{"numero_id": "bm-bmtnabi-1854-12-09-01", "volume": "bmtnabi_1854-12-09_01", "ocr_sha256": "fa610507aca32dbe752c814777d945cc6162ced7c0e074da8d947329471154ad", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1854/12/09_01/bmtnabi_1854-12-09_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541209-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1854-12-09-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-12-09_01#c001", "volume": "bmtnabi_1854-12-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "385", "page_fin": "388", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541209-01.2.1", "titre_corps": "Traditionelles.", "titre_sommaire": "Traditionelles.", "signature_source": "A. Schindler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "385", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541209-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4095, "texte": "Traditionelles.\nDas Allegretto scherzando in Beethoven's achter\nSinfonie betreffend.\nVon A. Schindler.\nBekanntlich vielmehr nicht bekanntlich hat Karl\nCzerny im vierten Theile seiner vor ungelähr zwanzig Jah-\nren erschienenen Ciavierschule eine ausführliche Abhand-\nlung über den Vortrag der Beethoven'schen Werke niederge-\nlegt, die der beachtenswerthen Winke in Menge enthält.\nDabei ist nur zu bedauern, dass die Abfassung nicht um\nfünfzehn Jahre früher Statt gefunden, bevor nämlich der\ndamals noch ganz classische Czerny sich in pureitle Moder-\nnität metamorphosirt hatte und durch ihre Umnebelung\nnicht mehr zu klarer und sicherer Rückerinnerung gelan-\ngen konnte. Aus diesem triftigen Grunde bedürfte seine\nAbhandlung einer kritischen Sichtung. Auf Seite 70 sagt\nder Verfasser: „Beethoven lebte und schrieb alle seine\nWerke in Wien. Es ist natürlich, dass der Sinn für deren\nVerständniss und richtigen Vortrag hier vorzugsweise wie\ndurch Tradition bewahrt werden konnte, und die Erfahrung\nhat bewiesen, dass dies wirklich der Fall ist. Denn wie oft\nmag in anderen Gegenden sowohl das Tempo wie der Cha-\nrakter dieser Compositionen verfehlt worden sein!\" Hätte\nCzerny sich Zeit genommen, Ohr und Auge in die Welt\nausserhalb Wiens zu tragen, er wüsste darüber Positives\nzu sagen. Bis zu welchem Grade des Wahnsinns aber sich\ndieses „Verfehlen\" in unseren Tagen häufig gesteigert, da-\nvon lässt sich der alte Freund und Waffenbruder auf sei-\nnem Kämmerlein zu Wien nichts träumen. Hätte er nur\ngleichzeitig auch angeführt, wie wenigen Männern das Glück\nzu Theil geworden, unmittelbar durch den grossen Meister\nselbst in den Besitz dieser Tradition zu kommen! Das\nHäuflein ist gegenwärtig bis auf die Zahl drei reducirt.\nSchon vor Jahren hatte ich den Vorsatz gefasst, eben-\nfalls eine Reihe traditioneller Erinnerungen und Thatsachen\nüber Beethoven's Orchester- und Clavier-Werke niederzu-\nschreiben*). An Aufforderung hierzu fehlte es nicht, vor-\nnehmlich von pariser Künstlern. Die leidige Erfahrung aber,\ndass das von Czerny bereits Gegebene von Niemandem we-\nder gekannt, noch vielweniger beachtet ist; ferner, dass hoch-\nberühmte Musiker, die Lande durchziehend, auch in Beet-\nhoven's Musik als unfehlbare Autoritäten gelten, obwohl\nsie im Allgemeinen ziemlich fern von dem richtigen Ver-\nständnisse sind: dies konnte nur entmuthigend auf mich\nwirken. So oft ich daher zur Feder greifen wollte, drängte\nsich die Frage auf: Was hilft's? Von den mancherlei\nin dieses Capitel gehörenden Erlebnissen möge nur Eines\nhier Platz finden, da ich lebende Zeugen dalür angeben\nkann. Im December 1843 hörte ich in Leipzig zwei Ge-\nwandhaus-Concerte unter Ferd. Hiller's Leitung. In dem\neinen kam Beethoven's ,4-dwr-Sinfonie zur Aufführung.\nWard ich schon durch das richtige Ergreifen der Introduc-\ntion und des ersten Satzes freudig überrascht, so steigerte\nsich diese Ueberraschung bei den folgenden Sätzen (mit\nAusnahme des zweiten) noch höher, so dass ich zu den in\nmeiner Nähe sitzenden Herren Hirschbach, Wenzel und an-\nderen tüchtigen Musikern mich dahin äusserte, endlich wie-\nder einmal das Werk in solcher Auffassung hören zu kön-\nnen, wie ich es von Wien her gewohnt sei. Muthmaasslich\ndürfte Hiller zu dieser Auffassung durch Hummel gekom-\nmen sein, der diese Sinfonie unter Leitung des Componisten\nin Wien gehört hatte. Meine Nachbarn jedoch, an die Men-\ndelssohn'schen Tempi gewohnt, fanden an Hiller's Auffas-\nsung Alles unrichtig, alle Tempi zu langsam und schläfrig.\nWas half meine Betheuerung, dass Hiller das Rechte ge-\ntroffen? Der feurige Hirschbach erwiderte: „Und wenn\nBeethoven selbst dies aussagte, so würde ich ihm dennoch\nUnrecht geben.\" Die Macht der Gewohnheit! Was war\ndarauf zu erwidern? Haben wir nicht ein Seitenstück hierzu\n\n*) Der alleinige Besitzer der Traditionen in Beethoven's Quar-\ntett-Musik ist Herr Karl Holz, als mehrjähriges Mitglied des\nhistorisch berühmten Schuppanzigh'schen Quartett-Vereins, der\nzugleich die Traditionen in Haydn's Quartett-Musik, unmittel-\nbar vom Tondichter selbst überkommen, • in wunderbarer\nWeise zu versinnlichen verstanden hat."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "386", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541209-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3795, "texte": "noch bei Lebzeiten Beethoven's in Wien selbst erfahren,\nals Baron Lannoy am Directionspulte, von einem der Di-\nrectoren der Concerts spirituelsauf das Vergreifen der\nTempi in einer Sinfonie von Beethoven aufmerksam gemacht,\ndie Antwort gab: „Wenn Beethoven selbst hier wäre, ich\nwürde doch nicht auf ihn achten! \"Was half dem wacke-\nren Piringer die Versicherung, von dem Componisten selbst\nüber dieses Werk belehrt worden zu sein ? Herr Karl Holz\nwar einer der vielen Zeugen dieses Vorfalls. Von seiner\nHand steht er in Beethoven's Conversations-Heften aufge-\nzeichnet.\nDie Anhörung der achten Sinfonie im zweiten Mu-\nseums-Concerte am 17.November, das dargelegte Missver-\nständniss des Allegretto-Satzes Seitens des Musik-Directors,\ndie Rohheit, mit der dieser Satz voll feinen Humors und\nnaiver Schalkhaftigkeit mit abwechselndem Ernste im Sturm-\nschritt heruntergejagt worden*), sind Veranlassung zu ge-\ngenwärtiger Mittheilung. Die wiederum sich aufdrängende\nFrage: „ Was hilft's ?\" soll mich heute nicht wieder überwäl-\ntigen ; ich will mich jedoch lediglich an mein Thema und\ndamit Verwandtes oder wenigstens mit hinein Klingendes\nhalten. Ist eine genetische Erklärung dieses Allegretto\nscherzando nicht im Stande, den Herren Musik-Directoren\nein besseres Verständniss beizubringen, so hilft freilich Al-\nles nichts, es bleibt damit beim Alten.\nIm Frühling 1812 sassen Beethoven, Mälzel, Stephan\nvon Breuning und Andere bei einem Abschiedsmahle zu-\nsammen, ersterer, um die Reise zu seinem Bruder Johann\nnach Linz anzutreten, dort seine achte Sinfonie zu schrei-\nben und im Verlauf des Sommers die böhmischen Bäder\nzu besuchen Mälzel aber, um nach London zu reisen\nund seinen berühmten Automaten zu produciren. Dieses\nProject musste indessen aufgegeben und auf späterhin ver-\nschoben werden. Zur selben Zeit hatte Mälzel bereits Ver-\nsuche mit seinem Metronom gemacht, die Beifall gefunden;\ndie vollständige Construirung der Maschine ward aber erst\neinige Jahre nachher zu Paris bewerkstelligt. Bei jenem\nAbschiedsmahle improvisirte der in Freundeskreise gewöhn-\nlich heitere, witzige, satirische, ganz „aufgeknöpfte\" Beet-\nhoven nachstehenden Canon, der sogleich gesungen worden\nsein soll. Die von des Componisten Hand ausgeschriebenen\nStimmen, auf deren erster das metronomische Zeichen be-\nfindlich, lagen mir vor, als Beethoven 1815 mir eine Co-\npie davon gestattete. Aus diesem Canon ist nachher das\nAllegretto scherzando hervorgegangen. Hier ist er:\nBei meiner dreimaligen Anwesenheit 1843 zu Leipzig\nward mit den dortigen Musikern weitläufig über Beetho-\nven's Musik verhandelt. Man kam auch auf die achte Sin-\nfonie und die Entstehung des Allegretto, die lebhaftes In-\nteresse erweckt hat. Alsbald überschickte ich Herrn Hirsch-\nbach diesen Canon (ür sein Repertorium, dessen zweites\nHeft 1844 ihn enthält, leider aber ohne das metronomi-\nsche Zeichen, das vergessen worden und erst am Schlüsse\ndes dritten Heftes nachgetragen erscheint. Es fehlte somit\ndem Canon das wesentlichste Merkmal zur Beachtung; denn\nwer sucht dies am unrechten Orte? Die gegenwärtige Ver-\nöffentlichung darf demnach wohl als die erste vollständige\nbetrachtet werden, zumal ich mich im Repertorium nur in\nwenig Worten über die Entstehung ausgelassen habe.\nKeine Frage, ob man in Leipzig erwartet hatte, dass\nder nun offen liegende, humoristisch-gemüthliche Charakter\ndes Allegretto von Seiten Mendelssohn's willlährig erfasst\nund der Satz in Zukunft einer anderen Ausführung sich zu\nerfreuen haben werde, die nach Aussage eines dortigen äl-\nteren Musikers dermaassen übereilt gewesen sein soll, dass\n\n') Besser erging es den drei anderen Sätzen dieser Sinfonie, de-\nren Tempo gut erfasst und fest gehalten worden. Von feiner\nAusarbeitung muss selbstverständlich bei einer einzigen Probe\nabgesehen werden."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "387", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541209-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5163, "texte": "mit dem Effecte der Fortissimo-Stellen Rinder und Vier-\nfüssler geschreckt werden konnten. Es hat sich jedoch ge-\nzeigt, dass Mendelssohn von Beethoven's Intention keine\nNotiz genommen, weil der Canon im Repertorium gestan-\nden, das in gewissenhafter Befolgung seiner kritischen\nGrundsätze bei Mendelssohn keine Ausnahme gemacht,\ndarum von ihm völlig ignorirt wurde. Die musicalischen\nHoheiten unserer Zeit, verwöhnt und nicht selten übermü-\nthig gemacht durch den Weihrauch der befreundeten Presse,\ndie sich systematisch mit ihren Ruhmes-Angelegenheiten be-\nschäftigt, erkennen keine andere Regel an, als ihre eigene,\nsie sind in Allem Selbst-Canon. Die interessanten und lehr-\nreichen Schilderungen musicalischer Zustände Londons aus\nder Feder des Redacteurs dieses Organs machen in Nr. 34\nüber Lintpaintner das freimüthige Geständniss: „Nament-\nlich scheint der ehrenwerthe Veteran mit Beethoven's Geist\nauf einem gespannten Fusse zu stehen; denn es fehlt fast\nnie, wenn Beide zusammenkommen, an Missverständnissen.