{"numero_id": "bm-bmtnabi-1854-09-16-01", "volume": "bmtnabi_1854-09-16_01", "ocr_sha256": "41787670642c4c5e857bed0bf26f931d24e561217190959de68704a4311d6cbe", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1854/09/16_01/bmtnabi_1854-09-16_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540916-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1854-09-16-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-09-16_01#c001", "volume": "bmtnabi_1854-09-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "289", "page_fin": "292", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540916-01.2.1", "titre_corps": "Ueber musicalische Zustände in London.", "titre_sommaire": "Ueber musicalische Zustände in London.", "signature_source": "L. Bischoff", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "289", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540916-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4184, "texte": "Ueber musicalische Zustände in London.\nVon\nProf. L. Bischoff.\nVI.\n(S. Nr. 26, 28, 32, 33 und 34.)\nWir kommen zuletzt zu der Oper. Wenn wir jemals\nenttäuscht worden sind, so war das in den Tempeln der\ndramatischen Musik in London! Zwar waren uns der jetzige\nZustand der italiänischen Oper und die meisten Berühmt-\nheiten derselben, welche in Paris, Petersburg und London\nin der Regel dieselben sind, nicht unbekaunt, so dass wir\ndie Erwartungen nicht gar zu hoch spannten; dennoch fie-\nlen wir gleich bei dem ersten Besuch von Coventgarden\nwie aus den Wolken.\nDass die Engländer keine National-Oper haben, ist be-\nkannt; an ein Institut, welches die höchste Blüthe der mu-\nsicalisch-dramatischen Kunst der Vergangenheit und Gegen-\nwart zur Erscheinung bringe, wie die grosse Oper in Paris\nund in Berlin, ist gar nicht zu denken. Die Italiäner sind\ndie einzigen Repräsentanten des musicalischen Drama's lür\ndie Engländer, und wenn der Lord sein Pfund Sterling lür\neinen Logenplatz bezahlt, und die Lady, mit Spitzen und\nDiamanten behängt, ihre schöne Büste mit den marmornen\nSchultern im hellsten Gaslichte glänzen lässt, und der Genlle-\nman sich durch schwarzen Frack und Glace-Handschuhe\nals eintritlslähig ins Parterre legitimirt, nachdem er zwei\nThaler und fünfundzwanzig Groschen an der Casse lür ein\nBillet erlegt hat so sind Alle überzeugt, dass sie das\nHöchste, was die dramatische Musik geschaffen hat, unüber-\ntrefflich dargestellt sehen und hören; denn sonst könnte es\n| I R • * uohoi iJtii il vi\nnicht so theuer und die Gesellschaft nicht so fashionable\nsein! Sonderbar, wie mit der Vornehmheit dieser Toiletten-\nr 7\nlölJlillä /rgn £ IQimriUVl uaiösino OXIIÜ ö cfici i S Ii\nEtiquette die englischen Namen der Theaterplätze contrasti-\nren ! Die pracht- und geschmackvoll costumirten Herzogin-\nrt't • vtr'tj-i ni ~°tiJJ IJiiißril9 rf.oH,R>V. \"TJ hll'tffoMnCr*^. F/i\nnen, Marquisen u. s. w. sitzen in „Kasten\" Lo-\ngen), die zierlich geleckten Dandies mit den kolossalen\nLorgnetten in „Ställen\" (Stalls = Sperrsitze), und die be-\nfrackten Gentlemen steckt man ohne Umstände ins „Loch\"\n(Pit Parterre). Doch wollen wir nicht läugnen, dass der\nAnblick des gefüllten Hauses in Coventgarden mit seinen\nsechs Reihen Logen und einer Galerie überraschend und\nimposant ist; es ist unmöglich, irgendwo anders eine\nso zahlreiche und glänzende Gesellschaft vereinigt zu\nsehen.\nDas eigentlich so genannte Opera Housc oder Her\nMajcsty's Tlieatre war in der diesjährigen Season geschlos-\nsen. Seit Herrn Lumley's berühmte Administration sich in\nSand verlaufen, hat kein Unternehmer sich daran machen\nwollen, sein Vermögen an die ungeheuren Kosten zu wa-\ngen. Ihre Majestät hat demnach in vorkommenden Fällen\nnur dem Namen nach ein Theater, in der That aber keines;\ndenn auch von der Bühne gilt dasselbe, was schon bei den\nConcert-Instituten bemerkt worden, dass nämlich Alles\nSache der Privat-Unternehmung ist; das Budget des Staa-\ntes hat gar nichts damit zu thun, und der Hof bezahlt seine\nLoge, wenn er hingeht, weiter nichts. In diesem Theater\nder Königin kostet der Eintritt ins Parterre sogar drei\nThaler fünfzehn Groschen und der geringste Platz auf der\nGalerie einen Thaler und zwanzig! Es fasst 2500 Zu-\nschauer.\nNeben dieser Bühne, welche früher ausschliesslich das\ni 7)flu ni lulfTX iod nß ll*l ödßnisui fiülüiiLiüT\nPrivilegium der italiänischen Oper besass, hat sich seit 1841\neine zweite Unternehmung erhoben. Veranlasst durch einen\nZwist von Lumley und Costa, bildete sich eine geldmächtige\nPartei, welche das Coventgarden-Theater zum Opernhause\numschuf, und seitdem spielten und sangen zwei Gesellschaf-\nten neben einander, was im Grunde Niemandem Vortheil\nbrachte, als den berühmten Künstlern und Künstlerinnen,\nwelche bei der obwaltenden Concurrenz und wechselseitig\ngen Ueberbietung ihre Gehalts-Ansprüche bis ins Fabelhafte\nfytij flynjriiluJiOCi Cll 01/ jfo 2li D Q.w ?o filfliix cl>*A\nsteigerten. In der diesjährigen Season stand nun Herr Gye,\nder Unternehmer von Coventgarden, allein; gegen seinen\nHaupt-Nebenbuhler hatte er das Feld behauptet, aber der\nenglische Speculationsgeist stellte, in der Hoffnung, Procente\nzu machen, ein neues gegnerisches Unternehmen ia Drury-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "290", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540916-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5254, "texte": "lane auf, wovon wir weiter unten reden werden. Das Re-\nsultat war, dass die neue Compagnie zur Ausbeutung von\nDrurylane die Bude, so gross sie auch ist, schliessen musste,\nund dass Herr Gye trotzdem keine Geschälte gemacht und\ndie italiänlsche Oper dieses Jahr eine so kurze und schlechte\nSaison gehabt hat, wie noch nie, trotz Grisi und Mario,\nCruvelli und Lablache. Der gesammte Zustand der Oper\nist demnach in London ein trauriger und jammervoller, und\nvon einer eigentlichen Kunst-Anstalt kann gar nicht die\nRede sein.\nDas Coventgarden-Theater ist als Gebäude wiederum,\nwie so viele Gegenstände der Kunst in England, mehr gross\nund imposant, als schön, und kann sich in Hinsicht der\nSchönheit des Baues und des Geschmackes der Verzierung\nnicht mit dem Opernhause in Berlin messen. Es fasst an\nt'sooo Zuschauer. Die Bühne hat eine gewaltige Tiefe,\nBreite und Höhe, und wiewohl die Akustik gut ist, so ge-\nhören doch kolossale Stimmen dazu, um den ungeheuren\nRaum zu füllen. Die Decorationen sind in Hinsicht der Ma-\nlerei nicht schlecht, jedoch keineswegs ausgezeichnet; alles\naber, was Maschinerie betrifft, ist ganz unbegreiflich ver-\nnachlässigt; die gewöhnlichsten Verwandlungen gehen lang-\nsam und stockend, die Prospccte im Hintergrunde werden\naus zwei Stücken zusammen geschoben und lassen sehr oft\nviele Minuten lang, ja, manchmal den ganzen Auftritt durch,\nin der Milte einen Riss in den Gebäuden oder eine Spalte\nin den Bergen sehen. Eben so mangelhaft ist die Maschi-\nnerie auf dem Drurylane-Theater. Um nur Ein Beispiel an-\nzuführen, erwähne ich, dass auf beiden Theatern das letzte\nFinale in Beethoven's Fidelio einen besonderen Act bildet;\nnach dem Duett „0 namenlose Freude\" fällt der Vorhang,\nund es tritt eine ziemlich lange Pause ein, in welcher wir\nüber das Schicksal des edeln Paares in Ungewissheit blei-\nben, weil der Maschinist und der Regisseur Zeit brau-\nchen, den Eintritt des Ministers gehörig in Scene zu setzen!\nDadurch geht namentlich auch den Ballets auf den beiden\nBühnen ein grosser Theil ihres Reizes verloren, wie denn\nüberhaupt diese Gattung der theatralischen Kunst in Lon-\ndon auch nicht den entferntesten Vergleich mit Berlin oder\nParis, ja, nicht einmal mit Amsterdam aushalten kann.\nDie erste Vorstellung, der ich in Coventgarden bei-\nwohnte, war Don Juan. Wie freute ich mich darauf, des\nunsterblichen Meisters Don Giovanni mit solcher Besetzung\nlind solchen Mitteln zu hören, wie sie die grosse Oper in\nLondon bieten musste, und noch dazu mit dem ursprüng-\nlichen Texte und durchweg mit Recitativen! Aber o weh!\nUm gleich mit diesen letzteren anzufangen, so gestehe ich,\ndass ich lieber die dümmsten schlechten Witze des Dialogs\nim Don Juan auf den Provincial-Bühnen von Deutschland\nmit anhören will, als diesen waschweiberartigen, tonlosen\nVortrag der geplapperten Recitative und ihre noch schlech-\ntere Begleitung, die freilich eigentlich gar keine Begleitung\nist und mit ihrem Schrumm, Scbrumm! das oft ohne\nalle Rücksicht auf die unmittelbar vorhergehende Tonart\noder eine nothwendige Pause, welche die Handlung erfor-\ndert, hereinplatzt! Streng genommen, kann ich an der\nganzen Vorstellung nichts loben, als einzelne Leistungen\ndieses oder jenes Sängers und die Reinheit, Klangfülle und\nKraft des Orchesters, welche letztere besonders in dem Fi-\nnale des zweiten Actes von grossartiger Wirkung war, aber\nauch ganz allein den Mozart wiedergab, indem Ronconi als\nDon Juan so gut wie nichts von sich hören liess, und Ta-\ngliafico als steinerner Gast zuletzt so höllisch detonirtc,\ndass seine Töne einen noch widrigeren Eindruck machten,\nals Lablache-Leporello's ganz unausstehliche Faxen.\nEine genügende Aufführung war eigentlich schon von\nHause aus durch die Besetzung der Ilaupirolle unmöglich\ngemacht. Man kann sich keine ungeeignetere Persönlichkeit\nzur Darstellung des Don Juan in Spiel und Gesang denken,\nals diesen berühmten Ronconi ich sasie mit Vorbedacht:\nO\nin Spiel u n d Gesang; das erstere kann man sich nicht steifer\nund hölzerner vorstellen, und der Gesang ist nur noch eine\nMvthe. Auf den dramatischen Ausdruck, auf die Erforder-\n«J\nnisse der Situation, auf die Uebereinstimmung der Hand-\nlung mit der Musik im Orchester, überhaupt auf das Be-\nwusstsein, ein Theil eines grossen Kunstganzen zu sein,\ngeben alle diese Italiäner und mit ihnen auch leider die\nitaliänisirte Deutsche Sophie Cruvelli (als Donna Anna\nund vollends als Fidelio!) gar nichts. Sie treten so weit wie\nmöglich an die Lampen des Prosceniums vor und singen\nihr Ich und kehren sich den Teufel an ihre Rolle und an\ndas, was um und hinter ihnen vorgeht oder wenigstens\nvorgehen sollte. So wurde gleich in der Introduction der\nComthur trotz der bezeichnenden Musik zwei Tacte zu\nfrüh erstochen und das schöne Terzett ohne allen Ausdruck\nder so individuel gesetzten Stimmen gesungen und durch\nLablache's burleske Furcht-Aflectirung geradezu verhunzt.\nLab lache hat immer noch die riesige Stimme, welche\nin Verbindung mit trefflicher Methode und einer ganz be-\nsonderen Anlage zur Darstellung des Komischen ihm seit\nlangen Jahren die Bewunderung der Kunstwelt in ganz\nEuropa verschafft hat, Aber ihn in London auf der\nBühne zu sehen, macht wahrlich keine Freude. Es thut\neinem weh, wenn ein solcher Künstler sich zum Hanswurst"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "291", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540916-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4862, "texte": "macht einem Publicum zu Gefallen, welches nur am Der-\nben Wohlgeschmack findet, und wenn er ihm dieses Derbe\nnoch doppelt dick aufträgt; empört fühlt man sich aber\ngeradezu, wenn er nicht die geringste Ehrfurcht vor Mo-\nzart's Noten hat, die Musik misshandelt und des grossen\nMeisters drohende Geisterstimme: überhört. Dann\ndarf er sich auch nicht beklagen, wenn der wahre Kunst-\nfreund seinem sinkenden Ruhme nachruft:\nnon v'e!\" („Nun, so ist dein Ende da!