingten Beifall spenden und müssen gegen\ndie erste, und zwar nicht in Nebendingen, protestiren und\nan der zweiten, der Auslührung, gar Manches als mangel-\nhaft bezeichnen. Das Tempo des ersten Satzes war gleich\nvon vorn herein zu schnell, wurde aber schon am Schlüsse\ndes ersten Theiles so überjagt, dass von der Breite eines\nAllegro, dem die Warnung ma tum troppo und der Hand-\nweiser UH poco maestoso beigegeben sind, gar nicht mehr\ndie Rede sein konnte und der grossartige Charakter und\ndie Wirkung des Musikstückes verloren gehen mussten.\nMuss man es denn ewig wiederholen, dass die edeln hohen\nGestalten Beethoven's, vor deren schwerem Tritte die Erde\nerbeben muss, nicht geschaffen sind, um zu Tode gehetzt\nzu werden? Dass Kanonenkugeln nicht gegossen werden,\num Fangball damit zu spielen? Aber auch der entge-\ngengesetzte Fehler fiel vor, indem das Trio des Scherzo,\nder Vierviertel-Tact Presto,langsamer genommen wurde,\nals das Molto vivace des Dreiviertel-Tactes, und das\nassai, mit welchem die Bässe das Haupt-Thema des Finale\neinsetzen, in einem so lahmen Zeitmaasse begann, dass wir\nuns verwundert fragten, ob denn die Freude zu Grabe ge-\ntragen werden solle!\nkonnten nur die kräftigen und feurigen Stellen genügen,\nüberhaupt diejenigen, wo der Eindruck in der Wirkung\nder Massen lag; allein an feiner Schattirung des Vortrages,\nan Hervorhebung der Contraste, am Verständnisse des\nGeistes der Notenschrift fehlte es gar häufig, wesshalb denn\nauch die Sphären-Musik des Adagio wenig Eindruck machte,\nin welchem z. B. die Blas-Instrumente in dem Zwölfachtel-\nTacte gar nicht zu dem Bewusstsein ihrer Aufgabe, die ver-\nlängerte Melodie des Ilaupt-Thema's darzustellen, durchge-\ndrungen waren, sonst hätten sie egaler geblasen, besser\naccentuirt und vor allen Dingen nicht zuweilen die auszu-\nhaltenden gebundenen Töne, deren je zwei eine halbe Note\nbilden, in zwei Viertel zerhackt, wodurch die Melodie,\nwelche dynamisch nicht zum Ausdrucke kam, auch noch\nrhythmisch vernichtet wurde.\nBei der Wahl der Gesangstücke der zweiten Abthei-\nlung des Morgen-Concertes scheint den Wünschen einzel-\nner Künstler zu viel eingeräumt worden zu sein, sonst\nwürde man Musikstücke wie die Alt-Arie von Rossi (Miss\nDolby) und die „Fahnenwacht\" (Pischek), als ganz unwür-\ndig eines Musik- und gar eines Jubelfestes, nicht zugelas-\nsen haben. Nur Frau Offermans, eine sehr schätzens-\nwerthe Sängerin, hat wohl schwerlich aus eigenem Antriebe\ndie Concert-Arie von Verhülst gewählt, da sie in Arien\nanderer Gattung ihr Talent und ihre treffliche Schule weit\nglänzender hätte zeigen können. Fräulein Ney sang die\ngrosse Scene aus Spohr's Faust und die Partie der Lucia\nin dem Finale dieser Oper mit gewohnter Meisterschaft;\nFormes „In diesen heiligen Hallen\", Roger die grosse\nArie aus Joseph, Beide und Pischek das Terzett aus\nRossini's Wilhelm Teil (und zwar Formes mit italiänischem,"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "246", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540805-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1566, "texte": "Pischek mit deutschem, Roger mit französischem Texte\naber trotz alledem vortrefflich und da capo verlangt). Das\nFinale aus Lucia (Ney, Roger, Pischek, Formes) wurde\nebenfalls ganz vorzüglich ausgeführt.\nZwischen diesen Gesangstücken fand nur Ein Instru-\nmental-Vortrag Statt. Zwei junge, sehr talentvolle hol-\nländische Künstler, Herr Ernst Lübeck aus dem Haag\nund Herr Franz Coenen aus Rotterdam, trugen das An-\ndante mit Variationen und das Finale aus Beethoven's\ngrosser A-moll-Sonate für Piano und Violine mit ausser-\nordentlichem Beifall vor; namentlich erwarb sich der Pianist,\nHerr Lübeck, die ungetheilte Anerkennung aller anwesen-\nden Musiker.\nAm Schlüsse des Festes überreichte der Präsident der\nMaatschappij, Herr Viotta aus Amsterdam, nach einer\ngehaltvollen Rede dem Stifter derselben, Herrn Vermeu-\nlen aus Rotterdam, eine grosse goldene Medaille. Herrn\nVer hü Ist machte der Verein ein Geschenk mit den Par-\ntituren der grössten Meisterwerke der Tonkunst, und das\nChor-Personal verehrte ihm einige werthvolle Erinnerungs-\nzeichen.\nDas Festmahl fand in dem obersten Saale des neuen\nGebäudes des Yachtclubs Statt, von dessen Fenstern aus\nman mit Einbruch der Nacht ein prachtvolles Feuerwerk\naufsteigen und sich im Wasser spiegeln sah. Die Ufer der\nMaas waren mit Tausenden von Zuschauern bedeckt.\nBei allen Theilnehmern hat das Rotterdamer Fest eine\nschöne und erhebende Erinnerung hinterlassen, und mit\nFreuden erkennen wir den grossen Fortschritt an, den\nHolland seit fünfundzwanzig Jahren in seinen musicalischen\nZuständen gemacht hat.\n\nL. Bischoff."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-08-05-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-08-05_01#c005", "volume": "bmtnabi_1854-08-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "246", "page_fin": "246", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540805-01.2.2", "titre_corps": "Kölner Sängerfahrt.", "titre_sommaire": "Kölner Sängerfahrt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "246", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540805-01.1.6", "debut_caractere": 1568, "fin_caractere_exclue": 3905, "texte": "Kölner Sängerfahrt.\nDie diesjährige Sängerfahrt auf dem Rheine, ver-\nanstaltet von den Directionen der Liedertafel und der\nmusicalischen Gesellschaft, fand am Sonntag den\n30. Juli Statt und übertraf die vorjährige an fröhlicher\nGeselligkeit und musicalischer Würze. Das Ziel, in so fern\ndiese Fahrt ein anderes hat, als sich im heiteren Kreise\nvon Künstlern und Dilettanten der schönen Natur und des\nLebens zu freuen, war dieses Mal Schloss Argenfels bei\nHönningen, oberhalb Linz, dessen Besitzer, Herr Graf\nWest er holt, die Gesellschaft sehr freundlich aufnahm.\nVon musicalischen Notabilitäten befanden sich Capellmeister\nMarschner aus Hannover, Dorn aus Berlin und die\nkölner Tonkünstler, den Capellineister Hiller an der Spitze,\nauf dem Schiffe; die Poesie und Literatur waren durch\nAlfred Meissner, Rod. Benedi x, In ker mann-\nst ernau u. s. w. vertreten, die Schifffahrtskunde durch\nden wackeren Capitän des Dampfschiffes „ Prinz von Preus-\nsen\" der kölnischen Gesellschaft, die Gastronomie durch\nden Restaurateur und seinen trefflichen Roch, der Geist\nüber den Wassern durch den würdigen Erzieher der Rin-\nder des Rheines, der Mosel, der Garonne und der Cham-\npagne, welchem die Rheinische Dampfschifffahrts-Gesell-\nschaft den Preis zuerkannt hat. Bei solchen Elementen\nkonnte es an Leben und Lust nicht fehlen, zumal da bald\nMänner-, bald Frauenchöre, bald gemischte, erneute Anre-\ngung gaben. Unter den ersten zeichnete sich das Rheinlied\naus den „Nibelungen\" von Dorn aus; für dreistimmigen\nFrauenchor hatte Marschner während seines Aufenthal-\ntes in unserer Stadt einen „ Chor der Nymphen am Rheine\"\nvon C. O. Sternau componirt, welcher von den Reprä-\nsentantinnen der Nymphen recht hübsch gesungen wurde,\neben so wie Hiller's zweistimmige Lieder im Volkstone,\nund der gemischte Chor zeichnete sich in einer ebenfalls\nnoch ungedruckten Composition von Marsehner, einem\nprächtig frischen und originellen „Zigeunerliede\", Text von\nF. Bodenstedt, aus. Ausserdem wurden mehrere ein-\nstimmige Lieder, auch grössere Arien, lauter Compositionen\nanwesender Argonauten, von Fräul. Hermine Mann,\neiner talentvollen Schülerin der Rheinischen Musikschule\nhierselbst, und von den Herren E. Roch und M. DuMont\nvorgetragen. Gegen zehn Uhr landete das bewimpelte Schiff\nwieder im Hafen zu Röln; das schönste Wetter hatte die\nFahrt begünstigt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-08-05-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-08-05_01#c006", "volume": "bmtnabi_1854-08-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "246", "page_fin": "247", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540805-01.2.3", "titre_corps": "Aus der Schweiz.", "titre_sommaire": "Aus der Schweiz.