{"numero_id": "bm-bmtnabi-1854-08-26-01", "volume": "bmtnabi_1854-08-26_01", "ocr_sha256": "10ebf7dab5352f251751fc128bf507eaa43632f495fd6d13d6660327807f9df1", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1854/08/26_01/bmtnabi_1854-08-26_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540826-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1854-08-26-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-08-26_01#c001", "volume": "bmtnabi_1854-08-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "265", "page_fin": "270", "image_debut": 1, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540826-01.2.1", "titre_corps": "Ueber musicalische Zustände in London.", "titre_sommaire": "Ueber musicalische Zustände in London.", "signature_source": "L. Bischoff", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "265", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540826-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3969, "texte": "Ueber musicalische Zustände in London.\nVon\nProf. L. Bischoff.\nV.\n(S. Nr. 26, 28, 32 und 33.)\nNeben den grossen Bestrebungen der Sacred Harmo-\nnie Society ist in neuerer Zeit ein zweiter Verein für Ora-\ntorien-Musik gegründet worden, welcher in St. Marthas\nHall, einem Concertsaale, der an Grösse und guter Akustik\nmit Exeler Hall wetteifern kann, seine Aufführungen ver-\nanstaltet. Die Direction dieses Vereins führt Herr Hui lah,\nein sehr verdienter Musiker, dessen Wirken für Chorge-\nsang alle Anerkennung verdient.\nVereine für Männergesang kennt man in England\nnoch so gut wie gar nicht; die schwachen Anfänge dazu,\nwelche sich hier und da, wie in Liverpool, Bradford, Man-\nchester, finden, sind von Deutschen, meist jüngeren Leuten\nvom Kaufmannsstande, ins Leben gerufen worden. Aber\nselbst von diesen wenigen ist schon einer wieder schlafen\ngegangen, und die Tage der noch bestehenden dürften auch\nbereits gezählt sein. In wie weit die grosse Anregung,\nwelche die Concerte des kölner Männergesang-Vereins im\nvorigen und besonders in diesem Jahre gegeben haben,\nwo er auch die Städte des nördlichen Fabrik-Districtes\nvon England besucht hat, auf das Entstehen und die Ver-\nbreitung dieser Gattung von Gesang-Musik von nachhalti-\ngem Erfolg sein werde, muss die nächste Zukunft lehren.\nWir sind versucht, daran zu zweifeln, trotz des grossen\nBeifalls und der wahrhaft enthusiastischen Aufnahme, wel-\nche die vortrefflichen Leistungen desselben überall gefunden\nhaben. Unsere Gründe dafür liegen in der Wahrnehmung,\n- jsiq °t # °\ndass der Gesang des kölner Vereins mit Ausnahme der\nbeiden Concerte in Bradford sein Publicum weit mehr\nin den höheren Kreisen der Aristokratie gefunden hat, als\nbeim Volke, und dass wir überhaupt in England, trotz der\ngedruckten Sammlungen von Volksliedern, doch fast nir-\ngends Volksgesang, nicht einmal einstimmigen, geschweige\ndenn mehrstimmigen, gehört haben, wie man ihn in\nDeutschland, Italien und jetzt auch in Frankreich hört. Alle\nvon uns darüber eingezogenen Erkundigungen bestätigen\nunsere eigene Wahrnehmung, dass das Volk wenig Empfäng-\nlichkeit und noch weniger Natur-Anlage für Gesang besitzt.\nNun ist aber der Männergesang nicht nur aus dem Volke\nhervorgegangen, sondern selbst seine künstlerischen Leistun-\ngen sind nichts Anderes als gebildeter und erhöhter Volks-\ngesang; wo also dieser nicht in der Eigentümlichkeit dei\nNation wurzelt, da wird sich der Männergesang auch nie-\nmals zu künstlerischer Blüthe entfalten.\nWas sich davon in London in einigen Restaurations-\nund Bierwirthschafts-Localen zeigt, trägt durchaus nicht\nden Charakter des Volksmässigen, sondern den eines niede-\nren Virtuosenthums, einer privilegirten Bänkelsänger.»!.\nDiese Wirtschaften haben vor den Cafes chantants in Pa-\nris das voraus, dass ihre Sänger neben nur wenigen aus\nOpern zurechtgemachten Stücken eine Menge von alten\nMadrigalen und Volks-Melodieen und eine Auswahl von\ndeutschen Liedern vortragen: auf die letztere hat die An-\nwesenheit des kölner Männergesang-Vereins schon im vo-\nrigen Jahre erfreulich eingewirkt. Auch das nationale Ele-\nment tritt hier stark hervor und kommt in zwei Dingen\nzur Erscheinung: im Ernsten und im Komischen; im ersten\nspielen die Land- und Seehelden, wie Nelson, Wellington,\nund jetzt Napier (auf Dundas haben wir kein Lied gehört)\neine Rolle; das zweite ist oft sehr derb und roh und bringt\nDinge zum Vorschein, welche weniger burlesk als gerade-\nzu widrig sind und von den Parisern nicht geduldet, ge-\nschweige denn mit Beifall-Gebrüll begrüsst werden würden.\nDas interessanteste von diesen Localen, in denen sich\ndie Muse der Tonkunst populär macht, ist Evan's Grand\nHotel, im Bezirk Coventgarden gelegen, auch schlechtweg\n„Evan's Keller\" genannt, weil die Säle für die abendliche\nRestauration im Erdgeschoss liegen. liier werden jeden\nAbend „Madrigals, Glees and vorgetragen, theils\nvon Knaben-, theils von Männerstimmen; die letzteren sind\nmit wenigen Ausnahmen rauh und ohne besonderen Wohl-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "266", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540826-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5108, "texte": "klang, unter den ersteren haben wir einige recht liebliche\ngehört. Hier wird ein- und mehrstimmig gesungen; die\nVortragenden stehen auf einer kleinen Bühne, aul welcher\nauch ein Flügel und ein Harmonium nicht lehlen. Ihre Lie-\nder-Sammlung enthält gar manches Anziehende und Cha-\nrakteristische, z. B. gleich von vorn herein 36 alte Madri-\ngale aus den Jahren 1541 bis 1620, mit Melodieen von\nArcadelt, Morlev, Bvrd, John Milton (Vater des Dichters),\n« li V\nJohn Bennett (1599) u. s. w., auch von einigen alten Ita-\nlienern, wie Marenzi (1590), Festa (1541), Converso\n(1589) u. s. w., und gar von Thibaut, König von Na-\nvarra (1250), si fabula vera! Dann schauen uns zwischen\neiner Menge Liedern von Hatton, H. R. Bishop, Balfe,\nW'allace auf einmal die ernsten Gesichter von Händel,\nGluck, C. M. von Weber und Mendelssohn an, der Letztere\nsogar auch aus seinen Gesangstücken zum Sommernachts-\ntraum; auch Rossini und Auber haben beigesteuert, woge-\ngen das alte französische Nationallied „ Yive Henri qualre!\"\nauch nicht vergessen ist und selbst Neithardt's Einrichtung\nder „letzten Rose\" für Männerchor und Solo eine Stelle\ngefunden hat. Ein sehr beliebtes Stück, „ The harmonions\nBlacksmith\" (der musicalische Grobschmied), soll seinen\nUrsprung einem Regenschauer verdanken, welcher Händel\nauf einem Spazirgange auf dem Gute des Herzogs von\nChandos in die Werkstatt eines Grobschmiedes trieb, der\nzur Arbeit sang. Die Klänge des Hammers auf dem Amboss\no o\nund der Gesang des Cvklopen gaben ihm die musicalischen\nGedanken zu der genannten Melodie.\nVon politischen Liedern mit Bezug auf die Gegenwart\nwurde jeden Abend mit tobendem Beifall das Lied ~ Our\nHumes, Our Queen, and Victorygesungen, dessen drei\nMal wiederkehrender Schlussvers auffordert, die Fahne zu\nerheben und dem Schwachen im Kampfe beizustehen mit\nMännern und hölzernen Burgen, unter dem Rufe: „Wir\nvertheidigen das Recht!\" bekanntlich Worte Lord John\nRusselTs im Parlament. Die drei Strophen trägt Eine Stimme\nund ein Solo-Quartett vor (die Melodie von S. W. New\nist gar nicht übel), der Chor aber singt nach der ersten\nStrophe Händel's „Seht, er kommt mit Sieg gekrönt\" aus\nJosua, nach der zweiten „Ruhßritannia\" und nach der\ndritten „God save the Queen!\" Der Gedanke, die beiden\nNationallieder und den herrlichen Händerschen Chor dabei\nanzubringen, ist in der That ein glücklicher zu nennen;\nnimmt man dazu den lärmenden Jubel, das Leeren der\nPorter- und Alegläser auf Einen Zug und das H ip! llip!\nHurrah! der aufgeregten Menge, so hat man ein Stück na-\ntionales Leben, das seines Gleichen sucht,\nKehren wir von da in die Concertsäle zurück, so müs-\nsen wir noch zwei grosse Institute erwähnen, deren Ilaupt-\nAufgahe die Aufführung von grossen Instrumental-Werken\nist. Es sind dies die Philharmonische Gesellschaft\nund die Neue philharmonische Gesellschaft. Jene\nbesteht seit dem vorigen Jahrhundert; sie ist es, liir welche\nJ. Haydn die bekannten zwölf grossen Sinfonieen geschrie-\nben hat. Diese ist jüngeren Ursprungs und bildete sich\nhauptsächlich desshalb, um auch den Orchester-Werken\nneuerer Componislen gerecht zu werden. Der Vorwurf\nausschliesslicher Bevorzugung der älteren classischen\nMeister, den man dem älteren Vereine machte, ist aber\nwenigstens gegenwärtig unbegründet; er führt die ge-\ndiegenen Compositionen der neueren Zeit eben so gut auf\nals die Werke eines Haydn, Mozart und Beethoven; dass\ner sich nicht zu Experimenten entschliessen will, können\nwir nur billigen: solche Kräfte und solche Mittel, wie diese\nGesellschaft verwendet, verschleudert man nicht gern an\nVersuchs-AuflÜhrungen. Auch hat sie auf die Tradition\nihres Rufes zu achten.\nGesang-Vorträge, sowohl einzelne als Chöre, ferner\nInstrumental-Soli sind von den Concerten beider Gesell-\nschaften nicht ausgeschlossen. In der älteren dirigirt Costa\nund in dessen Verhinderung ein Herr Lucas. Die jüngere\nberuft gewöhnlich einen auswärtigen Tonkünstler zum Di-\nrigenten für eine bestimmte Saison, so voriges Jahr Berlioz,\ndieses Jahr Lindpaintner.\nWir haben nur Einem Concerte in jeder Gesellschaft\nbeiwohnen können. Im Ganzen müssen wir dem Orchester\ndasselbe Lob zollen, welches wir schon bei Gelegenheit der\nOratorien ausgesprochen haben/ Die Concerte des älteren\nVereins besinnen fast immer mit einer Sinfonie von Havdn;\nO ti\nwir hörten die aus Es-durrecht fein ausführen; ausserdem\ndie Ouvertüren von Mendelssohn zum Sommernachtstraum\nund von Marschner zum Vampyr, die letztere besonders\nfeurig und kräftig, und zu Anfang der zweiten Abtheilung\nBeethoven's Vier Orchester-Werke werden\ngewöhnlich in jedem Concerte gemacht. Sims-Reeves sang\ndie Gavatine Adolars aus Eurvanthe, Miss Pvne die erste\nJ 7\nArie der Königin der Nacht, Beide das bekannte Duett aus\nSpohr's Jessonda. Ausserdem hörten wir noch einen sehr\ngewissenhaften, gut nuancirten und technisch sehr reinlichen\nVortrag von Moscheles' G-moll-Codurch Herrn Lind-\nsay Siooper. Von der Beethoven'schen Sinfonie wurde be-\nsonders das erste Allegro recht gut aufgeführt; in den Mit-\ntelsätzen vermissten wir den weichen Ton und zarten Aus-\ndruck bei den Blas-Instrumenten. Im Finale machten die"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "267", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540826-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4893, "texte": "Starktonigen und tüchtig besetzten Saiten-Instrumente ihre\nvolle Wirkung.