\") Mozart hat einen\nköstlichen Humor in seinen Leporello gelegt, aber durch\ndie musicalischen Töne, ihre melodische Eigenthüm-\nlichkeit, ihre harmonischen Sprünge, ihre charakteristischen\nRhythmen; um jedoch in dieser Partie die vollständige Ton-\nleiter aller thierischen Laute vom Pfeifen des Vogels\nbis zum Grunzen der Herde des Eumäus durchzumachen,\ndazu hat er sie wahrlich nicht geschrieben. In dem Duett\nvor der Reiterstatue des Comthurs, um nur Eines anzufüh-\nren, in der berühmten Stelle, wo Leporello nach dem „Ja\"\nder Bildsäule mit ceinfällt:\nlief Lablache aus der Nähe der Statue bis vorn an die Lam-\npen vor, und anstatt das c,worauf die ganze Wirkung der\nStelle beruht, einzusetzen, stiess er ein heulendes, musica-\nlisch-tonloses Brrrrr! aus und schüttelte sich am ganzen\nLeibe, was bei der bekannten umfangreichen Beschaffenheit\ndesselben die höchsten Regionen des Amphitheaters zu\nerschüttern nicht verfehlte.\nWie anders dagegen Formes, den wir kurz darauf\nin derselben Rolle in der deutschen Oper in Drurylane\nsahen! Formes macht dem grossen Haufen des londoner\nPublicums auch nicht die geringste Concession; seine Ver-\nehrung für Mozart, seine Heilighaltung jeder Note, die der\nMeister geschrieben, verläugnet er keinen Augenblick; er\nist im Gegentheil stolz darauf, und sein Spiel in der Schluss-\nscene der Oper und sein Abgang ist meisterhaft. Glück-\nlicherweise konnte Lablache in derSchluss-Scene durch seine\nPossenreissereien, welche leider auch die meisten Darsteller\nauf deutschen Bühnen sich zu Schulden kommen lassen,\ndie wirklich furchtbare Gewalt des Orchesters nicht lähmen,\ndie, besonders wenn man die Augen schloss, einen erschüt-\nternden Eindruck machte, der die Seele mit tiefer Ehrfurcht\nvor dem Geiste erfüllte, dem ein so mächtiger Strom der\nTöne entquollen.\nSophie Cruvelli war wie immer schön und mo-\nmentan gross, aber auch wie immer schroff in gesuchten\nContrasten zwischen eisiger Kälte und Theilnahmlosigkeit\nan der Handlung und übermässigen leidenschaftlichen Aus-\nbrüchen. Vortrefflich sang sie die zweite grosse Arie aus\nF-dur, besonders das Larghetto; dagegen verdarb sie das\nMasken-Terzett durch eine in jeder Bedeutung tactlose\nUeberhaltung des hohen b. Elvira, Fräulein Marrav,\nwar gut, jedoch in keiner Hinsicht so vorzüglich, wie sie\ndie Kritik aus Wien und Petersburg geschildert hat.\nReizend in Gesang und Spiel führte Madame Bosio die\nPartie der Zerline aus, eine Sängerin mit sehr wohllauten-\nder, lieblicher Stimme und trefflicher Schule. Eben so un-\nbedingtes Lob verdient Tamberlik's Don Ottavio, dem\nwir in dieser Rolle Keinen an die Seite zu stellen wüssten.\nWenn nun im Don Juan doch Einzelnes, auch manche\nEnsemblestücke, wie z. B. das Sextett, vortrefflich waren,\nso können wir von der Aufführung des Fidelio nur das\nletzte Finale rühmen, welches durch die glänzenden Solo-\nstimmen, den starken Chor und das treffliche Orchester\neine grossartige Wirkung machte. Alles Andere dagegen\nentsprach keineswegs dem Geiste Beethoven's, und dabei\nwurden mehrere Tempi vom Dirigenten Cosla so merk-\nwürdig vergriffen, dass man Beethoven's Musik last nicht\nwieder erkannte. Die Trägerin der Hauptrolle, Sophie Cru-\nvelli, war durchaus ungenügend; kalt, steif, ohne Leben\nund Seele, zeigte sie einen Mangel an richtiger Auffassung\nund vollends an Begeisterung, welcher in der That höchst\nauffallend war. Für die stellenweise geradezu falsche De-\nclamation bietet die schlechte, den charakteristischen Tönen\nsich keineswegs anschmiegende italiänische Uebersetzung\ndes Textes einiger Maassen eine Entschuldigung dar.\nEs lässt sich nicht läugnen, dass die Aufführung der-\nselben Oper von der deutschen Gesellschalt in Drurylane\ntrotz mancher Mängel und trotzdem, dass Herr Lindpaint-\nner mit Costa im Vergreifen der Tempi wetteiferte, den-\nnoch ein besseres Ganzes herstellte. Frau Caradori, in\nDeutschland, wenn wir nicht irren, Fräulein Janeck geheis-\nsen, gab die Leonore, obwohl mit weit geringeren Stimm-\nmitteln als die Cruvelli, mit viel besserer Auffassung und\nseelenvollerem Vortrage. Reich ardt konnte freilich als\nFlorestan dem frischen, klangvollen Tenor Tamberlik's nicht\ngleichkommen, doch verdarb er nichts, so wenig als Hö 1 z 1\naus Wien, der den Pizarro sang. Als eine der hervorra-\ngendsten Schöpfungen müssen wir aher den Rocco von\nKarl Formes bezeichnen, der überhaupt die Seele und\nder Halt des ganzen Unternehmens war und mit den Sän-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "292", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540916-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3353, "texte": "erinnen Frau Rudersdorf und Fräulein Büry die\ndeutsche Kunst auf die würdigste Weise repräsentirte.\nEs ist zu bedauern, dass die Unternehmung einer deut-\nschen Oper in Drurylane, die von Hause aus mit vielen\nHemmnissen und Vorurtheilen zu kämpfen halte, trotz der\ngrossen Erfolge der meisten Aufführungen, durch Mangel\nan Fonds, verkehrte und die Kräfte zersplitternde Maassre-\ngeln der Directoren und zum Theil ungeschickte Leitung\nam Ende doch zu Grunde gehen musste. Man hatte nicht\nden Muth, den ursprünglichen Gedanken, eine rein deut-\nsche Oper in London zu begründen, mit Energie durch-\nzufuhren; man wollte gegen die Italiäner Front machen\nund lief bald nach Beginn des Kampfes in ihr Lager über,\nindem man neben den deutschen auch italiänische Opern\ngab, in denen übrigens die deutsche Sängerin Agnes Büry\nbesonders als Nachtwandlerin den vorzüglichsten\nAnziehungspunkt bildete. Aber auch dabei blieb man nicht\nstehen, sondern glaubte auch noch der eben nicht zahlrei-\nchen Partei, welche nach einer National-Oper schreit, Con-\ncessionen machen zu müssen. Die Herren Jarret, Seager-\nOswald, und wie sonst die Unternehmer heissen mögen,\nengagirten zu dem vorhandenen Sänger-Personale noch ein\necht englisches, dessen Hauptstütze, der Tenorist Sims-\nReeves, mit schwerem Gelde und der Mitanstellung seiner\nals Künstlerin höchst unbedeutenden Gattin erkauft werden\nmusste, und nun ging eine englische National-Oper— nun?\nwelche denn? Auber's Fra Diavolo in Scene! Ich wohnte\ndieser Aufführung einer französischen Oper, in englischer\nSprache gesungen und von echtem englischem Vollblut dar-\ngestellt, bei und habe nie etwas Matteres und Langweilige-\nres gesehen. Auch der sonst schätzenswerthe und als Ora-\ntoriensänger vorzügliche Sims-Reeves konnte uns, trotz der\nsehr schön vorgetragenen Romanze im Schlafzimmer Zer-\nlinens, auf der Bühne durchaus nicht genügen und höch-\nstens durch seine Verwandlung des gewandten Banditen\nin einen gemüthlichen Phlegmatiker hier und da einige Hei-\nterkeit erregen.\nDurch diese dreileibige Gestalt, welche die Herren\nUnternehmer der von ihnen ins Leben gerufenen dramati-\nschen Muse gaben, wurde zunächst Formes abgeschreckt,\nder sich lür das neue Institut, so lange es deutsch blieb,\nsehr warm interessirt hatte. Er schied aus, und dadurch\nsahen sich Her Majesly's Servanls (denn das ist der herge-\nbrachte Titel der Schauspieler in Drurylane) genöthigt, die\nBühne zu schliessen.\nAlle aufrichtigen Kunstfreunde bedauern das Scheitern\nder Unternehmung. Das Vorurtheil, welches die höheren\nClassen gegen das Drunlane-Theater hatten, in welchem\nallerdings in den letzten Jahren statt der Garricks und\nKeans Pferde und Elephanten aufgetreten waren, begann\nbereits zu verschwinden; wenn auch die hohe Aristokratie\nnoch nicht anbeissen wollte, so war das Haus doch stets\nvon einer zahlreichen Gesellschaft aus den gebildeten Stän-\nden besetzt, und die Reihe der wartenden Equipagen war\nan manchem Abende schon länger, als vor Coventgarden.\nSo viel ist gewiss, dass London eine solche deutsche Oper,\nwie sie hier in den Aufführungen des Don Juan, Fidelio,\nFreischütz, und namentlich auch der Entführung aus dem\nSerail (Constanze, Frau Rudersdorf Blondchen, Fräul.\nBüry Osmin, Formes Belmonte, Peez von Darm-\nstadt) zur Erscheinung kam, noch nie gehört hatte, was\nübrigens auch die londoner Kritik rühmend anerkannte."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-09-16-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-09-16_01#c003", "volume": "bmtnabi_1854-09-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "292", "page_fin": "294", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540916-01.2.2", "titre_corps": "Aus Mülheim an der Ruhr.", "titre_sommaire": "Aus Mülheim an der Ruhr.", "signature_source": "w", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "292", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540916-01.1.4", "debut_caractere": 3355, "fin_caractere_exclue": 4882, "texte": "Aus Mülheim an der Ruhr.\n\nGeehrter Herr Professor!\nIch zweifle nicht daran, dass Sie folgendem Berichte\ndie Aufnahme in Ihr geschätztes musicalisches Organ nicht\nversagen werden, da er von einem musicalischen Ereignisse\ndenn als ein solches müssen wir für unsere Stadt und\nGegend die am 3. September Statt gehabte Aufführung\nvon liiller's Oratorium „Die Zerstörung Jerusa-\nlems\" betrachten Kunde gibt.\nSie werden fragen: „Mülheim an der Ruhr und liil-\nler's Zerstörung von Jerusalem? Wie kommt das zusam-\nmen?\" Ei, warum nicht? Die Stadt der Industrie, der Sitz\nso grossen Reichthums: warum sollte sie nicht durch ihre\nfinanciellen Mittel sich den Genuss eines so grossen, bedeu-\ntenden Werkes verschaffen können? Gibt es nicht musica-\nhsche Kräfte genug, die man von aussen zur Vervollstän-\ndigung des notwendigen Personals herbeiziehen kann? So\ngeschah es auch, aber nicht durch die Unterstützung der\nReichen, sondern geben wir die Ehre dem, dem sie gebührt,\nunserem wackeren Musik-Director Herrn Hubert Engels,\nder auf eigenes Risico nach unsäglichen Mühen und vielfäl-\ntigen Hindernissen eine im Ganzen so vortreffliche Auffüh-\nrung zu Stande brachte, wie man sie gar nicht erwarten\nkonnte, und zu unserer Freude und zu seiner Ehre ein\nResultat erzielte, zu welchem wir ihm von Herzen Glück\nwünschen. Herr Engels hat den Beweis geliefert, dass er\nfähig ist, etwas Tüchtiges zu leisten, und zweifeln wir auch\nnicht daran, dass er für kommende Fälle auch die Unter-\nstützung von financiellcr Seite finden wird, wie man zu hÖ-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "293", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540916-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5028, "texte": "Ren Gelegenheit hatte; denn diese gehört freilich dazu, um\ngrosse Werke der Tonkunst zu würdiger Aufführung zu\nbringen.\nWas die Ausführung in Mülheim betrifft, so haben wir\nsie schon in Bezug auf das Ganze eine vortreffliche ge-\nnannt, wollen aber, indem wir nun auf das Einzelne\nRücksicht nehmen, keineswegs die Schwächen übersehen,\ndie man um so leichter entschuldigen wird, als die Ausfüh-\nrenden, wir möchten fast sagen: zusammen gewürfelt wa-\nren und ihre gegenseitigen Vorzüge und Mängel nicht\nkannten, und als es die erste Aufführung war, die hier in\nsolcher Weise Statt fand, und desshalb auch lür unsere\nStadt mit Recht ein musicalisches Ereigniss genannt wer-\nden darf.\nDer schwächste Theil war unbedingt das Orchester,\nund hierin liegt eben der Vorwurf für unsere Industriellen,\ndie durch einige Unterstützung sehr leicht dahin hätten\nwirken können, dass man bedeutendere Persönlichkeiten\ndazu heranziehen konnte. Der Chor, aus Dilettanten von\nMülheim bestehend und unterstützt durch Mitglieder des\nGesang-Vereins von Duisburg, war sehr brav und zum Theil\nausgezeichnet, so dass wir ihm unsere volle Anerkennung\nzollen und die Ausdauer loben müssen, mit welcher ohne\nZweifel die Studien betrieben und die Proben besucht wor-\nden sind, da ohne ausharrenden Eifer die Sicherheit des\nChors unmöglich hätte erreicht werden können. War auch\ndie Masse nicht bedeutend, so that doch jedes Einzelne seine\nSchuldigkeit in dem Maasse, dass eben dadurch eine Wir-\nkung hervorgebracht wurde, welche oft eine stärkere Zahl\nnicht hervorbringt.