{"numero_id": "bm-bmtnabi-1854-12-16-01", "volume": "bmtnabi_1854-12-16_01", "ocr_sha256": "feff9651ab50fb96900f9d530bf70b85be5a9e372941d14587506e8c343a7efa", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1854/12/16_01/bmtnabi_1854-12-16_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541216-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1854-12-16-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-12-16_01#c001", "volume": "bmtnabi_1854-12-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "393", "page_fin": "396", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541216-01.2.1", "titre_corps": "Händel’s Susanna.", "titre_sommaire": "Händel’s Susanna.", "signature_source": "G", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "393", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541216-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4122, "texte": "Händel’s Susanna.\n\nDeutschland hat eine vaterländische Schuld an einen\nder Väter seiner neueren Tonkunst,\"an Seb. Bach, abge-\ntragen, nicht nur durch die vollständige Sammlung und\nHerausgabe seiner Werke, sondern mehr noch durch die\nliebevolle und begeisterte Hingabe, mit der sich eine grosse\nZahl der Tonkünstler von Fach dem Studium, der Ausbrei-\ntung und Aufschliessung dieser Werke gewidmet, mit der\nsie dem ehrwürdigen alten Meister eine wahre Auferstehung\nin unseren Tagen bereitet haben. An Händel dagegen ist\ndie volle Summe der Schuld, die wir ihm tragen, noch\nnicht ausgezahlt. Zwar was die öffentliche Schätzung und\nAnerkennung angeht, so sind darin seit fünfundzwanzig Jah-\nren ausserordentliche Fortschritte gemacht worden, und dies\nzwar auf einem ganz volkstümlichen Wege, man möchte\nsagen: fast ohne Vermittlung durch die Meister des Fachs,\ndie sonst die natürlichen Lenker des musicalischen Ge-\nschmacks sind. Wenn Bach, durch Akademieen und Con-\nservatorien eingeführt, zunächst und wesentlich unter den\nKennern und Musikern von Profession fortgewirkt hat, wie\nes der ganzen Lebensthätigkeit des Meisters und dem Cha-\nrakter seiner Werke gemäss ist, so ist dagegen Händel im-\nmer da gesucht worden, wo man für grosse Aufführungen\nvor Massen, für Gelegenheitsfeiern und Volksfeste Stoffe ge-\nbrauchte; und dies war dem weltmännischen Leben Hän-\ndel's und dem historischen Charakter seiner Oratorien eben\nso entsprechend. Für Bach hat man sich vorzugsweise in\nLeipzig und Berlin geregt, in Mittel-Deutschland, im Nord-\nosten, in den Gegenden, wo er lebte und wirkte; für Hän-\ndel ist das Mehrere in jener volkstümlichen Propaganda\nim Nordwesten, unter Niedersachsen geschehen, zu denen\nsich Händel früh gezogen fühlte, bis er zuletzt ihren ausge-\nwanderten Söhnen nach England mit der hannoverschen\nDynastie nachwanderte. Nur mit Befriedigung kann man\ndaran zurückdenken, was auf jenem Wege, weil dem wün-\nschenswertesten von allen, in dem letzten Menschenalter\nfür die Bekanntwerdung Händel'scher Werke geschehen\nist, bei dessen Anfängen eigentlich nur der Messias in einem\nallgemeineren Sinne bekannt war, während jetzt Händel's\nhistorische Oratorien fast alle und fast allerwärts in Verei-\nnen und Kränzen heimisch geworden sind und durchweg\nden Grundstock aller Gesangs-Aufführungen ausserhalb der\nBühne bilden, schon wegen ihrer Zahl, mehr aber wegen\nihrer Gemeinfasslichkeit und immer gültigen Wahrheit. Da-\ngegen ist nun gerade von den gelehrten Berufs-Meistern in\nDeutschland für die Bekanntmachung von Händel's Werken\nnur Weniges, Zerstreutes und Vereinzeltes geschehen. Von\neinzelnen, selbst oft aufgeführten Stücken gibt es keine in\nDeutschland gedruckte Partitur, von mehreren kennt man\nnur Clavier-Auszüge mit verstümmelten Texten. An eine\ndeutsche Gesammt-Ausgabe der Werke nur zu denken,\nfehlte bisher selbst nur die Anregung, obgleich so viele\nmusiksinnige Höfe, so viele einflussreiche Anstalten dazu\nden erfolgreichen Anstoss geben konnten. Zu den Quellen\nwürde der Zutritt von dem gegenwärtigen Hofe in London\nnicht verweigert werden. Die englische Pracht-Ausgabe\nschleppt sich langsam hin und wird kaum dem nächsten Ge-\nschlechte ganz zugänglich sein. Eine deutsche Text-Bear-\nbeitung wird sie uns immer vermissen lassen, wenn sie\nauch endlich vollendet ist.\nSo erklärt es sich, dass noch immer namhafte Werke\nvon Händel in seinem musikfrohen Vaterlande, das aller ge-\nschichtlichen Tonwerke der fernsten Zeiten und Nationen\nmächtig ist, nicht einmal dem Namen nach bekannt\nsind. Nicht einmal die Gier nach Neuem, die doch alle Welt\nzu beherrschen pflegt, hat vermocht, uns nach diesen zwar\nalten, aber für uns doch gänzlich neuen Neuigkeiten aus-\nspähen zu machen. Vor nun 1 V2 Jahr haben Sie in Ihrem\nBlatte auf den Alleground Pensieaufmerksam gemacht,\nder zu diesen unbekannten Dingen gehörte. Seitdem hat\nsich Herr Rühl in Frankfurt durch die Aufführung dieses\nWerkes und durch die Herausgabe eines vollständigen Cla-\nvier-Auszugs (Frohsinn und Schwermuth. Bonn, bei Sim-\nrock) verdient gemacht. Dieser unverhofft rasche Erfolg\nmacht mir Muth, Ihnen heute eine zweite Mittheilung zu"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "394", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541216-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5349, "texte": "machen über ein anderes Werk, das dieser Tage in dem-\nselben hiesigen Kreise gesungen wurde, der voriges Jahr\nden Allegro aus der Vergessenheit zog, und das noch weit\nunbekannter ist, als dieser. Der ist wenigstens in\nEngland immer verbreitet und in Familien und Schulen be-\nliebt gewesen. Die Susanna aber (dies ist das Oratorium,\ndas ich meine) ist selbst dort nur Wenigen bekannt und, so\nweit wir wissen, aus der Reihe der dortigen Auflührungen\nseit lange verschwunden. Dies sollte auf den ersten Augen-\nblick verwundern. Die Susanna ist in derselben Zeit der\nvierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts entstanden, in der\nalle die grössten Werke Händeln geschrieben sind, und,\nobgleich abweichend in seinem ganzen Charakter und ver-\nschieden gefärbt von jedem anderen Händel'schen Oratorium,\nist es doch gerade durch diese Eigentümlichkeit höchst an-\nziehend und empfiehlt sich namentlich dem Privatgebrauche\ndurch eine zusammenhangende Reihe reizender Solo:Par-\ntieen. Wahrscheinlich sind es auch äusserliche Ursachen\ngewesen, die das Werk aus den Musiksälen ausgeschlossen\nhaben. In England hat man wahrscheinlich in falscher Prü-\nderie an dem Gegenstande Ansloss genommen, der übrigens\nin der anständigsten Sittigkeit behandelt ist. Dann aber ist\ndas Werk zu lang, und es lässt sich nicht viel abkürzen,\nwenn die Handlung nicht zerrissen werden soll. Selbst für\nein englisches, auch in seinen Erholungen energisches Pu-\nblicum, das zu einer Shakespeare'schen Tragödie, die bei\nuns immer beschnitten werden muss, wohl noch ein drei-\nactiges Lustspiel in den Kauf nimmt, wäre die unverstüm-\nmelte Susanna gedulderschöpfend. In dem Kranze, der sie\nhier sang, kürzt man nicht gern; doch sah man sich in die-\nsem Falle genöthigt, eine Anzahl Soli und in den beibehal-\ntenen zweisätzigen Arien die übliche Wiederholung des\nersteren Theils (nicht ohne einzelne Uebelstände) wegzulas-\nsen; auch so währt das Ganze, auf das Onerlässliche re-\nducirt, fast drei Stunden ohne die Pausen. In dieser Länge\nhat es gleichwohl Niemand zu lang gefunden.\nWas indessen zur Hervorziehung dieses Werkes vor\nvielen anderen hätte reizen sollen, ist seine leichtere Ein-\nund Zugänglichkeit. Es kann nicht mit irgend einem der\nhistorischen Oratorien an Tiefe und Erhabenheit gleich ge-\nstellt werden, aber es wird vielleicht mehr als alle anderen\ndas an Opern und neuere Tonstücke gewohnte Publicum\ngewinnen und fesseln. Dies liegt wesentlich darin, dass es\neine opernartige, ganz dramatisch verlaufende Handlung vor-\nführt, die jeder Hörer, auch ein ungebildeter, völlig be-\ngreift, lür die er durch den blossen Text in die nöthige\nStimmung versetzt wird, in der dann die Wirkung der kla-\nren und einfachen Composition unbehindert Platz greift.\nOratorien wie der Messias und der Timotheus bedürfen\nschon einer Erklärung des Textes, der bloss über voraus-\ngesetzte Handlungen redectirt; der Messias hat den Vortheil\nvoraus, dass diese Handlungen bekannt und die daran ge-\nknüpften Empfindungen unserem christlichen Gemülhe von\nJugend auf vertraut sind; den Timotheus dagegen kann\neigentlich nur ein Hörer würdigen, der von Alexander's Ge-\nschichte und vom griechischen Leben eine innerliche Kennt-\nniss besitzt. Daher stehen uns die alttestamentlichen Ora-\ntorien schon bedeutend näher, da wir mit der jüdischen\nGeschichte früh bekannt gemacht werden. Noch näher rückt\nuns dann ein Stück wie der Allegro, der sich ganz um Ver-\nhältnisse dreht, in denen wir leben, und dessen Gesang-\nstücke uns daher wie moderne Tonsätze anmuthen. In der\nSusanna ist dies noch mehr der Fall. Von der prophetischen\nLösung des Knotens abgesehen (die übrigens selbst vom\nDichter und Componisten ganz unprophetisch gehalten ist),\nkönnte diese ganze Handlung, wie sie der Text behandelt,\nheute noch eben so vorgehen. Sie ist von dem Dichter ohne\nlocale oder nationale Färbung dargestellt, und diese Natur\nder Dichtung hat sich, wie immer bei Händel, unmittelbar\nauf den Charakter seines Tonwerkes übertragen. Die Reci-\ntative und Arien, welche die Handlung allein fortrücken,\nsind zwar keine Compositionen in moderner Manier, aber\nsie sind auch durch kein alterthümliches oder fremdnaliona-\nles Colorit unverständlich. Dazu kommt, dass der ganze In-\nhalt, der von dem friedlichen, obwohl gestörten, Glück eines\nsittlich reinen, einfachen Ehebundes handelt, in dem Grund-\ntone der Tonsätze eine idyllische Einfachheit bedingte, wess-\nhalb alle Bravourstücke und künstlichen Figuren, die uns in\nder älteren Musik oft fremd berühren, ausgeschlossen sind.\nDas Neuzeitliche, Anheimelnde drückt sich am stärksten in\nmehreren liederartigen Stücken aus, die man unter einem\nanderen Namen Jedem für Compositionen neueren Datums\nverkaufen könnte. Sie treten fast dem Volksliede nahe, und\nin jedem solchen Falle enthüllt sich die volksthümliche Na-\ntur von Händel's Musik in der anmuthigsten, einfaltvollsten\nWeise. Wo er eine Arie in dem Tanztacte der Gisue hält\noder mit der Bezeichnung alla siciliana (ein langsamer Tanz]\nversieht, darf man sich auf solche Tonsätze der einfachsten\nmelodiösen Eingänglichkeit gefasst halten. Es macht ganz\nden Eindruck, wie wenn Shakespeare von den Liedern der\nSpinnstube spricht und ein reizendes Beispiel davon in be-\nhaglichem Wohlgefallen mittheilt.\nIch nannte die Handlung dieses Oratoriums opernartig.\nDas Wrerk eignet sich vielleicht mehr als jedes andere dazu."