{"numero_id": "bm-bmtnabi-1854-10-14-01", "volume": "bmtnabi_1854-10-14_01", "ocr_sha256": "8fc50dbf47ff8e408cdc7637f632334904c028dba9afaddefa47e1a8d2efde92", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1854/10/14_01/bmtnabi_1854-10-14_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541014-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1854-10-14-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-10-14_01#c001", "volume": "bmtnabi_1854-10-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "231", "page_fin": "234", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541014-01.2.1", "titre_corps": "Christoph Willibald Ritter von Gluck.", "titre_sommaire": "Christoph Willibald Ritter von Gluck.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "231", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541014-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3954, "texte": "Christoph Willibald Ritter von Gluck.\nI.\nUnter diesem Titel mit den Zusätzen: „Dessen Le-\nben und tonkünstlerisches Wirken. Ein bio-\ngraphisch-ästhetischer Versuch und ein Beitrag zur Ge-\nschichte der dramatischen Musik in der zweiten Hälfte des\nsiebenzehnten Jahrhunderts\" erhalten wir ein Werk\nvon Anton Schmid, Gustos der k. k. Hofbibliothek in\nWien (Leipzig,bei F. Fleischer, 1854. 508 S. in gr. 8.),\nwelches eine wahre Bereicherung der musicalischen Lite-\nratur ist, ein ehrenvolles Denkmal nicht nur für Gluck\nselbst, sondern auch für den Verfasser. Nur die Ausdauer\nund der Fleiss eines deutschen Gelehrten war im Stande,\nein solches Buch zu schreiben, das durch die Gewissen-\nhaftigkeit der Forschungen, die Sammlung und kritische\nSichtung aller Vorarbeiten gegen dießiographieen berühm-\nter Musiker, welche neuerdings von französischen Schrift-\nstellern herausgegeben worden sind\nMozart, de Metastase, de Rossini par de Stendhal; Rossini,\nMeyerbeer par Escudier)höchst vorteilhaft absticht.\nDas Werk ist die Frucht eines Entschlusses, den Herr\nAnton Schmid bereits vor mehr als zwanzig Jahren fasste.\nSeit dieser Zeit sammelte und durchforschte er unablässig\nalles, was auf Gluck's Leben und Wirken irgend eine Be-\nziehung hatte, und wurde dabei gar sehr durch seine amt-\nliche Stellung und besonders durch die wohlwollende Theil-\nnahme und Unterstützung des Grafen Moriz von Dietrich-\nstein begünstigt, in dessen Händen die oberste Verwaltung\nder Bibliothek neunzehn Jahre lang gewesen ist und der\nden musicalischen Schätzen derselben und ihrer Vermeh-\nrung eine ganz besondere Sorgfalt weihte. Ihm ist denn\nauch das Werk mit Recht gewidmet. Ueber dessen Zweck\nspricht sich der Verfasser selbst folgender Maassen aus:\n„Schon längst hat die Alles ausgleichende Zeit die\nSchlacken des Vorurtheiles, der persönlichen Anfeindung\nund parteiischen Kritik von einem Manne ausgeschieden,\nder die dramatische Musik auf die höchste Stufe damals\nmöglicher Vollkommenheit gehoben hat. Der Ruhm des\ngrossen Meisters der Töne strahlt demnach so krystallrein\naus der Vergangenheit in die Gegenwart herüber, dass\ndem sein Bild umfliessenden hehren Glänze kein Strahl\nmehr entzogen werden kann. Noch lebt sein Andenken\nnicht nur in Frankreich, das ihn einst vergötterte, son-\ndern auch in Oesterreich, das auf seinen Gluck, wie\nauf seinen Haydn, Moz art und Beethoven mit glei-\nchem Rechte stolz sein kann, in ungeheuchelter Verehrung\nfort; auch das übrige Deutschland, zumal das nördliche,\nhat letzteres freilich etwas spät ihn würdigen ge-\nlernt und aus den ewigen Quellen Gluck'scher Ilarmo-\nnieen seitdem manchen berauschenden Trunk gethan; ja, es\nhat durch die herrlichsten und zahlreichsten Aufführungen\nder unsterblichen Werke dieses grossen Meisters den Ma-\nnen desselben in erfreulichster Weise Rechnung getragen\nund so das ihm einst angethane schreiende Unrecht redlich\ngesühnt.\n„Dessen ungeachtet bleibt es noch jetzt eine heilige\nPflicht, sorgfältig zu verhüten, dass Gluck's Ruhm in\nkeinerlei Weise bemakelt, sondern wie ein Heiligthum be-\nwahret, ja, dass selbst jene Irrthümer und Vorurtheile,\nwelche über sein Herkommen und seine Geburt noch heut\nzu Tage in gewissen Schriften fortbestehen, zur Ehre der\nWahrheit mit möglichster Genauigkeit berichtiget, durch\nunumstössliche Beweise gehoben, und, so viel von seinem\nLeben und Wirken noch bekannt ist, der Nachwelt auf-\nbewahret werde.\n„Um des schönen Zweckes willen, das edle Streben\ndes grossen deutschen Tonmeisters, der auf die drama-\ntische Musik einen so wohlthätigen Einfluss ausgeübt hat,\nnach Kräften zu verherrlichen, habe ich das Wagniss un-\nternommen, die über dessen Leben und Wirken von mir\nseit mehr als zwanzig Jahren gesammelten Notizen, nach\nsorgfältiger Sichtung des Stoffes und genauer Prüfung der\nQuellen, zu verarbeiten, in den vorliegenden Blättern Öffent-\nlich mitzutheilen, und den Werth seiner Schöpfungen, ge-\nstützt auf das Ansehen gewiegter und urtheilsfähiger Kunst-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "232", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541014-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4918, "texte": "genossen, nach meinem besten Wissen und Können zu be-\nleuchten.\n„Einst hatte sich dieses edle Geschäft der, den frucht-\nbringenden Bestrebungen Gluck's näher stehende, ta-\nlentvolle und kenntnissreiche preussische Tonsetzer Joh.\nFrie-dr. Reichardt vorbehalten, der sich demselben\ngewiss mit mehr Geschick und Umsicht, als ich, unterzogen\nhaben würde; auch fühlte Reich ardt sich zu dieser Ar-\nbeit mächtig hingezogen und liess es in keiner Zeit an\nFleiss und Mühe fehlen, dazu die nöthigen Materialien ein-\nzusammeln; allein auch er klagt, dass ihm Gluck's\nFreunde und Verwandte die Nachrichten von des grossen\nMannes früherem Leben und erster Kunstperiode stets\nversagt, oder ihn mit Versprechungen, welche niemals er-\nfüllt wurden, hingehalten hätten. Einige kleine franzö-\nsische und deutsche Aufsätze, die er von einigen Verehrern\nder Kunst in Paris und Wien, die sich für Gluck per-\nsönlich interessirten, erhalten hatte, konnten ihm den Man-\ngel ausreichender Belege nicht ersetzen, eben so wenig die\ngeringe Zahl von Anekdoten, die er noch bei seinem letz-\nten Aufenthalte in Wien (1809) zu erbeuten Gelegenheit\nfand. Alles dieses war kaum für eine leidliche Skizze, viel\nweniger für eine vollständige Lebensbeschreibung maass-\ngebend.\n„Gluck's höheres künstlerisches Wirken tritt frei-\nlich erst mächtig und klar in der Hauptstadt Frankreichs\nhervor, wo seine glanzreiche Periode beginnt, als er be-\nreits sechzig Lebensjahre zählte. Diese Periode oder\nvielmehr Epoche haben die Schriften eines Abbe Ar-\nnaud, Suard, Grimm, Morellet und Anderer, dann\ndie Gegenschriften eines Laharpe, Marmontel, Gin-\nguene u. s. w. zwar nicht hinlänglich, doch den meisten\nMusikern zur genügenden Kenntniss gebracht. Aber auch\nmit diesen Schriften, die Reichardt in Paris gesam-\nmelt hatte, ist ihm die Unannehmlichkeit begegnet, dass\nsie durch einen anderen enthusiastischen Verehrer des\ngrossen Tonmeisters, den Professor C. Fr. Cramer in\nKiel, der auch Gluck's Leben schreiben wollte, in Ver-\nlust gerathen sind *).\n„So habe ich, von vielen Kunstfreunden zu wieder-\nholten Malen aufgefordert, endlich den Entschluss gefasst,\ndie vorliegende, auf meine Materialien gebaute, wenn auch\nnoch immer skizzenhafte Biographie zu entwerfen und der\nfreundlichen Lesewelt als eine wohlgemeinte Gabe zu\nüberreichen.\n„Ueberhaupt kann man zweifeln, ob über Gluck's\nLeben und Arbeiten jetzt mehr werde entdeckt werden\nkönnen, als in diesen Blättern geboten wird, und was ich\ntheils aus amtlichen Acten, theils aus den Mittheilungen\neiniger Verwandten und Freunde des grossen Kunstheroen,\n✓\nund aus den Berichten verschiedener deutscher und fran-\nzösischer Schriftsteller erfahren habe. Das Ergebniss mei-\nner vieljährigen, oft sehr mühsamen Forschungen wolle der\ngeistvolle Leser von mir nun freundlichst hinnehmen, die\nSchwierigkeit der Aufgabe nicht übersehen, und der löb-\nlichen Absicht, dem grossen deutschen Tonsetzer ein be-\nscheidenes Denkmal setzen zu wollen, einigen Beifall schen-\nken. Stet pro ratione voluntas!\n„Wien, am i. März 1854.\"\nDas Werk zerlällt in achtzehn Abschnitte (S. 1 bis\n444), denen ein „Schlusswort über Gluck's Verdienste\num die dramatische Musik\" folgt (S. 444 bis 458), worauf\ndie Beilagen (Actenstücke, Briefe u. s. w.) einige und dreis-\nsig Seiten füllen. Zuletzt wird noch eine Uebersicht der\nGluck-Literatur auf achtzehn Seiten gegeben; dem Verfas-\nser standen davon 69 Werke zur Benutzung zu Gebot,\nunter ihnen natürlich auch die Hauptquelle für den Streit\nder Gluckisten und Piccinisten in Paris, die Memoires pour\nservir ä l'histoire de la revolution operee dans la Musique,\npar M. le Chevalier Gluck, welche 97 Schriften verschie-\ndener Verfasser enthalten, aber nicht, wie Herr Schmid\nnachweis't, vom Abbe Arnaud, wie bisher angenommen,\nsondern von Gaspard Michel, genannt Leblond, herausgege-\nben sind, der Bibliothecar am College Mazarin und Mit-\nglied der Akademie war (f 1809). Ein Facsimile der No-\ntenschrift Gluck's ist aus der Original-Partitur der Oper\nTelemacco beigegeben.\nMan braucht nur den ersten Abschnitt zu lesen, um\nsich zu überzeugen, dass hier das Wort „Forschung\" keine\nblosse Bedensart ist. Da derselbe die Ungewissheit über\nden Geburtsort, die Geburtszeit und die wirklichen Eltern\nGluck's tilgt und die Wahrheit durch authentische Urkun-\nden entscheidend an den Tag bringt, so geben wir zunächst\neinen Auszug dieses wichtigen Capitels.\nDie ältere Angabe über Gluck's Geburt im Jahre 1714,\nwie sie sich bei Gerber im alten Tonkünstler-Lexikon\nund bei dem gelehrten Prämonstratenser Adalbert Dla-\nbacz in dessen „Künstler-Lexikon für Böhmen\" (Prag,\n1815, Bd. I, S. 469) findet, wurde durch die Entdeckung\neines so genannt echten Taufscheines zu Neustadt an\nder Waldnab (an der südöstlichen Abdachung des Fich-\ntelgebirges, ein Paar Meilen von der böhmischen Gränze)\n\n*) S. Reichardt's vertraute Briefe, geschrieben auf einer\nReise nach Wien. Amsterdam, 1810. 11. Bd. S. 214."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "233", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541014-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4904, "texte": "in Zweifel gezogen. Dieser Taufschein sagt aus, dass Jo-\nhann Christoph Gluck, Sohn Joh. Adam Gluck's,\ntoris aulici(Hofjägers), am 25. März 1700 daselbst ge-\ntauft sei.\nDiese Entdeckung wurde zuerst von der „Allgemeinen\nBürger- und Bauern-Zeitung\" im Jahre 1831 bekannt\ngemacht, wanderte dann von Blatt zu Blatt, gewann ein\nurkundliches Ansehen, wurde 1836 in Lewald's „Europa\"\nals funkelnagelneu wieder aufgefrischt, ging in die Ton-\nkünstler-Lexika vonLaborde, Fetis, Schilling über, welcher\nletztere sich „so geberdete, als könne die Angabe gar\nnicht einmal angefochten, geschweige denn umgestossen\nwerden.\"\nEs half nichts, dass Aloys Fuchs in Wien in der leip-\nziger Allgemeinen Musik-Zeitung von 1832, Nr. 45, im\nwiener Musicalischen Anzeiger von 1836, Nr. 16, und\nder Allgemeinen Wiener Musik-Zeitung von 1841, Nr.