{"numero_id": "bm-bmtnabi-1854-12-02-01", "volume": "bmtnabi_1854-12-02_01", "ocr_sha256": "6f32d58db0166485b8f7957bb099e70376127a41f5eab6ef960891fb3a974ad7", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1854/12/02_01/bmtnabi_1854-12-02_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541202-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1854-12-02-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-12-02_01#c001", "volume": "bmtnabi_1854-12-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "377", "page_fin": "381", "image_debut": 1, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541202-01.2.1", "titre_corps": "Christoph Willibald Ritter von Gluck.", "titre_sommaire": "Christoph Willibald Ritter von Gluck.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "377", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541202-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4074, "texte": "Christoph Willibald Ritter von Gluck.\nVI.\n(S. Nr. 41, 42, 43, 44 und 47.)\nIn Wien ging Gluck an die Composition zweier Opern-\nbücher von Quinault, des „ Roland\" und der „ Armida\",\nund an die Umarbeitung der Alceste lür Paris. Ueber die\nletztere haben wir schon oben gesprochen; von der Parti-\ntur des „Roland\" warf der erzürnte Meister alles, was\nfertig war, ins Feuer, als er vernahm, wie hinterlistig man\nseinem Gegner Piccini denselben Text gleichzeitig zur Com-\nposition übergeben habe. Doch beklagte er sich nicht öf-\nfentlich über dieses Verfahren, sondern schüttete sein Herz\nnur in einem Briefe an seinen Freund Bailly aus. Leider\nwurde dieser Brief dennoch gedruckt uud goss Oel ins\nFeuer des Streites.\nZur Charakteristik Gluck's müssen wir erwähnen, dass\ner selbst sehr selten die Feder zu seiner Verteidigung er-\ngriff; nur als man ihm ein Plagiat aus Sacchini's „Olym-\npia\" andichtete, wies er nach, dass Sacchini die fragliche\nStelle einem Sänger zu Liebe aus seiner ersten Ausgabe\nder Alceste in die Olympia aufgenommen hatte. Dass ein\nTondichter und schöpferischer Reformator, wie er, ein edles\nSelbstgefühl und das volle Bewusstsein seines Werthes be-\nsass, ist natürlich; aber nie ging dieses zu maassloser Eitel-\nkeit und zu dreister Selbstüberhebung über alles Vergan-\ngene und Gegenwärtige über. Gluck war innerlich stolz\nund hatte alle Ursache dazu; aber eitle Selbstbespiegelung\nund selbstsüchtige Herabsetzung seiner Zeitgenossen lagen\nihm fern. Man höre z. B. folgende Aeusserungen aus dem\nso eben erwähnten, keineswegs lür die Oeflentlichkeit ge-\nschriebenen Briefe:\n„Ich habe die wenige Kraft, die mir nach der Alceste\nnoch übrig blieb, dazu angewandt, Armida zu beendigen.\nIch habe darin gestrebt, mehr Maler und Dichter als Mu-\nsiker zu sein*). Ich gedenke mit ihr meine Künstler-Lauf-\nbahn zu beenden. Freilich wird das Publicum wenigstens\neben so viel Zeit brauchen, die Armida zu verstehen, als\nnöthig war, die Alceste zu begreifen. Es waltet eine Zart-\nheit in der Armida, die man in der Alceste nicht findet; es\nist mir gelungen, die verschiedenen Personen so sprechen\nzu lassen, dass man sogleich hören wird, ob Armida oder\neine andere Person spricht*). Ich muss enden, sonst könn-\nten Sie glauben, ich sei ein oder ein Charlatan\ngeworden. Nichts lässt so übel, als wenn man sich selbst\no\nlobt: das ziemte nur dem grossen Corneille; allein wenn\nich oder Marmontel unser eigenes Lob posaunen, so lacht\nman uns ins Gesicht. Uebrigens vernachlässigt man die\nfranzösischen Tonsetzer zu sehr; Gossec und Philidor\nwürden dem Publicum viel bessere Dienste leisten, als die\nbesten italiänischen Componisten.\"\nUnd an anderen Stellen: „Herr Piccini würde in\neinem Wettstreite (in Bezug auf die Composition des Ro-\nland) zu viel vor mir voraus haben; denn ausser seinem\npersönlichen Verdienste, das unstreitig gross ist, hat er\nnoch den Vortheil der Neuheit in Paris lür sich.\" -\n„Ein mit den herrlichsten Gedanken erlülltes Genie, wie\nSacchini, hat es nicht nöthig, fremde Ideen zu entlehnen;\nsein Ruhm ist so fest gegründet, dass er keines Verteidi-\ngers bedarf.\"\nIm Anfange des Jahres 1776 ging Gluck, diesmal\nallein, wieder nach Paris, und am 23. April kam die fran-\nzösische Alceste zur Aufführung. Sie fiel bei dem ersten\nMale ganz durch, es wurde sogar gepfiffen. „Alceste est\ntombee!\" rief Gluck traurig einem Freunde zu.— i,\"\nantwortete dieser: „eile est tombee du ciell\" Allerdings\n\n*) Dies ist wahrscheinlich die Stelle, nach welcher Gluck die\nAeusserung zugeschrieben wird, „er suche bei der Composi-\ntion einer Oper zu vergessen, dass er Musiker sei\". Eine\nwörtliche Anlührung derselben findet sich wenigstens bei\nSchmid nicht.\n*) Ein Beweis, wie viel Gluck eben so wie Mozart und alle\ngrossen Componisten auf die musicalische Charakteristik der\nhandelnden Personen durch den Gesang legte. Diese Charak-\nteristik dem Orchester zu geben und jeder Person ein Instru-\nmental-Sätzchen zuzulegen, das bei ihrem jedesmaligen Er-\nscheinen vor ihnen her geblasen wird, konnte nur der über-\nreizten Kunst-ReQexion des modernen Gluck (!) einfallen."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "378", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541202-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5027, "texte": "war eine doppelte Cabale dabei mit im Spiel, sowohl von\nSeiten der Componisten- als der Schauspieler-Parteien;\ndenn Gluck hatte die Hauptrolle nicht der Arnould, son-\ndern der jüngeren Rosalie Levasseur gegeben; allein wie-\nwohl die Oper bei jeder folgenden Vorstellung mehr Boden\ngewann, so zog doch das Publicum die Iphigenie und den\nOrpheus fortwährend vor.\nDie Tage nach der ersten Aulführung der x\\lcesle war-\nfen trübe Schatten auf die Lebensfreude des grossen Man-\nnes; denn er empfing zugleich die Trauer-Nachricht von\ndem Tode seiner Marianne. Die Blattern hatten sie am\n22. April, dem Tage vor der Aufführung der Alceste, hin-\nweggerafft. Gluck suchte seinen Schmerz durch Briefe an\nseine Freunde, besonders auch an Klopstock und Wieland,\nzu lindern. Nach Wieland's Antwortschreiben (Schmid, S.\n268) hatte Göthe die Idee zu einer Verherrlichung „des\nentflohenen Engels\" durch ein besonderes kleines Drama\ngefasst und in seinem Kopfe ausgebildet, ist aber im Strome\ndes Lebens, welches ihn damals gerade in die Staatsbeam-\nten-Laufbahn zog, nicht zur Ausarbeitung gekommen.\nDer musicalische Streit entbrannte nach der Alceste\nnur um so heftiger. Die Vorkämpfer für Gluck waren der\nAbbe Arnaud und Suard, der tüchtigste und edelste\nvon Allen, dessen Petiles lellres de TAnonyme de Vaugirard\nalles, was die Gegner Marmontel und Laharpe vorbrachten,\ngeistreich zu Boden schlugen. Von der Leidenschaft, mit\nwelcher Partei genommen wurde, kann man sich einen Be-\ngriff machen, wenn man bei Suard lies't: „Ihr werdet se-\nhen. wie um der Gesänge willen Freunde erkalten, gesel-\nlige Verbindungen sich auflösen und Gehässigkeiten ent-\nzünden werden.\"\nDie erste Veranlassung zur Berufung Piccini's nach\nParis hatte die Buhlerin Ludwig's XV., die berüchtigte Du\nBarry, gegeben. Nach des Königs Tode war natürlich ihr\nReich vorbei; allein merkwürdiger W eise wurden die Un-\nterhandlungen mit Piccini durch Begünstigung von Marie\nAntoinette fortgesetzt, welche, obwohl die ursprüngliche\nBeschützerin Gluck's, doch Ludwig NVI. zu Liebe auch\nden berühmten llaliäner an Paris zu fesseln suchte. Er kam\nin den letzten Tagen des Jahres 1776 dahin, nachdem er\nNeapel und eine zwanzigjährige Herrschaft über die dortige\nund andere italiänische Bühnen aufgegeben. Sein Name wurde\nbekanntlich die Losung zu neuem Kampfe, welcher Zer-\nwürfnisse in die Akademie der Musik und in die Akademie\nder Wissenschaften, in die Familien, in die Vereine, in die\ni • i\nGesellschaften, in die Kaffeehäuser schleuderte. Man fragte\nnicht mehr danach, ob einer Philosoph oder Frömmler,\nJansenist oder Molinist, parlamentarisch oder monarchisch,\nsei, sondern nur: oh Gluckist oder Piccinist. Und das\nalles zehn Jahre vor der Revolution! das alles in einer\nZeit, wo der Staat und derjenige Theii der hohen Gesell-\nschaft, welcher am eifrigsten an dem ästhetischen Streite\nTheil nahm, fast schon durch und durch politisch, ökono-\nmisch und moralisch faul war!\nMerkwürdig und höchst ehrenvoll für Gluck war es,\ndass Italien selbst ihm die Palme zuerkannte, indem er ge-\nrade in dieser Zeit nach Mailand berufen wurde, um für\ndas prachtvolle neue Theater Alla Scala zu dessen Eröff-\nnung und für den Carneval 1 7 78 zwei Opern zu schrei-\nben. Er musste das glänzende Anerbieten wegen seiner\nVerbindlichkeiten gegen die grosse Oper in Paris ablehnen.\nAm 23. September 17 77 ging Armida in Scene.\nAuch diese Oper wurde Anfangs mit Gleichgültigkeit auf-\ngenommen, und es ging damit, wie Gluck vorhergesagt:\ndas Publicum brauchte Zeit, um sie zu würdigen. Gegen\ndie früheren Opern sticht sie auch äusserlich dadurch ab,\ndass in ihr an zwölf Personen handelnd und singend auf-\ntreten, darunter sechs Soprani, drei Alti, drei Bässe und kein\nTenor. Denn auffallender Weise hat Gluck hier wieder die\nHelden-Partie des Rinaldo für den Alt geschrieben; eben\ndafür die Nebenrollen zweier anderen Ritter offenbar\nein Beweis, wie sehr doch immer die musicalische\nRücksicht vorwaltete.\nI\nIn Deutschland fand die Armida durch die Aufführung\nin Berlin aber erst im Jahre 1805 unter Bernh.\nAnselm Webers musicalischer Leitung und Iffland's Regie\nvollständigen Erfolg.\nMittlerweile war Piccini auch nicht auf Rosen ge-\nbettet; von allen grossen Versprechungen, die man ihm ge-\nmacht, wurden wenige gehalten. Zudem war er schon bei\nJahren und konnte kein Wort Französisch. Marmontel, der\nDichter des Roland, gab ihm Unterricht, erklärte ihm jede\nScene des Gedichtes, malte ihm die Quantität der Silben\nüber die Verse und liess sich am nächsten Sonntag von\nPiccini vorsingen, was er componirt. hatte. Von der Musik\nverstand übrigens Marmontel eben so wenig, wie viele un-\nserer heutigen Kritiker und Tonangeber in der musicalisch-\ndramatischen Aesthetik. Auf die angegebene Weise arbei-\nteten die Beiden ein ganzes Jahr lana; mit unzerstörbarer\nO Q\nBeharrlichkeit.\nEndlich war der „Roland\" fertig. Die Proben began-\nnen, d. h. die Gewitter brachen los; denn Orchester und\nSänger, die von Gluck geschult waren und sich an seine\nMusik, die auch ihnen Lorbern brachte, gewöhnt hatten."