{"numero_id": "bm-bmtnabi-1854-09-30-01", "volume": "bmtnabi_1854-09-30_01", "ocr_sha256": "9db367c46c3de7532638635e7f3033e59a660980e62544a74b458e6bbb65fd4a", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1854/09/30_01/bmtnabi_1854-09-30_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540930-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1854-09-30-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-09-30_01#c001", "volume": "bmtnabi_1854-09-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "305", "page_fin": "308", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540930-01.2.1", "titre_corps": "Die Orgeln und das Orchestrion von Merklin-Schütze nebst Bemerkungen über die Kirchenmusik in Spanien.", "titre_sommaire": "Die Orgeln und das Orchestrion von Merklin-Schütze nebst Bemerkungen über die Kirchenmusik in Spanien.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "305", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540930-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3553, "texte": "Die Orgeln und das Orchestrion von Merklin-Schütze\nnebst\nBemerkungen über die Kirchenmusik in Spanien.\nII.\nDiejenige Orgel, welche den Ruf der Merklin'schen\nWerkstatt hauptsächlich begründete, steht in der Bartho-\nlomäuskirche zu Lüttich in Belgien. Es ist ein ganz vor-\nzügliches Werk. Gegenwärtig befinden sich unter vielen\nanderen z. B. acht Werken lür America besonders\nzwei in Arbeit, welche die Aufmerksamkeit der Kunstfreunde\nverdienen. Die eine ist vom Erzbischof von Paris lür die\nKirche der heiligen Eugenia in Paris bestellt; wir hoffen\nspäterhin nach eigener Anschauung und Prüfung darüber zu\nsprechen, da sie noch in diesem Jahre fertig wird und die\nHerren Merklin-Schütze & Comp, jetzt einen Saal von 60\nFuss Höhe bauen, in welchem sie alle von ihnen gebauten\nOrgeln vor der Ablieferung nach dem Bestimmungsorte\nzuvor vollständig aufstellen werden.\nDie zweite ist wohl das grösste Werk, welches in un-\nserer Zeit im Fache des Instrumentenbaues zu Tage geför-\ndert wird; es wird vielleicht nur von der kolossalen Orgel\nin der St. Georgshalle in Liverpool in England über-\ntroffen, welche wir im Juni dieses Jahres in theilweiser Auf-\nstellung gesehen haben und die, wie wir vernehmen, gegen-\nwärtig vollendet und zum ersten Male bei der Einweihung\njener Prachthalle in der dritten Woche des September\ngebraucht worden ist, worüber uns bereits ein ausführ-\nlicher Bericht vorliegt, den wir nächstens mittheilen werden.\nDie Merklin'sche Orgel, welche dieser von dem Englander\nWillis erbauten, an Grösse nahe kommt, ist für die Ka-\nthedrale von Murcia in Spanien bestimmt.\nDas Innere dieses berühmten Domes wurde vor eini-\ngen Jahren durch einen grossen Brand verheert; der Bi-\nschof von Carthagena und das Dom-Capitel von Murcia be-\nschlossen, dasselbe aufs prachtvollste wieder herstellen und\nzugleich ein Orgelwerk bauen zu lassen, welches eine wür-\ndige Zierde der Kirche sei. Wegen des letzteren wandten\nsie sich an Herrn Hilarion Eslava, Capellmeister der\nKirchenmusik der Königin in Madrid, den ausgezeichnetsten\nder jetzt lebenden Kirchen-Componisten in Spanien*). Die-\nser bereis'te im Auftrage der genannten Geistlichen Frank-\nreich, England, Deutschland, Holland und Belgien, um\nüberall die neuesten Orgelwerke kennen zu lernen und\nnach dieser Prüfung denjenigen Orgelbauer vorzuschlagen,\nden er am tüchtigsten für den Bau des projectirten Werkes\nhielte. Eslava entschied sich nach Anhörung und Prüfung\nder oben erwähnten Orgel zu Lüttich lür Merklin-Schütze\nin Brüssel. Herr Merklin wurde nach Spanien berufen und\nist von da vor einigen Monaten mit dem Auftrage zurück-\ngekehrt, die Orgel für die Kathedrale von Murcia nach der\nvon ihm und dem Capellmeister Eslava gemeinschaftlich\nentworfenen Disposition zu bauen.\nDiese Disposition ist folgende:\nErstes Manual (Positiv).\n1. Principal 8 Fuss.\n2. Viola di Gamba 8 „\n3. Querflöte 8\n4. Bourdon 8 „\n5. Flauto dolce 4 „\n6. Prestant 4 „\n7. Flageolet 2 „\nJeux de Combinaison**).\n8. Cornet 4 Fuss.\n9. Bass-Clarinette 16 .\n77\n10. Grosse Trompete 8 „\n11. Sanfte Trompete 8 „\n12. Clairon 4 „\nDie drei letzten im Gesicht.\nZweites Manual (Hauptwerk).\n1. Principal im Gesicht 16 Fuss.\n2. Bourdon . . . . • 16 „ •,\n\nK\n*) Vergl. Niederrheinische Musik-Zeitung, 11. Jahrg.,\nNr. 18, vom 6. Mai 1854, wo dessen Sammjung von Kirchen-\nCompositionen spanischer Tonsetzer besprochen worden ist.\n**) Die Jeux de Combinaison sind diejenigen Stimmen, welche\nder Spieler mittels der Pedales de Combinaison (Pedaltritte\nüber der Claviatur des freien Pedals) nach Willkür absperren\noder mitwirken lassen kann."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "306", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540930-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3215, "texte": "3. Principal 8 Fuss.\n4. Bourdon 8 „\n5. Salicional 8 „\n6. Viola di Gamba 8 „\n7. Grosse Flöte 8 „\n8. Ueberblasende Flöte {F 4 „\nJeux de Combi\n9. Prestant 4 Fuss.?\n10. Doubletie 4 „\n11. Mixtur (Fourniture progressive) . . 3 „\n12. Cornet von fünf Pfeifen 8 „\n13. Trompette Celeste 8 „\n14. Clarinette 8 „\n15. Clairon 4 „\n16. Ophicleide und Horn 8 „\nDrittes Manual (Bombarde).\n1. Bourdon 16 Fuss.\n2. Octave 8 „\n3. Flüte harmonique 8 „\n4. Bourdon 8 „\n5. Fugara 8 „\n6. j Flüte octaviante 4 „\n7. Prestant 4 „\nJe ux de Combinaison.\n8. Nazard 3 Fuss.\n9. Mixtur . . . 3 „\n10. Bombarde 16 „\n11. Trompet-Bombarde ........ 8 „\n12. Trompette harmonique 8 „\n13. Clairon harmonique 4 „\nViertes Manual (Echo-Clavier).\n1. Flute harmonique 8 Fuss.\n2. Di deiana 8 „\n3. Bourdon 8 „\n4. Voix Celeste ■ 8 „\n5. Echo-Flöte ...... 4 „\n6. Vox humana 8 „\nJeux de Combi\n7. Schalmei 8 Fuss.\n8. Cornet von vier Pfeifen 8 „\n9. Sanfte Trompete 8 „\n10. Englisches Horn und Hoboe ... 8 „\n11. Clairon 4 „\nFreies Pedal von 27 Tasten.\n1. Grundbass, offen .32 Fuss.\n2. Subbass 16 »\n3. Grundbass , 16 „\n4. Bourdon . 16 Fuss.\n5. Flöte 8 „\n6. Violoncello . 8 „\n7. Fagott 16 „\nJe ux de Combinaison.\n8. Bornbarde 32 Fuss.\n9. dito 16 „\n10. Trompete 8 „\n11. Clairon 4 „\nDer Koppel-Register sind sieben lur erstes und zweites\nManual, zweites und drittes, drittes und viertes, zweites\nund viertes; erstes Manual und Pedal, zweites Manual und\nPedal, drittes Manual und Pedal.\nFerner sieben Pedales de (bei dieser Be-\nnennung hat Pedale die Bedeutung, wie beim Pianoforte,\nnämlich nicht „Orgel-Pedal\", sondern „Tritt\") und ein\nPedale d'expression zur Bewirkung des Crescendo und Di-\nminuendo.\nDie eigenthümliche Bauart der Kathedrale von Murcia\nmacht zwei Prospecte nöthig. Die Kathedrale besteht\nnämlich aus zwei an einander gebauten Kirchen. Durch\nden Haupt-Eingang tritt man in die erste, welche eine\nlängliche Rotunde mit hochgewölbter Kuppel bildet; der\nAltar befindet sich der Hauptthür gegenüber. Der längste\nDurchmesser geht durch die Breite, von Norden nach Sü-\nden, nicht durch die Tiefe der Rotunde. Hinter dem Altar\nbildet eine etwa vierundzwanzig Fuss hohe Mauer die\nScheidewand zwischen der ersten und zweiten Kirche, und\nin dieser Mauer sind zu beiden Seiten des Altars grosse\nPortale, durch welche man in die zweite Kirche tritt. Diese\nist in reinem Spitzbogen-Stil gebaut, mit Langschiff und\nQuerschiff, nur dass in der Mitte des letzteren sich ein\nThurm erhebt, wie bei der Kathedrale von York und an-\nderen gothischen Domen in England.\nAul'jener Mauer, welche die beiden Kirchen trennt,\nstand die frühere Orgel, und auch die neue kommt dort\nzu stehen, so dass sie nach zwei Seiten Front macht, die\ngegen den Haupt-Eingang der runden, die\nHinter-Fagade gegen den Altar der gothischen Kirche ge-\nwendet. Die Claviaturen befinden sich auf der hinteren\nSeite, d. h. in der gothischen Kirche. Der Stil der Gehäuse\nist gothisch, und sie werden, nach den ausgezeichnet schö-\nnen Zeichnungen zu urtheilen, die wir gesehen haben,\neinen prächtigen Anblick gewähren. Die Haupt-Fagade wird\n50 Fuss hoch mit 307 Pfeifen (die grössten von 18 Fuss\nHöhe) im Prospect; die hintere erhält 134 Pfeifen im Ge-\nsicht. Eine eigenthümliche Einrichtung der Prospectpfeifen,"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "307", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540930-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5110, "texte": "welche in den spanischen Kirchen sehr häufig vorkommt,\nwird auch hier angewandt werden. Während nämlich die\nProspectpfeifen gewöhnlich alle senkrecht stehen, treten\nunter dem Grundgestell derselben die Pfeifen einiger Stim-\nmen, besonders der Trompeten, wage recht aus dem Ge-\nhäuse heraus, und ihre Mündungen sind trichterförmig, wie\ndie Stürzen der wirklichen Trompeten und Posaunen, nach\nder Kirche zu geöffnet. Das ganze Werk wird 4000\nPfeifen haben.\nNach den Mittheilungen des Herrn Merklin enthalten\ndie Kirchen und Klöster in Spanien nicht nur einen\nReichthum an Orgeln, von welchem wir gar keine Vorstel-\nlung haben, sondern es befinden sich unter ihnen auch\nWerke von imposanter Grösse und Kraft, die von der frü-\nheren Blüthe des Orgelbaues in Spanien und von einer\nwahren Verschwendung von Geldmitteln dafür Zeugniss\ngeben. Die Orgel in der königlichen Schloss-Capelle zu\nM adrid, wo Herr Albiniz Organist und Herr Eslava\nCapellmeister ist, ein Wrerk mit drei Manualen und Pedal,\nist in Bezug auf die Arbeit der Mechanik die beste,\nwelche er in Spanien gesehen. Das Grossartigste, was sich\nin dieser Art finden dürfte, bietet die Kathedrale von\nToledo dar, jener berühmte Dom in der Residenz des\nErzbischofes von Toledo, des Primas der spanischen Geist-\nlichkeit, der früherhin ein Einkommen von 300,000 Du-\ncaten hatte. In diesem gothischen Dome befinden sich 8,\nsage acht Orgeln, nämlich drei grosse in der Hauptkirche\nund fünf kleinere von 10—12 Stimmen in den Seiten-\nCapellen. Die zwei Hauptorgeln sind im erzbischöfiichen\nChor zu beiden Seiten des Altars zwischen den Pfeilern\ndes Hauptschiffes angebracht und haben jede zwei Pro-\nspecte, den einen nach dem Chorraum, den anderen nach\ndem Umgang um das Chor gewendet. Sie stehen sich ge-\nrade gegenüber, die grösste, mit 114 Registern, links, die\nandere, ebenfalls stimmenreiche, rechts, und diese letztere\nhat den schönsten Ton. Die dritte grosse Orgel füllt die\nSüdwand des Querschiffes und hat das Merkwürdige, dass\ndas Gehäuse und die Fa?ade nicht von Holz, sondern von\nStein sind. Was den Klang und die Wirkung der Stimmen\nbetrifft, so findet man in den spanischen Orgeln nicht die vollen\nund schönen Grundstimmen der deutschen Werke; es ist\nmehr Sorgfalt auf die Zungenstimmen verwendet, so wie\ndies auch bei den Orgeln in Frankreich und in Italien der\nFall ist. Dass aber von diesen Registern viele zu scharf\nund schreiend sind, lässt sich nicht läugnen.