{"numero_id": "bm-bmtnabi-1854-09-02-01", "volume": "bmtnabi_1854-09-02_01", "ocr_sha256": "49daccea597e3e6399fb4cc23fa1ae3448a6ce13ea987bc081a40d988eef9c58", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1854/09/02_01/bmtnabi_1854-09-02_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540902-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1854-09-02-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-09-02_01#c001", "volume": "bmtnabi_1854-09-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "273", "page_fin": "276", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540902-01.2.1", "titre_corps": "Die Musik im Jahre 1853.", "titre_sommaire": "Die Musik im Jahre 1853.", "signature_source": "P. Scudo", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "273", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540902-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4515, "texte": "Die Musik im Jahre 1853.\nVon P. Scudo\n*).\nDie Tage folgen auf einander, pflegt man zu sagen,\nund keiner gleicht dem anderen. Das scheint uns aber in\nBezug auf das geistige Leben wenigstens durchaus keine\nausgemachte Wahrheit zu sein; denn in diesem folgen seit\neinigen Jahren die Tage auf einander und sehen nur zu sehr\neiner dem anderen ähnlich. In der Thal zeigt sich seit eini-\nger Zeit im Reiche der Phantasie eine Art Reaction gegen\ndie Ursprünglichkeit und die Kraft des schaffenden Geistes.\nSoll man den grämlichen Pessimisten beistimmen, welche\nbehaupten, dass es mit der schöpferischen Phantasie vorbei\nsei, dass alie Poesie den Kreislauf ihrer göttlichen Bezau-\nberungen vollendet habe, dass in der Kunst und schönen\nLiteratur nur noch von mehr oder weniger geschickten und\ngeistreichen Verbindungen bekannter Formen und Gedan-\nken die Rede sein könne, dass die Menschheit oder wenig-\nstens die Civilisation von Europa in ein neues Stadium ge-\ntreten, in das Alter der Reife und der Reflexion, in wel-\nchem die schöpferische Kraft des Geistes nur noch den\nzweiten Rang einnimmt? Oder ist es nicht richtiger, mit\nAnderen anzunehmen, dass der Mensch immer derselbe\nbleibt, dass sein Herz eine fortwährende und unerschöpf-\nliche Quelle von göttlichen Eingebungen ist, dass die Ge-\nschlechter altern und sterben, die Menschheit aber ewig\nist, wie die Liebe und die Poesie, welche mit der Lebens-\nfackel aus einer Hand in die andere wandern?\n„Die Natur verwendet zu allen Zeiten dieselbe Kraft,\ndas Geistige wie das Körperliche zu schaffen; ihr Wesen\nist unveränderlich, und ihr Vermögen, Alles zu erzeugen,\nkann sich nicht erschöpfen.\" So behauptete schon im sie-\nbenzehnten Jahrhundert der philosophische Dichter Charles\nPerrault zur Zeit des berüchtigten Streites, den die Preis-\nfrage der französischen Akademie zwischen den ausschiiess-\nliehen Bewunderern des Alterthums und den eben so lei-\ndenschaftlichen Vertheidigern der Neueren entflammt hatte.\nIn der That ist die Frage leichter zu stellen als zu\nlösen; denn ohne zu läugnen, dass die Menschheit eben so\newig sei, wie die Natur, und sich aus ihrer Asche stets wie-\nder erzeuge, wie der wunderbare Vogel der Mythe, ist es\ndoch auf der anderen Seite eben so ausgemacht, dass es\nBildungen und Formen des menschlichen Geistes gibt,\nwelche sich erschöpfen und am Ende ganz und gar ver-\nschwinden. Die schöpferische Kraft des Geistes stirbt nicht,\naber sie wechselt den Platz und erzeugt auf anderem Bo-\nden neue Früchte. Anstalt sich in der Gestalt eines Epos,\noder eines Raphael'schen Gemäldes, oder einer Beethoven'-\nschen Sinfonie zu offenbaren, wird sie die Stirn eines Buf-\nfon oder Herschel umstrahlen; denn die Phantasie spielt\nselbst in den positiven Wissenschaften eine grössere Rolle,\nals man glaubt.\nDie Musik darf sich jedoch über das neunzehnte Jahr-\nhundert nicht beklagen. Die verflossenen (ünfzig Jahre sind\n\n*) P. Scudo gehört zu den besten musicalischen Schriftstellern\nFrankreichs; an Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe nimmt er\nohne Zweifel den ersten Rang unter allen ein und spricht es\nunumwunden aus, dass der Einfluss der pariser Presse auf\ndie Kunst in den letzten Jahrzehenden ein abscheulicher ge-\nwesen sei, und dass es nichts Verderblicheres in der Kritik\ngebe, als jenes System von Nachsicht und falscher Gutmiithig-\nkeit, wodurch man die jungen Talente ermuthigen zu müssen\nvorgebe. Er ist zu höflich gegen seine Collegen, um auch zu\nsagen: das System der Coterie und Corruption. Dass er aber\nauch gegen dieses eifert, geht aus seinen Aufsätzen überall\nhervor, und dass man ihm das Recht dazu einräumt und nur\nhier und da mit übel verstelltem Aerger die allzu schroffe\nForm, in welcher er es thut, tadelt, ist ein ehrenvolles Zeug,\nniss für seine Reinheit und die Freiheit seines Urtheils. Auch\n• v\nsein Stil zeichnet sich vortheilhaft durch eine edlere, mehr\nsentimentale Farbe vor der Coquetterie der witzigen und nach\nden Reizmitteln geistreicher Schwatzhaftigkeit jagenden\nFeuilletonisten aus. Der obige Aufsatz ist aus der neuen\nSammluug genommen, welche Scudo unter dem freilich etwas\nzu viel versprechenden Titel La Musique ancienne et moderne von\nseinen musicalischen Schriften gemacht und in Paris bei Gar-\nnier so eben herausgegeben hat. Der obige Artikel betrachtet\nnicht sowohl die Musik überhaupt, als vielmehr nur die dra-\nmatische, wie dies bei den Franzosen gewöhnlich der Fall\nist, da bei ihnen die Oper die einzige Kunstgattung ist, wel-\nche von den Componisten cultivirt und vom Publicum be-\nachtet wird."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "274", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540902-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5156, "texte": "eben so fruchtbar an grossen Componisten gewesen, als\nan bedeutenden Dichtern und Denkern. Deutschland hat\nBeethoven, Schubert, Spohr, Weber, Mendelssohn erzeugt,\nItalien Rossini, Bellini und Donizetti, und Frankreich, wel-\nches Berton, Mehul, Boieldieu, Herold, Auber hervorge-\nbracht, hat sich noch ausserdem durch Cherubini, Spontini\nund Meyerbeer bereichert. Von Gretry bis auf Auber, wie\nvon Gluck bis auf Meyerbeer hat die dramatische Musik\nallerdings einen ungeheuren Fortschritt in Bezug auf das\nColorit und die musicalische Entwicklung der Situationen\ngemacht. Freilich sind die melodischen Gedanken schvyächer\ngeworden, kein neuerer Tonsetzer hat die ideale, reine Höhe\nMozart's, das Pathos von Gluck, die einfache Gelühls-\nWahrheit Gretry's erreicht; allein man muss doch auch\neinräumen, dass das Finale der „Vestalin\", der dritte Act\ndes „Moses\" und der vierte der „Hugenotten\" grossartige\nWürfe sind, gewaltige Tongemälde, welche aus unserer\nZeit erwachsen und ihr ganz und gar angemessen sind.\nMan kann behaupten, dass ohne die französische Revolution\nsolche Werke nicht entstanden sein würden; offenbar ist\nder grosse Ideen-Umschwung, der sich von daher schreibt,\nauch lür die Musik eine fruchtbare Quelle geworden, wenn\nauch nicht unmittelbar in der Zeit der Revolution selbst.\nAber es scheint leider, als wenn die Zeit der Weihe\nlür die Kunst seit einigen Jahren vorbei wäre; denn an die\nStelle der schöpferischen Genies des heroischen Zeitalters\ntauchten in Deutschland Schumann, Gade, Flotow und\nWagner, in Italien Ricci und Verdi, in Frankreich Halevy,\nAdam, Ambroise Thomas, Reber, Niedermeyer, Felicicn\nDavid, Gounod und Masse auf.\nOhne das Verdienst und das ausgezeichnete Talent\nHalevy's, die rührige Hand und die heitere Laune Adam's\nund die Sorgfalt zu verkennen, welche A. Thomas darauf\nverwendet, seine kurzathmigen Eingebungen gewissenhaft\nzu protocolliren, ohne das bescheidene und etwas blasse Talent\nReber's zu läugnen, so wenig wie den Geschmack und die\nelegische Aninuth David's, die gar zu langen Studien Nie-\ndermeyer's, das höhere Streben Gounod's und die Hoffnun-\ngen, welche Masse erregt, ist man dennoch gezwungen,\nzu dem Schlüsse zu kommen, dass bei allen diesen auf so\nverschiedene Weise gewürdigten und geschätzten Compo-\nnisten sich kein einziger originaler Gedanke findet, keiner,\nden man nicht schon bei den grossen Meistern anträfe,\nwelche ihnen vorangegangen sind und sie erzeugt haben.\nIch spreche nicht von Berlioz, an den nur die Füchse auf\nden deutschen Universitäten im Ernst glauben, und der seit\nfünfundzwanzig Jahren wie der ewige Jude auf Entdeckung\neines Publicums reis't, das stets seinen sehnsüchtig fas-\nsenden Armen wieder entschlüpft.\nNicht nur die schöpferische Kraft hat sich erschöpft\nund lür kleinliche Effecte zersplittert, welche die Unfrucht-\nbarkeit und Mühseligkeit der Epigonen bekunden, sondern\nauch die Form selbst hat jene Fülle und Klarheit verloren,\nwelche wir in den geweihten Werken finden. Einige Leser\nwerden sich vielleicht wundern, dass wir sagen, dass selbst\ndie Kunst zu componiren, mit Einem Worte: das Hand-\nwerk, eben so herunter gekommen ist, als alles Uebrige, da\nsie doch täglich lesen, wie man das tiefe Wissen der er-\nbärmlichsten Bluetten- und Polka-Mazurka-Componisten\npreis't, z. B. des Herrn Emile Prudent! Ja, es gäbe in der\nThat eine sehr interessante Preisfrage für die Akademie,\nzu ergründen, welchen Einlluss die Tagespresse seit fünf-\nzig Jahren auf die Kunst gehabt habe. Wir würden uns\nkeinen Augenblick bedenken, ihn lür abscheulich zu er-\nklären.\nFreilich wird man uns zurufen: „Ihr feiert die Revo-\nlution und läugnet den Fortschritt!\" - Mein Gott, nein!\nWir geben den Fortschritt da, wo er möglich ist, zu, d. h.\nin allen Dingen, welche dem Nachdenken und dem Willen\ndes Menschen anheim fallen. Aber es gibt einen geheim-\nnissvollen Winkel in unserem Innern, den Gott sich vorbe-\nhalten hat, wo er ganz allein durch unmittelbare Gnade\nund Eingebung wirkt, mit denen er seine Erwählten bese-\nligt. Und wenn ich dann sehe, wie Possenreisser und\nschaamlose Bänkelsänger jeden Morgen auf den Schild ge-\nhoben werden und den Platz des Genie's einnehmen, jenes\nconsubstantieilen Sohnes des erhabensten Geistes, dann\nläugne ich allerdings den Fortschritt und behaupte, dass\ndie Krämer in den Tempel Gottes eingedrungen sind,\nWenn die Kunst nicht eine höchst ernste Sache ist, ein\nMittel, unseren Geist zu erheben, unser Herz zu reinigen\nund uns für eine höhere Bestimmung vorzubereiten, so ist\nsie nicht werth, einen verständigen Mann auch nur auf\nvierundzwanzig Stunden in Anspruch zu nehmen.\nSeit dem Juif errant von Halevy, dem wir sein Schick-\nsal vorausgesagt haben, hat die grosse Oper, die eben nicht\nverschwenderisch mit Neuem ist, die Fronde gegeben, eine\nOper in lünf Acten von Niedermeyer. Das Ergebniss\ndieses neuen dramatischen Versuches des Componisten des\n„See's\" und mehrerer anderen eindringlichen Melodieen\nist keinen Augenblick zweifelhaft geblieben; man hat sich\neinmal wieder überzeugen können, dass ein lyrischer Mu-\nsiker noch lange kein dramatischer ist; denn das Drama\nl\nist dem Monotonen feind, es verlangt Mannigfaltigkeit und"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "275", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540902-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5099, "texte": "vor Allem Objectivität. Selbst der wunderbare Lyriker f\nFranz Schubert hat lür die Bühne nichts Bedeutendes ge-\nleistet,,und Herr Niedermeyer ist noch weit von der Origi-\nnalität und den hervorragenden Eigenschaften des deutschen\nTondichters entfernt!