{"numero_id": "bm-bmtnabi-1854-11-04-01", "volume": "bmtnabi_1854-11-04_01", "ocr_sha256": "f28911c69c036ac73696917164d85335624a9f2e6f61dd3e38724e5675b992af", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1854/11/04_01/bmtnabi_1854-11-04_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541104-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1854-11-04-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-11-04_01#c001", "volume": "bmtnabi_1854-11-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "345", "page_fin": "348", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541104-01.2.1", "titre_corps": "Christoph Willibald Ritter von Gluck.", "titre_sommaire": "Christoph Willibald Ritter von Gluck.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "345", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541104-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3952, "texte": "Christoph Willibald Ritter von Gluck.\nIV.\nIndessen hatten die beiden Schöpfer des neuen musi-\ncalischen Drama's, Calzabigi und Gluck, ihre Ideen über\ndas wahre Wesen desselben mit ernstem Nachdenken ver-\nfolgt und das reine Gold derselben immer mehr von den\nSchlacken, die ihm noch anklebten, gereinigt. Das Ergeb-\nniss ihres Bundes war der Entschluss, eine wirkliche Tra-\ngödie als Oper auf die Bühne zu bringen und, um den\npoetischen Werth derselben über alle Anfechtung zu stel-\nlen, sie dem classischen Boden der Griechen zu entnehmen.\nSie wählten dazu die Alceste des Euripides, und Calzabigi\nübergab dem Componisten einen ilaliänischen Opern-Text,\nwelcher eine geschickte und dem musicalischen Zwecke\nangemessene Bearbeitung jenes Drama's war.\nWie hoch Gluck das Verdienst dieses Dichters\nschätzte, geht aus folgenden Stellen eines späteren Briefes\naus dem Jahre 1773 an den Redacteur des Mercurc de\nFrance hervor, welche wir hier einschalten, weil sie ein\nDenkmal der Bescheidenheit des Componisten sind und an-\nziehende Vergleichungspunkte zwischen den Ansichten eines\nwirklichen Reformators und denen eines eingebildeten dar-\nbieten. Anstatt seine Lobredner zur Vergeltung wieder zu\nberäuchern oder gar sich selber zu vergöttern, wie wir das\nheutzutage erleben, schreibt Gluck, „er müsse erklären,\ndass eine zu günstige Meinung von ihm das Lob (das ihm\nin der genannten Zeitschrift gespendet worden) hervorge-\nrufen und den Verfasser zu weit geführt habe*. Dann fährt\ner fort:\n„Noch weit grösserem Tadel würde ich mich aus-\nsetzen, wenn ich die Erfindung der neuen Gattung der ila-\nliänischen Oper mir allein zuschreiben liesse. Herr von\nCalzabigi ist es, dem dieses vorzügliche Verdienst gebührt,\nund wenn meine Musik einigen Beifall erhalten hat, so\nglaube ich dankbar bekennen zu müssen, dass ich dieses\nGlück ihm verdanke; denn er ist es, der mich in Stand\nsetzte, die Quellen meiner Kunst strömen zu lassen. Seine\nGedichte sind voll der glücklichsten Situationen, der\nfurchtbarsten und erhabensten Züge, die dem Ton-\n♦ •\nsetzer Gele genhei t in Fülle bieten, grosse Lei-\ndenschaften auszudrücken und eine kraftvolle, er-\ngreifende Musik ins Leben zu rufen. Denn wie gross auch\ndas Talent des Componisten sein möge, er wird immer nur\neine mittelmässige Musik schaffen, wenn der Dichter in ihm\nnicht jene Begeisterung zu wecken vermag, ohne die alle\nGebilde der Kunst nur matt und leblos erscheinen. Nach-\nahmung der Natur ist das Ziel, das Beide vor Augen haben\nmüssen. Einfach und natürlich strebt meine Musik,\nso viel es in meiner Macht steht, immer nur nach der höch-\nsten Kraft des Ausdrucks und nach Verstärkung der De-\nclamation in der Poesie und jene Sprache wird mir\nimmer am besten zusagen, in welcher der Dichter mir die\nmeisten Mittel an die Hand gibt, die verschiedenen Lei-\ndenschaften auszudrücken •- bei meinem Forschen\nnach einer ed e In, rührenden und n atü r 1 i ch e n Me-\nlodie und einer der Prosodie und dem Charakter ange-\nmessenen Declamation.u\nWenn man diesen Brief aufmerksam lies't, so wird\neinem kein Zweifel mehr darüber auftauchen, in welchem\nSinne eine andere Aeusserung Gluck's, dass er sich bestrebe,\nbeim Componiren „zu vergessen, dass er Musiker\nsei\", aufzufassen ist. Ueber den Missbrauch, den die Wag-\nner, Brendel, Köhler u. s. w. mit dieser Phrase treiben,\nwürde er die Hände über dem Kopfe zusammengeschlagen\nhaben! Sie war natürlich nur in Bezug auf die damals herr-\nschende Sinnlichkeit der concertartigen Opern-Musik der\nItaliäner gethan. Das ist aber eben der grosse Unterschied\nzwischen Gluck und Wagner, der ihn überbietet (d. h. in\nseinen Schriften, denn in der Composition soll er es wohl\nbleiben lassen), dass Gluck in der Wirklichkeit n i e vergass,\ndass die Musik die Hauptsache in der Oper ist, und dies\nauch gar nicht vergessen konnte, weil er eben ein musi-\ncalisches Genie war. Dass dieses Vergessen aus dem umge-\nkehrten Grunde Wagner leichter werden mag, wollen wir\nnicht bestreiten."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "346", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541104-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5012, "texte": "Die Alceste wurde den 16. December 1766 zum\nersten Male in Wien gegeben. Was Gluck darin geleistet\nhat, bedarf heute keiner weiteren Auseinandersetzung, da\ndie Oper noch immer auf einigen grösseren Bühnen und in\nConcerten aufgeführt wird und durch gedruckte Partitur\nund Clavier-Auszüge hinlänglich bekannt ist. Wir halten\nuns desshalb mehr an das Historische.\nDas Wichtigste ist, dass die später in Paris aufgeführte\nfranzösische Alceste eine Umarbeitung der ursprünglichen\nitaliänischen ist; nach der französischen wurde späterhin die\ndeutsche, so wie sie zu Berlin ge geben wird, eingerichtet. Die\nfranzösische war ein Fortschritt; denn in der italiänischen\nhatte Calzabigi die Rolle der Befreiung der Alceste nicht dem\nHercules, wie dies beim Euripides der Fall ist, übertragen,\nsondern dem Apollo, und dieser wurde in Wien noch von\neinem Sopran gesungen. In Paris trat Hercules wieder in\nseine Rechte ein, was ein offenbarer Gewinn für die dra-\nmatische Wahrheit war. Im Uebrigen findet in der pariser\nBearbeitung (1776) schon von Nr. 4 an eine grosse Ver-\nschiedenheit in der Reihenfolge und in der Zahl der Ton-\nstücke Statt; auch sind manche von diesen ganz neu, an-\ndere bedeutend verändert. Zehn Jahre und die Iphigenie in\nAulis lagen dazwischen.\nIn Wien waren natürlich Anfangs die Stimmen über\ndiese erhabene Kunstschöpfung wieder getheilt; wir finden\n>ie nach den ersten Aufführungen als ein dreifaches Wun-\nderwerk gepriesen, weil sie „ein wälsches Gedicht ohne\nSchwulst, eine Musik ohne Gurgelei, eine Oper ohne Ca-\nslraten\" sei, während Andere meinten, „es hätte sich wahr-\nlich nicht der Mühe gelohnt, wegen der Proben neun Tage\ndas Schauspielhaus zu schliessen, um am zehnten eine See-\nlenmesse aufzuführen\" ! Bald jedoch siegte die Macht der\nWahrheit, und zwei Jahre lang zog die Oper vorzugsweise\ndas Publicum an, was dem damaligen Geschmacke der\nWiener alle Ehre macht. Wir bemerken über den Werth\nder Musik nur noch das Eine, dass die Reform der Oper\nnicht allein durch den dramatischen Ausdruck der Melo-\ndieen und der Recitative, sondern besonders auch durch\ndie grosse Bedeutung, welche Gluck dem Chor gab, voll-\nendet wurde.\nDie erste Darstellerin der Alceste war die Bernas-\nconi, eine Deutsche aus Wien, die sich an einen Ita-\nliäner verhcirathet hatte. Sie hatte nach den Zeugnissen\nder Zeitgenossen einen Stimmumfang von fast drei Octaven\nund machte durch den Wohlklang und das Tragen des\nTones, worin sie vor Allen sich auszeichnete, eben so, wie\ndurch vortreffliches Spiel den grössten Eindruck.\nDie Partitur der Alceste mit italiänischem Text er-\nschien 1 769 in Druck; sie enthält die berühmte Zueig-\nnungsschrift an den Grossherzog von Toscana, in welcher\nebenfalls in italiänischer Sprache Gluck seine An-\nsichten über die Reform der Oper in den Grundzügen aus-\nspricht. Sie ist oft übersetzt und abgedruckt worden, neuer-\nlich noch in der Schrift über Wagner's Lohengrin von Liszt,\nwelcher sie mit den Worten einleitet: „Wagner würde\nsicher die Zueignung der Alceste geschrieben haben, hätte\nes Gluck nicht schon gethan.\" Diese Vermuthung kann\nrichtig sein; der verehrte Verfasser wird aber zugeben, dass\ndie Thatsache, nämlich dass Gluck sie schon geschrieben\nhat, für die Beurtheilung Wagner's wichtiger ist, als die\nVermuthung. Ob übrigens Wagner auch folgende Stelle\nder Zueignung: „Die Ouvertüre soll den Zuhörer auf den\nCharakter der Handlung, die man darzustellen gedenkt,\nvorbereiten und ihm den Inhalt derselben andeuten.\nDie Instrumente sollen immer nur im Verhältnis zu\ndem Grade des Interesses und der Leiden-\nSchaft angewendet werden\" geschrieben haben würde,\nmüssen wir sehr bezweifeln, wenn wir seine betäubende\nInstrumentirung im Lohengrin und die Behandlung der Vio-\nlinen im Tannhäuser hören. Irrthümlich ist übrigens in der\ndeutschenUebersetzung derLiszt'schenSchrift gesagt: „die\nOuvertüre solle den Zuhörer über den Charakter der Hand-\nlung belehren und ihm das Sujet derselben an-\ngeben\" ; davon ist im Originale Gluck's nicht die Rede ;\naber freilich! die Version passt besser zur Tannhäuser-\nOuverture!\nVergessen wir übrigens nicht, für die heutige Welt,\nwelche nur gar zu leicht in jedem jungen Talente einen\nMessias der Kunst erblickt und schnell bei der Hand ist,\nKünstler in reifen männlichen Jahren für abgethan zu er-\nklären lür diese zu bemerken, dass Gluck die Alceste\nin seinem zweiundfünfzigsten Jahre geschrieben hat.\nIm Jahre 1769 hatte er eine neue Oper, „Paris\nund Helena\" vollendet, welche aber bei Weitem nicht\nden Erfolg hatte, wie der Orpheus und die Alceste. Das\nBuch war ebenfalls von Calzabigi. Es bleibt fast unbegreif-\nlich, wie Dichter und Componist diesen Stoff wählen konn-\nten, da sie damit von der Höhe des Tragischen, auf welche\nsie sich in der Alceste geschwungen hatten, offenbar wieder\nherabstiegen.\nDie Personen dieser Oper sind: „Helena\", welche aus\nmoralischen Rücksichten nicht als Gattin, sondern nur alv\nBraut des Menclaus, der übrigens gar nicht sichtbar wird,\nerscheint; »Paris\" (Sopran), „Amor* unter dem Namen"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "347", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541104-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5130, "texte": "Erast (!), Vertrauter der Helena (Sopran); ,Minerva* (So-\npran); Chor der Trojaner, Chor der Spartaner. Welche Mo-\nnotonie mussten nicht vier Soprane geben, die nur ein ein-\nziges Mal durch das kurze Recitativ eines Tenors, eines\nTrojaners, unterbrochen werden!