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "246", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540805-01.1.6", "debut_caractere": 3907, "fin_caractere_exclue": 5105, "texte": "Aus der Schweiz.\nIn dem festlich geschmückten, freundlichen Städtchen Winter-\nthur, gelegen in einem weiten Thalkessel sanfter, meist mit treff-\nlichen Reben bcAvachsener Hügel, hatten sich über 1000 Sänger mit\n76 Fahnen zum Sängerfeste eingefunden. Unvertreten war diesmal die\nfranzösische Schweiz. Dagegen war wieder der „Schwäbische Sän-\ngerbund\" von Stuttgart durch Abgeordnete erschienen, wie solche\nauch der „Grütli-Verein\" von Manchester gesendet hatte, von wel-\nchen wackeren Schweizern, wie von denen zu Havre, silberne\nBecher als Ehrengaben verehrt worden waren.\nAm Morgen des 16. Juli (Sonntag) erfolgte unter längeren Re-\nden die Uebergabe der eidgenössischen Sängerfahne, welche zwei\nJahre in Basel geruht hatte, nachdem der feurige Chor „Rufst du,\nmein Vaterland\", als Ouvertüre vorausgegangen war. Die Festhütte\nwar 260 Fuss lang und 95 Fuss breit und glich einer griechischen\nKirche mit Hauptplatz und Seitenhallen; der Raum für die Sänger\nwar ansteigend erhöht und Galerieen für einen Theil der Zuhörer\nangebracht, die, etwa 6000, diese wie den Hauptraum füllten.\nAn dem um 3 Uhr beginnenden Wettgesange betheiligten sich\n19 Vereine. Im Ganzen ward sehr brav und beziehentlich weit"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "247", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540805-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3708, "texte": "vorzüglicher und gewissenhafter cinstudirt gesungen, als hei den\nfrüheren Festen. Allein die Wahl der Wettgesänge Seitens der ein-\nzelnen Dirigenten war nicht durchweg eine glückliche zu nennen.\nDas Preisgericht, aus sieben Personen unter dem Vorsitze Schny-\nder's von Wartensee bestehend, entschied am anderen Morgen ganz\nnach Recht und Billigkeit und mit des „Volkes Stimme\" im Ein-\nklang. Den ersten Preis erhielt wieder die „unbesiegliche\" Har-\nmonie von Zürich, was deren tüchtigem, obwohl von Einzelnen an-\ngefeindetem Dirigenten, Herrn Ignaz Heim, zu um so grösserer\nEhre gereicht, als man daraus ersieht, dass er bezüglich der Lei-\ntungstüchtigkeit seinem Vorgänger F. Abt nicht im Mindesten\nnachsteht. Dagegen ist nicht zu läugnen, dass der Verein der „Stadt\nZürich\", unter Wilhelm Dircction, welcher den zwei-\nten Preis erhielt, mit in erster Linie gestanden haben würde,\nwenn er eben so stimmergiebig wäre, als es die Harmonie ist. Die\nHarmonie hatte übrigens den sehr dankbaren Chor „Im Walde'*\nvon Haeser, C-dur, 6/g-Tact, gewählt, der reich an melodisch-har-\nmonischen Wendlingen und von stark contrastircndcn Nüancirun-\ngen ist. Der „Stadt-Verein\" dagegen hatte den einfach-feierlichen\nGesang Nägeli's „Der Lichtschöpfer\", F-dur, 4/4-Tact, genommen,\nder aber eben eine grosse Kraft des Vortrags erfordert. Den drit-\nten Preis erhielt der basclcr Männerchor.\nAm Nachmittag des 17. Juli (Montag) fand die Gesammt-Auf-\nlührung unter Leitung des Herrn Methfessel von Winterthur Statt.\nBesonders gelangen und gefielen: Beethoven's „Ehre Gottes\", in\nD-dur gesetzt, „Waffentanz\" von C. Kreutzer, „Fahnen-Eid\" von\nJ. Otto, sämmtlich mit Begleitung von Blech-Instrumenten, so wie\nder „schweizerische Nationalgesang\" von 11. G. Nägeli. Vieles da-\ngegen war unpassend gewählt, obwohl der schiefe Antrag, nur\nCompositionen schweizerischer und in der Schweiz wohnender Ton-\ndichter zu nehmen, im Comitc gebührend durchgefallen war.\nDas nächste eidgenössische Sängerfest findet in zwei Jahren in St.\nGallen Statt, wenn Europa's politische Lage nichts dagegen hat.\nUngleich kürzer kann ich mich bezüglich des Zwillingsfcstes,\ndes zu S itt en gleichzeitig gefeierten eidgenössischen Musik-\nfestes, fassen, das beinahe in seiner Geburt erstickt wäre. Die\nLeitung hatten nämlich die Herren Methfessel in Bern und\nRieh. Wagner übernommen. Ersterer sollte den vocalen, dieser\nden instrumentalen Theil der Ausführungen leiten. Letzterer beab-\nsichtigte zugleich, seine Tannhäuscr-Ouverture aufzuführen. Derselbe\nfand aber bei seiner Ankunft in Sitten das vorhandene Orchester\nso unvollständig und gebrechlich zusammengesetzt namentlich\nwaren die besten Violinisten ausgeblieben, obwohl sie vorher zu-\ngesagt —, wozu die Abgelegenheit und Strassenlosigkeit des Cantons\nWallis eben so wie die winterthurer Festlichkeit mag beigetragen\nhaben —, dass Wagner seine Ouvertüre wieder vom Pulte nahm\nund die Flinte oder richtiger den Tactstock in das Korn warf.\nTrotzdem kam die Aufführung, wiewohl höchst mangelhaft, am 12.\nund 13. Juli zu Stande, indem Herr Methfessel mit höchst anerken-\nnenswerther Bereitwilligkeit die Leitung des Ganzen übernahm. Es\ngelangten zur Aufführung: Mendelssohns Sinfonie-Cantatc, Hymne\nvon Neukomm, Beethoven's vl-c/wr-Sinfonie und Anderes. Ausser\ndem Orchester standen aber auch, wie gemeldet wird, die Chöre auf\näusserst schwachen Füssen, indem die Hauptträger derselben neu\ngebildete Vereine aus Wallis und den benachbarten französischen\nCantonen waren, wo, mit Ausnahme der Stadt Genf, der musicali-\nsche Sinn und Geist überhaupt noch sehr wenig warm und rege\nist. Von den Solosängern und Sängerinnen soll nur Fräul. Rordorf\nvon Zürich besondere Erwähnung verdienen.\n(S. M.-Z. Auszug.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-08-05-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-08-05_01#c007", "volume": "bmtnabi_1854-08-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "247", "page_fin": "247", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540805-01.2.4", "titre_corps": "lieber die näheren Umstände des Todes der Gräfin", "titre_sommaire": "lieber die näheren Umstände des Todes der Gräfin", "signature_source": "L. B", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "247", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540805-01.1.7", "debut_caractere": 3710, "fin_caractere_exclue": 4774, "texte": "L. B.\nlieber die näheren Umstände des Todes der Gräfin Rossi-\nSontag wird uns aus der zuverlässigsten Quelle auf dem\nPrivatwege noch Folgendes mitgetheilt: Am 11. Juni zwischen 5\nund 6 Uhr bekam die Gräfin den ersten Anfall von der Cholera,\nes gelang aber bald, der Krankheit Herr zu werden. Am anderen\nTage trat das Uebel zwar ohne Krämpfe, aber doch mit beunruhi-\ngenden Symptomen wieder auf. Die besten Aerzte der Stadt wur-\nden zugezogen, während der Nächte waren ein Arzt und der Graf\nimmer anwesend und um die Kranke beschäftigt. Am 15. Morgens\ntrat eine erfreuliche lieaction ein, allein in der Nacht sprach sich\ndas Typhusfieber aus. Am 16. erkannte sie noch jederzeit den\npflegenden Gatten; am 17., um 3 Uhr Nachmittags, verschied sie\nruhig und schmerzlos. Graf Rossi, der seine Gattin auf allen ihren\nReisen in Europa und America stets begleitete, bestellte noch vor\ndem Begräbnisse, in der Ungewissheit, ob Schmerz oder Krankheit\nnicht auch ihn dahinraffen würden, einen eventuellen Vormund\nfür seine vier Kinder, zwei Töchter und zwei Söhne, in Europa."