{"numero_id": "bm-bmtnabi-1854-12-23-01", "volume": "bmtnabi_1854-12-23_01", "ocr_sha256": "9a55b69a70e78b5ffebfb8cf3c7784abf9089366d0b567b847a05ba975ff0ac4", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1854/12/23_01/bmtnabi_1854-12-23_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541223-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1854-12-23-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-12-23_01#c001", "volume": "bmtnabi_1854-12-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "401", "page_fin": "404", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541223-01.2.1", "titre_corps": "Susanna.", "titre_sommaire": "Susanna.", "signature_source": "G", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "401", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541223-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3833, "texte": "Susanna.\nEin Oratorium von Händel.\n\n(Yergl. Nr. 50.)\nErster Theil.\nChor der Israelit. Wie lang', o Herr, droht uns Dein Zorn\nmit Knechtschaft und Tod?\nErhör' uns, Gott, der Gnade- Born,\nrett' uns aus Schmach und Noth.\nJoachim.(Recit.)Der Zeiten Laster reizten Gottes Zorn,\nnun straft er geisselnd sein entartet Volk.\n0, komm, Susanna, theures Weib,\nund scheuche deines herzens Gram.\n[Arie.) Wolken dröhn dem klarsten Tag;\nsüsser Jugend Pracht und Blülhe\nwelket bald und sinkt in Schmach.\nAber Lieb' in treuer Brust\nwehrt dem Leid und mehrt die Lust.\nSusanna. (Recit.) 0 theu. er Mann, bist du bei mir,\nso schwelgt mein Herz in beitrem Glück.\nAuf meiner Wange vcrsiecht die Thräne mir,\nso wie der Thau im Morgensonnenstrahl.\nJoachim. [Duo.)Bin ich bei dir, wie schlägt in mir\nmein Herz so still entzückt!\nSusttnna. Wie bin ich froh, halt' ich dich so\nan meine Brust gedrückt!\nBeide.Mit Freude beschwingt, fliegt der Tag uns vorbei\nund haucht rings den Himmel von Schatten uns frei.\nSchlägt Arm uns im Arme am Herzen das Herz,\nso tröstet die Klage, so lächelt der Schmerz.\nJoachim. Als sie zuerst mein Aug' erblickt,\nin Unschuldreiz geschmückt,\nhat sie mit Zauber mich berückt\nund mir das Herz geraubt.\nMir lächelte, mir schmeichelte der Zauberzwang,\nals mir ihr Blick die Brust durchdrang,\nmir ihre Hand die Fessel schlang,\nUmstrickend Herz und Haupt.\nSusanna. [Recit.)Lass mich gestehn, ich höre meinen Preis\nmit Freud' und Wonne im Liede deines Munds.\nSo traf auch damals mich der Liebe Pfeil,\nals dein Gesang zum ersten Mal mich pries.\n[Arie.) Wär' es bei Frauen Brauch und Fug,\nlaut zu gestehn des Herzens Zug,\nso hätt' ich dich stets mein genannt,\nso nannt' ich dich nur mein.\nLang' vor dem Tag, der mich getraut\nan deine Hand als deine Braut\nvor Gottes heil'gem Schrein,\nda nannt' ich dich nur mein.\nJoachim. [Recit.) Quell jeder Lust, du meines Herzens Trost,\nmeine Susanna, mein geliebtes Weib,\naus deiner Nähe rufet eine Pflieht\nmich heute weg, doch nur auf kurze Zeit.\nEh' siebenmal der Sonne strahlend Rund\nim fernen Westen seinen Lauf vollbracht,\nsei dess gewiss, siehst du mich wieder hier.\nSusanna, [Recit) So lang', Susanna, ist der Gram dein Loos!\n[Arie.) Das Vogelpaar, das Nahrung sucht,\nVerlässt die Brut in banger Flucht;\nvon Angst und Qual sind sie verzehrt,\nob nicht ein Raub ihr Nest zerstört.\nDoch finden sie, zurückgekehrt,\ndie Jungen flatternd, unversehrt,\nihr jauchzend Glück in meinem Blick\nlies es, wenn du mir kehrst zurück.\n[Recit.) 0 Theuerster! sei jede Freude dein\nv auf deinem Wege, süsser, lieber Freund!\nWie liegt es bang und schwer auf meiner Brust I\nWas soll der Schatten, der mir vorm Auge schwimmt ?\nIst's eine Ahnung, die sich in mir regt,\nund glückverkündend, erfülle sie sich schnell\nan Joachim, an meinem theuren Freund.\nWenn nicht, so fall' auf mich allein das Leid!\n[Arie.) Betend vor dem Thron der Gnade,\nFleh' ich, Herr, um diese Huld,\nlass mich auf dem letzten Pfade\nzu Dir eingehn ohne Schuld.\nWär' es dann Dein heil'ger Wille,\ndass ich sterbe vor der Zeit,\nhalt' ich Dir in Demuth stille,\nDir ergeben, Dir bereit.\nChor. Unschuld wird nimmer lang' unterdrückt;\naus Leid ersteht sie froh und beglückt\nEr st. Rieht. [Ree.) 0 herbe Pein! wie schmerzt der Liebe Pfeil!\nNicht Stand noch Alter schützt vor ihrer Qual.\nWie? zu dem Rath der Aeltesten gesellt,\ndes Rechts zu pflegen über all das Land,\nsoll ich gebeugt, soll ich besiegt mich sehn von\nihrer Gluth?\nHa, wie verwandelt wallt in mir das Blut!\nWie in der Jugendblüthe erster Zeit\nfühl' ich die Purpurströme in mir glühn.\nJa, Alles weicht, ich lühl's, der Liebe Macht!\nHa! willenlos reisst mich die Flut dahin!\nkein treuer Steurer lenket meinen Kahn,\nkein günst'ger Stern verleiht mir mildes Licht;\nnein, schwarze Nacht senkt Dunkel um mich her,\nes heult der Sturm, die Welle schäumt empor,\nda ich mich wage von dem sichern Strand."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "402", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541223-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5066, "texte": "[Arie.)Ihr grünen Au'n, du •würzig Thal,\nVom Silberquell durchrauscht,\nwie habt ihr mich und meine Qual\nso oft, so oft belauscht!\nDen wunden Eichen in dem Ilain\ngrub ich der Liebsten Namen ein.\nZweiterR. [Ree.) Kann es geschehn, dass Alter sich so vergisst,\num noch zu tändeln nach der Weiber Gunst?\nWar es um dies, dass man mich ehrend pries,\nauf Recht vertrauend, wo mein Nam' erklang?\nNun wird mir Ehre ihren Preis entziehn,\nund Schmach umhüllt die künft'gen Tage mir.\nErster Richter.Heil dir, mein Bruder! Deine Faltenstirn\nerwägt, so scheint es, einen schweren Fall,\nder der Entscheidung deines Spruches harrt.\nZweiter Richter. Ein rasches Urtheil geht nicht selten fehl.\nErster Richter. So sage mir, warum so ernst du standst,\nmit finstern Brau'n und mit gekreuztem Arm.\nZweiter Richter. Wie, wenn ich liebte? Weisst du dagegen Rath?\nErster Richter. Nicht ich, in Wahrheit. Rathlos bin ich selbst.\nFürwahr, der Strahl aus schön Susanna's Aug'\nirret den Weisen und entnervt den Helden.\nIhr holdes Bildniss füllet ganz mein Herz.\nIst es ihr Reiz, der dich auch so bewegt?\nZweiter Richter.Ja, ihre Schönheit, wie ein Zauberspruch\nhat mich verzückt und reisst mich ganz dahin.\nWahn, blinder Wahn berückt mir meinen Geist,\nund meine Brust durchlodert heisse Gluth.\n(iirie.) Die Eiche, die ein Jahrtausend stand\nin wilder Stürme Wuth,\nsie scheut gleich mir des Blitzes Brand\nund flammi in jäher Gluth.\nFluch sei dem Tag und Fluch der Stunde Schlag,\ndie mich gebracht in eines Weibes Macht.\nErsf.RtcAt. (Ree.) Beschwingte Luft, o, klag' ihr meinen Schmerz!\nVerkünd' ihr treulich, wie ich schmachte hier,\ndoch lisple leise, wenn du mich ihr nennst,\nvon meiner Liebe, nicht von meiner Schmach.\nZweiter Richter. Sich, dort, wo um die Zitterpappel rankt\nder schlanken Rebe dicht umhüllend Laub,\ngewahr' ich sie! Lass uns in Eile hin\nund, wohl versteckt vor jedem Späheraug',\nan ihrem Anblick, ihrem Reiz uns freu'n.\nVielleicht wird uns ein günstig Glück zu Theil!\nErst.Rieht. [Arie.) Wenn die Schlacht-Trompete klingt,\nwird der Krieger zaudernd stehn?\nWenn dir die Sirene singt,\nwirst dem Sang du widerstehn?\nStand und Alter warnt umsonst\nmit dem Schrecken mich der Reu,\nvon dem Wagniss abzustehn —\nLiebe wehrt mir Furcht und Scheu.\nChor.Gott der Herr kennt ihre List\nund gewährt ihr kurze Frist.\nAber dann in Blitzeseil\nfliegt herab sein Flammenpfeil.\nWeh der Schuld! denn sie erfährt,\nwie der Zorn des Herrn zerstört!\nZweiter Theil.\nSusanna. (Recit.) Komm, leite dort mich zu der kühlen 1 lut,\ndenn ich verschmachte in dieser Sonnengluth.\n(Arie.) Klarer Wellen murmelnd Gleiten,\nleise, linde Lüfte breiten\nrings den Duft der Rosen aus.\nIn der Pinien Krone säuselnd\nund des Baches Wellen kräuselnd,\nkühlen sie des Tages Gluth.\n(Recit.) Ach, holder Freund, um den mich Sorge quält,\nwann wirst du kommen, meiner Sehnsucht Trost!\nDienerin. Bald kehrt dein Herr, dein Joachim, zurück.\nSteh ab, zu klagen ob so kurzem Leid !\nSusanna. Ach weh! wer je gefühlt das stille Fear,\ndie süsse Sorge einer treuen Liebe,\nweiss, dass die Stunde sich dehnt in Tage aus,\nwenn der Ersehnte ferne von uns weilt.\nDoch ist der Liebling unsres Herzens nah,\ndann, adlergleich beschwingt, entfliegt das Jahr.\nDoch, du bist gut! gewähre mir den Wunsch,\nwenn mich's zu hören sehnt das liebe Lied,\ndas mir der Theure sang, bevor er mich,\ndie still Bescheidne, sich zur Braut erkor.\nDienerin. (Lied.) Frag', ob die Rose süss von Duft,\nDie ringsum würzt die Luft;\ndann frag' die Schäfer auf den Höh'n,\nob nicht mein Mädchen schön.\nSusanna. Du suchst umsonst zu stillen mir den Gram,\nder meiner Seele jeden Trost benahm.\nDienerin. 0 weh des Leids, das dir bedrängt dein Herz!\nAch, meine Brust zerreisst der gleiche Schmerz !\nEin armer Knab' erschuf mir diese Qual,\nein holder Knab', der holdeste im Thal.\nVon meiner Seite riss ihn mir der Tod,\nich wein' ihm nach in Jammer und in Noth.\n(Lied.) Im Schatten der Cypresse lag,\nwo Silberlilien blühn am Hag,\nder Jüngling, dem ich weine nach,\ndas Herz von Jammer schwer.\nEr war der holdste Knab' im Thal,\nder je der Mädchen Herzen stahl,\nund mir auch senkt' das Herz in Qual ;\ndenn, ach, er ist nicht mehr!\nSusanna. Dein traurig Lied weckt Wehmuth in mir auf.\nweiss Susanna, wie die Liebe quält.\nDienerin. Vergib, dass heftig mir die Thrän' entströmt,\nder kranken Brust entquoll ihr heimlich Weh. ~\nSusanna. Es war nicht recht, dass ich geweckt dein Leid.\nBesänftige, süss Kind, dein klopfend Herz.\nNun aber eile, bring' die Salben mir\nund die Gewürze, duftend wie der Lenz;\ndie Sonnengluth zu fliehn, erfrisch' ich mir\ndie schlaffen Glieder dort in der kühlen Flut.\nDoch, horch! welch plötzliches Geräusch ist dies?\nBeschütz', o Himmel, vor jedem Unheil mich!\nWas wollt ihr dort? sprecht! Warumbrecht ihr so\nin dies Asyl einsamer Ruhe ein?\nErst. Rieht {Arie.) Gleich dem Frühling reich an Wonne,\nmild, wie Strahl der Abendsonne,\nlinde, wie des Schwanen Brust,\nQuell der Freud' und Born der Lust\ngönne mild, reizend Bild,\neinen Blick nur, der mich stillt!\nZweit Micht.(Ree.) Wir sehnten lange qualvoll uns nach dir,\nnach deinem Reiz, nach deiner Gegenwart."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "403", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541223-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5303, "texte": "Susanna. Ha, welche Schmach enthüllt mir dieses Wort!\nSind dies die würd'gen Wächter unsres Rechts?\nDoch nur im Scherz gewiss erschient ihr hier!\nWie stund' es sonst um euren heil'gen Ruf?\nFort, edle Männer, eh' ein feindlich Aug'\neuch hier entdecke auf verbotnem Pfad!\nZweiter. R. (Arie.) Wie der Strom, der in wogendem Lauf\ndie Forsten und Städte zerstört,\nso hält meine Liebe nichts auf,\ndie rasend das Blut mir empört.