{"numero_id": "bm-bmtnabi-1854-12-30-01", "volume": "bmtnabi_1854-12-30_01", "ocr_sha256": "9207b4fbecf48952b39be66110de5951d5ee26cf76a9df263f7f23b72d63cd31", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1854/12/30_01/bmtnabi_1854-12-30_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541230-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1854-12-30-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-12-30_01#c001", "volume": "bmtnabi_1854-12-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "409", "page_fin": "413", "image_debut": 1, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541230-01.2.1", "titre_corps": "Christus, das Kind", "titre_sommaire": "Christus, das Kind", "signature_source": "B. 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December führte Berlioz dieses Werk in\neinem Concerte im Herz'schen Saale zum ersten Male auf.\nEr nennt es L'Enfance du C wobei\nder Ausdruck Trilogie nichts weiter sagen will, als dass\ndas Ganze drei Theile oder drei Acte hat; der Verfasser\nhat ihn wahrscheinlich desswegen gewählt, weil Oratorium,\noder Mysterium, oder Legende, oder Sinfonie-Ode, oder Sin-\nfonie-Cantate u. s. w. das Wesen des Ganzen schon zu\ndeutlich errathen liessen, „heilige Trilogie\" aber die Er-\nwartung ganz anders spannt. Der Text ist von Berlioz\nselbst, und zwar in Versen. Sonderbarer Widerspruch bei\ndiesen neuen Dichter-Componisten! Sie stellen die Dichtung\nhöher, als die Musik; denn nach Richard Wagner z. B.\nsoll ja die Dichtung Wort lür Wort die Musik erzeugen,\nund das wahre dramatische Kunstwerk nur dadurch mög-\nlieh werden, dass das Gedicht gesungen und nicht mehr\ngesprochen wird und dennoch meinen sie, dass der Mu-\nsiker auch mir nichts, dir nichts Dichter sein, also ihrer\nAnsicht nach das Höchste lür beide Künste leisten könne!\nWas würden wir zu einem Dichter sagen, der sich einbil-\ndete, kein anderer Mensch auf Erden könne sein Gedicht\ncomponiren, als er selber, wiewohl er kein Musiker sei?\nGöthe sagt irgendwo: „Wo die Vermischung der Künste\nangefangen, hat jedesmal die Kunst aufgehört\" *). Fiat\nplicatio. Es gibt noch ein anderes Sprüchwort, das hier\npassen könnte, nämlich: Ne sut oder auf\nDeutsch: Schuster, bleib bei deinem Leisten! aber ich\nwill's nicht anwenden; denn die Dichter-Componisten möch-\nten mir entgegnen:\nHans Sachs war ein Schuh-\nmacher und Poet dazu.\nDoch zur Analyse der Berlioz'schen Trilogie.\nSie zerfällt in drei Theile: „Der Traum des Her o-\ndes Die Flucht nach Aegypten Die An-\nkunft in Sais\". Nach Kenntniss dieser Ueberschriften\nwirst du vielleicht auf den Gedanken kommen, dass di'e\nganze Trilogie dem Glücke, welches La fuite en Egypte in\neinigen Städten Deutschlands, und Le repos de la sainte fa-\nmille in einem Concert in London gemacht hat, ihr Dasein\nzu verdanken habe? Curios! denselben Gedanken habe ich\nauch gehabt.\nPersonen des Mvsteriums sind: die Mutter Maria,\nder heilige Joseph, der König Herodes, Polydorus\n(ein römischer Unterofficier), ein römischer Hauptmann,\nein F a m i 1 i e n v a t e r (ein Zimmermann in Sais) und ein Er-\nzähler. Dabei Chöre von Engeln, Hirten, Israeliten, Aegyp-\nten). Der erste Theil beginnt mit einer Erzählung (Tenor):\n\n*) Die Stelle, welche offenbar gemeint ist, heisst wörtlich so:\n„Eines der vorzüglichsten Kennzeichen des Verfalls der Kunst\nist die Vermischung der verschiedenen Arten derselben/'\nEinleitung in die Propyläen. Taschen-Ausgabe. Bd. 38, S. 20.\nWas würde der Altmeister zu der „Gesammtkunst\" der\nHerren Wagner, Brendel & Comp., in welche die „Sonder-\nkunst\" aufgehen müsse, gesagt haben?\nDie Bedaction."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "410", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541230-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4982, "texte": "Da ns la er ecke. en ce lemps, Jesus tenait de nailre,\nMais vu( prodifje encor ne l'avait fall connailre;\nEl dejä les puissanls tremblaient,\nDe ja les faibles esper aient,\nTons allendaienl!\nDer Charakter der Rolle, welche das Orchester spielen\nwird, trilt schon in der Begleitung dieses recitativischen\nArioso hervor; matt findet darin\nscriplif. Die merkwürdige Steigerung in den drei letzten\nVersen, welche vom „Zittern\" und „Hoffen\" auf das „Er-\nwarten\" herabfällt, erweckt keine günstige Vorbedeutung\nlür das dichterische Talent des Componisten.\nHierauf hören wir die Klange eines Marsches, der, wie\ngewöhnlich, sehr leise anlängt und allmählich stärker wird.\nEr verkündet nicht etwa einen Zug von Eroberern oder\ndas Nahen eines eisernen Geschickes, sondern eine Nacht-\nPatrouille römischer Soldaten, und wir hören folgenden\nZwiegesang zwischen einem Centurio, der wahrscheinlich\ndie Hauptwache in Jerusalem commandirt, und dem Unter-\nofficier oder Gefreiten, welcher die Patrouille führt:\nV.\nQui vient ? liome!\n\\\nAvancez! Halte! Pofydorus.\nJe te croyais dejä, soldat, anx bords du Tibre.\nPar Bacchus! j'y serais en effet, si Gallus,\nNolre illustre preteur, ni eüt enfin laisse libre.\nQue fait Herode? II reve, il tremble;\nII voit partout des traitres; il assemble\nSon conseil chaque jotir; il nous obsede enfin.\nRidicule tyran! Mais va, poursuis ta ronde!\nUnd darauf marschirt Polydorus im und\nnuendo al pianissimo wieder ab. Ich habe mich nicht ent-\nhalten können, den ganzen Dialog herzusetzen; der Ge-\ndanke ist gar zu originel, als Gegensatz der so eben ver-\nkündeten Geburt Christi einen fluchenden Soldaten einzu-\nführen, um einen Marsch mit dem abgedroschenen\nKunstgriff des -~ --— anzubringen und dem Ge-\nschichtskundigen die ernsten Vorstudien des Dichters zu\nbeweisen, der da weiss, dass Cornelius Gallus der erste\nPrätor von Aegypten war!\nErscheint Herodes, König der Juden. Der\ntyran * singt eine Arie über die „Misere des roisein Mu-\nsikstück von origineller Langweiligkeit, dessen Gesang-\nMotivlein stets vom Orchester, namentlich den Violoncellen,\nregelmässig wiederholt werden. Wahrhaft spasshaft sind die\nAeusserungen der befreundeten Kritik über diese Arie; der\nEine hört darin Händel, der Andere Gluck! Ein Dritter,\nd'Ortigue (ein Musiker, der sich viel mit dem Kirchenge-\nsange beschäftigt hat), kommt auf die excentrische Idee,\ndass Berlioz' „schöpferisches Genie die Cadenz der natür-\nlichen Tonarten durchbrochen, weder in Moll noch in Dur\ngeschrieben, sondern, obschon scheinbar in begin-\nnend, den phrvgischen Modus, den zweiten Kirchenton an-\ngewandt habe\". Das ist aber noch nichts; man höre nur\nweiter: „Dieses Stück hat Aehnlichkeit mit der prächtigen\nStelle im Sextett des Don Juan, wo Leporello ausruft:\ndon, perdono! S'ujnori miei nur dass bei Mozart die Ton-\nart G-moll nicht zweifelhaft ist.\" Nun, wie gelallt euch\ndas in Deutschland? Eine Arie des Herodes, und in ihr\nGluck, Händel, Mozart, Kirchenton und Leporello!\nDer König versammelt hierauf seine Traumdeuter und\nerzählt ihnen, dass jede Nacht ihm eine Stimme zurufe, dass\nein Kind geboren sei, welches ihn und sein Reich stürzen\nwürde. Sie sollen desshalb die Geister beschwören, um Aus-\nkunft, um Rettung zu erlangen.\nDie Traumdeuter gehorchen; ihre Beschwörungen, ihre\nfanatischen Geberden und Bewegungen, ihre kabbalistischen\nZauberformeln durch die Musik zu veranschaulichen, über-\nträgt der Componist dem Orchester. Ein wilder Instrumen-\ntalsatz, La Conjuration des Devins betitelt, braus't daher,\nund zwar in Siebenviertel-Tact (abwechselnd V 4 und\n3A). Manche mögen dieses Stück seltsam und barock nennen,\nvielleicht sogar hässlich; solche Leute wissen aber nicht,\ndass „das Barocke eine Bedingung der Wahrheit\" ist, dass\ndie expressive Musik ganz anderer Mittel bedarf, als der\nbisherigen, dass das Schöne dabei Nebensache und „Ge-\nschicklichkeit und Hexerei in der Farbenmischung\" die\nHauptsache ist.\nWeiter. Die Geister haben gesprochen; es ist, wie der\nTraum verkündet hat, ein Kind geboren, das den Tyrannen\nstürzen wird; aber seine Abkunft und seinen Namen kennt\nNiemand. Also Tod allen Neugeborenen, und unter einem\ngrausen Männerchor in Fis-moHwerden die unschuldigen\nKinder gemordet.\nAber zu plötzlichem Contrast werden wir hierauf an\ndie Krippe zu Bethlehem versetzt. Das Kind Jesus spielt\nunter den Lämmern, deren Blöken und Sprünge im Or-\nchester musicalisch ausgedrückt werden, was uns nicht\nwundern darf, da vorher schon der Todesschrei der gemor-\ndeten Kinder und nachher die Athemlosigkeit der Wande-\nrer, ja, endlich sogar der letzte Seufzer des Esels (da es\nja heisst: et emisit spirilum) durch Instrumental-Mittel ver-\nsinnlicht wird. Bei Gelegenheit dieser letzten Stelle glaubt\nein Kritiker doch den Parisern, die vielleicht an dem\nAnstoss nehmen möchten, sagen zu müssen, „dass der Esel\nin Judiia einer Achtung genoss, die ihm erst das prosaische\nAbendland genommen hat, dass Bileam's Esel sogar spre-\nchen konnte und der Herr Christus seinen Einzug in Jeru^"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "411", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541230-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4714, "texte": "salern auf einem Esel hielt\". (Wörtlich: Gazelle Musicale\nNr. 51.)\nEin Chor von unsichtbaren Stimmen Soprani und\nAlti, Berlioz kennt den Paulus von Mendelssohn ruSt\neine Warnung in die ruhige Seligkeit Maria's und Joseph's\nhinein. Um der Wahrheits-Lehre willen wurde dieser Chor\nvon Kinderstimmen hinter dem Orchester oder im Neben-\nzimmer gesungen, und das Mittelchen zur Ueberraschung\nverfehlte seine Wirkung nicht. Der Chor der Engel gebie-\ntet, nach Aegypten zu liiehen, verspricht, das Kind zu\nschützen, und verklingt in einem Hosianna.