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "395", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541216-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5384, "texte": "die fast unkenntliche feine Scheidelinie zwischen Oper und\nOratorium daran zu erläutern. Ursprünglich, wo das Ora-\ntorium in Italien nur kirchliche Aufführung heiliger Musik\nwar, war die Gränze zwischen beiden Gattungen weit und\ndeutlich gezogen. Bei Händel aber ist das Oratorium ver-\nweltlicht, die Benennung gestattet nicht mehr die Rückfüh-\nrung auf orare,wohl aber auf Es enthält im Gegen-\nsatze zu der Oper, die da Worte, Handlungen in aller Ein-\nzelheit und Verständlichkeit ihres Verlaufes vorführt und\nmusicalisch begleitet, wesentlich redende Musik, Texte,\ndie nur wenige, immer etwas in Entfernung gehaltene Hand-\nlungen mehr nur andeuten, um auf Empfindungen und Af-\nfecten allein zu weilen, die der reinen Tonkunst reiner Ge-\ngenstand sind. So sind z. B. die Oratorien Belsazar und\nSamson nichts als gereinigte Opern, d. h. mit musicalischem\nFeingelühl geläuterte Handlungen, die mit keinem äusser-\nlichen Blendwerke, mit keinen trivialen Vorgängen die mu-\nsicalische Komposition kreuzen oder die Tonkunst von ihrem\nwürdigen Zwecke und echten Ziele ab- und herabziehen.\nJe mehr die Scenen dieser und fast aller alttestamentlichen\nOratorien Händel's ausgeführten Handlungen näher an- und\nheranrücken, desto mehr wird die Musik dramatisch; je\nmehr der Text dem Thatsächlichen ferner gegenübertritt,\ndesto oratorischer wird sie. In der Susanna ist dieses aul-\nfallend deutlich. In dem ersten Theile sind drei Chöre, die\nder Handlung nur ganz rellectirend zur Seite stehen; sie\nsind ganz oratorisch. Im dritten Theile greift der Chor ganz\nunmittelbar in die Handlung mit leidenschaftlicher Erregung\nein, und sogleich ist er ganz dramatisch, opernhalt und völ-\nlig bühnengemäss. So ist die ganze Handlung unter den\nEinzelpersonen opernartig, bei aller Einfachheit wohl dar-\nstellbar, und dies am meisten in dem zweiten Theile, wo\ndie Handlung in das Thätige und I hätliche übertritt.\nFünf bis sechs Sänger und Sängerinnen können sich\nin dem engsten häuslichen Kreise von diesem musicalischen\nDrama eines häuslichen Inhalts den ganzen wesentlichen\nGenuss verschaffen. Den Chor, der fast durchgängig nur\nals beschaulicher Betrachter neben der Handlung steht,\nkann man weglassen, ohne den Zusammenhang der Hand-\nlung viel zu stören. Der Componist hat die Absicht des\nDichters, der Handlung unter den Einzelpersonen die Haupt-\nbedeutung zu belassen, verstanden und befolgt. Die Chöre\nbeeinträchtigen dieselbe weder durch Zahl noch Gewicht;\nihr verhältnissmässig geringerer Werth mag dazu beigetra-\n' gen haben, dieses Oratorium aus den Vereinen entlernt zu\nhalten, wo der Chor vorzugsweise gesucht wird. Der ganze\nzweite Theil hat bloss am Schlüsse einen kurzen, fugirten\nChor, eine Form, die Händel hier und da meisterhaft zu\n' *\nZwecken der Charakteristik verwandt hat, im Allgemeinen\naber, wie ich zu bemerken glaube, hauptsächlich da ge-\nbrauchte, wo er verstandeskalte Texte vor sich hatte, aus\ndenen er wohl ein solches „undenkbares Meisterstück\" (wie\nman die Fuge wohl genannt hat) bilden konnte, aber nichts\nfür das Gemüth zu entnehmen wusste; so in diesem Falle,\nwo der Chor eine schale Reflexion zu sagen hat, und wo\ndie ganze Composition zu nichts dienen soll, als die Hörer\naus den tragischen Eindrücken der vorhergegangenen Arie\n(der mit Tod bedrohten Susanna) herauszureissen, die doch\nin dem idyllischen Stücke von glücklichem Ausgange nicht\nzu tief eingreifen sollen; und so soll auch durch keine mu-\nsicalische Massenwirkung von zu einschneidender Art die\nAufmerksamkeit von der Haupthandlung unter den Einzel-\npersonen abgezogen werden, auf der alles Gewicht allein\nliegt. In drei Abtheilungen von je zwei Scenen bewegt sie\nsich in einer wunderbaren Ebenmässigkeit und einfältig na-\nturgemässen Wahrheit. Die erste dieser Scenen versetzt in\ndas Glück des Ehepaars Joachim und Susanna, über das sich\nam Schlüsse der Schatten einer bösen Ahnung legt; die\nzweite führt die beiden der Susanna nachstellenden Richter,\nden sanften schwärmenden, den rohen leidenschaftlichen, in\neinigen vortrefflichen Tenor- und Bass-Arien vor und eröff-\nnet ihren bösen Anschlag. In der dritten wird die einsam\ntrauernde Susanna durch den Ausbruch des tragischen Lie-\nbesschmerzes ihrer Dienerin noch einmal vorbereitet auf das\ndrohende Unheil, das sich dann mit dem Einbruch der Rich-\nter in aller dramatischen Lebendigkeit entwickelt, deren\nSpitze ein meisterhaftes Trio (dem in Acis und Galathea\nnicht unähnlich) bildet. Dann wandelt sich der elegische\nTon der fünften Scene (Susanna's Verurtheilung) in plötz-\nliche Spannung bei dem Eintritt des jungen Daniel, und mit\nder Rückkehr Joachim's kehrt dann auch die Handlung und\nihr musicalischer Ausdruck zu dem ersten idyllischen Frie-\nden zurück; sinnig weis't dann das Schluss-Duett der neu-\nbeglückten Gatten auf das Eröffnungs-Duett zurück, in dem\nsie ihr noch ungestörtes Glück besingen. Jede dieser Sce-\nnen ist in einem anderen, immer gleich angemessenen Cha-\nrakter ausgeführt, jede gleich glatt und abgerundet, dass\nder Hörer über nichts Unebenem, nichts Unerwartetem,\nFremdartigem strauchelt, dass die Composition zu der na-\ntürlichsten Empfindungsweise am tiefsten spricht, indem sie\nin jener schlichten Wahrheit verläuft, als müsse jeder Ton\nund jedes Gesangstück eben so sein, wie es ist. Diese innere\nNotwendigkeit ist in aller Kunst ihr letzter und höchster\nPreis. Vielleicht ist in diesem Musik-Drama keine Arie, die"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "396", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541216-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5297, "texte": "& '\nunter Händel's Stücke des ersten Ranges gesetzt werden\nkann; dies ist aber uns ein Vorzug, da jede überschwäng-\nliche Erhabenheit oder grundlose Tiefe in dieser Idylle der\nWahrheit und Natur des Ganzen Eintrag gethan hätte. Auf\nder anderen Seite ist dagegen keine Arie dieses Oratoriums\nwerthlos oder gleichgültig; alle sind voll charakteristischer\nZüge und eine ganze Reihe davon einer unendlichen Ver-\ntiefung durch seelenvollen Vortrag fähig. Mit den einfachen\nNaturkräften, mit denen die Susanna hier gesungen ward,\ngewann sie augenblicklich und ausnahmslos jeden Zuhörer\nmit unwiderstehlicher Gewalt, und ich bin überzeugt, dass\nsich diese Wirkung überall einstellen wird, wohin dieses rei-\nzende Werk seinen Weg finden sollte, wenn es nur mit\nder rechten Einfalt behandelt wird. Die dramatischen Eigen-\nschaften desselben könnten leicht den Gedanken erregen,\nob sich nicht dieses Oratorium vor allen anderen zu dem\nVersuche eignen sollte, wie weit diese Gattung durch eine\nmässige Belebung der Handlung für das Auge den heutigen\nAuditorien auf der Bühne noch zugänglicher gemacht wer-\nden könnte. Doch werden die Chöre wegen ihrer verschie-\ndenartigen Stellung zu der Action eine innerliche Unange-\nmessenheit dabei immer durchfühlen lassen. Dies ist ganz\nanders z. B. mit den ganz bei der Handlung festgehaltenen\nChören in Acis und Galathea, ein Stück, mit dem vor Jah-\nren Macready den Versuch der Aufführung in London unter\ndem Beifall empfänglicher Zuhörer gemacht hat. Möglich,\ndass dieses Wagestück nur unter Engländern gelingen konnte,\ndie in Händel's Musik ganz anders eingelebt sind, als wir.\nDer Stoff jenes Werkes verlangt schon ein besonders ge-\nbildetes Publicum; es ist eine „Maske\" von gemischtem\nnaiv-idyllischem, humoristischem und elegisch-tragischem Cha-\nrakter, eine Gattung, die Shakespeare unter demselben Na-\nmen auf der Schaubühne fand und zu ähnlichen Gegenstän-\nden einer gemischten Beschaffenheit verwandte.\nDer Einsender benutzt gern diese Gelegenheit, auf\ndiese Novität und mit ihr auf den alten Meister wieder hin-\nzuweisen. Er ist der gewissen Ueberzeugung, dass, so wie\nShakespeare's nähere Bekanntwerdung in Deutschland eine\nneubelebte Dichtung hervorrief und sein inniges Verständ-\nniss zur einfachsten, geistigsten, tiefsten Theorie des Dra-\nma's hinleiten musste, eben so Händel's Werke, wenn sie\neinmal ihrem ganzen Umfange nach in Deutschland b e kannt\nund gekannt sind, die wesentlichste Anleitung geben werden\nzur Begründung der viel gesuchten, von allen tiefer Stre-\nbenden noch vermissten Theorie dieser geheimnissvollen\nKunst, der Musik. Diese Anleitung wird aber freilich nicht\nzu dem Ergebniss führen, zu dem die wiener Theoretiker\njetzt eben gelangen, welche die Musik für eine Art Kalei-\ndoskop erklären, denen nur die Instrumental-Musik, die\nreine, absolute Tonkunst ist. Dies ist das entsprechende\nDogma zu dem Cultus des musicalischen Sinnentaumels,\nder hauptsächlich von Wien aus die deutsche Welt so lange\nbeherrscht und den musicalischen Geschmack entnervt hat.\nDort, wo man die „redende\" Musik ausserhalb der Oper\nnie gewürdigt, hat man sich in der Praxis gewöhnt, die\nMusik zu nichts Anderem zu gebrauchen, als wozu man\nEssen, Trinken und Tanzen braucht, und es ist ganz in der\nOrdnung, dass ihr die dortige Philosophie alle Bedeutung\nfür den Geist und die Sitte abspricht. Man ignorirt so die\nganze Geschichte der alten Tonkunst, der Zeiten, in denen\nes so zu sagen noch gar keine Instrumente gab, aus denen\naber von einer Vocalmusik einfachster Mittel Wirkungen\nüberliefert sind, welche die ganze Kunst der neueren Zei-\nten mit all ihrem unermesslichen Apparat nicht wieder er-\nreicht hat. Die Alten haben die Mythe erfunden, Pallas habe\ndie Flöte nach versuchter Uebung hinweggeworfen. Weil\nsie den Mund entstellte, sagten die Ausleger der Mythe,\nderen ästhetischer Sinn an den bildenden Künsten ge-\nschult war. Aber die musicalisch Gebildeten legten\nsie treffender aus: weil das Instrument den Gesang aus-\nschliesse und mit dem Worte der Musik die Bestimmung\nentziehe, auf die Sittenbildung zu wirken. Dieser Auslegung\ndes Aristoteles würde auch Händel seinen Beifall geben,\ndessen Tonkunst ihren tiefen Werth aus der Tiefe seiner\ninstinetiven Menschenkenntniss empfängt, die in aller Kunst,\nin aller Geschichte, in aller den Menschen betreffenden Wis-\nsenschaft den wahren Genius allein und wahrhaft auszeich-\nnet, wenn nicht überhaupt kennzeichnet.\nIch lege Ihnen, wie das vorige Mal von dem\neinen Text der Susanna bei, und überlasse es Ihnen, ob\nSie ihn mit veröffentlichen wollen, damit ein Unternehmer,\nder vielleicht zur Herausgabe eines Clavier-Auszuges Lust\ntrüge, sogleich vor sich sehe, um was es sich handelt, und\nder Herausgeber diese Uebersetzung benutzen kann *).\nHeidelberg, den 5. Deeember 1854 i\n*) Ich werde sie jedenfalls den Lesern mittheilen. In Bezug auf\nBühnen-Aufführung Händel'scher Oratorien erlaube ich mir,\nan einen Aufsatz von mir: „Samson, eine Tragödie.\"\nhei Gelegenheit der Besprechung des niederrheinischen Mu-\nsikfestes im Jahre 1843 im Feuilleton der Kölnischen Zeitung\nzu erinnern ; er wird in der Sammlung meiner musica-\nlischen Schriften wieder abgedruckt werden, die dem-\nnächst erscheinen wird. Leber Acis und Galathea bemerke\nich, dass sich die Speculation der Unternehmer des Panop-\n\nG."