\nDie bedeutenden Orgelwerke, welche Spanien besitzt,\nlassen vermuthen, dass in früheren Jahrhunderten dort\nauch das Orgelspiel ganz anders cultivirt worden sein mag,\nals heutzutage. Sichere Nachrichten über bedeutende Or-\nganisten hat man zwar nicht; allein es lässt sich doch nicht\nwohl denken, dass man so gewaltige und so theure Werke\nausgeführt habe, ohne Leute zu kennen, die sie auch zu\nbehandeln verständen. Auch spricht zu Gunsten unserer\nVermuthung die Ueberlieferung eines alten Programms,\ndas die Forderungen enthält, welche für die Erlangung der\nStelle eines Organisten in dem Dome zu Toledo gemacht\nwurden. Da wird unter anderen die Aufgabe gestellt, eine\nvierstimmige Fuge über ein gegebenes Thema zu schreiben\nund darein die Choralweise einer Antiphone zu verweben;\nferner eine vierstimmige Motette, deren Schluss ein vier-\nstimmiger Canon auf Amen sei, zu componiren u. s. w.\nAm Ende werden noch allerlei Arten von freien Phanta-\nsieen über ein bestimmtes Thema mit Canons, Fugen und\nUmkehrungen verlangt. Das Spasshafte bei der Sache ist,\ndass noch im Jahre 1850 dasselbe Programm Behufs einer\nBewerbung um eine erledigte Organisten-Stelle in Toledo be-\nkannt gemacht wurde. Da aber eben so wenig jemand da\nwar, der das Richteramt übernehmen konnte, als einer,\nder mit dem doppelten Contrapunkt so vertraut gewesen\nwäre, um sich an die Lösung jener Aufgaben zu wagen,\nso wurde die Stelle durch die geistliche Behörde demjeni-\ngen ertheilt? dessen Spiel den Herren am besten gefiel, und\nbeide Theile, Examinandus und Examinatoren, abstrahirten\nmit Freuden von den übrigen Forderungen.\nEs mag nun mit der Vergangenheit sein, wie ihm\nwolle, so viel ist gewiss, dass die gegenwärtigen Organi-\nsten, mit sehr wenigen Ausnahmen, unter aller Kritik sind.\nMan kann sich nichts Geschmackloseres, Unzusammenhan-\ngenderes, Trivialeres und Gemeineres denken, als das Zeug,\ndas diese Leute spielen.\nDer Choralgesang hat in Spanien noch ärgere Verder-\nbung erfahren, als in den übrigen Ländern Europa's; er\nist so verunstaltet, dass er wie die schlechteste italienische\nRecitativ-Musik klingt. Der Serwelcher in Frankreich\neine so abscheuliche Rolle in der Kirche spielt, erklingt je-\ndoch nicht dazu, wohl aber ein anderes Blas-Instrument,\nBajon genannt, das maurischen Ursprungs ist und einen\nangenehmen und kräftigen Ton hat, welcher mehr dem\nKlange einer Bass-Clarinette, als des Fagotts gleicht.\nWas die eigentliche Kirchenmusik betrifft, so ist es\nbekannt, dass sie in den vorigen Jahrhunderten seit 1500\nauch in Spanien einen fruchtbaren Boden gefunden hatte.\nNoch bis zur Hälfte des achtzehnten hin finden wir tüchtige\nComponisten, und die Archive der Kirchen und Klöster"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "308", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540930-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3531, "texte": "liegen voll von Compositionen, welche, besonders die aus\nder älteren Zeit, eigenthümliche Formen zeigen und schon\nvor Palestrina einen einfacheren und feierlich melodiöseren\nStil athmen, als die Musik der niederländischen Zeitgenos-\nsen. Die meisten Sachen sind für zwei Chöre geschrieben;\ndie schönsten sind in der Regel die Todtenmessen, Lamen-\ntationen, die Busspsalmen und Motetten für die Charwoche.\nHier und da werden bei den Funciones der Charwoche\nnoch jene älteren Gesänge gehört, und ihr ergreifender\nEindruck ist selbst durch die höchst mittelmässige Ausfüh-\nrung nicht zu vertilgen. Aber diejenigen Kirchen, welche\ndiese Musik wenigstens alle Jahr einmal wieder hervorho-\nlen, machen eine seltene Ausnahme; in alle übrigen ist der\nschlechteste italienische Opernstil eingedrungen, und die\ngeistliche Musik ist im Allgemeinen in Spanien auf eine\n°räss]iche Weise entartet.\nVon den älteren Componisten, deren Reihe mit An-\ntonio Fevin (um 1514) beginnt und berühmte Namen, wie\nBartolomeo Escobedo, Vasquez, Morales, Thoma Luis de\nVittoria, Torrentes u. s. w., aufweis't, ist Vieles gedruckt\nund auch in Deutschland wenigstens den Musikgelehrten\nbekannt; allein von den spanischen Kirchen-Componisten\ndes achtzehnten Jahrhunderts sind kaum die Namen über\ndie Pyrenäen gedrungen, geschweige denn ihre Werke,\nund doch sollen diese gar sehr der Beachtung' werth sein.\nUnter ihnen verdienen Bernard in o Ribera, Joa-\nquin Nebra und besonders Soler ausgezeichnet zu wer-\nden. Von den beiden ersten liegen eine Menge von Com-\npositionen in den Kirchen-Archiven zu Madrid, namentlich\nin dem der königlichen Capelle, darunter ein achtstimmiges\nRequiem von Nebra besonders gerühmt wird. Soler's Ma-\nnuskripte werden im Kloster Escurial aufbewahrt, und zwar\nso gut, dass man grosse Mühe hat, sie zu Gesicht zu be-\nkommen. In Partitur sind nur einige Werke vorhanden,\ndie meisten muss man aus den Stimmeu zusammenlesen.\nEr ist 1730 geboren, war Hieronymiter-Mönch und Ca-\npellnceister im Escurial und gehört nach dem Urtheil derer,\nwelchen die Einsicht in die Manuscripte vergönnt worden,\noder die zu fällig eine seiner Compositionen gehört haben,\nzu den originellsten Tonsetzern Spaniens. Er war auch\ntheoretischer Schriftsteller über sein Fach.\nDer letzte Componist der spanischen Schule ist\nDoyague gewesen, welcher die Revolution zu Anfang\nunseres Jahrhunderts und den Krieg gegen Napoleon noch\nerlebt hat. Die Aufhebung und Zerstörung der Klöster\nrichtete die Kirchenmusik vollends zu Grunde. Die Haupt-\nInstitute für die Tonkunst waren im Kloster Montserrat\nbei Barcelona und im Kloster Escurial; aus ihnen sind fast\nalle spanischen Componisten hervorgegangen, und wenn\nman selbst gegenwärtig noch einige Spuren der alten Tra-\ndition und Lehre und des reinen Geschmacks findet, so\nmuss man sie bei den Geistlichen suchen, keineswegs bei\nden Musikern von Fach. Hilarion Eslava, der jetzige\nCapellmeister der Königin, von dem oben die Rede war,\nist ebenfalls Priester; in seinen Compositionen zeigt er\nzwar Talent und gründliches Wissen, allein er hat doch\ndem Zeitgeschmack seiner Landsleute, der das Theatrali-\nsche in der Kirche begünstigt, gar grosse Concessionen\ngemacht.\nDas so genannte Conservatorium in Madrid leistet\nnichts, was der Rede werth wäre, und beschränkt sich\ndarauf, der italiänischen Oper Choristen und dem Orchester\nmittelmässige Violinisten zuzuführen. Das Fortepiano findet\nauch da noch die besten Lehrer und Schüler; mit der Cul-\ntur der Bogen-Instrumente sieht es aber in ganz Spanien\nsehr schlecht aus."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-09-30-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-09-30_01#c002", "volume": "bmtnabi_1854-09-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "308", "page_fin": "309", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540930-01.2.2", "titre_corps": "Der Abbé Santini in Rom.", "titre_sommaire": "Der Abbé Santini in Rom.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "308", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540930-01.1.4", "debut_caractere": 3533, "fin_caractere_exclue": 4876, "texte": "Der Abbé Santini in Rom.\nDieser berühmte Sammler der Compositionen alter\nMeister hat in dem Russen Wladimir S t a s s o ff einen\nBiographen gefunden, der zugleich einen Auszug aus dem\nKatalog der überaus reichhaltigen musicalischen Bibliothek\ndesselben veröffentlicht hat. Jedoch ist das Wort „veröf-\nfentlicht\" nicht in eigentlicher Bedeutung zu nehmen, da\nnur eine kleine Anzahl von Exemplaren der gedachten Bro-\nschüre für musicalische Institute und Freunde des Verfas-\nsers, der sich seit 1851 in Italien aufhält, gedruckt und\ndas Werkchen nicht in den Buchhandel gegeben ist. Es\nist dem Fürsten Gregor Wolkonsky gewidmet.\nDer Abbe Santini ist den 5. Januar 1778 geboren\nund hat sich vom Jahre 1802 an bis auf den heutigen\nTag ans Sammeln von alter Musik gegeben, indem er alles,\nwas ihm der Aufbewahrung werth schien, aufstöberte, an-\nkaufte, abschrieb, ohne auf Vaterland oder Schule der\nComponisten zu sehen, wiewohl dennoch, was in den Le-\nbens-Verhältnissen desselben liegt, Italien den Vorzug hatte.\nEr machte zu diesem Zwecke gründliche musicalische Stu-\ndien, so dass er im Stande war, die zerstreuten Stimmen\nin den Kirchen-Bibliotheken und Chorbüchern zusammen-\nzuordnen und in Partitur zu schreiben, wozu bekanntlich\neine vollkommene Kenntniss der alten Notation und eine\nvertraute Bekanntschaft mit dem Stil und Geist der alten"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "309", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540930-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2195, "texte": "Kirchen-Componisten gehört, indem die blosse Sicherheit\nim Contrapunkt und in der Harmonie keineswegs aus-\nreicht, um die alten Documente der Tonkunst richtig zu\nentziffern und zu rhythmisiren. Dass dazu noch eine fabel-\nhafte Geduld und ein eiserner Fleiss, wie ihn nur die lei-\ndenschaftliehe Vorliebe für irgend eine besondere Beschäf-\ntigung erzeugen kann, kommen mussten, versteht sich\nÖ o O\nvon selbst.\nSantini stand mit den bedeutendsten Vertretern der-\nselben Richtung der musicalischen Kunst in Deutschland\nund Frankreich in beständigem Briefwechsel, z. B. mit\nThibaut in Heidelberg, Winterfeld in Berlin, Kiesewetter\nin Breslau, Zelter in Berlin, Choron in Paris u. s. w. Seit\n1838 hielt er viele Jahre lang, besonders in der Fasten-\nzeit, regelmässige musicalische Versammlungen, in welchen\ndie Sänger der päpstlichen Capelle und die ausgezeichnet-\nsten Dilettanten von Rom mitwirkten. Deutsche Musiker,\nwie Cramer, Liszt, Hiller, begleiteten oft am Pianoforte und\ntrugen auch Clavier-Compositionen von Scarlatti, Bach und\nAnderen vor.\nEr war auch selbst Componist, schrieb aber nur Kir-\nchenmusik, worin er den Stil der älteren Meister allein zum\nMuster nahm. Manche seiner Compositionen sind in vielen\nKirchen in Italien als stehend lür gewisse Feiertage einge-\niührt. Er ist auch Ehren-Mitglied der berliner Sing-Aka-\ndemie, lür die er ein zweichöriges Motetto geschrieben\nhat, welches Zelter in seinen Briefen an Göthe sehr rühmt\nund das mit grossem und allgemeinem Erfolg häufig\nin Berlin aufgeführt wurde. Auch lür das Mozarteum zu\nSalzburg, zu dessen Mitglied er im Jahre 1844 ernannt\nwurde, hat er einige Stücke componirt, welche grossen Bei-\nfall fanden. Die Gesellschaft der heiligen Cäcilia in Rom\nhatte ihm schon früher den Titel und das Recht\nzuerkannt, in jeder Kirche, so oft er wollte, die geistliche\nMusik zu dirigiren.\nDer Katalog der Santini'schen Sammlung enthält die\nWerke von mehr als siebenhundert italiänischen Compo-\nnisten, von denen die meisten nur handschriftlich vorhanden\nsind. Dazu kommt eine zahllose Menge gedruckter Werke\nvon deutschen, niederländischen und französischen Compo-\nnisten. Sein Biograph gibt davon einen Auszug, welcher\n25 Seiten füllt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-09-30-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-09-30_01#c003", "volume": "bmtnabi_1854-09-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "309", "page_fin": "310", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540930-01.2.3", "titre_corps": "Aus Berlin.", "titre_sommaire": "Aus Berlin.