\nDas ärgste fiel dieses Mal über das Tempo des ersten Satzes\n(der neunten Sinfonie) vor, welchen Beethoven bekanntlich\n„ „etwas majestätisch\"\" gehalten wissen will, Lintpaintner\naber wie eine Tanzmusik herabhetzte.\" Man höre da-\ngegen die Schwäbische Chronik über Erstgebore-\nnen in Stuttgart. Was hätte es wohl gefruchtet, den fortan\ngepriesenen würtembergischen Herrn Hof-Capellmeister nö-\nthigenfalls auf vorstehenden Canon zu seiner Richtschnur\naufmerksam zu machen ? So wenig, als es bei dem königlich\npreussischen General-Musik-Director Mendelssohn gefruch-\ntet hat.\nMeine persönliche Bekanntschaft mit Ilabeneck erfolgte\nbeim Niederrheinischen Musikfeste 1840 zu Aachen. Aber\nschon seit 1836 standen wir zusammen in Correspondenz,\ndie der bekannte pariser Musiker und Mitglied des Conser-\nvatoire-Orchesters, Urban (der einzige Deutsche in jenem\nVereine), vermittelt hatte. Die erste Anfrage Habeneck's\nlautete: „Rühren die metronomischen Angaben in der bei\nHaslinger gedruckten Partitur von Beethoven's\nfonie vom Componisten selbst her? Wie kommt es, dass\ndiese Angaben mit den von Beethoven in der Allg. Leipz.\nMusik-Zeitung von 1817 (Seite 873 und 874) veröffent-\nlichten metronomischen Zeichen aller seiner Sinfonieen so\nwenig übereinstimmen, da mehrere Theile der siebenten\nSinfonie in der Partitur langsamere Tempi aufweisen?\"\nMeine Beantwortung enthielt zugleich die Warnung vor\nden Angaben von 1817, welche Beethoven selbst abgeän-\ndert hat, wie sich dies zunächst schon bei den Aufführun-\ngen in den Concerts spirituelsergeben, die 1818 ihren An-\nfang genommen haben. In einer folgenden Zuschrift meldete\nHabeneck, dass er viele Tempi aus dem leipziger Ver-\nzeichnisse, als den Charakter der Musik beeinträchtigend,\nbeseitigt habe. Dieses und Anderes noch waren für mich\no\ndie ersten Merkmale von dem feinen und unbefangenen\nSinne des Mannes, dem unsere Classiker die glänzende An-\nerkennung in Paris zu verdanken haben. Linen weiteren\nBeweis von dem kritisch-ästhetischen Geiste dieses ausser-\nordentlichen Directors soll das Folgende liefern. Es ist mit\nmeinem Thema nahe verwandt und meines Erachtens für\nwiflfährige Orchester-Dirigenten, die noch ein nachahmungs-\nwerthes Vorbild respectircn, belehrend.\nIn den Unterredungen zu Aachen kam Ilabeneck als-\nbald auf das A Uegretto scherzandoder achten Sinfonie mit\ndem Ausrufe: „ Wie war es Beethoven möglich, den Me-\ntronom mit 88 = j* anzugeben, in welchem Tempo der\nCharakter verwischt und eine an Scherz mahnende Ausfüh-\nrung unthunlich wird? Die Instrumente müssen nur trach-\nten, wie Zähne in einem Räderwerk mechanisch in einander\nzu greifen, und von Freiheit und Grazie im Ausdruck kann\nkeine Rede sein!\" u. s. w. Jede Erklärung für überflüssig\nhaltend, suchte ich den oben abgedruckten Canon hervor,\ntheilte in wenig Worten seine Entstehung mit und liess\nden Metronom auf 72 = j*Isein machen.\nDieu, c'est mon tempo! rief Habeneck aus, legte seine Rechte\nauf die kahle Scheitel und schritt eine Weile gedanken-\nvoll auf und ab. Sodann äusserte er, dass er den Charakter\ndieses Satzes wie eine Conversation verstanden habe, dass\nihm das Einstudiren mit dem Orchester unsägliche Mühe\ngemacht, bis jedes Instrument in den vielen kleinen, dem\nMotiv entnommenen Gruppen mit Feinheit und Freiheit sich\nauszudrücken fähig war, das Ganze einer Conversation\ngleiche, wobei die Tactmaschine nur an einigen Steilen ihr\nRecht behaupten dürfe u. s. w. Ferner bemerkte er noch,\ndass er von jeder Aufführung dieser Sinfonie wegen der\ngrossen Schwierigkeiten im Allegretto mehr als zwei Pro-\nben halten müsse, daher es nicht leicht thunlich sei, sie in\njeder Saison aufs Programm zu bringen.\nWirklich ward es in der Saison von 1841, der ich\nzunächst beiwohnte, unthunlich, diese Sinfonie zur Auffüh-\nrung zu bringen, und meine Ungeduld konnte erst in der\nfolgenden von 1842 befriedigt werden. Dies der Grund,\ndass des ausserordentlichen Erlebnisses im Nachtrage zu\nBeethoven's Biographie nicht Erwähnung geschieht, indem\ndieser bereits 1841 erschienen war. Schier überboten\nwurde dieses Erlebniss von der ans Wunderbare gränzen-\nden Darstellung des Scherzando einer mir unbekannten Sin-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "388", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541209-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2099, "texte": "fonie in C-dur von Haydn, zufolge Programm die dreissigste,\ndie jedes andere Orchester sich schämen würde ihrer Ein-\nfachheit wegen vor ein Publicum zu bringen. Bei diesem\nScherzando legte Habeneck seinen Bogen aufs Pult und\nliess die muntere Jugend auf den grünen Matten ihre künst-\nlerischen Schelmereien frei ausüben. Da wurde geneckt und\ngescherzt, die Gruppen trennten sich und sammelten sich\nwieder, Alles ungezwungen, fein, graziös, ohne obligaten\nTactstock, bald im losen, bald im festen Zeitmaasse, aber\nimmer im harmonischen Vereine. Das Schuppanzigh'sche\nQuartett in Wien verstand es in seiner Blüthezeit auch, in\nHaydn's Musik zuweilen solche Schwindel erregende Kunst-\nstücke zu machen; jedoch vierzusechszig!? Da gibt\nes keine Feder, die eine That dieser Art zu schildern ver-\nmöchte. Was wir gehört, war Tradition, die Vater Haydn\n1795 den Parisern hinterlassen und Habeneck mit seinem\nOrchester aufs vollständigste zu verlebendigen verstanden\nhat. Wenige Jahre erst datirt es, dass der unvergleichliche\nHabeneck aus diesem Künstlerkreise abberufen worden,\nund schon erfährt man, dass derlei Ausserordentliches nicht\nmehr gelingen wolle, fiberhaupt sein Geist nicht mehr über\nden Leistungen seiner Zöglinge schwebe. Es dürften dem-\nnach wohl auch die in Beethoven's und Haydn's Orchester-\nMusik durch ihn zur Geltung gebrachten Traditionen, deren\nalleiniger Träger (vornehmlich der Haydn'schen) Habeneck\ngewesen, bald mausetodt sein.\nZum Schlüsse dieser Mittheilungen kommend, scheint\nmir Eines noch bemerkenswerth. Um Habeneck die Gewiss-\nheit zu geben, dass in den wiener unter\nPiringer die Bewegung des Allegretto in der achten Sinfo-\nnie mit dem metronomischen Zeichen auf dem Canon über-\neinstimme, wandte ich mich noch 1840 an Aloys Fuchs\num Auskunft. Der prompte und stets gewissenhafte Cor-\nrespondent sandte alsbald die Zahlen „69 oder 72 = #^tt,\nwie er sie in seinem Gedächtnisse aufbewahrt hatte. Anbei\nliess er es nicht an bitteren Klagen fehlen, dass von den\nTraditionen in der Musik der drei Grossmeister kaum eine\nleise Spur mehr in Wien zu finden sei. Gott besser's!\nI"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-12-09-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-12-09_01#c003", "volume": "bmtnabi_1854-12-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "388", "page_fin": "390", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541209-01.2.2", "titre_corps": "Aus New-York.", "titre_sommaire": "Aus New-York.", "signature_source": "D. F", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "388", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541209-01.1.4", "debut_caractere": 2101, "fin_caractere_exclue": 4852, "texte": "Aus New-York.\n\nDen 18. November 1854.\nSo eben komme ich von einem Ausfluge nach Boston\nzurück und bin in der That erstaunt über das rege musi-\ncalische Leben in jener Stadt. Hier in New-York haben\nwir allerdings mehr Spectakel nehmen Sie das Wort, in\nwelchem Sinne Sie wollen, es trifft immer zu, mögen Sie\nes auf den Instrumental-Lärm im Krystallpalaste und den\nmusicalischen , Conventen\", wie man hier sagt, beziehen\noder auf die Theater, die italienische und deutsche Oper,\nzu welchen jetzt auch noch eine englische kommen soll.\nAber in Boston ist mehr Musik, d. h. mehr gute Musik,\nmehr deutsche Musik, mehr Empfänglichkeit dafür und mehr\nkünstlerische Ausführung derselben. Ich habe daselbst\neinem Concerte der Mendelssohn (des Men-\ndelssohn'schen Sing-Vereins) beigewohnt, in welchem\nGluck's Ouvertüre zur Iphigenie, einige Nummern aus\nllände I's Messias und Lindpaintner's Oratorium „Die\nWitwe von Naimu, welches, so viel ich weiss, zuerst in der\nphilharmonischen Gesellschaft in London in der letzten\nSeason aufgeführt worden, gegeben wurden.\nDas Oraiorium ist im modernen Stil opernartig ge-\nschrieben, und ich lasse den Werth oder Unwerth derCom-\nposition bei Seite; allein die Ausführung der Chöre hat\nmich überrascht, wogegen die Solisten freilich mittelmässig\nwaren. Das Ganze gefiel.\nDer Mendelssohn-Verein für Gesang ist der jüngste\nunter den musicalischen Vereinen in Boston; er besteht\nerst seit etwa zwei Jahren, zählt 250 Mitglieder und viele\nschöne Stimmen unter ihnen. Herr H. Eckhardt (wenn\nich nicht irre, vom Niederrheine hieher gekommen) leitet\ndie Concerte desselben an der Spitze eines Orchesters von\n36 Personen.\nDie älteste musicalische Gesellschaft nicht nur in Bo-\nston, sondern in ganz America ist die\nSociety; sie hat für das gegenwärtige neununddreissigste\nJahr ihres Bestehens eine Reihe von acht Concerten ange-\nkündigt. Seit vorigem Jahre besteht unter ihren Auspicien\nund durch ihre Mittel gegründet eine Solo-Gesangschule,\nin welcher 25 Zöglinge Unterricht erhalten. Ihr Chor zählt\nan 300 Mitglieder. Technischer Director ist Herr Karl\nZerr ahn, Organist und Pianist Herr Müller. DieUebun-\ngen finden alle Sonntage Abends Statt.\nFerner hat die Musical Education Society sechs Con-\ncerte in Aussicht gestellt; ihr Dirigent ist ebenfalls fein\nDeutscher, August Kreissmann. Die\nSociety, ein älterer Verein, hat sich neu organisirt. Vorzüg-\nliches Interesse erregt die Gründung der\nunter der Leitung des schon genannten K. Zerr ahn; sie\nwird alle Mittwoche Morgen-Concerte geben, und die besten\nMitglieder des deutschen Musik-Vereins\nsical Society) sind zu ihnen übergegangen.