\nUnd nun vollends die Handlung! Paris landet in Lako-\nnien, spricht seine Sehnsucht nach der schönen Unbekann-\nten aus, ruft die Natur an, ihm ihren Aufenthalt zu zeigen\n(!), schliesst mit dem verkappten Amor ein Bündnis», erklärt\nder Helena seine Liebe, fällt in Ohnmacht, als sie darüber\nentrüstet ist, erholt sich aber und lässt nicht nach im Wer-\nben, durch welche Beharrlichkeit am Ende mit Amor's\nHülle, trotz des Zornes der Pallas, die aus den Wolken\nherab das ganze Unheil des trojanischen Krieges weissagt,\nHelena besiegt wird, sich dem Verführer ergibt und wäh-\nrend eines Ballets sich mit ihm einschifft!\nDamit werden vier Acte gefüllt, wobei die Ballets\nfünf Nummern eine grosse Rolle spielen. Von Dingen,\ndie für die Musikgeschichte merkwürdig sind, erwähnen wir,\ndass die Ballet-Musik zum dritten Acte, in welchem gym-\nnastische Spiele vorkommen, durch neuen Rhythmus cha-\nrakteristisch ist; dass Paris die Lyra spielt, welche im Or-\nchester durch die Harfe repräsentirt wird (ob Gluck ihm\nauch vorgeschrieben, die Fingerbewegungen den Passagen\nder Harfe sichtbar anzupassen, wie Wagner das von seinen\nWartburgskriegern in der Partitur des Tannhäuser ver-\nlangt, wissen wir nicht); endlich dass wir im vierten Acte\nzum ersten Male das lange Cr fin-\nden, welches später Spontini und nach ihm Rossini erfun-\nden haben sollen.\nDie Partitur der Oper erschien zu Wien 1 7 70. Sie\nenthält eine Zueignungsschrift an den Herzog von Braganza,\nwelche wegen des gereizten Tones merkwürdig ist, den\nGluck gegen einen Theil der damaligen Kritik anstimmt,\nwährend er sich zugleich bitter beklagt, , dass man sich\nnicht beeifere, die von ihm durch die Alceste eröffnete Bahn\nzu verfolgen\". Er hat in beiden Beziehungen nicht ganz\nRecht. Wir sehen aus den Auszügen aus damaligen kriti-\nschen Schriften bei Sclimid, dass die Kritik Gluck's Streben\nallerdings anerkannte und dass das Publicum in Wien die\nAlceste zu seinen Lieblings-Opern zählte er hätte also\ndas „ Wüthen der Halbgelehrten u. s. w., einer Classe von\nMenschen, die zu allen Zeiten der Kunst nachtheiliger war,\nals die Unwissenden\", wohl verachten können. Was aber\ndie Nachfolge auf seiner Bahn betrifft, so vergass er, dass\ndazu musicalisches Genie gehört. Beweis't er doch selbst\ni durch den Partie cd Elena, wie schwer es ist, die Gränz-\nlinie nicht zu überschreiten, b:s zu welcher d r Musiker bei\ndem Suchen nach dramatischer Wahrheit gehen darf, und wie\nleicht das Streben nach drm Wahren die Schöpfung des\nSchönen beeinträchtigen kann. Höchst merkwürdig ist dess-\nhalb folgende Stelle aus der eben erwähnten Zueignungs-\nschrift. Nachdem er gesagt, dass man hier nicht die leiden-\nschaftlichen Situationen, folglich auch nicht die Kraft der\nMusik erwarten müsse, wie in der Alceste, fährt er fort:\n„Im „ „Paris\"\" handelt es sich um einen liebenden\nJüngling, der mit der Sprödigkeit eines Weibes zu käm-\npfen hat und dieses endlich besiegt. Darum habe ich mir\nMühe gegeben, einen Farbenwechsel zu ersinnen, den ich\nin den verschiedenen Charakteren des phrygischen und spar-\ntanischen Volksstammes aufsuchte; dieser unbeugsam und\nrauh, jener zart und weich. Darum glaubte ich, dass der\nGesang in der „ „Helena\"\" der Rauheit nachahmen müsse,\ndie ihrer Nation angeboren ist; eben so dachte ich, dass,\nweil ich diesen Charakter in der Musik festzuhalten suchte,\nman mir es nicht zum Fehler anrechnen würde, wenn ich\nmich je zuweilen bis zum Trivialen herabge-\nlassen habe. Will man die Spur der Wahrheit verfolgen,\nso darf man nie vergessen, dass nach Maassgabe des vor-\nliegenden Gegenstandes selbst die grössten Schönheiten der\nMelodie und Harmonie zu Mängeln und Unvollkommenhci-\nten werden können, wenn man sie am unrechten Orts\ngebraucht.\"\nWer möchte das unterschreiben? Das ist eine gefähr-\nliche Lehre, die das Wesen des Kunstwerkes, das auf dem\nIdealen beruht, zerstört und zu einem Realismus verführt,\nvon welchem Meyerbeer und Wagner neuerdings bekla-\ngenswerthe Beispiele geliefert haben, und welcher auch in\nder Poesie, z. B. bei Grabbe und seinem heutigen Nachfol-\nger Hebbel, spukt, wenn, um nur Eines anzuführen, in der Her-\nmannsschlacht jenes Dichters Thusnelda sich mit ihren Mägden\nund Knechten zu Tische setzt und dann befiehlt: „Schweine-\njunge, bete!\" Sehr wahr, aber auch sehr gemein!\nIndess Gluck's Reflexion konnte wohl einen Augen-\nblick auf solchen Abweg gerathen, allein sein poetischer\nGeist war viel zu kräftig und sein Verstand viel zu gesund,\nals dass er sich nicht bald aus dem Irrwahn befreit und sich\nwieder in die klare Region des wahren Kunstschönen em-\nporgeschwungen hätte, wie seine Iphigenie in Aulis und\ndie ihr folgenden Werke das beweisen.\nEhe wir jedoch zu dieser Periode seines künstlerischen\nSchaffens gelangen bei deren Darstellung wir uns übri-\ngens kürzer fassen können, da ihre Geschichte durch eine\numfangreiche Gluck-Literatur weit mehr bekannt ist, als"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "348", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541104-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4233, "texte": "der Zeilraum seines Lebens, den wir bis jetzt durchlaufen\nhaben —, wollen wir noch einige Blicke auf Gluck's äussere\nVerhältnisse werfen.\nIm Jahre 1769 wurde er nach Parma zur Feier der\nVermählung der Erzherzogin Maria Amalia mit dem Infan-\nten Don Ferdinand berufen. Er schrieb dazu drei neue\nFestspiele; die Partituren derselben sind verloren gegangen.\nAm wichtigsten für ihn war die erste Aufführung seines\nOrpheus in Italien, welche er bei dieser Gelegenheit durch-\nsetzte. Sie hatte einen ungeheuren Erfolg, wurde achtund-\nzwanzig Mal wiederholt und zog eine ausserordentliche\nMenge von Fremden nach Parma. Etwa zwei Jahre später\nwurde der Orpheus in Bologna gegeben, wo er mehr\nals 20,000 Fremde hinzog und der Theater-Direction\n80,000 Ducaten einbrachte.\nUm diese Zeit lernte Antonio Salieri, ein Schü-\nler des Capellmeisters Gassmann, Gluck kennen und legte\nihm die Composition seiner ersten (komischen) Oper,\nDonne Ictlerate,vor. Gluck empfahl sie zur Aufführung,\nund sein Umgang und Rath hatten grossen Einfluss auf Sa-\nlieri's spätere Compositionen. Gluck gewann ihn lieb, und\nes knüpfte sich zwischen Beiden ein festes Freund-\nschaftsband.\nGluck machte in Wien ein Haus. Er wohnte damals\nam Rennwege (jetzt Nummer 569) auf der Landstrasse\n(Vorstadt von Wien), nicht weit von der Sanct Marxer Li-\nnie. mitten in einem schönen Garten, und lebte in sehr gu-\nten Verhältnissen, da seine Frau vermögend war und er\nselbst viel Geld einnahm. Das Haus ist seitdem Eigenthum\nder Gräfin Coloredo, verwitweten Herzogin von Lothringen,\ndann des Bürgermeisters Czapka gewesen; Gluck hatte es\nvom Freiherrn von Sandor gekauft und vertauschte es spä-\nter gegen einen Landsitz zu Bertholdsdorf am Gebirge.\nJetzt gehört es der k. k. Militär-Verwaltung. Er sah die\nkunstliebende Aristokratie und die einheimischen und frem-\nI\nden Künstler bei sich, war gern in Gesellschaft, sprach und\nspielte viel, ja, sang auch noch seine eigenen Sachen mit\nFeuer und Ausdruck, obgleich die Stimme ihren Klang\nverloren hatte. Das Vermögen der Frau von Gluck muss\nbedeutend gewesen sein; denn wir finden bei Schmid (S.\n415) eine hingeworfene Notiz, dass Gluck in der Periode,\nvon der wir sprechen, nämlich in den Jahren von 1760\nbis 1770, seiner Gattin die Summe von 90,000 Gulden\nschuldig geworden, welche er bei einer zeitweiligen Pach-\ntung des Theaters verloren habe. Man muss das alles\nmühsam aus dem Durcheinander der Schmid'schen Biogra-\nphie zusammenlesen; denn leider ist darin'ron einer kriti-\nschen Arbeit nicht die Rede, weder in historischer, noch in\nästhetischer Hinsicht. Nach dem Tode ihres Mannes, der\nsie zur Universal-Erbin einsetzte, also nach dem Wegfall\nder Jahrgehälter, die er seit 1 7 74 vorn Kaiser von Oester-\nreich und vom Könige von Frankreich bezog, blieben der\nWitwe noch 30,000 Gulden jährlicher Einkünfte.\nGluck's Ehe war eine glückliche. Da sie kinderlos\nblieb, so nahm das Ehepaar eine Nichte Gluck's an Kindes\nStatt an, ein Mädchen, auf welches die Natur ihre reichsten\nGaben ausgeschüttet hatte. Diese Marianne von Gluck\nwar die Tochter einer Schwester des Componisten, welche\nan einen Husaren-Rittmeister Hedler verheirathet war.\nAnmuth und Grazie und musicalische Anlage zeichneten\ndas Kind aus, und schon in ihrem dreizehnten Jahre sang\nsie die Gluck'schen Arien aus Orpheus und Alceste mit\neinem Ausdruck und einer Leidenschaft, die ans Wunder-\nbare glänzten. Gluck nahm sie auf seiner ersten Reise mit\nnach Paris, wo sie öfters vor der Königin Marie Antoinette\nsang und von manchem Dichter gefeiert wurde. Leider miss-\ngönnte das Geschick den Pflege-Eltern die Freude an die-\nsem herrlichen Talente; der Tod brach die zarte Blüthe,\ndie Blattern rafften Marianne in ihrem siebenzehnten Jahre\ndahin.\nWelch eine Zeit war das damals in Wien, wo z. 8.,\nwie uns der Engländer Burney im Tageburhe seiner musi-\ncalischen Reise erzählt, im Hause des englischen Gesandten\neines Abends Gluck am Ciavier seine Nichte begleitete und\nJoseph Haydn der Ausführung einer seiner neuesten Schö-\npfungen durch das erste berühmte wiener Quartett lauschte,\nin welchem Starz er und Ordonnez erste und zweite\nVioline, der Graf von Brühl Bratsche und der Vater von\nJoseph Weigl (dem Componisten der Schweizerfamilie)\nVioloncell spielten!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-11-04-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-11-04_01#c002", "volume": "bmtnabi_1854-11-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "348", "page_fin": "349", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541104-01.2.2", "titre_corps": "Wiener Briefe.", "titre_sommaire": "Wiener Briefe.", "signature_source": "r", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "348", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541104-01.1.4", "debut_caractere": 4235, "fin_caractere_exclue": 4819, "texte": "Wiener Briefe.\n\nl)en 30. oet ober 1854.\nUnter dem Titel: ,Vom Musica 1 isch-Schönen.\nEin Beitrag zur Revision der Aesthetik der\nTonkunst von Dr. Eduard Ilanslick\" (Leipzig, bei\nR. Weigel), hat der geistvolle musicalische Schriftsteller Dr.