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "379", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541202-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4988, "texte": "waren widerborstig, stürmisch, oder schwerfällig, gleich-\ngültig, schläfrig; und zur ewigen Ehre des deutschen\nMeisters sei es gesagt während Piccini angstvoll und\nganz und gar entmuthigt in einem YVinkel der Loge sass,\nhielt Gluck, Gluck selbst als General-Musik-Director das\nOrchester und die Sänger in Ordnung, brachte durch sein\nAnsehen die „dissonirende Maschine wieder in die rechte\nStimmung\" und setzte seine kräftige Persönlichkeit für die\nzaghafte Schwäche des Nebenbuhlers ein. Das war edel\nund gross. Wie manchem Componisten und Musik-Director\nunserer l äge mag, wenn er dieses lies't, die Rothe ins Ge-\nsicht steigen!\nPiccini war dermaassen entmuthigt, dass er sich um\nnichts kümmerte; auf alle Anmahnungen Marmontel's, der\nüber Gluck's Grossmuth wüthend war, antwortete er nur:\nTutio va male! und als er in das Theater zur ersten Auf-\nführung fuhr, nahm seine Familie von ihm mit Thränen Ab-\nschied, als wenn er zum Tode ginge. Er selbst schrieb un-\nter Anderem an einen Freund: „Ich tühle, dass mein\nSchicksal entschieden ist, und der Teufel soll mich nicht\nabhalten, morgen nach Neapel zurückzukehren. Ich bin ru-\nhig genug, aber auch eines schauerlichen Falles gewiss.\"\nDer Abend kam heran. Damals waren die Worte von\nGöthe's Theater-Director im Faust noch eine Wahrheit\n„es zwängte sich der Strom der Menge mit gewaltig wie-\nderholten Mühen durch die enge Gnadenpforte, focht sich\nbis an die Gasse und brach sich um ein Billet die Hälse\"\nnicht mehr hervor, höchstens noch der einzelne Künstler.\nDer Brief eines Engländers an den Dichter Dorat*) schildert\nuns auf lebendige Weise das Parterre an jenem Abende:\n„Ich war des grossen Andranges wegen sehr früh in\ndie Oper gegangen und liess mich in dem Mittelraume nie-\nder, um das Schauspiel desto besser gemessen zu können.\nMit jedem Augenblicke sah ich neue Gesichter, die Einen\nvoll Heiterkeit, die Anderen voll Unruhe sich hastig vor-\ndrängend. Gross genug, wie ich bin, hatte es den Anschein,\nals befehligte ich alle die kleinen Fahrzeuge, die sich in\neinem Wirbel um mich drängten. Doch inmitten dieser\nMenge mit meinen Gedanken allein, achtete ich nicht auf\ndie lärmenden und verschwimmenden Laute, welche so eben\nanfingen, um mich her wiederzuhallen. Ich athmete noch\nziemlich frei, als ich einen kleinen Mann, ganz erhitzt und\naufgeregt, Flut und Ebbe mit sich bringend, mit schriller\nStimme und zwinkerndem Auge, von runder Figur und\nwüthigem Aussehen, von Platz zu Platz, von Getöse zu Ge-\ntöse sich in meine Nähe wälzen und seine Anhänger mit-\nziehen sah. Ich weiss nicht, durch welchen Zufall er sich\nplötzlich ganz allein befand, obwohl man im Gedränge sei-\nner Nachbarschaft schier ersticken wollte. Im Augenblicke\nward es stille, und er rüstete sich, zu reden. „ „Wahrhaf-\ntig, meine Herren,\" \" begann er, „ „das wird, wie ich glaube,\nschön ausfallen. Was sagen Sie zu jenem Original, welches\ndarüber nächdenken will, was der Gesang in der Musik\nsoll? Das ist zu beleidigend; hier muss Gerechtigkeit\ngeübt werden!\"\" —Er sprach noch weiter, und ich wette,\nohne die Bedeutung der angewandten Ausdrücke zu ken-\nnen: er sprach von Melopöe, vom Anapäst, vom Jung-\nfrauen-Chor, von der Abrundung der Arien, von dem Reich-\nthume in den Motiven. Er stampfte, spuckte, nies'te und\nschnäuzte sich, und alle Welt sagte, dass er Recht habe.\n„ „Dieser kleine Italiäner\"\", fuhr er fort, „ „will ge-\ngen Gluck kämpfen, der, Gott sei's gedankt, von der Na-\ntur den Ausdruck der Leidenschaften erhalten hat gegen\nGluck, der seine Weisen verknüpft, seine Wirkungen ab-\nstuft, das Orchester mit allen Wellenwindungen der Har-\nmonie lullt gegen einen Genius, wie noch keiner aui-\nstand; mit Einem Wort: gegen einen Mann, der mich be-\nzaubert mi e h!\"\"\n„Dieses sinnlose, jedoch mit Nachdruck vorgebrachte\nGeschwätz fing nachgerade an, mir lästig zu werden; ich\nneigte den Kopf, um meinen Mann zu sehen, und erblickte\nihn, wie er sich geberdete, wie er keuchte, sich aufregte\nund tropfenweise schwitzte, trotz der Aufmerksamkeit, die\nman hatte, ihn nicht zu belästigen, aus purer Achtung lür\nseine Beredsamkeit.\n„Ich begab mich nach meinem Platze, konnte mich\naber dabei eines mitleidigen Lächelns nicht erwehren, das\nihn traf und um das Bisschen Verstand vollends brachte,\ndas er noch besass.\n„Von dein Augenblicke an bemerkte ich, wie er sich\naufrichtete, vor Ungeduld knirschte, mich zu sprechen suchte,\nsich wieder zurückhielt, dann neu erhob, um mich zu sehen\nund gesehen zu werden. Ich blieb unbeweglich wie ein\nStein. Endlich brach er das Schweigen, indem er mich beim\nArm fasste: „ „Mein Herr, ein Gluckist, so viel ich sehe?\"\"\n„ „Wer spricht mit mir?\"\" entgegnete ich. „ „Ich,\nmein Herr, ich, der Sie fragt,\"\" antwortete er: „ „der wis-\nsen möchte, ob Sie Gluckist oder Piccinist sind.\"\" „ „We-\nder das Eine, noch das Andere!\"\" „ „Aber man muss\ndoch auf der Welt etwas sein?\"\" „ „Wie, mein Herr,\nist man denn auf der Welt nichts, wenn man nicht Gluckist\n\n*) Coup d'oeil sur la litleralure. Neufckatel. 1780. I. p. 211 ff."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "380", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541202-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4911, "texte": "oder Piccinist ist?a\" „ »Wahrhaftig, mein Herr, ich sehe\nnicht ab, was man sonst noch sein könnte. Sie bewundern\nalso nicht den Ritter Gluck?\"\" * „Zum mindesten werde\nich ihn nicht so bewundern, wie Sie, dafür achte ich ihn\nallzu sehr. Meines Dafürhaltens braucht man Zeit, die Men-\nschen zu würdigen; und darum habe ich ihn ganz so auf-\ngefasst, wie ich musste.\"\" „ „Und das Ergebniss Ihrer\nBetrachtungen?\"\" „ „Das Ergebniss, mein Herr? Dass\nGluck ein Musiker ersten Ranges ist, der Einzige vielleicht\nin grossartigen Effecten, stark, leidenschaftlich, ansprechend,\nmit eben so viel Wärme als Nachdruck, der die Seele mit\neinem Schrei des Schmerzes zerreisst, der selbst in seiner\nInstrumental-Begleitung erhaben ist, cVr die Automaten\nEurer Chöre mit dem Hauche seines Genius belebt, mit\nEinem Worte: geschaffen ist, um eine Revolution in der\nMusik zu bewirken; nur dass er dann und wann ein Biss-\nchen lärmt und den Zauber der Melodie ein wenig vernach-\nlässigt. \"\" „ „ Da haben wir's! Sie sind ein Piccinist, wie\nich es errathen habe.\"\" „v„ Warum glauben Sie, dass ich\nmich zu Piccini hinneige? Ich kenne nicht eine Note von\nihm!\"\" „ „Thut nichts! Sie finden einen Fehler an Gluck\nes ist klar, dass Sie sein geschworener Feind sind.\"\"\n„ „Ich bin weder sein Feind, noch sein Freund.\"\"\n„„Sie haben Sich selber verrathen: da können Sie nicht\nmehr zurück. Wohlan, mein Herr! Sie werden jetzt die\nGüte haben, eine Partei zu ergreifen. Wollen Sie den Ro-\nland auspfeifen?\"\" „ „Nein, Herr!\"\" „ „Werden Sie\nihn beklatschen?\" \" „ „Nein, Herr!\" \" „ „Was? Sie\nwerden weder pfeifen noch klatschen?\"\" „ „Richtig!\"\"\n„ „Haben Sie denn keine Seele im Leibe? Was wol-\nlen Sie denn thun'\" „ „„lch werde zuhören.\"\"—•\n„ „Meine Herren! (damit wandte er sich an sein Publicum)\nSie begreifen, der Herr droht uns mit seiner Neu-\ntralität da wird es nothwendig sein, die Wache zu\nholen!\"\"\nDie Oper hatte jedoch nicht das Schicksal, das Piccini\ngefürchtet; sie behauptete sich sogar ziemlich lange auf\ndem Repertoire. Die Vernünftigen unter den Gluckisten\ngestanden ihr wenigstens das Verdienst einer schönen Con-\ncert-Oper zu.\nNach einer kurzen Anwesenheit in Wien kehrte Gluck\nam 30. November 1778 schon wieder nach Paris zurück\nund brachte seine Partitur Iphig mit.\nUm diese Zeit war auch der sechszehnjährige Etienne\nM£hul nach Paris gekommen. Er nahm bei dem damals\nberühmten Pianisten Edelmann Unterricht und wurde durch\neinen glücklichen Zufall Gluck's Schüler. Mehul, der den\nPreis für ein Billet zur ersten Vorstellung der Iphigenie\nnicht erschwingen konnte, schlich sich bei der Generalprobe\nins Theater und versteckte sich in einer Loge mit dem\nVorsatze, dort die Nacht und den folgenden Tag bis zum\nAbend zuzubringen. Aber er wurde von einem Schliesser\nentdeckt und aus seinem Verstecke gejagt. Gluck ist glück-\nlicher Weise noch im Theater, hört den Lärm und verlangt\ndie Ursache zu wissen. Mehul bekennt mit erstickten Thrä-\nnen. Aber wie gross war seine Freude, als ihm Gluck ein\nBillet schenkte und ihn aufforderte, ihn zu besuchen! Er\nbenutzte die Erlaubniss und gewann durch sein Talent\nGluck's Zuneigung, so dass dieser ihn namentlich über das\nAesthetische der Tonkunst belehrte und ihn drei Opern-\nPartituren unter seiner Aufsicht als Studien schreiben liess.\nAm 18. Mai 1779 wurde Iphigenie auf Tauris\nzum ersten Male gegeben. Gluck war damals 64 Jahre alt,\nsechs Wochen nach diesem Tage hatte er das fünfundscchs-\nzigste Lebensjahr vollendet und doch hatte noch keines\nseiner Werke einen so tiefen und allgemeinen Eindruck ge-\nmacht, als dieses. Wer kennt nicht die ergreifende Hand-\nlung dieses Drama's aus Göthe's Iphigenie, diesem vollen-\ndeten Muster antiker Tragödie, welches sein griechisches\nVorbild bei Weitem überragt? Und doch schrieb Göthe,\nals er der Mild er-Haupt mann in Berlin (einer Gluck'-\nschen Iphigenie, wie sie schwerlich jemals wieder auf der\nBühne erscheinen wird) seine Iphigenie sandte, als Wid-\nmung auf das erste Blatt:\nDies unschuldvolle, fromme Spiel,\nDas edlen Beifall sich errungen,\nErreichte noch ein höh'res Ziel,\nVon Gluck betont, von Dir gesungen.\nDer Dichter des Textbuches war ein junger Mann,\nNamens Guillard; Bailly du Rollet und Gluck selbst sol-\nlen jedoch Manches geändert und überarbeitet haben. Die\nBesetzung war folgende: Iphigenie Rosalie Levasseur;\nOrest Larrivee (Bass); Pylades Legros (Tenor);\nThoas Moreau.\nDie Wirkung war eine fast unerhörte. Selbst Grimm,\neiner der Vorkämpfer der Piccinisten, schrieb darüber: „Ich\nweiss nicht, ob das Gesang ist, aber vielleicht ist es noch\netwas Besseres, als das; wenn ich die Iphigenie höre, so\nvergesse ich, dass ich in der Oper bin, und glaube, eine\ngriechische Tragödie zu sehen und zu hören.