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-12-16-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-12-16_01#c002", "volume": "bmtnabi_1854-12-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "397", "page_fin": "398", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541216-01.2.2", "titre_corps": "Ueber Gesang-Unterricht.", "titre_sommaire": "Ueber Gesang-Unterricht.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "397", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541216-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5039, "texte": "Ueber Gesang-Unterricht.\n\nDas Sprüchwort: „Ueberall, wo die Kunst zu Grunde\ngegangen, ist sie durch die Künstler zu Grunde gegangen\n— findet jetzt auf die Kunst des Gesanges eine doppelte\nAnwendung, indem nicht nur die Sänger und Sängerinnen\nund leider auch die Gesanglehrer, sondern auch die Com-\nponisten für den Gesang, namentlich die Opern-Componi-\nsten jeder Gattung, von der hoch tragischen Meyerbcei s\nund — Verdes, bis zu der niedrig-komischen der Herren\nAdam, Thomas u. s. w., um die Wette dazu beitragen,\nsie zu vernichten. Diese Herren kennen nämlich gar keinen\nnatürlichen Unterschied der Stimmen mehr an, als allenfalls\nnoch den des Geschlechtes, wiewohl man auch heieits Bei-\nspiele hat, namentlich von französischen Componisten, dass\nman dem Tenor ein Sopran-Register zumuthet. \\on na-\ntürlichen Gränzen der Frauenstimmen ist so wenig mehr\ndie Rede, als. von den natürlichen Gränzen der Völker :\nman schreibt die Opernpartie für einen Umlang von zwei\nund einer halben Octave, und kümmert sich den Teufel\ndarum, ob Primadonnen von diesen Dimensionen existi-\nren oder nicht, und ob clieTheater-Directionen die seltenen\nExemplare solcher Singvögel mit Hunderttausenden er-\nkaufen müssen.\nDie Gesanglehrer, die berühmten Professoren an den\nConservatorien (oder Destructorien?) des Gesanges lügen\nsich den hochgestellten Componisten und concentriren ihre\nganze Kunst hauptsächlich auf die Ausreckung der\nStimme nach oben und unten. Eine Schülerin aus Frank-\nreich, Deutschland, Schweden oder Polen kommt nach\nParis, der hohen Schule der Gesangeskunst:\nsie kommt mit allem guten Muth,\nleidlichem Geld und frischem Blut,\nund geht zu einem Professor, welcher besonders über die\nbeiden letzten Eigenschaften der jungen Aspirantin sehr\nerfreut ist. Sie singt ihm etwas vor\nZum Willkomm tappt er dann nach allen sieben Sachen —\nund hat sie eine Sopranstimme, so verblüfft er sie mit\ndem Donnerworte: „Was wollen Sie mit Ihren paar Tö-\nnen ohne Tiefe anfangen? Für Ihr beschränktes Register\nschreibt heutzutage kein Mensch mehr!\" Hat sie einen\nMezzosopran oder Alt, so fährt er sie mit derselben Rauh-\nheit an, nur dass er statt „ohne Tieleu „ohne Höhe\nsetzt. Ist das arme Kind traurig oder spricht wohl gar vom\nWiedernachhausegehen, so tröstet er sie schnell, macht ihr\nbegreiflich, dass die Kunst das Substitut dei Natur sei,\ndass er diese Kunst in höchster Vollendung besitze, und\ndass vermittels eines Honorars von zehn tranken füi die\nStunde ihre Stimme den unerliisslichen Lmfang ei langen\nwerde.\nDie Jüngerin ist entzückt und schreibt nach Hause, dass\nihre Stimme binnen kurzer Zeit ein paar Zoll länger ge-\nworden sein werde. Welch ein Glück! Einige Monate\ndarauf kommt ein Brief von ihr in der Heimat an, der da\nmeldet: „Ich bin ernstlich krank, meine Stimme ist total\ngeschwächt, mein Geld ist alle!\" Welch ein Unglück!\nWas ich hier sage, ist nicht Uebertreibung, sondern\ndurch viele Beispiele zu belegende Wahrheit. Und dennoch\nströmen die Gesang-Schüler und Schülerinnen aller Welt\nimmer noch nach Paris? Seien wir gerecht! Ich gebe gein\nzu, dass die Mode, der Ruf, die immer noch in Deutsch-\nland und anderen Ländern herrschende Meinung, dass\nnur in Paris die hohe Schule der Gesangkunst sei, dass\nalles dies viel dazu beiträgt, jenen Strom zu befördern:\naber es gibt auch vieles wirklich Gute und auf das ganze\nLeben des Künstlers Einllussreiche, das man allerdings dort\nfindet. Dies ist, abgesehen von derjenigen unschätzbaren\nHülfe zur Entwicklung des Künstlers, welche in dem Hören\nvon vieler Musik besteht und zwar wird dieselbe, sie\nmag gut oder schlecht sein, immer gut, gewissenhalt, präcis\nund elegant ausgeführt die vorzügliche Anleitung zui\nBildung des Tones und zur technischen Fertigkeit im Ge-\nsänge. Den wahren Ausdruck des Gesanges, die Seele dei\nTöne, kann natürlich kein Lehrer dem Schüler geben: der\nAusdruck muss aus dem Gefühl, der Phantasie, dorn geisti-\ngen Durchdringen der Composition erwachsen. Allein alle\ndiese Vorzüge, wenn sie sich auch in einem Individuum\nmit einer schönen Stimme vereinigen, machen den Künstler\nnoch nicht. Ein solcher kann der Sänger nur dann erst\nwerden, wenn er zugleich vollkommen Herr über alle die\nMittel ist, welche die einsichtsvolle Behandlung der\nStimme ihm für den höchsten Zweck des psychischen Aus-\ndrucks darbietet, also mit anderen Worten nur durch eine\nvollendete Ausbildung der Technik. Dafür, für die mecha-\nnische Ausbildung der Fertigkeit auf dem zarten Instrumente\nder Stimme, findet man allerdings Lehrer in Paris. Ein zwei-\nter Vorzug, den der pariser Unterricht unläugbar hat, ist die\nAusbildung der Deutlichkeit der Aussprache, und wie weit\nnamentlich unsere deutschen Sänger und die meisten unserei\nGesanglehrer in diesem Punkte zurück sind, zeigt leider die\n\ntikon in London (Leicester Square) dieses Oratoriums be-\nmächtigt hat; es wurde im Mai und Juni, und wird wahr-\nscheinlich noch jetzt, in diesem Gebäude, wo man alleilei\nWunder der Kunst und Industrie durch einander schaut, mit\nOrgelbegleitung und grosser Decorationspracht gegeben.\nL. B."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "398", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541216-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4093, "texte": "tägliche Erfahrung. Wrir wollen einmal gar nicht von den\nConsonanten reden, sondern nur von der Reinheit der Vo-\ncale, freilich der Hauptsache beim Singen; was bekommen\nwir da meist für Verstösse gegen die Tandauer zu hören,\nwie oft wird im Munde des deutschen Sängers die Sonne\nzum Sohne, der Vater zum G e v a 11 e r u. s. w. u. s. w.!\nJa, ich habe sogar schon die Behauptung gehört, dass ein\nkurzer Vocal sich auf eine lange Note gar nicht mit seinem\neigentlichen Laut aussprechen lasse, und dass es unmöglich\nsei, die verschiedenen Nuancen des Vocals im Gesänge zu\n> O\nberücksichtigen. Bei solchen Grundsätzen von vorn herein\nist freilich an wahrhaft künstlerischem Unterricht zu ver-\nzweifeln. Nimmt man nun noch dazu, wie viele Gesang-\nlehrer selbst nicht einmal ihre provincielle Aussprache ab-\nlegen können, wie sie mit Aund O ewig brouillirt bleiben,\nund kommt man gar auf die Consonanten, so darf uns\ndie Lietce zum Vaderlande nicht hindern, die Fehler und\nSchwächen unseres Unterrichtes aufzudecken, indem wir\nihn nur dadurch bessern können.\nFreilich lernt der Gesangschüler in Paris nicht das\nDeutsche richtig aussprechen; aber gerade, dass er gezwun-\ngen ist, in fremder Sprache zu singen, ist ein Förderungs-\nmitlel der richtigen Aussprache auch des vaterländischen\nIdioms. Wer gelernt hat, das Französische und Italiänische\nrein und deutlich im Gesänge auszusprechen, der wird diese\nVorzüge, an die er sich gewöhnt hat, bei einiger Aufmerk-\nsamkeit mit Leichtigkeit auch auf das Deutsche übertragen.\nDiesen beiden Dingen, der Bildung der Technik und\nder Aussprache, wird aber auch alles Uebrige bei dem pa-\nriser Gesang-Unterricht aufgeopfert, und die musicalische\nAusbildung des Sängers wird in Deutschland weit gründ-\nlicher und nachhaltiger betrieben. Nehmen wir also das\nGute von drüben in unseren Unterricht auf - und an\ntrefflichen theoretischen Werken dafür fehlt es uns nicht\n—, wenden wir auf jene beiden Dinge den vollsten Ernst,\nso werden die Jünger des Gesanges um so lieber in unsere\nSchule kommen, weil sie dabei nicht die oben geschilderte\nGefahr laufen.\nWenn aber die gelehrten Gesang-Professoren zuwei-\nlen die Stimmen verderben, was soll man dann erst von\nder Ungeschicklichkeit derjenigen sagen, welche im Gesang\nunterrichten und doch die Gesangskunst gar nicht studirt\nhaben?\nDieselbe Klage wurde schon in längst verilossenen\nZeiten gehört. Folgende Stelle, einem Werke des vorigen\nJahrhunderts entnommen, gibt hinlängliches Zeugniss von\ndem verderblichen Missbrauch, eine Kunst auf's Gerade-\nwohl zu lehren, die man nicht gründlich versteht; und die\nAusdrücke, die ihn damals verdammten, sind noch weit\npassender für unsere Zeiten.\nDie Worte lauten: „Ein anderer Uebelstand von äus-\nserster Wichtigkeit ist, dass Viele sich anmaasscn, Unter-\nricht im Gesänge zu geben, ohne die Regeln desselben prak-\ntisch erlernt zu haben, und ohne zu wissen, wie sie den\nSchüler stufenweise weiter führen sollen. ... Sie glauben,\nes sei vollkommen hinreichend, ein wenig die Violine spie-\nlen oder ein paar Accorde auf dem Ciavier greifen zu kön-\nnen, um Gesang-Unterricht zu ertheilen.... sie glauben,\nalles gethan zu haben, wenn ihre Schüler einige Passagen,\nsei es auch noch so unvollkommen, ausführen, oder ein paar\nGurgeleien, die dem Ohr wehe thun, herausschreien. Dies\nist der Unterricht, den manche Gesanglehrer unserer Zeit\ngeben, dies ist ihr Wissen. Es ist eine wahre Entweihung\nder Kunst, dass ein schlechter Ciavier- oder Violinspieler\nsich die Eigenschaft eines Lehrers der Gesangskunst an-\nmaasst, ohne die ersten Anfangsgründe derselben zu ken-\nnen. Sie lassen ihre Schüler aus vollem Halse schreien und\nverderben die schönsten Stimmen, weil sie selbe nicht zu\nbilden, ihren Umfang nicht zu erweitern verstehen; da hört\nman die störendsten Ungleichheiten der Register, falsche\nIntonationen, Kehl- und Nasentöne u. s. w., weil diese Mei-\nster verlangen, der Schüler soll mit der Stimme dasselbe\nausführen, was sie auf ihrem eigenen Instrumente spielen\netc. etc.\" (Mancini: „Praktische Bemerkungen über den\nfigurirten Gesang\".)\n\nEin ehemaliger Gesanglehrer."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-12-16-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-12-16_01#c003", "volume": "bmtnabi_1854-12-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "398", "page_fin": "400", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541216-01.2.3", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "Franz Messer", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "398", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541216-01.1.6", "debut_caractere": 4095, "fin_caractere_exclue": 5317, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\n\nE4ölsi. Im Stadttheater gab Fräulein Günther den Romeo\nmit wohlverdientem Beifall; wir haben, ausser Johanna Wagner,\nkeine Sängerin gesehen, welche eine für Männerrollen so ange-\nmessene und schöne Persönlichkeit besässe, wie Frl. Günther; da-\nbei ist ihre Stimme voll und kräftig, die Brusttöne sind schön, und\ndie Höhe braucht nicht forcirt zu werden. Auch im Spiel macht\nsie Fortschritte. Fräulein Rochlitz gab die Julie, und wenngleich\ndie Coloratur noch Manches zu wünschen übrig lässt, so ist doch\ndas Talent und das fleissige Streben dieser jungen Künstlerin,\nwelche fast täglich beschäftigt ist, sehr anzuerkennen. Sic hat an\nReinheit der Intonation gewonnen, und eine gute Schule würde\ngewiss auch dem Ton eine edlere Färbung geben. Aber wo sollen\ndie Sänger an einem Provincial-Thcater die Zeit zum Unterricht\nhernehmen?