{"numero_id": "bm-bmtnabi-1855-01-13-01", "volume": "bmtnabi_1855-01-13_01", "ocr_sha256": "b37230af9c23993cd159f296ef92ae3c0b15e2654671c2f77cb2b8310ee407a1", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1855/01/13_01/bmtnabi_1855-01-13_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550113-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1855-01-13-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-01-13_01#c001", "volume": "bmtnabi_1855-01-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "9", "page_fin": "10", "image_debut": 1, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550113-01.2.1", "titre_corps": "Christus, das Kind", "titre_sommaire": "Christus, das Kind", "signature_source": "B. 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In Bezug auf seine Kritik des neuesten\nes von Berlioz könnte man ihm eher zu grosse\nfe, ja, Bitterkeit der Ausdrücke vorwerfen, als sträf-\nVachsicht, wenn es nicht seine erfreuliche Seite hätte,\nmitten unter dem öffentlichen Lobgehudel und\n1 eimliehen Geflüster und Gekicher,eine, wenn auch\n, Stimme den Leuten die Wahrheit laut ins Gesicht\n( ' L: V \\ , ' V , : S ' ; ' . < .\nir beginnt mit dem Motto:\nEt maintenant, seigneur, expliquons nous tous deux\njagt: „Dieses Wort richte ich an Herrn Berlioz, der\n1 wieder einen von seinen gewöhnlichen Streichen ge-\nt hat.\" Dann heisst es unter Anderem: „Nur Berlioz\nm Stande, uns mit seiner Phantasie über Giotto und\nbue hinauf in das Zeitalter zu heben, wo der Glaube\nhe byzantinischen Typen vor dem Verfall der Kunst\nchten, zu welchem Raphael das Zeichen gab, und uns\nle glücklichen Zeiten zu versetzen, in denen, wie Boi-\nsagt, ein roher Haufe die Komödie von der Jungfrau\nden Heiligen und dem lieben Gott aus Frömmigkeit\nDer Text gibt der Musik an origineller Naivetät\n> nach. Das unglaubliche Gewirr von Tönen und ohr-\nissendem Lärm zu beschreiben, womit Berlioz den\ni Theil seines Mysteriums iliustrirt hat, müssen wir\nben; es ist zugleich kindisch und unsinnig, und wir\ni in diesem Chaos der Ohnmacht nichts als eine kleine\nPhrase eines Duetts zwischen Joseph und Maria fassen\nkönnen.\n„Der zweite Theil beginnt mit einer kleinen Ouver-\ntüre, welche die Tage der Unschuld und des Friedens zu\nschildern vermeint, aber in der That nichts ist als eine Mu-\nsik vom Lande, wie sie die Pivon Rom zur Weih-\nnachtszeit spielen; das Ding ist jämmerlich kindisch und\nkeineswegs ein künstlerischer Effect. Der darauf folgende\nChor der Hirten würde an anderer Stelle überall spurlos\nvorübergehen, allein in einem so seltsamen Werke applau-\ndirt man ihn, weil er eine gewöhnliche, aber doch endlich\neinmal fassliche Melodie enthält. Die „„Ruhe der heiligen\nFamilie\"\" ist das beste Stück der ganzen Triiogie. Die\nmelodische Farbe dieser Scene zeigt ein richtiges Gefühl; zu\nden Worten der Maria haben wir eine sehr anmuthige Me-\nlodie bemerkt; auch ist noch auszuzeichnen • denn man\nmuss gegen die Armen mehr als gerecht sein! die\nPhrase in der Erzählung des Tenors und die Antwort des\nChors der unsichtbaren Engel. In dieser ganzen kleinen Scene\nfinden wir ein poetisches Gefühl von edlem Charakter.\n„Was aber den dritten Theil anbetrifft, so übersteigt\ner alles, was man sich nur von Groteskem und von Galli-\nmathias denken kann. Man hatte uns gar sehr auf ein Trio\nvon zwei Flöten und Harfe aufmerksam gemacht. Uns scheint\nes in der That geeignet, zum Uebungsstücke für die Schü-\nler des Conservatoriums zu dienen, welche sich um den\nPreis auf der Flöte bewerben; ein anderes Verdienst kön-\nnen wir ihm nicht zusprechen. —-\n„Wenn wir öfter aufHerrn Berlioz zurückkommen, so\nrührt das daher, weil er ein merkwürdiges Beispiel einer\ngewissen Art von Industrie ist, welche vorzugsweise unsere\nZeit chorakterisirt, nämlich der Kunst, sich ausposaunen zu\nlassen. Seit zwanzig Jahren discontirt er in seinem Feuille-\nton die Fiction eines eingebildeten musicalischen Ruhmes,\nder nur in dem schwachen Gehirn von einem halben Dutzend\nFreunde existirt. Jedes Mal, dass das wirkliche Publicum\nGelegenheit gehabt hat, etwas von den närrischen Versu-\nchen (essais bouffons) Berlioz's zu hören, es sich unter"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "10", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550113-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3543, "texte": "lautem Gelächter davon gemacht, wie man das denn auch\nwieder bei dem Concert am 10. December gesehen hat.