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "309", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540930-01.1.5", "debut_caractere": 2197, "fin_caractere_exclue": 4995, "texte": "Aus Berlin.\nDie Aufführung des Fidelio am Montag den 25.\nSeptember erhielt durch das Wiederauftreten von Fräulein\nWagner einen besonderen Reiz. Die Trägerin der Haupt-\nrolle und das Meisterwerk selbst wirkten gemeinschaftlich,\ndem Abend ein volles Haus zu verschaffen. Die berühmte\nKünstlerin durfte auf einen freundlichen Empfang rechnen;\ndenn was sie im Laufe der letzten Jahre der hiesigen Bühne\nan Einfluss und Glanz zugewendet, ist von grosser Bedeu-\ntung und sichert ihr einen festen Platz in dem Gedächtniss\naller Kunstfreunde. Leider aber können wir von dem Stand-\npunkte eines unbefangenen Beurtheilers ihr erstes Auftreten\nnicht als ein so günstiges bezeichnen, wie wir gern möch-\nten. Wenn wir schon früher den eigenthümlichen Werth\nder Künstlerin mehr in diejenigen Eigenschaften setzten,\ndie sie als Künstlerin schlechthin und nicht als Sängerin\nauszeichnen; wenn wir daraufhinwiesen, dass ein Ueber-\nschreiten der natürlichen Mittel ihres Organs mit der Zeit\nsich rächen müsse selbst durch Einbusse dessen, was an\nder Stimme ursprünglich schön und eigenthümlich fesselnd\nerschien; wenn wir endlich zu einer Beschränkung des Re-\npertoires riethen, damit das erhalten bliebe, was naturge-\nmäss erhalten werden konnte: so fanden wir jetzt nur\nzu sehr, dass jene Vermuthungen und Befürchtungen ein-\ngetroffen und dass wir heute mit einer Wiederholung un-\nserer Rathschläge vielleicht zu spät kommen. Fräul. Wagner\nhätte sich auf Rollen, die für einen eigentlichen Sopran ge-\nschrieben sind, so sehr sie auch in dramatischer Beziehung\nihrem Naturel zusagen mochten, niemals einlassen sollen.\nDie Region, in welcher der eigentliche Sopran seinen vollen\nGlanz entfaltet, schliesst ihre natürlichen Mittel ab, und es\ngelingt ihr nur das, was darunter, Einzelnes, was darüber\nliegt. Die Töne von d bis g in der zweigestrichenen Octave\nertragen kaum mehr eine künstliche Bildung, und es erfüllt\nden Hörer mit Angst und Besorgniss, wenn die Melodie,\nwas ja nicht selten geschieht, sich in diesem Tongebiete\nbewegt. Der Ton schlägt vollständig um, oder er schwankt,\noder er nimmt bei der Intonation einen so beängstigenden\nVorlaut an, dass er nicht nur allen Reiz verliert, sondern\ndas Gepräge des Krankhaften erhält. Wo es irgend angeht,\nsucht die Künstlerin diesen Eindruck zu schwächen, indem\nsie mehrere Töne, die auf verschiedene Worte fallen, mit\neinem Worte verbindet oder mit ihrer seltenen Kunst des\nSpiels und mit dramatischer Färbung die Melodie ausstattet.\nDie wirksamen und unter den Zuhörern zündenden Mo-\nmente lagen im zweiten Acte, und zwar in dem Melodram\nvor und nach dem Duett mit Florestan. Was hier durch\ndas volltönende Organ im Sprechtone, durch die meister-\nhafte Haltung im Spiel zuwege gebracht wurde, war in der\nThat von ausserordentlicher Wirkung. Fast gab die Künst-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "310", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540930-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3187, "texte": "lerin zu viel des Guten; der unmittelbare Erguss des Ge-\nfühls trat aber so bedeutend, der Ausdruck in den Mienen\nso überwältigend hervor, dass wir darin die höchste Bega-\nbung für die dramatische Kunst von Neuem erkannten, und\ndie Zuhörer, nach ziemlich ruhigem Verlauf bis zu dieser\nScene hin, dem Eindruck auch einen lebhaften Ausdruck\nverliehen. Wie indess der Fidelio eine Oper ist, die ihre\nentschiedensten musicalischen Forderungen stellt, selbst\nwenn wir gern zugeben, dass manches Unsangbare, unter\nAnderem auch das Schluss-Duett, darin enthalten ist, so\nwollen diese doch auch zu ihrer Geltung gelangen; es soll\nund muss darin klingen der Liebe Lust und Schmerz, in\ndem Adagio der grossen Arie, in dem Duett des ersten,\nim Terzett des zweiten Actes ohne alle und jede dramati-\nsche Action, ohne alle Unterstützung des Orchesters, rein\naus sich selbst durch den Wohllaut der Stimme. Dies ist\nder Eindruck der Rolle auf uns. Möglich, dass er zum Theil\nauch in Zufälligkeiten begründet lag, zumal das erste Auf-\ntreten der Künstlerin schon vor acht Tagen auf Hindernisse\nstiess. Im Wesentlichen aber dürfte das Gesagte auch in\nspäteren Leistungen seine Bestätigung finden. Nichts desto\nweniger bleibt Fräul. Wagner eine Künstlerin, deren be-\ndeutendes Talent für die Bühne in vollem Maasse nutzbar\nzu machen ist, wenn es an richtiger Stelle verwendet wird.\nDie weitere Besetz-ung der Oper hatte keine Veränderun-\ngen erfahren.\nEine Neuigkeit ist der Versuch, Schiiler's Turandot\nwieder auf die Bühne zu bringen, was am 23. September\nmit prachtvoller Ausstattung und Besetzung durch das\nBeste, was wir jetzt hier im Schauspiel-Personale haben,\ngeschah. Das merkwürdige Product Schillers ist zuerst im\nJahre 1802 auf der hiesigen Bühne gegeben worden. Ge-\ngenwärtig ist die Musik von Vincenz Lachner hinzuge-\nkommen. Sie enthält manches Schöne, aber von dem Cha-\nrakter des Stückes, den Schiller selbst deutlich genug durch\nden Titel: „Ein tragi-komisches Märchen in fünf Acten\nnach Gozzi\", bezeichnet, hat die Lachner'sche Musik nur\ndas „tragi\" berücksichtigt und das Wort in Tönen ausge-\nschrieben; sie nimmt die Sache zu ernsthaft, tritt zu ge-\nwichtig auf und verdirbt dadurch den Spass. Wenn dieser\nSpass nun auch ein classischer ist, bei welchem das Publi-\ncum meistenteils nur in derselben Weise lacht, wie die\nProfessoren der Philologie über einen Witz des Plautus\noder Terenz, so kann es ihm doch unmöglich günstig sein,\nwenn ihn die Musik noch breiter tritt.\nHerr Dr. Hopfe hatte in Verein mit dem Janson'-\nschen Männergesang-Verein, der einige Lieder mit Ausdruck\nvortrug, ein Concert zum Besten der Schlesier veranstaltet,\nworin er uns meist Compositionen von sich hören liess. Es\nist lobenswerth, dass er seine grosse Liebe zur Kunst durch\nden fleissigsten Verfolg einer ernsten Richtung bekundet;\ndenn wer heutzutage ein Octett, Sextett, Quintett für Or-\nchester-Instrumente schreibt, der muss eine edle Entsagung\nbesitzen: einen Verleger derselben wird er schwerlich fin-\nden. Seine Compositionen sind mehr ehrenwerth als interes-\nsant und irgendwie zündend; es scheint nicht, dass das\nTalent der Erfindung mit der aufopfernden Neigung zur\nKunst Schritt halten könne."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-09-30-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-09-30_01#c004", "volume": "bmtnabi_1854-09-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "310", "page_fin": "312", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540930-01.2.4", "titre_corps": "Aus Prag.", "titre_sommaire": "Aus Prag.", "signature_source": "p", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "310", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540930-01.1.6", "debut_caractere": 3189, "fin_caractere_exclue": 5895, "texte": "Aus Prag.\n\nMitte September 1854.\nSchon beginnen die Schwalben nach dem wärmeren Süden\nihren Flug zu lenken, und mit ihnen schwinden nach und nach\ndie dunklen Schatten, die wahrend der „todfen Saison\" auf dem\nmusicalischen Leben unserer Stadt lagen. Allerdings haben wir bis\njetzt noch keine Concertc wenn wir nicht ein schon einmal ab-\ngesagtes und nun zum zweiten Male angekündigtes Concert eines\nCytherschlägers (Herrn Schanck aus,.Paris\") rechnen wollen —, auch\ngeht unsere Oper noch immer, so wie überall, ihren sommerlichen\nGang fort; aber schon lüften sich die Schleier der Zukunft der\nin liefen Sommerschlaf versunkene Concert-Besucher erwacht all-\ngemach, und durch seinen leisen Morgenschlummer ziehen nebel-\nhafte Traumgestalten der majestätischen göttlichen Schöpfungen\nBcethoven's und der süssen Elfentändeleien Mendelssohn's. Auch\nBach und YV agner, Haydn. Berlioz, Mozart, Schumann u.s.w. sind\nvertreten in dem imposanten Zuge, der sich hoch auf rosigen Wol-\nken feierlich langsam fortbewegt, während drunten auf der Erde\nim bunten Knäuel ein Heer von Instituten und Künstlern: Conser-\nvatorium, Evers, Laub, Sophien-Akademie, Cäcilien-Verein, Drey-\nschock, Köckert, Tonkünstler-Verein, Goltermann, Ander, Steger\nu. s. w., um den Tag zum Concert kämpfen in heisser Schlacht.\n(Man sagt, dass der iraum oft eine Wiederholung des Vorhererleb-\nten sei.) Doch Scherz bei Seite! Was unsere Oper anbelangt, so\nsteht uns sehr Bedeutendes für die nächste Winter-Saison bevor;\"\nausser mehreren neu einstudirten vor der Hand auch drei neue\nOpern, „Tannhäuser\", „j\\ordstern\" und „Columbus\" (von unserem\nCapellmeister Fr. Scraup). Die erstere ist bereits ausgetheilt, und\ndürften die Proben demnächst beginnen. Sie können Sich denken,\nwie man hier darauf gespannt ist, da schon die Ouvertüre, der\nEinzug der Sänger und Gäste, ja, sogar ein Fragment aus Lohen-\ngrin, im vorigen Jahre in Concerten aufgeführt, Enthusiasmus er-\nregten, und daraus ersehen, dass Wagner hier ein äusserst günstiges\nTerrain findet und der Tannhäuser gewiss grossen Beifall zu er-\nwarten hat, vorausgesetzt, dass er gut in Scene geht, was wir hof-\nfen wollen.\nEinige interessante Gäste in der Oper hatten wir im Laufe des\nSommers. Erstens den Bariton Beck vom k. k. Hof-Opern-Theater\nin Wien, den Sie ja selbst als vorzüglich kennen gelernt haben\nwerden, wesshalb ich mich eines Urthcils über ihn getrost enthal-\nten kann. Dann Frau Herrmann-Czi 11 ag, Gattin des bekannten\nEscamoteurs, eben daher, die vier Mal auftrat (Valentine,\nFides zwei Mal). Wir lernten in ihr eine Sängerin kennen, die im\nBesitze einer sehr umfangreichen, in den unteren Begistern klang-\nvollen, voluminösen und wohlgeschulten Stimme ist, welche sie auch"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "311", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540930-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7884, "texte": "zu gewissen Effecten gut zu benutzen versteht. Namentlich wurden\nwir manchmal durch die Breite ihres Vortrags in der Verbindung\nder tieferen Intervalle an die Ueppigkeit des herrlichen Organs der\nAlboni erinnert. Indess sind wir der Meinung, dass diese Künstle-\nrin von Hause aus nur auf Alt-Partieen angewiesen ist denn es\nerschienen uns alle Töne, die über das zweigestrichene oder\nhinausgingen, gepresst und gezwungen, gegen die Natur der Stimme\ndurch allerlei Nothbchelfe hervorgebracht, besonders bei freiem An-\nsätze und der festen Ueberzeugung, dass durch ein fortwähren-\ndes widernatürliches Indiehöheschrauben des schönen Materials, wie\nes Frau Herrmann-Czillag zu lieben scheint, in kurzer Zeit der\nRuin der eigentlichen natürlichen Stimme herbeigeführt werden\nmuss, und das wäre wirklich ein bedeutender Verlust; denn, wie\ngesagt, die Föne des Alt-Registers sind von einer Fülle, Kraft und\ndoch zugleich Anmuth, wie sie uns lange nicht vorgekommen, wess-\nhalb selbstverständlich die tiefer gelegenen Stellen im Romeo oder\nz. ß. der D-Salz im Duett mit Marceil, 3. Act der Hugenotten, bei\nWeitem mehi- effectuiren mussten, als die höher gelegenen, z. R.