—vorausgesetzt, dass sie wirklich überzeugt sind, das\nsie desselben bedürfen, was freilich auch eine seltene Erscheinung\nsein dürfte.\nDen Fra Diavolo des Herrn Sowade vom Hoftheatcr zu\nHannover übergehen wir besser mit Stillschweigen,\nWegen Krankheit des Fräulein Johannsen musste die Auf-\nführung von Hille r's komischer Oper „Der Advocat\" verschoben\nwerden."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "399", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541216-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7062, "texte": "hl Herrn Ha es er vom Hoftheater zu Oldenburg lernten wir\neinen trefflichen Schauspieler kennen; sein Hamlet und Lriel\nAcosta waren sehr brave, in mancher Hinsicht ausgezeichnete\nLeistungen, welche auch das Publicum zu würdigen wusste. Leider\nwar dieses nur in sehr geringer Zahl zugegen: auch Shakespeare\nzieht nicht ohne Devrient!\nIn der zweiten Soiree für Kammermusik im Hotel Disch\nam 12. d. M - hörten wir zuerst Haydn's schönes Quartett\nmit den berühmten Variationen auf „Gott erhalte Franz, den Kai-\nser\". Die Herren Pixis, Derckum, Peters und Reimers\ntrugen das ganze Quartett und namentlich die Variationen ganz\nvortrefflich vor. Es folgte das Trio in U-moll für Piano u. s. w.\nvon Mendelssohn, sehr brav gespielt von den Herren F. Breu-\nnull g, Pixis und Reimers; alsdann Olls 10 w's Quartett in\nA-moll für zwei Violinen, Alt und zwei Celli, präci's, fein und\ngeistvoll ausgeführt von den Herren Pixis, Derckum, Peters,\nReimers und B.Breuer. Zum Schluss spielte Herr Breunung\neine Etüde und ein Notturno von Chopin und ein Impromptu\nvon F. Hill er, alle drei Stücke mit meisterhaftem Vortrag, das\nletzte aber mit einer so glänzenden, nicht trockenen, sondern von\ninnerem, aus dem Geiste der Composition geschöpftem Feuer be-\nseelten Bravour, dass er unter einem Sturm von Beifall gerufen\nwurde.\n9Sonsi. Unser zweites Abonnements-C 0 ncert hat un-\nter der Leitung des Musik-Directors v. Wasielewski am 7. d.\nM. Statt gefunden. Bcethoven's liebliche Sinfonie in C-dur\neröffnete es in so gelungener Ausführung, dass das zahlreich ver-\nsammelte Publicum sichtlich animirt war und lebhaften Beifall spen-\ndete. Herr Concertmeister Hart man 11 aus Köln spielte das achte\nConcert (A-moll) von L Spohr in wahrhaft classischer Weise;\neine solche künstlerische Leistung musste natürlich die Stimmung\nder Zuhörerschaft noch steigern.\nIm zweiten Theile wurde Mcndelssohn's Sinfonie-C an-\ntäte „Lobgesang\" aufgeführt. Die Sopran-Soli sang Fräulein Nina\nHartmann, Tochter des Concertmeisters Hartmann; die junge\nDame, Schülerin der Rheinischen Musikschule und speciel des\nHerrn E. Koch in Köln, zeichnete sich durch klangvolle Stimme\nund schönen Vortrag aus und zeigte uns einmal wieder recht deut-\nlich den grossen Werth einer trefflichen Schule; möge sie dersel-\nf ben nur nicht zu bald entwachsen, da ein andauernder Unterricht\neines solchen Lehrers, wie Herr Koch für Tonbildung und Vor-\ntrag ist, den wahren und soliden Grund für die ganze Künstler-Lauf-\nbahn legt!\n*** Bannen. Das zweite Abonnements-Concert unter Lei-\ntung von Herrn C. Rei necke brachte Haydn's Sinfonie in\nEs-dur, deren Andante (mit der Solo-Violine des Herrn Langen-\nbach; und Finale lebhaft applaudirt wurden. Es folgte das Ter-\nzett aus Fidelio: „Euch werde Lohn\", gesungen von Fräulein\nHartmann aus Düsseldorf und den Herren Koch und DuMont\naus Köln. Letzterer trug darauf die zoologische Bass-Arie aus\nHaydn's Schöpfung mit Kraft und Feuer vor. Eine neue Composi-\ntion von C. Rein ecke, „Ein geistliches Abendlied44 von G. Kin-\nkel, für Solo-Tenor (welcher von Herrn Koch mit bekannter Mei-\nsterschaft ausgeführt wurde), Chor und Orchester erhielt grossen\nBeifall. Den Schluss des ersten Theils machte eine recht präcise\nAusführung der Ouvertüre zur Zauber flöte. Den zweiten Theil\nfüllte die C-dur-Messe von Beethoven, mit dem ursprünglichen\nlateinischen Text gesungen ein Fortschritt im Wupperthale. Das\nSolo-Quartett war durch die oben genannten Künstler und Fräulein\nPels-Leusten (Alt) besetzt. Die Aufführung war eine sehr ge-\nlungene; im Chor scheinen die Bässe gegen die Klangfülle der drei\nübrigen Stimmen nicht stark genug. Herr DuMont hatte sowohl\nin den Ensembles, als besonders in der Arie von Haydn Gelegen-\nheit, seine klangvolle Stimme und jenen durchdachten Vortrag zur\nGeltung zu bringen, der ihm in England so grosse Triumphe ver-\nschafft hat. Uebcrhaupt fühlten wir bei den Solo-Vorträgen der\nHerren Koch und DuMont, so wie bei der Ausfüllung der\nQuartettstimmen durch sie, recht deutlich, was für eine Wirkung der\nkünstlerisch gebildete Sänger macht. Fräulein Pels-Leusten,\nSchülerin der Rheinischen Musikschule in Köln, berechtigt zu\nschönen Hoffnungen, zumal wenn das Gefühl von dem, was sie\nsingt, ihrem Ton mehr Wärme geben wird.\n* * Trier. Mit unserem Theater will es nicht recht fort, trotz-\ndem, dass das Comite den Director Pachert selbst durch An-\nschaffung von Opern zur Bereicherung seiner Bibliothek, die sehr\ndürftig ist, unterstützt. 111 der Oper haben wir an Frau D r essler-\nPol ler t und Fräulein Steigerwald recht brave Sängerinnen\nund an Herrn Wirz, einem Schüler von E. Koch in Köln, einen\nguten Tenor, welcher das Publicum um so mehr für sich gewon-\nnen hat, als Herr Ander nicht aber Aloys Ander uns\ndurch sein Auftreten als Sever in der Norma von Neuem den Be-\nweis gegeben, dass es für einen Menschen, der in die Oeffentlich-\nkeit tritt, nichts Unheilvolleres gibt, als einen berühmten Bruder\nzu haben! „Ich habe die Ehre, Ihnen Herrn Ander vorzustellen.44\n„„Ei, ich freue mich ausserordentlich, ich schätze mich glück-\nlich, einen Künstler, der der Stolz Deutschlandsist, zu hören.44 44\n„Verzeihen Sie, das ist mein Bruder.44 „„So!44 44 Nun, abge-\nsehen davon, der hiesige Ander hat weder eine Künstler-, noch\nFamilien-Aehnlichkeit mit dem wiener Tenoristen, er ist eben ein\nAnderer. Einen Bariton haben wir gar nicht, und von einem Chor\nkann nicht die Rede sein, da Sopran und Alt in Einer Person\n(wörtlich zu nehmen) repräsentirt sind. Die Stadt thut freilich hier\ngar nichts fürs Theater, und so kann man auch von der Direction\nkeine Opfer verlangen. [Da denkt man denn doch noch human; in\nanderen Orten thut die Stadt auch nichts und verlangt dennoch\nOpfer.]\nCleve. Der junge Pianist Ernst Stöger-Heinefetter\naus Mannheim, der auch in Aachen und Düsseldorf mit vie-\nlem Beifall gespielt, hat hier zwei Concerte gegeben, die recht be-\nsucht waren, und in welchen die grosse technische Fertigkeit\nund der gebildete Vortrag des vierzehnjährigen Virtuosen volle\nAnerkennung fanden.\nBerlin. Herr Musik-Director Wiepr e c h t, Director der Mu-\nsikchöre sämmtlicher Garde-Regimenter, feierte am 5. November\nsein fünfundzwanzigjähriges Dienstjubiläum; Se. Majestät der König\ngeruhte dem würdigen Künstler ein höchst ehrendes Schreiben und\neine sehr bedeutende Gehaltszulage zugehen zu lassen.\nFrankfurt a. M. Im hiesigen Theater hat man es mit dem\n„fliegenden Holländer'4 von R. Wagner versucht. Er ist am 2.\nDecember gegeben worden. Die Gebrüder Wieniawski ha-\nben bis jetzt vier Concerte im Theater gegeben; am ausgezeich-\nnetsten ist der Violinist, namentlich im Hokus-Pokus, wobei der\n„Carneval von Venedig4' eine grosse Rolle spielt und das Publicum\njauchzen macht.\nDarmstadt. Nachdem unsere Bühne wegen des Ablebens\nder Königin Therese von Baiern durch zwei Wochen geschlossen w ar,\nhaben nunmehr die Vorstellungen wieder begonnen. Die lebhafte\nTheilnahme unserer Kunstfreunde wendet sich heuer vorzugsweise\nder neu engagirten Sängerin Fräulein Emilie Krall zu; dieselbe\nsingt besonders die classische Musik mit einer Intelligenz und einer"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "400", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541216-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3410, "texte": "Correctheit, welche vereint in gegenwärtiger Zeit nicht leicht ge-\nfunden werden. Dabei hat Fräulein Krall kürzlich als Arline in\nBalfe's „Zigeunerin\" den Beweis geliefert, dass sie auch der werth-\nlosesten Musik Geltung zu verschaffen wisse. Die glänzende Durch-\nführung dieser Rolle, welche die Künstlerin erst hier studiren\nmusste, verschaffte der Oper selbst eine bessere Aufnahme, als\nsonst zu erwarten war.\n\"Weimar. Wir werden endlich die Oper „Die Hugenotten\"\nzu hören bekommen. Der verstorbene Grossherzog wollte die Auf-\nführung derselben nie gestatten.\nGeehrter Herr Redacteur!\nDie Nummern 45 und 46 Ihres geschätzten Blattes enthalten\neinen Bericht des Herrn A. Schindler über das erste Museums-\nConcert dieses Winters, welcher durch das unbegreifliche Urtheil\nüber eine so anerkannt grosse Künstlerin, wie Frau Clara Schumann\nist, auch demjenigen, welcher den hiesigen Verhältnissen fern steht,\ngerechtes Bedenken gegen die weiteren Auslassungen des Herrn\nSchindler erregen muss. So wenig ich auch Willens bin, mich\nüber die meine Person betreffenden Behauptungen in irgend einen\nStreit einzulassen, so erscheint es doch in Bezug auf die in jenem\nBerichte ebenfalls enthaltene maasslose Bcurtheilung einer vor meh-\nreren Jahren Statt gehabten Aufführung der drei ersten Sätze von\nBeethovens neunter Sinfonie angemessen, Sie hiermit um den\nAbdruck einer Stelle aus einem von Herrn Schindler an mich ge-\nrichteten Briefe zu ersuchen. Derselbe ist unmittelbar nach jener\nAufführung geschrieben, und die betreffende Stelle des Briefes lau-\ntet wortgetreu so:\n„Guten Morgen, lieber Herr Waffenbruder!\n„Die zweite Aufführung der ersten Hälfte der Neunten ist\nvorüber und die Fortschritte Seitens des Orchesters in sichererem\nVerständniss und Zusammenspiel offenbar. Bcethoven's Metronomi-\nsirung für Schott habe ich denn endlich gestern unter meinen Pa-\npieren auch aufgefunden, jetzt können wir ein Wörtchen darüber\nzusammen plaudern. Hier eine getreue Abschrift anliegend die-\nser Metronomisirung. Ein Blick darauf wird Sie überzeugen, wie\nrichtig, beinahe auf ein Haar Sie überall den Nagel auf den Kopf\ngetroffen haben. Für mich speciel finde ich darin die alte Ueber-\nzeugung erprobt, wie glücklich in Auffassung, resp. Ergründung\nder verschiedenen Charaktere Sie sind. Wären es Andere nur zum\nTheil so, dann könnte unser Einer, der das Unglück hat, den grös-\nseren Theil der Musik, an welcher unser Zeitalter zehrt, oft und oft\nvon ihren Schöpfern selbst ausführen oder leiten gehört und gesehen,\nein Bisschen mehr Genuss an dem jetzigen Musiktreiben haben.