\nDer zweite Theil ist „Die Flucht nach Aegypten\"\nüberschrieben, und seinen Haupt-Inhalt bildet das bereits\nältere und mehrfach gehörte Musikstück gleiches Namens,\nwelches übrigens auch wohl das beste in der ganzen Trilo-\ngie sein dürfte. Die Schilderung des Ausruhens der heili-\ngen Familie in der Wüste durch den erzählenden Tenor\nhat sehr schöne Stellen. Der Schluss derselben:\nEt les anfjes du ciel ä genoux autour d'eux\nLe diciri enfant adorerent\nwird hier durch einen unsichtbaren Engelchor vervollstän-\ndigt. Dieses Tenor-Solo u. s. w. wurde verlangt.\nDie Scene im zweiten Theile wird durch eine Ouver-\ntüre vorbereitet, welche die Versammlung der Hirten an\nder Krippe zum Gegenstande hat; sie ahmt dem fugirten\nälteren Styl nach und enthält manche feine contrapunkti-\nsche Windungen. Die Anbetung der heiligen drei Könige\naus dem Morgenlande kommt nicht vor: man begreift nicht\nrecht, warum Berlioz diesen schönen Moment der Legende,\nwelcher so reichen musicalischen Stoil bietet, zu benutzen\nverschmäht hat. Auf die Ouvertüre folgt ein vierstimmiger\nChor, L'Adieu des Bergers, In welchem der Charakter der\nalten Weihnachtslieder ziemlich glücklich festgehalten ist.\nAlsdann tritt der erzählende Tenor ein. In dem ganzen\nTheile ist auch die einfache poetische Auffassung dem hei-\nligen Stoffe bei Weitem angemessener, als in dem ersten\nund dritten; der ganze zweite Theil ist eine religiöse Idylle,\n\\\nin welcher nichts die Einheit stört, welche zum Gemüthe\nspricht, und von der alle modernen theatralischen Reizmit-\ntel fern gehalten sind. Es ist Klarheit und Maass darin.\nLeider ist dies alles im dritten Theile „Die An-\nkunft zu Sais\" wiederum keinesweges der Fall: er\nfällt, und mitunter fast bis zu lächerlcicher Weise, ins Bunte,\nDramatische und Manierirte.\nNach einer kurzen Einleitung, die zum Theil das Thema\nder vorigen Ouvertüre wieder aufnimmt, erzählt der Tenor\nt\ndie Reise durch die Wüste (nicht Recitativ, sondern Arioso\nim Tact):\nDepuis trois jours malgre Vardeur du ve)it\nlis cheminaicnt dans le sable mouvant.\nLe pauvre servileur de la famille sainle,\nLaue dans le desert etait dejä lombe.\nSie kommen an, und von nun an wird das Oratorium, oder\nwenigstens die heilige Trilogie, immer opernmässiger. In\neinem Duett mit Chor klagen Maria und Joseph über Er-\nschöpfung und suchen eine gastliche Ruhestätte, welche\nihnen verweigert wird. So oft Maria das Wort nimmt, brin-\ngen die Bratschen über dem Tremoliren der Basse ein he-\no\nstimmtes Motiv ä la Wagner zum Vorschein. In > G-motl,\n;!/4 Tact, ruft sie endlich:\nJe n en puls plus! las! je suis morle,\nfrapper ä celte porte.\nJoseph gehorcht; wir können nicht daran zweifeln, dass\ner an die Thür klopft, denn der Pauker schlagt einige Mal\nauf die Dominante. Aber von innen werden die Hülfesu-\nchenden durch einen ganzen Chor von Hausbewohnern ab-\ngewiesen :\nArriere, vils llebreux!\nLes (jens de Ilome riont que faire\nDe varjabonds et de lepreux. (!)\nAllein Joseph lässt sich nicht abschrecken und hat das\nGlück, in einem Ismaeliter einen zu fin-\nden, der ihn aufnimmt. Der edle (Bass)\nthut dies jedoch schon, ehe er weiss, wer Joseph ist. Seine\nThür steht allen Unglücklichen offen, und da er, wie es\nscheint, reich ist und einen grossen Hausstand hat, so setzt\ner sein ganzes Haus in Bewegung, um den Gästen aufzu-\nwarten. Und diese Bewegung, muss sie nicht dargestellt\nwerden, muss sie nicht Gegenstand der mite der\nMusik werden? Freilich. Aber wie? Ei nun! was wäre\neine „heilige Trilogie\" ohne Fuge? Die alten Zopf-Com-\nponisten gebrauchten allerdings die Fuge zu anderen\nZwecken; sie meinten, das Ineinandergreifen der Stimmen,\nihre Engführung nach einem gemeinschaftlichen Brennpunkte\nhin, ihr endliches Zusammenjauchzen sei ein rechter Hebel\nreligiöser Begeisterung! Nun ja, so dachten Händel, Bach,\nHaydn u. s. w. Aber Hector Berlioz, der Mann des Fort-\nschritts, „legenie createur\", gibt uns eine Instrumental-\nFuge, um das unruhige Getriebe des Gesindes ia\neinem grossen Hause bei Ankunft von Gästen zu versinn-\nlichen ! Das ist gross, denn das ist neu! Und die fran-\nzösische Kritik freut sich über „diese geistreiche Rehabi-\nlitation der Fuge!\" Lebe ich denn unter musicalischen\nf\nBarbaren?"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "412", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541230-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4812, "texte": "Doch weiter. Nachdem Alles während der Fuge be-\nsorgt. ist, fragt der Pere de famille bei Tische nach Namen\nuiid Stand der Fremden, und es entspinnt sich folgende\npatriarchalische Unterhaltung zwischen ihm und Joseph:\nJ. Nous (toons vu Je jour au Liban en Syrie.\nP. Comment vous nomme-t-on?\nJ. Elle a pour nom Marie,\nJe m appelle Joseph, et nous nommons Venfant\nJesus.\nP. Jesus! quel nom charmant!\nDites, que faites-vous pour gagner votre vic?\nJ. Moi, je suis charpentier.\nP. Eh bien, c est mon melier;\nVous et es mon compere, /\nEnsemble nous travaillerons.\nDu wirst gestehen, dass man die Einfachheit der Poesie\nnicht weiter treiben kann: die Musik dazu ist vollkommen\nentsprechend.\nDas häusliche Fest würde aber nicht vollkommen sein,\nwenn es bloss materielle Erquickung gäbe. Der freundliche\nWirth weiss desshalb nichts Besseres zu tliun, als seinen\nGästen ein kleines Coneert zu «geben:\nPrenez> vos Instruments, mes enfans: tonte peine\nCede ä la flute unie ä la harpe thebaine.\nUnd siehe, zwei Flöten und eine Harfe führen ein\ntissement musical\" auf, bestehend aus einem einem\nScherzino (!) und der Wiederholung des Andante.\nDanach tritt der Erzähler mit folgenden Worten\nwieder auf:\nOB fut ainsi que par un inßdete\nFut s auv e le Sauve u r\nin denen das Wortspiel bei einem solchen Gegenstande\nwahrhaft widrig ist,\nDen Schluss macht gleich darauf ein Chor auf die\nWorte: ,\n0 mon ame, pour toi que reste-t-il a faire?\nQue briser ton orgueil decant un tel mijstere.\nDieser Chor ist, um doch alle Stilarten anzubringen,\npella und ä la Palestrinageschrieben, was fast unmittelbar\nnach dem brillanten Flöten- und Harfen-Trio einen seltsa-\nmen Contrast gibt; das thut aber nichts,\nprix! Der Chor wurde so schlecht gesungen, dass man\nüber seinen musicalischen Werth kein Urtheil fällen\nkann: was man davon verstehen konnte, liess sehr kalt.\nDie französische Kritik hat für dergleichen Dinge, die man\nnicht versteht, das Wort „mystisch\" gewöhnlich bei der\nHand, und so entschuldigt sie denn auch den Fiasco dieses\nChors damit, dass '„der grosse Haufe nicht an die mysti-\nschen Klänge dieses Stils gewohnt sei\". Uebrigens wurden\nEinzelheiten stark beklatscht, das Ganze aber von dem\ngrösstenTheile desPublicums mehr als ein Curiosum, denn\nals ein Kunstwerk betrachtet.\nIch kann mein Urtheil, welches mit dieser Ansicht des\nPublicums übereinstimmt (von der freilich in den Zeitungen\nbis jetzt noch wenig zu lesen ist, da diese bei jedem Werke\neines namhaften Componistcn stets von einem Succes spre-\nchen), zwar nicht mit der Partitur in der Hand rechtferti-\ngen, allein ich glaube nicht zu irren, wenn ich das Ganze\nals eine mühsame Arbeit der Reflexion und des geistreichen\nRaffinements charakterisire, zu welcher ein gewisses Talent\nmusicalischer Erfindung und eine grosse Geschicklichkeit\nin der Behandlung des Orchestralen, im Einzelnen nicht\nohne Glück, verwandt worden ist. Als Oratorien-Musik,\nüberhaupt als religiöse Musik und die soll es doch dem\nText und der Ueberschrift Trilogic sacrec nach sein\nscheint das Werk ganz verfehlt, selbst wenn man sich auf\nden Standpunkt der Franzosen stellt, welcher in dieser Be-\nziehung noch ganz der alte leichtfertige ist, trotz aller Be-\nstrebungen eines Theiles der Geistlichkeit für Choralgesang\nund Einfachheit der Kirchenmusik. Nur einem Volke, in\ndessen Kirchen im Allgemeinen noch der Serpent und die\nMilitärmusik herrscht, und die Orgel durch Fanfanrestück-\nchen, Opernmärsche und Contretänze misshandelt wird,\nkann man zumuthen, eine solche Composition in ihrem\nGanzen für christliche und heilige Musik hinzunehmen.\nIch glaube, durch die obige Analyse den Leser in den\nStand gesetzt zu haben, über die Form dieses Oratoriums\nvollständig, über den Geist desselben wenigstens annähernd\nins Klare zu kommen. Was wird man nun sagen, wenn\nman erfährt, dass die hiesige Kritik selbst für diese Sorte\nvon christlicher Stimmung, wie sie in Berlioz' heiliger Tri-\nlogie mit ihren Patrouillen, Märschen, rhythmisch verrenk-\nten Geisterbeschwörungen, Gesindewirthschafts-Fugen und\nTafelconcert-Musiken auftritt, dennoch rechtfertigend in die\nSchranken treten zu müssen glaubte? „Was auch die\nNihilisten sagen mögen,\" ruft der Berichterstatter der\nFrance Musicale aus: „es wird immer Christen auf der\nOberlläche der Erdkugel geben; wir tragen das Christen-\nthum in den Tiefen unserer Natur. Die christliche Religion\nhat die Welt nicht umsonst (■inutilemenl) beherrscht. Das\nChristenthum gehört mit seinen lieblichen Legenden, seiner\nhistorischen Form, seinem Aberglauben und seinem Glau-\nben vor Allem der Tonkunst an, und die heilige Musik übt\nauf die träumerischen (!), gefühlvollen Seelen eine unwider-\nstehliche Gewalt. Diese Seelen bilden aber eine zahlreiche\nPhalanx, eine nie untergehende Ciasse (!), und an dieses\nPublicum wendet sich das neueste Werk von Berlioz.