\nNach der Fronde,die nur einige Vorstellungen erlebt\nhat, brachte man den Meister-Sänger (Le Maiire Chanteur) von\nLimnander auf die Bühne, ein Werk, das es mit seinen\nzwei Acten auch nicht weiter gebracht hat. Limnander ist\nein belgischer Componist, der sich durch zwei komische\nOpern: Les Montenegrins und Le Chdteau de la Barbe-bleue\nbekannt gemacht hat. Er ist ein gebildeter und hier und\nda aufgeregter Musiker, der gern nach Stil strebt, aber\nnicht ohne dass es ihm sauer wird. Seinen Gedanken fehlt\nes an Originalität, und seine Instrumentation überschreitet\noft das Ziel und wird fast melodramatisch. Die Oper ent-\nhält allerdings mehrere schätzenswerlhe Nummern, welche\ndem Componisten Ehre machen, die jedoch ein Werk nicht\nretten können, in welchem Leben und Originalität durch\nihre Abwesenheit glänzen.\nWill man jede Erscheinung, worin sich die neueste\nMusik offenbart, verfolgen, so muss man auch die leichtere\nGattung des Ballels berücksichtigen. Der Dichter des Sce-\nnariums zur Jovitahat seinen Erfindungsgeist eben nicht\nauf grosse Unkosten gesetzt; alle Situationen dieses Ballets\nsind schon hundert Mal von Scribe in seinen komischen\nOpern behandelt worden. Das ganze Interesse bestand also\nbloss in der Person der Rosati. Seitdem in Italien nicht\nmehr gesungen wird, wird dort wenigstens getanzt, und\neine Bigottini, Taglioni, Cerrito, Carlotta Grisi schickt\nuns das Land, das sonst grosse Componisten und grosse\nSänger sandte. Die Musik zur Jovita ist leicht und\nangenehm und doch sorgfältig geschrieben; sie ist von\nTheodor Labarre, einem verdienstvollen Lieder-Com-\nponisten, der länger als eine Woche in der Volks-Sym-\npathie gelebt hat, und der nur den heutzutage seltenen\nKünstlerfehler an sich hat, dass er zu wenig an die Zu-\nI\nkunft seines Talentes glaubt.\nAuf der Bühne der komischen Oper „reiten die Todten\nschnell\"; die Partituren stapeln sich da mit erschreckender\nHast zu einem gewaltigen Haufen auf. Nach Auber's\n„Marco Spada\", der sich auf dem Zettel gehalten hat, und\nder „lonelli\" von Ambr. Thomas, einer zweiactigen\nOper, welche eine Episode der Sängerin Toneiii zum Inhalt\nhat und eben erschienen und wieder verschwunden ist, ist\nHalevy's „Nabob\" die wichtigste Neuigkeit auf diesem\nglücklichen Theater gewesen, wo die Wiederaufnahme von\nGretrv's L'Epreuve villageoisedas Bedauern erweckt hat,\ndass man nicht öfter solche Rückfälle bekommt. Wenn es\nnun einmal nicht anders seht, als dass lialevy Jahr aus,\n\\ U %/\nJahr ein seine drei bis fünf Acte Opernmusik liefert, bald\nim grossen, bald im gemischten Genre, ohne die kleinen\nliterarischen Zerstreuungen in Anschlag zu bringen, in de-\nnen er sich von ernsteren Arbeiten zur Ergötzung seiner\nCollegen in der Akademie erholt, so sollte er wenigstens\nin der Wahl der Gegenstände, die ihn zur Composition\nbegeistern, strenger sein. Wahrlich, es verlohnt sich wohl\nder Mühe, den akademischen Gelehrten zweiter Hand zu\nspielen und weltbekannte Geschichtchen zu erzählen, um\nsich nachher zu so erbärmlichen Opern-Gedichten, wie der\n„ewige Jude\" und der „Nabob\", zu verirren! Die Situa-\ntionen sind bei den Haaren herbeigezogen\nriam des Componisten, damit er ein Nies-Duett, einen Chor\nmit Hundegebell, ein Violin-Solo für eine Brummstimme\nund dergleichen mehr anbringen könne. Die ganze Oper\nist in einem neuen Stile geschrieben, den wir das anekdoti-\nsche Genre nennen möchten; musicalische Gedanken braucht\nman dabei nicht zu haben, nur einige Gewandtheit, um eine\nPhrase aufzuputzen und mit Artigkeit eine Reihe von Or-\ngelpunkten und Cadenzen aufzustellen.\nWenden wir nun noch einen Blick auf das dritte\nOpern-Theater, das Tlxödlre lyauf dem\nTemple, einer Gegend, in welcher man nicht mehr in der\nProvinz, aber auch noch nicht in Paris ist. Dort ist der\nEnthusiasmus auf eine solche Höhe gestiegen, dass die Ge-\nsundheits-Policei wird einschreiten müssen. Diese Bühne\ni *\nist ganz besonders eröffnet worden, um das erste Auftreten\neines jungen, hoffnungsvollen Componisten zu erleichtern,\ndes Herrn Adolphe Adam, Mitglieds der Akademie und\nVerfassers des Postillons von Lonjumeau! Der unermüd-\nliche und geistreiche Tondichter kann in der That kaum\nden Bedarf liefern, so gut geht die Waare ab. Kaum hat\ner eine Oper in drei Acten: und dann\nwieder eine: „Le roi des Hallesauf die Welt gesetzt,\nso empfängt er vom Geiste schon wieder eine andere,\nwelche er mit eben so wenig Schmerzen gebiert. Freilich\ngeht es dadurch der zahlreichen Familie nicht besser, allein\nseine Kinder leben, wie sie können, und die Vorsehung thut\ndas Uebrige. Das letzte Kind Adam's hat in der Taufe den\nNamen „Le Bijou perdu\" erhalten. Auf einen Text voller\nQuiproquos und Unwahrscheinlichkeiten hat er eine Ronde\nin drei Acten mit Begleitung von allerlei Instrumenten, na-\nmentlich Pickelflöte, geschrieben. Den Jubel und die Selig-\nkeit zu schildern, mit denen das liebe Völkchen vom"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "276", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540902-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 734, "texte": "levard du Tcmple diese seichte Musik anhört, welche von\nAnfang bis zu Ende auf den gewöhnlichsten Rhythmen in\nV - und 2/4-Tact herumtanzt, dazu ist unsere Feder zu\nschwach.\nWas sollen wir nun für ein Resultat aus dieser flüch-\ntigen Uebersicht der Erzeugnisse unserer dramatischen Mu-\nsik im Jahre 1853 ziehen? Wir wollen es in zwei Wor-\nten dahin formuliren, dass wir bis zu einer von jenen gei-\nstigen und sittlichen Krisen gekommen sind, wo die Talente\neben so selten sind, als die grossen Charaktere. Wir zehren\nnoch ein wenig von dem Erbgute unserer Väter und war-\nten darauf, dass der liebe Gott wieder einmal einen von\njenen bevorzugten Geistern ins Leben rufe, bei deren Tha-\nten die erstaunte Menschheit ausrufe:\nlunlas lua!u"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-09-02-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-09-02_01#c002", "volume": "bmtnabi_1854-09-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "276", "page_fin": "277", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540902-01.2.2", "titre_corps": "Emil Steinkühler.", "titre_sommaire": "Emil Steinkühler.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "276", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540902-01.1.4", "debut_caractere": 736, "fin_caractere_exclue": 4770, "texte": "Emil Steinkühler.\nUnter den Tonkünstlern, deren Heimat das Rheinland\nI v\nist und die sich im Auslande einen bedeutenden Ruf und\neinen ehrenvollen Wirkungskreis erworben haben, verdient\nEmil Steinkühler eine besondere Erwähnung in dieser Zeit-\nschrift, die es sich vor Allem auch zur Aufgabe gesetzt\nhat, auf die einheimischen Talente aufmerksam zu machen,\nihre Lebensbahnen zu verfolgen und ihre Leistungen zur\nAnerkennung zu bringen, sobald sie ein wahres Kunst-\nstreben bekunden.\nEmil Steinkühler ist den 12. Mai 1821 zu\nDüsseldorf geboren. Sein Vater, Privatlehrer daselbst,\nentdeckte sehr bald in dem Kinde eine grosse Neigung und\nEmpfänglichkeit lür Musik, welche sich mit bedeutenden\nmusicalischen Anlagen verbunden zeigte. Er unterrichtete\nihn desshalb schon im vierten Jahre in den Anfangsgrün-\nden des Ciavierspiels und gab ihm im folgenden Jahre auch\neinen Lehrer im Violinspiel. In seinem sechsten Jahre com-\nponirte der Knabe bereits, natürlich ohne alle Kenntniss\nder Harmonielehre, Lieder und kleine Ciavierstücke, welche\ndie Aufmerksamkeit von Kennern erregten.\nIn seinem zehnten Jahre gab der kleine Virtuose sein\nerstes Concert im Theater zu Düsseldorf, in welchem er\nzwei Pianoforte- und zwei Violinstücke spielte. Er war da-\nmit also in die Reihe der Wunderknaben getreten, zeich-\nnete sich aber durch kindliches Wresen, grosse Bescheiden-\nheit und einen gewissen Ernst aus, der uns schon damals\neine Bürgschaft zu sein schien, dass er fest an der edeln\nRichtung halten und nicht auf die Abwege des Virtuosen-\nthums gerathen werde. In den folgenden Jahren machte\nder Vater mit ihm dann und wann Reisen in die benach-\nbarten Städte, wo der Knabe überall grosse Theilnahme\nerregte. Hauptsächlich fördernd wurde für ihn Mendels-\nsohns Aufenthalt in Düsseldorf, dessen Unterricht und Bei-\nspiel grossen Einfluss auf seine musicalische Entwicklung\nhatte, ohne dass man jedoch sagen könnte, dass die Men-\ndelssohn'sche Art und Weise ihm vorzugsweise Vorbild in\nseinen späteren Compositionen geworden wäre.\nEmil componirte schon darr.als sehr fleissig und halte\nbis zu seinem sechszehnten Jahre bereits eine einactige\nOper, „Die Alpenhütte % ein Clavier-Concert, Ouvertüren,\nCantaten, Pianofortestücke geschrieben, von denen er man-\ny\nches in seinen Concerten zur Auflührung brachte, das Bei-\nfall erhielt, während er von manchem Anderen wohl mochte\nmit Havdn sagen können: „Ich freute mich besonders,\nwenn's nur recht schwarz von Noten aussah!\"\nMit dem siebenzehnten Jahre kam Steinkühler nach\nFrankfurt am Main, um dort namentlich unter der Leitung\ndes trefflichen Aloys Schmitt seine Studien zu vollenden.\nEr blieb fünf Jahre dort und erwarb sich als Componist\nund als Pianofortespieler einen Namen. Er schrieb dort\ngrössere Werke für Orchester und Gesang, zum Beispiel\ndrei Sinfonieen, welche auch in den dortigen Concerten zur\nAuflührung kamen, ferner eine dreiactige Oper, mehrere\nOuvertüren, Vocal-Quartette u. s. w.\nIm Jahre 1843 kam er, wir wissen nicht, durch welche\nVeranlassung, nach Lille im nördlichen Frankreich und\nfand hier Verhältnisse, die ihm zusagten und ihn bestimm-\nten, sich dort niederzulassen. Er hat keine Ursache, die-\nsen Entschluss zu bereuen, denn er nimmt gegenwärtig da-\nselbst eine sehr ehrenvolle Stellung als Künstler und als\nLehrer der Kunst ein und verdankt dieselbe allein seinem\nausgezeichneten Talente, das auch in weiteren Kreisen und\nbesonders in Paris durch die Compositionen, welche daselbst\nvon S. Richault. S. Levy u. A. verlegt worden sind, Aner-\nkennung gefunden hat. Als öffentlichen Beweis hoher Aus-\nzeichnung hat der Kaiser Napoleon 111. bei seiner Anwe-\nsenheit in Lille im vorigen Jahre ihm die goldene Verdienst-\nMedaille verliehen.\nGleich in den ersten Jahren seines Lebens und Wir-\nkens in Lille zog sich Steinkühler durch übermässige An-\nstrengung eine Schwäche an der Hand zu, welche ihn\nJahre lang vom Clavierspielen abhielt, und die selbst jetzt\nnoch bisweilen wiederkehrt, obschon sie ihn nicht hindert,\nseine eigenen Sachen und die Werke der classischen Mei-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "277", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540902-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3650, "texte": "ster in den von ihm veranstalteten Soireen mit Geist und\nFeuer vorzutragen.