\nWas immer ihr hemme die Bahn,\nsie reisst es in Trümmer mit fort!\nSo kämpfe nicht gegen sie an\nund gönn' uns ein freundliches Wort.\nSusanna. 0 tück'scher Wolf, der du zu bösem Raub\nan diesen Ort dich listig eingedrängt!\nHinweg, hinweg! berührt nicht diese Hand,\nsonst ruf' ich auf die Rache dieses Volks!\nZweiter Richter. 0 thöricht Weib du! reize du uns nicht,\ndass nicht auf dich dein Zeugniss fällt zurück!\nWem glaubt man wohl, wenn du die Greise zeihst\nder Jugendsünde, oder wenn sie dich?\nSusanna.(Trio.)( Hinweg, hinweg, ihr droht mir beid' umsonst!\nErster Richter. \\ 0 bleib', o bleib' und hör' mein liebend Flehn!\nZweiter Richter. \\Du regst mir den Zorn, der im Busen mir wallt,\n[ und siegen nicht Bitten, so siege Gewalt!\nSusanna. Weh mir! ich seh', das Garn ist mir gestellt;\nwas ich auch thu', ich strauchle in dem Netz!\nDoch hört, was meiner Seele Rath und Schluss:\nNicht Furcht, nicht euer Drohn bezwingt mein Herz!\nMit falschem Wort mögt ihr Verleumdung streun,\nder Unschuld Zeugniss bleibt für ewig mein.\n\\Zweiter Richter. Das lass uns sehn! Eilt heraus, ihr da drin!\nIch griff die schöne Sünd'rin auf der That.\nDer junge Liebling, ihr verstohlner Freund,\nentfloh dem schwachen Arm der Greise leicht.\nWir haben selbst mit eignem Aug' gesehn,\nWas Schmach und Strafe auf sie beide ruft;\nErster Richter. Führt sie hinweg zu dem Gerichte hin.\n0, dass mein Aug' die Sünde nie gesehn!\nSusanna. (Arie.) Wenn ihr mein schuldlos Blut begehrt,\nNehmt hin, was ihr bedroht!-\nIch geh' in Unschuld, fromm verklärt,\nfrohlockend in den Tod.\nUnd bin ich heut an meinem Ziel,\ngescheh', o Herr, was Dir gefiel!\nZweiter Richter. Schnell ihrem Loos führt mir die Sünderin zu,\nschön für das Aug', doch falscher, als sie schön!\nChor. Das Recht nur walt' und schalte in dem Land,\nnicht Reiz, nicht Gunst lähm' seine Eisenhand.\nDritter Theil.\nChor. Der Spruch ist gefallen, sie brach das Gebot!\nSusanna ist schuldig, ihr Loos ist der Tod!\nSusanna. Ich hör' den Spruch; und kein Gesetz verdammt\ndie schnöden Zeugen, die euch falsch bethört.\nSo sei denn, Tod, mit Freuden mir Willkomm\nund leite mich hinauf zum Reich des Lichts!\n(Arie.) Wo der Glaube, goldbeschwingt,\nmit dem Cherub Hymnen singt,\nwo die Lieb' im Rosenkranz,\nrings umstrahlt von ew'gem Glanz,\nflüstert in mein lauschend Ohr:\n„Steig' aus deinem Fall empor!\ntritt herein zum Freudenthor,\nzu der Engel sel'gem Chor!\"\nErster Richter. Gestatt' auch mir, dass ich ob deinem Fall\ndes Mitleids Thräne mit dir weinen darf.\n(Arie.) Deinen Tod beweint mein Schmerz,\nFreude kennt nicht mehr dies Herz.\nMich umfängt ein düstres Leid,\nnimmer weichend, immer steigend,\nbis zum Ende aller Zeit.\nSusanna. So weint das Krokodil in falschem Schein,\nvergiesst die Thrän' und sinnt dieweil Verrath.\nAch, denk' ich nur an meines Gatten Schmerz,\nso bangt und zagt und bricht mein schweres Herz!\nDoch ihr, die ihr am Lebensziel mich seht,\nich bitt' euch, grüsst ihn von dem treuen Weib.\nSagt ihm, was immer sei der Richter Spruch,\nauf sie allein fällt diese blutige That.\nJa, wenn Susanna ihre Treue brach,\nim dichten Schatteri jener Laube dort,\ndann hätten nie sie ihren Ruf geschmäht,\nobgleich ihr Name jede Schmach verdient'.\nZweiter Richter. Das Urtheil ist gefällt; zu Tode führt\nsie fort! Nichts mehr von ihr! hinweg!\nDaniel. Der Unschuld reines Blut, es reisst alsbald\nden Schooss der Erde auf und schreit zu Gott!\nErster Richter. Wess ist das Wort, das aus der Meng' erschallt,\nDas Urtheil schmähend in so lautem Ton?\nDaniel. 0 thöricht Volk, die ihr verblendet glaubt\ndem eitlen Märchen, das euch ihr Trug erfand!\nVertilgt, vertilgt den harten Spruch\nund gebt dies Weib Susanna frei.\nEin Richter. Seltsamer Jüngling, erwäg'\ndu selbst des Rechtes Fall und leg* ihn aus.\nWie das Gesetz vor deinem Aug' erscheint,\nso werde Gnad' dem Weib, so werd' ihr Tod!\nDaniel. Wenn ihr verlangt, dass ich den Fall entscheide,\nso trennt die Kläger eine kurze Zeit,\ndass dieser nicht des Andern Wort vernimmt.\nDie Wahrheit trägt nie ein verschiedenes Kleid.\nChor. 0 Herr und Gott, dess Hand noch nie versagt\ndes Trostes Balsam dem gerechten Haupt,\nDein Licht erleuchte seinen Geist\nund leit' ihn sicher auf den Pfad des Rechts.\nDaniel. Du Mann des Trugs, im Werk der Sünd' ergraut,\ndu Hort der Schuld'gen, der Gerechten Feind\ndu sagst, dass du mit einem jungen Freund\ndies Weib Susanna hier im Garten trafst.\nWenn so, sag' an, was war es für ein Baum,\nder auf das Paar die schattenden Zweige bog?\nErster Richter. Die schlanke Linde, ihres Gartens Zier,\nsie war der Zeuge ihrer Heimlichkeit.\nDaniel. Falsch ist dein Wort, und Lügen spricht dein Mund,\nund die Verleumdung straft des Himmels Zorn!\nUnd du, Genosse dpr verruchten That,\nvon Kanaan's du, und nicht von Juda's Stamm,\nwas für ein Baum beschattete dies Weib,\nals du sie fandest mit dem jungen Mann?\nZweiter Richter. Dort gegen West entdeckt dein scharfer Blick\nDie mächt'ge Eiche, die zum Himmel ragt."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "404", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541223-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2031, "texte": "Sieh an dem Stamm der Zweige Wölbung auch,\ndort, dort, dort war es, wo ich sie ergriff!\nDaniel. Habt ihr gehört? Ihr Wort ist ihr Gericht!\nIhr falsches Zeugniss hat sie, selbst verdammt.\nSusanna, lege Ketten ab,\ndein Nam' ist reiner als der reinste Schnee.\nAuf euch sei ein schmachvolles Loos verhängt!\nSie gehe frei! Die Kläger trifft der Tod! '\n[Arie.) Reines Weib, des Hauses Wonne,\nsegnend, wie die Morgensonne,\nsanft, wie süsser Liederton;\nihren Reiz mit Treue schmücken,\nist ihr Glück und ihr Entzücken,\nall ihr Ruhm und all ihr Lohn!\nSusanna. 0, seht! mein Herr, mein Joachim erscheint,\nund Schmerz und Freude strahlt in seinem Aug'!\nJoachim. 0 theures Weib! wie hat mich dieser Tag\nerfüllt mit Schrecken und mit Heil erfüllt!\nSusanna. Dank unserm Gott! Nur ihm gebührt der Preis,\nDer über mir gewacht mit seiner Huld.\nJoachim. Laut stimmt an der Freude Chor,\ndass er laut erschall' zum Herrn empor!\nChor. Heil sei dem Tag! Heil sei dem edlen Paar!\nDem reinsten Bunde, der Zierde der Welt!\nSusanna. Weg jede Last, die meine Brust gedrückt!\nes kehrt der TrosJ in dieses Herz zurück.\nSiehe, damit uns nicht das Glück verwöhnt,\nmischt uns der Herr die Freude mit dem Leid.\n(Arie.) Voll Zagen sprach die Schuld\nder Unschuld Urtheil aus,\nbis Wahrheit brach den Trug,\nein Heil in der Gefahr.\nNimm Himmel meinen Dank,\ndenn er gebührt nur Dir.\nDas Laster liegt im Staub;\ndie Unschuld ist frei.\nJoachim. Süss sind die Laute deines lieben Munds,\nja, minder süss ertönt der Lerche Lied.\nUmsonst versucht Verleumdung sich an dir;\ndein reiner Nam', er strahlt in neuem Glanz.\nSusanna. Herr dieses Lebens, und jedes Wunsches Ziel,\nfür Dich nur lebt dies Herz, und stirbt mit Dir!\nJoachim. (Duett.) Nur zu Deinem Ruhm und Preis\ntön' der Harfe lauter Klang!\nSusanna. Deinen Namen liebeheiss\nfeire einzig mein Gesang!\nBeide. Echo trag' den süssen Ton\nleicht beschwingt mit sich davon,\nbis er in der Berge Kluft\nsanft verhauchet in der öden Luft.\nChor. Ein ehrsam Weib trägt aller Ehren Krön',\nGott schaut auf sie von seinem ew'gen Thron.\n\nG."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-12-23-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-12-23_01#c002", "volume": "bmtnabi_1854-12-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "404", "page_fin": "406", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541223-01.2.2", "titre_corps": "Aphorismen", "titre_sommaire": "Aphorismen", "signature_source": "L. Kindscher", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "404", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541223-01.1.4", "debut_caractere": 2033, "fin_caractere_exclue": 4844, "texte": "Aphorismen\nvon L. Kindscher.\nI.\nZur Würdigung der Fuge.\nAlles, was den Anstrich des Gelehrten, Gemachten\nund zu sehr Formellen hat, ignorirt das Volk. Es sagt:\n„Das mag wohl recht kunstvoll sein, man versteht's nur\nnicht!\" Auf seiner niederen Kunstbildungs-Stufe hat für\ndasselbe die Musik nur Reiz, wenn sie gleichfalls zu ihm\nherabsteigt, d. h. mehr einen in die Sinne fallenden, wohl-\ngefälligen Eindruck ausübt, oder auch, wenn sie ihm un-\nmittelbar an das Gefühl tritt und ihre gemüthliche Seite\nzeigen kann. Dennoch liegt auf der Hand, dass eine Menge\nvon Schönheiten dem Volke als spurlos und unbekannt vor-\nübergehen müssen, wofür es eben keinen Sinn hat, während\nein Kunstgebildeter in Anschauung derselben nach Herzens-\nlust schwelgen kann. So mag es auch wohl zuweilen bei\ndiesen Beiden mit der Fuge der Fall sein, und die Be-\nhauptung des „Wohlbekannten\", dass das Volk Graun's\nberühmte Doppel-Fuge: „Christus hat uns ein Vorbild ge-\nlassen\", nicht verstehen und sich dafür interessiren könne,\nfände hiernach ihre Rechtfertigung. Aber das Volk versteht\ndoch schon den gedrängten Sinn der gesungenen Worte\neines Fugen-Thema's, das in der Regel immer eine kurze\nWahrheit ausspricht, die wieder in Begeisterung von den\nanderen Stimmen erfasst und nachgesungen wird. Allein es\nversteht noch mehr, es versteht auch die religiöse Freude,\ndie das Haupt-Thema in seiner Beziehung auf Christus ab-\nspiegelt; und dieses in den Tönen noch mit einer gewissen\nZuversicht so klar abgeprägte Gefühl fängt nach und nach\nan, das vorige blosse Verständniss der Worte zu erwärmen\nund zu beleben. Das Herz nimmt und findet seinen An-\ntheil. Ergänzend tritt nun später das zweite Thema mit sei-\nnem Sinn hinzu, und so durchdringen und wiederholen sich\nbeide Themas, wobei das Volk zugleich schon etwas von\nderen kunstgemässer Verflechtung merken und ahnen muss,\nsogar bei deren Steigerung während des Orgelpunktes\nund somit dürfte doch wohl nicht alles Interesse dem Vol-\nke für die Fuge überhaupt abzusprechen sein, indem, wie\neben gezeigt worden, doch sein Verstand wie Gemüth nicht\nleer dabei ausgingen. Haydn's Fugen in seiner unsterb-\nlichen „Schöpfung\" werden gewiss vom Volke nicht nur\neben so verstanden, als auch gern und mit reger, sogar\ngespannter Aufmerksamkeit gehört werden, so auch die\nSchluss-Fuge zu lländel's Samson, Schneider's Weltgericht.\nUngleich höher liegt für dasselbe schon die Instrumental-\nFuge, welche mehr den Dilettanten aus dem Volke, der\nschon etwas mehr Kunstbildung genossen hat, beschäftigt,\nvorausgesetzt, dass er nur Sinn dafür mitbringt und in ihr\nnicht ein blosses Spiel mit Formen oder einen kalten, todten\nLeichnam zu erblicken gelernt, wie überhaupt ein Vorur-\ntheil gegen sie gefasst hat. Wo der Buchstabe aber tödtet,\nmacht der Geist lebendig, und Mozart's Ouvertüre zur Zau-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "405", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541223-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4987, "texte": "berflöte wird ihre Zündkraft auch hier bewähren. So wer-\nden auch ferner den Dilettanten die übrigen, höchst geist-\nvollen Mozart'schen Fugen interessiren: G-moll und aus der\nPhantasie F-mollzu vier Händen, mit Violine,\nfür Streich-Quartett. Wer hörte wohl Sebastian Bach's\nD-moll-Fuge (11. Theil des wohl temperirten Claviers), ohne\nzugleich eine Art von Gemüths-Erregung zu empfinden,\nda sie mit vollem Rechte eine Elegie genannt werden\nkann? Aehnliche elegische Färbung haben noch F-moll (11.