\""}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "413", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541230-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3228, "texte": "Und das Werk selbst ist ihm dann „eine Art von Ora-\ntorium, ein Mysterium, wenn man will, ein Werk heiliger\nMusik, vielleicht (!) ein Versuch, die Dürre, die Erschöpfung\nund Schwäche der neueren Kirchenmusik durch das Ein-\ntauchen in die Quellen des ursprünglichen Archaismus neu\nzu beleben. Der Hauch, welcher es belebt, kommt weder\nvom Carmel noch vom Libanon, sondern aus den alten Do-\nmen (!).\" Dagegen behauptet ein Anderer, „der Geist\nder orientalischen Poesie wehe darin\", was ihn aber\ngar nicht hindert, die Ouvertüre zum zweiten Theile „eine\nköstliche und gothische (delicieuse et gothique)\" zu nen-\nnen. Ein Dritter zählt, gewisser Maassen zur Rechtfer-\ntigung Berlioz' wegen des Stolfes, eine Menge von Compo-\nnisten auf, welche die Geburt Christi zum Gegenstande\nmusicalischer Werke gewählt, und meint, „der Leser möge\niür heute mit diesen paar Dutzend lürlieb nehmen, obgleich\ndie Liste nöthigenfalls es mit dem Umfange der berühmten\nListe des Leporello aufnehmen könnte!\" Das hat sich\nMozart wohl nicht träumen lassen, dass sein bei\nGelegenheit1 einer kirchlichen Musik zwei Mal von pariser\nKritikern citirt werden würde! Aber noch nicht genug\nder widrigen Frivolität. Derselbe Kunstrichter es ist der\nnämliche, der, wie ich oben schon erwähnte, den Esel ver-\ntheidigt sagt unmittelbar nach der Eselei: „Mais reve-\nnons ä nos moutons, ou pl i'ctable\", und\nspricht unmittelbar darauf von dem „Seraphähnlichen\" der\nMusik im unsichtbaren Chore der Engel!\n1 ©\nEin Vierter (Journal des Debats) vertheidigt die Wahl\ndes Stoffes folgender Maassen: „Um die Wiege Christi\ngruppiren sich die heiligsten und lieblichsten Gestalten,\nwelche die Religion unserer Verehrung darbietet. Die lie-\nbenswürdigsten, rührendsten, ja, reizendsten Bilder haben\nsich dort zusammen eingefunden: ein Stall, eine Krippe,\nein Ochs, ein Esel, Hirten, Lämmer. Wie einfach, religiös,\nmystisch und populär ist ein solcher Stoff!— Und bei die-\nsem zarten, schwierig zu behandelnden, schwierig in Scene\nzu setzenden (sie!) Stoffe hat Berlioz als Dichter (! ver-\ngleiche die obigen Proben!) und Musiker den wahren christ-\nlichen Ton zu treffen gewusst.\"\nMan weiss nicht, ob man lachen oder sich empören\nsoll, ob die Heiterkeit oder nicht vielmehr die Entrüstung\n7 O\nüber solches Zeug die Oberhand in uns gewinnt. Und was\nich hier und zwar Alles wörtlich wiedergegeben\nhabe, ist nicht etwa aus Winkelblättern und aus den Map-\npen hungriger Scribenten hergeholt, sondern es sind Aus-\ndrücke von Stimmführern der Kritik, der Herren Maurice\nBourges, A. Giacomelli, J. d'Ortigue, und aus den verbrei-\ntetsten und renommirtesten Blättern, der\nMusicale, der France Musicale,den Wenn Berlioz\netwas Edles und Heiliges gewollt, wie ich nicht be-\nzweifle, und sich nur in den Mitteln, es würdig darzustel-\nlen, meistentheils vergriffen hat, so ist das ein Irrthum,\ndem jeder Strebende und am meisten der Künstler unter-\nworfen ist, und folglich ein verzeihlicher. Mit welchem Ge-\nfühl kann man aber in den Abgrund Fäulniss der sitt-\nlichen und künstlerischen Zustände schauen, welchen die\nErscheinung eines solchen Werkes sogenannter religiöser\nMusik im Verein mit der Auffassung und Rechtfertigung\ndesselben von Seiten der Kritik unseren Blicken öffnet?\n\nB. P."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-12-30-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-12-30_01#c002", "volume": "bmtnabi_1854-12-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "413", "page_fin": "414", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541230-01.2.2", "titre_corps": "Notiz über eine Melodie aus dem zweiten Finale von Mozart’s Don Juan.", "titre_sommaire": "Notiz über eine Melodie aus dem zweiten Finale von Mozart’s Don Juan.", "signature_source": "Louis Kindscher in Cöthen", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "413", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541230-01.1.5", "debut_caractere": 3230, "fin_caractere_exclue": 4860, "texte": "Notiz über eine Melodie aus dem zweiten Finale von\nMozart’s Don Juan.\nVon Louis Kindscher in Cöthen.\nBekanntlich findet im zweiten Finale des Don Juan\ndie Lösung des dramatischen Knotens Statt, indem und\nresp. nach dem sonstigen Titel des Stückes „ Don Juan oder\nder steinerne Gast\" —der leichtsinnige, in stetem Sinnen-\ngenuss schwelgende Libertin während seiner Abendmahl-\nzeit, zu welcher er noch kurz zuvor und frevelhaft genug\nden steinernen Gouverneur auf dem Kirchhofe geladen hatte,\ndiesen sonderbaren Gast nun wirklich bei sich erscheinen\nsieht. Bei diesem Gastmahle bietet dem Don Juan sein\nReichthum die Mittel zu allem und jedem Genüsse, und so-\nmit darf denn auch natürlich während des Mahles eine Ta-\nfelmusik nicht fehlen, die seinem gleichfalls mitschwelgen-\nden Ohr die gangbarsten und besten Tages-Melodieen zu-\nführt. In diese so genannte Tafelmusik die man freilich\nauf der Bühne als solche nicht erkennt, weil die sie aus-\nübenden Musici gewöhnlich wegbleiben—hat nun Mozart\nausser einer eigenthümlichen aus seinem Figaro noch zwei\nzu seiner Zeit bekannte und beliebte Melodieen aufgenom-\nmen. Gleich die erste, D-dur, yB, ist aus der alten Oper\nCosa rara,und nun eben die zweite, folgend nach dem\nRufe Don Juan's: „Teller!-' und Leporello's Antwort: „Zu\ndienen!\" von der hier die Rede ist,\nwas vielleicht nur Wenigen bekannt sein dürfte, ebenfalls\neine Opern-Arie von Sarti aus litiganti\ngode*), oder: „Wenn Zwei sich zanken, freut sich der\nDritte\", deren Original, im Besitze des Referenten, eben\n\n*) Im sechsten Tacte beginnt auch der italiänische Gesang-Text\ndes Leporello: „Fra i due, fra i due litiganti"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "414", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541230-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 287, "texte": "folgende Bezüglichkeiten zu Mozart's berühmtem Don Juan\nbietet.\nNoch von einer anderen Stelle dieser Sarti'schen x\\rie, da,\nwo der %-Tact eintritt, erscheint «sehr deutlich das Spiegel-\nbild in der Introduction des Mozart'schen Finales, und zwar\nim siebenten bis zehnten Tacte desselben:"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-12-30-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-12-30_01#c005", "volume": "bmtnabi_1854-12-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "414", "page_fin": "415", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541230-01.2.3", "titre_corps": "Aus Dessau.", "titre_sommaire": "Aus Dessau.", "signature_source": "K", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "414", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541230-01.1.6", "debut_caractere": 289, "fin_caractere_exclue": 1406, "texte": "Aus Dessau.\n\nDen 21. December 1854.\nAm 29. October begann die Theater-Saison mit Teil\nvon Rossini ohne sonderlichen Beilall; es folgten Barbier,\nCzaar, Fidelio, Nachtlager, Fra Diavolo, Lucia, und ist\nfür Weihnachten die schon oft gehörte Oper Martha be-\nstimmt. Ob die schon im vorigen Jahre in Aussicht gestellte,\nfür uns neue Oper: „ Die lustigen Weiber\" von Nicolai, in die-\nser Saison noch zur Aufführung kommen wird, wer mag\nes behaupten? Das hiesige Localblatl klagt viel über wenig\nAbwechslung des Repertoires und unvorteilhafte Verwen-\ndung der Krälte in der Oper, wie im Schauspiel, und nicht\nohne Grund; es fehlt eine energische Hand, die im Interesse\nder Kunst sich gegen falsche Voraussetzungen von einer\nSeite her entgegen stellen kann. •— Mitglieder der Oper\nsind: Frau v. Stradiot-Mende, Fr. Masius, Fr. Panzer, Fr.\nAndree; die Herren Stritt, Krüger, Pielke, Tippel, Grübet.\nDie Leitung der Oper hat Musik-Director Hesselbarth,\nChor-Director ist Concertmeister Appel, welcher letztere\nzugleich Dirigent des für unsere Verhältnisse wirklich gu-\nten Ballets ist. — Leider entbehren wir im Laufe des Win-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "415", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541230-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4846, "texte": "ters abermals der Abonnements-Concerte, indem der Con-\ncertsaal noch immer im Ausbau begriffen ist; dalür hatten\nwir im September und October Concerte im Theater, in\nwelchen Werke von Beethoven, Mozart, Weber, Gluck,\nSpohr, Lachner, Mendelssohn, Schumann, Schneider gehört\nwurden. Musik-Director T ausch aus Düsseldorf veranstaltete\nein Concert für die Armen, in welchem er das Es-dur-\nConcert von Beethoven in würdiger Weise vortrug, auch\neine Concert-Ouverture seiner Composition zur Aulführung\nbrachte, die mit vielem Beifall aufgenommen wurde. Leider\ngestattete man ihm nicht, sein Werk selbst zu dirigiren,\nwesshalb —?