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-08-05-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-08-05_01#c008", "volume": "bmtnabi_1854-08-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "247", "page_fin": "248", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540805-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "247", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540805-01.1.7", "debut_caractere": 4776, "fin_caractere_exclue": 6627, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nLortzing's Witwe, geb. Regina Ahles, früher eine brave\nSchauspielerin, ist am 13. Juni in Berlin gestorben.\nISra-iinscliweig-. Am 15. u. 16. Juli wurde hier das sechste\nSängerfest des Elm Sängerbünde s gefeiert, mit dem gleichzeitig\nein Gesang-Wettkampf der 27 beim Feste erschienenen Männerge-\nsang-Vereine Statt fand. Die Aufführung in der Aegidienkirche\nwar eine gelungene und machte durch die Kraft der Massen (die\nZahl der Sänger betrug nahe an 1000) namentlich in „0 Isis\" von\nMozart und in dem 67. Psalm von J. Otto auf die zahlreich ver-\nsammelten Zuhörer einen gewaltigen Eindruck. Das Preisrichter-\nCollegium, bestehend aus J. Otto, C. Zöllner, W. Tschirch,\nF. Abt und Mühl brecht, ertheilte der Neuen Liedertafel\nin Hannover den ersten Preis.\nDer Pianist Döhler ist von Florenz nach Heidelberg ge-\nreis't, um die dortigen Aerzte wegen seines leidenden Zustandes\nzu llathe zu ziehen.\nAm 24. Juni ist in Weimar die Oper Alfonso und\nEstrella von Franz Schubert gegeben worden, hat aber den\nErwartungen nicht entsprochen, welche die herrlichen Lieder dieses\ngenialen Componisten erregen mussten.\nHerr von Flotow schreibt lür das llof-Opern-Theater in\nWien eine neue Oper; die Hauptrolle soll für die Wildau er\nbestimmt sein.\nSpohr ist bei seiner Anwesenheit in Bern ausserordentlich\ngefeiert worden durch Serenaden und Ehrenbezeigungen. Auch hat\nman sein Oratorium „Die letzten Dinge\" mit Glanz aufgeführt.\nRossini hat Florenz verlassen und befindet sich jetzt im Bade\nzu Lucca.\nFräulein La Grua, zuletzt in Wien, ist für die Herbstsaison in\nTurin engagirt.\nDie Gaweta Musicale von Neapel sagt alles Ernstes, dass „man\nhoffen könne, die Deutschen werden endlich von ihrer Bewunde-\nrung für Mozart und Beethoven zurückkommen\"! Hat ihr Re-\ndacteur vielleicht die ästhetischen Schriften von Richard Wagner\ngelesen ?"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "248", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540805-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2961, "texte": "Raoul Rochette, Mitglied der Academie des Inscriptions und\nimmerwahrender Secretär der Academie des beaux Artsist am 6.\nJuli in Paris nach vierwöchentlichem schwerem Leiden gestorben.\nEr war auch Musikfreund und Musikverständiger. In seinem letz-\nten Willen befand sich folgende Stelle: „Ich verordne ausdrücklich,\ndass keine Rede bei meinem Begräbniss gehalten wird. Ich habe\nmein Leben lang unter dieser entweihenden Gewohnheit gelitten,\nder ich mich für Andere unterziehen musste, aber wovon ich mich\nfür mich selbst befreien kann. Ich will an meinem Grabe nichts\nals die Gebete der Kirche und die Thränen meiner Freunde.\"\nIn den letzten Tagen des Mai wurde zu Paris eine Vorstel-\nlung des Propheten auf eine traurige Weise unterbrochen. Im\nfünften Act erschoss sich ein ehemaliger preussischer Officier in\nder Loge Nr. 12 des ersten Ranges. Spätere Untersuchungen ha-\nben ergeben, dass er Karl Krüne hiess, Gutsbesitzer und 30 Jahre\nalt war. Er war etwa sechs Wochen vor seinem Ende in Paris an-\ngekommen, wohnte in einem Hotel garni, und war fast blind und\nganz taub. Lebensüberdruss und der Schmerz über eine verschmähte\nLiebe sollen ihn zu dem verzweiflungsvollen Entschlüsse gebracht\nhaben.\nDie Academie des beaux Arts hat auf Rebe r' s Bericht ein\nWerk von D ella Casa empfohlen, welches L'Art de dechiffrer\nbetitelt ist und eine praktische Anleitung zum Vomblattspie-\nlen auf dem Pianoforte gibt.\nDer verdiente Dirigent Herr Seghers hat die Direction der\nConcerte der Gesellschaft Ste. Cecile in Paris niedergelegt. Ein\nHerr Barbereau, ehemaliger Orchester-Director an der italiäni-\nschen Oper, ist an seiner Stelle gewählt worden. Vielleicht wird\nsich dieser nachgiebiger gegen die Forderungen des pariser Ge-\nschmacks und die Scheu des grossen Publicums vor classischen\nWerken zeigen, als sein Vorgänger.\nEin pariser Blatt kündigt die Reise des Gesanglehrers Panofka\nnach Deutschland mit den Worten an, dass er dahin gegangen, um\nschöne Stimmen in der Heimat der Sontag, der Heinefetter, der\nWagner, der Cruvelli zu suchen.\nDer Municipalrath von Bordeaux hat 600,000 Frcs. zum Um-\nbau des grossen Theaters angewiesen.\nDer Violinist Sivori bereis't Spanien. In Madrid hat er zwölf\nConcerte gegeben, auch bei Hofe gespielt und den Orden Karl's 111.\nerhalten nebst sieben diamantenen Hemdknöpfen.\nW. Niels Gade hat eine neue Composition von sich, Wanda,\nBallade für Chor und Orchester, in Kopenhagen aufgeführt.\nIn Stockholm ist vor etwa fünf Wochen das erste Musikfest\nin Schweden von der königlichen Akademie der Tonkunst veran-\nstaltet worden. In der Johanniskirche wurde Mendelssohn's\nElias von 480 Sängern und Instrumentalisten aufgeführt. Kurze\nZeit darauf fand auch ein historisches Conccrt Statt, in welchem\nnur Werke aus dem 17. und der ersten Hälfte des 18. Jahrhun-\nderts gegeben wurden.\nIn Warschau hat die Sängerin De la Grange ganz ausser-\ngewöhnlichen Erfolg gehabt. In Posen haben die Gebrüder\nWieniawski zwölf Concerte im Juni gegeben."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "241", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540805-01.1.1", "texte": "Das Musikfest zu Rotterdam.\n\nIII.\nDen zweiten Tag verherrlichte die Aufführung von\nHaydn's Jahreszeiten, und sowohl die Composition\nals die Auslührung erregte eine wahrhaft festliche Stim-\nmung bei allen, die in der Tonhalle versammelt waren; es\nfand an diesem Abende diejenige erhebende Wechselwir-\nkung zwischen Ausführenden und Zuhörenden, zwischen\nGebenden und Empfangenden Statt, bei welcher sich die\nRollen manchmal gewisser Maassen umkehren, so dass die\nZuhörer mit zu singen vermeinen, weil alle Töne in ihrem\nInnern wiederklingen, und die Sänger mit Freuden zugleich\nzuhören und während des Singens der einzelnen Stimmen\nden Eindruck des Ganzen in sich aufnehmen. Eine solche\nStimmung kann nur ein Meisterwerk der Tonkunst für\nAlle erzeugen, ein Werk, das keiner Commentare und\nkeiner ergrübelten oder erleuchteten Erklärungen, so wie\nkeiner auf- oder untergehenden Sonnen und keiner Thurm-\nTrompeter und Heer-Pauker bedarf, ein Werk, das sich\nselbst erklärt oder vielmehr verklärt und die entgegenge-\nsetztesten Dinge, die Schulweisheit der Fachmänner und\ndie natürliche Lust der Menschen am Gesänge zu Einer\nBewunderung vereinigt. Und in dieser Hinsicht gebührt\ndem Vater Haydn vor allen Uebrigen der Preis, und unter\nseinen Werken sind die Jahreszeiten wiederum das Origi-\nnellste, eine musicalische Idylle, wie sie keine andere Kunst,\nweder die Poesie noch die Malerei, aufzuweisen hat, ent-\nsprungen aus der künstlerischen Erfassung des volksmässi-\ngen Denkens und Empfindens und aus der genialen Ver-\ngeistigung und Veredlung desselben. Predigt und docirt, so\nviel ihr wollt, vom Katheder der neuesten Musik-Philosophie\nherab, rhythmisirt, combinirt, declamirt in euren Compo-\nsitionen so toll wie möglich! Ich will euch aus Vater\nHaydn's Munde sagen, was euch fehlt: Ihr hört in allem,\nwas von aussen her an euer Inneres schlägt, keine Musik,\nihr denkt keine Musik, und so ist es denn auch natürlich,\ndass ihr keine Musik reden könnt. „Hatte ich eine Idee\nerhascht\" - sagte der Alte —, „so ging mein ganzes\nBestreben dahin, sie den Regeln der Kunst gemäss auszu-\nführen und zu souteniren; so suchte ich mir zu helfen,\nund das ist es, was so vielen unserer neuen Componisten\nfehlt; sie reihen ein Stückchen an das andere,\nsie brechen ab, wenn sie kaum angefangen ha-\nben; aber es bleibt auch nichts im Herzen\nsitzen, wenn man es angehört hat.