\nEduard Hanslick kürzlich ein Büchlein veröffentlicht, wel-\nches nicht verfehlen wird, die allgemeine Aufmerksamkeit\nzu erregen, und dessen Lecture nicht lebhaft genug em-\npfohlen werden kann. Ich zweifle sehr, ob über Musik je-\nmals so nach allen Seiten hin gleich vortrefflich geschrieben\nworden ist, und ob es unter den Schriften, deren Them»"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "349", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541104-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4696, "texte": "die Musik bildet, viele geben wird, welche gleich dieser\nauch den Nichtmusiker fesseln und jedem nur überhaupt\ntiefer Gebildeten Genuss und Belehrung bereiten muss.\nDass man dies von musicalischen Schriften so selten sagen\nkann, rührt nicht allein daher, weil geistreiche Menschen\nund die zugleich einen Blick in die Tiefen einer Kunst ha-\nben, überhaupt nicht gar zu häufig sind, sondern auch da-\nher, weil man bei musicalischen Schriftstellern so selten ne-\nben tiefer Einsicht in die Kunst und lebendiger Erkenntniss\nderen Werke jenen Fonds echter, allgemeiner Bildung fin-\ndet, wie ihn unser Autor an den Tag legt. Vorläufig vom\nInhalt der obigen Broschüre ganz abgesehen, so ist die\nblosse formelle Darstellung derselben an sich so meister-\nhaft, ein mit der Schärfe eines Schwertes einschneidender\nGeist wirkt darin mit einer lebhaften, warmen Phantasie so\nschön zusammen, dass man schon daran allein seine Freude\nhaben muss. Man sieht es dem Büchlein mit Vergnügen an,\ndass es aus einem starken geistigen Drange hervorgegangen\nist; eine energische Natur spricht hier ihre innersten Ueber-\nzeugungen aus, hier wahre künstlerische Lebens-Resultate.\nWenn wir den Autor und sein Werk als geistreich bezeich-\nneten, so entspringt hier das Geistreiche nicht bloss aus\neinzelnen Appergusund so genannten Coups desprit, sondern\naus einer tiefen Erkenntniss künstlerischen Wesens und\nUnwesens, die mit Feuereifer lür das als wahr Erkannte\nkämpft und das Falsche, innerlich Haltlose meist spielend\nund mit Humor vernichtet. Namentlich weiss unser Autor\noft auf das glücklichste in ein Bild einzufangen, was durch\nBegriffe niemals so prägnant und eindringlich veranschau-\nlicht werden kann.\nIhren vollen Werth erhalten aber diese formellen Vor-\nzüge freilich erst durch den materiellen Gehalt, welchem sie\ndienen. Der wesentliche Haupt-Inhalt unseres Büchleins ist,\nin wenige Sätze zusammengedrängt, dieser: Die Gefühle\nsind weder Inhalt noch Zweck der Musik, vielmehr hat sie\nkeinen anderen wesentlichen Inhalt, als sich selbst, und\nan diesem Inhalte besitzt sie zugleich ihren Selbstzweck;\nnicht das Gefühl in seiner abstracten Einseitigkeit und dun-\nkelen Verworrenheit ist der eigentliche treibende Nerv im\nComponisten, sondern die Phantasie in ihrer alle vereinzel-\nten Seelen- und Geisteskräfte concentrirenden Thätigkeit;\neben so soll es sich beim Empfangenden verhalten. Das\nästhetische Verhalten ist in der Musik von dem rein patho-\nlogischen wohl zu unterscheiden. Man sieht, dass diese Sätze\neine Kriegserklärung gegen althergebrachte, vielfach yin\nSchwung befindliche Anschauungen e,nthaltßn, die Vielen\nvon vorn herein wie eine ketzerische Proclamation erschein\nnen wird. Man sehe sich aber das Büchlein nur selbst an,\nund wer über dem Fühlen das Denken nicht ganz abge-\nschworen, wird sich gegen dessen leuchtende Wahrheiten\nnicht verschliesssen können. Wohl mag es sein, dass der\nVerfasser hin und wieder eine Linie zu tief schneidet; aber\nbei einem ersten Kampfe gegen ein eingerostetes Uebel ist\nnichts natürlicher als das. Auch ist es wahr, dass das Büch-\nlein, wie der Autor im Vorworte selbst gesteht, noch man-\nche Lücken hat, dass es noch nicht alle Zweifel und ße-\ndenklichkeiten hebt, seinen Gegenstand noch nicht nach al-\nlen Beziehungen hin durcharbeitet, dass es mehr erst Unter-\nbau und Haupt-Mauerwerk einer künftigen Festung ist.\nWer aber der Erste Iland anlegt an eine so grosse Arbeit,\nnoch überdies tnit so viel Muth und Geschicklichkeit, dem\ngebührt auch Ehre und Dank vor allen Nachfolgenden. Der\nNachfolger, welchen wir Herrn Dr. Ilanslick aber in dem\nbegonnenen Werke am liebsten setzen möchten, wäre doch\nam Ende wieder er selbst. In eine weitere Inhalts-Specifi-\ncirung seines trefflichen Buches können wir uns nicht ein-\nlassen, da wir mit demselben fast so identisch sind, dass\nwir, um unsere Meinung darüber zu sagen, es geradezu ab-\nschreiben müssten. Man informire sich daher selbst, und man\n' * i / 0 { i ' ? « ' . * s 1 .• i i f 4 v 4, t 4 %\nwird es nicht bereuen. Hatten wir hin und wieder Manches\nim Einzelnen noch anders gewünscht, so ist dies ein Mini-\nmum gegen die Vortrefflichkeit des Ganzen, und wird sol-\nche Erweiterung und Berichtigung der Autor seinem Werke\nhoffentlich noch späterhin selbst angedeihen lassen. Denje-\nnigen aber, welche etwa nach den obigen Andeutungen in\ndem Hanslick'schen Boche eine Degradation der Tonkunst\nwittern sollten, können wir nur entgegnen, dass man von\nder Musik als Kunst keine grössere und würdigere An-\nschauung haben kann, als sie unser Autor, richtig verstan-\nden, überall documentirt. Und so möge denn seine Arbeit\nüberall hin weiteste Verbreitung finden! Die guten Wir-\nkungen werden nicht ausbleiben.\n\nr"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-11-04-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-11-04_01#c003", "volume": "bmtnabi_1854-11-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "349", "page_fin": "351", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541104-01.2.3", "titre_corps": "Roger.", "titre_sommaire": "Roger.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "349", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541104-01.1.5", "debut_caractere": 4698, "fin_caractere_exclue": 5209, "texte": "Roger.\nEs gab eine Zeit in Frankreich, in welcher die vor-\nherrschende Declamation in der Musik die französischen\nSänger zu zwei Extremen iührte, welche beide von der\nwahren Kunst des Gesanges gleich weit entfernt sind: ihr\nmusicalischer Vortrag wurde in der komischen Oper fast\nGespräch, in der tragischen Geheul. Der französische Schau-\nspieler und Declamator neigt sich schon im gewöhnlichen\nVortrage der Verse zu jenem falschen, hohlen Pathos hin,\ndas deutschen und italiänischen Ohren unerträglich ist, und"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "350", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541104-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5159, "texte": "mit Recht, weil es nicht die echte Farbe, sondern die\nSchminke der Leidenschaft ist. Im Gesänge artete nun diese\nGewohnheit vollends in Caricatur aus, und die Italiäner\nhatten nicht Unrecht, wenn sie von „französischen Heulern\"\nsprachen.\nDurch sie, die Italiäner, und ihren Meister Rossini\nwurde nun zwar der Geschmack an jener pathetischen De-\nclamation siegreich bekämpft, aber dadurch, dass ihre\nWeise zur Herrschaft kam, ging auch der letzte Rest von\nder Berechtigung des Wortes im Gesänge verloren, die\nPoesie des Drama's und der charakteristische Vortrag wur-\nden Nebensache, ja, sie verschwanden fast ganz vor der rein\nmusicalischen, wir möchten sagen: instrumentalen, Behand-\nlung der Stimme. Die Compositionen begünstigten diese\nRichtung, ja, sie riefen sie zum Theil auch da hervor, wo\nsie noch nicht Wurzel gefasst hatte; die Opernmusik und\nder Operngesang büssten jeden poetischen Inhalt ein, das\nReich der Coloratur, der Triller und Verzierungen trium-\nphirte, die Wahrheit und der dramatische Ausdruck wur-\nden der Sinnlichkeit des Ohrenkitzels geopfert.\nDass die französischen Componisten, namentlich durch\nden Einfluss der deutschen Musik, endlich zu der Einsicht\ngelangten, dass das lyrische Drama mehr sein müsse als\neine Reihe von Concerlstücken, konnte bei einer so gebil-\ndeten Nation nicht ausbleiben, und die Bestrebungen Auber's,\nMeyerbeer's, Halevy's, ja, Rossini's selbst (im Wilhelm Teil)\nsind bekannt. In wie fern sie in der Verschmelzung beider\nElemente, des sinnlichen und des geistigen, glücklich waren,\nwollen wir hier nicht untersuchen. Uns ist nur das von\nWichtigkeit, dass der Grundsatz zur Anerkennung kam.\nDie Sänger adoptirten ihn, und was die Componisten ihrer\nNation nicht vollständig erreichten, das führten die ausüben-\nden Künstler in ihrem Kreise mit mehr Glück zum Ziele.\nDie grossen Tenoristen Nourrit, Duprez und Ro-\nger verschafften dem geistigen Elemente im Gesänge seine\nvolle Bedeutung wieder, ohne in den Fehler zu verfallen,\ndie Technik gering zu schätzen oder zu vernachlässigen.\nIm Gegentheil, sie brachten dieselbe, indem sie sich auf die\nallen Traditionen* der Italiäner stützten, zu einer hohen\nVollendung, nur mit dem grossen Unterschiede gegen die\nneueren Italiäner, dass sie, die Franzosen, diese Technik\nnicht um ihrer selbst willen cultivirten, sondern um sie als\nMittel zu einem höheren Zwecke in ihren Sold zu nehmen,\num sie der Poesie, dem Gefühl, der dramatischen Wahrheit\ndienstbar zu machen.\nVon diesen drei Fürsten des französischen Gesanges\nhat Roger die Kunst des dramatischen Ausdrucks aufs\nHöchste gebracht; sein Gesang hat nicht bloss Schule, er\nhat Stil, das heisst: er ist dargestelltes Leben. Roger ist\nder Ausdruck der gegenwärtigen Epoche des dramatischen\nGesanges. Man kann ihm vielleicht glänzendere, auffallen-\ndere Berühmtheiten entgegen stellen, aber eine vollkom-\nmenere, abgeschlossenere und anziehendere künstlerische\nIndividualiät wird es kaum geben. Der Mensch geht bei\nihm in den Künstler auf und umgekehrt, und man kann auf\nihn anwenden, was Quintilian von dem Ideal des Redners\nsagt: Pcctus est quod discrtum facit „ Das Herz macht\nden Vortrag ausdrucksvoll.\"\nRoger ist in Paris geboren. In seiner Kindheit lies?\nnichts ahnen, dass er dereinst einer der grössten Künstler\nseiner Zeit werden würde; er gehörte keineswegs zu den\nWunderkindern, an deren Wiege sich eine Fee stellt und\nihre Zaubergaben über sie ausschüttet, von denen dann aber\nauch oft gesagt werden kann: „ Wie gewonnen, so zerron-\nnen!\" Sein Vater war Notar, seine Mutler die Tochter\neines Herrn Corse, welcher einer der ersten Directoren\ndes Theaters de l'Ambigu war; das dramatische Element\nkam also von mütterlicher Seite in den Sohn. Beim Tode\ndes Grossvaters war der achtjährige Knabe zugegen, und\nspäterhin äusserte er sich wohl, wenn er sich der letzten\nUmarmung desselben erinnerte: „Ich habe manchmal ge-\nglaubt, dass dabei die Seele des trefflichen alten Schauspie-\nlers in mich gefahren sei.