{"numero_id": "bm-bmtnabi-1854-11-18-01", "volume": "bmtnabi_1854-11-18_01", "ocr_sha256": "628601cdf376302f89a47412f28f8d6389d7230f2a40e4530fa228f2d9b9c69c", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1854/11/18_01/bmtnabi_1854-11-18_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541118-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1854-11-18-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-11-18_01#c001", "volume": "bmtnabi_1854-11-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "361", "page_fin": "363", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541118-01.2.1", "titre_corps": "Roger.", "titre_sommaire": "Roger.", "signature_source": "L. B", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "361", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541118-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4133, "texte": "Roger.\n\n(Schluss. S. Nr. 44 und 45.)\nEs ist Thatsache, dass Roger in Deutschland eine all-\ngemeine Sympathie gefunden und einen grossen, für einen\nSänger wohl noch nie da gewesenen Eindruck gemacht\nhat, indem wir uns einer ähnlichen enthusiastischen Theil-\nnahme der Deutschen nur für weibliche Grössen am\nTheaterhimmel erinnern. Eben so ist ihm von Seiten der\ndeutschen Kritik eine Würdigung geworden, welche höchst\nehrenvoll lür ihn ist, da sie gründlicher und tiefer das We-\nsen seines Gesanges zu erfassen und zu erläutern sucht, als\ndie französische, welche mehr auf die Wirkungen als auf\nihre Ursachen achtet.\nEs wirken bei Roger mehrere Eigenschaften im Ver-\nein, um uns die Sensation zu erklären, die er hervorbringt;\nimmer wird jedoch der Hauptgrund lür den Anklang, den\ner in Deutschland findet, der sein, dass sein Gesang das\ninnere Leben, dass er seelische Zustände durch eine voll-\nendet künstlerische Beherrschung aller Mittel darstellt, durch\nwelche dieser Zweck zu erreichen ist. Auf der Bühne tritt\ndann noch zu der Anwendung der musicalischen Mittel die\nKunst des Schauspielers hinzu, was freilich erst ganz den\nausserordentlichen Eindruck erklärt, den er auch auf den-\njenigen Theil des Publicums macht, welcher weniger im\nStande ist, die Vorzüge seines Gesanges an und lür sich\nzu würdigen. In manchen Rollen, namentlich im Propheten,\ndürfte die letztere, die Kunst des Schauspielers, sogar das\nüberwiegende Moment lür den Eindruck bilden.\nRoger's Stimme gehört zu den Tenören, welche mehr\ndie Farbe des Baritons als des eigentlichen hohen Tenors\nhaben. Dadurch ist er genöthigt, einerseits die hohen Brust-\ntöne zu forciren, andererseits das Falsett häufig anzuwen-\nden. Er ist jetzt 37 oder 38 Jahre alt, und wenn aller-\ndings seine Stimme auch nicht mehr die ganze Frische der\nJugend hat, so ist es doch durchaus falsch, zu behaupten,\ndass sie „passirt\" sei ein Ausdruck, mit welchem die\njetzige blasirte Dilettantenwelt eben so schnell bei der Hand\nist, als die stutzerischen Tonangeber mit ihrem Urtheil über\ndie Jugend des schönen Geschlechtes, welche sie nur von\nfünfzehn bis neunzehn Jahre rechnen. Roger hat bis zum\nf mit der Brust noch die volle arsgiebige Kraft, die mit\nLeichtigkeit anspricht und im bis ausreicht, wäh-\nrend a, bund selbst hzwar noch da sind, aber doch mit\nvernehmbarer Anstrengung hervorgebracht werden. Durch\ndie vorzügliche Ausbildung des Falsetts aber erhalten die\nUebergangs-Töne f, Bs, g, gis einen eigentümlichen, dufti-\ngen Klang, den wir noch bei keinem Tenoristen gehört ha-\nben. Das Falsett selbst ist lieblich, weich und sanft, und\ngibt sich zu den mannigfachsten Nuancen her; den Ueber-\ngang der Register auf- und abwärts beherrscht Roger mit\nder vollsten Freiheit, sein Ton ist in allen Regionen klar\nund edel und wird nie gemein; es gibt nämlich eben so\ngut einen trivialen Ton, als triviale Melodieen. Mit dieser\nvorzüglichen Tonbildung geht eine vollendet klare und\nschöne Aussprache sowohl des Französischen als des Deut-\nschen Hand in Hand, Letzteres um so bewundernswerther,\nals er, ein Ausländer, darin offenbar die meisten deutschen\nSänger übertrifft. Die Vocale, nicht nur a, sondern auch\ndie schwierigen i und c, wie schön klingen sie bei ihm, und\nwie scharf und bestimmt erscheinen die Consonanten! Da\nwird nicht, wie bei vielen der Unsrigen, aus Leben Le-\nber, aus Drang Trank, aus ist iss u. dgl. Nur Eines\nhaben wir in dieser Hinsicht bei Roger zu tadeln, was of-\nfenbar eine' fehlerhafte Angewöhnung ist, wozu ihn der Af-\nfect hinreisst; es ist dies bei leidenschaftlichen Ausbrüchen\nder Anstoss eines unbestimmten Vocallautes, der mit dem\ne die grösste Aehnlichkeit hat, vor dem Worte, auf wel-\nchem der höchste Accent und zugleich der kräftigste Ton\nliegt, z. B. „e j a!\" statt ja. Es kommt dies nicht häufig\nvor, aber es sollte gar nicht vorkommen. Dagegen glauben\nwir bemerkt zu haben, dass sich der Künstler jetzt mehr\nals sonst des Tremulirens in den hohen Brusttönen enthält,\nwas wir nur loben können, und wesshalb uns auch viele\nStellen in der Partie seines Raoul hier besser gefallen ha-\nben, als in Paris. Sollen wir noch Eines anführen, dem wir"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "362", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541118-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5142, "texte": "unseren Beifall versagen müssen, so ist es das Martelliren\nder Coloratur in den Duetten in der Weissen Dame (so-\nwohl dem mit Jenny, als mit Miss Anna), das wir, zumal\nwenn der Sopran daneben ligatosingt, nicht schön finden\nkönnen, wenngleich wir dieser Vortragsweise in der komi-\nschen Oper ihre Berechtigung nicht ganz und gar abspre-\nchen wollen, in der ernsten sie aber durchweg für unange-\nmessen halten. Dass sie jetzt Tür colorirten Gesang über-\nhaupt in Paris Mode ist, wissen wir sehr wohl; es ist aber\neine schlechte Mode.\nNach dem Gesagten kann es keine Frage sein, dass\nRoger, bloss als Sänger genommen, eine sehr hohe Stufe\neinnimmt, wie uns das K. B. sein Vortrag der Romanze in\nden Hugenotten, der lyrischen Stellen im zweiten Acte des\nPropheten, des Tischgebetes des Eleazar in der Jüdin, der\nArie „Komm, holde Dame\", des Ständchens „Leise flehen\nmeine Lieder\" von Schubert auf das genügendste bewiesen\nhat. Seinen Vortrag von Schubert's „Erlkönig\" rechnen\nwir nicht dahin, denn er ist rein dramatisch und gibt in\nV\nkleinerem Rahmen ein vollendetes Bild dessen, was Roger,\nauch ohne Spiel, im dramatischen Gesänge leistet.\nUnd das ist es, was ihm die hohe Bedeutung gibt, was\nihn zum grossen, Epoche machenden Künstler stempelt,\nwas ihn über alle Sänger, die eben nur Sänger sind, seien\nsie auch noch so vorzüglich, erhebt. Als Sänger an und\nlür sich gehört er zu den Ersten, als dramatischer Sänger\nist er der Erste und Einzige.\nDies erklärt denn auch allein den ungeheuren Anklang,\nden er in Deutschland gefunden, das ist es, was anzieht,\nwas fesselt, bezaubert und begeistert, wenn auch die grosse\nMenge der Zuhörer nur die Macht dieses Zaubers über sie\nfühlt, ohne sich von den Gründen derselben und dem eigen-\ntümlichen Wesen dieses Gesanges Rechenschaft geben zu\nkönnen. Es liegt aber in dem deutschen Gemüthe eine Sym-\npathie lür das Schöne in der Tonkunst, welche ihm ange-\nboren ist; und gerade diese angeborene, natürliche Sym-\npathie wird nicht, wie die angelernte und künstlich ange-\nbildete, durch den sinnlichen Glanz der Musik am leich-\ntesten bestochen, sondern durch den geistigen Inhalt der-\nselben am meisten und am tiefsten angeregt. Der Franzose,\nder Italiäner wird meist durch den technisch vollendeten\nVortrag schon befriedigt, ja, in Entzücken versetzt; wir\nverlangen mehr, wir verlangen zuvörderst einen Inhalt der\nComposition und dazu einen Vortrag, der diesen Inhalt sei-\nnem Charakter gemäss zur sinnlichen Erscheinung bringt.\nMit Einem Worte: ohne Seele gibt es lür uns keinen schö-\nnen musicalischen Vortrag.\nRoger's Grösse liegt nun eben darin» dass er die Grund-\nbedingung alles Kunstschönen dass der Geist den\nStoff durchdringe, oder, mit anderen Worten, dass\ndas Kunstwerk eine Idee darstelle durch seinen\nGesang erfüllt. Sein Stoff ist der consistenzloseste, unlass-\nbarste, duftigste, den es in der Natur gibt, der Ton; wenn\nihn aber der Gedanke durchdringt, so ist er dennoch der\ndankbarste für den Künstler, da seine Natur schon etwas\nGeistiges, etwas Seelenhaftes hat.\nDie meisten Menschen, und leider müssen wir hinzu-\nsetzen: die meisten Bühnensänger, haben von der Aufgabe\nund dem Wesen des dramatischen Gesanges nur eine sehr\nmangelhafte Vorstellung; wie sie beim Schauspieler mit\ndem Prädicat „denkender Künstler\" gleich bei der Hand\nsind, wenn einer einmal aus Instinct das Richtige trifft, so\nsind sie auch gegen den Sänger, welcher gut singt und da-\nbei leidlich spielt, mit dem Titel „dramatischer Sänger\"\nsehr freigebig. Der Unterschied aber zwischen dem Neben-\neinander und dem I n einander von Gesang und Spiel ist ein\ngar grosser. Der wahre dramatische Gesang beruht aller-\ndings auf der Durchdringung und innigen Verschmelzung\nbeider, und tritt dadurch in seiner glänzendsten und dem\nVerstände und Gemüthe durch die gleichzeitigen Ein-\ndrücke auf Auge und Ohr fasslichsten Erscheinung hervor.\nAuf der Bühne ist desshalb ein richtiges, künstlerisch voll-\nendetes Spiel eine nothwendige Bedingung desselben; an\nund für sich aber muss der Gesang, der auf den Namen\ndes dramatischen Anspruch macht, schon die Eigenschaften\nin sich selbst haben, welche ihn zum Ausdruck des Ge-\ndankens, der Empfindung, des Gefühls, überhaupt des See-\nlischen, befähigen; es muss ohne alleZuthat für das Auge,\nalso ohne Rücksicht auf Spiel, eine rein musicalische Cha-\nrakteristik geben, eine Wahrheit des Ausdrucks eben so\ngut, wie eine Wahrheit der Melodie.\nDiese ist aber nur dadurch zu erreichen, dass sich der\nmusicalische Ausdruck der Idee unterordnet, dass\nnicht das sinnliche Element des absoluten Wohlklangs, son-\ndern das ideale des relativen, von dem Inhalt bedingten,\nvorherrscht. Das ist bei Roger der Fall, und diesen Grund-\nsatz zu verfolgen und zu verwirklichen, hat ihm die Natur\ndie herrlichsten Mittel gegeben, und sein Genie und sein\nKünstlerfleiss haben sie so geschult und gebildet und ge-\nhorsam gemacht, dass sie willige Diener der Idee und zu-\nverlässige Vollstrecker des künstlerischen Willens geworden\nsind. Wer das Glück gehabt hat ich sage das nicht als\nRedensart, sondern ich halte es wirklich für ein Glück —,\nRoger's Vortrag von Schubert's Erlkönig an jenem Abend"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "363", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541118-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5126, "texte": "des 4. November in einem vertrauten Kreise von Musikern\nund musicalisch Gebildeten zu hören, der hat erfahren, was\ndramatischer Gesang auch ohne Spiel ist, der hat unter\nSchauern einer nie gekannten Aufregung emplunden, wie\nder Geist des Dichters und des Componisten in einer neuen\nSchöpfung vor uns aufstieg, und hat mit Staunen bewun-\ndert, dass es ein Franzose war, der aus deutscher Poesie\ndieses Bild mit erschütternder Wahrheit ins Leben rief*).