\nNehmen wir nun noch den\ndazu, welcher seit Jahren für classische Kammermusik be-\nsteht, so finden wir in Boston sechs bis acht musicalische"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "389", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541209-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5107, "texte": "Vereine, welche sämmtlich entweder wirkliche Concerte\noder doch öffentliche Uebungen veranstalten. Desshalb rüh-\nmen sich die Bostoner, dass sie einen Chor von 2000 Per-\nsonen aufstellen können und dass an 1200 von diesen im\nStande sind, die Chöre des Messias von Händel jeden Augen-\nblick befriedigend zu singen.\nUnter den americanischen Pianisten und Componisten\nnimmt William Mason aus Boston die erste Stelle ein.\nEr ist 1829 in dieser Stadt geboren und zeichnete sich\nals Kind durch ein merkwürdiges musicalisches Gehör,\ndurch leichte Bewältigung der technischen Schwierigkeiten\ndes Ciavier- und Orgelspiels und durch ein ausserordent-\nliches Gedächtniss aus. Schon in seinem siebenten Jahre\nspielte er unter Aufsicht seines Vaters die Orgel in der\nKirche, und von der Sicherheit, mit welcher er die Ein-\ndrücke eines gehörten Musikstückes in sich aufnahm, lieferte\ner einst den überraschendsten Beweis, als er drei ihm un-\nbekannte Ouvertüren, welche eine Spiel-Uhr oder Musik-\ndose spielte, zu Hause auf dem Ciavier aus dem Kopfe\nvollständig reproducirte. Eben so machte er es mit\nNachbildung der Orchester-Musik, die er hörte, auf dem\nPianoforte. Er spielte zum ersten Male öffentlich in einem\nConcerte der Musik-Akademie zu Boston im Jahre 1845.\nDarauf machte er mehrere Kunstreisen durch die Vereinig-\nten Staaten und bezauberte seine Landsleute besonders\nauch durch seine Improvisationen über Volkslieder oder\nbekannte Melodieen.\nIm Jahre 1849 ging er nach Deutschland, um sich\nvollständig zum Musiker auszubilden. Er studirte zuerst\nSpiel und Composition bei Moscheies und Hauptmann in\nLeipzig, ging später auch nach Prag, wo er Drevschock\nhäufig hörte, und hielt sich im Ganzen fünf Jahre in\nDeutschland auf. Er besuchte alle grossen Städte, Wien,\nBerlin, Dresden, Frankfurt u. s. w., und lebte das letzte\nJahr in Weimar, wo er sich an Franz Liszt, der ihn sehr\nauszeichnete, enger anschloss. Auf seiner Rückreise spielte\ner am 20. Januar 1853 in London in ExeterHall öffent-\nlich und erregte besonders durch den Vortrag von C. M.\nvon Weber's Concertstück Sensation. Seit einigen Monaten\nin seiner Vaterstadt zurück, hat er mehrere sehr besuchte\nConcerte gegeben und befindet sich gegenwärtig hier in\nNew-York, um von hier eine grosse Reise nach den west-\nlichen und südlichen Staaten anzutreten. Er ist der erste\nAmericaner, der als Virtuose auf dem Piano reis't; wir sind\nneugierig, ob er eben so glänzende Geschäfte machen wird,\nwie weiland Herz aus Paris, oder ob das Sprüchwort vom\nPropheten im eigenen Lande sich bestätigt. Wer America\nkennt, wird das Letztere keineswegs für unmöglich halten;\ndenn trotz allem patriotischen Eifer der öffentlichen Blätter\nund ihrem Humbug für alles Nationale läuft die Menge\ndennoch den grossen Namen aus der Fremde nach.\nDies führt mich auf Mario und Grisi, deren Trüm-\nmer stets noch genügen, immer einmal wieder ein volles\nHaus zu machen, wenngleich die einmal enttäuschten Zu-\nhörer so leicht nicht wieder hingehen. Mario ist nun oben-\nein noch alle Augenblicke krank wir müssen ewig Bel-\nlini und Donizetti hören, zu Rossini kommen wir selten,\nund zu dem Besten, was er geschrieben hat, nie; an Mo-\nzart und an Meyerbeer ist nicht zu denken. Es ist keine\nFrage, dass der Unternehmer enorme Verluste hat; man\nspricht von gänzlicher Einstellung der Vorstellungen. Man\nhoffte noch etwas von der Semiramis der Grisi; es hat sich\naber auch in dieser Rolle bewährt, dass sie nur noch als\nSchauspielerin gross ist.\nIn nächster Woche wird Niblo, der Besitzer des\ngrössten hiesigen Theatergebäudes, der vor Kurzem aus\nEuropa zurückgekehrt ist, seine englische Oper eröffnen,\nd. h. natürlich weiter nichts, als eine Bühne, auf welcher\ndie Opern von Componisten aller Nationen mit englischem\nText gesungen werden. Er wird mit Auber's „Sirene\" an-\nfangen. Als Prima Donna ha! er Demoiselle Dolores\nNau aus Paris mitgebracht, eine geborene Americanerin\naus Baltimore, welche vor zehn Jahren mit Duprez in der\ngrossen Oper zu Paris sang also auch schon über die\nerste Blüthe hinaus ist. Sie soll zwar keine mächtige Stimme\nhaben, aber viel Kunstfertigkeit und Reiz des Vortrags. An\nder Spitze des Orchesters steht Thomas Baker, der bei\nJullien Concertmeister war. Ich hege keine grossen Hoff-\nnungen:— für gute dramatische Musik ist New-York bis\njetzt wenigstens noch kein günstiger Boden.\nBesser steht es um die Concertmusik, und ich würde\nUnrecht thun, wenn ich New-York darin gegen Boston\nganz und gar zurück stellen wollte, wiewohl es sicher ist,\ndass hier erst dasjenige noch mehr im Werden begriffen\nist, was dort schon existirt, was namentlich vom Chorge-\nsange gilt. Mit der Instrumental-Musik geht es besser. E i s-\nfeld's Soireen für classische Kammermusik werden nächste\nWoche wieder beginnen und uns ein Quartett von Haydn,\neines von F. Schubert und das Clavier-Quintett von Beet-\nhoven mit Blas-Instrumenten bringen. Die Sacred Harmo-\nnie Society wird Haydn's Jahreszeiten aufführen. Die phil-\nharmonische Gesellschaft probirt Gade's Ossian-Klänge und\nBeethoven's Eroica.Was der neue Gesang-Verein\nsohn Union eigentlich vor hat, weiss man noch nicht."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "390", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541209-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 857, "texte": "Sie werden Sich wundern, was für eine Menge Vereine\nhier Mendelssohn zum Pathen oder Patron erwählen. Das\nliegt daran, erstens, dass Nordamerica mit dem Mutterlande\nEngland doch immer noch am meisten und regsten in Ver-\nbindung und Verkehr steht, mehr als mit irgend einem an-\nderen europäischen Lande; und zweitens, dass unsere Ent-\nwicklung in Bezug auf die Kunst nur rückwärtsgehend zu\neinem guten Resultate führen kann, indem uns die Neueren\nden Sinn für die Alten öffnen müssen, da wir bekanntlich\ndas Alte qualitate qua grundsätzlich verschmähen und uns\nnur an das Neue hängen. Nun ist Mendelssohn uns noch\nneu, und da sein Cultus in England vorherrscht, so wird er\nauf Nordamerica übertragen. Mozart kennt man bei uns\nleider noch viel zu wenig, und ohne eine tüchtige deutsche\nOper wird es auch noch lange dauern, ehe man zu dessen\nErkenntniss kommt."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "390", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541209-01.1.6", "debut_caractere": 5070, "fin_caractere_exclue": 5075, "texte": "D. 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Die Partie liegt vor allen Dingen in\nihrer Stimme, und der Klang des Organs war daher durch-\nweg wohlthuend. Dazu kam ein feuriges Spiel und die reiz-\nvolle Hoheit der äusseren Erscheinung. Im Einzelnen frei-\nlich wäre Manches anders zu wünschen, namentlich eine\ngrössere Leichtigkeit und Beweglichkeit für die Coloratur,\nferner ein mehr italiänischer Vortrag der Melodie, durch\nGesetze des musicalischen Wohlklangs, nicht durch decia-\nmatorischen Ausdruck bedingt. Wer Rossini gut singen\nwill, muss es eben so wenig ernst mit der Sache nehmen,\nals er selbst es damit nahm; er muss sich herablassen zu\nseiner wenigstens stets liebenswürdigen und eleganten Ober-\nflächlichkeit. So schwierig und so bedenklich selbst dies\nsein mag, unterlässt man es, so lege man Rossini lieber zu\nden Todten. Und dies freilich ist der Punct, der die Wie-\nderbelebung der ernsten Opern von Rossini so zweifelhalt\nmacht. Wir werden durch den Mangel an dramatischem In-\nteresse, durch die endlosen Recitative, durch die gleichför-\nmigen Melodieen und Coloraturen ermüdet, durch die Gleich-\ngültigkeit des Componisten gegen ernsten Ausdruck der\nEmpfindungen verstimmt. Dazu kommt, dass die Kunst ver-\nloren gegangen ist, diese Musik zu singen. Eine leicht an-\nsprechende und gleichmässig gebildete Stimme ist die Grund-\nbedingung dafür; zwei Octaven müssen in ebenmässigster\nAusgleichung vorhanden sein. Unsere Sänger aber, die\nkaum zwei Töne gleichmässig verbinden können, nehmen\nsich natürlich in diesen Läufen und Verzierungen, die nur\ndurch höchste Anmuth und Sauberkeit des Vortrags etwas\nsind, ziemlich ungeschickt aus. Rossini verlangt nur das von\nihnen, was sie nicht können; was sie aber gelernt haben,\nkommt hier nicht zur Geltung. Die Aufnahme von Seiten\ndesPublicums war trotz alledem recht warm, und es scheint,\ndass sich die Oper eine Zeit lang auf dem Repertoire er-\nhalten wird. Auch nach dem Orpheus von Gluck ist noch\nimmer Verlangen, und dies ist ein erfreuliches Zeichen.\nSonst hat die Oper nichts Neues gebracht; für die nächste\nWoche steht Oberon mit neuer Besetzung und neuen De-\ncorationen bevor.\nGrosses Aufsehen machte das erste Concert der Sing-\nAkademie, wenigstens in den engeren musicalischen Kreisen.\nEs kam hier nämlich ausser einem Psalm von B1 u m n e r,\ndem zweiten Director der Sing-Akademie, über dessen Ora-\ntorium „Columbus\" ich Ihnen im vorigen Jahre manches\nRühmliche berichten konnte, das Requiem von Cheru-\nbini, und zwar zum ersten Male, zur Aufführung. Was\nzunächst den Blumner'schen Psalm betrifft, so macht der-\nselbe den Eindruck einer geschmackvollen und gefälligen\nKunstbiidung, ist aber im Ganzen etwas zu weich gehalten;\nes fehlt nicht an materieller Fülle, aber die Gedanken selbst\nkönnten markvoller, charakteristischer, eindringender sein.\nManches lehnt sich an Mendelssohn an. Die strengeren Kir-\nchenformen sind, wo sie auftreten, nicht geistlos angewandt,\nsondern erfüllen sich mit einer gewissen, nur ebenfalls zu\nweichen Empfindung. Das Werk gefiel mit Recht, ohne aber\neinen tiefen Eindruck zu hinterlassen. Das Requiem von\nCherubini, 1813 geschrieben, mithin erst nach 40 Jahren\nin Berlin zur Aufführung gebracht, ist ein Werk, in dem\nsich die genialste Kraft der Phantasie offenbart. Aber es\nneigt zum Realismus, d. h. zu der bestimmten, lebendigen\nDarstellung des Einzelnen hin; es entfernt sich von dem\nStreben nach idealer Ordnung der Verhältnisse, nach höch-\nster und reinster Harmonie; es ist dramatisch, nicht lyrisch,\nes erfüllt und fesselt die Phantasie, befriedigt aber nicht das\nheiligste, ideale Streben des Gemüthes. Nicht die Ruhe des\newigen Lichtes, sondern die Ruhe des Grabes durchdringt"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "391", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541209-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4098, "texte": "dieses Werk und breitet ihre finsteren Schatten darüber aus.