\"\nIm Ganzen war die Aufführung eine des Werkes\nwürdige, durchaus anregende und erhebende, grossentheils\nvortreffliche, in einzelnen Theilen vollendet schöne, so dass\nunter den drei Concerten des Festes das am zweiten Tage\nunstreitig das gelungenste war. Indem wir dieses mit Ver-\ngnügen anerkennen, darf es uns doch nicht hindern, beim\nDurchgehen des Einzelnen denjenigen kritischen Maassstab\nanzulegen, welchen die Bedeutung des rotterdamer Musik-\nfestes und die Sache der Kunst fordern.\nGleich die Instrumental-Einleitung war unsicher und\nnicht scharf genug accentuirt, und das Eilen, mög' es nun\nabsichtlich oder unwillkürlich gewesen sein, nicht zu billi-\ngen. Ueberhaupt fanden wir, was wir schon am ersten\nTage in Bezug auf das Orchester vermisst, auch am zwei-\nten nicht in besserem oder höherem Grade vorhanden. Das\nStreich-Quartett, namentlich die Violinen, waren nicht im-\nmer im gleichen Strich, und nicht alle führten die verschie-\ndenen Stricharten (Ligato, Staccato etc.) gleichmässig aus,\nwas selbst gleich in dem kleinen Vorspiele des ersten Chors\naus G-dur hörbar wurde, noch mehr bei den Staccato-\nTriolen im „Gewitter\", wo es dann auch wieder, wie öf-\nters im Israel, an Kraft und Energie fehlte, trotzdem dass\n(wie man uns in Betreff der Anzahl der Mitwirkenden\nschreibt) 74 Violinen, 20 Bratschen, 24 Celli und 16\nContrabässe im Orchester waren*). Es gibt aber bei den\n\n*) Die Blas-Instrumente verdoppelt: 4 Flöten u.s.w,, 8 Hörner,\n6 Posaunen zusammen im Orchester 173 Personen. Der\nChor zählte 170 Soprane, 120 Alte, 140 Tenörc und 160\nBässe mithin 590 Personen. Dass die Männerstimmen so\nzahlreich gewesen, hätten wir nicht geglaubt. Im Ganzen also\n763 Personen auf der Tonbühne."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "242", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540805-01.1.2", "texte": "Violinen ein gewisses energisches Forte, welches nicht durch\ndie Menge, sondern durch kecken, markigen Strich und\nvollen Ton hervorgebracht wird. Die Blas-Instrumente wa-\nren grösstentheils gut besetzt, einige vorzüglich nur\nstanden sie, wie schon gesagt, zu lief.\nDer Chor entwickelte seine Vorzüge noch glänzender,\nals am ersten Tage; was von demselben in technischer\nHinsicht noch mehr sludirt werden muss, ist das gleich-\nmässig kräftige Aushalten des einzelnen Tones durch\nmehrere Tacte da, wo kein D Statt finden darf\n(jedoch sank derselbe niemals), und zweitens das Einsetzen\nim Piano und überhaupt das M in längeren zarten\nStellen. Im „Frühling\" war der Chor in F: „Sei uns gnä-\ndig!\" ausgezeichnet, nur dass auch hier schon wieder ge-\neilt wurde und das Un poco „Uns spriesset\nUeberfluss\" nicht ein etwas bewegteres Poco Adagio nach\nder Vorschrift des Componisten blieb, wie es denn auch\nder Charakter dieses Fugalo mit den Sechszehntel-Figuren\nder Bässe und zuletzt gar den Sechszehntel-Sextolen der\nViolinen durchaus verlangt, sondern zum förmlichen Allegro\nwurde. Bei der Stelle: „Lass deine Sonne scheinen hell\",\nstrahlte der Sopran mit dem hohen b im frischesten Glänze\nund blieb nicht hinter der vortrefflichen Vorsängerin (Fräul.\nNey) zurück. Auch der Schluss-Chor wurde fest und kräf-\ntig gesungen; aber wo bleibt das Majestätische, das auch\nnoch im Allegro den Charakter dieses Musikstückes bildet,\nbei einem solchen Drängen und Eilen, wie es hier leider\nwieder Statt fand?\nGehen wir gleich auch die Chöre in den drei anderen\nAbtheilungen durch, so müssen wir bemerken, dass es\ndem Gesang-Personale zur Ehre gereicht, das „Jauchzen\"\nauf den Sechszehnteln in dem „Heil, o Sonne\"\nbei diesem Tempo noch so deutlich wenigstens im So-\npran herausgebracht zu haben! Im „Ungewitter hätten\nwir mehr durchschlagende Schwere der Accentuation ge-\nwünscht, besonders bei dem: „Schmetternd krachen\nSchlag auf Schlag\", woran man doch nicht so ganz glau-\nben konnte; wenn Chor und Orchester dabei vollkommen\nihre Pllicht thun, so muss einem zu Muthe werden, als\nmüsste man irgendwo unterkriechen.\nDie Chöre im „Herbst\", namentlich „0 Fleiss\" und\nder „Jagd-Chor\" wurden in jeder Hinsicht vortrefflich, der\nletztere mit wahrer Begeisterung ausgeführt und mit Recht\nda capo gerufen. Auch die Männerstimmen und das Orches-\nter, namentlich die Hörner, waren darin vorzüglich. Der\n„Wein-Chor\" schwankte zwar in der Mitte (im G-dur) ein\nklein wenig, weil wiederum das Tempo nicht festgehalten\nwurde, aber Anfang und Ende (vom neuen Eintritt des\nC-dur ab) rissen mit Recht allgemein hin, und der Sopran\nwar mit seinem\ngar prächtig. lm letzten Theile, im „Winter\", herr-\nschen bekanntlich die Soli vor; der grosse Schluss-Chor\nbeendete die Aufführung auf gelungene und imposante\nWeise.\nDie Solo-Gesänge wurden von Fräul. Jenny Ney,\nHerrn Roger und den Herren Pischek und Formes\ngesungen, von den beiden letzteren so, dass Pischek in\nden beiden ersten Abtheilungen, Formes in den beiden\nletzten sang.\nJenny Ney hatte hier volle Gelegenheit, den Zauber\nihrer herrlichen Sopranstimme walten zu lassen und zu-\ngleich alle diejenigen Eigenschaften zur Geltung zu brin-\ngen, welche den Gesang zu einer Kunst machen. Bei der\nausgezeichneten Tonfülle und Gleichmässigkeit ihres Organs\nwar die richtige Auflassung einer jeden Nummer ihrer\nPartie, deren Gesangstücke einen sehr verschiedenen Cha-\nrakter haben, von doppeltem Werthe für den Zuhörer.\nNirgends zeigte sich auch nur eine Spur von Gunstbuhlerei,\nihr Vortrag war stets edel, überschritt nie das Maass und\ndie Gränze des Schönen und schwang sich doch über das\nGewöhnliche mit derjenigen künstlerischen Zuversicht em-\npor, welche das Bewusstsein der natürlichen Kraft und des\nTalentes, das diese Kraft zu beherrschen versteht, gibt.\nSo konnte es nicht fehlen, dass sie Alles entzückte.\nRoger blieb zwar durchaus nicht unter seinem Rufe,\nallein seine Leistung war doch nicht durchweg so vollkom-\nmen, als die seiner Kunstgenossin. Es ist keine Frage, dass\njeder, der ein Urtheil hat, Roger als Muster aufstellen wird\ngegenüber der Geistesträgheit und Studienfaulheit und\nCoulissen-Bramarbasirung der meisten Sänger in Deutsch-\nland und Frankreich; allein dies hindert nicht, einzusehen,\ndass manches Einzelne bei ihm manierirt erscheint und das\nMaass des Schönen überschreitet, und vor allen Dingen,\ndass er kein Sänger für Alles, für jede Gattung von Musik\nist, dass keineswegs jede Aufgabe in den Bereich seiner\nkünstlerischen Sphäre gehört. Dieses soll und kann keine\nSchmälerung seines Verdienstes sein, sondern nur ein\nDämpfer auf die maasslose Bewunderungs-Posaune derjeni-\ngen Leute in Deutschland, welche gar nicht fühlen, dass es\nin der deutschen Musik Dinge gibt, yon denen sich die"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "243", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540805-01.1.3", "texte": "Franzosen und Italiäner nichts träumen lassen. Denn so\nsehr der deutsche Gesang Charakteristik verlangt, so wenig\ndarf er in extreme Stimmungen und Uebertreibungen zer-\nfallen. Roger ist ein vollendeter Träger der fanzösischen\nund der italiänischen Musik; die Opern-Parlieen derselben\nsingt und spielt er mit hinreissender Wahrheit, und was er\nin diesen auf der Bühne leistet, gehört zu dem Höchsten,\nwas man von dramatischem Gesänge fordern kann. Mit allen\nseinen Vorzügen erschien er auch beim rotterdamer Feste\nam dritten Tage in dem Vortrage der grossen Arie des\nJoseph von Mehul und als Arnold in dem Terzett aus Wil-\nhelm Teil von Rossini, und in Haydn's Jahreszeiten eben-\nfalls an denjenigen Stellen, welche dramatischen Vortrag\nverlangen oder wenigstens erlauben, und welche ihm Gele-\ngenheit gaben, seine künstlerische Individualität zur Er-\nscheinung zu bringen und den Reichthum eines sich in Tö-\nnen offenbarenden tiefen Gefühls zu entfalten.