\"\nDu siehst, dass Scudo in der Hauptsache mit meinem\nUrtheile ganz übereinstimmt, und zur Steuer der Wahrheit\nmuss man sagen, dass es noch eine grosse Zahl von hiesi-\ngen Künstlern und Kritikern und Dilettanten gibt, die eben\nso denken; allein sie wagen nicht, es in öffentlichen Blät-\ntern auszusprechen, und so bleibt aus Schlaffheit und Con-\nvenienz und Charakterlosigkeit das Feld den Posaunern,\nden Prdneurs überlassen.\nTrotz aller Anstrengung dieser Blechpfeifer dringt Ber-\nlioz dennoch hier nicht durch, und die Franzosen haben\nmeiner Meinung nach auch sehr Recht, wenn sie seine Mu-\nsik nicht nach ihrem Geschmacke finden. Richard Wagner\nbei Euch drüben scheint mir doch wenigstens ein Charak-\nter als Musiker zu sein, ein Mann, der das Ziel, das er sich\nvorgesteckt hat, mit Festigkeit und einem gewissen Feuer\nder Ueberzeugung verfolgt, wenn auch vielleicht die ersten\nZünder dieses Feuers sich mehr an der Oberfläche persön-\nlichen Ehrgeizes zur Flamme gerieben haben mögen. Aber\nHector Berlioz versucht alles, was Effect machen, was\nAufsehen erregen kann; er springt aus dem Feuer ins Was-\nser und aus dem Wasser ins Feuer, je nachdem er durch\nden einen Sprung einen brausenden Wellenschlag, durch\nden anderen ein funkensprühendes Prasseln zu erregen\nhofft, Beides in majorem sui gloriam. Man erzählt, dass er\ndie Fuite en Egyple vor Jahren, als man hier in Paris an-\nfing, die Musik voriger Jahrhunderte auszugraben, in der\nAbsicht geschrieben habe, um die Leute anzuführen und\nmit ihrer Retrospectivomanie zu blamiren. Aber diese Ma-\nnie nahm überhand, Berlioz's Nachbildung, obschon ge-\ngen die Erzeugnisse der alten Meister gehalten eine af-\nfectirte Ziererei, die aller Wahrheit der Empfindung und\ndes Stils entbehrt, gefiel, und siehe da! er schlägt sich\nselbst auf die Seite der Todtengräber; der Vorkämpfer der\nmodernen Schule, welche die Romantik in das Formlose\nsetzt und den Inhalt der Musik von der Aussenwelt borgt,\num ihre innere Armuth zu verhüllen, wird urplötzlich ein\nAnhänger der Renaissance und des Rococo, und seine Phan-\ntasie, zu schwach zur Zeugung kräftiger Gestalten von\neigenthümlicher Physiognomie, bringt einen Wechselbalg\nhervor, der, von Natur paralytisch, mit Hülfe der morschen\nKrücken, die aus mittelalterlichem Rumpelkram und aller-\nneuester Musik-Plastik zusammengeleimt sind, die Stufen\nzum Tempel des Ruhmes hinan zu hinken strebt.\nUnd auf welche Weise fordert ein Thei! der hiesigen\nKritik die Franzosen, auf, dieses jüngste Kind der Berlioz'-\nsehen Laune gebührend anzuerkennen? Man ruft den Pa-\nrisern zu: „Eilet, die Herrlichkeit dieser genialen Schöpfung\nanzuerkennen, auf dass Deutschland Euch nicht zuvor-\nkomme, welches mit Sehnsucht ihr entgegensieht und den\nComponisten schon lange zu neuen Triumphen erwartet!\"\nSo weit ist es durch die Coterieen, welche sich aus\nDeutschland bis hieher und vic verzweigen, gekom-\nmen! Und wer weiss, was wir nicht aus Weimar und\nFrankfurt über das neue Mysterium, über die heilige Tri-\nlogie hören werden, wenn der gallische Eroberer hier sein\nSchwert, nicht wie Brennus von Eisen, aber doch von an-\nderem Metall, in die Wagschale wirft, dort vor dem hohen\nProtector sich als fahrender Schüler demüthig beugt?\nSchliesslich noch ein Aviso für Dich persönlich, betref-\nfend eine Anklage Scudo's gegen deutsche Zeitungen, be-\nsonders Musik-Zeitungen, worüber Du ihn hoffentlich zu-\nrecht weisen wirst u. s. w.\nParis, den 31. December 1854.\n\nB. P."