\nft\nI\nDie in diesem Jahre neu eingelührten Quartett-Soireen\nder Herren Kammermusiker Bartels, Storz, Lorenz und\nHankel haben sich eines zwar kleinen, doch gewählten\nPublicums zu erfreuen und finden gerechten Beifall. Es\nwurden vorgetragen Quartette von Haydn, Mozart, Beetho-\nven, Mendelssohn, Schubert. Bei der sichtlichen Liebe zur\nSache und dem klaren Verständniss ihrer gestellten Auf-\ngaben, welche aus allen ihren Leistungen hervorgeht, ist\nden wackeren Künstlern eine recht rege Theilnahme Sei-\ntens des Publicums zu wünschen, welche auch nicht aus-\nbleiben wird. Die Sing-Akademie, jetzt unter Leitung\ni\ndes Musiklehrers Rösler, welcher bei Lebzeiten Schneiders\nin dessen Verhinderung schon den Verein dirigirte, pflegt\nnach wie vor die ernste kirchliche Musik. Der verehrte\nDirigent bietet Alles auf, das Institut seines verewigten\nO\nMeisters in dessen Geiste fortzuführen, um dadurch das\nAndenken des lieben Todten zu ehren; denn es gehörte\ndie Direction der Sing-Akademie zu seinen liebsten Beschäf-\ntigungen. Rösler leitet die ganz richtige Ansicht, dass man\nö O CJ\nnur durch die Aufrechterhaltung alles dessen, was ein re-\nirer. verdienstvoller Geist, wie der Schneider's, ins Leben\nrief, das Andenken desselben ehren kann; leider scheint\nman dies von anderer Seile her nicht zu fühlen. Den To-\ndestag Schneider's, den 23. November, feierte die Sing-\nAkademie durch die Aufführung seiner Todtenfeier, leider\nnur am Flügel mit Quartett-Begleitung. Die Th. Schnei-\nder sehe Musikschule führte an demselben Tage zu seinem\nGedächtnisse mehrere ungekannte Werke desselben auf: ein\nClavier-Quartett, ein Streich-Quartett, die erste Sinfonie (von\nihm als Knaben von zwölf Jahren geschrieben) und mehrere\nGesänge. Die Liedertafel sang Mittags an seinem Grabe\ndas Lied „Mag auch die Liebe weinen\", so wie der\nSeelmann'sche Gesangverein Abends unter Fackelschein\nmehrere seiner Männerchöre. Das Grab bedeckten viele\nKränze und Blumen. Die regelmässigen rchenmusiken\nund Sonnabends-Vespern unter Leitung des Cantors und\nChor-Directors Th. Schneider brachten Chöre von Haydn,\nMozart, Mendelssohn, Schneider etc. und Gesänge a ca-\npella von Bach, Händel, Gallus, Schneider, Müller, Rillig,\nRolle, Palestrina, Durante etc. Es war eine schöne christ-\nliche Sitte, welche unser unvergesslicher Friedrich Schnei-\nder bald nach seinem Erscheinen unter uns eingeführt\nhatte, dass der Tag des Herrn schon am Abend vorher\ndurch eine Vespermusik im Gotteshause (der Schloss- und\nStadlkirche) feierlich eingeleitet wurde, die sich damals\ngrosser Theilnahme erfreute. Im Verlauf der Zeit schwand\nallmählich die Theilnahme an den Vespern, und sie wurden\nendlich gänzlich ignorirt. In neuester Zeit unternahm es\nFriedrich Schneider's talentbegabter Sohn Theodor, in\nkindlicher Pietät für die Intentionen des dahingeschiedenen\nStifters, mit warmem Herzen und frischer Geisteskraft das\nfast abgestorbene Interesse an den Vespern wieder neu\nzu beleben. Sämmtliche Musikstücke, die bis jetzt unter\ndessen Leitung ausgeführt wurden, geben von dem grossen\nErnst für die heilige Sache, von dem anerkennenswerthe-\nsten Fleiss und dem Geschick und Kunstgeschmack des\nDirigenten das ehrendste Zeugniss. Es sind wahre Kunst-\ngenüsse, ja, noch mehr, es sind wahrhafte Erbauungen, die\nuns geboten wurden. Gleiches Anerkenntniss muss den Aus-\nführungen in den Responsorien der liturgischen Frühgot-\ntesdienste, wie auch den Tonstücken nach denselben, wo-\nbei die herzogliche Hofcapelle mitwirkt, so wie dem wacke-\nren Orgelspiel des Herrn Organisten Rümpler gezollt wer-\nden, das die Pausen zwischen den Vocalsätzen ausfüllt.\nGedenken wir ferner noch des Rösler'schen Gesang-\nvereins, in welchem classische Opernmusik gepflegt wird,\nder Liedertafel, des Seelmann'schen, Appel'schen, Daniel'-\nschen, des Gesellen-Vereins, letztere alle Männergesang-\nVereine. Als den Nachfolger Schneider's bezeichnet man den\nCapellmeister Rietz aus Leipzig, doch kann ich Ihnen etwas\nBestimmtes darüber nicht mittheilen; unverbürgten\nGerüchten zufolge soll er die Annahme der Stelle an ver-\nschiedene Bedingungen knüpfen, namentlich an solche,\nwelche die Selbstständigkeit seiner Stellung betreffen. Es\nist wünschenswert!), dass die Stelle nun bald besetzt werde.\n\nK."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-12-30-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-12-30_01#c006", "volume": "bmtnabi_1854-12-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "416", "page_fin": "416", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541230-01.2.4", "titre_corps": "Nach Frankfurt am Main.", "titre_sommaire": "Nach Frankfurt am Main.", "signature_source": "Die Redaction", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "416", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541230-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6306, "texte": "Nach Frankfurt am Main.\nDie Redaction.\nDass die Artikel der Niederrheinischen Musik-Zeitung über die\nMusikzustände in Frankfurt einige Aufregung dort erzeugen wür-\nden, haben wir vorausgesehen; dass aber eine Randbemerkung von\nunserer Seite zu dem Briefe des Herrn Musik-Directors Messer (in\nNr. 50) Veranlassung zij einem höchst seltsamen Miss Verständ-\nnisse geben würde, konnten wir nicht ahnen. Zur Steuer der\nfreilich auf unbegreifliche Weise verkannten Wahrheit müssen\nwir für diejenigen, welche derselben bedürfen, folgende Aufklärung\ngeben.\nEs ist uns die Nr. 153 vom 22. Dec. des „Volksfreunde s\nfür das mittlere Deutschland44, welcher in Bornheim bei Frankfurt\nerscheint (und dessen Redaction der rücksichtslosen Wahrheit aller-\ndings zu huldigen scheint und sich vielleicht gerade desswegen vor\nden Thoren von Frankfurt niedergelassen hat), zugekommen. Diese\nNummer druckt unsere Bandbemerkung ab und fährt dann fort:\n„Eine policeiliche Sicherheits-Maassrcgel gegen\neine missliebige Kritik? So, so! Dass man missliebige Prediger\nausweis't, missliebige Politiker, Zeitungsschreiber u. s. w., ist schon\nvorgekommen; dass man aber an die policeiliche Ausweisung eines\nKritikers auf dem musicalischen Gebiete denkt, ist vollkommen neu.\nAnders aber kann die Note der Niederrheinischen Musik-Zeitung\nnicht verstanden werden.\" (Bitte, womit beweisen Sic das?) „Ent-\nweder muss der Museums-Vorstand, oder die Theater-Direction, oder\nHerr Messer selbst mit dem Gedanken umgegangen sein, Herrn\nSchindler aus dem frankfurter Staatsgebiete vermittels Hülfe der\nPolicei zu entfernen —44\nOder, setzen wir hinzu, es gibt Leute, die, in gewisser Aufre-\ngung befangen, in manche Zeilen Dinge hin einlesen, die nicht\ndarin sind, so wie Göthe's Vansen im Egmont den Richter Dinge\nin den Unschuldigen hinein verhören lässt. Gibt es denn nur\n/ | #\npoliceiliche Maassregeln für das Ausweisen? Wir denken, die\nMaassregeln für das Nichthineinlassen sind weit häufiger, zu-\nmal auf dem Gebiete der Kunst. Haben Sie, geehrtester Herr und\nvolksfreundlicher College, noch niemals Gcnsdarinen und Policisten\nan dem Eingang von Theatern, Concert-Gebäuden, Kunstausstellun-\ngen u. s. w. gesehen, welche zur Hülfe der Thürsteher und Con-\nsorten da sind, um diese im Nothfalle bei der Zurückweisung zu-\ndringlicher Kunstdillettanten ohne Eintrittskarte zu unter-\nstützen? Wenn nun ein Gesellschafts-Vorstand, z. B. der des Mu-\nseums in Frankfurt a. M., oder eine Theater-Direction, wie z. B.\ndie in Paris und in Brüssel denn Sie werden doch zugeben,\ndass es ausser Frankfurt noch Theatcr-Directionen gibt, nicht wahr ?\n—, wenn ein solcher Vorstand sichv nun berufen fühlt, die Policei-\nPosten selbst zu übernehmen und einen missliebigen Kritiker durch\nEntziehung der ihm aus Achtung für seine Stellung in der musi-\ncalischcn Welt freiwillig übersandten Eintrittskarte nicht mehr in\nihren Kunstzwinger hineinzulassen —* ist das nicht eine po-\nliceiliche Maassregel?\nNun sehen Sie. von einer solchen und dem Briefe des Museums-\nVorstandes an Herrn Schindler, wodurch sie ausgeführt wrird, ist\nin unserer Anmerkung allein die Rede. Es gibt eine Staats-Policei\nund eine Gesellschafts-Policei. Unserer Meinung nach ehrt die\nletztere, wenn es Kunstvereine betrifft, durch Zusendung von Frei-\nkarten an Künstler und Kritiker sich selbst, und nicht dtese;\nwen blamirt sie folglich durch Entziehung derselben?\nEtwas Anderes ist es um die Notizen in der Nummer 145 vom\n3. December des „Volksfreundes\", die uns auch zugegangen ist,\nund welche wir ebenfalls zur Steuer der Wahrheit und weil wir\nan der Art und Weise, wie einflussreiche Musiker die Conc.erte\neiner ausgezeichneten Künstlerin wie Clara Schumann, zumal\nin ihrer gegenwärtigen Lage, unterstützen, regen Antheil nehmen\nhier abzudrucken keineswegs verweigern. Herr Messer nennt\nallerdings in seinem Schreiben an uns Frau aner-\nkannt grosse Künstlerin44 und Herrn Schindlers Urtheil über sie\n„ein unbegreifliches*4 (s. Nr. 50j. Wie mochte er aber bei diesem\nUrtheil über sie ihrem Concert entgegentreten? Der „Volksfreund\"\n(und auch andere schriftliche Mittheilungen, die uns vorliegen)\nsagt: „Der Versuch, das Concert der Frau Clara Schumann zu ver-\neiteln, ist dem Theater-Director Hoffmann allein zur Last gelegt.\nHierzu dürfte ergänzend nachzutragen sein, dass diese Künstlerin\nmit Thräncn gerechter Indignation erzählt hat, sie 'sei von einem\nder hiesigen Künstler, welcher durch seine bevorzugte Stellung vor\nAllen berufen sein dürfte, die wahre Kunst und ihre echten Jünger\nzu vertreten und an die Spitze der Kunstgenossenschaft gegen je-\nden Angriff auf selbe sich zu stellen, dem Theater-Director Hoff-\nmann mit den Worten vorgeführt worden: „„Hier präsentire ich Ih-\nnen Madame Schumann, welcher ich so eben dringend abgerathen\nhabe, ein eigenes Concert zu geben.44\"\n„Diese Worte, im Zusammenhange mit den der Frau Clara Schu-\nmann von hiesigen Kunst-Notabilitäten entgegengestellten Schwie-\nrigkeiten, lassen deutlich die traurige Wahrheit an das Licht tre-\nten, dass es in der Mitte unseres musicalischen Künstler-Gremiums\neine Clique gibt, die u. s. w.