\nDahin gehörten zuvörderst alle Recitative und dann\ndas Duett aus B-dur mit Fräul. Ney, welches stürmisch\nda capo gerufen wurde; die beiden Arien hingegen haben\nuns nur stellenweise befriedigt. Wir wollen nicht gerade\nhervorheben, dass die Cavatine in E-dur (Dem Druck er-\nlieget die Natur) an einer Stelle ganz verunglückte, weil\nder Sänger aus dem Tacte kam, wiewohl freilich derglei-\nchen bei einem fertigen Künstler nicht vorkommen sollte\n(eben so wenig wie in der Oboe das Anstossen des zweiten\ne, welches an das erste gebunden ist\nallein sowohl hier als besonders in der Arie in\n(Hier steht der Wandrer nun) fehlte jene Keuschheit des\nVortrages, den die deutsche Musik verlangt; der Sänger\nwollte zu viel hineinlegen, anstatt nur aus dem klaren Born\nzu schöpfen, der in der Composition selbst quillt. Das\n„ Schaffen\" einer Partie ein Lieblings-Ausdruck der\njetzigen dramatischen Sänger mag allerdings in der Oper\nseine Berechtigung haben, in der Cantate und im Orato-\nrium können wir es uns aber nicht gefallen lassen. Der\nSchluss der E-dur-Arie war durch den schönen Ton der\nStimme und durch den gesteigerten Ausdruck glänzend.\nPi s ch e k gehört zu denjenigen Bühnensängern, welche\nsich nur sehr schwer in Oratorien-Musik finden können;\nwir sind weit entfernt, ihm sein Verdienst als dramatischem\njedoch mehr theatralischem Sänger und als Darstel-\nler abzusprechen: aber im Oratorium hat er uns nie be-\nfriedigt. Es fehlt ihm an Auffassung und an Adel des Aus-\ndrucks; die Stimme ist immer noch kräftig, hat aber den\nwahren Timbre und den Wohllaut verloren, so dass sie für\nzarte Stellen nicht mehr anspricht. Dazu kommt, dass die\nAussprache ausserordentlich störend ist, indem von den\nVocalen das eund von den Consonanten das r fast uner-\nträglich sind. Wie vortheilhaft sticht dagegen die Aus-\nsprache Roger's ab, selbst wenn er Deutsch singt! Doch\ndürfen wir nicht verschweigen, dass die deutsche Presse\nauch in dieser Hinsicht über Roger des Guten zu viel ge-\nsagt hat. Bei aller Anerkennung, die der Fleiss eines Fran-\nzosen verdient, der es so weit im Deutschen gebracht hat,\nwie er, lässt sich doch nicht übersehen, dass noch so Man-\nches mit unterläuft, was falsch ist, besonders in der Beto-\nnung, wie z. B. im ersten Recitativ im Herbst das Wort\n„Vorrath\" wie „Verrath\" accentuirt und die beiden Achtel\neis zu einem Achtel und Viertel gemacht wurden. Freilich\nlässt sich das einem Franzosen eher verzeihen, als wenn\nHerr Pischek den „Ackermann in langer Furchen\"\nschreiten lässt.\nKarl Form es war die vierte Grösse, welche man\nzur Verherrlichung des Festes durch berühmte Sänger\nnach Rotterdam entboten hatte, und seine unvergleichliche\nBassstimme war vor Allem eine feste Säule für das Solo-Ter-\nzett und Quartett, was sich im Herbst und Winter der\nJahreszeiten und vorzüglich am dritten Tage in der neun-\nten Sinfonie bewährte. Allerdings muss man auch Formes,\num seine geniale Künstler-Erscheinung ganz zu würdigen,\nauf der Bühne sehen; allein er ist zugleich von allen Büh-\nnensängern vielleicht der einzige, der auch den Oratorien-\nStil richtig aufzufassen und mit Adel und Würde wieder-\nzugeben weiss. Ich will von seinen Darstellungen in den\nOpern Meyerbeer's ganz abstrahiren dass die Meyer-\nbeer'sche Musik keinen wahreren und grösseren Repräsen-\ntanten hat, als ihn, ist bekannt und vom Componisten selbst\nanerkannt und mich nur an classische Musik halten.\nWenn ich dann Formes als den teuflischen Caspar im\nFreischütz und wieder als den gutherzigen Rocco im Fide-\nlio sehe, und ihn dazwischen im Messias und im Elias höre,\nso muss ich ein Talent aufrichtig bewundern, welches in\nso verschiedenartigen Leistungen sich auf die Höhe der\nKunst zu schwingen gewusst hat. Der Glanzpunkt seiner\nMitwirkung in Rotterdam am zweiten Tage war die Arie\naus Es-dur:„Erblicke hier, bethörter Mensch, deines Le-\nbens Bild\". Die grossartige Breite des Vortrages, welche\nallein durch eine Stimmfülle möglich wird, die niemals im\nStiche lässt, die vortreffliche Declamation, welche, ohne je-\nmals theatralisch zu werden, dennoch einen erschütternden\nEindruck machte, das gewissenhafte Festhalten an den No-\nten des Componisten alles das zusammen gab eines"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "244", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540805-01.1.4", "texte": "der schönsten deutschen Musikstücke in einem echt deut-\nschen Tonbilde wieder. Auch die Recitative sang Formes\nvortrefflich. Dabei müssen wir aber die Fehler rügen, wel-\nche bei der Leitung der Orchester-Begleitung der Recita-\ntive überhaupt vorfielen. Der Herr Dirigent schnitt einige\nMale den Sängern geradezu den Ton ab, indem er das\nOrchester viel zu früh einfallen liess; am auffallendsten ge-\nschah dieses am Schlüsse des Recitativs des Soprans in\nA-dur: „Erhört ist unser Flehn\" (Frühling), und in dem\ngrossen Recitativ des Basses im Winter: „Nun senket sich\ndas blasse Jahr\", wo das Streich-Quartett hei der Stelle:\nmit dem Ges unisono sogar auf das f des Sängers so\nwidrig störend einschlug, dass dieser unwillkürlich dem Di-\nrigenten einen zornigen Blick zuwarf. Von der Begleitung\ndes Recitativs scheint Herr Verhülst noch keine richtige\nVorstellung zu haben; selbst nach dem Verhallen des To-\nnes des Sängers ist der Eintritt des Orchesters keineswegs\neine willkürliche Sache, sondern muss im passenden rhyth-\nmischen Verhältnisse zu der Phrase des Sängers stehen.\nDie Aufführung im Ganzen versetzte das Publicum in\neine freudig aufgeregte Stimmung und gehörte unstreitig zu\nden schönsten musicalischen Genüssen, welche geboten\nwerden können. Erfreulich war es, zu gewahren, wie auch\nalle die Meister der Töne, welche als Ehrengäste zugegen\nwaren, sich an dem unablässigen Reiz, dem thauigen\nSchmelz, der natürlichen Anmuth, der ewigen Jugend die-\nser Musik recht sichtbar erfrischten und einander ihre Em-\npfindungen mittheilten. Erinnert man sich in solchen\nbegeisterten Augenblicken, in denen die Tonkunst ihre All-\nmacht über jedes unbefangene Gemüth ausübt, an die\nAeusserungen musicalischer Pfeflerstösser mit verdorbenem\nMagen, welche gar nicht begreifen, wie man an der\n„Kindermusik der Jahreszeiten und der Zauberflöte\"\nnoch Behagen finden könne, so bleibt einem nichts übrig,\nals zum Himmel zu blicken und mit Göthe auszurufen:\nAch Hcrre Gott, ach Herre Gott,\nErbarm' Dich doch der Herren!\nAls ein hübscher Nachklang des alten niederländischen\nfreistaatlichen Wesens erschien es, dass das rotterdamer\nMusiklest zu einem wirklichen Volksfeste sich gestaltete\neine Erscheinung, welche wir bei unseren deutschen Musik-\nfesten in neueren Zeiten gar nicht mehr kennen. Die höl-\nzernen Wände der Festhalle hielten die Töne nicht so ge-\nfangen, dass nicht sämmtliche Chöre und selbst die Solo-\nstücke, namentlich was die Ney und Formes sangen,\ndurch sie durchgedrungen wären. Daher umstanden Tau-\nsende von Menschen aller Stände das Festgebäude und\nhörten aufmerksam zu, und bei der lobenswerthen ruhigen\nHaltung dieser exoterischen zahlreichen Zuhörerschaft und\nden vortrefflichen Einrichtungen, welche das Comite getrof-\nfen hatte, fiel auch nicht die geringste Störung vor; das\nBeifallklatschen im Saale fand aber stets einen donnernden\nWiederhall da draussen. Bis nach Mitternacht wogte die\nMenge in den Strassen und besonders in der Umgebung\nder Festhalle aul und ab, in deren Nähe eine glänzende und\ngeschmackvolle Erleuchtung des Parks der so genannten\n„Officier-Gesellschaft\" den festlichen Abend beschloss.