{"numero_id": "bm-bmtnabi-1854-10-28-01", "volume": "bmtnabi_1854-10-28_01", "ocr_sha256": "cd27a6287ca5e0884e116ec80cbc58a84a68a6112e11299b5a59723a3810fec4", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1854/10/28_01/bmtnabi_1854-10-28_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541028-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1854-10-28-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-10-28_01#c001", "volume": "bmtnabi_1854-10-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "337", "page_fin": "339", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541028-01.2.1", "titre_corps": "Christoph Willibald Ritter von Gluck.", "titre_sommaire": "Christoph Willibald Ritter von Gluck.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "337", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541028-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4042, "texte": "Christoph Willibald Ritter von Gluck.\nIII.\nWir haben in dem vorigen Artikel versucht, den Gang\nder Entwicklung der Ideen Gluck's, die ihn zur Umgestal-\ntung der Oper führten, zu zeichnen und die Spuren dessel-\nben durch das reichhaltige Material der Schmid'schen Bio-\ngraphie hindurch zu verfolgen. Bei dem hohen Interesse,\nwelches die Geschichte des Geistes eines solchen Heroen\nder Tonkunst erregt, glauben wir auf die Theilnahme der\nLeser rechnen zu dürfen, wenn wir in dem Bestreben fort-\nfahren, neben der Erzählung der wichtigsten Ereignisse sei-\nnes äusseren Lebens den Faden lestzuhalten, an den sich\ndie Beobachtung der verschiedenen Phasen seines inneren\nLebens, seines geistigen Schaffens reiht.\nEs ist schon erwähnt, dass der Italiäner Raniero\nvon Calzabigi aus Livorno das Gedicht zum Orpheus\ngemacht hatte. Calzabigi, damals Rath bei der k. k. Rech-\nnungskammer in Wien, mithin ein Dilettant, soll schon vor\nder Bekanntschaft mit Gluck auch seinerseits gegen die\nMängel der italiänischen Oper geeifert und auf dramatische\nWahrheit gedrungen haben. Wir wissen nur, dass er zu\neiner von ihm veranstalteten Ausgabe der Werke Metasta-\nsio's eine Einleitung geschrieben, welche Aufsehen erregte;\nob der Inhalt derselben die eben erwähnte Angabe bei\nSchmid rechtfertigt, ist uns unbekannt, da uns jene Aus-\ngabe nicht zur Hand ist. Dass übrigens um jene Zeit na-\nmentlich in Paris an dem morsch werdenden Gebäude der\nalten Oper vielfach gerüttelt wurde, ist keine Frage; wir\nhaben in einem früheren Aufsatze „über die Geschichte der\nkomischen Oper\" (Rheinische Musik-Zeitung, II. Jahrgang,\n1851, Nr. 75 u. 76) nachgewiesen, dass der Umschwung\nim Geschmack und das Verlangen nach Wahrheit der dra-\nmatischen Musik mit der Aufführung von Pergoleses Setva\npadrona in Paris und der Erscheinung der Troqueurs von\nAntoine d'Auvergne (1750 — I / 53) ebendaselbst begann\nund dass bedeutende Schriftsteller, z. B. Diderot, schon um\n1760, also an zehn Jahre vor dem Druck von Gluck's be-\nrühmter Vorrede zur Alceste (1769), ganz ähnliche An-\nsichten über die Reform der Opernmusik wiederholt und\nsehr energisch aussprachen.\nWir führen dies hier an, nicht etwa um zu beweisen,\ndass der Dichter Calzabigi dieselben Ruhmes-Ansprüche wie\nGluck machen könne, sondern nur um an die historische\nWahrnehmung zu erinnern, dass es Zeiten gibt, in denen\ngewisse reformatorische Ideen, sei es im Gebiete des Staa-\ntes und der Religion oder der Kunst und Literatur, aus dem\nMorsch-und Faulwerden eines Alten, das sich überlebt hat,\nfast nothwend'ig entstehen und mit einer „heimlich bilden-\nden Gewalt\" wachsen und sich verbreiten, ohne dass man\nihren Ursprung auf einen bestimmten Namen zurückführen\nkann. Es sind die wahren Blüthen des menschlichen Geistes,\nnicht des Geistes eines einzelnen Menschen. Weckt dann\ndie Vorsehung in solchen Zeiten der Gährung einen Mann\nder That, so wird durch ihn die Frucht jener Blüthen reif\nfür die Menschheit, und nicht sowohl die Scharfsinnigkeit der\nErfindung, als die Energie der That gibt dann das volle\nAnrecht auf den Nachruhm.\nEine solche That war denn auch Gluck's Composition\ndes „Orpheus\" von Calzabigi. Die Oper wurde am 5.0c-\ntober 1762 in Wien auf dem Theater an der Hofburg\nzum ersten Male gegeben. Sie war sehr sorgfältig einstu-\ndirt; Gluck selbst dirigirte. Der erste Erfolg war mehr\nUeberraschung und Staunen, als reiner Kunstgenuss; dass\ndiese Musik Gegner fand, war natürlich; allein die Macht\ndes Schönen in ihr war so gross, dass schon nach der lünf-\nten Vorstellung die Spötter zum Schweigen gebracht wa-\nren. Sie wurde mit italiänischem und später auch mit deut-\nschem Texte unzählige Male wiederholt. Die ersten Dar-\nsteller waren Guadagni (Oi'feo, Alt), die Bianchi\nSopran), die Glebero-Clavarau [Atnorc, Sopran). Bekannt-\nlich kommen ausser dem Chor nur diese drei Personen vor.\nWiewohl nun Gluck im Orpheus den bisherigen Opern-\nstil schon ganz verliess und der dramatischen Wahrheit\ndurch den musicalischen Ausdruck zum ersten Male volles\nLeben gab, so war doch die Macht des Herkommens und"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "338", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541028-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5093, "texte": "der Gewohnheit so stark, dass er die auffallendste Unwahr-\nheit entweder nicht fühlte oder nicht zu beseitigen wagte,\nO u ■\nnämlich die, den Orpheus, den liebenden Gatten, durch eine\nAltstimme vertreten zu lassen!\nInteressant sind die Nachrichten, welche Schmid über\nden Eindruck der Partitur auf die pariser Componisten aus\nFavart's Memoiren mittheilt; sie bestätigen vollkommen die\nvon uns in dem oben angeführten Aufsatze aufgestellte\nMeinung. Gerade die Koryphäen der neuen komischen Oper,\nDuni, Philidor u. s. w., waren entzückt über die Compo-\nsition des Orpheus. Die zahlreichen und argen Fehler der\nAbschrift zum Behuf des Stiches zu verbessern, wofür ein\nMusiker 500 Livres forderte, übernahm Philidor aus Be-\ngeisterung für das Werk umsonst. Schon damals wurde\nGluck wiederholt eingeladen, nach Paris zu kommen. Die\ngestochene Partitur erschien Ende 1764 in Paris in einer\njetzt selten gewordenen Pracht-Ausgabe in Folio, besorgt\nvon Favart.\nIm Jahre 1763 im December kam eine neue Oper\nvon Gluck, Ezio(Aetius), Text von Metastasio, zur Auf-\nführung. Die Partitur ist bis auf wenige Musikstücke ver-\nloren gegangen. Dass aber Gluck darin seinen Grundsätzen\ntreu blieb, geht aus einem gleichzeitigen Artikel des Wie-\nner Diariums von 1764, Nr. 2, hervor, in welchem es un-\nter Anderem heisst: „Nie ist ein Tonkünstler der Natur\ntreuer gewesen, als Gluck; fast alle haben sie der Kunst\ngeopfert. Arien, Triller und andere Künsteleien unterbre-\nchen oft auf eine widersinnige Weise den Fortgang der\nEmpfindungen und Leidenschaften, anstatt dass sie den Aus-\ndruck derselben hätten unterstützen, verstärken und ver-\nedeln sollen. Mit Einem Worte: Der Dichter war der\nSclave des Tonkünstlers. Der Ritter von Gluck übt\ngerade das Gegentheil. Der Dichter gilt bei ihm nicht allein,\nwas er gelten kann, sondern seine Arbeit erhält neue An-\nnehmlichkeiten und neue Reize durch seine wohlangebrachte\nKunst.\"\nWie wahr und wie alt! Die gesperrt gedruckten Worte\nsind gegenwärtig wieder eine Lieblings-Phrase von Wagner\nund Genossen geworden: ist aber Alles schon da gewesen!\nEinen Beweis der Umtriebe der Italiäner gegen Gluck\ngibt in demselben Berichte die spasshafte Notiz: „Das Pu-\nblicum hat sich mit gerechtem Eifer wider den (näm-\nlich den Darsteller) empört, dass er in der ersten Vorstel-\nlung seiner Pflicht nur schlecht nachkam und den allgemei-\nnen Beifall, den die Musik verdient, zu verhindern suchte.\nAllein er ist zu seiner Pflicht strenge verwiesen worden,\nund wir sehen nun das Stück mit vollkommenem Vergnügen.\"\nIm folgenden Jahre brachte die Hofbühne eine komi-\nsche Oper von Gluck mit französischem Text:\nconlre imprhue. Opera comique welche\nviele Jahre später (1780) eine deutsche Bearbeitung er-\nhielt und in dieser in Wien und auch in Berlin (1 7 83)\nhäufig gegeben wurde, aber das vorige Jahrhundert doch\nnicht überlebt hat. Die Scene spielt in der Türkei; die Ou-\nvertüre ist mit Flaulo piccolo, Oboi, Corni, Fagolli und\nPiatti denen denn auch wohl die grosse Trommel nicht\ngefehlt haben wird, instrumentirt, schliesst in der Domi-\nnante und hat offenbar Mozart bei seiner Ouvertüre zur\nEntführung vorgeschwebt. Die Melodie: „ Unser dummer\nPöbel meint, dass wir strenge leben\", hat durch Mozart's\nVariationen Verbreitung erhalten. Im Ganzen soll die Musik\nunbedeutend und nur in einigen Nummern Gluck's würdig\nsein; es kommen sogar (nach dem Verzeichnisse bei Schmid)\nwieder Bravour-Arien darin vor. Eine Wiederbelebung die-\nser Oper, die man 1807 in Wien versuchte, missglückte.\nBei der Krönung des Erzherzogs Joseph zum römi-\nschen Könige in Frankfurt, den 4. April 1764, war Gluck,\nmit ihm Dittersdorf und Guadagni, dahin beschieden wor-\nden. Gluck führte daselbst hauptsächlich seinen Orpheus\nauf. Er erhielt 600 Gulden zur Reise, 6 Gulden Taggeld\nund ein Geschenk von 300 Ducaten. Den Dirigentenstab\nüber die S loftheater-Capelle in Wien trat er in diesem Jahre\nan Florian Gassmann ab.\nDie Biographen führen aus derselben Zeit ein Drama,\nIi Parnasso confuso,an. Es ist das aber nichts als ein Fest-\nspiel zur Vermählung Joseph's 11. mit Maria Josepha von\nBaiirn gewesen, aufgeführt zu Schönbrunn am 23. Januar\n1765 von vier Erzherzoginnen, von denen drei die Gra-\nzien, die vierte den Apollo darstellte; Joseph 11. spielte die\nBegleitung dazu auf dem Ciavier. Die Partitur ist nirgends\nmehr zu finden. Ein ähnliches, „La Corona\", für die-\nselben hohen Sängerinnen von Gluck geschrieben, ist noch\nhandschriftlich (Partitur von 150 Blättern) auf der wiener\nHof-Bibliothek vorhanden; er mag dabei gedacht haben:\n„ Der Zweck rechtfertigt die Mittel!\" und jener scheint kein\nanderer gewesen zu sein, als die Fortschritte der Prinzessin-\nnen im Coloratur-Gesang ins Licht zu stellen.\nWichtiger war die Umarbeitung seiner früheren Oper\nTelemacco ossia l'isola di für drei Soprane, Alt (Tele-\nmach), Tenor und Chor, welche er am 30. Januar 1765\nin Wien auf die Bühne brachte. Hier bekunden die meisten\nNummern bereits den genialen Tonsetzer derAlceste durch\nEinfachheit und Grossartigkeit des Stils, welche er nur in\neiner einzigen Arie der Circe, wahrscheinlich zu Gunsten"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "339", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541028-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 706, "texte": "der Prima Donna,verläugnet. Sonst ist überall der wahre\ndramatische Ausdruck leitender Grundsatz, der so weit\ndurchgeführt wird, dass die Oper sogar ganz unerhörter\nWeise mit einem Recitativ der schliesst. Die Partitur\n(I. 160, 11. 