\" Welch\nanhaltenden Erfolg die Oper in Paris hatte, mag man dar-\naus entnehmen, dass die 151. Vorstellung derselben am\n2. April 1782 15,125 Livres einbrachte. Auch noch im\nJahre 1783 trug jede Vorstellung über 9000 Livres ein."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "381", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541202-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1612, "texte": "Historisch interessant für den Musiker ist es, dass die\nunnachahmlich schöne Arie der Iphigenie in G-dur (Nr. 17):\nMalheureuse Iphigenie\" „O, lasst mich Tiefgebeugte\nweinen\" —, in ihren Hauptzügen bereits 1750, also acht-\nzehn Jahre früher, in Neapel für den Sopranisten Caffarelli\nin Gluck's Clemenza di Tito geschrieben war; Gluck ver-\nsetzte sie, wie er auch mit anderen Musikstücken that, wenn\ndie Situation eine ähnliche war, in die Iphigenie, und jene\nStelle derselben, wo sich die Priesterin mit den Worten\nan den Chor wendet;\nMelez vos cris plainlifs ä mes gemissements,\nund der Chor mit dem zweigestrichenen g in das zweige-\nstrichene g der Iphigenie einfallt, während das Orchester\nfolgender Maassen modulirt:\njene Stelle ist eben die, welche die neapolitanischen Musi-\nker dem D ur a nt e als abscheulich vorlegten und worüber\ndieser in Bewunderung gerieth (vgl. Art 11. in Nr. 42).\nWir aber knüpfen an diese Arie die Bemerkung, wie\nfrüh und wie herrlich mitten unter der Unwahrheit italiäni-\nscher Sinnlichkeit sich Gluck's Talent für die wahre drama-\ntische Melodie offenbarte, und fügen für unsere Zeit die\nBetrachtung hinzu, dass nur die Armuth an Erfindungsgabe\nund die Machtlosigkeit zu genialem Schaffen den Satz der\nneueren Schule aufstellen konnte, dass die Arie ein Unsinn\nsei und aus dem musicalischen Drama verbannt werden\nmüsste. Schreibt nur, wenn ihr könnt, eine solche Arie,\nwie diese Gluck'sche, welche das höchste Pathos der anti-\nken Tragödie ausdrückt; wir versichern euch, dass ihr da-\ndurch eurem christlich-heidnischen Venus- und Gral-Spuk\nbedeutend auf die Beine helfen würdet."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-12-02-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-12-02_01#c003", "volume": "bmtnabi_1854-12-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "381", "page_fin": "382", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541202-01.2.2", "titre_corps": "Aus London.", "titre_sommaire": "Aus London.", "signature_source": "C. A", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "381", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541202-01.1.5", "debut_caractere": 1614, "fin_caractere_exclue": 4555, "texte": "Aus London.\n\nWas man in dieser Jahreszeit über Musik aus London\nschreiben kann, ist, wie Sie wissen, wenig oder gar nichts,\nda die Fuchs- und Hasenjagd an der Saison ist und die\nKunstjagd erst in einigen Monaten beginnt. Dennoch will\nich wenigstens ein Lebenszeichen von mir geben und Ihnen\nsagen, dass man denjenigen rausicalischen Genüssen, die\nuns jetzt dargeboten werden, sogar eine politische oder so-\nciale Wichtigkeit beilegen könnte; denn sie sind offenbar\nmehr auf das Volk, auf die grosse Menge berechnet und von\ndieser auch mehr besucht und geschätzt, als die schwelgerisch\nmit ausgesuchten Gerichten besetzten Tafeln, an welche\nsich in der Kunst-Saison die feine Gourmandise der Aristo-\nkratie zu Tische setzt.\nDen ersten Gedanken, diejenige londoner Bevölkerung,\nwelche aus triftigen Gründen im Winter nicht aufs Land\ngeht, sondern trotz Kohlendampf und Nebel in der Stadt\nbleibt, musicalisch auszubeuten, hatte vor einigen Jahren\nJullien, und kein Fremder hat es noch so gut wie er\nverstanden, dem Geschmacke der Engländer en masse ge-\nrecht zu werden und die Sache mit dem gehörigen Brim-\nborium und dem nöthigen Humbug, zu welchem er wäh-\nrend seiner Anwesenheit in America noch treffliche prak-\ntische Studien gemacht hat, anzufangen und durchzuführen.\nEr hat denn auch jetzt seine Concerte wieder begonnen,\nund sicher werden sie in den Annalen des musicalischen\nRumors wiederum Epoche machen. Er kündigt der Macht\nder ernsten Oratorien-Musik in London einen offenbaren\nKrieg an. Zwar wird er in diese seit einem Jahrhundert\nwohl bewehrte und mit der Elite der vornehmen Welt be-\nsetzte Festung so leicht nicht Bresche schiessen, und das\nist auch sehr gut; allein es lassen sich doch schon Stimmen\nvernehmen, welche die amüsante Abwechselung zwischen\nder C-mo//-Sinfonie von Beethoven und den reizenden Wal-\nzern und charakteristischen Polka's von X Y Z preisen und\ndas musicalisch Schöne durch Umkehrung der alten Defi-\nnition vom Schönen überhaupt dahin feststellen, dass es\ndie Confusion in der Mannigfaltigkeit sei, welche den Be-\ngriff desselben erschöpfe.\nJullien als Dirigent ist köstlich. Ich lese, dass man in\nDeutschland jetzt von soliden Dirigenten ä la Spohr,\nwelche die Würde der Tempi mit der ruhigen Würde einer\nimponirenden Persönlichkeit zu vereinigen verstanden, nichts\nmehr wissen will, sondern dass der Dirigent bald sich zer-\nreissen, bald die Hände in den Schooss und den Tactstock\naufs Pult legen müsse, und was dergleichen Faxen mehr\nsind. Nun, diese Herren würden in Jullien ihr Ideal finden;\ndenn neulich legte er nicht etwa in der Zuversiebt auf sein\nOrchester den Tactstock hin, sondern er schleuderte ihn\nüber sein Haupt weg, so dass er hinten auf den Jungen\ngefallen sein soll, der dem Contrabassisten die Leiter hält,\nauf welcher dieser neben dem Griffbrett des Riesen-Instru-\nmentes auf und ab klettert. Und in der That, der Fehler\ns-\nlag wirklich dort; es war eine Sprosse gebrochen, und der"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "382", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541202-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2460, "texte": "Contrabassist, der nicht hinunter konnte, griff statt\nDass eine solche Feinheit des Ohrs und Sicherheit im Hand-\nhaben des Feldherrnstabes, welche selbst rückwärts den\nNagel auf den Kopf trifft, ein Gemisch von Jauchzen, Klat-\nschen, Zischen und Trommeln, einen wahren Höllenlärm\nerregte, wird Sie nicht wundern. Jullien bewies dem Publi-\ncum durch wiederholte Verneigungen, dass er den Beifall\nin allen Gestalten zu schätzen wisse.— „Wem der grosse\nWurf gelungen, stimm' in unsern Jubel ein!\"\nIn der ersten Hälfte des November hat das Musikcorps\nder kaiserlichen Guiden aus Paris hier mit grossem Bei-\nfall und grossen Ehren gespielt. Ihr erstes Auftreten fand\nim Krystallpalast Statt; allein in diesem ungeheuren Glas-\ngewölbe klingt die Musik nicht oder vielmehr zu viel, da\nsie merkwürdiger Weise nach verschiedenen Seiten hin\ntheilweise Echo's gibt. Für Concert-Aufführungen ist die\nSpeculation dieses Baues ganz verunglückt; die schönste\nMusik wird dort zu einem misstönenden Klanggewirr, Es\nwaren wob! an 40,000 Menschen zugegen, wovon drei\nViertel sehr missvergnügt den Palast verliessen, zumal da die\nDirection desselben auch nicht die geeigneten Einrichtungen\nzur Bequemlichkeit der Zuhörer getroffen hatte. Erst in dem\nConcerte inExeterHall konnte man das Spiel des pariser Mu-\nsikcorps würdigen; die Vorzüge desselben beruhen aufPräci-\nsion und aul den schönen Klangfarben der Blech-Instru-\nmente vonSax. Exeter Hall war mit 2- —3OOO Menschen\nbesetzt, und die Franzosen, welche in Uniform erschienen,\nwurden mit wahrem Enthusiasmus empfangen, wie dies bei\nden gegenwärtigen politischen Zuständen zu erwarten war.\nIndess waren viele Reihen der reservirten (numerirten) Plätze\nleer geblieben, was aber nicht sowohl der Theilnahmlosig-\nkeit der höheren Stände zuzuschreiben ist, als einer Preis-\nErhöhung jener Sitze auf 7 '/2 Shilling, welche erst am\nTage der Aufführung eintrat, nachdem schon 800 Billets\nzu dem angekündigten Preise von 5 Shilling gekauft waren.\nUeber diese Maassregel des sonst so tactvollen Herrn Mit-\nchell äusserte man einige Unzufriedenheit.\nEs heisst, dass lür diese Saison das Theater der Kö-\nnigin, welches seit zwei Jahren geschlossen war, wieder\neröffnet werden würde, natürlich nur für eine italienische\nOper. Der neue Unternehmer cui aes triplex circa\npectus, d. h., welcher sehr viel Metall zu seiner Verfügung\nhaben soll, kann einen Theil davon auf interessante Weise\nan den Mann bringen.\nDen 24. November 1854.\n\nC. A."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-12-02-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-12-02_01#c004", "volume": "bmtnabi_1854-12-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "382", "page_fin": "384", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541202-01.2.3", "titre_corps": "Pariser Briefe.", "titre_sommaire": "Pariser Briefe.", "signature_source": "B. 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Du kannst wohl denken, dass ich von dem\nWiederauftreten der Cruvelii nach ihrer unverantwortlichen\nSpazirfahrt und von dem Verhalten der Zuschauer dabei\nspreche.\nIch ging in die Hugenotten, aufrichtig gesagt: bloss\num zu sehen, wie der Scandal ablaufen würde, über dessen\n' f\nwahrscheinlichen Verlauf für und wider Welten gemacht\nwurden. Denn so hohe Achtung ich auch für die Musik\nder letzten Acte hege, so ist es doch von einem, der Ro-\nger und Formes, die Schröder-Devrient und die Stoltz in\ndieser Oper gehört hat, kein Genuss, statt des Raoul und\nMarcel und der Valentine die Herren Gueymard und De-\npassio und Fräulein Cruvelii in erschreckender Natürlichkeit\nzu schauen und die Wiedergeburt der Zeit der\nfrangais mit zu feiern. Das einzige Interessante konnte nur\ndie Spannung sein, ob und wie das Publicum und die ~Dir-\nection der Actionäre des Erfolgs\" im Centrum des Par-\nterres einig oder nicht sein würden in ihrem Verhalten dem\nFlüchtling gegenüber.\nDas Haus war sehr gut besetzt; als Valentine-Cruvelli\nerschien, herrschte eine Todtenstille: keine Hand rührte\nsich zum Applaus (die Clacpie hatte sicher den weisen Be-\nfehl zur Thatlosigkeit erhalten), aber auch kein Mund spitzte\nsich zum Zischen. Le silence du peuple est la legon des rois.