\nIn der Neuen philharmonischen Gesellschaft fanden wir\nam 10. Mai folgendes Programm: Ouvertüre zu den Min-\nnesängern von Benedict (ein schwaches Werk) l-\nmmanuel, Oratorium von Leslie, letzter Theil Beet-\nhoven's Concert in G-dur Scene für Tenor aus Orfeo\ncd Euridicevon J. II ayd n, gesungen von Sims-Reeves\nOuvertüre zu der Oper „Die Corsen\" von Lindpaint-\nner (viel Lärmen um nichts) Beethoven s neunte\nSinfonie.\nLeslie gehört zu den besten unter den wenigen\nComponisten der Engländer. Das genannte Oratorium ist\nsein neuestes Werk, es wurde, wenigstens theilweise, in\ndiesem Concertc erst zum zweiten Male öffentlich aufge-\nführt. Man kann nicht sagen, dass die Engländer in Bezug\nauf die Kunst an der Nativitäts-Krankheit leiden, welche in\nAmerica zu grassiren anfängt; sie schätzen ihre Tonsetzer,\nohne sie zu überschätzen. Lesüe's Werk ist durch und\ndurch ein Abbild der Mendelssohn'schen Oratorien; die\nCopie ist aber mit Verstand und Geschick gemacht und\nverräth hier und da auch eigenes Schöpfer-Talent. Einige\nMelodieen in den Soli sind sehr lieblich, und der Schluss-\nChor ist eine ehrenwerthe Arbeit, welche überall einen auf-\nrichtigen Succes d'eslimeerlangen würde*). Die Ausführung\nwar sehr mittelmässig: die Chöre ohne Geist und Feuer,\nnicht einmal stets rein, und das Orchester meist roh, was\num so mehr zu verwundern war, da dasselbe die folgende\nNummer, das G-dur-Concert von Beethoven, ganz vorzüg-\nlich gut und fein begleitete. Dadurch und dass der noch\nsehr junge Pianist John Bar nett diese herrliche Compo-\nsition sehr gut auffasstc und mit einer für seine Jahre fast\nwunderbaren Ruhe und Sicherheit und Genauigkeit im\nTechnischen vortrug, wurde diese Nummer die gelungenste\nLeistung an diesem Abende.\nWas sollen wir aber zu der Ausführung der neun-\nten Sinfonie sagen? Lindpaintner ist ohne Zweifel ein\ntüchtiger Dirigent, er ist sicher und präcis und weiss diese\nseine Eigenschaften auf sein Orchester überzutragen, er\nversteht, die Massen zusammen zu halten, es mangelt ihm\nauch nicht an Energie und Feuer aber das alles reicht\nnoch nicht aus, um das Werk eines Anderen geistig zu\nreproduciren. Namentlich scheint der ehrenwrerthe Veteran\nmit Beethoven's Geist auf einem gespannten Fusse zu ste-\nhen; denn es fehlt fast nie, wenn Beide zusammen kom-\nmen, an Missverständnissen. Das ärgste fiel dieses Mal über\ndas Tempo des ersten Satzes vor, welchen Beethoven be-\nkanntlich „etwas majestätisch\" gehalten wissen will, Lind-\npaintner aber wie eine Tanzmusik herabhetzte. Aber dies\nwar nicht das einzige Verfehlte in der Aufführung, der\nhäufig sogar die mindest zu fordernde Präcision ermangelte\nund die im Ganzen den Charakter der Nachlässigkeit trug.\nVon eigentlichem Vortrag im Orchester war nicht die Rede,\nund doch waren tüchtige Kräfte da; man hörte aber von\nAnfang bis zu Ende, dass diese Composition noch nicht ins\nFleisch und Blut der londoner Musiker übergegangen ist.\nDer Chor war nur stellenweise gut, meist aber scharf und\nroh; die Soli, von Frau Caradori, Miss Huddart und den\nHerren Sims-Reeves und Weiss besetzt, konnten im Gan-\nzen befriedigen, standen aber weit hinter der Vollendung\nzurück, mit welcher sie neulich beim rotterdamer Feste\ngesungen wurden*).\nDie Eintrittspreise zu den Concerten sind in beiden\nGesellschaften hoch, für Nicht-Mitglieder eine halbe Guinee,\ndann fünf Shilling und für die wohlfeilsten Plätze zwei und\neinen halben.\nSeit zwei Jahren besteht eine dritte Gesellschaft für\nInstrumental-Musik, die Orchestral Union, welche in Ha-\nnover Square Booms, einem kleineren, aber dem Klange\nhöchst vortheiihaften Saale, der übrigens doch über 800\nZuhörer fasst, während der Saison vier Morgen-Concerte\ngibt. Ihr Orchester ist klein: zwölf Violinen, zwei Contra-\nbässe u. s. w.; wir hörten eine Sinfonie von Ilaydn und\nBcethoven's Coriolan-Ouverture recht befriedigend unter\nder Direction von Alfred Mellon ausführen; Hummers\nConcert, Op. 113, wurde von Herren Pau er, der sich\nhier, eben so wie Herr Präger, eine sehr einträgliche\nStellung errungen hat, vortrefflich vorgetragen.\nAls einheimischer Componist ist ferner Herr Agui-\nlar zu erwähnen, ein tüchtiger Pianist, dessen Composi-\ntionen aber schwerlich den Weg über den Canal oder die\nNordsee finden werden. Er gibt, wie Benedict und die mei-\nsten der hier stabilen Künstler, alljährlich ein Concert; dies-\nmal brachte er zwei Ouvertüren und eine Sinfonie in vier\nSätzen auf den Markt, ferner eine Ciavier-Phantasie über\neine Romanze aus Fra Diavolo (!), welche er selbst spielte,\nwie auch wahrscheinlich des Gegensatzes wegen -\ndas Es-dur-Concertvon Beethoven. Die eine Ouvertüre\nmit dem Titel „Alpheus\", dessen Bedeutung wir nicht zu\n\n*) Eines anderen englischen Componisten, des Herrn George\nLake, Oratorium „Daniel\" waren wir leider verhindert, zu\nhören; es wird gerühmt.\n*) Yergl. Nr. 31, S. 24-3."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "268", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540826-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5226, "texte": "ermitteln vermochten, ist ein Gewirr von unbedeutenden\nMotiven und verräth noch eine grosse Unbeholfenheit in\nder Behandlung des Orchesters. Die andere haben wir nicht\ngehört; von der Sinfonie hatten wir auch an dem ersten\nAllegro genug und zogen vor, bei einem Diner zu rechter\nZeit zu erscheinen, wo dann gleich der erste Satz, eine\nSchildkröten-Suppe, einen wahr- und nahrhaften Contrast\ngegen das so eben Genossene bildete.\nRommen wir jetzt auf die Kammermusik in Lon-\ndon. liier steht die Musical Ungegründet von J. Ella,\noben an. Herr Ella ist ein gebildeter Musiker, ein guter\nBratschist, ein passabler Aesthetiker und musicalischer\nSchriftsteller, ein vortrefflicher Geschäftsführer und ein rei-\ncher Mann. Er ist Gründer und Director, d. h. Musik-Di-\nreclor, dieses Vereins, welcher seit 1845 besteht, und hat\ndas unbestreitbare Verdienst, erstens der Kammermusik\neinen Anhaltspunkt in London gegeben zu haben, um den\nsich ein ausgesuchter Kreis von Kunstfreunden aus den\nhöchsten Ständen gesammelt hat, und zweitens den frem-\nden Künstlern von Ruf eine Gelegenheit zu bieten, sich\nhören zu lassen und ganz anständig dafür bezahlt zu wer-\nden. Dass er selbst dabei mehr auf das Geschäft, mehr auf\nden Ertrag als auf den Vortrag sehen mag, kann sein;\nwelcher Musiker in London ist aber nicht Geschäftsmann?\nDie näheren Verhältnisse dieser Union sind folgende:\nDie Gesellschalt ist zu dem Zwecke gegründet, die höhere\nKammermusik zu cultiviren und den hervorragenden Künst-\nlern aller Nationen einen Vereinigungspunkt zu bieten.\nDurch diesen letzten Zusatz unterscheidet sich der Verein\nvon anderen ähnlichen Cirkeln lür Kammermusik in Deutsch-\nland und in Paris; er hat demnach die doppelte Aufgabe,\nerstens die classischen Compositionen älterer und neuerer\nMeister lür Kammermusik zur Aufführung zu bringen, und\nzweitens ausgezeichnete Virtuosen an der Ausführung zu\nbetheiligen. Das Letztere ändert also den Charakter des\n\\ereins nicht, da das Ensemble die Hauptsache bleibt; von\neigentlichen Virtuosen-Vorträgen findet stets nur Einer,\nhöchstens zwei, Statt. Vocal-Musik ist grundsätzlich ausge-\nO O\nschlössen; doch treten in den besonders vom Director ver-\nanstalteten Abend-Unterhaltungen zuweilen auch Sänger\nund Sängerinnen mit Einzel-Vorträgen auf, was jedoch in\nden letzten Jahren stets weniger vorkommt.\nDer Verein zählt gegenwärtig 420 Mitglieder, von\ndenen mehrere für zwei, selbst für drei bis vier Personen\ngezeichnet haben. Unter dieser Gesammtzahl sind 315,\nalso drei Viertel der Unterzeichner, Damen eine Er-\nscheinung, welche charakteristisch für die Kunstliebhabern\nin England ist; denn nicht nur in dem Quartett-Cirkel der\nMusical Union, sondern in jede m Concert findet dasselbe\nVerhältniss in der Zuhörerschaft Statt; ja, in denConcerten\ndes kölner Männergesang-Vereins machte das schöne Ge-\nschlecht und das ist bei den höheren Classen in Eng-\nland keine blosse Redensart sehr oft neun Zehntel des\nPublicums aus. Es ist durchaus nicht wider die Sitte, dass\ndie Damen, von der Herzogin bis zu der einfachen Miss,\nallein nach dem Concert fahren; die Männer der hohen\nGesellschaft haben ernstere Dinge zu thun, sei's für das\nöffentliche, sei's für das Privat-Leben, und halten, mit weni-\ngen Ausnahmen, den Besuch von Concerten für Zeit-Ver-\nschwendung. Das Publicum bei der Ella'schen Kammer-\nmusik kann man mit Recht die Auswahl der Kunstfreunde,\noder richtiger der Kunstfreundinnen, von London nennen.\nDiese vornehmen Damen, Herzoginnen, Marquisen, Gräfin-\nnen, Vicomtessen, Baronessen, Ladies (womit ich zugleich\ndie bestehende Rangordnung angegeben habe), sind sehr\neifrige Besucherinnen der Concertsäle, sie haben viel und\ndas Meiste gut vortragen gehört, einige von ihnen treiben\nauch daheim mit ziemlichem Ernst Musik, und alle halten\nes lür standesmässig und unerlässlich, während der Saison\ndie Morgenstunden, das heisst von drei bis lünf oder sechs\nUhr Nachmittags, in Ilanover Square Rooms oder Willis'\nRooms in der St. Jamesstrasse zuzubringen. Das ist einmal\nTon, und der kommt der Tonkunst zu Statten. Man trifft\nunter diesen Damen von Rang aber auch viel wirklichen\nSinn für Musik und wahres Gefühl für das Kunstschöne,\nund im Allgemeinen, besonders was die Instrumental-Musik\nbetrifft, ein sehr gebildetes Urlheil und einen richtigen Ge-\nschmack. Weniger kann man das von ihrem Verhalten der\nVocal-Musik gegenüber sagen; sie besuchen allerdings auch\ndie Oratorien, aber auf den Gesang im Salon hat die ita-\nliänische Oper und das durch dieselbe bevorzugte Virtuo-\nsenthum einen nachtheiligen Einfluss gehabt. Dennoch hat\nsich auch das deutsche Lied, namentlich Schubert, Spohr,\nBeethoven, Marschner, Mendelssohn, Bahn bis in die pracht-\nvollen Säle der Aristokratie gebrochen, und in allen Con-\ncerten unseres Männergesang-Vereins gefielen die gediege-\nnen Compositionen von C. M. von Weber, Mendelssohn\nu. s. w. neben den Volksliedern stets am meisten.