\"\nDas Original dieses Briefes steht Jedermann bei mir zur Ein-\nsicht zu Gebote.\nIndem ich von Ihrer bekannten Unparteilichkeit die Gewäh-\nrung meiner Bitte mit vollem Vertrauen erwarte*), füge ich noch\nhinzu, dass dies mein erstes und letztes Wort in der Sache ist\nund bleiben wird.\nGenehmigen Sic u. s. w.\nFrankfurt a. M., den 29. November 1854.\n*) Einem zweiten uns mitgetheilten Schreiben müssen wir den\nAbdruck versagen, erstens, weil es der musicalischen Welt sehr\ngleichgültig ist, welch ein Urtheil der Vorstand irgend einer\ngeschlossenen Gesellschaft über einen Kritiker fallt, und zwei-\ntens, weil die Ergreifung einer policeilichen Sicherheits-Maass-\nregel gegen eine missliebige Kritik, mag sie von einer Thea-\nter- oder Vereins-Üirection ausgehen, im Interesse derselben\nbesser verschwiegen bleibt. Die Iledaction.\n\nFranz Messer."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "393", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541216-01.1.1", "texte": "Händel’s Susanna.\n\nDeutschland hat eine vaterländische Schuld an einen\nder Väter seiner neueren Tonkunst,\"an Seb. Bach, abge-\ntragen, nicht nur durch die vollständige Sammlung und\nHerausgabe seiner Werke, sondern mehr noch durch die\nliebevolle und begeisterte Hingabe, mit der sich eine grosse\nZahl der Tonkünstler von Fach dem Studium, der Ausbrei-\ntung und Aufschliessung dieser Werke gewidmet, mit der\nsie dem ehrwürdigen alten Meister eine wahre Auferstehung\nin unseren Tagen bereitet haben. An Händel dagegen ist\ndie volle Summe der Schuld, die wir ihm tragen, noch\nnicht ausgezahlt. Zwar was die öffentliche Schätzung und\nAnerkennung angeht, so sind darin seit fünfundzwanzig Jah-\nren ausserordentliche Fortschritte gemacht worden, und dies\nzwar auf einem ganz volkstümlichen Wege, man möchte\nsagen: fast ohne Vermittlung durch die Meister des Fachs,\ndie sonst die natürlichen Lenker des musicalischen Ge-\nschmacks sind. Wenn Bach, durch Akademieen und Con-\nservatorien eingeführt, zunächst und wesentlich unter den\nKennern und Musikern von Profession fortgewirkt hat, wie\nes der ganzen Lebensthätigkeit des Meisters und dem Cha-\nrakter seiner Werke gemäss ist, so ist dagegen Händel im-\nmer da gesucht worden, wo man für grosse Aufführungen\nvor Massen, für Gelegenheitsfeiern und Volksfeste Stoffe ge-\nbrauchte; und dies war dem weltmännischen Leben Hän-\ndel's und dem historischen Charakter seiner Oratorien eben\nso entsprechend. Für Bach hat man sich vorzugsweise in\nLeipzig und Berlin geregt, in Mittel-Deutschland, im Nord-\nosten, in den Gegenden, wo er lebte und wirkte; für Hän-\ndel ist das Mehrere in jener volkstümlichen Propaganda\nim Nordwesten, unter Niedersachsen geschehen, zu denen\nsich Händel früh gezogen fühlte, bis er zuletzt ihren ausge-\nwanderten Söhnen nach England mit der hannoverschen\nDynastie nachwanderte. Nur mit Befriedigung kann man\ndaran zurückdenken, was auf jenem Wege, weil dem wün-\nschenswertesten von allen, in dem letzten Menschenalter\nfür die Bekanntwerdung Händel'scher Werke geschehen\nist, bei dessen Anfängen eigentlich nur der Messias in einem\nallgemeineren Sinne bekannt war, während jetzt Händel's\nhistorische Oratorien fast alle und fast allerwärts in Verei-\nnen und Kränzen heimisch geworden sind und durchweg\nden Grundstock aller Gesangs-Aufführungen ausserhalb der\nBühne bilden, schon wegen ihrer Zahl, mehr aber wegen\nihrer Gemeinfasslichkeit und immer gültigen Wahrheit. Da-\ngegen ist nun gerade von den gelehrten Berufs-Meistern in\nDeutschland für die Bekanntmachung von Händel's Werken\nnur Weniges, Zerstreutes und Vereinzeltes geschehen. Von\neinzelnen, selbst oft aufgeführten Stücken gibt es keine in\nDeutschland gedruckte Partitur, von mehreren kennt man\nnur Clavier-Auszüge mit verstümmelten Texten. An eine\ndeutsche Gesammt-Ausgabe der Werke nur zu denken,\nfehlte bisher selbst nur die Anregung, obgleich so viele\nmusiksinnige Höfe, so viele einflussreiche Anstalten dazu\nden erfolgreichen Anstoss geben konnten. Zu den Quellen\nwürde der Zutritt von dem gegenwärtigen Hofe in London\nnicht verweigert werden. Die englische Pracht-Ausgabe\nschleppt sich langsam hin und wird kaum dem nächsten Ge-\nschlechte ganz zugänglich sein. Eine deutsche Text-Bear-\nbeitung wird sie uns immer vermissen lassen, wenn sie\nauch endlich vollendet ist.\nSo erklärt es sich, dass noch immer namhafte Werke\nvon Händel in seinem musikfrohen Vaterlande, das aller ge-\nschichtlichen Tonwerke der fernsten Zeiten und Nationen\nmächtig ist, nicht einmal dem Namen nach bekannt\nsind. Nicht einmal die Gier nach Neuem, die doch alle Welt\nzu beherrschen pflegt, hat vermocht, uns nach diesen zwar\nalten, aber für uns doch gänzlich neuen Neuigkeiten aus-\nspähen zu machen. Vor nun 1 V2 Jahr haben Sie in Ihrem\nBlatte auf den Alleground Pensieaufmerksam gemacht,\nder zu diesen unbekannten Dingen gehörte. Seitdem hat\nsich Herr Rühl in Frankfurt durch die Aufführung dieses\nWerkes und durch die Herausgabe eines vollständigen Cla-\nvier-Auszugs (Frohsinn und Schwermuth. Bonn, bei Sim-\nrock) verdient gemacht. Dieser unverhofft rasche Erfolg\nmacht mir Muth, Ihnen heute eine zweite Mittheilung zu"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "394", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541216-01.1.2", "texte": "machen über ein anderes Werk, das dieser Tage in dem-\nselben hiesigen Kreise gesungen wurde, der voriges Jahr\nden Allegro aus der Vergessenheit zog, und das noch weit\nunbekannter ist, als dieser. Der ist wenigstens in\nEngland immer verbreitet und in Familien und Schulen be-\nliebt gewesen. Die Susanna aber (dies ist das Oratorium,\ndas ich meine) ist selbst dort nur Wenigen bekannt und, so\nweit wir wissen, aus der Reihe der dortigen Auflührungen\nseit lange verschwunden. Dies sollte auf den ersten Augen-\nblick verwundern. Die Susanna ist in derselben Zeit der\nvierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts entstanden, in der\nalle die grössten Werke Händeln geschrieben sind, und,\nobgleich abweichend in seinem ganzen Charakter und ver-\nschieden gefärbt von jedem anderen Händel'schen Oratorium,\nist es doch gerade durch diese Eigentümlichkeit höchst an-\nziehend und empfiehlt sich namentlich dem Privatgebrauche\ndurch eine zusammenhangende Reihe reizender Solo:Par-\ntieen. Wahrscheinlich sind es auch äusserliche Ursachen\ngewesen, die das Werk aus den Musiksälen ausgeschlossen\nhaben. In England hat man wahrscheinlich in falscher Prü-\nderie an dem Gegenstande Ansloss genommen, der übrigens\nin der anständigsten Sittigkeit behandelt ist. Dann aber ist\ndas Werk zu lang, und es lässt sich nicht viel abkürzen,\nwenn die Handlung nicht zerrissen werden soll. Selbst für\nein englisches, auch in seinen Erholungen energisches Pu-\nblicum, das zu einer Shakespeare'schen Tragödie, die bei\nuns immer beschnitten werden muss, wohl noch ein drei-\nactiges Lustspiel in den Kauf nimmt, wäre die unverstüm-\nmelte Susanna gedulderschöpfend. In dem Kranze, der sie\nhier sang, kürzt man nicht gern; doch sah man sich in die-\nsem Falle genöthigt, eine Anzahl Soli und in den beibehal-\ntenen zweisätzigen Arien die übliche Wiederholung des\nersteren Theils (nicht ohne einzelne Uebelstände) wegzulas-\nsen; auch so währt das Ganze, auf das Onerlässliche re-\nducirt, fast drei Stunden ohne die Pausen. In dieser Länge\nhat es gleichwohl Niemand zu lang gefunden.\nWas indessen zur Hervorziehung dieses Werkes vor\nvielen anderen hätte reizen sollen, ist seine leichtere Ein-\nund Zugänglichkeit. Es kann nicht mit irgend einem der\nhistorischen Oratorien an Tiefe und Erhabenheit gleich ge-\nstellt werden, aber es wird vielleicht mehr als alle anderen\ndas an Opern und neuere Tonstücke gewohnte Publicum\ngewinnen und fesseln. Dies liegt wesentlich darin, dass es\neine opernartige, ganz dramatisch verlaufende Handlung vor-\nführt, die jeder Hörer, auch ein ungebildeter, völlig be-\ngreift, lür die er durch den blossen Text in die nöthige\nStimmung versetzt wird, in der dann die Wirkung der kla-\nren und einfachen Composition unbehindert Platz greift.\nOratorien wie der Messias und der Timotheus bedürfen\nschon einer Erklärung des Textes, der bloss über voraus-\ngesetzte Handlungen redectirt; der Messias hat den Vortheil\nvoraus, dass diese Handlungen bekannt und die daran ge-\nknüpften Empfindungen unserem christlichen Gemülhe von\nJugend auf vertraut sind; den Timotheus dagegen kann\neigentlich nur ein Hörer würdigen, der von Alexander's Ge-\nschichte und vom griechischen Leben eine innerliche Kennt-\nniss besitzt. Daher stehen uns die alttestamentlichen Ora-\ntorien schon bedeutend näher, da wir mit der jüdischen\nGeschichte früh bekannt gemacht werden. Noch näher rückt\nuns dann ein Stück wie der Allegro, der sich ganz um Ver-\nhältnisse dreht, in denen wir leben, und dessen Gesang-\nstücke uns daher wie moderne Tonsätze anmuthen. In der\nSusanna ist dies noch mehr der Fall. Von der prophetischen\nLösung des Knotens abgesehen (die übrigens selbst vom\nDichter und Componisten ganz unprophetisch gehalten ist),\nkönnte diese ganze Handlung, wie sie der Text behandelt,\nheute noch eben so vorgehen. Sie ist von dem Dichter ohne\nlocale oder nationale Färbung dargestellt, und diese Natur\nder Dichtung hat sich, wie immer bei Händel, unmittelbar\nauf den Charakter seines Tonwerkes übertragen. Die Reci-\ntative und Arien, welche die Handlung allein fortrücken,\nsind zwar keine Compositionen in moderner Manier, aber\nsie sind auch durch kein alterthümliches oder fremdnaliona-\nles Colorit unverständlich. Dazu kommt, dass der ganze In-\nhalt, der von dem friedlichen, obwohl gestörten, Glück eines\nsittlich reinen, einfachen Ehebundes handelt, in dem Grund-\ntone der Tonsätze eine idyllische Einfachheit bedingte, wess-\nhalb alle Bravourstücke und künstlichen Figuren, die uns in\nder älteren Musik oft fremd berühren, ausgeschlossen sind.\nDas Neuzeitliche, Anheimelnde drückt sich am stärksten in\nmehreren liederartigen Stücken aus, die man unter einem\nanderen Namen Jedem für Compositionen neueren Datums\nverkaufen könnte. Sie treten fast dem Volksliede nahe, und\nin jedem solchen Falle enthüllt sich die volksthümliche Na-\ntur von Händel's Musik in der anmuthigsten, einfaltvollsten\nWeise. Wo er eine Arie in dem Tanztacte der Gisue hält\noder mit der Bezeichnung alla siciliana (ein langsamer Tanz]\nversieht, darf man sich auf solche Tonsätze der einfachsten\nmelodiösen Eingänglichkeit gefasst halten. Es macht ganz\nden Eindruck, wie wenn Shakespeare von den Liedern der\nSpinnstube spricht und ein reizendes Beispiel davon in be-\nhaglichem Wohlgefallen mittheilt.\nIch nannte die Handlung dieses Oratoriums opernartig.\nDas Wrerk eignet sich vielleicht mehr als jedes andere dazu."