179 Blätter) befindet sich auf der wiener Bi-\nbliothek und dürfte vielleicht eine Herausgabe verdienen.\nDenn wie Gluck selbst über diese seine letzte Arbeit vor\nder Alceste urtheilte, geht daraus hervor, dass er die Ouver-\ntüre später zu der „Armide\" verwandte, die Nummer\n12 in den Eingang der Ouvertüre und in die Introduction\nzu „Iphigenie in Aulis\" versetzte und Nr. 24, eine\nleidenschaftliche Arie, mit geringen Abänderungen ebenfalls\nin die Iphigenie in Aulis aufnahm."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-10-28-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-10-28_01#c002", "volume": "bmtnabi_1854-10-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "339", "page_fin": "340", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541028-01.2.2", "titre_corps": "Berliner Briefe.", "titre_sommaire": "Berliner Briefe.", "signature_source": "G. E", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "339", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541028-01.1.3", "debut_caractere": 708, "fin_caractere_exclue": 5066, "texte": "Berliner Briefe.\n\n[Bazzini Orpheus von Gluck Luther, Oratorium\nvon Ju 1. Schneider.]\nDen 22. October 1854.\nIch beginne mit Bazzini, dem italiänischen Violin-\nVirtuosen, der nun seit etwa drei Wochen in Rroli's Local\nConcerte gibt, und zwar mit so glänzendem Erfolg, als ihn\nein Künstler dieser Art nur wünschen kann. Anfangs wollte\nes ihm nicht gelingen, ein grosses Publicum herbeizuziehen;\ndoch änderte sich das nach zweimaligem Auftreten, und der\nBesuch ist seitdem sehr zahlreich geworden. Für die Vir-\ntuosen-Concerte tritt in Berlin seit der Entstehung des\nKroll'schen Locals ein ganz neues Verhältniss ein. Sie sin-\nken etwas im Preise; denn wer wird sich so leicht ent-\nschliessen, einen Thaler oder mehr für Leistungen dieser\nArt auszugeben, wenn sich ihm so oft Gelegenheit bietet,\nes für Geringeres zu haben? Andererseits aber erweitern\nsich auch die Kreise, denen dieser Zweig der Kunst zu-\ngänglich wird. AlleNoth und Mühe, die sonst der Concert-\ngeber hatte, für Beschaffung des Locals, des Orchesters,\nder Mitwirkenden, fällt fort. Denn das treffliche Kroil'sche\nOrchester und die Mitglieder der dortigen Oper, die theil-\nweise recht Erfreuliches leisten, sind sofort zur Hand.\nDoch nun zu Bazzini selbst. Will man ihn in seiner Eigen-\nthümlichkeit fassen, so tnuss man daran festhalten, dass er\nein italiänischer Virtuose ist. In seinem Tone, in seinem\nVortrag der Cantilene, auch in der Art seiner Technik sind\nBesonderheiten, die unter diesen Gesichtspunkt zusammen-\nfallen. Er ist ein Künstler ersten Ranges, obschon er uns\nvielleicht nicht Beethoven zu Dank spielen würde, obschon\ner theils in der Wahl der Compositionen, theils auch in der\nArt des Spiels manches für zulässig hält, was wir von dem\nGebiete der reinen, idealen Kunst ausschliessen müssen;\naber er ersetzt dies durch positive Eigenschaften, die er in\nunerreichter Weise besitzt, und jeder positiven Leistung\ngegenüber erscheint Nachsicht gegen die Schwächen als eine\nPflicht. Bazzini's Ton hat etwas eigentümlich Weiches,\nDuftiges, Aetherisches; es ist nicht blosser Klang,, es ist\nSchmelz; darum liegt in dem Tone etwas Seelenhaftes,\nWarmes, tiel Ergreifendes. Hin und wieder verletzt er durch\nallzu schar!e Accente; ein leises, aber doch gemässigtes\nVibriren ist dem ione ebenfalls eigen, der übrigens man-\nnigfaltiger Klangfärbung fähig ist und nicht bloss dem Ele-\ngischen, sondern auch dem Humoristischen, am wenigsten\nfreilich dem Ausdruck einfacher, markiger Kraft dienstbar\nwird. Zu dem Reiz, der in dem Tone als solchem liegt, ge-\nsellt sich der wirklich meisterhafte Vortrag der Melodie,\nwofür dem Künstler nicht bloss ein vorzügliches Legato\nund Portament, sondern auch ein höchst fein gebildeter Sinn\nfür die dynamische Entwicklung einer Melodie zu Gebote\nsteht. Nie macht sich das Gleichmaass des Ganzen auf Kosten\nder Accentuirung geltend, oder umgekehrt; es treten Höhe-\npunkte hervor, von denen aber ein sanfter Weg abwärts\nzum Thale führt; es ist ein stetes Leben, das aber in ruhi-\ngem Fluss wohlthuend, sympathisch verläuft. Die Fertigkeit,\ndie Bazzini besitzt, ist enorm; doch überschreitet er hier\nmitunter die Gränzen des Ausführbaren, wenigstens des\nschön Ausführbaren: der grossen Masse mag freilich diese\nSeite seiner Künstlerschaft am meisten einleuchten, wir kön-\nnen uns nicht immer damit befreunden. Unter den Stücken,\ndie Bazzini spielte, nennen wir verschiedene Phantasieen\nüber italiänische Opern, einen Concertsatz eigener Compo-\nsition, die Ronde des lutins (ein humoristisch-graziöses\nStück), denCarneval von Venedig, eine Melodie\ndie Elegie von Ernst, den Trauermarsch von Chopin. Na-\nmentlich heben wir aber Mendelssohn's her-\nvor, das Bazzini mit höchster Weichheit und Anmuth, frei\nvon jeder Virtuosenschwäche spielte.\nDie königl. Oper brachte den Orpheus von Gluck,\nder bis jetzt zwei Mal bei ganz gefülltem Hause und unter\ngrosser Theilnahme des Publicums gegeben worden ist. Ab-\ngesehen von dem historischen Interesse, das sich gerade an\ndieses Werk, und namentlich an seinen zweiten Act knüpft,\nlagen jetzt noch besondere Umstände vor, die seine Wie-\nderbelebung wünschenswerth machen mussten. Es gibt\nvielleicht in dem ganzen Opern-Repertoire keine Rolle, in\nder Fräul. Wagner günstiger erscheinen kann. Zum Or-\npheus vereinigt sie Alles in sich; die Rolle liegt in ihren\nschönsten Tönen, und überdies ist sie sehr wohl des edlen"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "340", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541028-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3497, "texte": "Ausdrucks fähig, den Gluck verlangt. Ihr Vortrag der bei-\nden Arien im ersten und dritten Acte, namentlich aber die\nScene mit den Höllengeistern im zweiten Acte, war ergrei-\nfend. Auch die Damen Köster (Eurydice) und Herren-\nburg-Tuczek (Amor) griffen wirksam in das Ensemble\nein. Der Chor leistete zwar nicht das, was man in dieser\nAufgabe mitunter von grösseren Gesang-Vereinen zu hören\ngewohnt ist; das liegt aber in den allgemeinen Theater-\nVerhältnissen, die überhaupt die Soli auf Kosten des Chors\nbegünstigen, während es in Gesang-Vereinen umgekehrt zu\nsein pllegt; es liegt sogar in den Gattungen der Oper und\ndes Oratoriums begründet, da in der Oper die einzelne Per-\nsönlichkeit schärfer aus dem Niveau der allgemeinen Em-\npfindungsweise heraustritt, als es in dem Oratorium der\nFall ist. Sollte sich das ganze Werk nicht auf der Bühne\nerhalten, so würden wir ausnahmsweise dafür sein, dass die\nerste Scene des zweiten Actes, vielleicht mit Voranschickung\ndes Eingangschors und der F-dur-Arie des Orpheus, der\nBühne erhalten bliebe, da sie für sich verständlich und der\nbei Weitem hervorragendste Abschnitt der Oper ist.\nEin neues Oratorium, Luther, von Julius Schnei-\nder, kam in voriger Woche zur Aufführung. Am wenig-\nsten entspricht der Text den Forderungen, die man heut-\nzutage machen muss. Er ist überreich an leeren Phrasen\nund Ungeschicklichkeiten. Die Musik knüpft an alle mögli-\nchen Stilarten an, ohne es zur Verschmelzung zu bringen;\nbald hören wir Mendelssohn (und dies sind noch die besten\nPartieen), bald Meyerbeer, bald auch Fr. Schneider heraus.\nDie Auffassung der historischen Persönlichkeiten ist entwe-\nder durchaus falsch, wie bei Luther, der überaus weich und\nsentimental gehalten ist, oder carrikirt, wie bei Tetzel und\nden Katholiken überhaupt, an denen gar kein gutes Haar\ngelassen wird. Einzelne Chöre und einige Ensemble's, die\na capellageschrieben sind, ragen am meisten hervor; nur\nsind die letzteren zu sehr in die Länge gezogen, und die an\nsich gute Intention wird dadurch geschwächt. Die Instru-\nmentation ist zu sehr überladen. Eine gewisse Routine, eine\näusserliche Fertigkeit ist allerdings anzuerkennen, doch\nkann dadurch der Mangel an musicalischem Gehalt und\npoetischer Wahrheit nicht ersetzt werden.\nVon den regelmässigen Winter-Concerten haben die\nSinfonie-Soireen, sowohl die der Capelle als die Liebig'schen,\nzu welchen beiden der Zudrang ausserordentlich ist, bereits\nbegonnen. Die ersteren gaben als Eröffnung Schubert's\nC-dur-Sinfonie, die hier seit acht Jahren nicht gehört wor-\nden ist. Das Publicum verhielt sich etwas kalt dagegen. Die\nAusführung war meisterhaft. Ein Extra-Concert, das die\nCapelle zum Besten der Ueberschwemmten in Schlesien\nveranstaltete, fand leider nur geringen Anklang. Die Schuld\nlag, wie wir glauben, nicht an dem Programm, das ausser\nder .4-cZwr-Sinfonie von Beethoven die Musik zum Egmont\nund eine interessante Sopran-Arie mit obligatem Ciavier\nvon Mozart enthielt, sondern an der mangelhaften und et-\nwas zu vornehmen Bekanntmachung. Ueber die vielen\nunbedeutenderen Concerte, die hier alltäglich Statt finden,\nzu berichten, ist unmöglich. Nur einer Aufführung sei noch\ngedacht, die zwar ebenfalls künstlerisch unbedeutend war,\nuns aber mit einer neuen Seite des hiesigen Musiklebens\nbekannt machte. Sechs Männergesang-Vereine, grossentheils\naus Handwerkern bestehend, hatten sich zu einem Concert\nvereinigt und leisteten namentlich in den Stücken, die sie\ngemeinschaftlich vortrugen, sehr Erfreuliches.\n\nG. E."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-10-28-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-10-28_01#c003", "volume": "bmtnabi_1854-10-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "340", "page_fin": "343", "image_debut": 4, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541028-01.2.3", "titre_corps": "Aus Düsseldorf.", "titre_sommaire": "Aus Düsseldorf.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "340", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541028-01.1.4", "debut_caractere": 3499, "fin_caractere_exclue": 5050, "texte": "Aus Düsseldorf.\nUnsere Berichte über die hiesigen musicalischen Zu-\nstände haben wir in Nr. 2 7 und Nr. 1 dieser Blätter, nach\nder ersten Hälfte der vorjährigen Winter-Concerte, ge-\nschlossen. Erst jetzt, kurz vor Beginn der neuen Saison,\nkommen wir auf die zweite Hälfte derselben zurück, weil\neinige musicalische Aufführungen sich bis in den Spätsom-\nmer hinein zogen, welche für die Beurtheilung unserer Ver-\nhältnisse nicht ohne wesentliche Anhaltspunkte waren.\nKurz nachdem Schumann seinen Wirkungskreis auf-\ngegeben, breitete sich über das Licht seines Geistes die\ndunkle Wolke, welche das Räthsel über so manches Un-\nerklärliche und Schroffe, was in seinem Wesen immer mehr\nhervorgetreten war, in so trauriger Weise lös'te. Die Lei-\ntung der vier letzten Concerte des Allgemeinen Musik-Ver-\neins blieb in den Händen des Herrn Julius Tausch.