{"numero_id": "bm-bmtnabi-1854-11-11-01", "volume": "bmtnabi_1854-11-11_01", "ocr_sha256": "1e29c895754baf5196b24e8b9a2547c310146ef830f52c019867783c8fbd6115", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1854/11/11_01/bmtnabi_1854-11-11_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541111-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1854-11-11-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-11-11_01#c001", "volume": "bmtnabi_1854-11-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "353", "page_fin": "355", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541111-01.2.1", "titre_corps": "Pariser Briefe.", "titre_sommaire": "Pariser Briefe.", "signature_source": "B. P", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "353", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541111-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4119, "texte": "Pariser Briefe.\n\n[Die blutige Nonne von Cli. Gounod.]\nDie kaiserliche Oper hat endlich das neue musicalische\nDrama gebracht, welches schon seit vorigem Jahre wie\neine drohende, düstere Wolke am Theater-Horizont schwebte,\nderen Blitze, wie man behauptete, die schwüle musicalische\nLuft reinigen und eine neue Morgenröthe am Himmel der\nTonkunst heraufführen würden. Nun, sie ist geplatzt, aber\nes ist danach weder hell geworden, noch hat man eine\nwohlthätige Erschütterung des Bodens, auf welchem die\nDramen und Opern wachsen, bemerkt. Der Componist\nCharles Gounod hatte sich durch seine früheren Arbei-\nten, die Oper Sappho und die Chöre zum Ulysses von Pon-\nsard, manche Sympathieen erworben; man bemerkte darin\nein edles Streben nach dramatischer Wahrheit, ein Ver-\nschmähen abgenutzter Effectmittel, eine Rehabilitation der\nEinfachheit gegen das Raffinement und den Lärm der Spec-\ntakel-Oper. Freilich war dieses Streben nicht zu der Kraft\nerstarkt, mit sich vollkommen einig zu bleiben; auch die\n„Sappho\" enthielt schon Musikstücke, welche durch ihre\nzerrissene Form und das Fratzenhafte des leidenschafj liehen\nAusdrucks geradezu hasslich waren; jedoch liessen sich an\ndie besseren und vorherrschend musicalischen Stellen Hoff-\nnungen knüpfen. Leider haben sich diese durch die neue\nOper nicht erfüllt; Gounod, vielleicht von dem schauder-\nhalten Textbuche verleitet, hat eine Musik dazu gemacht,\nvon der es schwer zu entscheiden ist, ob sie mehr langwei-\nlig oder mehr barock sei, und die von Neuem den Beweis\ngibt, auf welche Abwege die Missachtung des Schönen und\ndie plumpe Verkehrung des Kunstwahren in das Natur-\nwahre, des Idealen in das Reale führt.\nScribe's Erfindungsquelle versiegt immer mehr; alle\nOpern-Texte, die er in den letzten Jahren geliefert, sind\neben so viele Zeugnisse von der Erschöpfung seines Ta-\nlentes es sind immer dieselben Situationen, die hundert\nMal schon gespannten Federn, die verbrauchten Mittel, das\newig Dagewesene kurzum, Alles, nur keine Poesie. Er\ngreift jetzt nach aussen, um dramatischen Opernstoff zu ho-\nlen, weil er keinen mehr in sich hat; aber nicht wie die Ita-\nliäner nach Shakspeare und Schiller, sondern nach den\nGespenstergeschichten in der romantischen Rumpelkammer.\nAus einem Drama, welches vor etwa zwanzig Jahren auf\ndem 77ledlreFr eine als, gegeben wurde, das aber seine ur-\nsprüngliche Quelle in dem Roman „Der Mönch\" von Le-\nwis hat, ist der Text der Nonne sanglante zurecht gemacht.\nDie Handlung spielt in Böhmen. Zwei Häupter der\nböhmischen Montecchi und Capuletli werden durch keinen\nKleineren als Peter den Eremiten versöhnt. Den Bund soll\neine Heirath besiegeln: Agnes Moldau soll Theobald Lud-\ndorfs Gattin werden. Aber dessen zweiter Sohn Rudolf\nliebt Agnes, schlägt eine andere Braut aus (Hugenotten)\nund wird dafür von seinem Vater verflucht (Othello —Jü-\ndin). Agnes entschliesst sich nach einem Duett, mit ihm zu\nHieben (Hugenotten Jüdin) unter dem Schutz der Sage\nvon der blutigen Nonne. Um Mitternacht (von den fünf Ac-\nten spielen vier im Dunkel der Nacht!) harrt Rudolf ihrer;\nsie erscheint als verschleierte weisse Dame. Rudolf schwört\nihr Treue und steckt den Verlobungsrinsr an ihren Finder\nO O o\n(Zampa), Der Unglückselige hat sich mit einem Gespenste\nverlobt; denn die wirkliche blutige Nonne lässt nicht mit\nsich spassen und ist in eigener Person erschienen. Um die\nTäuschung zu vollenden, erfahren wir durch den Komö-\ndienzettel, dass sie auch Agnes heisst. Sie zieht ihn mit\nsich fort zur Verlobungsfeier in den Ruinen eines alten\nSchlosses, welches plötzlich in seiner früheren Pracht er-\nscheint; Gespenster marschiren auf (Robert der Teufel);\nZeugen und Gäste sind aus den Gräbern zur Hochzeit ee-\n-0 o\nladen (Ju if errant),und dass Rudolf nicht den Verstand in\ndieser Gesellschaft verliert, dafür muss er dem Dichter sehr\ndankbar sein, der ihn mit einer überaus derben Constitu-\ntion ausgestattet hat.\nGlücklicher Weise stirbt sein Bruder, der bestimmte\nBräutigam seiner Agnes, nämlich der natürlichen, und die\nübernatürliche, welche stets um Mitternacht an seinem La-\nger erscheint, gibt ihre Einwilligung unter der Bedingung,-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "354", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541111-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5131, "texte": "dass er sie an ihrem Mörder durch dessen Tod räche.\nNichts einfacher als das doch nein: wir müssen einen\ntragischen Conllict haben, also denunciren wir durch einen\nFingerzeig der Nonne beim Hochzeitsfeste, und diesmal\nausnahmsweise am hellen Tage, den alten Luddorf als Ver-\nführer und Mörder der blutigen Agnes. Rudolf erstaunt,\ndie Zuschauer dessgleichen; denn bis zu diesem Augen-\nblicke hat der harmlose Alte vier Acte hindurch auch nicht\ndie leiseste Spur vom Charakter eines grausamen Blaubarts\nverrathen und nicht die geringste Anwandlung von Reue\ngezeigt. Rudolf verzweifelt an der Lösung des Knotens;\ndie Zuschauer auch Herr Scribe nicht. Er lässt den\nalten Sünder den Entschluss fassen, incognito unter den\nDolchstichen zu sterben, welche die erzürnten Gegner sei-\nnem Sohne zugedacht hatten Alles wieder mit Hülfe\nder Nacht. Die Nonne quittirt über genossene Rache, fährt\nauf Wolken empor, und der Vorhang fällt.\nDiesmal sind denn doch auch sämmtliche pariser Kri-\ntiker, selbst die literarische Claque, darüber einig, dass ein\nerbärmlicheres Opernbuch noch nicht geschrieben sei. Der\nComponist war in einer schlimmen Lage; es spricht aber\nschon der Entschluss, es in Musik zu setzen, gegen ihn. Es\nwar unmöglich, dass die Musik in den drei letzten Acten\ndas immer mehr und mehr schwindende Interesse aufrecht\nerhalten konnte; sie erlahmt zugleich mit der Handlung\nund wird am Ende so langweilig, dass die guten Gedanken,\ndie hier und da auftauchen, nicht einmal mehr bemerkt\nwerden. Mit dem zweiten Acte ist das musicalische Interesse\nan der ganzen Oper vorbei.\nEin grosser Fehler des Buches ist auch der, dass dem\nComponisten keine Gelegenheit geboten ist, musicaüsche\nRollen durchzuführen, mit Ausnahme der einzigen des Ru-\ndolf, welche alle übrigen dominirt und ganz unverhältniss-\nmässig hervortritt. Diese Tenor-Partie erfordert einen Ge-\nsang-Riesen, um ein Lied, zwei Arien, fünf grosse Duette,\nzwei Finale's und eine Menge von declamirten Scenen zu be-\nwältigen! Dagegen haben die beiden Agnesen, die Braut und\ndie Nonne, kein einziges Solostück; die Partie der Nonne\nist bloss declamatorisch behandelt, das Orchester spielt da-\nbei eine weit bedeutendere Rolle, als die Melodie es\nscheint mir überhaupt, als kenne Gounod die Musik und\ndie musicalisch-ästhetischen Ansichten R.Wagners ; nun\nkann man sich denken, was herauskommt, wenn ein fran-\nzösicher Componist, der ein Schüler Lesueur's und Anhän-\nger von Meyerbeer und Berlioz ist, Wagner'sche Grund»\nsätze annimmt und durch die That zu verwirklichen strebt!\nAlso dio beiden ersten Soprane declamiren bloss; dafür hat\naber ein Page der obligate Scribe'sche Page, der hier\nauch nicht die geringste Berechtigung hat den Vorzug,\nzwei Mal Couplets vorzutragen. Der Bariton (Luddorf) hat\neigentlich nur im vierten und fünften Acte zu singen, da-\ngegen verschwindet der Bass (Peter, der Eremit) mit dem\nersten Acte wieder von der Scene»\nBei so mangelhaftem und den musicalischen Bau mehr\nhinderndem als förderndem Gerüste, ferner bei der Aufgabe,\nso oft schon da gewesene und von tüchtigen Meistern com-\nponirte Situationen von Neuem musicalisch darzustellen,\nmusste die Oper als Ganzes misslingen, wenn man auch\nEinzelheiten eine gewisse Anerkennung nicht versagen\nkann. Von Stil kann aber bei einer Musik gar nicht die\nRede sein, welche uns nicht bloss in ihrer allgemeinen Art,\nsondern selbst durch eine Menge von positiven Reminiscen-\nzen an alle möglichen Schulen von Gluck bis auf Berlioz,\nFelicien David und Wagner erinnert, und durch den gro-\ntesken Instrumental-Luxus das Wort Voltaire's:\nblime au ridicule il ny a qu'un pasu, wieder zur Geltung\nbringt.\nIndessen hat Gounod seine Apostel, die ihn gern zum\nPropheten einer neuen Lehre, zum Herold des Fortschrit-\ntes, zum Helden der Zukunft machen möchten. Es fehlt\nder französischen musicalischen Literatur eben so wenig\nan ideologischen Phrasenmachern, als der deutschen Wag-\nner-Secte. Nach den Ansichten jener tritt die Musik gegen-\nwärtig in ein drittes Stadium ihrer Entwicklung, indem sie\n„rational\" und „unpersönlich\" wird. Diejenigen\nComponisten, welche sie auf diese Höhe (?) führen, wie\nBerlioz, Gounod u. 3. w., sind „ zugleich Spiritualisten und\nMaterialisten\"; sie stellen „die göttliche Einheit zwi-\nschen der Schöpfung und dem Schöpfer\" wieder her\n„die Blume und der Thautropfen, das Sandkorn, die phy-\nsische Natur und der Mensch, ein edler Gedanke, ein me-\nlancholisches Gebäude, Alles ist Harmonie für sie\" aber\n„sie forschen auch nach den Gründen und Ursachen des\nGefühls; es gibt für sie keine Aufgabe, welche das Gefühl\nstellt, und welche die Philosophie und Reflexion nicht lösen\nund erklären könnte\". Nimm folgende Redensarten\nhinzu: „Der Anlauf, den diese Reformatoren nehmen, ist\nkühn, aber er ist wohl überlegt; sie werden ihr Ziel er-\nreichen. Das Publicum kommt schon jetzt so weit, nicht«\nmehr auf Regeln und absolute Principien zu geben; es\nbegreift, dass das Genie frei von Hemmnissen sein muss,\ndass ihm keine Schranken gesetzt werden dürfen, dass alle\nMittel zur Erreichung seines Zweckes ihm erlaubt sein müs-\nsen. So ist denn auch Gounod's Orchester ganz sinfonistisch"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "355", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541111-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3136, "texte": "und trotz einer gewissen Schwere und einer manchmal ne-\ngativen Sonorität, welche durch die Verbindung der In-\nstrumente in zu nahen Intervallen entsteht\" (ein köstlicher\nAusdruck lür gräuliche Dissonanzen!) —, „vollkommen\ngeeignet, die poetische Idee zu verwirklichen. Seine Har-\nmonie ist merkwürdig; die natürlichen (?) Dissonanzen sind\nlür ihn eine unversiegbare Quelle unerwarteter Effecte und\nneuer Entdeckungen, über die man entzückt ist.