\nKehren wir zur Musical Union in Willis' Rooms zu-\nrück. Jedes Mitglied zahlt jährlich zwei Guineen, wofür es\nZutritt zu acht Morgen-Concerten hat, was beiläufig eine\nEinnahme von 5800 6000 Thalern bewirkt. Diese acht\nMatineen fallen in die Saison, April bis Juli. Ausserdem\nhat Herr Ella noch vier bis fünf Abend-Unterhaltungen"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "269", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540826-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5077, "texte": "für die Winter-Monate Januar bis März eingerichtet, für\nwelche besonders mit 1 L. 1 Sh. oder 1 L. 10 Sh. (für\nfünf) unterzeichnet wird und an welchen auch Nicht-Mit-\nglieder der Union Theil nehmen können. Herr Ella halte\ndafür im letzten Winter 183 Unterzeichner.\nPatron der Union ist der Prinz Albert, gegenwärtiger\nPräsident der Herzog von Leinster, Vice-Präsident der Graf\nvon Westmorland. Der Vorstand zählt ferner die Herzoge\nvon Beaufort und von Roxburghe zu seinen Mitgliedern.\nSchwerlich dürfte sich ein Quartett-Verein auf dem Conti-\nnente ähnlicher Unterstützung erfreuen. Auch der Erzbi-\nschof von Canterbury, der Lord Bischof von London und\nmehrere Geistliche stehen auf der Liste. Nicht-Unterzeichner\nund Fremde haben gegen Einzel-Billets zu einer halben\nGuinee Zutritt.\nBei einer Revision der Statuten im vorigen Jahre ist\nunter Anderem beschlossen worden: „Kein Engagement\neines Künstlers darf ohne Genehmigung des Präsidenten\ndes Vorstandes abgeschlossen werden. Das Programm\njeder Matinee muss drei classische Compositionen von den\nbesten Meistern enthalten. Eine bestimmte Zahl von\nPersonen, welche im Fache der Literatur, Kunst und Wis-\nsenschaft sich auszeichnen, sollen vom Director zu jeder\nMatinee eingeladen werden. Der Director soll gehalten\nsein, Extra-Concerte zu veranstalten, um darin neue Werke\nund neue Talente vorzuführen.\" Bezeichnend ist der\nfolgende Paragraph: „Der Director soll sich in keine Spe-\nkulation im Namen des Vorstandes ohne dessen Zustimmung\neinlassen.\"\nWas die Leistungen betrifft, so liegt es auf der Hand,\ndass trotz des zehnjährigen Bestehens des Vereins dennoch\nan diejenige künstlerisch vollendete Einheit des Quartett-'\nspiels, wie sie in Deutschland z. B. die Gebrüder Müller\nund selbst andere Quartett-Vereine in Wien, Berlin, Köln\nu. s. w. darstellen, nicht zu denken ist, weil die Künstler\nvon Ruf, welche namentlich für die Ausführung der ersten\nViolinstimme gewonnen werden, nicht nur alljährlich, son-\ndern fast in jeder Matinee wechseln und auch die übrigen\nInstrumente nicht dauernd die einen und selben Vertreter\nhaben. Dagegen lässt sich nicht läugnen, dass die verschie-\ndene Auffassung und der individuelle Vortrag der Haupt-\nstimme durch grosse Virtuosen gerade bei Musikstücken\ngediegener Gattung auch wieder einen besonderen Reiz hat.\nDie erste Violine ist in den neun Jahren von sechs-\nzehn Künstlern gespielt worden, unter denen Vieuxtemps,\nSivori, Hellmesberger, Joachim, Molique, Ernst, Alard,\nJ.aub, Leonard, Bazzini und die Engländer S.ainton und\nBlagrove. Das Violoncell weis't ebenfalls sechszehn Vertre-\nter auf, unter ihnen Piatti (am häufigsten), Hausmann, Kel-\nlerrnann, Cossmann, Menter, Seligmann, de Munck, Jac-\nquard, Drechsler. Auch vier Contrabassisten, unter ihnen\nder Italiäner Bottesini, fehlen nicht. Die Pianisten erscheinen\nnatürlich auch hier, wie überall, in der grössten Anzahl;\nes sind ihrer 28, darunter die Damen Pleyel, Ourv, An-\nderson, Dulcken, Clauss, Graever, Staudach, und die Herren\nBenedict, Bennett, Osborne, SchulhofT, L. von Meyer, Halle\n(am häufigsten), St. Heller, Mortier, Pauer, Blumenthal,\nHiller u. s. w. Auch zwölf Bläser traten auf, theils in Ge-\nsammtstücken (wie Beethoven's Septett und Quintett in Es,\nMozart's Quintett u. s. w.), theils als Solisten, unter ihnen\ndie Clarinettisten Blaes und Wuille, der Fagottist Baumann\nu. s. w. Unter den fünfzehn Vocalisten die Sängerinnen\nBertha Johannsen und Graumann und Viardot-Garcia und\ndie Sänger Pischek und Reichart. Im Ganzen haben auch\nhier die deutschen Künstler den Vorrang; unter der gan-\nzen Zahl von 136 ausgezeichneten Musikern, welche in\nden Concerten der Union bis jetzt auftraten, waren 45\nunsere Landsleute, darunter 13 Violinisten und 15 Piani-\nsten, ferner 33 Engländer, 16 Franzosen und 14 Italiäner.\nLassen wir nun die Programme die Musterung passi-\nren, so finden wir Haydn, Mozart, Beethoven und Mendels-\nsohn am häufigsten, seltener Spohr und Onslow, F. Schu-\nbert nur mit dem Ciavier-Trio in .Es, Schumann gar nicht, mit\neinzelnen Clavier-Compositionen auch Hummel und Hiller.\nFür jede Matinee wird ein ausführliches Programm\nausgegeben, welches eine „Sy der zu\nerwartenden Musikstücke gibt. Sie enthält in Notendruck\ndie Melodie der Haupt- und Neben-Themata's jedes Satzes,\nzuweilen auch mit einem bezifferten Bass zur Andeutung\nder Harmonie, und kürzere, mehr oder weniger gelungene,\nmitunter freilich sehr oberflächliche Bemerkungen über die\nDurchführung und den Inhalt Alles ä la portee des\namateurs. Dass dieser Gebrauch Manches für sich hat, ha-\nben wir schon bei Erwähnung der Programme zu den\nOratorien- und Orchester-Concerten erwähnt; wenn wir\nuns recht erinnern, so hat zuerst Bai 11 o t in Paris bei sei-\nnen berühmten Quartett-Versammlungen die Sache befür-\nwortet und auch ins Werk gesetzt. Er spricht wenigstens\nden richtigen Grundsatz aus: „//\nsoit p\", 4p ire ponr le public, il faut aussi que le public le\nsoit ä ce qu'on va lui faire enten\" Es liegt etwas Aehn-\nliches darin, wie in dem Epigramme des alten Logau:\nLeser, wie gefall' ich dir?\nLeser, wie gefällst du mir?"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "270", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540826-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3953, "texte": "Baillot entwickelt seine Ansicht noch mehr in folgenden\nWorten: „Wie gross auch die charakteristische Wahrheit\nder Instrumental-Musik ist, so kann sie doch nicht mit\ndem gleichen Scharfsinn von allen Zuhörern erfasst werden\nohne ein Programm, welches die Einsicht Vieler auf den\nrichtigen Weg bringt und zu gleicher Zeit die Phantasie\nund das Gefühl Aller in Anspruch nimmt. Der Vorlheil\neines solchen Programms ist, die meisten Zuhörer zu ver-\nhindern, sich in dem Unbestimmten, welches die Instrumen-\ntal-Musik ihrer Natur nach an sich hat, zu verlieren, ihnen\neinen Stützpunkt zu geben, der es ihnen ermögliche, mit\nmehr Leichtigkeit und mehr Theilnahme der Form und der\nEntwicklung des musicalischen Gedankens zu fol-\ngen, ohne sie dcsshalb in jenem schönen individuellen Ge-\nfühle zu beschränken, welches sie bis zu einem gewissen\nPunkte Herren über das lässt, was sie bei dem Gedanken\ndes Componisten vorzugsweise empfinden. Das Programm\nist die Bcleuchiung der musicalischen Scene.\"\nDies sind in der That treffliche Worte! Was werden\ndie Neu-Aeslheliker in Deutschland, d. h. in Sachsen und\nThüringen, sagen, welche ihren Richard Wagner gar zu\ngern überall als ersten Erfinder, als Protoplaslen hinstellen,\nwenn wir ihnen dadurch beweisen, dass das Vernünftig-\nste, was über leitende Programme gesagt werden kann,\nbereits vor vierzig Jahren gesagt worden ist? Man kann in\nLeipzig liücher über die Geschichte der Musik schreiben\nund dennoch, wie man sieht, nicht wissen, was in der Mu-\nsik alles schon da gewesen ist! -\nAusser der Ella'schen Union bestehen noch zwei Cir-\nkel für Kammermusik in London. Bei dem einen steht der\nViolinist Blagrove an der Spitze wir haben keine\nLeistungen dieses Vereins selbst gehört und können also\nnicht darüber urtheilen. Der andere führt den Titel\ntet Association und dürfte wohl mit Recht darauf Anspruch\nmachen, die Kammermusik am meisten echt künstlerisch in\nLondon zu vertreten. Er steht unter der Patronase der\nKönigin, des Prinzen Albert und der Herzogin von Kent\nund hat ebenfalls ein ausgesuchtes Auditorium. Sein Streich-\nQuartett ist stehend, und das ist der grosse Vortheil, den\ndieser Verein vor dem Ella'schen hat. Die Quartettisten sind\ndie Herren Sainton und Cooper für Violine, Hill für\nBratsche und Piatti für Violoncell. Das Abonnement für\ndie Saison kostet anderthalb Guinee, ein Einzel-Billet eine\nhalbe Guinee. Die analytischen Programme schreibt G. A.\nMacfarren, von dessen Talent wir schon gesprochen ha-\nben. Ein grosser Vorzug dieses Quartetts ist auch, dass\ndie Herren Sainton und Cooper mit der Uebernahme der\nersten und zweiten Violinstimme abwechseln. So hörten wir\nz. B. das Quartett in D-mollvon Cherubini (Baillot gewid-\nmet), welches übrigens zum ersten Male in England gespielt\nwurde und auch in Deutschland wenig bekannt ist, und\nSainton trug die Haupistimme vor; darauf das Quartett in\nCvon Mozart, und das von Mendelssohn in in de-\nnen Cooper die erste und Sainton die zweite Violine spielte.\nDas Piano ist auch hier nicht ausgeschlossen; Miss Ara-\nbella Goddard trug Beethoven's Trio in Es,Op. 70, mit\nSainton und Piatti sehr brav vor. Die Streich-Quartette\nwurden ganz vortrefflich ausgeführt und gehörten zu dem\nBesten, was wir in London gehört haben.\nUcber die nicht öffentliche Salon-Musik in London\nkann ich wenig sagen; es fehlt nicht an Häusern, in deren\nAbend-Gesellschaften Musik gemacht wird, doch sind sie\nkeineswegs so häufig, als in Paris und Berlin. Einheimische\nund fremde Künstler werden dazu eingeladen und be-\nzahlt. Ich habe nur einer oder zwei von dergleichen Soireen\nbeigewohnt, wiewohl es nicht an zuvorkommenden Einla-\ndungen mangelte; aber wer kann sich bei den musicalischen\nHetzjagden, welche während der Saison in London gehal-\nten werden, entschliessen, wenn man von drei bis fünf ein\nMorgen-Conccrt und von acht bis eilf ein Oratorium oder\neine grosse Oper genossen hat, in der Milternachtsstunde\nnoch zu einem musicalischen Dessert zu fahren ?"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-08-26-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-08-26_01#c002", "volume": "bmtnabi_1854-08-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "270", "page_fin": "272", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540826-01.2.2", "titre_corps": "Noch ein Blick auf den Zustand des Conservatoires in Paris.", "titre_sommaire": "Noch ein Blick auf den Zustand des Conservatoires in Paris.", "signature_source": "A. S", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "270", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540826-01.1.6", "debut_caractere": 3955, "fin_caractere_exclue": 4963, "texte": "Noch ein Blick auf den Zustand des Conservatoires\nin Paris.