\n164, dagegen auftrat: die gewissenhaften Geschicht-\nschreiber der Musik blieben dabei, liessen Gluck 87 Jahre\nalt werden, was an und für sich nichts Ausserordentliches\nwäre, dachten aber nicht daran, dass er alsdann seine Iphi-\ngenia in Aulis in seinem fünfundsiebenzigsten und\nseine Iphigenia in Tauris gar in seinem achtzigsten\nJahre geschrieben haben müsse, was denn doch etwas\nstark über menschliche Kräfte gehen dürfte!\nNun das Resultat der Forschungen Schmid's ist,\ndass Christoph Willibald Gluck auf dem Pfarrdorfe\nWeidenwang bei Neu markt (5\nvon Nürnberg und eben so viel Meilen südwestlich von\nAmberg) in der baier i sehen Ob er pfalz am 2. Juli\n1714 geboren und zwei Tage darauf dort getauft worden\nist. Seine Eltern waren nicht Johann Adam und Anna Ka-\ntharina, sondern AI exa n der und Walburga Gluck.\nGluck ist also kein Böhme, nicht einmal von der böhmisch-\ndeutschen Gränze, denn Neumarkt ist in gerader Linie\nnoch 12 —l4 Meilen davon entfernt, sondern ein Ober-\npfälzer, ein Baier.\nBeweise dafür sind: 1. Der Taufschein aus Weiden-\nwang (Beilage Ä), von Schmid im Jahre 1842 nach lange\nvergeblicher Mühe aufgefunden und wörtlich übereinstim-\nmend mit der Abschrift, welche die verwitwete Mari an na\nGluck dem oben genannten Adalbert Dlabacz zusandte,\nund ferner mit den im Jahre 1835 von den noch lebenden\nVerwandten Gluck's gegebenen Familien-Nachrichten.\n2. Der Trauungsschein (Beil. den der Verfasser nach\nmehrjährigem Durchsuchen der Kirchenbücher der zahlrei-\nchen Pfarreien Wiens in der Vorstadt St. Ulrich glücklich\nauffand, worin Gluck seihst seine Eltern mit Namen Alexan-\nder und Anna Walburga, ferner als seinen Geburtsort Neu-\nmarkt in der Oberpfalz angibt. 3. Ein Lebens-Zeugniss\nGluck's (Beil. C), ausgestellt vom Marquis von Noailles,\n1 785 französischem Gesandten in Wien, vom 8. October\njenes Jahres, in welchem Gluck als seinen Geburtstag den\n2. Juli 1714 nennt. 4. Der Todtenschein (Beil.\nwelcher aussagt, dass „Herr Christoph Ritter von Gluck,\n73 Jahre alt, in hiesiger Pfarre auf der Wieden Nr. 74\nam Schleimschlag am 15.November 1787 gestorben und\nauf dem Friedhofe zu Matzleinsdorf nach christkatholischem\nGebrauche am 17.November 1787 beerdigt worden sei.\"\nDer Verfasser gibt uns ausserdem eine vollständige\nGeschlechtstafel der Gluck'schen Familie, über welche die\nmühsam aus Kirchenbüchern, Verlassenschafts-Acten u. s. w.\nzusammengesuchten Nachrichten bis in 1649 hinaufsteigen,\nin welchem Jahre sich ein kurbaierischer Musketier Mel-\nchior Gluck zu Neustadt an der Nab verheirathete. Dessen\nzweiter Sohn, im Jahre 1750 geboren, Johann Adam\nGluck, ist der Grossvater, nicht der Vater des Componisten.\nEr war lürstlich sagan'scher Iloljäger, wurde 73 Jahre\nalt, war zwei Mal verheirathet; sein zweites Kind erster\nEhe war Alexander, Vater unseres Gluck, und sein fünf-\ntes Kind zweiter Ehe war der im Jahre 1700 geborene,\nirrthümlich für den Tonsetzer gehaltene Johann Christoph\nGluck.\nAlexander Gluck war als Jüngling Leibjäger des be-\nrühmten Prinzen Eugen von Savoyen, wurde dann Förster\nin Weidenwang bei Neumarkt, kam im Jahre 1717 (drei\nJahre nach unseres Gluck Geburt) als Waldbereiter in die\nDienste des Grafen von Kaunitz nach Neuschloss im nörd-\nlichen Böhmen, wurde den 1. Mai 1722 Forstmeister des\nGrafen von Kinsky in Böhmisch-Kamnitz, kam in derselben\nEigenschaft 1724 nach Eisenberg zum Fürsten von Lob-\nkowitz und starb als Forstmeister zu Reichstadt, im Dienste\nder Grossherzogin von Toscana. Als Christoph Gluck, der\nTonsetzer, sich im Jahre 1750 verheirathete, waren seine\nEltern beide schon todt. Er war, wie wir sehen, in seinem\nvierten Jahre schon mit seinen Eltern nach Böhmen ge-\nkommen und blieb in diesem Lande (welches daher mit\nRecht sein zweites Vaterland genannt werden muss) bis\nzum Jahre 1736, dem dreiundzwanzigsten seines Alters.\nMerkwürdig ist es, dass in seiner Familie bis auf ihn\nsich kein einziger Musiker findet; alle Glieder derselben,\nmit sehr wenigen Ausnahmen, waren Jäger und Forstmän-\nner und übten über ein Jahrhundert lang das edle Waid-\nwerk im Dienste österreichischer Grossen aus. Auch noch"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "234", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541014-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 138, "texte": "zwei Oheime und zwei leibliche Brüder Gluck's waren\nFörster und Oberjäger. Christoph Willibald war der Ael-\nteste von sieben Geschwistern."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-10-14-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-10-14_01#c002", "volume": "bmtnabi_1854-10-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "234", "page_fin": "235", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541014-01.2.2", "titre_corps": "Berliner Briefe.", "titre_sommaire": "Berliner Briefe.", "signature_source": "G. E", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "234", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541014-01.1.4", "debut_caractere": 140, "fin_caractere_exclue": 5035, "texte": "Berliner Briefe.\n\nfDic königliche Oper Fräul. Wagner Frau Köster\nu. s. w. Frau Fischer-Nimbs Sing-Ak ade m i e\nDomchor Kyrie von Rob. Franz.]\nDen 9. October 1854.\nSeit Anfang September hat die musicalische Ruhe des\nSommers aufgehört, und es ist in letzter Zeit, in Folge\nder für die Ueberschwemmten Schlesiens zu Stande ge-\nbrachten Concerte, so lebhaft geworden, dass wir fast jetzt\nschon, im Spätsommer, eine Abspannung und Gleichgül-\ntigkeit gegen musicalische Unterhaltungen bemerken. Trotz\nso grosser Concurrenz werden die Leistungen eigentlich\nnicht besser; überall zeigt sich Ueberspannung, die Sänger\nruiniren, um Eflect zu machen, ihre Stimmen, die Instru-\nmentalisten verirren sich ins Unmögliche oder Unschöne,\ndie Componisten verschwinden in Berlin fast ganz, da\nman es nicht für der Mühe Verth hält, von den schöpfe-\nrischen Bestrebungen der Gegenwart Notiz zu nehmen.\nUm zuerst von der Oper zu sprechen, so setzte Fräulein\nWagner durch ihr erstes Auftreten (als Fidelio) das\nPublicum, die Intendanz, das ganze Theater-Personal, end-\nlich auch die Zeitungen in nicht geringe Bestürzung, in-\ndem eine so durch und durch verfehlte Leistung wohl kaum\nhier gehört worden war; alle Anstrengungen des Organs\nwaren vergeblich, und wenn im Ganzen wohl auch eine\nedle künstlerische Intention hindurchschimmerte, so ver-\nleitete doch die Ungunst des Erfolges die Sängerin auf der\nanderen Seite zu Ueberschreitungen des Ausdrucks, die\nnamentlich dem Beeihoven'schen Genius nicht anstehen. In\nihren späteren Rollen, als Romeo und Lucrezia, kam Frl.\nWa gner ihrem alten Glänze wieder nah, obschon sie ihn\nnicht ganz erreichte; die häufige Anwendung der Kraft,\ndie Ueberschreitung des Umlanges fahren fort, dem Organ\nzu schaden, und das für sie zulässige Repertoire verklei-\nnert sich mehr und mehr. Wenn indess der Umfang der\nStimme nach der Höhe zu auch abgenommen hat, so ist\ndafür die Tiefe schöner und bedeutender, als früher; ge-\nlänge es, Rollen zu finden oder neue Partieen zu schrei-\nben, die dem Organ der Künstlerin vollständig zusagen und\nihrer grossartigen dramatischen Begabung genügende An-\nregung geben, so würde ihr Glanz nicht erloschen sein und\nselbst in helleren Farben strahlen, als jemaJs. Man kann\nnicht genug dieOpern-Componisten darauf aufmerksam ma-\neben, dass sie dramatische Partieen nicht allzu sehr in\ndie Höhe verlegen; in den hohen Lagen hat es mit der\nFülle des Tons, mit der Klarheit und Natürlichkeit der\nAussprache ein Ende, nur noch der colorirte Gesang findet\nhier einen günstigen Boden; dem dramatischen Gesang aber\nwerden seine Hauptbedingungen entzogen. Dies gilt für\nFrauenstimmen eben so wohl, als für Männerstimmen; die\nStimmen, die davon eine Ausnahme machen, sind selten,\nund auch bei diesen seltenen wird die vorletzte Stimmre-\ngion dem dramatischen Vortrag immer günstiger sein, als\ndie letzte. Frau Köster ist seit ihrer Urlaubsreise erst\neinmal aufgetreten, als Gräfin im Figaro; sie sang sehr\nweich und anmuthig, mit feiner musicalischer Auffassung.\nIhre Stimme hat sich durch die längere Ruhe, die sie ihr\ngegönnt hat, neu erfrischt. Frau Her ren burg-Tu c-\nzek hat nicht immer ihren guten Tag; aber mitunter, z. B.\nneulich als Susanne im Figaro, erfreut sie uns noch sehr\ndurch Anmuth in Spiel und Gesang. Frl. Trietsch\nmacht manche Fortschritte; sie hat eine frische, wenngleich\netwas zu hell klingende Stimme; sie tritt mitunter, gleich-\nsam ersalz- und versuchsweise, in ersten Rollen auf; doch\nfehlt es ihr dazu noch an Sicherheit, und für das ernste\nGenre an Kraft und Fülle des Tons, für das heitere an\nLeichtigkeit und Anmuth. Vor Allem müsste sie streben,\ndie sentimentale Färbung abzulegen, die ihrem Organ ei-\ngenthümlich ist. Hr. Th. Form es ist in frischer Kraft zu-\nrückgekehrt und hat mehrere Aufgaben, z. ß. Eleazar und\nRaoul, recht glücklich gelös't. Auch in der Anwendung\nweicherer Klangfarben, in der poetischen Auffassung einer\nRolle macht er sichtbare Fortschritte; der metallreiche\nKlang der Stimme, das dreiste, männliche Anfassen der\nTöne bringt nach wie vor seine Wirkung hervor; aber\nzweierlei haben wir noch immer auszusetzen : die unfreie\nBehandlung der höheren Brusttöne und die Uebertreibung\nder Kraft in der höchsten Lage überhaupt. Die Leistungen\ndes Herrn Formes verlieren sehr, wenn man sie im klei-\nnen Räume hört, und das ist ein schlechtes Zeichen. Herr\nKrüger, der in Concerten durch den weichen Klang sei-\nner Stimme oft gefällt, findet für die Bühne noch immer\nnicht den richtigen Ton. Von unseren Bassisten hält Herr\nZschiesche noch immer festen Stand und ist z. B. als\nRocco ganz trefilich; Herr Krause schien in der letzten\nZeit schlecht disponirt, doch sang er den Figaro neuer-\ndings wieder mit gewohntem Wohlklang; Herr Salomon\nist sehr ungleich und erhebt sich mitunter zu edlerem Ge-\nsänge, sinkt dann aber wieder herab, indem er sich zu\nUebertreibungen verleiten lässt, durch die er dennoch kei-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "235", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541014-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3867, "texte": "nen Effect macht; Herr Bost ist ein routinirter Schauspie-\nler und ein in gewisser Beziehung geschickter Sänger, der\nsich aber doch nur in komischen Rollen zu höherer Be-\ndeutung bringt.\nDas Repertoire hat bis jetzt nichts Neues gebracht.