\nim Duett mit Raoul im 4. Act. Dazu kommt noch, dass uns Frau\nHerrmann-Czillag die gewisse Leidenschaftlichkeit des Ausdrucks\nvermissen liess, sowohl in musicalischer als dramatischer Reziehung,\nwie wir sie bei der V alentine unserer L. Meyer gewohnt sind. Je-\ndoch sind wir jedenfalls der Direction Dank schuldig, uns diese in-\nteressante Gastin vorgeführt zu haben, wenn uns auch ihre Vor-\nzüge nicht vollständig für ihre Mängel entschädigen konnten.\nAuch Sieger gab mehrere Gastrollen, konnte aber durchaus\nnicht mehr so auf die Zuhörer wirken, wie früher während seines\nhiesigen Engagements; denn seine prachtvolle Stimme von ehedem,\ndie ihres Gleichen weit und breit suchen musste, hat gewaltig ab-\ngenommen, entsetzlich verloren, und so ist jetzt nicht viel mehr\nübrig als einige Trümmer einstiger Grösse und die totale künst-\nlerische Impotenz, welche man früher wohl durch den unendlichen Reiz\nund die Macht seiner kolossalen Stimme einiger Maassen vergessen\nkonnte, die aber jetzt gar zu grell hervortritt und durch das immer-\nwährende Forciren nichts weniger als besser gemacht wird. Nament-\nlich stellte er unsere musicalische Geduld auf eine harte Probe mit\nder Wahl des ersten Actes der Vestalin zu seinem Benefice, wel-\ncher früher schon hei Gelegenheit eines Festspieles zu Ehren der\nAnwesenheit der beiden österreichischen Majestäten mit verstärktem\nOrchester und Chor (sämmtliche Solisten wirkten mit) vortrefflich\ngegeben wurde. Der Licinius ist eine der grössten und schwierig-\nsten Aufgaben für einen Tenor und wurde darum auch von seinem\nfrüheren Repräsentanten, dem jüngst engagirten Herrn Lukes,\nnicht gleich gut in allen seinen Theilen, aber jedenfalls um Vieles\nbesser als von Steger gegeben.\nAusserdem hatten wir noch eine Menge auf Engagement abzie-\nlende Gastspiele von Altistinnen (an Stelle des abgegangenen Fräul.\nJanda), die aber alle mehr oder weniger verunglückten. Die letzte\nund beste war Fräul. B. Engst, aber auch sie konnte nicht durch-\ngreifen und dürfte wohl schwerlich engagirt werden. Auch ihre\neinst so herrliche Stimme ist dahin und auffallender Weise weni-\nger in der oberen und unteren, als in der Mittel-Lage, wo sie aber\nauch total gebrochen ist, so dass das Fräulein nicht mehr im Stande\nist, eine Terz zu verbinden, zumal nach abwärts. Ueberhaupt hat\ndie Direction in letzter Zeit Unglück mit ihren Sängerinnen gehabt,\ndenn kaum war Fräul. Schröder, damals weniger unentbehrlich,\nweil sie ein besseres Engagement gefunden, entlassen worden, als\nauch schon Fräul. Wagner erkrankte und demnächst einen längeren\nUrlaub antreten muss, so dass jetzt nur noch (abgesehen von den\nlünf Gastinnen, die erwartet werden) die Coloratur-Sängerin Fräul.\nv. Bracht und die dramatische, Fräul. L. Meyer, übrig bleibt. Diese\nist nun der Rettungs-Anker, an den sich Direction und Publicum\nanklammern, und wahrlich nicht mit Unrecht; denn es ist diese\nDame (die mit sehr bedeutenden Opfern für das Institut gewonnen\nwurde) eine äusserst befähigte Künstlerin, im Besitze eines voll-\ntönenden, kräftigen und doch geschmeidigen Soprans, der bis zum\ndreigestrichenen d und e reicht, einer vortrefflichen Schule, durch\ndie sie sehr gut zu ersetzen versteht, was ihr die Natur an Kraft\nder tiefen Töne und an zufälliger Kehlengeläufigkeit (was übrigens\nauch bei einer so dicken Stimme, wie sie diese Dame hat, nicht\nder Fall sein kann) versagt hat; dabei ist sie voll Feuer und Lei-\ndenschaft, sowohl im dramatischen als sanglichen Theile ihrer\nPartie, was alles nur noch gewinnen muss durch ihre anziehende\njugendliche Erscheinung und den Geschmack in ihrer Toilette.\nFräul. L. Meyer ist die Perle unserer Oper, und wir wollen hoffen\nund wünschen, dass es der Direction gelingt, sie auch für die Zu-\nkunft zu fesseln. Natürlich, dass sich bei so bewandten Umständen\ndas Fräulein der grössten Aufmerksamkeit von Seiten des Publi-\ncums zu erfreuen hat, welche sie beim jedesmaligen ersten Erschei-\nnen mit freudigen Zurufen begrüsst und überall, wo es nur mög-\nlich, mit Applaus und Hervorrufen, was oft 4—5 Mal an einem\nAbend vorkommt, auszeichnet. Nicht minder aber wird Fräul. L.\nMeyer das Lob der hiesigen Kritiker zu Theil, mit Ausnahme eines\neinzigen, der aber wahrlich nicht den Namen eines solchen ver-\ndient, denn er hat sein Urlheil offenbar auf Willkürlichkeiten und\nconvcntionelle Bestimmungen basirt und tadelt nur immer und im-\nmer ohne objective l.rsache aus persönlicher Gehässigkeit und der-\ngleichen Motiven. Hat er doch oft genug öffentlich ausgesprochen:\n„Ich will ihr beweisen, dass man sie zu Grunde richten kann!\"\nund \\ci„isst dabei, wie es scheint, was er früher, in einer noch\nnicht feindlichen Stimmung, für Urtheile abgab, und wie er sich\ndadurch selbst öffentlich compromittirt und Lügen straft*). Und\nmerkwürdiger Weise correspondirt dieser Kritikaster immer noch\nfür zwei respectable auswärtige Blätter, den „Wiener Humorist\"\nund die „Hamburger Theater-Chronik\", die er seit einiger Zeit mit\nwahrhaft empörenden Schmäh-Artikeln gegen diese Künstlerin be-\nschickt, ohne dass die Redactionen derselben auf deren Unwahrheit\naufmerksam würden. Das aber kann nicht mehr lange ausbleiben;\ndenn jetzt schon haben sich in einer norddeutschen Theater-Zeitung\nStimmen aus dem Publicum geltend gemacht, die sich des Fräuleins\nannehmen, deren künstlerischer Name absichtlich und systematisch\nuntergraben werden soll, von dem Grundsatze ausgehend, dass\n„Alles, was vor die Oeffentlichkeit tritt, dem Richterspruche des\n\n*) Wir erlauben uns, aufmerksam zu machen auf Nr. 13 des\n„Salon\" d. J., worin derselbe Referent von Fräul. L. Meyer\nsaSt: Kehlengeläufigkeit ist bedeutend und zeigt sich in\nder brillanten Exequirung der Coloratur-Stellen\" ;oder auf\nNr. 15, bei Gelegenheit der „Jessonda\", wo die Worte stehen:\n„Neben der, wie bemerkt, trefflichen Singweise entfaltet Fräul.\nMeyer ein unvergleichlich schönes, von edler plastischer Tour-\nnure getragenes Spiel und wusste das Publicum oft durch\nall ihre reizenden Kunstmittel zum unwillkürlichen Beifall\nhinzureissen\"; ferner auf Nr. 18 (Hugenotten), wo er sagt:\n„Fräul. Mcver dominiit, wie schon gesagt, mit ihrem wohlge-\nschulten Stimmfond und trefflicher Ausdrucksweise vollständig\ndie lyrischen und declamatorischen Gesangstellen\"; ferner:\ndass die Momente der leidenschaftlichen Expectorationen\nder dramatischen Aufgabe, getragen von einem durchdachten,\naus der selbstbewussten Auffassung hervorgehenden Spiele,\nder idealen Grossartigkeit nahe genug gerückt wurden, um\nzu stürmischer Anerkennung hinzureissen\"; ferner: der\nSuccess des Duelts im vierten Acte, worin Fräul. Meyer alle\nVorzüge ihrer geistreichen Darstellungs- und Singweise im\nschönsten Lichte erscheinen liess\". Eben so auf Nr. 22 37\n43, 51 u. s. w. u. s. w."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "312", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540930-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1874, "texte": "Publicums unterliegt, wesshalb es nicht nur die Leistung eines\nKünstlers, sondern auch das Urtheil eines Berichterstatters ist, in\nso fern es in die Oeffentlichkeit übergeht, über das gerichtet wer-\nden wird und muss; und eben so wie es Pflicht eines jeden Kunst-\nfreundes und jedes ehrlichen Kunstblattes ist, gegen den Missbrauch\nder Kunst zu protestiren, eben so ist es ihre Pflicht, dem Miss-\nbrauch der Presse der Kunst gegenüber —zu steuern\"; und\neben so stimmen wir vollkommen damit überein, wenn sie weiter-\nhin sagen: „Es sollte das Bewusstsein menschlicher Unvollkommen-\nheit, und dass das Vollendetste nur im Ideal zu suchen ist, den\nKritiker in seinem Urtheile über menschliche Schöpfungen bestim-\nmen, eher zu nachsichtig als zu streng zu sein; schon um seiner\nselbst willen, um des Genusses willen, den die Kunst bereitet, sollte\ner seinem Urtheil eine gewisse Gränze stecken, die nie und nim-\nmer zu überschreiten ist. Auch Fräul. L. Meyer hat, wie Jeder,\nihre Fehler, und wir sind keineswegs taub und blind dagegen; aber\nbei einer so sehr überwiegenden Zahl von Vorzügen kann man\nwohl leicht, wenn man es überhaupt will, die Mängel vergessen.\"\nEs dürfte Ihnen und Ihren Lesern der oben erzählte Fall als\nein interessantes Stück „Geschichte der Kunstkritik\" erscheinen,\nund darum schon habe ich die Facta hier angeführt, abgesehen\ndavon, dass Sie ja auch stets mit Ihrer ehrlichen künstlerischen\nTendenz offen und frei für die Kunst in die Schranken treten.\nAlex. Dreyschock, der in Teplitz ein Concert gab, ist wie-\nder zurückgekehrt. Auch F. Laub war hier auf Urlaub (er ist be-\nkanntlich in Weimar engagirt) und ist während dieser Zeit in den\nEhestands-Hafen eingelaufen. vlloffentlich wird er desshalb sein Le-\nbensschiff oder das seines Kunstlebens nicht abtakeln und vermo-\ndern lassen —es wäre jammerschade um sein grosses Talent als\nViolinspieler!\n\np."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-09-30-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-09-30_01#c005", "volume": "bmtnabi_1854-09-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "312", "page_fin": "312", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540930-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "312", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540930-01.1.8", "debut_caractere": 1876, "fin_caractere_exclue": 4952, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nIltiln. Karl Formes hat in dieser Woche hier drei Gast-\ndarstellungen gegeben, den Marcel in den Hugenotten, den Ber-\ntram im Robert und den Sarastro in der Zauberflöte, und, wie\nzu erwarten war, bei stets überfülltem Hause und mit ungeheurem\nErfolg. Der grosse Künstler hatte Köln, seine zweite Vaterstadt,\nlange vernachlässigt doch kann er mit Pamina sagen: „Die\nSchuld lag nicht an mir!\" —; um so wärmeren Dank verdient es,\ndass er, um der Theater-Direction und seinen Freunden Wort zu\nhalten, am Freitag den 22. d. Mts. von Liverpool abreis'te, am\nMontag, Mittwoch und Donnerstag hier auftrat und am Donnerstag,\nunmittelbar nach der Vorstellung, abreis'te, um heute Sonnabends\nden 30. September schon wieder in Manchester zu singen! In\nLiverpool war durch eine grosse musicalische Festwoche die\nprachtvolle St. Georgshalle eingeweiht worden. Es wurden von\nOratorien aufgeführt: Der Messias, Der Elias, Die Schöpfung.\nUeber die Darstellungen von Formes auf der hiesigen Bühne be-\nhalten wir uns vor, ausführlicher in der nächsten Nummer zu be-\nrichten.