\n\nEs wird nun nachgerade hohe Zeit, dass das musika-\nlische Deutschland Kenntniss nehme von den Dingen, wie\nsie auf der berühmten französischen Kunstschule seit 1842,\nda Herr Auber deren Leitung übernommen, getrieben\nwerden. Darum sei die Mittheilung in der vorigen Nummer\nbestens willkommen. Damit man aber nicht glaube, dass\nsich erst jetzt Stimmen gegen die unheilvolle Verwaltung\ndes Instituts erheben, wollen wir auf den fulminanten Ar-\ntikel im Journal des Debatsvom 2. December 1847 aus\nder Feder des Herrn Delecluze hinweisen, der Thatsachen\nenthüllt, die an einem anderen Orte unglaublich scheinen\nmüssten. Der Zauber, den das pariser Conservatoire in\nFolge seines ehemaligen Glanzes bis heute noch in Deutsch-\nland ausübt, wird schwinden, wenn man die Rügen solcher\nMänner, wie Delecluze, der keiner Coterie angehörte, be-\nachten will.\nSchon im Laufe des ersten Jahres der neuen Verwal-\ntung hörte man von Anordnungen, die gegen die Grund-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "271", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540826-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5030, "texte": "gesetze verstiessen, auf welche das Institut basirt war.\nAusländer waren z. B. von der Theilnahme an den Jahres-\nPrüfungen ausgeschlossen, folglich auch von der Preisbe-\nwerbung; nur der Zutritt zu dem Classen-Unterricht war\nvorzüglichen Talenten des Auslandes gestaltet. Herr Auber\nöffnete sogleich aus eigener Machtvollkommenheit allen\nAusländern, sogar entschieden mittehnässigen Talenten, so-\nbald sie mit gewichtigen Empfehlungen versehen waren, die\nPforten des Instituts und liess sie mit den Landeskindern\num Preise concurriren. Eine Weltberühmtheit vermag in\nParis Alles. Vielleicht wollte Herr Auber durch diese Maass-\nregel den europäischen Völkern für den seinen Opern ge-\nschenkten Beifall sich dankbar beweisen, wenn auch da-\ndurch das Conservatoire factisch aufgehört hat, ein National-\nInstilut zu sein.\nAus dem Artikel des Herrn Delecluze, der nach vor-\nausgegangener Jahres-Prüfung geschrieben worden, erfuhr\nman unter Anderem, dass in den Classen der Harmonie-\nLehre, Contrapunkt und Fuge weder ein erster noch\nein zweiter Preis zuerkannt werden konnte, dass so-\nmit in dem rein Wissenschaftlichen (Cherubini's höchstes\nBestreben und Stolz) nichts gelernt worden. Ferner er-\nkannte die Jury in den Classen für Harfe, Oboe, Klappen-\nTrompete und Posaune nur einen zweiten Preis zu. In\nden Classen lür Violine ward nur ein einziger Zögling aus-\ngezeichnet. Diesen „unglücklichen Classen\" gegenüber\nzeigte sich der Erfolg in denen des Solfeggio und Gesanges,\n„ wenn man ihn nach der Zahl der vertheilten Belohnungen\nbeurtheilt\", wahrhaft ausserordentlich. In der ersteren\n(Solfeggio) wurden nicht weniger denn 41, in der anderen\n15 Zöglinge gekrönt durch Zertheilung des ersten\nund zweiten Preises. „Ein ähnlicher Missbrauch'', sagt das\nJournal des Dcbals,„erfordert den ernstesten Widerstand\nSeitens der Kritik. Wenn hungrige Pensionate, in der Be-\nsorgniss, ihre Zöglinge zu verlieren, Hoffnungs-Preise (prix\nd'esperance) erfinden und jeder Mutter ihr Kind mit dem\nLorber auf dem Kopfe nach Haus schicken, so wird man\neine derlei unwürdige und groteske Ausbeute einer Unter-\nrichts-Anstalt der öffentlichen Verachtung blossstellen. Was\nsoll man aber sagen, wenn ein Institut wie das Conserva-\ntoire, theils aus Leichtsinn, theils a*us einem Uebermaass\nvon Gefälligkeit und noch anderen Motiven so weit geht,\ndie seinen Zöglingen zuerkannten Auszeichnungen immer\nmehr und mehr in Misscredit zu bringen und die eigene\nAutorität in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen!\nEin ähnliches Verfahren wird doch von der obersten Be-\nhörde nicht länger geduldet werden! .... Auf Antrag des\nDirectors Cherubini und in Folge Begutachtung einer Spe-\ncial-Commission Seitens der königlichen Thealer, der die\nUeberwachung des Conservatoire übertragen ist, crliess der\nMinister des Innern unterm 9. November 1841 ein Regle-\nment, in dessen achtundvierzigstem Artikel das Zertheilen\nder Preise ausdrücklich verboten wird, und wird dieses al-\nlein in den Classen des Gesanges und des Solfeggio mit\ndem ersten Preise gestattet:\netre parlage enlrc deux eleves.\" Artikel 50 schreibt vor,\ndass sowohl der erste als zweite Preis in den Classen der\nDeclamation nicht zerllieilt werden dürfe. Dessen unge-\nachtet finden wir darin nicht weniger als 15 gekrönte\nHäupter. Wie viele Rachel's und Dejazet's mögen wohl\ndarunter sein? Beneidenswerthe französische Tragödie und\nKomödie!\"\nIn Bezug auf den ministeriellen Erlass erklärt das\nJournal des Debats: „Wenn das Reglement in Betreff der\nanderen darin getroffenen Anordnungen nicht besser be-\nfolgt wird, als in denen über Preis-Ertheilungen, so wäre\nes gerathener, es förmlich aufzuheben und das Directo-\nrat des Conservatoires in ein Gross- Vezirat zu ver-\nwandeln. B\nWas hat wohl diese strenge Büge gefruchtet? Nichts.\nDas Gross-Vezirat bestand schon im Jahre 1847\nund wirtschaftete nach Belieben. Noch mehr. Schon dort\nwurde auf den gesunkenen Moralitäts-Zustand in diesem\nInstitut aufmerksam gemacht. Man veröffentlichte Warnun-\ngen an Eltern, ihre Töchter der Anstalt nicht anzuvertrauen\nu. dgl. Auch diese Anklagen blieben unbeachtet. Im Ge-\ngentheil, die Herde vermehrte sich von Jahr zu Jahr, so\ndass sie nach dem vorliegenden Ausweis der France Musi-\ncale bis auf 803 Stück angewachsen ist! Wer ist im\nStande, diese Zahl nach jeder Richtung hin zu überwachen?\nDoch Herr Auber nicht, der weder Lehrer noch Verwalter\nist, der sich nach Versicherung der würdigsten Männer,\nals: Ilabeneck, Vogt, Tulou u. A., vor Antritt seines Amtes\n1842 niemals im Geringsten um dieses Institut bekümmert\nhatte, desto mehr um seinen kostbaren Marstail. Jedoch, es\nbedurfte zur Besetzung der vacanten Stelle einer Celebri-\ntät, und diese fand sich in der Person des Herrn Auber\num Weiteres ward nicht gefragt. Fragt man doch in\nDeutschland auch zumeist nur nach Celebritäten. Wenn\nwir aus dem Aufsatze in Nr. 33 endlich noch erfahren,\ndass der Kaiser eine Commission ernannt habe, um Vor-\nschläge über die zu verbessernde Einrichtung des Conser-\nvatoires zu machen, so kommt diese Commission leider"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "272", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540826-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 136, "texte": "sehr spät; denn wer nennt die Zahl des Proletariats, das\naus dieser Musikschule seit zwölf Jahren hervorgegangen?\nFrankfurt a. M.\n\nA. S."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-08-26-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-08-26_01#c003", "volume": "bmtnabi_1854-08-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "272", "page_fin": "272", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540826-01.2.3", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "272", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540826-01.1.8", "debut_caractere": 138, "fin_caractere_exclue": 4576, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nH.«f In. Sonntag den 20. d. Mts. hatte der Vorstand des Män-\nnergesang-Vereins zu einer Matinee eingeladen, welche er zu\nEhren des Herrn Fürsten und der Frau Fürstin von Wied, in deren\nBegleitung sich auch Fräulein Bansen befand, ferner des Ritters\nDr. Sigismund Neukomm und des Musik-Directors G. Rei-\nchard t aus Berlin, unter Leitung des Musik-Directors Franz\nWeber veranstaltet hatte. Von den genannten Componisten, Ehren-\nMitgliedern des Vereins, wurden von Neukomm eine Gelegenheits-\nHymne, Text von der Fürstin Marie zu Wied, und ein schönes\nTenebrae faciae sunt gesungen; von Reichardt die spanische Canzo-\nnetta nach Wcber's Arrangement mit Brummstimmen und das be-\nkannte Vaterlandslied. Im Dome wurde am Morgen die Messe in\nC-dur von Neukomm aufgelührt.\nDas Stadttheater wird mit Anfang des September wieder\neröffnet werden. Zu gleicher Zeit hat Herr Ferd. R öder auch\ndas \\ audeville-Theater des Herrn Stollwerck in der Schil-\ndergasse übernommen. Für die Oper sind durch die abgeschlosse-\nnen Engagements gute Erwartungen rege gemacht; Fräulein Jo-\nhannson und Iräulein West er Strand haben einen Namen in\nder musicalischen Welt, der Bariton Becker von Dresden ist ein\nhier bereits bekannter und sehr beliebter Sänger, Herr Erl, erster\nTenor von der Bühne zu Gratz, so wie Herr Thomatsczek,\nBassist von dem Hoftheater zu Kassel, sind als vorzüglich bekannt.\nDem Vernehmen nach wird KarlFormes im September, vor\ndem Beginn seines Engagements in England, einige Mal bei uns\nauftreten.\nAls Neuigkeiten werden uns verheissen: Wagner's „Lohen-\ngrin\", F. Hiller's komische Oper „Der Advocat\", Meyerbeer's\n„Stern des Nordens\", Ve rdi's „Rigoletto\", Marschner's „Austin\",\nvon dem Componisten selbst dirigirt, u. s. w.\nAm 17. August wurde zum Besten des Bürger- und Handwer-\nker-Gesang-Vereins, welcher die Tendenz hat, den Kirchen- und\nVolksgesang zu fördern, unter Leitung seines Dirigenten, Herrn\nW. Herx, ein Concert im Gertrudenhofe gegeben, worin 2 Chöre\naus der Zauberllöte von Mozart, 2 Chöre von C. M. v. Weber, ein\nKriegslicd von Brunner und ein Volkslied von Beethoven gesungen\nwurden. Es macht der Direction, dem Dirigenten und den Mitglie-\ndern alle Ehre, dass der Verein schon einen solchen Standpunkt\nin der Kunst erreicht hat, wie ihn das Concert offenbarte. Die bei\ndem Concerte vom Musikchor des 30. Infanterie-Regiments und\nvom Ciavierspieler Herrn Fettweiss ausgeführten Piecen fanden\nebenfalls vielen Beifall. K.\nZu Brühl wurde am 23. d. Mts. das Sängerfest des sieg-\nrheinischen Lehrer-V ereins unter Leitung des Musik-Di-\nrectors Töpler, Musiklehrers am Lehrer-Seminar zu Brühl, ge-\nfeiert. In der Kirche wurde die von Pale-\nstrina u. s. w. gesungen. Wir werden darüber in der nächsten\nNummer ausführlich berichten.\nIn Breslau ist Rossini's Tankred mit grossem Erfolg wie-\nder auf die Bühne gebracht worden; Johanna Wagner riss\ndarin Alles zur Bewunderung hin.\nHamburg. Die berühmte Sängerin Madame Tedesco ist\nhier als Fides im Propheten aufgetreten und gefällt ganz ausseror-\ndentlich. (Die Nachricht, dass diese Künstlerin in Marseille an der\nCholera gestorben sei, war also ungegründel.)\nIn Spaa befinden sich von ausgezeichneten Künstlern Vieux-\ntemps, die Pianistin Rosa Kastner und eine deutsche Sänge-\nrin Louise Bergaucr, welche mit ganz vorzüglichem Ausdruck\nsingen soll. Auch Meyer beer ist so eben dort eingetroffen.