\nSeit den Ferien sind Fidelio, Romeo, Lucrezia, der Pro-\nphet, Figaro's Hochzeit, die Hugenotten, die Jüdin, die\nStumme von Portici, Stradella, die Krondiamanten, Don\nJuan, der Freischütz, Johann von Paris zur Aufführung\ngekommen, einige dieser Opern unter Mitwirkung der Frau\nFi sc her-Nim bs von Breslau, über deren Gastspiel ich\nIhnen noch zu berichten habe. Frau F. gehört zu den\nSängerinnen, die sich nach allen wesentlichen Beziehungen\ngleichmässig entwickeln, ohne gerade nach irgend einer\nSeite hin zu glänzen. Sie hat ein volles und weiches, et-\nwas dunkel gefärbtes Organ, das auch des intensiven, ener-\ngischen Klanges wohl fähig ist; dasselbe ist gleichmässig\ngebildet und von beträchtlichem Umfang, nur dass die\nhöchsten Töne nicht mehr ganz die Fülle besitzen, die in\ndramatischen Partieen oft wünschenswerth ist; die Aus-\nsprache ist nicht ganz von Provincialismen frei und geht\nmanchmal zu sehr ins Breite; doch sind diese Mängel noch\nsehr wohl zu unterscheiden von dem gänzlichen Verloren-\ngehen der Aussprache, das bei so vielen Sängerinnen vor-\nkommt; vielmehr besitzt Frau F. eher den Fehler, den Ton\nin gewissen Fällen Sprechweise, anstatt gesangmässig, an-\nzusetzen, wodurch in den Ton etwas Schwankendes kommt;\ndie Geläufigkeit der Stimme ist nicht gering, namentlich\nist in den Passagen Rundung und Fluss anzuerkennen. So\nviel von dem Technischen, über das sich Frau F. weit er-\nhebt durch den künstlerischen Verstand und das weise\nMaasshalten, das wir in allen ihren Darstellungen bemerk-\nten. Nur nuancirt sie mitunter zu viel und zu äusserlich,\nnicht aus dem musicalischen Strome des Ganzen heraus,\nsondern aus den blossen Worten. Der Sänger darf nie\nvergessen, dass er das von dem Componisten bereits ge-\nstaltete Wort wiederzugeben hat; nicht das Wort allein,\nsondern das Wort im Zusammenhange mit der geschafTenen\nMelodie muss die Nuancen des Ausdrucks bestimmen.\nDies gilt selbst beim Recitativ; und so enthielt z. B. die\nAusführung des Recitativs der Donna Anna an der Leiche\ndes Vaters manches Verfehlte, wie denn überhaupt dieser\nRolle und der Agathe im Freischütz die Eigentümlichkeit\nder Künstlerin weniger zusagte. Am gelungensten waren\ndie Valentine, Fides und namentlich die Jüdin. Frau F.\nfand vielfachen Beifall, konnte das Publicum aber nicht zu\nausserordentlichen Beweisen des Beifalls bringen.\nDie Concerte, die in letzter Zeit Statt gefunden haben,\nwaren vielfach interessant, ohne indess etwas besonders\nErwähnungswerthes zu enthalten. Die Sing-Akademie\nzeigte sich in den Aufführungen des Faust und Mes-\nsias recht tüchtig; auch der Domchor bewährte be-\nreits seinen wohlbegründeten Ruf durch ein Kirchen-Con-\ncert, in dem u. A. ein Kyrie von Robert Franz\nzur Aufführung kam, ein breit ausgeführtes, polyphon ge-\nhaltenes Gesangstück, von reichein musicalischem Leben\nund energischem Gefühlsausdruck, charakteristisch in den\nThemen, klar und sicher in der Form. In einem anderen\nConcerte kam das Es-dur-Concertfür Pianoforte von Beet-\nhoven durch Herrn Rad ecke, wenn auch nicht mit allen\nFeinheiten des Vortrags, so doch in musicalisch solider\nWeise, zur Ausführung. Ferner erwähne ich verschiedene\nUnternehmungen, die in unseren öffentlichen Vergnügungs-\nLocalen gegen einen sehr niedrigen Eintrittspreis Statt fin-\nden und ausschliesslich das Streich-Quartett pflegen; man\nhört dort Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert u. s. w.\nbei einer Tasse Kaffee und einer Cigarre für fünf Silber-\ngroschen, und zwar recht gut; das Publicum zeigt lebhafte\nBetheiligung. Ueber die Concerte, die seit voriger\nWroche der Violinvirtuose Bazzini bei Kroll gibt, in mei-\nnem nächsten Briefe.\n\nG. E."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-10-14-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-10-14_01#c003", "volume": "bmtnabi_1854-10-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "235", "page_fin": "236", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541014-01.2.3", "titre_corps": "Des Fürsten Radziwill Musik zu Göthe’s Faust", "titre_sommaire": "Des Fürsten Radziwill Musik zu Göthe’s Faust", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "235", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541014-01.1.5", "debut_caractere": 3869, "fin_caractere_exclue": 5050, "texte": "Des Fürsten Radziwill Musik zu Göthe’s Faust\nDie Sing-Akademie hat ihre Winter-Wirksamkeit auf\nso würdige Weise begonnen, dass sie uns damit das sicher-\nste Unterpfand gibt für das fortdauernde Streben, den Be-\nruf des Instituts seinem allbegründeten Rufe entsprechend\nzu erfüllen. Sie gab uns, um einen Zweck zu fördern, der\nuns alle seit Wochen mit tiefster Theilnahme anregt (das\nUnglück unserer hart betroffenen Landsleute in Schlesien\nmildern zu helfen), das ihr eigenthümlichst zugehörende\nWerk Göthe's Faust mit der Musik des Fürsten Rad-\nziwill. Weder das Kunstwerk, das sich in beiden Gebie-\nten, die es umfasst, seine Stellung fest, be-\n*)■\n\n*) Uebcr die von unserem Herrn Correspondenten in dem oben\nabgedruckten „Berliner Briefe44 erwähnte Aufführung des\nRadziwill'schen Faust von der Sing-Akademie in Berlin thei-\nlen wir noch einen Artikel von L. Reil Stab mit, in der\nAbsicht, die Aufmerksamkeit der Concert-Directionen ausser-\nhalb Berlins und besonders im Rheinlande darauf hinzulenken\nund Erkundigungen einzuziehen, ob denn diese Musik in den\nArchiven der berliner Sing-Akademie vergraben bleiben\nmüsse und nirgendwo anders aufgeführt werden dürfe.\nDie Redaction."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "236", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541014-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4117, "texte": "gründet hat, noch unter diesen Umständen die Ausführung\ngeben dem flüchtigen Urtheile des Tages ein Recht, sein\nAmt in gebräuchlicher Weise zu üben. Noch weniger wer-\nden die Pflichten desselben herausgefordert, es sei denn in\nder Voraussetzung, dass es nur einen Dank auszudrücken\nhat für den Verein so zahlreicher, trefflicher und eifriger\n7 O\nKräfte und Thätigkeiten, um etwas Schönes und zugleich\netwas Gutes ins Leben zu rufen. Aber sollte es nicht ge-\nstattet sein, diesem Danke statt des ganz allgemeinen Aus-\ndrucks einige besondere Färbungen zu geben bei so vie-\nlem, was dazu anregt? Nur in diesem Sinne möge man es\ndenn auffassen, wenn wir auf Einiges andeutend eingehen,\nwozu wir uns am wärmsten gedrängt fühlen. Die stärksten\nAufforderungen dazu liegen für uns in dem Werke selbst,\ndas uns, wie es uns immer neu über seine Wunder erstau-\nnen lässt, auch immer neu zum Ausdruck dessen treibt,\nwas uns so tief erregt, so mächtig erhebt. Mit den Wor-\nten des Dichters selbst, wie wir innerlich und äusserlich\nschon oft gethan, müssen wir auch jetzt wieder ausrufen:\nDie unbegreiflich hohen Werke\nSind herrlich wie am ersten Tag.\nOft schon hoben wir es ausgesprochen, dass die ro-\nmantische Seele des Gedichtes eine tiefe, lange ungestillte\nSehnsucht nach dem heiligen Bündnisse mit der Tonkunst\nin sich trug: eine unerkannte, unerwiederte Liebe. Denn\nin den morganatischen Verbindungen, möchten wir sie\nscherzend nennen, die es flüchtig einging durch die Com-\nposition einzelner Lieder und Theile, konnte die im Inner-\nsten lodernde Gluth nicht ihre Befriedigung finden. Ein un-\neingeschränkter Bund, der alle Rechte, alle Pflichten innig-\nster Verschmelzung umfasste, war die einzige Lösung. Diese\nerkannt zu haben, ist das unsterbliche Verdienst des Com-\nponisten, dem sich noch das zweite über die Art, wie er\ndas Einzelne vollfuhrt hat, zugesellt. Wir bekennen, dass\nes darunter manches gibt (besonders gerade die unmittel-\nbar in Musik gesetzten Worte, wie die Gesänge Gretchens),\nwas nicht mit unserer Auffassung übereinstimmt; Theile\ndes Gedichtes, in denen andere Tonmeister nach unserem\nErmessen das Richtigere getroffen. Da aber, wo die Musik\nin die Tiefen der Dichtung des Ganzen dringt, wo sie eben\njenes innerste Bündniss mit derselben schiiesst, schwingt\nsie sich auch oft zu einer Höhe auf, die ihr an sich selbst\neine weithin dauernde Geltung im Gebiete der Kunst sichert.\nDiese Momente sind es, die uns immer wieder, vereint mit\nder Macht des Gedichtes, im Tiefsten ergreifen und, je nach\nihrer Färbung, die Seele mit Wehmuth fallen, sie mit dun-\nkeln Schauern, mit tiefer Erschütterung durchbeben, oder\nsie zu den höchsten Erhebungen emportragen. Die erste\nEinfuhrung der Geister, die herübertönenden Ostergesänge,\ndie wehmuthvollen Nachklänge bei der Rückkehr vom Spa-\nzirgange, die einwiegenden Zauberchöre, endlich das Re-\nquiem am Schlüsse, gehören zu dieser reichen Kette von\nSchönheiten, die uns unwiderstehlich, magisch gefesselt hält.\nDie ausführenden Kräfte trugen diese schöpferischen mit\nnachdrucksvoller Wirkung. Bleibt Manches hinter dem Ideal\nder Forderungen zurück, erfüllt sogar Einzelnes vielleicht\nnicht ganz die Rechte derselben, welche das Werk geltend\nmachen dürfte, so wird dagegen bei Weitem der überwie-\ngende Theil des grossen Kunstgemäldes in das vollste Licht\ngestellt, und vielfech empfangen die Farben dadurch eine\nüberraschende Erhöhung des Glanzes und der Gewalt. So\nübte die Stelle: „ Ich werde jetzt dich keinem Nachbar rei-\nchen\", in Verbindung mit der nachfolgenden Musik eine\nunvergessliche Wirkung, die wir eine unvergleichliche nen-\nnen würden, wenn wir die Trompeten-Einsätze, die den\nChor: „Christ ist erstanden\", einleiten, aus dem Werke\nI\ntilgen und den Gesang unverzüglich eintreten lassen könn-\nten. Der Einsicht und Sorgfalt, welche Herr Musik-Director\nGrell in der Leitung des Ganzen bethätigte, gebührt volle\nAnerkennung. Die Theilnahme aller Hörer war daher auch\neine so sichtlich erregte, in der Anspannung bis zum Schluss\nverharrende, dass eine Wiederholung des Werkes im Laufe\ndes Winters gewiss mit freudigem Danke begrüsst werden\nwürde."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-10-14-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-10-14_01#c004", "volume": "bmtnabi_1854-10-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "236", "page_fin": "237", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541014-01.2.4", "titre_corps": "Aus Stuttgart.", "titre_sommaire": "Aus Stuttgart.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "236", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541014-01.1.6", "debut_caractere": 4119, "fin_caractere_exclue": 5086, "texte": "Aus Stuttgart.