\nEine komische Oper in drei Acten, „Cesario, oder die\nVerwechslungen\", welche er auf einen Text, den Karl\nGollmick nach Shakespeare bearbeitet hat, in Lille compo-\nnirte, wurde auf dem Theater zu Düsseldorf im Jahre 1848\naufgeführt, erlebte jedoch nur zwei Vorstellungen, deren\nerste auf den 29. Februar fiel, also in eine Zeit, in wel-\ncher bekanntlich das Publicum viel zu viel mit Volks-Ver-\nsammlungen und Bürgerwehr zu thun hatte und lieber auf\nden Markt ging, als in das Theater. Die Kritik der Local-\nblätter nannte übrigens auch den Text einen verfehlten\nund misslungenen, der von der Shakespeare'schen Komödie\nder Irrungen nur ein trockenes Skelett ohne wahrhaft ko-\nmische Situationen gegeben habe. An der Musik wurde\nder melodische Reiz und eine reiche Phantasie gerühmt,\ndagegen dramatische Charakteristik noch vermisst und die\nInstrumentation hier und da zu rauschend gefunden. Je-\ndoch haben uns urtheilsfähige Männer, welche beiden Dar-\nstellungen beigewohnt haben, versichert, dass mit einigen\nVeränderungen des Textes und Abkürzungen in der Mu-\nsik die Oper bei sorgfältiger Einübung und Darstellung\neinen günstigen Erfolg haben werde, da die Musik voller\nLeben und Geist sei. Aber, du lieber Himmel! wo sind in\nDeutschland die Bühnen-Directionen zu finden, welche sich\ndazu entschlössen, eine Oper eines als dramatischen Com-\nponisten noch unbekannten Tonsetzers in Scene zu setzen?\nDie Privat-Unternehmer können es nicht wagen, denn sie\nmachen fast alle so schlechte Geschäfte, dass bei ihnen die\nKunst nur nach Brod gehen muss, und die Hoftheater\nbrauchen ihre Zuschüsse zur Ausstattung der Spectakel-\nOpern und haben folglich kein Geld und noch weniger\nSympathie für die Unterstützung deutscher Opern-Com-\nponisten.\nWir kennen von der genannten Oper nur die Ouver-\ntüre und auch diese nur aus der Bearbeitung durch den\nComponisten für das Piano zu vier Händen, welche\nals Op. 30 in Paris bei S. Levy (Leipzig, bei Fr. Hofmei-\nster) erschienen ist. Sie enthält das Gemälde eines Sturmes,\nwesshalb sie auch den Titel „Le Naufrage\" führt, verfällt\njedoch keineswegs in rauschende Malerei ohne musicali-\nschen Inhalt, sondern das Hauptstück derselben, ein Allegro\nagitato, E-moll,6/8-Tact, welches zwischen einem einfach\nmelodiösen Andante in E-durund einer glänzenden\nin E-dur in der Mitte stellt, ist ein thematisch gearbeitetes\nMusikstück voll Leben und Feuer und von keineswegs ge-\nwöhnlicher Erfindung. Eine Clavier-Phantasie über\nThema's aus derselben Oper, Op. 25, hat uns weniger\nangesprochen.\nEine Concert-Ouverture in D-dur, Op. 26,\nebenfalls lür das Pianoforte zu vier Händen eingerichtet\n(Mainz, bei Schott's Söhnen), ist ein frisches Musikstück\nvon munterem Charakter und gefälligen Melodieen, welches\nschon am Ciavier Wirkung macht und durch die Instru-\nrnentirung ohne Zweifel noch bedeutend gewinnen wird.\nFür Pianoforte sind von Steinkühler mehrere Salon-\nstücke gedruckt, unter denen uns eine Mazurka in As, Op.\n27, und La Cascade, Op. 39, ein nicht zu schweres Bra-\nvourstück in Etudenform, am meisten gefallen haben.\nEin Trio für Piano, Violine und Violoncell wird im Lite-\nraturblatt besprochen werden.\nVon den Liedern sind uns einige der früheren, in\nDeutschland geschriebenen und bei Schott's Söhnen erschie-\nnenen, wie z. B. „Die Nachtreise\" von Uhland, Heine's\n„Lolerei\", die sechs Lieder, Op. 24, lieber als die späte-\nren französischen, welche zwar, wie z. B.\nSoir\", ein grosses Publicum in Frankreich gefunden haben,\naber zuweilen der Melodie an sich und deren Verzierungen\nzu sehr auf Kosten der Wahrheit der Empfindung huldigen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-09-02-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-09-02_01#c003", "volume": "bmtnabi_1854-09-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "277", "page_fin": "279", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540902-01.2.3", "titre_corps": "Aus New-York.", "titre_sommaire": "Aus New-York.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "277", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540902-01.1.5", "debut_caractere": 3652, "fin_caractere_exclue": 4798, "texte": "Aus New-York.\nWissen Sie, was man einen „musicalische n Con-\ngress\" und „das grösste musicalischeEreigniss des Jahr-\nhunderts\" in America nennt? Sie meinen vielleicht, eine\nZusammenkunft aller Componisten und künstlerischen Be-\nrühmtheiten, eine Berathung über die Förderung der Ton-\nkunst, ein Protocoll über gegenseitige Verpflichtungen zur\nUnterstützung oder Garantie der Renommee und derglei-\nchen? Nichts davon. Ein musicalischer Congress ist der\nAusdruck für die Verbindung der beiden grössten Mächte\nin America zu Einem Zwecke, des Königs der Instrumen-\ntalisten Jullien, und des Königs der Unternehmer\nBarn um. Beide werden Ihnen hinlänglich bekannt sein,\nJullien durch seine Promenaden-Concerte in London, die\ner mit richtiger Speculation und Kenntniss der Nationalitä-\nten hielier verpflanzt und bis nach New-Orleans hinabge-\nführt hat, immer en envoyant und\nBarnum als Ex-Jenny-Lind-Commissaire, der veränderungs-\nweise nicht die Zuhörer, sondern die Sängerin spaziren\nführte. Beide trafen sich im Frühjahr an den Ufern eines\nFlüsschens; sie kannten sich nicht. Stumm standen die\ngrossen Männer einander gegenüber, das Auge des Genie's"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "278", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540902-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4762, "texte": "fest auf den Wasserspiegel gerichtet, auf dem ein kleines,\nmystisches Etwas an jedem Ufer ruhig daherschwamm. Auf\neinmal rucken Beide zugleich den rechten Arm in die Luft\nund schauen mit funkelndem Blick in die Höhe; sie hatten\nJeder einen grossen Gedanken, einen Fisch, wollt' ich sa-\ngen, gefangen! Diese Sympathie frappirte sie, sie schauten\neinander an— „Jullien!\" rief Barnum, „Barnum!\" schrie\nJullien, und nun konnte nicht mehr davon die Rede sein,\nwer zuerst den Rubicon überschreiten sollte; nein,\nstachen von jedem Ufer aus zwei enorme Wasserstiefeln\nmit ihren Passagieren ins Nass, und Jullien und Barnum\numarmten sich auf der Insel, die sie selbst bildeten, als\nDuumviri reipublicae musicae conslituendcie.\nSie beschlossen, ihren gemeinschaftlichen Einzug in\nNew-York zu halten, Proscriptionslisten zu entwerfen, die-\nselben aber dem humanen Geiste der Zeit gemäss in Sub-\nscriptionslisten zu verwandeln auf ein Concert-Ungeheuer,\nwie dergleichen noch nie da gewesen. Allein die Herbei-\nschaflung des verheissenen Ungeheuers war keine Kleinig-\nkeit. Jullien, durch anderweitige Musikgeschäfte gehindert,\nkonnte erst am 6. Juni mit Barnum abschliessen, und am\n15. sollte bereits der grosse Wallfisch aus seinen Nüstern\ndie musicalischen Cascaden blasen. Hier hiess es also bei\nder Hand sein.\nTreten wir in das Bureau des elektrischen Telegraphen,\nwo die Duumvirn berathen.\nJullien. Ich muss Massen haben, zweitausend Mann\nwenigstens auf dem Orchester.\nBarnum. Schreiben wir 3000 und nehmen wir 1500.\n\\\nJ. Gut; aber wo stellen wir sie auf?\nB. Nirgend anders als im Krystall-Palast.\nJ. Das bringt nichts ein. Das Statut desselben verbietet\nuns, mehr als einen halben Dollar Eintrittsgeld zu nehmen.\nB. Das ist vollkommen genug für das dilettantische\nProletariat; wir richten aber 5000 numerirte Plätze ein,\nwovon kein Buchstabe im Statut steht, und lassen uns für\njede Nummer 1V2 Dollar auf das Eintrittsgeld darauf\nzahlen.\nJ. (ergreift ein Glas Champagner). Edler\nMann, lass uns Brüderschaft trinken! (Sie umarmen\nsich.) Aber wirst du mit der Architektur des Orchesters,\nmit der Einrichtung überhaupt fertig?\nB. Du zweifelst ? Binnen zwei Tagen säubere ich mit\n500 Arbeitern den Fussboden von allen Unebenheiten und\nbaue dir einen Chimborasso, den du bis an die Schneelinie\nmit Musicanten bevölkern kannst.\nJ. Vortrefflich! Instrumentalisten getraue ich mir an\n300 zusammen zu bringen, aber Sänger, Chorsänger\ndie hiesigen'reichen nicht aus.\nB.'(tritt zu dem Expedieilten des Telegra-\nphen. ZuJu 11 i e n:) Mache du indessen das Programm.\n(Er dictirt.) Nach Boston und Philadelphia: „Jullien ver-\nlangt Sing-Vereine, um Händers Messias am 15. d. Mts.\nbeim musicalischen Congress zu singen. Barnum, Cassirer.\"\nJ. Den Messias?\nB. Allerdings; der muss aufs Programm, dann ein\nStück Lärm von Beethoven und deine Feuermanns-Qua-\ndrille, von der du mir erzählt das Uebrige ist mir\ngleichgültig.\nDer Expedient des Telegraphen: Hier ist die\nAntwort von Boston. „Wie viel Sänger wollen Sie haben?\nWir können Ihnen 1000 bis 1200 Stück verabfolgen.\"\nPhiladelphia schreibt (d. h. die Stadt, nicht der Taschen-\nspieler): „Sie können 500 Choristen haben.\"\nKurz, am 15. Juni war Alles fertig und in Ordnung,\num vier Uhr wurden die Thüren des Krvstall-Palastes ge-\nöffnet, um sieben Uhr begann das Concert, ausgeführt von\netwa 1500 Sängern und Instrumentalisten, letztere 250\n' '\nan Zahl, und besucht von mehr als 20,000 Menschen.\nDas Programm kündigte die Mitwirkung von 29 Or-\nchestern und Gesang-Vereinen an, darunter fast alle Män-\nnergesang-Vereine der Deutschen in New-York, Baltimore,\nPhiladelphia, ferner von 16 Kirchen-Chören u. s. w., und\nversprach aus allen Meisterwerken von Händel bis auf die\nHerren Bristow und Fry (die americanischen National-Com-\nponisten) und den Herrn Jullien herab eine glänzende Aus-\nwahl. Von alledem wurde wirklich aufgeführt:\nI. Theil. Ein Stückchen Messias, die Ouvertüre, einige\nArien aus dem ersten Theile, das Hallelujah, „Ich weiss,\ndass mein Erlöser lebt\" und „Würdig ist das Lamm\".\n11. Theil. Rossini's Tell-Ouverture. Flöten-Solo (!), von\nDrouet geblasen. Wagner's Tannhäuser -Ouvertüre,\nvon der deutschen Musik-Gesellschaft in New-York unter\nDirection des Herrn Bergmann aufgeführt. Violin-Solo, vom\nkleinen Paul Jullien gespielt. Andante einer Sinfonie von\nBristow. „Die Himmel erzählen\" von Haydn. Blechmusik.\nDuo für zwei Pianoforte von Herrn und Mad. Wallace.\nThe Fircmaris Quadrille, neu componirt von Jullien.\n111. Theil. Beethoven's C-moll-Sinfonie (N.B. der letzte\nSatz!).Harfen-Solo. Dramatische Sinfonie: „Das gebrochene\nHerz\", von Fry. Gebet aus Moses von Rossini. Der Hoch-\nzeitsmarsch von Mendelssohn.