\nDer Chor: „Wie heilig und hehr\", wurde sehr gut\nausgeführt; der Anfang des zweiten: „ Ach Herr, strafe\nuns nicht!\" war schwankend bis zu der Stelle: „So du\nwillst Sünde behalten\", wo die Sicherheit des ersteren zu-\nrückkehrte. „Eine Seele tief beenget\" und „Erhöht in lau-\nten Wettgesängen\" wurden sehr gut ausgeführt, nur dass\nbei letzterem das Orchester nicht gleiche Leistungsfähigkeit\nzeigte, wie denn auch z. B. in dem Chor: „Wir zittern\nob des Sehers Dräu'n\", das Fagott ausblieb, während der\nChor: „Verräther! Er ist kein Freund von Babylon\", wie-\nder gut ging und der Schlusschor vom ersten Theile: „Wer\nunter dem Schirm des Höchsten sitzet\", von beiden Seiten\nlobenswerth ausgeführt wurde und die Zuhörer in hohem\nGrade ergriff, so dass ein ausserordentlicher Beifall des\nPublicums die Ausführenden belohnte. Gleich wacker wur-\nden die Chöre im zweiten Theile gesungen, da die gefun-\ndene Anerkennung die Begeisterung noch steigerte.\nWas die Solostimmen angeht, so haben wir, was die\nDamen betrifft, ausreichende und sogar vorzügliche Kräfte\nund dürften in dieser Hinsicht einen grossen Vorzug vor\nmanchen anderen Städten haben. Nicht nur stimmbegabte,\nsondern auch hinreichend im Gesänge unterrichtete Dilet-\ntantinnen hatten die Sopran- und Alt-Soli übernommen.\nDie Partie des Jeremias war in den Händen des Herrn\nScholl, eines wackeren Dilettanten aus Duisburg, die Te-\nnor-Partie in denen des Herrn E. Koch aus Köln.\nWenn wir das Gastrecht ein wenig bei Seite setzen,\nso wird man es uns verzeihen, da die Galanterie verlangt,\ndass wir zuerst die Leistungen der heimischen Sängerinnen\nbesprechen.\nEs ist eine schwierige Aufgabe für die Kritik, über\nDilettanten zu sprechen, indem zwei Beweggründe diese\nzum Auftreten veranlassen können: einmal die Eitelkeit,\ndas andere Mal wirkliche Liebe zur Kunst und wahres In-\nteresse an einem Werke, um solches zur Aufführung brin-\ngen zu können. Hier wird uns diese Aufgabe jedoch leicht\ngemacht, indem Letzteres wirklich der Fall und die Leistun-\ngen auch in dem Grade gelungen waren, dass wir ein auf-\nrichtiges Bravo rufen können und ein baldiges Wiederhören\nwünschen. Zu bedauern war, dass durch das Unwohlsein\nder Frau Tr. die Partieen nur in zwei Händen waren,\ndenen der Frau V. und der Frau Oe., weil dadurch, dass\ndie verschiedenen Rollen im oratorischen Drama in Einer\nHand waren, der Charakter des Musikstückes nicht so deut-\nlich hervortrat, indem z. B. nach dem herrlichen Duett:\n„0, wär' mein Haupt eine Wasserquelle\" (Frau V. und\nHerr Koch), das darauf folgende Recitativ der israelitischen\nJungfrau: „Ja, mit unsern Augen werden wir schauen\",\ngleichfalls von Frau V. gesungen wurde. Frau V. hat eine\numfangreiche, sonore Sopranstimme, gleich wohlthuend in\nallen Registern, und sang die Arie der Chamital: „Du Heuch-\nler\", mit Kraft, Feuer und dennoch schönem Tone. Die\nBefangenheit in der ersten Arie: „Der Herr verstösst nicht\newiglich\", entschuldigen wir gern. Das Duett mit Herrn\nKoch wurde ganz vorzüglich gesungen, und war der Ein-\ndruck auf das Publicum unverkennbar. Frau Oe. hat eine\nganz vorzügliche Altstimme, markig und wohlklingend, und\nbedauerten wir nur, dass uns bloss der Genuss der Arie:\n„Der Herr erhält, die da fallen\", von ihr zu Theil\nwurde. Möchten uns die beiden Damen nur recht bald\nwieder Gelegenheit geben, uns an ihrem Gesänge zu\nerfreuen. Herr Scholl sang seine grosse und schwere\nPartie mit einer schönen Baritonstimme, mit Ausdruck und\nzur Befriedigung der Anwesenden. Möge er sich bemühen,"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "294", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540916-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2940, "texte": "eine bessere Aussprache zu erlangen, dann werden sich\nauch die Gaumentöne, die nur mehr oder weniger ihren\nUrsprung in der mangelhaften Aussprache haben, bald\nverlieren.\nWenn wir Herrn Koch zuletzt nennen, so geschieht es\ndesshalb, weil wir es hier mit einem Künstler zu thun ha-\nben, der zum ersten Male das Publicum unserer Stadt durch\nseine herrliche Stimme und seinen vortrefflichen Gesang er-\nfreute. Herr Koch hatte die Partieen des Zedekia und des\nAchicam übernommen, und wenn der Kenner bei den Re-\ncitativen neben dem charakteristischen Ausdruck und der\ntrefflichen Declamalion auch besonders die künstlerische\nSicherheit bewundern musste, da dieselben, namentlich das\ndes Achicam: „Sprach er nicht zu den Vätern\", nicht zum\nBesten vom Orchester begleitet wurden, so war es interes-\nsant, bei den Vorträgen der übrigen melodischen Solostücke\nzu beobachten, wie das Publicum immer mehr und mehr\nvon seinem Gesänge gefesselt und am Ende zu einer sol-\nchen Begeisterung hingerissen wurde, dass es nach der Arie\ndes Achicam: „Du wirst ja dran gedenken\", in einen so\nrauschenden und anhaltenden Applaus ausbrach, wie wir\nihn bei Oratorien-Aufrührungen noch nie gehört haben.\nAm Schlüsse, nachdem allen Mitwirkenden gebührende\nbeifällige Anerkennung gezollt, wurde Herrn Engels für\ndie treffliche Leitung des Ganzen Hervorruf und von Seiten\ndes Orchesters ein wohlverdienter Tusch zu Theil. Herr\nEngels dirigirte mit Festigkeit und Energie; wir wollen ihn\nnur daran erinnern, dass, wenn den Dirigenten Fehler oder\nAuslassungen einzelner Instrumente auch verdriessen, es\ndoch zur Directorial-Klugheit gehört, diese dem Publicum\nnicht bemerkbar und vernehmlich zu machen. Durch seinen\nEifer und seine Thätigkeit ist ein recht reges musicalisches\nLeben hier wach geworden, und geben wir uns der Hoff-\nnung hin, dass er bei vorkommenden Fällen auch die äus-\nsere Unterstützung finden wird, die Mülheim so reichlich\ngewähren kann. Durch das herrliche Wetter begünstigt,\nhatten sich aus der ganzen Umgegend Zuhörer eingefunden,\nso dass der Saal nicht alle fassen konnte und die Garten-\nräume gleichfalls gefüllt waren; die Zahl derselben betrug\nsicher an 700. Die Erwartungen wurden weit übertroffen,\nwas die lebhaften Beifallsspenden bewiesen, und der Erfolg\nrief den laut ausgesprochenen Wunsch hervor, recht bald\nwieder die Aufführung eines so herrlichen Werkes, wie\ndiese Meisterschöpfung Hiller's, zu erleben. Der musicali-\nsche Sinn regt sich gewaltig, möge er feste Wurzeln schla-\ngen und zu immer schönerer Blüthe sich entfalten! Weil\nich weiss, wie sehr Sie an der wachsenden Verbreitung\nder Wirkung der Tonkunst durch classische Werke in der\nBheinprovinz Theil nehmen, sende ich Ihnen diese Zeilen\nzu und bin überzeugt, dass es Sie, wie immer, auch dieses\nMal freut, dass die Muse der Tonkunst sich ein neues Ter-\nrain für die Anregung zu musicalischem Sinn und Ge-\nschmack erobert hat.\nMülheim a. d. Ruhr, den 7. September 1854.\n\nw."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-09-16-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-09-16_01#c004", "volume": "bmtnabi_1854-09-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "294", "page_fin": "295", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540916-01.2.3", "titre_corps": "Aus Brüssel.", "titre_sommaire": "Aus Brüssel.", "signature_source": "S", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "294", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540916-01.1.6", "debut_caractere": 2942, "fin_caractere_exclue": 4143, "texte": "Aus Brüssel.\n\n(Schluss. S. Nr. 36.)\nKufferaths Privat-Quartett-Cirkel hat bis in den Sommer\nhinein fortgedauert und das Interesse, das er seit seinem Bestehen\nerweckte, besonders in der letzten Zeit erhöht. Ausser den Quar-\ntetten unserer guten Meister hörten wir unter Anderem von neuen\nSchöpfungen zwei, die aus ganz entgegengesetzten Gründen eine\nErwähnung verdienen: eines von Ihrem talentvollen jungen Max\nBruch, das, ohne Vorbereitung zur vollkommenen Zufriedenheit\ndes anwesenden Componisten ausgeführt, sowohl durch seine fri-\nschen, lebendigen Melodieen, als durch seine künstlerische Bearbei-\ntung sehr beifällig aufgenommen wurde; ein anderes von Lim-\nnander, einem belgischen Opern-Componisten, aus welchem wir\nIhnen nachfolgende Stelle anführen und uns dadurch weiterer An-\ndeutungen überhoben glauben.\nUnnöthig zu bemerken, dass Spieler und Zuhörer durch ähnliche\nnaive Wendungen und stiefmütterliche Ideen in eine heitere Stim-\nmung versetzt wurden.\nVon Herrn Bruch hörten wir noch eine Sonate lür Piano\nund A ioline, die uns noch mehr zusagte, als sein Quartett.\nUnter den fremden Künstlern, die wir in diesen Vereinigungen\nkennen lernten, finden wir Glinka, der sich in Russland einen"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "295", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540916-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5040, "texte": "Ruf als Opern-Componist erworben hat und bekanntlich dort als\neine musicalische Autorität gilt. Kufferath und Damke liessen uns\ndessen zu vier Händen arrangirte Ouvertüre über russische\nVolks-Melodieen hören, ein sehr originelles und geistreiches Werk.\nLiszt, der, mit Rubin stein von Rotterdam kommend, Brüs-\nsel auf ein paar Tage besuchte, gab in diesem engeren Kreise\nvielfache Gelegenheit, seine gränzenlose Virtuosität und seine ge-\nniale Individualität zu bewundern. Er spielte uns ausser seiner hier\nzur Mode gewordenen Phantasie „Les Patineurs\", die wir, nachdem\nwir sie von Schülern und Meistern zum Ueberdruss genossen,\neigentlich jetzt zum ersten Male hörten, ein grosses Concert für\nPiano allein, das der riesenhaften Schwierigkeiten wegen wohl nur\ndurch Liszt selbst zur gehörigen Geltung gebracht werden kann.\nEine neue Etüde in Des-dur, sehr interessant, ist recht geeignet,\ndie feinen Nuancirungen seines mannigfachen Anschlags und seinen\nseelenvollen Vortrag hervor zu heben. Mit grosser Bereitwilligkeit\ngewährte Liszt unseren Wunsch, uns sein Arrangement der neun-\nten Sinfonie von Beethoven für zwei Piano's hören zu las-\nsen, wobei Rubinstein (der ihn, den grössten Pianisten, der lei-\nder als solcher der Oeffentlichkeit entsagt hat, wohl am ersten und\nrühmlichsten zu ersetzen berufen sein dürfte) die Gefälligkeit hatte,\ndie zweite Partie zu übernehmen. Das Arrangement gibt die Or-\nchester-Effecte treu und so vollkommen, als es sich vom Piano er-\nwarten lässt, wieder und zeigt neben der grössten Gewissenhaftig-\nkeit eine geniale Gewandtheit in der Bearbeitung. Wirklich Un-\nglaubliches leistete Liszt aber, wie wir vernommen haben, indem er\nein grosses Ciavier-Concert von Kufferath, das eben erst\naus der Feder kam, correct und mit Bravour a vista spielte, ohne\ndasselbe auch nur durchgeblättert zu haben. Bei den Schwierig-\nkeiten, mit denen namentlich der letzte Satz reichlich versehen ist,\nund bei dem feurigen Tempo, in welchem er gespielt worden sein\nsoll, würden wir eine solche Notenfresserei verzeihen Sie diesen\nübrigens ganz bezeichnenden Ausdruck für unmöglich erklären,\nwenn sie uns nicht von zuverlässigen Augenzeugen berichtet wor-\nden wäre. Wir glauben die gelungene Ausführung guten Theils\ndem Interesse, das Liszt an der Composition fand und das wir\nvollkommen theilen, zuschreiben zu müssen, und vernehmen mit\nVergnügen, dass dieses Werk in Kurzem erscheinen wird.