\nDer dritte Tag brachte ein Morgen-Concert,\nda der Abend zu einem Festmahle, Feuerwerk und Vaux-\nhall bestimmt war.\nDas Programm zu diesem dritten Concerte enthielt\nzwar zwei eines Musikfestes vollkommen würdige Compo-\nsitionen, Beethoven's neunte Sinfonie und einen\nPsalm für Soli, Chor und Orchester von J. H. Ver-\nhiilst, aber unbegreiflicher Weise war die Reihenfolge so\ngeordnet, dass diese beiden Werke hinter einander die\nerste Abtheilung füllten und neun Nummern Solo-Vor-\nträge die zweite. Wenn einmal, und das mit vollstem\nRechte, die neunte Sinfonie zur Aufführung gewählt war,\nwie konnte man dann auf den verkehrten Gedanken kom-\nmen, ihr einen anderen Platz als am Schlüsse anzuweisen?\nKann es denn in aller Welt einen grossartigeren Abschluss\neines musicalischen Jubelfestes geben, als Schiller's und\nBeethoven's Hymnus an die Freude? Anstatt diese Sinfo-\nnie als granitnen Markstein an den Schluss des Festes\nzu stellen, zog man vor, allerlei Juwelierwaare, wobei noch\ndazu manches Unechte war, herumzuzeigen und den Jubel\nüber das lünfundzwanzigjährige Bestehen und Wirken einer\nso ehrenwerthen musicalischen Gesellschaft mit Lindpaint-\nners „Fahnenwacht\" und Donizetti's Sextett aus der Lu-\ncia zu beschliessen!\nDer 145. Psal m „Ich will Dich erhöhen, mein Gott\"\nvon J. 11. Verhülst (Op. 45. Amsterdam, bei Theune\n& Comp.), Haupt-Tonart A-dur,bekundet das bedeutende\nCompositions-Talent dieses Tonsetzers in demselben Maasse,\nwie die meisten seiner übrigen Werke, zeigt wie diese eine\ngründliche, den besten Mustern nachstrebende Behandlung\nder Harmonie, geschickte und sichere Handhabung der\nForm und wirksame Benutzung der Vocal- und Instrumen-\ntal-Massen. Der Stil ist ganz und gar der von Mendels-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "245", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540805-01.1.5", "texte": "söhn; in den Chören kommt der Componist seinem Vor-\nbilde sehr nahe; die Soli (Terzett für Sopran, Tenor und\nBariton, und Quartett), von Frau Offermans und Miss Dolby\nund den Herren Roger und Pischek schön vorgetragen,\nliessen uns trotzdem kalt; sie sind gar zu sehr Copie, und\nzwar in derjenigen Gattung, welche auch bei ihrem Origi-\nnal häufig zwischen Fisch und Fleisch in der Mitte steht.\nEs fehlt darin an Erfindung und ergreifendem Gehalt der\nMelodie, während die Chöre des erhebenden Schwun-\nges keineswegs ermangeln.\nDer gewaltige Geist, der in Beethoven's neunter\nSinfonie wehet, reisst stets die Zuhörer mit sich fort,\nwenn die materiellen Kräfte zur Ausführung vorhanden\nsind. So war es auch hier der Fall, wesshalb denn\nder letzte Satz am meisten imponirte, wozu der zahlreiche\nChor und das vortreffliche Solo-Quartett Ney und\nDolby, Roger und Form es hauptsächlich beitrugen.\nWir haben die Soli mit ihren sehr häkeligen Instrumental-\nFiguren noch nie so vollkommen rein, bis auf jedes Titel-\nchen deutlich und durch Orchester und Chor klangvoll\ndurchdringend gehört, als von den genannten Künstlern.\nDer gewaltige, sonore Bass von Karl Formes gab\ndem Quartett das wahre Fundament; man fühlte, als er\nnach der ersten Cadenz im zweiten Tacte des Allegro das\n„Freude\" auf e d hinausschleuderte, dass dies ein Com-\nmando-Wort sei, vor dem Schmerz und Verzweiflung ver-\nstummen müssen, und man empfand nun erst recht leb-\nhaft, was Beethoven mit diesen zwei Noten gewollt hat,\nwelche sonst so oft fast unbemerkt vorübergehen. Roger\nliess „freudig wie ein Held zum Siegen\" sein hohes so\nkraftvoll durch die ganze Tonmasse von Orchester und\nChor erschallen, dass wir alle ihm ein unwillkürliches\nBravo zuriefen. Die Altstimme war stets hörbar, und das\nerlebt man bei dieser Partie nur selten, und der Sopran\nspielte mit den hohen Tönen mit einer Sicherheit und Leich-\ntigkeit der Intonation, welche alle Vorwürfe der Unsang-\nbarkeit dieser Variationen siegreich widerlegte.\nSollen wir aber unser unparteiisches Urtheil über die\nAuffassung des kolossalen Werkes und die geistige Weihe,\nwelche die Ausführung durchdringen muss, so wie über\ndas Technische der letzteren, aussprechen, so können wir\nkeineswegs unbedingten Beifall spenden und müssen gegen\ndie erste, und zwar nicht in Nebendingen, protestiren und\nan der zweiten, der Auslührung, gar Manches als mangel-\nhaft bezeichnen. Das Tempo des ersten Satzes war gleich\nvon vorn herein zu schnell, wurde aber schon am Schlüsse\ndes ersten Theiles so überjagt, dass von der Breite eines\nAllegro, dem die Warnung ma tum troppo und der Hand-\nweiser UH poco maestoso beigegeben sind, gar nicht mehr\ndie Rede sein konnte und der grossartige Charakter und\ndie Wirkung des Musikstückes verloren gehen mussten.\nMuss man es denn ewig wiederholen, dass die edeln hohen\nGestalten Beethoven's, vor deren schwerem Tritte die Erde\nerbeben muss, nicht geschaffen sind, um zu Tode gehetzt\nzu werden? Dass Kanonenkugeln nicht gegossen werden,\num Fangball damit zu spielen? Aber auch der entge-\ngengesetzte Fehler fiel vor, indem das Trio des Scherzo,\nder Vierviertel-Tact Presto,langsamer genommen wurde,\nals das Molto vivace des Dreiviertel-Tactes, und das\nassai, mit welchem die Bässe das Haupt-Thema des Finale\neinsetzen, in einem so lahmen Zeitmaasse begann, dass wir\nuns verwundert fragten, ob denn die Freude zu Grabe ge-\ntragen werden solle!\nkonnten nur die kräftigen und feurigen Stellen genügen,\nüberhaupt diejenigen, wo der Eindruck in der Wirkung\nder Massen lag; allein an feiner Schattirung des Vortrages,\nan Hervorhebung der Contraste, am Verständnisse des\nGeistes der Notenschrift fehlte es gar häufig, wesshalb denn\nauch die Sphären-Musik des Adagio wenig Eindruck machte,\nin welchem z. B. die Blas-Instrumente in dem Zwölfachtel-\nTacte gar nicht zu dem Bewusstsein ihrer Aufgabe, die ver-\nlängerte Melodie des Ilaupt-Thema's darzustellen, durchge-\ndrungen waren, sonst hätten sie egaler geblasen, besser\naccentuirt und vor allen Dingen nicht zuweilen die auszu-\nhaltenden gebundenen Töne, deren je zwei eine halbe Note\nbilden, in zwei Viertel zerhackt, wodurch die Melodie,\nwelche dynamisch nicht zum Ausdrucke kam, auch noch\nrhythmisch vernichtet wurde.\nBei der Wahl der Gesangstücke der zweiten Abthei-\nlung des Morgen-Concertes scheint den Wünschen einzel-\nner Künstler zu viel eingeräumt worden zu sein, sonst\nwürde man Musikstücke wie die Alt-Arie von Rossi (Miss\nDolby) und die „Fahnenwacht\" (Pischek), als ganz unwür-\ndig eines Musik- und gar eines Jubelfestes, nicht zugelas-\nsen haben. Nur Frau Offermans, eine sehr schätzens-\nwerthe Sängerin, hat wohl schwerlich aus eigenem Antriebe\ndie Concert-Arie von Verhülst gewählt, da sie in Arien\nanderer Gattung ihr Talent und ihre treffliche Schule weit\nglänzender hätte zeigen können. Fräulein Ney sang die\ngrosse Scene aus Spohr's Faust und die Partie der Lucia\nin dem Finale dieser Oper mit gewohnter Meisterschaft;\nFormes „In diesen heiligen Hallen\", Roger die grosse\nArie aus Joseph, Beide und Pischek das Terzett aus\nRossini's Wilhelm Teil (und zwar Formes mit italiänischem,"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "246", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540805-01.1.6", "texte": "Pischek mit deutschem, Roger mit französischem Texte\naber trotz alledem vortrefflich und da capo verlangt). Das\nFinale aus Lucia (Ney, Roger, Pischek, Formes) wurde\nebenfalls ganz vorzüglich ausgeführt.