\" Nun?\nbist du jetzt im Klaren, dass es in Frankreich eben so\nspukt, wie in Deutschland?\nDas Musikstück, welches diese „ entzückende\" Behand-\nlung des Orchesters vorzüglich offenbaren soll, ist die In-\nstrumental-Musik vor dem Erscheinen der Larven und Ge-\nspenster in den Ruinen des alten Schlosses. Höre, wie\neiner der Apostel Gounod's dieses Stück schildert!\n„Es ist eine Art von nachahmender Sinfonie. Der\nWind ächzt über die Haide Hunde irren im Felde um-\nher, heulen auf grässliche Weise und wittern Leichen\naus der Tiefe der stehenden Wasser erhebt sich klagend\nund monoton das Quaken der Kröten (crapauds) als ein\nGrab-Concert, welches die Seele mit wahnsinnigem Schrecken\nerfüllt. Man friert, man möchte fliehen. Noch nie hat man\ndie Grabesfarbe so weit getrieben, noch nie durch eine\nCombinaiion von Instrumenten eine so erschreckende Wahr-\nheit erreicht! Die Klosterscene in Robert der Teufel ist\nnur eine Elegie dagegen.\"\nDu hältst das vielleicht für Ironie? Nichts weniger als\ndas. Das Stöhnen und Sausen des Windes und das Geheul\nder Hunde wird durch Brummstimmen, und das Ge-\nquake der Kröten durch einen und denselben tiefen Flöten-\nton, der abwechselnd auf den guten und schlechten Tact-\ntheil fällt, dargestellt! Trotz alledem ruft der eben citirte\nApostel aus: „Man muss dieses wunderbare Stück hören,\nman muss es auch sehen! Wer es gehört und gesehen\nhat und dann noch die objective Macht der Musik\nläugnet, ist entweder blind oder taub; man muss ihn nicht\ntadeln, sondern beklagen!\"\nO, ich Beklagenswerther, der ich das ganze Geheul\nder atmosphärischen und der bestialischen Natur für ein\neinziges Recitativ oder ein paar Tacte Melodie dahingehe,\ndie mir die geistige Natur enträtlrseln, die mir ein\nbestimmtes Wesen von Fleisch und Blut und Herz und\nSeele, die mir einen Menschen, einen Charakter in\nseiner Eigentümlichkeit offenbaren! Heilige Cacilia! ist die\nKunst dazu da, das Geheul eines Hundes zu reproduciren,\ndas der etwaige Liebhaber solcher Musik viel wahrer und\nWohlfeiler haben kann* wenn- er den ersten, besten Köter\nprügelt? Und soll ihre Aufgabe sein, eine quakende Unke\naus dem Sumpf und einen aashungrigen Hund aus Kon-\nstanlinopel zu charakterisiren ? Leichter ist das freilich, als\neinen Osmin oder Leporello, eine Donna Anna oder Su-\nsanne, einen steinernen Gast oder Don Juan in Tönen zu\nzeichnen.\nAber auch gegen diesen Vorwurf weiss unser Kritiker\nRath. Zwar gesteht er ganz naiv, dass das Werk im Gan-\nzen befriedigt habe, aber doch noch mehr hätte befriedigen\nsollen; da aber das Textbuch keine Charaktere enthalte,\nso sei der Componist gezwungen gewesen, „ seinen eigenen\nCharakter anstatt der dramatischen Charaktere zu ent-\nwickeln\" !\n\nB. P."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-11-11-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-11-11_01#c002", "volume": "bmtnabi_1854-11-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "355", "page_fin": "357", "image_debut": 3, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541111-01.2.2", "titre_corps": "Aus Frankfurt am Main.", "titre_sommaire": "Aus Frankfurt am Main.", "signature_source": "A. S", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "355", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541111-01.1.3", "debut_caractere": 3138, "fin_caractere_exclue": 4774, "texte": "Aus Frankfurt am Main.\n\nI.\nDer Cyklus der Museums-Concertc - zehn an Zahl\nhat am 3. November unter Herrn Messer'« Leitung\nbegonnen. In der Ankündigung erklärte der Vorstand:\n„Seiner bisherigen Richtung getreu, wird das Museum in\nder würdigen, möglichst vollendeten Ausführung der gros-\nsen Instrumentalwerke unserer classischen Meister seine\nHaupt-Aufgabe erkennen, dabei aber sich auch lür verpflich-\ntet erachten, anerkannt tüchtige Compositionen neuen und\nneuesten Ursprungs in seinen Kreis zu ziehen.\" Gewiss\nein löblicher Vorsatz, der dankbar hinzunehmen ist; wäre\ner nur schon viele Jahre früher gefasst und ausgeführt wor-\nden, damit das musicalische Frankfurt Gelegenheit erhalten\nhätte, kennen zu lernen, was die Fesca (Vater), Adolph\nHesse, Kaliwoda, F. Lachner, Nohr und Andere allein nur\nin der Sinfonie Tüchtiges geleistet und in welcher An-\nzahl ! —, das allenthalben gewürdigt worden, wogegen die\nneuesten Erzeugnisse dieser Gattung fast durchgängig zu-\nrücktreten müssen. Jene Männer wollten nur einlach geben\nund haben gegeben, was sie in sich trugen, ohne Blasebälge\nund Programme zu Hülfe zu nehmen, in überschwänglicheti\nLucubralionen über die Sinfonie zu träumen, und die clas-\nsischen Formen, vermittels deren ein solches Werk allein\nfassbar und verständlich werden kann, zu verrenken, um\nneu zu sein.\n' Strebt weiter und weiter, doeh haltet nur\nAn der ewig wahren, ;der alten Natur.\nJa, die alte Natur, die war hierorts von jeher die im\nConcertsaale festgehaltene» woran vielleicht dieser Göthe'sche\nSatz zur Hälfte Ursache sein mag, die andere Hälfte aber\njedenfalls auf Rechnung der vorherrschenden, tonangeben-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "356", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541111-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5197, "texte": "den Classicomanie und gewisser Zustände zu stehen kommt,\ndie selbst das Nachhinken hinter der Zeit unmöglich zu\nmachen wissen. Daher ist das Mittelglied zwischen der mit\nBeethoven abgeschlossenen classischen Epoche und der\njüngsten Zeit in kaum drei, vier Namen hier gekannt. Der\nVorstand des Museums erachtet sich vielleicht auch für ver-\nnichtet, nach und nach lür Ausfüllung dieser Lücke Sorge\nzu tragen. Aber, aber kennt man das „leitende PrincipK\ngenau, wie Referent es durch sechsjährige Beobachtung zu\nkennen glaubt, dann darf wohl unverhohlen gefragt werden:\nHat wohl der Vorstand bei Fassung seines Vorsatzes die\nRechnung mit dem Wirthe gemacht? Hat Herr Musik-Di-\nrector Messer wohl auch seine Zustimmung gegeben? Hat\ner sich für verpflichtet erachtet, tüchtigen Werken noch\nunbekannter, nicht im Kufe stehender Componisten ein\ntreuer Führer ins frankfurter Leben zu werden? Soll über-\nhaupt ihm die Anerkennung der Tüchtigkeit und Würdig-\nkeit zur Aufführung überlassen bleiben? Wahrlich, da\nstände es schlimm um die armen Componisten; denn Herr\nMesser ist uns ja allen hier als Classicomane par excellence\nbekannt, und findet Nichtclassisches noch Raum bei ihm,\nso geschieht es durch irgend welche äussere Einwirkung.\nDer Mensch ist eben nur, was Erziehung und Neigung\naus ihm machen; er gibt auch in der Regel nur, was er in\nsich trägt. Diese Erfahrungssätze auf Herrn Messer ange-\nwandt, wird es nur dem Unerfahrenen nicht einleuchten\nwollen, dass ein Classicomane nicht jeder Kunstrichtung\ngerecht sein könne und fast ausschliesslich nur Einer hul-\ndigt. In diese hat er sich mit allen seinen Seelen- und Gei-\nsteskräften eingelebt, sie hat sich mit dem Individuum iden-\nlificirt, der Glaube an diese Eine Kunstrichtung hat sich\nwie ein allein seligmachender aller seiner Sinne bemächtigt,\ndarum kann er eine andere nicht mit gleicher Liebe um-\nfassen und pflegen. Aber, kann entgegengestellt werden,\nHerr Messer ist ja selbst Componist, er hat einige Streich-\nOuartette und andere Compositionen zur Aufführung ge-\nbracht, wovon den ersteren von unbefangenen Beurtheilern\n(.denen sich Referent offen und laut beigesellt) Kunstwerth\nzuerkannt worden; wie reimt sich das mit dem Gesagten?\nEs reimt sich in der That so wenig, als bei gewissen Cha-\nrakteren sich vieles Andere, oft Alles, nicht reimt und den-\nnoch besteht.\nFreuen wir uns indessen des Vorsatzes des Concert-\nVorstandes, und warten wir die Dinge ab. An dieser Be-\nhörde wird es nun aber sein, die benöthigten Mittel zu be-\nwilligen, damit ihr Versprechen in Erfüllung gehen könne\nund der Musik-D rector nicht Grund finde, zu sagen: In\neiner einzigen Probe von zwei, höchstens drei Stunden (oft\nnoch im eiskalten Saale), wo noch andere Werke vorzube-\nreiten waren, konnte für die Composilion des X nicht das\nErforderliche geschehen, darum das Missfallen. Dies war\nnach Versicherung alter Besucher des Museums immerhin\nder Fall, und darum wurde an dem lieben Alten festgehal-\nten; denn es war für den jeweiligen Dirigenten (gleichfalls\naber auch für die Gasse) sehr bequem, auswendig gekannte\nWerke einmal des Morgens durchzulaufen, um sie Abends\nbloss mechanisch abzuspielen.\nDer Wunsch unserer Musiker und Musikfreunde, nicht\nminder auch des Referenten, die hochberühmte und vielbe-\nsungene Frau Clara Schumann zu hören, ward in die-\nsem ersten Museums-Concerte erfüllt; aber wiederum be-\nwährte es sich, dass, sind die Erwartungen zu hoch ge-\nspannt, sie gemeiniglich kaum zur Hälfte befriedigt werden.\nMan erwartete, dass Frau Schumann die in unseren Tagen\nfast ganz verloren gegangene Kunst verstehe, classische\nWerke classisch aufzufassen, sie in ihren Tiefen zu ergrün-\nden und dem gemäss zur Darstellung zu bringen. Wir\ntäuschten uns. Frau Schumann präsentirte sich als Pianistin\nvon Geist, die jedoch in der grossen Schar der Pianisten\nviele ihres Gleichen zählt, n.it Männern aber wie Thalberc,\no*\nLiszt, Chopin, ITenselt u. A. nicht zu vergleichen ist. Sie,\nintroducirte sich mit Beethoven's Bei einem\nWerke solchen Calibers fragt es sich nicht bloss: „Bringt\nder Spieler das erforderliche Zeug dazu mit?\" sondern auch:\n„Wie steht es um dessen Auffassung im Ganzen, um das\nVerständniss im Detail und um das Verstehenmachen ?\"\nAddiren wir zu diesem Werke noch das vorgetragene Rondo\naus einer Wreber'schen Sonate und die am folgenden Abende\nvorgetragene C-dwr-Sonate, Op. 53, von Beethoven, so ge-\ntrauen wir uns den unwiderleglichen Beweis gegen alle\nSchumann-Enthusiasten zu führen, dass von einer Ergrün-\ndung inhalthabender Tonstücke bei dieser Künstlerin eben\nso wenig die Rede ist, als z. B. bei Mortier Defontaine,\nErnst Pauer, bei Wilhelmine Clauss und bei der\nmodernen Virtuosen, denen bekanntlich jegliches Werk nur\nals Folie zu ihrer Fingergeläufigkeit dienen muss. Fern\nwar mithin die dem Üs-dttr-Concert inwohnende Grösse\nund Würde, weil es, den Mittelsatz ausgenommen, im buch-\nstäblichen Wortsinne farblos abgehetzt wurde. Vor nicht\nlange hat dasselbe an der nämlichen Stelle unser Eduard\nRosenhain vorgetragen, und es darf versichert werden, dass,\nobwohl seine Hände nur für Kammermusik sich eignen, er\ndessen Charakter ungleich näher gekommen, als dies der\nhochberühmten Künstlerin gelungen ist."