\nAls aber Margarethe sie mit den Worten anredete:\nDis-moi le resultat de t\nda brach ein schallendes Gelächter im ganzen Saale aus,\nund die Cruvelii hatte das Spiel gewonnen; denn wenn\nder Franzose erst lacht, kann er nicht mehr grausam sein,\nein witziges oder zufälliges Schlagwort, ein glücklicher Ca-\nlembourg entwaffnet ihn auf der Stelle. Nach dem Duett\nmit Marcel begann dann auch der Beifall, der sich von da\nan wiederholte und steigerte. Es war also von Abbitte oder\nnur von Entschuldigung nicht die Rede eine Forderung,\nwelche man anderswo keineswegs unterlassen haben würde\nsehr energisch zu stellen. Und das mit vollem Rechte; denn\nes kann nur den Verfall der Kunst beschleunigen, wenn\ndie Bühnensänger unerschwingliche Gehälter beziehen und\nsich desshalb für berechtigt halten, jede Rücksicht gegen"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "383", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541202-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5179, "texte": "das Publicum ausser Acht zu lassen und der öffentlichen\nMeinung über ihre so genannten Geniestreiche zu trotzen.\nDie Geschichte hat ausserdem noch zu einer Correspon-\ndenz Anlass gegeben, aus welcher hervorgeht, dass die kai-\nserliche Verwaltung der grossen Oper sich noch immer\nnicht mit der Presse verständigt bat. Herr Plantade, Bu-\nreau-Chef der Verwaltung, schickte einen Artikel an das\nJournal La Presse, welcher das Wiederauftreten der Cru-\nvelli befürwortete; die Redaction nahm ihn nicht auf und\nerwiderte auf die darauf erfolgte schriftliche Bitte um Auf-\nklarung, dass „die Redacteure der Zeitung, wenn sie Lust\nhätten, in die Oper zu gehen, ihre Billette an der Casse ho-\nlen liessen; es sei folglich ganz in der Ordnung, dass die\nempfehlenden Artikel der Verwaltung an die Regie der Annon-\ncen geschickt und mit drei Francs die Zeile bezahlt würden.\"\nDie Nonne sanglanleerhält sich bis jetzt noch auf dem\nRepertoire; ich habe von mehreren hiesigen Dilettanten ge-\nhört, dass man die Musik Gounod's desshalb mit besonde-\nrer Neugier zu hören gehe, weil sie den deutschen Cha-\nrakter tragen solle! Viel Ehre für uns! Nun, die Partitur\nwird es uns bald zeigen, wie viel oder wie wenig an dieser\nBehauptung ist. Es gibt hier auch Leute, die Berlioz'\nMusik für deutsch halten, und in der That, kein Componist\nhat in Paris noch je so arg mit der enthusiastischen Theil-\nnahme von ganz Deutschland für ihn renommirt, als er.\nMan ist gespannt auf sein neues halb\nGesang, halb Orchester; es soll aus der Zusammenstellung\neinzelner biblischer Scenen, die auf die Geburt und Kindheit\nChristi Bezug haben, bestehen, die Chöre und Soli wechseln\nmit „expressiver\" Instrumental-Musik ab, und zu dem\nGanzen hat das ältere, mit Beifall aufgenommene Stück:\n„ La fülle en Egypte\", die Veranlassung gegeben.\nDer Chef der neuen Verwaltung der Oper, Herr\nCrosnier, verdankt den Ursprung seines Vermögens und\nseiner Stellung einem melodramatischen Stücke: „Schön-\nbrunn und St. Helena\", von entschieden bonapartistischer\nFarbe, welches er grösstentheils selbst gedichtet haben soll\nund auf dem Theater de la Porte St. Martin, dessen Di-\nrection er schon vor 1830 führte, aufführen liess. Das\nwiederholt drohende Verbot der Aufführung durch die Re-\ngierung der Bourbons wusste er durch Gewandtheit und\nVerbindungen jedesmal rückgängig zu machen. Als er die\nVerwaltung der komischen Oper antrat, machte er mit\nAuber und Scribe einen Vertrag, nach welchem ihm Beide\njährlich eine dreiactige Oper liefern mussten.\nUeber die italiänische Oper kann ich nicht viel sagen,\nweil ich sie fast gar nicht besucht habe. Wrie sie sich hält,\nda sie nichts als aufgewärmte Gerichte bringt und seihst\nzu Opern wie llossini's Maliida ihre Zuflucht\nnimmt, kann man kaum begreifen. Diese Mathilde, im Sujet\nein lächerliches Puppenspiel, in der Musik eine Reihe von\nlosen Melodieen und Coloraturen, welche dem Maestro beim\nSpazirengehen aus der Tasche gefallen sind, fiel vor vielen\nJab ren, selbst als die Sontag sie sang, hier durch und\nkonnte jetzt kern besseres Schicksal erwarten, wenngleich\nMadame Bosio eine ganz vortreffliche Sängerin ist. Auch\ndie Altistin Madame Borghi-Mamo ist auszuzeichnen;\nsie verbindet sehr klangvolle Mitteltöne mit einem biegsa-\nmen und weichen Sopran. Verdi's „Ernani\" ist auch wie-\nder gegeben worden; die Bosio ist aber trotz aller Kunst-\nfertigkeit, welche sie besitzt, keine Elvira.\nDass Verdi für die kaiserliche Oper ein Werk auf fran-\nzösischen Text von Scribe geschrieben bat, wirst du wis-\nsen; der Stoff der Handlung ist der sicilischen Geschichte\nentnommen, und die Oper führt den Titel: „Die siciliani-\nsche Vesper\" also eine Art Bartholomäusnacht-Geschichte.\nDie Proben sind im Gange, seitdem die Cruvelli zurück ist,\nwelche die Hauptrolle bat.\nDie Concert-Gesellschaft der Sie. Cecile beginnt ihre\nConcerte wieder, allein statt des trefflichen Dirigenten\nSeghers wird Herr Barbereau das Orchester leiten, den wir\nerst ä l'oeuvre sehen müssen, um zu erfahren, ob er diesem\nPosten gewachsen ist. Das Programm des ersten Concertes\nverspricht Rossini's Tell-Ouverture, Becthoven's C-moll-Sin-\nfonie und C. M. v. Weber's Musik zur Preciosa, welche\nvoriges Jahr so sehr gefallen hat. Für dasjenige Concert,\nwelches den Statuten der Gesellschaft gemäss nur neue\nCompositionen (im Manuscript) aufführen darf, ist durch die\nJury (Halevy, Thomas, Beber, Gounod) von drei einge-\nsandten Sinfonieen diejenige von George Mathias ein-\nstimmig gewählt worden. Die Sinfonie von Saint-Saens,\nwelche im vorigen Jahre den meisten Beifall, erhielt, er-\nscheint gegenwärtig in Druck.\nNoch habe ich mitzutheilen, dass die Geschwister D u I-\nken sich hier niedergelassen haben und auf der Concertina\nund dem Piano Unterricht geben werden.\nUm noch einmal schliesslich auf die kaiserliche Oper\nzurückzukommen, so liefert die projectirle Wiederaufnahme\nder „Stummen von Portici\" der Unterhaltung viel Stoff.\nAuber hatte für die Fenella die berühmte Tänzerin Cerrito\nerlangt und glaubte nun über den Berg gekommen zu sein;\naber beim Herabsteigen merkte er, dass er keinen Masa-\nniello habe, und die Stumme ohne ihren Bruder war un-\nmöglich. Neri-Baraldi, vonNew-York verschrieben, genügte"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "384", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541202-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 388, "texte": "nicht und wurde krank; man versuchte es mit Poultier,\nder Roger ersetzen soll es war auch nichts; mit Gar-\ndoni, eben so. Nun heisst es, man sei auf Neri-Baraldi zu-\nrückgekommen, aber die Proben sind eingestellt worden.\nAuber componirt übrigens immer noch rüstig fort; er hat\nwieder eine komische, dreiactige Oper (Text von Scribe)\nso gut wie fertig.\nParis, den 26. November 1854.\n\nB. P."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-12-02-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-12-02_01#c005", "volume": "bmtnabi_1854-12-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "384", "page_fin": "384", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541202-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "384", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541202-01.1.8", "debut_caractere": 390, "fin_caractere_exclue": 4732, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nÄöln. Die erste Soiree für Kammermusik im Hotel\nDisch fand Dinstag den 28. November Statt. Wir hörten das Violin-\nQuartett von Mozart Nr. 10 (D-dur), das Clavier-Concert in D-\nmoll mit Quintett-Begleitung von J. S. Bach, meisterhaft vorgetra-\ngen von Herrn Ed. Franck, welcher am Schlüsse der Sitzung auch\nnoch die Cfo-moU-Sonatev Op. 27, von Beethoven spielte, deren\nVortrag wir jedoch gerade von diesem ausgezeichneten Pianisten,\ndessen ganze Bichtung in Spiel und Composition sich dem Classi-\nschen zuneigt, anders erwartet hätten, da wir namentlich das über-\ntriebene Tempo des Hauptsatzes keineswegs billigen können. Die\nKrone des Abends war das Quintett von Beethoven, Op. 29, in\nC-dur, unübertrefflich schön in Auffassung und Technik vorgetra-\ngen von den Herren Hartmann, Derckum, Peters, M eck um\nund B. Breuer. Wer den Geist dieser Composition, besonders\ndes Adagio und des Finale, in Worten wiedergeben wollte, müsste\nein grosser Dichter sein. Der Beifall, der allen Ausführenden, be-\nsonders aber dem genialen Vortrage der ersten Violinstimme durch\nden Concertmeister Harlmann zu Theil wurde, war ein wahrhaft\nenthusiastischer.\nIm Stadttheater wird die Oper von Hiller und Benedix:\n„Der Advocat\", fleissig studirt. Fräul. Antonie WTill trat\nals „Romeo\" auf und zeigte dir eine Debütantin eine Gewandtheit\nim Spiel, welche Talent für die Bühne verräth. Die Stimme fanden\nwir dagegen weit weniger ausgebend, als wir erwartet hatten; in-\ndess schien die Sängerin durch Unwohlsein angegriffen zu sein, so\ndass wir unser Urlheil bis nach einem zweiten Debüt zurückhalten.\nVorgestern (30. Nov.) wurde Lucrezla Borgia sehr gut ge-\ngeben. Fräulein Johannsen und Herr Becker waren vorzüg-\nlich, und der Orsino des Fräul. Günther Hess in Erscheinung\nund Ausführung nichts zu wünschen übrig; das Trinklied im letz-\nten Acte wurde da capo verlangt und mit grossem Beifall aufge-\nnommen. Auch Herr Röhr (Gennaro) gab sich Mühe, seiner Auf-\ngabe zu genügen. Fräul. Johannsen und Herr Becker wurden wie-\nderholt gerufen. Das anwesende Publicum zeigte die lebhafteste\nTheilnahme aber es zählte kaum 150 Personen! Fast sämmt-\nliche Logen waren leer und es war eine Vorstellung zum Besten\nder Armen, und man konnte bei der angegebenen Besetzung mit\nSicherheit voraussehen, dass die Oper vortrefflich gegeben werden\nwürde und dennoch leer!\nVorgestern gab der berühmte Unternehmer Herr John Mit-\nchell aus London unserem Männergesang-Verein im Hotel\nDisch ein glänzendes Souper von 120 130 Gedecken, welches sich\nzu einem sehr heiteren Künstlerfeste gestaltete.\nStuttgart. Lindpaintner ist mit einer Instrumentirung\nvon Händel's Israel in Aegypten beschäftigt. Miss Arabella\nGoddard hat sich in mehreren Concerten als wackere Pianistin\ngezeigt. Am 7. November fand das erste von den zwölf Concerten\nder k. Hofcapelle Statt; alle Räume des Theaters, sogar das Or-\nchester (das ausführende Orchester steht terrassenförmig auf der\nBühne) waren gefüllt. Man führte als Hauptwerk Spohr's „Weihe\nder Töne44 auf.