\"\nRoger verlor früh seine Eltern und kam unter die Ob-\nhut eines Oheims, der ihm diejenige Bildung geben liess,\ndie ihn in Stand setzen konnte, den Beruf seines Vaters zu\nergreifen. Allein das Studium der Pandekten stimmte wenig\nmit der Neigung des jungen Mannes überein, der jetzt al-\nlerdings eine gewisse Vorliebe für Theater und theatralische\nBeschäftigungen blicken liess. Das stimmte nicht mit den\nPlanen, die der Oheim mit dem Neffen hegte, und noch we-\nniger mit den Ansichten, welche er, trotz seiner Verwandt-\nschaft mit einem Bühnen-Director, von der theatralischen\nLaufbahn gefasst hatte. Desshalb sandte er Roger, um ihm\njene Lust zu vertreiben, zu einem Notar in der Provinz.\nAber der Kunsttrieb war in dem Jüngling zu stark ausge-\nprägt und fand in dem kleinen Orte um so grössere Nah-\nrung, als er sich aus sich selbst entwickeln musste und ge-\nzwungen war, sich zu seiner Befriedigung selbstwirkend\ndas zu schaffen, was ihm in Paris durch Andere geboten\nwurde, nämlich ein Theater. Der junge Notariats-Lehrling\nversammelte, wenn die Bureaustunden vorbei und die Amts-\nstube geschlossen war, die Schreiber seines Principals und\neinige hübsche Mädchen aus der Stadt zu theatralischen"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "351", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541104-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2287, "texte": "Lebungen und Vorstellungen, wobei er Director und Schau-\nspieler in Einer Person war.\nDer Oheim sah ein, zumal da sich die wunderschöne\nTenorslinirae des Neffen jetzt entwickelt hatte, dass er ihn\nseinem bösen Geschicke überlassen müsse. Das Vorurtheil\nguter Familien, das sich dem Entschlüsse, Einen aus ihrer\nMitte auf die Bühne gehen zu lassen, entgegenstellt, ist zwar\ngegenwärtig nicht mehr so herrschend, als früher, jedoch\nnoch keineswegs ganz verschwunden, und es lässt sich nicht\nläugnen, dass, so wie die Zustände unserer Bühnen in allen\nLändern nun einmal sind, die theatralische Laufbahn gar\nviele Klippen hat, an denen oft die schönsten Hoffnungen\nscheitern. Als aber Roger sich im Jahre 1837 mit vierzig\nanderen Bewerbern um die Stelle eines Zöglings des Con-\nservatoires in Paris bewarb und nach der Prüfung zuerst\nvor allen Concurrenten für würdig erklärt wurde, aufgenom-\nmen zu werden, da war seine Laufbahn entschieden und die\nGegner derselben schon halb versöhnt.\nNach einem Jahre trug er den ersten Preis im Gesänge\nund in der Declamation davon, und nun war man freilich\ndarüber im Riaren, dass man es hier mit einem künstlerischen\nGenie zu thun hatte. Der Director der komischen Oper war\nso gescheidt, so schnell wie möglich davon Nutzen zu ziehen,\nund am 16. Februar 1838 trat Roger, kaum 20 Jahre\nalt, zum ersten Male in der Rolle des Georges in Halevy's\nOper „Der Blitz* auf.\nRoger's zehnjährige Wirksamkeit an dem Theater der\nkomischen Oper bezeichnet eine der glänzendsten Perioden\ndieser Bühne und war auch auf die Componisten, welche für\ndieselbe schrieben, von dem grössten Einiluss. Eine solche\nTenorstimme, welche die Schönheit, Frische und Kraft des\nNaturtones des Organs mit der Weiche und Biegsamkeit\ndesselben vereinigte und durch ein Spiel-Talent, welches die\nForderungen der dramatischen Einsicht niemals im Stich\nliess, unterstützt wurde, war auf diesen Brettern noch nicht\nerschienen. Was Wunder, wenn die Dichter und Tonsetzer\nfür dieses Theater sich von der eigentlichen Gattung der\nkomischen Oper etwas entfernten und Werke auf diese\nBühne brachten, welche auch gefühlvolle und ernste Situa-\ntionen behandelten, da sie für diese in Roger einen Dolmet-\nscher und Vertreter fanden, wie sie ihn sich nicht besser\nwünschen konnten?\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-11-04-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-11-04_01#c004", "volume": "bmtnabi_1854-11-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "351", "page_fin": "352", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541104-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "351", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541104-01.1.7", "debut_caractere": 2289, "fin_caractere_exclue": 6153, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nI4tfln. Auf dem Stadttheater setzt Roger sein Gastspiel fort;\nrou einer so anhaltenden Theilnahrae des hiesigen Publicums für\ntheatralische Vorstellungen, und noch dazu zu erhöhten Presen,\nkennen wir kein Beispiel. Er hat ausser den in voriger Nummer\ngenannten Rollen noch den Masaniello in der Stummen von\nPortici (hier und in Bonn) und den Eleazar in der Jüdin ge-\nsungen, und den George Brown hier und in Bonn wiederholt.\nDie Bewunderung seines unnachahmlichen Talents steigt mit jeder\nVorstellung.\nHerr Wiedeinann von Leipzig, den wir am Rheine bereits\nvon unseren Musikfesten her zu seinem Vortheil kennen, wird\nebenfalls in einer Reihe von Gast-Darstellungen auftreten, so das*\nwir jetzt einen wahren Reichthum an Tenören haben. Herr Wie-\ndemann trat am Montag als Robert in Robert der Teufel auf\ngewiss eine schwierige Aufgabe für den wackeren Künstler zwi-\nschen den zwei Vorstellungen Roger's am Sonntag und Mittwoch!\nAllein gleich seine Leistungeu im ersten Acte erregten den lebhal-\ntesten Applaus, der sich in den folgenden, besonders im fünften,\nnoch steigerte. Und mit Recht; denn er ist im Besitz einer kräfti-\ngen Brust- und Kopfstimme, welche er als Sänger zu behandeln\nweiss, und sein Spiel ist durchaus lobenswerth. Die Oper ging im\nGanzen gut; Fräul. Rochlitzist zwar der dramatischen Auffas-\nsung der Alice noch nicht gewachsen, allein sie hat Stimme und\nTalent und verdient wegen ihres lobenswerthen Fleisses anerken-\nnende Aufmunterung, worein es denn auch das Publicum nicht\nfehlen lässt.\nIn nächster Woche wird unsere Oper vier Vorstellungen in\nAntwerpen geben, und wir werden dagegen die französische\nOpern-Gesellschaft unter der Direction des Herrn Naej von dort\nauf unserem Stadttheater sehen. Diese wird 4 Opern geben, welche\ntheils neu sind, wie Le songe dune nuit d'ete von Ambr Tho-\nmas, theils hier noch gar nicht gegeben worden, wie Halevy *\nLes Mousquetaires de la Reine, Auber's „Krondiamanten\" lind Haij-\ndee. Interessant wird dies jedenfalls sein. Was machen die Eisen-\nbahnen nicht alles möglich!\nfldaiisbitrg-, Stadt mit 10.000 Seelen, am tonlosen Zusam-\nmenflüsse des Rhein- und Ruhr-Canals, treibt starken Handel mit\nZucker und Tabak, steht aber bei der FrauMusica in keinem süs-\nsen Gerüche. Schon seit Decennien war in ihr von einem Ge-\nsang- und Orchester-Verein keine Rede mehr, geschweige denn\nvon Concerlen. Diesem Uebel ward aber vor zwei Jahren,\nals Herr A. zur Nieden von Bonn hieher kam und Beide ins\nLeben rief, Halt geboten, und seiner tüchtigen, umsichtigen Leitung\nverdanken wir nun viele musicalische Genüsse. Doch wie gut auch\nder Wille, die Kräfte blieben schwach; es war daher ein glück-\nlicher Gedanke, mit dem benachbarten Mülheim an der Ruhr\nHand in Hand zu gehen und gemeinschaftliche Concerte zu grün-\nden. Das erste fand daselbst am 3. September Statt und galt der\n„Zerstörung Jerusalems44 von F. Hiller. Die Ausführung unter dem\ndortigen Dirigenten, dem excellenten Violin Virtuosen Herrn Hub.\nEngels, gelang vortrefflich, wozu der berühmte kölner Tenorist\nHerr Koch gar viel beitrug. Das zweite Concert, unter Direction\ndes Herrn zur Nieden, hatten wir am 8. October hier, und in\nder zweiten Hälfte desselben den hohen Genuss des ersten Theiles\ndes „Paulus\" von Mendels sohn-Bartholdy. Accuratesse, Fein-\nheit und Kraft in den Chören, seelenvoller Vortrag der Soli bei\nschönen Stimmmitteln in welchem sich namentlich zwei mülhei-\nmer Damen, V. und T., und ein hiesiger Baritonist S. auszeichne-\nten gaben dem Ganzen eine schöne, gelungene Abrundung, und\nwohl gebührt dem Dirigenten die volle Ehre der tüchtigsten Lei-\ntung. Im ersten Theile erfreuten die genannten Musik-Directoren\ndurch ihr herrliches Zusammenspiel der Kreuzer gewidmeten A-dur-\nSonate von Beethoven den Laien wie den Kunstkenner, und\nblieb dabei nur die mangelhafte Beschaffenheit des Flügels in"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "352", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541104-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3690, "texte": "bedauern. Unser obiger Bariton Herr S. trug in ergreifender Weise\ndas von Herrn zur Niedcn componirte Ilerwegh'sche Lied: „Ich\nmöchte hingehen\", vor, eine Composition, deren Schönheit der Sän-\nger mit tiefer Innigkeit offenbarte und die in weiteren Kreisen be-\nkannt zu werden verdient. Die hiesige Liedertafel producirte\nzwei Lieder von Rein ecke und Abt; sie laborirt, wie viele\nkleine Vereine, an schönen Tenören und erzielte darum auch trotz\nihrer sonstigen guten Kräfte noch keine erheblichen Erfolge.\n' 7\nBremen. Zum Benefice des Capellmeisters Sobolewski\nwurde dessen Oper „Der Prophet von Chorassan\" zum ersten Male\nhier aufgeführt.\nWien. Herr Ander, welcher am 22. October 1845 als „Stra-\ndella\" zum ersten Male die Bühne betrat, hat vor einigen Tagen,\nalso fast am Jahrestage seines neunjährigen Wirkens, wieder diese\nPartie in ungetrübter Frische seiner Stimme und nun als vollende-\nter Künstler gesungen und damit einen grossartigen Triumph ge-\nfeiert. Eben so glänzend war seine Leistung als „Prophet\", den er\nnach sechszehnmonatlichem Zwischenräume wieder sang, und in\nwelchem er all die schönen Vorzüge seiner künstlerischen Ausbil-\ndung auf das entschiedenste zur Geltung brachte. An beiden Aben-\nden wurde er von dem Publicum auf das lebhafteste ausgezeichnet.\nFräul. La Grua ist zur Freude der Musikfreunde bereits wie-\nder als „Fidelio\" und „Agathe\" aufgetreten und hat die rauschend-\nste Aufnahme gefunden. Mit in diese Auszeichnungen theilten sich\nFräul. Liebhardt und Herr Erl, welch letzterer leider wenig\nbeschäftigt wird.\nAls Bandit erschien in „Stradella\" HerrMayerhofer, der nur\nzu deutlich bewies, dass Staudigl bis jetzt noch nicht ersetzt ist\nund dass es wohl noch lange dauern wird, bis die durch diesen\nAustritt entstandene Lücke entsprechend ausgefüllt worden.\nLondon. Jullien, welcher von seiner Reise nach America\nwieder zurückgekehrt ist, beginnt am 30. October hier wieder eine\nReihe von Concerten.\nDie Oper in Manchester macht Glück; es sind fast lauter\ndeutsche Künstler dabei, die jedoch in italiänischer Sprache singen.\nDie dortige Kritik bespricht auf ehrenvollste Weise Fräul. Agnes\nBury, Frau Küchenmeister-Rudersdorf, Frau Caradori,\ndie Herren Karl Formes, dessen Bruder Hubert Formes,\nBariton, welcher zum ersten Male die Bühne betritt, den Tenoristen\nReichardt u. s. w. Dirigent ist ebenfalls ein Deutscher, der\nPianist Halle, der seit längerer Zeit in Manchester wohnt.