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "357", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541111-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3901, "texte": "Die Beethoven'sche Sonate, die in der Soiree im .Hol-\nländischen Hofe\" vor der Elite der hiesigen Gesellschaft\nvorgetragen wurde, hatte im ersten Satze das Tempo nach\nM. M. 1 8.4 = wobei allein schon das blosse Hörenlas-\nsen aller Noten ausser aller Möglichkeit liegt. Es wurde\ndarum in diesem, wie in dem gleichfalls überjagten Alle-\ngreUo-grazum-Satz gleich einer unberühmten Pianistin\ngewischt und gehudelt. [?] Noch hörten wir in dieser Soiree\ndas Andante und Scherzo aus Joh. Brahms' jF-mo//-Sonate,\nVariatims von Mendelssohn, St. Heller's\nnebst einer derlei Zugabe am Schluss. Im Ganzen erschien\nuns der Charakter des Spiels als ein monotoner und flacher,\nund nur mit Hülfe des gleichfalls missbrauchten Pedals wird\neine gewisse spätherbstliche Färbung hervorgebracht*). Die\nTemperatur der Atmosphäre an beiden Abenden war eine sehr\nhohe, keineswegs jedoch durch die Virtuosin bewirkt, was ihr\nnicht entgangen sein dürfte; denn in Wahrheit halten sich\nunter allen Nummern nur die meisterhaften Variations se-\nrieuses von Mendelssohn eines warmen Beifalls zu erfreuen,\nweil deren Vortrag allein ein künstlerisch besonnener ge-\nwesen. Unser musicalisches Publicum ist nun einmal ein\ngrundehrliches gegen fremde Künstler und iässt sich zu\nkeinen Beifalls-Ekstasen hinreissen, die es späterhin zu be-\nreuen hätte so im Concertsaale, so im Theater. Frau\nSchumann war in ihren Vorträgen durch treffliche Instru-\ninente aus C. Andre's Fabrik unterstützt.\nEin würdiger Pendant zu Beethoven's Clavier-Concert\nwar in dieser ersten Museums-Sitzung die Ausführung der\nG*-mo//-Sinlönie von Mozart, vornehmlich in den beiden\nAllegro-Sätzen. Dergleichen bekundet sich als der Culmi-\nnationspunkt von burschicosem Muthwillen und Leichtsinn,\naber auch von weit mehr noch, Seitens eines Dirigenten.\nHat Herr Messer wohl je erwogen, wie weit man in Be-\nschleunigung der Tempi gehen dürfe, um den Contrabässen,\nVioloncellen und Violen die Ausführung laufender Passagen\nnoch möglich zu machen? Graut ihm nicht vor dem Ge-\nvvische und Gefitschel aller Streich-Instrumente? Hat er\nwohl je erwogen, welche Bewegung erforderlich sei, um\nmehrere Motive, contrapunktisch verschlungen neben ein-\nander einhergehend, zur Klarheit und möglichen Verständ-\nlichkeit zu bringen? Sicherlich niemals; sonst hätten wir\nnicht in fast allen Instrumental Werken, die das Missge-\nschick gehabt, unter seinen Tactstock zu gerathen, Aehn-\nliches erleben müssen, wie neuerdings in dem Mozart'schen\nWerke. Es passirt diesem Orchester-Director selten, das's\ner im Eingange eines AHegro-Satzes das ihm entsprechende\nTempo ergriffe; aber was wird daraus oft schon, bevor\nnoch das zweite llaupt-Motiv eingetreten? Das einfache\nAllegro ist schon in ein Molto übergegangen und wird von\nPeriode zu Periode immer schneller und schneller, so dass\nes mit einem Presto endigt. Sauve qui peut! Im Gleichen\nwiderfahrt es jedem Andante: es endigt in der Kegel mit\nAllegretto. Ihr beklagenswerten Componisten, Classiker\nwie Aspiranten, was wird unter solcher Fuchtel aus den\nProducten eurer langjährigen Studien und Mühen in wenig\nMinuten oft für ein widriges Zerrbild von Trivialität gemacht!\nEinmal auf diese Bahn gedrängt, wird Referent die seit\nso vielen Jahren hier erlebte Unwirthschaft mit Instrumen-\ntal-Musik in ihren Ursachen weiter beleuchten. Es wäre\nFeigheit, ja, Verbrechen an unserer schönen Tonkunst,\nwollte er sich länger den Zwang auferlegen, sich in Schwei-\ngen zu hüllen. Endlich sei nur noch Dank, grosser ä)ank\ndem Opernsänger Herrn Ilardtmuth gezollt für den in\njeder Hinsicht meisterhaften Vortrag von F. Schubert's\n„Waldesnacht\" im Museum. Diese Leistung allein konnte\nReferenten und auch Anderen noch zu dem Bekenntnisse\nverhelfen: Diem non perdidi.\n*) Unsere Ansicht über das Spiel von CI. Schumann ist gänzlich\nverschieden von der unseres geehrten, aber heute ganz beson-\nders grämlichen Correspondenten. Die Redaction.\n\nA. S."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-11-11-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-11-11_01#c003", "volume": "bmtnabi_1854-11-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "357", "page_fin": "359", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541111-01.2.3", "titre_corps": "Roger.", "titre_sommaire": "Roger.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "357", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541111-01.1.5", "debut_caractere": 3903, "fin_caractere_exclue": 5081, "texte": "Roger.\n(Fortsetzung statt Schluss.)\nRoger war das Schoosskind der Direction und des Pu-\nblicums der komischen Oper; dennoch durfte er sich nicht\nzurückhalten lassen, dem Rufe zu einer Mitwirkung im hö-\nheren lyrischen Drama zu folgen. Er nahm die Anstellung\nan der grossen Oper an, sowohl durch die glänzenden äus-\nseren Bedingungen, als durch die Aussicht auf eine bedeu-\ntendere künstlerische Wirksamkeit bewogen. Freilich ist er\nauf der Bühne der komischen Oper nicht ersetzt worden,\nund wenn man seinen George Brown in der Weissen Dame\nsieht, so begreift man das; allein das ist kein Grund, seinen\nUebergang zur Academie de Musique zu tadeln; denn der\nerste Sänger Frankreichs gehörte auch auf die erste Bühne\ndes Landes.\nDer Erfolg rechtfertigte vollkommen den Schritt Ro-\nger's, zu welchem allerdings bei allem Bewusstsein seines\nTalentes eine gewisse Kühnheit gehörte; denn Duprez 's ge-\nwaltige Stimme donnerte noch in den ungeheuren Hallen\ndes Opernhauses. Aber Roger wusste wohl, was er that;\ner baute auf das Urtheil der Kenner, auf den gebildeten\nSinn derer, welche die Seele des Gesanges zu schätzen wis-\nsen, und die Anzahl dieser ist in Paris nicht klein. Im Ver-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "358", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541111-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5087, "texte": "trauen darauf liess er sich, obwohl gewiss nicht gleichgül-\ntig gegen den Beifall und den lauten Enthusiasmus der\nMenge, zu keiner Nachgiebigkeit gegen die Vorurtheile des\nParterre's der grossen Oper herab, brachte ihnen nicht das\ngeringste Opfer und blieb in jeder Hinsicht der keuschen\nMuse der Kunst freu. Die Folgen konnten nicht ausbleiben;\nDuprez zog sich mit Lorbern bedeckt zurück, und Roger\nthronte ohne Nebenbuhler auf der ersten lyrischen Bühne\nvon Frankreich.\nEs war im Monat April 1848, als er die komische\nOper verliess. In der Zwischenzeit, die bis zu seinem Auf-\ntreten in seiner neuen Stellung verstrich, machte er mit\nJenny Lind eine Kunstreise durch England, auf welcher er\nauch die vorzüglichsten Tenor-Partieen der italiänischen\nOpern sang.\nIm Jahre 1849 kehrte er nach Paris zurück. Der\nlange verheissene „Prophet\" sollte nun endlich erscheinen,\nda Meyerbeer in Roger den Künstler gefunden zu haben\nglaubte, der diese Rolle auf der Bühne schaffen könne. Er\nhatte sich nicht geirrt; was daraus zu machen war, hat\nRoger mit eben so grossem Schauspieler- als Sänger-Ta-\nlent daraus gemacht. Uns stehen jedoch andere Leistungen\ndesselben weit höher, als sein Prophet; für seine Laufbahn\nals Künstler der ernsten Oper aber war seine Darstellung\ntles Propheten entscheidend und hob ihn auf die hohe Stufe\ndes Ruhmes, auf welcher er seitdem steht.\nSchon seit einigen Jahren zog es Roger nach Deutsch-\nland; die Dichter und Componisten unseres Vaterlandes\nhatten seine Sympathie tiefer erregt, als dies sonst bei sei-\nnen Landsleuten, trotz alles Schwatzens davon, das jetzt\ngewisser Maassen Ton in der guten Gesellschaft von Paris\ngeworden, im Allgemeinen der Fall ist. Das Land, aus wel-\nchem Franz Schubert's Lieder herüberklangen und dem\nSänger die tiefsten Geheimnisse der Melodie offenbarten,\nmusste nach seiner Meinung auch vor allen anderen geeig-\nnet sein, das Seelenhafte, welches den wahren Gesang cha-\nrakterisirt, aufzufassen und hoch zu stellen. Er entschloss\nsich, eine Anzahl von Rollen mit deutschem Text zu studi-\nren, und brachte es darin in kurzer Zeit so weit, dass er\ndas Deutsche im Gesänge ganz vorzüglich ausspricht, ja,\nbesser als eine Menge von Sängern von Ruf in Deutsch-\nland selbst, die leider noch keine Idee von dem Einlluss der\nDeutlichkeit der Aussprache auf den Ton und von der rich-\ntigen Articulalion des Wortes auf den dramatisch-musicali-\nschen Vortrag haben.\nIsy . *\nSo trat er seine erste Reise nach Deutschland im Jahre\n1850 an und feierte in Frankfurt am Main und in Ham-\nburg sogleich Triumphe, die seinem Ruhme bei uns die\nBahn brachen.\nDie grösste und einHussreichste Anerkennung fand er\njedoch erst bei der zweiten Reise im Jahre 1851, wo er\nzuerst in Berlin auftrat. Die Sensation, welche er dort er-\nregte, ist unbeschreiblich. Es war im Juli, mitten im Som-\nmer, bei grosser Hitze, als er dort sang, und dennoch war\ndas Opernhaus nach seiner ersten Darstellung des Raoul\nin den Hugenotten jedesmal so besetzt und von aussen be-\nlagert, dass Hunderte vor den sich schliessenden Pforten\nwieder umkehren mussten. Ausser dem Raoul trat er noch\nals George Brown und als Prophet auf; der Zudrang zur\nGasse war nur zur Zeit von Jenny Lind ein ähnlicher ge-\nwesen ; eben so waren der rauschende Beifall und das Her-\nvorrufen, wiewohl Beides wegen der einige Zeit vorher\naufgekommenen Claque fast ganz ausser Mode gekommen\nwar und wenigstens nicht mehr zum guten Tone des ge-\nbildeten Theater-Publicums gehörte, dennoch so unbe-\ngränzt, dass der Applaus kein Ende nehmen wollte und der\nKünstler z. B. im Propheten fünf Mal gerufen wurde,\neine in Berlin unerhörte Thatsache, wie sich denn überhaupt\nbei dem Publicum auf alle nur mögliche Weise ein Enthu-\nsiasmus offenbarte, wie man ihn dort, zumal ohne dass ein\nStern erster Grösse an weiblicher Schönheit und Kunst am\n* <U\"\nTheater-Horizont glänzte, seit Jahren nicht gesehen hatte.\nAuch in den Hugenotten wurde er drei Mal gerufen eine\nEhre, welche beim zweiten Rufe am Schlüsse des vierten\nActes Fräulein Wagner (Valentine) mit ihm theilte,\nEnde September kehrte er zu einem zweiten Gast-\nspiel in demselben Jahre nach Berlin zurück; er gab wie-\nder dieselben drei Rollen: den Propheten drei, den Raoul\nzwei, den George Brown vier Mal, und die Begeisterung\nfür ihn blieb im Steigen. Wenn er auch den Einen in die-\nser, den Anderen in jener Rolle mehr zusagte, je nachdem\ndas subjective Wohlgefallen mehr am Duftigen und Roman-\ntischen, oder am Anmuthigen und Liebenswürdigen, oder\nam Grossartigen und Gharakteristischen hängt und sich be-\nfriedigt fühlt, so blieb doch Alles darüber einig, dass er,\nrein objectiv genommen, der grösste dramatische Sänger\nsei, den man noch gehört habe, ein Ergebniss, welches\nsich hier in Köln nach seinen eilf Gastdarstcllungen gerade\neben so herausgestellt hat.