\nEs kamen darin zur Aufführung: Für Orchester: die Sin-\nfonieen in C-dur von Schumann, F-dur von Beethoven, G-\nmoll von Mozart und die Ouvertüren zu Oberon, Phädra\nund Macbeth von Weber, Hiller und Karl Müller in Mün-\nster. Für Orchester, Chor und Soli: Ouvertüre und Intro-\nduction zu Spohr's Jessonda, Beethoven's Musik zu den\nRuinen von Athen, Chöre aus Paulus und Kriegsmarsch\nder Priester aus Athalie von Mendelssohn, und einige Chöre\naus Haydn's Schöpfung. Für Solo-Vortrag: Mendelssohn's\nG-mo/Z-Concert und Etüden von Stephen Heller und Cho-\npin, vorgetragen von Fräulein Wilhelmine Clauss,\nBeethoven's Concert für Piano, Violine und Cello, vorgetra-\ngen von unseren Herren Tausch, Becker und Vor-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "341", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541028-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5059, "texte": "berg, Arie aus Oberon, gesungen von Fräulein Marie\nCarl vom hiesigen Stadttheater, und Introduction und Va-\nriationen von David, vorgetragen von Herrn Becker.\nObgleich somit wiederum eine Reihe ausgezeichneter\nTonstücke gebracht wurde, so sind unsere Concerte doch\nohne musicalische Bedeutung geblieben, weil Programm und\nAusführung in entschiedenem Gegensatz standen.\nWir haben mitgetheilt, dass besonders das erste der\nConcerte, welche Tausch nach Schumann's Rücktritt diri-\ngirte, durch Abrundung der Ausführung sich auszeichnete;\nallein wir dürfen nicht verschweigen, dass die Erwartungen,\nwozu wir uns dadurch berechtigt glaubten, nicht befriedigt\nwurden, ja, wir müssen die Aufführung der C-moZ/-Sinfonie\nin jenem Concerte als die beste Nummer der ganzen Sai-\nson bezeichnen. Das Orchester hat sich zu der darin ent-\nwickelten Frische, Wärme und Feinheit des Vortrags nicht\nwieder emporgeschwungen, sondern ist in einen Theil des\nfrüheren Indifferentismus zurückgesunken. Die Aufführun-\ngen trugen davon das deutliche Gepräge. Abgesehen von\nunvollkommener Reinheit der Stimmung, von Unsauberkei-\nten und Fehlern aus Unaufmerksamkeit, traten meist nur\ndie stärkeren Färbungen der Werke in Forte und Piano\nnothdürftig hervor, während die feineren fast gänzlich ver-\nnachlässigt blieben; ja, nicht selten ordneten sich die be-\ngleitenden Instrumente so wenig den melodietragenden un-\nter, dass der rein musicalische Gedanke nur dem gebildeten\nOhr erkenntlich blieb. Es wurde somit den technischen\nAnforderungen nur sehr unvollkommen, und den ästheti-\nschen, in Bezug auf den geistigen Gehalt der Werke, so\nwenig entsprochen, dass die Total-Wirkung eine stets un-\ngenügende bleiben musste, wenn auch einzelne Details einen\ngünstigen Eindruck hinterliessen.\nWeit unter den Leistungen des Orchesters blieben die\nunseres Chors. Obgleich derselbe bis zu einem gewissen\nGrade an Sicherheit unverkennbar gewonnen hat, so leidet\ner doch an allen früher gerügten Fehlern, an zaghaften Ein-\nsätzen, unreiner Intonation, Schleppen der Töne von einem\nzum anderen, Undeutlichkeit der Aussprache, schwacher Be-\nsetzung des Tenors u. s. w. u. s. w., nach wie vor. Seine\nLeistungen sind nur als ein rein mechanisches, nothdürftiges\nAbsingen der Noten, ohne Leben und Auffassung, zu be-\nzeichnen. Ueberdies wurden die Chöre, statt im Orchester\nangemessene Stütze zu finden, häufig von demselben un-\nbarmherzig erdrückt. Der grössere Theil unseres Publicums\nkonnte daher bei Chor-Aufführungen nur Langeweile em-\npfinden, während Ohr und ästhetischer Sinn des musicalisch\nGebildeten sich stets unbefriedigt, oft geradezu verletzt\nfühlen musste.\nDen besseren Theil unserer Concerte bildeten die Solo-\nNummern, welche in den Vorträgen von Wilhelmine Clauss\nihren Glanzpunkt erreichten. Aber auch der Genuss an\nihnen blieb in Folge der Indiscretion der Orchester-Beglei-\ntung nicht ungetrübt.\nGegen Ende Juli fand unter Leitung von Tausch und\nMitwirkung von Fräulein Natalie Eschborn ein Concert\nStatt, welches der Allgemeine Musik-Verein Ersterem für\ndie höchst uneigennützige Direction der Winter-Concerte\nveranstaltet hatte. Das Programm enthielt im ersten Theile\neine neue Concert-Ouverture von Tausch, Männerchor aus\nSchumann's Pilgerfahrt der Rose, Jägerchor aus Euryanthe,\nSopran-Arie aus Elias, Concert für Pianoforte, von\nBeethoven, Arie aus Mozart's Entführung: „ Ach, ich liebte\",\nund im zweiten Gade's Comala.\nTausch bewies durch die Ouvertüre und das Beetho-\nven'sche Concert von Neuem sein grosses Talent für Com-\nposition und seine vortrefflichen Eigenschaften als Pianist.\nDie Ouvertüre, frei von allem Barocken der neueren Rich-\ntung, enthält ansprechende einfache Motive in guter Durch-\nführung und schöner Instrumentation; der Vortrag des Con-\ncerts zeichnete sich durch Breite, Kraft und Klarheit, so\nwie durch Frische der Auffassung aus Eigenschaften,\ndurch welche Tausch eine Rangstufe von Bedeutung unter\nden Pianisten einnimmt. Fräulein Natalie Eschborn besitzt\nsehr schöne Stimmmittel, welche sie in der Arie des Elias\nund in der Entführung in künstlerischer Weise entfaltete.\nIn den beiden Männerchören war das Verhältniss der Stim-\nmen ein bei uns ungewohnt günstiges; Tenöre und Bässe\nwaren gleich stark besetzt. Die Chöre wurden nicht ohne\nKraft und Feuer vorgetragen; um so unangenehmer be-\nrührte es, als im Schumann'schen Waldliede der Einsatz so\nunsicher war, dass wir nur eine einzige Tenorstimme gehört\nzu haben glauben.\nDer schwächste Theil des Concertes war Gade's Co-\nmala. Dieses Werk bedarf vorzugsweise einer höchst vollkom-\nmenen, sicheren Ausführung, weil die Musik eine Menge von\nkleinen Intervallen-Fortschreitungen, sowohl für Orchester\nwie Chor, enthält, die der präcisesten Behandlung bedür-\nfen, wenn nicht die Töne vollkommen in einander verschwim-\nmen sollen. Dabei hat Chor und Orchester diese Schwie-\nrigkeit häufig im Piano und Pianissimo auszuführen, na-\nmentlich wenn sie der Partie der Comala zu begleitender\nUnterlage dienen. Wie es kaum anders zu erwarten stand,\nblieb Orchester und Chor bedeutend hinter dieser Aufgabe"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "342", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541028-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5110, "texte": "zurück, und wenn auch die kräftigen Mittel von Fräulein\nEschborn sich durch die wirren Massen Bahn zu brechen\nvermochten, so musste doch die Künstlerin dem Kraftauf-\nwande die dramatische Färbung ihres Gesanges opfern. Ob-\ngleich Fräulein Eschborn und einer unserer hiesigen Dilet-\ntanten die Partieen der Comala und des Fingal vortreff lich\nsangen, konnte sich dennoch die Aufführung bei den gros-\nsen Schwierigkeiten des Werkes zu einer befriedigenden\nund erwärmenden Totalwirkung nicht erheben.\nAusser den besprochenen Concerten wurde durch die\nMitglieder des Gesang-Vereins eine Cherubini'sche Messe in\nunserer Hauptkirche aufgeführt, welcher beizuwohnen wir\nverhindert waren.\nWir müssen dagegen andere kirchliche Aufführungen\nbesprechen, welche unter Leitung eines hiesigen Dilettan-\nten, des Herrn Dr. H., Statt fanden. Mit den gediegensten\ntheoretischen Kenntnissen in allen Zweigen musicalischen\nWissens ausgerüstet, hat er sich vorzugsweise der altitaliä-\nnischen Kirchenmusik zugewandt und sich mit ihrem Geiste\nnach eifrigen Studien und Forschungen vertraut gemacht.\nNach einigen sehr glücklichen Versuchen zu der Zeit, als\nRietz hier wirkte, fasste im letzten Sommer Dr. H. den\nEntschluss, Palestrina s Musik zu den Abend-Andachten\nam grünen Donnerstag und Charfreitag aufzuführen. Wer\ndie grossen Schwierigkeiten des Vortrags a capella kennt,\nnamentlich bei freier declamatorischer Bewegung der Mu-\nsik, musste das Unternehmen, besonders unter den augen-\nblicklichen Verhältnissen, als ein höchst gewagtes betrachten.\nUm so überraschender war der Erfolg, mit welchem die\nangegebenen Werke, so wie einige Monate später Palestri-\nna's Missa Papae Marcelli aufgeführt wurden. Dr. H. hatte\neinen Chor von ungefähr 40 —SO Sängern und Sängerin-\nnen gebildet, der aus sehr ungleichen Kräften bestand. Er\nsoll indess in seinen Erläuterungen über den Geist der alt-\nitaliänischen Kirchenmusik nicht eher geruht haben, als bis\njeder der Mitwirkenden eine klare Ansicht darüber gewon-\nnen. Er soll sodann durch die geschickte Behandlung dieses\nStoffes und die praktischen Anweisungen über das rein\nTechnische im Gesänge den Chor so angeregt haben, dass\nderselbe, trotz der grossen Menge der Proben, mit wach-\nsender Liebe seine Aufgabe verfolgte, bis er dieselbe seinem\nDirigenten und sich selbst zu Dank zu lösen vermochte.\nSo hörten wir denn die schwierigen und doch so einfachen\nharmonischen Verschlingungen dieser echt kirchlichen Mu-\nsik in ihrer Ireien declarnatorischen Bewegung und in ihren\nmannigfachen Färbungen in überraschend gelungener Weise.\nVollkommen bestimmt in allen Einsätzen, frei von jeder Un-\nart, klar und durchsichtig durch die Sicherheit aller Stim-\nmen, bis auf wenige unbedeutende Schwankungen vollkom-\nmen rein in der Intonation, wurden die Färbungen im zar-\ntesten I tciHOf so wie im volltönendsten Forte in einer Weise\nausgedrückt, wie es nur dann möglich ist, wenn die Mit-\nwirkenden vom Geiste des Werkes durchdrungen und\nbeseelt werden.\nWir hoffen im Interesse wahrer Kunst, dass Herr Dr.\nH. sich zu Wiederholungen ähnlicher Aufführungen ent-\nsehliessen wird.\nFür die Direction des Allgemeinen Musik-Vereins bieten\ndie durch Herrn Dr. 11. erreichten Erfolge Stoff zu ernster\nBetrachtung, weil sie deutlich beweisen, dass es hier nicht\nan Kräften fehlt, Bedeutendes zu leisten, wenn man diesel-\nben zu gewinnen und zu behandeln weiss. Statt indess auf\nReformen zu sinnen, scheinen die Herren Directoren von\nder Idee auszugehen, die ehemalige Bedeutung der Concerte\ndurch die classische Richtung der Programme erhalten zu\nkönnen, ohne Ahnung davon, dass unseren Aufführungen\nvon dem, was sie unter Mendelssohn, Rietz und Hiller wa-\nren, leider nichts als die Aehnhchkeit der Programme ge-\nblieben ist.\nTausch können wir einstweilen für den traurigen Stand-\npunkt der Concerte des Allgemeinen Musik-Vereins nicht\nverantwortlich machen; er übernahm die Leitung, als es zu\nspät war, um im Laufe der vorigen Saison noch bedeutend\neingreifen zu können. Jetzt ist es indess an ihm, den Herren\ndie Augen zu öffnen und in andere Bahnen einzulenken;\nw ir hoffen, dass er nach den gemachten Erfahrungen über\ndie Mittel zu vollkommener Erkenntniss gekommen sein\nwird, welche uns einer besseren Zukunft zuzuführen ver-\nmögen. Einer vollständigen Reorganisation scheint uns der\nGesang-Verein zu bedürfen; er besitzt offenbar eine Zahl\nvon Mitgliedern, die uns nicht nur musicalisch ungebildet,\nsondern unbildungsfähig erscheint und desshalb unschädlich\nzu machen wäre.