\nFräulein Bochkoltz-Falconi, herzogliche Hof-Opern-Sängerin\nin Coburg, war auf ihrer Durchreise von London nach dem Rheine\nfreundlich genug, uns mit einigen Vorträgen zu erfreuen. Sie hat\nin der Zeit, die sie von hier entfernt war, eine höchst seltene\nTechnik erreicht und behandelt ihre schöne, sonore Stimme mit\neiner Leichtigkeit, die wir damals vermissten und selbst für ein nie\nzu lösendes Problem hielten. Es verlautet, dass sie im Laufe des\nWinters hier in der Oper auftreten wird.\nIn Betreff öffentlicher Vorträge von Virtuosen einiger Bedeu-\ntung haben wir nur des Fräul. Rosa Kastner zu erwähnen, die\nin dem Saale der Philharmonie ihr zweites Concert gab. Das\nB-dur-Trio von Beethoven schien uns eine unglückliche Wahl, da\nder Saal zu gross für Kammermusik ist. Neben diesem Trio und\neinem Capriccio von Mendelssohn (E-moll) bestand das Programm\naus Slücken, die entweder dem Geschmacke der Künstlerin oder\naber der Meinung, die sie von dem hiesigen Publicum hat, nicht\ngünstig anzurechnen sind. Die Ausführung liess jedoch nichts zu\nwünschen übrig und die junge, viel versprechende Künstlerin ver-\ndient überhaupt Empfehlung.\nWir haben noch eine Matinee des Herrn Lemmens, die er\neinem vermittels Einladungen vereinigten Publicum gab, zu be-\nsprechen, und welche uns in so fern bemerkenswerth erscheint, als\nHerr Fetis nach Beendigung der Vorträge das Wort nahm, um den\nAnwesenden zu erklären, wie gross Herr Lemmens eigentlich sei,\nund wie nur er „der grösste Clavierspieler unserer Zeit\" die\nWerke der grossen Meister würdig aufzufassen und wiederzuge-\nben verstehe. Nach Fetis übertrifft Lemmens selbst die Meister\n(wir sprechen von Mozart, Beethoven, Weber u. s. w.), indem er\n„durch seine Auffassung, durch seinen eigentümlichen Accent de-\nren grandiose Conceptionen erweitert und ihnen eine höhere Weihe\nverleiht\"! Dergleichen Lobhudeleien sind hier an der Tagesord-\nnung; so erzählt man sich ä propos davon, dass Herr Fetis nach\nAusführung des Mendelssohn'schcn G-mo/Z-Concertes durch Mad.\nPleyel erklärt haben soll, eine solche Ausführung sei weit verdienst-\nvoller, als die Schöpfung des Werkes selbst! Wir müssen gestehen,\ndass Herr Fetis sein Vorhaben, seinem Zöglinge Lemmens einen\nNamen zu machen, mit einer an Hartnäckigkeit gränzenden Stand-\nhaftigkeit verfolgt. Vor zwei Jahren stellte er ihn als den grössten\nComponisten für Orgel-Musik auf, was ihm damals bekanntlich sehr\nklar und gründlich widerlegt wurde. Heute erhebt er ihn zum\nersten Pianisten der Welt! Möge Herr Lemmens diesen, wenn\nnicht frühzeitigen, doch voreiligen Ruf zu verdienen suchen; beim\nStreben danach kann er nur gewinnen. *)\n\nS"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-09-16-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-09-16_01#c006", "volume": "bmtnabi_1854-09-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "295", "page_fin": "295", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540916-01.2.4", "titre_corps": "Aus Kassel.", "titre_sommaire": "Aus Kassel.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "295", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540916-01.1.7", "debut_caractere": 5042, "fin_caractere_exclue": 7584, "texte": "Aus Kassel.\nDen 22. August 1854.\nDie Aufführung der Oper „Der Unbekannte\" von unserem\njungen Hof-Capellmeister J. J. Bott, zu welcher der Baritonist Bi-\nber hofer den Text lieferte und die zur Feier des Allerhöchsten\nGeburlsfestes Seiner Königlichen Hoheit des Kurfürsten in Scene\nging, fand eine enthusiastische Aufnahme mit mehrmaligem Hervor-\nruf des Componisten und des Dichters, so wie des ganzen mitwir-\nkenden Personals. Das Textbuch, nach dem Französischen verfasst,\nist mit ausserordentlicher Bühnenkenntniss behandelt, die Sprache\nblühend, die Situationen spannend und höchst effcctvoll.\nHaben wir uns auch von der Composition viel und Gediegenes\nversprochen, so ist dennoch unsere Erwartung übertroffen worden.\nDas Uebcrraschendste war uns, dass Bott schon bei diesem seinem\nersten grösseren Werke vollkommen selbstständig aufgetreten ist,\nkeine ängstliche Hinneigung zu irgend einem Meister, kein klein-\nliches Festhalten an beschränkten herkömmlichen Formen, kein Co-\nquettiren mit Gelehrsamkeit auf Kosten der Charakteristik nein,\nüberall Natürlichkeit und Wahrheit zeigt. Mit grosser Genugtuung\nfanden wir, dass ein grosser Melodieen-Reichthum, der leider den\nmeisten neueren Componisten mangelt, vorherrscht, dass sein Stil\nein edler, echt deutscher ist und dass der dramatische Effect von\nAct zu Act sich steigert.\nVon sichtlicher Liebe und Begeisterung waren sämmtliche Dar-\nstellende durchdrungen. Fräul. Bamberg (Therese), HerrSchloss\n(Francois), Herr Hochheim er (Perrot), Herr Curti (Jean), so\nwie Herr Biber hofer (Unbekannter) wetteiferten um die Palme\ndes Abends. Mit bewundernswerther Ausdauer lührte Herr Schloss\nseine überaus anstrengende Partie zu Ende und bewährte aufs\nneue den Sänger von Geschmack und musicalischer Bildung; Fräul.\nBamberg entfaltete alle Vorzüge, welche sie längst zum Liebling\ndes Publicums machten; Herr Hochheimer, dessen Rolle unstreitig\neine der sang- und dankbarsten Bass-Partieen ist, fand Gelegen-\nheit, seine imposanten Stimmmiltel recht zur Geltung zu bringen.\nDass Herr Biberhofer, abgesehen von seinen anerkannten Leistun-\ngen als Sänger, sich als vorzüglicher Schauspieler bewährte, können\nwir nicht unberührt lassen, so wie wir Herrn Balletmeister Am-\nbrogio für das ganz besonders gelungene Arrangement der gros-\nsen Ballet-Scene im zweiten Acte unseren Dank aussprechen.\nWir glauben mit Zuversicht, dieser Oper überall einen grossen\nErfolg versprechen zu dürfen.\n*) In der vor. Nummer lies in diesem Aufsatze Seite 287 in der\n2. Spalte, Zeile 10 von unten Soubre, statt Loubu."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-09-16-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-09-16_01#c007", "volume": "bmtnabi_1854-09-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "296", "page_fin": "296", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540916-01.2.5", "titre_corps": "Vom Genfer-See.", "titre_sommaire": "Vom Genfer-See.", "signature_source": "H", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "296", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540916-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5121, "texte": "Vom Genfer-See.\nH.\nVor einigen Tagen erhielt ich das Blatt Nr. 31 vom 5. August\ndieses Jahrgangs Ihrer geschätzten Zeitschrift, worin der Bericht\nüber das diesjährige helvetische Musik fest in Sitten stand.\nDie vorurtheilsvolle, unrichtige Darstellung dieses Festes in jenem\nArlikel lässt leicht den Parteigänger li. Wagncr's errathen oder\nvoraussetzen, dass der Berichtsteller beim Feste nicht anwesend\nwar. Vielleicht ist Beides zugleich der Fall. Ich halte es für meine\nPflicht, jene Nachricht zu beleuchten und Ihnen die Wahrheit über\ndas Fest in Sitten mitzutheilen, indem ich von Ihrer bekannten,\nallem Coteriewesen feindlichen Unparteilichkeit die Aufnahme mit\nSicherheit erwarten zu dürfen glaube*).\nVor Allem muss berichtigt werden, dass das Musikfest, einmal\nin Sitten angenommen, vom dortigen Comitc, obwohl unter Schwciss\nund Mühe, mit anerkennenswerthem Eifer organisirt worden ist\nund nie „am Ersticken\" war. Das mitwirkende Personal war frei-\nlich nicht so voll besetzt, als bei ähnlicher Gelegenheit in anderen\nHauptstädten der Schweiz; jedoch war ein ebenmässiges Vcrhält-\nniss da, und das Orchester und das Chor-Personal weder „gebrech-\nlich44 noch „mangelhaft44. Meist Künstler von Fach standen im Or-\nchester; sogar die Violinen waren genügend besetzt, so dass B.\nWagner mit seiner clcktrisirendcn Leitung eine sehr gelungene Auf-\nführung zu Stande gebracht haben würde, wenn er nicht wegge-\nlaufen wäre. Man muss übrigens Wagner die „Flucht aus Sitten44\nnicht so hoch anrechnen, da die meisten Mitwirkenden sie sehr\ngleichgültig hinnahmen.\nHerr Methfessel aus Bern lös'tc die Aufgabe als Dirigent\nsehr befriedigend, wiewohl er freilich für die Instrumental-Werke,\nz. B. die siebente Sinfonie von Beethoven, die C-dur-Sinfonie von\nGade und Weber's Eurvanthe-Ouverture, gar nicht vorbereitet war,\nda Herr Wagner die Direction derselben bestimmt übernommen\nhatte und sie mit einer Bücksichtslosigkeit aufgab, welche auch im\nLeben von ähnlicher Selbstüberhebung zeugt, wie sie seine Schriften\nbekunden. Im grossen Concerte wurde der Lobgesang von Mendels-\nsohn am besten aufgeführt. Orchester, Soli und Chöre gingen treff-\nlich, mit Präcision und Feuer. Fräul. Kiefer aus Bern (Sopran),\nFräul. Bordorf aus Zürich (Alt), die Herren Dubouret und Marcillac\n(Tenöre) und Herr Künzer aus Vivis (Bass) sangen die Solo-Partieen\nrecht brav. Diese Aufführung liess einen lebendigen, nachhaltigen\nEindruck auf das walliser Publicum und die Mitwirkenden zurück;\nsoriiit war der Zweck, den diese helvetischen Musikfeste haben sol-\nlen, erreicht. Nicht sonderlich gefiel die Nacht-Hymne von Neukomm,\nwas an der Einförmigkeit dieses Werkes lag.\nIm kleinen Concert (2. Tag) kamen die Solisten an die Beihe.\nFrl. Bordorf sang auf ergreifende W7eise die berühmte Arie von\nStradella, Frl. Kiefer die ganz nach Mozart'schcr Art geschriebene\nArie „Ali, perßdo\" von Beethoven. Diese junge Sängerin hat eine\nklangvolle Stimme, singt frisch und keck in die Welt hinein, ohne\ngerade schon tief in die Kunst eingedrungen zu sein. Herr A.\nKoella, Musik-Dircctor in Lausanne, spielte das Violin-Concert von\nMendelssohn meisterlich, mit feinem und edlem Vortrag, und ärntete\ndamit allgemeinen Beifall. Ein Concertino für Posaune von F.David\nwurde mit Sicherheit und Bravour von Herrn Thiele aus Bern\nvorgetragen.\nHöchst anerkennungswerth war, dass die kaum ins Leben getre-\ntenen walliser Vereine mit so vieler Reinheit, Präcision und Wärme\nsangen. Etwa 30 Sängerinnen und Sänger, Mitglieder zweier Vereine\naus Lausanne, der seit mehreren Jahren von Herrn Koella gestif-\ntet und geleitet, wirkten wacker am Feste mit. Genf war schwach\nvertreten, hat jedoch verlangt, dass nächstes Jahr das helvetische\nMusikfest dort Statt finde.\nDas musicalische Treiben und Streben am Genfer-Sce wird be-\nsonders in Lausanne und Umgebung seit einigen Jahren immer re-\nger, besonders in Hinsicht der Yocal-Musik. Mehrere kirchliche\nAufführungen, worin Thcile aus den vier Jahreszeiten von Haydn\nund aus Elias von Mendelssohn gegeben wurden, fanden unter der\nLeitung des Herrn Koella Statt und waren sehr besucht. Neben\nden Bestrebungen des genannten Künstlers gibt sich ein junger,\ntüchtiger Pianist, L. Mooser, Enkel des berühmten Orgelbauers\naus Freiburg, viele Mühe, den Boden der Dilettanten-Welt mit clas-\nsischer Musik zu bepflanzen, und führt sein Vorhaben mit Festigkeit\nund Ausdauer durch. So Gott will, wird in Lausanne die nothwen-\ndige Musik-Reformation mit Geduld und Kraft zu Stande gebracht\nund die deutsche Musik einheimisch gemacht werden.\nSchliesslich kann ich Ihnen noch von erfreulichen Symptomen\nin dem Entstehen von Männergesang-Vereinen in den verschiede-\nnen Ortschaften des Cantons Waadt melden. Schon das zweite Can-\ntonal-Gesangfest wurde in Lausanne in der grossen, im rein gothi-\nschen Stil gebauten Kathedrale abgehalten, woran sich mehr als\nzwölf Gesang-Vereine betheiligt haben.\nW7ir hatten die Notiz einem Berichte in der Südd. Musik-\nZeitung auszugsweise entnommen, wie die Angabe der\nQuelle zeigt, und die Verantwortlichkeit für den Inhalt durch\n„soll44 und „wie gemeldet wird44 von uns abgewiesen.\nDie Redaction."