\nTheil), die so genannte Lieblingsfuge Mozart's, und B-moll\n(I. Theil). Naiv erscheint 6/s, erhaben,\nerhaben und grossartig die beiden Cis-moll, und von diesen\ndie erste iünfstimmige mit ihren drei Themas wie ein hoch-\nragender gothischer Dom. So spricht B-dur (I.) Gemüths-\nruhe und H-moll (I.) Melancholie. Wohl wird vielleicht\nMancher heim Ueberblick dieser zuletzt gegebenen Specia-\nlitäten etwas ungläubig den Kopf schütteln und zugleich\nstarken Zweifel hegen, dass die trockene Fuge wirklich\neine Gemüths-Abspiegelung geben könne allein man\nhöre nur diese Fugen, um sie kennen zu lernen und sich\nselbst zu überzeugen. In Bach ist die Idee (der Geist) so\nvorherrschend, dass die Form (der Körper) völlig davon\nüberwunden und bezwungen erscheint, während bei den\nUebrigen die blosse Form ohne alle Idee sichtbar ist. Man\nkann daher hier auch vergleichsweise sagen: Dort hebt die\nIdee die Form auf, hier die Form die Idee. Wie leicht der\ngrosse Sebastian die sonst so eiserne, tyrannische Form be-\nherrscht, dass sie ihm als Sclavin dienen muss, dass er sie\ngleichsam wie einen bösen Geist durch den Macht- und\nZauberspruch seiner Idee gefangen hält, davon gibt ein\nrecht schlagendes Beispiel die klare C-dur-Fuge aus dem\nI. Theil des wohl temperirten Claviers, in der das Thema\nan allen Orten und Enden hervordringt. Man weiss nicht,\nwo es her kommt, und doch ist es überall da, quillt und\nrieselt leise dahin gleich munteren Quellen, versteckt unter\nBlumen und Wiesengrün was eben wiederum den klar-\nsten Beweis davon abgibt, wie bei dem hohen Meister die\nhöchste Kunst wieder zur einfachen Natur wird.\nII.\nUeber den so genannten „variirten Choral“.\n(Zur Würdigung des Contrapunktes.)\n„ In Gottes wunderbarem Werke, der Musica,\nist vor Allem das seltsam und zu verwundern, dass einer\neine schlechte Weise oder Tenor (wie es die Musici heis-\nsen) hersinget, neben welcher drei, vier oder fünf andere\nStimmen auch gesungen werden, die um solche schlechte\nWeise oder Tenor gleich als mit Jauchzen gerings herum\nspielen und springen und gleich einem himmlischen Tanz-\nreigen führen, freundlich einander begegnen und sich gleich\nherzen und lieblich umfahen. Luther.\"\nWas kann wohl Luther mit diesem seinem eben so\nwarmen als lehrreichen Ausspruch? anders meinen als den\nso genannten „variirtenChoral\" ? Die schlechte (schlichte\noder choralgemässe) Weise oder Tenor (denn bekanntlich\nrang sich erst gegen Ende des sechszehnten Jahrhunderts\ndie Choral-Melodie aus dem Tenor in die Oberstimme,\nden Discant, empor), umgeben von den übrigen Stimmen,\ndie mit Jauchzen herumspielen und springen gibt Bei-\ndes nicht genugsam den Gegensatz von Ruhe und Bewe-\ngung, Einheit und Mannigfaltigkeit, mit Einem Worte: einen\necht „poetischen Contrast\", indem die Haupt-Melodie, von\nder Begleitung umgeben, wie ein Bild in einem reich ver-\nzierten Goldrahmen erscheint? Einen Beweis von dem ho-\nhen Alter dieser würdigen, echt kirchlichen, contrapunk-\ntisehen Kunstform gibt zugleich der obige Ausspruch\nLuther's, der, seit seiner Jugend als Chorschüler wo er\nviel dergleichen Compositionen gehört und gesungen\nschon damit bekannt, als Mann noch stets mit hoher Freude\nund Begeisterung dafür erfüllt war, wovon eben die obigen\nWorte deutlich Zeugniss ablegen. Es wäre wahrlich der\nMühe werth, mit Fleiss nachzuspüren, wo die älteste der-\nartige Composition, sei es entweder für Orgel oder Gesang,\nzu finden sei, und es würden sich daher Besitzer von Bi-\nbliotheken um diesfallsige Mittheilungen verdient machen,\naus deren Vergleich wiederum ein genügendes Resultat\nhervorgehen müsste. Von dem „Umjauchzen\" der Stimmen\nund deren „himmlischem Tanzreigen\" hat schon so manche\nclassische Kirchen-Composition die Vorstellung angeregt.\nAnzuführen: J. C.Bach's „Ich lasse dich nicht\"—Händel's\nunsterbliches Halleluja Seb. Bach's anfallender Organist\nund Mo zart' s Choral aus der Zauber flöte, der ewig\njungen, frischen, den die beiden geharnischten Männer sin-\ngen. Es ist die alte Melodie: „Ach Gott vom Himmel, sieh\ndarein\", die in Octaven Note für Note bis noch auf einen\nzugefügten melodischen Schluss erklingt. Gerade dieser\nSatz ist eine Perle in dem reichen Juwelenkranze der Oper\nund hört es nur, ihr Contrapunkts-Verächter! —auch\nnoch ein Stück Poesie dazu! Wollt ihr es läugnen, dass\nMozart sie hineinlegte? Hier der Beweis. Der scenischen\nSituation zufolge soll sich das Feierliche mit dem Schreck-\nlichen und Grauenhaften verbinden, während die beiden\nflammenden Eisenmänner dem heldenmüthigen Jünglinge"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "406", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541223-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2049, "texte": "seinen bevorstehenden Kampf mit den Tod drohenden, in\nwildem Aufruhr tobenden Elementen andeuten, so wie zu-\ngleich Trost und Muth zu erwecken suchen. Den hohen\nErnst des Augenblicks umfassen schon gleich von vorn\nherein die ersten sechs Tacte der Einleitung. Wie ein in\nbanger Erwartung ängstlich Suchender beginnt nun die\nzweite Violine ihr Thema piano in kurzen Achtelnoten,\nwährend die längeren Töne, so auch die mit einem Bogen\nversehenen längeren Achtel mit ihrer nachfolgenden Pause\nden Gemüthszustand der Bangigkeit und Spannung deut-\nlich malen, der sich gleich kurzen, abgerissenen Seufzern\nhier kund gibt. Nächst den zehn weiteren Tacten hebt der\nGesang an, begleitet im „ Unisono\" der Melodie von den\naushaltenden Blas-Instrumenten: Flöte, Oboe und Fagotten,\nwozu noch aber nur stoss- und ruckweise die drei\nPosaunen hinzutreten. Alles dies jedoch immerfort auf der\nbewegten, stetigen Achtel-Grundlage der entweder ein-\nzeln oder vereint begleitenden Streich-Instrumente. Mit\nSchauer werden und müssen daher diese Klänge denjeni-\ngen, der dem hohen, unsterblichen Tonschöpler irgend nach-\nzufühlen vermag, durchrieseln, und wie ein Kinder-Gemüth\nsich bei der Entlaltung eines Zauber- oder Geister-Mär-\nchens in eine neue Welt versetzt sieht, in der es sich gleich\nerschreckt und doch auch gleich wieder unwillkürlich an-\ngezogen fühlt, so empfindet nun hier ebenfalls das Gemüth\ndes sinnigen Hörers so ein Gemisch von Graus und Wonne\nzugleich, ein wenigstens durch seinen scheinbaren, gleich-\nzeitigen Widerspruch eigentümliches Gefühl. Gibt es\ndaher in der Neuzeit manche, die bei dem blossen Worte\nContrapunkt einen leisen Hautschauer empfinden und sich\nmit Geringschätzung von dem „todten Formenkram\" ab-\nwenden, so verstehen sie die Sache nicht, und es sind\nnamentlich an dieser einseitigen, ja, falschen Meinung die\nKünstler selbst schuld, die, selbst ohne Geist, sich nur an\ndie Form hielten, die doch nur Umhülluug, Trägerin des\nGeistes sein soll und kann. Schiller aber sagt: „Und die\nKunst, sie ist durch die Kunstler gefallen.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-12-23-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-12-23_01#c003", "volume": "bmtnabi_1854-12-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "406", "page_fin": "407", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541223-01.2.3", "titre_corps": "Jacques Dupuis.", "titre_sommaire": "Jacques Dupuis.", "signature_source": "L. 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Es scheint, dass der französische Einfluss,\nder sich auch in anderen Dingen in Belgien gar sehr gel-\ntend macht und trotz aller Bestrebungen, das niederdeut-\nsche Element am Leben zu erhalten und zu kräftigen, doch\nimmer noch die Oberhand hat, auch auf die Tonkunst, den\nSinn für sie und den Geschmack in derselben wenigstens\nin so fern einwirkt, als in Belgien, wie in Frankreich, vor-\nzugsweise die ausführende Kunst cultivirt wird l'execu-\ntion ä tout prix. Für Orchester-Musik im Grossen, also\nnamentlich für die Sinfonie, ist der grösste Theil des Publi-\ncums noch lange nicht empfänglich genug, und an Auffüh-\nrungen von Oratorien ist gar nicht zu denken. Die Regie-\nrung und die reichen Städte thun äusserlich viel für musi-\ncalische Institute, besonders geben die Conservatorien der\nMusik in mehreren Städten Zeugniss davon; auch die Ge-\nsang-Wettstreite haben für Belgien zweifelsohne ihr Gutes\ngehabt, der Männergesang hat sich sehr erfreulich ent-\nwickelt und dürfte vielleicht die einzige Gattung von Musik\nsein, in welcher Belgien in neuerer Zeit eine gewisse Blüthe\nerreicht hat.\nIri der Composition waltet derselbe Einfluss; Grisar,\nGevaert, sehr achtungswertheNamen, haben sich auf die\nOper geworfen und suchen in Paris den günstigen Boden\nfür die Erzeugnisse ihrer Muse, welche erst die dortige\nTaufe erhalten müssen, um in ihrem Vaterlande zu gelten.\nFetis ist mehr Musik-Gelehrter als Componist, Hanssens\ndürfte über die Gränzen des Weichbildes von Brüssel hin-\naus kaum bekannt sein.\nBlicken wir aber auf das specielle Gebiet der ausüben-\nden Kunst, so erscheint Alles sogleich anders, und es treten\nuns nicht nur die ausgezeichnetsten Künstler, sondern auch\nsehr wackere Componisten für diese Richtung entgegen,\nund wir finden in Bezug auf Composition einen offenbaren\nFortschritt, ein Streben nach Vereinigung des französischen\nund deutschen Stils, welches sich zu vortrefflichen Leistun-\ngen in den letzten Werken von Vieuxtemps gipfelt.\nAuch was de Beriot und Prume in dieser Beziehung\ngeleistet, und gegenwärtig Servais für das VioloncelJ,\nLeonard für die Violine, Aug. Dupont für das Piano-\nforte leisten, verdient volle Anerkennung.\nAls einen neuen würdigen Repräsentanten der belgi-\nschen Schule des Violinspiels begrüssen wir Herrn Jacques\nDupuis, Professor am Conservatorium zu Lüttich, den\nwir kürzlich im Stadttheater, in der musicalischen Gesell-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "407", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541223-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3422, "texte": "schaft und in Privat-Cirkeln gehört haben, und der durch\nseine Leistungen die Stimmen von Kennern und Kunst-\nfreunden allhier alle zu seinen Gunsten vereinigt hat.\nDupuis ist den 31. October 1830 zu Lüttich gebo-\nren. Der ohnedies nicht sehr starke Knabe hatte in seinem\nvierten Jahre noch obenein das Unglück, den linken Fuss\noberhalb des Knöchels zu zerbrechen, und hat an den Fol-\ngen dieses Bruches bis in sein zwanzigstes Jahr gelitten.