\nDieser Ausdruck des innern Lebens durch eine ideali-\nsirte Sprache, nämlich durch den Gesang, erreicht seine\nVollkommenheit dadurch, dass der Sänger nicht bloss, wie\nman zu sagen pflegt, richtig declamirt eine Redensart,\nwelche sich bei den Musikern gewöhnlich nur auf einen\nTheil der Declamation, auf Prosodie und Betonung, be-\nschränkt —, sondern dass er alle Mittel, welche das mensch-\nliche Organ dem Declamator zu künstlerisch vollendetem\nsprachlichem Vortrage darbietet, auf den Gesang überträgt.\nWenn in der Sprache der verschiedene Affect des Gemü-\nthes den Ton der Stimme verschieden färbt, wie denn\nSchmerz und Freude, Heiterkeit und Trauer, Liebe und\nHass, Hoffnung und Verzweiflung, Zorn und Milde alle in\nder Sprache ihren eigenthümlichen Ton haben, so besitzt\nRoger's Organ eine so unvergleichliche Biegsamkeit, dass\ner über den ganzen Reichthum von Tonfärbungen, wel-\nchen die Darstellung der Seelenzustände erfordert, auch\nim Gesänge gebieten kann, und das ist eben wieder\netwas, das alle Sänger von ihm lernen müssen, wenn sie\nsich zu der Höhe des dramatischen Gesanges aufschwingen\n• wollen. Um aber alle declamatorischen Mittel auf den Ge-\nsang übertragen zu können, müssen sie freilich erst zum\nBewusstsein über dieselben gelangen, d. h. Aussprechen,\nLesen, Recitiren und Declamiren lernen.\nErwägt man das Gesagte, so wird man es ganz natür-\nlich finden, dass Roger gleich ausgezeichnet im Patheti-\nschen und Sentimentalen und im Gemüthlichen und Heite-\nren ist. Die Anwendung des Grundsatzes der Bestimmung\nder Tonfarbe und des musicalischen Ausdrucks durch den\nInhalt bleibt dieselbe, und wer einmal Meister in derselben\nist, der wird den liebenswürdigen Gevatter der Jenny eben\nso wahr und charakteristisch singen, als den ritterlichen\nGeliebten der Valentine und den begeisterten Seher. Es ist\nwiederum eine ganz beschränkte Ansicht, wenn man den\ndramatischen Gesang nur im Leidenschaftlichen, Patheti-\nschen, Heroischen sucht; die Kunst desselben gehört eben\nso sehr auch auf die Scene der komischen Oper, nur ist\nihre Ausübung auf dieser meist noch schwieriger, da, eben\nso wie beim recitirenden Drama im Lustspiel, hier die fei-\nnere Nuancirung der Charaktere und Gemüths-Zustände\neben desshalb um so grösseres Talent erfordert, je weniger\nentschieden sie durch die Dichtung ausgesprochen sind.\nDarum halten wir auch Roger's George Brown in der\nWeissen Dame für eine seiner ausgezeichnetsten Leistun-\ngen; der Vortrag der Arie: „Welche Lust, Soldat zu sein\",\nund des Terzetts im ersten Acte hat uns jedesmal von\nNeuem entzückt. Wer bei diesem Terzett auf den Vortrag\nder eintönigen Viertelnoten auf die Worte:\nIch kann es nicht verstehen\nDoch möcht' ich sie wohl sehen u. s. w.,\nwie sie Roger singt, merkt oder sie sich ins Gedächtniss\nzurückruft, der wird in dieser einfachen Stelle den prakti-\nschen Beweis für das, was wir oben von dem Wesen des\ndramatischen Gesanges gesagt haben, eben so gut finden,\nwie in dem Duett im vierten Acte der Hugenotten.\nIch fühle am Schlüsse dieses Aufsatzes sehr wohl, dass\njede kritische Zergliederung und Erläuterung einer solchen\nKunsterscheinung und ihrer Wirkung immer nur ein schwa-\ncher Versuch bleiben muss, und dass alle unsere Schul-\nweisheit vor dem unmittelbaren Eindruck derselben auf das\nmenschliche Herz nicht bestehen kann. Dennoch habe ich\ndiese Zeilen als Winke zur richtigen Würdigung des gros-\nsen Künstlers und als vielleicht nicht unwillkommenen An-\nhaltspunkt der Erinnerung für alle, die ihn gehört, nicht\nunterdrücken wollen. Es gibt eine Religion der Kunst, aber\nihre wahren Priester sind selten; sie hat einen Altar in je-\ndes edeln Menschen Brust, aber nur Wenige sind berufen,\nseine Flamme zu schüren. Finden wir nun einen, der die\nSchönheit zu heilig hält, um sie der sinnlichen Lust Preis\nzu geben, der sie vielmehr auf den Schwingen des Genius\nzur Verklärung durch die Kunst eraporträgt, so mögen\nwir uns schämen, wenn wir ihn nicht erkennen, nicht aber,\nwenn wir ihn begeistert verherrlichen, zumal wenn er sein\nIdeal nicht in dauernden Stoff bannen kann, der ihn über-\nlebt, sondern wenn es, kaum gestaltet, wieder zerlliesst,\nwie ein Hauch verfliegt, und mit seinem Schöpfer lebt und\nstirbt!\n*) So vortrefflich der Vortrag derselben Ballade auch im zweiten\nGesellschafts-Concertc war, so erreichte er doch bei Weitem\ndie Höhe nicht, auf welche ihn Roger's eigene poetische Be-\ngeisterung an dem oben erwähnten Abend brachte ein\nneuer Beweis, dass die geniale Kunstleistung gerade am mei-\nsten der Stimmung unterworfen ist, und, nebenbei gesagt, auch\ndafür, wenn das noch des Beweises bedürfte, dass unser Con-\ncertsaal auch die klangvollsten Stimmen um den Klang bringt.\n\nL. B."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-11-18-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-11-18_01#c002", "volume": "bmtnabi_1854-11-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "364", "page_fin": "366", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541118-01.2.2", "titre_corps": "Aus Frankfurt am Main.", "titre_sommaire": "Aus Frankfurt am Main.", "signature_source": "Anton Schindler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "364", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541118-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5049, "texte": "Aus Frankfurt am Main.\n\nII.\nSein Joder Nichtsein.\nDer Cyklus der Winter-Concerte hat kaum begonnen,\nals auch schon wieder, wie in früheren Jahren, die Frage\numläuft: „Wird die neunte Sinfonie von Beethoven dies-\nmal in ihrer Vollständigkeit zur Aufführung kommen, oder\nwieder nicht?\" Der Vorstand hat kluger Weise nichts ver-\nsprochen, mithin kann sich Jeder diese Lebensfrage nach\nEinsicht in die Gründe und Gegengründe selbst beantwor-\nten. Ein Blick auf die verschiedenen Schicksale, welche die-\nses Riesenwerk hierorts erlebte, dürfte, Weiterem voraus-\ngehend, nicht ohne Interesse sein.\nAls der gottselige Capellmeister Guhr 1826 mit Auf-\nstellung eines anziehenden und drastisch wirkenden Pro-\ngramms zu seinem Charfreitags-Benefice-Concert beschäf-\ntigt gewesen, glaubte er, dass ein paar Brocken aus Beet-\nhoven's letzter Sinfonie, die noch nicht in Druck erschienen\nwar, auf die Flut der Casse grossen Einfluss haben könn-\nten. Zu dem Ende wusste er sich von der mainzer Verlags-\nhandlung den ersten und zweiten Satz zu verschaffen. Das\nganze reichlich besetzte Programm ward mit einer einzigen\nProbe zur Ausführung gebracht. Aus Beethoven's Musik\nkonnte Niemand klug werden, und weil die Autorität des\nCapellmeisters beim Publicum wie bei seinem Orchester\ndie eines allgewaltigen Potentaten war, so wagte Niemand,\nihm die Schuld beizumessen, wohl aber dem Componisten,\nder solchen „Unsinn\" geschrieben. Noch lebende Zeugen\nwissen zu sagen, dass der General-Pachter der hiesigen\nMusik diese schiefen Urtheile keineswegs berichtigt, son-\ndern als treffend bezeichnet hat. Nach langen Jahren\nerinnerte sich Guhr des vierten Satzes dieser Sinfonie. Mit\nnur einer einzigen Probe brachte er ihn im Museum vor\ndas Publicum. Gleiches Schicksal mit vorbenannten Sätzen.\nEine Wiederholung davon fand nach längerer Zeit Statt;\nwiederum aber war das allgemeine Urtheil: „Unsinn!\"\nWeiterer Aufführungen eines oder mehrerer Sätze unter\nGuhr weiss sich keiner zu erinnern, der diesen Vorgängen\nnahe gestanden. Seitdem ward an diesen Unhold nicht\nwieder gerührt, bis vor zwei Wintern Herr Messer die drei\nInstrumentalsätze zur Aufführung brachte und in der letz-\nten Concert-Saison selbe wiederholt hat. Beider Aufführun-\ngen war Referent Zeuge. Von der ersten liess sich sagen,\ndass jeder Spieler so ungelähr mit seiner Stimme vertraut\nwar, von der zweiten und letzten jedoch, dass es eine Blas-\nphemie auf den Geist des ausserordentlichen Werkes, aber\n/\nauch eine Verunehrung des Concertsaales einer bedeuten-\nden Stadt gewesen. Sollte es begründet sein, dass der Vor-\nstand zwei Proben bewilligt hätte, wie versichert wurde,\nso wäre Messer's Leichtsinn sträflich, seine Unfähigkeit aber,\ndie Bedingungen einer nur halbweg würdigen Darstellung\neines grossen und schwierigen Werkes richtig zu erkennen,\neclatant. Was sollte sonach von der Aufführung des voll-\nständigen Werkes unter solchen Auspicien zu erwarten\nstehen? Träten auch die besten Gesangskräfte der Stadt\nzusammen, wo ist der Geist, der sie zu zweckgemässem\nEinklänge bringen könnte?\nMit jeder Aufführung eines bedeutenden Werkes er-\nhält der Streit über Herrn Messer's Fähigkeit oder Unfähig-\nkeit zum Orchester-Dirigenten neue Nahrung. Sympathie\nund Antipathie zerren die Frage so aus einander, dass keine\nPartei zu klarer Anschauung der nahe liegenden Dinge und\nihrer Lösung kommen kann. Die verteidigende Partei,\ndarunter auch Damen, nennt Herrn Messer geradezu ein\nKirchenlicht, das den dunkelsten Ort zu erhellen vermag.\nDie gegnerische Partei, bestehend aus einem ansehnlichen\nGremium von kunstgebildeten Dilettanten und Musikern,\nunter letzteren allgemein gekannte und geachtete Namen,\nbenimmt wieder Herrn Messer jedes Künstler-Verdienst und\nlässt ihm nichts als ein Stück Routine mit exemplarischer\nGrobheit und göttlicher Selbstgenügsamkeit im Bunde, wie\nes echten Kunst-Aristokraten ziemt, die nichts über sich,\nwohl aber Alles unter sich sehen, heute protegiren, mor-\ngen verfolgen. Wenn ich hiermit zwischen die Parteien\ntrete, ohne mich um ihr Für oder Wider zu bekümmern,\nso folge ich lediglich dem Drange meiner subjectiven Ueber-\nzeugung, die sich auf vieljährige Beobachtung der Zustände\nstützt; dass man mir etwas Urtheilsfähigkeit zugestehen\nwird, will ich mir doch schmeicheln.\nWas zuvörderst den Musiker betrifft, so kann\nnur Partei-Leidenschaft Herrn Messer blosse Routine und\ninstinctive Befähigung ohne Basis schulgerechter Bildung\nzuerkennen. Arbeiten, wie seine Quartette, deren bereits\nim früheren Artikel gedacht wurde, liefert Keiner vermittels\nblosser Routine. Wesentlich anders aber verhält es sich\nmit Messer's Befähigung zum Orchester-Director. Wäre es\nmöglich, den Leuten begreiflich zu machen, dass man ein\nguter Componist und doch ein schlechter Aesthetiker sein\nkann, dass vortreffliche Eigenschaften eines Vocal-Dirigen-\nten bei Weitem noch nicht ausreichen, um der Instrumen-\ntal-Musik gegenüber zu genügen, dass diese, als eigentlich\nrein ideale Musik, ein höheres Feld erworbener Wissen-\nschaftlichkeit und einen weiteren, von Vorurtheilen freieren"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "365", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541118-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5240, "texte": "Horizont bei dem Dirigenten voraussetzt, wäre es mög-\nlich, sage ich, den raisonnirenden Leuten dieses gleich dem\n„Ein Mal Eins\" aus einander zu setzen: der Streit wäre\nalsbald geschlichtet und die Parteien auf das rechte Maass\nzurückgeführt. Herrn Messer als Orchester-Director fehlt\nweiter nichts als die Hauptsache: ästhetische und rhe-\ntorische Bildung, obendrein ein Bisschen Poesie, in\nengster Bedeutung des Wortes. Ware aber auch letztere\nhier und da in vollem Maasse vorhanden, stützt sie sich in\nihrer Kundgebung nicht auf die beiden anderen, ja, sogar\nnoch auf humanistische Bildung, so ist ihre Thatkraft\nnach aussen paralysirt. Allein stehend am Dirigenten-Pulte,\nselbst in Gemeinschaft mit loderndem Enthusiasmus, vermag\nsie nichts Erspriessliches zu leisten. Ein Dirigent ferner,\ndessen Augenmerk sich bloss auf mechanisches Abspielen\nder Notenzeichen erstreckt, verstände er auch, die vorge-\nzeichnete Dynamik bestens beobachten zu machen, wird für\ndie Anforderungen unserer Musik-Epoche doch nur einer\nMaschine gleich zu achten sein.