\n-H\nParis. Die grosse Oper zeigt auf einem Zettel, der zum ersten\nMale das kaiserliche Wappen trägt, an, dass die Wiedereröffnung\nsehr bald bevorstehe. Sic ist auf den <2B. d. Mts. festgesetzt. Eröff-\nnungs-Oper wird Donizetti's Favorite sein - eine unpassende\nWahl, wenn man an die Versprechungen des Herrn Troplong\ndenkt. Aber Madame Stoltz will nur in dieser Oper zuerst auf-\ntreten da haben wir also gleich von vorn herein die alte Herr-\nschaft der Sängerinnen wieder! Nun, es wird sich bald zeigen, ob\ndie kaiserliche Verwaltung das Princip der Kunst anders gegen\ndie Primadonnen-Launen zu wahren wissen wird, als die Privat-\nunternehmer. Aber Schnupfen, Erkältung, Heiserkeit, Kopfweh, am\nEnde gar Krämpfe und Thränen, welcher Minister kann gegen\ndiese Verbündeten der Theater-Fürstinnen kämpfen?\nVerdi wohnt seit Anfang des Sommers auf dem Lande bei\nParis; er hat die Oper für die Academie Imperiale, wozu Scribe\nden Text gemacht, fertig, und sie soll nächstens studirt werden.\nDie Hauptrollen sind für Sophie Cruvelli und Gueymard geschrieben."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "265", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540826-01.1.1", "texte": "Ueber musicalische Zustände in London.\nVon\nProf. L. Bischoff.\nV.\n(S. Nr. 26, 28, 32 und 33.)\nNeben den grossen Bestrebungen der Sacred Harmo-\nnie Society ist in neuerer Zeit ein zweiter Verein für Ora-\ntorien-Musik gegründet worden, welcher in St. Marthas\nHall, einem Concertsaale, der an Grösse und guter Akustik\nmit Exeler Hall wetteifern kann, seine Aufführungen ver-\nanstaltet. Die Direction dieses Vereins führt Herr Hui lah,\nein sehr verdienter Musiker, dessen Wirken für Chorge-\nsang alle Anerkennung verdient.\nVereine für Männergesang kennt man in England\nnoch so gut wie gar nicht; die schwachen Anfänge dazu,\nwelche sich hier und da, wie in Liverpool, Bradford, Man-\nchester, finden, sind von Deutschen, meist jüngeren Leuten\nvom Kaufmannsstande, ins Leben gerufen worden. Aber\nselbst von diesen wenigen ist schon einer wieder schlafen\ngegangen, und die Tage der noch bestehenden dürften auch\nbereits gezählt sein. In wie weit die grosse Anregung,\nwelche die Concerte des kölner Männergesang-Vereins im\nvorigen und besonders in diesem Jahre gegeben haben,\nwo er auch die Städte des nördlichen Fabrik-Districtes\nvon England besucht hat, auf das Entstehen und die Ver-\nbreitung dieser Gattung von Gesang-Musik von nachhalti-\ngem Erfolg sein werde, muss die nächste Zukunft lehren.\nWir sind versucht, daran zu zweifeln, trotz des grossen\nBeifalls und der wahrhaft enthusiastischen Aufnahme, wel-\nche die vortrefflichen Leistungen desselben überall gefunden\nhaben. Unsere Gründe dafür liegen in der Wahrnehmung,\n- jsiq °t # °\ndass der Gesang des kölner Vereins mit Ausnahme der\nbeiden Concerte in Bradford sein Publicum weit mehr\nin den höheren Kreisen der Aristokratie gefunden hat, als\nbeim Volke, und dass wir überhaupt in England, trotz der\ngedruckten Sammlungen von Volksliedern, doch fast nir-\ngends Volksgesang, nicht einmal einstimmigen, geschweige\ndenn mehrstimmigen, gehört haben, wie man ihn in\nDeutschland, Italien und jetzt auch in Frankreich hört. Alle\nvon uns darüber eingezogenen Erkundigungen bestätigen\nunsere eigene Wahrnehmung, dass das Volk wenig Empfäng-\nlichkeit und noch weniger Natur-Anlage für Gesang besitzt.\nNun ist aber der Männergesang nicht nur aus dem Volke\nhervorgegangen, sondern selbst seine künstlerischen Leistun-\ngen sind nichts Anderes als gebildeter und erhöhter Volks-\ngesang; wo also dieser nicht in der Eigentümlichkeit dei\nNation wurzelt, da wird sich der Männergesang auch nie-\nmals zu künstlerischer Blüthe entfalten.\nWas sich davon in London in einigen Restaurations-\nund Bierwirthschafts-Localen zeigt, trägt durchaus nicht\nden Charakter des Volksmässigen, sondern den eines niede-\nren Virtuosenthums, einer privilegirten Bänkelsänger.»!.\nDiese Wirtschaften haben vor den Cafes chantants in Pa-\nris das voraus, dass ihre Sänger neben nur wenigen aus\nOpern zurechtgemachten Stücken eine Menge von alten\nMadrigalen und Volks-Melodieen und eine Auswahl von\ndeutschen Liedern vortragen: auf die letztere hat die An-\nwesenheit des kölner Männergesang-Vereins schon im vo-\nrigen Jahre erfreulich eingewirkt. Auch das nationale Ele-\nment tritt hier stark hervor und kommt in zwei Dingen\nzur Erscheinung: im Ernsten und im Komischen; im ersten\nspielen die Land- und Seehelden, wie Nelson, Wellington,\nund jetzt Napier (auf Dundas haben wir kein Lied gehört)\neine Rolle; das zweite ist oft sehr derb und roh und bringt\nDinge zum Vorschein, welche weniger burlesk als gerade-\nzu widrig sind und von den Parisern nicht geduldet, ge-\nschweige denn mit Beifall-Gebrüll begrüsst werden würden.\nDas interessanteste von diesen Localen, in denen sich\ndie Muse der Tonkunst populär macht, ist Evan's Grand\nHotel, im Bezirk Coventgarden gelegen, auch schlechtweg\n„Evan's Keller\" genannt, weil die Säle für die abendliche\nRestauration im Erdgeschoss liegen. liier werden jeden\nAbend „Madrigals, Glees and vorgetragen, theils\nvon Knaben-, theils von Männerstimmen; die letzteren sind\nmit wenigen Ausnahmen rauh und ohne besonderen Wohl-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "266", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540826-01.1.2", "texte": "klang, unter den ersteren haben wir einige recht liebliche\ngehört. Hier wird ein- und mehrstimmig gesungen; die\nVortragenden stehen auf einer kleinen Bühne, aul welcher\nauch ein Flügel und ein Harmonium nicht lehlen. Ihre Lie-\nder-Sammlung enthält gar manches Anziehende und Cha-\nrakteristische, z. B. gleich von vorn herein 36 alte Madri-\ngale aus den Jahren 1541 bis 1620, mit Melodieen von\nArcadelt, Morlev, Bvrd, John Milton (Vater des Dichters),\n« li V\nJohn Bennett (1599) u. s. w., auch von einigen alten Ita-\nlienern, wie Marenzi (1590), Festa (1541), Converso\n(1589) u. s. w., und gar von Thibaut, König von Na-\nvarra (1250), si fabula vera! Dann schauen uns zwischen\neiner Menge Liedern von Hatton, H. R. Bishop, Balfe,\nW'allace auf einmal die ernsten Gesichter von Händel,\nGluck, C. M. von Weber und Mendelssohn an, der Letztere\nsogar auch aus seinen Gesangstücken zum Sommernachts-\ntraum; auch Rossini und Auber haben beigesteuert, woge-\ngen das alte französische Nationallied „ Yive Henri qualre!\"\nauch nicht vergessen ist und selbst Neithardt's Einrichtung\nder „letzten Rose\" für Männerchor und Solo eine Stelle\ngefunden hat. Ein sehr beliebtes Stück, „ The harmonions\nBlacksmith\" (der musicalische Grobschmied), soll seinen\nUrsprung einem Regenschauer verdanken, welcher Händel\nauf einem Spazirgange auf dem Gute des Herzogs von\nChandos in die Werkstatt eines Grobschmiedes trieb, der\nzur Arbeit sang. Die Klänge des Hammers auf dem Amboss\no o\nund der Gesang des Cvklopen gaben ihm die musicalischen\nGedanken zu der genannten Melodie.\nVon politischen Liedern mit Bezug auf die Gegenwart\nwurde jeden Abend mit tobendem Beifall das Lied ~ Our\nHumes, Our Queen, and Victorygesungen, dessen drei\nMal wiederkehrender Schlussvers auffordert, die Fahne zu\nerheben und dem Schwachen im Kampfe beizustehen mit\nMännern und hölzernen Burgen, unter dem Rufe: „Wir\nvertheidigen das Recht!\" bekanntlich Worte Lord John\nRusselTs im Parlament. Die drei Strophen trägt Eine Stimme\nund ein Solo-Quartett vor (die Melodie von S. W. New\nist gar nicht übel), der Chor aber singt nach der ersten\nStrophe Händel's „Seht, er kommt mit Sieg gekrönt\" aus\nJosua, nach der zweiten „Ruhßritannia\" und nach der\ndritten „God save the Queen!\" Der Gedanke, die beiden\nNationallieder und den herrlichen Händerschen Chor dabei\nanzubringen, ist in der That ein glücklicher zu nennen;\nnimmt man dazu den lärmenden Jubel, das Leeren der\nPorter- und Alegläser auf Einen Zug und das H ip! llip!\nHurrah! der aufgeregten Menge, so hat man ein Stück na-\ntionales Leben, das seines Gleichen sucht,\nKehren wir von da in die Concertsäle zurück, so müs-\nsen wir noch zwei grosse Institute erwähnen, deren Ilaupt-\nAufgahe die Aufführung von grossen Instrumental-Werken\nist. Es sind dies die Philharmonische Gesellschaft\nund die Neue philharmonische Gesellschaft. Jene\nbesteht seit dem vorigen Jahrhundert; sie ist es, liir welche\nJ. Haydn die bekannten zwölf grossen Sinfonieen geschrie-\nben hat. Diese ist jüngeren Ursprungs und bildete sich\nhauptsächlich desshalb, um auch den Orchester-Werken\nneuerer Componislen gerecht zu werden. Der Vorwurf\nausschliesslicher Bevorzugung der älteren classischen\nMeister, den man dem älteren Vereine machte, ist aber\nwenigstens gegenwärtig unbegründet; er führt die ge-\ndiegenen Compositionen der neueren Zeit eben so gut auf\nals die Werke eines Haydn, Mozart und Beethoven; dass\ner sich nicht zu Experimenten entschliessen will, können\nwir nur billigen: solche Kräfte und solche Mittel, wie diese\nGesellschaft verwendet, verschleudert man nicht gern an\nVersuchs-AuflÜhrungen. Auch hat sie auf die Tradition\nihres Rufes zu achten.\nGesang-Vorträge, sowohl einzelne als Chöre, ferner\nInstrumental-Soli sind von den Concerten beider Gesell-\nschaften nicht ausgeschlossen. In der älteren dirigirt Costa\nund in dessen Verhinderung ein Herr Lucas. Die jüngere\nberuft gewöhnlich einen auswärtigen Tonkünstler zum Di-\nrigenten für eine bestimmte Saison, so voriges Jahr Berlioz,\ndieses Jahr Lindpaintner.\nWir haben nur Einem Concerte in jeder Gesellschaft\nbeiwohnen können. Im Ganzen müssen wir dem Orchester\ndasselbe Lob zollen, welches wir schon bei Gelegenheit der\nOratorien ausgesprochen haben/ Die Concerte des älteren\nVereins besinnen fast immer mit einer Sinfonie von Havdn;\nO ti\nwir hörten die aus Es-durrecht fein ausführen; ausserdem\ndie Ouvertüren von Mendelssohn zum Sommernachtstraum\nund von Marschner zum Vampyr, die letztere besonders\nfeurig und kräftig, und zu Anfang der zweiten Abtheilung\nBeethoven's Vier Orchester-Werke werden\ngewöhnlich in jedem Concerte gemacht. Sims-Reeves sang\ndie Gavatine Adolars aus Eurvanthe, Miss Pvne die erste\nJ 7\nArie der Königin der Nacht, Beide das bekannte Duett aus\nSpohr's Jessonda. Ausserdem hörten wir noch einen sehr\ngewissenhaften, gut nuancirten und technisch sehr reinlichen\nVortrag von Moscheles' G-moll-Codurch Herrn Lind-\nsay Siooper. Von der Beethoven'schen Sinfonie wurde be-\nsonders das erste Allegro recht gut aufgeführt; in den Mit-\ntelsätzen vermissten wir den weichen Ton und zarten Aus-\ndruck bei den Blas-Instrumenten. Im Finale machten die"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "267", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540826-01.1.3", "texte": "Starktonigen und tüchtig besetzten Saiten-Instrumente ihre\nvolle Wirkung.