\nDer Anblick des mit Statuen und Kränzen geschmück-\nten Orchesters, dessen Hintergrund ein grosses Gemälde"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "279", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540902-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4453, "texte": "nach Michel Angelu's letztem Gericht einnahm, und der\nTausende von Zuhörern war allerdings grossartig und ein-\nzig in seiner Art. Von Zuhörern, sage ich? 0, nein! Als\nConcert war das Ganze ein kolossaler Spass; denn an\nZuhören, ja, nur an Hören von Musik im einfachsten Sinne\ndes Wortes war nicht zu denken. Unter den beständig auf-\nund abwogenden Tausenden auf dem knarrenden Fussbo-\nden und bei dem ewigen Gesumse und Gesurre dieser un-\ngeheuren Bienenschwärme in Menschengestalt wurde man\nhöchstens dann und wann durch ein Fortissimo des ganzen\nOrchesters daran erinnert, dass hier Musik gemacht werde,\nund die Solisten glichen tonlosen Automaten, deren Mund-\nund Arm- und Fingerbewegungen einen Anblick zumTodt-\nlachen gewährten. Die hiesige Musical Review, welche doch\nden Congress ein Ereigniss nennt, Jullien's Namen desshalb\nin die Kunstgeschichte der Unions-Staaten einträgt und in\ndiesem Monster-Concert den Anbruch einer neuen Aera\nsieht, muss gestehen, dass von einem stillen Zuhören nicht\ndie Rede sein konnte, indem beständig ein Gewirr von\nStimmen umhersaus'te, wie wenn der October die Blätter\nvon den Bäumen schüttelt. Auch heisst es an einer anderen\nStelle sehr naiv: „Ein anderes Stück, das man zum Theil\nhören konnte, war die Ouvertüre zum Teil. Der Krystall-\nPalast ist aber auch nicht zum Concertsaale gebaut; der\nAmericaner schwatzt und geht spaziren und schaufelt mit\nden Füssen über den Boden, während die beste Musik ge-\nmacht wird, und wenn unter zwanzig Tausenden von fünf\noder zehn Tausenden Jeder nur das leiseste Geräusch der\nArt macht, so gibt dies schon solch einen Grundbass, solch\nein durchgehendes Accompagnement, dass es das Piano im\nOrchester übertönt und die armen Solisten vernichtet.\n„ „Tröstet mein Volk\"\", sang Herr Frazer: aber wie soll\nein einziger unglücklicher Tenorist über das Geräusch von\nfünf Tausenden, welche herein kommen oder nach ihren\nPlätzen gehen, und von anderen fünf Tausenden, welche ihre\nBemerkungen über den herrlichen Anblick des Orchesters\nmachen, sich emporgipfeln?\"\nWenn man ironisch sein wollte, so könnte man nichts\nBesseres thun, als diese aufrichtige Schilderung eines Ame-\nricaners abschreiben, wie ich es denn auch gethan. Endlich\nbricht er in den Ausruf aus: „Wenn die Leute doch nur\nlernen wollten, dass sie nicht mehr Recht haben, in einem\nConcertsaale während eines Musikstückes auf und ab zu\ngehen, als in der Kirche während eines Gebetes; aber\nman darf nichts Vollkommenes auf Erden erwarten!\"\nIch muss noch eine charakteristische Scene erwähnen.\nVor der Aufführung der Feuermanns-Quadrille von Jullien\ntrat Herr Barnum auf und kündigte an, „dass dieses neue\nStück eine zwar sehr ergreifende dramatische Musik sei,\ndass aber die Damen nicht bange zu werden brauch-\nten und nur ruhig das Ende abwarten und dann wacker\napplaudiren möchten\"—also im neunzehnten Jahrhundert\nein Peter Squenz, der dem Publicum ankündigt, dass der\nLöwe kein wirklicher Löwe, sondern Zettel der Weber sei!\nIndessen die Warnung mochte nicht überflüssig sein;\ndenn ein solcher Höllenlärm mit obligatem bengalischem\nFeuer ist noch nie auf einem Theater, geschweige denn in\neinem Concertsaale, erlebt worden. Zuerst marschirt das\nCorps der Pompiers oder Feuerleute, d. h. ihre Blechmusik,\naus dem Orchester die Stiegen an den Seiten sichtbar und\nstets blasend hinauf, bis es oben auf einer Galerie steht\nund von da in den Saal hinab schmettert. Dann rückt von\nder anderen Seite unten das Militär mit Regiments-Musik\nan. Es wird Nacht; die Yioloncells und Bratschen ziehen\nmit dicker Finsterniss heran, und die Flötchen lassen Stern-\nschnuppen fallen. Auf einmal entsteht Feuerlärm, und nun\ngeht der Teufel los mit Chorsingen, Streichen, Blasen, Pfei-\nfen und Schlagen, Knattern und Ratschen, dass einem Hö-\nren und Sehen vergeht. Grosse wirkliche Thurmglocken\nläuten Sturm von verschiedenen Seiten, man hört die\nSpritzen heranrasseln, den Wasserstrahl zischen, das wilde\nGeschrei der Löschenden: „Work on! Work on!\" (Packt\nan! Packt an!) das Einstürzen der Mauern, und zu den\nFenstern herein schlägt der Schein der Flammen, die draus-\nsen brennen!\nDoch genug. Sie haben jetzt eine ganz wahrheitsge-\ntreue Schilderung eines musicalischen Congresses, eines\nMusikfestes in America, und einen neuen Beweis, zu welch\neinem krassen Realismus in der Musik, zu welcher Herab-\nwürdigung der Kunst die Sucht, Geld zu machen, selbst\ntalentvolle Männer, wie Jullien ohne Zweifel einer ist, hier\nzu Lande verführt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-09-02-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-09-02_01#c004", "volume": "bmtnabi_1854-09-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "279", "page_fin": "280", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540902-01.2.4", "titre_corps": "Musik zu Zwischenacten.", "titre_sommaire": "Musik zu Zwischenacten.", "signature_source": "K", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "279", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540902-01.1.7", "debut_caractere": 4455, "fin_caractere_exclue": 5175, "texte": "Musik zu Zwischenacten.\nEine Mittheilung für Bühnen- und Orchester-\nVorstände.\n\nEs ist eine ausgemachte Sache, dass charakteristische Zwischen-\nact-Musik den Eindruck dramatischer Werke bei deren Aufführung\nwesentlich zu unterstützen und zu heben im Stande ist, während\nunpassende Musiks'atze eben so störend, als oft gehörte abgedro-\nschene Piecen langweilend und abspannend wirken. Für den Or-\nchester-Dirigenten ist es indessen nicht leicht, immer die gehörige\nAuswahl und Abwechselung zu treffen. Auch der reichste Musica-\nlien-Yorrath erschöpft sich; denn der Theater-Abende sind viele im\nJahre, und der Actschlüsse, an die jene Zwischen-Musiken sich be-\nzeichnend anreihen sollen, noch weit mehr. Abgesehen von den"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "280", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540902-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3163, "texte": "Compositionen zu besonderen Tragödien, wie von Beethoven zum\nEgmont, von Meyerbeer zum Struensee, ist hier und da für diese\nZwecke Entsprechendes componirt worden; allein da man sie sel-\nten veröffentlichte, so fanden diese Arbeiten nur zufällig den Weg\nzu anderen Orchestern und veralteten meist da, wo sie geschaffen.\nWillkommen dürfte daher vielen Musik- und Theater-Vorständen\ndie Mittheilung sein, dass der herzogliche Musik-Director Topler\nzu Coburg es unternommen hat, abgesehen von mancherlei eige-\nnen Compositionen der Art, eine nicht unbedeutende Anzahl in-\nteressanter und charakteristischer Clavier-Piecen der verschiedensten\nComponisten zu instrumentiren. Sie bilden, 40 an der Zahl, gewis-\nser Maassen den ersten Band eines reichen „Rep ertoriums für\nZwischenact-Musik\" und eignen sich in den verschiedensten\nFormen, im Allgemeinen zur Hälfte lür ernste Dramen, zur ande-\nren für Lustspiele. Manches schöne, nur Pianisten näher bekannte\nTonstück gewinnt so allgemeinere Geltung, und viele dieser Arran-\ngements fanden bei den Vorstellungen der coburger Hofbühne be-\nreits die lauteste Anerkennung. Trefflich instrumentirt, übersteigt\nihre Besetzung und Ausführung nicht die Kräfte gewöhnlicher\nTheater-Orchester.\nDer anspruchlose Arrangeur dieser ausgezeichneten Sammlung\ngedenkt nun mit derselben „sein Scherflein zur Hebung der Zwi-\nschenact-Musik\" in so fern beizutragen, als er diese Piecen ein-\nzeln oder in mehreren frei zu wählenden Nummern den Theater-\nOrchestern hiermit gratis (nur gegen Erstattung der Copialien-\nKostcn) offerirt. Die Bestellungen würden unter der oben angegebe-\nnen Adresse franco zu machen sein. Die Zusendungen erfolgen in\nausgeschriebenen correcten Stimmen gegen Post-Nachnahme der\nCopialien-Gebühren. HO U\nHier das Vcrzeichniss der ansprechenden Sammlung, auf welche\nganz besonders aufmerksam zu machen, Einsender dieses, der Mu-\nsikwelt gegenüber, für seine angenehme Pflicht hielt.\nV e r z e ichn is s von Zwischena ct-Mu s i k.\nAus Beethoven's Sonaten: Op. 10, Nr. 3, Largo in D-moll\nOp. 14, Andante in C Op. 22, Adagio in Es Op. 26, Mar-\nda funehre in As-moll Op. 10, Sonate in C-moll, 3^-Tact,\nalle drei lii SSW)\nAon John Fie 1d: Air russe.\nVon C. M. v. Weber aus den vierhändigen Piecen, Op. 10: Ada-\ngio in As Andanüno in C-moll Mazurka All Ongarese\n(Op. 60) Capriccio, ö'4-Tact in B.\nAus II ei SS ig er* s Pieces detachees: Scherzo in Es und Gr. Mar che.\nAus Kalkbrennens Etüden, Nr. 12: All. furioso in C-moll.\nY 011 Chopin: Walzer, Op. 18, und Marche funebre aus der B-moll-\nSonate, Op. 35.\nVon Fr. Schubert: All. mod. aus Op. 78. dito aus Op. 94.\nVon Henselt: Ave Maria.\nVon Mendelssohn: 6 Nummern aus seinen Liedern ohne Worte.\nVon AI. Fesca aus Op. 7, Nr. 3: „Der Traum\".\nVon Stephen Heller aus den Wanderstunden, Op. 54 : All. im-\n-95* petiioso in 11-moll.\nVon Taubert aus den Charakterstücken, Op. 83: in\nVon R. Schumann aus den Kinderscenen, Op. 15: in\nAon Yr. Krug er. Tril by-Polka. Fr. Liszt: chromatique.\nSchulhoff: Galop di bravura. Lefeburc- W ely:\nbrillante. Quidant: Etude Karl Schnabel:\nUngarischer Krieger-Marsch. Kalliwoda:\nrese. Pascal Gcrville: Marsch-Galopp. Mann: Na-\njaden-Polka.\n\nK."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-09-02-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-09-02_01#c005", "volume": "bmtnabi_1854-09-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "280", "page_fin": "280", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540902-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "280", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540902-01.1.8", "debut_caractere": 3165, "fin_caractere_exclue": 6012, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nISO m oi3 jssßil aflOjJM fiegsmggpl «fntenDßwog oie mob\nliö'lia. Wir werden in der nächsten Woche das Orchestrion,\ndas neu erfundene Instrument des Herrn Mercklin aus Brüs-\nsei, hier in Köln zu hören Gelegenheit haben, was um so interes-\nsanter sein wird, da Herr Ferdinand Kufferath aus Brüssel\nuns dasselbe, hoffentlich öffentlich, vorführen wird.\nIn Baden-Baden haben die Spielpächter auch dieses Jahr\nwieder ein grosses Concert gegeben. Gesungen haben darin die La\nCrange, die Alboni und Gardoni, und Vi vier auf dem\nHörne. Eine eigentümliche Erscheinung waren die drei Violon-\ncellisten Batta, Cosmann und Selig mann, welche Rossini's\nTell-Trio vortrugen.\nIn H omburg hat Frau La Crange ein Concert gegeben\nK. Forme s in Wiesbaden Vieuxtemps in Spaa —der\nPianist Karl Wehle und der Violinist Laub in Töplitz.\nIrf f?-rH llf TO£kTYI I* # 0»1 »3 6SS\n\"\nDer Tenorist Theodor Form es, der jüngere Bruder des be-\nrühmten Bassisten, benutzt seinen Urlaub von der königlichen Oper\nin Berlin, in Begleitung seiner Gattin (vormals Fräulein Ahrens)\neine Kunstreise durch Deutschland zu machen. Er ging zuerst\nnach Leipzig und von da nach dem Süden, wo er zuletzt in\nGr atz auftrat. Ueberall hat er grossen Beifall gefunden und als\nSänger und Darsteller in den Rollen des Masaniello, Edgar, Eleazar,\nGeorge Brown, Lyonel u. s. w. Aufsehen erregt. Eben so in Aachen.