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-01-13-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-01-13_01#c002", "volume": "bmtnabi_1855-01-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "10", "page_fin": "11", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550113-01.2.2", "titre_corps": "Nachschrift der Redaction.", "titre_sommaire": "Nachschrift der Redaction.", "signature_source": "L. Bischoff", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "10", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550113-01.1.2", "debut_caractere": 3545, "fin_caractere_exclue": 4953, "texte": "Nachschrift der Redaction.\n\nDie letzten Zeilen unseres Correspondenten beziehen\nsich auf die Schlussworte des Herrn P. Scudo zu seinem\nArtikel „ Revue musicale\" in der Revue des deux Mondes\nvom 15. December v. J., S. 1253. Dort erhebt Herr\nScudo „ seine Stimme gegen die zahlreichen Diebstähle (lar-\ncins), deren Opfer er seit einiger Zeit sei\". „Mehrere aus-\nländische Zeitschriften\", fährt er fort, „reproduciren be-\nständig die Arbeiten, welche wir in dieser drucken\nlassen, ohne es der Mühe werth zu halten, unseren Na-\nmen zu nennen, ja, manchmal sogar, ohne die Quelle anzu-\ngeben, aus welcher sie schöpfen. Die augsburger All-\ngemeine Zeitung, das Echo in Berlin, zwei oder\ndrei andere so genannte*) Musik-Zeitungen, wel-\nche in den Rheinprovinzen herauskommen, ha-\nben uns ganz neuerdings die Ehre erzeigt, uns die Studie\nüber II übi n i abzuborgen, und haben vergessen, den Na-\nmen des Verfassers zu nennen. Eben so Blätter in Turin\nund Mailand. Die Direction der Revue wird wohl ihr In-\nteresse gegen eine solche heimliche Seeräuberei zu schützen\n• *\nwissen; wir, als demüthiger Priester der guten Sache, ver-\nlangen bloss Gerechtigkeit-\"\nWeiter verlangt die unterzeichnete Redaction auch\nnichts und fordert desshalb Herrn Scudo auf, diejenigen\nzwei oder drei Musik-Zeitungen aus den Rheinprovinzen,\n\n*) Deux ou trois autres Journaux pretendus de musique qui se\npablient dam les provinces rhenanes."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "11", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550113-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2024, "texte": "gegen deren Piraten-Verfahren er sich zu beklagen hat,\nnamentlich zu bezeichnen. Unseres Wissens existiren\nüberhaupt nur drei im Rheinlande, die Süddeutsche von\nB. Schott's Söhnen in Mainz, die Rheinische von. M.\nSchioss in Köln, und die unsrige.\nWir haben von Herrn Scudo's Arbeiten, welche er\nals zweiten Band seiner musicalischen Schriften unter dem\nTitel L'arl ancien et moderne herausgegeben hat, in Nr. 2 7\nvom 8. Juli v. J., unseres 11. Jahrgangs, eine Anzeige ge-\nmacht und dabei aus einem der darin befindlichen Artikel\nüber Meyerbeer's Etoile du einige Stellen wie-\ndergegeben, welche wir theils gebilligt, theils widerlegt ha-\nben, und unser Aufsatz beginnt mit den Worten: „P.Sc u d o\nhat einen zweiten Band u.s.w. herausgegeben.\"—Ausser-\ndem hat die Niederrheinische Musik-Zeitung Herrn Scudo\nwohl zuweilen, und zwar meist anerkennend, erwähnt, nie-\nmals aber irgend eine seiner Arbeiten reproducirt, also\nauch nicht neuerdings die Biographie Rubini's von ihm\n„geborgt\", da sie eine solche überhaupt gar nicht ge-\nbracht hat.\nSo sehr wir unserem Herrn Collegen in Paris in der\nSache Recht geben, zumal da uns ebenfalls häufig dasselbe\nGeschick betroffen hat (namentlich noch vor nicht langer\nZeit mit dem Aufsatze über Henriette Sontag), so müssen\nwir ihn doch ernstlich bitten, bei dem Signalement der von\nihm steckbrieflich verfolgten Blätter genauer und vorsichti-\nger zu verfahren.\nIn wie fern sich für den „demüthigen Priester der\nguten Sache\" der hochmüthige Ausdruck: „sogenannte\nMusik-Zeitungen\" zieme, überlassen wir Herrn Scudo selbst\nzu erwägen, wenn er sich einmal wird herabgelassen haben,\neinige Blicke in unsere Niederrheinische Musik-Zeitung zu\nwerfen. Wir wünschen das Letztere „der guten Sache\"\nwegen; Herr Scudo würde dann Gelegenheit haben, sich\neine gründlichere Ansicht als bisher über die deutsche Mu-\n' sik zu verschaffen, und vielleicht in Stand gesetzt werden,\nseine meist sehr oberflächlichen Urtheile über dieselbe zu\nberichtigen oder lieber ganz zu unterdrücken.