\nDer wackere und gewiss auch unerschrockene Refe-\nrent aus Düsseldorf, der seinen musicalischen Mitbürgern\nin dieser Zeitschrift schon so oft mit Fingern gezeigt hat,\nwas faul ist in Dänemark, sagt in seiner jüngsten Mitthei-\nlung (Nr. 43) unter Anderem: „Tausch (der dortige Mu-\nsik-Director) ist uns den Beweis schuldig geblieben, dass\ner die ästhetische Seite der Aufgabe des Dirigenten genü-\ngend erkennt.\" Diese Stelle passt gleichfalls auf den frank-\nfurter Musik-Director, mit dem kleinen Unterschiede jedoch,\ndass dieser zwei Mal so viel Jahre zur Lieferung eines sol-\nchen Beweises voraus hat, als sein düsseldorfer College.\nAesthetische Bildung erwirbt sich der höher strebende\nMusiker keineswegs durch blosse Lecture von derlei Büchern.\nHinaus muss er in die grosse Welt, an jene Orte, wo seine\nKunst in allen ihren Zweigen in Blüthe steht und wo Kunst-\ngeschichte im Grossen und Kleinen, im Guten und Schlech-\nten gemacht wird. Dort soll er mit der Theorie in der\nHand und im Kopfe hören und sehen, was geschieht und\nwie es geschieht, danach erst seine Praxis beginnen. Wer\naus kleinen, stereotypen Verhältnissen niemals hinausgekom-\nmen, hat keinen Maassstab für wahrhaft Grosses, und auch\ndas Schöne in seinen tausendfältigen Schattirungen bleibt\nseinem Sinne eine Terra incognita, um so gewisser, wenn\ner in einer Richtung befangen ist und diese für sein Glau-\nbensbekenntniss hält. Junge Aerzte besuchen nach absol-\nvirten Universitäts-Studien eine Klinik nach der anderen,\nbis sie sich eine erkleckliche Summe praktischer Erfahrungen\ngesammelt und sich zur Habilitirung geeignet halten. Be-\nflissene der Handelswissenschaft gehen von einem grossen\nHandelsplatze zum anderen, um ihrem Horizont die wei-\nteste Fernsicht zu eröffnen, die heutzutage für den eigent-\nlichen Kaufmann nicht weit genug reichen kann. Maler und\nBildhauer, nachdem sie Jahre hindurch auf Akademieen der\nHeimat Studien gemacht, wandern nach Rom, um ihren\nSchönheitssinn an den Kunstschätzen aller Zeitalter in der\newigen Stadt zu erheben und möglichst zu adeln. Und bei\nMusikern, die anderen als Führer dienen wollen, sollte dies\nnicht eben so sein? Sie wollten all ihren Bedarf aus engen\nVerhältnissen und seichten Quellen herbeischaffen? Kein\nWunder, dass sie sich alsbald in Einseitigkeit verlieren und\nin einem verletzenden Grade von Dünkel und Hochmuth\nBefehlshaber werden dies um so gewisser, wenn\nauch noch ein ungestümes, leidenschaftliches, jeder Klug-\nheit und Rücksicht fremdes Naturel dahin drängt. Was\nWunder, wenn einen so Verblendeten zuweilen Hoheits-\ngelühle überkommen, wie: „Wir Goliath der Zweite, von\nApollo's Gnaden Musik-Director und Autokrat zu Tripstrill,\ndecretiren\" u. s. w.\nAus dieser kurzen Darlegung mag man die Gründe\nerkennen, warum es unserem Musik-Director an ästhetischer\nBildung zu einem tüchtigen Orchester-Bildner und Führer\nfehlt. Zu solcher Bildung, wie zum praktischen ABC der\nLebens-Philosophie, kommt man nicht hinterm Kamin\nhockend. Schwieriger wird es, Ursachen und Gründe\nzu zeigen, warum es Herrn Messer auch an rhetorischer\nBildung mangelt; darum schwieriger, weil von Hunderten,\ndie sich mit Musik beschäftigen, kaum Einem das Wort be-\nkannt ist, somit auch nicht dessen Begriff. Für jene mag\nes denn heissen musicalische Redekunst, gemeinhin\nAusdruck im Vortrag. Wer seine Muttersprache nicht\nbei Erreichung der Majorennität rein, correct und mit der\nunendlichen Scala der Gefühls-Accente, deren sie fähig,\nsprechen gelernt, gelangt nicht mehr in den Besitz dieser\nempfehlenden Kunst. Die musicalische Redekunst aber nimmt\nes noch weit strenger, weil sie nur Töne, keine Worte zum\nAusdruck hat. Es versteht sich, dass nur von Instrumen-\ntal-Musik die Rede ist. Man höre Herrn Messer einen Satz\nvon wenigen Tacten spielen, und man hat alsbald die Ueber-\nzeugung, dass der aller wichtigste Theil zum sinnigen Vor-\ntrage, nämlich die Lehre von der Accentuation, die der\nWort- wie Tonsprache erst Geist und Seele gibt, ihm fast\nfremd ist, wie dies bei den meisten Insrumentisten der\nFall. Was nicht ausdrücklich geschrieben steht, ist für ihn\nnicht da; darum klingt eine Mozart'sche Melodie unter sei-\nner Hand wenig anders, als eine von Bach. Da wird kein"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "366", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541118-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4658, "texte": "Unterschied bemerkbar zwischen schweren und leichten\nTacttheilen, imgleichen nicht zwischen Haupt- und Neben-\nnoten, kein Accent auf den hundertfältig in aller neueren\nMusik erscheinenden Vorhalten, die ja, mit gebildetem Ge-\nschmack nuancirt, die schönste, zugleich pikanteste Würze\nabgeben; Alles geht hübsch glatt ab, sogar in breiten Zeit-\nmaassen. Kurz, in seinem Clavierspiel bekundet sich keine\nKenntniss des zum Grunde liegenden Metrums, das aber\ngekannt sein muss, wenn man mit verständigem Ausdruck\nspielen, geigen und blasen will; sonst ist man nur ein fla-\ncher, empirischer Executant, aber kein musicalischer Red-\nner, kein Dolmetscher erhabener Conceptionen *).\nOffenbar war der Unterricht, den Herr Messer in sei-\nner Jugend genossen, nur ein schulmeisterlicher. Seine als-\nbaldige Bekanntschaft mit Seb. Bach an Schelble's Seite,\nseine Hinneigung zu diesem alten Meister Magistri ad\nexemplum erklären diese Erscheinungen an ihm hinrei-\nchend. Verschiedene andere Musiker in Deutschland liefern\ngleichfalls dieselben Beispiele, und mag sich Herr Messer\ntrösten, dass er nicht allein dasteht. Indessen aber sind jene\nAnderen keine Dirigenten von Instrumental-Musik. Und\ndies der Incidenzpunkt, der dem Referenten, weil es sich\num das vorne hmsteConcert-InstitutzuFrank-\nfurt am Main h andelt, so wichtig schien, darum er ihm\nzu unumwundener Darlegung bestehender Thatsachen Grund\ngegeben. Ob er sich einer Vermehrung der Sympathieen\ndafür zu erfreuen haben wird?— Gleichviel, er ist sich be-\nwusst,eine ihm zustehende Pflicht endlich erfüllt zuhaben.\nEs sollten jetzt noch Beispiele in Noten folgen, wie\nunser Orchester die Cantilene, den Probirstein der erhalte-\nnen Ausbildung, phrasirt und accentuirt in der Sinfonie,\nwie häufig auch in der Oper —; ich habe jedoch schon\nzu viel Raum in Anspruch genommen, desshalb ist es rath-\nsam, bei einer anderen Gelegenheit darauf zu kommen. Es\nist dies ein klägliches Punctum auf das man in\nfast allen deutschen Orchestern zu stossen gefasst sein\nmuss. Herr Lis z t hatte Recht, vollauf Recht, als er in\ndem bekannten Briefe im vorigen Jahre dieses Punctum\napostrophirte. Hätte er es nur weniger bombastisch gethan,\ner wäre vielleicht nicht mit Hohn belohnt worden. Wer\nmit dem pariser Maassstabe die Leistungen der Herren Mu-\nsik-Directoren und ihrer Orchester zu ermessen wagt, sticht\nin ein Wespennest und mag zusehen, wie er davon kommt.\nSie wollen nicht mit fremden, wenngleich den allerbesten,\nMaassstäben gemessen sein, nur mit ihrem eigenen, denn\ndieser ist der beste. Keine Regel ohne Ausnahme.\nSchliesslich erlaubt sich Referent, zu besserem Ver-\nständniss des Gegenwärtigen auf die vorstehend angezogene\nCorrespondenz aus Düsseldorf in Nr. 43 d. 81. hinzuwei-\nsen, die für viele andere Orte geschrieben ist. Insbesondere\nverweiset er auf die inhaltschweren Standreden eines in\nweiten Kreisen hochgeehrten Mannes an das Directorium\nder leipziger Gewandhaus-Concerte, zu lesen in den Grenz-\nboten vom 5. Mai und 29. September d. J. Sämmtliche\nMusik-Directoren und Concert-Vorstände sollten jene kost-\nbaren Belehrungen unter Glas legen und sie sich recht oft\nzu Gemüth führen, denn faul ist es nicht nur in Däne-\nmark und im leipziger Gewandhaus, auch anderwärts, mag\nes gleichwohl äusserlich schimmern und glänzen.\n*) Wäre es nicht überflüssig, so würde ich mir erlauben, Herrn\nMesser zu rathen, das Capitel „Ueber Accent\" im zweiten\nTheile von C. Czerny' s längst im Staube ruhender Ciavier-\nschule zum Gegenstande eifrigen Studiums zu machen. Es ist\ndies in allen mir bekannten Schulen das bestausgeführle und\nlehrreichste. Die anderen, von A. E. Müller bis auf Hummel\nund Kalkbrenner, wussten alle nichts oder nur blutwenig\ndarüber zu sagen. Leider aber hat Czerny die vorauszugehende\nKenntniss der Prosodie nebst den in aller Musik zumeist an-\nwendbaren und gebrauchten Yersmaassen, als die Haupt-\nAgenten der Declamation in Yocal- und Instrumental-Musik,\nvöllig ignorirt. Es fehlt demnach der Lehre vom Accent die\nursprüngliche Begründung, und hat sie keinen anderen Boden\nals die vagen Regeln des guten Geschmacks, dem jedoch\nnach Clementi, Beethoven und Cherubini nicht so ist. Letzte-\nrer lag hauptsächlich darum mit Habeneck und dem Conser-\nvatoire-Orchester in beständiger Fehde, weil es ihm in seiner\nMusik zu wenig accentuirt hat. Da nun der grosse Meister\nund Director diesfalls gar nicht zufrieden zu stellen war, so\nunterliess man die Aufführung irgend einer seiner Ouvertü-\nren oder anderer Werke in den Concerten völlig, worüber er\naber gar nicht ungehalten war. Dirigent und Orchester muss-\nten sich nur das Compliment gefallen lassen, sie könnten\nnichts.\n\nAnton Schindler."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-11-18-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-11-18_01#c003", "volume": "bmtnabi_1854-11-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "366", "page_fin": "368", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541118-01.2.3", "titre_corps": "Siegfried Saloman.", "titre_sommaire": "Siegfried Saloman.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "366", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541118-01.1.6", "debut_caractere": 4660, "fin_caractere_exclue": 5282, "texte": "Siegfried Saloman.\nWenn die Dänen in politischer Beziehung auch gar\nzu gern auf einer besonderen Nationalität bestehen und das\nGermanische bei sich nicht aufkommen lassen wollen, so\nkönnen sie doch in der Kunst sich nicht eben so abtrennen\nund offenbaren durch ihre Leistungen in derselben, dass es\nschwer, wo nicht unmöglich ist, den geistigen Zusammen-\nhang zwischen Stamm und Zweig zu verläugnen. Wir brau-\nchen in der Dichtkunst nur Oehlenschläger zu nennen, um\ndies zu bekräftigen, und in der Musik sehen wir dieselbe\nErscheinung bei den dänischen Componisten unserer Zeit,\nz. B. bei Niels Gade und Siegfried Saloman."