\n„Zu unserer eigenen Beruhigung haben wir aus der hohen Ent-\nrüstung eines grossen Thcils der hiesigen Musikkünstler, aus der\nim Publicum immer lauter hervortretenden Stimmung über diese\nVorgänge, endlich aus der glänzenden Revanche, die ein grosser\nund ausgezeichneter Kreis von Kunstfreunden und Gönnern, wie\nwir noch keinen inhaltschwerer und schöner erblickten, der Frau\nClara Schumann in ihrem, durch Mitwirkung echtfühlender und ge-\ndiegener Künstler zu Stande gekommenen Concerte gegeben hat\nwir haben aus allen diesen tröstlichen Symptomen die beruhigende\nUeberzeugung gewonnen, dass diese der Kunst und ihren Genossen\nabtrünnige Clique nur ganz klein ist, und dass wir mit Recht in\ndem Aufsatze Ihres Blattes die Hoffnung ausgesprochen lasen, die\nGenossenschaft der hiesigen echten Musikkünstler und das frank-\nfurter kunstliebendc Publicum werde die ins Gesicht geworfene\nSchmach und die, würdigen Kunstgenossen übermüthig entgegen-\ngestellten, Intriguen nicht ungerächt lassen, und den Zwang nicht\ndulden, den ein speculativer, aber die wahren Kunst-Interessen ver-\nnachlässigender Theater-Director mit offener oder heimlicher Unter-\nstützung einer geringen Clique von Künstlern selbst aufzulegen\nwagt.44"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "409", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541230-01.1.1", "texte": "Christus, das Kind\n\n(L'Enfance Christ].\nHeilige Trilogie von Hector Berlioz.\nI.\nNach einem zweijährigen Schweigen als Componist\ntritt Hector Berlioz wieder mit einem Werke hervor,\ndas jedenfalls die Aufmerksamkeit der musicalischen Welt\nin mehreren Beziehungen in Anspruch nehmen muss, von\ndenen die wichtigsten sein dürften, das Werk erstens als\nProbe des individuellen Talents des Componisten und der\nEntwicklung desselben bis auf den gegenwärtigen Stand-\npunkt zu betrachten, zweitens als Erzeugniss der zwiefa-\nchen Richtung der neuesten Tonkunst, der eklektischen und\nder realistischen, von denen jene den Unterschied der Gat-\ntungen aufhebt und Oratorium und Oper, Lyrik und Dra-\nmatik, Vocal- und Orchester-Musik, alten und neuen\nStil durch einander mischt, diese für die Musik die Rechte\nder Plastik und Malerei in Anspruch nimmt und das Object\nder Tonkunst nicht mehr in der Tiefe des Gemüths und\nder Empfindung sucht, sondern es von der Oberfläche des\nrealen Lebens schöpft und an die Stelle eines idealen\nTongemäldes die kleinliche Copie der wirklichen Natur setzt.\nAm 10. December führte Berlioz dieses Werk in\neinem Concerte im Herz'schen Saale zum ersten Male auf.\nEr nennt es L'Enfance du C wobei\nder Ausdruck Trilogie nichts weiter sagen will, als dass\ndas Ganze drei Theile oder drei Acte hat; der Verfasser\nhat ihn wahrscheinlich desswegen gewählt, weil Oratorium,\noder Mysterium, oder Legende, oder Sinfonie-Ode, oder Sin-\nfonie-Cantate u. s. w. das Wesen des Ganzen schon zu\ndeutlich errathen liessen, „heilige Trilogie\" aber die Er-\nwartung ganz anders spannt. Der Text ist von Berlioz\nselbst, und zwar in Versen. Sonderbarer Widerspruch bei\ndiesen neuen Dichter-Componisten! Sie stellen die Dichtung\nhöher, als die Musik; denn nach Richard Wagner z. B.\nsoll ja die Dichtung Wort lür Wort die Musik erzeugen,\nund das wahre dramatische Kunstwerk nur dadurch mög-\nlieh werden, dass das Gedicht gesungen und nicht mehr\ngesprochen wird und dennoch meinen sie, dass der Mu-\nsiker auch mir nichts, dir nichts Dichter sein, also ihrer\nAnsicht nach das Höchste lür beide Künste leisten könne!\nWas würden wir zu einem Dichter sagen, der sich einbil-\ndete, kein anderer Mensch auf Erden könne sein Gedicht\ncomponiren, als er selber, wiewohl er kein Musiker sei?\nGöthe sagt irgendwo: „Wo die Vermischung der Künste\nangefangen, hat jedesmal die Kunst aufgehört\" *). Fiat\nplicatio. Es gibt noch ein anderes Sprüchwort, das hier\npassen könnte, nämlich: Ne sut oder auf\nDeutsch: Schuster, bleib bei deinem Leisten! aber ich\nwill's nicht anwenden; denn die Dichter-Componisten möch-\nten mir entgegnen:\nHans Sachs war ein Schuh-\nmacher und Poet dazu.\nDoch zur Analyse der Berlioz'schen Trilogie.\nSie zerfällt in drei Theile: „Der Traum des Her o-\ndes Die Flucht nach Aegypten Die An-\nkunft in Sais\". Nach Kenntniss dieser Ueberschriften\nwirst du vielleicht auf den Gedanken kommen, dass di'e\nganze Trilogie dem Glücke, welches La fuite en Egypte in\neinigen Städten Deutschlands, und Le repos de la sainte fa-\nmille in einem Concert in London gemacht hat, ihr Dasein\nzu verdanken habe? Curios! denselben Gedanken habe ich\nauch gehabt.\nPersonen des Mvsteriums sind: die Mutter Maria,\nder heilige Joseph, der König Herodes, Polydorus\n(ein römischer Unterofficier), ein römischer Hauptmann,\nein F a m i 1 i e n v a t e r (ein Zimmermann in Sais) und ein Er-\nzähler. Dabei Chöre von Engeln, Hirten, Israeliten, Aegyp-\nten). Der erste Theil beginnt mit einer Erzählung (Tenor):\n\n*) Die Stelle, welche offenbar gemeint ist, heisst wörtlich so:\n„Eines der vorzüglichsten Kennzeichen des Verfalls der Kunst\nist die Vermischung der verschiedenen Arten derselben/'\nEinleitung in die Propyläen. Taschen-Ausgabe. Bd. 38, S. 20.\nWas würde der Altmeister zu der „Gesammtkunst\" der\nHerren Wagner, Brendel & Comp., in welche die „Sonder-\nkunst\" aufgehen müsse, gesagt haben?\nDie Bedaction."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "410", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541230-01.1.2", "texte": "Da ns la er ecke. en ce lemps, Jesus tenait de nailre,\nMais vu( prodifje encor ne l'avait fall connailre;\nEl dejä les puissanls tremblaient,\nDe ja les faibles esper aient,\nTons allendaienl!\nDer Charakter der Rolle, welche das Orchester spielen\nwird, trilt schon in der Begleitung dieses recitativischen\nArioso hervor; matt findet darin\nscriplif. Die merkwürdige Steigerung in den drei letzten\nVersen, welche vom „Zittern\" und „Hoffen\" auf das „Er-\nwarten\" herabfällt, erweckt keine günstige Vorbedeutung\nlür das dichterische Talent des Componisten.\nHierauf hören wir die Klange eines Marsches, der, wie\ngewöhnlich, sehr leise anlängt und allmählich stärker wird.\nEr verkündet nicht etwa einen Zug von Eroberern oder\ndas Nahen eines eisernen Geschickes, sondern eine Nacht-\nPatrouille römischer Soldaten, und wir hören folgenden\nZwiegesang zwischen einem Centurio, der wahrscheinlich\ndie Hauptwache in Jerusalem commandirt, und dem Unter-\nofficier oder Gefreiten, welcher die Patrouille führt:\nV.\nQui vient ? liome!\n\\\nAvancez! Halte! Pofydorus.\nJe te croyais dejä, soldat, anx bords du Tibre.\nPar Bacchus! j'y serais en effet, si Gallus,\nNolre illustre preteur, ni eüt enfin laisse libre.\nQue fait Herode? II reve, il tremble;\nII voit partout des traitres; il assemble\nSon conseil chaque jotir; il nous obsede enfin.\nRidicule tyran! Mais va, poursuis ta ronde!\nUnd darauf marschirt Polydorus im und\nnuendo al pianissimo wieder ab. Ich habe mich nicht ent-\nhalten können, den ganzen Dialog herzusetzen; der Ge-\ndanke ist gar zu originel, als Gegensatz der so eben ver-\nkündeten Geburt Christi einen fluchenden Soldaten einzu-\nführen, um einen Marsch mit dem abgedroschenen\nKunstgriff des -~ --— anzubringen und dem Ge-\nschichtskundigen die ernsten Vorstudien des Dichters zu\nbeweisen, der da weiss, dass Cornelius Gallus der erste\nPrätor von Aegypten war!\nErscheint Herodes, König der Juden. Der\ntyran * singt eine Arie über die „Misere des roisein Mu-\nsikstück von origineller Langweiligkeit, dessen Gesang-\nMotivlein stets vom Orchester, namentlich den Violoncellen,\nregelmässig wiederholt werden. Wahrhaft spasshaft sind die\nAeusserungen der befreundeten Kritik über diese Arie; der\nEine hört darin Händel, der Andere Gluck! Ein Dritter,\nd'Ortigue (ein Musiker, der sich viel mit dem Kirchenge-\nsange beschäftigt hat), kommt auf die excentrische Idee,\ndass Berlioz' „schöpferisches Genie die Cadenz der natür-\nlichen Tonarten durchbrochen, weder in Moll noch in Dur\ngeschrieben, sondern, obschon scheinbar in begin-\nnend, den phrvgischen Modus, den zweiten Kirchenton an-\ngewandt habe\". Das ist aber noch nichts; man höre nur\nweiter: „Dieses Stück hat Aehnlichkeit mit der prächtigen\nStelle im Sextett des Don Juan, wo Leporello ausruft:\ndon, perdono! S'ujnori miei nur dass bei Mozart die Ton-\nart G-moll nicht zweifelhaft ist.\" Nun, wie gelallt euch\ndas in Deutschland? Eine Arie des Herodes, und in ihr\nGluck, Händel, Mozart, Kirchenton und Leporello!\nDer König versammelt hierauf seine Traumdeuter und\nerzählt ihnen, dass jede Nacht ihm eine Stimme zurufe, dass\nein Kind geboren sei, welches ihn und sein Reich stürzen\nwürde. Sie sollen desshalb die Geister beschwören, um Aus-\nkunft, um Rettung zu erlangen.\nDie Traumdeuter gehorchen; ihre Beschwörungen, ihre\nfanatischen Geberden und Bewegungen, ihre kabbalistischen\nZauberformeln durch die Musik zu veranschaulichen, über-\nträgt der Componist dem Orchester. Ein wilder Instrumen-\ntalsatz, La Conjuration des Devins betitelt, braus't daher,\nund zwar in Siebenviertel-Tact (abwechselnd V 4 und\n3A). Manche mögen dieses Stück seltsam und barock nennen,\nvielleicht sogar hässlich; solche Leute wissen aber nicht,\ndass „das Barocke eine Bedingung der Wahrheit\" ist, dass\ndie expressive Musik ganz anderer Mittel bedarf, als der\nbisherigen, dass das Schöne dabei Nebensache und „Ge-\nschicklichkeit und Hexerei in der Farbenmischung\" die\nHauptsache ist.\nWeiter. Die Geister haben gesprochen; es ist, wie der\nTraum verkündet hat, ein Kind geboren, das den Tyrannen\nstürzen wird; aber seine Abkunft und seinen Namen kennt\nNiemand. Also Tod allen Neugeborenen, und unter einem\ngrausen Männerchor in Fis-moHwerden die unschuldigen\nKinder gemordet.