\nBei seinen hervorstechenden Anlagen zur Musik übergaben\nihn seine Eltern schon in seinem achten Jahre dem Con-\nservatorium in seiner Vaterstadt. Er zeichnete sich im Ge-\nsänge und Clavierspiel, besonders aber auf der Violine aus.\nZwölf Jahre alt, erhielt er bei der Prüfung bereits den\nzweiten Preis im Violinspiel. Leider überkam ihn eine fast\nzweijährige Krankheit; aber die körperlichen Leiden waren\nnicht im Stande, seine Neigung und sein Talent für die Mu-\nsik zu tödten, und in seinem siebenzehnten Jahre wurde\nihm der Prix d'excellence durch den Vortrag des Concerts\nin Evon Vieuxtemps zu Theil. Späterhin erhielt er den-\nselben Preis auch für Pianoforte.\nIm Violinspiel waren Rouma, Jos. Dupont und zuletzt\nPrume seine Lehrer, und dem letzteren verdankt er vor-\nzüglich seine künstlerische Ausbildung. Im Jahre 1850\nraffte die Cholera diesen trefflichen Meister dahin, und zwar\nso plötzlich, dass er um Mittag noch eine Unterrichtsstunde\ngab und Nachmittags um vier Uhr, wo das Orchester zu\neiner Concert-Probe, welche er zu leiten hatte, versammelt\nwar, statt seiner die erschütternde Nachricht von seinem\nTode eintraf.\nDas Curatorium des Conservatoires ernannte Dupuis,\nwiewohl derselbe erst 19 x/i Jahr alt war, zu dessen Nach-\nfolger an der Anstalt.\nHerr Dupuis kam vorige Woche nach Köln, um, wie\ner offen sagte, sein Spiel dem Urtheile der kölner Musiker\nund Musikfreunde zu unterwerfen, und der bescheidene\nKünstler trat, als er das erste Mal in der musicalischen Ge-\nsellschaft spielte, mit einiger Befangenheit auf, welche aber\nbald durch den lebhaftesten Beifall der Zuhörer verscheucht\nwurde. Am 18.d. Mts. spielte er im Stadttheater das Con-\ncert von Mendelssohn auf so ausgezeichnete Weise,\ndass er mehrere Male, und nicht bloss am Ende jedes Satzes,\ndurch rauschenden Applaus unterbrochen und am Schlüsse\ngerufen wurde. Sein Spiel war hier offenbar noch ruhiger\nund gemessener, als bei seinem ersten Auftreten: auch in\nden Stellen, in welchen er Geist und Feuer dahinter setzte,\nliess er sich nie über das Maass hinaus hinreissen. Untade-\nlige Reinheit und Fülle des Tones, eine degagirte und kräf-\ntige Bogenführung und völlige Beherrschung der technischen\nSchwierigkeiten sind ihm eigen. Dabei zeigte er eine rich-\ntige, echt künstlerische Auffassung der Composition, wo-\ndurch bei der trefflichen Begleitung des Orchesters (auch\nin dem schwierigen Finale) das schöne Werk in seinem\nvollen Glänze erschien und grossen Eindruck machte. Den\nausdrucksvollen Vortrag des Adagio's müssen wir noch be-\nsonders hervorheben.\nMit grossem Vergnügen bezeugen wir unsere Achtung\nvor dem hervorragenden Talente dieses jungen Künstlers\nund vor dem würdigen Streben, das ihn auf die edle Rich-\ntung der Kunst geführt hat. Möge er auf dieser beharren\nund nur getrost eine Kunstreise durch Deutschland antre-\nten; an lohnender Anerkennung wird es ihm nirgends feh-\nlen, wo der Sinn für das gediegene Violinspiel noch nicht\ndurch den Geschmack an Faxen verdorben ist.\n\nL. B."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-12-23-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-12-23_01#c004", "volume": "bmtnabi_1854-12-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "407", "page_fin": "408", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541223-01.2.4", "titre_corps": "Fünftes Gesellschafts-Concert in Köln im Casinosaale.", "titre_sommaire": "Fünftes Gesellschafts-Concert in Köln im Casinosaale.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "407", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541223-01.1.7", "debut_caractere": 3424, "fin_caractere_exclue": 5311, "texte": "Fünftes Gesellschafts-Concert in Köln\nim Casinosaale.\nDinstag, den 19. December.\nDas Programm gab im ersten Theile: 1) Ouvertüre zu Fer-\n\\\ndinand Cortez von Spontini; 2) Gebet: „Verleih uns Frieden\",\nfür Chor und Orchester von Mendelssohn; 3) Concert für\nPianoforte in C-moll von Beethoven, gespielt von Herrn Ed.\nFranck; 4) Zwei Weihnachtslieder für vierstimmigen Chor von\nLeonh. Schroeter (1537); 5) der römische Carneval, Ouvertüre\nfür grosses Orchester von Ed. Franck —und im zweiten Theile:\nBeethoven's C-moll-Sinfonie.\nDie Cortez-Ouverture will nicht recht in den Concertsaal passen\nund Hess ziemlich kalt. So viel wir uns erinnern, variirte Spontini\ndas Tempo derselben öfter, als wir es hier bemerkt haben, z. B.\ngleich den Eintritt der Blas-Instrumente nach den ersten wilden\nTactcn nahm er langsamer. Mendelssohn s Gebet: „Verleih\nuns Frieden\", wie alle derartigen Sachen von ihm, zierlich und fein,\nohne eben tief zu gehen, hätte vielleicht vom Chor mehr piano ge-\nsungen werden können.\nBeethoven's C-moll-Concert war die Krone des Abends,\ni\nund es macht dem Spieler, Herrn Ed. Franck, und dem Publi-\ncum die grösste Ehre, dass selten ein Ciavierstück mit Orchester\neinen so allgemeinen und tiefen Eindruck auf die ganze Versamm-\nlung hervorgebracht hat, wie dieses. Franck spielt diese Gattung\nvon Musik, zu der die Mozart schen und die vier ersten Clavier-\nConcerte Beethoven's gehören, auf eine so meisterhafte Weise, dass\nsie jetzt wohl schwerlich ihres Gleichen findet; die richtige Auf-\nfassung des einfach grossen und edeln Geistes der Composition, die\nwahrhaft classische Ruhe, die wundervolle Gleichheit des Anschlags,\ndie perlende Deutlichkeit der Figuren und Tonleitern und die\nWärme des Ausdrucks in der Melodie, die von Ziererei und Em-\npfindelei stets fern bleibt, fesseln den Zuhörer auf merkwürdige\nWeise und geben den glänzenden Beweis, was für eine ausseror-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "408", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541223-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1500, "texte": "dentliche Wirkung mit jener Verbindung von Ciavier und Orche-\nster, wie sie von Mozart und Beethoven ohne alle Bravour-Blendung\nangewendet ist, auf ein unverdorbenes Publicum hervorzubringen ist.\nHoffen wir, dass die Zeit auch kommt, wo diese Wirkung selbst\nauf ein verdorbenes ihre Macht übt! lm Anrücken ist sie, diese\nZeit; aber auf dass sie wirklich erscheine, müssen die Künstler\nsich gegen das Sprüchwort verschwören: Ueberall, wo die Kunst\nzu Grunde gegangen, u. s. w.\nNach dem C-wo//-Concert sollte, dem gedruckten Programm\nnach, eine Arie von Donizetti aus der „Favorite44 folgen. Dank\nden Umständen oder den Bedenken, welche die Ausführung ver-\neitelt haben.\nDie Weihnachtslieder aus der ersten Hälfte des sechszehnten\nJahrhunderts wurden a capella vom Chor recht sicher gesungen.\nDen Schluss des ersten Theils machte eine Ouvertüre von Ed.\nFranck, Op. 21, „Der römische Carneval44 überschrieben. Wir\nmögen nach einmaliger Anhörung nicht über dieses Werk urthei-\nlen, über dessen beabsichtigten Charakter wir, offen gestanden,\ndadurch nicht ins Klare gekommen sind. Die Einsicht der Partitur\nund wiederholtes Hören wird uns besser zur richtigen Auffassung\ndes vom Componisten Gewollten befähigen.\nDie C-mo//-Si nfonie von Beethoven übte besonders\ndurch die beiden letzten Sätze den gewöhnlichen Zauber aus. Der\nerste Satz liess in präciser Ausführung Manches vermissen; das\nAbkneifen des dritten Achtels in der Hauptfigur war mitunter stö-\nrend; es lag wohl an dem etwas zu schnellen Tempo."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-12-23-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-12-23_01#c005", "volume": "bmtnabi_1854-12-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "408", "page_fin": "408", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541223-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt. 0", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt. 0", "signature_source": "Der Vereins-Vorstand", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "408", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541223-01.1.8", "debut_caractere": 1502, "fin_caractere_exclue": 5639, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt. 0\nDer Vereins-Vorstand.\nX&tiln, 22. December. Im Stadttheater wurde gestern zum\nersten Male gegeben: Der Advocat, komische Oper, Text von\nR. Benedix, Musik von F. Hiller. Der Stoff der Handlung ist\nzum Theil einer alten französischen Posse entnommen, welcher in\ndem burlesken Lustspiel L'Avocat Patelin im siebenzehnten Jahr-\nhundert zuerst eine dramatische Form gegeben sein mag. Es ist\nalso auch in der gegenwärtigen Gestalt des Textes nicht von einer\nConversations-Oper die Rede, sondern von einer derben Posse, de-\nren Kern der Volkswitz geschaffen hat. Dass es eine ästhetische\nAnsicht gibt, welche dergleichen Texte läppisch findet, wissen wir\nsehr gut; wir gehören aber zu denen, welche die Berechtigung\ndieser Gattung auf der Bühne anerkennen, über die Dummheiten\ndes „Dorfbarbier\", des „Doctor und Apotheker\" u. s. w. von Her-\nzen lachen und es bedauern, dass wir keine Volks-Oper mehr ha-\nben. Wir glauben, dass Hiller hierin ganz unserer Ansicht ist,\nsonst würde er diesen Text nicht componirt haben; wir hören\nselbst, dass der erste Gedanke zur Benutzung jenes Stoffes von ihm\nausgegangen ist. Ob er aber in den Mitteln, diesen Stoff musicalisch\nzur Geltung zu bringen, richtig gegriffen habe, ist eine andere Frage.\nEs klingt paradox, dürfte aber desshalb nicht weniger wahr sein:\ndie Hillcr'sche Musik ist zu gut für diesen Text. Der Componist\nhat uns eine so geistreiche, bis in die kleinsten Einzelheiten so fein\nausgearbeitete Musik gegeben, dass man von dem Detail entzückt\nsein und dennoch einen befriedigenden komischen Eindruck des\nGanzen vermissen kann. So sehr der Componist auch durch diese\nArbeit wieder sich in der Achtung seines hervorragenden Talents\nund seines musicalischen Wissens bei allen Kennern befestigt hat,\nso wenig können wir das grosse Publicum verdammen, wenn der\nErfolg des Werkes bei der ersten Vorstellung (die übrigens nocA\nVieles zu wüuschen übrig Hess, wenngleich der Fleiss der bethei-\nligten Künstler sehr, anzuerkennen ist) nur ein getheilter war. Wir\nwerden gewiss Gelegenheit haben, darauf zurück zu kommen, und\nberichten nur noch, dass der Componist am Schlüsse gerufen und\nihm Kränze zugeworfen wurden.\nIn Pesth wird Liszt's Messe für Männerstimmen mit Orgel -\nbegleitung zuerst zur Aufführung kommen. Liszt's „Pater noster\"\nund „Ave Maria4', für gemischten Chor mit Orgel, sind in Prag\ndurch die Bemühungen der kunstsinnigen Gräfin Schlick zur Auf-\nführung gelangt.\nSan. Francisco. Die Sängerin Katharina Hayeshat\nauf ihrer Reise von San Francisco nach Australien die Hauptstadt\nder Sandwichs-Inseln Honolulu besucht, und wurde mit besonderer\nAuszeichnung vom König Hamehameha, seiner Gemahlin und Toch-\nter aufgenommen. Bei ihrer Abreise feuerte die Flotte Salutschüsse.