\n\"JOfflf r3ilifüll i 3o ■ aOff fl9&\nWien« Herr Ludwig Bösen d o r fe r (Sohn des k. k. Hof-\nFortepiano-Verfertigt rs Ignaz Bösendorfer) hat eine sehr wichtige\nVerbesserung in der Clavicr-Mechanik gemacht, bestehend in drei-\nfacher Auslöser-Bewegung, wodurch ein schnelleres Auslösen und\nein stärkerer und klangvollerer Ton erzielt wird. Das k. k. Han-\ndcls-Ministerium hat ihm auf dieselbe am 3. August ein ausschlies-\nsendes Privilegium iür die Dauer von drei Jahren verliehen.\nvJf*\"V% 1 ? f ° V\n■■ ■ ■ ■ ■■■■ 1 '\nmFS Ü F o ö j-v v* * -J •W-' Ä-1 -ä a .II« w'' yr-f b ä SJ! ,V i\\J lu JL . .§ _' rT.. i A J i*J I «\\J \\ß\nFerrara. Signor Ma r c hes e und seine talentvolle Gattin,\nSignora Marchese-Graumann, verweilten nach ihrer Rückkehr\naus London, wo sie mit grossem Erfolge aufgetreten waren und in\nFolge dessen auch Gelegenheit gefunden hatten, sich bei Hofe aus-\nzuzeichnen, den ganzen Winter hindurch hier. Signor March ese\nsang in „Ernani4' von Verdi, „Poliutto\", „Favorita\" und „Betty\"\nvon Donizetti und anderen Opern. Das Künstlerpaar gedenkt\nEnde August über Venedig nach Wien zu gehen, wo sie den Win-\nter bleiben und hoffentlich die Aufnahme finden werden, die ihnen\nihr Talent überall sichert.\nmdo«. of'i: fnoV Ißlf e&goib aobiii?/ nogauesü\nDie Pianistin Miss Arabella Goddard, welche auch in den\nConcerten des kölner Männergesang-Vereins zu London mit gros-\nsem Beifall gespielt hat, wird eine Kunstreise durch Frankreich\nund Deutschland machen."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "273", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540902-01.1.1", "texte": "Die Musik im Jahre 1853.\nVon P. Scudo\n*).\nDie Tage folgen auf einander, pflegt man zu sagen,\nund keiner gleicht dem anderen. Das scheint uns aber in\nBezug auf das geistige Leben wenigstens durchaus keine\nausgemachte Wahrheit zu sein; denn in diesem folgen seit\neinigen Jahren die Tage auf einander und sehen nur zu sehr\neiner dem anderen ähnlich. In der Thal zeigt sich seit eini-\nger Zeit im Reiche der Phantasie eine Art Reaction gegen\ndie Ursprünglichkeit und die Kraft des schaffenden Geistes.\nSoll man den grämlichen Pessimisten beistimmen, welche\nbehaupten, dass es mit der schöpferischen Phantasie vorbei\nsei, dass alie Poesie den Kreislauf ihrer göttlichen Bezau-\nberungen vollendet habe, dass in der Kunst und schönen\nLiteratur nur noch von mehr oder weniger geschickten und\ngeistreichen Verbindungen bekannter Formen und Gedan-\nken die Rede sein könne, dass die Menschheit oder wenig-\nstens die Civilisation von Europa in ein neues Stadium ge-\ntreten, in das Alter der Reife und der Reflexion, in wel-\nchem die schöpferische Kraft des Geistes nur noch den\nzweiten Rang einnimmt? Oder ist es nicht richtiger, mit\nAnderen anzunehmen, dass der Mensch immer derselbe\nbleibt, dass sein Herz eine fortwährende und unerschöpf-\nliche Quelle von göttlichen Eingebungen ist, dass die Ge-\nschlechter altern und sterben, die Menschheit aber ewig\nist, wie die Liebe und die Poesie, welche mit der Lebens-\nfackel aus einer Hand in die andere wandern?\n„Die Natur verwendet zu allen Zeiten dieselbe Kraft,\ndas Geistige wie das Körperliche zu schaffen; ihr Wesen\nist unveränderlich, und ihr Vermögen, Alles zu erzeugen,\nkann sich nicht erschöpfen.\" So behauptete schon im sie-\nbenzehnten Jahrhundert der philosophische Dichter Charles\nPerrault zur Zeit des berüchtigten Streites, den die Preis-\nfrage der französischen Akademie zwischen den ausschiiess-\nliehen Bewunderern des Alterthums und den eben so lei-\ndenschaftlichen Vertheidigern der Neueren entflammt hatte.\nIn der That ist die Frage leichter zu stellen als zu\nlösen; denn ohne zu läugnen, dass die Menschheit eben so\newig sei, wie die Natur, und sich aus ihrer Asche stets wie-\nder erzeuge, wie der wunderbare Vogel der Mythe, ist es\ndoch auf der anderen Seite eben so ausgemacht, dass es\nBildungen und Formen des menschlichen Geistes gibt,\nwelche sich erschöpfen und am Ende ganz und gar ver-\nschwinden. Die schöpferische Kraft des Geistes stirbt nicht,\naber sie wechselt den Platz und erzeugt auf anderem Bo-\nden neue Früchte. Anstalt sich in der Gestalt eines Epos,\noder eines Raphael'schen Gemäldes, oder einer Beethoven'-\nschen Sinfonie zu offenbaren, wird sie die Stirn eines Buf-\nfon oder Herschel umstrahlen; denn die Phantasie spielt\nselbst in den positiven Wissenschaften eine grössere Rolle,\nals man glaubt.\nDie Musik darf sich jedoch über das neunzehnte Jahr-\nhundert nicht beklagen. Die verflossenen (ünfzig Jahre sind\n\n*) P. Scudo gehört zu den besten musicalischen Schriftstellern\nFrankreichs; an Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe nimmt er\nohne Zweifel den ersten Rang unter allen ein und spricht es\nunumwunden aus, dass der Einfluss der pariser Presse auf\ndie Kunst in den letzten Jahrzehenden ein abscheulicher ge-\nwesen sei, und dass es nichts Verderblicheres in der Kritik\ngebe, als jenes System von Nachsicht und falscher Gutmiithig-\nkeit, wodurch man die jungen Talente ermuthigen zu müssen\nvorgebe. Er ist zu höflich gegen seine Collegen, um auch zu\nsagen: das System der Coterie und Corruption. Dass er aber\nauch gegen dieses eifert, geht aus seinen Aufsätzen überall\nhervor, und dass man ihm das Recht dazu einräumt und nur\nhier und da mit übel verstelltem Aerger die allzu schroffe\nForm, in welcher er es thut, tadelt, ist ein ehrenvolles Zeug,\nniss für seine Reinheit und die Freiheit seines Urtheils. Auch\n• v\nsein Stil zeichnet sich vortheilhaft durch eine edlere, mehr\nsentimentale Farbe vor der Coquetterie der witzigen und nach\nden Reizmitteln geistreicher Schwatzhaftigkeit jagenden\nFeuilletonisten aus. Der obige Aufsatz ist aus der neuen\nSammluug genommen, welche Scudo unter dem freilich etwas\nzu viel versprechenden Titel La Musique ancienne et moderne von\nseinen musicalischen Schriften gemacht und in Paris bei Gar-\nnier so eben herausgegeben hat. Der obige Artikel betrachtet\nnicht sowohl die Musik überhaupt, als vielmehr nur die dra-\nmatische, wie dies bei den Franzosen gewöhnlich der Fall\nist, da bei ihnen die Oper die einzige Kunstgattung ist, wel-\nche von den Componisten cultivirt und vom Publicum be-\nachtet wird."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "274", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540902-01.1.2", "texte": "eben so fruchtbar an grossen Componisten gewesen, als\nan bedeutenden Dichtern und Denkern. Deutschland hat\nBeethoven, Schubert, Spohr, Weber, Mendelssohn erzeugt,\nItalien Rossini, Bellini und Donizetti, und Frankreich, wel-\nches Berton, Mehul, Boieldieu, Herold, Auber hervorge-\nbracht, hat sich noch ausserdem durch Cherubini, Spontini\nund Meyerbeer bereichert. Von Gretry bis auf Auber, wie\nvon Gluck bis auf Meyerbeer hat die dramatische Musik\nallerdings einen ungeheuren Fortschritt in Bezug auf das\nColorit und die musicalische Entwicklung der Situationen\ngemacht. Freilich sind die melodischen Gedanken schvyächer\ngeworden, kein neuerer Tonsetzer hat die ideale, reine Höhe\nMozart's, das Pathos von Gluck, die einfache Gelühls-\nWahrheit Gretry's erreicht; allein man muss doch auch\neinräumen, dass das Finale der „Vestalin\", der dritte Act\ndes „Moses\" und der vierte der „Hugenotten\" grossartige\nWürfe sind, gewaltige Tongemälde, welche aus unserer\nZeit erwachsen und ihr ganz und gar angemessen sind.\nMan kann behaupten, dass ohne die französische Revolution\nsolche Werke nicht entstanden sein würden; offenbar ist\nder grosse Ideen-Umschwung, der sich von daher schreibt,\nauch lür die Musik eine fruchtbare Quelle geworden, wenn\nauch nicht unmittelbar in der Zeit der Revolution selbst.\nAber es scheint leider, als wenn die Zeit der Weihe\nlür die Kunst seit einigen Jahren vorbei wäre; denn an die\nStelle der schöpferischen Genies des heroischen Zeitalters\ntauchten in Deutschland Schumann, Gade, Flotow und\nWagner, in Italien Ricci und Verdi, in Frankreich Halevy,\nAdam, Ambroise Thomas, Reber, Niedermeyer, Felicicn\nDavid, Gounod und Masse auf.\nOhne das Verdienst und das ausgezeichnete Talent\nHalevy's, die rührige Hand und die heitere Laune Adam's\nund die Sorgfalt zu verkennen, welche A. Thomas darauf\nverwendet, seine kurzathmigen Eingebungen gewissenhaft\nzu protocolliren, ohne das bescheidene und etwas blasse Talent\nReber's zu läugnen, so wenig wie den Geschmack und die\nelegische Aninuth David's, die gar zu langen Studien Nie-\ndermeyer's, das höhere Streben Gounod's und die Hoffnun-\ngen, welche Masse erregt, ist man dennoch gezwungen,\nzu dem Schlüsse zu kommen, dass bei allen diesen auf so\nverschiedene Weise gewürdigten und geschätzten Compo-\nnisten sich kein einziger originaler Gedanke findet, keiner,\nden man nicht schon bei den grossen Meistern anträfe,\nwelche ihnen vorangegangen sind und sie erzeugt haben.\nIch spreche nicht von Berlioz, an den nur die Füchse auf\nden deutschen Universitäten im Ernst glauben, und der seit\nfünfundzwanzig Jahren wie der ewige Jude auf Entdeckung\neines Publicums reis't, das stets seinen sehnsüchtig fas-\nsenden Armen wieder entschlüpft.\nNicht nur die schöpferische Kraft hat sich erschöpft\nund lür kleinliche Effecte zersplittert, welche die Unfrucht-\nbarkeit und Mühseligkeit der Epigonen bekunden, sondern\nauch die Form selbst hat jene Fülle und Klarheit verloren,\nwelche wir in den geweihten Werken finden. Einige Leser\nwerden sich vielleicht wundern, dass wir sagen, dass selbst\ndie Kunst zu componiren, mit Einem Worte: das Hand-\nwerk, eben so herunter gekommen ist, als alles Uebrige, da\nsie doch täglich lesen, wie man das tiefe Wissen der er-\nbärmlichsten Bluetten- und Polka-Mazurka-Componisten\npreis't, z. B. des Herrn Emile Prudent! Ja, es gäbe in der\nThat eine sehr interessante Preisfrage für die Akademie,\nzu ergründen, welchen Einlluss die Tagespresse seit fünf-\nzig Jahren auf die Kunst gehabt habe. Wir würden uns\nkeinen Augenblick bedenken, ihn lür abscheulich zu er-\nklären.\nFreilich wird man uns zurufen: „Ihr feiert die Revo-\nlution und läugnet den Fortschritt!\" - Mein Gott, nein!\nWir geben den Fortschritt da, wo er möglich ist, zu, d. h.\nin allen Dingen, welche dem Nachdenken und dem Willen\ndes Menschen anheim fallen. Aber es gibt einen geheim-\nnissvollen Winkel in unserem Innern, den Gott sich vorbe-\nhalten hat, wo er ganz allein durch unmittelbare Gnade\nund Eingebung wirkt, mit denen er seine Erwählten bese-\nligt. Und wenn ich dann sehe, wie Possenreisser und\nschaamlose Bänkelsänger jeden Morgen auf den Schild ge-\nhoben werden und den Platz des Genie's einnehmen, jenes\nconsubstantieilen Sohnes des erhabensten Geistes, dann\nläugne ich allerdings den Fortschritt und behaupte, dass\ndie Krämer in den Tempel Gottes eingedrungen sind,\nWenn die Kunst nicht eine höchst ernste Sache ist, ein\nMittel, unseren Geist zu erheben, unser Herz zu reinigen\nund uns für eine höhere Bestimmung vorzubereiten, so ist\nsie nicht werth, einen verständigen Mann auch nur auf\nvierundzwanzig Stunden in Anspruch zu nehmen.