\nAm 27. September, dem Geburtsfeste Sr. Majestät\ndes Königs, erschien Abends die ganze königliche Familie\nmit ihren hohen Gästen in dem durch Hunderte von Gas-\nflammen erleuchteten Theater, um der Aufführung des\n„Nordsterns\" unter der Direction des Componisten beizu-\nwohnen. Für das Theater-Publicum war diese Aufführung\nein Ereigniss, von dem schon seit lange viel gesprochen\nwurde, und es lässt sich denken, dass die Erwartungen\nnicht gering waren, die man in musicalischer und scenischer\nHinsicht von einem Tonwerke hegte, das in Paris, gleich\nden übrigen Werken des Meisters, so entschiedenen Beifall\ngefunden hatte. Die Nachfrage nach Billetten auf reservirte\nPlätze war desshalb so gross, dass die Speculation sie zu\nsehr namhaften Preisen hinauftrieb. Welcher Art aber die\nAufnahme der Oper war, das lässt sich mehr nur errathen,\nals mit Sicherheit angeben, weil an diesem festlichen Abende\nwegen des Empfanges Sr. Majestät von Seiten des Publi-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "237", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541014-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2225, "texte": "cums kein Beifallszeichen gespendet wird. Es lässt sich also\nbloss das eine Thatsächliche melden, dass trotz der her-\nkömmlichen Regel der Convenienz mehrfach der ausbrechen\nwollende laute Beifall kaum zurückzuhalten war. Der Ein-\ndruck, den das Tonwerk auf den Referenten machte, lässt\nsich nach einmaligem Anhören im Allgemeinen auf Weni-\nges zurückführen. Wer mit der Idee, eine komische Oper\nim Genre von Auber, Adam u. A. zu hören, ins Theater\nging, wird sich einiger Maassen getäuscht gefunden haben,\ndenn der Nordstern hat in Situation und Musik weit mehr\nTragisches als Komisches; wer dagegen dem reichen Ideen-\ngange des Componisten folgte und namentlich über Scene-\nrie und Decorationen die meisterhafte Lösung der schwie-\nrigsten musicalischen Aufgaben, die kunstvolle Verschmel-\nzung von verschiedenartigem Rhythmus und Tonart nicht\nvöllig übersah und die vielen, eben so lieblichen wie origi-\nnellen Melodieen nicht ganz überhörte, der musste sich in\nhohem Grade befriedigt fühlen. Am 28. ward der Nord-\nstern unter nochmaliger Leitung des Componisten wieder-\nholt und dem Publicum dadurch Gelegenheit geboten, dem\nMeister ebenfalls ein Zeichen seiner äusseren Anerkennung\nzu Theil werden zu lassen, wie sie ihm seither in jeder\nWeise in den höchsten Kreisen wurde. So wurde ihm u. A.\ndie hohe Auszeichnung einer Einladung zu dem Banket\nnach der Wilhelma; am 29. gab die Intendanz auf könig-\nliche Kosten dem Meister ein Fest, wozu sämmtliche Künst-\nler, die beim Nordstern mitwirkten, so wie auch noch einige\nandere Personen geladen waren. Nach der ersten Vorstel-\nlung des Nordsterns wurde Meyerbeer noch in das Vor-\nzimmer der königlichen Loge zu Sr. Majestät befohlen, was\nsicher als ein Beweis des Allerhöchsten Wohlgefallens an\ndem Werke angesehen werden darf. Der Nordstern wird\nsicher von hier aus seine Rundreise durch ganz Deutsch-\nland machen, und wird überall gefallen, wo ein Orchester\nwie das hiesige und ein Kreis von Gesangskünstlern zu-\nsammenwirken, die es möglich machen, in der kurzen Zeit\nvon sechs Wochen ein so schwieriges Werk zur Zufrieden-\nheit des Componisten vor die Lampen zu fördern, der selbst\nan der Möglichkeit gezweifelt und im höchsten Grade sich\nüberrascht gefühlt haben soll."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-10-14-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-10-14_01#c005", "volume": "bmtnabi_1854-10-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "237", "page_fin": "238", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541014-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "237", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541014-01.1.7", "debut_caractere": 2227, "fin_caractere_exclue": 5963, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMöln. Die Eröffnung der Gesellschafts-Concerte ist auf den\n24. d. M. verschoben. Herr Saloman, durch seine Opern-Com-\npositionen („Das Diamantkreuz\" u. s. w.) rühmlich bekannt, ist mit\nseiner Gattin, geb. Nissen, hier angekommen und wird sich län-\ngere Zeit hier aufhalten. Frau Saloman-Nissen wird in den hiesi-\ngen Winter-Concerten, so wie auch in Düsseldorf und Elberfeld\nsingen. Aus Leipzig ist Frau Dr. Reclam, geh. Sachse, zum\nBesuch hier anwesend und entzückt in Privatcirkeln durch ihre\nGesangsvorträge. Sie wohnte bekanntlich früher längere Zeit hier\nund war als Concertsängerin sehr beliebt.\nF. Hiller hat die Ferien an der Rheinischen Musikschule in\nSt. Goarshausen zugebracht und unter anderen Compositioncn eine\n„Lorelei\" für Solostimmen, Chor und Orchester auf ein schönes\nGedicht von Wolfgang Müller geschrieben.\nIm Stadttheater erschien als ein stets in Köln willkomme-\nner Gast Frau von Mar ra. Sie trat einmal als Marie in der Re-\ngimentstochter und zweimal als Angela in dem kleinen Lieder-\nspiel gleiches Namens, welches R. Benedix für sie geschrieben hat,\nauf, und verliess uns dann wieder, um nach Amsterdam zu gehen.\nDie treffliche Sängerin überraschte uns durch die Frische und\nKraft ihrer Stimme, welche, seitdem wir sie nicht gehört, eher zu-\nals abgenommen hat. Die Lieder in der Angela und in der Cla-\nvierscene in der Regimentstochter trug sie mit dem ihr eigentüm-\nlichen Humor vor, welcher eine ausserordentliche Kunstfertigkeit\nmit einer gewissen naiv-keckcn Natur zu vereinigen weiss. Ihre\nHöhe ist rein und voll, keinesweges dünn und spitz, und sie\nschmettert ihre Triller auf den höchsten Tönen mit einer Stärke\nund Sicherheit heraus, die man wahrlich nicht häufig findet. Wenn\nman heutzutage so viele Klagen über Verlust und Verderbung der\nStimmen durch Ueberanstrengung u. dgl. hört, so ist es erfreulich,\nein so klangvolles Organ, wie das der Marra, in unzerstörbarer\nFrische wieder zu hören.\nZwischen dem 17. und 19. d. M. wird Roger von Paris hier\nerwartet. Eine Theater-Direction, welche im Laufe von vier Wo-\nchen Gäste wie K. Formes, Frau von Marra und Roger dem\nPublicum vorführt, verdient wahrlich alle Anerkennung, w elche ihr\nhoffentlich auch durch die That, d. h. durch ein zahlreicheres, die\nUnternehmung sicher stellendes, Abonnement, wofür sich dem Ver-\nnehmen nach mehrere der ersten Kunstfreunde interessiren, zu\nTheil werden wird.\nFrau Jenny Lind-Goldschmidt hat fast zwei Monate die-\nses Sommers in Bad Kissingen zugebracht, wo sie übrigens sehr\nzurückgezogen lebte. Darauf hat sie noch die Seebäder zu Nor-\nderney gebraucht, und da ihre Gesundheit sich wieder vollkom-\nmen gestärkt, so hat sie den Entschluss gefasst, die nächste Saison\nnoch einmal wieder nach London zu gehen dort zu er-\nzielenden Einnahmen für ihr Töchterlein zu capitalisircn.\nDresden. Unser Hoftheater hat endlich C. M. v. Weber s\nherrliche Euryanthe wieder auf die Scene gebracht; wir hatten\nsie seit fünf Jahren nicht gehört. Fräulein Ney als Eglantine und,\nTichatschek als Adolar waren ausgezeichnet.\nWeimar, Hier wird eine Oper von Rubinstein: „Die si-\nbirischen Jäger\", einstudirt.\nBaden-Baden. Frau Nissen-Saloman sang vor ihrer\nAbreise von hier noch in einer Soiree des Prinzen von Oldenburg,\nin welcher auch die Königin von Holland gegenwärtig war, und\nam 2. October am Hofe der Grossherzogin von Baden.\nSalzburg. Montag den 4. September veranstaltete Herr\nEduard Doctor, Professor am königlich baierischen Conserva-\ntorium zu München, im hiesigen Rathhaus-Saale ein Concert zur\nErinnerung an das Mo zart fest, welches an demselben Datum\nvor zwölf Jahren hier Statt fand, als die Statue Mozart's unter dem\nZusammenflusse von Musikfreunden aus ganz Europa feierlich ent-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "238", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541014-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5941, "texte": "hüllt wurde. Das Andenken an jenes herrliche \"Fest, das eben so\nreich an musicalischcn Hochgenüssen, als von der weihevollsten\nStimmung getragen war, wird wohl kaum je aus der Brust derje-\nnigen entschwinden, die demselben beizuwohnen das Glück hatten;\ndenn selten wird der Fall wiederkehren, dass sich eine eben so\nbegeisterte Schar von hochbegabten Künstlern zusammenfindet,\num das Andenken und die Apotheose eines so grossen Genius\nwie Mozart zu feiern, sie durch seine eigenen wunderbaren Ton-\nschöpfungen und in seiner altberühmten Vaterstadt zu feiern, die\ndamals alle Kräfte zur würdigen Begehung des Verherrlichungs-\nFestes ihres grössten Mitbürgers aufgeboten hatte. Der „vierte Sep-\ntember\"' ruft uns alljährlich jene schöne Feier ins Gedächtniss zu-\nrück, und Herr Doctor konnte mit Recht an die Reminiscenzen\nappelliren, als er Montags bei dem herrlichsten Wetter das mozart-\nfreundliche Publicum einlud, den Abend im Concertsaale, statt in\nder schönen freien Natur zuzubringen und Mozart'sche Klänge zu\nhören. Der Besuch des Conccrtes zeigte auch, dass Herr Doctor\nsich nicht getäuscht hatte.\nDie erste Abtheilung des Conccrtes brachte nur Mozart'sche\nTonwrerke zur Anhörung. Das Mozarteums-Orchester führte unter\nder Leitung des Herrn Chor-Direetors Deisböck Mozart's herrliche\nOuvertüre zum „Schauspiel-Director4' aus; dann trug Herr Profes-\nsor Doctor die schöne Fhantasie in C-moll vor; hierauf sang der\nChor unter Leitung des Herrn Chormeisters Jellinek das sinnige\n„Abendlied44, und den würdigen Schluss bildete das G-mo/Z-Quartett,\nvorgetragen vom Herrn Concertgeber und den Herren F. Zeller,\nIL Schnaubelt und F. Hegenbarth. Die zweite Abtheilung war mo-\nderner Musik gewidmet: das Orchester executirte Lindpaintner's\nVampyr-Ouverture, der Männerchor Schubert's „Gondelfahrer44, der\nConcertgeber eine Caprice über Motive aus Meyerbeer's neuer Oper\n%Der Nordstern44, und eine Transscription des Mendelssohn'schen\n„Hochzeitsmarsches44, von ihm arrangirt, und Littolfs „Tarantelle44.\nDie Ausführung all dieser Tonstücke liess erkennen, dass alle\nMitwirkenden nach besten Kräften zum Gelingen des Ganzen bei-\nzutragen bemüht waren. Den reichsten Beifall trug der Concertge-\nber davon, der lebhaft applaudirt und wiederholt gerufen wurde.\nHerr Doctor entwickelte in seinem Spiel alle jene Vorzüge, die\neinem gewiegten Virtuosen zukommen. Seine Technik ist in einem\nungewöhnlichen Grade ausgebildet und von grosser Vielseitigkeit,\nsein Anschlag von seltener Schönheit, sein Vortrag klar und von\nwohlthucnder Wärme. Die Mozart'schen Tonslücke trug er mit\nPietät und Verständniss vor; in seinen eigenen Compositionen ent-\nfaltete er überraschende technische Bravour. Den meisten Applaus\närntete er durch den brillanten Vortrag seiner Nordstern-Cäprice\nund des „Hochzeitsmarsches44. Die Hälfte des Concertertrages\nwidmete der Concertgeber dem Pensions-Fonds des Mozarteums.\nDie auch von uns mitgetheilten Nachrichten über den traurigen\nGesundheits-Zustand Rossini's haben leider noch keine Wider-\nlegung, aber auch keine nähere Bestätigung erfahren. Ein Feuille-\nton von Jules Jan in, welcher behauptet, dass ein solches Genie\nniemals verstandesschwach werden könne, beweis't nur, wie einem\nfranzösischen Tagesschriftsteller auch die erschütterndsten Neuigkei-\nten eben nur als Neuigkeiten und Gelegenheiten gelten, einen geist-\nreichen (?) Artikel zu schreiben. „Rossini44 heisst es darin\n„kann nicht so hinsterben, wie uns da ein miserables Sätzchen aus\nLivorno sagt, avec si peu de sans gdne et, de malice, er hat nicht ein\nso miserables Lebewohl dem Gedanken, dem Verstände, dem Le-\nben u. s. w. gesagt. Was würde die Pasta, die Sontag, wrenn sie\nnoch lebte (!!) dazu sagen?44 Nachdem dieses jämmerliche, läppische\nZeug durch vier Spalten so fortgegangen, setzt der frivole Schluss\nder Sache die Krone auf. „Im Grunde44 schliesst der berühm-\nteste Feuilletonist Frankreichs —, „was ist daran gelegen, wesshalb\nsich darum quälen, und ist es nicht am Ende ein schönes Thema\nfür den Schmerz, Rossini der blödsinnige? Wir wissen uns vor\neiner solchen Trauer zu schützen und uns zu trösten. Wenn das\ndankbare Frankreich dieses grosse Genie ein paar Stunden lang\nbeweint haben wird, so wird es sich eben so darüber trösten, wie\nüber eine Menge von Königen, Prälaten, Feldherren, Dichtern, Prin-\nzen von Geblüt u. s. w., und wird ins Vaudeville gehen.