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-09-16-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-09-16_01#c008", "volume": "bmtnabi_1854-09-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "296", "page_fin": "296", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540916-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "296", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540916-01.1.8", "debut_caractere": 5123, "fin_caractere_exclue": 6604, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nliößn. Unser Männergesang-Verein, der überall auf\ndem Platze ist, wenn es gilt, seinen Sinnspruch: „Durch das Schöne\nstets das Gute44, zu verwirklichen, gab am 10. September ein Mor-\ngen-Concert zum Besten der Ueberschwemmten in Schlesien. W7ie-\nwohl er nicht ganz vollzählig war, so wurde doch mit grosser Fri-\nsche und herrlicher Tontülle gesungen. Auch hörten wir mit Ver*-\ngnügen ausser den zwei bewährten Solo-Tenören, den Herren Pütz\nund Klein, in dem GrcH'schen „Lorber und Rose44, noch zwei an-\ndere Solisten aus der Mitte des Vereins, einen Tenor und einen\nBariton, welche, mit recht hübschen Stimmmitteln versehen, durch\neifriges Studium auch bald sich einen kunstmässigen Vortrag an-\neignen werden.\nUnser Stadttheater hat bereits drei Opern-Vorstellungen ge-\ngeben, den Barbier von Sevilla, die Martha und die Lucia alles\nwahrscheinlich aus Debuts-Rücksichtcn. Da indess das Personal\nnoch nicht vollständig aufgetreten ist, so wollen wir unser Urtheil\nnoch zurückhalten und hoffen, dass die Direction das Beste bis zu-\nletzt aufgespart haben wird. Fräulein Pepita de Oliva hat zwei\nMal getanzt und auch die Vorstellung zum Besten der Ueber-\nschwemmten mit Bereitwilligkeit unterstützt, was den besten Dank\nverdient. Sie ist eine höchst reizende Erscheinung, schön, anmuthig\nund voll Leben und Feuer, und ihr Tanz, der doch einen gewissen\nGeist und Charakter hat, ist uns hundertmal lieber, als die Pirouet-\nten der pariser Drechselpuppen."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "289", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540916-01.1.1", "texte": "Ueber musicalische Zustände in London.\nVon\nProf. L. Bischoff.\nVI.\n(S. Nr. 26, 28, 32, 33 und 34.)\nWir kommen zuletzt zu der Oper. Wenn wir jemals\nenttäuscht worden sind, so war das in den Tempeln der\ndramatischen Musik in London! Zwar waren uns der jetzige\nZustand der italiänischen Oper und die meisten Berühmt-\nheiten derselben, welche in Paris, Petersburg und London\nin der Regel dieselben sind, nicht unbekaunt, so dass wir\ndie Erwartungen nicht gar zu hoch spannten; dennoch fie-\nlen wir gleich bei dem ersten Besuch von Coventgarden\nwie aus den Wolken.\nDass die Engländer keine National-Oper haben, ist be-\nkannt; an ein Institut, welches die höchste Blüthe der mu-\nsicalisch-dramatischen Kunst der Vergangenheit und Gegen-\nwart zur Erscheinung bringe, wie die grosse Oper in Paris\nund in Berlin, ist gar nicht zu denken. Die Italiäner sind\ndie einzigen Repräsentanten des musicalischen Drama's lür\ndie Engländer, und wenn der Lord sein Pfund Sterling lür\neinen Logenplatz bezahlt, und die Lady, mit Spitzen und\nDiamanten behängt, ihre schöne Büste mit den marmornen\nSchultern im hellsten Gaslichte glänzen lässt, und der Genlle-\nman sich durch schwarzen Frack und Glace-Handschuhe\nals eintritlslähig ins Parterre legitimirt, nachdem er zwei\nThaler und fünfundzwanzig Groschen an der Casse lür ein\nBillet erlegt hat so sind Alle überzeugt, dass sie das\nHöchste, was die dramatische Musik geschaffen hat, unüber-\ntrefflich dargestellt sehen und hören; denn sonst könnte es\n| I R • * uohoi iJtii il vi\nnicht so theuer und die Gesellschaft nicht so fashionable\nsein! Sonderbar, wie mit der Vornehmheit dieser Toiletten-\nr 7\nlölJlillä /rgn £ IQimriUVl uaiösino OXIIÜ ö cfici i S Ii\nEtiquette die englischen Namen der Theaterplätze contrasti-\nren ! Die pracht- und geschmackvoll costumirten Herzogin-\nrt't • vtr'tj-i ni ~°tiJJ IJiiißril9 rf.oH,R>V. \"TJ hll'tffoMnCr*^. F/i\nnen, Marquisen u. s. w. sitzen in „Kasten\" Lo-\ngen), die zierlich geleckten Dandies mit den kolossalen\nLorgnetten in „Ställen\" (Stalls = Sperrsitze), und die be-\nfrackten Gentlemen steckt man ohne Umstände ins „Loch\"\n(Pit Parterre). Doch wollen wir nicht läugnen, dass der\nAnblick des gefüllten Hauses in Coventgarden mit seinen\nsechs Reihen Logen und einer Galerie überraschend und\nimposant ist; es ist unmöglich, irgendwo anders eine\nso zahlreiche und glänzende Gesellschaft vereinigt zu\nsehen.\nDas eigentlich so genannte Opera Housc oder Her\nMajcsty's Tlieatre war in der diesjährigen Season geschlos-\nsen. Seit Herrn Lumley's berühmte Administration sich in\nSand verlaufen, hat kein Unternehmer sich daran machen\nwollen, sein Vermögen an die ungeheuren Kosten zu wa-\ngen. Ihre Majestät hat demnach in vorkommenden Fällen\nnur dem Namen nach ein Theater, in der That aber keines;\ndenn auch von der Bühne gilt dasselbe, was schon bei den\nConcert-Instituten bemerkt worden, dass nämlich Alles\nSache der Privat-Unternehmung ist; das Budget des Staa-\ntes hat gar nichts damit zu thun, und der Hof bezahlt seine\nLoge, wenn er hingeht, weiter nichts. In diesem Theater\nder Königin kostet der Eintritt ins Parterre sogar drei\nThaler fünfzehn Groschen und der geringste Platz auf der\nGalerie einen Thaler und zwanzig! Es fasst 2500 Zu-\nschauer.\nNeben dieser Bühne, welche früher ausschliesslich das\ni 7)flu ni lulfTX iod nß ll*l ödßnisui fiülüiiLiüT\nPrivilegium der italiänischen Oper besass, hat sich seit 1841\neine zweite Unternehmung erhoben. Veranlasst durch einen\nZwist von Lumley und Costa, bildete sich eine geldmächtige\nPartei, welche das Coventgarden-Theater zum Opernhause\numschuf, und seitdem spielten und sangen zwei Gesellschaf-\nten neben einander, was im Grunde Niemandem Vortheil\nbrachte, als den berühmten Künstlern und Künstlerinnen,\nwelche bei der obwaltenden Concurrenz und wechselseitig\ngen Ueberbietung ihre Gehalts-Ansprüche bis ins Fabelhafte\nfytij flynjriiluJiOCi Cll 01/ jfo 2li D Q.w ?o filfliix cl>*A\nsteigerten. In der diesjährigen Season stand nun Herr Gye,\nder Unternehmer von Coventgarden, allein; gegen seinen\nHaupt-Nebenbuhler hatte er das Feld behauptet, aber der\nenglische Speculationsgeist stellte, in der Hoffnung, Procente\nzu machen, ein neues gegnerisches Unternehmen ia Drury-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "290", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540916-01.1.2", "texte": "lane auf, wovon wir weiter unten reden werden. Das Re-\nsultat war, dass die neue Compagnie zur Ausbeutung von\nDrurylane die Bude, so gross sie auch ist, schliessen musste,\nund dass Herr Gye trotzdem keine Geschälte gemacht und\ndie italiänlsche Oper dieses Jahr eine so kurze und schlechte\nSaison gehabt hat, wie noch nie, trotz Grisi und Mario,\nCruvelli und Lablache. Der gesammte Zustand der Oper\nist demnach in London ein trauriger und jammervoller, und\nvon einer eigentlichen Kunst-Anstalt kann gar nicht die\nRede sein.\nDas Coventgarden-Theater ist als Gebäude wiederum,\nwie so viele Gegenstände der Kunst in England, mehr gross\nund imposant, als schön, und kann sich in Hinsicht der\nSchönheit des Baues und des Geschmackes der Verzierung\nnicht mit dem Opernhause in Berlin messen. Es fasst an\nt'sooo Zuschauer. Die Bühne hat eine gewaltige Tiefe,\nBreite und Höhe, und wiewohl die Akustik gut ist, so ge-\nhören doch kolossale Stimmen dazu, um den ungeheuren\nRaum zu füllen. Die Decorationen sind in Hinsicht der Ma-\nlerei nicht schlecht, jedoch keineswegs ausgezeichnet; alles\naber, was Maschinerie betrifft, ist ganz unbegreiflich ver-\nnachlässigt; die gewöhnlichsten Verwandlungen gehen lang-\nsam und stockend, die Prospccte im Hintergrunde werden\naus zwei Stücken zusammen geschoben und lassen sehr oft\nviele Minuten lang, ja, manchmal den ganzen Auftritt durch,\nin der Milte einen Riss in den Gebäuden oder eine Spalte\nin den Bergen sehen. Eben so mangelhaft ist die Maschi-\nnerie auf dem Drurylane-Theater. Um nur Ein Beispiel an-\nzuführen, erwähne ich, dass auf beiden Theatern das letzte\nFinale in Beethoven's Fidelio einen besonderen Act bildet;\nnach dem Duett „0 namenlose Freude\" fällt der Vorhang,\nund es tritt eine ziemlich lange Pause ein, in welcher wir\nüber das Schicksal des edeln Paares in Ungewissheit blei-\nben, weil der Maschinist und der Regisseur Zeit brau-\nchen, den Eintritt des Ministers gehörig in Scene zu setzen!\nDadurch geht namentlich auch den Ballets auf den beiden\nBühnen ein grosser Theil ihres Reizes verloren, wie denn\nüberhaupt diese Gattung der theatralischen Kunst in Lon-\ndon auch nicht den entferntesten Vergleich mit Berlin oder\nParis, ja, nicht einmal mit Amsterdam aushalten kann.\nDie erste Vorstellung, der ich in Coventgarden bei-\nwohnte, war Don Juan. Wie freute ich mich darauf, des\nunsterblichen Meisters Don Giovanni mit solcher Besetzung\nlind solchen Mitteln zu hören, wie sie die grosse Oper in\nLondon bieten musste, und noch dazu mit dem ursprüng-\nlichen Texte und durchweg mit Recitativen! Aber o weh!\nUm gleich mit diesen letzteren anzufangen, so gestehe ich,\ndass ich lieber die dümmsten schlechten Witze des Dialogs\nim Don Juan auf den Provincial-Bühnen von Deutschland\nmit anhören will, als diesen waschweiberartigen, tonlosen\nVortrag der geplapperten Recitative und ihre noch schlech-\ntere Begleitung, die freilich eigentlich gar keine Begleitung\nist und mit ihrem Schrumm, Scbrumm! das oft ohne\nalle Rücksicht auf die unmittelbar vorhergehende Tonart\noder eine nothwendige Pause, welche die Handlung erfor-\ndert, hereinplatzt! Streng genommen, kann ich an der\nganzen Vorstellung nichts loben, als einzelne Leistungen\ndieses oder jenes Sängers und die Reinheit, Klangfülle und\nKraft des Orchesters, welche letztere besonders in dem Fi-\nnale des zweiten Actes von grossartiger Wirkung war, aber\nauch ganz allein den Mozart wiedergab, indem Ronconi als\nDon Juan so gut wie nichts von sich hören liess, und Ta-\ngliafico als steinerner Gast zuletzt so höllisch detonirtc,\ndass seine Töne einen noch widrigeren Eindruck machten,\nals Lablache-Leporello's ganz unausstehliche Faxen.\nEine genügende Aufführung war eigentlich schon von\nHause aus durch die Besetzung der Ilaupirolle unmöglich\ngemacht. Man kann sich keine ungeeignetere Persönlichkeit\nzur Darstellung des Don Juan in Spiel und Gesang denken,\nals diesen berühmten Ronconi ich sasie mit Vorbedacht:\nO\nin Spiel u n d Gesang; das erstere kann man sich nicht steifer\nund hölzerner vorstellen, und der Gesang ist nur noch eine\nMvthe. Auf den dramatischen Ausdruck, auf die Erforder-\n«J\nnisse der Situation, auf die Uebereinstimmung der Hand-\nlung mit der Musik im Orchester, überhaupt auf das Be-\nwusstsein, ein Theil eines grossen Kunstganzen zu sein,\ngeben alle diese Italiäner und mit ihnen auch leider die\nitaliänisirte Deutsche Sophie Cruvelli (als Donna Anna\nund vollends als Fidelio!) gar nichts. Sie treten so weit wie\nmöglich an die Lampen des Prosceniums vor und singen\nihr Ich und kehren sich den Teufel an ihre Rolle und an\ndas, was um und hinter ihnen vorgeht oder wenigstens\nvorgehen sollte. So wurde gleich in der Introduction der\nComthur trotz der bezeichnenden Musik zwei Tacte zu\nfrüh erstochen und das schöne Terzett ohne allen Ausdruck\nder so individuel gesetzten Stimmen gesungen und durch\nLablache's burleske Furcht-Aflectirung geradezu verhunzt.