\nSeit dem Juif errant von Halevy, dem wir sein Schick-\nsal vorausgesagt haben, hat die grosse Oper, die eben nicht\nverschwenderisch mit Neuem ist, die Fronde gegeben, eine\nOper in lünf Acten von Niedermeyer. Das Ergebniss\ndieses neuen dramatischen Versuches des Componisten des\n„See's\" und mehrerer anderen eindringlichen Melodieen\nist keinen Augenblick zweifelhaft geblieben; man hat sich\neinmal wieder überzeugen können, dass ein lyrischer Mu-\nsiker noch lange kein dramatischer ist; denn das Drama\nl\nist dem Monotonen feind, es verlangt Mannigfaltigkeit und"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "275", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540902-01.1.3", "texte": "vor Allem Objectivität. Selbst der wunderbare Lyriker f\nFranz Schubert hat lür die Bühne nichts Bedeutendes ge-\nleistet,,und Herr Niedermeyer ist noch weit von der Origi-\nnalität und den hervorragenden Eigenschaften des deutschen\nTondichters entfernt!\nNach der Fronde,die nur einige Vorstellungen erlebt\nhat, brachte man den Meister-Sänger (Le Maiire Chanteur) von\nLimnander auf die Bühne, ein Werk, das es mit seinen\nzwei Acten auch nicht weiter gebracht hat. Limnander ist\nein belgischer Componist, der sich durch zwei komische\nOpern: Les Montenegrins und Le Chdteau de la Barbe-bleue\nbekannt gemacht hat. Er ist ein gebildeter und hier und\nda aufgeregter Musiker, der gern nach Stil strebt, aber\nnicht ohne dass es ihm sauer wird. Seinen Gedanken fehlt\nes an Originalität, und seine Instrumentation überschreitet\noft das Ziel und wird fast melodramatisch. Die Oper ent-\nhält allerdings mehrere schätzenswerlhe Nummern, welche\ndem Componisten Ehre machen, die jedoch ein Werk nicht\nretten können, in welchem Leben und Originalität durch\nihre Abwesenheit glänzen.\nWill man jede Erscheinung, worin sich die neueste\nMusik offenbart, verfolgen, so muss man auch die leichtere\nGattung des Ballels berücksichtigen. Der Dichter des Sce-\nnariums zur Jovitahat seinen Erfindungsgeist eben nicht\nauf grosse Unkosten gesetzt; alle Situationen dieses Ballets\nsind schon hundert Mal von Scribe in seinen komischen\nOpern behandelt worden. Das ganze Interesse bestand also\nbloss in der Person der Rosati. Seitdem in Italien nicht\nmehr gesungen wird, wird dort wenigstens getanzt, und\neine Bigottini, Taglioni, Cerrito, Carlotta Grisi schickt\nuns das Land, das sonst grosse Componisten und grosse\nSänger sandte. Die Musik zur Jovita ist leicht und\nangenehm und doch sorgfältig geschrieben; sie ist von\nTheodor Labarre, einem verdienstvollen Lieder-Com-\nponisten, der länger als eine Woche in der Volks-Sym-\npathie gelebt hat, und der nur den heutzutage seltenen\nKünstlerfehler an sich hat, dass er zu wenig an die Zu-\nI\nkunft seines Talentes glaubt.\nAuf der Bühne der komischen Oper „reiten die Todten\nschnell\"; die Partituren stapeln sich da mit erschreckender\nHast zu einem gewaltigen Haufen auf. Nach Auber's\n„Marco Spada\", der sich auf dem Zettel gehalten hat, und\nder „lonelli\" von Ambr. Thomas, einer zweiactigen\nOper, welche eine Episode der Sängerin Toneiii zum Inhalt\nhat und eben erschienen und wieder verschwunden ist, ist\nHalevy's „Nabob\" die wichtigste Neuigkeit auf diesem\nglücklichen Theater gewesen, wo die Wiederaufnahme von\nGretrv's L'Epreuve villageoisedas Bedauern erweckt hat,\ndass man nicht öfter solche Rückfälle bekommt. Wenn es\nnun einmal nicht anders seht, als dass lialevy Jahr aus,\n\\ U %/\nJahr ein seine drei bis fünf Acte Opernmusik liefert, bald\nim grossen, bald im gemischten Genre, ohne die kleinen\nliterarischen Zerstreuungen in Anschlag zu bringen, in de-\nnen er sich von ernsteren Arbeiten zur Ergötzung seiner\nCollegen in der Akademie erholt, so sollte er wenigstens\nin der Wahl der Gegenstände, die ihn zur Composition\nbegeistern, strenger sein. Wahrlich, es verlohnt sich wohl\nder Mühe, den akademischen Gelehrten zweiter Hand zu\nspielen und weltbekannte Geschichtchen zu erzählen, um\nsich nachher zu so erbärmlichen Opern-Gedichten, wie der\n„ewige Jude\" und der „Nabob\", zu verirren! Die Situa-\ntionen sind bei den Haaren herbeigezogen\nriam des Componisten, damit er ein Nies-Duett, einen Chor\nmit Hundegebell, ein Violin-Solo für eine Brummstimme\nund dergleichen mehr anbringen könne. Die ganze Oper\nist in einem neuen Stile geschrieben, den wir das anekdoti-\nsche Genre nennen möchten; musicalische Gedanken braucht\nman dabei nicht zu haben, nur einige Gewandtheit, um eine\nPhrase aufzuputzen und mit Artigkeit eine Reihe von Or-\ngelpunkten und Cadenzen aufzustellen.\nWenden wir nun noch einen Blick auf das dritte\nOpern-Theater, das Tlxödlre lyauf dem\nTemple, einer Gegend, in welcher man nicht mehr in der\nProvinz, aber auch noch nicht in Paris ist. Dort ist der\nEnthusiasmus auf eine solche Höhe gestiegen, dass die Ge-\nsundheits-Policei wird einschreiten müssen. Diese Bühne\ni *\nist ganz besonders eröffnet worden, um das erste Auftreten\neines jungen, hoffnungsvollen Componisten zu erleichtern,\ndes Herrn Adolphe Adam, Mitglieds der Akademie und\nVerfassers des Postillons von Lonjumeau! Der unermüd-\nliche und geistreiche Tondichter kann in der That kaum\nden Bedarf liefern, so gut geht die Waare ab. Kaum hat\ner eine Oper in drei Acten: und dann\nwieder eine: „Le roi des Hallesauf die Welt gesetzt,\nso empfängt er vom Geiste schon wieder eine andere,\nwelche er mit eben so wenig Schmerzen gebiert. Freilich\ngeht es dadurch der zahlreichen Familie nicht besser, allein\nseine Kinder leben, wie sie können, und die Vorsehung thut\ndas Uebrige. Das letzte Kind Adam's hat in der Taufe den\nNamen „Le Bijou perdu\" erhalten. Auf einen Text voller\nQuiproquos und Unwahrscheinlichkeiten hat er eine Ronde\nin drei Acten mit Begleitung von allerlei Instrumenten, na-\nmentlich Pickelflöte, geschrieben. Den Jubel und die Selig-\nkeit zu schildern, mit denen das liebe Völkchen vom"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "276", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540902-01.1.4", "texte": "levard du Tcmple diese seichte Musik anhört, welche von\nAnfang bis zu Ende auf den gewöhnlichsten Rhythmen in\nV - und 2/4-Tact herumtanzt, dazu ist unsere Feder zu\nschwach.\nWas sollen wir nun für ein Resultat aus dieser flüch-\ntigen Uebersicht der Erzeugnisse unserer dramatischen Mu-\nsik im Jahre 1853 ziehen? Wir wollen es in zwei Wor-\nten dahin formuliren, dass wir bis zu einer von jenen gei-\nstigen und sittlichen Krisen gekommen sind, wo die Talente\neben so selten sind, als die grossen Charaktere. Wir zehren\nnoch ein wenig von dem Erbgute unserer Väter und war-\nten darauf, dass der liebe Gott wieder einmal einen von\njenen bevorzugten Geistern ins Leben rufe, bei deren Tha-\nten die erstaunte Menschheit ausrufe:\nlunlas lua!u\n\nEmil Steinkühler.\nUnter den Tonkünstlern, deren Heimat das Rheinland\nI v\nist und die sich im Auslande einen bedeutenden Ruf und\neinen ehrenvollen Wirkungskreis erworben haben, verdient\nEmil Steinkühler eine besondere Erwähnung in dieser Zeit-\nschrift, die es sich vor Allem auch zur Aufgabe gesetzt\nhat, auf die einheimischen Talente aufmerksam zu machen,\nihre Lebensbahnen zu verfolgen und ihre Leistungen zur\nAnerkennung zu bringen, sobald sie ein wahres Kunst-\nstreben bekunden.\nEmil Steinkühler ist den 12. Mai 1821 zu\nDüsseldorf geboren. Sein Vater, Privatlehrer daselbst,\nentdeckte sehr bald in dem Kinde eine grosse Neigung und\nEmpfänglichkeit lür Musik, welche sich mit bedeutenden\nmusicalischen Anlagen verbunden zeigte. Er unterrichtete\nihn desshalb schon im vierten Jahre in den Anfangsgrün-\nden des Ciavierspiels und gab ihm im folgenden Jahre auch\neinen Lehrer im Violinspiel. In seinem sechsten Jahre com-\nponirte der Knabe bereits, natürlich ohne alle Kenntniss\nder Harmonielehre, Lieder und kleine Ciavierstücke, welche\ndie Aufmerksamkeit von Kennern erregten.\nIn seinem zehnten Jahre gab der kleine Virtuose sein\nerstes Concert im Theater zu Düsseldorf, in welchem er\nzwei Pianoforte- und zwei Violinstücke spielte. Er war da-\nmit also in die Reihe der Wunderknaben getreten, zeich-\nnete sich aber durch kindliches Wresen, grosse Bescheiden-\nheit und einen gewissen Ernst aus, der uns schon damals\neine Bürgschaft zu sein schien, dass er fest an der edeln\nRichtung halten und nicht auf die Abwege des Virtuosen-\nthums gerathen werde. In den folgenden Jahren machte\nder Vater mit ihm dann und wann Reisen in die benach-\nbarten Städte, wo der Knabe überall grosse Theilnahme\nerregte. Hauptsächlich fördernd wurde für ihn Mendels-\nsohns Aufenthalt in Düsseldorf, dessen Unterricht und Bei-\nspiel grossen Einfluss auf seine musicalische Entwicklung\nhatte, ohne dass man jedoch sagen könnte, dass die Men-\ndelssohn'sche Art und Weise ihm vorzugsweise Vorbild in\nseinen späteren Compositionen geworden wäre.\nEmil componirte schon darr.als sehr fleissig und halte\nbis zu seinem sechszehnten Jahre bereits eine einactige\nOper, „Die Alpenhütte % ein Clavier-Concert, Ouvertüren,\nCantaten, Pianofortestücke geschrieben, von denen er man-\ny\nches in seinen Concerten zur Auflührung brachte, das Bei-\nfall erhielt, während er von manchem Anderen wohl mochte\nmit Havdn sagen können: „Ich freute mich besonders,\nwenn's nur recht schwarz von Noten aussah!\"\nMit dem siebenzehnten Jahre kam Steinkühler nach\nFrankfurt am Main, um dort namentlich unter der Leitung\ndes trefflichen Aloys Schmitt seine Studien zu vollenden.\nEr blieb fünf Jahre dort und erwarb sich als Componist\nund als Pianofortespieler einen Namen. Er schrieb dort\ngrössere Werke für Orchester und Gesang, zum Beispiel\ndrei Sinfonieen, welche auch in den dortigen Concerten zur\nAuflührung kamen, ferner eine dreiactige Oper, mehrere\nOuvertüren, Vocal-Quartette u. s. w.\nIm Jahre 1843 kam er, wir wissen nicht, durch welche\nVeranlassung, nach Lille im nördlichen Frankreich und\nfand hier Verhältnisse, die ihm zusagten und ihn bestimm-\nten, sich dort niederzulassen. Er hat keine Ursache, die-\nsen Entschluss zu bereuen, denn er nimmt gegenwärtig da-\nselbst eine sehr ehrenvolle Stellung als Künstler und als\nLehrer der Kunst ein und verdankt dieselbe allein seinem\nausgezeichneten Talente, das auch in weiteren Kreisen und\nbesonders in Paris durch die Compositionen, welche daselbst\nvon S. Richault. S. Levy u. A. verlegt worden sind, Aner-\nkennung gefunden hat. Als öffentlichen Beweis hoher Aus-\nzeichnung hat der Kaiser Napoleon 111. bei seiner Anwe-\nsenheit in Lille im vorigen Jahre ihm die goldene Verdienst-\nMedaille verliehen.