\nDie k. Garde bildete Spalier und präsentirte das Gewehr.\nIfteutsclte Tonhalle*)«\nZur Beurtheilung der wegen dreier Abendmahl-Gesänge einge-\nkommenen 44 Preisbewerbungen waren als Preisrichter erwählt:\nHerr General-Musik-Director Dr. L. Spohr und die\nHerren Capellmeister F. Hiller und V. Lachner.\nDer Preis wurde zuerkannt dem Werke des Herrn Ferdinand\nLeder in Marienwerder; besonders belobt wurden die Werke der\nHerren L. Liebe in Strassburg und K. Kammerlander in\nAugsburg, sodann die der Herren Dr. Wilh. Volkmar in Hom-\nberg, K. J. Bisch off in Frankfurt, J. B. Andre in Offenbach\nund B. Randhartinger in Wien.\nWegen Rückgabe sämmtlich bezüglicher Werke haben wir uns\nnach den Satzungen des Vereins (14.i) zu achten.\nDie eingekommenen 79 Compositionen des Gedichtes: „An eine\nBlume das Herz\", von Fr, Götz sind den erwählten drei Herren\nPreisrichtern, jedem insbesondere, zur Beurtheilung zugesandt.\nBetreffend den vom Vereine für eine Sinfonie ausgesetzten\nPreis, laden wir, mit Bezug auf das Ausschreiben vom 11. August\nd. J., hiermit wiederholt zur Bewerbung ein und bemerken, dass\ndie dazu bestimmten Werke im Monat Februar 1855 in Par-\ntitur und frei „An die deutsche Tonhalle in Mannheim\" einzu-\nschicken sind.\nMannheim, den 11. Christmonat 1854.\n*) Alle der deutschen Tonkunst befreundeten Redaetionen von\nZeitschriften werden um gefällige Weiterverbreitung ersucht."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "401", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541223-01.1.1", "texte": "Susanna.\nEin Oratorium von Händel.\n\n(Yergl. Nr. 50.)\nErster Theil.\nChor der Israelit. Wie lang', o Herr, droht uns Dein Zorn\nmit Knechtschaft und Tod?\nErhör' uns, Gott, der Gnade- Born,\nrett' uns aus Schmach und Noth.\nJoachim.(Recit.)Der Zeiten Laster reizten Gottes Zorn,\nnun straft er geisselnd sein entartet Volk.\n0, komm, Susanna, theures Weib,\nund scheuche deines herzens Gram.\n[Arie.) Wolken dröhn dem klarsten Tag;\nsüsser Jugend Pracht und Blülhe\nwelket bald und sinkt in Schmach.\nAber Lieb' in treuer Brust\nwehrt dem Leid und mehrt die Lust.\nSusanna. (Recit.) 0 theu. er Mann, bist du bei mir,\nso schwelgt mein Herz in beitrem Glück.\nAuf meiner Wange vcrsiecht die Thräne mir,\nso wie der Thau im Morgensonnenstrahl.\nJoachim. [Duo.)Bin ich bei dir, wie schlägt in mir\nmein Herz so still entzückt!\nSusttnna. Wie bin ich froh, halt' ich dich so\nan meine Brust gedrückt!\nBeide.Mit Freude beschwingt, fliegt der Tag uns vorbei\nund haucht rings den Himmel von Schatten uns frei.\nSchlägt Arm uns im Arme am Herzen das Herz,\nso tröstet die Klage, so lächelt der Schmerz.\nJoachim. Als sie zuerst mein Aug' erblickt,\nin Unschuldreiz geschmückt,\nhat sie mit Zauber mich berückt\nund mir das Herz geraubt.\nMir lächelte, mir schmeichelte der Zauberzwang,\nals mir ihr Blick die Brust durchdrang,\nmir ihre Hand die Fessel schlang,\nUmstrickend Herz und Haupt.\nSusanna. [Recit.)Lass mich gestehn, ich höre meinen Preis\nmit Freud' und Wonne im Liede deines Munds.\nSo traf auch damals mich der Liebe Pfeil,\nals dein Gesang zum ersten Mal mich pries.\n[Arie.) Wär' es bei Frauen Brauch und Fug,\nlaut zu gestehn des Herzens Zug,\nso hätt' ich dich stets mein genannt,\nso nannt' ich dich nur mein.\nLang' vor dem Tag, der mich getraut\nan deine Hand als deine Braut\nvor Gottes heil'gem Schrein,\nda nannt' ich dich nur mein.\nJoachim. [Recit.) Quell jeder Lust, du meines Herzens Trost,\nmeine Susanna, mein geliebtes Weib,\naus deiner Nähe rufet eine Pflieht\nmich heute weg, doch nur auf kurze Zeit.\nEh' siebenmal der Sonne strahlend Rund\nim fernen Westen seinen Lauf vollbracht,\nsei dess gewiss, siehst du mich wieder hier.\nSusanna, [Recit) So lang', Susanna, ist der Gram dein Loos!\n[Arie.) Das Vogelpaar, das Nahrung sucht,\nVerlässt die Brut in banger Flucht;\nvon Angst und Qual sind sie verzehrt,\nob nicht ein Raub ihr Nest zerstört.\nDoch finden sie, zurückgekehrt,\ndie Jungen flatternd, unversehrt,\nihr jauchzend Glück in meinem Blick\nlies es, wenn du mir kehrst zurück.\n[Recit.) 0 Theuerster! sei jede Freude dein\nv auf deinem Wege, süsser, lieber Freund!\nWie liegt es bang und schwer auf meiner Brust I\nWas soll der Schatten, der mir vorm Auge schwimmt ?\nIst's eine Ahnung, die sich in mir regt,\nund glückverkündend, erfülle sie sich schnell\nan Joachim, an meinem theuren Freund.\nWenn nicht, so fall' auf mich allein das Leid!\n[Arie.) Betend vor dem Thron der Gnade,\nFleh' ich, Herr, um diese Huld,\nlass mich auf dem letzten Pfade\nzu Dir eingehn ohne Schuld.\nWär' es dann Dein heil'ger Wille,\ndass ich sterbe vor der Zeit,\nhalt' ich Dir in Demuth stille,\nDir ergeben, Dir bereit.\nChor. Unschuld wird nimmer lang' unterdrückt;\naus Leid ersteht sie froh und beglückt\nEr st. Rieht. [Ree.) 0 herbe Pein! wie schmerzt der Liebe Pfeil!\nNicht Stand noch Alter schützt vor ihrer Qual.\nWie? zu dem Rath der Aeltesten gesellt,\ndes Rechts zu pflegen über all das Land,\nsoll ich gebeugt, soll ich besiegt mich sehn von\nihrer Gluth?\nHa, wie verwandelt wallt in mir das Blut!\nWie in der Jugendblüthe erster Zeit\nfühl' ich die Purpurströme in mir glühn.\nJa, Alles weicht, ich lühl's, der Liebe Macht!\nHa! willenlos reisst mich die Flut dahin!\nkein treuer Steurer lenket meinen Kahn,\nkein günst'ger Stern verleiht mir mildes Licht;\nnein, schwarze Nacht senkt Dunkel um mich her,\nes heult der Sturm, die Welle schäumt empor,\nda ich mich wage von dem sichern Strand."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "402", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541223-01.1.2", "texte": "[Arie.)Ihr grünen Au'n, du •würzig Thal,\nVom Silberquell durchrauscht,\nwie habt ihr mich und meine Qual\nso oft, so oft belauscht!\nDen wunden Eichen in dem Ilain\ngrub ich der Liebsten Namen ein.\nZweiterR. [Ree.) Kann es geschehn, dass Alter sich so vergisst,\num noch zu tändeln nach der Weiber Gunst?\nWar es um dies, dass man mich ehrend pries,\nauf Recht vertrauend, wo mein Nam' erklang?\nNun wird mir Ehre ihren Preis entziehn,\nund Schmach umhüllt die künft'gen Tage mir.\nErster Richter.Heil dir, mein Bruder! Deine Faltenstirn\nerwägt, so scheint es, einen schweren Fall,\nder der Entscheidung deines Spruches harrt.\nZweiter Richter. Ein rasches Urtheil geht nicht selten fehl.\nErster Richter. So sage mir, warum so ernst du standst,\nmit finstern Brau'n und mit gekreuztem Arm.\nZweiter Richter. Wie, wenn ich liebte? Weisst du dagegen Rath?\nErster Richter. Nicht ich, in Wahrheit. Rathlos bin ich selbst.\nFürwahr, der Strahl aus schön Susanna's Aug'\nirret den Weisen und entnervt den Helden.\nIhr holdes Bildniss füllet ganz mein Herz.\nIst es ihr Reiz, der dich auch so bewegt?\nZweiter Richter.Ja, ihre Schönheit, wie ein Zauberspruch\nhat mich verzückt und reisst mich ganz dahin.\nWahn, blinder Wahn berückt mir meinen Geist,\nund meine Brust durchlodert heisse Gluth.\n(iirie.) Die Eiche, die ein Jahrtausend stand\nin wilder Stürme Wuth,\nsie scheut gleich mir des Blitzes Brand\nund flammi in jäher Gluth.\nFluch sei dem Tag und Fluch der Stunde Schlag,\ndie mich gebracht in eines Weibes Macht.\nErsf.RtcAt. (Ree.) Beschwingte Luft, o, klag' ihr meinen Schmerz!\nVerkünd' ihr treulich, wie ich schmachte hier,\ndoch lisple leise, wenn du mich ihr nennst,\nvon meiner Liebe, nicht von meiner Schmach.\nZweiter Richter. Sich, dort, wo um die Zitterpappel rankt\nder schlanken Rebe dicht umhüllend Laub,\ngewahr' ich sie! Lass uns in Eile hin\nund, wohl versteckt vor jedem Späheraug',\nan ihrem Anblick, ihrem Reiz uns freu'n.\nVielleicht wird uns ein günstig Glück zu Theil!\nErst.Rieht. [Arie.) Wenn die Schlacht-Trompete klingt,\nwird der Krieger zaudernd stehn?\nWenn dir die Sirene singt,\nwirst dem Sang du widerstehn?\nStand und Alter warnt umsonst\nmit dem Schrecken mich der Reu,\nvon dem Wagniss abzustehn —\nLiebe wehrt mir Furcht und Scheu.\nChor.Gott der Herr kennt ihre List\nund gewährt ihr kurze Frist.\nAber dann in Blitzeseil\nfliegt herab sein Flammenpfeil.\nWeh der Schuld! denn sie erfährt,\nwie der Zorn des Herrn zerstört!\nZweiter Theil.\nSusanna. (Recit.) Komm, leite dort mich zu der kühlen 1 lut,\ndenn ich verschmachte in dieser Sonnengluth.\n(Arie.) Klarer Wellen murmelnd Gleiten,\nleise, linde Lüfte breiten\nrings den Duft der Rosen aus.\nIn der Pinien Krone säuselnd\nund des Baches Wellen kräuselnd,\nkühlen sie des Tages Gluth.\n(Recit.) Ach, holder Freund, um den mich Sorge quält,\nwann wirst du kommen, meiner Sehnsucht Trost!\nDienerin. Bald kehrt dein Herr, dein Joachim, zurück.\nSteh ab, zu klagen ob so kurzem Leid !\nSusanna. Ach weh! wer je gefühlt das stille Fear,\ndie süsse Sorge einer treuen Liebe,\nweiss, dass die Stunde sich dehnt in Tage aus,\nwenn der Ersehnte ferne von uns weilt.\nDoch ist der Liebling unsres Herzens nah,\ndann, adlergleich beschwingt, entfliegt das Jahr.\nDoch, du bist gut! gewähre mir den Wunsch,\nwenn mich's zu hören sehnt das liebe Lied,\ndas mir der Theure sang, bevor er mich,\ndie still Bescheidne, sich zur Braut erkor.\nDienerin. (Lied.) Frag', ob die Rose süss von Duft,\nDie ringsum würzt die Luft;\ndann frag' die Schäfer auf den Höh'n,\nob nicht mein Mädchen schön.\nSusanna. Du suchst umsonst zu stillen mir den Gram,\nder meiner Seele jeden Trost benahm.\nDienerin. 0 weh des Leids, das dir bedrängt dein Herz!\nAch, meine Brust zerreisst der gleiche Schmerz !\nEin armer Knab' erschuf mir diese Qual,\nein holder Knab', der holdeste im Thal.\nVon meiner Seite riss ihn mir der Tod,\nich wein' ihm nach in Jammer und in Noth.\n(Lied.) Im Schatten der Cypresse lag,\nwo Silberlilien blühn am Hag,\nder Jüngling, dem ich weine nach,\ndas Herz von Jammer schwer.\nEr war der holdste Knab' im Thal,\nder je der Mädchen Herzen stahl,\nund mir auch senkt' das Herz in Qual ;\ndenn, ach, er ist nicht mehr!\nSusanna. Dein traurig Lied weckt Wehmuth in mir auf.\nweiss Susanna, wie die Liebe quält.\nDienerin. Vergib, dass heftig mir die Thrän' entströmt,\nder kranken Brust entquoll ihr heimlich Weh. ~\nSusanna. Es war nicht recht, dass ich geweckt dein Leid.\nBesänftige, süss Kind, dein klopfend Herz.\nNun aber eile, bring' die Salben mir\nund die Gewürze, duftend wie der Lenz;\ndie Sonnengluth zu fliehn, erfrisch' ich mir\ndie schlaffen Glieder dort in der kühlen Flut.\nDoch, horch! welch plötzliches Geräusch ist dies?\nBeschütz', o Himmel, vor jedem Unheil mich!\nWas wollt ihr dort? sprecht! Warumbrecht ihr so\nin dies Asyl einsamer Ruhe ein?\nErst. Rieht {Arie.) Gleich dem Frühling reich an Wonne,\nmild, wie Strahl der Abendsonne,\nlinde, wie des Schwanen Brust,\nQuell der Freud' und Born der Lust\ngönne mild, reizend Bild,\neinen Blick nur, der mich stillt!\nZweit Micht.(Ree.) Wir sehnten lange qualvoll uns nach dir,\nnach deinem Reiz, nach deiner Gegenwart."