\nBarmen* Mittwoch den 27. September gab Herr Musik-Di-\nrector Karl Bei necke im Saale der Concordia unter Mitwirkung\nder Liedertafel und der Herren Langenbach, Posse (1. und\n2. Violine) und Jäger (Violoncell) ein Concert zum Besten der\nUeberschwemmten in Schlesien. Die genannten drei Herren bilden\nmit Herrn Beinecke, der ein trefflicher Bratschenspieler ist, ein\nsehr gutesx Ensemble, dem wir, ausser manchen Genüssen im en-\ngeren Kreise der Soireen unseres Musik-Directors, an diesem Abend\neinen ganz vorzüglichen Vortrag des reizenden ZJ-efor-Quartetts von\nHaydn und des Quartetts Op. 34 von Reinecke für Piano und\nStreich-Instrumente verdankten. Letztere Composition wurde enthu-\nsiastisch aufgenommen jedem Satze folgte rauschender Beifall; die\nAusführung war aber auch vortrefflich, indem die oben genannten\nHerren mit wahrer Hingebung spielten und mit eben so richtigem\nVerständniss als Vortrag in die Intentionen des Componisten ein-\ngingen. Reinecke selbst spielte sowohl dieses Quartett als die Solo-\nstücke Notturno und Etüde von Chopin, Marcia giocosa von\nHiller so, dass man ihm anhörte, dass er mit ganzer Seele,\nmit so rechter Künstler-Lust und Liebe bei der Sache war. Der\nKlang des Erard'schen Flügels unter seinen Meisterhänden wurde\nallgemein gerühmt; es fand sich aber nachher, dass es ein Ibach'-\nscher war. Desto besser für die einheimische Industrie! Die Vor-\nträge der Liedertafel erhielten verdienten Beifall und verdienen\num so mehr Anerkennung, als der Verein nach einer beinahe halb-\njährigen Pause erst seit drei Monaten seine Uebungen wieder auf-\ngenommen hat.\nBerlin. Die Nachricht, dass Meyerbeer seinen Wohnsitz\nvon hier weg verlegen würde, ist irrig. Er ist von Spaa nach\nStuttgart gegangen, um dort der ersten Aufführung seines „Stern\ndes Nordens\" beizuwohnen.\nIn Bremen ist das Stadttheater mit Halevy's Jüdin (Fräul.\nLöwenstein) eröffnet wrorden.\nIn Paris wird in der Academie Imperiale die Oper „Santa\nChiara\" vom Herzoge Ernst von Coburg einstudirt."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "305", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540930-01.1.1", "texte": "Die Orgeln und das Orchestrion von Merklin-Schütze\nnebst\nBemerkungen über die Kirchenmusik in Spanien.\nII.\nDiejenige Orgel, welche den Ruf der Merklin'schen\nWerkstatt hauptsächlich begründete, steht in der Bartho-\nlomäuskirche zu Lüttich in Belgien. Es ist ein ganz vor-\nzügliches Werk. Gegenwärtig befinden sich unter vielen\nanderen z. B. acht Werken lür America besonders\nzwei in Arbeit, welche die Aufmerksamkeit der Kunstfreunde\nverdienen. Die eine ist vom Erzbischof von Paris lür die\nKirche der heiligen Eugenia in Paris bestellt; wir hoffen\nspäterhin nach eigener Anschauung und Prüfung darüber zu\nsprechen, da sie noch in diesem Jahre fertig wird und die\nHerren Merklin-Schütze & Comp, jetzt einen Saal von 60\nFuss Höhe bauen, in welchem sie alle von ihnen gebauten\nOrgeln vor der Ablieferung nach dem Bestimmungsorte\nzuvor vollständig aufstellen werden.\nDie zweite ist wohl das grösste Werk, welches in un-\nserer Zeit im Fache des Instrumentenbaues zu Tage geför-\ndert wird; es wird vielleicht nur von der kolossalen Orgel\nin der St. Georgshalle in Liverpool in England über-\ntroffen, welche wir im Juni dieses Jahres in theilweiser Auf-\nstellung gesehen haben und die, wie wir vernehmen, gegen-\nwärtig vollendet und zum ersten Male bei der Einweihung\njener Prachthalle in der dritten Woche des September\ngebraucht worden ist, worüber uns bereits ein ausführ-\nlicher Bericht vorliegt, den wir nächstens mittheilen werden.\nDie Merklin'sche Orgel, welche dieser von dem Englander\nWillis erbauten, an Grösse nahe kommt, ist für die Ka-\nthedrale von Murcia in Spanien bestimmt.\nDas Innere dieses berühmten Domes wurde vor eini-\ngen Jahren durch einen grossen Brand verheert; der Bi-\nschof von Carthagena und das Dom-Capitel von Murcia be-\nschlossen, dasselbe aufs prachtvollste wieder herstellen und\nzugleich ein Orgelwerk bauen zu lassen, welches eine wür-\ndige Zierde der Kirche sei. Wegen des letzteren wandten\nsie sich an Herrn Hilarion Eslava, Capellmeister der\nKirchenmusik der Königin in Madrid, den ausgezeichnetsten\nder jetzt lebenden Kirchen-Componisten in Spanien*). Die-\nser bereis'te im Auftrage der genannten Geistlichen Frank-\nreich, England, Deutschland, Holland und Belgien, um\nüberall die neuesten Orgelwerke kennen zu lernen und\nnach dieser Prüfung denjenigen Orgelbauer vorzuschlagen,\nden er am tüchtigsten für den Bau des projectirten Werkes\nhielte. Eslava entschied sich nach Anhörung und Prüfung\nder oben erwähnten Orgel zu Lüttich lür Merklin-Schütze\nin Brüssel. Herr Merklin wurde nach Spanien berufen und\nist von da vor einigen Monaten mit dem Auftrage zurück-\ngekehrt, die Orgel für die Kathedrale von Murcia nach der\nvon ihm und dem Capellmeister Eslava gemeinschaftlich\nentworfenen Disposition zu bauen.\nDiese Disposition ist folgende:\nErstes Manual (Positiv).\n1. Principal 8 Fuss.\n2. Viola di Gamba 8 „\n3. Querflöte 8\n4. Bourdon 8 „\n5. Flauto dolce 4 „\n6. Prestant 4 „\n7. Flageolet 2 „\nJeux de Combinaison**).\n8. Cornet 4 Fuss.\n9. Bass-Clarinette 16 .\n77\n10. Grosse Trompete 8 „\n11. Sanfte Trompete 8 „\n12. Clairon 4 „\nDie drei letzten im Gesicht.\nZweites Manual (Hauptwerk).\n1. Principal im Gesicht 16 Fuss.\n2. Bourdon . . . . • 16 „ •,\n\nK\n*) Vergl. Niederrheinische Musik-Zeitung, 11. Jahrg.,\nNr. 18, vom 6. Mai 1854, wo dessen Sammjung von Kirchen-\nCompositionen spanischer Tonsetzer besprochen worden ist.\n**) Die Jeux de Combinaison sind diejenigen Stimmen, welche\nder Spieler mittels der Pedales de Combinaison (Pedaltritte\nüber der Claviatur des freien Pedals) nach Willkür absperren\noder mitwirken lassen kann."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "306", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540930-01.1.2", "texte": "3. Principal 8 Fuss.\n4. Bourdon 8 „\n5. Salicional 8 „\n6. Viola di Gamba 8 „\n7. Grosse Flöte 8 „\n8. Ueberblasende Flöte {F 4 „\nJeux de Combi\n9. Prestant 4 Fuss.?\n10. Doubletie 4 „\n11. Mixtur (Fourniture progressive) . . 3 „\n12. Cornet von fünf Pfeifen 8 „\n13. Trompette Celeste 8 „\n14. Clarinette 8 „\n15. Clairon 4 „\n16. Ophicleide und Horn 8 „\nDrittes Manual (Bombarde).\n1. Bourdon 16 Fuss.\n2. Octave 8 „\n3. Flüte harmonique 8 „\n4. Bourdon 8 „\n5. Fugara 8 „\n6. j Flüte octaviante 4 „\n7. Prestant 4 „\nJe ux de Combinaison.\n8. Nazard 3 Fuss.\n9. Mixtur . . . 3 „\n10. Bombarde 16 „\n11. Trompet-Bombarde ........ 8 „\n12. Trompette harmonique 8 „\n13. Clairon harmonique 4 „\nViertes Manual (Echo-Clavier).\n1. Flute harmonique 8 Fuss.\n2. Di deiana 8 „\n3. Bourdon 8 „\n4. Voix Celeste ■ 8 „\n5. Echo-Flöte ...... 4 „\n6. Vox humana 8 „\nJeux de Combi\n7. Schalmei 8 Fuss.\n8. Cornet von vier Pfeifen 8 „\n9. Sanfte Trompete 8 „\n10. Englisches Horn und Hoboe ... 8 „\n11. Clairon 4 „\nFreies Pedal von 27 Tasten.\n1. Grundbass, offen .32 Fuss.\n2. Subbass 16 »\n3. Grundbass , 16 „\n4. Bourdon . 16 Fuss.\n5. Flöte 8 „\n6. Violoncello . 8 „\n7. Fagott 16 „\nJe ux de Combinaison.\n8. Bornbarde 32 Fuss.\n9. dito 16 „\n10. Trompete 8 „\n11. Clairon 4 „\nDer Koppel-Register sind sieben lur erstes und zweites\nManual, zweites und drittes, drittes und viertes, zweites\nund viertes; erstes Manual und Pedal, zweites Manual und\nPedal, drittes Manual und Pedal.\nFerner sieben Pedales de (bei dieser Be-\nnennung hat Pedale die Bedeutung, wie beim Pianoforte,\nnämlich nicht „Orgel-Pedal\", sondern „Tritt\") und ein\nPedale d'expression zur Bewirkung des Crescendo und Di-\nminuendo.\nDie eigenthümliche Bauart der Kathedrale von Murcia\nmacht zwei Prospecte nöthig. Die Kathedrale besteht\nnämlich aus zwei an einander gebauten Kirchen. Durch\nden Haupt-Eingang tritt man in die erste, welche eine\nlängliche Rotunde mit hochgewölbter Kuppel bildet; der\nAltar befindet sich der Hauptthür gegenüber. Der längste\nDurchmesser geht durch die Breite, von Norden nach Sü-\nden, nicht durch die Tiefe der Rotunde. Hinter dem Altar\nbildet eine etwa vierundzwanzig Fuss hohe Mauer die\nScheidewand zwischen der ersten und zweiten Kirche, und\nin dieser Mauer sind zu beiden Seiten des Altars grosse\nPortale, durch welche man in die zweite Kirche tritt. Diese\nist in reinem Spitzbogen-Stil gebaut, mit Langschiff und\nQuerschiff, nur dass in der Mitte des letzteren sich ein\nThurm erhebt, wie bei der Kathedrale von York und an-\nderen gothischen Domen in England.\nAul'jener Mauer, welche die beiden Kirchen trennt,\nstand die frühere Orgel, und auch die neue kommt dort\nzu stehen, so dass sie nach zwei Seiten Front macht, die\ngegen den Haupt-Eingang der runden, die\nHinter-Fagade gegen den Altar der gothischen Kirche ge-\nwendet. Die Claviaturen befinden sich auf der hinteren\nSeite, d. h. in der gothischen Kirche. Der Stil der Gehäuse\nist gothisch, und sie werden, nach den ausgezeichnet schö-\nnen Zeichnungen zu urtheilen, die wir gesehen haben,\neinen prächtigen Anblick gewähren. Die Haupt-Fagade wird\n50 Fuss hoch mit 307 Pfeifen (die grössten von 18 Fuss\nHöhe) im Prospect; die hintere erhält 134 Pfeifen im Ge-\nsicht. Eine eigenthümliche Einrichtung der Prospectpfeifen,"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "307", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540930-01.1.3", "texte": "welche in den spanischen Kirchen sehr häufig vorkommt,\nwird auch hier angewandt werden. Während nämlich die\nProspectpfeifen gewöhnlich alle senkrecht stehen, treten\nunter dem Grundgestell derselben die Pfeifen einiger Stim-\nmen, besonders der Trompeten, wage recht aus dem Ge-\nhäuse heraus, und ihre Mündungen sind trichterförmig, wie\ndie Stürzen der wirklichen Trompeten und Posaunen, nach\nder Kirche zu geöffnet. Das ganze Werk wird 4000\nPfeifen haben.\nNach den Mittheilungen des Herrn Merklin enthalten\ndie Kirchen und Klöster in Spanien nicht nur einen\nReichthum an Orgeln, von welchem wir gar keine Vorstel-\nlung haben, sondern es befinden sich unter ihnen auch\nWerke von imposanter Grösse und Kraft, die von der frü-\nheren Blüthe des Orgelbaues in Spanien und von einer\nwahren Verschwendung von Geldmitteln dafür Zeugniss\ngeben. Die Orgel in der königlichen Schloss-Capelle zu\nM adrid, wo Herr Albiniz Organist und Herr Eslava\nCapellmeister ist, ein Wrerk mit drei Manualen und Pedal,\nist in Bezug auf die Arbeit der Mechanik die beste,\nwelche er in Spanien gesehen. Das Grossartigste, was sich\nin dieser Art finden dürfte, bietet die Kathedrale von\nToledo dar, jener berühmte Dom in der Residenz des\nErzbischofes von Toledo, des Primas der spanischen Geist-\nlichkeit, der früherhin ein Einkommen von 300,000 Du-\ncaten hatte. In diesem gothischen Dome befinden sich 8,\nsage acht Orgeln, nämlich drei grosse in der Hauptkirche\nund fünf kleinere von 10—12 Stimmen in den Seiten-\nCapellen. Die zwei Hauptorgeln sind im erzbischöfiichen\nChor zu beiden Seiten des Altars zwischen den Pfeilern\ndes Hauptschiffes angebracht und haben jede zwei Pro-\nspecte, den einen nach dem Chorraum, den anderen nach\ndem Umgang um das Chor gewendet. Sie stehen sich ge-\nrade gegenüber, die grösste, mit 114 Registern, links, die\nandere, ebenfalls stimmenreiche, rechts, und diese letztere\nhat den schönsten Ton. Die dritte grosse Orgel füllt die\nSüdwand des Querschiffes und hat das Merkwürdige, dass\ndas Gehäuse und die Fa?ade nicht von Holz, sondern von\nStein sind. Was den Klang und die Wirkung der Stimmen\nbetrifft, so findet man in den spanischen Orgeln nicht die vollen\nund schönen Grundstimmen der deutschen Werke; es ist\nmehr Sorgfalt auf die Zungenstimmen verwendet, so wie\ndies auch bei den Orgeln in Frankreich und in Italien der\nFall ist. Dass aber von diesen Registern viele zu scharf\nund schreiend sind, lässt sich nicht läugnen.