\nAber zu plötzlichem Contrast werden wir hierauf an\ndie Krippe zu Bethlehem versetzt. Das Kind Jesus spielt\nunter den Lämmern, deren Blöken und Sprünge im Or-\nchester musicalisch ausgedrückt werden, was uns nicht\nwundern darf, da vorher schon der Todesschrei der gemor-\ndeten Kinder und nachher die Athemlosigkeit der Wande-\nrer, ja, endlich sogar der letzte Seufzer des Esels (da es\nja heisst: et emisit spirilum) durch Instrumental-Mittel ver-\nsinnlicht wird. Bei Gelegenheit dieser letzten Stelle glaubt\nein Kritiker doch den Parisern, die vielleicht an dem\nAnstoss nehmen möchten, sagen zu müssen, „dass der Esel\nin Judiia einer Achtung genoss, die ihm erst das prosaische\nAbendland genommen hat, dass Bileam's Esel sogar spre-\nchen konnte und der Herr Christus seinen Einzug in Jeru^"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "411", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541230-01.1.3", "texte": "salern auf einem Esel hielt\". (Wörtlich: Gazelle Musicale\nNr. 51.)\nEin Chor von unsichtbaren Stimmen Soprani und\nAlti, Berlioz kennt den Paulus von Mendelssohn ruSt\neine Warnung in die ruhige Seligkeit Maria's und Joseph's\nhinein. Um der Wahrheits-Lehre willen wurde dieser Chor\nvon Kinderstimmen hinter dem Orchester oder im Neben-\nzimmer gesungen, und das Mittelchen zur Ueberraschung\nverfehlte seine Wirkung nicht. Der Chor der Engel gebie-\ntet, nach Aegypten zu liiehen, verspricht, das Kind zu\nschützen, und verklingt in einem Hosianna.\nDer zweite Theil ist „Die Flucht nach Aegypten\"\nüberschrieben, und seinen Haupt-Inhalt bildet das bereits\nältere und mehrfach gehörte Musikstück gleiches Namens,\nwelches übrigens auch wohl das beste in der ganzen Trilo-\ngie sein dürfte. Die Schilderung des Ausruhens der heili-\ngen Familie in der Wüste durch den erzählenden Tenor\nhat sehr schöne Stellen. Der Schluss derselben:\nEt les anfjes du ciel ä genoux autour d'eux\nLe diciri enfant adorerent\nwird hier durch einen unsichtbaren Engelchor vervollstän-\ndigt. Dieses Tenor-Solo u. s. w. wurde verlangt.\nDie Scene im zweiten Theile wird durch eine Ouver-\ntüre vorbereitet, welche die Versammlung der Hirten an\nder Krippe zum Gegenstande hat; sie ahmt dem fugirten\nälteren Styl nach und enthält manche feine contrapunkti-\nsche Windungen. Die Anbetung der heiligen drei Könige\naus dem Morgenlande kommt nicht vor: man begreift nicht\nrecht, warum Berlioz diesen schönen Moment der Legende,\nwelcher so reichen musicalischen Stoil bietet, zu benutzen\nverschmäht hat. Auf die Ouvertüre folgt ein vierstimmiger\nChor, L'Adieu des Bergers, In welchem der Charakter der\nalten Weihnachtslieder ziemlich glücklich festgehalten ist.\nAlsdann tritt der erzählende Tenor ein. In dem ganzen\nTheile ist auch die einfache poetische Auffassung dem hei-\nligen Stoffe bei Weitem angemessener, als in dem ersten\nund dritten; der ganze zweite Theil ist eine religiöse Idylle,\n\\\nin welcher nichts die Einheit stört, welche zum Gemüthe\nspricht, und von der alle modernen theatralischen Reizmit-\ntel fern gehalten sind. Es ist Klarheit und Maass darin.\nLeider ist dies alles im dritten Theile „Die An-\nkunft zu Sais\" wiederum keinesweges der Fall: er\nfällt, und mitunter fast bis zu lächerlcicher Weise, ins Bunte,\nDramatische und Manierirte.\nNach einer kurzen Einleitung, die zum Theil das Thema\nder vorigen Ouvertüre wieder aufnimmt, erzählt der Tenor\nt\ndie Reise durch die Wüste (nicht Recitativ, sondern Arioso\nim Tact):\nDepuis trois jours malgre Vardeur du ve)it\nlis cheminaicnt dans le sable mouvant.\nLe pauvre servileur de la famille sainle,\nLaue dans le desert etait dejä lombe.\nSie kommen an, und von nun an wird das Oratorium, oder\nwenigstens die heilige Trilogie, immer opernmässiger. In\neinem Duett mit Chor klagen Maria und Joseph über Er-\nschöpfung und suchen eine gastliche Ruhestätte, welche\nihnen verweigert wird. So oft Maria das Wort nimmt, brin-\ngen die Bratschen über dem Tremoliren der Basse ein he-\no\nstimmtes Motiv ä la Wagner zum Vorschein. In > G-motl,\n;!/4 Tact, ruft sie endlich:\nJe n en puls plus! las! je suis morle,\nfrapper ä celte porte.\nJoseph gehorcht; wir können nicht daran zweifeln, dass\ner an die Thür klopft, denn der Pauker schlagt einige Mal\nauf die Dominante. Aber von innen werden die Hülfesu-\nchenden durch einen ganzen Chor von Hausbewohnern ab-\ngewiesen :\nArriere, vils llebreux!\nLes (jens de Ilome riont que faire\nDe varjabonds et de lepreux. (!)\nAllein Joseph lässt sich nicht abschrecken und hat das\nGlück, in einem Ismaeliter einen zu fin-\nden, der ihn aufnimmt. Der edle (Bass)\nthut dies jedoch schon, ehe er weiss, wer Joseph ist. Seine\nThür steht allen Unglücklichen offen, und da er, wie es\nscheint, reich ist und einen grossen Hausstand hat, so setzt\ner sein ganzes Haus in Bewegung, um den Gästen aufzu-\nwarten. Und diese Bewegung, muss sie nicht dargestellt\nwerden, muss sie nicht Gegenstand der mite der\nMusik werden? Freilich. Aber wie? Ei nun! was wäre\neine „heilige Trilogie\" ohne Fuge? Die alten Zopf-Com-\nponisten gebrauchten allerdings die Fuge zu anderen\nZwecken; sie meinten, das Ineinandergreifen der Stimmen,\nihre Engführung nach einem gemeinschaftlichen Brennpunkte\nhin, ihr endliches Zusammenjauchzen sei ein rechter Hebel\nreligiöser Begeisterung! Nun ja, so dachten Händel, Bach,\nHaydn u. s. w. Aber Hector Berlioz, der Mann des Fort-\nschritts, „legenie createur\", gibt uns eine Instrumental-\nFuge, um das unruhige Getriebe des Gesindes ia\neinem grossen Hause bei Ankunft von Gästen zu versinn-\nlichen ! Das ist gross, denn das ist neu! Und die fran-\nzösische Kritik freut sich über „diese geistreiche Rehabi-\nlitation der Fuge!\" Lebe ich denn unter musicalischen\nf\nBarbaren?"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "412", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541230-01.1.4", "texte": "Doch weiter. Nachdem Alles während der Fuge be-\nsorgt. ist, fragt der Pere de famille bei Tische nach Namen\nuiid Stand der Fremden, und es entspinnt sich folgende\npatriarchalische Unterhaltung zwischen ihm und Joseph:\nJ. Nous (toons vu Je jour au Liban en Syrie.\nP. Comment vous nomme-t-on?\nJ. Elle a pour nom Marie,\nJe m appelle Joseph, et nous nommons Venfant\nJesus.\nP. Jesus! quel nom charmant!\nDites, que faites-vous pour gagner votre vic?\nJ. Moi, je suis charpentier.\nP. Eh bien, c est mon melier;\nVous et es mon compere, /\nEnsemble nous travaillerons.\nDu wirst gestehen, dass man die Einfachheit der Poesie\nnicht weiter treiben kann: die Musik dazu ist vollkommen\nentsprechend.\nDas häusliche Fest würde aber nicht vollkommen sein,\nwenn es bloss materielle Erquickung gäbe. Der freundliche\nWirth weiss desshalb nichts Besseres zu tliun, als seinen\nGästen ein kleines Coneert zu «geben:\nPrenez> vos Instruments, mes enfans: tonte peine\nCede ä la flute unie ä la harpe thebaine.\nUnd siehe, zwei Flöten und eine Harfe führen ein\ntissement musical\" auf, bestehend aus einem einem\nScherzino (!) und der Wiederholung des Andante.\nDanach tritt der Erzähler mit folgenden Worten\nwieder auf:\nOB fut ainsi que par un inßdete\nFut s auv e le Sauve u r\nin denen das Wortspiel bei einem solchen Gegenstande\nwahrhaft widrig ist,\nDen Schluss macht gleich darauf ein Chor auf die\nWorte: ,\n0 mon ame, pour toi que reste-t-il a faire?\nQue briser ton orgueil decant un tel mijstere.\nDieser Chor ist, um doch alle Stilarten anzubringen,\npella und ä la Palestrinageschrieben, was fast unmittelbar\nnach dem brillanten Flöten- und Harfen-Trio einen seltsa-\nmen Contrast gibt; das thut aber nichts,\nprix! Der Chor wurde so schlecht gesungen, dass man\nüber seinen musicalischen Werth kein Urtheil fällen\nkann: was man davon verstehen konnte, liess sehr kalt.\nDie französische Kritik hat für dergleichen Dinge, die man\nnicht versteht, das Wort „mystisch\" gewöhnlich bei der\nHand, und so entschuldigt sie denn auch den Fiasco dieses\nChors damit, dass '„der grosse Haufe nicht an die mysti-\nschen Klänge dieses Stils gewohnt sei\". Uebrigens wurden\nEinzelheiten stark beklatscht, das Ganze aber von dem\ngrösstenTheile desPublicums mehr als ein Curiosum, denn\nals ein Kunstwerk betrachtet.\nIch kann mein Urtheil, welches mit dieser Ansicht des\nPublicums übereinstimmt (von der freilich in den Zeitungen\nbis jetzt noch wenig zu lesen ist, da diese bei jedem Werke\neines namhaften Componistcn stets von einem Succes spre-\nchen), zwar nicht mit der Partitur in der Hand rechtferti-\ngen, allein ich glaube nicht zu irren, wenn ich das Ganze\nals eine mühsame Arbeit der Reflexion und des geistreichen\nRaffinements charakterisire, zu welcher ein gewisses Talent\nmusicalischer Erfindung und eine grosse Geschicklichkeit\nin der Behandlung des Orchestralen, im Einzelnen nicht\nohne Glück, verwandt worden ist. Als Oratorien-Musik,\nüberhaupt als religiöse Musik und die soll es doch dem\nText und der Ueberschrift Trilogic sacrec nach sein\nscheint das Werk ganz verfehlt, selbst wenn man sich auf\nden Standpunkt der Franzosen stellt, welcher in dieser Be-\nziehung noch ganz der alte leichtfertige ist, trotz aller Be-\nstrebungen eines Theiles der Geistlichkeit für Choralgesang\nund Einfachheit der Kirchenmusik. Nur einem Volke, in\ndessen Kirchen im Allgemeinen noch der Serpent und die\nMilitärmusik herrscht, und die Orgel durch Fanfanrestück-\nchen, Opernmärsche und Contretänze misshandelt wird,\nkann man zumuthen, eine solche Composition in ihrem\nGanzen für christliche und heilige Musik hinzunehmen.