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "367", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541118-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5092, "texte": "Saloman erregte schon in frühen Jahren Aufsehen\ndurch seine ausgezeichneten musicalischen Anlagen, so dass\nder König von Dänemark ihm ein dreijähriges Stipendium\nbewilligte, um in Deutschland seine künstlerischen Studien\nzu vollenden. Er ging nach Dessau, studirte dort unter\nFriedrich Schneider Theorie und Composition und hielt sich\ndarauf auch einige Zeit in Dresden auf, wo der Umgang\nund der Unterricht des berühmten Violinspielers Lipinski\nbedeutenden Eintluss auf seine praktische Ausbildung hatte.\nNach seinem Vaterlande zurückgekehrt, richtete er sein\neifrigstes Streben darauf, die Erwartungen, welche sein Ta-\nlent erregt hatte, durch ein grösseres Werk zu rechtferti-\ngen, und er begann die Composition einer Oper. Er wählte\ndazu ein Textbuch, welches einen vaterländischen Stoff be-\nhandelte, eine glänzende Episode aus der Geschichte der\ndänischen Seemacht, und im Jahre 1844 wurde „Tor-\ndenskjold oder die Seeschlacht in Dynekilen\" auf dem\nköniglichen Theater gegeben und erhielt einen vollständigen\nErfolg. Wir kennen in Deutschland nur die Ouvertüre,\nwelche in Leipzig in Druck erschienen ist; sie macht, auch\nabgesehen von der Oper, als Concertstück Wirkung, ent-\nhält gut erfundene Motive und bekundet das tüchtige mu-\nsicalische Wissen des damals noch sehr jungen Componisten.\nIn den glänzenden Schluss scheint ein dänisches National-\nlied verwebt zu sein.\nNachdem Saloman auch eine komische Oper: „Die\nHerzensprobe\", auf die Bühne gebracht, welche in Kopen-\nhagen ebenfalls gefiel, schrieb er sein drittes dramatisches\nWerk: „Das Diamantkreuz\", welches nicht nur in seiner\nHeimat grosses Glück machte, sondern seinen Ruf auch\nweit über die Gränzen derselben trug und in ganz Deutsch-\nland verbreitete.\nDiese Oper gehört zu derjenigen Gattung der komi-\nschen Oper, welche auch ernstere Stimmungen und Situa-\ntionen nicht ausschliesst. Die Handlung spielt in der Schweiz,\nwesshalb die Ouvertüre eine Localfarbe hat, welche beson-\nders in der Introduction derselben recht gelungen darge-\nstellt ist. Der Knoten wird durch ein Diamantkreuz ge-\nschürzt, welches einem russischen Grossen, der ein Kind\nverloren hat, aber nicht einmal weiss, ob es eine Tochter\noder ein Sohn gewesen, wieder zu dem Verlorenen verhilft.\nDie Verwicklungen entstehen dadurch, dass erst eine lie-\nbenswürdige Seiltänzerin Zephyrine, dann ihr leidenschaft-\nlicher Geliebter Baduto durch den zufälligen Fund des Di-\namantkreuzes bei jener, die es aber von diesem bekommen\nhat, für Kinder des Russen gehalten werden, bis sich der\nwahre Eigenthümer in der Person eines Hauptmanns her-\nausstellt, welcher aber, was für die Wirkung des Ganzen\nzu bedauern ist, die am wenigsten interessirende Person\nvon allen ist. Trotz dieser schwachen Entwicklung liefert\ndas Buch durch das Auftreten einer Seiltänzer-Gesellschaft,\nan deren Spitze eine mit Humor (besonders von Seiten des\nComponisten) behandelte komische Figur als Director steht,\ndann durch die Hauptrollen der Zephyrine und des Baduto\nGelegenheit zur musicalischen Charakteristik und führt auch\ninteressante Situationen herbei.\nDie Musik ist nach dem einstimmigen Urtheile der mu-\nsicalischen Presse von Berlin, Leipzig u. s. w. von weit\ngrösserer Bedeutung als das Gedicht, so dass der Beifall,\nden sie auf den grössten Bühnen Deutschlands gefunden,\num so mehr für den inneren Werth derselben zeugt, als\nsie nicht durch äussere Mittel und auch nicht durch ein\nvorzügliches Textbuch gehoben wird. Die Oper wurde\nebenfalls zuerst in Kopenhagen gegeben, dann aber (in den\nJahren 1849 und 1850) in Berlin, Leipzig, Dresden, Wei-\nmar, Stuttgart, München, Hamburg u. s. w. Bei der ersten\nAufführung in Leipzig (im December 1849) wurde der\nComponist zwei Mal gerufen, und in den dortigen musica-\nlischen Blättern spricht sich die Kritik sehr ehrenvoll für\ndenselben aus. „Der Componist\", heisst es in einem der-\nselben, „entwickelt nicht nur Originalität in Melodif, Har-\nmonie und Rhythmus und eine vortreffliche Handhabung\ndes Materials, sondern auch eine überraschende Gewandt-\nheit in der Form. Neben vielen vorzüglichen Musikstücken\nfinden wir kein einziges, das ohne künstlerische Bedeutung\nwäre.\"\nWährend dieses Werk die Runde durch Deutschland\nmachte und den Ruf des Componisten begründete, ehrten\nden skandinavischen Tonsetzer die königliche Akademie der\nKünste zu Stockholm durch die Ernennung zum Ehren-\nMitgliede und der König von Dänemark durch Verleihung\ndes Danebrog-Ordens. Eine spätere einactige Oper:\n„Das Corps der Rache\", ist, so viel wir wissen, bis jetzt\nnur in Weimar einige Male gegeben worden.\nIm Jahre 1850 vermählte sich Saloman mit der be-\nrühmten schwedischen Sängerin Fräulein Henriette\nNissen. Das Künstlerpaar trat darauf eine grosse Kunst-\nreise an, auf welcher es den Bewohnern des Nordens die\nBlüthen des Südens brachte. Durch Schweden und Finn-\nland gingen sie nach Petersburg, durchzogen ganz Russland,\nselbst bis an die Gränzen von Asien, machten einen länge-\nren und hochgefeierten Aufenthalt in Moskau, besuchten\ndann Odessa und von da aus auch Konstantinopel. Den\nletzten Sommer brachten sie in Baden-Baden am Rbeine"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "368", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541118-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 104, "texte": "zu, und diesem Umstände verdanken wir die gegenwärtige\nAnwesenheit des berühmten Künstlerpaares in Köln."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-11-18-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-11-18_01#c004", "volume": "bmtnabi_1854-11-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "368", "page_fin": "368", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541118-01.2.4", "titre_corps": "Aus Barmen.", "titre_sommaire": "Aus Barmen.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "368", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541118-01.1.8", "debut_caractere": 106, "fin_caractere_exclue": 3040, "texte": "Aus Barmen.\nUnser Musikleben gestaltet sich diesen Winter grösser als sonst\nund wird einerseits durch die Thätigkeit und das bedeutende Ta-\nlent unseres städtischen Musik-Directors, des Herrn C. 11 ein ecke,\nanderenteils durch die Theilnahme des Publicums, welche in Folge\ndessen stets lebhafter wird, gehoben. Wir haben Abonnements-\nConcerte im grossen Saale der Concordia unter Reinecke's Lei-\ntung, Soireen für Kammermusik, gegeben von den Herren\nReinecke, J. Langenbach, L. Posse und Jäger, und ausser-\ndem noch Sonntags-Matineen vor einem eingeladenen Publicum am\nHause des Herrn Musik-Directors. Dadurch wird denn besonders\nauch der Sinn und das Interesse für Instrumental-Musik mehr ge-\nweckt und genährt, als dies früher der Fall sein konnte, wie denn\nüberhaupt der Dilettantismus sich gewöhnlich vorzugsweise an Vo-\ncalmusik betheiligt.\nUnser erstes Concert, am 28. October, hatte ein recht schönes\nProgramm; ich setze es Ihnen her, weil Sie daraus schon ersehen\nkönnen, welche Bahn wir einschlagen: 1) Gluck, Ouvertüre zur\nIphigenie in Aulis; 2) Gade, Frühlings-Phantasie für vier Sing-\nstimmen, Orchester und Pianoforte; 3) Mendelssohn, Recitative\nund Chöre aus dem unvollendeten Oratorium Christus. 4) Im zwei-\nten Theile: Beethoven's Sinfonia Eroica.\nDie schwierigste Aufgabe war jedenfalls die Beethoven'sche Sin-\nfonie, und wir müssen gestehen, dass wir die Aufführung dieses\nerhabenen Meisterwerkes gleich im ersten Concerte für etwas ge-\nwagt hielten. Um so freudiger wurden wir durch die vortreffliche\nAusführung überrascht, an welcher, einige kleine Anstösse in Blas-\ninstrumenten ausgenommen, nichts zu tadeln war. Man sah deut-\nlich, dass alle Mitwirkenden mit wahrer Lust und Liebe spielten,\nund dass ihnen der Dirigent eine grosse Zuversicht und Sicherheit\neingeflösst hatte. Die übrigen Sachen gingen auch ganz gut, beson-\nders befriedigten die Chöre, welche sehr tüchtig einstudirt waren.\nDie Clavier-Partie in der Gade'schen Frühlings-Phantasie füllte Herr\n-Franz Schmitz ganz gut aus, wie auch die Solisten das Ihrige\nzum Gelingen des Ganzen rühmlichst beitrugen. Es waltete über-\nhaupt ein Glücksstern über dem Concert, was wir als gute Vorbe-\ndeutung für die künftigen annehmen. Nur um Eines müssen wir die\nDirection bitten: um pünktliches Anfangen; alle Verhältnisse, welche\neine so auffallende Zögerung veranlassen können, muss man zu be-\nseitigen suchen. Das Publicum spendete lebhaften Beifall und folgte\nden Aufführungen mit lobenswerther Aufmerksamkeit.\nDie erste Soiree für Kammermusik brachte uns am 9. November\nein Streich-Quartett von Mozart (.B-dur, 6/s)? das Clavier-Trio Nr.\n1 (Es-dur) von Beethoven, eine Sonate für Pianoforte von J.\nHaydn und das Clavier-Trio Nr. 1 von Mendelssohn. In\nder letzten Sonntags-Matinee hörten wir einen vortrefflichen Vor-\ntrag zweier Meisterwerke für Ciavier, die Sonate Op. 110 von\nBeethoven und die D-moll-Sonate von C. M. v. Weber durch\nHerrn C. 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Die französische Opern-Gesellschaft aus Antwerpen\nhat hier nur Eine Vorstellung gegeben und uns wegen Mangels an\nTheilnahme von Seiten des Publicums wieder verlassen, ohne einen\nzweiten Versuch, sich Sympathieen zu gewinnen, zu machen. Es\nthut uns leid; denn die Gesellschaft war keineswegs so schlecht,\ndass man es nicht hätte im Theater aushalten können. Thatsache\nist freilich, dass die Logen fast alle nach dem zweiten Acte von\nThomas' Le Songe d'une nuit d'ete leer wurden, woran jedoch mehr\ndas unsinnige Libretto und die Kälte im Theater schuld waren,\nals die Musik, welche trotz der vorherrschenden Tanz-Rhythmen\nund den vielen alten Bekannten aus allen Gegenden der ernsten\nund komischen Oper einige recht hübsche Stücke enthält. Unsere\ndeutsche Oper macht dagegen in Antwerpen, den belgischen und\nvlaemischen Blättern nach, Furore, und die dortige Kritik erkennt\nhier und da Vorzüge an ihr, welche uns bis jetzt verborgen ge-\nblieben sind.\nIn einem Privat-Cirkel hatten wir Gelegenheit, eine junge Künst-\nlerin, Fräulein Antonia Will, welche vier Jahre lang ihre Ge-\nsang-Studien in Paris gemacht hat und gegenwärtig ihre hiesigen\nVerwandten besucht, um dann in Stuttgart Gastrollen zu geben\nund ein Engagement bei der italienischen Oper in Wien und dem-\nnächst in Mailand anzutreten, zu hören. Fräul. Will besitzt eine\nschöne Stimme vom Umfange von 2l/2 Octave, deren tiefes Brust-\nRegister (bis f) an Johanna Wagner erinnert, und sie versteht zu\nsingen. Wir hoffen, sie in einigen Rollen auf dem Stadttheater\nzu hören.