\nGleich in den ersten Jahren seines Lebens und Wir-\nkens in Lille zog sich Steinkühler durch übermässige An-\nstrengung eine Schwäche an der Hand zu, welche ihn\nJahre lang vom Clavierspielen abhielt, und die selbst jetzt\nnoch bisweilen wiederkehrt, obschon sie ihn nicht hindert,\nseine eigenen Sachen und die Werke der classischen Mei-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "277", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540902-01.1.5", "texte": "ster in den von ihm veranstalteten Soireen mit Geist und\nFeuer vorzutragen.\nEine komische Oper in drei Acten, „Cesario, oder die\nVerwechslungen\", welche er auf einen Text, den Karl\nGollmick nach Shakespeare bearbeitet hat, in Lille compo-\nnirte, wurde auf dem Theater zu Düsseldorf im Jahre 1848\naufgeführt, erlebte jedoch nur zwei Vorstellungen, deren\nerste auf den 29. Februar fiel, also in eine Zeit, in wel-\ncher bekanntlich das Publicum viel zu viel mit Volks-Ver-\nsammlungen und Bürgerwehr zu thun hatte und lieber auf\nden Markt ging, als in das Theater. Die Kritik der Local-\nblätter nannte übrigens auch den Text einen verfehlten\nund misslungenen, der von der Shakespeare'schen Komödie\nder Irrungen nur ein trockenes Skelett ohne wahrhaft ko-\nmische Situationen gegeben habe. An der Musik wurde\nder melodische Reiz und eine reiche Phantasie gerühmt,\ndagegen dramatische Charakteristik noch vermisst und die\nInstrumentation hier und da zu rauschend gefunden. Je-\ndoch haben uns urtheilsfähige Männer, welche beiden Dar-\nstellungen beigewohnt haben, versichert, dass mit einigen\nVeränderungen des Textes und Abkürzungen in der Mu-\nsik die Oper bei sorgfältiger Einübung und Darstellung\neinen günstigen Erfolg haben werde, da die Musik voller\nLeben und Geist sei. Aber, du lieber Himmel! wo sind in\nDeutschland die Bühnen-Directionen zu finden, welche sich\ndazu entschlössen, eine Oper eines als dramatischen Com-\nponisten noch unbekannten Tonsetzers in Scene zu setzen?\nDie Privat-Unternehmer können es nicht wagen, denn sie\nmachen fast alle so schlechte Geschäfte, dass bei ihnen die\nKunst nur nach Brod gehen muss, und die Hoftheater\nbrauchen ihre Zuschüsse zur Ausstattung der Spectakel-\nOpern und haben folglich kein Geld und noch weniger\nSympathie für die Unterstützung deutscher Opern-Com-\nponisten.\nWir kennen von der genannten Oper nur die Ouver-\ntüre und auch diese nur aus der Bearbeitung durch den\nComponisten für das Piano zu vier Händen, welche\nals Op. 30 in Paris bei S. Levy (Leipzig, bei Fr. Hofmei-\nster) erschienen ist. Sie enthält das Gemälde eines Sturmes,\nwesshalb sie auch den Titel „Le Naufrage\" führt, verfällt\njedoch keineswegs in rauschende Malerei ohne musicali-\nschen Inhalt, sondern das Hauptstück derselben, ein Allegro\nagitato, E-moll,6/8-Tact, welches zwischen einem einfach\nmelodiösen Andante in E-durund einer glänzenden\nin E-dur in der Mitte stellt, ist ein thematisch gearbeitetes\nMusikstück voll Leben und Feuer und von keineswegs ge-\nwöhnlicher Erfindung. Eine Clavier-Phantasie über\nThema's aus derselben Oper, Op. 25, hat uns weniger\nangesprochen.\nEine Concert-Ouverture in D-dur, Op. 26,\nebenfalls lür das Pianoforte zu vier Händen eingerichtet\n(Mainz, bei Schott's Söhnen), ist ein frisches Musikstück\nvon munterem Charakter und gefälligen Melodieen, welches\nschon am Ciavier Wirkung macht und durch die Instru-\nrnentirung ohne Zweifel noch bedeutend gewinnen wird.\nFür Pianoforte sind von Steinkühler mehrere Salon-\nstücke gedruckt, unter denen uns eine Mazurka in As, Op.\n27, und La Cascade, Op. 39, ein nicht zu schweres Bra-\nvourstück in Etudenform, am meisten gefallen haben.\nEin Trio für Piano, Violine und Violoncell wird im Lite-\nraturblatt besprochen werden.\nVon den Liedern sind uns einige der früheren, in\nDeutschland geschriebenen und bei Schott's Söhnen erschie-\nnenen, wie z. B. „Die Nachtreise\" von Uhland, Heine's\n„Lolerei\", die sechs Lieder, Op. 24, lieber als die späte-\nren französischen, welche zwar, wie z. B.\nSoir\", ein grosses Publicum in Frankreich gefunden haben,\naber zuweilen der Melodie an sich und deren Verzierungen\nzu sehr auf Kosten der Wahrheit der Empfindung huldigen.\n\nAus New-York.\nWissen Sie, was man einen „musicalische n Con-\ngress\" und „das grösste musicalischeEreigniss des Jahr-\nhunderts\" in America nennt? Sie meinen vielleicht, eine\nZusammenkunft aller Componisten und künstlerischen Be-\nrühmtheiten, eine Berathung über die Förderung der Ton-\nkunst, ein Protocoll über gegenseitige Verpflichtungen zur\nUnterstützung oder Garantie der Renommee und derglei-\nchen? Nichts davon. Ein musicalischer Congress ist der\nAusdruck für die Verbindung der beiden grössten Mächte\nin America zu Einem Zwecke, des Königs der Instrumen-\ntalisten Jullien, und des Königs der Unternehmer\nBarn um. Beide werden Ihnen hinlänglich bekannt sein,\nJullien durch seine Promenaden-Concerte in London, die\ner mit richtiger Speculation und Kenntniss der Nationalitä-\nten hielier verpflanzt und bis nach New-Orleans hinabge-\nführt hat, immer en envoyant und\nBarnum als Ex-Jenny-Lind-Commissaire, der veränderungs-\nweise nicht die Zuhörer, sondern die Sängerin spaziren\nführte. Beide trafen sich im Frühjahr an den Ufern eines\nFlüsschens; sie kannten sich nicht. Stumm standen die\ngrossen Männer einander gegenüber, das Auge des Genie's"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "278", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540902-01.1.6", "texte": "fest auf den Wasserspiegel gerichtet, auf dem ein kleines,\nmystisches Etwas an jedem Ufer ruhig daherschwamm. Auf\neinmal rucken Beide zugleich den rechten Arm in die Luft\nund schauen mit funkelndem Blick in die Höhe; sie hatten\nJeder einen grossen Gedanken, einen Fisch, wollt' ich sa-\ngen, gefangen! Diese Sympathie frappirte sie, sie schauten\neinander an— „Jullien!\" rief Barnum, „Barnum!\" schrie\nJullien, und nun konnte nicht mehr davon die Rede sein,\nwer zuerst den Rubicon überschreiten sollte; nein,\nstachen von jedem Ufer aus zwei enorme Wasserstiefeln\nmit ihren Passagieren ins Nass, und Jullien und Barnum\numarmten sich auf der Insel, die sie selbst bildeten, als\nDuumviri reipublicae musicae conslituendcie.\nSie beschlossen, ihren gemeinschaftlichen Einzug in\nNew-York zu halten, Proscriptionslisten zu entwerfen, die-\nselben aber dem humanen Geiste der Zeit gemäss in Sub-\nscriptionslisten zu verwandeln auf ein Concert-Ungeheuer,\nwie dergleichen noch nie da gewesen. Allein die Herbei-\nschaflung des verheissenen Ungeheuers war keine Kleinig-\nkeit. Jullien, durch anderweitige Musikgeschäfte gehindert,\nkonnte erst am 6. Juni mit Barnum abschliessen, und am\n15. sollte bereits der grosse Wallfisch aus seinen Nüstern\ndie musicalischen Cascaden blasen. Hier hiess es also bei\nder Hand sein.\nTreten wir in das Bureau des elektrischen Telegraphen,\nwo die Duumvirn berathen.\nJullien. Ich muss Massen haben, zweitausend Mann\nwenigstens auf dem Orchester.\nBarnum. Schreiben wir 3000 und nehmen wir 1500.\n\\\nJ. Gut; aber wo stellen wir sie auf?\nB. Nirgend anders als im Krystall-Palast.\nJ. Das bringt nichts ein. Das Statut desselben verbietet\nuns, mehr als einen halben Dollar Eintrittsgeld zu nehmen.\nB. Das ist vollkommen genug für das dilettantische\nProletariat; wir richten aber 5000 numerirte Plätze ein,\nwovon kein Buchstabe im Statut steht, und lassen uns für\njede Nummer 1V2 Dollar auf das Eintrittsgeld darauf\nzahlen.\nJ. (ergreift ein Glas Champagner). Edler\nMann, lass uns Brüderschaft trinken! (Sie umarmen\nsich.) Aber wirst du mit der Architektur des Orchesters,\nmit der Einrichtung überhaupt fertig?\nB. Du zweifelst ? Binnen zwei Tagen säubere ich mit\n500 Arbeitern den Fussboden von allen Unebenheiten und\nbaue dir einen Chimborasso, den du bis an die Schneelinie\nmit Musicanten bevölkern kannst.\nJ. Vortrefflich! Instrumentalisten getraue ich mir an\n300 zusammen zu bringen, aber Sänger, Chorsänger\ndie hiesigen'reichen nicht aus.\nB.'(tritt zu dem Expedieilten des Telegra-\nphen. ZuJu 11 i e n:) Mache du indessen das Programm.\n(Er dictirt.) Nach Boston und Philadelphia: „Jullien ver-\nlangt Sing-Vereine, um Händers Messias am 15. d. Mts.\nbeim musicalischen Congress zu singen. Barnum, Cassirer.\"\nJ. Den Messias?\nB. Allerdings; der muss aufs Programm, dann ein\nStück Lärm von Beethoven und deine Feuermanns-Qua-\ndrille, von der du mir erzählt das Uebrige ist mir\ngleichgültig.\nDer Expedient des Telegraphen: Hier ist die\nAntwort von Boston. „Wie viel Sänger wollen Sie haben?\nWir können Ihnen 1000 bis 1200 Stück verabfolgen.\"\nPhiladelphia schreibt (d. h. die Stadt, nicht der Taschen-\nspieler): „Sie können 500 Choristen haben.\"\nKurz, am 15. Juni war Alles fertig und in Ordnung,\num vier Uhr wurden die Thüren des Krvstall-Palastes ge-\nöffnet, um sieben Uhr begann das Concert, ausgeführt von\netwa 1500 Sängern und Instrumentalisten, letztere 250\n' '\nan Zahl, und besucht von mehr als 20,000 Menschen.\nDas Programm kündigte die Mitwirkung von 29 Or-\nchestern und Gesang-Vereinen an, darunter fast alle Män-\nnergesang-Vereine der Deutschen in New-York, Baltimore,\nPhiladelphia, ferner von 16 Kirchen-Chören u. s. w., und\nversprach aus allen Meisterwerken von Händel bis auf die\nHerren Bristow und Fry (die americanischen National-Com-\nponisten) und den Herrn Jullien herab eine glänzende Aus-\nwahl. Von alledem wurde wirklich aufgeführt:\nI. Theil. Ein Stückchen Messias, die Ouvertüre, einige\nArien aus dem ersten Theile, das Hallelujah, „Ich weiss,\ndass mein Erlöser lebt\" und „Würdig ist das Lamm\".\n11. Theil. Rossini's Tell-Ouverture. Flöten-Solo (!), von\nDrouet geblasen. Wagner's Tannhäuser -Ouvertüre,\nvon der deutschen Musik-Gesellschaft in New-York unter\nDirection des Herrn Bergmann aufgeführt. Violin-Solo, vom\nkleinen Paul Jullien gespielt. Andante einer Sinfonie von\nBristow. „Die Himmel erzählen\" von Haydn. Blechmusik.\nDuo für zwei Pianoforte von Herrn und Mad. Wallace.\nThe Fircmaris Quadrille, neu componirt von Jullien.\n111. Theil. Beethoven's C-moll-Sinfonie (N.B. der letzte\nSatz!).Harfen-Solo. Dramatische Sinfonie: „Das gebrochene\nHerz\", von Fry. Gebet aus Moses von Rossini. Der Hoch-\nzeitsmarsch von Mendelssohn.