\nLab lache hat immer noch die riesige Stimme, welche\nin Verbindung mit trefflicher Methode und einer ganz be-\nsonderen Anlage zur Darstellung des Komischen ihm seit\nlangen Jahren die Bewunderung der Kunstwelt in ganz\nEuropa verschafft hat, Aber ihn in London auf der\nBühne zu sehen, macht wahrlich keine Freude. Es thut\neinem weh, wenn ein solcher Künstler sich zum Hanswurst"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "291", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540916-01.1.3", "texte": "macht einem Publicum zu Gefallen, welches nur am Der-\nben Wohlgeschmack findet, und wenn er ihm dieses Derbe\nnoch doppelt dick aufträgt; empört fühlt man sich aber\ngeradezu, wenn er nicht die geringste Ehrfurcht vor Mo-\nzart's Noten hat, die Musik misshandelt und des grossen\nMeisters drohende Geisterstimme: überhört. Dann\ndarf er sich auch nicht beklagen, wenn der wahre Kunst-\nfreund seinem sinkenden Ruhme nachruft:\nnon v'e!\" („Nun, so ist dein Ende da!\") Mozart hat einen\nköstlichen Humor in seinen Leporello gelegt, aber durch\ndie musicalischen Töne, ihre melodische Eigenthüm-\nlichkeit, ihre harmonischen Sprünge, ihre charakteristischen\nRhythmen; um jedoch in dieser Partie die vollständige Ton-\nleiter aller thierischen Laute vom Pfeifen des Vogels\nbis zum Grunzen der Herde des Eumäus durchzumachen,\ndazu hat er sie wahrlich nicht geschrieben. In dem Duett\nvor der Reiterstatue des Comthurs, um nur Eines anzufüh-\nren, in der berühmten Stelle, wo Leporello nach dem „Ja\"\nder Bildsäule mit ceinfällt:\nlief Lablache aus der Nähe der Statue bis vorn an die Lam-\npen vor, und anstatt das c,worauf die ganze Wirkung der\nStelle beruht, einzusetzen, stiess er ein heulendes, musica-\nlisch-tonloses Brrrrr! aus und schüttelte sich am ganzen\nLeibe, was bei der bekannten umfangreichen Beschaffenheit\ndesselben die höchsten Regionen des Amphitheaters zu\nerschüttern nicht verfehlte.\nWie anders dagegen Formes, den wir kurz darauf\nin derselben Rolle in der deutschen Oper in Drurylane\nsahen! Formes macht dem grossen Haufen des londoner\nPublicums auch nicht die geringste Concession; seine Ver-\nehrung für Mozart, seine Heilighaltung jeder Note, die der\nMeister geschrieben, verläugnet er keinen Augenblick; er\nist im Gegentheil stolz darauf, und sein Spiel in der Schluss-\nscene der Oper und sein Abgang ist meisterhaft. Glück-\nlicherweise konnte Lablache in derSchluss-Scene durch seine\nPossenreissereien, welche leider auch die meisten Darsteller\nauf deutschen Bühnen sich zu Schulden kommen lassen,\ndie wirklich furchtbare Gewalt des Orchesters nicht lähmen,\ndie, besonders wenn man die Augen schloss, einen erschüt-\nternden Eindruck machte, der die Seele mit tiefer Ehrfurcht\nvor dem Geiste erfüllte, dem ein so mächtiger Strom der\nTöne entquollen.\nSophie Cruvelli war wie immer schön und mo-\nmentan gross, aber auch wie immer schroff in gesuchten\nContrasten zwischen eisiger Kälte und Theilnahmlosigkeit\nan der Handlung und übermässigen leidenschaftlichen Aus-\nbrüchen. Vortrefflich sang sie die zweite grosse Arie aus\nF-dur, besonders das Larghetto; dagegen verdarb sie das\nMasken-Terzett durch eine in jeder Bedeutung tactlose\nUeberhaltung des hohen b. Elvira, Fräulein Marrav,\nwar gut, jedoch in keiner Hinsicht so vorzüglich, wie sie\ndie Kritik aus Wien und Petersburg geschildert hat.\nReizend in Gesang und Spiel führte Madame Bosio die\nPartie der Zerline aus, eine Sängerin mit sehr wohllauten-\nder, lieblicher Stimme und trefflicher Schule. Eben so un-\nbedingtes Lob verdient Tamberlik's Don Ottavio, dem\nwir in dieser Rolle Keinen an die Seite zu stellen wüssten.\nWenn nun im Don Juan doch Einzelnes, auch manche\nEnsemblestücke, wie z. B. das Sextett, vortrefflich waren,\nso können wir von der Aufführung des Fidelio nur das\nletzte Finale rühmen, welches durch die glänzenden Solo-\nstimmen, den starken Chor und das treffliche Orchester\neine grossartige Wirkung machte. Alles Andere dagegen\nentsprach keineswegs dem Geiste Beethoven's, und dabei\nwurden mehrere Tempi vom Dirigenten Cosla so merk-\nwürdig vergriffen, dass man Beethoven's Musik last nicht\nwieder erkannte. Die Trägerin der Hauptrolle, Sophie Cru-\nvelli, war durchaus ungenügend; kalt, steif, ohne Leben\nund Seele, zeigte sie einen Mangel an richtiger Auffassung\nund vollends an Begeisterung, welcher in der That höchst\nauffallend war. Für die stellenweise geradezu falsche De-\nclamation bietet die schlechte, den charakteristischen Tönen\nsich keineswegs anschmiegende italiänische Uebersetzung\ndes Textes einiger Maassen eine Entschuldigung dar.\nEs lässt sich nicht läugnen, dass die Aufführung der-\nselben Oper von der deutschen Gesellschalt in Drurylane\ntrotz mancher Mängel und trotzdem, dass Herr Lindpaint-\nner mit Costa im Vergreifen der Tempi wetteiferte, den-\nnoch ein besseres Ganzes herstellte. Frau Caradori, in\nDeutschland, wenn wir nicht irren, Fräulein Janeck geheis-\nsen, gab die Leonore, obwohl mit weit geringeren Stimm-\nmitteln als die Cruvelli, mit viel besserer Auffassung und\nseelenvollerem Vortrage. Reich ardt konnte freilich als\nFlorestan dem frischen, klangvollen Tenor Tamberlik's nicht\ngleichkommen, doch verdarb er nichts, so wenig als Hö 1 z 1\naus Wien, der den Pizarro sang. Als eine der hervorra-\ngendsten Schöpfungen müssen wir aher den Rocco von\nKarl Formes bezeichnen, der überhaupt die Seele und\nder Halt des ganzen Unternehmens war und mit den Sän-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "292", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540916-01.1.4", "texte": "erinnen Frau Rudersdorf und Fräulein Büry die\ndeutsche Kunst auf die würdigste Weise repräsentirte.\nEs ist zu bedauern, dass die Unternehmung einer deut-\nschen Oper in Drurylane, die von Hause aus mit vielen\nHemmnissen und Vorurtheilen zu kämpfen halte, trotz der\ngrossen Erfolge der meisten Aufführungen, durch Mangel\nan Fonds, verkehrte und die Kräfte zersplitternde Maassre-\ngeln der Directoren und zum Theil ungeschickte Leitung\nam Ende doch zu Grunde gehen musste. Man hatte nicht\nden Muth, den ursprünglichen Gedanken, eine rein deut-\nsche Oper in London zu begründen, mit Energie durch-\nzufuhren; man wollte gegen die Italiäner Front machen\nund lief bald nach Beginn des Kampfes in ihr Lager über,\nindem man neben den deutschen auch italiänische Opern\ngab, in denen übrigens die deutsche Sängerin Agnes Büry\nbesonders als Nachtwandlerin den vorzüglichsten\nAnziehungspunkt bildete. Aber auch dabei blieb man nicht\nstehen, sondern glaubte auch noch der eben nicht zahlrei-\nchen Partei, welche nach einer National-Oper schreit, Con-\ncessionen machen zu müssen. Die Herren Jarret, Seager-\nOswald, und wie sonst die Unternehmer heissen mögen,\nengagirten zu dem vorhandenen Sänger-Personale noch ein\necht englisches, dessen Hauptstütze, der Tenorist Sims-\nReeves, mit schwerem Gelde und der Mitanstellung seiner\nals Künstlerin höchst unbedeutenden Gattin erkauft werden\nmusste, und nun ging eine englische National-Oper— nun?\nwelche denn? Auber's Fra Diavolo in Scene! Ich wohnte\ndieser Aufführung einer französischen Oper, in englischer\nSprache gesungen und von echtem englischem Vollblut dar-\ngestellt, bei und habe nie etwas Matteres und Langweilige-\nres gesehen. Auch der sonst schätzenswerthe und als Ora-\ntoriensänger vorzügliche Sims-Reeves konnte uns, trotz der\nsehr schön vorgetragenen Romanze im Schlafzimmer Zer-\nlinens, auf der Bühne durchaus nicht genügen und höch-\nstens durch seine Verwandlung des gewandten Banditen\nin einen gemüthlichen Phlegmatiker hier und da einige Hei-\nterkeit erregen.\nDurch diese dreileibige Gestalt, welche die Herren\nUnternehmer der von ihnen ins Leben gerufenen dramati-\nschen Muse gaben, wurde zunächst Formes abgeschreckt,\nder sich lür das neue Institut, so lange es deutsch blieb,\nsehr warm interessirt hatte. Er schied aus, und dadurch\nsahen sich Her Majesly's Servanls (denn das ist der herge-\nbrachte Titel der Schauspieler in Drurylane) genöthigt, die\nBühne zu schliessen.\nAlle aufrichtigen Kunstfreunde bedauern das Scheitern\nder Unternehmung. Das Vorurtheil, welches die höheren\nClassen gegen das Drunlane-Theater hatten, in welchem\nallerdings in den letzten Jahren statt der Garricks und\nKeans Pferde und Elephanten aufgetreten waren, begann\nbereits zu verschwinden; wenn auch die hohe Aristokratie\nnoch nicht anbeissen wollte, so war das Haus doch stets\nvon einer zahlreichen Gesellschaft aus den gebildeten Stän-\nden besetzt, und die Reihe der wartenden Equipagen war\nan manchem Abende schon länger, als vor Coventgarden.\nSo viel ist gewiss, dass London eine solche deutsche Oper,\nwie sie hier in den Aufführungen des Don Juan, Fidelio,\nFreischütz, und namentlich auch der Entführung aus dem\nSerail (Constanze, Frau Rudersdorf Blondchen, Fräul.\nBüry Osmin, Formes Belmonte, Peez von Darm-\nstadt) zur Erscheinung kam, noch nie gehört hatte, was\nübrigens auch die londoner Kritik rühmend anerkannte.\n\nAus Mülheim an der Ruhr.\n\nGeehrter Herr Professor!\nIch zweifle nicht daran, dass Sie folgendem Berichte\ndie Aufnahme in Ihr geschätztes musicalisches Organ nicht\nversagen werden, da er von einem musicalischen Ereignisse\ndenn als ein solches müssen wir für unsere Stadt und\nGegend die am 3. September Statt gehabte Aufführung\nvon liiller's Oratorium „Die Zerstörung Jerusa-\nlems\" betrachten Kunde gibt.\nSie werden fragen: „Mülheim an der Ruhr und liil-\nler's Zerstörung von Jerusalem? Wie kommt das zusam-\nmen?\" Ei, warum nicht? Die Stadt der Industrie, der Sitz\nso grossen Reichthums: warum sollte sie nicht durch ihre\nfinanciellen Mittel sich den Genuss eines so grossen, bedeu-\ntenden Werkes verschaffen können? Gibt es nicht musica-\nhsche Kräfte genug, die man von aussen zur Vervollstän-\ndigung des notwendigen Personals herbeiziehen kann? So\ngeschah es auch, aber nicht durch die Unterstützung der\nReichen, sondern geben wir die Ehre dem, dem sie gebührt,\nunserem wackeren Musik-Director Herrn Hubert Engels,\nder auf eigenes Risico nach unsäglichen Mühen und vielfäl-\ntigen Hindernissen eine im Ganzen so vortreffliche Auffüh-\nrung zu Stande brachte, wie man sie gar nicht erwarten\nkonnte, und zu unserer Freude und zu seiner Ehre ein\nResultat erzielte, zu welchem wir ihm von Herzen Glück\nwünschen. Herr Engels hat den Beweis geliefert, dass er\nfähig ist, etwas Tüchtiges zu leisten, und zweifeln wir auch\nnicht daran, dass er für kommende Fälle auch die Unter-\nstützung von financiellcr Seite finden wird, wie man zu hÖ-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "293", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540916-01.1.5", "texte": "Ren Gelegenheit hatte; denn diese gehört freilich dazu, um\ngrosse Werke der Tonkunst zu würdiger Aufführung zu\nbringen.\nWas die Ausführung in Mülheim betrifft, so haben wir\nsie schon in Bezug auf das Ganze eine vortreffliche ge-\nnannt, wollen aber, indem wir nun auf das Einzelne\nRücksicht nehmen, keineswegs die Schwächen übersehen,\ndie man um so leichter entschuldigen wird, als die Ausfüh-\nrenden, wir möchten fast sagen: zusammen gewürfelt wa-\nren und ihre gegenseitigen Vorzüge und Mängel nicht\nkannten, und als es die erste Aufführung war, die hier in\nsolcher Weise Statt fand, und desshalb auch lür unsere\nStadt mit Recht ein musicalisches Ereigniss genannt wer-\nden darf.