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "403", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541223-01.1.3", "texte": "Susanna. Ha, welche Schmach enthüllt mir dieses Wort!\nSind dies die würd'gen Wächter unsres Rechts?\nDoch nur im Scherz gewiss erschient ihr hier!\nWie stund' es sonst um euren heil'gen Ruf?\nFort, edle Männer, eh' ein feindlich Aug'\neuch hier entdecke auf verbotnem Pfad!\nZweiter. R. (Arie.) Wie der Strom, der in wogendem Lauf\ndie Forsten und Städte zerstört,\nso hält meine Liebe nichts auf,\ndie rasend das Blut mir empört.\nWas immer ihr hemme die Bahn,\nsie reisst es in Trümmer mit fort!\nSo kämpfe nicht gegen sie an\nund gönn' uns ein freundliches Wort.\nSusanna. 0 tück'scher Wolf, der du zu bösem Raub\nan diesen Ort dich listig eingedrängt!\nHinweg, hinweg! berührt nicht diese Hand,\nsonst ruf' ich auf die Rache dieses Volks!\nZweiter Richter. 0 thöricht Weib du! reize du uns nicht,\ndass nicht auf dich dein Zeugniss fällt zurück!\nWem glaubt man wohl, wenn du die Greise zeihst\nder Jugendsünde, oder wenn sie dich?\nSusanna.(Trio.)( Hinweg, hinweg, ihr droht mir beid' umsonst!\nErster Richter. \\ 0 bleib', o bleib' und hör' mein liebend Flehn!\nZweiter Richter. \\Du regst mir den Zorn, der im Busen mir wallt,\n[ und siegen nicht Bitten, so siege Gewalt!\nSusanna. Weh mir! ich seh', das Garn ist mir gestellt;\nwas ich auch thu', ich strauchle in dem Netz!\nDoch hört, was meiner Seele Rath und Schluss:\nNicht Furcht, nicht euer Drohn bezwingt mein Herz!\nMit falschem Wort mögt ihr Verleumdung streun,\nder Unschuld Zeugniss bleibt für ewig mein.\n\\Zweiter Richter. Das lass uns sehn! Eilt heraus, ihr da drin!\nIch griff die schöne Sünd'rin auf der That.\nDer junge Liebling, ihr verstohlner Freund,\nentfloh dem schwachen Arm der Greise leicht.\nWir haben selbst mit eignem Aug' gesehn,\nWas Schmach und Strafe auf sie beide ruft;\nErster Richter. Führt sie hinweg zu dem Gerichte hin.\n0, dass mein Aug' die Sünde nie gesehn!\nSusanna. (Arie.) Wenn ihr mein schuldlos Blut begehrt,\nNehmt hin, was ihr bedroht!-\nIch geh' in Unschuld, fromm verklärt,\nfrohlockend in den Tod.\nUnd bin ich heut an meinem Ziel,\ngescheh', o Herr, was Dir gefiel!\nZweiter Richter. Schnell ihrem Loos führt mir die Sünderin zu,\nschön für das Aug', doch falscher, als sie schön!\nChor. Das Recht nur walt' und schalte in dem Land,\nnicht Reiz, nicht Gunst lähm' seine Eisenhand.\nDritter Theil.\nChor. Der Spruch ist gefallen, sie brach das Gebot!\nSusanna ist schuldig, ihr Loos ist der Tod!\nSusanna. Ich hör' den Spruch; und kein Gesetz verdammt\ndie schnöden Zeugen, die euch falsch bethört.\nSo sei denn, Tod, mit Freuden mir Willkomm\nund leite mich hinauf zum Reich des Lichts!\n(Arie.) Wo der Glaube, goldbeschwingt,\nmit dem Cherub Hymnen singt,\nwo die Lieb' im Rosenkranz,\nrings umstrahlt von ew'gem Glanz,\nflüstert in mein lauschend Ohr:\n„Steig' aus deinem Fall empor!\ntritt herein zum Freudenthor,\nzu der Engel sel'gem Chor!\"\nErster Richter. Gestatt' auch mir, dass ich ob deinem Fall\ndes Mitleids Thräne mit dir weinen darf.\n(Arie.) Deinen Tod beweint mein Schmerz,\nFreude kennt nicht mehr dies Herz.\nMich umfängt ein düstres Leid,\nnimmer weichend, immer steigend,\nbis zum Ende aller Zeit.\nSusanna. So weint das Krokodil in falschem Schein,\nvergiesst die Thrän' und sinnt dieweil Verrath.\nAch, denk' ich nur an meines Gatten Schmerz,\nso bangt und zagt und bricht mein schweres Herz!\nDoch ihr, die ihr am Lebensziel mich seht,\nich bitt' euch, grüsst ihn von dem treuen Weib.\nSagt ihm, was immer sei der Richter Spruch,\nauf sie allein fällt diese blutige That.\nJa, wenn Susanna ihre Treue brach,\nim dichten Schatteri jener Laube dort,\ndann hätten nie sie ihren Ruf geschmäht,\nobgleich ihr Name jede Schmach verdient'.\nZweiter Richter. Das Urtheil ist gefällt; zu Tode führt\nsie fort! Nichts mehr von ihr! hinweg!\nDaniel. Der Unschuld reines Blut, es reisst alsbald\nden Schooss der Erde auf und schreit zu Gott!\nErster Richter. Wess ist das Wort, das aus der Meng' erschallt,\nDas Urtheil schmähend in so lautem Ton?\nDaniel. 0 thöricht Volk, die ihr verblendet glaubt\ndem eitlen Märchen, das euch ihr Trug erfand!\nVertilgt, vertilgt den harten Spruch\nund gebt dies Weib Susanna frei.\nEin Richter. Seltsamer Jüngling, erwäg'\ndu selbst des Rechtes Fall und leg* ihn aus.\nWie das Gesetz vor deinem Aug' erscheint,\nso werde Gnad' dem Weib, so werd' ihr Tod!\nDaniel. Wenn ihr verlangt, dass ich den Fall entscheide,\nso trennt die Kläger eine kurze Zeit,\ndass dieser nicht des Andern Wort vernimmt.\nDie Wahrheit trägt nie ein verschiedenes Kleid.\nChor. 0 Herr und Gott, dess Hand noch nie versagt\ndes Trostes Balsam dem gerechten Haupt,\nDein Licht erleuchte seinen Geist\nund leit' ihn sicher auf den Pfad des Rechts.\nDaniel. Du Mann des Trugs, im Werk der Sünd' ergraut,\ndu Hort der Schuld'gen, der Gerechten Feind\ndu sagst, dass du mit einem jungen Freund\ndies Weib Susanna hier im Garten trafst.\nWenn so, sag' an, was war es für ein Baum,\nder auf das Paar die schattenden Zweige bog?\nErster Richter. Die schlanke Linde, ihres Gartens Zier,\nsie war der Zeuge ihrer Heimlichkeit.\nDaniel. Falsch ist dein Wort, und Lügen spricht dein Mund,\nund die Verleumdung straft des Himmels Zorn!\nUnd du, Genosse dpr verruchten That,\nvon Kanaan's du, und nicht von Juda's Stamm,\nwas für ein Baum beschattete dies Weib,\nals du sie fandest mit dem jungen Mann?\nZweiter Richter. Dort gegen West entdeckt dein scharfer Blick\nDie mächt'ge Eiche, die zum Himmel ragt."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "404", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541223-01.1.4", "texte": "Sieh an dem Stamm der Zweige Wölbung auch,\ndort, dort, dort war es, wo ich sie ergriff!\nDaniel. Habt ihr gehört? Ihr Wort ist ihr Gericht!\nIhr falsches Zeugniss hat sie, selbst verdammt.\nSusanna, lege Ketten ab,\ndein Nam' ist reiner als der reinste Schnee.\nAuf euch sei ein schmachvolles Loos verhängt!\nSie gehe frei! Die Kläger trifft der Tod! '\n[Arie.) Reines Weib, des Hauses Wonne,\nsegnend, wie die Morgensonne,\nsanft, wie süsser Liederton;\nihren Reiz mit Treue schmücken,\nist ihr Glück und ihr Entzücken,\nall ihr Ruhm und all ihr Lohn!\nSusanna. 0, seht! mein Herr, mein Joachim erscheint,\nund Schmerz und Freude strahlt in seinem Aug'!\nJoachim. 0 theures Weib! wie hat mich dieser Tag\nerfüllt mit Schrecken und mit Heil erfüllt!\nSusanna. Dank unserm Gott! Nur ihm gebührt der Preis,\nDer über mir gewacht mit seiner Huld.\nJoachim. Laut stimmt an der Freude Chor,\ndass er laut erschall' zum Herrn empor!\nChor. Heil sei dem Tag! Heil sei dem edlen Paar!\nDem reinsten Bunde, der Zierde der Welt!\nSusanna. Weg jede Last, die meine Brust gedrückt!\nes kehrt der TrosJ in dieses Herz zurück.\nSiehe, damit uns nicht das Glück verwöhnt,\nmischt uns der Herr die Freude mit dem Leid.\n(Arie.) Voll Zagen sprach die Schuld\nder Unschuld Urtheil aus,\nbis Wahrheit brach den Trug,\nein Heil in der Gefahr.\nNimm Himmel meinen Dank,\ndenn er gebührt nur Dir.\nDas Laster liegt im Staub;\ndie Unschuld ist frei.\nJoachim. Süss sind die Laute deines lieben Munds,\nja, minder süss ertönt der Lerche Lied.\nUmsonst versucht Verleumdung sich an dir;\ndein reiner Nam', er strahlt in neuem Glanz.\nSusanna. Herr dieses Lebens, und jedes Wunsches Ziel,\nfür Dich nur lebt dies Herz, und stirbt mit Dir!\nJoachim. (Duett.) Nur zu Deinem Ruhm und Preis\ntön' der Harfe lauter Klang!\nSusanna. Deinen Namen liebeheiss\nfeire einzig mein Gesang!\nBeide. Echo trag' den süssen Ton\nleicht beschwingt mit sich davon,\nbis er in der Berge Kluft\nsanft verhauchet in der öden Luft.\nChor. Ein ehrsam Weib trägt aller Ehren Krön',\nGott schaut auf sie von seinem ew'gen Thron.\n\nG.\n\nAphorismen\nvon L. Kindscher.\nI.\nZur Würdigung der Fuge.\nAlles, was den Anstrich des Gelehrten, Gemachten\nund zu sehr Formellen hat, ignorirt das Volk. Es sagt:\n„Das mag wohl recht kunstvoll sein, man versteht's nur\nnicht!\" Auf seiner niederen Kunstbildungs-Stufe hat für\ndasselbe die Musik nur Reiz, wenn sie gleichfalls zu ihm\nherabsteigt, d. h. mehr einen in die Sinne fallenden, wohl-\ngefälligen Eindruck ausübt, oder auch, wenn sie ihm un-\nmittelbar an das Gefühl tritt und ihre gemüthliche Seite\nzeigen kann. Dennoch liegt auf der Hand, dass eine Menge\nvon Schönheiten dem Volke als spurlos und unbekannt vor-\nübergehen müssen, wofür es eben keinen Sinn hat, während\nein Kunstgebildeter in Anschauung derselben nach Herzens-\nlust schwelgen kann. So mag es auch wohl zuweilen bei\ndiesen Beiden mit der Fuge der Fall sein, und die Be-\nhauptung des „Wohlbekannten\", dass das Volk Graun's\nberühmte Doppel-Fuge: „Christus hat uns ein Vorbild ge-\nlassen\", nicht verstehen und sich dafür interessiren könne,\nfände hiernach ihre Rechtfertigung. Aber das Volk versteht\ndoch schon den gedrängten Sinn der gesungenen Worte\neines Fugen-Thema's, das in der Regel immer eine kurze\nWahrheit ausspricht, die wieder in Begeisterung von den\nanderen Stimmen erfasst und nachgesungen wird. Allein es\nversteht noch mehr, es versteht auch die religiöse Freude,\ndie das Haupt-Thema in seiner Beziehung auf Christus ab-\nspiegelt; und dieses in den Tönen noch mit einer gewissen\nZuversicht so klar abgeprägte Gefühl fängt nach und nach\nan, das vorige blosse Verständniss der Worte zu erwärmen\nund zu beleben. Das Herz nimmt und findet seinen An-\ntheil. Ergänzend tritt nun später das zweite Thema mit sei-\nnem Sinn hinzu, und so durchdringen und wiederholen sich\nbeide Themas, wobei das Volk zugleich schon etwas von\nderen kunstgemässer Verflechtung merken und ahnen muss,\nsogar bei deren Steigerung während des Orgelpunktes\nund somit dürfte doch wohl nicht alles Interesse dem Vol-\nke für die Fuge überhaupt abzusprechen sein, indem, wie\neben gezeigt worden, doch sein Verstand wie Gemüth nicht\nleer dabei ausgingen. Haydn's Fugen in seiner unsterb-\nlichen „Schöpfung\" werden gewiss vom Volke nicht nur\neben so verstanden, als auch gern und mit reger, sogar\ngespannter Aufmerksamkeit gehört werden, so auch die\nSchluss-Fuge zu lländel's Samson, Schneider's Weltgericht.\nUngleich höher liegt für dasselbe schon die Instrumental-\nFuge, welche mehr den Dilettanten aus dem Volke, der\nschon etwas mehr Kunstbildung genossen hat, beschäftigt,\nvorausgesetzt, dass er nur Sinn dafür mitbringt und in ihr\nnicht ein blosses Spiel mit Formen oder einen kalten, todten\nLeichnam zu erblicken gelernt, wie überhaupt ein Vorur-\ntheil gegen sie gefasst hat. Wo der Buchstabe aber tödtet,\nmacht der Geist lebendig, und Mozart's Ouvertüre zur Zau-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "405", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541223-01.1.5", "texte": "berflöte wird ihre Zündkraft auch hier bewähren. So wer-\nden auch ferner den Dilettanten die übrigen, höchst geist-\nvollen Mozart'schen Fugen interessiren: G-moll und aus der\nPhantasie F-mollzu vier Händen, mit Violine,\nfür Streich-Quartett. Wer hörte wohl Sebastian Bach's\nD-moll-Fuge (11. Theil des wohl temperirten Claviers), ohne\nzugleich eine Art von Gemüths-Erregung zu empfinden,\nda sie mit vollem Rechte eine Elegie genannt werden\nkann? Aehnliche elegische Färbung haben noch F-moll (11.