\nIn der Eisengiesserei der Herren Edward, Bellhouse & Comp,\nzu Manchester wird jetzt ein eisernes Theater im Auftrage\neines Herrn G. Coppin gebaut. Dieser hat einen Schauspieler\nvon Ruf, Namens Brooke, auf zweihundert Vorstellungen in\nAustralien engagirt, 50 Pf. Sterl. für jede, mithin für 10,000 Pf.\nSterl. Um nicht durch Mangel an geeigneten Räumen oder über-\ntriebene Miethforderungen der Eigenthümer irgendwie gehindert zu\nsein, nimmt Herr Coppin sein eigenes Gebäude mit, ein vollständi-\nges Theater für 4000 Pfund. Es wird 88 Fuss lang, 40 Fuss breit\nund 24 Fuss hoch. Das Parterre soll jedesmal durch Ausgrabung\ndes Bodens vertieft werden. Die Fabrik-Inhaber haben sich ver-\npflichtet, das Theater binnen dreissig Tagen vom Tage der Unter-\nzeichnung des Contractes an fix und fertig zum Einschiffen nach\nLondon zu liefern.\nIVew-YorU. Die Gebrüder Moldenhauer, welche mit\nJullien hieher gekommen waren, haben sieh hier niedergelassen\nund am 10. October eine Reihe von Soireen für Kammermu-\nsik begonnen. Zugleich haben sie in Verbindung mit Madame\nPeaucellier, einer Pianistin aus Paris (?), eine Musikschule\neröffnet für Composition, Gesang, Pianoforte, Violine und Violon-\ncell. Der erste Jahres-Cursus sollte im October beginnen und ist\nauf neun Monate berechnet."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "345", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541104-01.1.1", "texte": "Christoph Willibald Ritter von Gluck.\nIV.\nIndessen hatten die beiden Schöpfer des neuen musi-\ncalischen Drama's, Calzabigi und Gluck, ihre Ideen über\ndas wahre Wesen desselben mit ernstem Nachdenken ver-\nfolgt und das reine Gold derselben immer mehr von den\nSchlacken, die ihm noch anklebten, gereinigt. Das Ergeb-\nniss ihres Bundes war der Entschluss, eine wirkliche Tra-\ngödie als Oper auf die Bühne zu bringen und, um den\npoetischen Werth derselben über alle Anfechtung zu stel-\nlen, sie dem classischen Boden der Griechen zu entnehmen.\nSie wählten dazu die Alceste des Euripides, und Calzabigi\nübergab dem Componisten einen ilaliänischen Opern-Text,\nwelcher eine geschickte und dem musicalischen Zwecke\nangemessene Bearbeitung jenes Drama's war.\nWie hoch Gluck das Verdienst dieses Dichters\nschätzte, geht aus folgenden Stellen eines späteren Briefes\naus dem Jahre 1773 an den Redacteur des Mercurc de\nFrance hervor, welche wir hier einschalten, weil sie ein\nDenkmal der Bescheidenheit des Componisten sind und an-\nziehende Vergleichungspunkte zwischen den Ansichten eines\nwirklichen Reformators und denen eines eingebildeten dar-\nbieten. Anstatt seine Lobredner zur Vergeltung wieder zu\nberäuchern oder gar sich selber zu vergöttern, wie wir das\nheutzutage erleben, schreibt Gluck, „er müsse erklären,\ndass eine zu günstige Meinung von ihm das Lob (das ihm\nin der genannten Zeitschrift gespendet worden) hervorge-\nrufen und den Verfasser zu weit geführt habe*. Dann fährt\ner fort:\n„Noch weit grösserem Tadel würde ich mich aus-\nsetzen, wenn ich die Erfindung der neuen Gattung der ila-\nliänischen Oper mir allein zuschreiben liesse. Herr von\nCalzabigi ist es, dem dieses vorzügliche Verdienst gebührt,\nund wenn meine Musik einigen Beifall erhalten hat, so\nglaube ich dankbar bekennen zu müssen, dass ich dieses\nGlück ihm verdanke; denn er ist es, der mich in Stand\nsetzte, die Quellen meiner Kunst strömen zu lassen. Seine\nGedichte sind voll der glücklichsten Situationen, der\nfurchtbarsten und erhabensten Züge, die dem Ton-\n♦ •\nsetzer Gele genhei t in Fülle bieten, grosse Lei-\ndenschaften auszudrücken und eine kraftvolle, er-\ngreifende Musik ins Leben zu rufen. Denn wie gross auch\ndas Talent des Componisten sein möge, er wird immer nur\neine mittelmässige Musik schaffen, wenn der Dichter in ihm\nnicht jene Begeisterung zu wecken vermag, ohne die alle\nGebilde der Kunst nur matt und leblos erscheinen. Nach-\nahmung der Natur ist das Ziel, das Beide vor Augen haben\nmüssen. Einfach und natürlich strebt meine Musik,\nso viel es in meiner Macht steht, immer nur nach der höch-\nsten Kraft des Ausdrucks und nach Verstärkung der De-\nclamation in der Poesie und jene Sprache wird mir\nimmer am besten zusagen, in welcher der Dichter mir die\nmeisten Mittel an die Hand gibt, die verschiedenen Lei-\ndenschaften auszudrücken •- bei meinem Forschen\nnach einer ed e In, rührenden und n atü r 1 i ch e n Me-\nlodie und einer der Prosodie und dem Charakter ange-\nmessenen Declamation.u\nWenn man diesen Brief aufmerksam lies't, so wird\neinem kein Zweifel mehr darüber auftauchen, in welchem\nSinne eine andere Aeusserung Gluck's, dass er sich bestrebe,\nbeim Componiren „zu vergessen, dass er Musiker\nsei\", aufzufassen ist. Ueber den Missbrauch, den die Wag-\nner, Brendel, Köhler u. s. w. mit dieser Phrase treiben,\nwürde er die Hände über dem Kopfe zusammengeschlagen\nhaben! Sie war natürlich nur in Bezug auf die damals herr-\nschende Sinnlichkeit der concertartigen Opern-Musik der\nItaliäner gethan. Das ist aber eben der grosse Unterschied\nzwischen Gluck und Wagner, der ihn überbietet (d. h. in\nseinen Schriften, denn in der Composition soll er es wohl\nbleiben lassen), dass Gluck in der Wirklichkeit n i e vergass,\ndass die Musik die Hauptsache in der Oper ist, und dies\nauch gar nicht vergessen konnte, weil er eben ein musi-\ncalisches Genie war. Dass dieses Vergessen aus dem umge-\nkehrten Grunde Wagner leichter werden mag, wollen wir\nnicht bestreiten."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "346", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541104-01.1.2", "texte": "Die Alceste wurde den 16. December 1766 zum\nersten Male in Wien gegeben. Was Gluck darin geleistet\nhat, bedarf heute keiner weiteren Auseinandersetzung, da\ndie Oper noch immer auf einigen grösseren Bühnen und in\nConcerten aufgeführt wird und durch gedruckte Partitur\nund Clavier-Auszüge hinlänglich bekannt ist. Wir halten\nuns desshalb mehr an das Historische.\nDas Wichtigste ist, dass die später in Paris aufgeführte\nfranzösische Alceste eine Umarbeitung der ursprünglichen\nitaliänischen ist; nach der französischen wurde späterhin die\ndeutsche, so wie sie zu Berlin ge geben wird, eingerichtet. Die\nfranzösische war ein Fortschritt; denn in der italiänischen\nhatte Calzabigi die Rolle der Befreiung der Alceste nicht dem\nHercules, wie dies beim Euripides der Fall ist, übertragen,\nsondern dem Apollo, und dieser wurde in Wien noch von\neinem Sopran gesungen. In Paris trat Hercules wieder in\nseine Rechte ein, was ein offenbarer Gewinn für die dra-\nmatische Wahrheit war. Im Uebrigen findet in der pariser\nBearbeitung (1776) schon von Nr. 4 an eine grosse Ver-\nschiedenheit in der Reihenfolge und in der Zahl der Ton-\nstücke Statt; auch sind manche von diesen ganz neu, an-\ndere bedeutend verändert. Zehn Jahre und die Iphigenie in\nAulis lagen dazwischen.\nIn Wien waren natürlich Anfangs die Stimmen über\ndiese erhabene Kunstschöpfung wieder getheilt; wir finden\n>ie nach den ersten Aufführungen als ein dreifaches Wun-\nderwerk gepriesen, weil sie „ein wälsches Gedicht ohne\nSchwulst, eine Musik ohne Gurgelei, eine Oper ohne Ca-\nslraten\" sei, während Andere meinten, „es hätte sich wahr-\nlich nicht der Mühe gelohnt, wegen der Proben neun Tage\ndas Schauspielhaus zu schliessen, um am zehnten eine See-\nlenmesse aufzuführen\" ! Bald jedoch siegte die Macht der\nWahrheit, und zwei Jahre lang zog die Oper vorzugsweise\ndas Publicum an, was dem damaligen Geschmacke der\nWiener alle Ehre macht. Wir bemerken über den Werth\nder Musik nur noch das Eine, dass die Reform der Oper\nnicht allein durch den dramatischen Ausdruck der Melo-\ndieen und der Recitative, sondern besonders auch durch\ndie grosse Bedeutung, welche Gluck dem Chor gab, voll-\nendet wurde.\nDie erste Darstellerin der Alceste war die Bernas-\nconi, eine Deutsche aus Wien, die sich an einen Ita-\nliäner verhcirathet hatte. Sie hatte nach den Zeugnissen\nder Zeitgenossen einen Stimmumfang von fast drei Octaven\nund machte durch den Wohlklang und das Tragen des\nTones, worin sie vor Allen sich auszeichnete, eben so, wie\ndurch vortreffliches Spiel den grössten Eindruck.\nDie Partitur der Alceste mit italiänischem Text er-\nschien 1 769 in Druck; sie enthält die berühmte Zueig-\nnungsschrift an den Grossherzog von Toscana, in welcher\nebenfalls in italiänischer Sprache Gluck seine An-\nsichten über die Reform der Oper in den Grundzügen aus-\nspricht. Sie ist oft übersetzt und abgedruckt worden, neuer-\nlich noch in der Schrift über Wagner's Lohengrin von Liszt,\nwelcher sie mit den Worten einleitet: „Wagner würde\nsicher die Zueignung der Alceste geschrieben haben, hätte\nes Gluck nicht schon gethan.\" Diese Vermuthung kann\nrichtig sein; der verehrte Verfasser wird aber zugeben, dass\ndie Thatsache, nämlich dass Gluck sie schon geschrieben\nhat, für die Beurtheilung Wagner's wichtiger ist, als die\nVermuthung. Ob übrigens Wagner auch folgende Stelle\nder Zueignung: „Die Ouvertüre soll den Zuhörer auf den\nCharakter der Handlung, die man darzustellen gedenkt,\nvorbereiten und ihm den Inhalt derselben andeuten.\nDie Instrumente sollen immer nur im Verhältnis zu\ndem Grade des Interesses und der Leiden-\nSchaft angewendet werden\" geschrieben haben würde,\nmüssen wir sehr bezweifeln, wenn wir seine betäubende\nInstrumentirung im Lohengrin und die Behandlung der Vio-\nlinen im Tannhäuser hören. Irrthümlich ist übrigens in der\ndeutschenUebersetzung derLiszt'schenSchrift gesagt: „die\nOuvertüre solle den Zuhörer über den Charakter der Hand-\nlung belehren und ihm das Sujet derselben an-\ngeben\" ; davon ist im Originale Gluck's nicht die Rede ;\naber freilich! die Version passt besser zur Tannhäuser-\nOuverture!\nVergessen wir übrigens nicht, für die heutige Welt,\nwelche nur gar zu leicht in jedem jungen Talente einen\nMessias der Kunst erblickt und schnell bei der Hand ist,\nKünstler in reifen männlichen Jahren für abgethan zu er-\nklären lür diese zu bemerken, dass Gluck die Alceste\nin seinem zweiundfünfzigsten Jahre geschrieben hat.\nIm Jahre 1769 hatte er eine neue Oper, „Paris\nund Helena\" vollendet, welche aber bei Weitem nicht\nden Erfolg hatte, wie der Orpheus und die Alceste. Das\nBuch war ebenfalls von Calzabigi. Es bleibt fast unbegreif-\nlich, wie Dichter und Componist diesen Stoff wählen konn-\nten, da sie damit von der Höhe des Tragischen, auf welche\nsie sich in der Alceste geschwungen hatten, offenbar wieder\nherabstiegen.