\nVor Allem hat indess Tausch danach zu streben, dass\ner den geistigen Mittelpunkt unserer musicalischen Kräfte\nbilde, die Seele des Körpers, deren Regungen die einzelnen\nGlieder bewegt und durchgeistigt. Wenn diese Wechsel-\nwirkung zwischen dem Dirigenten und den Ausführenden\nnicht besteht, so wird dem Vortrage der Ausdruck der Wahr-\nheit fremd bleiben und selbst bei der höchsten technischen\nVollkommenheit das Mechanische stets durchblicken lassen.\nUm den angedeuteten Standpunkt einzunehmen, muss der Diri-\ngent den Ausführenden das Verständniss über das vorzu-\ntragende Musikstück eröffnen und sie mit seiner eigenen"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "343", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541028-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 961, "texte": "Auffassungsweise vertraut machen. Wie ist es möglich, dass\nder Geist eines Werkes, wenn ihn der Dirigent auch völlisr\nO o\nerkannt, aus der Zusammenwirkung von musicalischen Kräf-\nten hervorleuchte, wenn ein Theil derselben ohne eigene\nErkenntniss desselben ist und der andere ganz verschiedene\nAnsichten sich darüber gebildet hat?\nWir wissen nicht, ob vielleicht die Kürze der Zeit für\ndie Proben daran schuld war, verhehlen können wir indess\nnicht: Tausch ist uns den Beweis schuldig geblieben, dass\ner die ästhetische Seite der Aufgabe des Dirigenten genü-\ngend erkennt. Wir hoflen, er wird uns denselben im kom-\nmenden Winter nachliefern und sich als den Steuermann\nerweisen, dem man mit Ruhe die Leitung unseres schwa-\nchen, so lange in der Brandung umhergeworfenen Schiff-\nleins anvertrauen kann. Wir werden indess, ohne persön-\nliche Rücksichten, im Interesse der Kunst auch dann un-\nsere Ansichten aussprechen, wenn das Gegentheil eintreten\nsollte.\no\n_ 6"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-10-28-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-10-28_01#c004", "volume": "bmtnabi_1854-10-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "343", "page_fin": "343", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541028-01.2.4", "titre_corps": "Erstes Gesellschafts-Concert in Köln im Casinosaale.", "titre_sommaire": "Erstes Gesellschafts-Concert in Köln im Casinosaale.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "343", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541028-01.1.7", "debut_caractere": 963, "fin_caractere_exclue": 4711, "texte": "Erstes Gesellschafts-Concert in Köln\nim Casinosaale.\nMittwoch, den 25. October.\nUnsere Gesellschafts-Concerte (das heisst, um von auswärts ein-\ngegangene Anfragen zu beantworten und Missverständnisse zu be-\nrichtigen: Abonnements-Concerte, welche die Concert-Gesellschaft\nveranstaltet, nicht aber Conversations- oder Promenaden-Concerte!)\nhaben unter Leitung des städtischen Capellmeisters F. Hiller wie-\nder begonnen. Das Programm des ersten brachte : 1) Sinfonie in\nD-dur von J. Haydn, 2) Ouvertüre und erster Act der Alceste\nvon Gluck; in der zweiten Abtheilung: 3) Ouvertüre zu Manfred\nvon R. Schumann (zum ersten Male), 4) Scene für Pianoforte\nmit Orchester, componirt und vorgetragen von F. Hiller (zum\nersten Male), 5) Cavatine aus der Oper Ernani von Verdi, 6)\nOuvertüre zur Leonore von Beethoven. Es zerfiel also in eine\nantike und in eine moderne Abtheilung.\nHaydn sehe Sinfonieen werden hier noch immer gern gehört\nund in der Regel vom Orchester mit allen Feinheiten des Vortrags,\nwelche sie erfordern, gespielt. Bei der gestern gewählten (aus D-dur,\ndas Allegro im %-Tact) war dies bei dem reizenden Andante und\nder originellen Menuet auch der Fall, während wir im ersten\nSatze hier und da die gewohnte Präcision vermissten.\nDie grossartige Composition der Alceste fordert eben so gross-\nartige Kräfte der Ausführung. Was Chor und Orchester betrifft,\nso waren diese vorhanden, auch die Partie des Oberpriesters wurde,\nbesonders in dem hochherrlichen Recitative vor dem Orakelspruch,\ndurch Herrn DuMont vortrefflich repräsentirt; aber der breite Stil\nvon Gluck scheint weder für die Stimme, noch für den Vortrag\nder sonst mit Recht berühmten Sängerin Frau Nissen-Saloman\ngeeignet zu sein. In der Alceste werden nur wenige der heutigen\nSängerinnen genügen, weil sie eine Fülle uud Kraft der Stimme\nund einen declamatorischen Vortrag verlangt, der ohne diese Eigen-\nschaften durch die Kunst allein nicht erreicht werden kann. Von\nden früheren Darstellerinnen derselben in Berlin erfüllte die Mil-\nder-Ilauptmann beide Bedingungen; die Fassmann war zwar im\nDramatischen gross, aber die Stimme war etwas scharf und in den\nhohen lönen zuweilen schneidend, und das ist gerade eine Klang-\nfarbe, welche die Partie der Alceste am wenigsten verträgt. Von\nden Sängerinnen unserer Tage dürfte Frau Clara Novello wohl\nunstreitig die geeignetste für die Sopran-Partieen Gluck's sein. In\nder zweiten Abtheilung bewährte Frau Nissen-Saloman durch den\nA ortrag der \\ erdi'schen Cavatine den Ruf einer kunstgewandten\nSängerin, den sie in der musicalischen Welt geniesst.\nSchumanns Ouvertüre zu Manfred wurde gut ausgeführt,\naber kalt aufgenommen; sie enthält jedoch grosse Schönheiten, be-\nsonders zu Anfang, und der Schlussist höchst poetisch und aus-\ndrucksvoll. Den leitenden Faden durch das Ton-Labyrinth des mitt-\nleren 1 heiles zu finden, wollte uns beim einmaligen Anhören nicht\ngelingen. Hill er spielte in der trefflicheu Weise, die seine Be-\nhandhing des Pianoforte auszeichnet, eine „Scene für das Piano-\nforte mit Orchester\", ein Musikstück von freier, vielleicht zu freier\ntorm, dessen Idee wir nicht für eine glückliche halten, wenn auch\ndie Ausführung derselben einige schöne musicalische Gedanken\nbringt. Das Ciavier wird selbst unter dem Anschlag eines Pianisten\nwie Hiller doch kein singendes Instrument; das einzige Muster von\netwas Scenischem, oder richtiger gesagt Scenenartigem, für dasselbe\ndürfte Beethoven im Adagio des C-c/wr-Concertes gegeben haben.\nDie grosse Ouvertüre zur Leonore beschloss das etwas lange\nConcert; die Ausführung derselben war vorzüglich, so dass die\nwundervolle Composition die etwas abgespannte Aufmerksamkeit\nder Zuhörer nicht nur noch zu fesseln, sondern auch zu lebhaftem\nBeifall zu steigern vermochte."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-10-28-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-10-28_01#c005", "volume": "bmtnabi_1854-10-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "343", "page_fin": "344", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541028-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "343", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541028-01.1.7", "debut_caractere": 4713, "fin_caractere_exclue": 6046, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\niiöli«. Die vergangene Woche war eine glänzende für das\nStadttheater, dessen Repertoire folgendes war: Freitag, den 20.\nDie weisse Dame, Sonntag Prophet, Montag Die Zauber-\nflöte, Dinstag Die Hugenotten, Donnerstag Prophet. Roger\ntrat darin als George Brown, Prophet (zwei Mal) und Raoul auf;\nüber das Hinreissende seines Gesanges und Spiels herrscht nur\nEine Stimme. Wir behalten uns vor, nach Beendigung seines Gast-\nspiels ausführlicher auf die Leistungen dieses grossen Künstlers zu-\nrückzukommen, der das wahre Wesen des dramatischen Gesanges\nso richtig erfasst hat, und dem Natur und Kunst mehr als irgend\nEinem die Mittel verliehen haben, das Ideal desselben durch die\nAusführung zu verwirklichen.\nIn der „Zauberflöte\" debutirte der Tenorist Grein er vom Hof-\ntheater zu Karlsruhe und überraschte durch die Fülle und Frische\nseiner kräftigen Bruststimme.\nBarmen, den 13. Oct. Der Thätigkeit und rastlosen Energie\ndes Musik-Directors Herrn C. Rein ecke ist es gelungen, auch die\nin der letzten Zeit stark eingeschlummerten Kräfte unserer Lieder-\ntafel wieder zu wecken, wie das seit Jahren zum ersten Male\nwieder versuchte selbstständige öffentliche Auftreten derselben in\ndem gestrigen Concerte bewies. Sämmtliche Vorträge mit Aus-\nnahme der schwierigen und für einen grösseren Chor berechneten"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "344", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541028-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4015, "texte": "Motette: „Ich will singen\", von B. Klein erhielten mit Recht\nden lebhaftesten Beifall. Das Publicum zeichnete namentlich den\nJägerchor aus der Euryanthe mit Hörnerbegleitung und Reineckes\nLied „Auf der Wacht\" aus.\nDie Redaction der berliner Musik-Zeitung „Echo\" hat den Ter-\nmin zur Einlieferung der zur Preisbewerbung bestimmten drei Mi-\nlitärmärsche bis zum 31. December d. J. verlängert, was mit Dank\nanzuerkennen ist, da die Frist ursprünglich zu kurz gestellt war.\nEin Defilirmarsch für Infanterie-Musik, ein Parademarsch für Ca-\nvallerie-Musik und ein Defilirmarsch für Hornmusik sollen mit dem\nEhrenpreise von fünfzehn und zehn Ducaten gekrönt, gedruckt und\nöffentlich aufgeführt werden.\nWien» Meyerbeer's Oper „Der Nordstern\", welche,\nwie uns aus Stuttgart berichtet worden, daselbst mit Enthu-\nsiasmus aufgenommen wurde, kommt im Laufe künftigen Monats\nin unserem k. k. Hof-Operntheater mit folgender Besetzung zur\nAufführung: Peteroff Herr Beck, Katharina Fräul. Wildauer,\nPrascovia Fräul. Liebhard, zwei Marketenderinnen die Fräul.\nTietjens und Staneau, Danielowich Herr Ander, Grützenkoff\nHerr Kreuzer. - Die meisten Chancen als künftiger Pachter des\nCarl-Theaters dürften sich dermal für Herrn Nestroy ergeben.\nEin definitiver Abschluss soll nahe bevorstehend sein, und im Falle\nNestroy die Direction übernähme, würde jedenfalls auch an dieser\nBühne der Tantiemen-Bezug für Dichter eingeführt werden, eben\nso ein vollständiges Ballet-Personal und ein verstärkter Chor.\nIm Laufe dieser Woche erscheint bei Wallishausser die Biographie\nCarl s von dem Schauspieler Franz Gämmerler.\nRotterdam. In dem Concerte, welches am 11. d. Mts. im\nTheater unter der Direction des Herrn Ilutschenruyter gege-\nben wurde, hörten wir ausser den brav ausgeführten Ouvertüren\nvon Mozart, Beethoven und Weber zwei junge Talente, welche Er-\nwähnung verdienen. Die zwölfjährige Eugenie de Roode, Schü-\nlerin von Herz in Paris, trug ein Concert ihres Lehrers mit Or-\nchester, zwei Lieder ohne Worte von Mendelssohn und das\nImpromptu von Krüger mit grosser Fertigkeit vor und wurde durch\nlauten Beifall und Hervorruf belohnt. Noch mehr Bewunderung er-\nregte der junge, erst sechszehnjährige Violinspieler Naret-Koning\ndurch den Vortrag eines Concertstückes von David und der Ge-\nsangscene von Spohr. Leider war die Quinte seines Instrumentes\nnicht ganz rein, was besonders bei den hohen Tönen der Gesang-\nscene bemerkbar wurde. Der junge Mann hat einen schönen Ton\nund einfach edeln Vortrag und macht seinem Lehrer, Herrn F. B.