\nDer schwächste Theil war unbedingt das Orchester,\nund hierin liegt eben der Vorwurf für unsere Industriellen,\ndie durch einige Unterstützung sehr leicht dahin hätten\nwirken können, dass man bedeutendere Persönlichkeiten\ndazu heranziehen konnte. Der Chor, aus Dilettanten von\nMülheim bestehend und unterstützt durch Mitglieder des\nGesang-Vereins von Duisburg, war sehr brav und zum Theil\nausgezeichnet, so dass wir ihm unsere volle Anerkennung\nzollen und die Ausdauer loben müssen, mit welcher ohne\nZweifel die Studien betrieben und die Proben besucht wor-\nden sind, da ohne ausharrenden Eifer die Sicherheit des\nChors unmöglich hätte erreicht werden können. War auch\ndie Masse nicht bedeutend, so that doch jedes Einzelne seine\nSchuldigkeit in dem Maasse, dass eben dadurch eine Wir-\nkung hervorgebracht wurde, welche oft eine stärkere Zahl\nnicht hervorbringt.\nDer Chor: „Wie heilig und hehr\", wurde sehr gut\nausgeführt; der Anfang des zweiten: „ Ach Herr, strafe\nuns nicht!\" war schwankend bis zu der Stelle: „So du\nwillst Sünde behalten\", wo die Sicherheit des ersteren zu-\nrückkehrte. „Eine Seele tief beenget\" und „Erhöht in lau-\nten Wettgesängen\" wurden sehr gut ausgeführt, nur dass\nbei letzterem das Orchester nicht gleiche Leistungsfähigkeit\nzeigte, wie denn auch z. B. in dem Chor: „Wir zittern\nob des Sehers Dräu'n\", das Fagott ausblieb, während der\nChor: „Verräther! Er ist kein Freund von Babylon\", wie-\nder gut ging und der Schlusschor vom ersten Theile: „Wer\nunter dem Schirm des Höchsten sitzet\", von beiden Seiten\nlobenswerth ausgeführt wurde und die Zuhörer in hohem\nGrade ergriff, so dass ein ausserordentlicher Beifall des\nPublicums die Ausführenden belohnte. Gleich wacker wur-\nden die Chöre im zweiten Theile gesungen, da die gefun-\ndene Anerkennung die Begeisterung noch steigerte.\nWas die Solostimmen angeht, so haben wir, was die\nDamen betrifft, ausreichende und sogar vorzügliche Kräfte\nund dürften in dieser Hinsicht einen grossen Vorzug vor\nmanchen anderen Städten haben. Nicht nur stimmbegabte,\nsondern auch hinreichend im Gesänge unterrichtete Dilet-\ntantinnen hatten die Sopran- und Alt-Soli übernommen.\nDie Partie des Jeremias war in den Händen des Herrn\nScholl, eines wackeren Dilettanten aus Duisburg, die Te-\nnor-Partie in denen des Herrn E. Koch aus Köln.\nWenn wir das Gastrecht ein wenig bei Seite setzen,\nso wird man es uns verzeihen, da die Galanterie verlangt,\ndass wir zuerst die Leistungen der heimischen Sängerinnen\nbesprechen.\nEs ist eine schwierige Aufgabe für die Kritik, über\nDilettanten zu sprechen, indem zwei Beweggründe diese\nzum Auftreten veranlassen können: einmal die Eitelkeit,\ndas andere Mal wirkliche Liebe zur Kunst und wahres In-\nteresse an einem Werke, um solches zur Aufführung brin-\ngen zu können. Hier wird uns diese Aufgabe jedoch leicht\ngemacht, indem Letzteres wirklich der Fall und die Leistun-\ngen auch in dem Grade gelungen waren, dass wir ein auf-\nrichtiges Bravo rufen können und ein baldiges Wiederhören\nwünschen. Zu bedauern war, dass durch das Unwohlsein\nder Frau Tr. die Partieen nur in zwei Händen waren,\ndenen der Frau V. und der Frau Oe., weil dadurch, dass\ndie verschiedenen Rollen im oratorischen Drama in Einer\nHand waren, der Charakter des Musikstückes nicht so deut-\nlich hervortrat, indem z. B. nach dem herrlichen Duett:\n„0, wär' mein Haupt eine Wasserquelle\" (Frau V. und\nHerr Koch), das darauf folgende Recitativ der israelitischen\nJungfrau: „Ja, mit unsern Augen werden wir schauen\",\ngleichfalls von Frau V. gesungen wurde. Frau V. hat eine\numfangreiche, sonore Sopranstimme, gleich wohlthuend in\nallen Registern, und sang die Arie der Chamital: „Du Heuch-\nler\", mit Kraft, Feuer und dennoch schönem Tone. Die\nBefangenheit in der ersten Arie: „Der Herr verstösst nicht\newiglich\", entschuldigen wir gern. Das Duett mit Herrn\nKoch wurde ganz vorzüglich gesungen, und war der Ein-\ndruck auf das Publicum unverkennbar. Frau Oe. hat eine\nganz vorzügliche Altstimme, markig und wohlklingend, und\nbedauerten wir nur, dass uns bloss der Genuss der Arie:\n„Der Herr erhält, die da fallen\", von ihr zu Theil\nwurde. Möchten uns die beiden Damen nur recht bald\nwieder Gelegenheit geben, uns an ihrem Gesänge zu\nerfreuen. Herr Scholl sang seine grosse und schwere\nPartie mit einer schönen Baritonstimme, mit Ausdruck und\nzur Befriedigung der Anwesenden. Möge er sich bemühen,"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "294", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540916-01.1.6", "texte": "eine bessere Aussprache zu erlangen, dann werden sich\nauch die Gaumentöne, die nur mehr oder weniger ihren\nUrsprung in der mangelhaften Aussprache haben, bald\nverlieren.\nWenn wir Herrn Koch zuletzt nennen, so geschieht es\ndesshalb, weil wir es hier mit einem Künstler zu thun ha-\nben, der zum ersten Male das Publicum unserer Stadt durch\nseine herrliche Stimme und seinen vortrefflichen Gesang er-\nfreute. Herr Koch hatte die Partieen des Zedekia und des\nAchicam übernommen, und wenn der Kenner bei den Re-\ncitativen neben dem charakteristischen Ausdruck und der\ntrefflichen Declamalion auch besonders die künstlerische\nSicherheit bewundern musste, da dieselben, namentlich das\ndes Achicam: „Sprach er nicht zu den Vätern\", nicht zum\nBesten vom Orchester begleitet wurden, so war es interes-\nsant, bei den Vorträgen der übrigen melodischen Solostücke\nzu beobachten, wie das Publicum immer mehr und mehr\nvon seinem Gesänge gefesselt und am Ende zu einer sol-\nchen Begeisterung hingerissen wurde, dass es nach der Arie\ndes Achicam: „Du wirst ja dran gedenken\", in einen so\nrauschenden und anhaltenden Applaus ausbrach, wie wir\nihn bei Oratorien-Aufrührungen noch nie gehört haben.\nAm Schlüsse, nachdem allen Mitwirkenden gebührende\nbeifällige Anerkennung gezollt, wurde Herrn Engels für\ndie treffliche Leitung des Ganzen Hervorruf und von Seiten\ndes Orchesters ein wohlverdienter Tusch zu Theil. Herr\nEngels dirigirte mit Festigkeit und Energie; wir wollen ihn\nnur daran erinnern, dass, wenn den Dirigenten Fehler oder\nAuslassungen einzelner Instrumente auch verdriessen, es\ndoch zur Directorial-Klugheit gehört, diese dem Publicum\nnicht bemerkbar und vernehmlich zu machen. Durch seinen\nEifer und seine Thätigkeit ist ein recht reges musicalisches\nLeben hier wach geworden, und geben wir uns der Hoff-\nnung hin, dass er bei vorkommenden Fällen auch die äus-\nsere Unterstützung finden wird, die Mülheim so reichlich\ngewähren kann. Durch das herrliche Wetter begünstigt,\nhatten sich aus der ganzen Umgegend Zuhörer eingefunden,\nso dass der Saal nicht alle fassen konnte und die Garten-\nräume gleichfalls gefüllt waren; die Zahl derselben betrug\nsicher an 700. Die Erwartungen wurden weit übertroffen,\nwas die lebhaften Beifallsspenden bewiesen, und der Erfolg\nrief den laut ausgesprochenen Wunsch hervor, recht bald\nwieder die Aufführung eines so herrlichen Werkes, wie\ndiese Meisterschöpfung Hiller's, zu erleben. Der musicali-\nsche Sinn regt sich gewaltig, möge er feste Wurzeln schla-\ngen und zu immer schönerer Blüthe sich entfalten! Weil\nich weiss, wie sehr Sie an der wachsenden Verbreitung\nder Wirkung der Tonkunst durch classische Werke in der\nBheinprovinz Theil nehmen, sende ich Ihnen diese Zeilen\nzu und bin überzeugt, dass es Sie, wie immer, auch dieses\nMal freut, dass die Muse der Tonkunst sich ein neues Ter-\nrain für die Anregung zu musicalischem Sinn und Ge-\nschmack erobert hat.\nMülheim a. d. Ruhr, den 7. September 1854.\n\nw.\n\nAus Brüssel.\n\n(Schluss. S. Nr. 36.)\nKufferaths Privat-Quartett-Cirkel hat bis in den Sommer\nhinein fortgedauert und das Interesse, das er seit seinem Bestehen\nerweckte, besonders in der letzten Zeit erhöht. Ausser den Quar-\ntetten unserer guten Meister hörten wir unter Anderem von neuen\nSchöpfungen zwei, die aus ganz entgegengesetzten Gründen eine\nErwähnung verdienen: eines von Ihrem talentvollen jungen Max\nBruch, das, ohne Vorbereitung zur vollkommenen Zufriedenheit\ndes anwesenden Componisten ausgeführt, sowohl durch seine fri-\nschen, lebendigen Melodieen, als durch seine künstlerische Bearbei-\ntung sehr beifällig aufgenommen wurde; ein anderes von Lim-\nnander, einem belgischen Opern-Componisten, aus welchem wir\nIhnen nachfolgende Stelle anführen und uns dadurch weiterer An-\ndeutungen überhoben glauben.\nUnnöthig zu bemerken, dass Spieler und Zuhörer durch ähnliche\nnaive Wendungen und stiefmütterliche Ideen in eine heitere Stim-\nmung versetzt wurden.\nVon Herrn Bruch hörten wir noch eine Sonate lür Piano\nund A ioline, die uns noch mehr zusagte, als sein Quartett.\nUnter den fremden Künstlern, die wir in diesen Vereinigungen\nkennen lernten, finden wir Glinka, der sich in Russland einen"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "295", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540916-01.1.7", "texte": "Ruf als Opern-Componist erworben hat und bekanntlich dort als\neine musicalische Autorität gilt. Kufferath und Damke liessen uns\ndessen zu vier Händen arrangirte Ouvertüre über russische\nVolks-Melodieen hören, ein sehr originelles und geistreiches Werk.\nLiszt, der, mit Rubin stein von Rotterdam kommend, Brüs-\nsel auf ein paar Tage besuchte, gab in diesem engeren Kreise\nvielfache Gelegenheit, seine gränzenlose Virtuosität und seine ge-\nniale Individualität zu bewundern. Er spielte uns ausser seiner hier\nzur Mode gewordenen Phantasie „Les Patineurs\", die wir, nachdem\nwir sie von Schülern und Meistern zum Ueberdruss genossen,\neigentlich jetzt zum ersten Male hörten, ein grosses Concert für\nPiano allein, das der riesenhaften Schwierigkeiten wegen wohl nur\ndurch Liszt selbst zur gehörigen Geltung gebracht werden kann.\nEine neue Etüde in Des-dur, sehr interessant, ist recht geeignet,\ndie feinen Nuancirungen seines mannigfachen Anschlags und seinen\nseelenvollen Vortrag hervor zu heben. Mit grosser Bereitwilligkeit\ngewährte Liszt unseren Wunsch, uns sein Arrangement der neun-\nten Sinfonie von Beethoven für zwei Piano's hören zu las-\nsen, wobei Rubinstein (der ihn, den grössten Pianisten, der lei-\nder als solcher der Oeffentlichkeit entsagt hat, wohl am ersten und\nrühmlichsten zu ersetzen berufen sein dürfte) die Gefälligkeit hatte,\ndie zweite Partie zu übernehmen. Das Arrangement gibt die Or-\nchester-Effecte treu und so vollkommen, als es sich vom Piano er-\nwarten lässt, wieder und zeigt neben der grössten Gewissenhaftig-\nkeit eine geniale Gewandtheit in der Bearbeitung. Wirklich Un-\nglaubliches leistete Liszt aber, wie wir vernommen haben, indem er\nein grosses Ciavier-Concert von Kufferath, das eben erst\naus der Feder kam, correct und mit Bravour a vista spielte, ohne\ndasselbe auch nur durchgeblättert zu haben. Bei den Schwierig-\nkeiten, mit denen namentlich der letzte Satz reichlich versehen ist,\nund bei dem feurigen Tempo, in welchem er gespielt worden sein\nsoll, würden wir eine solche Notenfresserei verzeihen Sie diesen\nübrigens ganz bezeichnenden Ausdruck für unmöglich erklären,\nwenn sie uns nicht von zuverlässigen Augenzeugen berichtet wor-\nden wäre. Wir glauben die gelungene Ausführung guten Theils\ndem Interesse, das Liszt an der Composition fand und das wir\nvollkommen theilen, zuschreiben zu müssen, und vernehmen mit\nVergnügen, dass dieses Werk in Kurzem erscheinen wird.\nFräulein Bochkoltz-Falconi, herzogliche Hof-Opern-Sängerin\nin Coburg, war auf ihrer Durchreise von London nach dem Rheine\nfreundlich genug, uns mit einigen Vorträgen zu erfreuen. Sie hat\nin der Zeit, die sie von hier entfernt war, eine höchst seltene\nTechnik erreicht und behandelt ihre schöne, sonore Stimme mit\neiner Leichtigkeit, die wir damals vermissten und selbst für ein nie\nzu lösendes Problem hielten. Es verlautet, dass sie im Laufe des\nWinters hier in der Oper auftreten wird.