\nIn den folgenden Jahren kehrte Roger regelmässig im\nSommer nach Deutschland zurück; seine gegenwärtige Reise\nist der fünfte seiner Ausflüge nach unserem Lande und der\nerste, den er im Winter, also in der eigentlichen Theater-\nzeit, unternimmt, da er, wie bekannt, seine Anstellung an"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "359", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541111-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1391, "texte": "der grossen Oper zu Paris in diesem Jahre (am 1 *5. Oct.)\naulgegeben hat. Wer Roger kennt, der weiss, wie hoch er\ndie Aufnahme, die ihm in Deutschland geworden, zu schätzen\nweiss, und welchen Eindruck die deutsche Gemülhlichkeit\nauf sein Herz macht. Für diejenigen aber, die ihn nicht per-\nsönlich kennen, theilen wir einige Stellen aus einem seiner\nBriefe in die Heimat mit, welche darüber Aufschluss geben.\nDer Brief ist aus Frankfurt und an H. Berlioz gerichtet:\n,Sapperment! warum sollte ich nicht meinen Brief an\nSie, lieber Ilector, damit anfangen, es Ihnen zu erzählen ?\nEben hat man mir nach den Hugenotten eine Serenade ge-\nbracht. Ich ersticke vor Glück! Es giesst in Strömen vom\nHimmel herab, und da kommen sie mit Regenschirmen und\nLaternen, um 11 Uhr Nachts, und singen mir drei Stücke,\nvon Cherubini, von Mendelssohn und einem Unbekannten,\nwenigstens mir. Ich bitte Sie, mitten in der Nacht! Ich war\ntoll vor Freude, ich ging hinunter, ich umarmte sie, ich\nweinte wahrhaftig, wenn es auch nicht geregnet hätte,\nich hätte von meinen Thränen den Schnupfen bekommen\nkönnen! Dann habe ich ihnen ein auf Französisch\ngehalten, alles gesagt, was ich nur finden konnte u. s. w.\n„Ich betrachte mit Erstaunen diese warme Aufnahme,\ndie mir in Deutschland zu Theil wird, diese Künstler-Herz-\nlichkeit, von der wir in unserem schönen Valerlande kaum\nnoch eine Spur finden!\"\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-11-11-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-11-11_01#c004", "volume": "bmtnabi_1854-11-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "359", "page_fin": "360", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541111-01.2.4", "titre_corps": "Zweites Gresellschafts-Concert in Röln im Casinosaale.", "titre_sommaire": "Zweites Gresellschafts-Concert in Röln im Casinosaale.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "359", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541111-01.1.7", "debut_caractere": 1393, "fin_caractere_exclue": 5914, "texte": "Zweites Gresellschafts-Concert in Röln\nim Casinosaale.\nDinstag. den 7. November.\nDas zweite Concert war in jeder Hinsicht ausgezeichnet, sowohl\ndurch ein reiches Programm, als durch die treffliche Ausführung\ndesselben.\nEs begann mit der prachtvollen Ouvertüre zum Oberon\nvon C. M. von Weber, deren schwunghafte Auflührung die ganze\nZuhörerschaft sogleich in die rechte Concertstimmung hineinriss.\n\"Wir erlauben uns nur die Bemerkung, dass wir, obwohl durchaus\nkeine Vertheidiger des metronomischen Tactirens, die Bewegung\ndes Mittelsatzes (mit dem wundervollen Gesang der Clarinette) nicht\nauffallend langsamer genommen wünschten, als das übrige Allegro;\nuns scheint, dass die Art, wie die Melodie geschrieben ist, ihr\nTempo hinlänglich bezeichnet und dabei keine grössere Zögerung\neinzutreten habe, als diejenige, welche der Solo-Vortrag der Clari-\nnette in schönem Ausdruck wie von selbst mit sich bringt.\nHierauf folgte das Finale aus Mendelssohn's Lorelei.\nFrau Nissen-Saloman sang die Partie der Leonore mit treff-\nlichem dramatischem Ausdruck und mit ausgiebiger Kraft der Stimme,\nwas um so mehr anerkannt werden muss, als die schlechte Akustik\nin unserem Concertsaale jeder Stimme einen sehr unwillkommenen\nSordin aufsetzt.\nEine glänzende Erscheinung war H. Vicuxtemps, der uns\ndarauf durch den Vortrag seines grossen Violin-Concertes in\n(Manuscript) entzückte. Vicuxtemps tritt als Componist in die Reihe\nder wahren Künstler, welche, wenn sie für ihr concertirendes In-\nstrument schreiben, die höheren Forderungen der Kunst nicht hint-\nansetzen, sondern vor allen Dingen Musik zu schaffen streben. Er\nreiht sich darin Meistern wie Spohr und Molique an, und das vor-\ndient bei einem so gefeierten Virtuosen, der aller Hexenkünste,\nwomit man die grosse Menge in Taumel versetzt, vollständig Herr\nist, die vollste Anerkennung. Das Concert in -/)-moll besteht aus\nvier Sätzen, von denen die beiden ersten und\nreligioso) zusammenhangen, die beiden anderen und\nfinale) unabhängig von einander für sich bestehen. Eine Einheit\ndes Charakters des Ganzen, wie z. B. bei dem Bcethoven'schen\nViolin-Concert, lag also nicht in der Absicht des Componisten; die\nZusammenstellung ist aber interessant, und gerade die Mannigfal-\ntigkeit macht die Länge des Conccrts weniger fühlbar. Die Intro-\nduetion, ein langer, ernst und (in gutem Sinne) romantisch gehalte-\nner Satz, in welchem die Violine meist recitativ- und arioso-artig\nauftritt, ist ganz vortrefflich instrumentirt und fesselt ausserordent-\nlich. Die dadurch erregte Stimmung wird im Adagio religioso auf\nbestimmtere Gefühle hingeführt; auch dieser Satz ist durchweg edel\ngehalten, und das Orchester ist mit grossem Talent, die Solo-Vio-\nline mit echt künstlerischer Entsagung behandelt. Wir halten diese\nbeiden Sätze für die besten, räumen indess auch dem folgenden\nScherzo die Vorzüge einer geistreichen Originalität gern ein, welche\ndiesen Satz vielleicht für manche Zuhörer am höchsten stellt.\nIn der zweiten hörten wir zwei kleinere Salonstücke\nvon Vieuxtemps (jedoch beide mit Orchester-Begleitung), ein Lied\nohne Worte und eine Tarantella, in denen wir ebenfalls ein\nschönes Compositions-Talent anerkennen. Das „Lied ohne Worte\"\nist mit Begleitung von Blas-Instrumenten geschrieben, ein ganz\nhübscher Gedanke, dessen Ausführung nur durch die anhaltend auf\ndas zweite Viertel einfallenden Accorde etwas Monotones erhält,\nwelches die Melodie an sich durchaus nicht hat. Die „Tarantella'-\nist ein ganz allerliebstes Stück, lieber die vollendete Technik des\nberühmten Violinisten, die unzerstörbare Reinheit in allen Lagen\nund Griffen, besonders den schwierigsten Doppelgriffen, und über\nalle die glänzenden Eigenschaften seines Spiels können wir nur das\nsagen, dass er sie nach allen Richtungen hin, so wie immer, ent-\nfaltete.\nDie zweite Abtheilung des Conccrtes begann mit einer Neuig-\nkeit für uns, mit der Ouvertüre zur Oper Tordenskjold von\nSiegfried Saloman. Sie wurde unter der Leitung des Compo-\nnisten, der mit seiner Gattin hier anwesend ist, sehr gut ausgeführt\nund erhielt lebhaften Beifall, Wir werden diesem interessanten nor-\ndischen Componisten, von dem wir in der letzten Sitzung der mu-\nsicalischen Gesellschaft auch die Ouvertüre zu der Oper „Das Dia-\nmantkreuz\" mit grossem Vergnügen gehört haben, in unserer näch-\nsten Nummer einen ausführlicheren Artikel widmen.\nFrau Saloman sang darauf die erste Arie aus der „Nacht-\nwandlerin\" von Bellini und bewährte durch den kunstvollen Vor-\ntrag derselben, bei welchem sie Gelegenheit fand, alle Vorzüge"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "360", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541111-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 625, "texte": "ihrer vortrefflichen Schule ins Licht zu stellen, den wohlverdienten\nBuf, den sie in der musicalischen Welt geniesst.\nDen Schluss machte die achte Sinfonie von Beethoven,\nwelche das Orchester unter Hiller's Leitung recht brav ausführte,\nwas namentlich vom ersten, zweiten und letzten Satze gilt.\nEine freudige Ueberraschung und schallenden Applaus erregte\nes, als vor der Sinfonie Miller den gefeierten Roger in den Saal\nführte und dieser uns Schuberts „Erlkönig\" als eine herrliche\nZugabe zu dem Programm spendete. Der ausgezeichnete dramati-\nsche V ortrag dieser Ballade ergrill die ganze Zuhörerschaft auf\nsichtbare Weise."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-11-11-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-11-11_01#c005", "volume": "bmtnabi_1854-11-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "360", "page_fin": "360", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541111-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "360", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541111-01.1.8", "debut_caractere": 627, "fin_caractere_exclue": 4468, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMotu. Im Stadttheater hat Boger noch den Edgardo in\nder Lucia, und zum Bcncfice für die Choristen im ersten Acte der\n„Weissen Dame\" und im vierten der „Hugenotten\" gesungen.\nDiestern ist er von hier nach Hannover abgereis't.\nAm Sonntag den 12. Aovembcr wird die französische Opern-\nGesellschaft von Antwerpen hier die komische Oper Lc songe d'une\nnull il'ete von Ambr. Thomas geben. Die deutsche Gesellschaft\nvon hier debutirte am Freitag den 10. d. Mts. in Antwerpen mit\nFlotow's „Marthel'1.\nDie Versammlung der musicalischcn Gesellschaft am 4. Novem-\nber war ungewöhnlich interessant. Wir hörten, wie schon erwähnt,\neine Ouvertüre von S. Saloman, welche sehr gefiel. Dann\nspielten die Herren Breunung (Pianoforle) und Bcirners (Vio-\nloncello) die Sonate in D von Mendelssohn auf ausgezeichnete\nWeise. Heu Wiedemann aus Leipzig sang die erste Arie des\nLelmontc, und unser M. DuMont secundirte ihm im folgenden\nArioso und Duett als Osmin, worauf er noch die Arie des Bossini'-\nschen Figaio mit italiänisenem lext und italienischem Humor vor-\ntrug. Nachdem Herr Breunung noch einige Sachen von Chopin\ntrelllich zu Gehör gebracht, sang uns Bog er in der Mitternachts-\nstunde auf wahrhaft bewältigende und erschütternde Weise Schu-\nbei t s „Erlkönig und dann auch noch mit dem ausdrucksvollen\nHauch der Liebe das Ständchen: „Leise flehen meine Lieder.\"\nDer Wirkung, welche Boger in kleinerem Kreise durch diese\nLieder erregte, können wir nur den Eindruck an die Seite stellen,\nden er am Sonntag in der Matinee bei F. Hill er durch den\nseelenvollen Vortrag der ersten Arie des Joseph von Mehul\nmachte, trau Saloman sang in derselben Matinee zwei Arien von\nhöchst entgegengesetztem Charakter, eine italiänische mit walzer-\narligem Bhythmus und eine Arie von Händel (wenn wir nicht\nirren, aus dessen Oper Binaldoj: diese letztgenannte trug sie aus-\nserordentlich schön vor. Vieuxtemps spendete uns einige seiner\nglänzenden und doch gehaltvollen Salonstücke, wodurch er Bewun-\nderung erregte; weniger genügte er uns in der C-mo«-Sonate von\nBeethoven, die er mit Hiller spielte. Hiller trug ausserdem noch\nzwei kleine, sehr liebliche Stücke aus Werken früherer Zeit, aus\nseinen „Bevericen\" und „Etüden\", vor.