\nBunte in Amsterdam, alle Ehre.\nDie France Musicale theilt einen Brief des Arztes von Rossini\nan die Redaction mit, weicher die von uns bereits gegebene Nach-\nricht (s. die vor. Nr.) bestätigt. Der Schluss desselben lautet:\n„Rossini hat freilich während einer langen Krankheit, die ihn\nsieben Monate lang heimsuchte, viel gelitten, und auch jetzt kann\nman noch nicht sagen, dass seine Gesundheit vollkommen herge-\nstellt sei. Aber was die Klarheit seiner Gedanken und das Licht\nseines Geistes betrifft, so kann ich Ihnen versichern, dass der be-\nrühmte Genesende sich noch stets auf der Höhe jener Intelligenz\nbefindet, welche der Welt so viele Meisterwerke gegeben hat.\n„Florenz, den 12. October 1854. Dr. Fabius Ucee lii.\"\nParis« Man weiss noch nichts Bestimmtes über die plötzliche\nAbreise von Sophie Cruvelli. Wahrscheinlich jedoch ist es,\ndass sie zu ihrer Familie nach Deutschland gegangen sei. Am 13.\nd. Mts. suchte das Ministerium des kaiserlichen Hauses durch einen\nAdvocaten beim Präsidenten des Civil-Tribunals die Beschlagnahme\nauf die Möbel und Effecten in der Wohnung der Sängerin und\nden Arrest auf ihre bei Rothschild stehenden Capilalien nach. Bei-\ndes wurde zur Deckung des vorläufig auf 100,000 Frcs. geschätzten\nVerlustes der üirection durch Nichterfüllung des Contractes bewil-\nligt. Man fand die Zimmer der Künstlerin (Rue Tronchet 15), so\nwie sie dieselben verlassen hatte, in der grössten Ordnung. Es war\nAlles Silberzeug, Nippessachen u. s. w., selbst ihre Theater-\nGarderobe."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "337", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541028-01.1.1", "texte": "Christoph Willibald Ritter von Gluck.\nIII.\nWir haben in dem vorigen Artikel versucht, den Gang\nder Entwicklung der Ideen Gluck's, die ihn zur Umgestal-\ntung der Oper führten, zu zeichnen und die Spuren dessel-\nben durch das reichhaltige Material der Schmid'schen Bio-\ngraphie hindurch zu verfolgen. Bei dem hohen Interesse,\nwelches die Geschichte des Geistes eines solchen Heroen\nder Tonkunst erregt, glauben wir auf die Theilnahme der\nLeser rechnen zu dürfen, wenn wir in dem Bestreben fort-\nfahren, neben der Erzählung der wichtigsten Ereignisse sei-\nnes äusseren Lebens den Faden lestzuhalten, an den sich\ndie Beobachtung der verschiedenen Phasen seines inneren\nLebens, seines geistigen Schaffens reiht.\nEs ist schon erwähnt, dass der Italiäner Raniero\nvon Calzabigi aus Livorno das Gedicht zum Orpheus\ngemacht hatte. Calzabigi, damals Rath bei der k. k. Rech-\nnungskammer in Wien, mithin ein Dilettant, soll schon vor\nder Bekanntschaft mit Gluck auch seinerseits gegen die\nMängel der italiänischen Oper geeifert und auf dramatische\nWahrheit gedrungen haben. Wir wissen nur, dass er zu\neiner von ihm veranstalteten Ausgabe der Werke Metasta-\nsio's eine Einleitung geschrieben, welche Aufsehen erregte;\nob der Inhalt derselben die eben erwähnte Angabe bei\nSchmid rechtfertigt, ist uns unbekannt, da uns jene Aus-\ngabe nicht zur Hand ist. Dass übrigens um jene Zeit na-\nmentlich in Paris an dem morsch werdenden Gebäude der\nalten Oper vielfach gerüttelt wurde, ist keine Frage; wir\nhaben in einem früheren Aufsatze „über die Geschichte der\nkomischen Oper\" (Rheinische Musik-Zeitung, II. Jahrgang,\n1851, Nr. 75 u. 76) nachgewiesen, dass der Umschwung\nim Geschmack und das Verlangen nach Wahrheit der dra-\nmatischen Musik mit der Aufführung von Pergoleses Setva\npadrona in Paris und der Erscheinung der Troqueurs von\nAntoine d'Auvergne (1750 — I / 53) ebendaselbst begann\nund dass bedeutende Schriftsteller, z. B. Diderot, schon um\n1760, also an zehn Jahre vor dem Druck von Gluck's be-\nrühmter Vorrede zur Alceste (1769), ganz ähnliche An-\nsichten über die Reform der Opernmusik wiederholt und\nsehr energisch aussprachen.\nWir führen dies hier an, nicht etwa um zu beweisen,\ndass der Dichter Calzabigi dieselben Ruhmes-Ansprüche wie\nGluck machen könne, sondern nur um an die historische\nWahrnehmung zu erinnern, dass es Zeiten gibt, in denen\ngewisse reformatorische Ideen, sei es im Gebiete des Staa-\ntes und der Religion oder der Kunst und Literatur, aus dem\nMorsch-und Faulwerden eines Alten, das sich überlebt hat,\nfast nothwend'ig entstehen und mit einer „heimlich bilden-\nden Gewalt\" wachsen und sich verbreiten, ohne dass man\nihren Ursprung auf einen bestimmten Namen zurückführen\nkann. Es sind die wahren Blüthen des menschlichen Geistes,\nnicht des Geistes eines einzelnen Menschen. Weckt dann\ndie Vorsehung in solchen Zeiten der Gährung einen Mann\nder That, so wird durch ihn die Frucht jener Blüthen reif\nfür die Menschheit, und nicht sowohl die Scharfsinnigkeit der\nErfindung, als die Energie der That gibt dann das volle\nAnrecht auf den Nachruhm.\nEine solche That war denn auch Gluck's Composition\ndes „Orpheus\" von Calzabigi. Die Oper wurde am 5.0c-\ntober 1762 in Wien auf dem Theater an der Hofburg\nzum ersten Male gegeben. Sie war sehr sorgfältig einstu-\ndirt; Gluck selbst dirigirte. Der erste Erfolg war mehr\nUeberraschung und Staunen, als reiner Kunstgenuss; dass\ndiese Musik Gegner fand, war natürlich; allein die Macht\ndes Schönen in ihr war so gross, dass schon nach der lünf-\nten Vorstellung die Spötter zum Schweigen gebracht wa-\nren. Sie wurde mit italiänischem und später auch mit deut-\nschem Texte unzählige Male wiederholt. Die ersten Dar-\nsteller waren Guadagni (Oi'feo, Alt), die Bianchi\nSopran), die Glebero-Clavarau [Atnorc, Sopran). Bekannt-\nlich kommen ausser dem Chor nur diese drei Personen vor.\nWiewohl nun Gluck im Orpheus den bisherigen Opern-\nstil schon ganz verliess und der dramatischen Wahrheit\ndurch den musicalischen Ausdruck zum ersten Male volles\nLeben gab, so war doch die Macht des Herkommens und"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "338", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541028-01.1.2", "texte": "der Gewohnheit so stark, dass er die auffallendste Unwahr-\nheit entweder nicht fühlte oder nicht zu beseitigen wagte,\nO u ■\nnämlich die, den Orpheus, den liebenden Gatten, durch eine\nAltstimme vertreten zu lassen!\nInteressant sind die Nachrichten, welche Schmid über\nden Eindruck der Partitur auf die pariser Componisten aus\nFavart's Memoiren mittheilt; sie bestätigen vollkommen die\nvon uns in dem oben angeführten Aufsatze aufgestellte\nMeinung. Gerade die Koryphäen der neuen komischen Oper,\nDuni, Philidor u. s. w., waren entzückt über die Compo-\nsition des Orpheus. Die zahlreichen und argen Fehler der\nAbschrift zum Behuf des Stiches zu verbessern, wofür ein\nMusiker 500 Livres forderte, übernahm Philidor aus Be-\ngeisterung für das Werk umsonst. Schon damals wurde\nGluck wiederholt eingeladen, nach Paris zu kommen. Die\ngestochene Partitur erschien Ende 1764 in Paris in einer\njetzt selten gewordenen Pracht-Ausgabe in Folio, besorgt\nvon Favart.\nIm Jahre 1763 im December kam eine neue Oper\nvon Gluck, Ezio(Aetius), Text von Metastasio, zur Auf-\nführung. Die Partitur ist bis auf wenige Musikstücke ver-\nloren gegangen. Dass aber Gluck darin seinen Grundsätzen\ntreu blieb, geht aus einem gleichzeitigen Artikel des Wie-\nner Diariums von 1764, Nr. 2, hervor, in welchem es un-\nter Anderem heisst: „Nie ist ein Tonkünstler der Natur\ntreuer gewesen, als Gluck; fast alle haben sie der Kunst\ngeopfert. Arien, Triller und andere Künsteleien unterbre-\nchen oft auf eine widersinnige Weise den Fortgang der\nEmpfindungen und Leidenschaften, anstatt dass sie den Aus-\ndruck derselben hätten unterstützen, verstärken und ver-\nedeln sollen. Mit Einem Worte: Der Dichter war der\nSclave des Tonkünstlers. Der Ritter von Gluck übt\ngerade das Gegentheil. Der Dichter gilt bei ihm nicht allein,\nwas er gelten kann, sondern seine Arbeit erhält neue An-\nnehmlichkeiten und neue Reize durch seine wohlangebrachte\nKunst.\"\nWie wahr und wie alt! Die gesperrt gedruckten Worte\nsind gegenwärtig wieder eine Lieblings-Phrase von Wagner\nund Genossen geworden: ist aber Alles schon da gewesen!\nEinen Beweis der Umtriebe der Italiäner gegen Gluck\ngibt in demselben Berichte die spasshafte Notiz: „Das Pu-\nblicum hat sich mit gerechtem Eifer wider den (näm-\nlich den Darsteller) empört, dass er in der ersten Vorstel-\nlung seiner Pflicht nur schlecht nachkam und den allgemei-\nnen Beifall, den die Musik verdient, zu verhindern suchte.\nAllein er ist zu seiner Pflicht strenge verwiesen worden,\nund wir sehen nun das Stück mit vollkommenem Vergnügen.\"\nIm folgenden Jahre brachte die Hofbühne eine komi-\nsche Oper von Gluck mit französischem Text:\nconlre imprhue. Opera comique welche\nviele Jahre später (1780) eine deutsche Bearbeitung er-\nhielt und in dieser in Wien und auch in Berlin (1 7 83)\nhäufig gegeben wurde, aber das vorige Jahrhundert doch\nnicht überlebt hat. Die Scene spielt in der Türkei; die Ou-\nvertüre ist mit Flaulo piccolo, Oboi, Corni, Fagolli und\nPiatti denen denn auch wohl die grosse Trommel nicht\ngefehlt haben wird, instrumentirt, schliesst in der Domi-\nnante und hat offenbar Mozart bei seiner Ouvertüre zur\nEntführung vorgeschwebt. Die Melodie: „ Unser dummer\nPöbel meint, dass wir strenge leben\", hat durch Mozart's\nVariationen Verbreitung erhalten. Im Ganzen soll die Musik\nunbedeutend und nur in einigen Nummern Gluck's würdig\nsein; es kommen sogar (nach dem Verzeichnisse bei Schmid)\nwieder Bravour-Arien darin vor. Eine Wiederbelebung die-\nser Oper, die man 1807 in Wien versuchte, missglückte.\nBei der Krönung des Erzherzogs Joseph zum römi-\nschen Könige in Frankfurt, den 4. April 1764, war Gluck,\nmit ihm Dittersdorf und Guadagni, dahin beschieden wor-\nden. Gluck führte daselbst hauptsächlich seinen Orpheus\nauf. Er erhielt 600 Gulden zur Reise, 6 Gulden Taggeld\nund ein Geschenk von 300 Ducaten. Den Dirigentenstab\nüber die S loftheater-Capelle in Wien trat er in diesem Jahre\nan Florian Gassmann ab.\nDie Biographen führen aus derselben Zeit ein Drama,\nIi Parnasso confuso,an. Es ist das aber nichts als ein Fest-\nspiel zur Vermählung Joseph's 11. mit Maria Josepha von\nBaiirn gewesen, aufgeführt zu Schönbrunn am 23. Januar\n1765 von vier Erzherzoginnen, von denen drei die Gra-\nzien, die vierte den Apollo darstellte; Joseph 11. spielte die\nBegleitung dazu auf dem Ciavier. Die Partitur ist nirgends\nmehr zu finden. Ein ähnliches, „La Corona\", für die-\nselben hohen Sängerinnen von Gluck geschrieben, ist noch\nhandschriftlich (Partitur von 150 Blättern) auf der wiener\nHof-Bibliothek vorhanden; er mag dabei gedacht haben:\n„ Der Zweck rechtfertigt die Mittel!