\nTheil), die so genannte Lieblingsfuge Mozart's, und B-moll\n(I. Theil). Naiv erscheint 6/s, erhaben,\nerhaben und grossartig die beiden Cis-moll, und von diesen\ndie erste iünfstimmige mit ihren drei Themas wie ein hoch-\nragender gothischer Dom. So spricht B-dur (I.) Gemüths-\nruhe und H-moll (I.) Melancholie. Wohl wird vielleicht\nMancher heim Ueberblick dieser zuletzt gegebenen Specia-\nlitäten etwas ungläubig den Kopf schütteln und zugleich\nstarken Zweifel hegen, dass die trockene Fuge wirklich\neine Gemüths-Abspiegelung geben könne allein man\nhöre nur diese Fugen, um sie kennen zu lernen und sich\nselbst zu überzeugen. In Bach ist die Idee (der Geist) so\nvorherrschend, dass die Form (der Körper) völlig davon\nüberwunden und bezwungen erscheint, während bei den\nUebrigen die blosse Form ohne alle Idee sichtbar ist. Man\nkann daher hier auch vergleichsweise sagen: Dort hebt die\nIdee die Form auf, hier die Form die Idee. Wie leicht der\ngrosse Sebastian die sonst so eiserne, tyrannische Form be-\nherrscht, dass sie ihm als Sclavin dienen muss, dass er sie\ngleichsam wie einen bösen Geist durch den Macht- und\nZauberspruch seiner Idee gefangen hält, davon gibt ein\nrecht schlagendes Beispiel die klare C-dur-Fuge aus dem\nI. Theil des wohl temperirten Claviers, in der das Thema\nan allen Orten und Enden hervordringt. Man weiss nicht,\nwo es her kommt, und doch ist es überall da, quillt und\nrieselt leise dahin gleich munteren Quellen, versteckt unter\nBlumen und Wiesengrün was eben wiederum den klar-\nsten Beweis davon abgibt, wie bei dem hohen Meister die\nhöchste Kunst wieder zur einfachen Natur wird.\nII.\nUeber den so genannten „variirten Choral“.\n(Zur Würdigung des Contrapunktes.)\n„ In Gottes wunderbarem Werke, der Musica,\nist vor Allem das seltsam und zu verwundern, dass einer\neine schlechte Weise oder Tenor (wie es die Musici heis-\nsen) hersinget, neben welcher drei, vier oder fünf andere\nStimmen auch gesungen werden, die um solche schlechte\nWeise oder Tenor gleich als mit Jauchzen gerings herum\nspielen und springen und gleich einem himmlischen Tanz-\nreigen führen, freundlich einander begegnen und sich gleich\nherzen und lieblich umfahen. Luther.\"\nWas kann wohl Luther mit diesem seinem eben so\nwarmen als lehrreichen Ausspruch? anders meinen als den\nso genannten „variirtenChoral\" ? Die schlechte (schlichte\noder choralgemässe) Weise oder Tenor (denn bekanntlich\nrang sich erst gegen Ende des sechszehnten Jahrhunderts\ndie Choral-Melodie aus dem Tenor in die Oberstimme,\nden Discant, empor), umgeben von den übrigen Stimmen,\ndie mit Jauchzen herumspielen und springen gibt Bei-\ndes nicht genugsam den Gegensatz von Ruhe und Bewe-\ngung, Einheit und Mannigfaltigkeit, mit Einem Worte: einen\necht „poetischen Contrast\", indem die Haupt-Melodie, von\nder Begleitung umgeben, wie ein Bild in einem reich ver-\nzierten Goldrahmen erscheint? Einen Beweis von dem ho-\nhen Alter dieser würdigen, echt kirchlichen, contrapunk-\ntisehen Kunstform gibt zugleich der obige Ausspruch\nLuther's, der, seit seiner Jugend als Chorschüler wo er\nviel dergleichen Compositionen gehört und gesungen\nschon damit bekannt, als Mann noch stets mit hoher Freude\nund Begeisterung dafür erfüllt war, wovon eben die obigen\nWorte deutlich Zeugniss ablegen. Es wäre wahrlich der\nMühe werth, mit Fleiss nachzuspüren, wo die älteste der-\nartige Composition, sei es entweder für Orgel oder Gesang,\nzu finden sei, und es würden sich daher Besitzer von Bi-\nbliotheken um diesfallsige Mittheilungen verdient machen,\naus deren Vergleich wiederum ein genügendes Resultat\nhervorgehen müsste. Von dem „Umjauchzen\" der Stimmen\nund deren „himmlischem Tanzreigen\" hat schon so manche\nclassische Kirchen-Composition die Vorstellung angeregt.\nAnzuführen: J. C.Bach's „Ich lasse dich nicht\"—Händel's\nunsterbliches Halleluja Seb. Bach's anfallender Organist\nund Mo zart' s Choral aus der Zauber flöte, der ewig\njungen, frischen, den die beiden geharnischten Männer sin-\ngen. Es ist die alte Melodie: „Ach Gott vom Himmel, sieh\ndarein\", die in Octaven Note für Note bis noch auf einen\nzugefügten melodischen Schluss erklingt. Gerade dieser\nSatz ist eine Perle in dem reichen Juwelenkranze der Oper\nund hört es nur, ihr Contrapunkts-Verächter! —auch\nnoch ein Stück Poesie dazu! Wollt ihr es läugnen, dass\nMozart sie hineinlegte? Hier der Beweis. Der scenischen\nSituation zufolge soll sich das Feierliche mit dem Schreck-\nlichen und Grauenhaften verbinden, während die beiden\nflammenden Eisenmänner dem heldenmüthigen Jünglinge"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "406", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541223-01.1.6", "texte": "seinen bevorstehenden Kampf mit den Tod drohenden, in\nwildem Aufruhr tobenden Elementen andeuten, so wie zu-\ngleich Trost und Muth zu erwecken suchen. Den hohen\nErnst des Augenblicks umfassen schon gleich von vorn\nherein die ersten sechs Tacte der Einleitung. Wie ein in\nbanger Erwartung ängstlich Suchender beginnt nun die\nzweite Violine ihr Thema piano in kurzen Achtelnoten,\nwährend die längeren Töne, so auch die mit einem Bogen\nversehenen längeren Achtel mit ihrer nachfolgenden Pause\nden Gemüthszustand der Bangigkeit und Spannung deut-\nlich malen, der sich gleich kurzen, abgerissenen Seufzern\nhier kund gibt. Nächst den zehn weiteren Tacten hebt der\nGesang an, begleitet im „ Unisono\" der Melodie von den\naushaltenden Blas-Instrumenten: Flöte, Oboe und Fagotten,\nwozu noch aber nur stoss- und ruckweise die drei\nPosaunen hinzutreten. Alles dies jedoch immerfort auf der\nbewegten, stetigen Achtel-Grundlage der entweder ein-\nzeln oder vereint begleitenden Streich-Instrumente. Mit\nSchauer werden und müssen daher diese Klänge denjeni-\ngen, der dem hohen, unsterblichen Tonschöpler irgend nach-\nzufühlen vermag, durchrieseln, und wie ein Kinder-Gemüth\nsich bei der Entlaltung eines Zauber- oder Geister-Mär-\nchens in eine neue Welt versetzt sieht, in der es sich gleich\nerschreckt und doch auch gleich wieder unwillkürlich an-\ngezogen fühlt, so empfindet nun hier ebenfalls das Gemüth\ndes sinnigen Hörers so ein Gemisch von Graus und Wonne\nzugleich, ein wenigstens durch seinen scheinbaren, gleich-\nzeitigen Widerspruch eigentümliches Gefühl. Gibt es\ndaher in der Neuzeit manche, die bei dem blossen Worte\nContrapunkt einen leisen Hautschauer empfinden und sich\nmit Geringschätzung von dem „todten Formenkram\" ab-\nwenden, so verstehen sie die Sache nicht, und es sind\nnamentlich an dieser einseitigen, ja, falschen Meinung die\nKünstler selbst schuld, die, selbst ohne Geist, sich nur an\ndie Form hielten, die doch nur Umhülluug, Trägerin des\nGeistes sein soll und kann. Schiller aber sagt: „Und die\nKunst, sie ist durch die Kunstler gefallen.\"\n\nJacques Dupuis.\n\nEs ist eine merkwürdige Erscheinung, dass unser\nNachbarland Belgien in Rücksicht auf musicalische Bildung\nim Allgemeinen,\" wie sie sich z. B. in der Theilnahme für\ni\ngrosse Kunstwerke und deren Aufführungen, ferner in ste-\nhenden Gesang-Vereinen mit gemischtem Chor von Frauen-\nund Männerstimmen, und in allem Aehnlichen kund gibt,\ngegen Deutschland und selbst gegen Holland zurücksteht,\nund dass es trotzdem eine Reihe von Virtuosen aufzuwei-\nsen hat, welche in der Geschichte der ausübenden Kunst\nEpoche machen. Es scheint, dass der französische Einfluss,\nder sich auch in anderen Dingen in Belgien gar sehr gel-\ntend macht und trotz aller Bestrebungen, das niederdeut-\nsche Element am Leben zu erhalten und zu kräftigen, doch\nimmer noch die Oberhand hat, auch auf die Tonkunst, den\nSinn für sie und den Geschmack in derselben wenigstens\nin so fern einwirkt, als in Belgien, wie in Frankreich, vor-\nzugsweise die ausführende Kunst cultivirt wird l'execu-\ntion ä tout prix. Für Orchester-Musik im Grossen, also\nnamentlich für die Sinfonie, ist der grösste Theil des Publi-\ncums noch lange nicht empfänglich genug, und an Auffüh-\nrungen von Oratorien ist gar nicht zu denken. Die Regie-\nrung und die reichen Städte thun äusserlich viel für musi-\ncalische Institute, besonders geben die Conservatorien der\nMusik in mehreren Städten Zeugniss davon; auch die Ge-\nsang-Wettstreite haben für Belgien zweifelsohne ihr Gutes\ngehabt, der Männergesang hat sich sehr erfreulich ent-\nwickelt und dürfte vielleicht die einzige Gattung von Musik\nsein, in welcher Belgien in neuerer Zeit eine gewisse Blüthe\nerreicht hat.\nIri der Composition waltet derselbe Einfluss; Grisar,\nGevaert, sehr achtungswertheNamen, haben sich auf die\nOper geworfen und suchen in Paris den günstigen Boden\nfür die Erzeugnisse ihrer Muse, welche erst die dortige\nTaufe erhalten müssen, um in ihrem Vaterlande zu gelten.\nFetis ist mehr Musik-Gelehrter als Componist, Hanssens\ndürfte über die Gränzen des Weichbildes von Brüssel hin-\naus kaum bekannt sein.\nBlicken wir aber auf das specielle Gebiet der ausüben-\nden Kunst, so erscheint Alles sogleich anders, und es treten\nuns nicht nur die ausgezeichnetsten Künstler, sondern auch\nsehr wackere Componisten für diese Richtung entgegen,\nund wir finden in Bezug auf Composition einen offenbaren\nFortschritt, ein Streben nach Vereinigung des französischen\nund deutschen Stils, welches sich zu vortrefflichen Leistun-\ngen in den letzten Werken von Vieuxtemps gipfelt.\nAuch was de Beriot und Prume in dieser Beziehung\ngeleistet, und gegenwärtig Servais für das VioloncelJ,\nLeonard für die Violine, Aug. Dupont für das Piano-\nforte leisten, verdient volle Anerkennung.\nAls einen neuen würdigen Repräsentanten der belgi-\nschen Schule des Violinspiels begrüssen wir Herrn Jacques\nDupuis, Professor am Conservatorium zu Lüttich, den\nwir kürzlich im Stadttheater, in der musicalischen Gesell-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "407", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541223-01.1.7", "texte": "schaft und in Privat-Cirkeln gehört haben, und der durch\nseine Leistungen die Stimmen von Kennern und Kunst-\nfreunden allhier alle zu seinen Gunsten vereinigt hat.\nDupuis ist den 31. October 1830 zu Lüttich gebo-\nren. Der ohnedies nicht sehr starke Knabe hatte in seinem\nvierten Jahre noch obenein das Unglück, den linken Fuss\noberhalb des Knöchels zu zerbrechen, und hat an den Fol-\ngen dieses Bruches bis in sein zwanzigstes Jahr gelitten.