\n** »UsseMorf, 3. November. Unser erstes Abonnements-\nConcert unter der Direction von Jul. Tausch brachte neben eini-\ngen Soloslücken die grosse C-(/«r-Sinfonie von F. Schubert\nnnd Mendel ssohn's Finale aus der Lorelei. So gewagt es er-\nschien, beim ersten Zusammentritt des Winter-Orchesters gerade\ndiese Sinfonie zu wählen, so ging sie doch über Erwarten gut,\nwenn auch eine feinere Behandlung der Einzelheiten noch ver-\nmisst wurde.\nFiftölcin Louise Thelen sang die Portie der Leonore in der\nLorelei \",sehr brav .und mit. vieler Anerkennung. Ihre Stimme ist\nalleidings nicht stark, aber bei der sehr guten Tonbildung ausgie-\nbig gnnug, um dergleichen Parlieen zu voller Geltung zu bringen.\nDie Wärme des Ausdrucks im Becitativ zeugte von richtiger dra-\nmatischer Auflassung und trefflicher Declamation. Chor und Or-\nchester hätten hier und da etwas weniger stark und rauh sein\nkönnen.\n9->uie!irurt »• M. Der als tüchtiger Musiker und musicali-\nscher Schriftsteller in Deutschland bekannte Herr Bertold Da nicke,\nin letzteren Jahren in Petersburg domicilircnd, befindet sich gegen-\nwärtig mit Gemahlin in unserer Sladt und gedenkt, dem Verneh-\nmen nach, den inter hier zu verleben.\nEine der grössten musicalischen Bibliotheken auf der Welt be-\nsitzt Herr Lowell Mason in Boston. Sie enthält über 30ÜU\nBände sowohl an theoretischen und historischen Werken, als an\nMusikstücken. Bei seiner letzten Anwesenheit in Deutschland hat\nHerr Mason auch die vollständige Bibliothek des berühmten Orga-\nnisten Bink angekauft. Dabei besitzt er eine bedeutende Samm-\nlung von Kirchenliedern und kirchlichen Gesangbüchern."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "353", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541111-01.1.1", "texte": "Pariser Briefe.\n\n[Die blutige Nonne von Cli. Gounod.]\nDie kaiserliche Oper hat endlich das neue musicalische\nDrama gebracht, welches schon seit vorigem Jahre wie\neine drohende, düstere Wolke am Theater-Horizont schwebte,\nderen Blitze, wie man behauptete, die schwüle musicalische\nLuft reinigen und eine neue Morgenröthe am Himmel der\nTonkunst heraufführen würden. Nun, sie ist geplatzt, aber\nes ist danach weder hell geworden, noch hat man eine\nwohlthätige Erschütterung des Bodens, auf welchem die\nDramen und Opern wachsen, bemerkt. Der Componist\nCharles Gounod hatte sich durch seine früheren Arbei-\nten, die Oper Sappho und die Chöre zum Ulysses von Pon-\nsard, manche Sympathieen erworben; man bemerkte darin\nein edles Streben nach dramatischer Wahrheit, ein Ver-\nschmähen abgenutzter Effectmittel, eine Rehabilitation der\nEinfachheit gegen das Raffinement und den Lärm der Spec-\ntakel-Oper. Freilich war dieses Streben nicht zu der Kraft\nerstarkt, mit sich vollkommen einig zu bleiben; auch die\n„Sappho\" enthielt schon Musikstücke, welche durch ihre\nzerrissene Form und das Fratzenhafte des leidenschafj liehen\nAusdrucks geradezu hasslich waren; jedoch liessen sich an\ndie besseren und vorherrschend musicalischen Stellen Hoff-\nnungen knüpfen. Leider haben sich diese durch die neue\nOper nicht erfüllt; Gounod, vielleicht von dem schauder-\nhalten Textbuche verleitet, hat eine Musik dazu gemacht,\nvon der es schwer zu entscheiden ist, ob sie mehr langwei-\nlig oder mehr barock sei, und die von Neuem den Beweis\ngibt, auf welche Abwege die Missachtung des Schönen und\ndie plumpe Verkehrung des Kunstwahren in das Natur-\nwahre, des Idealen in das Reale führt.\nScribe's Erfindungsquelle versiegt immer mehr; alle\nOpern-Texte, die er in den letzten Jahren geliefert, sind\neben so viele Zeugnisse von der Erschöpfung seines Ta-\nlentes es sind immer dieselben Situationen, die hundert\nMal schon gespannten Federn, die verbrauchten Mittel, das\newig Dagewesene kurzum, Alles, nur keine Poesie. Er\ngreift jetzt nach aussen, um dramatischen Opernstoff zu ho-\nlen, weil er keinen mehr in sich hat; aber nicht wie die Ita-\nliäner nach Shakspeare und Schiller, sondern nach den\nGespenstergeschichten in der romantischen Rumpelkammer.\nAus einem Drama, welches vor etwa zwanzig Jahren auf\ndem 77ledlreFr eine als, gegeben wurde, das aber seine ur-\nsprüngliche Quelle in dem Roman „Der Mönch\" von Le-\nwis hat, ist der Text der Nonne sanglante zurecht gemacht.\nDie Handlung spielt in Böhmen. Zwei Häupter der\nböhmischen Montecchi und Capuletli werden durch keinen\nKleineren als Peter den Eremiten versöhnt. Den Bund soll\neine Heirath besiegeln: Agnes Moldau soll Theobald Lud-\ndorfs Gattin werden. Aber dessen zweiter Sohn Rudolf\nliebt Agnes, schlägt eine andere Braut aus (Hugenotten)\nund wird dafür von seinem Vater verflucht (Othello —Jü-\ndin). Agnes entschliesst sich nach einem Duett, mit ihm zu\nHieben (Hugenotten Jüdin) unter dem Schutz der Sage\nvon der blutigen Nonne. Um Mitternacht (von den fünf Ac-\nten spielen vier im Dunkel der Nacht!) harrt Rudolf ihrer;\nsie erscheint als verschleierte weisse Dame. Rudolf schwört\nihr Treue und steckt den Verlobungsrinsr an ihren Finder\nO O o\n(Zampa), Der Unglückselige hat sich mit einem Gespenste\nverlobt; denn die wirkliche blutige Nonne lässt nicht mit\nsich spassen und ist in eigener Person erschienen. Um die\nTäuschung zu vollenden, erfahren wir durch den Komö-\ndienzettel, dass sie auch Agnes heisst. Sie zieht ihn mit\nsich fort zur Verlobungsfeier in den Ruinen eines alten\nSchlosses, welches plötzlich in seiner früheren Pracht er-\nscheint; Gespenster marschiren auf (Robert der Teufel);\nZeugen und Gäste sind aus den Gräbern zur Hochzeit ee-\n-0 o\nladen (Ju if errant),und dass Rudolf nicht den Verstand in\ndieser Gesellschaft verliert, dafür muss er dem Dichter sehr\ndankbar sein, der ihn mit einer überaus derben Constitu-\ntion ausgestattet hat.\nGlücklicher Weise stirbt sein Bruder, der bestimmte\nBräutigam seiner Agnes, nämlich der natürlichen, und die\nübernatürliche, welche stets um Mitternacht an seinem La-\nger erscheint, gibt ihre Einwilligung unter der Bedingung,-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "354", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541111-01.1.2", "texte": "dass er sie an ihrem Mörder durch dessen Tod räche.\nNichts einfacher als das doch nein: wir müssen einen\ntragischen Conllict haben, also denunciren wir durch einen\nFingerzeig der Nonne beim Hochzeitsfeste, und diesmal\nausnahmsweise am hellen Tage, den alten Luddorf als Ver-\nführer und Mörder der blutigen Agnes. Rudolf erstaunt,\ndie Zuschauer dessgleichen; denn bis zu diesem Augen-\nblicke hat der harmlose Alte vier Acte hindurch auch nicht\ndie leiseste Spur vom Charakter eines grausamen Blaubarts\nverrathen und nicht die geringste Anwandlung von Reue\ngezeigt. Rudolf verzweifelt an der Lösung des Knotens;\ndie Zuschauer auch Herr Scribe nicht. Er lässt den\nalten Sünder den Entschluss fassen, incognito unter den\nDolchstichen zu sterben, welche die erzürnten Gegner sei-\nnem Sohne zugedacht hatten Alles wieder mit Hülfe\nder Nacht. Die Nonne quittirt über genossene Rache, fährt\nauf Wolken empor, und der Vorhang fällt.\nDiesmal sind denn doch auch sämmtliche pariser Kri-\ntiker, selbst die literarische Claque, darüber einig, dass ein\nerbärmlicheres Opernbuch noch nicht geschrieben sei. Der\nComponist war in einer schlimmen Lage; es spricht aber\nschon der Entschluss, es in Musik zu setzen, gegen ihn. Es\nwar unmöglich, dass die Musik in den drei letzten Acten\ndas immer mehr und mehr schwindende Interesse aufrecht\nerhalten konnte; sie erlahmt zugleich mit der Handlung\nund wird am Ende so langweilig, dass die guten Gedanken,\ndie hier und da auftauchen, nicht einmal mehr bemerkt\nwerden. Mit dem zweiten Acte ist das musicalische Interesse\nan der ganzen Oper vorbei.\nEin grosser Fehler des Buches ist auch der, dass dem\nComponisten keine Gelegenheit geboten ist, musicaüsche\nRollen durchzuführen, mit Ausnahme der einzigen des Ru-\ndolf, welche alle übrigen dominirt und ganz unverhältniss-\nmässig hervortritt. Diese Tenor-Partie erfordert einen Ge-\nsang-Riesen, um ein Lied, zwei Arien, fünf grosse Duette,\nzwei Finale's und eine Menge von declamirten Scenen zu be-\nwältigen! Dagegen haben die beiden Agnesen, die Braut und\ndie Nonne, kein einziges Solostück; die Partie der Nonne\nist bloss declamatorisch behandelt, das Orchester spielt da-\nbei eine weit bedeutendere Rolle, als die Melodie es\nscheint mir überhaupt, als kenne Gounod die Musik und\ndie musicalisch-ästhetischen Ansichten R.Wagners ; nun\nkann man sich denken, was herauskommt, wenn ein fran-\nzösicher Componist, der ein Schüler Lesueur's und Anhän-\nger von Meyerbeer und Berlioz ist, Wagner'sche Grund»\nsätze annimmt und durch die That zu verwirklichen strebt!\nAlso dio beiden ersten Soprane declamiren bloss; dafür hat\naber ein Page der obligate Scribe'sche Page, der hier\nauch nicht die geringste Berechtigung hat den Vorzug,\nzwei Mal Couplets vorzutragen. Der Bariton (Luddorf) hat\neigentlich nur im vierten und fünften Acte zu singen, da-\ngegen verschwindet der Bass (Peter, der Eremit) mit dem\nersten Acte wieder von der Scene»\nBei so mangelhaftem und den musicalischen Bau mehr\nhinderndem als förderndem Gerüste, ferner bei der Aufgabe,\nso oft schon da gewesene und von tüchtigen Meistern com-\nponirte Situationen von Neuem musicalisch darzustellen,\nmusste die Oper als Ganzes misslingen, wenn man auch\nEinzelheiten eine gewisse Anerkennung nicht versagen\nkann. Von Stil kann aber bei einer Musik gar nicht die\nRede sein, welche uns nicht bloss in ihrer allgemeinen Art,\nsondern selbst durch eine Menge von positiven Reminiscen-\nzen an alle möglichen Schulen von Gluck bis auf Berlioz,\nFelicien David und Wagner erinnert, und durch den gro-\ntesken Instrumental-Luxus das Wort Voltaire's:\nblime au ridicule il ny a qu'un pasu, wieder zur Geltung\nbringt.