\" und jener scheint kein\nanderer gewesen zu sein, als die Fortschritte der Prinzessin-\nnen im Coloratur-Gesang ins Licht zu stellen.\nWichtiger war die Umarbeitung seiner früheren Oper\nTelemacco ossia l'isola di für drei Soprane, Alt (Tele-\nmach), Tenor und Chor, welche er am 30. Januar 1765\nin Wien auf die Bühne brachte. Hier bekunden die meisten\nNummern bereits den genialen Tonsetzer derAlceste durch\nEinfachheit und Grossartigkeit des Stils, welche er nur in\neiner einzigen Arie der Circe, wahrscheinlich zu Gunsten"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "339", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541028-01.1.3", "texte": "der Prima Donna,verläugnet. Sonst ist überall der wahre\ndramatische Ausdruck leitender Grundsatz, der so weit\ndurchgeführt wird, dass die Oper sogar ganz unerhörter\nWeise mit einem Recitativ der schliesst. Die Partitur\n(I. 160, 11. 179 Blätter) befindet sich auf der wiener Bi-\nbliothek und dürfte vielleicht eine Herausgabe verdienen.\nDenn wie Gluck selbst über diese seine letzte Arbeit vor\nder Alceste urtheilte, geht daraus hervor, dass er die Ouver-\ntüre später zu der „Armide\" verwandte, die Nummer\n12 in den Eingang der Ouvertüre und in die Introduction\nzu „Iphigenie in Aulis\" versetzte und Nr. 24, eine\nleidenschaftliche Arie, mit geringen Abänderungen ebenfalls\nin die Iphigenie in Aulis aufnahm.\n\nBerliner Briefe.\n\n[Bazzini Orpheus von Gluck Luther, Oratorium\nvon Ju 1. Schneider.]\nDen 22. October 1854.\nIch beginne mit Bazzini, dem italiänischen Violin-\nVirtuosen, der nun seit etwa drei Wochen in Rroli's Local\nConcerte gibt, und zwar mit so glänzendem Erfolg, als ihn\nein Künstler dieser Art nur wünschen kann. Anfangs wollte\nes ihm nicht gelingen, ein grosses Publicum herbeizuziehen;\ndoch änderte sich das nach zweimaligem Auftreten, und der\nBesuch ist seitdem sehr zahlreich geworden. Für die Vir-\ntuosen-Concerte tritt in Berlin seit der Entstehung des\nKroll'schen Locals ein ganz neues Verhältniss ein. Sie sin-\nken etwas im Preise; denn wer wird sich so leicht ent-\nschliessen, einen Thaler oder mehr für Leistungen dieser\nArt auszugeben, wenn sich ihm so oft Gelegenheit bietet,\nes für Geringeres zu haben? Andererseits aber erweitern\nsich auch die Kreise, denen dieser Zweig der Kunst zu-\ngänglich wird. AlleNoth und Mühe, die sonst der Concert-\ngeber hatte, für Beschaffung des Locals, des Orchesters,\nder Mitwirkenden, fällt fort. Denn das treffliche Kroil'sche\nOrchester und die Mitglieder der dortigen Oper, die theil-\nweise recht Erfreuliches leisten, sind sofort zur Hand.\nDoch nun zu Bazzini selbst. Will man ihn in seiner Eigen-\nthümlichkeit fassen, so tnuss man daran festhalten, dass er\nein italiänischer Virtuose ist. In seinem Tone, in seinem\nVortrag der Cantilene, auch in der Art seiner Technik sind\nBesonderheiten, die unter diesen Gesichtspunkt zusammen-\nfallen. Er ist ein Künstler ersten Ranges, obschon er uns\nvielleicht nicht Beethoven zu Dank spielen würde, obschon\ner theils in der Wahl der Compositionen, theils auch in der\nArt des Spiels manches für zulässig hält, was wir von dem\nGebiete der reinen, idealen Kunst ausschliessen müssen;\naber er ersetzt dies durch positive Eigenschaften, die er in\nunerreichter Weise besitzt, und jeder positiven Leistung\ngegenüber erscheint Nachsicht gegen die Schwächen als eine\nPflicht. Bazzini's Ton hat etwas eigentümlich Weiches,\nDuftiges, Aetherisches; es ist nicht blosser Klang,, es ist\nSchmelz; darum liegt in dem Tone etwas Seelenhaftes,\nWarmes, tiel Ergreifendes. Hin und wieder verletzt er durch\nallzu schar!e Accente; ein leises, aber doch gemässigtes\nVibriren ist dem ione ebenfalls eigen, der übrigens man-\nnigfaltiger Klangfärbung fähig ist und nicht bloss dem Ele-\ngischen, sondern auch dem Humoristischen, am wenigsten\nfreilich dem Ausdruck einfacher, markiger Kraft dienstbar\nwird. Zu dem Reiz, der in dem Tone als solchem liegt, ge-\nsellt sich der wirklich meisterhafte Vortrag der Melodie,\nwofür dem Künstler nicht bloss ein vorzügliches Legato\nund Portament, sondern auch ein höchst fein gebildeter Sinn\nfür die dynamische Entwicklung einer Melodie zu Gebote\nsteht. Nie macht sich das Gleichmaass des Ganzen auf Kosten\nder Accentuirung geltend, oder umgekehrt; es treten Höhe-\npunkte hervor, von denen aber ein sanfter Weg abwärts\nzum Thale führt; es ist ein stetes Leben, das aber in ruhi-\ngem Fluss wohlthuend, sympathisch verläuft. Die Fertigkeit,\ndie Bazzini besitzt, ist enorm; doch überschreitet er hier\nmitunter die Gränzen des Ausführbaren, wenigstens des\nschön Ausführbaren: der grossen Masse mag freilich diese\nSeite seiner Künstlerschaft am meisten einleuchten, wir kön-\nnen uns nicht immer damit befreunden. Unter den Stücken,\ndie Bazzini spielte, nennen wir verschiedene Phantasieen\nüber italiänische Opern, einen Concertsatz eigener Compo-\nsition, die Ronde des lutins (ein humoristisch-graziöses\nStück), denCarneval von Venedig, eine Melodie\ndie Elegie von Ernst, den Trauermarsch von Chopin. Na-\nmentlich heben wir aber Mendelssohn's her-\nvor, das Bazzini mit höchster Weichheit und Anmuth, frei\nvon jeder Virtuosenschwäche spielte.\nDie königl. Oper brachte den Orpheus von Gluck,\nder bis jetzt zwei Mal bei ganz gefülltem Hause und unter\ngrosser Theilnahme des Publicums gegeben worden ist. Ab-\ngesehen von dem historischen Interesse, das sich gerade an\ndieses Werk, und namentlich an seinen zweiten Act knüpft,\nlagen jetzt noch besondere Umstände vor, die seine Wie-\nderbelebung wünschenswerth machen mussten. Es gibt\nvielleicht in dem ganzen Opern-Repertoire keine Rolle, in\nder Fräul. Wagner günstiger erscheinen kann. Zum Or-\npheus vereinigt sie Alles in sich; die Rolle liegt in ihren\nschönsten Tönen, und überdies ist sie sehr wohl des edlen"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "340", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541028-01.1.4", "texte": "Ausdrucks fähig, den Gluck verlangt. Ihr Vortrag der bei-\nden Arien im ersten und dritten Acte, namentlich aber die\nScene mit den Höllengeistern im zweiten Acte, war ergrei-\nfend. Auch die Damen Köster (Eurydice) und Herren-\nburg-Tuczek (Amor) griffen wirksam in das Ensemble\nein. Der Chor leistete zwar nicht das, was man in dieser\nAufgabe mitunter von grösseren Gesang-Vereinen zu hören\ngewohnt ist; das liegt aber in den allgemeinen Theater-\nVerhältnissen, die überhaupt die Soli auf Kosten des Chors\nbegünstigen, während es in Gesang-Vereinen umgekehrt zu\nsein pllegt; es liegt sogar in den Gattungen der Oper und\ndes Oratoriums begründet, da in der Oper die einzelne Per-\nsönlichkeit schärfer aus dem Niveau der allgemeinen Em-\npfindungsweise heraustritt, als es in dem Oratorium der\nFall ist. Sollte sich das ganze Werk nicht auf der Bühne\nerhalten, so würden wir ausnahmsweise dafür sein, dass die\nerste Scene des zweiten Actes, vielleicht mit Voranschickung\ndes Eingangschors und der F-dur-Arie des Orpheus, der\nBühne erhalten bliebe, da sie für sich verständlich und der\nbei Weitem hervorragendste Abschnitt der Oper ist.\nEin neues Oratorium, Luther, von Julius Schnei-\nder, kam in voriger Woche zur Aufführung. Am wenig-\nsten entspricht der Text den Forderungen, die man heut-\nzutage machen muss. Er ist überreich an leeren Phrasen\nund Ungeschicklichkeiten. Die Musik knüpft an alle mögli-\nchen Stilarten an, ohne es zur Verschmelzung zu bringen;\nbald hören wir Mendelssohn (und dies sind noch die besten\nPartieen), bald Meyerbeer, bald auch Fr. Schneider heraus.\nDie Auffassung der historischen Persönlichkeiten ist entwe-\nder durchaus falsch, wie bei Luther, der überaus weich und\nsentimental gehalten ist, oder carrikirt, wie bei Tetzel und\nden Katholiken überhaupt, an denen gar kein gutes Haar\ngelassen wird. Einzelne Chöre und einige Ensemble's, die\na capellageschrieben sind, ragen am meisten hervor; nur\nsind die letzteren zu sehr in die Länge gezogen, und die an\nsich gute Intention wird dadurch geschwächt. Die Instru-\nmentation ist zu sehr überladen. Eine gewisse Routine, eine\näusserliche Fertigkeit ist allerdings anzuerkennen, doch\nkann dadurch der Mangel an musicalischem Gehalt und\npoetischer Wahrheit nicht ersetzt werden.\nVon den regelmässigen Winter-Concerten haben die\nSinfonie-Soireen, sowohl die der Capelle als die Liebig'schen,\nzu welchen beiden der Zudrang ausserordentlich ist, bereits\nbegonnen. Die ersteren gaben als Eröffnung Schubert's\nC-dur-Sinfonie, die hier seit acht Jahren nicht gehört wor-\nden ist. Das Publicum verhielt sich etwas kalt dagegen. Die\nAusführung war meisterhaft. Ein Extra-Concert, das die\nCapelle zum Besten der Ueberschwemmten in Schlesien\nveranstaltete, fand leider nur geringen Anklang. Die Schuld\nlag, wie wir glauben, nicht an dem Programm, das ausser\nder .4-cZwr-Sinfonie von Beethoven die Musik zum Egmont\nund eine interessante Sopran-Arie mit obligatem Ciavier\nvon Mozart enthielt, sondern an der mangelhaften und et-\nwas zu vornehmen Bekanntmachung. Ueber die vielen\nunbedeutenderen Concerte, die hier alltäglich Statt finden,\nzu berichten, ist unmöglich. Nur einer Aufführung sei noch\ngedacht, die zwar ebenfalls künstlerisch unbedeutend war,\nuns aber mit einer neuen Seite des hiesigen Musiklebens\nbekannt machte. Sechs Männergesang-Vereine, grossentheils\naus Handwerkern bestehend, hatten sich zu einem Concert\nvereinigt und leisteten namentlich in den Stücken, die sie\ngemeinschaftlich vortrugen, sehr Erfreuliches.\n\nG. E.\n\nAus Düsseldorf.\nUnsere Berichte über die hiesigen musicalischen Zu-\nstände haben wir in Nr. 2 7 und Nr. 1 dieser Blätter, nach\nder ersten Hälfte der vorjährigen Winter-Concerte, ge-\nschlossen. Erst jetzt, kurz vor Beginn der neuen Saison,\nkommen wir auf die zweite Hälfte derselben zurück, weil\neinige musicalische Aufführungen sich bis in den Spätsom-\nmer hinein zogen, welche für die Beurtheilung unserer Ver-\nhältnisse nicht ohne wesentliche Anhaltspunkte waren.\nKurz nachdem Schumann seinen Wirkungskreis auf-\ngegeben, breitete sich über das Licht seines Geistes die\ndunkle Wolke, welche das Räthsel über so manches Un-\nerklärliche und Schroffe, was in seinem Wesen immer mehr\nhervorgetreten war, in so trauriger Weise lös'te. Die Lei-\ntung der vier letzten Concerte des Allgemeinen Musik-Ver-\neins blieb in den Händen des Herrn Julius Tausch.