\nRassel. Bott's Oper „Der Unbekannte\" ist bereits sieben\nMal bei stets vollem Hause und immer mit grossem Beifall gege-\nben worden.\nDer Componist F. Dupont, früher in Rotterdam, dirigirt ge-\ngenwärtig das Opern-Orchester in Halle.\nDer als Lieder-Componist vortheilhaft bekannte Haus er in\nMünchen, Sohn des Directors des dortigen Conservatoriums, ist mi t\nder Composition einer Oper beschäftigt, zu welcher ihm Geibel\ndas Buch geliefert hat.\nKrüssel. De Beriot war kürzlich wieder hier; sein Augen-\nübel hat leider so zugenommen, dass er beinahe völlig blind ist.\nTrotzdem hat ihn seine gute Laune nicht verlassen. Vieuxtemps\nwird wahrscheinlich diesen Winter hier bleiben.\nParis« Die Cruvelli ist wieder hier; sie war durch ihren\nAufenthalt in England sehr angegriffen, bedurfte der Ruhe, konnte\nallerdings um Urlaub bitten, zog aber vor, ihn sich zu nehmen.\nAlle Telegraphen spielten, nur nach Venedig drang kein Aviso,\nund gerade dort spazirte sie ruhig auf dem Lido. Borlacchi, der\nImpresario der Scala in Mailand, will eben, einen Contract von\n50,000 Francs für die Carnevalszeit in der Tasche, in den Eisen-\nbahn-Wagen steigen, als auf dem Bahnhofe die Rückreise der schö-\nnen Sängerin nach Paris signalisirt wird. Sonntag den 5. Novem-\nber trifft sie wirklich dort ein und wundert sich über den Rumor,\nden ihre Spazirfahrt verursacht hat!"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "361", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541118-01.1.1", "texte": "Roger.\n\n(Schluss. S. Nr. 44 und 45.)\nEs ist Thatsache, dass Roger in Deutschland eine all-\ngemeine Sympathie gefunden und einen grossen, für einen\nSänger wohl noch nie da gewesenen Eindruck gemacht\nhat, indem wir uns einer ähnlichen enthusiastischen Theil-\nnahme der Deutschen nur für weibliche Grössen am\nTheaterhimmel erinnern. Eben so ist ihm von Seiten der\ndeutschen Kritik eine Würdigung geworden, welche höchst\nehrenvoll lür ihn ist, da sie gründlicher und tiefer das We-\nsen seines Gesanges zu erfassen und zu erläutern sucht, als\ndie französische, welche mehr auf die Wirkungen als auf\nihre Ursachen achtet.\nEs wirken bei Roger mehrere Eigenschaften im Ver-\nein, um uns die Sensation zu erklären, die er hervorbringt;\nimmer wird jedoch der Hauptgrund lür den Anklang, den\ner in Deutschland findet, der sein, dass sein Gesang das\ninnere Leben, dass er seelische Zustände durch eine voll-\nendet künstlerische Beherrschung aller Mittel darstellt, durch\nwelche dieser Zweck zu erreichen ist. Auf der Bühne tritt\ndann noch zu der Anwendung der musicalischen Mittel die\nKunst des Schauspielers hinzu, was freilich erst ganz den\nausserordentlichen Eindruck erklärt, den er auch auf den-\njenigen Theil des Publicums macht, welcher weniger im\nStande ist, die Vorzüge seines Gesanges an und lür sich\nzu würdigen. In manchen Rollen, namentlich im Propheten,\ndürfte die letztere, die Kunst des Schauspielers, sogar das\nüberwiegende Moment lür den Eindruck bilden.\nRoger's Stimme gehört zu den Tenören, welche mehr\ndie Farbe des Baritons als des eigentlichen hohen Tenors\nhaben. Dadurch ist er genöthigt, einerseits die hohen Brust-\ntöne zu forciren, andererseits das Falsett häufig anzuwen-\nden. Er ist jetzt 37 oder 38 Jahre alt, und wenn aller-\ndings seine Stimme auch nicht mehr die ganze Frische der\nJugend hat, so ist es doch durchaus falsch, zu behaupten,\ndass sie „passirt\" sei ein Ausdruck, mit welchem die\njetzige blasirte Dilettantenwelt eben so schnell bei der Hand\nist, als die stutzerischen Tonangeber mit ihrem Urtheil über\ndie Jugend des schönen Geschlechtes, welche sie nur von\nfünfzehn bis neunzehn Jahre rechnen. Roger hat bis zum\nf mit der Brust noch die volle arsgiebige Kraft, die mit\nLeichtigkeit anspricht und im bis ausreicht, wäh-\nrend a, bund selbst hzwar noch da sind, aber doch mit\nvernehmbarer Anstrengung hervorgebracht werden. Durch\ndie vorzügliche Ausbildung des Falsetts aber erhalten die\nUebergangs-Töne f, Bs, g, gis einen eigentümlichen, dufti-\ngen Klang, den wir noch bei keinem Tenoristen gehört ha-\nben. Das Falsett selbst ist lieblich, weich und sanft, und\ngibt sich zu den mannigfachsten Nuancen her; den Ueber-\ngang der Register auf- und abwärts beherrscht Roger mit\nder vollsten Freiheit, sein Ton ist in allen Regionen klar\nund edel und wird nie gemein; es gibt nämlich eben so\ngut einen trivialen Ton, als triviale Melodieen. Mit dieser\nvorzüglichen Tonbildung geht eine vollendet klare und\nschöne Aussprache sowohl des Französischen als des Deut-\nschen Hand in Hand, Letzteres um so bewundernswerther,\nals er, ein Ausländer, darin offenbar die meisten deutschen\nSänger übertrifft. Die Vocale, nicht nur a, sondern auch\ndie schwierigen i und c, wie schön klingen sie bei ihm, und\nwie scharf und bestimmt erscheinen die Consonanten! Da\nwird nicht, wie bei vielen der Unsrigen, aus Leben Le-\nber, aus Drang Trank, aus ist iss u. dgl. Nur Eines\nhaben wir in dieser Hinsicht bei Roger zu tadeln, was of-\nfenbar eine' fehlerhafte Angewöhnung ist, wozu ihn der Af-\nfect hinreisst; es ist dies bei leidenschaftlichen Ausbrüchen\nder Anstoss eines unbestimmten Vocallautes, der mit dem\ne die grösste Aehnlichkeit hat, vor dem Worte, auf wel-\nchem der höchste Accent und zugleich der kräftigste Ton\nliegt, z. B. „e j a!\" statt ja. Es kommt dies nicht häufig\nvor, aber es sollte gar nicht vorkommen. Dagegen glauben\nwir bemerkt zu haben, dass sich der Künstler jetzt mehr\nals sonst des Tremulirens in den hohen Brusttönen enthält,\nwas wir nur loben können, und wesshalb uns auch viele\nStellen in der Partie seines Raoul hier besser gefallen ha-\nben, als in Paris. Sollen wir noch Eines anführen, dem wir"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "362", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541118-01.1.2", "texte": "unseren Beifall versagen müssen, so ist es das Martelliren\nder Coloratur in den Duetten in der Weissen Dame (so-\nwohl dem mit Jenny, als mit Miss Anna), das wir, zumal\nwenn der Sopran daneben ligatosingt, nicht schön finden\nkönnen, wenngleich wir dieser Vortragsweise in der komi-\nschen Oper ihre Berechtigung nicht ganz und gar abspre-\nchen wollen, in der ernsten sie aber durchweg für unange-\nmessen halten. Dass sie jetzt Tür colorirten Gesang über-\nhaupt in Paris Mode ist, wissen wir sehr wohl; es ist aber\neine schlechte Mode.\nNach dem Gesagten kann es keine Frage sein, dass\nRoger, bloss als Sänger genommen, eine sehr hohe Stufe\neinnimmt, wie uns das K. B. sein Vortrag der Romanze in\nden Hugenotten, der lyrischen Stellen im zweiten Acte des\nPropheten, des Tischgebetes des Eleazar in der Jüdin, der\nArie „Komm, holde Dame\", des Ständchens „Leise flehen\nmeine Lieder\" von Schubert auf das genügendste bewiesen\nhat. Seinen Vortrag von Schubert's „Erlkönig\" rechnen\nwir nicht dahin, denn er ist rein dramatisch und gibt in\nV\nkleinerem Rahmen ein vollendetes Bild dessen, was Roger,\nauch ohne Spiel, im dramatischen Gesänge leistet.\nUnd das ist es, was ihm die hohe Bedeutung gibt, was\nihn zum grossen, Epoche machenden Künstler stempelt,\nwas ihn über alle Sänger, die eben nur Sänger sind, seien\nsie auch noch so vorzüglich, erhebt. Als Sänger an und\nlür sich gehört er zu den Ersten, als dramatischer Sänger\nist er der Erste und Einzige.\nDies erklärt denn auch allein den ungeheuren Anklang,\nden er in Deutschland gefunden, das ist es, was anzieht,\nwas fesselt, bezaubert und begeistert, wenn auch die grosse\nMenge der Zuhörer nur die Macht dieses Zaubers über sie\nfühlt, ohne sich von den Gründen derselben und dem eigen-\ntümlichen Wesen dieses Gesanges Rechenschaft geben zu\nkönnen. Es liegt aber in dem deutschen Gemüthe eine Sym-\npathie lür das Schöne in der Tonkunst, welche ihm ange-\nboren ist; und gerade diese angeborene, natürliche Sym-\npathie wird nicht, wie die angelernte und künstlich ange-\nbildete, durch den sinnlichen Glanz der Musik am leich-\ntesten bestochen, sondern durch den geistigen Inhalt der-\nselben am meisten und am tiefsten angeregt. Der Franzose,\nder Italiäner wird meist durch den technisch vollendeten\nVortrag schon befriedigt, ja, in Entzücken versetzt; wir\nverlangen mehr, wir verlangen zuvörderst einen Inhalt der\nComposition und dazu einen Vortrag, der diesen Inhalt sei-\nnem Charakter gemäss zur sinnlichen Erscheinung bringt.\nMit Einem Worte: ohne Seele gibt es lür uns keinen schö-\nnen musicalischen Vortrag.\nRoger's Grösse liegt nun eben darin» dass er die Grund-\nbedingung alles Kunstschönen dass der Geist den\nStoff durchdringe, oder, mit anderen Worten, dass\ndas Kunstwerk eine Idee darstelle durch seinen\nGesang erfüllt. Sein Stoff ist der consistenzloseste, unlass-\nbarste, duftigste, den es in der Natur gibt, der Ton; wenn\nihn aber der Gedanke durchdringt, so ist er dennoch der\ndankbarste für den Künstler, da seine Natur schon etwas\nGeistiges, etwas Seelenhaftes hat.\nDie meisten Menschen, und leider müssen wir hinzu-\nsetzen: die meisten Bühnensänger, haben von der Aufgabe\nund dem Wesen des dramatischen Gesanges nur eine sehr\nmangelhafte Vorstellung; wie sie beim Schauspieler mit\ndem Prädicat „denkender Künstler\" gleich bei der Hand\nsind, wenn einer einmal aus Instinct das Richtige trifft, so\nsind sie auch gegen den Sänger, welcher gut singt und da-\nbei leidlich spielt, mit dem Titel „dramatischer Sänger\"\nsehr freigebig. Der Unterschied aber zwischen dem Neben-\neinander und dem I n einander von Gesang und Spiel ist ein\ngar grosser. Der wahre dramatische Gesang beruht aller-\ndings auf der Durchdringung und innigen Verschmelzung\nbeider, und tritt dadurch in seiner glänzendsten und dem\nVerstände und Gemüthe durch die gleichzeitigen Ein-\ndrücke auf Auge und Ohr fasslichsten Erscheinung hervor.\nAuf der Bühne ist desshalb ein richtiges, künstlerisch voll-\nendetes Spiel eine nothwendige Bedingung desselben; an\nund für sich aber muss der Gesang, der auf den Namen\ndes dramatischen Anspruch macht, schon die Eigenschaften\nin sich selbst haben, welche ihn zum Ausdruck des Ge-\ndankens, der Empfindung, des Gefühls, überhaupt des See-\nlischen, befähigen; es muss ohne alleZuthat für das Auge,\nalso ohne Rücksicht auf Spiel, eine rein musicalische Cha-\nrakteristik geben, eine Wahrheit des Ausdrucks eben so\ngut, wie eine Wahrheit der Melodie.\nDiese ist aber nur dadurch zu erreichen, dass sich der\nmusicalische Ausdruck der Idee unterordnet, dass\nnicht das sinnliche Element des absoluten Wohlklangs, son-\ndern das ideale des relativen, von dem Inhalt bedingten,\nvorherrscht. Das ist bei Roger der Fall, und diesen Grund-\nsatz zu verfolgen und zu verwirklichen, hat ihm die Natur\ndie herrlichsten Mittel gegeben, und sein Genie und sein\nKünstlerfleiss haben sie so geschult und gebildet und ge-\nhorsam gemacht, dass sie willige Diener der Idee und zu-\nverlässige Vollstrecker des künstlerischen Willens geworden\nsind. Wer das Glück gehabt hat ich sage das nicht als\nRedensart, sondern ich halte es wirklich für ein Glück —,\nRoger's Vortrag von Schubert's Erlkönig an jenem Abend"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "363", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541118-01.1.3", "texte": "des 4. November in einem vertrauten Kreise von Musikern\nund musicalisch Gebildeten zu hören, der hat erfahren, was\ndramatischer Gesang auch ohne Spiel ist, der hat unter\nSchauern einer nie gekannten Aufregung emplunden, wie\nder Geist des Dichters und des Componisten in einer neuen\nSchöpfung vor uns aufstieg, und hat mit Staunen bewun-\ndert, dass es ein Franzose war, der aus deutscher Poesie\ndieses Bild mit erschütternder Wahrheit ins Leben rief*).