\nIndessen hat Gounod seine Apostel, die ihn gern zum\nPropheten einer neuen Lehre, zum Herold des Fortschrit-\ntes, zum Helden der Zukunft machen möchten. Es fehlt\nder französischen musicalischen Literatur eben so wenig\nan ideologischen Phrasenmachern, als der deutschen Wag-\nner-Secte. Nach den Ansichten jener tritt die Musik gegen-\nwärtig in ein drittes Stadium ihrer Entwicklung, indem sie\n„rational\" und „unpersönlich\" wird. Diejenigen\nComponisten, welche sie auf diese Höhe (?) führen, wie\nBerlioz, Gounod u. 3. w., sind „ zugleich Spiritualisten und\nMaterialisten\"; sie stellen „die göttliche Einheit zwi-\nschen der Schöpfung und dem Schöpfer\" wieder her\n„die Blume und der Thautropfen, das Sandkorn, die phy-\nsische Natur und der Mensch, ein edler Gedanke, ein me-\nlancholisches Gebäude, Alles ist Harmonie für sie\" aber\n„sie forschen auch nach den Gründen und Ursachen des\nGefühls; es gibt für sie keine Aufgabe, welche das Gefühl\nstellt, und welche die Philosophie und Reflexion nicht lösen\nund erklären könnte\". Nimm folgende Redensarten\nhinzu: „Der Anlauf, den diese Reformatoren nehmen, ist\nkühn, aber er ist wohl überlegt; sie werden ihr Ziel er-\nreichen. Das Publicum kommt schon jetzt so weit, nicht«\nmehr auf Regeln und absolute Principien zu geben; es\nbegreift, dass das Genie frei von Hemmnissen sein muss,\ndass ihm keine Schranken gesetzt werden dürfen, dass alle\nMittel zur Erreichung seines Zweckes ihm erlaubt sein müs-\nsen. So ist denn auch Gounod's Orchester ganz sinfonistisch"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "355", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541111-01.1.3", "texte": "und trotz einer gewissen Schwere und einer manchmal ne-\ngativen Sonorität, welche durch die Verbindung der In-\nstrumente in zu nahen Intervallen entsteht\" (ein köstlicher\nAusdruck lür gräuliche Dissonanzen!) —, „vollkommen\ngeeignet, die poetische Idee zu verwirklichen. Seine Har-\nmonie ist merkwürdig; die natürlichen (?) Dissonanzen sind\nlür ihn eine unversiegbare Quelle unerwarteter Effecte und\nneuer Entdeckungen, über die man entzückt ist.\" Nun?\nbist du jetzt im Klaren, dass es in Frankreich eben so\nspukt, wie in Deutschland?\nDas Musikstück, welches diese „ entzückende\" Behand-\nlung des Orchesters vorzüglich offenbaren soll, ist die In-\nstrumental-Musik vor dem Erscheinen der Larven und Ge-\nspenster in den Ruinen des alten Schlosses. Höre, wie\neiner der Apostel Gounod's dieses Stück schildert!\n„Es ist eine Art von nachahmender Sinfonie. Der\nWind ächzt über die Haide Hunde irren im Felde um-\nher, heulen auf grässliche Weise und wittern Leichen\naus der Tiefe der stehenden Wasser erhebt sich klagend\nund monoton das Quaken der Kröten (crapauds) als ein\nGrab-Concert, welches die Seele mit wahnsinnigem Schrecken\nerfüllt. Man friert, man möchte fliehen. Noch nie hat man\ndie Grabesfarbe so weit getrieben, noch nie durch eine\nCombinaiion von Instrumenten eine so erschreckende Wahr-\nheit erreicht! Die Klosterscene in Robert der Teufel ist\nnur eine Elegie dagegen.\"\nDu hältst das vielleicht für Ironie? Nichts weniger als\ndas. Das Stöhnen und Sausen des Windes und das Geheul\nder Hunde wird durch Brummstimmen, und das Ge-\nquake der Kröten durch einen und denselben tiefen Flöten-\nton, der abwechselnd auf den guten und schlechten Tact-\ntheil fällt, dargestellt! Trotz alledem ruft der eben citirte\nApostel aus: „Man muss dieses wunderbare Stück hören,\nman muss es auch sehen! Wer es gehört und gesehen\nhat und dann noch die objective Macht der Musik\nläugnet, ist entweder blind oder taub; man muss ihn nicht\ntadeln, sondern beklagen!\"\nO, ich Beklagenswerther, der ich das ganze Geheul\nder atmosphärischen und der bestialischen Natur für ein\neinziges Recitativ oder ein paar Tacte Melodie dahingehe,\ndie mir die geistige Natur enträtlrseln, die mir ein\nbestimmtes Wesen von Fleisch und Blut und Herz und\nSeele, die mir einen Menschen, einen Charakter in\nseiner Eigentümlichkeit offenbaren! Heilige Cacilia! ist die\nKunst dazu da, das Geheul eines Hundes zu reproduciren,\ndas der etwaige Liebhaber solcher Musik viel wahrer und\nWohlfeiler haben kann* wenn- er den ersten, besten Köter\nprügelt? Und soll ihre Aufgabe sein, eine quakende Unke\naus dem Sumpf und einen aashungrigen Hund aus Kon-\nstanlinopel zu charakterisiren ? Leichter ist das freilich, als\neinen Osmin oder Leporello, eine Donna Anna oder Su-\nsanne, einen steinernen Gast oder Don Juan in Tönen zu\nzeichnen.\nAber auch gegen diesen Vorwurf weiss unser Kritiker\nRath. Zwar gesteht er ganz naiv, dass das Werk im Gan-\nzen befriedigt habe, aber doch noch mehr hätte befriedigen\nsollen; da aber das Textbuch keine Charaktere enthalte,\nso sei der Componist gezwungen gewesen, „ seinen eigenen\nCharakter anstatt der dramatischen Charaktere zu ent-\nwickeln\" !\n\nB. P.\n\nAus Frankfurt am Main.\n\nI.\nDer Cyklus der Museums-Concertc - zehn an Zahl\nhat am 3. November unter Herrn Messer'« Leitung\nbegonnen. In der Ankündigung erklärte der Vorstand:\n„Seiner bisherigen Richtung getreu, wird das Museum in\nder würdigen, möglichst vollendeten Ausführung der gros-\nsen Instrumentalwerke unserer classischen Meister seine\nHaupt-Aufgabe erkennen, dabei aber sich auch lür verpflich-\ntet erachten, anerkannt tüchtige Compositionen neuen und\nneuesten Ursprungs in seinen Kreis zu ziehen.\" Gewiss\nein löblicher Vorsatz, der dankbar hinzunehmen ist; wäre\ner nur schon viele Jahre früher gefasst und ausgeführt wor-\nden, damit das musicalische Frankfurt Gelegenheit erhalten\nhätte, kennen zu lernen, was die Fesca (Vater), Adolph\nHesse, Kaliwoda, F. Lachner, Nohr und Andere allein nur\nin der Sinfonie Tüchtiges geleistet und in welcher An-\nzahl ! —, das allenthalben gewürdigt worden, wogegen die\nneuesten Erzeugnisse dieser Gattung fast durchgängig zu-\nrücktreten müssen. Jene Männer wollten nur einlach geben\nund haben gegeben, was sie in sich trugen, ohne Blasebälge\nund Programme zu Hülfe zu nehmen, in überschwänglicheti\nLucubralionen über die Sinfonie zu träumen, und die clas-\nsischen Formen, vermittels deren ein solches Werk allein\nfassbar und verständlich werden kann, zu verrenken, um\nneu zu sein.\n' Strebt weiter und weiter, doeh haltet nur\nAn der ewig wahren, ;der alten Natur.\nJa, die alte Natur, die war hierorts von jeher die im\nConcertsaale festgehaltene» woran vielleicht dieser Göthe'sche\nSatz zur Hälfte Ursache sein mag, die andere Hälfte aber\njedenfalls auf Rechnung der vorherrschenden, tonangeben-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "356", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541111-01.1.4", "texte": "den Classicomanie und gewisser Zustände zu stehen kommt,\ndie selbst das Nachhinken hinter der Zeit unmöglich zu\nmachen wissen. Daher ist das Mittelglied zwischen der mit\nBeethoven abgeschlossenen classischen Epoche und der\njüngsten Zeit in kaum drei, vier Namen hier gekannt. Der\nVorstand des Museums erachtet sich vielleicht auch für ver-\nnichtet, nach und nach lür Ausfüllung dieser Lücke Sorge\nzu tragen. Aber, aber kennt man das „leitende PrincipK\ngenau, wie Referent es durch sechsjährige Beobachtung zu\nkennen glaubt, dann darf wohl unverhohlen gefragt werden:\nHat wohl der Vorstand bei Fassung seines Vorsatzes die\nRechnung mit dem Wirthe gemacht? Hat Herr Musik-Di-\nrector Messer wohl auch seine Zustimmung gegeben? Hat\ner sich für verpflichtet erachtet, tüchtigen Werken noch\nunbekannter, nicht im Kufe stehender Componisten ein\ntreuer Führer ins frankfurter Leben zu werden? Soll über-\nhaupt ihm die Anerkennung der Tüchtigkeit und Würdig-\nkeit zur Aufführung überlassen bleiben? Wahrlich, da\nstände es schlimm um die armen Componisten; denn Herr\nMesser ist uns ja allen hier als Classicomane par excellence\nbekannt, und findet Nichtclassisches noch Raum bei ihm,\nso geschieht es durch irgend welche äussere Einwirkung.\nDer Mensch ist eben nur, was Erziehung und Neigung\naus ihm machen; er gibt auch in der Regel nur, was er in\nsich trägt. Diese Erfahrungssätze auf Herrn Messer ange-\nwandt, wird es nur dem Unerfahrenen nicht einleuchten\nwollen, dass ein Classicomane nicht jeder Kunstrichtung\ngerecht sein könne und fast ausschliesslich nur Einer hul-\ndigt. In diese hat er sich mit allen seinen Seelen- und Gei-\nsteskräften eingelebt, sie hat sich mit dem Individuum iden-\nlificirt, der Glaube an diese Eine Kunstrichtung hat sich\nwie ein allein seligmachender aller seiner Sinne bemächtigt,\ndarum kann er eine andere nicht mit gleicher Liebe um-\nfassen und pflegen. Aber, kann entgegengestellt werden,\nHerr Messer ist ja selbst Componist, er hat einige Streich-\nOuartette und andere Compositionen zur Aufführung ge-\nbracht, wovon den ersteren von unbefangenen Beurtheilern\n(.denen sich Referent offen und laut beigesellt) Kunstwerth\nzuerkannt worden; wie reimt sich das mit dem Gesagten?\nEs reimt sich in der That so wenig, als bei gewissen Cha-\nrakteren sich vieles Andere, oft Alles, nicht reimt und den-\nnoch besteht.\nFreuen wir uns indessen des Vorsatzes des Concert-\nVorstandes, und warten wir die Dinge ab. An dieser Be-\nhörde wird es nun aber sein, die benöthigten Mittel zu be-\nwilligen, damit ihr Versprechen in Erfüllung gehen könne\nund der Musik-D rector nicht Grund finde, zu sagen: In\neiner einzigen Probe von zwei, höchstens drei Stunden (oft\nnoch im eiskalten Saale), wo noch andere Werke vorzube-\nreiten waren, konnte für die Composilion des X nicht das\nErforderliche geschehen, darum das Missfallen. Dies war\nnach Versicherung alter Besucher des Museums immerhin\nder Fall, und darum wurde an dem lieben Alten festgehal-\nten; denn es war für den jeweiligen Dirigenten (gleichfalls\naber auch für die Gasse) sehr bequem, auswendig gekannte\nWerke einmal des Morgens durchzulaufen, um sie Abends\nbloss mechanisch abzuspielen.\nDer Wunsch unserer Musiker und Musikfreunde, nicht\nminder auch des Referenten, die hochberühmte und vielbe-\nsungene Frau Clara Schumann zu hören, ward in die-\nsem ersten Museums-Concerte erfüllt; aber wiederum be-\nwährte es sich, dass, sind die Erwartungen zu hoch ge-\nspannt, sie gemeiniglich kaum zur Hälfte befriedigt werden.\nMan erwartete, dass Frau Schumann die in unseren Tagen\nfast ganz verloren gegangene Kunst verstehe, classische\nWerke classisch aufzufassen, sie in ihren Tiefen zu ergrün-\nden und dem gemäss zur Darstellung zu bringen. Wir\ntäuschten uns. Frau Schumann präsentirte sich als Pianistin\nvon Geist, die jedoch in der grossen Schar der Pianisten\nviele ihres Gleichen zählt, n.it Männern aber wie Thalberc,\no*\nLiszt, Chopin, ITenselt u. A. nicht zu vergleichen ist. Sie,\nintroducirte sich mit Beethoven's Bei einem\nWerke solchen Calibers fragt es sich nicht bloss: „Bringt\nder Spieler das erforderliche Zeug dazu mit?\" sondern auch:\n„Wie steht es um dessen Auffassung im Ganzen, um das\nVerständniss im Detail und um das Verstehenmachen ?\"\nAddiren wir zu diesem Werke noch das vorgetragene Rondo\naus einer Wreber'schen Sonate und die am folgenden Abende\nvorgetragene C-dwr-Sonate, Op. 53, von Beethoven, so ge-\ntrauen wir uns den unwiderleglichen Beweis gegen alle\nSchumann-Enthusiasten zu führen, dass von einer Ergrün-\ndung inhalthabender Tonstücke bei dieser Künstlerin eben\nso wenig die Rede ist, als z. B. bei Mortier Defontaine,\nErnst Pauer, bei Wilhelmine Clauss und bei der\nmodernen Virtuosen, denen bekanntlich jegliches Werk nur\nals Folie zu ihrer Fingergeläufigkeit dienen muss. Fern\nwar mithin die dem Üs-dttr-Concert inwohnende Grösse\nund Würde, weil es, den Mittelsatz ausgenommen, im buch-\nstäblichen Wortsinne farblos abgehetzt wurde. Vor nicht\nlange hat dasselbe an der nämlichen Stelle unser Eduard\nRosenhain vorgetragen, und es darf versichert werden, dass,\nobwohl seine Hände nur für Kammermusik sich eignen, er\ndessen Charakter ungleich näher gekommen, als dies der\nhochberühmten Künstlerin gelungen ist."