\nEs kamen darin zur Aufführung: Für Orchester: die Sin-\nfonieen in C-dur von Schumann, F-dur von Beethoven, G-\nmoll von Mozart und die Ouvertüren zu Oberon, Phädra\nund Macbeth von Weber, Hiller und Karl Müller in Mün-\nster. Für Orchester, Chor und Soli: Ouvertüre und Intro-\nduction zu Spohr's Jessonda, Beethoven's Musik zu den\nRuinen von Athen, Chöre aus Paulus und Kriegsmarsch\nder Priester aus Athalie von Mendelssohn, und einige Chöre\naus Haydn's Schöpfung. Für Solo-Vortrag: Mendelssohn's\nG-mo/Z-Concert und Etüden von Stephen Heller und Cho-\npin, vorgetragen von Fräulein Wilhelmine Clauss,\nBeethoven's Concert für Piano, Violine und Cello, vorgetra-\ngen von unseren Herren Tausch, Becker und Vor-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "341", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541028-01.1.5", "texte": "berg, Arie aus Oberon, gesungen von Fräulein Marie\nCarl vom hiesigen Stadttheater, und Introduction und Va-\nriationen von David, vorgetragen von Herrn Becker.\nObgleich somit wiederum eine Reihe ausgezeichneter\nTonstücke gebracht wurde, so sind unsere Concerte doch\nohne musicalische Bedeutung geblieben, weil Programm und\nAusführung in entschiedenem Gegensatz standen.\nWir haben mitgetheilt, dass besonders das erste der\nConcerte, welche Tausch nach Schumann's Rücktritt diri-\ngirte, durch Abrundung der Ausführung sich auszeichnete;\nallein wir dürfen nicht verschweigen, dass die Erwartungen,\nwozu wir uns dadurch berechtigt glaubten, nicht befriedigt\nwurden, ja, wir müssen die Aufführung der C-moZ/-Sinfonie\nin jenem Concerte als die beste Nummer der ganzen Sai-\nson bezeichnen. Das Orchester hat sich zu der darin ent-\nwickelten Frische, Wärme und Feinheit des Vortrags nicht\nwieder emporgeschwungen, sondern ist in einen Theil des\nfrüheren Indifferentismus zurückgesunken. Die Aufführun-\ngen trugen davon das deutliche Gepräge. Abgesehen von\nunvollkommener Reinheit der Stimmung, von Unsauberkei-\nten und Fehlern aus Unaufmerksamkeit, traten meist nur\ndie stärkeren Färbungen der Werke in Forte und Piano\nnothdürftig hervor, während die feineren fast gänzlich ver-\nnachlässigt blieben; ja, nicht selten ordneten sich die be-\ngleitenden Instrumente so wenig den melodietragenden un-\nter, dass der rein musicalische Gedanke nur dem gebildeten\nOhr erkenntlich blieb. Es wurde somit den technischen\nAnforderungen nur sehr unvollkommen, und den ästheti-\nschen, in Bezug auf den geistigen Gehalt der Werke, so\nwenig entsprochen, dass die Total-Wirkung eine stets un-\ngenügende bleiben musste, wenn auch einzelne Details einen\ngünstigen Eindruck hinterliessen.\nWeit unter den Leistungen des Orchesters blieben die\nunseres Chors. Obgleich derselbe bis zu einem gewissen\nGrade an Sicherheit unverkennbar gewonnen hat, so leidet\ner doch an allen früher gerügten Fehlern, an zaghaften Ein-\nsätzen, unreiner Intonation, Schleppen der Töne von einem\nzum anderen, Undeutlichkeit der Aussprache, schwacher Be-\nsetzung des Tenors u. s. w. u. s. w., nach wie vor. Seine\nLeistungen sind nur als ein rein mechanisches, nothdürftiges\nAbsingen der Noten, ohne Leben und Auffassung, zu be-\nzeichnen. Ueberdies wurden die Chöre, statt im Orchester\nangemessene Stütze zu finden, häufig von demselben un-\nbarmherzig erdrückt. Der grössere Theil unseres Publicums\nkonnte daher bei Chor-Aufführungen nur Langeweile em-\npfinden, während Ohr und ästhetischer Sinn des musicalisch\nGebildeten sich stets unbefriedigt, oft geradezu verletzt\nfühlen musste.\nDen besseren Theil unserer Concerte bildeten die Solo-\nNummern, welche in den Vorträgen von Wilhelmine Clauss\nihren Glanzpunkt erreichten. Aber auch der Genuss an\nihnen blieb in Folge der Indiscretion der Orchester-Beglei-\ntung nicht ungetrübt.\nGegen Ende Juli fand unter Leitung von Tausch und\nMitwirkung von Fräulein Natalie Eschborn ein Concert\nStatt, welches der Allgemeine Musik-Verein Ersterem für\ndie höchst uneigennützige Direction der Winter-Concerte\nveranstaltet hatte. Das Programm enthielt im ersten Theile\neine neue Concert-Ouverture von Tausch, Männerchor aus\nSchumann's Pilgerfahrt der Rose, Jägerchor aus Euryanthe,\nSopran-Arie aus Elias, Concert für Pianoforte, von\nBeethoven, Arie aus Mozart's Entführung: „ Ach, ich liebte\",\nund im zweiten Gade's Comala.\nTausch bewies durch die Ouvertüre und das Beetho-\nven'sche Concert von Neuem sein grosses Talent für Com-\nposition und seine vortrefflichen Eigenschaften als Pianist.\nDie Ouvertüre, frei von allem Barocken der neueren Rich-\ntung, enthält ansprechende einfache Motive in guter Durch-\nführung und schöner Instrumentation; der Vortrag des Con-\ncerts zeichnete sich durch Breite, Kraft und Klarheit, so\nwie durch Frische der Auffassung aus Eigenschaften,\ndurch welche Tausch eine Rangstufe von Bedeutung unter\nden Pianisten einnimmt. Fräulein Natalie Eschborn besitzt\nsehr schöne Stimmmittel, welche sie in der Arie des Elias\nund in der Entführung in künstlerischer Weise entfaltete.\nIn den beiden Männerchören war das Verhältniss der Stim-\nmen ein bei uns ungewohnt günstiges; Tenöre und Bässe\nwaren gleich stark besetzt. Die Chöre wurden nicht ohne\nKraft und Feuer vorgetragen; um so unangenehmer be-\nrührte es, als im Schumann'schen Waldliede der Einsatz so\nunsicher war, dass wir nur eine einzige Tenorstimme gehört\nzu haben glauben.\nDer schwächste Theil des Concertes war Gade's Co-\nmala. Dieses Werk bedarf vorzugsweise einer höchst vollkom-\nmenen, sicheren Ausführung, weil die Musik eine Menge von\nkleinen Intervallen-Fortschreitungen, sowohl für Orchester\nwie Chor, enthält, die der präcisesten Behandlung bedür-\nfen, wenn nicht die Töne vollkommen in einander verschwim-\nmen sollen. Dabei hat Chor und Orchester diese Schwie-\nrigkeit häufig im Piano und Pianissimo auszuführen, na-\nmentlich wenn sie der Partie der Comala zu begleitender\nUnterlage dienen. Wie es kaum anders zu erwarten stand,\nblieb Orchester und Chor bedeutend hinter dieser Aufgabe"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "342", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541028-01.1.6", "texte": "zurück, und wenn auch die kräftigen Mittel von Fräulein\nEschborn sich durch die wirren Massen Bahn zu brechen\nvermochten, so musste doch die Künstlerin dem Kraftauf-\nwande die dramatische Färbung ihres Gesanges opfern. Ob-\ngleich Fräulein Eschborn und einer unserer hiesigen Dilet-\ntanten die Partieen der Comala und des Fingal vortreff lich\nsangen, konnte sich dennoch die Aufführung bei den gros-\nsen Schwierigkeiten des Werkes zu einer befriedigenden\nund erwärmenden Totalwirkung nicht erheben.\nAusser den besprochenen Concerten wurde durch die\nMitglieder des Gesang-Vereins eine Cherubini'sche Messe in\nunserer Hauptkirche aufgeführt, welcher beizuwohnen wir\nverhindert waren.\nWir müssen dagegen andere kirchliche Aufführungen\nbesprechen, welche unter Leitung eines hiesigen Dilettan-\nten, des Herrn Dr. H., Statt fanden. Mit den gediegensten\ntheoretischen Kenntnissen in allen Zweigen musicalischen\nWissens ausgerüstet, hat er sich vorzugsweise der altitaliä-\nnischen Kirchenmusik zugewandt und sich mit ihrem Geiste\nnach eifrigen Studien und Forschungen vertraut gemacht.\nNach einigen sehr glücklichen Versuchen zu der Zeit, als\nRietz hier wirkte, fasste im letzten Sommer Dr. H. den\nEntschluss, Palestrina s Musik zu den Abend-Andachten\nam grünen Donnerstag und Charfreitag aufzuführen. Wer\ndie grossen Schwierigkeiten des Vortrags a capella kennt,\nnamentlich bei freier declamatorischer Bewegung der Mu-\nsik, musste das Unternehmen, besonders unter den augen-\nblicklichen Verhältnissen, als ein höchst gewagtes betrachten.\nUm so überraschender war der Erfolg, mit welchem die\nangegebenen Werke, so wie einige Monate später Palestri-\nna's Missa Papae Marcelli aufgeführt wurden. Dr. H. hatte\neinen Chor von ungefähr 40 —SO Sängern und Sängerin-\nnen gebildet, der aus sehr ungleichen Kräften bestand. Er\nsoll indess in seinen Erläuterungen über den Geist der alt-\nitaliänischen Kirchenmusik nicht eher geruht haben, als bis\njeder der Mitwirkenden eine klare Ansicht darüber gewon-\nnen. Er soll sodann durch die geschickte Behandlung dieses\nStoffes und die praktischen Anweisungen über das rein\nTechnische im Gesänge den Chor so angeregt haben, dass\nderselbe, trotz der grossen Menge der Proben, mit wach-\nsender Liebe seine Aufgabe verfolgte, bis er dieselbe seinem\nDirigenten und sich selbst zu Dank zu lösen vermochte.\nSo hörten wir denn die schwierigen und doch so einfachen\nharmonischen Verschlingungen dieser echt kirchlichen Mu-\nsik in ihrer Ireien declarnatorischen Bewegung und in ihren\nmannigfachen Färbungen in überraschend gelungener Weise.\nVollkommen bestimmt in allen Einsätzen, frei von jeder Un-\nart, klar und durchsichtig durch die Sicherheit aller Stim-\nmen, bis auf wenige unbedeutende Schwankungen vollkom-\nmen rein in der Intonation, wurden die Färbungen im zar-\ntesten I tciHOf so wie im volltönendsten Forte in einer Weise\nausgedrückt, wie es nur dann möglich ist, wenn die Mit-\nwirkenden vom Geiste des Werkes durchdrungen und\nbeseelt werden.\nWir hoffen im Interesse wahrer Kunst, dass Herr Dr.\nH. sich zu Wiederholungen ähnlicher Aufführungen ent-\nsehliessen wird.\nFür die Direction des Allgemeinen Musik-Vereins bieten\ndie durch Herrn Dr. 11. erreichten Erfolge Stoff zu ernster\nBetrachtung, weil sie deutlich beweisen, dass es hier nicht\nan Kräften fehlt, Bedeutendes zu leisten, wenn man diesel-\nben zu gewinnen und zu behandeln weiss. Statt indess auf\nReformen zu sinnen, scheinen die Herren Directoren von\nder Idee auszugehen, die ehemalige Bedeutung der Concerte\ndurch die classische Richtung der Programme erhalten zu\nkönnen, ohne Ahnung davon, dass unseren Aufführungen\nvon dem, was sie unter Mendelssohn, Rietz und Hiller wa-\nren, leider nichts als die Aehnhchkeit der Programme ge-\nblieben ist.\nTausch können wir einstweilen für den traurigen Stand-\npunkt der Concerte des Allgemeinen Musik-Vereins nicht\nverantwortlich machen; er übernahm die Leitung, als es zu\nspät war, um im Laufe der vorigen Saison noch bedeutend\neingreifen zu können. Jetzt ist es indess an ihm, den Herren\ndie Augen zu öffnen und in andere Bahnen einzulenken;\nw ir hoffen, dass er nach den gemachten Erfahrungen über\ndie Mittel zu vollkommener Erkenntniss gekommen sein\nwird, welche uns einer besseren Zukunft zuzuführen ver-\nmögen. Einer vollständigen Reorganisation scheint uns der\nGesang-Verein zu bedürfen; er besitzt offenbar eine Zahl\nvon Mitgliedern, die uns nicht nur musicalisch ungebildet,\nsondern unbildungsfähig erscheint und desshalb unschädlich\nzu machen wäre.\nVor Allem hat indess Tausch danach zu streben, dass\ner den geistigen Mittelpunkt unserer musicalischen Kräfte\nbilde, die Seele des Körpers, deren Regungen die einzelnen\nGlieder bewegt und durchgeistigt. Wenn diese Wechsel-\nwirkung zwischen dem Dirigenten und den Ausführenden\nnicht besteht, so wird dem Vortrage der Ausdruck der Wahr-\nheit fremd bleiben und selbst bei der höchsten technischen\nVollkommenheit das Mechanische stets durchblicken lassen.