\nDie Personen dieser Oper sind: „Helena\", welche aus\nmoralischen Rücksichten nicht als Gattin, sondern nur alv\nBraut des Menclaus, der übrigens gar nicht sichtbar wird,\nerscheint; »Paris\" (Sopran), „Amor* unter dem Namen"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "347", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541104-01.1.3", "texte": "Erast (!), Vertrauter der Helena (Sopran); ,Minerva* (So-\npran); Chor der Trojaner, Chor der Spartaner. Welche Mo-\nnotonie mussten nicht vier Soprane geben, die nur ein ein-\nziges Mal durch das kurze Recitativ eines Tenors, eines\nTrojaners, unterbrochen werden!\nUnd nun vollends die Handlung! Paris landet in Lako-\nnien, spricht seine Sehnsucht nach der schönen Unbekann-\nten aus, ruft die Natur an, ihm ihren Aufenthalt zu zeigen\n(!), schliesst mit dem verkappten Amor ein Bündnis», erklärt\nder Helena seine Liebe, fällt in Ohnmacht, als sie darüber\nentrüstet ist, erholt sich aber und lässt nicht nach im Wer-\nben, durch welche Beharrlichkeit am Ende mit Amor's\nHülle, trotz des Zornes der Pallas, die aus den Wolken\nherab das ganze Unheil des trojanischen Krieges weissagt,\nHelena besiegt wird, sich dem Verführer ergibt und wäh-\nrend eines Ballets sich mit ihm einschifft!\nDamit werden vier Acte gefüllt, wobei die Ballets\nfünf Nummern eine grosse Rolle spielen. Von Dingen,\ndie für die Musikgeschichte merkwürdig sind, erwähnen wir,\ndass die Ballet-Musik zum dritten Acte, in welchem gym-\nnastische Spiele vorkommen, durch neuen Rhythmus cha-\nrakteristisch ist; dass Paris die Lyra spielt, welche im Or-\nchester durch die Harfe repräsentirt wird (ob Gluck ihm\nauch vorgeschrieben, die Fingerbewegungen den Passagen\nder Harfe sichtbar anzupassen, wie Wagner das von seinen\nWartburgskriegern in der Partitur des Tannhäuser ver-\nlangt, wissen wir nicht); endlich dass wir im vierten Acte\nzum ersten Male das lange Cr fin-\nden, welches später Spontini und nach ihm Rossini erfun-\nden haben sollen.\nDie Partitur der Oper erschien zu Wien 1 7 70. Sie\nenthält eine Zueignungsschrift an den Herzog von Braganza,\nwelche wegen des gereizten Tones merkwürdig ist, den\nGluck gegen einen Theil der damaligen Kritik anstimmt,\nwährend er sich zugleich bitter beklagt, , dass man sich\nnicht beeifere, die von ihm durch die Alceste eröffnete Bahn\nzu verfolgen\". Er hat in beiden Beziehungen nicht ganz\nRecht. Wir sehen aus den Auszügen aus damaligen kriti-\nschen Schriften bei Sclimid, dass die Kritik Gluck's Streben\nallerdings anerkannte und dass das Publicum in Wien die\nAlceste zu seinen Lieblings-Opern zählte er hätte also\ndas „ Wüthen der Halbgelehrten u. s. w., einer Classe von\nMenschen, die zu allen Zeiten der Kunst nachtheiliger war,\nals die Unwissenden\", wohl verachten können. Was aber\ndie Nachfolge auf seiner Bahn betrifft, so vergass er, dass\ndazu musicalisches Genie gehört. Beweis't er doch selbst\ni durch den Partie cd Elena, wie schwer es ist, die Gränz-\nlinie nicht zu überschreiten, b:s zu welcher d r Musiker bei\ndem Suchen nach dramatischer Wahrheit gehen darf, und wie\nleicht das Streben nach drm Wahren die Schöpfung des\nSchönen beeinträchtigen kann. Höchst merkwürdig ist dess-\nhalb folgende Stelle aus der eben erwähnten Zueignungs-\nschrift. Nachdem er gesagt, dass man hier nicht die leiden-\nschaftlichen Situationen, folglich auch nicht die Kraft der\nMusik erwarten müsse, wie in der Alceste, fährt er fort:\n„Im „ „Paris\"\" handelt es sich um einen liebenden\nJüngling, der mit der Sprödigkeit eines Weibes zu käm-\npfen hat und dieses endlich besiegt. Darum habe ich mir\nMühe gegeben, einen Farbenwechsel zu ersinnen, den ich\nin den verschiedenen Charakteren des phrygischen und spar-\ntanischen Volksstammes aufsuchte; dieser unbeugsam und\nrauh, jener zart und weich. Darum glaubte ich, dass der\nGesang in der „ „Helena\"\" der Rauheit nachahmen müsse,\ndie ihrer Nation angeboren ist; eben so dachte ich, dass,\nweil ich diesen Charakter in der Musik festzuhalten suchte,\nman mir es nicht zum Fehler anrechnen würde, wenn ich\nmich je zuweilen bis zum Trivialen herabge-\nlassen habe. Will man die Spur der Wahrheit verfolgen,\nso darf man nie vergessen, dass nach Maassgabe des vor-\nliegenden Gegenstandes selbst die grössten Schönheiten der\nMelodie und Harmonie zu Mängeln und Unvollkommenhci-\nten werden können, wenn man sie am unrechten Orts\ngebraucht.\"\nWer möchte das unterschreiben? Das ist eine gefähr-\nliche Lehre, die das Wesen des Kunstwerkes, das auf dem\nIdealen beruht, zerstört und zu einem Realismus verführt,\nvon welchem Meyerbeer und Wagner neuerdings bekla-\ngenswerthe Beispiele geliefert haben, und welcher auch in\nder Poesie, z. B. bei Grabbe und seinem heutigen Nachfol-\nger Hebbel, spukt, wenn, um nur Eines anzuführen, in der Her-\nmannsschlacht jenes Dichters Thusnelda sich mit ihren Mägden\nund Knechten zu Tische setzt und dann befiehlt: „Schweine-\njunge, bete!\" Sehr wahr, aber auch sehr gemein!\nIndess Gluck's Reflexion konnte wohl einen Augen-\nblick auf solchen Abweg gerathen, allein sein poetischer\nGeist war viel zu kräftig und sein Verstand viel zu gesund,\nals dass er sich nicht bald aus dem Irrwahn befreit und sich\nwieder in die klare Region des wahren Kunstschönen em-\nporgeschwungen hätte, wie seine Iphigenie in Aulis und\ndie ihr folgenden Werke das beweisen.\nEhe wir jedoch zu dieser Periode seines künstlerischen\nSchaffens gelangen bei deren Darstellung wir uns übri-\ngens kürzer fassen können, da ihre Geschichte durch eine\numfangreiche Gluck-Literatur weit mehr bekannt ist, als"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "348", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541104-01.1.4", "texte": "der Zeilraum seines Lebens, den wir bis jetzt durchlaufen\nhaben —, wollen wir noch einige Blicke auf Gluck's äussere\nVerhältnisse werfen.\nIm Jahre 1769 wurde er nach Parma zur Feier der\nVermählung der Erzherzogin Maria Amalia mit dem Infan-\nten Don Ferdinand berufen. Er schrieb dazu drei neue\nFestspiele; die Partituren derselben sind verloren gegangen.\nAm wichtigsten für ihn war die erste Aufführung seines\nOrpheus in Italien, welche er bei dieser Gelegenheit durch-\nsetzte. Sie hatte einen ungeheuren Erfolg, wurde achtund-\nzwanzig Mal wiederholt und zog eine ausserordentliche\nMenge von Fremden nach Parma. Etwa zwei Jahre später\nwurde der Orpheus in Bologna gegeben, wo er mehr\nals 20,000 Fremde hinzog und der Theater-Direction\n80,000 Ducaten einbrachte.\nUm diese Zeit lernte Antonio Salieri, ein Schü-\nler des Capellmeisters Gassmann, Gluck kennen und legte\nihm die Composition seiner ersten (komischen) Oper,\nDonne Ictlerate,vor. Gluck empfahl sie zur Aufführung,\nund sein Umgang und Rath hatten grossen Einfluss auf Sa-\nlieri's spätere Compositionen. Gluck gewann ihn lieb, und\nes knüpfte sich zwischen Beiden ein festes Freund-\nschaftsband.\nGluck machte in Wien ein Haus. Er wohnte damals\nam Rennwege (jetzt Nummer 569) auf der Landstrasse\n(Vorstadt von Wien), nicht weit von der Sanct Marxer Li-\nnie. mitten in einem schönen Garten, und lebte in sehr gu-\nten Verhältnissen, da seine Frau vermögend war und er\nselbst viel Geld einnahm. Das Haus ist seitdem Eigenthum\nder Gräfin Coloredo, verwitweten Herzogin von Lothringen,\ndann des Bürgermeisters Czapka gewesen; Gluck hatte es\nvom Freiherrn von Sandor gekauft und vertauschte es spä-\nter gegen einen Landsitz zu Bertholdsdorf am Gebirge.\nJetzt gehört es der k. k. Militär-Verwaltung. Er sah die\nkunstliebende Aristokratie und die einheimischen und frem-\nI\nden Künstler bei sich, war gern in Gesellschaft, sprach und\nspielte viel, ja, sang auch noch seine eigenen Sachen mit\nFeuer und Ausdruck, obgleich die Stimme ihren Klang\nverloren hatte. Das Vermögen der Frau von Gluck muss\nbedeutend gewesen sein; denn wir finden bei Schmid (S.\n415) eine hingeworfene Notiz, dass Gluck in der Periode,\nvon der wir sprechen, nämlich in den Jahren von 1760\nbis 1770, seiner Gattin die Summe von 90,000 Gulden\nschuldig geworden, welche er bei einer zeitweiligen Pach-\ntung des Theaters verloren habe. Man muss das alles\nmühsam aus dem Durcheinander der Schmid'schen Biogra-\nphie zusammenlesen; denn leider ist darin'ron einer kriti-\nschen Arbeit nicht die Rede, weder in historischer, noch in\nästhetischer Hinsicht. Nach dem Tode ihres Mannes, der\nsie zur Universal-Erbin einsetzte, also nach dem Wegfall\nder Jahrgehälter, die er seit 1 7 74 vorn Kaiser von Oester-\nreich und vom Könige von Frankreich bezog, blieben der\nWitwe noch 30,000 Gulden jährlicher Einkünfte.\nGluck's Ehe war eine glückliche. Da sie kinderlos\nblieb, so nahm das Ehepaar eine Nichte Gluck's an Kindes\nStatt an, ein Mädchen, auf welches die Natur ihre reichsten\nGaben ausgeschüttet hatte. Diese Marianne von Gluck\nwar die Tochter einer Schwester des Componisten, welche\nan einen Husaren-Rittmeister Hedler verheirathet war.\nAnmuth und Grazie und musicalische Anlage zeichneten\ndas Kind aus, und schon in ihrem dreizehnten Jahre sang\nsie die Gluck'schen Arien aus Orpheus und Alceste mit\neinem Ausdruck und einer Leidenschaft, die ans Wunder-\nbare glänzten. Gluck nahm sie auf seiner ersten Reise mit\nnach Paris, wo sie öfters vor der Königin Marie Antoinette\nsang und von manchem Dichter gefeiert wurde. Leider miss-\ngönnte das Geschick den Pflege-Eltern die Freude an die-\nsem herrlichen Talente; der Tod brach die zarte Blüthe,\ndie Blattern rafften Marianne in ihrem siebenzehnten Jahre\ndahin.\nWelch eine Zeit war das damals in Wien, wo z. 8.,\nwie uns der Engländer Burney im Tageburhe seiner musi-\ncalischen Reise erzählt, im Hause des englischen Gesandten\neines Abends Gluck am Ciavier seine Nichte begleitete und\nJoseph Haydn der Ausführung einer seiner neuesten Schö-\npfungen durch das erste berühmte wiener Quartett lauschte,\nin welchem Starz er und Ordonnez erste und zweite\nVioline, der Graf von Brühl Bratsche und der Vater von\nJoseph Weigl (dem Componisten der Schweizerfamilie)\nVioloncell spielten!\n\nWiener Briefe.\n\nl)en 30. oet ober 1854.\nUnter dem Titel: ,Vom Musica 1 isch-Schönen.\nEin Beitrag zur Revision der Aesthetik der\nTonkunst von Dr. Eduard Ilanslick\" (Leipzig, bei\nR. Weigel), hat der geistvolle musicalische Schriftsteller Dr.\nEduard Hanslick kürzlich ein Büchlein veröffentlicht, wel-\nches nicht verfehlen wird, die allgemeine Aufmerksamkeit\nzu erregen, und dessen Lecture nicht lebhaft genug em-\npfohlen werden kann. Ich zweifle sehr, ob über Musik je-\nmals so nach allen Seiten hin gleich vortrefflich geschrieben\nworden ist, und ob es unter den Schriften, deren Them»"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "349", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541104-01.1.5", "texte": "die Musik bildet, viele geben wird, welche gleich dieser\nauch den Nichtmusiker fesseln und jedem nur überhaupt\ntiefer Gebildeten Genuss und Belehrung bereiten muss.