\nIn Zürich ist es Sitte, dass die dortige allgemeine Musik-Ge-\nsellschaft der Theater-Direction einen Beitrag zur Besoldung des\nOrchesters gibt, wofür sie denn dasselbe auch zu ihren Concerten\nbenutzen kann. Da das Anerbieten des Gesellschafts-Vorstandes\ndiesmal zu gering war, so hat der Theater-Director Walther das\nOrchester ausschliesslich für das Theater engagirt, wesshalb diesen\nW'inter wahrscheinlich keine Concerte Statt finden werden.\nNach der Musik-Zeitung von Neapel wird Rossini den Win-\nter am Pausilippo auf der Villa Barbaja zubringen. Auch Thal-\nberg zieht für den Winter nach Neapel und wird daselbst die\nVilla Lablache bewohnen. Er ift bekanntlich Lablache's Schwie-\ngersohn.\nDie Sängerin Medori macht jetzt in Neapel Aufsehen; sit\nsoll in der That eine der vorzüglichsten, wo nicht die beste Prima\nDonna der gegenwärtigen italienischen Oper überhaupt sein.\nParis« Der Pianist Louis Lacombe hat eine zweite Kunst-\nreise nach Deutschland angetreten; er geht zunächst nach Wien.\nArthur Kalkbrenner, der Sohn des berühmten Pianisten,\nwird sich hier dem Unterrichte auf dem Piano widmen. Möge er\ndie gediegene Schule seines Vaters wieder ins Leben rufen!\nDer Violinist Sivori hat zuletzt in Lissabon Concerte gege-\nben und ist von dem Hofe durch Verleihung des Christus-Ordens\nausgezeichnet worden."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "377", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541202-01.1.1", "texte": "Christoph Willibald Ritter von Gluck.\nVI.\n(S. Nr. 41, 42, 43, 44 und 47.)\nIn Wien ging Gluck an die Composition zweier Opern-\nbücher von Quinault, des „ Roland\" und der „ Armida\",\nund an die Umarbeitung der Alceste lür Paris. Ueber die\nletztere haben wir schon oben gesprochen; von der Parti-\ntur des „Roland\" warf der erzürnte Meister alles, was\nfertig war, ins Feuer, als er vernahm, wie hinterlistig man\nseinem Gegner Piccini denselben Text gleichzeitig zur Com-\nposition übergeben habe. Doch beklagte er sich nicht öf-\nfentlich über dieses Verfahren, sondern schüttete sein Herz\nnur in einem Briefe an seinen Freund Bailly aus. Leider\nwurde dieser Brief dennoch gedruckt uud goss Oel ins\nFeuer des Streites.\nZur Charakteristik Gluck's müssen wir erwähnen, dass\ner selbst sehr selten die Feder zu seiner Verteidigung er-\ngriff; nur als man ihm ein Plagiat aus Sacchini's „Olym-\npia\" andichtete, wies er nach, dass Sacchini die fragliche\nStelle einem Sänger zu Liebe aus seiner ersten Ausgabe\nder Alceste in die Olympia aufgenommen hatte. Dass ein\nTondichter und schöpferischer Reformator, wie er, ein edles\nSelbstgefühl und das volle Bewusstsein seines Werthes be-\nsass, ist natürlich; aber nie ging dieses zu maassloser Eitel-\nkeit und zu dreister Selbstüberhebung über alles Vergan-\ngene und Gegenwärtige über. Gluck war innerlich stolz\nund hatte alle Ursache dazu; aber eitle Selbstbespiegelung\nund selbstsüchtige Herabsetzung seiner Zeitgenossen lagen\nihm fern. Man höre z. B. folgende Aeusserungen aus dem\nso eben erwähnten, keineswegs lür die Oeflentlichkeit ge-\nschriebenen Briefe:\n„Ich habe die wenige Kraft, die mir nach der Alceste\nnoch übrig blieb, dazu angewandt, Armida zu beendigen.\nIch habe darin gestrebt, mehr Maler und Dichter als Mu-\nsiker zu sein*). Ich gedenke mit ihr meine Künstler-Lauf-\nbahn zu beenden. Freilich wird das Publicum wenigstens\neben so viel Zeit brauchen, die Armida zu verstehen, als\nnöthig war, die Alceste zu begreifen. Es waltet eine Zart-\nheit in der Armida, die man in der Alceste nicht findet; es\nist mir gelungen, die verschiedenen Personen so sprechen\nzu lassen, dass man sogleich hören wird, ob Armida oder\neine andere Person spricht*). Ich muss enden, sonst könn-\nten Sie glauben, ich sei ein oder ein Charlatan\ngeworden. Nichts lässt so übel, als wenn man sich selbst\no\nlobt: das ziemte nur dem grossen Corneille; allein wenn\nich oder Marmontel unser eigenes Lob posaunen, so lacht\nman uns ins Gesicht. Uebrigens vernachlässigt man die\nfranzösischen Tonsetzer zu sehr; Gossec und Philidor\nwürden dem Publicum viel bessere Dienste leisten, als die\nbesten italiänischen Componisten.\"\nUnd an anderen Stellen: „Herr Piccini würde in\neinem Wettstreite (in Bezug auf die Composition des Ro-\nland) zu viel vor mir voraus haben; denn ausser seinem\npersönlichen Verdienste, das unstreitig gross ist, hat er\nnoch den Vortheil der Neuheit in Paris lür sich.\" -\n„Ein mit den herrlichsten Gedanken erlülltes Genie, wie\nSacchini, hat es nicht nöthig, fremde Ideen zu entlehnen;\nsein Ruhm ist so fest gegründet, dass er keines Verteidi-\ngers bedarf.\"\nIm Anfange des Jahres 1776 ging Gluck, diesmal\nallein, wieder nach Paris, und am 23. April kam die fran-\nzösische Alceste zur Aufführung. Sie fiel bei dem ersten\nMale ganz durch, es wurde sogar gepfiffen. „Alceste est\ntombee!\" rief Gluck traurig einem Freunde zu.— i,\"\nantwortete dieser: „eile est tombee du ciell\" Allerdings\n\n*) Dies ist wahrscheinlich die Stelle, nach welcher Gluck die\nAeusserung zugeschrieben wird, „er suche bei der Composi-\ntion einer Oper zu vergessen, dass er Musiker sei\". Eine\nwörtliche Anlührung derselben findet sich wenigstens bei\nSchmid nicht.\n*) Ein Beweis, wie viel Gluck eben so wie Mozart und alle\ngrossen Componisten auf die musicalische Charakteristik der\nhandelnden Personen durch den Gesang legte. Diese Charak-\nteristik dem Orchester zu geben und jeder Person ein Instru-\nmental-Sätzchen zuzulegen, das bei ihrem jedesmaligen Er-\nscheinen vor ihnen her geblasen wird, konnte nur der über-\nreizten Kunst-ReQexion des modernen Gluck (!) einfallen."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "378", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541202-01.1.2", "texte": "war eine doppelte Cabale dabei mit im Spiel, sowohl von\nSeiten der Componisten- als der Schauspieler-Parteien;\ndenn Gluck hatte die Hauptrolle nicht der Arnould, son-\ndern der jüngeren Rosalie Levasseur gegeben; allein wie-\nwohl die Oper bei jeder folgenden Vorstellung mehr Boden\ngewann, so zog doch das Publicum die Iphigenie und den\nOrpheus fortwährend vor.\nDie Tage nach der ersten Aulführung der x\\lcesle war-\nfen trübe Schatten auf die Lebensfreude des grossen Man-\nnes; denn er empfing zugleich die Trauer-Nachricht von\ndem Tode seiner Marianne. Die Blattern hatten sie am\n22. April, dem Tage vor der Aufführung der Alceste, hin-\nweggerafft. Gluck suchte seinen Schmerz durch Briefe an\nseine Freunde, besonders auch an Klopstock und Wieland,\nzu lindern. Nach Wieland's Antwortschreiben (Schmid, S.\n268) hatte Göthe die Idee zu einer Verherrlichung „des\nentflohenen Engels\" durch ein besonderes kleines Drama\ngefasst und in seinem Kopfe ausgebildet, ist aber im Strome\ndes Lebens, welches ihn damals gerade in die Staatsbeam-\nten-Laufbahn zog, nicht zur Ausarbeitung gekommen.\nDer musicalische Streit entbrannte nach der Alceste\nnur um so heftiger. Die Vorkämpfer für Gluck waren der\nAbbe Arnaud und Suard, der tüchtigste und edelste\nvon Allen, dessen Petiles lellres de TAnonyme de Vaugirard\nalles, was die Gegner Marmontel und Laharpe vorbrachten,\ngeistreich zu Boden schlugen. Von der Leidenschaft, mit\nwelcher Partei genommen wurde, kann man sich einen Be-\ngriff machen, wenn man bei Suard lies't: „Ihr werdet se-\nhen. wie um der Gesänge willen Freunde erkalten, gesel-\nlige Verbindungen sich auflösen und Gehässigkeiten ent-\nzünden werden.\"\nDie erste Veranlassung zur Berufung Piccini's nach\nParis hatte die Buhlerin Ludwig's XV., die berüchtigte Du\nBarry, gegeben. Nach des Königs Tode war natürlich ihr\nReich vorbei; allein merkwürdiger W eise wurden die Un-\nterhandlungen mit Piccini durch Begünstigung von Marie\nAntoinette fortgesetzt, welche, obwohl die ursprüngliche\nBeschützerin Gluck's, doch Ludwig NVI. zu Liebe auch\nden berühmten llaliäner an Paris zu fesseln suchte. Er kam\nin den letzten Tagen des Jahres 1776 dahin, nachdem er\nNeapel und eine zwanzigjährige Herrschaft über die dortige\nund andere italiänische Bühnen aufgegeben. Sein Name wurde\nbekanntlich die Losung zu neuem Kampfe, welcher Zer-\nwürfnisse in die Akademie der Musik und in die Akademie\nder Wissenschaften, in die Familien, in die Vereine, in die\ni • i\nGesellschaften, in die Kaffeehäuser schleuderte. Man fragte\nnicht mehr danach, ob einer Philosoph oder Frömmler,\nJansenist oder Molinist, parlamentarisch oder monarchisch,\nsei, sondern nur: oh Gluckist oder Piccinist. Und das\nalles zehn Jahre vor der Revolution! das alles in einer\nZeit, wo der Staat und derjenige Theii der hohen Gesell-\nschaft, welcher am eifrigsten an dem ästhetischen Streite\nTheil nahm, fast schon durch und durch politisch, ökono-\nmisch und moralisch faul war!\nMerkwürdig und höchst ehrenvoll für Gluck war es,\ndass Italien selbst ihm die Palme zuerkannte, indem er ge-\nrade in dieser Zeit nach Mailand berufen wurde, um für\ndas prachtvolle neue Theater Alla Scala zu dessen Eröff-\nnung und für den Carneval 1 7 78 zwei Opern zu schrei-\nben. Er musste das glänzende Anerbieten wegen seiner\nVerbindlichkeiten gegen die grosse Oper in Paris ablehnen.\nAm 23. September 17 77 ging Armida in Scene.\nAuch diese Oper wurde Anfangs mit Gleichgültigkeit auf-\ngenommen, und es ging damit, wie Gluck vorhergesagt:\ndas Publicum brauchte Zeit, um sie zu würdigen. Gegen\ndie früheren Opern sticht sie auch äusserlich dadurch ab,\ndass in ihr an zwölf Personen handelnd und singend auf-\ntreten, darunter sechs Soprani, drei Alti, drei Bässe und kein\nTenor. Denn auffallender Weise hat Gluck hier wieder die\nHelden-Partie des Rinaldo für den Alt geschrieben; eben\ndafür die Nebenrollen zweier anderen Ritter offenbar\nein Beweis, wie sehr doch immer die musicalische\nRücksicht vorwaltete.\nI\nIn Deutschland fand die Armida durch die Aufführung\nin Berlin aber erst im Jahre 1805 unter Bernh.\nAnselm Webers musicalischer Leitung und Iffland's Regie\nvollständigen Erfolg.\nMittlerweile war Piccini auch nicht auf Rosen ge-\nbettet; von allen grossen Versprechungen, die man ihm ge-\nmacht, wurden wenige gehalten. Zudem war er schon bei\nJahren und konnte kein Wort Französisch. Marmontel, der\nDichter des Roland, gab ihm Unterricht, erklärte ihm jede\nScene des Gedichtes, malte ihm die Quantität der Silben\nüber die Verse und liess sich am nächsten Sonntag von\nPiccini vorsingen, was er componirt. hatte. Von der Musik\nverstand übrigens Marmontel eben so wenig, wie viele un-\nserer heutigen Kritiker und Tonangeber in der musicalisch-\ndramatischen Aesthetik. Auf die angegebene Weise arbei-\nteten die Beiden ein ganzes Jahr lana; mit unzerstörbarer\nO Q\nBeharrlichkeit.