\nDieser Ausdruck des innern Lebens durch eine ideali-\nsirte Sprache, nämlich durch den Gesang, erreicht seine\nVollkommenheit dadurch, dass der Sänger nicht bloss, wie\nman zu sagen pflegt, richtig declamirt eine Redensart,\nwelche sich bei den Musikern gewöhnlich nur auf einen\nTheil der Declamation, auf Prosodie und Betonung, be-\nschränkt —, sondern dass er alle Mittel, welche das mensch-\nliche Organ dem Declamator zu künstlerisch vollendetem\nsprachlichem Vortrage darbietet, auf den Gesang überträgt.\nWenn in der Sprache der verschiedene Affect des Gemü-\nthes den Ton der Stimme verschieden färbt, wie denn\nSchmerz und Freude, Heiterkeit und Trauer, Liebe und\nHass, Hoffnung und Verzweiflung, Zorn und Milde alle in\nder Sprache ihren eigenthümlichen Ton haben, so besitzt\nRoger's Organ eine so unvergleichliche Biegsamkeit, dass\ner über den ganzen Reichthum von Tonfärbungen, wel-\nchen die Darstellung der Seelenzustände erfordert, auch\nim Gesänge gebieten kann, und das ist eben wieder\netwas, das alle Sänger von ihm lernen müssen, wenn sie\nsich zu der Höhe des dramatischen Gesanges aufschwingen\n• wollen. Um aber alle declamatorischen Mittel auf den Ge-\nsang übertragen zu können, müssen sie freilich erst zum\nBewusstsein über dieselben gelangen, d. h. Aussprechen,\nLesen, Recitiren und Declamiren lernen.\nErwägt man das Gesagte, so wird man es ganz natür-\nlich finden, dass Roger gleich ausgezeichnet im Patheti-\nschen und Sentimentalen und im Gemüthlichen und Heite-\nren ist. Die Anwendung des Grundsatzes der Bestimmung\nder Tonfarbe und des musicalischen Ausdrucks durch den\nInhalt bleibt dieselbe, und wer einmal Meister in derselben\nist, der wird den liebenswürdigen Gevatter der Jenny eben\nso wahr und charakteristisch singen, als den ritterlichen\nGeliebten der Valentine und den begeisterten Seher. Es ist\nwiederum eine ganz beschränkte Ansicht, wenn man den\ndramatischen Gesang nur im Leidenschaftlichen, Patheti-\nschen, Heroischen sucht; die Kunst desselben gehört eben\nso sehr auch auf die Scene der komischen Oper, nur ist\nihre Ausübung auf dieser meist noch schwieriger, da, eben\nso wie beim recitirenden Drama im Lustspiel, hier die fei-\nnere Nuancirung der Charaktere und Gemüths-Zustände\neben desshalb um so grösseres Talent erfordert, je weniger\nentschieden sie durch die Dichtung ausgesprochen sind.\nDarum halten wir auch Roger's George Brown in der\nWeissen Dame für eine seiner ausgezeichnetsten Leistun-\ngen; der Vortrag der Arie: „Welche Lust, Soldat zu sein\",\nund des Terzetts im ersten Acte hat uns jedesmal von\nNeuem entzückt. Wer bei diesem Terzett auf den Vortrag\nder eintönigen Viertelnoten auf die Worte:\nIch kann es nicht verstehen\nDoch möcht' ich sie wohl sehen u. s. w.,\nwie sie Roger singt, merkt oder sie sich ins Gedächtniss\nzurückruft, der wird in dieser einfachen Stelle den prakti-\nschen Beweis für das, was wir oben von dem Wesen des\ndramatischen Gesanges gesagt haben, eben so gut finden,\nwie in dem Duett im vierten Acte der Hugenotten.\nIch fühle am Schlüsse dieses Aufsatzes sehr wohl, dass\njede kritische Zergliederung und Erläuterung einer solchen\nKunsterscheinung und ihrer Wirkung immer nur ein schwa-\ncher Versuch bleiben muss, und dass alle unsere Schul-\nweisheit vor dem unmittelbaren Eindruck derselben auf das\nmenschliche Herz nicht bestehen kann. Dennoch habe ich\ndiese Zeilen als Winke zur richtigen Würdigung des gros-\nsen Künstlers und als vielleicht nicht unwillkommenen An-\nhaltspunkt der Erinnerung für alle, die ihn gehört, nicht\nunterdrücken wollen. Es gibt eine Religion der Kunst, aber\nihre wahren Priester sind selten; sie hat einen Altar in je-\ndes edeln Menschen Brust, aber nur Wenige sind berufen,\nseine Flamme zu schüren. Finden wir nun einen, der die\nSchönheit zu heilig hält, um sie der sinnlichen Lust Preis\nzu geben, der sie vielmehr auf den Schwingen des Genius\nzur Verklärung durch die Kunst eraporträgt, so mögen\nwir uns schämen, wenn wir ihn nicht erkennen, nicht aber,\nwenn wir ihn begeistert verherrlichen, zumal wenn er sein\nIdeal nicht in dauernden Stoff bannen kann, der ihn über-\nlebt, sondern wenn es, kaum gestaltet, wieder zerlliesst,\nwie ein Hauch verfliegt, und mit seinem Schöpfer lebt und\nstirbt!\n*) So vortrefflich der Vortrag derselben Ballade auch im zweiten\nGesellschafts-Concertc war, so erreichte er doch bei Weitem\ndie Höhe nicht, auf welche ihn Roger's eigene poetische Be-\ngeisterung an dem oben erwähnten Abend brachte ein\nneuer Beweis, dass die geniale Kunstleistung gerade am mei-\nsten der Stimmung unterworfen ist, und, nebenbei gesagt, auch\ndafür, wenn das noch des Beweises bedürfte, dass unser Con-\ncertsaal auch die klangvollsten Stimmen um den Klang bringt.\n\nL. B."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "364", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541118-01.1.4", "texte": "Aus Frankfurt am Main.\n\nII.\nSein Joder Nichtsein.\nDer Cyklus der Winter-Concerte hat kaum begonnen,\nals auch schon wieder, wie in früheren Jahren, die Frage\numläuft: „Wird die neunte Sinfonie von Beethoven dies-\nmal in ihrer Vollständigkeit zur Aufführung kommen, oder\nwieder nicht?\" Der Vorstand hat kluger Weise nichts ver-\nsprochen, mithin kann sich Jeder diese Lebensfrage nach\nEinsicht in die Gründe und Gegengründe selbst beantwor-\nten. Ein Blick auf die verschiedenen Schicksale, welche die-\nses Riesenwerk hierorts erlebte, dürfte, Weiterem voraus-\ngehend, nicht ohne Interesse sein.\nAls der gottselige Capellmeister Guhr 1826 mit Auf-\nstellung eines anziehenden und drastisch wirkenden Pro-\ngramms zu seinem Charfreitags-Benefice-Concert beschäf-\ntigt gewesen, glaubte er, dass ein paar Brocken aus Beet-\nhoven's letzter Sinfonie, die noch nicht in Druck erschienen\nwar, auf die Flut der Casse grossen Einfluss haben könn-\nten. Zu dem Ende wusste er sich von der mainzer Verlags-\nhandlung den ersten und zweiten Satz zu verschaffen. Das\nganze reichlich besetzte Programm ward mit einer einzigen\nProbe zur Ausführung gebracht. Aus Beethoven's Musik\nkonnte Niemand klug werden, und weil die Autorität des\nCapellmeisters beim Publicum wie bei seinem Orchester\ndie eines allgewaltigen Potentaten war, so wagte Niemand,\nihm die Schuld beizumessen, wohl aber dem Componisten,\nder solchen „Unsinn\" geschrieben. Noch lebende Zeugen\nwissen zu sagen, dass der General-Pachter der hiesigen\nMusik diese schiefen Urtheile keineswegs berichtigt, son-\ndern als treffend bezeichnet hat. Nach langen Jahren\nerinnerte sich Guhr des vierten Satzes dieser Sinfonie. Mit\nnur einer einzigen Probe brachte er ihn im Museum vor\ndas Publicum. Gleiches Schicksal mit vorbenannten Sätzen.\nEine Wiederholung davon fand nach längerer Zeit Statt;\nwiederum aber war das allgemeine Urtheil: „Unsinn!\"\nWeiterer Aufführungen eines oder mehrerer Sätze unter\nGuhr weiss sich keiner zu erinnern, der diesen Vorgängen\nnahe gestanden. Seitdem ward an diesen Unhold nicht\nwieder gerührt, bis vor zwei Wintern Herr Messer die drei\nInstrumentalsätze zur Aufführung brachte und in der letz-\nten Concert-Saison selbe wiederholt hat. Beider Aufführun-\ngen war Referent Zeuge. Von der ersten liess sich sagen,\ndass jeder Spieler so ungelähr mit seiner Stimme vertraut\nwar, von der zweiten und letzten jedoch, dass es eine Blas-\nphemie auf den Geist des ausserordentlichen Werkes, aber\n/\nauch eine Verunehrung des Concertsaales einer bedeuten-\nden Stadt gewesen. Sollte es begründet sein, dass der Vor-\nstand zwei Proben bewilligt hätte, wie versichert wurde,\nso wäre Messer's Leichtsinn sträflich, seine Unfähigkeit aber,\ndie Bedingungen einer nur halbweg würdigen Darstellung\neines grossen und schwierigen Werkes richtig zu erkennen,\neclatant. Was sollte sonach von der Aufführung des voll-\nständigen Werkes unter solchen Auspicien zu erwarten\nstehen? Träten auch die besten Gesangskräfte der Stadt\nzusammen, wo ist der Geist, der sie zu zweckgemässem\nEinklänge bringen könnte?\nMit jeder Aufführung eines bedeutenden Werkes er-\nhält der Streit über Herrn Messer's Fähigkeit oder Unfähig-\nkeit zum Orchester-Dirigenten neue Nahrung. Sympathie\nund Antipathie zerren die Frage so aus einander, dass keine\nPartei zu klarer Anschauung der nahe liegenden Dinge und\nihrer Lösung kommen kann. Die verteidigende Partei,\ndarunter auch Damen, nennt Herrn Messer geradezu ein\nKirchenlicht, das den dunkelsten Ort zu erhellen vermag.\nDie gegnerische Partei, bestehend aus einem ansehnlichen\nGremium von kunstgebildeten Dilettanten und Musikern,\nunter letzteren allgemein gekannte und geachtete Namen,\nbenimmt wieder Herrn Messer jedes Künstler-Verdienst und\nlässt ihm nichts als ein Stück Routine mit exemplarischer\nGrobheit und göttlicher Selbstgenügsamkeit im Bunde, wie\nes echten Kunst-Aristokraten ziemt, die nichts über sich,\nwohl aber Alles unter sich sehen, heute protegiren, mor-\ngen verfolgen. Wenn ich hiermit zwischen die Parteien\ntrete, ohne mich um ihr Für oder Wider zu bekümmern,\nso folge ich lediglich dem Drange meiner subjectiven Ueber-\nzeugung, die sich auf vieljährige Beobachtung der Zustände\nstützt; dass man mir etwas Urtheilsfähigkeit zugestehen\nwird, will ich mir doch schmeicheln.\nWas zuvörderst den Musiker betrifft, so kann\nnur Partei-Leidenschaft Herrn Messer blosse Routine und\ninstinctive Befähigung ohne Basis schulgerechter Bildung\nzuerkennen. Arbeiten, wie seine Quartette, deren bereits\nim früheren Artikel gedacht wurde, liefert Keiner vermittels\nblosser Routine. Wesentlich anders aber verhält es sich\nmit Messer's Befähigung zum Orchester-Director. Wäre es\nmöglich, den Leuten begreiflich zu machen, dass man ein\nguter Componist und doch ein schlechter Aesthetiker sein\nkann, dass vortreffliche Eigenschaften eines Vocal-Dirigen-\nten bei Weitem noch nicht ausreichen, um der Instrumen-\ntal-Musik gegenüber zu genügen, dass diese, als eigentlich\nrein ideale Musik, ein höheres Feld erworbener Wissen-\nschaftlichkeit und einen weiteren, von Vorurtheilen freieren"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "365", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541118-01.1.5", "texte": "Horizont bei dem Dirigenten voraussetzt, wäre es mög-\nlich, sage ich, den raisonnirenden Leuten dieses gleich dem\n„Ein Mal Eins\" aus einander zu setzen: der Streit wäre\nalsbald geschlichtet und die Parteien auf das rechte Maass\nzurückgeführt. Herrn Messer als Orchester-Director fehlt\nweiter nichts als die Hauptsache: ästhetische und rhe-\ntorische Bildung, obendrein ein Bisschen Poesie, in\nengster Bedeutung des Wortes. Ware aber auch letztere\nhier und da in vollem Maasse vorhanden, stützt sie sich in\nihrer Kundgebung nicht auf die beiden anderen, ja, sogar\nnoch auf humanistische Bildung, so ist ihre Thatkraft\nnach aussen paralysirt. Allein stehend am Dirigenten-Pulte,\nselbst in Gemeinschaft mit loderndem Enthusiasmus, vermag\nsie nichts Erspriessliches zu leisten. Ein Dirigent ferner,\ndessen Augenmerk sich bloss auf mechanisches Abspielen\nder Notenzeichen erstreckt, verstände er auch, die vorge-\nzeichnete Dynamik bestens beobachten zu machen, wird für\ndie Anforderungen unserer Musik-Epoche doch nur einer\nMaschine gleich zu achten sein.