\nZwischen diesen Gesangstücken fand nur Ein Instru-\nmental-Vortrag Statt. Zwei junge, sehr talentvolle hol-\nländische Künstler, Herr Ernst Lübeck aus dem Haag\nund Herr Franz Coenen aus Rotterdam, trugen das An-\ndante mit Variationen und das Finale aus Beethoven's\ngrosser A-moll-Sonate für Piano und Violine mit ausser-\nordentlichem Beifall vor; namentlich erwarb sich der Pianist,\nHerr Lübeck, die ungetheilte Anerkennung aller anwesen-\nden Musiker.\nAm Schlüsse des Festes überreichte der Präsident der\nMaatschappij, Herr Viotta aus Amsterdam, nach einer\ngehaltvollen Rede dem Stifter derselben, Herrn Vermeu-\nlen aus Rotterdam, eine grosse goldene Medaille. Herrn\nVer hü Ist machte der Verein ein Geschenk mit den Par-\ntituren der grössten Meisterwerke der Tonkunst, und das\nChor-Personal verehrte ihm einige werthvolle Erinnerungs-\nzeichen.\nDas Festmahl fand in dem obersten Saale des neuen\nGebäudes des Yachtclubs Statt, von dessen Fenstern aus\nman mit Einbruch der Nacht ein prachtvolles Feuerwerk\naufsteigen und sich im Wasser spiegeln sah. Die Ufer der\nMaas waren mit Tausenden von Zuschauern bedeckt.\nBei allen Theilnehmern hat das Rotterdamer Fest eine\nschöne und erhebende Erinnerung hinterlassen, und mit\nFreuden erkennen wir den grossen Fortschritt an, den\nHolland seit fünfundzwanzig Jahren in seinen musicalischen\nZuständen gemacht hat.\n\nL. Bischoff.\n\nKölner Sängerfahrt.\nDie diesjährige Sängerfahrt auf dem Rheine, ver-\nanstaltet von den Directionen der Liedertafel und der\nmusicalischen Gesellschaft, fand am Sonntag den\n30. Juli Statt und übertraf die vorjährige an fröhlicher\nGeselligkeit und musicalischer Würze. Das Ziel, in so fern\ndiese Fahrt ein anderes hat, als sich im heiteren Kreise\nvon Künstlern und Dilettanten der schönen Natur und des\nLebens zu freuen, war dieses Mal Schloss Argenfels bei\nHönningen, oberhalb Linz, dessen Besitzer, Herr Graf\nWest er holt, die Gesellschaft sehr freundlich aufnahm.\nVon musicalischen Notabilitäten befanden sich Capellmeister\nMarschner aus Hannover, Dorn aus Berlin und die\nkölner Tonkünstler, den Capellineister Hiller an der Spitze,\nauf dem Schiffe; die Poesie und Literatur waren durch\nAlfred Meissner, Rod. Benedi x, In ker mann-\nst ernau u. s. w. vertreten, die Schifffahrtskunde durch\nden wackeren Capitän des Dampfschiffes „ Prinz von Preus-\nsen\" der kölnischen Gesellschaft, die Gastronomie durch\nden Restaurateur und seinen trefflichen Roch, der Geist\nüber den Wassern durch den würdigen Erzieher der Rin-\nder des Rheines, der Mosel, der Garonne und der Cham-\npagne, welchem die Rheinische Dampfschifffahrts-Gesell-\nschaft den Preis zuerkannt hat. Bei solchen Elementen\nkonnte es an Leben und Lust nicht fehlen, zumal da bald\nMänner-, bald Frauenchöre, bald gemischte, erneute Anre-\ngung gaben. Unter den ersten zeichnete sich das Rheinlied\naus den „Nibelungen\" von Dorn aus; für dreistimmigen\nFrauenchor hatte Marschner während seines Aufenthal-\ntes in unserer Stadt einen „ Chor der Nymphen am Rheine\"\nvon C. O. Sternau componirt, welcher von den Reprä-\nsentantinnen der Nymphen recht hübsch gesungen wurde,\neben so wie Hiller's zweistimmige Lieder im Volkstone,\nund der gemischte Chor zeichnete sich in einer ebenfalls\nnoch ungedruckten Composition von Marsehner, einem\nprächtig frischen und originellen „Zigeunerliede\", Text von\nF. Bodenstedt, aus. Ausserdem wurden mehrere ein-\nstimmige Lieder, auch grössere Arien, lauter Compositionen\nanwesender Argonauten, von Fräul. Hermine Mann,\neiner talentvollen Schülerin der Rheinischen Musikschule\nhierselbst, und von den Herren E. Roch und M. DuMont\nvorgetragen. Gegen zehn Uhr landete das bewimpelte Schiff\nwieder im Hafen zu Röln; das schönste Wetter hatte die\nFahrt begünstigt.\n\nAus der Schweiz.\nIn dem festlich geschmückten, freundlichen Städtchen Winter-\nthur, gelegen in einem weiten Thalkessel sanfter, meist mit treff-\nlichen Reben bcAvachsener Hügel, hatten sich über 1000 Sänger mit\n76 Fahnen zum Sängerfeste eingefunden. Unvertreten war diesmal die\nfranzösische Schweiz. Dagegen war wieder der „Schwäbische Sän-\ngerbund\" von Stuttgart durch Abgeordnete erschienen, wie solche\nauch der „Grütli-Verein\" von Manchester gesendet hatte, von wel-\nchen wackeren Schweizern, wie von denen zu Havre, silberne\nBecher als Ehrengaben verehrt worden waren.\nAm Morgen des 16. Juli (Sonntag) erfolgte unter längeren Re-\nden die Uebergabe der eidgenössischen Sängerfahne, welche zwei\nJahre in Basel geruht hatte, nachdem der feurige Chor „Rufst du,\nmein Vaterland\", als Ouvertüre vorausgegangen war. Die Festhütte\nwar 260 Fuss lang und 95 Fuss breit und glich einer griechischen\nKirche mit Hauptplatz und Seitenhallen; der Raum für die Sänger\nwar ansteigend erhöht und Galerieen für einen Theil der Zuhörer\nangebracht, die, etwa 6000, diese wie den Hauptraum füllten.\nAn dem um 3 Uhr beginnenden Wettgesange betheiligten sich\n19 Vereine. Im Ganzen ward sehr brav und beziehentlich weit"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "247", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540805-01.1.7", "texte": "vorzüglicher und gewissenhafter cinstudirt gesungen, als hei den\nfrüheren Festen. Allein die Wahl der Wettgesänge Seitens der ein-\nzelnen Dirigenten war nicht durchweg eine glückliche zu nennen.\nDas Preisgericht, aus sieben Personen unter dem Vorsitze Schny-\nder's von Wartensee bestehend, entschied am anderen Morgen ganz\nnach Recht und Billigkeit und mit des „Volkes Stimme\" im Ein-\nklang. Den ersten Preis erhielt wieder die „unbesiegliche\" Har-\nmonie von Zürich, was deren tüchtigem, obwohl von Einzelnen an-\ngefeindetem Dirigenten, Herrn Ignaz Heim, zu um so grösserer\nEhre gereicht, als man daraus ersieht, dass er bezüglich der Lei-\ntungstüchtigkeit seinem Vorgänger F. Abt nicht im Mindesten\nnachsteht. Dagegen ist nicht zu läugnen, dass der Verein der „Stadt\nZürich\", unter Wilhelm Dircction, welcher den zwei-\nten Preis erhielt, mit in erster Linie gestanden haben würde,\nwenn er eben so stimmergiebig wäre, als es die Harmonie ist. Die\nHarmonie hatte übrigens den sehr dankbaren Chor „Im Walde'*\nvon Haeser, C-dur, 6/g-Tact, gewählt, der reich an melodisch-har-\nmonischen Wendlingen und von stark contrastircndcn Nüancirun-\ngen ist. Der „Stadt-Verein\" dagegen hatte den einfach-feierlichen\nGesang Nägeli's „Der Lichtschöpfer\", F-dur, 4/4-Tact, genommen,\nder aber eben eine grosse Kraft des Vortrags erfordert. Den drit-\nten Preis erhielt der basclcr Männerchor.\nAm Nachmittag des 17. Juli (Montag) fand die Gesammt-Auf-\nlührung unter Leitung des Herrn Methfessel von Winterthur Statt.\nBesonders gelangen und gefielen: Beethoven's „Ehre Gottes\", in\nD-dur gesetzt, „Waffentanz\" von C. Kreutzer, „Fahnen-Eid\" von\nJ. Otto, sämmtlich mit Begleitung von Blech-Instrumenten, so wie\nder „schweizerische Nationalgesang\" von 11. G. Nägeli. Vieles da-\ngegen war unpassend gewählt, obwohl der schiefe Antrag, nur\nCompositionen schweizerischer und in der Schweiz wohnender Ton-\ndichter zu nehmen, im Comitc gebührend durchgefallen war.\nDas nächste eidgenössische Sängerfest findet in zwei Jahren in St.\nGallen Statt, wenn Europa's politische Lage nichts dagegen hat.