\nBei seinen hervorstechenden Anlagen zur Musik übergaben\nihn seine Eltern schon in seinem achten Jahre dem Con-\nservatorium in seiner Vaterstadt. Er zeichnete sich im Ge-\nsänge und Clavierspiel, besonders aber auf der Violine aus.\nZwölf Jahre alt, erhielt er bei der Prüfung bereits den\nzweiten Preis im Violinspiel. Leider überkam ihn eine fast\nzweijährige Krankheit; aber die körperlichen Leiden waren\nnicht im Stande, seine Neigung und sein Talent für die Mu-\nsik zu tödten, und in seinem siebenzehnten Jahre wurde\nihm der Prix d'excellence durch den Vortrag des Concerts\nin Evon Vieuxtemps zu Theil. Späterhin erhielt er den-\nselben Preis auch für Pianoforte.\nIm Violinspiel waren Rouma, Jos. Dupont und zuletzt\nPrume seine Lehrer, und dem letzteren verdankt er vor-\nzüglich seine künstlerische Ausbildung. Im Jahre 1850\nraffte die Cholera diesen trefflichen Meister dahin, und zwar\nso plötzlich, dass er um Mittag noch eine Unterrichtsstunde\ngab und Nachmittags um vier Uhr, wo das Orchester zu\neiner Concert-Probe, welche er zu leiten hatte, versammelt\nwar, statt seiner die erschütternde Nachricht von seinem\nTode eintraf.\nDas Curatorium des Conservatoires ernannte Dupuis,\nwiewohl derselbe erst 19 x/i Jahr alt war, zu dessen Nach-\nfolger an der Anstalt.\nHerr Dupuis kam vorige Woche nach Köln, um, wie\ner offen sagte, sein Spiel dem Urtheile der kölner Musiker\nund Musikfreunde zu unterwerfen, und der bescheidene\nKünstler trat, als er das erste Mal in der musicalischen Ge-\nsellschaft spielte, mit einiger Befangenheit auf, welche aber\nbald durch den lebhaftesten Beifall der Zuhörer verscheucht\nwurde. Am 18.d. Mts. spielte er im Stadttheater das Con-\ncert von Mendelssohn auf so ausgezeichnete Weise,\ndass er mehrere Male, und nicht bloss am Ende jedes Satzes,\ndurch rauschenden Applaus unterbrochen und am Schlüsse\ngerufen wurde. Sein Spiel war hier offenbar noch ruhiger\nund gemessener, als bei seinem ersten Auftreten: auch in\nden Stellen, in welchen er Geist und Feuer dahinter setzte,\nliess er sich nie über das Maass hinaus hinreissen. Untade-\nlige Reinheit und Fülle des Tones, eine degagirte und kräf-\ntige Bogenführung und völlige Beherrschung der technischen\nSchwierigkeiten sind ihm eigen. Dabei zeigte er eine rich-\ntige, echt künstlerische Auffassung der Composition, wo-\ndurch bei der trefflichen Begleitung des Orchesters (auch\nin dem schwierigen Finale) das schöne Werk in seinem\nvollen Glänze erschien und grossen Eindruck machte. Den\nausdrucksvollen Vortrag des Adagio's müssen wir noch be-\nsonders hervorheben.\nMit grossem Vergnügen bezeugen wir unsere Achtung\nvor dem hervorragenden Talente dieses jungen Künstlers\nund vor dem würdigen Streben, das ihn auf die edle Rich-\ntung der Kunst geführt hat. Möge er auf dieser beharren\nund nur getrost eine Kunstreise durch Deutschland antre-\nten; an lohnender Anerkennung wird es ihm nirgends feh-\nlen, wo der Sinn für das gediegene Violinspiel noch nicht\ndurch den Geschmack an Faxen verdorben ist.\n\nL. B.\n\nFünftes Gesellschafts-Concert in Köln\nim Casinosaale.\nDinstag, den 19. December.\nDas Programm gab im ersten Theile: 1) Ouvertüre zu Fer-\n\\\ndinand Cortez von Spontini; 2) Gebet: „Verleih uns Frieden\",\nfür Chor und Orchester von Mendelssohn; 3) Concert für\nPianoforte in C-moll von Beethoven, gespielt von Herrn Ed.\nFranck; 4) Zwei Weihnachtslieder für vierstimmigen Chor von\nLeonh. Schroeter (1537); 5) der römische Carneval, Ouvertüre\nfür grosses Orchester von Ed. Franck —und im zweiten Theile:\nBeethoven's C-moll-Sinfonie.\nDie Cortez-Ouverture will nicht recht in den Concertsaal passen\nund Hess ziemlich kalt. So viel wir uns erinnern, variirte Spontini\ndas Tempo derselben öfter, als wir es hier bemerkt haben, z. B.\ngleich den Eintritt der Blas-Instrumente nach den ersten wilden\nTactcn nahm er langsamer. Mendelssohn s Gebet: „Verleih\nuns Frieden\", wie alle derartigen Sachen von ihm, zierlich und fein,\nohne eben tief zu gehen, hätte vielleicht vom Chor mehr piano ge-\nsungen werden können.\nBeethoven's C-moll-Concert war die Krone des Abends,\ni\nund es macht dem Spieler, Herrn Ed. Franck, und dem Publi-\ncum die grösste Ehre, dass selten ein Ciavierstück mit Orchester\neinen so allgemeinen und tiefen Eindruck auf die ganze Versamm-\nlung hervorgebracht hat, wie dieses. Franck spielt diese Gattung\nvon Musik, zu der die Mozart schen und die vier ersten Clavier-\nConcerte Beethoven's gehören, auf eine so meisterhafte Weise, dass\nsie jetzt wohl schwerlich ihres Gleichen findet; die richtige Auf-\nfassung des einfach grossen und edeln Geistes der Composition, die\nwahrhaft classische Ruhe, die wundervolle Gleichheit des Anschlags,\ndie perlende Deutlichkeit der Figuren und Tonleitern und die\nWärme des Ausdrucks in der Melodie, die von Ziererei und Em-\npfindelei stets fern bleibt, fesseln den Zuhörer auf merkwürdige\nWeise und geben den glänzenden Beweis, was für eine ausseror-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "408", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541223-01.1.8", "texte": "dentliche Wirkung mit jener Verbindung von Ciavier und Orche-\nster, wie sie von Mozart und Beethoven ohne alle Bravour-Blendung\nangewendet ist, auf ein unverdorbenes Publicum hervorzubringen ist.\nHoffen wir, dass die Zeit auch kommt, wo diese Wirkung selbst\nauf ein verdorbenes ihre Macht übt! lm Anrücken ist sie, diese\nZeit; aber auf dass sie wirklich erscheine, müssen die Künstler\nsich gegen das Sprüchwort verschwören: Ueberall, wo die Kunst\nzu Grunde gegangen, u. s. w.\nNach dem C-wo//-Concert sollte, dem gedruckten Programm\nnach, eine Arie von Donizetti aus der „Favorite44 folgen. Dank\nden Umständen oder den Bedenken, welche die Ausführung ver-\neitelt haben.\nDie Weihnachtslieder aus der ersten Hälfte des sechszehnten\nJahrhunderts wurden a capella vom Chor recht sicher gesungen.\nDen Schluss des ersten Theils machte eine Ouvertüre von Ed.\nFranck, Op. 21, „Der römische Carneval44 überschrieben. Wir\nmögen nach einmaliger Anhörung nicht über dieses Werk urthei-\nlen, über dessen beabsichtigten Charakter wir, offen gestanden,\ndadurch nicht ins Klare gekommen sind. Die Einsicht der Partitur\nund wiederholtes Hören wird uns besser zur richtigen Auffassung\ndes vom Componisten Gewollten befähigen.\nDie C-mo//-Si nfonie von Beethoven übte besonders\ndurch die beiden letzten Sätze den gewöhnlichen Zauber aus. Der\nerste Satz liess in präciser Ausführung Manches vermissen; das\nAbkneifen des dritten Achtels in der Hauptfigur war mitunter stö-\nrend; es lag wohl an dem etwas zu schnellen Tempo.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt. 0\nDer Vereins-Vorstand.\nX&tiln, 22. December. Im Stadttheater wurde gestern zum\nersten Male gegeben: Der Advocat, komische Oper, Text von\nR. Benedix, Musik von F. Hiller. Der Stoff der Handlung ist\nzum Theil einer alten französischen Posse entnommen, welcher in\ndem burlesken Lustspiel L'Avocat Patelin im siebenzehnten Jahr-\nhundert zuerst eine dramatische Form gegeben sein mag. Es ist\nalso auch in der gegenwärtigen Gestalt des Textes nicht von einer\nConversations-Oper die Rede, sondern von einer derben Posse, de-\nren Kern der Volkswitz geschaffen hat. Dass es eine ästhetische\nAnsicht gibt, welche dergleichen Texte läppisch findet, wissen wir\nsehr gut; wir gehören aber zu denen, welche die Berechtigung\ndieser Gattung auf der Bühne anerkennen, über die Dummheiten\ndes „Dorfbarbier\", des „Doctor und Apotheker\" u. s. w. von Her-\nzen lachen und es bedauern, dass wir keine Volks-Oper mehr ha-\nben. Wir glauben, dass Hiller hierin ganz unserer Ansicht ist,\nsonst würde er diesen Text nicht componirt haben; wir hören\nselbst, dass der erste Gedanke zur Benutzung jenes Stoffes von ihm\nausgegangen ist. Ob er aber in den Mitteln, diesen Stoff musicalisch\nzur Geltung zu bringen, richtig gegriffen habe, ist eine andere Frage.\nEs klingt paradox, dürfte aber desshalb nicht weniger wahr sein:\ndie Hillcr'sche Musik ist zu gut für diesen Text. Der Componist\nhat uns eine so geistreiche, bis in die kleinsten Einzelheiten so fein\nausgearbeitete Musik gegeben, dass man von dem Detail entzückt\nsein und dennoch einen befriedigenden komischen Eindruck des\nGanzen vermissen kann. So sehr der Componist auch durch diese\nArbeit wieder sich in der Achtung seines hervorragenden Talents\nund seines musicalischen Wissens bei allen Kennern befestigt hat,\nso wenig können wir das grosse Publicum verdammen, wenn der\nErfolg des Werkes bei der ersten Vorstellung (die übrigens nocA\nVieles zu wüuschen übrig Hess, wenngleich der Fleiss der bethei-\nligten Künstler sehr, anzuerkennen ist) nur ein getheilter war. Wir\nwerden gewiss Gelegenheit haben, darauf zurück zu kommen, und\nberichten nur noch, dass der Componist am Schlüsse gerufen und\nihm Kränze zugeworfen wurden.\nIn Pesth wird Liszt's Messe für Männerstimmen mit Orgel -\nbegleitung zuerst zur Aufführung kommen. Liszt's „Pater noster\"\nund „Ave Maria4', für gemischten Chor mit Orgel, sind in Prag\ndurch die Bemühungen der kunstsinnigen Gräfin Schlick zur Auf-\nführung gelangt.\nSan. Francisco. Die Sängerin Katharina Hayeshat\nauf ihrer Reise von San Francisco nach Australien die Hauptstadt\nder Sandwichs-Inseln Honolulu besucht, und wurde mit besonderer\nAuszeichnung vom König Hamehameha, seiner Gemahlin und Toch-\nter aufgenommen. Bei ihrer Abreise feuerte die Flotte Salutschüsse.\nDie k. Garde bildete Spalier und präsentirte das Gewehr.\nIfteutsclte Tonhalle*)«\nZur Beurtheilung der wegen dreier Abendmahl-Gesänge einge-\nkommenen 44 Preisbewerbungen waren als Preisrichter erwählt:\nHerr General-Musik-Director Dr. L. Spohr und die\nHerren Capellmeister F. Hiller und V. Lachner.\nDer Preis wurde zuerkannt dem Werke des Herrn Ferdinand\nLeder in Marienwerder; besonders belobt wurden die Werke der\nHerren L. Liebe in Strassburg und K. Kammerlander in\nAugsburg, sodann die der Herren Dr. Wilh. Volkmar in Hom-\nberg, K. J. Bisch off in Frankfurt, J. B. Andre in Offenbach\nund B. Randhartinger in Wien.\nWegen Rückgabe sämmtlich bezüglicher Werke haben wir uns\nnach den Satzungen des Vereins (14.i) zu achten.\nDie eingekommenen 79 Compositionen des Gedichtes: „An eine\nBlume das Herz\", von Fr, Götz sind den erwählten drei Herren\nPreisrichtern, jedem insbesondere, zur Beurtheilung zugesandt.\nBetreffend den vom Vereine für eine Sinfonie ausgesetzten\nPreis, laden wir, mit Bezug auf das Ausschreiben vom 11. August\nd. J., hiermit wiederholt zur Bewerbung ein und bemerken, dass\ndie dazu bestimmten Werke im Monat Februar 1855 in Par-\ntitur und frei „An die deutsche Tonhalle in Mannheim\" einzu-\nschicken sind.\nMannheim, den 11. Christmonat 1854.\n*) Alle der deutschen Tonkunst befreundeten Redaetionen von\nZeitschriften werden um gefällige Weiterverbreitung ersucht."}]}