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "395", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541216-01.1.3", "texte": "die fast unkenntliche feine Scheidelinie zwischen Oper und\nOratorium daran zu erläutern. Ursprünglich, wo das Ora-\ntorium in Italien nur kirchliche Aufführung heiliger Musik\nwar, war die Gränze zwischen beiden Gattungen weit und\ndeutlich gezogen. Bei Händel aber ist das Oratorium ver-\nweltlicht, die Benennung gestattet nicht mehr die Rückfüh-\nrung auf orare,wohl aber auf Es enthält im Gegen-\nsatze zu der Oper, die da Worte, Handlungen in aller Ein-\nzelheit und Verständlichkeit ihres Verlaufes vorführt und\nmusicalisch begleitet, wesentlich redende Musik, Texte,\ndie nur wenige, immer etwas in Entfernung gehaltene Hand-\nlungen mehr nur andeuten, um auf Empfindungen und Af-\nfecten allein zu weilen, die der reinen Tonkunst reiner Ge-\ngenstand sind. So sind z. B. die Oratorien Belsazar und\nSamson nichts als gereinigte Opern, d. h. mit musicalischem\nFeingelühl geläuterte Handlungen, die mit keinem äusser-\nlichen Blendwerke, mit keinen trivialen Vorgängen die mu-\nsicalische Komposition kreuzen oder die Tonkunst von ihrem\nwürdigen Zwecke und echten Ziele ab- und herabziehen.\nJe mehr die Scenen dieser und fast aller alttestamentlichen\nOratorien Händel's ausgeführten Handlungen näher an- und\nheranrücken, desto mehr wird die Musik dramatisch; je\nmehr der Text dem Thatsächlichen ferner gegenübertritt,\ndesto oratorischer wird sie. In der Susanna ist dieses aul-\nfallend deutlich. In dem ersten Theile sind drei Chöre, die\nder Handlung nur ganz rellectirend zur Seite stehen; sie\nsind ganz oratorisch. Im dritten Theile greift der Chor ganz\nunmittelbar in die Handlung mit leidenschaftlicher Erregung\nein, und sogleich ist er ganz dramatisch, opernhalt und völ-\nlig bühnengemäss. So ist die ganze Handlung unter den\nEinzelpersonen opernartig, bei aller Einfachheit wohl dar-\nstellbar, und dies am meisten in dem zweiten Theile, wo\ndie Handlung in das Thätige und I hätliche übertritt.\nFünf bis sechs Sänger und Sängerinnen können sich\nin dem engsten häuslichen Kreise von diesem musicalischen\nDrama eines häuslichen Inhalts den ganzen wesentlichen\nGenuss verschaffen. Den Chor, der fast durchgängig nur\nals beschaulicher Betrachter neben der Handlung steht,\nkann man weglassen, ohne den Zusammenhang der Hand-\nlung viel zu stören. Der Componist hat die Absicht des\nDichters, der Handlung unter den Einzelpersonen die Haupt-\nbedeutung zu belassen, verstanden und befolgt. Die Chöre\nbeeinträchtigen dieselbe weder durch Zahl noch Gewicht;\nihr verhältnissmässig geringerer Werth mag dazu beigetra-\n' gen haben, dieses Oratorium aus den Vereinen entlernt zu\nhalten, wo der Chor vorzugsweise gesucht wird. Der ganze\nzweite Theil hat bloss am Schlüsse einen kurzen, fugirten\nChor, eine Form, die Händel hier und da meisterhaft zu\n' *\nZwecken der Charakteristik verwandt hat, im Allgemeinen\naber, wie ich zu bemerken glaube, hauptsächlich da ge-\nbrauchte, wo er verstandeskalte Texte vor sich hatte, aus\ndenen er wohl ein solches „undenkbares Meisterstück\" (wie\nman die Fuge wohl genannt hat) bilden konnte, aber nichts\nfür das Gemüth zu entnehmen wusste; so in diesem Falle,\nwo der Chor eine schale Reflexion zu sagen hat, und wo\ndie ganze Composition zu nichts dienen soll, als die Hörer\naus den tragischen Eindrücken der vorhergegangenen Arie\n(der mit Tod bedrohten Susanna) herauszureissen, die doch\nin dem idyllischen Stücke von glücklichem Ausgange nicht\nzu tief eingreifen sollen; und so soll auch durch keine mu-\nsicalische Massenwirkung von zu einschneidender Art die\nAufmerksamkeit von der Haupthandlung unter den Einzel-\npersonen abgezogen werden, auf der alles Gewicht allein\nliegt. In drei Abtheilungen von je zwei Scenen bewegt sie\nsich in einer wunderbaren Ebenmässigkeit und einfältig na-\nturgemässen Wahrheit. Die erste dieser Scenen versetzt in\ndas Glück des Ehepaars Joachim und Susanna, über das sich\nam Schlüsse der Schatten einer bösen Ahnung legt; die\nzweite führt die beiden der Susanna nachstellenden Richter,\nden sanften schwärmenden, den rohen leidenschaftlichen, in\neinigen vortrefflichen Tenor- und Bass-Arien vor und eröff-\nnet ihren bösen Anschlag. In der dritten wird die einsam\ntrauernde Susanna durch den Ausbruch des tragischen Lie-\nbesschmerzes ihrer Dienerin noch einmal vorbereitet auf das\ndrohende Unheil, das sich dann mit dem Einbruch der Rich-\nter in aller dramatischen Lebendigkeit entwickelt, deren\nSpitze ein meisterhaftes Trio (dem in Acis und Galathea\nnicht unähnlich) bildet. Dann wandelt sich der elegische\nTon der fünften Scene (Susanna's Verurtheilung) in plötz-\nliche Spannung bei dem Eintritt des jungen Daniel, und mit\nder Rückkehr Joachim's kehrt dann auch die Handlung und\nihr musicalischer Ausdruck zu dem ersten idyllischen Frie-\nden zurück; sinnig weis't dann das Schluss-Duett der neu-\nbeglückten Gatten auf das Eröffnungs-Duett zurück, in dem\nsie ihr noch ungestörtes Glück besingen. Jede dieser Sce-\nnen ist in einem anderen, immer gleich angemessenen Cha-\nrakter ausgeführt, jede gleich glatt und abgerundet, dass\nder Hörer über nichts Unebenem, nichts Unerwartetem,\nFremdartigem strauchelt, dass die Composition zu der na-\ntürlichsten Empfindungsweise am tiefsten spricht, indem sie\nin jener schlichten Wahrheit verläuft, als müsse jeder Ton\nund jedes Gesangstück eben so sein, wie es ist. Diese innere\nNotwendigkeit ist in aller Kunst ihr letzter und höchster\nPreis. Vielleicht ist in diesem Musik-Drama keine Arie, die"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "396", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541216-01.1.4", "texte": "& '\nunter Händel's Stücke des ersten Ranges gesetzt werden\nkann; dies ist aber uns ein Vorzug, da jede überschwäng-\nliche Erhabenheit oder grundlose Tiefe in dieser Idylle der\nWahrheit und Natur des Ganzen Eintrag gethan hätte. Auf\nder anderen Seite ist dagegen keine Arie dieses Oratoriums\nwerthlos oder gleichgültig; alle sind voll charakteristischer\nZüge und eine ganze Reihe davon einer unendlichen Ver-\ntiefung durch seelenvollen Vortrag fähig. Mit den einfachen\nNaturkräften, mit denen die Susanna hier gesungen ward,\ngewann sie augenblicklich und ausnahmslos jeden Zuhörer\nmit unwiderstehlicher Gewalt, und ich bin überzeugt, dass\nsich diese Wirkung überall einstellen wird, wohin dieses rei-\nzende Werk seinen Weg finden sollte, wenn es nur mit\nder rechten Einfalt behandelt wird. Die dramatischen Eigen-\nschaften desselben könnten leicht den Gedanken erregen,\nob sich nicht dieses Oratorium vor allen anderen zu dem\nVersuche eignen sollte, wie weit diese Gattung durch eine\nmässige Belebung der Handlung für das Auge den heutigen\nAuditorien auf der Bühne noch zugänglicher gemacht wer-\nden könnte. Doch werden die Chöre wegen ihrer verschie-\ndenartigen Stellung zu der Action eine innerliche Unange-\nmessenheit dabei immer durchfühlen lassen. Dies ist ganz\nanders z. B. mit den ganz bei der Handlung festgehaltenen\nChören in Acis und Galathea, ein Stück, mit dem vor Jah-\nren Macready den Versuch der Aufführung in London unter\ndem Beifall empfänglicher Zuhörer gemacht hat. Möglich,\ndass dieses Wagestück nur unter Engländern gelingen konnte,\ndie in Händel's Musik ganz anders eingelebt sind, als wir.\nDer Stoff jenes Werkes verlangt schon ein besonders ge-\nbildetes Publicum; es ist eine „Maske\" von gemischtem\nnaiv-idyllischem, humoristischem und elegisch-tragischem Cha-\nrakter, eine Gattung, die Shakespeare unter demselben Na-\nmen auf der Schaubühne fand und zu ähnlichen Gegenstän-\nden einer gemischten Beschaffenheit verwandte.\nDer Einsender benutzt gern diese Gelegenheit, auf\ndiese Novität und mit ihr auf den alten Meister wieder hin-\nzuweisen. Er ist der gewissen Ueberzeugung, dass, so wie\nShakespeare's nähere Bekanntwerdung in Deutschland eine\nneubelebte Dichtung hervorrief und sein inniges Verständ-\nniss zur einfachsten, geistigsten, tiefsten Theorie des Dra-\nma's hinleiten musste, eben so Händel's Werke, wenn sie\neinmal ihrem ganzen Umfange nach in Deutschland b e kannt\nund gekannt sind, die wesentlichste Anleitung geben werden\nzur Begründung der viel gesuchten, von allen tiefer Stre-\nbenden noch vermissten Theorie dieser geheimnissvollen\nKunst, der Musik. Diese Anleitung wird aber freilich nicht\nzu dem Ergebniss führen, zu dem die wiener Theoretiker\njetzt eben gelangen, welche die Musik für eine Art Kalei-\ndoskop erklären, denen nur die Instrumental-Musik, die\nreine, absolute Tonkunst ist. Dies ist das entsprechende\nDogma zu dem Cultus des musicalischen Sinnentaumels,\nder hauptsächlich von Wien aus die deutsche Welt so lange\nbeherrscht und den musicalischen Geschmack entnervt hat.\nDort, wo man die „redende\" Musik ausserhalb der Oper\nnie gewürdigt, hat man sich in der Praxis gewöhnt, die\nMusik zu nichts Anderem zu gebrauchen, als wozu man\nEssen, Trinken und Tanzen braucht, und es ist ganz in der\nOrdnung, dass ihr die dortige Philosophie alle Bedeutung\nfür den Geist und die Sitte abspricht. Man ignorirt so die\nganze Geschichte der alten Tonkunst, der Zeiten, in denen\nes so zu sagen noch gar keine Instrumente gab, aus denen\naber von einer Vocalmusik einfachster Mittel Wirkungen\nüberliefert sind, welche die ganze Kunst der neueren Zei-\nten mit all ihrem unermesslichen Apparat nicht wieder er-\nreicht hat. Die Alten haben die Mythe erfunden, Pallas habe\ndie Flöte nach versuchter Uebung hinweggeworfen. Weil\nsie den Mund entstellte, sagten die Ausleger der Mythe,\nderen ästhetischer Sinn an den bildenden Künsten ge-\nschult war. Aber die musicalisch Gebildeten legten\nsie treffender aus: weil das Instrument den Gesang aus-\nschliesse und mit dem Worte der Musik die Bestimmung\nentziehe, auf die Sittenbildung zu wirken. Dieser Auslegung\ndes Aristoteles würde auch Händel seinen Beifall geben,\ndessen Tonkunst ihren tiefen Werth aus der Tiefe seiner\ninstinetiven Menschenkenntniss empfängt, die in aller Kunst,\nin aller Geschichte, in aller den Menschen betreffenden Wis-\nsenschaft den wahren Genius allein und wahrhaft auszeich-\nnet, wenn nicht überhaupt kennzeichnet.\nIch lege Ihnen, wie das vorige Mal von dem\neinen Text der Susanna bei, und überlasse es Ihnen, ob\nSie ihn mit veröffentlichen wollen, damit ein Unternehmer,\nder vielleicht zur Herausgabe eines Clavier-Auszuges Lust\ntrüge, sogleich vor sich sehe, um was es sich handelt, und\nder Herausgeber diese Uebersetzung benutzen kann *).\nHeidelberg, den 5. Deeember 1854 i\n*) Ich werde sie jedenfalls den Lesern mittheilen. In Bezug auf\nBühnen-Aufführung Händel'scher Oratorien erlaube ich mir,\nan einen Aufsatz von mir: „Samson, eine Tragödie.\"\nhei Gelegenheit der Besprechung des niederrheinischen Mu-\nsikfestes im Jahre 1843 im Feuilleton der Kölnischen Zeitung\nzu erinnern ; er wird in der Sammlung meiner musica-\nlischen Schriften wieder abgedruckt werden, die dem-\nnächst erscheinen wird. Leber Acis und Galathea bemerke\nich, dass sich die Speculation der Unternehmer des Panop-\n\nG."