\nDas jüngste Gericht erscheint in allen seinen einzelnen Vor-\ngängen ; die Majestät des Richters, die Zertrümmerung der\nWelt, die Angst und die Rathlosigkeit, das demüthige Bit-\nten, später (bei dem quam olim Äbrahcie prommsti) das auf\ndas gegebene Versprechen sich stützende Trotzen der Auf-\nerstandenen: alles dies tritt in den lebendigsten Farben vor\nuns; aber die einfach erhabene Idee der ewigen Vergeltung,\nvor der alle Einzelheiten verschwinden, und die über die\nPhantasie hinaus in das innerste Wesen des Menschen dringt,\nwird dadurch nur geschwächt. So grossartig daher auch\ndas Requiem in seiner Art ist, die Art selbst ist nicht die\nhöchste; und trotz mancher schwächeren, nicht ernst genug\ngehaltenen Partieen scheint Mozart's Requiem doch die erste\nStelle zu behaupten. Die Sing-Akademie wiederholte einige\nTage nach der ersten Aufführung das Die Aus-\nführung selbst war übrigens vortrefflich und bewies, welche\nFortschritte das Institut unter Grell's Leitung gemacht hat.\nNamentlich ist die verständige und dabei maassvolle Nuan-\ncirung rühmend hervorzuheben.\nDie Soireen des Dom-Chors haben ebenfalls begonnen.\nDie Zusammenstellung älterer italiänischer und deutscher\nKirchenmusik mit Compositionen, die dem Kammerstil an-\ngehören, ist zwar nicht ganz passend, lässt sich aber den-\nnoch gegenwärtig noch nicht vermeiden. Wenn sich in Zu-\nkunft eine einheitsvollere Gestaltung als möglich erweisen\nsollte, so wird sie ohne Zweifel ergriffen werden. Die erste\nSoiree brachte Tu es Petrus von Palestrina,\nvon Vittoria, Magnificat von Gabriel!, Misericordias Domini\nvon Durante. Von diesen Stücken ist namentlich das letzte\ndurch innere Fülle und Lebendigkeit des Ausdrucks ausge-\nzeichnet. Die Textesworte enthalten bereits den Gegensatz\ndes Weichen und des Kräftigen, der von dem Componisten\nmit allen Kunstmitteln der polyphonen Schreibart benutzt\nist. Im zweiten Theile wurden eine Motette von J. M. Bach,\n„ Nun hab' ich überwundena, ein echt deutsches Stück von\ninnigem Ausdruck, einfach und mit Verschmähung alles\näusseren Glanzes, ein Psalm von Fr. Schubert, der sehr\nwohlklingend ist, aber nur geringen musicalischen Werth\nhat, und der achtstimmige Chor von Mendelssohn: „Denn\ner hat seinen Engeln befohlen\" (ursprünglich für den Dom-\nChor componirt, später mit einigen kleinen Aenderungen\nund hinzugefügter Orchester-Begleitung für den Elias be-\nnutzt), gesungen. Die chromatische Phantasie von S. Bach\nund eine Mendelssohn'sche Sonate für Ciavier und Cello bil-\ndeten den übrigen Theil des Concerts, dessen wohlgelun-\ngene Ausführung Herrn M. Ganz und einer jungen Clavier-\nSpielerin, Fräul. Seyffardt, anvertraut war. Die Sin-\nfonie-Soireen, sowohl die der Capelle als die Liebig'schen,\nhaben in letzter Zeit nichts Neues gebracht. In den Trio-\nSoireen der Herren Stahlknecht und Löschhorn kam\nein neues Trio von Friedr. Kiel, einem Schüler des Prof.\nDehn, zur Aufführung, von dem wir bereits im vorigen W in-\nter ein in vielen Beziehungen gelungenes Werk kennenlern-\nten. Bedeutendes formelles Geschick, Leichtigkeit und Ge-\nwandtheit, dabei strenge Vermeidung aller äusseren Effecte\nzeichnen das Trio aus; aber der Componist ist fast zu zu-\nrückhaltend. Die Themen bilden sich nicht zu prägnanter,\ncharakteristischer Gestaltung aus; und über dem Streben,\nnichts Gewöhnliches zu sagen, leidet mitunter die Schärfe\nund Plastik des Gedankens. Namentlich trat dieser Mangel\nim ersten Satze hervor.— Die Quartett-Soireen der Herren\nZimmermann und Genossen, so wie die Trio- und Quar-\ntett-Soireen des Herrn Birnbach haben ebenfalls ihren\nin künstlerischer Hinsicht sehr erfreulichen, aber für sie\nselbst wenig einträglichen Fortgang genommen. Ueberhaupt\nist dieser Winter, was die Concert-Musik betrifft, eben so\nmannigfaltig, als in der Ausführung befriedigend; ich glaube\nnicht zu irren, wenn ich dieser Saison vor allen früheren\nden Preis zuerkenne. Gleichzeitig werden aber die Concert-\nEinnahmen immer geringer, das Freibillet-Wesen nimmt\nimmer mehr überhand. Ueber Clara Schumann in\nmeinem nächsten Briefe.\n\nG. E."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-12-09-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-12-09_01#c005", "volume": "bmtnabi_1854-12-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "391", "page_fin": "392", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541209-01.2.4", "titre_corps": "Viertes Gesellschafts-Concert in Köln im Casinosaalc.", "titre_sommaire": "Viertes Gesellschafts-Concert in Köln im Casinosaalc.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "391", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541209-01.1.7", "debut_caractere": 4100, "fin_caractere_exclue": 5579, "texte": "Viertes Gesellschafts-Concert in Köln\nim Casinosaalc.\nDinstag, den 5. December.\nEs war eine Gedächtnissfeier Mozart's an seinem Sterbetage;\ndas Programm enthielt desshalb nur Mozart'sche Compositionen und\nwar sehr sinnig geordnet.\nDie Ouvertüre zur Zauber flöte eröffnete das Concert; sie\nging vortrefflich und zeigte sogleich, mit welcher Sorgfalt und Pie-\ntät man die diesmaligen Ausführungen vorbereitet hatte. Da es in neue-\nrer Zeit leider Mode geworden ist, aus dem Allegro dieser Ouvertüre\nein Presto oder gar Prestissimo zu machen, so athmeten wir freudig\nauf, als wir mit dem Einsatz der Violinen das würdige, gemessene\nTempo vernahmen. Zwar sind wir gewohnt, das Richtige in dieser\nHinsicht stets bei füll er anzutreffen, denn er ist nichts weniger\nals ein Freund der Parforce-Jagd; aber gerade bei so oft wieder-\nholten Musikstücken wie die Mozart'schen Ouvertüren und die\nBeethoven'schen Sinfonieen hat der musicalische Zeitgeist unläugbar\neinen Einfluss auf die Vortragsweise, und dieser ist nicht immer\nein vorteilhafter; ihn zu neutralisiren, ist eine Pflicht des Dirigen-\nten, die nur zu oft überhört wird. Tritt nun gar die neueste Lehre\nvon der Freiheit der subjectiven „Auffassung\" hinzu\n(„für was drein geht und nicht drein geht,\nein prächtig Wort zu Diensten steht!\")\nso ist's „zumeist der Herren eigner Geist\", den wir vernehmen,\nwährend der des Tondichters nach Erlösung seufzet. Es wird end-\nlich Zeit, dass man dem Hokuspokus, der mit der Dirigenten-Sub-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "392", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541209-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2943, "texte": "jectivität getrieben wird, den nackten Satz entgegenstellt: „Es gibt\nfür jedes Musikstück von einiger Bedeutung nur E i n richtiges Tempo.\"\nFräulein Bertha Johannsen trug darauf die Scene aus Ido-\nrn eneo für Sopran mit obligater Violine vor; das Recitativ und\ndas Andante gelangen der trefflichen Sängerin, die erst eben von\neinem glücklicher Weise nur vorübergehenden Unwohlsein herge-\nstellt war, besonders gut. DasAllegro ist, wie man zu sagen pflegt,\nein undankbarer Satz für die Sängerin, da mehr Fleiss auf die\nStickerei durch die Violine, als auf die Hauptzeichnung durch die\nSingstimme verwandt ist.\nHiernach sprach Herr A. Pütz einige „Worte der Erinne-\nrung an W. A. Mozart\" in Versen, die er selbst gedichtet hatte\nund die ihren Zweck erfüllten.\nAlsdann begann das Requiem und trug auf den Schwingen\nder Andacht und Begeisterung für alles Erhabene die Gefühle zu\ndem Ewigen empor; eine herrliche Erinnerungsfeier für den un-\nsterblichen Genius, aber wir müssen es unverhohlen aussprechen\ndie Umgebungen im Concertsaale sind dafür zu weltlich, das\nRequiem gehört in die Kirche. Will man es aus dieser auch ver-\nweisen, nun, so wird man es vor dem Bannstrahl einer modernen\nInquisition, welche die Kunst nach dem Canon ihrer Rechtgläubig-\nkeit misst und in ihrer sancta simplicitas keine Ahnung davon hat,\ndass die Kunst eine sichtbare Offenbarung des höchsten Glaubens,\ndes Glaubens an eine göttliche Inspiration, des Glaubens an den\nheiligen Geist ist, flüchten müssen in die stille Kammer, wo man\nden Gottesdienst des Herzens feiert, und sich mit der Zuversicht\ntrösten:\n„Und raubt man uns den alten Brauch,\nDein Licht, wer will es rauben?\"\nDie Ausführung des grossen und schwierigen Werkes war befrie-\ndigend und, wenn man die wenigen Proben und die Unmöglichkeit\nerwägt, den ganzen Chor für jede Probe zusammen und in der\nAufführung zum wirklichen Singen zu bringen, sogar sehr lobens-\nwerth. Im Chor war der Bass am kräftigsten, nächst ihm der Alt;\nder Tenor hätte zahlreicher besetzt sein und der Sopran mit mehr\nGlanz auftreten können. Das Solo-Quartett Fräul. Johannsen\nund Pels-Leusten, die Herren A. Pütz und M. DuMont\nwar zwar sicher, wie es nicht anders zu erwarten war; allein wenn\ndie vier Stimmen zusammen gingen, so schien uns doch manch-\nmal jene Zuversicht zu fehlen, die ganz unbekümmert um die Rich-\ntigkeit ist und nur dem Gefühle für den Vortrag freien Lauf lässt.\nAuch vermählte sich der Timbre des Tenors, so lieblich und rei-\nzend er in Begleitung von Männerstimmen ist, nicht zur Klang-\nEinheit mit den vollen Stimmen der übrigen Partieen.\nZum Schlüsse des Concerts gab uns Hill er die grosse C-dur-\nSinfonie, Op. 38, in einem so fein ausgearbeiteten Bilde wieder,\ndass wir ihm und dem wackeren Orchester, das so trefflich in die\nIntentionen seines Tonmeisters einging, den innigsten Dank aus-\nsprechen für eine symphonistische Darstellung, wie wir sie in sol-\ncher Vollendung nur sehr selten gehört haben."