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "357", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541111-01.1.5", "texte": "Die Beethoven'sche Sonate, die in der Soiree im .Hol-\nländischen Hofe\" vor der Elite der hiesigen Gesellschaft\nvorgetragen wurde, hatte im ersten Satze das Tempo nach\nM. M. 1 8.4 = wobei allein schon das blosse Hörenlas-\nsen aller Noten ausser aller Möglichkeit liegt. Es wurde\ndarum in diesem, wie in dem gleichfalls überjagten Alle-\ngreUo-grazum-Satz gleich einer unberühmten Pianistin\ngewischt und gehudelt. [?] Noch hörten wir in dieser Soiree\ndas Andante und Scherzo aus Joh. Brahms' jF-mo//-Sonate,\nVariatims von Mendelssohn, St. Heller's\nnebst einer derlei Zugabe am Schluss. Im Ganzen erschien\nuns der Charakter des Spiels als ein monotoner und flacher,\nund nur mit Hülfe des gleichfalls missbrauchten Pedals wird\neine gewisse spätherbstliche Färbung hervorgebracht*). Die\nTemperatur der Atmosphäre an beiden Abenden war eine sehr\nhohe, keineswegs jedoch durch die Virtuosin bewirkt, was ihr\nnicht entgangen sein dürfte; denn in Wahrheit halten sich\nunter allen Nummern nur die meisterhaften Variations se-\nrieuses von Mendelssohn eines warmen Beifalls zu erfreuen,\nweil deren Vortrag allein ein künstlerisch besonnener ge-\nwesen. Unser musicalisches Publicum ist nun einmal ein\ngrundehrliches gegen fremde Künstler und iässt sich zu\nkeinen Beifalls-Ekstasen hinreissen, die es späterhin zu be-\nreuen hätte so im Concertsaale, so im Theater. Frau\nSchumann war in ihren Vorträgen durch treffliche Instru-\ninente aus C. Andre's Fabrik unterstützt.\nEin würdiger Pendant zu Beethoven's Clavier-Concert\nwar in dieser ersten Museums-Sitzung die Ausführung der\nG*-mo//-Sinlönie von Mozart, vornehmlich in den beiden\nAllegro-Sätzen. Dergleichen bekundet sich als der Culmi-\nnationspunkt von burschicosem Muthwillen und Leichtsinn,\naber auch von weit mehr noch, Seitens eines Dirigenten.\nHat Herr Messer wohl je erwogen, wie weit man in Be-\nschleunigung der Tempi gehen dürfe, um den Contrabässen,\nVioloncellen und Violen die Ausführung laufender Passagen\nnoch möglich zu machen? Graut ihm nicht vor dem Ge-\nvvische und Gefitschel aller Streich-Instrumente? Hat er\nwohl je erwogen, welche Bewegung erforderlich sei, um\nmehrere Motive, contrapunktisch verschlungen neben ein-\nander einhergehend, zur Klarheit und möglichen Verständ-\nlichkeit zu bringen? Sicherlich niemals; sonst hätten wir\nnicht in fast allen Instrumental Werken, die das Missge-\nschick gehabt, unter seinen Tactstock zu gerathen, Aehn-\nliches erleben müssen, wie neuerdings in dem Mozart'schen\nWerke. Es passirt diesem Orchester-Director selten, das's\ner im Eingange eines AHegro-Satzes das ihm entsprechende\nTempo ergriffe; aber was wird daraus oft schon, bevor\nnoch das zweite llaupt-Motiv eingetreten? Das einfache\nAllegro ist schon in ein Molto übergegangen und wird von\nPeriode zu Periode immer schneller und schneller, so dass\nes mit einem Presto endigt. Sauve qui peut! Im Gleichen\nwiderfahrt es jedem Andante: es endigt in der Kegel mit\nAllegretto. Ihr beklagenswerten Componisten, Classiker\nwie Aspiranten, was wird unter solcher Fuchtel aus den\nProducten eurer langjährigen Studien und Mühen in wenig\nMinuten oft für ein widriges Zerrbild von Trivialität gemacht!\nEinmal auf diese Bahn gedrängt, wird Referent die seit\nso vielen Jahren hier erlebte Unwirthschaft mit Instrumen-\ntal-Musik in ihren Ursachen weiter beleuchten. Es wäre\nFeigheit, ja, Verbrechen an unserer schönen Tonkunst,\nwollte er sich länger den Zwang auferlegen, sich in Schwei-\ngen zu hüllen. Endlich sei nur noch Dank, grosser ä)ank\ndem Opernsänger Herrn Ilardtmuth gezollt für den in\njeder Hinsicht meisterhaften Vortrag von F. Schubert's\n„Waldesnacht\" im Museum. Diese Leistung allein konnte\nReferenten und auch Anderen noch zu dem Bekenntnisse\nverhelfen: Diem non perdidi.\n*) Unsere Ansicht über das Spiel von CI. Schumann ist gänzlich\nverschieden von der unseres geehrten, aber heute ganz beson-\nders grämlichen Correspondenten. Die Redaction.\n\nA. S.\n\nRoger.\n(Fortsetzung statt Schluss.)\nRoger war das Schoosskind der Direction und des Pu-\nblicums der komischen Oper; dennoch durfte er sich nicht\nzurückhalten lassen, dem Rufe zu einer Mitwirkung im hö-\nheren lyrischen Drama zu folgen. Er nahm die Anstellung\nan der grossen Oper an, sowohl durch die glänzenden äus-\nseren Bedingungen, als durch die Aussicht auf eine bedeu-\ntendere künstlerische Wirksamkeit bewogen. Freilich ist er\nauf der Bühne der komischen Oper nicht ersetzt worden,\nund wenn man seinen George Brown in der Weissen Dame\nsieht, so begreift man das; allein das ist kein Grund, seinen\nUebergang zur Academie de Musique zu tadeln; denn der\nerste Sänger Frankreichs gehörte auch auf die erste Bühne\ndes Landes.\nDer Erfolg rechtfertigte vollkommen den Schritt Ro-\nger's, zu welchem allerdings bei allem Bewusstsein seines\nTalentes eine gewisse Kühnheit gehörte; denn Duprez 's ge-\nwaltige Stimme donnerte noch in den ungeheuren Hallen\ndes Opernhauses. Aber Roger wusste wohl, was er that;\ner baute auf das Urtheil der Kenner, auf den gebildeten\nSinn derer, welche die Seele des Gesanges zu schätzen wis-\nsen, und die Anzahl dieser ist in Paris nicht klein. Im Ver-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "358", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541111-01.1.6", "texte": "trauen darauf liess er sich, obwohl gewiss nicht gleichgül-\ntig gegen den Beifall und den lauten Enthusiasmus der\nMenge, zu keiner Nachgiebigkeit gegen die Vorurtheile des\nParterre's der grossen Oper herab, brachte ihnen nicht das\ngeringste Opfer und blieb in jeder Hinsicht der keuschen\nMuse der Kunst freu. Die Folgen konnten nicht ausbleiben;\nDuprez zog sich mit Lorbern bedeckt zurück, und Roger\nthronte ohne Nebenbuhler auf der ersten lyrischen Bühne\nvon Frankreich.\nEs war im Monat April 1848, als er die komische\nOper verliess. In der Zwischenzeit, die bis zu seinem Auf-\ntreten in seiner neuen Stellung verstrich, machte er mit\nJenny Lind eine Kunstreise durch England, auf welcher er\nauch die vorzüglichsten Tenor-Partieen der italiänischen\nOpern sang.\nIm Jahre 1849 kehrte er nach Paris zurück. Der\nlange verheissene „Prophet\" sollte nun endlich erscheinen,\nda Meyerbeer in Roger den Künstler gefunden zu haben\nglaubte, der diese Rolle auf der Bühne schaffen könne. Er\nhatte sich nicht geirrt; was daraus zu machen war, hat\nRoger mit eben so grossem Schauspieler- als Sänger-Ta-\nlent daraus gemacht. Uns stehen jedoch andere Leistungen\ndesselben weit höher, als sein Prophet; für seine Laufbahn\nals Künstler der ernsten Oper aber war seine Darstellung\ntles Propheten entscheidend und hob ihn auf die hohe Stufe\ndes Ruhmes, auf welcher er seitdem steht.\nSchon seit einigen Jahren zog es Roger nach Deutsch-\nland; die Dichter und Componisten unseres Vaterlandes\nhatten seine Sympathie tiefer erregt, als dies sonst bei sei-\nnen Landsleuten, trotz alles Schwatzens davon, das jetzt\ngewisser Maassen Ton in der guten Gesellschaft von Paris\ngeworden, im Allgemeinen der Fall ist. Das Land, aus wel-\nchem Franz Schubert's Lieder herüberklangen und dem\nSänger die tiefsten Geheimnisse der Melodie offenbarten,\nmusste nach seiner Meinung auch vor allen anderen geeig-\nnet sein, das Seelenhafte, welches den wahren Gesang cha-\nrakterisirt, aufzufassen und hoch zu stellen. Er entschloss\nsich, eine Anzahl von Rollen mit deutschem Text zu studi-\nren, und brachte es darin in kurzer Zeit so weit, dass er\ndas Deutsche im Gesänge ganz vorzüglich ausspricht, ja,\nbesser als eine Menge von Sängern von Ruf in Deutsch-\nland selbst, die leider noch keine Idee von dem Einlluss der\nDeutlichkeit der Aussprache auf den Ton und von der rich-\ntigen Articulalion des Wortes auf den dramatisch-musicali-\nschen Vortrag haben.\nIsy . *\nSo trat er seine erste Reise nach Deutschland im Jahre\n1850 an und feierte in Frankfurt am Main und in Ham-\nburg sogleich Triumphe, die seinem Ruhme bei uns die\nBahn brachen.\nDie grösste und einHussreichste Anerkennung fand er\njedoch erst bei der zweiten Reise im Jahre 1851, wo er\nzuerst in Berlin auftrat. Die Sensation, welche er dort er-\nregte, ist unbeschreiblich. Es war im Juli, mitten im Som-\nmer, bei grosser Hitze, als er dort sang, und dennoch war\ndas Opernhaus nach seiner ersten Darstellung des Raoul\nin den Hugenotten jedesmal so besetzt und von aussen be-\nlagert, dass Hunderte vor den sich schliessenden Pforten\nwieder umkehren mussten. Ausser dem Raoul trat er noch\nals George Brown und als Prophet auf; der Zudrang zur\nGasse war nur zur Zeit von Jenny Lind ein ähnlicher ge-\nwesen ; eben so waren der rauschende Beifall und das Her-\nvorrufen, wiewohl Beides wegen der einige Zeit vorher\naufgekommenen Claque fast ganz ausser Mode gekommen\nwar und wenigstens nicht mehr zum guten Tone des ge-\nbildeten Theater-Publicums gehörte, dennoch so unbe-\ngränzt, dass der Applaus kein Ende nehmen wollte und der\nKünstler z. B. im Propheten fünf Mal gerufen wurde,\neine in Berlin unerhörte Thatsache, wie sich denn überhaupt\nbei dem Publicum auf alle nur mögliche Weise ein Enthu-\nsiasmus offenbarte, wie man ihn dort, zumal ohne dass ein\nStern erster Grösse an weiblicher Schönheit und Kunst am\n* <U\"\nTheater-Horizont glänzte, seit Jahren nicht gesehen hatte.\nAuch in den Hugenotten wurde er drei Mal gerufen eine\nEhre, welche beim zweiten Rufe am Schlüsse des vierten\nActes Fräulein Wagner (Valentine) mit ihm theilte,\nEnde September kehrte er zu einem zweiten Gast-\nspiel in demselben Jahre nach Berlin zurück; er gab wie-\nder dieselben drei Rollen: den Propheten drei, den Raoul\nzwei, den George Brown vier Mal, und die Begeisterung\nfür ihn blieb im Steigen. Wenn er auch den Einen in die-\nser, den Anderen in jener Rolle mehr zusagte, je nachdem\ndas subjective Wohlgefallen mehr am Duftigen und Roman-\ntischen, oder am Anmuthigen und Liebenswürdigen, oder\nam Grossartigen und Gharakteristischen hängt und sich be-\nfriedigt fühlt, so blieb doch Alles darüber einig, dass er,\nrein objectiv genommen, der grösste dramatische Sänger\nsei, den man noch gehört habe, ein Ergebniss, welches\nsich hier in Köln nach seinen eilf Gastdarstcllungen gerade\neben so herausgestellt hat.\nIn den folgenden Jahren kehrte Roger regelmässig im\nSommer nach Deutschland zurück; seine gegenwärtige Reise\nist der fünfte seiner Ausflüge nach unserem Lande und der\nerste, den er im Winter, also in der eigentlichen Theater-\nzeit, unternimmt, da er, wie bekannt, seine Anstellung an"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "359", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541111-01.1.7", "texte": "der grossen Oper zu Paris in diesem Jahre (am 1 *5. Oct.)