\nIch glaube, durch die obige Analyse den Leser in den\nStand gesetzt zu haben, über die Form dieses Oratoriums\nvollständig, über den Geist desselben wenigstens annähernd\nins Klare zu kommen. Was wird man nun sagen, wenn\nman erfährt, dass die hiesige Kritik selbst für diese Sorte\nvon christlicher Stimmung, wie sie in Berlioz' heiliger Tri-\nlogie mit ihren Patrouillen, Märschen, rhythmisch verrenk-\nten Geisterbeschwörungen, Gesindewirthschafts-Fugen und\nTafelconcert-Musiken auftritt, dennoch rechtfertigend in die\nSchranken treten zu müssen glaubte? „Was auch die\nNihilisten sagen mögen,\" ruft der Berichterstatter der\nFrance Musicale aus: „es wird immer Christen auf der\nOberlläche der Erdkugel geben; wir tragen das Christen-\nthum in den Tiefen unserer Natur. Die christliche Religion\nhat die Welt nicht umsonst (■inutilemenl) beherrscht. Das\nChristenthum gehört mit seinen lieblichen Legenden, seiner\nhistorischen Form, seinem Aberglauben und seinem Glau-\nben vor Allem der Tonkunst an, und die heilige Musik übt\nauf die träumerischen (!), gefühlvollen Seelen eine unwider-\nstehliche Gewalt. Diese Seelen bilden aber eine zahlreiche\nPhalanx, eine nie untergehende Ciasse (!), und an dieses\nPublicum wendet sich das neueste Werk von Berlioz.\""}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "413", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541230-01.1.5", "texte": "Und das Werk selbst ist ihm dann „eine Art von Ora-\ntorium, ein Mysterium, wenn man will, ein Werk heiliger\nMusik, vielleicht (!) ein Versuch, die Dürre, die Erschöpfung\nund Schwäche der neueren Kirchenmusik durch das Ein-\ntauchen in die Quellen des ursprünglichen Archaismus neu\nzu beleben. Der Hauch, welcher es belebt, kommt weder\nvom Carmel noch vom Libanon, sondern aus den alten Do-\nmen (!).\" Dagegen behauptet ein Anderer, „der Geist\nder orientalischen Poesie wehe darin\", was ihn aber\ngar nicht hindert, die Ouvertüre zum zweiten Theile „eine\nköstliche und gothische (delicieuse et gothique)\" zu nen-\nnen. Ein Dritter zählt, gewisser Maassen zur Rechtfer-\ntigung Berlioz' wegen des Stolfes, eine Menge von Compo-\nnisten auf, welche die Geburt Christi zum Gegenstande\nmusicalischer Werke gewählt, und meint, „der Leser möge\niür heute mit diesen paar Dutzend lürlieb nehmen, obgleich\ndie Liste nöthigenfalls es mit dem Umfange der berühmten\nListe des Leporello aufnehmen könnte!\" Das hat sich\nMozart wohl nicht träumen lassen, dass sein bei\nGelegenheit1 einer kirchlichen Musik zwei Mal von pariser\nKritikern citirt werden würde! Aber noch nicht genug\nder widrigen Frivolität. Derselbe Kunstrichter es ist der\nnämliche, der, wie ich oben schon erwähnte, den Esel ver-\ntheidigt sagt unmittelbar nach der Eselei: „Mais reve-\nnons ä nos moutons, ou pl i'ctable\", und\nspricht unmittelbar darauf von dem „Seraphähnlichen\" der\nMusik im unsichtbaren Chore der Engel!\n1 ©\nEin Vierter (Journal des Debats) vertheidigt die Wahl\ndes Stoffes folgender Maassen: „Um die Wiege Christi\ngruppiren sich die heiligsten und lieblichsten Gestalten,\nwelche die Religion unserer Verehrung darbietet. Die lie-\nbenswürdigsten, rührendsten, ja, reizendsten Bilder haben\nsich dort zusammen eingefunden: ein Stall, eine Krippe,\nein Ochs, ein Esel, Hirten, Lämmer. Wie einfach, religiös,\nmystisch und populär ist ein solcher Stoff!— Und bei die-\nsem zarten, schwierig zu behandelnden, schwierig in Scene\nzu setzenden (sie!) Stoffe hat Berlioz als Dichter (! ver-\ngleiche die obigen Proben!) und Musiker den wahren christ-\nlichen Ton zu treffen gewusst.\"\nMan weiss nicht, ob man lachen oder sich empören\nsoll, ob die Heiterkeit oder nicht vielmehr die Entrüstung\n7 O\nüber solches Zeug die Oberhand in uns gewinnt. Und was\nich hier und zwar Alles wörtlich wiedergegeben\nhabe, ist nicht etwa aus Winkelblättern und aus den Map-\npen hungriger Scribenten hergeholt, sondern es sind Aus-\ndrücke von Stimmführern der Kritik, der Herren Maurice\nBourges, A. Giacomelli, J. d'Ortigue, und aus den verbrei-\ntetsten und renommirtesten Blättern, der\nMusicale, der France Musicale,den Wenn Berlioz\netwas Edles und Heiliges gewollt, wie ich nicht be-\nzweifle, und sich nur in den Mitteln, es würdig darzustel-\nlen, meistentheils vergriffen hat, so ist das ein Irrthum,\ndem jeder Strebende und am meisten der Künstler unter-\nworfen ist, und folglich ein verzeihlicher. Mit welchem Ge-\nfühl kann man aber in den Abgrund Fäulniss der sitt-\nlichen und künstlerischen Zustände schauen, welchen die\nErscheinung eines solchen Werkes sogenannter religiöser\nMusik im Verein mit der Auffassung und Rechtfertigung\ndesselben von Seiten der Kritik unseren Blicken öffnet?\n\nB. P.\n\nNotiz über eine Melodie aus dem zweiten Finale von\nMozart’s Don Juan.\nVon Louis Kindscher in Cöthen.\nBekanntlich findet im zweiten Finale des Don Juan\ndie Lösung des dramatischen Knotens Statt, indem und\nresp. nach dem sonstigen Titel des Stückes „ Don Juan oder\nder steinerne Gast\" —der leichtsinnige, in stetem Sinnen-\ngenuss schwelgende Libertin während seiner Abendmahl-\nzeit, zu welcher er noch kurz zuvor und frevelhaft genug\nden steinernen Gouverneur auf dem Kirchhofe geladen hatte,\ndiesen sonderbaren Gast nun wirklich bei sich erscheinen\nsieht. Bei diesem Gastmahle bietet dem Don Juan sein\nReichthum die Mittel zu allem und jedem Genüsse, und so-\nmit darf denn auch natürlich während des Mahles eine Ta-\nfelmusik nicht fehlen, die seinem gleichfalls mitschwelgen-\nden Ohr die gangbarsten und besten Tages-Melodieen zu-\nführt. In diese so genannte Tafelmusik die man freilich\nauf der Bühne als solche nicht erkennt, weil die sie aus-\nübenden Musici gewöhnlich wegbleiben—hat nun Mozart\nausser einer eigenthümlichen aus seinem Figaro noch zwei\nzu seiner Zeit bekannte und beliebte Melodieen aufgenom-\nmen. Gleich die erste, D-dur, yB, ist aus der alten Oper\nCosa rara,und nun eben die zweite, folgend nach dem\nRufe Don Juan's: „Teller!-' und Leporello's Antwort: „Zu\ndienen!\" von der hier die Rede ist,\nwas vielleicht nur Wenigen bekannt sein dürfte, ebenfalls\neine Opern-Arie von Sarti aus litiganti\ngode*), oder: „Wenn Zwei sich zanken, freut sich der\nDritte\", deren Original, im Besitze des Referenten, eben\n\n*) Im sechsten Tacte beginnt auch der italiänische Gesang-Text\ndes Leporello: „Fra i due, fra i due litiganti"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "414", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541230-01.1.6", "texte": "folgende Bezüglichkeiten zu Mozart's berühmtem Don Juan\nbietet.\nNoch von einer anderen Stelle dieser Sarti'schen x\\rie, da,\nwo der %-Tact eintritt, erscheint «sehr deutlich das Spiegel-\nbild in der Introduction des Mozart'schen Finales, und zwar\nim siebenten bis zehnten Tacte desselben:\n\nAus Dessau.\n\nDen 21. December 1854.\nAm 29. October begann die Theater-Saison mit Teil\nvon Rossini ohne sonderlichen Beilall; es folgten Barbier,\nCzaar, Fidelio, Nachtlager, Fra Diavolo, Lucia, und ist\nfür Weihnachten die schon oft gehörte Oper Martha be-\nstimmt. Ob die schon im vorigen Jahre in Aussicht gestellte,\nfür uns neue Oper: „ Die lustigen Weiber\" von Nicolai, in die-\nser Saison noch zur Aufführung kommen wird, wer mag\nes behaupten? Das hiesige Localblatl klagt viel über wenig\nAbwechslung des Repertoires und unvorteilhafte Verwen-\ndung der Krälte in der Oper, wie im Schauspiel, und nicht\nohne Grund; es fehlt eine energische Hand, die im Interesse\nder Kunst sich gegen falsche Voraussetzungen von einer\nSeite her entgegen stellen kann. •— Mitglieder der Oper\nsind: Frau v. Stradiot-Mende, Fr. Masius, Fr. Panzer, Fr.\nAndree; die Herren Stritt, Krüger, Pielke, Tippel, Grübet.\nDie Leitung der Oper hat Musik-Director Hesselbarth,\nChor-Director ist Concertmeister Appel, welcher letztere\nzugleich Dirigent des für unsere Verhältnisse wirklich gu-\nten Ballets ist. — Leider entbehren wir im Laufe des Win-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "415", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541230-01.1.7", "texte": "ters abermals der Abonnements-Concerte, indem der Con-\ncertsaal noch immer im Ausbau begriffen ist; dalür hatten\nwir im September und October Concerte im Theater, in\nwelchen Werke von Beethoven, Mozart, Weber, Gluck,\nSpohr, Lachner, Mendelssohn, Schumann, Schneider gehört\nwurden. Musik-Director T ausch aus Düsseldorf veranstaltete\nein Concert für die Armen, in welchem er das Es-dur-\nConcert von Beethoven in würdiger Weise vortrug, auch\neine Concert-Ouverture seiner Composition zur Aulführung\nbrachte, die mit vielem Beifall aufgenommen wurde. Leider\ngestattete man ihm nicht, sein Werk selbst zu dirigiren,\nwesshalb —?