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-12-09-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-12-09_01#c006", "volume": "bmtnabi_1854-12-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "392", "page_fin": "392", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541209-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "392", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541209-01.1.8", "debut_caractere": 2945, "fin_caractere_exclue": 3841, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nIlölii. Die Gebrüder Wieniawski waren am Dinsiag hier\nund wohnten dem Gesellschafts-Concerte bei. Früher eingegangene\nVerbindlichkeiten rufen sie nach Brüssel und von da nach Han-\nnover. Wir hoffen indess dennoch, sie auch bei uns im Laufe des\nWinters zu hören.\n/ ■ ■\n** Frankfurt a. 1,, 30. Nov. Herr B. Damcke, Musik-\nDirector aus Petersburg, hält sich seit einiger Zeit hier auf und\nscheint sich hier fixiren zu wollen. Er hat „Vorlesungen über die\nGeschichte der Musik'4 angekündigt, bei denen „Ausführungen her-\nvorragender, wenig bekannter Tonstücke aller Zeiten und Völker\n(?) die Darstellung des Charakters der verschiedenen Zeit-Abschnittc\nvervollständigen44 werden. Die Leitung dieser Ausführungen hat\nHerr Musik-Director Rühl übernommen. Die Vorlesungen sollen\nam 6. December im Saale des Mozarthauses beginnen und sind auf\nachtzehn Sitzungen berechnet."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "385", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541209-01.1.1", "texte": "Traditionelles.\nDas Allegretto scherzando in Beethoven's achter\nSinfonie betreffend.\nVon A. Schindler.\nBekanntlich vielmehr nicht bekanntlich hat Karl\nCzerny im vierten Theile seiner vor ungelähr zwanzig Jah-\nren erschienenen Ciavierschule eine ausführliche Abhand-\nlung über den Vortrag der Beethoven'schen Werke niederge-\nlegt, die der beachtenswerthen Winke in Menge enthält.\nDabei ist nur zu bedauern, dass die Abfassung nicht um\nfünfzehn Jahre früher Statt gefunden, bevor nämlich der\ndamals noch ganz classische Czerny sich in pureitle Moder-\nnität metamorphosirt hatte und durch ihre Umnebelung\nnicht mehr zu klarer und sicherer Rückerinnerung gelan-\ngen konnte. Aus diesem triftigen Grunde bedürfte seine\nAbhandlung einer kritischen Sichtung. Auf Seite 70 sagt\nder Verfasser: „Beethoven lebte und schrieb alle seine\nWerke in Wien. Es ist natürlich, dass der Sinn für deren\nVerständniss und richtigen Vortrag hier vorzugsweise wie\ndurch Tradition bewahrt werden konnte, und die Erfahrung\nhat bewiesen, dass dies wirklich der Fall ist. Denn wie oft\nmag in anderen Gegenden sowohl das Tempo wie der Cha-\nrakter dieser Compositionen verfehlt worden sein!\" Hätte\nCzerny sich Zeit genommen, Ohr und Auge in die Welt\nausserhalb Wiens zu tragen, er wüsste darüber Positives\nzu sagen. Bis zu welchem Grade des Wahnsinns aber sich\ndieses „Verfehlen\" in unseren Tagen häufig gesteigert, da-\nvon lässt sich der alte Freund und Waffenbruder auf sei-\nnem Kämmerlein zu Wien nichts träumen. Hätte er nur\ngleichzeitig auch angeführt, wie wenigen Männern das Glück\nzu Theil geworden, unmittelbar durch den grossen Meister\nselbst in den Besitz dieser Tradition zu kommen! Das\nHäuflein ist gegenwärtig bis auf die Zahl drei reducirt.\nSchon vor Jahren hatte ich den Vorsatz gefasst, eben-\nfalls eine Reihe traditioneller Erinnerungen und Thatsachen\nüber Beethoven's Orchester- und Clavier-Werke niederzu-\nschreiben*). An Aufforderung hierzu fehlte es nicht, vor-\nnehmlich von pariser Künstlern. Die leidige Erfahrung aber,\ndass das von Czerny bereits Gegebene von Niemandem we-\nder gekannt, noch vielweniger beachtet ist; ferner, dass hoch-\nberühmte Musiker, die Lande durchziehend, auch in Beet-\nhoven's Musik als unfehlbare Autoritäten gelten, obwohl\nsie im Allgemeinen ziemlich fern von dem richtigen Ver-\nständnisse sind: dies konnte nur entmuthigend auf mich\nwirken. So oft ich daher zur Feder greifen wollte, drängte\nsich die Frage auf: Was hilft's? Von den mancherlei\nin dieses Capitel gehörenden Erlebnissen möge nur Eines\nhier Platz finden, da ich lebende Zeugen dalür angeben\nkann. Im December 1843 hörte ich in Leipzig zwei Ge-\nwandhaus-Concerte unter Ferd. Hiller's Leitung. In dem\neinen kam Beethoven's ,4-dwr-Sinfonie zur Aufführung.\nWard ich schon durch das richtige Ergreifen der Introduc-\ntion und des ersten Satzes freudig überrascht, so steigerte\nsich diese Ueberraschung bei den folgenden Sätzen (mit\nAusnahme des zweiten) noch höher, so dass ich zu den in\nmeiner Nähe sitzenden Herren Hirschbach, Wenzel und an-\nderen tüchtigen Musikern mich dahin äusserte, endlich wie-\nder einmal das Werk in solcher Auffassung hören zu kön-\nnen, wie ich es von Wien her gewohnt sei. Muthmaasslich\ndürfte Hiller zu dieser Auffassung durch Hummel gekom-\nmen sein, der diese Sinfonie unter Leitung des Componisten\nin Wien gehört hatte. Meine Nachbarn jedoch, an die Men-\ndelssohn'schen Tempi gewohnt, fanden an Hiller's Auffas-\nsung Alles unrichtig, alle Tempi zu langsam und schläfrig.\nWas half meine Betheuerung, dass Hiller das Rechte ge-\ntroffen? Der feurige Hirschbach erwiderte: „Und wenn\nBeethoven selbst dies aussagte, so würde ich ihm dennoch\nUnrecht geben.\" Die Macht der Gewohnheit! Was war\ndarauf zu erwidern? Haben wir nicht ein Seitenstück hierzu\n\n*) Der alleinige Besitzer der Traditionen in Beethoven's Quar-\ntett-Musik ist Herr Karl Holz, als mehrjähriges Mitglied des\nhistorisch berühmten Schuppanzigh'schen Quartett-Vereins, der\nzugleich die Traditionen in Haydn's Quartett-Musik, unmittel-\nbar vom Tondichter selbst überkommen, • in wunderbarer\nWeise zu versinnlichen verstanden hat."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "386", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541209-01.1.2", "texte": "noch bei Lebzeiten Beethoven's in Wien selbst erfahren,\nals Baron Lannoy am Directionspulte, von einem der Di-\nrectoren der Concerts spirituelsauf das Vergreifen der\nTempi in einer Sinfonie von Beethoven aufmerksam gemacht,\ndie Antwort gab: „Wenn Beethoven selbst hier wäre, ich\nwürde doch nicht auf ihn achten! \"Was half dem wacke-\nren Piringer die Versicherung, von dem Componisten selbst\nüber dieses Werk belehrt worden zu sein ? Herr Karl Holz\nwar einer der vielen Zeugen dieses Vorfalls. Von seiner\nHand steht er in Beethoven's Conversations-Heften aufge-\nzeichnet.\nDie Anhörung der achten Sinfonie im zweiten Mu-\nseums-Concerte am 17.November, das dargelegte Missver-\nständniss des Allegretto-Satzes Seitens des Musik-Directors,\ndie Rohheit, mit der dieser Satz voll feinen Humors und\nnaiver Schalkhaftigkeit mit abwechselndem Ernste im Sturm-\nschritt heruntergejagt worden*), sind Veranlassung zu ge-\ngenwärtiger Mittheilung. Die wiederum sich aufdrängende\nFrage: „ Was hilft's ?\" soll mich heute nicht wieder überwäl-\ntigen ; ich will mich jedoch lediglich an mein Thema und\ndamit Verwandtes oder wenigstens mit hinein Klingendes\nhalten. Ist eine genetische Erklärung dieses Allegretto\nscherzando nicht im Stande, den Herren Musik-Directoren\nein besseres Verständniss beizubringen, so hilft freilich Al-\nles nichts, es bleibt damit beim Alten.\nIm Frühling 1812 sassen Beethoven, Mälzel, Stephan\nvon Breuning und Andere bei einem Abschiedsmahle zu-\nsammen, ersterer, um die Reise zu seinem Bruder Johann\nnach Linz anzutreten, dort seine achte Sinfonie zu schrei-\nben und im Verlauf des Sommers die böhmischen Bäder\nzu besuchen Mälzel aber, um nach London zu reisen\nund seinen berühmten Automaten zu produciren. Dieses\nProject musste indessen aufgegeben und auf späterhin ver-\nschoben werden. Zur selben Zeit hatte Mälzel bereits Ver-\nsuche mit seinem Metronom gemacht, die Beifall gefunden;\ndie vollständige Construirung der Maschine ward aber erst\neinige Jahre nachher zu Paris bewerkstelligt. Bei jenem\nAbschiedsmahle improvisirte der in Freundeskreise gewöhn-\nlich heitere, witzige, satirische, ganz „aufgeknöpfte\" Beet-\nhoven nachstehenden Canon, der sogleich gesungen worden\nsein soll. Die von des Componisten Hand ausgeschriebenen\nStimmen, auf deren erster das metronomische Zeichen be-\nfindlich, lagen mir vor, als Beethoven 1815 mir eine Co-\npie davon gestattete. Aus diesem Canon ist nachher das\nAllegretto scherzando hervorgegangen. Hier ist er:\nBei meiner dreimaligen Anwesenheit 1843 zu Leipzig\nward mit den dortigen Musikern weitläufig über Beetho-\nven's Musik verhandelt. Man kam auch auf die achte Sin-\nfonie und die Entstehung des Allegretto, die lebhaftes In-\nteresse erweckt hat. Alsbald überschickte ich Herrn Hirsch-\nbach diesen Canon (ür sein Repertorium, dessen zweites\nHeft 1844 ihn enthält, leider aber ohne das metronomi-\nsche Zeichen, das vergessen worden und erst am Schlüsse\ndes dritten Heftes nachgetragen erscheint. Es fehlte somit\ndem Canon das wesentlichste Merkmal zur Beachtung; denn\nwer sucht dies am unrechten Orte? Die gegenwärtige Ver-\nöffentlichung darf demnach wohl als die erste vollständige\nbetrachtet werden, zumal ich mich im Repertorium nur in\nwenig Worten über die Entstehung ausgelassen habe.\nKeine Frage, ob man in Leipzig erwartet hatte, dass\nder nun offen liegende, humoristisch-gemüthliche Charakter\ndes Allegretto von Seiten Mendelssohn's willlährig erfasst\nund der Satz in Zukunft einer anderen Ausführung sich zu\nerfreuen haben werde, die nach Aussage eines dortigen äl-\nteren Musikers dermaassen übereilt gewesen sein soll, dass\n\n') Besser erging es den drei anderen Sätzen dieser Sinfonie, de-\nren Tempo gut erfasst und fest gehalten worden. Von feiner\nAusarbeitung muss selbstverständlich bei einer einzigen Probe\nabgesehen werden."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "387", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541209-01.1.3", "texte": "mit dem Effecte der Fortissimo-Stellen Rinder und Vier-\nfüssler geschreckt werden konnten. Es hat sich jedoch ge-\nzeigt, dass Mendelssohn von Beethoven's Intention keine\nNotiz genommen, weil der Canon im Repertorium gestan-\nden, das in gewissenhafter Befolgung seiner kritischen\nGrundsätze bei Mendelssohn keine Ausnahme gemacht,\ndarum von ihm völlig ignorirt wurde. Die musicalischen\nHoheiten unserer Zeit, verwöhnt und nicht selten übermü-\nthig gemacht durch den Weihrauch der befreundeten Presse,\ndie sich systematisch mit ihren Ruhmes-Angelegenheiten be-\nschäftigt, erkennen keine andere Regel an, als ihre eigene,\nsie sind in Allem Selbst-Canon. Die interessanten und lehr-\nreichen Schilderungen musicalischer Zustände Londons aus\nder Feder des Redacteurs dieses Organs machen in Nr. 34\nüber Lintpaintner das freimüthige Geständniss: „Nament-\nlich scheint der ehrenwerthe Veteran mit Beethoven's Geist\nauf einem gespannten Fusse zu stehen; denn es fehlt fast\nnie, wenn Beide zusammenkommen, an Missverständnissen.