\"\n' • V\nüaarig. Sophie Cruvelli sollte als Alice zum ersten Male\nwieder auftreten, wurde aber unwohl. Am 6. Oct. trat sie alsdann\nin den Hugenotten als Valentine auf. Mad. Stoltz hat wieder Ur-\nlaub erhalten, soll jedoch zu einem festen Engagement sehr bald\nzurückkehren.\nMeyerbeer ist von Stuttgart wieder hier eingetroffen. Er\nhat vom Könige von Würtemberg das Commandeurkreuz des Or-\ndens der Krone erhalten.\nDie itaüänische Oper hat mit Rossini's Semiramis er-\nöffnet, Semiramis Mad. Bosio, Arsaces Mad. Borghi-Mamo.\nDie neue Oper von Ch. Go u n o d La Nonne sanglante, an wel-\ncher schon voriges Jahr studirt wurde, sollte Mittwoch den 11. Oct.\nzum ersten Male gegeben werden.\nDie Geschwister Dulke n sind wieder hier, haben aber vor,\nnach kurzem Aufenthalte nach dem Oberrhein und dann nach Wien\nzu gehen.\nUeber den Erfolg des Künstlerpaares Grisi und Mario in\nNew-York enthalten französische Blätter glänzende 'Nachrichten,\nwelche wieder einmal beweisen, in welchem Zustande sich die pa-\nriser Kritik und Correspondenzen-Fabrik befindet. Denn es ist nach\nden von uns erhaltenen Berichten, welche wir im nächsten Blatte\nmittheilen werden, ausser allem Zweifel gestellt, dass Beide in Lu-\ncrezia Borgia und in der Norma gänzlich durchgefallen sind, und\ndass sie schon den Entschluss gefasst hatten, nach einem Aufent-\nhalte von acht Tagen nach Europa zurückzukehren lind die Ame-\nricaner der Reue über ihren Mangel an Ehrfurcht vor dem Alter-\nthum zu überlassen. Nur das darstellende Talent der Grisi hat An-\nerkennung gefunden und sie vor einem vollständigen Fiasco gerettet."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "231", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541014-01.1.1", "texte": "Christoph Willibald Ritter von Gluck.\nI.\nUnter diesem Titel mit den Zusätzen: „Dessen Le-\nben und tonkünstlerisches Wirken. Ein bio-\ngraphisch-ästhetischer Versuch und ein Beitrag zur Ge-\nschichte der dramatischen Musik in der zweiten Hälfte des\nsiebenzehnten Jahrhunderts\" erhalten wir ein Werk\nvon Anton Schmid, Gustos der k. k. Hofbibliothek in\nWien (Leipzig,bei F. Fleischer, 1854. 508 S. in gr. 8.),\nwelches eine wahre Bereicherung der musicalischen Lite-\nratur ist, ein ehrenvolles Denkmal nicht nur für Gluck\nselbst, sondern auch für den Verfasser. Nur die Ausdauer\nund der Fleiss eines deutschen Gelehrten war im Stande,\nein solches Buch zu schreiben, das durch die Gewissen-\nhaftigkeit der Forschungen, die Sammlung und kritische\nSichtung aller Vorarbeiten gegen dießiographieen berühm-\nter Musiker, welche neuerdings von französischen Schrift-\nstellern herausgegeben worden sind\nMozart, de Metastase, de Rossini par de Stendhal; Rossini,\nMeyerbeer par Escudier)höchst vorteilhaft absticht.\nDas Werk ist die Frucht eines Entschlusses, den Herr\nAnton Schmid bereits vor mehr als zwanzig Jahren fasste.\nSeit dieser Zeit sammelte und durchforschte er unablässig\nalles, was auf Gluck's Leben und Wirken irgend eine Be-\nziehung hatte, und wurde dabei gar sehr durch seine amt-\nliche Stellung und besonders durch die wohlwollende Theil-\nnahme und Unterstützung des Grafen Moriz von Dietrich-\nstein begünstigt, in dessen Händen die oberste Verwaltung\nder Bibliothek neunzehn Jahre lang gewesen ist und der\nden musicalischen Schätzen derselben und ihrer Vermeh-\nrung eine ganz besondere Sorgfalt weihte. Ihm ist denn\nauch das Werk mit Recht gewidmet. Ueber dessen Zweck\nspricht sich der Verfasser selbst folgender Maassen aus:\n„Schon längst hat die Alles ausgleichende Zeit die\nSchlacken des Vorurtheiles, der persönlichen Anfeindung\nund parteiischen Kritik von einem Manne ausgeschieden,\nder die dramatische Musik auf die höchste Stufe damals\nmöglicher Vollkommenheit gehoben hat. Der Ruhm des\ngrossen Meisters der Töne strahlt demnach so krystallrein\naus der Vergangenheit in die Gegenwart herüber, dass\ndem sein Bild umfliessenden hehren Glänze kein Strahl\nmehr entzogen werden kann. Noch lebt sein Andenken\nnicht nur in Frankreich, das ihn einst vergötterte, son-\ndern auch in Oesterreich, das auf seinen Gluck, wie\nauf seinen Haydn, Moz art und Beethoven mit glei-\nchem Rechte stolz sein kann, in ungeheuchelter Verehrung\nfort; auch das übrige Deutschland, zumal das nördliche,\nhat letzteres freilich etwas spät ihn würdigen ge-\nlernt und aus den ewigen Quellen Gluck'scher Ilarmo-\nnieen seitdem manchen berauschenden Trunk gethan; ja, es\nhat durch die herrlichsten und zahlreichsten Aufführungen\nder unsterblichen Werke dieses grossen Meisters den Ma-\nnen desselben in erfreulichster Weise Rechnung getragen\nund so das ihm einst angethane schreiende Unrecht redlich\ngesühnt.\n„Dessen ungeachtet bleibt es noch jetzt eine heilige\nPflicht, sorgfältig zu verhüten, dass Gluck's Ruhm in\nkeinerlei Weise bemakelt, sondern wie ein Heiligthum be-\nwahret, ja, dass selbst jene Irrthümer und Vorurtheile,\nwelche über sein Herkommen und seine Geburt noch heut\nzu Tage in gewissen Schriften fortbestehen, zur Ehre der\nWahrheit mit möglichster Genauigkeit berichtiget, durch\nunumstössliche Beweise gehoben, und, so viel von seinem\nLeben und Wirken noch bekannt ist, der Nachwelt auf-\nbewahret werde.\n„Um des schönen Zweckes willen, das edle Streben\ndes grossen deutschen Tonmeisters, der auf die drama-\ntische Musik einen so wohlthätigen Einfluss ausgeübt hat,\nnach Kräften zu verherrlichen, habe ich das Wagniss un-\nternommen, die über dessen Leben und Wirken von mir\nseit mehr als zwanzig Jahren gesammelten Notizen, nach\nsorgfältiger Sichtung des Stoffes und genauer Prüfung der\nQuellen, zu verarbeiten, in den vorliegenden Blättern Öffent-\nlich mitzutheilen, und den Werth seiner Schöpfungen, ge-\nstützt auf das Ansehen gewiegter und urtheilsfähiger Kunst-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "232", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541014-01.1.2", "texte": "genossen, nach meinem besten Wissen und Können zu be-\nleuchten.\n„Einst hatte sich dieses edle Geschäft der, den frucht-\nbringenden Bestrebungen Gluck's näher stehende, ta-\nlentvolle und kenntnissreiche preussische Tonsetzer Joh.\nFrie-dr. Reichardt vorbehalten, der sich demselben\ngewiss mit mehr Geschick und Umsicht, als ich, unterzogen\nhaben würde; auch fühlte Reich ardt sich zu dieser Ar-\nbeit mächtig hingezogen und liess es in keiner Zeit an\nFleiss und Mühe fehlen, dazu die nöthigen Materialien ein-\nzusammeln; allein auch er klagt, dass ihm Gluck's\nFreunde und Verwandte die Nachrichten von des grossen\nMannes früherem Leben und erster Kunstperiode stets\nversagt, oder ihn mit Versprechungen, welche niemals er-\nfüllt wurden, hingehalten hätten. Einige kleine franzö-\nsische und deutsche Aufsätze, die er von einigen Verehrern\nder Kunst in Paris und Wien, die sich für Gluck per-\nsönlich interessirten, erhalten hatte, konnten ihm den Man-\ngel ausreichender Belege nicht ersetzen, eben so wenig die\ngeringe Zahl von Anekdoten, die er noch bei seinem letz-\nten Aufenthalte in Wien (1809) zu erbeuten Gelegenheit\nfand. Alles dieses war kaum für eine leidliche Skizze, viel\nweniger für eine vollständige Lebensbeschreibung maass-\ngebend.\n„Gluck's höheres künstlerisches Wirken tritt frei-\nlich erst mächtig und klar in der Hauptstadt Frankreichs\nhervor, wo seine glanzreiche Periode beginnt, als er be-\nreits sechzig Lebensjahre zählte. Diese Periode oder\nvielmehr Epoche haben die Schriften eines Abbe Ar-\nnaud, Suard, Grimm, Morellet und Anderer, dann\ndie Gegenschriften eines Laharpe, Marmontel, Gin-\nguene u. s. w. zwar nicht hinlänglich, doch den meisten\nMusikern zur genügenden Kenntniss gebracht. Aber auch\nmit diesen Schriften, die Reichardt in Paris gesam-\nmelt hatte, ist ihm die Unannehmlichkeit begegnet, dass\nsie durch einen anderen enthusiastischen Verehrer des\ngrossen Tonmeisters, den Professor C. Fr. Cramer in\nKiel, der auch Gluck's Leben schreiben wollte, in Ver-\nlust gerathen sind *).\n„So habe ich, von vielen Kunstfreunden zu wieder-\nholten Malen aufgefordert, endlich den Entschluss gefasst,\ndie vorliegende, auf meine Materialien gebaute, wenn auch\nnoch immer skizzenhafte Biographie zu entwerfen und der\nfreundlichen Lesewelt als eine wohlgemeinte Gabe zu\nüberreichen.\n„Ueberhaupt kann man zweifeln, ob über Gluck's\nLeben und Arbeiten jetzt mehr werde entdeckt werden\nkönnen, als in diesen Blättern geboten wird, und was ich\ntheils aus amtlichen Acten, theils aus den Mittheilungen\neiniger Verwandten und Freunde des grossen Kunstheroen,\n✓\nund aus den Berichten verschiedener deutscher und fran-\nzösischer Schriftsteller erfahren habe. Das Ergebniss mei-\nner vieljährigen, oft sehr mühsamen Forschungen wolle der\ngeistvolle Leser von mir nun freundlichst hinnehmen, die\nSchwierigkeit der Aufgabe nicht übersehen, und der löb-\nlichen Absicht, dem grossen deutschen Tonsetzer ein be-\nscheidenes Denkmal setzen zu wollen, einigen Beifall schen-\nken. Stet pro ratione voluntas!\n„Wien, am i. März 1854.\"\nDas Werk zerlällt in achtzehn Abschnitte (S. 1 bis\n444), denen ein „Schlusswort über Gluck's Verdienste\num die dramatische Musik\" folgt (S. 444 bis 458), worauf\ndie Beilagen (Actenstücke, Briefe u. s. w.) einige und dreis-\nsig Seiten füllen. Zuletzt wird noch eine Uebersicht der\nGluck-Literatur auf achtzehn Seiten gegeben; dem Verfas-\nser standen davon 69 Werke zur Benutzung zu Gebot,\nunter ihnen natürlich auch die Hauptquelle für den Streit\nder Gluckisten und Piccinisten in Paris, die Memoires pour\nservir ä l'histoire de la revolution operee dans la Musique,\npar M. le Chevalier Gluck, welche 97 Schriften verschie-\ndener Verfasser enthalten, aber nicht, wie Herr Schmid\nnachweis't, vom Abbe Arnaud, wie bisher angenommen,\nsondern von Gaspard Michel, genannt Leblond, herausgege-\nben sind, der Bibliothecar am College Mazarin und Mit-\nglied der Akademie war (f 1809). Ein Facsimile der No-\ntenschrift Gluck's ist aus der Original-Partitur der Oper\nTelemacco beigegeben.\nMan braucht nur den ersten Abschnitt zu lesen, um\nsich zu überzeugen, dass hier das Wort „Forschung\" keine\nblosse Bedensart ist. Da derselbe die Ungewissheit über\nden Geburtsort, die Geburtszeit und die wirklichen Eltern\nGluck's tilgt und die Wahrheit durch authentische Urkun-\nden entscheidend an den Tag bringt, so geben wir zunächst\neinen Auszug dieses wichtigen Capitels.\nDie ältere Angabe über Gluck's Geburt im Jahre 1714,\nwie sie sich bei Gerber im alten Tonkünstler-Lexikon\nund bei dem gelehrten Prämonstratenser Adalbert Dla-\nbacz in dessen „Künstler-Lexikon für Böhmen\" (Prag,\n1815, Bd. I, S. 469) findet, wurde durch die Entdeckung\neines so genannt echten Taufscheines zu Neustadt an\nder Waldnab (an der südöstlichen Abdachung des Fich-\ntelgebirges, ein Paar Meilen von der böhmischen Gränze)\n\n*) S. Reichardt's vertraute Briefe, geschrieben auf einer\nReise nach Wien. Amsterdam, 1810. 11. Bd. S. 214."