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "397", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541216-01.1.5", "texte": "Ueber Gesang-Unterricht.\n\nDas Sprüchwort: „Ueberall, wo die Kunst zu Grunde\ngegangen, ist sie durch die Künstler zu Grunde gegangen\n— findet jetzt auf die Kunst des Gesanges eine doppelte\nAnwendung, indem nicht nur die Sänger und Sängerinnen\nund leider auch die Gesanglehrer, sondern auch die Com-\nponisten für den Gesang, namentlich die Opern-Componi-\nsten jeder Gattung, von der hoch tragischen Meyerbcei s\nund — Verdes, bis zu der niedrig-komischen der Herren\nAdam, Thomas u. s. w., um die Wette dazu beitragen,\nsie zu vernichten. Diese Herren kennen nämlich gar keinen\nnatürlichen Unterschied der Stimmen mehr an, als allenfalls\nnoch den des Geschlechtes, wiewohl man auch heieits Bei-\nspiele hat, namentlich von französischen Componisten, dass\nman dem Tenor ein Sopran-Register zumuthet. \\on na-\ntürlichen Gränzen der Frauenstimmen ist so wenig mehr\ndie Rede, als. von den natürlichen Gränzen der Völker :\nman schreibt die Opernpartie für einen Umlang von zwei\nund einer halben Octave, und kümmert sich den Teufel\ndarum, ob Primadonnen von diesen Dimensionen existi-\nren oder nicht, und ob clieTheater-Directionen die seltenen\nExemplare solcher Singvögel mit Hunderttausenden er-\nkaufen müssen.\nDie Gesanglehrer, die berühmten Professoren an den\nConservatorien (oder Destructorien?) des Gesanges lügen\nsich den hochgestellten Componisten und concentriren ihre\nganze Kunst hauptsächlich auf die Ausreckung der\nStimme nach oben und unten. Eine Schülerin aus Frank-\nreich, Deutschland, Schweden oder Polen kommt nach\nParis, der hohen Schule der Gesangeskunst:\nsie kommt mit allem guten Muth,\nleidlichem Geld und frischem Blut,\nund geht zu einem Professor, welcher besonders über die\nbeiden letzten Eigenschaften der jungen Aspirantin sehr\nerfreut ist. Sie singt ihm etwas vor\nZum Willkomm tappt er dann nach allen sieben Sachen —\nund hat sie eine Sopranstimme, so verblüfft er sie mit\ndem Donnerworte: „Was wollen Sie mit Ihren paar Tö-\nnen ohne Tiefe anfangen? Für Ihr beschränktes Register\nschreibt heutzutage kein Mensch mehr!\" Hat sie einen\nMezzosopran oder Alt, so fährt er sie mit derselben Rauh-\nheit an, nur dass er statt „ohne Tieleu „ohne Höhe\nsetzt. Ist das arme Kind traurig oder spricht wohl gar vom\nWiedernachhausegehen, so tröstet er sie schnell, macht ihr\nbegreiflich, dass die Kunst das Substitut dei Natur sei,\ndass er diese Kunst in höchster Vollendung besitze, und\ndass vermittels eines Honorars von zehn tranken füi die\nStunde ihre Stimme den unerliisslichen Lmfang ei langen\nwerde.\nDie Jüngerin ist entzückt und schreibt nach Hause, dass\nihre Stimme binnen kurzer Zeit ein paar Zoll länger ge-\nworden sein werde. Welch ein Glück! Einige Monate\ndarauf kommt ein Brief von ihr in der Heimat an, der da\nmeldet: „Ich bin ernstlich krank, meine Stimme ist total\ngeschwächt, mein Geld ist alle!\" Welch ein Unglück!\nWas ich hier sage, ist nicht Uebertreibung, sondern\ndurch viele Beispiele zu belegende Wahrheit. Und dennoch\nströmen die Gesang-Schüler und Schülerinnen aller Welt\nimmer noch nach Paris? Seien wir gerecht! Ich gebe gein\nzu, dass die Mode, der Ruf, die immer noch in Deutsch-\nland und anderen Ländern herrschende Meinung, dass\nnur in Paris die hohe Schule der Gesangkunst sei, dass\nalles dies viel dazu beiträgt, jenen Strom zu befördern:\naber es gibt auch vieles wirklich Gute und auf das ganze\nLeben des Künstlers Einllussreiche, das man allerdings dort\nfindet. Dies ist, abgesehen von derjenigen unschätzbaren\nHülfe zur Entwicklung des Künstlers, welche in dem Hören\nvon vieler Musik besteht und zwar wird dieselbe, sie\nmag gut oder schlecht sein, immer gut, gewissenhalt, präcis\nund elegant ausgeführt die vorzügliche Anleitung zui\nBildung des Tones und zur technischen Fertigkeit im Ge-\nsänge. Den wahren Ausdruck des Gesanges, die Seele dei\nTöne, kann natürlich kein Lehrer dem Schüler geben: der\nAusdruck muss aus dem Gefühl, der Phantasie, dorn geisti-\ngen Durchdringen der Composition erwachsen. Allein alle\ndiese Vorzüge, wenn sie sich auch in einem Individuum\nmit einer schönen Stimme vereinigen, machen den Künstler\nnoch nicht. Ein solcher kann der Sänger nur dann erst\nwerden, wenn er zugleich vollkommen Herr über alle die\nMittel ist, welche die einsichtsvolle Behandlung der\nStimme ihm für den höchsten Zweck des psychischen Aus-\ndrucks darbietet, also mit anderen Worten nur durch eine\nvollendete Ausbildung der Technik. Dafür, für die mecha-\nnische Ausbildung der Fertigkeit auf dem zarten Instrumente\nder Stimme, findet man allerdings Lehrer in Paris. Ein zwei-\nter Vorzug, den der pariser Unterricht unläugbar hat, ist die\nAusbildung der Deutlichkeit der Aussprache, und wie weit\nnamentlich unsere deutschen Sänger und die meisten unserei\nGesanglehrer in diesem Punkte zurück sind, zeigt leider die\n\ntikon in London (Leicester Square) dieses Oratoriums be-\nmächtigt hat; es wurde im Mai und Juni, und wird wahr-\nscheinlich noch jetzt, in diesem Gebäude, wo man alleilei\nWunder der Kunst und Industrie durch einander schaut, mit\nOrgelbegleitung und grosser Decorationspracht gegeben.\nL. B."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "398", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541216-01.1.6", "texte": "tägliche Erfahrung. Wrir wollen einmal gar nicht von den\nConsonanten reden, sondern nur von der Reinheit der Vo-\ncale, freilich der Hauptsache beim Singen; was bekommen\nwir da meist für Verstösse gegen die Tandauer zu hören,\nwie oft wird im Munde des deutschen Sängers die Sonne\nzum Sohne, der Vater zum G e v a 11 e r u. s. w. u. s. w.!\nJa, ich habe sogar schon die Behauptung gehört, dass ein\nkurzer Vocal sich auf eine lange Note gar nicht mit seinem\neigentlichen Laut aussprechen lasse, und dass es unmöglich\nsei, die verschiedenen Nuancen des Vocals im Gesänge zu\n> O\nberücksichtigen. Bei solchen Grundsätzen von vorn herein\nist freilich an wahrhaft künstlerischem Unterricht zu ver-\nzweifeln. Nimmt man nun noch dazu, wie viele Gesang-\nlehrer selbst nicht einmal ihre provincielle Aussprache ab-\nlegen können, wie sie mit Aund O ewig brouillirt bleiben,\nund kommt man gar auf die Consonanten, so darf uns\ndie Lietce zum Vaderlande nicht hindern, die Fehler und\nSchwächen unseres Unterrichtes aufzudecken, indem wir\nihn nur dadurch bessern können.\nFreilich lernt der Gesangschüler in Paris nicht das\nDeutsche richtig aussprechen; aber gerade, dass er gezwun-\ngen ist, in fremder Sprache zu singen, ist ein Förderungs-\nmitlel der richtigen Aussprache auch des vaterländischen\nIdioms. Wer gelernt hat, das Französische und Italiänische\nrein und deutlich im Gesänge auszusprechen, der wird diese\nVorzüge, an die er sich gewöhnt hat, bei einiger Aufmerk-\nsamkeit mit Leichtigkeit auch auf das Deutsche übertragen.\nDiesen beiden Dingen, der Bildung der Technik und\nder Aussprache, wird aber auch alles Uebrige bei dem pa-\nriser Gesang-Unterricht aufgeopfert, und die musicalische\nAusbildung des Sängers wird in Deutschland weit gründ-\nlicher und nachhaltiger betrieben. Nehmen wir also das\nGute von drüben in unseren Unterricht auf - und an\ntrefflichen theoretischen Werken dafür fehlt es uns nicht\n—, wenden wir auf jene beiden Dinge den vollsten Ernst,\nso werden die Jünger des Gesanges um so lieber in unsere\nSchule kommen, weil sie dabei nicht die oben geschilderte\nGefahr laufen.\nWenn aber die gelehrten Gesang-Professoren zuwei-\nlen die Stimmen verderben, was soll man dann erst von\nder Ungeschicklichkeit derjenigen sagen, welche im Gesang\nunterrichten und doch die Gesangskunst gar nicht studirt\nhaben?\nDieselbe Klage wurde schon in längst verilossenen\nZeiten gehört. Folgende Stelle, einem Werke des vorigen\nJahrhunderts entnommen, gibt hinlängliches Zeugniss von\ndem verderblichen Missbrauch, eine Kunst auf's Gerade-\nwohl zu lehren, die man nicht gründlich versteht; und die\nAusdrücke, die ihn damals verdammten, sind noch weit\npassender für unsere Zeiten.\nDie Worte lauten: „Ein anderer Uebelstand von äus-\nserster Wichtigkeit ist, dass Viele sich anmaasscn, Unter-\nricht im Gesänge zu geben, ohne die Regeln desselben prak-\ntisch erlernt zu haben, und ohne zu wissen, wie sie den\nSchüler stufenweise weiter führen sollen. ... Sie glauben,\nes sei vollkommen hinreichend, ein wenig die Violine spie-\nlen oder ein paar Accorde auf dem Ciavier greifen zu kön-\nnen, um Gesang-Unterricht zu ertheilen.... sie glauben,\nalles gethan zu haben, wenn ihre Schüler einige Passagen,\nsei es auch noch so unvollkommen, ausführen, oder ein paar\nGurgeleien, die dem Ohr wehe thun, herausschreien. Dies\nist der Unterricht, den manche Gesanglehrer unserer Zeit\ngeben, dies ist ihr Wissen. Es ist eine wahre Entweihung\nder Kunst, dass ein schlechter Ciavier- oder Violinspieler\nsich die Eigenschaft eines Lehrers der Gesangskunst an-\nmaasst, ohne die ersten Anfangsgründe derselben zu ken-\nnen. Sie lassen ihre Schüler aus vollem Halse schreien und\nverderben die schönsten Stimmen, weil sie selbe nicht zu\nbilden, ihren Umfang nicht zu erweitern verstehen; da hört\nman die störendsten Ungleichheiten der Register, falsche\nIntonationen, Kehl- und Nasentöne u. s. w., weil diese Mei-\nster verlangen, der Schüler soll mit der Stimme dasselbe\nausführen, was sie auf ihrem eigenen Instrumente spielen\netc. etc.\" (Mancini: „Praktische Bemerkungen über den\nfigurirten Gesang\".)\n\nEin ehemaliger Gesanglehrer.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\n\nE4ölsi. Im Stadttheater gab Fräulein Günther den Romeo\nmit wohlverdientem Beifall; wir haben, ausser Johanna Wagner,\nkeine Sängerin gesehen, welche eine für Männerrollen so ange-\nmessene und schöne Persönlichkeit besässe, wie Frl. Günther; da-\nbei ist ihre Stimme voll und kräftig, die Brusttöne sind schön, und\ndie Höhe braucht nicht forcirt zu werden. Auch im Spiel macht\nsie Fortschritte. Fräulein Rochlitz gab die Julie, und wenngleich\ndie Coloratur noch Manches zu wünschen übrig lässt, so ist doch\ndas Talent und das fleissige Streben dieser jungen Künstlerin,\nwelche fast täglich beschäftigt ist, sehr anzuerkennen. Sic hat an\nReinheit der Intonation gewonnen, und eine gute Schule würde\ngewiss auch dem Ton eine edlere Färbung geben. Aber wo sollen\ndie Sänger an einem Provincial-Thcater die Zeit zum Unterricht\nhernehmen?—vorausgesetzt, dass sie wirklich überzeugt sind, das\nsie desselben bedürfen, was freilich auch eine seltene Erscheinung\nsein dürfte.\nDen Fra Diavolo des Herrn Sowade vom Hoftheatcr zu\nHannover übergehen wir besser mit Stillschweigen,\nWegen Krankheit des Fräulein Johannsen musste die Auf-\nführung von Hille r's komischer Oper „Der Advocat\" verschoben\nwerden."