\nIn Betreff öffentlicher Vorträge von Virtuosen einiger Bedeu-\ntung haben wir nur des Fräul. Rosa Kastner zu erwähnen, die\nin dem Saale der Philharmonie ihr zweites Concert gab. Das\nB-dur-Trio von Beethoven schien uns eine unglückliche Wahl, da\nder Saal zu gross für Kammermusik ist. Neben diesem Trio und\neinem Capriccio von Mendelssohn (E-moll) bestand das Programm\naus Slücken, die entweder dem Geschmacke der Künstlerin oder\naber der Meinung, die sie von dem hiesigen Publicum hat, nicht\ngünstig anzurechnen sind. Die Ausführung liess jedoch nichts zu\nwünschen übrig und die junge, viel versprechende Künstlerin ver-\ndient überhaupt Empfehlung.\nWir haben noch eine Matinee des Herrn Lemmens, die er\neinem vermittels Einladungen vereinigten Publicum gab, zu be-\nsprechen, und welche uns in so fern bemerkenswerth erscheint, als\nHerr Fetis nach Beendigung der Vorträge das Wort nahm, um den\nAnwesenden zu erklären, wie gross Herr Lemmens eigentlich sei,\nund wie nur er „der grösste Clavierspieler unserer Zeit\" die\nWerke der grossen Meister würdig aufzufassen und wiederzuge-\nben verstehe. Nach Fetis übertrifft Lemmens selbst die Meister\n(wir sprechen von Mozart, Beethoven, Weber u. s. w.), indem er\n„durch seine Auffassung, durch seinen eigentümlichen Accent de-\nren grandiose Conceptionen erweitert und ihnen eine höhere Weihe\nverleiht\"! Dergleichen Lobhudeleien sind hier an der Tagesord-\nnung; so erzählt man sich ä propos davon, dass Herr Fetis nach\nAusführung des Mendelssohn'schcn G-mo/Z-Concertes durch Mad.\nPleyel erklärt haben soll, eine solche Ausführung sei weit verdienst-\nvoller, als die Schöpfung des Werkes selbst! Wir müssen gestehen,\ndass Herr Fetis sein Vorhaben, seinem Zöglinge Lemmens einen\nNamen zu machen, mit einer an Hartnäckigkeit gränzenden Stand-\nhaftigkeit verfolgt. Vor zwei Jahren stellte er ihn als den grössten\nComponisten für Orgel-Musik auf, was ihm damals bekanntlich sehr\nklar und gründlich widerlegt wurde. Heute erhebt er ihn zum\nersten Pianisten der Welt! Möge Herr Lemmens diesen, wenn\nnicht frühzeitigen, doch voreiligen Ruf zu verdienen suchen; beim\nStreben danach kann er nur gewinnen. *)\n\nS\n\nAus Kassel.\nDen 22. August 1854.\nDie Aufführung der Oper „Der Unbekannte\" von unserem\njungen Hof-Capellmeister J. J. Bott, zu welcher der Baritonist Bi-\nber hofer den Text lieferte und die zur Feier des Allerhöchsten\nGeburlsfestes Seiner Königlichen Hoheit des Kurfürsten in Scene\nging, fand eine enthusiastische Aufnahme mit mehrmaligem Hervor-\nruf des Componisten und des Dichters, so wie des ganzen mitwir-\nkenden Personals. Das Textbuch, nach dem Französischen verfasst,\nist mit ausserordentlicher Bühnenkenntniss behandelt, die Sprache\nblühend, die Situationen spannend und höchst effcctvoll.\nHaben wir uns auch von der Composition viel und Gediegenes\nversprochen, so ist dennoch unsere Erwartung übertroffen worden.\nDas Uebcrraschendste war uns, dass Bott schon bei diesem seinem\nersten grösseren Werke vollkommen selbstständig aufgetreten ist,\nkeine ängstliche Hinneigung zu irgend einem Meister, kein klein-\nliches Festhalten an beschränkten herkömmlichen Formen, kein Co-\nquettiren mit Gelehrsamkeit auf Kosten der Charakteristik nein,\nüberall Natürlichkeit und Wahrheit zeigt. Mit grosser Genugtuung\nfanden wir, dass ein grosser Melodieen-Reichthum, der leider den\nmeisten neueren Componisten mangelt, vorherrscht, dass sein Stil\nein edler, echt deutscher ist und dass der dramatische Effect von\nAct zu Act sich steigert.\nVon sichtlicher Liebe und Begeisterung waren sämmtliche Dar-\nstellende durchdrungen. Fräul. Bamberg (Therese), HerrSchloss\n(Francois), Herr Hochheim er (Perrot), Herr Curti (Jean), so\nwie Herr Biber hofer (Unbekannter) wetteiferten um die Palme\ndes Abends. Mit bewundernswerther Ausdauer lührte Herr Schloss\nseine überaus anstrengende Partie zu Ende und bewährte aufs\nneue den Sänger von Geschmack und musicalischer Bildung; Fräul.\nBamberg entfaltete alle Vorzüge, welche sie längst zum Liebling\ndes Publicums machten; Herr Hochheimer, dessen Rolle unstreitig\neine der sang- und dankbarsten Bass-Partieen ist, fand Gelegen-\nheit, seine imposanten Stimmmiltel recht zur Geltung zu bringen.\nDass Herr Biberhofer, abgesehen von seinen anerkannten Leistun-\ngen als Sänger, sich als vorzüglicher Schauspieler bewährte, können\nwir nicht unberührt lassen, so wie wir Herrn Balletmeister Am-\nbrogio für das ganz besonders gelungene Arrangement der gros-\nsen Ballet-Scene im zweiten Acte unseren Dank aussprechen.\nWir glauben mit Zuversicht, dieser Oper überall einen grossen\nErfolg versprechen zu dürfen.\n*) In der vor. Nummer lies in diesem Aufsatze Seite 287 in der\n2. Spalte, Zeile 10 von unten Soubre, statt Loubu."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "296", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540916-01.1.8", "texte": "Vom Genfer-See.\nH.\nVor einigen Tagen erhielt ich das Blatt Nr. 31 vom 5. August\ndieses Jahrgangs Ihrer geschätzten Zeitschrift, worin der Bericht\nüber das diesjährige helvetische Musik fest in Sitten stand.\nDie vorurtheilsvolle, unrichtige Darstellung dieses Festes in jenem\nArlikel lässt leicht den Parteigänger li. Wagncr's errathen oder\nvoraussetzen, dass der Berichtsteller beim Feste nicht anwesend\nwar. Vielleicht ist Beides zugleich der Fall. Ich halte es für meine\nPflicht, jene Nachricht zu beleuchten und Ihnen die Wahrheit über\ndas Fest in Sitten mitzutheilen, indem ich von Ihrer bekannten,\nallem Coteriewesen feindlichen Unparteilichkeit die Aufnahme mit\nSicherheit erwarten zu dürfen glaube*).\nVor Allem muss berichtigt werden, dass das Musikfest, einmal\nin Sitten angenommen, vom dortigen Comitc, obwohl unter Schwciss\nund Mühe, mit anerkennenswerthem Eifer organisirt worden ist\nund nie „am Ersticken\" war. Das mitwirkende Personal war frei-\nlich nicht so voll besetzt, als bei ähnlicher Gelegenheit in anderen\nHauptstädten der Schweiz; jedoch war ein ebenmässiges Vcrhält-\nniss da, und das Orchester und das Chor-Personal weder „gebrech-\nlich44 noch „mangelhaft44. Meist Künstler von Fach standen im Or-\nchester; sogar die Violinen waren genügend besetzt, so dass B.\nWagner mit seiner clcktrisirendcn Leitung eine sehr gelungene Auf-\nführung zu Stande gebracht haben würde, wenn er nicht wegge-\nlaufen wäre. Man muss übrigens Wagner die „Flucht aus Sitten44\nnicht so hoch anrechnen, da die meisten Mitwirkenden sie sehr\ngleichgültig hinnahmen.\nHerr Methfessel aus Bern lös'tc die Aufgabe als Dirigent\nsehr befriedigend, wiewohl er freilich für die Instrumental-Werke,\nz. B. die siebente Sinfonie von Beethoven, die C-dur-Sinfonie von\nGade und Weber's Eurvanthe-Ouverture, gar nicht vorbereitet war,\nda Herr Wagner die Direction derselben bestimmt übernommen\nhatte und sie mit einer Bücksichtslosigkeit aufgab, welche auch im\nLeben von ähnlicher Selbstüberhebung zeugt, wie sie seine Schriften\nbekunden. Im grossen Concerte wurde der Lobgesang von Mendels-\nsohn am besten aufgeführt. Orchester, Soli und Chöre gingen treff-\nlich, mit Präcision und Feuer. Fräul. Kiefer aus Bern (Sopran),\nFräul. Bordorf aus Zürich (Alt), die Herren Dubouret und Marcillac\n(Tenöre) und Herr Künzer aus Vivis (Bass) sangen die Solo-Partieen\nrecht brav. Diese Aufführung liess einen lebendigen, nachhaltigen\nEindruck auf das walliser Publicum und die Mitwirkenden zurück;\nsoriiit war der Zweck, den diese helvetischen Musikfeste haben sol-\nlen, erreicht. Nicht sonderlich gefiel die Nacht-Hymne von Neukomm,\nwas an der Einförmigkeit dieses Werkes lag.\nIm kleinen Concert (2. Tag) kamen die Solisten an die Beihe.\nFrl. Bordorf sang auf ergreifende W7eise die berühmte Arie von\nStradella, Frl. Kiefer die ganz nach Mozart'schcr Art geschriebene\nArie „Ali, perßdo\" von Beethoven. Diese junge Sängerin hat eine\nklangvolle Stimme, singt frisch und keck in die Welt hinein, ohne\ngerade schon tief in die Kunst eingedrungen zu sein. Herr A.\nKoella, Musik-Dircctor in Lausanne, spielte das Violin-Concert von\nMendelssohn meisterlich, mit feinem und edlem Vortrag, und ärntete\ndamit allgemeinen Beifall. Ein Concertino für Posaune von F.David\nwurde mit Sicherheit und Bravour von Herrn Thiele aus Bern\nvorgetragen.\nHöchst anerkennungswerth war, dass die kaum ins Leben getre-\ntenen walliser Vereine mit so vieler Reinheit, Präcision und Wärme\nsangen. Etwa 30 Sängerinnen und Sänger, Mitglieder zweier Vereine\naus Lausanne, der seit mehreren Jahren von Herrn Koella gestif-\ntet und geleitet, wirkten wacker am Feste mit. Genf war schwach\nvertreten, hat jedoch verlangt, dass nächstes Jahr das helvetische\nMusikfest dort Statt finde.\nDas musicalische Treiben und Streben am Genfer-Sce wird be-\nsonders in Lausanne und Umgebung seit einigen Jahren immer re-\nger, besonders in Hinsicht der Yocal-Musik. Mehrere kirchliche\nAufführungen, worin Thcile aus den vier Jahreszeiten von Haydn\nund aus Elias von Mendelssohn gegeben wurden, fanden unter der\nLeitung des Herrn Koella Statt und waren sehr besucht. Neben\nden Bestrebungen des genannten Künstlers gibt sich ein junger,\ntüchtiger Pianist, L. Mooser, Enkel des berühmten Orgelbauers\naus Freiburg, viele Mühe, den Boden der Dilettanten-Welt mit clas-\nsischer Musik zu bepflanzen, und führt sein Vorhaben mit Festigkeit\nund Ausdauer durch. So Gott will, wird in Lausanne die nothwen-\ndige Musik-Reformation mit Geduld und Kraft zu Stande gebracht\nund die deutsche Musik einheimisch gemacht werden.\nSchliesslich kann ich Ihnen noch von erfreulichen Symptomen\nin dem Entstehen von Männergesang-Vereinen in den verschiede-\nnen Ortschaften des Cantons Waadt melden. Schon das zweite Can-\ntonal-Gesangfest wurde in Lausanne in der grossen, im rein gothi-\nschen Stil gebauten Kathedrale abgehalten, woran sich mehr als\nzwölf Gesang-Vereine betheiligt haben.\nW7ir hatten die Notiz einem Berichte in der Südd. Musik-\nZeitung auszugsweise entnommen, wie die Angabe der\nQuelle zeigt, und die Verantwortlichkeit für den Inhalt durch\n„soll44 und „wie gemeldet wird44 von uns abgewiesen.\nDie Redaction.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nliößn. Unser Männergesang-Verein, der überall auf\ndem Platze ist, wenn es gilt, seinen Sinnspruch: „Durch das Schöne\nstets das Gute44, zu verwirklichen, gab am 10. September ein Mor-\ngen-Concert zum Besten der Ueberschwemmten in Schlesien. W7ie-\nwohl er nicht ganz vollzählig war, so wurde doch mit grosser Fri-\nsche und herrlicher Tontülle gesungen. Auch hörten wir mit Ver*-\ngnügen ausser den zwei bewährten Solo-Tenören, den Herren Pütz\nund Klein, in dem GrcH'schen „Lorber und Rose44, noch zwei an-\ndere Solisten aus der Mitte des Vereins, einen Tenor und einen\nBariton, welche, mit recht hübschen Stimmmitteln versehen, durch\neifriges Studium auch bald sich einen kunstmässigen Vortrag an-\neignen werden.\nUnser Stadttheater hat bereits drei Opern-Vorstellungen ge-\ngeben, den Barbier von Sevilla, die Martha und die Lucia alles\nwahrscheinlich aus Debuts-Rücksichtcn. Da indess das Personal\nnoch nicht vollständig aufgetreten ist, so wollen wir unser Urtheil\nnoch zurückhalten und hoffen, dass die Direction das Beste bis zu-\nletzt aufgespart haben wird. Fräulein Pepita de Oliva hat zwei\nMal getanzt und auch die Vorstellung zum Besten der Ueber-\nschwemmten mit Bereitwilligkeit unterstützt, was den besten Dank\nverdient. Sie ist eine höchst reizende Erscheinung, schön, anmuthig\nund voll Leben und Feuer, und ihr Tanz, der doch einen gewissen\nGeist und Charakter hat, ist uns hundertmal lieber, als die Pirouet-\nten der pariser Drechselpuppen."}]}