\nDas ärgste fiel dieses Mal über das Tempo des ersten Satzes\n(der neunten Sinfonie) vor, welchen Beethoven bekanntlich\n„ „etwas majestätisch\"\" gehalten wissen will, Lintpaintner\naber wie eine Tanzmusik herabhetzte.\" Man höre da-\ngegen die Schwäbische Chronik über Erstgebore-\nnen in Stuttgart. Was hätte es wohl gefruchtet, den fortan\ngepriesenen würtembergischen Herrn Hof-Capellmeister nö-\nthigenfalls auf vorstehenden Canon zu seiner Richtschnur\naufmerksam zu machen ? So wenig, als es bei dem königlich\npreussischen General-Musik-Director Mendelssohn gefruch-\ntet hat.\nMeine persönliche Bekanntschaft mit Ilabeneck erfolgte\nbeim Niederrheinischen Musikfeste 1840 zu Aachen. Aber\nschon seit 1836 standen wir zusammen in Correspondenz,\ndie der bekannte pariser Musiker und Mitglied des Conser-\nvatoire-Orchesters, Urban (der einzige Deutsche in jenem\nVereine), vermittelt hatte. Die erste Anfrage Habeneck's\nlautete: „Rühren die metronomischen Angaben in der bei\nHaslinger gedruckten Partitur von Beethoven's\nfonie vom Componisten selbst her? Wie kommt es, dass\ndiese Angaben mit den von Beethoven in der Allg. Leipz.\nMusik-Zeitung von 1817 (Seite 873 und 874) veröffent-\nlichten metronomischen Zeichen aller seiner Sinfonieen so\nwenig übereinstimmen, da mehrere Theile der siebenten\nSinfonie in der Partitur langsamere Tempi aufweisen?\"\nMeine Beantwortung enthielt zugleich die Warnung vor\nden Angaben von 1817, welche Beethoven selbst abgeän-\ndert hat, wie sich dies zunächst schon bei den Aufführun-\ngen in den Concerts spirituelsergeben, die 1818 ihren An-\nfang genommen haben. In einer folgenden Zuschrift meldete\nHabeneck, dass er viele Tempi aus dem leipziger Ver-\nzeichnisse, als den Charakter der Musik beeinträchtigend,\nbeseitigt habe. Dieses und Anderes noch waren für mich\no\ndie ersten Merkmale von dem feinen und unbefangenen\nSinne des Mannes, dem unsere Classiker die glänzende An-\nerkennung in Paris zu verdanken haben. Linen weiteren\nBeweis von dem kritisch-ästhetischen Geiste dieses ausser-\nordentlichen Directors soll das Folgende liefern. Es ist mit\nmeinem Thema nahe verwandt und meines Erachtens für\nwiflfährige Orchester-Dirigenten, die noch ein nachahmungs-\nwerthes Vorbild respectircn, belehrend.\nIn den Unterredungen zu Aachen kam Ilabeneck als-\nbald auf das A Uegretto scherzandoder achten Sinfonie mit\ndem Ausrufe: „ Wie war es Beethoven möglich, den Me-\ntronom mit 88 = j* anzugeben, in welchem Tempo der\nCharakter verwischt und eine an Scherz mahnende Ausfüh-\nrung unthunlich wird? Die Instrumente müssen nur trach-\nten, wie Zähne in einem Räderwerk mechanisch in einander\nzu greifen, und von Freiheit und Grazie im Ausdruck kann\nkeine Rede sein!\" u. s. w. Jede Erklärung für überflüssig\nhaltend, suchte ich den oben abgedruckten Canon hervor,\ntheilte in wenig Worten seine Entstehung mit und liess\nden Metronom auf 72 = j*Isein machen.\nDieu, c'est mon tempo! rief Habeneck aus, legte seine Rechte\nauf die kahle Scheitel und schritt eine Weile gedanken-\nvoll auf und ab. Sodann äusserte er, dass er den Charakter\ndieses Satzes wie eine Conversation verstanden habe, dass\nihm das Einstudiren mit dem Orchester unsägliche Mühe\ngemacht, bis jedes Instrument in den vielen kleinen, dem\nMotiv entnommenen Gruppen mit Feinheit und Freiheit sich\nauszudrücken fähig war, das Ganze einer Conversation\ngleiche, wobei die Tactmaschine nur an einigen Steilen ihr\nRecht behaupten dürfe u. s. w. Ferner bemerkte er noch,\ndass er von jeder Aufführung dieser Sinfonie wegen der\ngrossen Schwierigkeiten im Allegretto mehr als zwei Pro-\nben halten müsse, daher es nicht leicht thunlich sei, sie in\njeder Saison aufs Programm zu bringen.\nWirklich ward es in der Saison von 1841, der ich\nzunächst beiwohnte, unthunlich, diese Sinfonie zur Auffüh-\nrung zu bringen, und meine Ungeduld konnte erst in der\nfolgenden von 1842 befriedigt werden. Dies der Grund,\ndass des ausserordentlichen Erlebnisses im Nachtrage zu\nBeethoven's Biographie nicht Erwähnung geschieht, indem\ndieser bereits 1841 erschienen war. Schier überboten\nwurde dieses Erlebniss von der ans Wunderbare gränzen-\nden Darstellung des Scherzando einer mir unbekannten Sin-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "388", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541209-01.1.4", "texte": "fonie in C-dur von Haydn, zufolge Programm die dreissigste,\ndie jedes andere Orchester sich schämen würde ihrer Ein-\nfachheit wegen vor ein Publicum zu bringen. Bei diesem\nScherzando legte Habeneck seinen Bogen aufs Pult und\nliess die muntere Jugend auf den grünen Matten ihre künst-\nlerischen Schelmereien frei ausüben. Da wurde geneckt und\ngescherzt, die Gruppen trennten sich und sammelten sich\nwieder, Alles ungezwungen, fein, graziös, ohne obligaten\nTactstock, bald im losen, bald im festen Zeitmaasse, aber\nimmer im harmonischen Vereine. Das Schuppanzigh'sche\nQuartett in Wien verstand es in seiner Blüthezeit auch, in\nHaydn's Musik zuweilen solche Schwindel erregende Kunst-\nstücke zu machen; jedoch vierzusechszig!? Da gibt\nes keine Feder, die eine That dieser Art zu schildern ver-\nmöchte. Was wir gehört, war Tradition, die Vater Haydn\n1795 den Parisern hinterlassen und Habeneck mit seinem\nOrchester aufs vollständigste zu verlebendigen verstanden\nhat. Wenige Jahre erst datirt es, dass der unvergleichliche\nHabeneck aus diesem Künstlerkreise abberufen worden,\nund schon erfährt man, dass derlei Ausserordentliches nicht\nmehr gelingen wolle, fiberhaupt sein Geist nicht mehr über\nden Leistungen seiner Zöglinge schwebe. Es dürften dem-\nnach wohl auch die in Beethoven's und Haydn's Orchester-\nMusik durch ihn zur Geltung gebrachten Traditionen, deren\nalleiniger Träger (vornehmlich der Haydn'schen) Habeneck\ngewesen, bald mausetodt sein.\nZum Schlüsse dieser Mittheilungen kommend, scheint\nmir Eines noch bemerkenswerth. Um Habeneck die Gewiss-\nheit zu geben, dass in den wiener unter\nPiringer die Bewegung des Allegretto in der achten Sinfo-\nnie mit dem metronomischen Zeichen auf dem Canon über-\neinstimme, wandte ich mich noch 1840 an Aloys Fuchs\num Auskunft. Der prompte und stets gewissenhafte Cor-\nrespondent sandte alsbald die Zahlen „69 oder 72 = #^tt,\nwie er sie in seinem Gedächtnisse aufbewahrt hatte. Anbei\nliess er es nicht an bitteren Klagen fehlen, dass von den\nTraditionen in der Musik der drei Grossmeister kaum eine\nleise Spur mehr in Wien zu finden sei. Gott besser's!\nI\n\nAus New-York.\n\nDen 18. November 1854.\nSo eben komme ich von einem Ausfluge nach Boston\nzurück und bin in der That erstaunt über das rege musi-\ncalische Leben in jener Stadt. Hier in New-York haben\nwir allerdings mehr Spectakel nehmen Sie das Wort, in\nwelchem Sinne Sie wollen, es trifft immer zu, mögen Sie\nes auf den Instrumental-Lärm im Krystallpalaste und den\nmusicalischen , Conventen\", wie man hier sagt, beziehen\noder auf die Theater, die italienische und deutsche Oper,\nzu welchen jetzt auch noch eine englische kommen soll.\nAber in Boston ist mehr Musik, d. h. mehr gute Musik,\nmehr deutsche Musik, mehr Empfänglichkeit dafür und mehr\nkünstlerische Ausführung derselben. Ich habe daselbst\neinem Concerte der Mendelssohn (des Men-\ndelssohn'schen Sing-Vereins) beigewohnt, in welchem\nGluck's Ouvertüre zur Iphigenie, einige Nummern aus\nllände I's Messias und Lindpaintner's Oratorium „Die\nWitwe von Naimu, welches, so viel ich weiss, zuerst in der\nphilharmonischen Gesellschaft in London in der letzten\nSeason aufgeführt worden, gegeben wurden.\nDas Oraiorium ist im modernen Stil opernartig ge-\nschrieben, und ich lasse den Werth oder Unwerth derCom-\nposition bei Seite; allein die Ausführung der Chöre hat\nmich überrascht, wogegen die Solisten freilich mittelmässig\nwaren. Das Ganze gefiel.\nDer Mendelssohn-Verein für Gesang ist der jüngste\nunter den musicalischen Vereinen in Boston; er besteht\nerst seit etwa zwei Jahren, zählt 250 Mitglieder und viele\nschöne Stimmen unter ihnen. Herr H. Eckhardt (wenn\nich nicht irre, vom Niederrheine hieher gekommen) leitet\ndie Concerte desselben an der Spitze eines Orchesters von\n36 Personen.\nDie älteste musicalische Gesellschaft nicht nur in Bo-\nston, sondern in ganz America ist die\nSociety; sie hat für das gegenwärtige neununddreissigste\nJahr ihres Bestehens eine Reihe von acht Concerten ange-\nkündigt. Seit vorigem Jahre besteht unter ihren Auspicien\nund durch ihre Mittel gegründet eine Solo-Gesangschule,\nin welcher 25 Zöglinge Unterricht erhalten. Ihr Chor zählt\nan 300 Mitglieder. Technischer Director ist Herr Karl\nZerr ahn, Organist und Pianist Herr Müller. DieUebun-\ngen finden alle Sonntage Abends Statt.\nFerner hat die Musical Education Society sechs Con-\ncerte in Aussicht gestellt; ihr Dirigent ist ebenfalls fein\nDeutscher, August Kreissmann. Die\nSociety, ein älterer Verein, hat sich neu organisirt. Vorzüg-\nliches Interesse erregt die Gründung der\nunter der Leitung des schon genannten K. Zerr ahn; sie\nwird alle Mittwoche Morgen-Concerte geben, und die besten\nMitglieder des deutschen Musik-Vereins\nsical Society) sind zu ihnen übergegangen.\nNehmen wir nun noch den\ndazu, welcher seit Jahren für classische Kammermusik be-\nsteht, so finden wir in Boston sechs bis acht musicalische"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "389", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541209-01.1.5", "texte": "Vereine, welche sämmtlich entweder wirkliche Concerte\noder doch öffentliche Uebungen veranstalten. Desshalb rüh-\nmen sich die Bostoner, dass sie einen Chor von 2000 Per-\nsonen aufstellen können und dass an 1200 von diesen im\nStande sind, die Chöre des Messias von Händel jeden Augen-\nblick befriedigend zu singen.