\nEndlich war der „Roland\" fertig. Die Proben began-\nnen, d. h. die Gewitter brachen los; denn Orchester und\nSänger, die von Gluck geschult waren und sich an seine\nMusik, die auch ihnen Lorbern brachte, gewöhnt hatten."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "379", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541202-01.1.3", "texte": "waren widerborstig, stürmisch, oder schwerfällig, gleich-\ngültig, schläfrig; und zur ewigen Ehre des deutschen\nMeisters sei es gesagt während Piccini angstvoll und\nganz und gar entmuthigt in einem YVinkel der Loge sass,\nhielt Gluck, Gluck selbst als General-Musik-Director das\nOrchester und die Sänger in Ordnung, brachte durch sein\nAnsehen die „dissonirende Maschine wieder in die rechte\nStimmung\" und setzte seine kräftige Persönlichkeit für die\nzaghafte Schwäche des Nebenbuhlers ein. Das war edel\nund gross. Wie manchem Componisten und Musik-Director\nunserer l äge mag, wenn er dieses lies't, die Rothe ins Ge-\nsicht steigen!\nPiccini war dermaassen entmuthigt, dass er sich um\nnichts kümmerte; auf alle Anmahnungen Marmontel's, der\nüber Gluck's Grossmuth wüthend war, antwortete er nur:\nTutio va male! und als er in das Theater zur ersten Auf-\nführung fuhr, nahm seine Familie von ihm mit Thränen Ab-\nschied, als wenn er zum Tode ginge. Er selbst schrieb un-\nter Anderem an einen Freund: „Ich tühle, dass mein\nSchicksal entschieden ist, und der Teufel soll mich nicht\nabhalten, morgen nach Neapel zurückzukehren. Ich bin ru-\nhig genug, aber auch eines schauerlichen Falles gewiss.\"\nDer Abend kam heran. Damals waren die Worte von\nGöthe's Theater-Director im Faust noch eine Wahrheit\n„es zwängte sich der Strom der Menge mit gewaltig wie-\nderholten Mühen durch die enge Gnadenpforte, focht sich\nbis an die Gasse und brach sich um ein Billet die Hälse\"\nnicht mehr hervor, höchstens noch der einzelne Künstler.\nDer Brief eines Engländers an den Dichter Dorat*) schildert\nuns auf lebendige Weise das Parterre an jenem Abende:\n„Ich war des grossen Andranges wegen sehr früh in\ndie Oper gegangen und liess mich in dem Mittelraume nie-\nder, um das Schauspiel desto besser gemessen zu können.\nMit jedem Augenblicke sah ich neue Gesichter, die Einen\nvoll Heiterkeit, die Anderen voll Unruhe sich hastig vor-\ndrängend. Gross genug, wie ich bin, hatte es den Anschein,\nals befehligte ich alle die kleinen Fahrzeuge, die sich in\neinem Wirbel um mich drängten. Doch inmitten dieser\nMenge mit meinen Gedanken allein, achtete ich nicht auf\ndie lärmenden und verschwimmenden Laute, welche so eben\nanfingen, um mich her wiederzuhallen. Ich athmete noch\nziemlich frei, als ich einen kleinen Mann, ganz erhitzt und\naufgeregt, Flut und Ebbe mit sich bringend, mit schriller\nStimme und zwinkerndem Auge, von runder Figur und\nwüthigem Aussehen, von Platz zu Platz, von Getöse zu Ge-\ntöse sich in meine Nähe wälzen und seine Anhänger mit-\nziehen sah. Ich weiss nicht, durch welchen Zufall er sich\nplötzlich ganz allein befand, obwohl man im Gedränge sei-\nner Nachbarschaft schier ersticken wollte. Im Augenblicke\nward es stille, und er rüstete sich, zu reden. „ „Wahrhaf-\ntig, meine Herren,\" \" begann er, „ „das wird, wie ich glaube,\nschön ausfallen. Was sagen Sie zu jenem Original, welches\ndarüber nächdenken will, was der Gesang in der Musik\nsoll? Das ist zu beleidigend; hier muss Gerechtigkeit\ngeübt werden!\"\" —Er sprach noch weiter, und ich wette,\nohne die Bedeutung der angewandten Ausdrücke zu ken-\nnen: er sprach von Melopöe, vom Anapäst, vom Jung-\nfrauen-Chor, von der Abrundung der Arien, von dem Reich-\nthume in den Motiven. Er stampfte, spuckte, nies'te und\nschnäuzte sich, und alle Welt sagte, dass er Recht habe.\n„ „Dieser kleine Italiäner\"\", fuhr er fort, „ „will ge-\ngen Gluck kämpfen, der, Gott sei's gedankt, von der Na-\ntur den Ausdruck der Leidenschaften erhalten hat gegen\nGluck, der seine Weisen verknüpft, seine Wirkungen ab-\nstuft, das Orchester mit allen Wellenwindungen der Har-\nmonie lullt gegen einen Genius, wie noch keiner aui-\nstand; mit Einem Wort: gegen einen Mann, der mich be-\nzaubert mi e h!\"\"\n„Dieses sinnlose, jedoch mit Nachdruck vorgebrachte\nGeschwätz fing nachgerade an, mir lästig zu werden; ich\nneigte den Kopf, um meinen Mann zu sehen, und erblickte\nihn, wie er sich geberdete, wie er keuchte, sich aufregte\nund tropfenweise schwitzte, trotz der Aufmerksamkeit, die\nman hatte, ihn nicht zu belästigen, aus purer Achtung lür\nseine Beredsamkeit.\n„Ich begab mich nach meinem Platze, konnte mich\naber dabei eines mitleidigen Lächelns nicht erwehren, das\nihn traf und um das Bisschen Verstand vollends brachte,\ndas er noch besass.\n„Von dein Augenblicke an bemerkte ich, wie er sich\naufrichtete, vor Ungeduld knirschte, mich zu sprechen suchte,\nsich wieder zurückhielt, dann neu erhob, um mich zu sehen\nund gesehen zu werden. Ich blieb unbeweglich wie ein\nStein. Endlich brach er das Schweigen, indem er mich beim\nArm fasste: „ „Mein Herr, ein Gluckist, so viel ich sehe?\"\"\n„ „Wer spricht mit mir?\"\" entgegnete ich. „ „Ich,\nmein Herr, ich, der Sie fragt,\"\" antwortete er: „ „der wis-\nsen möchte, ob Sie Gluckist oder Piccinist sind.\"\" „ „We-\nder das Eine, noch das Andere!\"\" „ „Aber man muss\ndoch auf der Welt etwas sein?\"\" „ „Wie, mein Herr,\nist man denn auf der Welt nichts, wenn man nicht Gluckist\n\n*) Coup d'oeil sur la litleralure. Neufckatel. 1780. I. p. 211 ff."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "380", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541202-01.1.4", "texte": "oder Piccinist ist?a\" „ »Wahrhaftig, mein Herr, ich sehe\nnicht ab, was man sonst noch sein könnte. Sie bewundern\nalso nicht den Ritter Gluck?\"\" * „Zum mindesten werde\nich ihn nicht so bewundern, wie Sie, dafür achte ich ihn\nallzu sehr. Meines Dafürhaltens braucht man Zeit, die Men-\nschen zu würdigen; und darum habe ich ihn ganz so auf-\ngefasst, wie ich musste.\"\" „ „Und das Ergebniss Ihrer\nBetrachtungen?\"\" „ „Das Ergebniss, mein Herr? Dass\nGluck ein Musiker ersten Ranges ist, der Einzige vielleicht\nin grossartigen Effecten, stark, leidenschaftlich, ansprechend,\nmit eben so viel Wärme als Nachdruck, der die Seele mit\neinem Schrei des Schmerzes zerreisst, der selbst in seiner\nInstrumental-Begleitung erhaben ist, cVr die Automaten\nEurer Chöre mit dem Hauche seines Genius belebt, mit\nEinem Worte: geschaffen ist, um eine Revolution in der\nMusik zu bewirken; nur dass er dann und wann ein Biss-\nchen lärmt und den Zauber der Melodie ein wenig vernach-\nlässigt. \"\" „ „ Da haben wir's! Sie sind ein Piccinist, wie\nich es errathen habe.\"\" „v„ Warum glauben Sie, dass ich\nmich zu Piccini hinneige? Ich kenne nicht eine Note von\nihm!\"\" „ „Thut nichts! Sie finden einen Fehler an Gluck\nes ist klar, dass Sie sein geschworener Feind sind.\"\"\n„ „Ich bin weder sein Feind, noch sein Freund.\"\"\n„„Sie haben Sich selber verrathen: da können Sie nicht\nmehr zurück. Wohlan, mein Herr! Sie werden jetzt die\nGüte haben, eine Partei zu ergreifen. Wollen Sie den Ro-\nland auspfeifen?\"\" „ „Nein, Herr!\"\" „ „Werden Sie\nihn beklatschen?\" \" „ „Nein, Herr!\" \" „ „Was? Sie\nwerden weder pfeifen noch klatschen?\"\" „ „Richtig!\"\"\n„ „Haben Sie denn keine Seele im Leibe? Was wol-\nlen Sie denn thun'\" „ „„lch werde zuhören.\"\"—•\n„ „Meine Herren! (damit wandte er sich an sein Publicum)\nSie begreifen, der Herr droht uns mit seiner Neu-\ntralität da wird es nothwendig sein, die Wache zu\nholen!\"\"\nDie Oper hatte jedoch nicht das Schicksal, das Piccini\ngefürchtet; sie behauptete sich sogar ziemlich lange auf\ndem Repertoire. Die Vernünftigen unter den Gluckisten\ngestanden ihr wenigstens das Verdienst einer schönen Con-\ncert-Oper zu.\nNach einer kurzen Anwesenheit in Wien kehrte Gluck\nam 30. November 1778 schon wieder nach Paris zurück\nund brachte seine Partitur Iphig mit.\nUm diese Zeit war auch der sechszehnjährige Etienne\nM£hul nach Paris gekommen. Er nahm bei dem damals\nberühmten Pianisten Edelmann Unterricht und wurde durch\neinen glücklichen Zufall Gluck's Schüler. Mehul, der den\nPreis für ein Billet zur ersten Vorstellung der Iphigenie\nnicht erschwingen konnte, schlich sich bei der Generalprobe\nins Theater und versteckte sich in einer Loge mit dem\nVorsatze, dort die Nacht und den folgenden Tag bis zum\nAbend zuzubringen. Aber er wurde von einem Schliesser\nentdeckt und aus seinem Verstecke gejagt. Gluck ist glück-\nlicher Weise noch im Theater, hört den Lärm und verlangt\ndie Ursache zu wissen. Mehul bekennt mit erstickten Thrä-\nnen. Aber wie gross war seine Freude, als ihm Gluck ein\nBillet schenkte und ihn aufforderte, ihn zu besuchen! Er\nbenutzte die Erlaubniss und gewann durch sein Talent\nGluck's Zuneigung, so dass dieser ihn namentlich über das\nAesthetische der Tonkunst belehrte und ihn drei Opern-\nPartituren unter seiner Aufsicht als Studien schreiben liess.\nAm 18. Mai 1779 wurde Iphigenie auf Tauris\nzum ersten Male gegeben. Gluck war damals 64 Jahre alt,\nsechs Wochen nach diesem Tage hatte er das fünfundscchs-\nzigste Lebensjahr vollendet und doch hatte noch keines\nseiner Werke einen so tiefen und allgemeinen Eindruck ge-\nmacht, als dieses. Wer kennt nicht die ergreifende Hand-\nlung dieses Drama's aus Göthe's Iphigenie, diesem vollen-\ndeten Muster antiker Tragödie, welches sein griechisches\nVorbild bei Weitem überragt? Und doch schrieb Göthe,\nals er der Mild er-Haupt mann in Berlin (einer Gluck'-\nschen Iphigenie, wie sie schwerlich jemals wieder auf der\nBühne erscheinen wird) seine Iphigenie sandte, als Wid-\nmung auf das erste Blatt:\nDies unschuldvolle, fromme Spiel,\nDas edlen Beifall sich errungen,\nErreichte noch ein höh'res Ziel,\nVon Gluck betont, von Dir gesungen.\nDer Dichter des Textbuches war ein junger Mann,\nNamens Guillard; Bailly du Rollet und Gluck selbst sol-\nlen jedoch Manches geändert und überarbeitet haben. Die\nBesetzung war folgende: Iphigenie Rosalie Levasseur;\nOrest Larrivee (Bass); Pylades Legros (Tenor);\nThoas Moreau.