\nIn der Neuen philharmonischen Gesellschaft fanden wir\nam 10. Mai folgendes Programm: Ouvertüre zu den Min-\nnesängern von Benedict (ein schwaches Werk) l-\nmmanuel, Oratorium von Leslie, letzter Theil Beet-\nhoven's Concert in G-dur Scene für Tenor aus Orfeo\ncd Euridicevon J. II ayd n, gesungen von Sims-Reeves\nOuvertüre zu der Oper „Die Corsen\" von Lindpaint-\nner (viel Lärmen um nichts) Beethoven s neunte\nSinfonie.\nLeslie gehört zu den besten unter den wenigen\nComponisten der Engländer. Das genannte Oratorium ist\nsein neuestes Werk, es wurde, wenigstens theilweise, in\ndiesem Concertc erst zum zweiten Male öffentlich aufge-\nführt. Man kann nicht sagen, dass die Engländer in Bezug\nauf die Kunst an der Nativitäts-Krankheit leiden, welche in\nAmerica zu grassiren anfängt; sie schätzen ihre Tonsetzer,\nohne sie zu überschätzen. Lesüe's Werk ist durch und\ndurch ein Abbild der Mendelssohn'schen Oratorien; die\nCopie ist aber mit Verstand und Geschick gemacht und\nverräth hier und da auch eigenes Schöpfer-Talent. Einige\nMelodieen in den Soli sind sehr lieblich, und der Schluss-\nChor ist eine ehrenwerthe Arbeit, welche überall einen auf-\nrichtigen Succes d'eslimeerlangen würde*). Die Ausführung\nwar sehr mittelmässig: die Chöre ohne Geist und Feuer,\nnicht einmal stets rein, und das Orchester meist roh, was\num so mehr zu verwundern war, da dasselbe die folgende\nNummer, das G-dur-Concert von Beethoven, ganz vorzüg-\nlich gut und fein begleitete. Dadurch und dass der noch\nsehr junge Pianist John Bar nett diese herrliche Compo-\nsition sehr gut auffasstc und mit einer für seine Jahre fast\nwunderbaren Ruhe und Sicherheit und Genauigkeit im\nTechnischen vortrug, wurde diese Nummer die gelungenste\nLeistung an diesem Abende.\nWas sollen wir aber zu der Ausführung der neun-\nten Sinfonie sagen? Lindpaintner ist ohne Zweifel ein\ntüchtiger Dirigent, er ist sicher und präcis und weiss diese\nseine Eigenschaften auf sein Orchester überzutragen, er\nversteht, die Massen zusammen zu halten, es mangelt ihm\nauch nicht an Energie und Feuer aber das alles reicht\nnoch nicht aus, um das Werk eines Anderen geistig zu\nreproduciren. Namentlich scheint der ehrenwrerthe Veteran\nmit Beethoven's Geist auf einem gespannten Fusse zu ste-\nhen; denn es fehlt fast nie, wenn Beide zusammen kom-\nmen, an Missverständnissen. Das ärgste fiel dieses Mal über\ndas Tempo des ersten Satzes vor, welchen Beethoven be-\nkanntlich „etwas majestätisch\" gehalten wissen will, Lind-\npaintner aber wie eine Tanzmusik herabhetzte. Aber dies\nwar nicht das einzige Verfehlte in der Aufführung, der\nhäufig sogar die mindest zu fordernde Präcision ermangelte\nund die im Ganzen den Charakter der Nachlässigkeit trug.\nVon eigentlichem Vortrag im Orchester war nicht die Rede,\nund doch waren tüchtige Kräfte da; man hörte aber von\nAnfang bis zu Ende, dass diese Composition noch nicht ins\nFleisch und Blut der londoner Musiker übergegangen ist.\nDer Chor war nur stellenweise gut, meist aber scharf und\nroh; die Soli, von Frau Caradori, Miss Huddart und den\nHerren Sims-Reeves und Weiss besetzt, konnten im Gan-\nzen befriedigen, standen aber weit hinter der Vollendung\nzurück, mit welcher sie neulich beim rotterdamer Feste\ngesungen wurden*).\nDie Eintrittspreise zu den Concerten sind in beiden\nGesellschaften hoch, für Nicht-Mitglieder eine halbe Guinee,\ndann fünf Shilling und für die wohlfeilsten Plätze zwei und\neinen halben.\nSeit zwei Jahren besteht eine dritte Gesellschaft für\nInstrumental-Musik, die Orchestral Union, welche in Ha-\nnover Square Booms, einem kleineren, aber dem Klange\nhöchst vortheiihaften Saale, der übrigens doch über 800\nZuhörer fasst, während der Saison vier Morgen-Concerte\ngibt. Ihr Orchester ist klein: zwölf Violinen, zwei Contra-\nbässe u. s. w.; wir hörten eine Sinfonie von Ilaydn und\nBcethoven's Coriolan-Ouverture recht befriedigend unter\nder Direction von Alfred Mellon ausführen; Hummers\nConcert, Op. 113, wurde von Herren Pau er, der sich\nhier, eben so wie Herr Präger, eine sehr einträgliche\nStellung errungen hat, vortrefflich vorgetragen.\nAls einheimischer Componist ist ferner Herr Agui-\nlar zu erwähnen, ein tüchtiger Pianist, dessen Composi-\ntionen aber schwerlich den Weg über den Canal oder die\nNordsee finden werden. Er gibt, wie Benedict und die mei-\nsten der hier stabilen Künstler, alljährlich ein Concert; dies-\nmal brachte er zwei Ouvertüren und eine Sinfonie in vier\nSätzen auf den Markt, ferner eine Ciavier-Phantasie über\neine Romanze aus Fra Diavolo (!), welche er selbst spielte,\nwie auch wahrscheinlich des Gegensatzes wegen -\ndas Es-dur-Concertvon Beethoven. Die eine Ouvertüre\nmit dem Titel „Alpheus\", dessen Bedeutung wir nicht zu\n\n*) Eines anderen englischen Componisten, des Herrn George\nLake, Oratorium „Daniel\" waren wir leider verhindert, zu\nhören; es wird gerühmt.\n*) Yergl. Nr. 31, S. 24-3."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "268", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540826-01.1.4", "texte": "ermitteln vermochten, ist ein Gewirr von unbedeutenden\nMotiven und verräth noch eine grosse Unbeholfenheit in\nder Behandlung des Orchesters. Die andere haben wir nicht\ngehört; von der Sinfonie hatten wir auch an dem ersten\nAllegro genug und zogen vor, bei einem Diner zu rechter\nZeit zu erscheinen, wo dann gleich der erste Satz, eine\nSchildkröten-Suppe, einen wahr- und nahrhaften Contrast\ngegen das so eben Genossene bildete.\nRommen wir jetzt auf die Kammermusik in Lon-\ndon. liier steht die Musical Ungegründet von J. Ella,\noben an. Herr Ella ist ein gebildeter Musiker, ein guter\nBratschist, ein passabler Aesthetiker und musicalischer\nSchriftsteller, ein vortrefflicher Geschäftsführer und ein rei-\ncher Mann. Er ist Gründer und Director, d. h. Musik-Di-\nreclor, dieses Vereins, welcher seit 1845 besteht, und hat\ndas unbestreitbare Verdienst, erstens der Kammermusik\neinen Anhaltspunkt in London gegeben zu haben, um den\nsich ein ausgesuchter Kreis von Kunstfreunden aus den\nhöchsten Ständen gesammelt hat, und zweitens den frem-\nden Künstlern von Ruf eine Gelegenheit zu bieten, sich\nhören zu lassen und ganz anständig dafür bezahlt zu wer-\nden. Dass er selbst dabei mehr auf das Geschäft, mehr auf\nden Ertrag als auf den Vortrag sehen mag, kann sein;\nwelcher Musiker in London ist aber nicht Geschäftsmann?\nDie näheren Verhältnisse dieser Union sind folgende:\nDie Gesellschalt ist zu dem Zwecke gegründet, die höhere\nKammermusik zu cultiviren und den hervorragenden Künst-\nlern aller Nationen einen Vereinigungspunkt zu bieten.\nDurch diesen letzten Zusatz unterscheidet sich der Verein\nvon anderen ähnlichen Cirkeln lür Kammermusik in Deutsch-\nland und in Paris; er hat demnach die doppelte Aufgabe,\nerstens die classischen Compositionen älterer und neuerer\nMeister lür Kammermusik zur Aufführung zu bringen, und\nzweitens ausgezeichnete Virtuosen an der Ausführung zu\nbetheiligen. Das Letztere ändert also den Charakter des\n\\ereins nicht, da das Ensemble die Hauptsache bleibt; von\neigentlichen Virtuosen-Vorträgen findet stets nur Einer,\nhöchstens zwei, Statt. Vocal-Musik ist grundsätzlich ausge-\nO O\nschlössen; doch treten in den besonders vom Director ver-\nanstalteten Abend-Unterhaltungen zuweilen auch Sänger\nund Sängerinnen mit Einzel-Vorträgen auf, was jedoch in\nden letzten Jahren stets weniger vorkommt.\nDer Verein zählt gegenwärtig 420 Mitglieder, von\ndenen mehrere für zwei, selbst für drei bis vier Personen\ngezeichnet haben. Unter dieser Gesammtzahl sind 315,\nalso drei Viertel der Unterzeichner, Damen eine Er-\nscheinung, welche charakteristisch für die Kunstliebhabern\nin England ist; denn nicht nur in dem Quartett-Cirkel der\nMusical Union, sondern in jede m Concert findet dasselbe\nVerhältniss in der Zuhörerschaft Statt; ja, in denConcerten\ndes kölner Männergesang-Vereins machte das schöne Ge-\nschlecht und das ist bei den höheren Classen in Eng-\nland keine blosse Redensart sehr oft neun Zehntel des\nPublicums aus. Es ist durchaus nicht wider die Sitte, dass\ndie Damen, von der Herzogin bis zu der einfachen Miss,\nallein nach dem Concert fahren; die Männer der hohen\nGesellschaft haben ernstere Dinge zu thun, sei's für das\nöffentliche, sei's für das Privat-Leben, und halten, mit weni-\ngen Ausnahmen, den Besuch von Concerten für Zeit-Ver-\nschwendung. Das Publicum bei der Ella'schen Kammer-\nmusik kann man mit Recht die Auswahl der Kunstfreunde,\noder richtiger der Kunstfreundinnen, von London nennen.\nDiese vornehmen Damen, Herzoginnen, Marquisen, Gräfin-\nnen, Vicomtessen, Baronessen, Ladies (womit ich zugleich\ndie bestehende Rangordnung angegeben habe), sind sehr\neifrige Besucherinnen der Concertsäle, sie haben viel und\ndas Meiste gut vortragen gehört, einige von ihnen treiben\nauch daheim mit ziemlichem Ernst Musik, und alle halten\nes lür standesmässig und unerlässlich, während der Saison\ndie Morgenstunden, das heisst von drei bis lünf oder sechs\nUhr Nachmittags, in Ilanover Square Rooms oder Willis'\nRooms in der St. Jamesstrasse zuzubringen. Das ist einmal\nTon, und der kommt der Tonkunst zu Statten. Man trifft\nunter diesen Damen von Rang aber auch viel wirklichen\nSinn für Musik und wahres Gefühl für das Kunstschöne,\nund im Allgemeinen, besonders was die Instrumental-Musik\nbetrifft, ein sehr gebildetes Urlheil und einen richtigen Ge-\nschmack. Weniger kann man das von ihrem Verhalten der\nVocal-Musik gegenüber sagen; sie besuchen allerdings auch\ndie Oratorien, aber auf den Gesang im Salon hat die ita-\nliänische Oper und das durch dieselbe bevorzugte Virtuo-\nsenthum einen nachtheiligen Einfluss gehabt. Dennoch hat\nsich auch das deutsche Lied, namentlich Schubert, Spohr,\nBeethoven, Marschner, Mendelssohn, Bahn bis in die pracht-\nvollen Säle der Aristokratie gebrochen, und in allen Con-\ncerten unseres Männergesang-Vereins gefielen die gediege-\nnen Compositionen von C. M. von Weber, Mendelssohn\nu. s. w. neben den Volksliedern stets am meisten.