\nUm den angedeuteten Standpunkt einzunehmen, muss der Diri-\ngent den Ausführenden das Verständniss über das vorzu-\ntragende Musikstück eröffnen und sie mit seiner eigenen"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "343", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541028-01.1.7", "texte": "Auffassungsweise vertraut machen. Wie ist es möglich, dass\nder Geist eines Werkes, wenn ihn der Dirigent auch völlisr\nO o\nerkannt, aus der Zusammenwirkung von musicalischen Kräf-\nten hervorleuchte, wenn ein Theil derselben ohne eigene\nErkenntniss desselben ist und der andere ganz verschiedene\nAnsichten sich darüber gebildet hat?\nWir wissen nicht, ob vielleicht die Kürze der Zeit für\ndie Proben daran schuld war, verhehlen können wir indess\nnicht: Tausch ist uns den Beweis schuldig geblieben, dass\ner die ästhetische Seite der Aufgabe des Dirigenten genü-\ngend erkennt. Wir hoflen, er wird uns denselben im kom-\nmenden Winter nachliefern und sich als den Steuermann\nerweisen, dem man mit Ruhe die Leitung unseres schwa-\nchen, so lange in der Brandung umhergeworfenen Schiff-\nleins anvertrauen kann. Wir werden indess, ohne persön-\nliche Rücksichten, im Interesse der Kunst auch dann un-\nsere Ansichten aussprechen, wenn das Gegentheil eintreten\nsollte.\no\n_ 6\n\nErstes Gesellschafts-Concert in Köln\nim Casinosaale.\nMittwoch, den 25. October.\nUnsere Gesellschafts-Concerte (das heisst, um von auswärts ein-\ngegangene Anfragen zu beantworten und Missverständnisse zu be-\nrichtigen: Abonnements-Concerte, welche die Concert-Gesellschaft\nveranstaltet, nicht aber Conversations- oder Promenaden-Concerte!)\nhaben unter Leitung des städtischen Capellmeisters F. Hiller wie-\nder begonnen. Das Programm des ersten brachte : 1) Sinfonie in\nD-dur von J. Haydn, 2) Ouvertüre und erster Act der Alceste\nvon Gluck; in der zweiten Abtheilung: 3) Ouvertüre zu Manfred\nvon R. Schumann (zum ersten Male), 4) Scene für Pianoforte\nmit Orchester, componirt und vorgetragen von F. Hiller (zum\nersten Male), 5) Cavatine aus der Oper Ernani von Verdi, 6)\nOuvertüre zur Leonore von Beethoven. Es zerfiel also in eine\nantike und in eine moderne Abtheilung.\nHaydn sehe Sinfonieen werden hier noch immer gern gehört\nund in der Regel vom Orchester mit allen Feinheiten des Vortrags,\nwelche sie erfordern, gespielt. Bei der gestern gewählten (aus D-dur,\ndas Allegro im %-Tact) war dies bei dem reizenden Andante und\nder originellen Menuet auch der Fall, während wir im ersten\nSatze hier und da die gewohnte Präcision vermissten.\nDie grossartige Composition der Alceste fordert eben so gross-\nartige Kräfte der Ausführung. Was Chor und Orchester betrifft,\nso waren diese vorhanden, auch die Partie des Oberpriesters wurde,\nbesonders in dem hochherrlichen Recitative vor dem Orakelspruch,\ndurch Herrn DuMont vortrefflich repräsentirt; aber der breite Stil\nvon Gluck scheint weder für die Stimme, noch für den Vortrag\nder sonst mit Recht berühmten Sängerin Frau Nissen-Saloman\ngeeignet zu sein. In der Alceste werden nur wenige der heutigen\nSängerinnen genügen, weil sie eine Fülle uud Kraft der Stimme\nund einen declamatorischen Vortrag verlangt, der ohne diese Eigen-\nschaften durch die Kunst allein nicht erreicht werden kann. Von\nden früheren Darstellerinnen derselben in Berlin erfüllte die Mil-\nder-Ilauptmann beide Bedingungen; die Fassmann war zwar im\nDramatischen gross, aber die Stimme war etwas scharf und in den\nhohen lönen zuweilen schneidend, und das ist gerade eine Klang-\nfarbe, welche die Partie der Alceste am wenigsten verträgt. Von\nden Sängerinnen unserer Tage dürfte Frau Clara Novello wohl\nunstreitig die geeignetste für die Sopran-Partieen Gluck's sein. In\nder zweiten Abtheilung bewährte Frau Nissen-Saloman durch den\nA ortrag der \\ erdi'schen Cavatine den Ruf einer kunstgewandten\nSängerin, den sie in der musicalischen Welt geniesst.\nSchumanns Ouvertüre zu Manfred wurde gut ausgeführt,\naber kalt aufgenommen; sie enthält jedoch grosse Schönheiten, be-\nsonders zu Anfang, und der Schlussist höchst poetisch und aus-\ndrucksvoll. Den leitenden Faden durch das Ton-Labyrinth des mitt-\nleren 1 heiles zu finden, wollte uns beim einmaligen Anhören nicht\ngelingen. Hill er spielte in der trefflicheu Weise, die seine Be-\nhandhing des Pianoforte auszeichnet, eine „Scene für das Piano-\nforte mit Orchester\", ein Musikstück von freier, vielleicht zu freier\ntorm, dessen Idee wir nicht für eine glückliche halten, wenn auch\ndie Ausführung derselben einige schöne musicalische Gedanken\nbringt. Das Ciavier wird selbst unter dem Anschlag eines Pianisten\nwie Hiller doch kein singendes Instrument; das einzige Muster von\netwas Scenischem, oder richtiger gesagt Scenenartigem, für dasselbe\ndürfte Beethoven im Adagio des C-c/wr-Concertes gegeben haben.\nDie grosse Ouvertüre zur Leonore beschloss das etwas lange\nConcert; die Ausführung derselben war vorzüglich, so dass die\nwundervolle Composition die etwas abgespannte Aufmerksamkeit\nder Zuhörer nicht nur noch zu fesseln, sondern auch zu lebhaftem\nBeifall zu steigern vermochte.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\niiöli«. Die vergangene Woche war eine glänzende für das\nStadttheater, dessen Repertoire folgendes war: Freitag, den 20.\nDie weisse Dame, Sonntag Prophet, Montag Die Zauber-\nflöte, Dinstag Die Hugenotten, Donnerstag Prophet. Roger\ntrat darin als George Brown, Prophet (zwei Mal) und Raoul auf;\nüber das Hinreissende seines Gesanges und Spiels herrscht nur\nEine Stimme. Wir behalten uns vor, nach Beendigung seines Gast-\nspiels ausführlicher auf die Leistungen dieses grossen Künstlers zu-\nrückzukommen, der das wahre Wesen des dramatischen Gesanges\nso richtig erfasst hat, und dem Natur und Kunst mehr als irgend\nEinem die Mittel verliehen haben, das Ideal desselben durch die\nAusführung zu verwirklichen.\nIn der „Zauberflöte\" debutirte der Tenorist Grein er vom Hof-\ntheater zu Karlsruhe und überraschte durch die Fülle und Frische\nseiner kräftigen Bruststimme.\nBarmen, den 13. Oct. Der Thätigkeit und rastlosen Energie\ndes Musik-Directors Herrn C. Rein ecke ist es gelungen, auch die\nin der letzten Zeit stark eingeschlummerten Kräfte unserer Lieder-\ntafel wieder zu wecken, wie das seit Jahren zum ersten Male\nwieder versuchte selbstständige öffentliche Auftreten derselben in\ndem gestrigen Concerte bewies. Sämmtliche Vorträge mit Aus-\nnahme der schwierigen und für einen grösseren Chor berechneten"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "344", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541028-01.1.8", "texte": "Motette: „Ich will singen\", von B. Klein erhielten mit Recht\nden lebhaftesten Beifall. Das Publicum zeichnete namentlich den\nJägerchor aus der Euryanthe mit Hörnerbegleitung und Reineckes\nLied „Auf der Wacht\" aus.\nDie Redaction der berliner Musik-Zeitung „Echo\" hat den Ter-\nmin zur Einlieferung der zur Preisbewerbung bestimmten drei Mi-\nlitärmärsche bis zum 31. December d. J. verlängert, was mit Dank\nanzuerkennen ist, da die Frist ursprünglich zu kurz gestellt war.\nEin Defilirmarsch für Infanterie-Musik, ein Parademarsch für Ca-\nvallerie-Musik und ein Defilirmarsch für Hornmusik sollen mit dem\nEhrenpreise von fünfzehn und zehn Ducaten gekrönt, gedruckt und\nöffentlich aufgeführt werden.\nWien» Meyerbeer's Oper „Der Nordstern\", welche,\nwie uns aus Stuttgart berichtet worden, daselbst mit Enthu-\nsiasmus aufgenommen wurde, kommt im Laufe künftigen Monats\nin unserem k. k. Hof-Operntheater mit folgender Besetzung zur\nAufführung: Peteroff Herr Beck, Katharina Fräul. Wildauer,\nPrascovia Fräul. Liebhard, zwei Marketenderinnen die Fräul.\nTietjens und Staneau, Danielowich Herr Ander, Grützenkoff\nHerr Kreuzer. - Die meisten Chancen als künftiger Pachter des\nCarl-Theaters dürften sich dermal für Herrn Nestroy ergeben.\nEin definitiver Abschluss soll nahe bevorstehend sein, und im Falle\nNestroy die Direction übernähme, würde jedenfalls auch an dieser\nBühne der Tantiemen-Bezug für Dichter eingeführt werden, eben\nso ein vollständiges Ballet-Personal und ein verstärkter Chor.\nIm Laufe dieser Woche erscheint bei Wallishausser die Biographie\nCarl s von dem Schauspieler Franz Gämmerler.\nRotterdam. In dem Concerte, welches am 11. d. Mts. im\nTheater unter der Direction des Herrn Ilutschenruyter gege-\nben wurde, hörten wir ausser den brav ausgeführten Ouvertüren\nvon Mozart, Beethoven und Weber zwei junge Talente, welche Er-\nwähnung verdienen. Die zwölfjährige Eugenie de Roode, Schü-\nlerin von Herz in Paris, trug ein Concert ihres Lehrers mit Or-\nchester, zwei Lieder ohne Worte von Mendelssohn und das\nImpromptu von Krüger mit grosser Fertigkeit vor und wurde durch\nlauten Beifall und Hervorruf belohnt. Noch mehr Bewunderung er-\nregte der junge, erst sechszehnjährige Violinspieler Naret-Koning\ndurch den Vortrag eines Concertstückes von David und der Ge-\nsangscene von Spohr. Leider war die Quinte seines Instrumentes\nnicht ganz rein, was besonders bei den hohen Tönen der Gesang-\nscene bemerkbar wurde. Der junge Mann hat einen schönen Ton\nund einfach edeln Vortrag und macht seinem Lehrer, Herrn F. B.\nBunte in Amsterdam, alle Ehre.\nDie France Musicale theilt einen Brief des Arztes von Rossini\nan die Redaction mit, weicher die von uns bereits gegebene Nach-\nricht (s. die vor. Nr.) bestätigt. Der Schluss desselben lautet:\n„Rossini hat freilich während einer langen Krankheit, die ihn\nsieben Monate lang heimsuchte, viel gelitten, und auch jetzt kann\nman noch nicht sagen, dass seine Gesundheit vollkommen herge-\nstellt sei. Aber was die Klarheit seiner Gedanken und das Licht\nseines Geistes betrifft, so kann ich Ihnen versichern, dass der be-\nrühmte Genesende sich noch stets auf der Höhe jener Intelligenz\nbefindet, welche der Welt so viele Meisterwerke gegeben hat.\n„Florenz, den 12. October 1854. Dr. Fabius Ucee lii.\"\nParis« Man weiss noch nichts Bestimmtes über die plötzliche\nAbreise von Sophie Cruvelli. Wahrscheinlich jedoch ist es,\ndass sie zu ihrer Familie nach Deutschland gegangen sei. Am 13.\nd. Mts. suchte das Ministerium des kaiserlichen Hauses durch einen\nAdvocaten beim Präsidenten des Civil-Tribunals die Beschlagnahme\nauf die Möbel und Effecten in der Wohnung der Sängerin und\nden Arrest auf ihre bei Rothschild stehenden Capilalien nach. Bei-\ndes wurde zur Deckung des vorläufig auf 100,000 Frcs. geschätzten\nVerlustes der üirection durch Nichterfüllung des Contractes bewil-\nligt. Man fand die Zimmer der Künstlerin (Rue Tronchet 15), so\nwie sie dieselben verlassen hatte, in der grössten Ordnung. Es war\nAlles Silberzeug, Nippessachen u. s. w., selbst ihre Theater-\nGarderobe."}]}