\nDie Wirkung war eine fast unerhörte. Selbst Grimm,\neiner der Vorkämpfer der Piccinisten, schrieb darüber: „Ich\nweiss nicht, ob das Gesang ist, aber vielleicht ist es noch\netwas Besseres, als das; wenn ich die Iphigenie höre, so\nvergesse ich, dass ich in der Oper bin, und glaube, eine\ngriechische Tragödie zu sehen und zu hören.\" Welch\nanhaltenden Erfolg die Oper in Paris hatte, mag man dar-\naus entnehmen, dass die 151. Vorstellung derselben am\n2. April 1782 15,125 Livres einbrachte. Auch noch im\nJahre 1783 trug jede Vorstellung über 9000 Livres ein."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "381", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541202-01.1.5", "texte": "Historisch interessant für den Musiker ist es, dass die\nunnachahmlich schöne Arie der Iphigenie in G-dur (Nr. 17):\nMalheureuse Iphigenie\" „O, lasst mich Tiefgebeugte\nweinen\" —, in ihren Hauptzügen bereits 1750, also acht-\nzehn Jahre früher, in Neapel für den Sopranisten Caffarelli\nin Gluck's Clemenza di Tito geschrieben war; Gluck ver-\nsetzte sie, wie er auch mit anderen Musikstücken that, wenn\ndie Situation eine ähnliche war, in die Iphigenie, und jene\nStelle derselben, wo sich die Priesterin mit den Worten\nan den Chor wendet;\nMelez vos cris plainlifs ä mes gemissements,\nund der Chor mit dem zweigestrichenen g in das zweige-\nstrichene g der Iphigenie einfallt, während das Orchester\nfolgender Maassen modulirt:\njene Stelle ist eben die, welche die neapolitanischen Musi-\nker dem D ur a nt e als abscheulich vorlegten und worüber\ndieser in Bewunderung gerieth (vgl. Art 11. in Nr. 42).\nWir aber knüpfen an diese Arie die Bemerkung, wie\nfrüh und wie herrlich mitten unter der Unwahrheit italiäni-\nscher Sinnlichkeit sich Gluck's Talent für die wahre drama-\ntische Melodie offenbarte, und fügen für unsere Zeit die\nBetrachtung hinzu, dass nur die Armuth an Erfindungsgabe\nund die Machtlosigkeit zu genialem Schaffen den Satz der\nneueren Schule aufstellen konnte, dass die Arie ein Unsinn\nsei und aus dem musicalischen Drama verbannt werden\nmüsste. Schreibt nur, wenn ihr könnt, eine solche Arie,\nwie diese Gluck'sche, welche das höchste Pathos der anti-\nken Tragödie ausdrückt; wir versichern euch, dass ihr da-\ndurch eurem christlich-heidnischen Venus- und Gral-Spuk\nbedeutend auf die Beine helfen würdet.\n\nAus London.\n\nWas man in dieser Jahreszeit über Musik aus London\nschreiben kann, ist, wie Sie wissen, wenig oder gar nichts,\nda die Fuchs- und Hasenjagd an der Saison ist und die\nKunstjagd erst in einigen Monaten beginnt. Dennoch will\nich wenigstens ein Lebenszeichen von mir geben und Ihnen\nsagen, dass man denjenigen rausicalischen Genüssen, die\nuns jetzt dargeboten werden, sogar eine politische oder so-\nciale Wichtigkeit beilegen könnte; denn sie sind offenbar\nmehr auf das Volk, auf die grosse Menge berechnet und von\ndieser auch mehr besucht und geschätzt, als die schwelgerisch\nmit ausgesuchten Gerichten besetzten Tafeln, an welche\nsich in der Kunst-Saison die feine Gourmandise der Aristo-\nkratie zu Tische setzt.\nDen ersten Gedanken, diejenige londoner Bevölkerung,\nwelche aus triftigen Gründen im Winter nicht aufs Land\ngeht, sondern trotz Kohlendampf und Nebel in der Stadt\nbleibt, musicalisch auszubeuten, hatte vor einigen Jahren\nJullien, und kein Fremder hat es noch so gut wie er\nverstanden, dem Geschmacke der Engländer en masse ge-\nrecht zu werden und die Sache mit dem gehörigen Brim-\nborium und dem nöthigen Humbug, zu welchem er wäh-\nrend seiner Anwesenheit in America noch treffliche prak-\ntische Studien gemacht hat, anzufangen und durchzuführen.\nEr hat denn auch jetzt seine Concerte wieder begonnen,\nund sicher werden sie in den Annalen des musicalischen\nRumors wiederum Epoche machen. Er kündigt der Macht\nder ernsten Oratorien-Musik in London einen offenbaren\nKrieg an. Zwar wird er in diese seit einem Jahrhundert\nwohl bewehrte und mit der Elite der vornehmen Welt be-\nsetzte Festung so leicht nicht Bresche schiessen, und das\nist auch sehr gut; allein es lassen sich doch schon Stimmen\nvernehmen, welche die amüsante Abwechselung zwischen\nder C-mo//-Sinfonie von Beethoven und den reizenden Wal-\nzern und charakteristischen Polka's von X Y Z preisen und\ndas musicalisch Schöne durch Umkehrung der alten Defi-\nnition vom Schönen überhaupt dahin feststellen, dass es\ndie Confusion in der Mannigfaltigkeit sei, welche den Be-\ngriff desselben erschöpfe.\nJullien als Dirigent ist köstlich. Ich lese, dass man in\nDeutschland jetzt von soliden Dirigenten ä la Spohr,\nwelche die Würde der Tempi mit der ruhigen Würde einer\nimponirenden Persönlichkeit zu vereinigen verstanden, nichts\nmehr wissen will, sondern dass der Dirigent bald sich zer-\nreissen, bald die Hände in den Schooss und den Tactstock\naufs Pult legen müsse, und was dergleichen Faxen mehr\nsind. Nun, diese Herren würden in Jullien ihr Ideal finden;\ndenn neulich legte er nicht etwa in der Zuversiebt auf sein\nOrchester den Tactstock hin, sondern er schleuderte ihn\nüber sein Haupt weg, so dass er hinten auf den Jungen\ngefallen sein soll, der dem Contrabassisten die Leiter hält,\nauf welcher dieser neben dem Griffbrett des Riesen-Instru-\nmentes auf und ab klettert. Und in der That, der Fehler\ns-\nlag wirklich dort; es war eine Sprosse gebrochen, und der"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "382", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541202-01.1.6", "texte": "Contrabassist, der nicht hinunter konnte, griff statt\nDass eine solche Feinheit des Ohrs und Sicherheit im Hand-\nhaben des Feldherrnstabes, welche selbst rückwärts den\nNagel auf den Kopf trifft, ein Gemisch von Jauchzen, Klat-\nschen, Zischen und Trommeln, einen wahren Höllenlärm\nerregte, wird Sie nicht wundern. Jullien bewies dem Publi-\ncum durch wiederholte Verneigungen, dass er den Beifall\nin allen Gestalten zu schätzen wisse.— „Wem der grosse\nWurf gelungen, stimm' in unsern Jubel ein!\"\nIn der ersten Hälfte des November hat das Musikcorps\nder kaiserlichen Guiden aus Paris hier mit grossem Bei-\nfall und grossen Ehren gespielt. Ihr erstes Auftreten fand\nim Krystallpalast Statt; allein in diesem ungeheuren Glas-\ngewölbe klingt die Musik nicht oder vielmehr zu viel, da\nsie merkwürdiger Weise nach verschiedenen Seiten hin\ntheilweise Echo's gibt. Für Concert-Aufführungen ist die\nSpeculation dieses Baues ganz verunglückt; die schönste\nMusik wird dort zu einem misstönenden Klanggewirr, Es\nwaren wob! an 40,000 Menschen zugegen, wovon drei\nViertel sehr missvergnügt den Palast verliessen, zumal da die\nDirection desselben auch nicht die geeigneten Einrichtungen\nzur Bequemlichkeit der Zuhörer getroffen hatte. Erst in dem\nConcerte inExeterHall konnte man das Spiel des pariser Mu-\nsikcorps würdigen; die Vorzüge desselben beruhen aufPräci-\nsion und aul den schönen Klangfarben der Blech-Instru-\nmente vonSax. Exeter Hall war mit 2- —3OOO Menschen\nbesetzt, und die Franzosen, welche in Uniform erschienen,\nwurden mit wahrem Enthusiasmus empfangen, wie dies bei\nden gegenwärtigen politischen Zuständen zu erwarten war.\nIndess waren viele Reihen der reservirten (numerirten) Plätze\nleer geblieben, was aber nicht sowohl der Theilnahmlosig-\nkeit der höheren Stände zuzuschreiben ist, als einer Preis-\nErhöhung jener Sitze auf 7 '/2 Shilling, welche erst am\nTage der Aufführung eintrat, nachdem schon 800 Billets\nzu dem angekündigten Preise von 5 Shilling gekauft waren.\nUeber diese Maassregel des sonst so tactvollen Herrn Mit-\nchell äusserte man einige Unzufriedenheit.\nEs heisst, dass lür diese Saison das Theater der Kö-\nnigin, welches seit zwei Jahren geschlossen war, wieder\neröffnet werden würde, natürlich nur für eine italienische\nOper. Der neue Unternehmer cui aes triplex circa\npectus, d. h., welcher sehr viel Metall zu seiner Verfügung\nhaben soll, kann einen Theil davon auf interessante Weise\nan den Mann bringen.\nDen 24. November 1854.\n\nC. A.\n\nPariser Briefe.\n\nDas muss man dem pariser Publicum lassen, es besitzt\neinen gesellschaftlichen Tact und, namentlich Damen feeen-\n§ Ö o\nüber, ein feines Benehmen, welches sogar verdiente Strafe,\ndie anderswo in scharfe Züchtigung ausarten würde, zu\nmildern weiss und die Gefühle der beleidigten Majestät zu\nGunsten der Achtung vor dem Talent und der Schönheit\nunterdrückt. Du kannst wohl denken, dass ich von dem\nWiederauftreten der Cruvelii nach ihrer unverantwortlichen\nSpazirfahrt und von dem Verhalten der Zuschauer dabei\nspreche.\nIch ging in die Hugenotten, aufrichtig gesagt: bloss\num zu sehen, wie der Scandal ablaufen würde, über dessen\n' f\nwahrscheinlichen Verlauf für und wider Welten gemacht\nwurden. Denn so hohe Achtung ich auch für die Musik\nder letzten Acte hege, so ist es doch von einem, der Ro-\nger und Formes, die Schröder-Devrient und die Stoltz in\ndieser Oper gehört hat, kein Genuss, statt des Raoul und\nMarcel und der Valentine die Herren Gueymard und De-\npassio und Fräulein Cruvelii in erschreckender Natürlichkeit\nzu schauen und die Wiedergeburt der Zeit der\nfrangais mit zu feiern. Das einzige Interessante konnte nur\ndie Spannung sein, ob und wie das Publicum und die ~Dir-\nection der Actionäre des Erfolgs\" im Centrum des Par-\nterres einig oder nicht sein würden in ihrem Verhalten dem\nFlüchtling gegenüber.\nDas Haus war sehr gut besetzt; als Valentine-Cruvelli\nerschien, herrschte eine Todtenstille: keine Hand rührte\nsich zum Applaus (die Clacpie hatte sicher den weisen Be-\nfehl zur Thatlosigkeit erhalten), aber auch kein Mund spitzte\nsich zum Zischen. Le silence du peuple est la legon des rois.\nAls aber Margarethe sie mit den Worten anredete:\nDis-moi le resultat de t\nda brach ein schallendes Gelächter im ganzen Saale aus,\nund die Cruvelii hatte das Spiel gewonnen; denn wenn\nder Franzose erst lacht, kann er nicht mehr grausam sein,\nein witziges oder zufälliges Schlagwort, ein glücklicher Ca-\nlembourg entwaffnet ihn auf der Stelle. Nach dem Duett\nmit Marcel begann dann auch der Beifall, der sich von da\nan wiederholte und steigerte. Es war also von Abbitte oder\nnur von Entschuldigung nicht die Rede eine Forderung,\nwelche man anderswo keineswegs unterlassen haben würde\nsehr energisch zu stellen. Und das mit vollem Rechte; denn\nes kann nur den Verfall der Kunst beschleunigen, wenn\ndie Bühnensänger unerschwingliche Gehälter beziehen und\nsich desshalb für berechtigt halten, jede Rücksicht gegen"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "383", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541202-01.1.7", "texte": "das Publicum ausser Acht zu lassen und der öffentlichen\nMeinung über ihre so genannten Geniestreiche zu trotzen.