\nDass man dies von musicalischen Schriften so selten sagen\nkann, rührt nicht allein daher, weil geistreiche Menschen\nund die zugleich einen Blick in die Tiefen einer Kunst ha-\nben, überhaupt nicht gar zu häufig sind, sondern auch da-\nher, weil man bei musicalischen Schriftstellern so selten ne-\nben tiefer Einsicht in die Kunst und lebendiger Erkenntniss\nderen Werke jenen Fonds echter, allgemeiner Bildung fin-\ndet, wie ihn unser Autor an den Tag legt. Vorläufig vom\nInhalt der obigen Broschüre ganz abgesehen, so ist die\nblosse formelle Darstellung derselben an sich so meister-\nhaft, ein mit der Schärfe eines Schwertes einschneidender\nGeist wirkt darin mit einer lebhaften, warmen Phantasie so\nschön zusammen, dass man schon daran allein seine Freude\nhaben muss. Man sieht es dem Büchlein mit Vergnügen an,\ndass es aus einem starken geistigen Drange hervorgegangen\nist; eine energische Natur spricht hier ihre innersten Ueber-\nzeugungen aus, hier wahre künstlerische Lebens-Resultate.\nWenn wir den Autor und sein Werk als geistreich bezeich-\nneten, so entspringt hier das Geistreiche nicht bloss aus\neinzelnen Appergusund so genannten Coups desprit, sondern\naus einer tiefen Erkenntniss künstlerischen Wesens und\nUnwesens, die mit Feuereifer lür das als wahr Erkannte\nkämpft und das Falsche, innerlich Haltlose meist spielend\nund mit Humor vernichtet. Namentlich weiss unser Autor\noft auf das glücklichste in ein Bild einzufangen, was durch\nBegriffe niemals so prägnant und eindringlich veranschau-\nlicht werden kann.\nIhren vollen Werth erhalten aber diese formellen Vor-\nzüge freilich erst durch den materiellen Gehalt, welchem sie\ndienen. Der wesentliche Haupt-Inhalt unseres Büchleins ist,\nin wenige Sätze zusammengedrängt, dieser: Die Gefühle\nsind weder Inhalt noch Zweck der Musik, vielmehr hat sie\nkeinen anderen wesentlichen Inhalt, als sich selbst, und\nan diesem Inhalte besitzt sie zugleich ihren Selbstzweck;\nnicht das Gefühl in seiner abstracten Einseitigkeit und dun-\nkelen Verworrenheit ist der eigentliche treibende Nerv im\nComponisten, sondern die Phantasie in ihrer alle vereinzel-\nten Seelen- und Geisteskräfte concentrirenden Thätigkeit;\neben so soll es sich beim Empfangenden verhalten. Das\nästhetische Verhalten ist in der Musik von dem rein patho-\nlogischen wohl zu unterscheiden. Man sieht, dass diese Sätze\neine Kriegserklärung gegen althergebrachte, vielfach yin\nSchwung befindliche Anschauungen e,nthaltßn, die Vielen\nvon vorn herein wie eine ketzerische Proclamation erschein\nnen wird. Man sehe sich aber das Büchlein nur selbst an,\nund wer über dem Fühlen das Denken nicht ganz abge-\nschworen, wird sich gegen dessen leuchtende Wahrheiten\nnicht verschliesssen können. Wohl mag es sein, dass der\nVerfasser hin und wieder eine Linie zu tief schneidet; aber\nbei einem ersten Kampfe gegen ein eingerostetes Uebel ist\nnichts natürlicher als das. Auch ist es wahr, dass das Büch-\nlein, wie der Autor im Vorworte selbst gesteht, noch man-\nche Lücken hat, dass es noch nicht alle Zweifel und ße-\ndenklichkeiten hebt, seinen Gegenstand noch nicht nach al-\nlen Beziehungen hin durcharbeitet, dass es mehr erst Unter-\nbau und Haupt-Mauerwerk einer künftigen Festung ist.\nWer aber der Erste Iland anlegt an eine so grosse Arbeit,\nnoch überdies tnit so viel Muth und Geschicklichkeit, dem\ngebührt auch Ehre und Dank vor allen Nachfolgenden. Der\nNachfolger, welchen wir Herrn Dr. Ilanslick aber in dem\nbegonnenen Werke am liebsten setzen möchten, wäre doch\nam Ende wieder er selbst. In eine weitere Inhalts-Specifi-\ncirung seines trefflichen Buches können wir uns nicht ein-\nlassen, da wir mit demselben fast so identisch sind, dass\nwir, um unsere Meinung darüber zu sagen, es geradezu ab-\nschreiben müssten. Man informire sich daher selbst, und man\n' * i / 0 { i ' ? « ' . * s 1 .• i i f 4 v 4, t 4 %\nwird es nicht bereuen. Hatten wir hin und wieder Manches\nim Einzelnen noch anders gewünscht, so ist dies ein Mini-\nmum gegen die Vortrefflichkeit des Ganzen, und wird sol-\nche Erweiterung und Berichtigung der Autor seinem Werke\nhoffentlich noch späterhin selbst angedeihen lassen. Denje-\nnigen aber, welche etwa nach den obigen Andeutungen in\ndem Hanslick'schen Boche eine Degradation der Tonkunst\nwittern sollten, können wir nur entgegnen, dass man von\nder Musik als Kunst keine grössere und würdigere An-\nschauung haben kann, als sie unser Autor, richtig verstan-\nden, überall documentirt. Und so möge denn seine Arbeit\nüberall hin weiteste Verbreitung finden! Die guten Wir-\nkungen werden nicht ausbleiben.\n\nr\n\nRoger.\nEs gab eine Zeit in Frankreich, in welcher die vor-\nherrschende Declamation in der Musik die französischen\nSänger zu zwei Extremen iührte, welche beide von der\nwahren Kunst des Gesanges gleich weit entfernt sind: ihr\nmusicalischer Vortrag wurde in der komischen Oper fast\nGespräch, in der tragischen Geheul. Der französische Schau-\nspieler und Declamator neigt sich schon im gewöhnlichen\nVortrage der Verse zu jenem falschen, hohlen Pathos hin,\ndas deutschen und italiänischen Ohren unerträglich ist, und"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "350", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541104-01.1.6", "texte": "mit Recht, weil es nicht die echte Farbe, sondern die\nSchminke der Leidenschaft ist. Im Gesänge artete nun diese\nGewohnheit vollends in Caricatur aus, und die Italiäner\nhatten nicht Unrecht, wenn sie von „französischen Heulern\"\nsprachen.\nDurch sie, die Italiäner, und ihren Meister Rossini\nwurde nun zwar der Geschmack an jener pathetischen De-\nclamation siegreich bekämpft, aber dadurch, dass ihre\nWeise zur Herrschaft kam, ging auch der letzte Rest von\nder Berechtigung des Wortes im Gesänge verloren, die\nPoesie des Drama's und der charakteristische Vortrag wur-\nden Nebensache, ja, sie verschwanden fast ganz vor der rein\nmusicalischen, wir möchten sagen: instrumentalen, Behand-\nlung der Stimme. Die Compositionen begünstigten diese\nRichtung, ja, sie riefen sie zum Theil auch da hervor, wo\nsie noch nicht Wurzel gefasst hatte; die Opernmusik und\nder Operngesang büssten jeden poetischen Inhalt ein, das\nReich der Coloratur, der Triller und Verzierungen trium-\nphirte, die Wahrheit und der dramatische Ausdruck wur-\nden der Sinnlichkeit des Ohrenkitzels geopfert.\nDass die französischen Componisten, namentlich durch\nden Einfluss der deutschen Musik, endlich zu der Einsicht\ngelangten, dass das lyrische Drama mehr sein müsse als\neine Reihe von Concerlstücken, konnte bei einer so gebil-\ndeten Nation nicht ausbleiben, und die Bestrebungen Auber's,\nMeyerbeer's, Halevy's, ja, Rossini's selbst (im Wilhelm Teil)\nsind bekannt. In wie fern sie in der Verschmelzung beider\nElemente, des sinnlichen und des geistigen, glücklich waren,\nwollen wir hier nicht untersuchen. Uns ist nur das von\nWichtigkeit, dass der Grundsatz zur Anerkennung kam.\nDie Sänger adoptirten ihn, und was die Componisten ihrer\nNation nicht vollständig erreichten, das führten die ausüben-\nden Künstler in ihrem Kreise mit mehr Glück zum Ziele.\nDie grossen Tenoristen Nourrit, Duprez und Ro-\nger verschafften dem geistigen Elemente im Gesänge seine\nvolle Bedeutung wieder, ohne in den Fehler zu verfallen,\ndie Technik gering zu schätzen oder zu vernachlässigen.\nIm Gegentheil, sie brachten dieselbe, indem sie sich auf die\nallen Traditionen* der Italiäner stützten, zu einer hohen\nVollendung, nur mit dem grossen Unterschiede gegen die\nneueren Italiäner, dass sie, die Franzosen, diese Technik\nnicht um ihrer selbst willen cultivirten, sondern um sie als\nMittel zu einem höheren Zwecke in ihren Sold zu nehmen,\num sie der Poesie, dem Gefühl, der dramatischen Wahrheit\ndienstbar zu machen.\nVon diesen drei Fürsten des französischen Gesanges\nhat Roger die Kunst des dramatischen Ausdrucks aufs\nHöchste gebracht; sein Gesang hat nicht bloss Schule, er\nhat Stil, das heisst: er ist dargestelltes Leben. Roger ist\nder Ausdruck der gegenwärtigen Epoche des dramatischen\nGesanges. Man kann ihm vielleicht glänzendere, auffallen-\ndere Berühmtheiten entgegen stellen, aber eine vollkom-\nmenere, abgeschlossenere und anziehendere künstlerische\nIndividualiät wird es kaum geben. Der Mensch geht bei\nihm in den Künstler auf und umgekehrt, und man kann auf\nihn anwenden, was Quintilian von dem Ideal des Redners\nsagt: Pcctus est quod discrtum facit „ Das Herz macht\nden Vortrag ausdrucksvoll.\"\nRoger ist in Paris geboren. In seiner Kindheit lies?\nnichts ahnen, dass er dereinst einer der grössten Künstler\nseiner Zeit werden würde; er gehörte keineswegs zu den\nWunderkindern, an deren Wiege sich eine Fee stellt und\nihre Zaubergaben über sie ausschüttet, von denen dann aber\nauch oft gesagt werden kann: „ Wie gewonnen, so zerron-\nnen!\" Sein Vater war Notar, seine Mutler die Tochter\neines Herrn Corse, welcher einer der ersten Directoren\ndes Theaters de l'Ambigu war; das dramatische Element\nkam also von mütterlicher Seite in den Sohn. Beim Tode\ndes Grossvaters war der achtjährige Knabe zugegen, und\nspäterhin äusserte er sich wohl, wenn er sich der letzten\nUmarmung desselben erinnerte: „Ich habe manchmal ge-\nglaubt, dass dabei die Seele des trefflichen alten Schauspie-\nlers in mich gefahren sei.\"\nRoger verlor früh seine Eltern und kam unter die Ob-\nhut eines Oheims, der ihm diejenige Bildung geben liess,\ndie ihn in Stand setzen konnte, den Beruf seines Vaters zu\nergreifen. Allein das Studium der Pandekten stimmte wenig\nmit der Neigung des jungen Mannes überein, der jetzt al-\nlerdings eine gewisse Vorliebe für Theater und theatralische\nBeschäftigungen blicken liess. Das stimmte nicht mit den\nPlanen, die der Oheim mit dem Neffen hegte, und noch we-\nniger mit den Ansichten, welche er, trotz seiner Verwandt-\nschaft mit einem Bühnen-Director, von der theatralischen\nLaufbahn gefasst hatte. Desshalb sandte er Roger, um ihm\njene Lust zu vertreiben, zu einem Notar in der Provinz.