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "233", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541014-01.1.3", "texte": "in Zweifel gezogen. Dieser Taufschein sagt aus, dass Jo-\nhann Christoph Gluck, Sohn Joh. Adam Gluck's,\ntoris aulici(Hofjägers), am 25. März 1700 daselbst ge-\ntauft sei.\nDiese Entdeckung wurde zuerst von der „Allgemeinen\nBürger- und Bauern-Zeitung\" im Jahre 1831 bekannt\ngemacht, wanderte dann von Blatt zu Blatt, gewann ein\nurkundliches Ansehen, wurde 1836 in Lewald's „Europa\"\nals funkelnagelneu wieder aufgefrischt, ging in die Ton-\nkünstler-Lexika vonLaborde, Fetis, Schilling über, welcher\nletztere sich „so geberdete, als könne die Angabe gar\nnicht einmal angefochten, geschweige denn umgestossen\nwerden.\"\nEs half nichts, dass Aloys Fuchs in Wien in der leip-\nziger Allgemeinen Musik-Zeitung von 1832, Nr. 45, im\nwiener Musicalischen Anzeiger von 1836, Nr. 16, und\nder Allgemeinen Wiener Musik-Zeitung von 1841, Nr.\n164, dagegen auftrat: die gewissenhaften Geschicht-\nschreiber der Musik blieben dabei, liessen Gluck 87 Jahre\nalt werden, was an und für sich nichts Ausserordentliches\nwäre, dachten aber nicht daran, dass er alsdann seine Iphi-\ngenia in Aulis in seinem fünfundsiebenzigsten und\nseine Iphigenia in Tauris gar in seinem achtzigsten\nJahre geschrieben haben müsse, was denn doch etwas\nstark über menschliche Kräfte gehen dürfte!\nNun das Resultat der Forschungen Schmid's ist,\ndass Christoph Willibald Gluck auf dem Pfarrdorfe\nWeidenwang bei Neu markt (5\nvon Nürnberg und eben so viel Meilen südwestlich von\nAmberg) in der baier i sehen Ob er pfalz am 2. Juli\n1714 geboren und zwei Tage darauf dort getauft worden\nist. Seine Eltern waren nicht Johann Adam und Anna Ka-\ntharina, sondern AI exa n der und Walburga Gluck.\nGluck ist also kein Böhme, nicht einmal von der böhmisch-\ndeutschen Gränze, denn Neumarkt ist in gerader Linie\nnoch 12 —l4 Meilen davon entfernt, sondern ein Ober-\npfälzer, ein Baier.\nBeweise dafür sind: 1. Der Taufschein aus Weiden-\nwang (Beilage Ä), von Schmid im Jahre 1842 nach lange\nvergeblicher Mühe aufgefunden und wörtlich übereinstim-\nmend mit der Abschrift, welche die verwitwete Mari an na\nGluck dem oben genannten Adalbert Dlabacz zusandte,\nund ferner mit den im Jahre 1835 von den noch lebenden\nVerwandten Gluck's gegebenen Familien-Nachrichten.\n2. Der Trauungsschein (Beil. den der Verfasser nach\nmehrjährigem Durchsuchen der Kirchenbücher der zahlrei-\nchen Pfarreien Wiens in der Vorstadt St. Ulrich glücklich\nauffand, worin Gluck seihst seine Eltern mit Namen Alexan-\nder und Anna Walburga, ferner als seinen Geburtsort Neu-\nmarkt in der Oberpfalz angibt. 3. Ein Lebens-Zeugniss\nGluck's (Beil. C), ausgestellt vom Marquis von Noailles,\n1 785 französischem Gesandten in Wien, vom 8. October\njenes Jahres, in welchem Gluck als seinen Geburtstag den\n2. Juli 1714 nennt. 4. Der Todtenschein (Beil.\nwelcher aussagt, dass „Herr Christoph Ritter von Gluck,\n73 Jahre alt, in hiesiger Pfarre auf der Wieden Nr. 74\nam Schleimschlag am 15.November 1787 gestorben und\nauf dem Friedhofe zu Matzleinsdorf nach christkatholischem\nGebrauche am 17.November 1787 beerdigt worden sei.\"\nDer Verfasser gibt uns ausserdem eine vollständige\nGeschlechtstafel der Gluck'schen Familie, über welche die\nmühsam aus Kirchenbüchern, Verlassenschafts-Acten u. s. w.\nzusammengesuchten Nachrichten bis in 1649 hinaufsteigen,\nin welchem Jahre sich ein kurbaierischer Musketier Mel-\nchior Gluck zu Neustadt an der Nab verheirathete. Dessen\nzweiter Sohn, im Jahre 1750 geboren, Johann Adam\nGluck, ist der Grossvater, nicht der Vater des Componisten.\nEr war lürstlich sagan'scher Iloljäger, wurde 73 Jahre\nalt, war zwei Mal verheirathet; sein zweites Kind erster\nEhe war Alexander, Vater unseres Gluck, und sein fünf-\ntes Kind zweiter Ehe war der im Jahre 1700 geborene,\nirrthümlich für den Tonsetzer gehaltene Johann Christoph\nGluck.\nAlexander Gluck war als Jüngling Leibjäger des be-\nrühmten Prinzen Eugen von Savoyen, wurde dann Förster\nin Weidenwang bei Neumarkt, kam im Jahre 1717 (drei\nJahre nach unseres Gluck Geburt) als Waldbereiter in die\nDienste des Grafen von Kaunitz nach Neuschloss im nörd-\nlichen Böhmen, wurde den 1. Mai 1722 Forstmeister des\nGrafen von Kinsky in Böhmisch-Kamnitz, kam in derselben\nEigenschaft 1724 nach Eisenberg zum Fürsten von Lob-\nkowitz und starb als Forstmeister zu Reichstadt, im Dienste\nder Grossherzogin von Toscana. Als Christoph Gluck, der\nTonsetzer, sich im Jahre 1750 verheirathete, waren seine\nEltern beide schon todt. Er war, wie wir sehen, in seinem\nvierten Jahre schon mit seinen Eltern nach Böhmen ge-\nkommen und blieb in diesem Lande (welches daher mit\nRecht sein zweites Vaterland genannt werden muss) bis\nzum Jahre 1736, dem dreiundzwanzigsten seines Alters.\nMerkwürdig ist es, dass in seiner Familie bis auf ihn\nsich kein einziger Musiker findet; alle Glieder derselben,\nmit sehr wenigen Ausnahmen, waren Jäger und Forstmän-\nner und übten über ein Jahrhundert lang das edle Waid-\nwerk im Dienste österreichischer Grossen aus. Auch noch"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "234", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541014-01.1.4", "texte": "zwei Oheime und zwei leibliche Brüder Gluck's waren\nFörster und Oberjäger. Christoph Willibald war der Ael-\nteste von sieben Geschwistern.\n\nBerliner Briefe.\n\nfDic königliche Oper Fräul. Wagner Frau Köster\nu. s. w. Frau Fischer-Nimbs Sing-Ak ade m i e\nDomchor Kyrie von Rob. Franz.]\nDen 9. October 1854.\nSeit Anfang September hat die musicalische Ruhe des\nSommers aufgehört, und es ist in letzter Zeit, in Folge\nder für die Ueberschwemmten Schlesiens zu Stande ge-\nbrachten Concerte, so lebhaft geworden, dass wir fast jetzt\nschon, im Spätsommer, eine Abspannung und Gleichgül-\ntigkeit gegen musicalische Unterhaltungen bemerken. Trotz\nso grosser Concurrenz werden die Leistungen eigentlich\nnicht besser; überall zeigt sich Ueberspannung, die Sänger\nruiniren, um Eflect zu machen, ihre Stimmen, die Instru-\nmentalisten verirren sich ins Unmögliche oder Unschöne,\ndie Componisten verschwinden in Berlin fast ganz, da\nman es nicht für der Mühe Verth hält, von den schöpfe-\nrischen Bestrebungen der Gegenwart Notiz zu nehmen.\nUm zuerst von der Oper zu sprechen, so setzte Fräulein\nWagner durch ihr erstes Auftreten (als Fidelio) das\nPublicum, die Intendanz, das ganze Theater-Personal, end-\nlich auch die Zeitungen in nicht geringe Bestürzung, in-\ndem eine so durch und durch verfehlte Leistung wohl kaum\nhier gehört worden war; alle Anstrengungen des Organs\nwaren vergeblich, und wenn im Ganzen wohl auch eine\nedle künstlerische Intention hindurchschimmerte, so ver-\nleitete doch die Ungunst des Erfolges die Sängerin auf der\nanderen Seite zu Ueberschreitungen des Ausdrucks, die\nnamentlich dem Beeihoven'schen Genius nicht anstehen. In\nihren späteren Rollen, als Romeo und Lucrezia, kam Frl.\nWa gner ihrem alten Glänze wieder nah, obschon sie ihn\nnicht ganz erreichte; die häufige Anwendung der Kraft,\ndie Ueberschreitung des Umlanges fahren fort, dem Organ\nzu schaden, und das für sie zulässige Repertoire verklei-\nnert sich mehr und mehr. Wenn indess der Umfang der\nStimme nach der Höhe zu auch abgenommen hat, so ist\ndafür die Tiefe schöner und bedeutender, als früher; ge-\nlänge es, Rollen zu finden oder neue Partieen zu schrei-\nben, die dem Organ der Künstlerin vollständig zusagen und\nihrer grossartigen dramatischen Begabung genügende An-\nregung geben, so würde ihr Glanz nicht erloschen sein und\nselbst in helleren Farben strahlen, als jemaJs. Man kann\nnicht genug dieOpern-Componisten darauf aufmerksam ma-\neben, dass sie dramatische Partieen nicht allzu sehr in\ndie Höhe verlegen; in den hohen Lagen hat es mit der\nFülle des Tons, mit der Klarheit und Natürlichkeit der\nAussprache ein Ende, nur noch der colorirte Gesang findet\nhier einen günstigen Boden; dem dramatischen Gesang aber\nwerden seine Hauptbedingungen entzogen. Dies gilt für\nFrauenstimmen eben so wohl, als für Männerstimmen; die\nStimmen, die davon eine Ausnahme machen, sind selten,\nund auch bei diesen seltenen wird die vorletzte Stimmre-\ngion dem dramatischen Vortrag immer günstiger sein, als\ndie letzte. Frau Köster ist seit ihrer Urlaubsreise erst\neinmal aufgetreten, als Gräfin im Figaro; sie sang sehr\nweich und anmuthig, mit feiner musicalischer Auffassung.\nIhre Stimme hat sich durch die längere Ruhe, die sie ihr\ngegönnt hat, neu erfrischt. Frau Her ren burg-Tu c-\nzek hat nicht immer ihren guten Tag; aber mitunter, z. B.\nneulich als Susanne im Figaro, erfreut sie uns noch sehr\ndurch Anmuth in Spiel und Gesang. Frl. Trietsch\nmacht manche Fortschritte; sie hat eine frische, wenngleich\netwas zu hell klingende Stimme; sie tritt mitunter, gleich-\nsam ersalz- und versuchsweise, in ersten Rollen auf; doch\nfehlt es ihr dazu noch an Sicherheit, und für das ernste\nGenre an Kraft und Fülle des Tons, für das heitere an\nLeichtigkeit und Anmuth. Vor Allem müsste sie streben,\ndie sentimentale Färbung abzulegen, die ihrem Organ ei-\ngenthümlich ist. Hr. Th. Form es ist in frischer Kraft zu-\nrückgekehrt und hat mehrere Aufgaben, z. ß. Eleazar und\nRaoul, recht glücklich gelös't. Auch in der Anwendung\nweicherer Klangfarben, in der poetischen Auffassung einer\nRolle macht er sichtbare Fortschritte; der metallreiche\nKlang der Stimme, das dreiste, männliche Anfassen der\nTöne bringt nach wie vor seine Wirkung hervor; aber\nzweierlei haben wir noch immer auszusetzen : die unfreie\nBehandlung der höheren Brusttöne und die Uebertreibung\nder Kraft in der höchsten Lage überhaupt. Die Leistungen\ndes Herrn Formes verlieren sehr, wenn man sie im klei-\nnen Räume hört, und das ist ein schlechtes Zeichen. Herr\nKrüger, der in Concerten durch den weichen Klang sei-\nner Stimme oft gefällt, findet für die Bühne noch immer\nnicht den richtigen Ton. Von unseren Bassisten hält Herr\nZschiesche noch immer festen Stand und ist z. B. als\nRocco ganz trefilich; Herr Krause schien in der letzten\nZeit schlecht disponirt, doch sang er den Figaro neuer-\ndings wieder mit gewohntem Wohlklang; Herr Salomon\nist sehr ungleich und erhebt sich mitunter zu edlerem Ge-\nsänge, sinkt dann aber wieder herab, indem er sich zu\nUebertreibungen verleiten lässt, durch die er dennoch kei-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "235", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541014-01.1.5", "texte": "nen Effect macht; Herr Bost ist ein routinirter Schauspie-\nler und ein in gewisser Beziehung geschickter Sänger, der\nsich aber doch nur in komischen Rollen zu höherer Be-\ndeutung bringt.\nDas Repertoire hat bis jetzt nichts Neues gebracht.