\nDie Geschichte hat ausserdem noch zu einer Correspon-\ndenz Anlass gegeben, aus welcher hervorgeht, dass die kai-\nserliche Verwaltung der grossen Oper sich noch immer\nnicht mit der Presse verständigt bat. Herr Plantade, Bu-\nreau-Chef der Verwaltung, schickte einen Artikel an das\nJournal La Presse, welcher das Wiederauftreten der Cru-\nvelli befürwortete; die Redaction nahm ihn nicht auf und\nerwiderte auf die darauf erfolgte schriftliche Bitte um Auf-\nklarung, dass „die Redacteure der Zeitung, wenn sie Lust\nhätten, in die Oper zu gehen, ihre Billette an der Casse ho-\nlen liessen; es sei folglich ganz in der Ordnung, dass die\nempfehlenden Artikel der Verwaltung an die Regie der Annon-\ncen geschickt und mit drei Francs die Zeile bezahlt würden.\"\nDie Nonne sanglanleerhält sich bis jetzt noch auf dem\nRepertoire; ich habe von mehreren hiesigen Dilettanten ge-\nhört, dass man die Musik Gounod's desshalb mit besonde-\nrer Neugier zu hören gehe, weil sie den deutschen Cha-\nrakter tragen solle! Viel Ehre für uns! Nun, die Partitur\nwird es uns bald zeigen, wie viel oder wie wenig an dieser\nBehauptung ist. Es gibt hier auch Leute, die Berlioz'\nMusik für deutsch halten, und in der That, kein Componist\nhat in Paris noch je so arg mit der enthusiastischen Theil-\nnahme von ganz Deutschland für ihn renommirt, als er.\nMan ist gespannt auf sein neues halb\nGesang, halb Orchester; es soll aus der Zusammenstellung\neinzelner biblischer Scenen, die auf die Geburt und Kindheit\nChristi Bezug haben, bestehen, die Chöre und Soli wechseln\nmit „expressiver\" Instrumental-Musik ab, und zu dem\nGanzen hat das ältere, mit Beifall aufgenommene Stück:\n„ La fülle en Egypte\", die Veranlassung gegeben.\nDer Chef der neuen Verwaltung der Oper, Herr\nCrosnier, verdankt den Ursprung seines Vermögens und\nseiner Stellung einem melodramatischen Stücke: „Schön-\nbrunn und St. Helena\", von entschieden bonapartistischer\nFarbe, welches er grösstentheils selbst gedichtet haben soll\nund auf dem Theater de la Porte St. Martin, dessen Di-\nrection er schon vor 1830 führte, aufführen liess. Das\nwiederholt drohende Verbot der Aufführung durch die Re-\ngierung der Bourbons wusste er durch Gewandtheit und\nVerbindungen jedesmal rückgängig zu machen. Als er die\nVerwaltung der komischen Oper antrat, machte er mit\nAuber und Scribe einen Vertrag, nach welchem ihm Beide\njährlich eine dreiactige Oper liefern mussten.\nUeber die italiänische Oper kann ich nicht viel sagen,\nweil ich sie fast gar nicht besucht habe. Wrie sie sich hält,\nda sie nichts als aufgewärmte Gerichte bringt und seihst\nzu Opern wie llossini's Maliida ihre Zuflucht\nnimmt, kann man kaum begreifen. Diese Mathilde, im Sujet\nein lächerliches Puppenspiel, in der Musik eine Reihe von\nlosen Melodieen und Coloraturen, welche dem Maestro beim\nSpazirengehen aus der Tasche gefallen sind, fiel vor vielen\nJab ren, selbst als die Sontag sie sang, hier durch und\nkonnte jetzt kern besseres Schicksal erwarten, wenngleich\nMadame Bosio eine ganz vortreffliche Sängerin ist. Auch\ndie Altistin Madame Borghi-Mamo ist auszuzeichnen;\nsie verbindet sehr klangvolle Mitteltöne mit einem biegsa-\nmen und weichen Sopran. Verdi's „Ernani\" ist auch wie-\nder gegeben worden; die Bosio ist aber trotz aller Kunst-\nfertigkeit, welche sie besitzt, keine Elvira.\nDass Verdi für die kaiserliche Oper ein Werk auf fran-\nzösischen Text von Scribe geschrieben bat, wirst du wis-\nsen; der Stoff der Handlung ist der sicilischen Geschichte\nentnommen, und die Oper führt den Titel: „Die siciliani-\nsche Vesper\" also eine Art Bartholomäusnacht-Geschichte.\nDie Proben sind im Gange, seitdem die Cruvelli zurück ist,\nwelche die Hauptrolle bat.\nDie Concert-Gesellschaft der Sie. Cecile beginnt ihre\nConcerte wieder, allein statt des trefflichen Dirigenten\nSeghers wird Herr Barbereau das Orchester leiten, den wir\nerst ä l'oeuvre sehen müssen, um zu erfahren, ob er diesem\nPosten gewachsen ist. Das Programm des ersten Concertes\nverspricht Rossini's Tell-Ouverture, Becthoven's C-moll-Sin-\nfonie und C. M. v. Weber's Musik zur Preciosa, welche\nvoriges Jahr so sehr gefallen hat. Für dasjenige Concert,\nwelches den Statuten der Gesellschaft gemäss nur neue\nCompositionen (im Manuscript) aufführen darf, ist durch die\nJury (Halevy, Thomas, Beber, Gounod) von drei einge-\nsandten Sinfonieen diejenige von George Mathias ein-\nstimmig gewählt worden. Die Sinfonie von Saint-Saens,\nwelche im vorigen Jahre den meisten Beifall, erhielt, er-\nscheint gegenwärtig in Druck.\nNoch habe ich mitzutheilen, dass die Geschwister D u I-\nken sich hier niedergelassen haben und auf der Concertina\nund dem Piano Unterricht geben werden.\nUm noch einmal schliesslich auf die kaiserliche Oper\nzurückzukommen, so liefert die projectirle Wiederaufnahme\nder „Stummen von Portici\" der Unterhaltung viel Stoff.\nAuber hatte für die Fenella die berühmte Tänzerin Cerrito\nerlangt und glaubte nun über den Berg gekommen zu sein;\naber beim Herabsteigen merkte er, dass er keinen Masa-\nniello habe, und die Stumme ohne ihren Bruder war un-\nmöglich. Neri-Baraldi, vonNew-York verschrieben, genügte"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "384", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541202-01.1.8", "texte": "nicht und wurde krank; man versuchte es mit Poultier,\nder Roger ersetzen soll es war auch nichts; mit Gar-\ndoni, eben so. Nun heisst es, man sei auf Neri-Baraldi zu-\nrückgekommen, aber die Proben sind eingestellt worden.\nAuber componirt übrigens immer noch rüstig fort; er hat\nwieder eine komische, dreiactige Oper (Text von Scribe)\nso gut wie fertig.\nParis, den 26. November 1854.\n\nB. P.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nÄöln. Die erste Soiree für Kammermusik im Hotel\nDisch fand Dinstag den 28. November Statt. Wir hörten das Violin-\nQuartett von Mozart Nr. 10 (D-dur), das Clavier-Concert in D-\nmoll mit Quintett-Begleitung von J. S. Bach, meisterhaft vorgetra-\ngen von Herrn Ed. Franck, welcher am Schlüsse der Sitzung auch\nnoch die Cfo-moU-Sonatev Op. 27, von Beethoven spielte, deren\nVortrag wir jedoch gerade von diesem ausgezeichneten Pianisten,\ndessen ganze Bichtung in Spiel und Composition sich dem Classi-\nschen zuneigt, anders erwartet hätten, da wir namentlich das über-\ntriebene Tempo des Hauptsatzes keineswegs billigen können. Die\nKrone des Abends war das Quintett von Beethoven, Op. 29, in\nC-dur, unübertrefflich schön in Auffassung und Technik vorgetra-\ngen von den Herren Hartmann, Derckum, Peters, M eck um\nund B. Breuer. Wer den Geist dieser Composition, besonders\ndes Adagio und des Finale, in Worten wiedergeben wollte, müsste\nein grosser Dichter sein. Der Beifall, der allen Ausführenden, be-\nsonders aber dem genialen Vortrage der ersten Violinstimme durch\nden Concertmeister Harlmann zu Theil wurde, war ein wahrhaft\nenthusiastischer.\nIm Stadttheater wird die Oper von Hiller und Benedix:\n„Der Advocat\", fleissig studirt. Fräul. Antonie WTill trat\nals „Romeo\" auf und zeigte dir eine Debütantin eine Gewandtheit\nim Spiel, welche Talent für die Bühne verräth. Die Stimme fanden\nwir dagegen weit weniger ausgebend, als wir erwartet hatten; in-\ndess schien die Sängerin durch Unwohlsein angegriffen zu sein, so\ndass wir unser Urlheil bis nach einem zweiten Debüt zurückhalten.\nVorgestern (30. Nov.) wurde Lucrezla Borgia sehr gut ge-\ngeben. Fräulein Johannsen und Herr Becker waren vorzüg-\nlich, und der Orsino des Fräul. Günther Hess in Erscheinung\nund Ausführung nichts zu wünschen übrig; das Trinklied im letz-\nten Acte wurde da capo verlangt und mit grossem Beifall aufge-\nnommen. Auch Herr Röhr (Gennaro) gab sich Mühe, seiner Auf-\ngabe zu genügen. Fräul. Johannsen und Herr Becker wurden wie-\nderholt gerufen. Das anwesende Publicum zeigte die lebhafteste\nTheilnahme aber es zählte kaum 150 Personen! Fast sämmt-\nliche Logen waren leer und es war eine Vorstellung zum Besten\nder Armen, und man konnte bei der angegebenen Besetzung mit\nSicherheit voraussehen, dass die Oper vortrefflich gegeben werden\nwürde und dennoch leer!\nVorgestern gab der berühmte Unternehmer Herr John Mit-\nchell aus London unserem Männergesang-Verein im Hotel\nDisch ein glänzendes Souper von 120 130 Gedecken, welches sich\nzu einem sehr heiteren Künstlerfeste gestaltete.\nStuttgart. Lindpaintner ist mit einer Instrumentirung\nvon Händel's Israel in Aegypten beschäftigt. Miss Arabella\nGoddard hat sich in mehreren Concerten als wackere Pianistin\ngezeigt. Am 7. November fand das erste von den zwölf Concerten\nder k. Hofcapelle Statt; alle Räume des Theaters, sogar das Or-\nchester (das ausführende Orchester steht terrassenförmig auf der\nBühne) waren gefüllt. Man führte als Hauptwerk Spohr's „Weihe\nder Töne44 auf.\nIn Zürich ist es Sitte, dass die dortige allgemeine Musik-Ge-\nsellschaft der Theater-Direction einen Beitrag zur Besoldung des\nOrchesters gibt, wofür sie denn dasselbe auch zu ihren Concerten\nbenutzen kann. Da das Anerbieten des Gesellschafts-Vorstandes\ndiesmal zu gering war, so hat der Theater-Director Walther das\nOrchester ausschliesslich für das Theater engagirt, wesshalb diesen\nW'inter wahrscheinlich keine Concerte Statt finden werden.\nNach der Musik-Zeitung von Neapel wird Rossini den Win-\nter am Pausilippo auf der Villa Barbaja zubringen. Auch Thal-\nberg zieht für den Winter nach Neapel und wird daselbst die\nVilla Lablache bewohnen. Er ift bekanntlich Lablache's Schwie-\ngersohn.\nDie Sängerin Medori macht jetzt in Neapel Aufsehen; sit\nsoll in der That eine der vorzüglichsten, wo nicht die beste Prima\nDonna der gegenwärtigen italienischen Oper überhaupt sein.\nParis« Der Pianist Louis Lacombe hat eine zweite Kunst-\nreise nach Deutschland angetreten; er geht zunächst nach Wien.\nArthur Kalkbrenner, der Sohn des berühmten Pianisten,\nwird sich hier dem Unterrichte auf dem Piano widmen. Möge er\ndie gediegene Schule seines Vaters wieder ins Leben rufen!\nDer Violinist Sivori hat zuletzt in Lissabon Concerte gege-\nben und ist von dem Hofe durch Verleihung des Christus-Ordens\nausgezeichnet worden."}]}