\nDie bedeutenden Orgelwerke, welche Spanien besitzt,\nlassen vermuthen, dass in früheren Jahrhunderten dort\nauch das Orgelspiel ganz anders cultivirt worden sein mag,\nals heutzutage. Sichere Nachrichten über bedeutende Or-\nganisten hat man zwar nicht; allein es lässt sich doch nicht\nwohl denken, dass man so gewaltige und so theure Werke\nausgeführt habe, ohne Leute zu kennen, die sie auch zu\nbehandeln verständen. Auch spricht zu Gunsten unserer\nVermuthung die Ueberlieferung eines alten Programms,\ndas die Forderungen enthält, welche für die Erlangung der\nStelle eines Organisten in dem Dome zu Toledo gemacht\nwurden. Da wird unter anderen die Aufgabe gestellt, eine\nvierstimmige Fuge über ein gegebenes Thema zu schreiben\nund darein die Choralweise einer Antiphone zu verweben;\nferner eine vierstimmige Motette, deren Schluss ein vier-\nstimmiger Canon auf Amen sei, zu componiren u. s. w.\nAm Ende werden noch allerlei Arten von freien Phanta-\nsieen über ein bestimmtes Thema mit Canons, Fugen und\nUmkehrungen verlangt. Das Spasshafte bei der Sache ist,\ndass noch im Jahre 1850 dasselbe Programm Behufs einer\nBewerbung um eine erledigte Organisten-Stelle in Toledo be-\nkannt gemacht wurde. Da aber eben so wenig jemand da\nwar, der das Richteramt übernehmen konnte, als einer,\nder mit dem doppelten Contrapunkt so vertraut gewesen\nwäre, um sich an die Lösung jener Aufgaben zu wagen,\nso wurde die Stelle durch die geistliche Behörde demjeni-\ngen ertheilt? dessen Spiel den Herren am besten gefiel, und\nbeide Theile, Examinandus und Examinatoren, abstrahirten\nmit Freuden von den übrigen Forderungen.\nEs mag nun mit der Vergangenheit sein, wie ihm\nwolle, so viel ist gewiss, dass die gegenwärtigen Organi-\nsten, mit sehr wenigen Ausnahmen, unter aller Kritik sind.\nMan kann sich nichts Geschmackloseres, Unzusammenhan-\ngenderes, Trivialeres und Gemeineres denken, als das Zeug,\ndas diese Leute spielen.\nDer Choralgesang hat in Spanien noch ärgere Verder-\nbung erfahren, als in den übrigen Ländern Europa's; er\nist so verunstaltet, dass er wie die schlechteste italienische\nRecitativ-Musik klingt. Der Serwelcher in Frankreich\neine so abscheuliche Rolle in der Kirche spielt, erklingt je-\ndoch nicht dazu, wohl aber ein anderes Blas-Instrument,\nBajon genannt, das maurischen Ursprungs ist und einen\nangenehmen und kräftigen Ton hat, welcher mehr dem\nKlange einer Bass-Clarinette, als des Fagotts gleicht.\nWas die eigentliche Kirchenmusik betrifft, so ist es\nbekannt, dass sie in den vorigen Jahrhunderten seit 1500\nauch in Spanien einen fruchtbaren Boden gefunden hatte.\nNoch bis zur Hälfte des achtzehnten hin finden wir tüchtige\nComponisten, und die Archive der Kirchen und Klöster"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "308", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540930-01.1.4", "texte": "liegen voll von Compositionen, welche, besonders die aus\nder älteren Zeit, eigenthümliche Formen zeigen und schon\nvor Palestrina einen einfacheren und feierlich melodiöseren\nStil athmen, als die Musik der niederländischen Zeitgenos-\nsen. Die meisten Sachen sind für zwei Chöre geschrieben;\ndie schönsten sind in der Regel die Todtenmessen, Lamen-\ntationen, die Busspsalmen und Motetten für die Charwoche.\nHier und da werden bei den Funciones der Charwoche\nnoch jene älteren Gesänge gehört, und ihr ergreifender\nEindruck ist selbst durch die höchst mittelmässige Ausfüh-\nrung nicht zu vertilgen. Aber diejenigen Kirchen, welche\ndiese Musik wenigstens alle Jahr einmal wieder hervorho-\nlen, machen eine seltene Ausnahme; in alle übrigen ist der\nschlechteste italienische Opernstil eingedrungen, und die\ngeistliche Musik ist im Allgemeinen in Spanien auf eine\n°räss]iche Weise entartet.\nVon den älteren Componisten, deren Reihe mit An-\ntonio Fevin (um 1514) beginnt und berühmte Namen, wie\nBartolomeo Escobedo, Vasquez, Morales, Thoma Luis de\nVittoria, Torrentes u. s. w., aufweis't, ist Vieles gedruckt\nund auch in Deutschland wenigstens den Musikgelehrten\nbekannt; allein von den spanischen Kirchen-Componisten\ndes achtzehnten Jahrhunderts sind kaum die Namen über\ndie Pyrenäen gedrungen, geschweige denn ihre Werke,\nund doch sollen diese gar sehr der Beachtung' werth sein.\nUnter ihnen verdienen Bernard in o Ribera, Joa-\nquin Nebra und besonders Soler ausgezeichnet zu wer-\nden. Von den beiden ersten liegen eine Menge von Com-\npositionen in den Kirchen-Archiven zu Madrid, namentlich\nin dem der königlichen Capelle, darunter ein achtstimmiges\nRequiem von Nebra besonders gerühmt wird. Soler's Ma-\nnuskripte werden im Kloster Escurial aufbewahrt, und zwar\nso gut, dass man grosse Mühe hat, sie zu Gesicht zu be-\nkommen. In Partitur sind nur einige Werke vorhanden,\ndie meisten muss man aus den Stimmeu zusammenlesen.\nEr ist 1730 geboren, war Hieronymiter-Mönch und Ca-\npellnceister im Escurial und gehört nach dem Urtheil derer,\nwelchen die Einsicht in die Manuscripte vergönnt worden,\noder die zu fällig eine seiner Compositionen gehört haben,\nzu den originellsten Tonsetzern Spaniens. Er war auch\ntheoretischer Schriftsteller über sein Fach.\nDer letzte Componist der spanischen Schule ist\nDoyague gewesen, welcher die Revolution zu Anfang\nunseres Jahrhunderts und den Krieg gegen Napoleon noch\nerlebt hat. Die Aufhebung und Zerstörung der Klöster\nrichtete die Kirchenmusik vollends zu Grunde. Die Haupt-\nInstitute für die Tonkunst waren im Kloster Montserrat\nbei Barcelona und im Kloster Escurial; aus ihnen sind fast\nalle spanischen Componisten hervorgegangen, und wenn\nman selbst gegenwärtig noch einige Spuren der alten Tra-\ndition und Lehre und des reinen Geschmacks findet, so\nmuss man sie bei den Geistlichen suchen, keineswegs bei\nden Musikern von Fach. Hilarion Eslava, der jetzige\nCapellmeister der Königin, von dem oben die Rede war,\nist ebenfalls Priester; in seinen Compositionen zeigt er\nzwar Talent und gründliches Wissen, allein er hat doch\ndem Zeitgeschmack seiner Landsleute, der das Theatrali-\nsche in der Kirche begünstigt, gar grosse Concessionen\ngemacht.\nDas so genannte Conservatorium in Madrid leistet\nnichts, was der Rede werth wäre, und beschränkt sich\ndarauf, der italiänischen Oper Choristen und dem Orchester\nmittelmässige Violinisten zuzuführen. Das Fortepiano findet\nauch da noch die besten Lehrer und Schüler; mit der Cul-\ntur der Bogen-Instrumente sieht es aber in ganz Spanien\nsehr schlecht aus.\n\nDer Abbé Santini in Rom.\nDieser berühmte Sammler der Compositionen alter\nMeister hat in dem Russen Wladimir S t a s s o ff einen\nBiographen gefunden, der zugleich einen Auszug aus dem\nKatalog der überaus reichhaltigen musicalischen Bibliothek\ndesselben veröffentlicht hat. Jedoch ist das Wort „veröf-\nfentlicht\" nicht in eigentlicher Bedeutung zu nehmen, da\nnur eine kleine Anzahl von Exemplaren der gedachten Bro-\nschüre für musicalische Institute und Freunde des Verfas-\nsers, der sich seit 1851 in Italien aufhält, gedruckt und\ndas Werkchen nicht in den Buchhandel gegeben ist. Es\nist dem Fürsten Gregor Wolkonsky gewidmet.\nDer Abbe Santini ist den 5. Januar 1778 geboren\nund hat sich vom Jahre 1802 an bis auf den heutigen\nTag ans Sammeln von alter Musik gegeben, indem er alles,\nwas ihm der Aufbewahrung werth schien, aufstöberte, an-\nkaufte, abschrieb, ohne auf Vaterland oder Schule der\nComponisten zu sehen, wiewohl dennoch, was in den Le-\nbens-Verhältnissen desselben liegt, Italien den Vorzug hatte.\nEr machte zu diesem Zwecke gründliche musicalische Stu-\ndien, so dass er im Stande war, die zerstreuten Stimmen\nin den Kirchen-Bibliotheken und Chorbüchern zusammen-\nzuordnen und in Partitur zu schreiben, wozu bekanntlich\neine vollkommene Kenntniss der alten Notation und eine\nvertraute Bekanntschaft mit dem Stil und Geist der alten"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "309", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540930-01.1.5", "texte": "Kirchen-Componisten gehört, indem die blosse Sicherheit\nim Contrapunkt und in der Harmonie keineswegs aus-\nreicht, um die alten Documente der Tonkunst richtig zu\nentziffern und zu rhythmisiren. Dass dazu noch eine fabel-\nhafte Geduld und ein eiserner Fleiss, wie ihn nur die lei-\ndenschaftliehe Vorliebe für irgend eine besondere Beschäf-\ntigung erzeugen kann, kommen mussten, versteht sich\nÖ o O\nvon selbst.\nSantini stand mit den bedeutendsten Vertretern der-\nselben Richtung der musicalischen Kunst in Deutschland\nund Frankreich in beständigem Briefwechsel, z. B. mit\nThibaut in Heidelberg, Winterfeld in Berlin, Kiesewetter\nin Breslau, Zelter in Berlin, Choron in Paris u. s. w. Seit\n1838 hielt er viele Jahre lang, besonders in der Fasten-\nzeit, regelmässige musicalische Versammlungen, in welchen\ndie Sänger der päpstlichen Capelle und die ausgezeichnet-\nsten Dilettanten von Rom mitwirkten. Deutsche Musiker,\nwie Cramer, Liszt, Hiller, begleiteten oft am Pianoforte und\ntrugen auch Clavier-Compositionen von Scarlatti, Bach und\nAnderen vor.\nEr war auch selbst Componist, schrieb aber nur Kir-\nchenmusik, worin er den Stil der älteren Meister allein zum\nMuster nahm. Manche seiner Compositionen sind in vielen\nKirchen in Italien als stehend lür gewisse Feiertage einge-\niührt. Er ist auch Ehren-Mitglied der berliner Sing-Aka-\ndemie, lür die er ein zweichöriges Motetto geschrieben\nhat, welches Zelter in seinen Briefen an Göthe sehr rühmt\nund das mit grossem und allgemeinem Erfolg häufig\nin Berlin aufgeführt wurde. Auch lür das Mozarteum zu\nSalzburg, zu dessen Mitglied er im Jahre 1844 ernannt\nwurde, hat er einige Stücke componirt, welche grossen Bei-\nfall fanden. Die Gesellschaft der heiligen Cäcilia in Rom\nhatte ihm schon früher den Titel und das Recht\nzuerkannt, in jeder Kirche, so oft er wollte, die geistliche\nMusik zu dirigiren.\nDer Katalog der Santini'schen Sammlung enthält die\nWerke von mehr als siebenhundert italiänischen Compo-\nnisten, von denen die meisten nur handschriftlich vorhanden\nsind. Dazu kommt eine zahllose Menge gedruckter Werke\nvon deutschen, niederländischen und französischen Compo-\nnisten. Sein Biograph gibt davon einen Auszug, welcher\n25 Seiten füllt.\n\nAus Berlin.\nDie Aufführung des Fidelio am Montag den 25.