\naulgegeben hat. Wer Roger kennt, der weiss, wie hoch er\ndie Aufnahme, die ihm in Deutschland geworden, zu schätzen\nweiss, und welchen Eindruck die deutsche Gemülhlichkeit\nauf sein Herz macht. Für diejenigen aber, die ihn nicht per-\nsönlich kennen, theilen wir einige Stellen aus einem seiner\nBriefe in die Heimat mit, welche darüber Aufschluss geben.\nDer Brief ist aus Frankfurt und an H. Berlioz gerichtet:\n,Sapperment! warum sollte ich nicht meinen Brief an\nSie, lieber Ilector, damit anfangen, es Ihnen zu erzählen ?\nEben hat man mir nach den Hugenotten eine Serenade ge-\nbracht. Ich ersticke vor Glück! Es giesst in Strömen vom\nHimmel herab, und da kommen sie mit Regenschirmen und\nLaternen, um 11 Uhr Nachts, und singen mir drei Stücke,\nvon Cherubini, von Mendelssohn und einem Unbekannten,\nwenigstens mir. Ich bitte Sie, mitten in der Nacht! Ich war\ntoll vor Freude, ich ging hinunter, ich umarmte sie, ich\nweinte wahrhaftig, wenn es auch nicht geregnet hätte,\nich hätte von meinen Thränen den Schnupfen bekommen\nkönnen! Dann habe ich ihnen ein auf Französisch\ngehalten, alles gesagt, was ich nur finden konnte u. s. w.\n„Ich betrachte mit Erstaunen diese warme Aufnahme,\ndie mir in Deutschland zu Theil wird, diese Künstler-Herz-\nlichkeit, von der wir in unserem schönen Valerlande kaum\nnoch eine Spur finden!\"\n(Schluss folgt.)\n\nZweites Gresellschafts-Concert in Röln\nim Casinosaale.\nDinstag. den 7. November.\nDas zweite Concert war in jeder Hinsicht ausgezeichnet, sowohl\ndurch ein reiches Programm, als durch die treffliche Ausführung\ndesselben.\nEs begann mit der prachtvollen Ouvertüre zum Oberon\nvon C. M. von Weber, deren schwunghafte Auflührung die ganze\nZuhörerschaft sogleich in die rechte Concertstimmung hineinriss.\n\"Wir erlauben uns nur die Bemerkung, dass wir, obwohl durchaus\nkeine Vertheidiger des metronomischen Tactirens, die Bewegung\ndes Mittelsatzes (mit dem wundervollen Gesang der Clarinette) nicht\nauffallend langsamer genommen wünschten, als das übrige Allegro;\nuns scheint, dass die Art, wie die Melodie geschrieben ist, ihr\nTempo hinlänglich bezeichnet und dabei keine grössere Zögerung\neinzutreten habe, als diejenige, welche der Solo-Vortrag der Clari-\nnette in schönem Ausdruck wie von selbst mit sich bringt.\nHierauf folgte das Finale aus Mendelssohn's Lorelei.\nFrau Nissen-Saloman sang die Partie der Leonore mit treff-\nlichem dramatischem Ausdruck und mit ausgiebiger Kraft der Stimme,\nwas um so mehr anerkannt werden muss, als die schlechte Akustik\nin unserem Concertsaale jeder Stimme einen sehr unwillkommenen\nSordin aufsetzt.\nEine glänzende Erscheinung war H. Vicuxtemps, der uns\ndarauf durch den Vortrag seines grossen Violin-Concertes in\n(Manuscript) entzückte. Vicuxtemps tritt als Componist in die Reihe\nder wahren Künstler, welche, wenn sie für ihr concertirendes In-\nstrument schreiben, die höheren Forderungen der Kunst nicht hint-\nansetzen, sondern vor allen Dingen Musik zu schaffen streben. Er\nreiht sich darin Meistern wie Spohr und Molique an, und das vor-\ndient bei einem so gefeierten Virtuosen, der aller Hexenkünste,\nwomit man die grosse Menge in Taumel versetzt, vollständig Herr\nist, die vollste Anerkennung. Das Concert in -/)-moll besteht aus\nvier Sätzen, von denen die beiden ersten und\nreligioso) zusammenhangen, die beiden anderen und\nfinale) unabhängig von einander für sich bestehen. Eine Einheit\ndes Charakters des Ganzen, wie z. B. bei dem Bcethoven'schen\nViolin-Concert, lag also nicht in der Absicht des Componisten; die\nZusammenstellung ist aber interessant, und gerade die Mannigfal-\ntigkeit macht die Länge des Conccrts weniger fühlbar. Die Intro-\nduetion, ein langer, ernst und (in gutem Sinne) romantisch gehalte-\nner Satz, in welchem die Violine meist recitativ- und arioso-artig\nauftritt, ist ganz vortrefflich instrumentirt und fesselt ausserordent-\nlich. Die dadurch erregte Stimmung wird im Adagio religioso auf\nbestimmtere Gefühle hingeführt; auch dieser Satz ist durchweg edel\ngehalten, und das Orchester ist mit grossem Talent, die Solo-Vio-\nline mit echt künstlerischer Entsagung behandelt. Wir halten diese\nbeiden Sätze für die besten, räumen indess auch dem folgenden\nScherzo die Vorzüge einer geistreichen Originalität gern ein, welche\ndiesen Satz vielleicht für manche Zuhörer am höchsten stellt.\nIn der zweiten hörten wir zwei kleinere Salonstücke\nvon Vieuxtemps (jedoch beide mit Orchester-Begleitung), ein Lied\nohne Worte und eine Tarantella, in denen wir ebenfalls ein\nschönes Compositions-Talent anerkennen. Das „Lied ohne Worte\"\nist mit Begleitung von Blas-Instrumenten geschrieben, ein ganz\nhübscher Gedanke, dessen Ausführung nur durch die anhaltend auf\ndas zweite Viertel einfallenden Accorde etwas Monotones erhält,\nwelches die Melodie an sich durchaus nicht hat. Die „Tarantella'-\nist ein ganz allerliebstes Stück, lieber die vollendete Technik des\nberühmten Violinisten, die unzerstörbare Reinheit in allen Lagen\nund Griffen, besonders den schwierigsten Doppelgriffen, und über\nalle die glänzenden Eigenschaften seines Spiels können wir nur das\nsagen, dass er sie nach allen Richtungen hin, so wie immer, ent-\nfaltete.\nDie zweite Abtheilung des Conccrtes begann mit einer Neuig-\nkeit für uns, mit der Ouvertüre zur Oper Tordenskjold von\nSiegfried Saloman. Sie wurde unter der Leitung des Compo-\nnisten, der mit seiner Gattin hier anwesend ist, sehr gut ausgeführt\nund erhielt lebhaften Beifall, Wir werden diesem interessanten nor-\ndischen Componisten, von dem wir in der letzten Sitzung der mu-\nsicalischen Gesellschaft auch die Ouvertüre zu der Oper „Das Dia-\nmantkreuz\" mit grossem Vergnügen gehört haben, in unserer näch-\nsten Nummer einen ausführlicheren Artikel widmen.\nFrau Saloman sang darauf die erste Arie aus der „Nacht-\nwandlerin\" von Bellini und bewährte durch den kunstvollen Vor-\ntrag derselben, bei welchem sie Gelegenheit fand, alle Vorzüge"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "360", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541111-01.1.8", "texte": "ihrer vortrefflichen Schule ins Licht zu stellen, den wohlverdienten\nBuf, den sie in der musicalischen Welt geniesst.\nDen Schluss machte die achte Sinfonie von Beethoven,\nwelche das Orchester unter Hiller's Leitung recht brav ausführte,\nwas namentlich vom ersten, zweiten und letzten Satze gilt.\nEine freudige Ueberraschung und schallenden Applaus erregte\nes, als vor der Sinfonie Miller den gefeierten Roger in den Saal\nführte und dieser uns Schuberts „Erlkönig\" als eine herrliche\nZugabe zu dem Programm spendete. Der ausgezeichnete dramati-\nsche V ortrag dieser Ballade ergrill die ganze Zuhörerschaft auf\nsichtbare Weise.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMotu. Im Stadttheater hat Boger noch den Edgardo in\nder Lucia, und zum Bcncfice für die Choristen im ersten Acte der\n„Weissen Dame\" und im vierten der „Hugenotten\" gesungen.\nDiestern ist er von hier nach Hannover abgereis't.\nAm Sonntag den 12. Aovembcr wird die französische Opern-\nGesellschaft von Antwerpen hier die komische Oper Lc songe d'une\nnull il'ete von Ambr. Thomas geben. Die deutsche Gesellschaft\nvon hier debutirte am Freitag den 10. d. Mts. in Antwerpen mit\nFlotow's „Marthel'1.\nDie Versammlung der musicalischcn Gesellschaft am 4. Novem-\nber war ungewöhnlich interessant. Wir hörten, wie schon erwähnt,\neine Ouvertüre von S. Saloman, welche sehr gefiel. Dann\nspielten die Herren Breunung (Pianoforle) und Bcirners (Vio-\nloncello) die Sonate in D von Mendelssohn auf ausgezeichnete\nWeise. Heu Wiedemann aus Leipzig sang die erste Arie des\nLelmontc, und unser M. DuMont secundirte ihm im folgenden\nArioso und Duett als Osmin, worauf er noch die Arie des Bossini'-\nschen Figaio mit italiänisenem lext und italienischem Humor vor-\ntrug. Nachdem Herr Breunung noch einige Sachen von Chopin\ntrelllich zu Gehör gebracht, sang uns Bog er in der Mitternachts-\nstunde auf wahrhaft bewältigende und erschütternde Weise Schu-\nbei t s „Erlkönig und dann auch noch mit dem ausdrucksvollen\nHauch der Liebe das Ständchen: „Leise flehen meine Lieder.\"\nDer Wirkung, welche Boger in kleinerem Kreise durch diese\nLieder erregte, können wir nur den Eindruck an die Seite stellen,\nden er am Sonntag in der Matinee bei F. Hill er durch den\nseelenvollen Vortrag der ersten Arie des Joseph von Mehul\nmachte, trau Saloman sang in derselben Matinee zwei Arien von\nhöchst entgegengesetztem Charakter, eine italiänische mit walzer-\narligem Bhythmus und eine Arie von Händel (wenn wir nicht\nirren, aus dessen Oper Binaldoj: diese letztgenannte trug sie aus-\nserordentlich schön vor. Vieuxtemps spendete uns einige seiner\nglänzenden und doch gehaltvollen Salonstücke, wodurch er Bewun-\nderung erregte; weniger genügte er uns in der C-mo«-Sonate von\nBeethoven, die er mit Hiller spielte. Hiller trug ausserdem noch\nzwei kleine, sehr liebliche Stücke aus Werken früherer Zeit, aus\nseinen „Bevericen\" und „Etüden\", vor.\n** »UsseMorf, 3. November. Unser erstes Abonnements-\nConcert unter der Direction von Jul. Tausch brachte neben eini-\ngen Soloslücken die grosse C-(/«r-Sinfonie von F. Schubert\nnnd Mendel ssohn's Finale aus der Lorelei. So gewagt es er-\nschien, beim ersten Zusammentritt des Winter-Orchesters gerade\ndiese Sinfonie zu wählen, so ging sie doch über Erwarten gut,\nwenn auch eine feinere Behandlung der Einzelheiten noch ver-\nmisst wurde.\nFiftölcin Louise Thelen sang die Portie der Leonore in der\nLorelei \",sehr brav .und mit. vieler Anerkennung. Ihre Stimme ist\nalleidings nicht stark, aber bei der sehr guten Tonbildung ausgie-\nbig gnnug, um dergleichen Parlieen zu voller Geltung zu bringen.\nDie Wärme des Ausdrucks im Becitativ zeugte von richtiger dra-\nmatischer Auflassung und trefflicher Declamation. Chor und Or-\nchester hätten hier und da etwas weniger stark und rauh sein\nkönnen.\n9->uie!irurt »• M. Der als tüchtiger Musiker und musicali-\nscher Schriftsteller in Deutschland bekannte Herr Bertold Da nicke,\nin letzteren Jahren in Petersburg domicilircnd, befindet sich gegen-\nwärtig mit Gemahlin in unserer Sladt und gedenkt, dem Verneh-\nmen nach, den inter hier zu verleben.\nEine der grössten musicalischen Bibliotheken auf der Welt be-\nsitzt Herr Lowell Mason in Boston. Sie enthält über 30ÜU\nBände sowohl an theoretischen und historischen Werken, als an\nMusikstücken. Bei seiner letzten Anwesenheit in Deutschland hat\nHerr Mason auch die vollständige Bibliothek des berühmten Orga-\nnisten Bink angekauft. Dabei besitzt er eine bedeutende Samm-\nlung von Kirchenliedern und kirchlichen Gesangbüchern."}]}