\nSeit den Ferien sind Fidelio, Romeo, Lucrezia, der Pro-\nphet, Figaro's Hochzeit, die Hugenotten, die Jüdin, die\nStumme von Portici, Stradella, die Krondiamanten, Don\nJuan, der Freischütz, Johann von Paris zur Aufführung\ngekommen, einige dieser Opern unter Mitwirkung der Frau\nFi sc her-Nim bs von Breslau, über deren Gastspiel ich\nIhnen noch zu berichten habe. Frau F. gehört zu den\nSängerinnen, die sich nach allen wesentlichen Beziehungen\ngleichmässig entwickeln, ohne gerade nach irgend einer\nSeite hin zu glänzen. Sie hat ein volles und weiches, et-\nwas dunkel gefärbtes Organ, das auch des intensiven, ener-\ngischen Klanges wohl fähig ist; dasselbe ist gleichmässig\ngebildet und von beträchtlichem Umfang, nur dass die\nhöchsten Töne nicht mehr ganz die Fülle besitzen, die in\ndramatischen Partieen oft wünschenswerth ist; die Aus-\nsprache ist nicht ganz von Provincialismen frei und geht\nmanchmal zu sehr ins Breite; doch sind diese Mängel noch\nsehr wohl zu unterscheiden von dem gänzlichen Verloren-\ngehen der Aussprache, das bei so vielen Sängerinnen vor-\nkommt; vielmehr besitzt Frau F. eher den Fehler, den Ton\nin gewissen Fällen Sprechweise, anstatt gesangmässig, an-\nzusetzen, wodurch in den Ton etwas Schwankendes kommt;\ndie Geläufigkeit der Stimme ist nicht gering, namentlich\nist in den Passagen Rundung und Fluss anzuerkennen. So\nviel von dem Technischen, über das sich Frau F. weit er-\nhebt durch den künstlerischen Verstand und das weise\nMaasshalten, das wir in allen ihren Darstellungen bemerk-\nten. Nur nuancirt sie mitunter zu viel und zu äusserlich,\nnicht aus dem musicalischen Strome des Ganzen heraus,\nsondern aus den blossen Worten. Der Sänger darf nie\nvergessen, dass er das von dem Componisten bereits ge-\nstaltete Wort wiederzugeben hat; nicht das Wort allein,\nsondern das Wort im Zusammenhange mit der geschafTenen\nMelodie muss die Nuancen des Ausdrucks bestimmen.\nDies gilt selbst beim Recitativ; und so enthielt z. B. die\nAusführung des Recitativs der Donna Anna an der Leiche\ndes Vaters manches Verfehlte, wie denn überhaupt dieser\nRolle und der Agathe im Freischütz die Eigentümlichkeit\nder Künstlerin weniger zusagte. Am gelungensten waren\ndie Valentine, Fides und namentlich die Jüdin. Frau F.\nfand vielfachen Beifall, konnte das Publicum aber nicht zu\nausserordentlichen Beweisen des Beifalls bringen.\nDie Concerte, die in letzter Zeit Statt gefunden haben,\nwaren vielfach interessant, ohne indess etwas besonders\nErwähnungswerthes zu enthalten. Die Sing-Akademie\nzeigte sich in den Aufführungen des Faust und Mes-\nsias recht tüchtig; auch der Domchor bewährte be-\nreits seinen wohlbegründeten Ruf durch ein Kirchen-Con-\ncert, in dem u. A. ein Kyrie von Robert Franz\nzur Aufführung kam, ein breit ausgeführtes, polyphon ge-\nhaltenes Gesangstück, von reichein musicalischem Leben\nund energischem Gefühlsausdruck, charakteristisch in den\nThemen, klar und sicher in der Form. In einem anderen\nConcerte kam das Es-dur-Concertfür Pianoforte von Beet-\nhoven durch Herrn Rad ecke, wenn auch nicht mit allen\nFeinheiten des Vortrags, so doch in musicalisch solider\nWeise, zur Ausführung. Ferner erwähne ich verschiedene\nUnternehmungen, die in unseren öffentlichen Vergnügungs-\nLocalen gegen einen sehr niedrigen Eintrittspreis Statt fin-\nden und ausschliesslich das Streich-Quartett pflegen; man\nhört dort Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert u. s. w.\nbei einer Tasse Kaffee und einer Cigarre für fünf Silber-\ngroschen, und zwar recht gut; das Publicum zeigt lebhafte\nBetheiligung. Ueber die Concerte, die seit voriger\nWroche der Violinvirtuose Bazzini bei Kroll gibt, in mei-\nnem nächsten Briefe.\n\nG. E.\n\nDes Fürsten Radziwill Musik zu Göthe’s Faust\nDie Sing-Akademie hat ihre Winter-Wirksamkeit auf\nso würdige Weise begonnen, dass sie uns damit das sicher-\nste Unterpfand gibt für das fortdauernde Streben, den Be-\nruf des Instituts seinem allbegründeten Rufe entsprechend\nzu erfüllen. Sie gab uns, um einen Zweck zu fördern, der\nuns alle seit Wochen mit tiefster Theilnahme anregt (das\nUnglück unserer hart betroffenen Landsleute in Schlesien\nmildern zu helfen), das ihr eigenthümlichst zugehörende\nWerk Göthe's Faust mit der Musik des Fürsten Rad-\nziwill. Weder das Kunstwerk, das sich in beiden Gebie-\nten, die es umfasst, seine Stellung fest, be-\n*)■\n\n*) Uebcr die von unserem Herrn Correspondenten in dem oben\nabgedruckten „Berliner Briefe44 erwähnte Aufführung des\nRadziwill'schen Faust von der Sing-Akademie in Berlin thei-\nlen wir noch einen Artikel von L. Reil Stab mit, in der\nAbsicht, die Aufmerksamkeit der Concert-Directionen ausser-\nhalb Berlins und besonders im Rheinlande darauf hinzulenken\nund Erkundigungen einzuziehen, ob denn diese Musik in den\nArchiven der berliner Sing-Akademie vergraben bleiben\nmüsse und nirgendwo anders aufgeführt werden dürfe.\nDie Redaction."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "236", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541014-01.1.6", "texte": "gründet hat, noch unter diesen Umständen die Ausführung\ngeben dem flüchtigen Urtheile des Tages ein Recht, sein\nAmt in gebräuchlicher Weise zu üben. Noch weniger wer-\nden die Pflichten desselben herausgefordert, es sei denn in\nder Voraussetzung, dass es nur einen Dank auszudrücken\nhat für den Verein so zahlreicher, trefflicher und eifriger\n7 O\nKräfte und Thätigkeiten, um etwas Schönes und zugleich\netwas Gutes ins Leben zu rufen. Aber sollte es nicht ge-\nstattet sein, diesem Danke statt des ganz allgemeinen Aus-\ndrucks einige besondere Färbungen zu geben bei so vie-\nlem, was dazu anregt? Nur in diesem Sinne möge man es\ndenn auffassen, wenn wir auf Einiges andeutend eingehen,\nwozu wir uns am wärmsten gedrängt fühlen. Die stärksten\nAufforderungen dazu liegen für uns in dem Werke selbst,\ndas uns, wie es uns immer neu über seine Wunder erstau-\nnen lässt, auch immer neu zum Ausdruck dessen treibt,\nwas uns so tief erregt, so mächtig erhebt. Mit den Wor-\nten des Dichters selbst, wie wir innerlich und äusserlich\nschon oft gethan, müssen wir auch jetzt wieder ausrufen:\nDie unbegreiflich hohen Werke\nSind herrlich wie am ersten Tag.\nOft schon hoben wir es ausgesprochen, dass die ro-\nmantische Seele des Gedichtes eine tiefe, lange ungestillte\nSehnsucht nach dem heiligen Bündnisse mit der Tonkunst\nin sich trug: eine unerkannte, unerwiederte Liebe. Denn\nin den morganatischen Verbindungen, möchten wir sie\nscherzend nennen, die es flüchtig einging durch die Com-\nposition einzelner Lieder und Theile, konnte die im Inner-\nsten lodernde Gluth nicht ihre Befriedigung finden. Ein un-\neingeschränkter Bund, der alle Rechte, alle Pflichten innig-\nster Verschmelzung umfasste, war die einzige Lösung. Diese\nerkannt zu haben, ist das unsterbliche Verdienst des Com-\nponisten, dem sich noch das zweite über die Art, wie er\ndas Einzelne vollfuhrt hat, zugesellt. Wir bekennen, dass\nes darunter manches gibt (besonders gerade die unmittel-\nbar in Musik gesetzten Worte, wie die Gesänge Gretchens),\nwas nicht mit unserer Auffassung übereinstimmt; Theile\ndes Gedichtes, in denen andere Tonmeister nach unserem\nErmessen das Richtigere getroffen. Da aber, wo die Musik\nin die Tiefen der Dichtung des Ganzen dringt, wo sie eben\njenes innerste Bündniss mit derselben schiiesst, schwingt\nsie sich auch oft zu einer Höhe auf, die ihr an sich selbst\neine weithin dauernde Geltung im Gebiete der Kunst sichert.\nDiese Momente sind es, die uns immer wieder, vereint mit\nder Macht des Gedichtes, im Tiefsten ergreifen und, je nach\nihrer Färbung, die Seele mit Wehmuth fallen, sie mit dun-\nkeln Schauern, mit tiefer Erschütterung durchbeben, oder\nsie zu den höchsten Erhebungen emportragen. Die erste\nEinfuhrung der Geister, die herübertönenden Ostergesänge,\ndie wehmuthvollen Nachklänge bei der Rückkehr vom Spa-\nzirgange, die einwiegenden Zauberchöre, endlich das Re-\nquiem am Schlüsse, gehören zu dieser reichen Kette von\nSchönheiten, die uns unwiderstehlich, magisch gefesselt hält.\nDie ausführenden Kräfte trugen diese schöpferischen mit\nnachdrucksvoller Wirkung. Bleibt Manches hinter dem Ideal\nder Forderungen zurück, erfüllt sogar Einzelnes vielleicht\nnicht ganz die Rechte derselben, welche das Werk geltend\nmachen dürfte, so wird dagegen bei Weitem der überwie-\ngende Theil des grossen Kunstgemäldes in das vollste Licht\ngestellt, und vielfech empfangen die Farben dadurch eine\nüberraschende Erhöhung des Glanzes und der Gewalt. So\nübte die Stelle: „ Ich werde jetzt dich keinem Nachbar rei-\nchen\", in Verbindung mit der nachfolgenden Musik eine\nunvergessliche Wirkung, die wir eine unvergleichliche nen-\nnen würden, wenn wir die Trompeten-Einsätze, die den\nChor: „Christ ist erstanden\", einleiten, aus dem Werke\nI\ntilgen und den Gesang unverzüglich eintreten lassen könn-\nten. Der Einsicht und Sorgfalt, welche Herr Musik-Director\nGrell in der Leitung des Ganzen bethätigte, gebührt volle\nAnerkennung. Die Theilnahme aller Hörer war daher auch\neine so sichtlich erregte, in der Anspannung bis zum Schluss\nverharrende, dass eine Wiederholung des Werkes im Laufe\ndes Winters gewiss mit freudigem Danke begrüsst werden\nwürde.\n\nAus Stuttgart.\nAm 27. September, dem Geburtsfeste Sr. Majestät\ndes Königs, erschien Abends die ganze königliche Familie\nmit ihren hohen Gästen in dem durch Hunderte von Gas-\nflammen erleuchteten Theater, um der Aufführung des\n„Nordsterns\" unter der Direction des Componisten beizu-\nwohnen. Für das Theater-Publicum war diese Aufführung\nein Ereigniss, von dem schon seit lange viel gesprochen\nwurde, und es lässt sich denken, dass die Erwartungen\nnicht gering waren, die man in musicalischer und scenischer\nHinsicht von einem Tonwerke hegte, das in Paris, gleich\nden übrigen Werken des Meisters, so entschiedenen Beifall\ngefunden hatte. Die Nachfrage nach Billetten auf reservirte\nPlätze war desshalb so gross, dass die Speculation sie zu\nsehr namhaften Preisen hinauftrieb. Welcher Art aber die\nAufnahme der Oper war, das lässt sich mehr nur errathen,\nals mit Sicherheit angeben, weil an diesem festlichen Abende\nwegen des Empfanges Sr. Majestät von Seiten des Publi-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "237", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541014-01.1.7", "texte": "cums kein Beifallszeichen gespendet wird. Es lässt sich also\nbloss das eine Thatsächliche melden, dass trotz der her-\nkömmlichen Regel der Convenienz mehrfach der ausbrechen\nwollende laute Beifall kaum zurückzuhalten war. Der Ein-\ndruck, den das Tonwerk auf den Referenten machte, lässt\nsich nach einmaligem Anhören im Allgemeinen auf Weni-\nges zurückführen. Wer mit der Idee, eine komische Oper\nim Genre von Auber, Adam u. A. zu hören, ins Theater\nging, wird sich einiger Maassen getäuscht gefunden haben,\ndenn der Nordstern hat in Situation und Musik weit mehr\nTragisches als Komisches; wer dagegen dem reichen Ideen-\ngange des Componisten folgte und namentlich über Scene-\nrie und Decorationen die meisterhafte Lösung der schwie-\nrigsten musicalischen Aufgaben, die kunstvolle Verschmel-\nzung von verschiedenartigem Rhythmus und Tonart nicht\nvöllig übersah und die vielen, eben so lieblichen wie origi-\nnellen Melodieen nicht ganz überhörte, der musste sich in\nhohem Grade befriedigt fühlen. Am 28. ward der Nord-\nstern unter nochmaliger Leitung des Componisten wieder-\nholt und dem Publicum dadurch Gelegenheit geboten, dem\nMeister ebenfalls ein Zeichen seiner äusseren Anerkennung\nzu Theil werden zu lassen, wie sie ihm seither in jeder\nWeise in den höchsten Kreisen wurde. So wurde ihm u. A.