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "399", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541216-01.1.7", "texte": "hl Herrn Ha es er vom Hoftheater zu Oldenburg lernten wir\neinen trefflichen Schauspieler kennen; sein Hamlet und Lriel\nAcosta waren sehr brave, in mancher Hinsicht ausgezeichnete\nLeistungen, welche auch das Publicum zu würdigen wusste. Leider\nwar dieses nur in sehr geringer Zahl zugegen: auch Shakespeare\nzieht nicht ohne Devrient!\nIn der zweiten Soiree für Kammermusik im Hotel Disch\nam 12. d. M - hörten wir zuerst Haydn's schönes Quartett\nmit den berühmten Variationen auf „Gott erhalte Franz, den Kai-\nser\". Die Herren Pixis, Derckum, Peters und Reimers\ntrugen das ganze Quartett und namentlich die Variationen ganz\nvortrefflich vor. Es folgte das Trio in U-moll für Piano u. s. w.\nvon Mendelssohn, sehr brav gespielt von den Herren F. Breu-\nnull g, Pixis und Reimers; alsdann Olls 10 w's Quartett in\nA-moll für zwei Violinen, Alt und zwei Celli, präci's, fein und\ngeistvoll ausgeführt von den Herren Pixis, Derckum, Peters,\nReimers und B.Breuer. Zum Schluss spielte Herr Breunung\neine Etüde und ein Notturno von Chopin und ein Impromptu\nvon F. Hill er, alle drei Stücke mit meisterhaftem Vortrag, das\nletzte aber mit einer so glänzenden, nicht trockenen, sondern von\ninnerem, aus dem Geiste der Composition geschöpftem Feuer be-\nseelten Bravour, dass er unter einem Sturm von Beifall gerufen\nwurde.\n9Sonsi. Unser zweites Abonnements-C 0 ncert hat un-\nter der Leitung des Musik-Directors v. Wasielewski am 7. d.\nM. Statt gefunden. Bcethoven's liebliche Sinfonie in C-dur\neröffnete es in so gelungener Ausführung, dass das zahlreich ver-\nsammelte Publicum sichtlich animirt war und lebhaften Beifall spen-\ndete. Herr Concertmeister Hart man 11 aus Köln spielte das achte\nConcert (A-moll) von L Spohr in wahrhaft classischer Weise;\neine solche künstlerische Leistung musste natürlich die Stimmung\nder Zuhörerschaft noch steigern.\nIm zweiten Theile wurde Mcndelssohn's Sinfonie-C an-\ntäte „Lobgesang\" aufgeführt. Die Sopran-Soli sang Fräulein Nina\nHartmann, Tochter des Concertmeisters Hartmann; die junge\nDame, Schülerin der Rheinischen Musikschule und speciel des\nHerrn E. Koch in Köln, zeichnete sich durch klangvolle Stimme\nund schönen Vortrag aus und zeigte uns einmal wieder recht deut-\nlich den grossen Werth einer trefflichen Schule; möge sie dersel-\nf ben nur nicht zu bald entwachsen, da ein andauernder Unterricht\neines solchen Lehrers, wie Herr Koch für Tonbildung und Vor-\ntrag ist, den wahren und soliden Grund für die ganze Künstler-Lauf-\nbahn legt!\n*** Bannen. Das zweite Abonnements-Concert unter Lei-\ntung von Herrn C. Rei necke brachte Haydn's Sinfonie in\nEs-dur, deren Andante (mit der Solo-Violine des Herrn Langen-\nbach; und Finale lebhaft applaudirt wurden. Es folgte das Ter-\nzett aus Fidelio: „Euch werde Lohn\", gesungen von Fräulein\nHartmann aus Düsseldorf und den Herren Koch und DuMont\naus Köln. Letzterer trug darauf die zoologische Bass-Arie aus\nHaydn's Schöpfung mit Kraft und Feuer vor. Eine neue Composi-\ntion von C. Rein ecke, „Ein geistliches Abendlied44 von G. Kin-\nkel, für Solo-Tenor (welcher von Herrn Koch mit bekannter Mei-\nsterschaft ausgeführt wurde), Chor und Orchester erhielt grossen\nBeifall. Den Schluss des ersten Theils machte eine recht präcise\nAusführung der Ouvertüre zur Zauber flöte. Den zweiten Theil\nfüllte die C-dur-Messe von Beethoven, mit dem ursprünglichen\nlateinischen Text gesungen ein Fortschritt im Wupperthale. Das\nSolo-Quartett war durch die oben genannten Künstler und Fräulein\nPels-Leusten (Alt) besetzt. Die Aufführung war eine sehr ge-\nlungene; im Chor scheinen die Bässe gegen die Klangfülle der drei\nübrigen Stimmen nicht stark genug. Herr DuMont hatte sowohl\nin den Ensembles, als besonders in der Arie von Haydn Gelegen-\nheit, seine klangvolle Stimme und jenen durchdachten Vortrag zur\nGeltung zu bringen, der ihm in England so grosse Triumphe ver-\nschafft hat. Uebcrhaupt fühlten wir bei den Solo-Vorträgen der\nHerren Koch und DuMont, so wie bei der Ausfüllung der\nQuartettstimmen durch sie, recht deutlich, was für eine Wirkung der\nkünstlerisch gebildete Sänger macht. Fräulein Pels-Leusten,\nSchülerin der Rheinischen Musikschule in Köln, berechtigt zu\nschönen Hoffnungen, zumal wenn das Gefühl von dem, was sie\nsingt, ihrem Ton mehr Wärme geben wird.\n* * Trier. Mit unserem Theater will es nicht recht fort, trotz-\ndem, dass das Comite den Director Pachert selbst durch An-\nschaffung von Opern zur Bereicherung seiner Bibliothek, die sehr\ndürftig ist, unterstützt. 111 der Oper haben wir an Frau D r essler-\nPol ler t und Fräulein Steigerwald recht brave Sängerinnen\nund an Herrn Wirz, einem Schüler von E. Koch in Köln, einen\nguten Tenor, welcher das Publicum um so mehr für sich gewon-\nnen hat, als Herr Ander nicht aber Aloys Ander uns\ndurch sein Auftreten als Sever in der Norma von Neuem den Be-\nweis gegeben, dass es für einen Menschen, der in die Oeffentlich-\nkeit tritt, nichts Unheilvolleres gibt, als einen berühmten Bruder\nzu haben! „Ich habe die Ehre, Ihnen Herrn Ander vorzustellen.44\n„„Ei, ich freue mich ausserordentlich, ich schätze mich glück-\nlich, einen Künstler, der der Stolz Deutschlandsist, zu hören.44 44\n„Verzeihen Sie, das ist mein Bruder.44 „„So!44 44 Nun, abge-\nsehen davon, der hiesige Ander hat weder eine Künstler-, noch\nFamilien-Aehnlichkeit mit dem wiener Tenoristen, er ist eben ein\nAnderer. Einen Bariton haben wir gar nicht, und von einem Chor\nkann nicht die Rede sein, da Sopran und Alt in Einer Person\n(wörtlich zu nehmen) repräsentirt sind. Die Stadt thut freilich hier\ngar nichts fürs Theater, und so kann man auch von der Direction\nkeine Opfer verlangen. [Da denkt man denn doch noch human; in\nanderen Orten thut die Stadt auch nichts und verlangt dennoch\nOpfer.]\nCleve. Der junge Pianist Ernst Stöger-Heinefetter\naus Mannheim, der auch in Aachen und Düsseldorf mit vie-\nlem Beifall gespielt, hat hier zwei Concerte gegeben, die recht be-\nsucht waren, und in welchen die grosse technische Fertigkeit\nund der gebildete Vortrag des vierzehnjährigen Virtuosen volle\nAnerkennung fanden.\nBerlin. Herr Musik-Director Wiepr e c h t, Director der Mu-\nsikchöre sämmtlicher Garde-Regimenter, feierte am 5. November\nsein fünfundzwanzigjähriges Dienstjubiläum; Se. Majestät der König\ngeruhte dem würdigen Künstler ein höchst ehrendes Schreiben und\neine sehr bedeutende Gehaltszulage zugehen zu lassen.\nFrankfurt a. M. Im hiesigen Theater hat man es mit dem\n„fliegenden Holländer'4 von R. Wagner versucht. Er ist am 2.\nDecember gegeben worden. Die Gebrüder Wieniawski ha-\nben bis jetzt vier Concerte im Theater gegeben; am ausgezeich-\nnetsten ist der Violinist, namentlich im Hokus-Pokus, wobei der\n„Carneval von Venedig4' eine grosse Rolle spielt und das Publicum\njauchzen macht.\nDarmstadt. Nachdem unsere Bühne wegen des Ablebens\nder Königin Therese von Baiern durch zwei Wochen geschlossen w ar,\nhaben nunmehr die Vorstellungen wieder begonnen. Die lebhafte\nTheilnahme unserer Kunstfreunde wendet sich heuer vorzugsweise\nder neu engagirten Sängerin Fräulein Emilie Krall zu; dieselbe\nsingt besonders die classische Musik mit einer Intelligenz und einer"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "400", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541216-01.1.8", "texte": "Correctheit, welche vereint in gegenwärtiger Zeit nicht leicht ge-\nfunden werden. Dabei hat Fräulein Krall kürzlich als Arline in\nBalfe's „Zigeunerin\" den Beweis geliefert, dass sie auch der werth-\nlosesten Musik Geltung zu verschaffen wisse. Die glänzende Durch-\nführung dieser Rolle, welche die Künstlerin erst hier studiren\nmusste, verschaffte der Oper selbst eine bessere Aufnahme, als\nsonst zu erwarten war.\n\"Weimar. Wir werden endlich die Oper „Die Hugenotten\"\nzu hören bekommen. Der verstorbene Grossherzog wollte die Auf-\nführung derselben nie gestatten.\nGeehrter Herr Redacteur!\nDie Nummern 45 und 46 Ihres geschätzten Blattes enthalten\neinen Bericht des Herrn A. Schindler über das erste Museums-\nConcert dieses Winters, welcher durch das unbegreifliche Urtheil\nüber eine so anerkannt grosse Künstlerin, wie Frau Clara Schumann\nist, auch demjenigen, welcher den hiesigen Verhältnissen fern steht,\ngerechtes Bedenken gegen die weiteren Auslassungen des Herrn\nSchindler erregen muss. So wenig ich auch Willens bin, mich\nüber die meine Person betreffenden Behauptungen in irgend einen\nStreit einzulassen, so erscheint es doch in Bezug auf die in jenem\nBerichte ebenfalls enthaltene maasslose Bcurtheilung einer vor meh-\nreren Jahren Statt gehabten Aufführung der drei ersten Sätze von\nBeethovens neunter Sinfonie angemessen, Sie hiermit um den\nAbdruck einer Stelle aus einem von Herrn Schindler an mich ge-\nrichteten Briefe zu ersuchen. Derselbe ist unmittelbar nach jener\nAufführung geschrieben, und die betreffende Stelle des Briefes lau-\ntet wortgetreu so:\n„Guten Morgen, lieber Herr Waffenbruder!\n„Die zweite Aufführung der ersten Hälfte der Neunten ist\nvorüber und die Fortschritte Seitens des Orchesters in sichererem\nVerständniss und Zusammenspiel offenbar. Bcethoven's Metronomi-\nsirung für Schott habe ich denn endlich gestern unter meinen Pa-\npieren auch aufgefunden, jetzt können wir ein Wörtchen darüber\nzusammen plaudern. Hier eine getreue Abschrift anliegend die-\nser Metronomisirung. Ein Blick darauf wird Sie überzeugen, wie\nrichtig, beinahe auf ein Haar Sie überall den Nagel auf den Kopf\ngetroffen haben. Für mich speciel finde ich darin die alte Ueber-\nzeugung erprobt, wie glücklich in Auffassung, resp. Ergründung\nder verschiedenen Charaktere Sie sind. Wären es Andere nur zum\nTheil so, dann könnte unser Einer, der das Unglück hat, den grös-\nseren Theil der Musik, an welcher unser Zeitalter zehrt, oft und oft\nvon ihren Schöpfern selbst ausführen oder leiten gehört und gesehen,\nein Bisschen mehr Genuss an dem jetzigen Musiktreiben haben.\"\nDas Original dieses Briefes steht Jedermann bei mir zur Ein-\nsicht zu Gebote.\nIndem ich von Ihrer bekannten Unparteilichkeit die Gewäh-\nrung meiner Bitte mit vollem Vertrauen erwarte*), füge ich noch\nhinzu, dass dies mein erstes und letztes Wort in der Sache ist\nund bleiben wird.\nGenehmigen Sic u. s. w.\nFrankfurt a. M., den 29. November 1854.\n*) Einem zweiten uns mitgetheilten Schreiben müssen wir den\nAbdruck versagen, erstens, weil es der musicalischen Welt sehr\ngleichgültig ist, welch ein Urtheil der Vorstand irgend einer\ngeschlossenen Gesellschaft über einen Kritiker fallt, und zwei-\ntens, weil die Ergreifung einer policeilichen Sicherheits-Maass-\nregel gegen eine missliebige Kritik, mag sie von einer Thea-\nter- oder Vereins-Üirection ausgehen, im Interesse derselben\nbesser verschwiegen bleibt. Die Iledaction.\n\nFranz Messer."}]}