\nDer wackere und gewiss auch unerschrockene Refe-\nrent aus Düsseldorf, der seinen musicalischen Mitbürgern\nin dieser Zeitschrift schon so oft mit Fingern gezeigt hat,\nwas faul ist in Dänemark, sagt in seiner jüngsten Mitthei-\nlung (Nr. 43) unter Anderem: „Tausch (der dortige Mu-\nsik-Director) ist uns den Beweis schuldig geblieben, dass\ner die ästhetische Seite der Aufgabe des Dirigenten genü-\ngend erkennt.\" Diese Stelle passt gleichfalls auf den frank-\nfurter Musik-Director, mit dem kleinen Unterschiede jedoch,\ndass dieser zwei Mal so viel Jahre zur Lieferung eines sol-\nchen Beweises voraus hat, als sein düsseldorfer College.\nAesthetische Bildung erwirbt sich der höher strebende\nMusiker keineswegs durch blosse Lecture von derlei Büchern.\nHinaus muss er in die grosse Welt, an jene Orte, wo seine\nKunst in allen ihren Zweigen in Blüthe steht und wo Kunst-\ngeschichte im Grossen und Kleinen, im Guten und Schlech-\nten gemacht wird. Dort soll er mit der Theorie in der\nHand und im Kopfe hören und sehen, was geschieht und\nwie es geschieht, danach erst seine Praxis beginnen. Wer\naus kleinen, stereotypen Verhältnissen niemals hinausgekom-\nmen, hat keinen Maassstab für wahrhaft Grosses, und auch\ndas Schöne in seinen tausendfältigen Schattirungen bleibt\nseinem Sinne eine Terra incognita, um so gewisser, wenn\ner in einer Richtung befangen ist und diese für sein Glau-\nbensbekenntniss hält. Junge Aerzte besuchen nach absol-\nvirten Universitäts-Studien eine Klinik nach der anderen,\nbis sie sich eine erkleckliche Summe praktischer Erfahrungen\ngesammelt und sich zur Habilitirung geeignet halten. Be-\nflissene der Handelswissenschaft gehen von einem grossen\nHandelsplatze zum anderen, um ihrem Horizont die wei-\nteste Fernsicht zu eröffnen, die heutzutage für den eigent-\nlichen Kaufmann nicht weit genug reichen kann. Maler und\nBildhauer, nachdem sie Jahre hindurch auf Akademieen der\nHeimat Studien gemacht, wandern nach Rom, um ihren\nSchönheitssinn an den Kunstschätzen aller Zeitalter in der\newigen Stadt zu erheben und möglichst zu adeln. Und bei\nMusikern, die anderen als Führer dienen wollen, sollte dies\nnicht eben so sein? Sie wollten all ihren Bedarf aus engen\nVerhältnissen und seichten Quellen herbeischaffen? Kein\nWunder, dass sie sich alsbald in Einseitigkeit verlieren und\nin einem verletzenden Grade von Dünkel und Hochmuth\nBefehlshaber werden dies um so gewisser, wenn\nauch noch ein ungestümes, leidenschaftliches, jeder Klug-\nheit und Rücksicht fremdes Naturel dahin drängt. Was\nWunder, wenn einen so Verblendeten zuweilen Hoheits-\ngelühle überkommen, wie: „Wir Goliath der Zweite, von\nApollo's Gnaden Musik-Director und Autokrat zu Tripstrill,\ndecretiren\" u. s. w.\nAus dieser kurzen Darlegung mag man die Gründe\nerkennen, warum es unserem Musik-Director an ästhetischer\nBildung zu einem tüchtigen Orchester-Bildner und Führer\nfehlt. Zu solcher Bildung, wie zum praktischen ABC der\nLebens-Philosophie, kommt man nicht hinterm Kamin\nhockend. Schwieriger wird es, Ursachen und Gründe\nzu zeigen, warum es Herrn Messer auch an rhetorischer\nBildung mangelt; darum schwieriger, weil von Hunderten,\ndie sich mit Musik beschäftigen, kaum Einem das Wort be-\nkannt ist, somit auch nicht dessen Begriff. Für jene mag\nes denn heissen musicalische Redekunst, gemeinhin\nAusdruck im Vortrag. Wer seine Muttersprache nicht\nbei Erreichung der Majorennität rein, correct und mit der\nunendlichen Scala der Gefühls-Accente, deren sie fähig,\nsprechen gelernt, gelangt nicht mehr in den Besitz dieser\nempfehlenden Kunst. Die musicalische Redekunst aber nimmt\nes noch weit strenger, weil sie nur Töne, keine Worte zum\nAusdruck hat. Es versteht sich, dass nur von Instrumen-\ntal-Musik die Rede ist. Man höre Herrn Messer einen Satz\nvon wenigen Tacten spielen, und man hat alsbald die Ueber-\nzeugung, dass der aller wichtigste Theil zum sinnigen Vor-\ntrage, nämlich die Lehre von der Accentuation, die der\nWort- wie Tonsprache erst Geist und Seele gibt, ihm fast\nfremd ist, wie dies bei den meisten Insrumentisten der\nFall. Was nicht ausdrücklich geschrieben steht, ist für ihn\nnicht da; darum klingt eine Mozart'sche Melodie unter sei-\nner Hand wenig anders, als eine von Bach. Da wird kein"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "366", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541118-01.1.6", "texte": "Unterschied bemerkbar zwischen schweren und leichten\nTacttheilen, imgleichen nicht zwischen Haupt- und Neben-\nnoten, kein Accent auf den hundertfältig in aller neueren\nMusik erscheinenden Vorhalten, die ja, mit gebildetem Ge-\nschmack nuancirt, die schönste, zugleich pikanteste Würze\nabgeben; Alles geht hübsch glatt ab, sogar in breiten Zeit-\nmaassen. Kurz, in seinem Clavierspiel bekundet sich keine\nKenntniss des zum Grunde liegenden Metrums, das aber\ngekannt sein muss, wenn man mit verständigem Ausdruck\nspielen, geigen und blasen will; sonst ist man nur ein fla-\ncher, empirischer Executant, aber kein musicalischer Red-\nner, kein Dolmetscher erhabener Conceptionen *).\nOffenbar war der Unterricht, den Herr Messer in sei-\nner Jugend genossen, nur ein schulmeisterlicher. Seine als-\nbaldige Bekanntschaft mit Seb. Bach an Schelble's Seite,\nseine Hinneigung zu diesem alten Meister Magistri ad\nexemplum erklären diese Erscheinungen an ihm hinrei-\nchend. Verschiedene andere Musiker in Deutschland liefern\ngleichfalls dieselben Beispiele, und mag sich Herr Messer\ntrösten, dass er nicht allein dasteht. Indessen aber sind jene\nAnderen keine Dirigenten von Instrumental-Musik. Und\ndies der Incidenzpunkt, der dem Referenten, weil es sich\num das vorne hmsteConcert-InstitutzuFrank-\nfurt am Main h andelt, so wichtig schien, darum er ihm\nzu unumwundener Darlegung bestehender Thatsachen Grund\ngegeben. Ob er sich einer Vermehrung der Sympathieen\ndafür zu erfreuen haben wird?— Gleichviel, er ist sich be-\nwusst,eine ihm zustehende Pflicht endlich erfüllt zuhaben.\nEs sollten jetzt noch Beispiele in Noten folgen, wie\nunser Orchester die Cantilene, den Probirstein der erhalte-\nnen Ausbildung, phrasirt und accentuirt in der Sinfonie,\nwie häufig auch in der Oper —; ich habe jedoch schon\nzu viel Raum in Anspruch genommen, desshalb ist es rath-\nsam, bei einer anderen Gelegenheit darauf zu kommen. Es\nist dies ein klägliches Punctum auf das man in\nfast allen deutschen Orchestern zu stossen gefasst sein\nmuss. Herr Lis z t hatte Recht, vollauf Recht, als er in\ndem bekannten Briefe im vorigen Jahre dieses Punctum\napostrophirte. Hätte er es nur weniger bombastisch gethan,\ner wäre vielleicht nicht mit Hohn belohnt worden. Wer\nmit dem pariser Maassstabe die Leistungen der Herren Mu-\nsik-Directoren und ihrer Orchester zu ermessen wagt, sticht\nin ein Wespennest und mag zusehen, wie er davon kommt.\nSie wollen nicht mit fremden, wenngleich den allerbesten,\nMaassstäben gemessen sein, nur mit ihrem eigenen, denn\ndieser ist der beste. Keine Regel ohne Ausnahme.\nSchliesslich erlaubt sich Referent, zu besserem Ver-\nständniss des Gegenwärtigen auf die vorstehend angezogene\nCorrespondenz aus Düsseldorf in Nr. 43 d. 81. hinzuwei-\nsen, die für viele andere Orte geschrieben ist. Insbesondere\nverweiset er auf die inhaltschweren Standreden eines in\nweiten Kreisen hochgeehrten Mannes an das Directorium\nder leipziger Gewandhaus-Concerte, zu lesen in den Grenz-\nboten vom 5. Mai und 29. September d. J. Sämmtliche\nMusik-Directoren und Concert-Vorstände sollten jene kost-\nbaren Belehrungen unter Glas legen und sie sich recht oft\nzu Gemüth führen, denn faul ist es nicht nur in Däne-\nmark und im leipziger Gewandhaus, auch anderwärts, mag\nes gleichwohl äusserlich schimmern und glänzen.\n*) Wäre es nicht überflüssig, so würde ich mir erlauben, Herrn\nMesser zu rathen, das Capitel „Ueber Accent\" im zweiten\nTheile von C. Czerny' s längst im Staube ruhender Ciavier-\nschule zum Gegenstande eifrigen Studiums zu machen. Es ist\ndies in allen mir bekannten Schulen das bestausgeführle und\nlehrreichste. Die anderen, von A. E. Müller bis auf Hummel\nund Kalkbrenner, wussten alle nichts oder nur blutwenig\ndarüber zu sagen. Leider aber hat Czerny die vorauszugehende\nKenntniss der Prosodie nebst den in aller Musik zumeist an-\nwendbaren und gebrauchten Yersmaassen, als die Haupt-\nAgenten der Declamation in Yocal- und Instrumental-Musik,\nvöllig ignorirt. Es fehlt demnach der Lehre vom Accent die\nursprüngliche Begründung, und hat sie keinen anderen Boden\nals die vagen Regeln des guten Geschmacks, dem jedoch\nnach Clementi, Beethoven und Cherubini nicht so ist. Letzte-\nrer lag hauptsächlich darum mit Habeneck und dem Conser-\nvatoire-Orchester in beständiger Fehde, weil es ihm in seiner\nMusik zu wenig accentuirt hat. Da nun der grosse Meister\nund Director diesfalls gar nicht zufrieden zu stellen war, so\nunterliess man die Aufführung irgend einer seiner Ouvertü-\nren oder anderer Werke in den Concerten völlig, worüber er\naber gar nicht ungehalten war. Dirigent und Orchester muss-\nten sich nur das Compliment gefallen lassen, sie könnten\nnichts.\n\nAnton Schindler.\n\nSiegfried Saloman.\nWenn die Dänen in politischer Beziehung auch gar\nzu gern auf einer besonderen Nationalität bestehen und das\nGermanische bei sich nicht aufkommen lassen wollen, so\nkönnen sie doch in der Kunst sich nicht eben so abtrennen\nund offenbaren durch ihre Leistungen in derselben, dass es\nschwer, wo nicht unmöglich ist, den geistigen Zusammen-\nhang zwischen Stamm und Zweig zu verläugnen. Wir brau-\nchen in der Dichtkunst nur Oehlenschläger zu nennen, um\ndies zu bekräftigen, und in der Musik sehen wir dieselbe\nErscheinung bei den dänischen Componisten unserer Zeit,\nz. B. bei Niels Gade und Siegfried Saloman."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "367", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541118-01.1.7", "texte": "Saloman erregte schon in frühen Jahren Aufsehen\ndurch seine ausgezeichneten musicalischen Anlagen, so dass\nder König von Dänemark ihm ein dreijähriges Stipendium\nbewilligte, um in Deutschland seine künstlerischen Studien\nzu vollenden. Er ging nach Dessau, studirte dort unter\nFriedrich Schneider Theorie und Composition und hielt sich\ndarauf auch einige Zeit in Dresden auf, wo der Umgang\nund der Unterricht des berühmten Violinspielers Lipinski\nbedeutenden Eintluss auf seine praktische Ausbildung hatte.