\ndie hohe Auszeichnung einer Einladung zu dem Banket\nnach der Wilhelma; am 29. gab die Intendanz auf könig-\nliche Kosten dem Meister ein Fest, wozu sämmtliche Künst-\nler, die beim Nordstern mitwirkten, so wie auch noch einige\nandere Personen geladen waren. Nach der ersten Vorstel-\nlung des Nordsterns wurde Meyerbeer noch in das Vor-\nzimmer der königlichen Loge zu Sr. Majestät befohlen, was\nsicher als ein Beweis des Allerhöchsten Wohlgefallens an\ndem Werke angesehen werden darf. Der Nordstern wird\nsicher von hier aus seine Rundreise durch ganz Deutsch-\nland machen, und wird überall gefallen, wo ein Orchester\nwie das hiesige und ein Kreis von Gesangskünstlern zu-\nsammenwirken, die es möglich machen, in der kurzen Zeit\nvon sechs Wochen ein so schwieriges Werk zur Zufrieden-\nheit des Componisten vor die Lampen zu fördern, der selbst\nan der Möglichkeit gezweifelt und im höchsten Grade sich\nüberrascht gefühlt haben soll.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMöln. Die Eröffnung der Gesellschafts-Concerte ist auf den\n24. d. M. verschoben. Herr Saloman, durch seine Opern-Com-\npositionen („Das Diamantkreuz\" u. s. w.) rühmlich bekannt, ist mit\nseiner Gattin, geb. Nissen, hier angekommen und wird sich län-\ngere Zeit hier aufhalten. Frau Saloman-Nissen wird in den hiesi-\ngen Winter-Concerten, so wie auch in Düsseldorf und Elberfeld\nsingen. Aus Leipzig ist Frau Dr. Reclam, geh. Sachse, zum\nBesuch hier anwesend und entzückt in Privatcirkeln durch ihre\nGesangsvorträge. Sie wohnte bekanntlich früher längere Zeit hier\nund war als Concertsängerin sehr beliebt.\nF. Hiller hat die Ferien an der Rheinischen Musikschule in\nSt. Goarshausen zugebracht und unter anderen Compositioncn eine\n„Lorelei\" für Solostimmen, Chor und Orchester auf ein schönes\nGedicht von Wolfgang Müller geschrieben.\nIm Stadttheater erschien als ein stets in Köln willkomme-\nner Gast Frau von Mar ra. Sie trat einmal als Marie in der Re-\ngimentstochter und zweimal als Angela in dem kleinen Lieder-\nspiel gleiches Namens, welches R. Benedix für sie geschrieben hat,\nauf, und verliess uns dann wieder, um nach Amsterdam zu gehen.\nDie treffliche Sängerin überraschte uns durch die Frische und\nKraft ihrer Stimme, welche, seitdem wir sie nicht gehört, eher zu-\nals abgenommen hat. Die Lieder in der Angela und in der Cla-\nvierscene in der Regimentstochter trug sie mit dem ihr eigentüm-\nlichen Humor vor, welcher eine ausserordentliche Kunstfertigkeit\nmit einer gewissen naiv-keckcn Natur zu vereinigen weiss. Ihre\nHöhe ist rein und voll, keinesweges dünn und spitz, und sie\nschmettert ihre Triller auf den höchsten Tönen mit einer Stärke\nund Sicherheit heraus, die man wahrlich nicht häufig findet. Wenn\nman heutzutage so viele Klagen über Verlust und Verderbung der\nStimmen durch Ueberanstrengung u. dgl. hört, so ist es erfreulich,\nein so klangvolles Organ, wie das der Marra, in unzerstörbarer\nFrische wieder zu hören.\nZwischen dem 17. und 19. d. M. wird Roger von Paris hier\nerwartet. Eine Theater-Direction, welche im Laufe von vier Wo-\nchen Gäste wie K. Formes, Frau von Marra und Roger dem\nPublicum vorführt, verdient wahrlich alle Anerkennung, w elche ihr\nhoffentlich auch durch die That, d. h. durch ein zahlreicheres, die\nUnternehmung sicher stellendes, Abonnement, wofür sich dem Ver-\nnehmen nach mehrere der ersten Kunstfreunde interessiren, zu\nTheil werden wird.\nFrau Jenny Lind-Goldschmidt hat fast zwei Monate die-\nses Sommers in Bad Kissingen zugebracht, wo sie übrigens sehr\nzurückgezogen lebte. Darauf hat sie noch die Seebäder zu Nor-\nderney gebraucht, und da ihre Gesundheit sich wieder vollkom-\nmen gestärkt, so hat sie den Entschluss gefasst, die nächste Saison\nnoch einmal wieder nach London zu gehen dort zu er-\nzielenden Einnahmen für ihr Töchterlein zu capitalisircn.\nDresden. Unser Hoftheater hat endlich C. M. v. Weber s\nherrliche Euryanthe wieder auf die Scene gebracht; wir hatten\nsie seit fünf Jahren nicht gehört. Fräulein Ney als Eglantine und,\nTichatschek als Adolar waren ausgezeichnet.\nWeimar, Hier wird eine Oper von Rubinstein: „Die si-\nbirischen Jäger\", einstudirt.\nBaden-Baden. Frau Nissen-Saloman sang vor ihrer\nAbreise von hier noch in einer Soiree des Prinzen von Oldenburg,\nin welcher auch die Königin von Holland gegenwärtig war, und\nam 2. October am Hofe der Grossherzogin von Baden.\nSalzburg. Montag den 4. September veranstaltete Herr\nEduard Doctor, Professor am königlich baierischen Conserva-\ntorium zu München, im hiesigen Rathhaus-Saale ein Concert zur\nErinnerung an das Mo zart fest, welches an demselben Datum\nvor zwölf Jahren hier Statt fand, als die Statue Mozart's unter dem\nZusammenflusse von Musikfreunden aus ganz Europa feierlich ent-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "238", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541014-01.1.8", "texte": "hüllt wurde. Das Andenken an jenes herrliche \"Fest, das eben so\nreich an musicalischcn Hochgenüssen, als von der weihevollsten\nStimmung getragen war, wird wohl kaum je aus der Brust derje-\nnigen entschwinden, die demselben beizuwohnen das Glück hatten;\ndenn selten wird der Fall wiederkehren, dass sich eine eben so\nbegeisterte Schar von hochbegabten Künstlern zusammenfindet,\num das Andenken und die Apotheose eines so grossen Genius\nwie Mozart zu feiern, sie durch seine eigenen wunderbaren Ton-\nschöpfungen und in seiner altberühmten Vaterstadt zu feiern, die\ndamals alle Kräfte zur würdigen Begehung des Verherrlichungs-\nFestes ihres grössten Mitbürgers aufgeboten hatte. Der „vierte Sep-\ntember\"' ruft uns alljährlich jene schöne Feier ins Gedächtniss zu-\nrück, und Herr Doctor konnte mit Recht an die Reminiscenzen\nappelliren, als er Montags bei dem herrlichsten Wetter das mozart-\nfreundliche Publicum einlud, den Abend im Concertsaale, statt in\nder schönen freien Natur zuzubringen und Mozart'sche Klänge zu\nhören. Der Besuch des Conccrtes zeigte auch, dass Herr Doctor\nsich nicht getäuscht hatte.\nDie erste Abtheilung des Conccrtes brachte nur Mozart'sche\nTonwrerke zur Anhörung. Das Mozarteums-Orchester führte unter\nder Leitung des Herrn Chor-Direetors Deisböck Mozart's herrliche\nOuvertüre zum „Schauspiel-Director4' aus; dann trug Herr Profes-\nsor Doctor die schöne Fhantasie in C-moll vor; hierauf sang der\nChor unter Leitung des Herrn Chormeisters Jellinek das sinnige\n„Abendlied44, und den würdigen Schluss bildete das G-mo/Z-Quartett,\nvorgetragen vom Herrn Concertgeber und den Herren F. Zeller,\nIL Schnaubelt und F. Hegenbarth. Die zweite Abtheilung war mo-\nderner Musik gewidmet: das Orchester executirte Lindpaintner's\nVampyr-Ouverture, der Männerchor Schubert's „Gondelfahrer44, der\nConcertgeber eine Caprice über Motive aus Meyerbeer's neuer Oper\n%Der Nordstern44, und eine Transscription des Mendelssohn'schen\n„Hochzeitsmarsches44, von ihm arrangirt, und Littolfs „Tarantelle44.\nDie Ausführung all dieser Tonstücke liess erkennen, dass alle\nMitwirkenden nach besten Kräften zum Gelingen des Ganzen bei-\nzutragen bemüht waren. Den reichsten Beifall trug der Concertge-\nber davon, der lebhaft applaudirt und wiederholt gerufen wurde.\nHerr Doctor entwickelte in seinem Spiel alle jene Vorzüge, die\neinem gewiegten Virtuosen zukommen. Seine Technik ist in einem\nungewöhnlichen Grade ausgebildet und von grosser Vielseitigkeit,\nsein Anschlag von seltener Schönheit, sein Vortrag klar und von\nwohlthucnder Wärme. Die Mozart'schen Tonslücke trug er mit\nPietät und Verständniss vor; in seinen eigenen Compositionen ent-\nfaltete er überraschende technische Bravour. Den meisten Applaus\närntete er durch den brillanten Vortrag seiner Nordstern-Cäprice\nund des „Hochzeitsmarsches44. Die Hälfte des Concertertrages\nwidmete der Concertgeber dem Pensions-Fonds des Mozarteums.\nDie auch von uns mitgetheilten Nachrichten über den traurigen\nGesundheits-Zustand Rossini's haben leider noch keine Wider-\nlegung, aber auch keine nähere Bestätigung erfahren. Ein Feuille-\nton von Jules Jan in, welcher behauptet, dass ein solches Genie\nniemals verstandesschwach werden könne, beweis't nur, wie einem\nfranzösischen Tagesschriftsteller auch die erschütterndsten Neuigkei-\nten eben nur als Neuigkeiten und Gelegenheiten gelten, einen geist-\nreichen (?) Artikel zu schreiben. „Rossini44 heisst es darin\n„kann nicht so hinsterben, wie uns da ein miserables Sätzchen aus\nLivorno sagt, avec si peu de sans gdne et, de malice, er hat nicht ein\nso miserables Lebewohl dem Gedanken, dem Verstände, dem Le-\nben u. s. w. gesagt. Was würde die Pasta, die Sontag, wrenn sie\nnoch lebte (!!) dazu sagen?44 Nachdem dieses jämmerliche, läppische\nZeug durch vier Spalten so fortgegangen, setzt der frivole Schluss\nder Sache die Krone auf. „Im Grunde44 schliesst der berühm-\nteste Feuilletonist Frankreichs —, „was ist daran gelegen, wesshalb\nsich darum quälen, und ist es nicht am Ende ein schönes Thema\nfür den Schmerz, Rossini der blödsinnige? Wir wissen uns vor\neiner solchen Trauer zu schützen und uns zu trösten. Wenn das\ndankbare Frankreich dieses grosse Genie ein paar Stunden lang\nbeweint haben wird, so wird es sich eben so darüber trösten, wie\nüber eine Menge von Königen, Prälaten, Feldherren, Dichtern, Prin-\nzen von Geblüt u. s. w., und wird ins Vaudeville gehen.\"\n' • V\nüaarig. Sophie Cruvelli sollte als Alice zum ersten Male\nwieder auftreten, wurde aber unwohl. Am 6. Oct. trat sie alsdann\nin den Hugenotten als Valentine auf. Mad. Stoltz hat wieder Ur-\nlaub erhalten, soll jedoch zu einem festen Engagement sehr bald\nzurückkehren.\nMeyerbeer ist von Stuttgart wieder hier eingetroffen. Er\nhat vom Könige von Würtemberg das Commandeurkreuz des Or-\ndens der Krone erhalten.\nDie itaüänische Oper hat mit Rossini's Semiramis er-\nöffnet, Semiramis Mad. Bosio, Arsaces Mad. Borghi-Mamo.\nDie neue Oper von Ch. Go u n o d La Nonne sanglante, an wel-\ncher schon voriges Jahr studirt wurde, sollte Mittwoch den 11. Oct.\nzum ersten Male gegeben werden.\nDie Geschwister Dulke n sind wieder hier, haben aber vor,\nnach kurzem Aufenthalte nach dem Oberrhein und dann nach Wien\nzu gehen.\nUeber den Erfolg des Künstlerpaares Grisi und Mario in\nNew-York enthalten französische Blätter glänzende 'Nachrichten,\nwelche wieder einmal beweisen, in welchem Zustande sich die pa-\nriser Kritik und Correspondenzen-Fabrik befindet. Denn es ist nach\nden von uns erhaltenen Berichten, welche wir im nächsten Blatte\nmittheilen werden, ausser allem Zweifel gestellt, dass Beide in Lu-\ncrezia Borgia und in der Norma gänzlich durchgefallen sind, und\ndass sie schon den Entschluss gefasst hatten, nach einem Aufent-\nhalte von acht Tagen nach Europa zurückzukehren lind die Ame-\nricaner der Reue über ihren Mangel an Ehrfurcht vor dem Alter-\nthum zu überlassen. Nur das darstellende Talent der Grisi hat An-\nerkennung gefunden und sie vor einem vollständigen Fiasco gerettet."}]}