\nSeptember erhielt durch das Wiederauftreten von Fräulein\nWagner einen besonderen Reiz. Die Trägerin der Haupt-\nrolle und das Meisterwerk selbst wirkten gemeinschaftlich,\ndem Abend ein volles Haus zu verschaffen. Die berühmte\nKünstlerin durfte auf einen freundlichen Empfang rechnen;\ndenn was sie im Laufe der letzten Jahre der hiesigen Bühne\nan Einfluss und Glanz zugewendet, ist von grosser Bedeu-\ntung und sichert ihr einen festen Platz in dem Gedächtniss\naller Kunstfreunde. Leider aber können wir von dem Stand-\npunkte eines unbefangenen Beurtheilers ihr erstes Auftreten\nnicht als ein so günstiges bezeichnen, wie wir gern möch-\nten. Wenn wir schon früher den eigenthümlichen Werth\nder Künstlerin mehr in diejenigen Eigenschaften setzten,\ndie sie als Künstlerin schlechthin und nicht als Sängerin\nauszeichnen; wenn wir daraufhinwiesen, dass ein Ueber-\nschreiten der natürlichen Mittel ihres Organs mit der Zeit\nsich rächen müsse selbst durch Einbusse dessen, was an\nder Stimme ursprünglich schön und eigenthümlich fesselnd\nerschien; wenn wir endlich zu einer Beschränkung des Re-\npertoires riethen, damit das erhalten bliebe, was naturge-\nmäss erhalten werden konnte: so fanden wir jetzt nur\nzu sehr, dass jene Vermuthungen und Befürchtungen ein-\ngetroffen und dass wir heute mit einer Wiederholung un-\nserer Rathschläge vielleicht zu spät kommen. Fräul. Wagner\nhätte sich auf Rollen, die für einen eigentlichen Sopran ge-\nschrieben sind, so sehr sie auch in dramatischer Beziehung\nihrem Naturel zusagen mochten, niemals einlassen sollen.\nDie Region, in welcher der eigentliche Sopran seinen vollen\nGlanz entfaltet, schliesst ihre natürlichen Mittel ab, und es\ngelingt ihr nur das, was darunter, Einzelnes, was darüber\nliegt. Die Töne von d bis g in der zweigestrichenen Octave\nertragen kaum mehr eine künstliche Bildung, und es erfüllt\nden Hörer mit Angst und Besorgniss, wenn die Melodie,\nwas ja nicht selten geschieht, sich in diesem Tongebiete\nbewegt. Der Ton schlägt vollständig um, oder er schwankt,\noder er nimmt bei der Intonation einen so beängstigenden\nVorlaut an, dass er nicht nur allen Reiz verliert, sondern\ndas Gepräge des Krankhaften erhält. Wo es irgend angeht,\nsucht die Künstlerin diesen Eindruck zu schwächen, indem\nsie mehrere Töne, die auf verschiedene Worte fallen, mit\neinem Worte verbindet oder mit ihrer seltenen Kunst des\nSpiels und mit dramatischer Färbung die Melodie ausstattet.\nDie wirksamen und unter den Zuhörern zündenden Mo-\nmente lagen im zweiten Acte, und zwar in dem Melodram\nvor und nach dem Duett mit Florestan. Was hier durch\ndas volltönende Organ im Sprechtone, durch die meister-\nhafte Haltung im Spiel zuwege gebracht wurde, war in der\nThat von ausserordentlicher Wirkung. Fast gab die Künst-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "310", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540930-01.1.6", "texte": "lerin zu viel des Guten; der unmittelbare Erguss des Ge-\nfühls trat aber so bedeutend, der Ausdruck in den Mienen\nso überwältigend hervor, dass wir darin die höchste Bega-\nbung für die dramatische Kunst von Neuem erkannten, und\ndie Zuhörer, nach ziemlich ruhigem Verlauf bis zu dieser\nScene hin, dem Eindruck auch einen lebhaften Ausdruck\nverliehen. Wie indess der Fidelio eine Oper ist, die ihre\nentschiedensten musicalischen Forderungen stellt, selbst\nwenn wir gern zugeben, dass manches Unsangbare, unter\nAnderem auch das Schluss-Duett, darin enthalten ist, so\nwollen diese doch auch zu ihrer Geltung gelangen; es soll\nund muss darin klingen der Liebe Lust und Schmerz, in\ndem Adagio der grossen Arie, in dem Duett des ersten,\nim Terzett des zweiten Actes ohne alle und jede dramati-\nsche Action, ohne alle Unterstützung des Orchesters, rein\naus sich selbst durch den Wohllaut der Stimme. Dies ist\nder Eindruck der Rolle auf uns. Möglich, dass er zum Theil\nauch in Zufälligkeiten begründet lag, zumal das erste Auf-\ntreten der Künstlerin schon vor acht Tagen auf Hindernisse\nstiess. Im Wesentlichen aber dürfte das Gesagte auch in\nspäteren Leistungen seine Bestätigung finden. Nichts desto\nweniger bleibt Fräul. Wagner eine Künstlerin, deren be-\ndeutendes Talent für die Bühne in vollem Maasse nutzbar\nzu machen ist, wenn es an richtiger Stelle verwendet wird.\nDie weitere Besetz-ung der Oper hatte keine Veränderun-\ngen erfahren.\nEine Neuigkeit ist der Versuch, Schiiler's Turandot\nwieder auf die Bühne zu bringen, was am 23. September\nmit prachtvoller Ausstattung und Besetzung durch das\nBeste, was wir jetzt hier im Schauspiel-Personale haben,\ngeschah. Das merkwürdige Product Schillers ist zuerst im\nJahre 1802 auf der hiesigen Bühne gegeben worden. Ge-\ngenwärtig ist die Musik von Vincenz Lachner hinzuge-\nkommen. Sie enthält manches Schöne, aber von dem Cha-\nrakter des Stückes, den Schiller selbst deutlich genug durch\nden Titel: „Ein tragi-komisches Märchen in fünf Acten\nnach Gozzi\", bezeichnet, hat die Lachner'sche Musik nur\ndas „tragi\" berücksichtigt und das Wort in Tönen ausge-\nschrieben; sie nimmt die Sache zu ernsthaft, tritt zu ge-\nwichtig auf und verdirbt dadurch den Spass. Wenn dieser\nSpass nun auch ein classischer ist, bei welchem das Publi-\ncum meistenteils nur in derselben Weise lacht, wie die\nProfessoren der Philologie über einen Witz des Plautus\noder Terenz, so kann es ihm doch unmöglich günstig sein,\nwenn ihn die Musik noch breiter tritt.\nHerr Dr. Hopfe hatte in Verein mit dem Janson'-\nschen Männergesang-Verein, der einige Lieder mit Ausdruck\nvortrug, ein Concert zum Besten der Schlesier veranstaltet,\nworin er uns meist Compositionen von sich hören liess. Es\nist lobenswerth, dass er seine grosse Liebe zur Kunst durch\nden fleissigsten Verfolg einer ernsten Richtung bekundet;\ndenn wer heutzutage ein Octett, Sextett, Quintett für Or-\nchester-Instrumente schreibt, der muss eine edle Entsagung\nbesitzen: einen Verleger derselben wird er schwerlich fin-\nden. Seine Compositionen sind mehr ehrenwerth als interes-\nsant und irgendwie zündend; es scheint nicht, dass das\nTalent der Erfindung mit der aufopfernden Neigung zur\nKunst Schritt halten könne.\n\nAus Prag.\n\nMitte September 1854.\nSchon beginnen die Schwalben nach dem wärmeren Süden\nihren Flug zu lenken, und mit ihnen schwinden nach und nach\ndie dunklen Schatten, die wahrend der „todfen Saison\" auf dem\nmusicalischen Leben unserer Stadt lagen. Allerdings haben wir bis\njetzt noch keine Concertc wenn wir nicht ein schon einmal ab-\ngesagtes und nun zum zweiten Male angekündigtes Concert eines\nCytherschlägers (Herrn Schanck aus,.Paris\") rechnen wollen —, auch\ngeht unsere Oper noch immer, so wie überall, ihren sommerlichen\nGang fort; aber schon lüften sich die Schleier der Zukunft der\nin liefen Sommerschlaf versunkene Concert-Besucher erwacht all-\ngemach, und durch seinen leisen Morgenschlummer ziehen nebel-\nhafte Traumgestalten der majestätischen göttlichen Schöpfungen\nBcethoven's und der süssen Elfentändeleien Mendelssohn's. Auch\nBach und YV agner, Haydn. Berlioz, Mozart, Schumann u.s.w. sind\nvertreten in dem imposanten Zuge, der sich hoch auf rosigen Wol-\nken feierlich langsam fortbewegt, während drunten auf der Erde\nim bunten Knäuel ein Heer von Instituten und Künstlern: Conser-\nvatorium, Evers, Laub, Sophien-Akademie, Cäcilien-Verein, Drey-\nschock, Köckert, Tonkünstler-Verein, Goltermann, Ander, Steger\nu. s. w., um den Tag zum Concert kämpfen in heisser Schlacht.\n(Man sagt, dass der iraum oft eine Wiederholung des Vorhererleb-\nten sei.) Doch Scherz bei Seite! Was unsere Oper anbelangt, so\nsteht uns sehr Bedeutendes für die nächste Winter-Saison bevor;\"\nausser mehreren neu einstudirten vor der Hand auch drei neue\nOpern, „Tannhäuser\", „j\\ordstern\" und „Columbus\" (von unserem\nCapellmeister Fr. Scraup). Die erstere ist bereits ausgetheilt, und\ndürften die Proben demnächst beginnen. Sie können Sich denken,\nwie man hier darauf gespannt ist, da schon die Ouvertüre, der\nEinzug der Sänger und Gäste, ja, sogar ein Fragment aus Lohen-\ngrin, im vorigen Jahre in Concerten aufgeführt, Enthusiasmus er-\nregten, und daraus ersehen, dass Wagner hier ein äusserst günstiges\nTerrain findet und der Tannhäuser gewiss grossen Beifall zu er-\nwarten hat, vorausgesetzt, dass er gut in Scene geht, was wir hof-\nfen wollen.\nEinige interessante Gäste in der Oper hatten wir im Laufe des\nSommers. Erstens den Bariton Beck vom k. k. Hof-Opern-Theater\nin Wien, den Sie ja selbst als vorzüglich kennen gelernt haben\nwerden, wesshalb ich mich eines Urthcils über ihn getrost enthal-\nten kann. Dann Frau Herrmann-Czi 11 ag, Gattin des bekannten\nEscamoteurs, eben daher, die vier Mal auftrat (Valentine,\nFides zwei Mal). Wir lernten in ihr eine Sängerin kennen, die im\nBesitze einer sehr umfangreichen, in den unteren Begistern klang-\nvollen, voluminösen und wohlgeschulten Stimme ist, welche sie auch"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "311", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540930-01.1.7", "texte": "zu gewissen Effecten gut zu benutzen versteht. Namentlich wurden\nwir manchmal durch die Breite ihres Vortrags in der Verbindung\nder tieferen Intervalle an die Ueppigkeit des herrlichen Organs der\nAlboni erinnert. Indess sind wir der Meinung, dass diese Künstle-\nrin von Hause aus nur auf Alt-Partieen angewiesen ist denn es\nerschienen uns alle Töne, die über das zweigestrichene oder\nhinausgingen, gepresst und gezwungen, gegen die Natur der Stimme\ndurch allerlei Nothbchelfe hervorgebracht, besonders bei freiem An-\nsätze und der festen Ueberzeugung, dass durch ein fortwähren-\ndes widernatürliches Indiehöheschrauben des schönen Materials, wie\nes Frau Herrmann-Czillag zu lieben scheint, in kurzer Zeit der\nRuin der eigentlichen natürlichen Stimme herbeigeführt werden\nmuss, und das wäre wirklich ein bedeutender Verlust; denn, wie\ngesagt, die Föne des Alt-Registers sind von einer Fülle, Kraft und\ndoch zugleich Anmuth, wie sie uns lange nicht vorgekommen, wess-\nhalb selbstverständlich die tiefer gelegenen Stellen im Romeo oder\nz. ß. der D-Salz im Duett mit Marceil, 3. Act der Hugenotten, bei\nWeitem mehi- effectuiren mussten, als die höher gelegenen, z. R.\nim Duett mit Raoul im 4. Act. Dazu kommt noch, dass uns Frau\nHerrmann-Czillag die gewisse Leidenschaftlichkeit des Ausdrucks\nvermissen liess, sowohl in musicalischer als dramatischer Reziehung,\nwie wir sie bei der V alentine unserer L. Meyer gewohnt sind. Je-\ndoch sind wir jedenfalls der Direction Dank schuldig, uns diese in-\nteressante Gastin vorgeführt zu haben, wenn uns auch ihre Vor-\nzüge nicht vollständig für ihre Mängel entschädigen konnten.