\nAber der Kunsttrieb war in dem Jüngling zu stark ausge-\nprägt und fand in dem kleinen Orte um so grössere Nah-\nrung, als er sich aus sich selbst entwickeln musste und ge-\nzwungen war, sich zu seiner Befriedigung selbstwirkend\ndas zu schaffen, was ihm in Paris durch Andere geboten\nwurde, nämlich ein Theater. Der junge Notariats-Lehrling\nversammelte, wenn die Bureaustunden vorbei und die Amts-\nstube geschlossen war, die Schreiber seines Principals und\neinige hübsche Mädchen aus der Stadt zu theatralischen"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "351", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541104-01.1.7", "texte": "Lebungen und Vorstellungen, wobei er Director und Schau-\nspieler in Einer Person war.\nDer Oheim sah ein, zumal da sich die wunderschöne\nTenorslinirae des Neffen jetzt entwickelt hatte, dass er ihn\nseinem bösen Geschicke überlassen müsse. Das Vorurtheil\nguter Familien, das sich dem Entschlüsse, Einen aus ihrer\nMitte auf die Bühne gehen zu lassen, entgegenstellt, ist zwar\ngegenwärtig nicht mehr so herrschend, als früher, jedoch\nnoch keineswegs ganz verschwunden, und es lässt sich nicht\nläugnen, dass, so wie die Zustände unserer Bühnen in allen\nLändern nun einmal sind, die theatralische Laufbahn gar\nviele Klippen hat, an denen oft die schönsten Hoffnungen\nscheitern. Als aber Roger sich im Jahre 1837 mit vierzig\nanderen Bewerbern um die Stelle eines Zöglings des Con-\nservatoires in Paris bewarb und nach der Prüfung zuerst\nvor allen Concurrenten für würdig erklärt wurde, aufgenom-\nmen zu werden, da war seine Laufbahn entschieden und die\nGegner derselben schon halb versöhnt.\nNach einem Jahre trug er den ersten Preis im Gesänge\nund in der Declamation davon, und nun war man freilich\ndarüber im Riaren, dass man es hier mit einem künstlerischen\nGenie zu thun hatte. Der Director der komischen Oper war\nso gescheidt, so schnell wie möglich davon Nutzen zu ziehen,\nund am 16. Februar 1838 trat Roger, kaum 20 Jahre\nalt, zum ersten Male in der Rolle des Georges in Halevy's\nOper „Der Blitz* auf.\nRoger's zehnjährige Wirksamkeit an dem Theater der\nkomischen Oper bezeichnet eine der glänzendsten Perioden\ndieser Bühne und war auch auf die Componisten, welche für\ndieselbe schrieben, von dem grössten Einiluss. Eine solche\nTenorstimme, welche die Schönheit, Frische und Kraft des\nNaturtones des Organs mit der Weiche und Biegsamkeit\ndesselben vereinigte und durch ein Spiel-Talent, welches die\nForderungen der dramatischen Einsicht niemals im Stich\nliess, unterstützt wurde, war auf diesen Brettern noch nicht\nerschienen. Was Wunder, wenn die Dichter und Tonsetzer\nfür dieses Theater sich von der eigentlichen Gattung der\nkomischen Oper etwas entfernten und Werke auf diese\nBühne brachten, welche auch gefühlvolle und ernste Situa-\ntionen behandelten, da sie für diese in Roger einen Dolmet-\nscher und Vertreter fanden, wie sie ihn sich nicht besser\nwünschen konnten?\n(Schluss folgt.)\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nI4tfln. Auf dem Stadttheater setzt Roger sein Gastspiel fort;\nrou einer so anhaltenden Theilnahrae des hiesigen Publicums für\ntheatralische Vorstellungen, und noch dazu zu erhöhten Presen,\nkennen wir kein Beispiel. Er hat ausser den in voriger Nummer\ngenannten Rollen noch den Masaniello in der Stummen von\nPortici (hier und in Bonn) und den Eleazar in der Jüdin ge-\nsungen, und den George Brown hier und in Bonn wiederholt.\nDie Bewunderung seines unnachahmlichen Talents steigt mit jeder\nVorstellung.\nHerr Wiedeinann von Leipzig, den wir am Rheine bereits\nvon unseren Musikfesten her zu seinem Vortheil kennen, wird\nebenfalls in einer Reihe von Gast-Darstellungen auftreten, so das*\nwir jetzt einen wahren Reichthum an Tenören haben. Herr Wie-\ndemann trat am Montag als Robert in Robert der Teufel auf\ngewiss eine schwierige Aufgabe für den wackeren Künstler zwi-\nschen den zwei Vorstellungen Roger's am Sonntag und Mittwoch!\nAllein gleich seine Leistungeu im ersten Acte erregten den lebhal-\ntesten Applaus, der sich in den folgenden, besonders im fünften,\nnoch steigerte. Und mit Recht; denn er ist im Besitz einer kräfti-\ngen Brust- und Kopfstimme, welche er als Sänger zu behandeln\nweiss, und sein Spiel ist durchaus lobenswerth. Die Oper ging im\nGanzen gut; Fräul. Rochlitzist zwar der dramatischen Auffas-\nsung der Alice noch nicht gewachsen, allein sie hat Stimme und\nTalent und verdient wegen ihres lobenswerthen Fleisses anerken-\nnende Aufmunterung, worein es denn auch das Publicum nicht\nfehlen lässt.\nIn nächster Woche wird unsere Oper vier Vorstellungen in\nAntwerpen geben, und wir werden dagegen die französische\nOpern-Gesellschaft unter der Direction des Herrn Naej von dort\nauf unserem Stadttheater sehen. Diese wird 4 Opern geben, welche\ntheils neu sind, wie Le songe dune nuit d'ete von Ambr Tho-\nmas, theils hier noch gar nicht gegeben worden, wie Halevy *\nLes Mousquetaires de la Reine, Auber's „Krondiamanten\" lind Haij-\ndee. Interessant wird dies jedenfalls sein. Was machen die Eisen-\nbahnen nicht alles möglich!\nfldaiisbitrg-, Stadt mit 10.000 Seelen, am tonlosen Zusam-\nmenflüsse des Rhein- und Ruhr-Canals, treibt starken Handel mit\nZucker und Tabak, steht aber bei der FrauMusica in keinem süs-\nsen Gerüche. Schon seit Decennien war in ihr von einem Ge-\nsang- und Orchester-Verein keine Rede mehr, geschweige denn\nvon Concerlen. Diesem Uebel ward aber vor zwei Jahren,\nals Herr A. zur Nieden von Bonn hieher kam und Beide ins\nLeben rief, Halt geboten, und seiner tüchtigen, umsichtigen Leitung\nverdanken wir nun viele musicalische Genüsse. Doch wie gut auch\nder Wille, die Kräfte blieben schwach; es war daher ein glück-\nlicher Gedanke, mit dem benachbarten Mülheim an der Ruhr\nHand in Hand zu gehen und gemeinschaftliche Concerte zu grün-\nden. Das erste fand daselbst am 3. September Statt und galt der\n„Zerstörung Jerusalems44 von F. Hiller. Die Ausführung unter dem\ndortigen Dirigenten, dem excellenten Violin Virtuosen Herrn Hub.\nEngels, gelang vortrefflich, wozu der berühmte kölner Tenorist\nHerr Koch gar viel beitrug. Das zweite Concert, unter Direction\ndes Herrn zur Nieden, hatten wir am 8. October hier, und in\nder zweiten Hälfte desselben den hohen Genuss des ersten Theiles\ndes „Paulus\" von Mendels sohn-Bartholdy. Accuratesse, Fein-\nheit und Kraft in den Chören, seelenvoller Vortrag der Soli bei\nschönen Stimmmitteln in welchem sich namentlich zwei mülhei-\nmer Damen, V. und T., und ein hiesiger Baritonist S. auszeichne-\nten gaben dem Ganzen eine schöne, gelungene Abrundung, und\nwohl gebührt dem Dirigenten die volle Ehre der tüchtigsten Lei-\ntung. Im ersten Theile erfreuten die genannten Musik-Directoren\ndurch ihr herrliches Zusammenspiel der Kreuzer gewidmeten A-dur-\nSonate von Beethoven den Laien wie den Kunstkenner, und\nblieb dabei nur die mangelhafte Beschaffenheit des Flügels in"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "352", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541104-01.1.8", "texte": "bedauern. Unser obiger Bariton Herr S. trug in ergreifender Weise\ndas von Herrn zur Niedcn componirte Ilerwegh'sche Lied: „Ich\nmöchte hingehen\", vor, eine Composition, deren Schönheit der Sän-\nger mit tiefer Innigkeit offenbarte und die in weiteren Kreisen be-\nkannt zu werden verdient. Die hiesige Liedertafel producirte\nzwei Lieder von Rein ecke und Abt; sie laborirt, wie viele\nkleine Vereine, an schönen Tenören und erzielte darum auch trotz\nihrer sonstigen guten Kräfte noch keine erheblichen Erfolge.\n' 7\nBremen. Zum Benefice des Capellmeisters Sobolewski\nwurde dessen Oper „Der Prophet von Chorassan\" zum ersten Male\nhier aufgeführt.\nWien. Herr Ander, welcher am 22. October 1845 als „Stra-\ndella\" zum ersten Male die Bühne betrat, hat vor einigen Tagen,\nalso fast am Jahrestage seines neunjährigen Wirkens, wieder diese\nPartie in ungetrübter Frische seiner Stimme und nun als vollende-\nter Künstler gesungen und damit einen grossartigen Triumph ge-\nfeiert. Eben so glänzend war seine Leistung als „Prophet\", den er\nnach sechszehnmonatlichem Zwischenräume wieder sang, und in\nwelchem er all die schönen Vorzüge seiner künstlerischen Ausbil-\ndung auf das entschiedenste zur Geltung brachte. An beiden Aben-\nden wurde er von dem Publicum auf das lebhafteste ausgezeichnet.\nFräul. La Grua ist zur Freude der Musikfreunde bereits wie-\nder als „Fidelio\" und „Agathe\" aufgetreten und hat die rauschend-\nste Aufnahme gefunden. Mit in diese Auszeichnungen theilten sich\nFräul. Liebhardt und Herr Erl, welch letzterer leider wenig\nbeschäftigt wird.\nAls Bandit erschien in „Stradella\" HerrMayerhofer, der nur\nzu deutlich bewies, dass Staudigl bis jetzt noch nicht ersetzt ist\nund dass es wohl noch lange dauern wird, bis die durch diesen\nAustritt entstandene Lücke entsprechend ausgefüllt worden.\nLondon. Jullien, welcher von seiner Reise nach America\nwieder zurückgekehrt ist, beginnt am 30. October hier wieder eine\nReihe von Concerten.\nDie Oper in Manchester macht Glück; es sind fast lauter\ndeutsche Künstler dabei, die jedoch in italiänischer Sprache singen.\nDie dortige Kritik bespricht auf ehrenvollste Weise Fräul. Agnes\nBury, Frau Küchenmeister-Rudersdorf, Frau Caradori,\ndie Herren Karl Formes, dessen Bruder Hubert Formes,\nBariton, welcher zum ersten Male die Bühne betritt, den Tenoristen\nReichardt u. s. w. Dirigent ist ebenfalls ein Deutscher, der\nPianist Halle, der seit längerer Zeit in Manchester wohnt.\nIn der Eisengiesserei der Herren Edward, Bellhouse & Comp,\nzu Manchester wird jetzt ein eisernes Theater im Auftrage\neines Herrn G. Coppin gebaut. Dieser hat einen Schauspieler\nvon Ruf, Namens Brooke, auf zweihundert Vorstellungen in\nAustralien engagirt, 50 Pf. Sterl. für jede, mithin für 10,000 Pf.\nSterl. Um nicht durch Mangel an geeigneten Räumen oder über-\ntriebene Miethforderungen der Eigenthümer irgendwie gehindert zu\nsein, nimmt Herr Coppin sein eigenes Gebäude mit, ein vollständi-\nges Theater für 4000 Pfund. Es wird 88 Fuss lang, 40 Fuss breit\nund 24 Fuss hoch. Das Parterre soll jedesmal durch Ausgrabung\ndes Bodens vertieft werden. Die Fabrik-Inhaber haben sich ver-\npflichtet, das Theater binnen dreissig Tagen vom Tage der Unter-\nzeichnung des Contractes an fix und fertig zum Einschiffen nach\nLondon zu liefern.\nIVew-YorU. Die Gebrüder Moldenhauer, welche mit\nJullien hieher gekommen waren, haben sieh hier niedergelassen\nund am 10. October eine Reihe von Soireen für Kammermu-\nsik begonnen. Zugleich haben sie in Verbindung mit Madame\nPeaucellier, einer Pianistin aus Paris (?), eine Musikschule\neröffnet für Composition, Gesang, Pianoforte, Violine und Violon-\ncell. Der erste Jahres-Cursus sollte im October beginnen und ist\nauf neun Monate berechnet."}]}