\nNach seinem Vaterlande zurückgekehrt, richtete er sein\neifrigstes Streben darauf, die Erwartungen, welche sein Ta-\nlent erregt hatte, durch ein grösseres Werk zu rechtferti-\ngen, und er begann die Composition einer Oper. Er wählte\ndazu ein Textbuch, welches einen vaterländischen Stoff be-\nhandelte, eine glänzende Episode aus der Geschichte der\ndänischen Seemacht, und im Jahre 1844 wurde „Tor-\ndenskjold oder die Seeschlacht in Dynekilen\" auf dem\nköniglichen Theater gegeben und erhielt einen vollständigen\nErfolg. Wir kennen in Deutschland nur die Ouvertüre,\nwelche in Leipzig in Druck erschienen ist; sie macht, auch\nabgesehen von der Oper, als Concertstück Wirkung, ent-\nhält gut erfundene Motive und bekundet das tüchtige mu-\nsicalische Wissen des damals noch sehr jungen Componisten.\nIn den glänzenden Schluss scheint ein dänisches National-\nlied verwebt zu sein.\nNachdem Saloman auch eine komische Oper: „Die\nHerzensprobe\", auf die Bühne gebracht, welche in Kopen-\nhagen ebenfalls gefiel, schrieb er sein drittes dramatisches\nWerk: „Das Diamantkreuz\", welches nicht nur in seiner\nHeimat grosses Glück machte, sondern seinen Ruf auch\nweit über die Gränzen derselben trug und in ganz Deutsch-\nland verbreitete.\nDiese Oper gehört zu derjenigen Gattung der komi-\nschen Oper, welche auch ernstere Stimmungen und Situa-\ntionen nicht ausschliesst. Die Handlung spielt in der Schweiz,\nwesshalb die Ouvertüre eine Localfarbe hat, welche beson-\nders in der Introduction derselben recht gelungen darge-\nstellt ist. Der Knoten wird durch ein Diamantkreuz ge-\nschürzt, welches einem russischen Grossen, der ein Kind\nverloren hat, aber nicht einmal weiss, ob es eine Tochter\noder ein Sohn gewesen, wieder zu dem Verlorenen verhilft.\nDie Verwicklungen entstehen dadurch, dass erst eine lie-\nbenswürdige Seiltänzerin Zephyrine, dann ihr leidenschaft-\nlicher Geliebter Baduto durch den zufälligen Fund des Di-\namantkreuzes bei jener, die es aber von diesem bekommen\nhat, für Kinder des Russen gehalten werden, bis sich der\nwahre Eigenthümer in der Person eines Hauptmanns her-\nausstellt, welcher aber, was für die Wirkung des Ganzen\nzu bedauern ist, die am wenigsten interessirende Person\nvon allen ist. Trotz dieser schwachen Entwicklung liefert\ndas Buch durch das Auftreten einer Seiltänzer-Gesellschaft,\nan deren Spitze eine mit Humor (besonders von Seiten des\nComponisten) behandelte komische Figur als Director steht,\ndann durch die Hauptrollen der Zephyrine und des Baduto\nGelegenheit zur musicalischen Charakteristik und führt auch\ninteressante Situationen herbei.\nDie Musik ist nach dem einstimmigen Urtheile der mu-\nsicalischen Presse von Berlin, Leipzig u. s. w. von weit\ngrösserer Bedeutung als das Gedicht, so dass der Beifall,\nden sie auf den grössten Bühnen Deutschlands gefunden,\num so mehr für den inneren Werth derselben zeugt, als\nsie nicht durch äussere Mittel und auch nicht durch ein\nvorzügliches Textbuch gehoben wird. Die Oper wurde\nebenfalls zuerst in Kopenhagen gegeben, dann aber (in den\nJahren 1849 und 1850) in Berlin, Leipzig, Dresden, Wei-\nmar, Stuttgart, München, Hamburg u. s. w. Bei der ersten\nAufführung in Leipzig (im December 1849) wurde der\nComponist zwei Mal gerufen, und in den dortigen musica-\nlischen Blättern spricht sich die Kritik sehr ehrenvoll für\ndenselben aus. „Der Componist\", heisst es in einem der-\nselben, „entwickelt nicht nur Originalität in Melodif, Har-\nmonie und Rhythmus und eine vortreffliche Handhabung\ndes Materials, sondern auch eine überraschende Gewandt-\nheit in der Form. Neben vielen vorzüglichen Musikstücken\nfinden wir kein einziges, das ohne künstlerische Bedeutung\nwäre.\"\nWährend dieses Werk die Runde durch Deutschland\nmachte und den Ruf des Componisten begründete, ehrten\nden skandinavischen Tonsetzer die königliche Akademie der\nKünste zu Stockholm durch die Ernennung zum Ehren-\nMitgliede und der König von Dänemark durch Verleihung\ndes Danebrog-Ordens. Eine spätere einactige Oper:\n„Das Corps der Rache\", ist, so viel wir wissen, bis jetzt\nnur in Weimar einige Male gegeben worden.\nIm Jahre 1850 vermählte sich Saloman mit der be-\nrühmten schwedischen Sängerin Fräulein Henriette\nNissen. Das Künstlerpaar trat darauf eine grosse Kunst-\nreise an, auf welcher es den Bewohnern des Nordens die\nBlüthen des Südens brachte. Durch Schweden und Finn-\nland gingen sie nach Petersburg, durchzogen ganz Russland,\nselbst bis an die Gränzen von Asien, machten einen länge-\nren und hochgefeierten Aufenthalt in Moskau, besuchten\ndann Odessa und von da aus auch Konstantinopel. Den\nletzten Sommer brachten sie in Baden-Baden am Rbeine"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "368", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541118-01.1.8", "texte": "zu, und diesem Umstände verdanken wir die gegenwärtige\nAnwesenheit des berühmten Künstlerpaares in Köln.\n\nAus Barmen.\nUnser Musikleben gestaltet sich diesen Winter grösser als sonst\nund wird einerseits durch die Thätigkeit und das bedeutende Ta-\nlent unseres städtischen Musik-Directors, des Herrn C. 11 ein ecke,\nanderenteils durch die Theilnahme des Publicums, welche in Folge\ndessen stets lebhafter wird, gehoben. Wir haben Abonnements-\nConcerte im grossen Saale der Concordia unter Reinecke's Lei-\ntung, Soireen für Kammermusik, gegeben von den Herren\nReinecke, J. Langenbach, L. Posse und Jäger, und ausser-\ndem noch Sonntags-Matineen vor einem eingeladenen Publicum am\nHause des Herrn Musik-Directors. Dadurch wird denn besonders\nauch der Sinn und das Interesse für Instrumental-Musik mehr ge-\nweckt und genährt, als dies früher der Fall sein konnte, wie denn\nüberhaupt der Dilettantismus sich gewöhnlich vorzugsweise an Vo-\ncalmusik betheiligt.\nUnser erstes Concert, am 28. October, hatte ein recht schönes\nProgramm; ich setze es Ihnen her, weil Sie daraus schon ersehen\nkönnen, welche Bahn wir einschlagen: 1) Gluck, Ouvertüre zur\nIphigenie in Aulis; 2) Gade, Frühlings-Phantasie für vier Sing-\nstimmen, Orchester und Pianoforte; 3) Mendelssohn, Recitative\nund Chöre aus dem unvollendeten Oratorium Christus. 4) Im zwei-\nten Theile: Beethoven's Sinfonia Eroica.\nDie schwierigste Aufgabe war jedenfalls die Beethoven'sche Sin-\nfonie, und wir müssen gestehen, dass wir die Aufführung dieses\nerhabenen Meisterwerkes gleich im ersten Concerte für etwas ge-\nwagt hielten. Um so freudiger wurden wir durch die vortreffliche\nAusführung überrascht, an welcher, einige kleine Anstösse in Blas-\ninstrumenten ausgenommen, nichts zu tadeln war. Man sah deut-\nlich, dass alle Mitwirkenden mit wahrer Lust und Liebe spielten,\nund dass ihnen der Dirigent eine grosse Zuversicht und Sicherheit\neingeflösst hatte. Die übrigen Sachen gingen auch ganz gut, beson-\nders befriedigten die Chöre, welche sehr tüchtig einstudirt waren.\nDie Clavier-Partie in der Gade'schen Frühlings-Phantasie füllte Herr\n-Franz Schmitz ganz gut aus, wie auch die Solisten das Ihrige\nzum Gelingen des Ganzen rühmlichst beitrugen. Es waltete über-\nhaupt ein Glücksstern über dem Concert, was wir als gute Vorbe-\ndeutung für die künftigen annehmen. Nur um Eines müssen wir die\nDirection bitten: um pünktliches Anfangen; alle Verhältnisse, welche\neine so auffallende Zögerung veranlassen können, muss man zu be-\nseitigen suchen. Das Publicum spendete lebhaften Beifall und folgte\nden Aufführungen mit lobenswerther Aufmerksamkeit.\nDie erste Soiree für Kammermusik brachte uns am 9. November\nein Streich-Quartett von Mozart (.B-dur, 6/s)? das Clavier-Trio Nr.\n1 (Es-dur) von Beethoven, eine Sonate für Pianoforte von J.\nHaydn und das Clavier-Trio Nr. 1 von Mendelssohn. In\nder letzten Sonntags-Matinee hörten wir einen vortrefflichen Vor-\ntrag zweier Meisterwerke für Ciavier, die Sonate Op. 110 von\nBeethoven und die D-moll-Sonate von C. M. v. Weber durch\nHerrn C. Reinecke. 8\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nX4ölii. Die französische Opern-Gesellschaft aus Antwerpen\nhat hier nur Eine Vorstellung gegeben und uns wegen Mangels an\nTheilnahme von Seiten des Publicums wieder verlassen, ohne einen\nzweiten Versuch, sich Sympathieen zu gewinnen, zu machen. Es\nthut uns leid; denn die Gesellschaft war keineswegs so schlecht,\ndass man es nicht hätte im Theater aushalten können. Thatsache\nist freilich, dass die Logen fast alle nach dem zweiten Acte von\nThomas' Le Songe d'une nuit d'ete leer wurden, woran jedoch mehr\ndas unsinnige Libretto und die Kälte im Theater schuld waren,\nals die Musik, welche trotz der vorherrschenden Tanz-Rhythmen\nund den vielen alten Bekannten aus allen Gegenden der ernsten\nund komischen Oper einige recht hübsche Stücke enthält. Unsere\ndeutsche Oper macht dagegen in Antwerpen, den belgischen und\nvlaemischen Blättern nach, Furore, und die dortige Kritik erkennt\nhier und da Vorzüge an ihr, welche uns bis jetzt verborgen ge-\nblieben sind.\nIn einem Privat-Cirkel hatten wir Gelegenheit, eine junge Künst-\nlerin, Fräulein Antonia Will, welche vier Jahre lang ihre Ge-\nsang-Studien in Paris gemacht hat und gegenwärtig ihre hiesigen\nVerwandten besucht, um dann in Stuttgart Gastrollen zu geben\nund ein Engagement bei der italienischen Oper in Wien und dem-\nnächst in Mailand anzutreten, zu hören. Fräul. Will besitzt eine\nschöne Stimme vom Umfange von 2l/2 Octave, deren tiefes Brust-\nRegister (bis f) an Johanna Wagner erinnert, und sie versteht zu\nsingen. Wir hoffen, sie in einigen Rollen auf dem Stadttheater\nzu hören.\nRassel. Bott's Oper „Der Unbekannte\" ist bereits sieben\nMal bei stets vollem Hause und immer mit grossem Beifall gege-\nben worden.\nDer Componist F. Dupont, früher in Rotterdam, dirigirt ge-\ngenwärtig das Opern-Orchester in Halle.\nDer als Lieder-Componist vortheilhaft bekannte Haus er in\nMünchen, Sohn des Directors des dortigen Conservatoriums, ist mi t\nder Composition einer Oper beschäftigt, zu welcher ihm Geibel\ndas Buch geliefert hat.\nKrüssel. De Beriot war kürzlich wieder hier; sein Augen-\nübel hat leider so zugenommen, dass er beinahe völlig blind ist.\nTrotzdem hat ihn seine gute Laune nicht verlassen. Vieuxtemps\nwird wahrscheinlich diesen Winter hier bleiben.\nParis« Die Cruvelli ist wieder hier; sie war durch ihren\nAufenthalt in England sehr angegriffen, bedurfte der Ruhe, konnte\nallerdings um Urlaub bitten, zog aber vor, ihn sich zu nehmen.\nAlle Telegraphen spielten, nur nach Venedig drang kein Aviso,\nund gerade dort spazirte sie ruhig auf dem Lido. Borlacchi, der\nImpresario der Scala in Mailand, will eben, einen Contract von\n50,000 Francs für die Carnevalszeit in der Tasche, in den Eisen-\nbahn-Wagen steigen, als auf dem Bahnhofe die Rückreise der schö-\nnen Sängerin nach Paris signalisirt wird. Sonntag den 5. Novem-\nber trifft sie wirklich dort ein und wundert sich über den Rumor,\nden ihre Spazirfahrt verursacht hat!"}]}