\nAuch Sieger gab mehrere Gastrollen, konnte aber durchaus\nnicht mehr so auf die Zuhörer wirken, wie früher während seines\nhiesigen Engagements; denn seine prachtvolle Stimme von ehedem,\ndie ihres Gleichen weit und breit suchen musste, hat gewaltig ab-\ngenommen, entsetzlich verloren, und so ist jetzt nicht viel mehr\nübrig als einige Trümmer einstiger Grösse und die totale künst-\nlerische Impotenz, welche man früher wohl durch den unendlichen Reiz\nund die Macht seiner kolossalen Stimme einiger Maassen vergessen\nkonnte, die aber jetzt gar zu grell hervortritt und durch das immer-\nwährende Forciren nichts weniger als besser gemacht wird. Nament-\nlich stellte er unsere musicalische Geduld auf eine harte Probe mit\nder Wahl des ersten Actes der Vestalin zu seinem Benefice, wel-\ncher früher schon hei Gelegenheit eines Festspieles zu Ehren der\nAnwesenheit der beiden österreichischen Majestäten mit verstärktem\nOrchester und Chor (sämmtliche Solisten wirkten mit) vortrefflich\ngegeben wurde. Der Licinius ist eine der grössten und schwierig-\nsten Aufgaben für einen Tenor und wurde darum auch von seinem\nfrüheren Repräsentanten, dem jüngst engagirten Herrn Lukes,\nnicht gleich gut in allen seinen Theilen, aber jedenfalls um Vieles\nbesser als von Steger gegeben.\nAusserdem hatten wir noch eine Menge auf Engagement abzie-\nlende Gastspiele von Altistinnen (an Stelle des abgegangenen Fräul.\nJanda), die aber alle mehr oder weniger verunglückten. Die letzte\nund beste war Fräul. B. Engst, aber auch sie konnte nicht durch-\ngreifen und dürfte wohl schwerlich engagirt werden. Auch ihre\neinst so herrliche Stimme ist dahin und auffallender Weise weni-\nger in der oberen und unteren, als in der Mittel-Lage, wo sie aber\nauch total gebrochen ist, so dass das Fräulein nicht mehr im Stande\nist, eine Terz zu verbinden, zumal nach abwärts. Ueberhaupt hat\ndie Direction in letzter Zeit Unglück mit ihren Sängerinnen gehabt,\ndenn kaum war Fräul. Schröder, damals weniger unentbehrlich,\nweil sie ein besseres Engagement gefunden, entlassen worden, als\nauch schon Fräul. Wagner erkrankte und demnächst einen längeren\nUrlaub antreten muss, so dass jetzt nur noch (abgesehen von den\nlünf Gastinnen, die erwartet werden) die Coloratur-Sängerin Fräul.\nv. Bracht und die dramatische, Fräul. L. Meyer, übrig bleibt. Diese\nist nun der Rettungs-Anker, an den sich Direction und Publicum\nanklammern, und wahrlich nicht mit Unrecht; denn es ist diese\nDame (die mit sehr bedeutenden Opfern für das Institut gewonnen\nwurde) eine äusserst befähigte Künstlerin, im Besitze eines voll-\ntönenden, kräftigen und doch geschmeidigen Soprans, der bis zum\ndreigestrichenen d und e reicht, einer vortrefflichen Schule, durch\ndie sie sehr gut zu ersetzen versteht, was ihr die Natur an Kraft\nder tiefen Töne und an zufälliger Kehlengeläufigkeit (was übrigens\nauch bei einer so dicken Stimme, wie sie diese Dame hat, nicht\nder Fall sein kann) versagt hat; dabei ist sie voll Feuer und Lei-\ndenschaft, sowohl im dramatischen als sanglichen Theile ihrer\nPartie, was alles nur noch gewinnen muss durch ihre anziehende\njugendliche Erscheinung und den Geschmack in ihrer Toilette.\nFräul. L. Meyer ist die Perle unserer Oper, und wir wollen hoffen\nund wünschen, dass es der Direction gelingt, sie auch für die Zu-\nkunft zu fesseln. Natürlich, dass sich bei so bewandten Umständen\ndas Fräulein der grössten Aufmerksamkeit von Seiten des Publi-\ncums zu erfreuen hat, welche sie beim jedesmaligen ersten Erschei-\nnen mit freudigen Zurufen begrüsst und überall, wo es nur mög-\nlich, mit Applaus und Hervorrufen, was oft 4—5 Mal an einem\nAbend vorkommt, auszeichnet. Nicht minder aber wird Fräul. L.\nMeyer das Lob der hiesigen Kritiker zu Theil, mit Ausnahme eines\neinzigen, der aber wahrlich nicht den Namen eines solchen ver-\ndient, denn er hat sein Urlheil offenbar auf Willkürlichkeiten und\nconvcntionelle Bestimmungen basirt und tadelt nur immer und im-\nmer ohne objective l.rsache aus persönlicher Gehässigkeit und der-\ngleichen Motiven. Hat er doch oft genug öffentlich ausgesprochen:\n„Ich will ihr beweisen, dass man sie zu Grunde richten kann!\"\nund \\ci„isst dabei, wie es scheint, was er früher, in einer noch\nnicht feindlichen Stimmung, für Urtheile abgab, und wie er sich\ndadurch selbst öffentlich compromittirt und Lügen straft*). Und\nmerkwürdiger Weise correspondirt dieser Kritikaster immer noch\nfür zwei respectable auswärtige Blätter, den „Wiener Humorist\"\nund die „Hamburger Theater-Chronik\", die er seit einiger Zeit mit\nwahrhaft empörenden Schmäh-Artikeln gegen diese Künstlerin be-\nschickt, ohne dass die Redactionen derselben auf deren Unwahrheit\naufmerksam würden. Das aber kann nicht mehr lange ausbleiben;\ndenn jetzt schon haben sich in einer norddeutschen Theater-Zeitung\nStimmen aus dem Publicum geltend gemacht, die sich des Fräuleins\nannehmen, deren künstlerischer Name absichtlich und systematisch\nuntergraben werden soll, von dem Grundsatze ausgehend, dass\n„Alles, was vor die Oeffentlichkeit tritt, dem Richterspruche des\n\n*) Wir erlauben uns, aufmerksam zu machen auf Nr. 13 des\n„Salon\" d. J., worin derselbe Referent von Fräul. L. Meyer\nsaSt: Kehlengeläufigkeit ist bedeutend und zeigt sich in\nder brillanten Exequirung der Coloratur-Stellen\" ;oder auf\nNr. 15, bei Gelegenheit der „Jessonda\", wo die Worte stehen:\n„Neben der, wie bemerkt, trefflichen Singweise entfaltet Fräul.\nMeyer ein unvergleichlich schönes, von edler plastischer Tour-\nnure getragenes Spiel und wusste das Publicum oft durch\nall ihre reizenden Kunstmittel zum unwillkürlichen Beifall\nhinzureissen\"; ferner auf Nr. 18 (Hugenotten), wo er sagt:\n„Fräul. Mcver dominiit, wie schon gesagt, mit ihrem wohlge-\nschulten Stimmfond und trefflicher Ausdrucksweise vollständig\ndie lyrischen und declamatorischen Gesangstellen\"; ferner:\ndass die Momente der leidenschaftlichen Expectorationen\nder dramatischen Aufgabe, getragen von einem durchdachten,\naus der selbstbewussten Auffassung hervorgehenden Spiele,\nder idealen Grossartigkeit nahe genug gerückt wurden, um\nzu stürmischer Anerkennung hinzureissen\"; ferner: der\nSuccess des Duelts im vierten Acte, worin Fräul. Meyer alle\nVorzüge ihrer geistreichen Darstellungs- und Singweise im\nschönsten Lichte erscheinen liess\". Eben so auf Nr. 22 37\n43, 51 u. s. w. u. s. w."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "312", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540930-01.1.8", "texte": "Publicums unterliegt, wesshalb es nicht nur die Leistung eines\nKünstlers, sondern auch das Urtheil eines Berichterstatters ist, in\nso fern es in die Oeffentlichkeit übergeht, über das gerichtet wer-\nden wird und muss; und eben so wie es Pflicht eines jeden Kunst-\nfreundes und jedes ehrlichen Kunstblattes ist, gegen den Missbrauch\nder Kunst zu protestiren, eben so ist es ihre Pflicht, dem Miss-\nbrauch der Presse der Kunst gegenüber —zu steuern\"; und\neben so stimmen wir vollkommen damit überein, wenn sie weiter-\nhin sagen: „Es sollte das Bewusstsein menschlicher Unvollkommen-\nheit, und dass das Vollendetste nur im Ideal zu suchen ist, den\nKritiker in seinem Urtheile über menschliche Schöpfungen bestim-\nmen, eher zu nachsichtig als zu streng zu sein; schon um seiner\nselbst willen, um des Genusses willen, den die Kunst bereitet, sollte\ner seinem Urtheil eine gewisse Gränze stecken, die nie und nim-\nmer zu überschreiten ist. Auch Fräul. L. Meyer hat, wie Jeder,\nihre Fehler, und wir sind keineswegs taub und blind dagegen; aber\nbei einer so sehr überwiegenden Zahl von Vorzügen kann man\nwohl leicht, wenn man es überhaupt will, die Mängel vergessen.\"\nEs dürfte Ihnen und Ihren Lesern der oben erzählte Fall als\nein interessantes Stück „Geschichte der Kunstkritik\" erscheinen,\nund darum schon habe ich die Facta hier angeführt, abgesehen\ndavon, dass Sie ja auch stets mit Ihrer ehrlichen künstlerischen\nTendenz offen und frei für die Kunst in die Schranken treten.\nAlex. Dreyschock, der in Teplitz ein Concert gab, ist wie-\nder zurückgekehrt. Auch F. Laub war hier auf Urlaub (er ist be-\nkanntlich in Weimar engagirt) und ist während dieser Zeit in den\nEhestands-Hafen eingelaufen. vlloffentlich wird er desshalb sein Le-\nbensschiff oder das seines Kunstlebens nicht abtakeln und vermo-\ndern lassen —es wäre jammerschade um sein grosses Talent als\nViolinspieler!\n\np.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nIltiln. Karl Formes hat in dieser Woche hier drei Gast-\ndarstellungen gegeben, den Marcel in den Hugenotten, den Ber-\ntram im Robert und den Sarastro in der Zauberflöte, und, wie\nzu erwarten war, bei stets überfülltem Hause und mit ungeheurem\nErfolg. Der grosse Künstler hatte Köln, seine zweite Vaterstadt,\nlange vernachlässigt doch kann er mit Pamina sagen: „Die\nSchuld lag nicht an mir!\" —; um so wärmeren Dank verdient es,\ndass er, um der Theater-Direction und seinen Freunden Wort zu\nhalten, am Freitag den 22. d. Mts. von Liverpool abreis'te, am\nMontag, Mittwoch und Donnerstag hier auftrat und am Donnerstag,\nunmittelbar nach der Vorstellung, abreis'te, um heute Sonnabends\nden 30. September schon wieder in Manchester zu singen! In\nLiverpool war durch eine grosse musicalische Festwoche die\nprachtvolle St. Georgshalle eingeweiht worden. Es wurden von\nOratorien aufgeführt: Der Messias, Der Elias, Die Schöpfung.\nUeber die Darstellungen von Formes auf der hiesigen Bühne be-\nhalten wir uns vor, ausführlicher in der nächsten Nummer zu be-\nrichten.\nBarmen* Mittwoch den 27. September gab Herr Musik-Di-\nrector Karl Bei necke im Saale der Concordia unter Mitwirkung\nder Liedertafel und der Herren Langenbach, Posse (1. und\n2. Violine) und Jäger (Violoncell) ein Concert zum Besten der\nUeberschwemmten in Schlesien. Die genannten drei Herren bilden\nmit Herrn Beinecke, der ein trefflicher Bratschenspieler ist, ein\nsehr gutesx Ensemble, dem wir, ausser manchen Genüssen im en-\ngeren Kreise der Soireen unseres Musik-Directors, an diesem Abend\neinen ganz vorzüglichen Vortrag des reizenden ZJ-efor-Quartetts von\nHaydn und des Quartetts Op. 34 von Reinecke für Piano und\nStreich-Instrumente verdankten. Letztere Composition wurde enthu-\nsiastisch aufgenommen jedem Satze folgte rauschender Beifall; die\nAusführung war aber auch vortrefflich, indem die oben genannten\nHerren mit wahrer Hingebung spielten und mit eben so richtigem\nVerständniss als Vortrag in die Intentionen des Componisten ein-\ngingen. Reinecke selbst spielte sowohl dieses Quartett als die Solo-\nstücke Notturno und Etüde von Chopin, Marcia giocosa von\nHiller so, dass man ihm anhörte, dass er mit ganzer Seele,\nmit so rechter Künstler-Lust und Liebe bei der Sache war. Der\nKlang des Erard'schen Flügels unter seinen Meisterhänden wurde\nallgemein gerühmt; es fand sich aber nachher, dass es ein Ibach'-\nscher war. Desto besser für die einheimische Industrie! Die Vor-\nträge der Liedertafel erhielten verdienten Beifall und verdienen\num so mehr Anerkennung, als der Verein nach einer beinahe halb-\njährigen Pause erst seit drei Monaten seine Uebungen wieder auf-\ngenommen hat.\nBerlin. Die Nachricht, dass Meyerbeer seinen Wohnsitz\nvon hier weg verlegen würde, ist irrig. Er ist von Spaa nach\nStuttgart gegangen, um dort der ersten Aufführung seines „Stern\ndes Nordens\" beizuwohnen.\nIn Bremen ist das Stadttheater mit Halevy's Jüdin (Fräul.\nLöwenstein) eröffnet wrorden.\nIn Paris wird in der Academie Imperiale die Oper „Santa\nChiara\" vom Herzoge Ernst von Coburg einstudirt."}]}