\nUngleich kürzer kann ich mich bezüglich des Zwillingsfcstes,\ndes zu S itt en gleichzeitig gefeierten eidgenössischen Musik-\nfestes, fassen, das beinahe in seiner Geburt erstickt wäre. Die\nLeitung hatten nämlich die Herren Methfessel in Bern und\nRieh. Wagner übernommen. Ersterer sollte den vocalen, dieser\nden instrumentalen Theil der Ausführungen leiten. Letzterer beab-\nsichtigte zugleich, seine Tannhäuscr-Ouverture aufzuführen. Derselbe\nfand aber bei seiner Ankunft in Sitten das vorhandene Orchester\nso unvollständig und gebrechlich zusammengesetzt namentlich\nwaren die besten Violinisten ausgeblieben, obwohl sie vorher zu-\ngesagt —, wozu die Abgelegenheit und Strassenlosigkeit des Cantons\nWallis eben so wie die winterthurer Festlichkeit mag beigetragen\nhaben —, dass Wagner seine Ouvertüre wieder vom Pulte nahm\nund die Flinte oder richtiger den Tactstock in das Korn warf.\nTrotzdem kam die Aufführung, wiewohl höchst mangelhaft, am 12.\nund 13. Juli zu Stande, indem Herr Methfessel mit höchst anerken-\nnenswerther Bereitwilligkeit die Leitung des Ganzen übernahm. Es\ngelangten zur Aufführung: Mendelssohns Sinfonie-Cantatc, Hymne\nvon Neukomm, Beethoven's vl-c/wr-Sinfonie und Anderes. Ausser\ndem Orchester standen aber auch, wie gemeldet wird, die Chöre auf\näusserst schwachen Füssen, indem die Hauptträger derselben neu\ngebildete Vereine aus Wallis und den benachbarten französischen\nCantonen waren, wo, mit Ausnahme der Stadt Genf, der musicali-\nsche Sinn und Geist überhaupt noch sehr wenig warm und rege\nist. Von den Solosängern und Sängerinnen soll nur Fräul. Rordorf\nvon Zürich besondere Erwähnung verdienen.\n(S. M.-Z. Auszug.)\n\nL. B.\nlieber die näheren Umstände des Todes der Gräfin Rossi-\nSontag wird uns aus der zuverlässigsten Quelle auf dem\nPrivatwege noch Folgendes mitgetheilt: Am 11. Juni zwischen 5\nund 6 Uhr bekam die Gräfin den ersten Anfall von der Cholera,\nes gelang aber bald, der Krankheit Herr zu werden. Am anderen\nTage trat das Uebel zwar ohne Krämpfe, aber doch mit beunruhi-\ngenden Symptomen wieder auf. Die besten Aerzte der Stadt wur-\nden zugezogen, während der Nächte waren ein Arzt und der Graf\nimmer anwesend und um die Kranke beschäftigt. Am 15. Morgens\ntrat eine erfreuliche lieaction ein, allein in der Nacht sprach sich\ndas Typhusfieber aus. Am 16. erkannte sie noch jederzeit den\npflegenden Gatten; am 17., um 3 Uhr Nachmittags, verschied sie\nruhig und schmerzlos. Graf Rossi, der seine Gattin auf allen ihren\nReisen in Europa und America stets begleitete, bestellte noch vor\ndem Begräbnisse, in der Ungewissheit, ob Schmerz oder Krankheit\nnicht auch ihn dahinraffen würden, einen eventuellen Vormund\nfür seine vier Kinder, zwei Töchter und zwei Söhne, in Europa.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nLortzing's Witwe, geb. Regina Ahles, früher eine brave\nSchauspielerin, ist am 13. Juni in Berlin gestorben.\nISra-iinscliweig-. Am 15. u. 16. Juli wurde hier das sechste\nSängerfest des Elm Sängerbünde s gefeiert, mit dem gleichzeitig\nein Gesang-Wettkampf der 27 beim Feste erschienenen Männerge-\nsang-Vereine Statt fand. Die Aufführung in der Aegidienkirche\nwar eine gelungene und machte durch die Kraft der Massen (die\nZahl der Sänger betrug nahe an 1000) namentlich in „0 Isis\" von\nMozart und in dem 67. Psalm von J. Otto auf die zahlreich ver-\nsammelten Zuhörer einen gewaltigen Eindruck. Das Preisrichter-\nCollegium, bestehend aus J. Otto, C. Zöllner, W. Tschirch,\nF. Abt und Mühl brecht, ertheilte der Neuen Liedertafel\nin Hannover den ersten Preis.\nDer Pianist Döhler ist von Florenz nach Heidelberg ge-\nreis't, um die dortigen Aerzte wegen seines leidenden Zustandes\nzu llathe zu ziehen.\nAm 24. Juni ist in Weimar die Oper Alfonso und\nEstrella von Franz Schubert gegeben worden, hat aber den\nErwartungen nicht entsprochen, welche die herrlichen Lieder dieses\ngenialen Componisten erregen mussten.\nHerr von Flotow schreibt lür das llof-Opern-Theater in\nWien eine neue Oper; die Hauptrolle soll für die Wildau er\nbestimmt sein.\nSpohr ist bei seiner Anwesenheit in Bern ausserordentlich\ngefeiert worden durch Serenaden und Ehrenbezeigungen. Auch hat\nman sein Oratorium „Die letzten Dinge\" mit Glanz aufgeführt.\nRossini hat Florenz verlassen und befindet sich jetzt im Bade\nzu Lucca.\nFräulein La Grua, zuletzt in Wien, ist für die Herbstsaison in\nTurin engagirt.\nDie Gaweta Musicale von Neapel sagt alles Ernstes, dass „man\nhoffen könne, die Deutschen werden endlich von ihrer Bewunde-\nrung für Mozart und Beethoven zurückkommen\"! Hat ihr Re-\ndacteur vielleicht die ästhetischen Schriften von Richard Wagner\ngelesen ?"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "248", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540805-01.1.8", "texte": "Raoul Rochette, Mitglied der Academie des Inscriptions und\nimmerwahrender Secretär der Academie des beaux Artsist am 6.\nJuli in Paris nach vierwöchentlichem schwerem Leiden gestorben.\nEr war auch Musikfreund und Musikverständiger. In seinem letz-\nten Willen befand sich folgende Stelle: „Ich verordne ausdrücklich,\ndass keine Rede bei meinem Begräbniss gehalten wird. Ich habe\nmein Leben lang unter dieser entweihenden Gewohnheit gelitten,\nder ich mich für Andere unterziehen musste, aber wovon ich mich\nfür mich selbst befreien kann. Ich will an meinem Grabe nichts\nals die Gebete der Kirche und die Thränen meiner Freunde.\"\nIn den letzten Tagen des Mai wurde zu Paris eine Vorstel-\nlung des Propheten auf eine traurige Weise unterbrochen. Im\nfünften Act erschoss sich ein ehemaliger preussischer Officier in\nder Loge Nr. 12 des ersten Ranges. Spätere Untersuchungen ha-\nben ergeben, dass er Karl Krüne hiess, Gutsbesitzer und 30 Jahre\nalt war. Er war etwa sechs Wochen vor seinem Ende in Paris an-\ngekommen, wohnte in einem Hotel garni, und war fast blind und\nganz taub. Lebensüberdruss und der Schmerz über eine verschmähte\nLiebe sollen ihn zu dem verzweiflungsvollen Entschlüsse gebracht\nhaben.\nDie Academie des beaux Arts hat auf Rebe r' s Bericht ein\nWerk von D ella Casa empfohlen, welches L'Art de dechiffrer\nbetitelt ist und eine praktische Anleitung zum Vomblattspie-\nlen auf dem Pianoforte gibt.\nDer verdiente Dirigent Herr Seghers hat die Direction der\nConcerte der Gesellschaft Ste. Cecile in Paris niedergelegt. Ein\nHerr Barbereau, ehemaliger Orchester-Director an der italiäni-\nschen Oper, ist an seiner Stelle gewählt worden. Vielleicht wird\nsich dieser nachgiebiger gegen die Forderungen des pariser Ge-\nschmacks und die Scheu des grossen Publicums vor classischen\nWerken zeigen, als sein Vorgänger.\nEin pariser Blatt kündigt die Reise des Gesanglehrers Panofka\nnach Deutschland mit den Worten an, dass er dahin gegangen, um\nschöne Stimmen in der Heimat der Sontag, der Heinefetter, der\nWagner, der Cruvelli zu suchen.\nDer Municipalrath von Bordeaux hat 600,000 Frcs. zum Um-\nbau des grossen Theaters angewiesen.\nDer Violinist Sivori bereis't Spanien. In Madrid hat er zwölf\nConcerte gegeben, auch bei Hofe gespielt und den Orden Karl's 111.\nerhalten nebst sieben diamantenen Hemdknöpfen.\nW. Niels Gade hat eine neue Composition von sich, Wanda,\nBallade für Chor und Orchester, in Kopenhagen aufgeführt.\nIn Stockholm ist vor etwa fünf Wochen das erste Musikfest\nin Schweden von der königlichen Akademie der Tonkunst veran-\nstaltet worden. In der Johanniskirche wurde Mendelssohn's\nElias von 480 Sängern und Instrumentalisten aufgeführt. Kurze\nZeit darauf fand auch ein historisches Conccrt Statt, in welchem\nnur Werke aus dem 17. und der ersten Hälfte des 18. Jahrhun-\nderts gegeben wurden.\nIn Warschau hat die Sängerin De la Grange ganz ausser-\ngewöhnlichen Erfolg gehabt. In Posen haben die Gebrüder\nWieniawski zwölf Concerte im Juni gegeben."}]}