\nft\nI\nDie in diesem Jahre neu eingelührten Quartett-Soireen\nder Herren Kammermusiker Bartels, Storz, Lorenz und\nHankel haben sich eines zwar kleinen, doch gewählten\nPublicums zu erfreuen und finden gerechten Beifall. Es\nwurden vorgetragen Quartette von Haydn, Mozart, Beetho-\nven, Mendelssohn, Schubert. Bei der sichtlichen Liebe zur\nSache und dem klaren Verständniss ihrer gestellten Auf-\ngaben, welche aus allen ihren Leistungen hervorgeht, ist\nden wackeren Künstlern eine recht rege Theilnahme Sei-\ntens des Publicums zu wünschen, welche auch nicht aus-\nbleiben wird. Die Sing-Akademie, jetzt unter Leitung\ni\ndes Musiklehrers Rösler, welcher bei Lebzeiten Schneiders\nin dessen Verhinderung schon den Verein dirigirte, pflegt\nnach wie vor die ernste kirchliche Musik. Der verehrte\nDirigent bietet Alles auf, das Institut seines verewigten\nO\nMeisters in dessen Geiste fortzuführen, um dadurch das\nAndenken des lieben Todten zu ehren; denn es gehörte\ndie Direction der Sing-Akademie zu seinen liebsten Beschäf-\ntigungen. Rösler leitet die ganz richtige Ansicht, dass man\nö O CJ\nnur durch die Aufrechterhaltung alles dessen, was ein re-\nirer. verdienstvoller Geist, wie der Schneider's, ins Leben\nrief, das Andenken desselben ehren kann; leider scheint\nman dies von anderer Seile her nicht zu fühlen. Den To-\ndestag Schneider's, den 23. November, feierte die Sing-\nAkademie durch die Aufführung seiner Todtenfeier, leider\nnur am Flügel mit Quartett-Begleitung. Die Th. Schnei-\nder sehe Musikschule führte an demselben Tage zu seinem\nGedächtnisse mehrere ungekannte Werke desselben auf: ein\nClavier-Quartett, ein Streich-Quartett, die erste Sinfonie (von\nihm als Knaben von zwölf Jahren geschrieben) und mehrere\nGesänge. Die Liedertafel sang Mittags an seinem Grabe\ndas Lied „Mag auch die Liebe weinen\", so wie der\nSeelmann'sche Gesangverein Abends unter Fackelschein\nmehrere seiner Männerchöre. Das Grab bedeckten viele\nKränze und Blumen. Die regelmässigen rchenmusiken\nund Sonnabends-Vespern unter Leitung des Cantors und\nChor-Directors Th. Schneider brachten Chöre von Haydn,\nMozart, Mendelssohn, Schneider etc. und Gesänge a ca-\npella von Bach, Händel, Gallus, Schneider, Müller, Rillig,\nRolle, Palestrina, Durante etc. Es war eine schöne christ-\nliche Sitte, welche unser unvergesslicher Friedrich Schnei-\nder bald nach seinem Erscheinen unter uns eingeführt\nhatte, dass der Tag des Herrn schon am Abend vorher\ndurch eine Vespermusik im Gotteshause (der Schloss- und\nStadlkirche) feierlich eingeleitet wurde, die sich damals\ngrosser Theilnahme erfreute. Im Verlauf der Zeit schwand\nallmählich die Theilnahme an den Vespern, und sie wurden\nendlich gänzlich ignorirt. In neuester Zeit unternahm es\nFriedrich Schneider's talentbegabter Sohn Theodor, in\nkindlicher Pietät für die Intentionen des dahingeschiedenen\nStifters, mit warmem Herzen und frischer Geisteskraft das\nfast abgestorbene Interesse an den Vespern wieder neu\nzu beleben. Sämmtliche Musikstücke, die bis jetzt unter\ndessen Leitung ausgeführt wurden, geben von dem grossen\nErnst für die heilige Sache, von dem anerkennenswerthe-\nsten Fleiss und dem Geschick und Kunstgeschmack des\nDirigenten das ehrendste Zeugniss. Es sind wahre Kunst-\ngenüsse, ja, noch mehr, es sind wahrhafte Erbauungen, die\nuns geboten wurden. Gleiches Anerkenntniss muss den Aus-\nführungen in den Responsorien der liturgischen Frühgot-\ntesdienste, wie auch den Tonstücken nach denselben, wo-\nbei die herzogliche Hofcapelle mitwirkt, so wie dem wacke-\nren Orgelspiel des Herrn Organisten Rümpler gezollt wer-\nden, das die Pausen zwischen den Vocalsätzen ausfüllt.\nGedenken wir ferner noch des Rösler'schen Gesang-\nvereins, in welchem classische Opernmusik gepflegt wird,\nder Liedertafel, des Seelmann'schen, Appel'schen, Daniel'-\nschen, des Gesellen-Vereins, letztere alle Männergesang-\nVereine. Als den Nachfolger Schneider's bezeichnet man den\nCapellmeister Rietz aus Leipzig, doch kann ich Ihnen etwas\nBestimmtes darüber nicht mittheilen; unverbürgten\nGerüchten zufolge soll er die Annahme der Stelle an ver-\nschiedene Bedingungen knüpfen, namentlich an solche,\nwelche die Selbstständigkeit seiner Stellung betreffen. Es\nist wünschenswert!), dass die Stelle nun bald besetzt werde.\n\nK."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "416", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18541230-01.1.8", "texte": "Nach Frankfurt am Main.\nDie Redaction.\nDass die Artikel der Niederrheinischen Musik-Zeitung über die\nMusikzustände in Frankfurt einige Aufregung dort erzeugen wür-\nden, haben wir vorausgesehen; dass aber eine Randbemerkung von\nunserer Seite zu dem Briefe des Herrn Musik-Directors Messer (in\nNr. 50) Veranlassung zij einem höchst seltsamen Miss Verständ-\nnisse geben würde, konnten wir nicht ahnen. Zur Steuer der\nfreilich auf unbegreifliche Weise verkannten Wahrheit müssen\nwir für diejenigen, welche derselben bedürfen, folgende Aufklärung\ngeben.\nEs ist uns die Nr. 153 vom 22. Dec. des „Volksfreunde s\nfür das mittlere Deutschland44, welcher in Bornheim bei Frankfurt\nerscheint (und dessen Redaction der rücksichtslosen Wahrheit aller-\ndings zu huldigen scheint und sich vielleicht gerade desswegen vor\nden Thoren von Frankfurt niedergelassen hat), zugekommen. Diese\nNummer druckt unsere Bandbemerkung ab und fährt dann fort:\n„Eine policeiliche Sicherheits-Maassrcgel gegen\neine missliebige Kritik? So, so! Dass man missliebige Prediger\nausweis't, missliebige Politiker, Zeitungsschreiber u. s. w., ist schon\nvorgekommen; dass man aber an die policeiliche Ausweisung eines\nKritikers auf dem musicalischen Gebiete denkt, ist vollkommen neu.\nAnders aber kann die Note der Niederrheinischen Musik-Zeitung\nnicht verstanden werden.\" (Bitte, womit beweisen Sic das?) „Ent-\nweder muss der Museums-Vorstand, oder die Theater-Direction, oder\nHerr Messer selbst mit dem Gedanken umgegangen sein, Herrn\nSchindler aus dem frankfurter Staatsgebiete vermittels Hülfe der\nPolicei zu entfernen —44\nOder, setzen wir hinzu, es gibt Leute, die, in gewisser Aufre-\ngung befangen, in manche Zeilen Dinge hin einlesen, die nicht\ndarin sind, so wie Göthe's Vansen im Egmont den Richter Dinge\nin den Unschuldigen hinein verhören lässt. Gibt es denn nur\n/ | #\npoliceiliche Maassregeln für das Ausweisen? Wir denken, die\nMaassregeln für das Nichthineinlassen sind weit häufiger, zu-\nmal auf dem Gebiete der Kunst. Haben Sie, geehrtester Herr und\nvolksfreundlicher College, noch niemals Gcnsdarinen und Policisten\nan dem Eingang von Theatern, Concert-Gebäuden, Kunstausstellun-\ngen u. s. w. gesehen, welche zur Hülfe der Thürsteher und Con-\nsorten da sind, um diese im Nothfalle bei der Zurückweisung zu-\ndringlicher Kunstdillettanten ohne Eintrittskarte zu unter-\nstützen? Wenn nun ein Gesellschafts-Vorstand, z. B. der des Mu-\nseums in Frankfurt a. M., oder eine Theater-Direction, wie z. B.\ndie in Paris und in Brüssel denn Sie werden doch zugeben,\ndass es ausser Frankfurt noch Theatcr-Directionen gibt, nicht wahr ?\n—, wenn ein solcher Vorstand sichv nun berufen fühlt, die Policei-\nPosten selbst zu übernehmen und einen missliebigen Kritiker durch\nEntziehung der ihm aus Achtung für seine Stellung in der musi-\ncalischcn Welt freiwillig übersandten Eintrittskarte nicht mehr in\nihren Kunstzwinger hineinzulassen —* ist das nicht eine po-\nliceiliche Maassregel?\nNun sehen Sie. von einer solchen und dem Briefe des Museums-\nVorstandes an Herrn Schindler, wodurch sie ausgeführt wrird, ist\nin unserer Anmerkung allein die Rede. Es gibt eine Staats-Policei\nund eine Gesellschafts-Policei. Unserer Meinung nach ehrt die\nletztere, wenn es Kunstvereine betrifft, durch Zusendung von Frei-\nkarten an Künstler und Kritiker sich selbst, und nicht dtese;\nwen blamirt sie folglich durch Entziehung derselben?\nEtwas Anderes ist es um die Notizen in der Nummer 145 vom\n3. December des „Volksfreundes\", die uns auch zugegangen ist,\nund welche wir ebenfalls zur Steuer der Wahrheit und weil wir\nan der Art und Weise, wie einflussreiche Musiker die Conc.erte\neiner ausgezeichneten Künstlerin wie Clara Schumann, zumal\nin ihrer gegenwärtigen Lage, unterstützen, regen Antheil nehmen\nhier abzudrucken keineswegs verweigern. Herr Messer nennt\nallerdings in seinem Schreiben an uns Frau aner-\nkannt grosse Künstlerin44 und Herrn Schindlers Urtheil über sie\n„ein unbegreifliches*4 (s. Nr. 50j. Wie mochte er aber bei diesem\nUrtheil über sie ihrem Concert entgegentreten? Der „Volksfreund\"\n(und auch andere schriftliche Mittheilungen, die uns vorliegen)\nsagt: „Der Versuch, das Concert der Frau Clara Schumann zu ver-\neiteln, ist dem Theater-Director Hoffmann allein zur Last gelegt.\nHierzu dürfte ergänzend nachzutragen sein, dass diese Künstlerin\nmit Thräncn gerechter Indignation erzählt hat, sie 'sei von einem\nder hiesigen Künstler, welcher durch seine bevorzugte Stellung vor\nAllen berufen sein dürfte, die wahre Kunst und ihre echten Jünger\nzu vertreten und an die Spitze der Kunstgenossenschaft gegen je-\nden Angriff auf selbe sich zu stellen, dem Theater-Director Hoff-\nmann mit den Worten vorgeführt worden: „„Hier präsentire ich Ih-\nnen Madame Schumann, welcher ich so eben dringend abgerathen\nhabe, ein eigenes Concert zu geben.44\"\n„Diese Worte, im Zusammenhange mit den der Frau Clara Schu-\nmann von hiesigen Kunst-Notabilitäten entgegengestellten Schwie-\nrigkeiten, lassen deutlich die traurige Wahrheit an das Licht tre-\nten, dass es in der Mitte unseres musicalischen Künstler-Gremiums\neine Clique gibt, die u. s. w.\n„Zu unserer eigenen Beruhigung haben wir aus der hohen Ent-\nrüstung eines grossen Thcils der hiesigen Musikkünstler, aus der\nim Publicum immer lauter hervortretenden Stimmung über diese\nVorgänge, endlich aus der glänzenden Revanche, die ein grosser\nund ausgezeichneter Kreis von Kunstfreunden und Gönnern, wie\nwir noch keinen inhaltschwerer und schöner erblickten, der Frau\nClara Schumann in ihrem, durch Mitwirkung echtfühlender und ge-\ndiegener Künstler zu Stande gekommenen Concerte gegeben hat\nwir haben aus allen diesen tröstlichen Symptomen die beruhigende\nUeberzeugung gewonnen, dass diese der Kunst und ihren Genossen\nabtrünnige Clique nur ganz klein ist, und dass wir mit Recht in\ndem Aufsatze Ihres Blattes die Hoffnung ausgesprochen lasen, die\nGenossenschaft der hiesigen echten Musikkünstler und das frank-\nfurter kunstliebendc Publicum werde die ins Gesicht geworfene\nSchmach und die, würdigen Kunstgenossen übermüthig entgegen-\ngestellten, Intriguen nicht ungerächt lassen, und den Zwang nicht\ndulden, den ein speculativer, aber die wahren Kunst-Interessen ver-\nnachlässigender Theater-Director mit offener oder heimlicher Unter-\nstützung einer geringen Clique von Künstlern selbst aufzulegen\nwagt.44"}]}