\nKehren wir zur Musical Union in Willis' Rooms zu-\nrück. Jedes Mitglied zahlt jährlich zwei Guineen, wofür es\nZutritt zu acht Morgen-Concerten hat, was beiläufig eine\nEinnahme von 5800 6000 Thalern bewirkt. Diese acht\nMatineen fallen in die Saison, April bis Juli. Ausserdem\nhat Herr Ella noch vier bis fünf Abend-Unterhaltungen"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "269", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540826-01.1.5", "texte": "für die Winter-Monate Januar bis März eingerichtet, für\nwelche besonders mit 1 L. 1 Sh. oder 1 L. 10 Sh. (für\nfünf) unterzeichnet wird und an welchen auch Nicht-Mit-\nglieder der Union Theil nehmen können. Herr Ella halte\ndafür im letzten Winter 183 Unterzeichner.\nPatron der Union ist der Prinz Albert, gegenwärtiger\nPräsident der Herzog von Leinster, Vice-Präsident der Graf\nvon Westmorland. Der Vorstand zählt ferner die Herzoge\nvon Beaufort und von Roxburghe zu seinen Mitgliedern.\nSchwerlich dürfte sich ein Quartett-Verein auf dem Conti-\nnente ähnlicher Unterstützung erfreuen. Auch der Erzbi-\nschof von Canterbury, der Lord Bischof von London und\nmehrere Geistliche stehen auf der Liste. Nicht-Unterzeichner\nund Fremde haben gegen Einzel-Billets zu einer halben\nGuinee Zutritt.\nBei einer Revision der Statuten im vorigen Jahre ist\nunter Anderem beschlossen worden: „Kein Engagement\neines Künstlers darf ohne Genehmigung des Präsidenten\ndes Vorstandes abgeschlossen werden. Das Programm\njeder Matinee muss drei classische Compositionen von den\nbesten Meistern enthalten. Eine bestimmte Zahl von\nPersonen, welche im Fache der Literatur, Kunst und Wis-\nsenschaft sich auszeichnen, sollen vom Director zu jeder\nMatinee eingeladen werden. Der Director soll gehalten\nsein, Extra-Concerte zu veranstalten, um darin neue Werke\nund neue Talente vorzuführen.\" Bezeichnend ist der\nfolgende Paragraph: „Der Director soll sich in keine Spe-\nkulation im Namen des Vorstandes ohne dessen Zustimmung\neinlassen.\"\nWas die Leistungen betrifft, so liegt es auf der Hand,\ndass trotz des zehnjährigen Bestehens des Vereins dennoch\nan diejenige künstlerisch vollendete Einheit des Quartett-'\nspiels, wie sie in Deutschland z. B. die Gebrüder Müller\nund selbst andere Quartett-Vereine in Wien, Berlin, Köln\nu. s. w. darstellen, nicht zu denken ist, weil die Künstler\nvon Ruf, welche namentlich für die Ausführung der ersten\nViolinstimme gewonnen werden, nicht nur alljährlich, son-\ndern fast in jeder Matinee wechseln und auch die übrigen\nInstrumente nicht dauernd die einen und selben Vertreter\nhaben. Dagegen lässt sich nicht läugnen, dass die verschie-\ndene Auffassung und der individuelle Vortrag der Haupt-\nstimme durch grosse Virtuosen gerade bei Musikstücken\ngediegener Gattung auch wieder einen besonderen Reiz hat.\nDie erste Violine ist in den neun Jahren von sechs-\nzehn Künstlern gespielt worden, unter denen Vieuxtemps,\nSivori, Hellmesberger, Joachim, Molique, Ernst, Alard,\nJ.aub, Leonard, Bazzini und die Engländer S.ainton und\nBlagrove. Das Violoncell weis't ebenfalls sechszehn Vertre-\nter auf, unter ihnen Piatti (am häufigsten), Hausmann, Kel-\nlerrnann, Cossmann, Menter, Seligmann, de Munck, Jac-\nquard, Drechsler. Auch vier Contrabassisten, unter ihnen\nder Italiäner Bottesini, fehlen nicht. Die Pianisten erscheinen\nnatürlich auch hier, wie überall, in der grössten Anzahl;\nes sind ihrer 28, darunter die Damen Pleyel, Ourv, An-\nderson, Dulcken, Clauss, Graever, Staudach, und die Herren\nBenedict, Bennett, Osborne, SchulhofT, L. von Meyer, Halle\n(am häufigsten), St. Heller, Mortier, Pauer, Blumenthal,\nHiller u. s. w. Auch zwölf Bläser traten auf, theils in Ge-\nsammtstücken (wie Beethoven's Septett und Quintett in Es,\nMozart's Quintett u. s. w.), theils als Solisten, unter ihnen\ndie Clarinettisten Blaes und Wuille, der Fagottist Baumann\nu. s. w. Unter den fünfzehn Vocalisten die Sängerinnen\nBertha Johannsen und Graumann und Viardot-Garcia und\ndie Sänger Pischek und Reichart. Im Ganzen haben auch\nhier die deutschen Künstler den Vorrang; unter der gan-\nzen Zahl von 136 ausgezeichneten Musikern, welche in\nden Concerten der Union bis jetzt auftraten, waren 45\nunsere Landsleute, darunter 13 Violinisten und 15 Piani-\nsten, ferner 33 Engländer, 16 Franzosen und 14 Italiäner.\nLassen wir nun die Programme die Musterung passi-\nren, so finden wir Haydn, Mozart, Beethoven und Mendels-\nsohn am häufigsten, seltener Spohr und Onslow, F. Schu-\nbert nur mit dem Ciavier-Trio in .Es, Schumann gar nicht, mit\neinzelnen Clavier-Compositionen auch Hummel und Hiller.\nFür jede Matinee wird ein ausführliches Programm\nausgegeben, welches eine „Sy der zu\nerwartenden Musikstücke gibt. Sie enthält in Notendruck\ndie Melodie der Haupt- und Neben-Themata's jedes Satzes,\nzuweilen auch mit einem bezifferten Bass zur Andeutung\nder Harmonie, und kürzere, mehr oder weniger gelungene,\nmitunter freilich sehr oberflächliche Bemerkungen über die\nDurchführung und den Inhalt Alles ä la portee des\namateurs. Dass dieser Gebrauch Manches für sich hat, ha-\nben wir schon bei Erwähnung der Programme zu den\nOratorien- und Orchester-Concerten erwähnt; wenn wir\nuns recht erinnern, so hat zuerst Bai 11 o t in Paris bei sei-\nnen berühmten Quartett-Versammlungen die Sache befür-\nwortet und auch ins Werk gesetzt. Er spricht wenigstens\nden richtigen Grundsatz aus: „//\nsoit p\", 4p ire ponr le public, il faut aussi que le public le\nsoit ä ce qu'on va lui faire enten\" Es liegt etwas Aehn-\nliches darin, wie in dem Epigramme des alten Logau:\nLeser, wie gefall' ich dir?\nLeser, wie gefällst du mir?"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "270", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540826-01.1.6", "texte": "Baillot entwickelt seine Ansicht noch mehr in folgenden\nWorten: „Wie gross auch die charakteristische Wahrheit\nder Instrumental-Musik ist, so kann sie doch nicht mit\ndem gleichen Scharfsinn von allen Zuhörern erfasst werden\nohne ein Programm, welches die Einsicht Vieler auf den\nrichtigen Weg bringt und zu gleicher Zeit die Phantasie\nund das Gefühl Aller in Anspruch nimmt. Der Vorlheil\neines solchen Programms ist, die meisten Zuhörer zu ver-\nhindern, sich in dem Unbestimmten, welches die Instrumen-\ntal-Musik ihrer Natur nach an sich hat, zu verlieren, ihnen\neinen Stützpunkt zu geben, der es ihnen ermögliche, mit\nmehr Leichtigkeit und mehr Theilnahme der Form und der\nEntwicklung des musicalischen Gedankens zu fol-\ngen, ohne sie dcsshalb in jenem schönen individuellen Ge-\nfühle zu beschränken, welches sie bis zu einem gewissen\nPunkte Herren über das lässt, was sie bei dem Gedanken\ndes Componisten vorzugsweise empfinden. Das Programm\nist die Bcleuchiung der musicalischen Scene.\"\nDies sind in der That treffliche Worte! Was werden\ndie Neu-Aeslheliker in Deutschland, d. h. in Sachsen und\nThüringen, sagen, welche ihren Richard Wagner gar zu\ngern überall als ersten Erfinder, als Protoplaslen hinstellen,\nwenn wir ihnen dadurch beweisen, dass das Vernünftig-\nste, was über leitende Programme gesagt werden kann,\nbereits vor vierzig Jahren gesagt worden ist? Man kann in\nLeipzig liücher über die Geschichte der Musik schreiben\nund dennoch, wie man sieht, nicht wissen, was in der Mu-\nsik alles schon da gewesen ist! -\nAusser der Ella'schen Union bestehen noch zwei Cir-\nkel für Kammermusik in London. Bei dem einen steht der\nViolinist Blagrove an der Spitze wir haben keine\nLeistungen dieses Vereins selbst gehört und können also\nnicht darüber urtheilen. Der andere führt den Titel\ntet Association und dürfte wohl mit Recht darauf Anspruch\nmachen, die Kammermusik am meisten echt künstlerisch in\nLondon zu vertreten. Er steht unter der Patronase der\nKönigin, des Prinzen Albert und der Herzogin von Kent\nund hat ebenfalls ein ausgesuchtes Auditorium. Sein Streich-\nQuartett ist stehend, und das ist der grosse Vortheil, den\ndieser Verein vor dem Ella'schen hat. Die Quartettisten sind\ndie Herren Sainton und Cooper für Violine, Hill für\nBratsche und Piatti für Violoncell. Das Abonnement für\ndie Saison kostet anderthalb Guinee, ein Einzel-Billet eine\nhalbe Guinee. Die analytischen Programme schreibt G. A.\nMacfarren, von dessen Talent wir schon gesprochen ha-\nben. Ein grosser Vorzug dieses Quartetts ist auch, dass\ndie Herren Sainton und Cooper mit der Uebernahme der\nersten und zweiten Violinstimme abwechseln. So hörten wir\nz. B. das Quartett in D-mollvon Cherubini (Baillot gewid-\nmet), welches übrigens zum ersten Male in England gespielt\nwurde und auch in Deutschland wenig bekannt ist, und\nSainton trug die Haupistimme vor; darauf das Quartett in\nCvon Mozart, und das von Mendelssohn in in de-\nnen Cooper die erste und Sainton die zweite Violine spielte.\nDas Piano ist auch hier nicht ausgeschlossen; Miss Ara-\nbella Goddard trug Beethoven's Trio in Es,Op. 70, mit\nSainton und Piatti sehr brav vor. Die Streich-Quartette\nwurden ganz vortrefflich ausgeführt und gehörten zu dem\nBesten, was wir in London gehört haben.\nUcber die nicht öffentliche Salon-Musik in London\nkann ich wenig sagen; es fehlt nicht an Häusern, in deren\nAbend-Gesellschaften Musik gemacht wird, doch sind sie\nkeineswegs so häufig, als in Paris und Berlin. Einheimische\nund fremde Künstler werden dazu eingeladen und be-\nzahlt. Ich habe nur einer oder zwei von dergleichen Soireen\nbeigewohnt, wiewohl es nicht an zuvorkommenden Einla-\ndungen mangelte; aber wer kann sich bei den musicalischen\nHetzjagden, welche während der Saison in London gehal-\nten werden, entschliessen, wenn man von drei bis fünf ein\nMorgen-Conccrt und von acht bis eilf ein Oratorium oder\neine grosse Oper genossen hat, in der Milternachtsstunde\nnoch zu einem musicalischen Dessert zu fahren ?\n\nNoch ein Blick auf den Zustand des Conservatoires\nin Paris.\n\nEs wird nun nachgerade hohe Zeit, dass das musika-\nlische Deutschland Kenntniss nehme von den Dingen, wie\nsie auf der berühmten französischen Kunstschule seit 1842,\nda Herr Auber deren Leitung übernommen, getrieben\nwerden. Darum sei die Mittheilung in der vorigen Nummer\nbestens willkommen. Damit man aber nicht glaube, dass\nsich erst jetzt Stimmen gegen die unheilvolle Verwaltung\ndes Instituts erheben, wollen wir auf den fulminanten Ar-\ntikel im Journal des Debatsvom 2. December 1847 aus\nder Feder des Herrn Delecluze hinweisen, der Thatsachen\nenthüllt, die an einem anderen Orte unglaublich scheinen\nmüssten. Der Zauber, den das pariser Conservatoire in\nFolge seines ehemaligen Glanzes bis heute noch in Deutsch-\nland ausübt, wird schwinden, wenn man die Rügen solcher\nMänner, wie Delecluze, der keiner Coterie angehörte, be-\nachten will.