\nUnter den americanischen Pianisten und Componisten\nnimmt William Mason aus Boston die erste Stelle ein.\nEr ist 1829 in dieser Stadt geboren und zeichnete sich\nals Kind durch ein merkwürdiges musicalisches Gehör,\ndurch leichte Bewältigung der technischen Schwierigkeiten\ndes Ciavier- und Orgelspiels und durch ein ausserordent-\nliches Gedächtniss aus. Schon in seinem siebenten Jahre\nspielte er unter Aufsicht seines Vaters die Orgel in der\nKirche, und von der Sicherheit, mit welcher er die Ein-\ndrücke eines gehörten Musikstückes in sich aufnahm, lieferte\ner einst den überraschendsten Beweis, als er drei ihm un-\nbekannte Ouvertüren, welche eine Spiel-Uhr oder Musik-\ndose spielte, zu Hause auf dem Ciavier aus dem Kopfe\nvollständig reproducirte. Eben so machte er es mit\nNachbildung der Orchester-Musik, die er hörte, auf dem\nPianoforte. Er spielte zum ersten Male öffentlich in einem\nConcerte der Musik-Akademie zu Boston im Jahre 1845.\nDarauf machte er mehrere Kunstreisen durch die Vereinig-\nten Staaten und bezauberte seine Landsleute besonders\nauch durch seine Improvisationen über Volkslieder oder\nbekannte Melodieen.\nIm Jahre 1849 ging er nach Deutschland, um sich\nvollständig zum Musiker auszubilden. Er studirte zuerst\nSpiel und Composition bei Moscheies und Hauptmann in\nLeipzig, ging später auch nach Prag, wo er Drevschock\nhäufig hörte, und hielt sich im Ganzen fünf Jahre in\nDeutschland auf. Er besuchte alle grossen Städte, Wien,\nBerlin, Dresden, Frankfurt u. s. w., und lebte das letzte\nJahr in Weimar, wo er sich an Franz Liszt, der ihn sehr\nauszeichnete, enger anschloss. Auf seiner Rückreise spielte\ner am 20. Januar 1853 in London in ExeterHall öffent-\nlich und erregte besonders durch den Vortrag von C. M.\nvon Weber's Concertstück Sensation. Seit einigen Monaten\nin seiner Vaterstadt zurück, hat er mehrere sehr besuchte\nConcerte gegeben und befindet sich gegenwärtig hier in\nNew-York, um von hier eine grosse Reise nach den west-\nlichen und südlichen Staaten anzutreten. Er ist der erste\nAmericaner, der als Virtuose auf dem Piano reis't; wir sind\nneugierig, ob er eben so glänzende Geschäfte machen wird,\nwie weiland Herz aus Paris, oder ob das Sprüchwort vom\nPropheten im eigenen Lande sich bestätigt. Wer America\nkennt, wird das Letztere keineswegs für unmöglich halten;\ndenn trotz allem patriotischen Eifer der öffentlichen Blätter\nund ihrem Humbug für alles Nationale läuft die Menge\ndennoch den grossen Namen aus der Fremde nach.\nDies führt mich auf Mario und Grisi, deren Trüm-\nmer stets noch genügen, immer einmal wieder ein volles\nHaus zu machen, wenngleich die einmal enttäuschten Zu-\nhörer so leicht nicht wieder hingehen. Mario ist nun oben-\nein noch alle Augenblicke krank wir müssen ewig Bel-\nlini und Donizetti hören, zu Rossini kommen wir selten,\nund zu dem Besten, was er geschrieben hat, nie; an Mo-\nzart und an Meyerbeer ist nicht zu denken. Es ist keine\nFrage, dass der Unternehmer enorme Verluste hat; man\nspricht von gänzlicher Einstellung der Vorstellungen. Man\nhoffte noch etwas von der Semiramis der Grisi; es hat sich\naber auch in dieser Rolle bewährt, dass sie nur noch als\nSchauspielerin gross ist.\nIn nächster Woche wird Niblo, der Besitzer des\ngrössten hiesigen Theatergebäudes, der vor Kurzem aus\nEuropa zurückgekehrt ist, seine englische Oper eröffnen,\nd. h. natürlich weiter nichts, als eine Bühne, auf welcher\ndie Opern von Componisten aller Nationen mit englischem\nText gesungen werden. Er wird mit Auber's „Sirene\" an-\nfangen. Als Prima Donna ha! er Demoiselle Dolores\nNau aus Paris mitgebracht, eine geborene Americanerin\naus Baltimore, welche vor zehn Jahren mit Duprez in der\ngrossen Oper zu Paris sang also auch schon über die\nerste Blüthe hinaus ist. Sie soll zwar keine mächtige Stimme\nhaben, aber viel Kunstfertigkeit und Reiz des Vortrags. An\nder Spitze des Orchesters steht Thomas Baker, der bei\nJullien Concertmeister war. Ich hege keine grossen Hoff-\nnungen:— für gute dramatische Musik ist New-York bis\njetzt wenigstens noch kein günstiger Boden.\nBesser steht es um die Concertmusik, und ich würde\nUnrecht thun, wenn ich New-York darin gegen Boston\nganz und gar zurück stellen wollte, wiewohl es sicher ist,\ndass hier erst dasjenige noch mehr im Werden begriffen\nist, was dort schon existirt, was namentlich vom Chorge-\nsange gilt. Mit der Instrumental-Musik geht es besser. E i s-\nfeld's Soireen für classische Kammermusik werden nächste\nWoche wieder beginnen und uns ein Quartett von Haydn,\neines von F. Schubert und das Clavier-Quintett von Beet-\nhoven mit Blas-Instrumenten bringen. Die Sacred Harmo-\nnie Society wird Haydn's Jahreszeiten aufführen. Die phil-\nharmonische Gesellschaft probirt Gade's Ossian-Klänge und\nBeethoven's Eroica.Was der neue Gesang-Verein\nsohn Union eigentlich vor hat, weiss man noch nicht."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "390", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541209-01.1.6", "texte": "Sie werden Sich wundern, was für eine Menge Vereine\nhier Mendelssohn zum Pathen oder Patron erwählen. Das\nliegt daran, erstens, dass Nordamerica mit dem Mutterlande\nEngland doch immer noch am meisten und regsten in Ver-\nbindung und Verkehr steht, mehr als mit irgend einem an-\nderen europäischen Lande; und zweitens, dass unsere Ent-\nwicklung in Bezug auf die Kunst nur rückwärtsgehend zu\neinem guten Resultate führen kann, indem uns die Neueren\nden Sinn für die Alten öffnen müssen, da wir bekanntlich\ndas Alte qualitate qua grundsätzlich verschmähen und uns\nnur an das Neue hängen. Nun ist Mendelssohn uns noch\nneu, und da sein Cultus in England vorherrscht, so wird er\nauf Nordamerica übertragen. Mozart kennt man bei uns\nleider noch viel zu wenig, und ohne eine tüchtige deutsche\nOper wird es auch noch lange dauern, ehe man zu dessen\nErkenntniss kommt.\n\nBerliner Briefe.\n\n[Rossini s Tancred Erstes Concert der Sing-Aka-\ndemie Blumner's Psalm Cherubini's Requiem\nDom-Chor Kammermusik.]\nDen 4. December 1854.\nDie königliche Oper hatte zur Fest-Vorstellung für\nden Namenstag der Königin eine seit langer Zeit vom Re-\npertoire verschwundene Rossini'sche Oper, den Tancred,\ngewählt. Die nächste Veranlassung gab dazu der natürliche\nWunsch, den Rollen-Cyklus von Fräul. Wagner möglichst\nzu vermehren. Um zunächst von ihr, der Darstellerin der\nHauptrolle, zu sprechen, so leistete sie vielfach Vorzügli-\nches, oft Glänzendes. Die Partie liegt vor allen Dingen in\nihrer Stimme, und der Klang des Organs war daher durch-\nweg wohlthuend. Dazu kam ein feuriges Spiel und die reiz-\nvolle Hoheit der äusseren Erscheinung. Im Einzelnen frei-\nlich wäre Manches anders zu wünschen, namentlich eine\ngrössere Leichtigkeit und Beweglichkeit für die Coloratur,\nferner ein mehr italiänischer Vortrag der Melodie, durch\nGesetze des musicalischen Wohlklangs, nicht durch decia-\nmatorischen Ausdruck bedingt. Wer Rossini gut singen\nwill, muss es eben so wenig ernst mit der Sache nehmen,\nals er selbst es damit nahm; er muss sich herablassen zu\nseiner wenigstens stets liebenswürdigen und eleganten Ober-\nflächlichkeit. So schwierig und so bedenklich selbst dies\nsein mag, unterlässt man es, so lege man Rossini lieber zu\nden Todten. Und dies freilich ist der Punct, der die Wie-\nderbelebung der ernsten Opern von Rossini so zweifelhalt\nmacht. Wir werden durch den Mangel an dramatischem In-\nteresse, durch die endlosen Recitative, durch die gleichför-\nmigen Melodieen und Coloraturen ermüdet, durch die Gleich-\ngültigkeit des Componisten gegen ernsten Ausdruck der\nEmpfindungen verstimmt. Dazu kommt, dass die Kunst ver-\nloren gegangen ist, diese Musik zu singen. Eine leicht an-\nsprechende und gleichmässig gebildete Stimme ist die Grund-\nbedingung dafür; zwei Octaven müssen in ebenmässigster\nAusgleichung vorhanden sein. Unsere Sänger aber, die\nkaum zwei Töne gleichmässig verbinden können, nehmen\nsich natürlich in diesen Läufen und Verzierungen, die nur\ndurch höchste Anmuth und Sauberkeit des Vortrags etwas\nsind, ziemlich ungeschickt aus. Rossini verlangt nur das von\nihnen, was sie nicht können; was sie aber gelernt haben,\nkommt hier nicht zur Geltung. Die Aufnahme von Seiten\ndesPublicums war trotz alledem recht warm, und es scheint,\ndass sich die Oper eine Zeit lang auf dem Repertoire er-\nhalten wird. Auch nach dem Orpheus von Gluck ist noch\nimmer Verlangen, und dies ist ein erfreuliches Zeichen.\nSonst hat die Oper nichts Neues gebracht; für die nächste\nWoche steht Oberon mit neuer Besetzung und neuen De-\ncorationen bevor.\nGrosses Aufsehen machte das erste Concert der Sing-\nAkademie, wenigstens in den engeren musicalischen Kreisen.\nEs kam hier nämlich ausser einem Psalm von B1 u m n e r,\ndem zweiten Director der Sing-Akademie, über dessen Ora-\ntorium „Columbus\" ich Ihnen im vorigen Jahre manches\nRühmliche berichten konnte, das Requiem von Cheru-\nbini, und zwar zum ersten Male, zur Aufführung. Was\nzunächst den Blumner'schen Psalm betrifft, so macht der-\nselbe den Eindruck einer geschmackvollen und gefälligen\nKunstbiidung, ist aber im Ganzen etwas zu weich gehalten;\nes fehlt nicht an materieller Fülle, aber die Gedanken selbst\nkönnten markvoller, charakteristischer, eindringender sein.\nManches lehnt sich an Mendelssohn an. Die strengeren Kir-\nchenformen sind, wo sie auftreten, nicht geistlos angewandt,\nsondern erfüllen sich mit einer gewissen, nur ebenfalls zu\nweichen Empfindung. Das Werk gefiel mit Recht, ohne aber\neinen tiefen Eindruck zu hinterlassen. Das Requiem von\nCherubini, 1813 geschrieben, mithin erst nach 40 Jahren\nin Berlin zur Aufführung gebracht, ist ein Werk, in dem\nsich die genialste Kraft der Phantasie offenbart. Aber es\nneigt zum Realismus, d. h. zu der bestimmten, lebendigen\nDarstellung des Einzelnen hin; es entfernt sich von dem\nStreben nach idealer Ordnung der Verhältnisse, nach höch-\nster und reinster Harmonie; es ist dramatisch, nicht lyrisch,\nes erfüllt und fesselt die Phantasie, befriedigt aber nicht das\nheiligste, ideale Streben des Gemüthes. Nicht die Ruhe des\newigen Lichtes, sondern die Ruhe des Grabes durchdringt\n\nD. F."