\nDer Anblick des mit Statuen und Kränzen geschmück-\nten Orchesters, dessen Hintergrund ein grosses Gemälde"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "279", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540902-01.1.7", "texte": "nach Michel Angelu's letztem Gericht einnahm, und der\nTausende von Zuhörern war allerdings grossartig und ein-\nzig in seiner Art. Von Zuhörern, sage ich? 0, nein! Als\nConcert war das Ganze ein kolossaler Spass; denn an\nZuhören, ja, nur an Hören von Musik im einfachsten Sinne\ndes Wortes war nicht zu denken. Unter den beständig auf-\nund abwogenden Tausenden auf dem knarrenden Fussbo-\nden und bei dem ewigen Gesumse und Gesurre dieser un-\ngeheuren Bienenschwärme in Menschengestalt wurde man\nhöchstens dann und wann durch ein Fortissimo des ganzen\nOrchesters daran erinnert, dass hier Musik gemacht werde,\nund die Solisten glichen tonlosen Automaten, deren Mund-\nund Arm- und Fingerbewegungen einen Anblick zumTodt-\nlachen gewährten. Die hiesige Musical Review, welche doch\nden Congress ein Ereigniss nennt, Jullien's Namen desshalb\nin die Kunstgeschichte der Unions-Staaten einträgt und in\ndiesem Monster-Concert den Anbruch einer neuen Aera\nsieht, muss gestehen, dass von einem stillen Zuhören nicht\ndie Rede sein konnte, indem beständig ein Gewirr von\nStimmen umhersaus'te, wie wenn der October die Blätter\nvon den Bäumen schüttelt. Auch heisst es an einer anderen\nStelle sehr naiv: „Ein anderes Stück, das man zum Theil\nhören konnte, war die Ouvertüre zum Teil. Der Krystall-\nPalast ist aber auch nicht zum Concertsaale gebaut; der\nAmericaner schwatzt und geht spaziren und schaufelt mit\nden Füssen über den Boden, während die beste Musik ge-\nmacht wird, und wenn unter zwanzig Tausenden von fünf\noder zehn Tausenden Jeder nur das leiseste Geräusch der\nArt macht, so gibt dies schon solch einen Grundbass, solch\nein durchgehendes Accompagnement, dass es das Piano im\nOrchester übertönt und die armen Solisten vernichtet.\n„ „Tröstet mein Volk\"\", sang Herr Frazer: aber wie soll\nein einziger unglücklicher Tenorist über das Geräusch von\nfünf Tausenden, welche herein kommen oder nach ihren\nPlätzen gehen, und von anderen fünf Tausenden, welche ihre\nBemerkungen über den herrlichen Anblick des Orchesters\nmachen, sich emporgipfeln?\"\nWenn man ironisch sein wollte, so könnte man nichts\nBesseres thun, als diese aufrichtige Schilderung eines Ame-\nricaners abschreiben, wie ich es denn auch gethan. Endlich\nbricht er in den Ausruf aus: „Wenn die Leute doch nur\nlernen wollten, dass sie nicht mehr Recht haben, in einem\nConcertsaale während eines Musikstückes auf und ab zu\ngehen, als in der Kirche während eines Gebetes; aber\nman darf nichts Vollkommenes auf Erden erwarten!\"\nIch muss noch eine charakteristische Scene erwähnen.\nVor der Aufführung der Feuermanns-Quadrille von Jullien\ntrat Herr Barnum auf und kündigte an, „dass dieses neue\nStück eine zwar sehr ergreifende dramatische Musik sei,\ndass aber die Damen nicht bange zu werden brauch-\nten und nur ruhig das Ende abwarten und dann wacker\napplaudiren möchten\"—also im neunzehnten Jahrhundert\nein Peter Squenz, der dem Publicum ankündigt, dass der\nLöwe kein wirklicher Löwe, sondern Zettel der Weber sei!\nIndessen die Warnung mochte nicht überflüssig sein;\ndenn ein solcher Höllenlärm mit obligatem bengalischem\nFeuer ist noch nie auf einem Theater, geschweige denn in\neinem Concertsaale, erlebt worden. Zuerst marschirt das\nCorps der Pompiers oder Feuerleute, d. h. ihre Blechmusik,\naus dem Orchester die Stiegen an den Seiten sichtbar und\nstets blasend hinauf, bis es oben auf einer Galerie steht\nund von da in den Saal hinab schmettert. Dann rückt von\nder anderen Seite unten das Militär mit Regiments-Musik\nan. Es wird Nacht; die Yioloncells und Bratschen ziehen\nmit dicker Finsterniss heran, und die Flötchen lassen Stern-\nschnuppen fallen. Auf einmal entsteht Feuerlärm, und nun\ngeht der Teufel los mit Chorsingen, Streichen, Blasen, Pfei-\nfen und Schlagen, Knattern und Ratschen, dass einem Hö-\nren und Sehen vergeht. Grosse wirkliche Thurmglocken\nläuten Sturm von verschiedenen Seiten, man hört die\nSpritzen heranrasseln, den Wasserstrahl zischen, das wilde\nGeschrei der Löschenden: „Work on! Work on!\" (Packt\nan! Packt an!) das Einstürzen der Mauern, und zu den\nFenstern herein schlägt der Schein der Flammen, die draus-\nsen brennen!\nDoch genug. Sie haben jetzt eine ganz wahrheitsge-\ntreue Schilderung eines musicalischen Congresses, eines\nMusikfestes in America, und einen neuen Beweis, zu welch\neinem krassen Realismus in der Musik, zu welcher Herab-\nwürdigung der Kunst die Sucht, Geld zu machen, selbst\ntalentvolle Männer, wie Jullien ohne Zweifel einer ist, hier\nzu Lande verführt.\n\nMusik zu Zwischenacten.\nEine Mittheilung für Bühnen- und Orchester-\nVorstände.\n\nEs ist eine ausgemachte Sache, dass charakteristische Zwischen-\nact-Musik den Eindruck dramatischer Werke bei deren Aufführung\nwesentlich zu unterstützen und zu heben im Stande ist, während\nunpassende Musiks'atze eben so störend, als oft gehörte abgedro-\nschene Piecen langweilend und abspannend wirken. Für den Or-\nchester-Dirigenten ist es indessen nicht leicht, immer die gehörige\nAuswahl und Abwechselung zu treffen. Auch der reichste Musica-\nlien-Yorrath erschöpft sich; denn der Theater-Abende sind viele im\nJahre, und der Actschlüsse, an die jene Zwischen-Musiken sich be-\nzeichnend anreihen sollen, noch weit mehr. Abgesehen von den"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "280", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540902-01.1.8", "texte": "Compositionen zu besonderen Tragödien, wie von Beethoven zum\nEgmont, von Meyerbeer zum Struensee, ist hier und da für diese\nZwecke Entsprechendes componirt worden; allein da man sie sel-\nten veröffentlichte, so fanden diese Arbeiten nur zufällig den Weg\nzu anderen Orchestern und veralteten meist da, wo sie geschaffen.\nWillkommen dürfte daher vielen Musik- und Theater-Vorständen\ndie Mittheilung sein, dass der herzogliche Musik-Director Topler\nzu Coburg es unternommen hat, abgesehen von mancherlei eige-\nnen Compositionen der Art, eine nicht unbedeutende Anzahl in-\nteressanter und charakteristischer Clavier-Piecen der verschiedensten\nComponisten zu instrumentiren. Sie bilden, 40 an der Zahl, gewis-\nser Maassen den ersten Band eines reichen „Rep ertoriums für\nZwischenact-Musik\" und eignen sich in den verschiedensten\nFormen, im Allgemeinen zur Hälfte lür ernste Dramen, zur ande-\nren für Lustspiele. Manches schöne, nur Pianisten näher bekannte\nTonstück gewinnt so allgemeinere Geltung, und viele dieser Arran-\ngements fanden bei den Vorstellungen der coburger Hofbühne be-\nreits die lauteste Anerkennung. Trefflich instrumentirt, übersteigt\nihre Besetzung und Ausführung nicht die Kräfte gewöhnlicher\nTheater-Orchester.\nDer anspruchlose Arrangeur dieser ausgezeichneten Sammlung\ngedenkt nun mit derselben „sein Scherflein zur Hebung der Zwi-\nschenact-Musik\" in so fern beizutragen, als er diese Piecen ein-\nzeln oder in mehreren frei zu wählenden Nummern den Theater-\nOrchestern hiermit gratis (nur gegen Erstattung der Copialien-\nKostcn) offerirt. Die Bestellungen würden unter der oben angegebe-\nnen Adresse franco zu machen sein. Die Zusendungen erfolgen in\nausgeschriebenen correcten Stimmen gegen Post-Nachnahme der\nCopialien-Gebühren. HO U\nHier das Vcrzeichniss der ansprechenden Sammlung, auf welche\nganz besonders aufmerksam zu machen, Einsender dieses, der Mu-\nsikwelt gegenüber, für seine angenehme Pflicht hielt.\nV e r z e ichn is s von Zwischena ct-Mu s i k.\nAus Beethoven's Sonaten: Op. 10, Nr. 3, Largo in D-moll\nOp. 14, Andante in C Op. 22, Adagio in Es Op. 26, Mar-\nda funehre in As-moll Op. 10, Sonate in C-moll, 3^-Tact,\nalle drei lii SSW)\nAon John Fie 1d: Air russe.\nVon C. M. v. Weber aus den vierhändigen Piecen, Op. 10: Ada-\ngio in As Andanüno in C-moll Mazurka All Ongarese\n(Op. 60) Capriccio, ö'4-Tact in B.\nAus II ei SS ig er* s Pieces detachees: Scherzo in Es und Gr. Mar che.\nAus Kalkbrennens Etüden, Nr. 12: All. furioso in C-moll.\nY 011 Chopin: Walzer, Op. 18, und Marche funebre aus der B-moll-\nSonate, Op. 35.\nVon Fr. Schubert: All. mod. aus Op. 78. dito aus Op. 94.\nVon Henselt: Ave Maria.\nVon Mendelssohn: 6 Nummern aus seinen Liedern ohne Worte.\nVon AI. Fesca aus Op. 7, Nr. 3: „Der Traum\".\nVon Stephen Heller aus den Wanderstunden, Op. 54 : All. im-\n-95* petiioso in 11-moll.\nVon Taubert aus den Charakterstücken, Op. 83: in\nVon R. Schumann aus den Kinderscenen, Op. 15: in\nAon Yr. Krug er. Tril by-Polka. Fr. Liszt: chromatique.\nSchulhoff: Galop di bravura. Lefeburc- W ely:\nbrillante. Quidant: Etude Karl Schnabel:\nUngarischer Krieger-Marsch. Kalliwoda:\nrese. Pascal Gcrville: Marsch-Galopp. Mann: Na-\njaden-Polka.\n\nK.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nISO m oi3 jssßil aflOjJM fiegsmggpl «fntenDßwog oie mob\nliö'lia. Wir werden in der nächsten Woche das Orchestrion,\ndas neu erfundene Instrument des Herrn Mercklin aus Brüs-\nsei, hier in Köln zu hören Gelegenheit haben, was um so interes-\nsanter sein wird, da Herr Ferdinand Kufferath aus Brüssel\nuns dasselbe, hoffentlich öffentlich, vorführen wird.\nIn Baden-Baden haben die Spielpächter auch dieses Jahr\nwieder ein grosses Concert gegeben. Gesungen haben darin die La\nCrange, die Alboni und Gardoni, und Vi vier auf dem\nHörne. Eine eigentümliche Erscheinung waren die drei Violon-\ncellisten Batta, Cosmann und Selig mann, welche Rossini's\nTell-Trio vortrugen.\nIn H omburg hat Frau La Crange ein Concert gegeben\nK. Forme s in Wiesbaden Vieuxtemps in Spaa —der\nPianist Karl Wehle und der Violinist Laub in Töplitz.\nIrf f?-rH llf TO£kTYI I* # 0»1 »3 6SS\n\"\nDer Tenorist Theodor Form es, der jüngere Bruder des be-\nrühmten Bassisten, benutzt seinen Urlaub von der königlichen Oper\nin Berlin, in Begleitung seiner Gattin (vormals Fräulein Ahrens)\neine Kunstreise durch Deutschland zu machen. Er ging zuerst\nnach Leipzig und von da nach dem Süden, wo er zuletzt in\nGr atz auftrat. Ueberall hat er grossen Beifall gefunden und als\nSänger und Darsteller in den Rollen des Masaniello, Edgar, Eleazar,\nGeorge Brown, Lyonel u. s. w. Aufsehen erregt. Eben so in Aachen.\n\"JOfflf r3ilifüll i 3o ■ aOff fl9&\nWien« Herr Ludwig Bösen d o r fe r (Sohn des k. k. Hof-\nFortepiano-Verfertigt rs Ignaz Bösendorfer) hat eine sehr wichtige\nVerbesserung in der Clavicr-Mechanik gemacht, bestehend in drei-\nfacher Auslöser-Bewegung, wodurch ein schnelleres Auslösen und\nein stärkerer und klangvollerer Ton erzielt wird. Das k. k. Han-\ndcls-Ministerium hat ihm auf dieselbe am 3. August ein ausschlies-\nsendes Privilegium iür die Dauer von drei Jahren verliehen.\nvJf*\"V% 1 ? f ° V\n■■ ■ ■ ■ ■■■■ 1 '\nmFS Ü F o ö j-v v* * -J •W-' Ä-1 -ä a .II« w'' yr-f b ä SJ! ,V i\\J lu JL . .§ _' rT.. i A J i*J I «\\J \\ß\nFerrara. Signor Ma r c hes e und seine talentvolle Gattin,\nSignora Marchese-Graumann, verweilten nach ihrer Rückkehr\naus London, wo sie mit grossem Erfolge aufgetreten waren und in\nFolge dessen auch Gelegenheit gefunden hatten, sich bei Hofe aus-\nzuzeichnen, den ganzen Winter hindurch hier. Signor March ese\nsang in „Ernani4' von Verdi, „Poliutto\", „Favorita\" und „Betty\"\nvon Donizetti und anderen Opern. Das Künstlerpaar gedenkt\nEnde August über Venedig nach Wien zu gehen, wo sie den Win-\nter bleiben und hoffentlich die Aufnahme finden werden, die ihnen\nihr Talent überall sichert.\nmdo«. of'i: fnoV Ißlf e&goib aobiii?/ nogauesü\nDie Pianistin Miss Arabella Goddard, welche auch in den\nConcerten des kölner Männergesang-Vereins zu London mit gros-\nsem Beifall gespielt hat, wird eine Kunstreise durch Frankreich\nund Deutschland machen."}]}