\nSchon im Laufe des ersten Jahres der neuen Verwal-\ntung hörte man von Anordnungen, die gegen die Grund-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "271", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540826-01.1.7", "texte": "gesetze verstiessen, auf welche das Institut basirt war.\nAusländer waren z. B. von der Theilnahme an den Jahres-\nPrüfungen ausgeschlossen, folglich auch von der Preisbe-\nwerbung; nur der Zutritt zu dem Classen-Unterricht war\nvorzüglichen Talenten des Auslandes gestaltet. Herr Auber\nöffnete sogleich aus eigener Machtvollkommenheit allen\nAusländern, sogar entschieden mittehnässigen Talenten, so-\nbald sie mit gewichtigen Empfehlungen versehen waren, die\nPforten des Instituts und liess sie mit den Landeskindern\num Preise concurriren. Eine Weltberühmtheit vermag in\nParis Alles. Vielleicht wollte Herr Auber durch diese Maass-\nregel den europäischen Völkern für den seinen Opern ge-\nschenkten Beifall sich dankbar beweisen, wenn auch da-\ndurch das Conservatoire factisch aufgehört hat, ein National-\nInstilut zu sein.\nAus dem Artikel des Herrn Delecluze, der nach vor-\nausgegangener Jahres-Prüfung geschrieben worden, erfuhr\nman unter Anderem, dass in den Classen der Harmonie-\nLehre, Contrapunkt und Fuge weder ein erster noch\nein zweiter Preis zuerkannt werden konnte, dass so-\nmit in dem rein Wissenschaftlichen (Cherubini's höchstes\nBestreben und Stolz) nichts gelernt worden. Ferner er-\nkannte die Jury in den Classen für Harfe, Oboe, Klappen-\nTrompete und Posaune nur einen zweiten Preis zu. In\nden Classen lür Violine ward nur ein einziger Zögling aus-\ngezeichnet. Diesen „unglücklichen Classen\" gegenüber\nzeigte sich der Erfolg in denen des Solfeggio und Gesanges,\n„ wenn man ihn nach der Zahl der vertheilten Belohnungen\nbeurtheilt\", wahrhaft ausserordentlich. In der ersteren\n(Solfeggio) wurden nicht weniger denn 41, in der anderen\n15 Zöglinge gekrönt durch Zertheilung des ersten\nund zweiten Preises. „Ein ähnlicher Missbrauch'', sagt das\nJournal des Dcbals,„erfordert den ernstesten Widerstand\nSeitens der Kritik. Wenn hungrige Pensionate, in der Be-\nsorgniss, ihre Zöglinge zu verlieren, Hoffnungs-Preise (prix\nd'esperance) erfinden und jeder Mutter ihr Kind mit dem\nLorber auf dem Kopfe nach Haus schicken, so wird man\neine derlei unwürdige und groteske Ausbeute einer Unter-\nrichts-Anstalt der öffentlichen Verachtung blossstellen. Was\nsoll man aber sagen, wenn ein Institut wie das Conserva-\ntoire, theils aus Leichtsinn, theils a*us einem Uebermaass\nvon Gefälligkeit und noch anderen Motiven so weit geht,\ndie seinen Zöglingen zuerkannten Auszeichnungen immer\nmehr und mehr in Misscredit zu bringen und die eigene\nAutorität in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen!\nEin ähnliches Verfahren wird doch von der obersten Be-\nhörde nicht länger geduldet werden! .... Auf Antrag des\nDirectors Cherubini und in Folge Begutachtung einer Spe-\ncial-Commission Seitens der königlichen Thealer, der die\nUeberwachung des Conservatoire übertragen ist, crliess der\nMinister des Innern unterm 9. November 1841 ein Regle-\nment, in dessen achtundvierzigstem Artikel das Zertheilen\nder Preise ausdrücklich verboten wird, und wird dieses al-\nlein in den Classen des Gesanges und des Solfeggio mit\ndem ersten Preise gestattet:\netre parlage enlrc deux eleves.\" Artikel 50 schreibt vor,\ndass sowohl der erste als zweite Preis in den Classen der\nDeclamation nicht zerllieilt werden dürfe. Dessen unge-\nachtet finden wir darin nicht weniger als 15 gekrönte\nHäupter. Wie viele Rachel's und Dejazet's mögen wohl\ndarunter sein? Beneidenswerthe französische Tragödie und\nKomödie!\"\nIn Bezug auf den ministeriellen Erlass erklärt das\nJournal des Debats: „Wenn das Reglement in Betreff der\nanderen darin getroffenen Anordnungen nicht besser be-\nfolgt wird, als in denen über Preis-Ertheilungen, so wäre\nes gerathener, es förmlich aufzuheben und das Directo-\nrat des Conservatoires in ein Gross- Vezirat zu ver-\nwandeln. B\nWas hat wohl diese strenge Büge gefruchtet? Nichts.\nDas Gross-Vezirat bestand schon im Jahre 1847\nund wirtschaftete nach Belieben. Noch mehr. Schon dort\nwurde auf den gesunkenen Moralitäts-Zustand in diesem\nInstitut aufmerksam gemacht. Man veröffentlichte Warnun-\ngen an Eltern, ihre Töchter der Anstalt nicht anzuvertrauen\nu. dgl. Auch diese Anklagen blieben unbeachtet. Im Ge-\ngentheil, die Herde vermehrte sich von Jahr zu Jahr, so\ndass sie nach dem vorliegenden Ausweis der France Musi-\ncale bis auf 803 Stück angewachsen ist! Wer ist im\nStande, diese Zahl nach jeder Richtung hin zu überwachen?\nDoch Herr Auber nicht, der weder Lehrer noch Verwalter\nist, der sich nach Versicherung der würdigsten Männer,\nals: Ilabeneck, Vogt, Tulou u. A., vor Antritt seines Amtes\n1842 niemals im Geringsten um dieses Institut bekümmert\nhatte, desto mehr um seinen kostbaren Marstail. Jedoch, es\nbedurfte zur Besetzung der vacanten Stelle einer Celebri-\ntät, und diese fand sich in der Person des Herrn Auber\num Weiteres ward nicht gefragt. Fragt man doch in\nDeutschland auch zumeist nur nach Celebritäten. Wenn\nwir aus dem Aufsatze in Nr. 33 endlich noch erfahren,\ndass der Kaiser eine Commission ernannt habe, um Vor-\nschläge über die zu verbessernde Einrichtung des Conser-\nvatoires zu machen, so kommt diese Commission leider"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "272", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540826-01.1.8", "texte": "sehr spät; denn wer nennt die Zahl des Proletariats, das\naus dieser Musikschule seit zwölf Jahren hervorgegangen?\nFrankfurt a. M.\n\nA. S.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nH.«f In. Sonntag den 20. d. Mts. hatte der Vorstand des Män-\nnergesang-Vereins zu einer Matinee eingeladen, welche er zu\nEhren des Herrn Fürsten und der Frau Fürstin von Wied, in deren\nBegleitung sich auch Fräulein Bansen befand, ferner des Ritters\nDr. Sigismund Neukomm und des Musik-Directors G. Rei-\nchard t aus Berlin, unter Leitung des Musik-Directors Franz\nWeber veranstaltet hatte. Von den genannten Componisten, Ehren-\nMitgliedern des Vereins, wurden von Neukomm eine Gelegenheits-\nHymne, Text von der Fürstin Marie zu Wied, und ein schönes\nTenebrae faciae sunt gesungen; von Reichardt die spanische Canzo-\nnetta nach Wcber's Arrangement mit Brummstimmen und das be-\nkannte Vaterlandslied. Im Dome wurde am Morgen die Messe in\nC-dur von Neukomm aufgelührt.\nDas Stadttheater wird mit Anfang des September wieder\neröffnet werden. Zu gleicher Zeit hat Herr Ferd. R öder auch\ndas \\ audeville-Theater des Herrn Stollwerck in der Schil-\ndergasse übernommen. Für die Oper sind durch die abgeschlosse-\nnen Engagements gute Erwartungen rege gemacht; Fräulein Jo-\nhannson und Iräulein West er Strand haben einen Namen in\nder musicalischen Welt, der Bariton Becker von Dresden ist ein\nhier bereits bekannter und sehr beliebter Sänger, Herr Erl, erster\nTenor von der Bühne zu Gratz, so wie Herr Thomatsczek,\nBassist von dem Hoftheater zu Kassel, sind als vorzüglich bekannt.\nDem Vernehmen nach wird KarlFormes im September, vor\ndem Beginn seines Engagements in England, einige Mal bei uns\nauftreten.\nAls Neuigkeiten werden uns verheissen: Wagner's „Lohen-\ngrin\", F. Hiller's komische Oper „Der Advocat\", Meyerbeer's\n„Stern des Nordens\", Ve rdi's „Rigoletto\", Marschner's „Austin\",\nvon dem Componisten selbst dirigirt, u. s. w.\nAm 17. August wurde zum Besten des Bürger- und Handwer-\nker-Gesang-Vereins, welcher die Tendenz hat, den Kirchen- und\nVolksgesang zu fördern, unter Leitung seines Dirigenten, Herrn\nW. Herx, ein Concert im Gertrudenhofe gegeben, worin 2 Chöre\naus der Zauberllöte von Mozart, 2 Chöre von C. M. v. Weber, ein\nKriegslicd von Brunner und ein Volkslied von Beethoven gesungen\nwurden. Es macht der Direction, dem Dirigenten und den Mitglie-\ndern alle Ehre, dass der Verein schon einen solchen Standpunkt\nin der Kunst erreicht hat, wie ihn das Concert offenbarte. Die bei\ndem Concerte vom Musikchor des 30. Infanterie-Regiments und\nvom Ciavierspieler Herrn Fettweiss ausgeführten Piecen fanden\nebenfalls vielen Beifall. K.\nZu Brühl wurde am 23. d. Mts. das Sängerfest des sieg-\nrheinischen Lehrer-V ereins unter Leitung des Musik-Di-\nrectors Töpler, Musiklehrers am Lehrer-Seminar zu Brühl, ge-\nfeiert. In der Kirche wurde die von Pale-\nstrina u. s. w. gesungen. Wir werden darüber in der nächsten\nNummer ausführlich berichten.\nIn Breslau ist Rossini's Tankred mit grossem Erfolg wie-\nder auf die Bühne gebracht worden; Johanna Wagner riss\ndarin Alles zur Bewunderung hin.\nHamburg. Die berühmte Sängerin Madame Tedesco ist\nhier als Fides im Propheten aufgetreten und gefällt ganz ausseror-\ndentlich. (Die Nachricht, dass diese Künstlerin in Marseille an der\nCholera gestorben sei, war also ungegründel.)\nIn Spaa befinden sich von ausgezeichneten Künstlern Vieux-\ntemps, die Pianistin Rosa Kastner und eine deutsche Sänge-\nrin Louise Bergaucr, welche mit ganz vorzüglichem Ausdruck\nsingen soll. Auch Meyer beer ist so eben dort eingetroffen.\n-H\nParis. Die grosse Oper zeigt auf einem Zettel, der zum ersten\nMale das kaiserliche Wappen trägt, an, dass die Wiedereröffnung\nsehr bald bevorstehe. Sic ist auf den <2B. d. Mts. festgesetzt. Eröff-\nnungs-Oper wird Donizetti's Favorite sein - eine unpassende\nWahl, wenn man an die Versprechungen des Herrn Troplong\ndenkt. Aber Madame Stoltz will nur in dieser Oper zuerst auf-\ntreten da haben wir also gleich von vorn herein die alte Herr-\nschaft der Sängerinnen wieder! Nun, es wird sich bald zeigen, ob\ndie kaiserliche Verwaltung das Princip der Kunst anders gegen\ndie Primadonnen-Launen zu wahren wissen wird, als die Privat-\nunternehmer. Aber Schnupfen, Erkältung, Heiserkeit, Kopfweh, am\nEnde gar Krämpfe und Thränen, welcher Minister kann gegen\ndiese Verbündeten der Theater-Fürstinnen kämpfen?\nVerdi wohnt seit Anfang des Sommers auf dem Lande bei\nParis; er hat die Oper für die Academie Imperiale, wozu Scribe\nden Text gemacht, fertig, und sie soll nächstens studirt werden.\nDie Hauptrollen sind für Sophie Cruvelli und Gueymard geschrieben."}]}