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "391", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541209-01.1.7", "texte": "dieses Werk und breitet ihre finsteren Schatten darüber aus.\nDas jüngste Gericht erscheint in allen seinen einzelnen Vor-\ngängen ; die Majestät des Richters, die Zertrümmerung der\nWelt, die Angst und die Rathlosigkeit, das demüthige Bit-\nten, später (bei dem quam olim Äbrahcie prommsti) das auf\ndas gegebene Versprechen sich stützende Trotzen der Auf-\nerstandenen: alles dies tritt in den lebendigsten Farben vor\nuns; aber die einfach erhabene Idee der ewigen Vergeltung,\nvor der alle Einzelheiten verschwinden, und die über die\nPhantasie hinaus in das innerste Wesen des Menschen dringt,\nwird dadurch nur geschwächt. So grossartig daher auch\ndas Requiem in seiner Art ist, die Art selbst ist nicht die\nhöchste; und trotz mancher schwächeren, nicht ernst genug\ngehaltenen Partieen scheint Mozart's Requiem doch die erste\nStelle zu behaupten. Die Sing-Akademie wiederholte einige\nTage nach der ersten Aufführung das Die Aus-\nführung selbst war übrigens vortrefflich und bewies, welche\nFortschritte das Institut unter Grell's Leitung gemacht hat.\nNamentlich ist die verständige und dabei maassvolle Nuan-\ncirung rühmend hervorzuheben.\nDie Soireen des Dom-Chors haben ebenfalls begonnen.\nDie Zusammenstellung älterer italiänischer und deutscher\nKirchenmusik mit Compositionen, die dem Kammerstil an-\ngehören, ist zwar nicht ganz passend, lässt sich aber den-\nnoch gegenwärtig noch nicht vermeiden. Wenn sich in Zu-\nkunft eine einheitsvollere Gestaltung als möglich erweisen\nsollte, so wird sie ohne Zweifel ergriffen werden. Die erste\nSoiree brachte Tu es Petrus von Palestrina,\nvon Vittoria, Magnificat von Gabriel!, Misericordias Domini\nvon Durante. Von diesen Stücken ist namentlich das letzte\ndurch innere Fülle und Lebendigkeit des Ausdrucks ausge-\nzeichnet. Die Textesworte enthalten bereits den Gegensatz\ndes Weichen und des Kräftigen, der von dem Componisten\nmit allen Kunstmitteln der polyphonen Schreibart benutzt\nist. Im zweiten Theile wurden eine Motette von J. M. Bach,\n„ Nun hab' ich überwundena, ein echt deutsches Stück von\ninnigem Ausdruck, einfach und mit Verschmähung alles\näusseren Glanzes, ein Psalm von Fr. Schubert, der sehr\nwohlklingend ist, aber nur geringen musicalischen Werth\nhat, und der achtstimmige Chor von Mendelssohn: „Denn\ner hat seinen Engeln befohlen\" (ursprünglich für den Dom-\nChor componirt, später mit einigen kleinen Aenderungen\nund hinzugefügter Orchester-Begleitung für den Elias be-\nnutzt), gesungen. Die chromatische Phantasie von S. Bach\nund eine Mendelssohn'sche Sonate für Ciavier und Cello bil-\ndeten den übrigen Theil des Concerts, dessen wohlgelun-\ngene Ausführung Herrn M. Ganz und einer jungen Clavier-\nSpielerin, Fräul. Seyffardt, anvertraut war. Die Sin-\nfonie-Soireen, sowohl die der Capelle als die Liebig'schen,\nhaben in letzter Zeit nichts Neues gebracht. In den Trio-\nSoireen der Herren Stahlknecht und Löschhorn kam\nein neues Trio von Friedr. Kiel, einem Schüler des Prof.\nDehn, zur Aufführung, von dem wir bereits im vorigen W in-\nter ein in vielen Beziehungen gelungenes Werk kennenlern-\nten. Bedeutendes formelles Geschick, Leichtigkeit und Ge-\nwandtheit, dabei strenge Vermeidung aller äusseren Effecte\nzeichnen das Trio aus; aber der Componist ist fast zu zu-\nrückhaltend. Die Themen bilden sich nicht zu prägnanter,\ncharakteristischer Gestaltung aus; und über dem Streben,\nnichts Gewöhnliches zu sagen, leidet mitunter die Schärfe\nund Plastik des Gedankens. Namentlich trat dieser Mangel\nim ersten Satze hervor.— Die Quartett-Soireen der Herren\nZimmermann und Genossen, so wie die Trio- und Quar-\ntett-Soireen des Herrn Birnbach haben ebenfalls ihren\nin künstlerischer Hinsicht sehr erfreulichen, aber für sie\nselbst wenig einträglichen Fortgang genommen. Ueberhaupt\nist dieser Winter, was die Concert-Musik betrifft, eben so\nmannigfaltig, als in der Ausführung befriedigend; ich glaube\nnicht zu irren, wenn ich dieser Saison vor allen früheren\nden Preis zuerkenne. Gleichzeitig werden aber die Concert-\nEinnahmen immer geringer, das Freibillet-Wesen nimmt\nimmer mehr überhand. Ueber Clara Schumann in\nmeinem nächsten Briefe.\n\nG. E.\n\nViertes Gesellschafts-Concert in Köln\nim Casinosaalc.\nDinstag, den 5. December.\nEs war eine Gedächtnissfeier Mozart's an seinem Sterbetage;\ndas Programm enthielt desshalb nur Mozart'sche Compositionen und\nwar sehr sinnig geordnet.\nDie Ouvertüre zur Zauber flöte eröffnete das Concert; sie\nging vortrefflich und zeigte sogleich, mit welcher Sorgfalt und Pie-\ntät man die diesmaligen Ausführungen vorbereitet hatte. Da es in neue-\nrer Zeit leider Mode geworden ist, aus dem Allegro dieser Ouvertüre\nein Presto oder gar Prestissimo zu machen, so athmeten wir freudig\nauf, als wir mit dem Einsatz der Violinen das würdige, gemessene\nTempo vernahmen. Zwar sind wir gewohnt, das Richtige in dieser\nHinsicht stets bei füll er anzutreffen, denn er ist nichts weniger\nals ein Freund der Parforce-Jagd; aber gerade bei so oft wieder-\nholten Musikstücken wie die Mozart'schen Ouvertüren und die\nBeethoven'schen Sinfonieen hat der musicalische Zeitgeist unläugbar\neinen Einfluss auf die Vortragsweise, und dieser ist nicht immer\nein vorteilhafter; ihn zu neutralisiren, ist eine Pflicht des Dirigen-\nten, die nur zu oft überhört wird. Tritt nun gar die neueste Lehre\nvon der Freiheit der subjectiven „Auffassung\" hinzu\n(„für was drein geht und nicht drein geht,\nein prächtig Wort zu Diensten steht!\")\nso ist's „zumeist der Herren eigner Geist\", den wir vernehmen,\nwährend der des Tondichters nach Erlösung seufzet. Es wird end-\nlich Zeit, dass man dem Hokuspokus, der mit der Dirigenten-Sub-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "392", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541209-01.1.8", "texte": "jectivität getrieben wird, den nackten Satz entgegenstellt: „Es gibt\nfür jedes Musikstück von einiger Bedeutung nur E i n richtiges Tempo.\"\nFräulein Bertha Johannsen trug darauf die Scene aus Ido-\nrn eneo für Sopran mit obligater Violine vor; das Recitativ und\ndas Andante gelangen der trefflichen Sängerin, die erst eben von\neinem glücklicher Weise nur vorübergehenden Unwohlsein herge-\nstellt war, besonders gut. DasAllegro ist, wie man zu sagen pflegt,\nein undankbarer Satz für die Sängerin, da mehr Fleiss auf die\nStickerei durch die Violine, als auf die Hauptzeichnung durch die\nSingstimme verwandt ist.\nHiernach sprach Herr A. Pütz einige „Worte der Erinne-\nrung an W. A. Mozart\" in Versen, die er selbst gedichtet hatte\nund die ihren Zweck erfüllten.\nAlsdann begann das Requiem und trug auf den Schwingen\nder Andacht und Begeisterung für alles Erhabene die Gefühle zu\ndem Ewigen empor; eine herrliche Erinnerungsfeier für den un-\nsterblichen Genius, aber wir müssen es unverhohlen aussprechen\ndie Umgebungen im Concertsaale sind dafür zu weltlich, das\nRequiem gehört in die Kirche. Will man es aus dieser auch ver-\nweisen, nun, so wird man es vor dem Bannstrahl einer modernen\nInquisition, welche die Kunst nach dem Canon ihrer Rechtgläubig-\nkeit misst und in ihrer sancta simplicitas keine Ahnung davon hat,\ndass die Kunst eine sichtbare Offenbarung des höchsten Glaubens,\ndes Glaubens an eine göttliche Inspiration, des Glaubens an den\nheiligen Geist ist, flüchten müssen in die stille Kammer, wo man\nden Gottesdienst des Herzens feiert, und sich mit der Zuversicht\ntrösten:\n„Und raubt man uns den alten Brauch,\nDein Licht, wer will es rauben?\"\nDie Ausführung des grossen und schwierigen Werkes war befrie-\ndigend und, wenn man die wenigen Proben und die Unmöglichkeit\nerwägt, den ganzen Chor für jede Probe zusammen und in der\nAufführung zum wirklichen Singen zu bringen, sogar sehr lobens-\nwerth. Im Chor war der Bass am kräftigsten, nächst ihm der Alt;\nder Tenor hätte zahlreicher besetzt sein und der Sopran mit mehr\nGlanz auftreten können. Das Solo-Quartett Fräul. Johannsen\nund Pels-Leusten, die Herren A. Pütz und M. DuMont\nwar zwar sicher, wie es nicht anders zu erwarten war; allein wenn\ndie vier Stimmen zusammen gingen, so schien uns doch manch-\nmal jene Zuversicht zu fehlen, die ganz unbekümmert um die Rich-\ntigkeit ist und nur dem Gefühle für den Vortrag freien Lauf lässt.\nAuch vermählte sich der Timbre des Tenors, so lieblich und rei-\nzend er in Begleitung von Männerstimmen ist, nicht zur Klang-\nEinheit mit den vollen Stimmen der übrigen Partieen.\nZum Schlüsse des Concerts gab uns Hill er die grosse C-dur-\nSinfonie, Op. 38, in einem so fein ausgearbeiteten Bilde wieder,\ndass wir ihm und dem wackeren Orchester, das so trefflich in die\nIntentionen seines Tonmeisters einging, den innigsten Dank aus-\nsprechen für eine symphonistische Darstellung, wie wir sie in sol-\ncher Vollendung nur sehr selten gehört haben.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nIlölii. Die Gebrüder Wieniawski waren am Dinsiag hier\nund wohnten dem Gesellschafts-Concerte bei. Früher eingegangene\nVerbindlichkeiten rufen sie nach Brüssel und von da nach Han-\nnover. Wir hoffen indess dennoch, sie auch bei uns im Laufe des\nWinters zu hören.\n/ ■ ■\n** Frankfurt a. 1,, 30. Nov. Herr B. Damcke, Musik-\nDirector aus Petersburg, hält sich seit einiger Zeit hier auf und\nscheint sich hier fixiren zu wollen. Er hat „Vorlesungen über die\nGeschichte der Musik'4 angekündigt, bei denen „Ausführungen her-\nvorragender, wenig bekannter Tonstücke aller Zeiten und Völker\n(?) die Darstellung des Charakters der verschiedenen Zeit-Abschnittc\nvervollständigen44 werden. Die Leitung dieser Ausführungen hat\nHerr Musik-Director Rühl übernommen. Die Vorlesungen sollen\nam 6. December im Saale des Mozarthauses beginnen und sind auf\nachtzehn Sitzungen berechnet."}]}