\n\nProf. L. Bischoff."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-01-13-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-01-13_01#c003", "volume": "bmtnabi_1855-01-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "11", "page_fin": "13", "image_debut": 3, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550113-01.2.3", "titre_corps": "Musik und Theater in Mecklenburg.", "titre_sommaire": "Musik und Theater in Mecklenburg.", "signature_source": "Fr. Chrysander", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "11", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550113-01.1.3", "debut_caractere": 2026, "fin_caractere_exclue": 4732, "texte": "Musik und Theater in Mecklenburg.\nVon Fr. Chrysander.\nSo lautet der allgemeine Titel, unter welchem der Herr\nVerfasser, unseren Lesern bereits durch seine kleine Schrift\nüber Oratorien bekannt (vergl. I. Jahrg., Nr. 27 vom 31.\nDec. 1853), fünf bis sechs Abhandlungen über Drama und\nOper in Mecklenburg, namentlich in Schwerin, und über\nden Choralgesang in den mecklenburgischen Kirchen in\neinem besonderen Abdruck erscheinen lässt. Wir haben\nschon öfter in diesen Blättern darauf hingewiesen, dass die\nnoch sehr vernachlässigte Geschichte der Musik hauptsäch-\nlich durch Special-Geschichten gefördert werden müsse.\nDiese können zweierlei Art sein; erstens Geschichte einzel-\nner Gattungen der Tonkunst bis in ihre kleinsten Verzwei-\ngungen, z. B. nicht bloss der Oper, sondern der ernsten\nOper, der komischen Oper, des Singspiels oder Vaudevilles\nnicht bloss der Kirchenmusik, sondern des Choralge-\nsanges, der musicalischen Messe, des Kirchenliedes, des Ora-\ntoriums nicht bloss der Instrumental-Musik, sondern der\nSinfonie, des Quartetts u. s. w. u. s. w. Zweitens Geschichte\nder Musik in einzelnen Ländern, Provinzen, Städten.\nFür beide Arten der musicalischen Geschichtschreibung\nhat die deutsche Literatur theils Bedeutendes (z. B. Win-\nterfeld über das Kirchenlied, Becker über Hausmusik), theils\nschätzenswerthe Beiträge aufzuweisen. Zu den letzteren\nrechnen wir in der neuesten Zeit Ernst Pasque's „Ge-\nschichte der Musik und des Theaters am Hofe zu Darm-\nstadt\", in der Zeitschrift „Die Muse8, herausgegeben\nvon Dräxler-Manfred in Darmstadt; ferner „Die erste ste-\nhende deutsche Oper\" (in Hamburg) von Dr. E. 0.\nLindner (Berlin, bei Schlesinger), und drittens die vorlie-\ngende Arbeit von Fr. Chry sander*).\nDie letztere zerfällt in dem, was das Theater betrifft,\nin drei Artikel. Der erste umfasst die Geschichte des meck-\nlenburgischen Theaters „von den ersten Anfängen bis zur\nZeit der Reformation\" und folgt dabei meistentheils Bä-\nrensprung's „Versuch einer Geschichte des Theaters in\nMecklenburg-Schwerin bis 1835\", zieht aber das ver-\nwandte Gebiet der Musik mit in die Betrachtung. Dieselbe\nQuelle ist ferner bei dem zweiten Artikel: „Von der Zeit\nder Reformation bis auf die Errichtung des Hoftheaters in\nSchwerin 1835\", hauptsächlich benutzt.\nAus dem dritten Artikel: „Theater seit 1835\",\nwelcher ganz selbstständig vom Verfasser bearbeitet ist,\ngeben wir folgende, die neueste Zeit berührende Stellen zur\nEmpfehlung des Ganzen. Zunächst den Anfang:\n„In den letzten zwanzig Jahren hat die dramatische\nKunst keine reiche Geschichte durchlaufen, wenigstens keine\nbedeutende. Man erlebte zwar, dass manche neue Richtung\n\n*) Auf die beiden erstgenannten Schriften werden wir zurück-\nkommen."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "12", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550113-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5262, "texte": "eingeschlagen, manche hergebrachte Weise als veraltet er-\nklärt wurde; aber das Neue war nach gar kurzer Zeit\nschon wieder vergessen, und das so genannte Veraltete be-\nwährte sich noch immer als das Beste. So im Drama, so\nin der Oper. Wer kennt nicht die dramatischen Schwingen\ndes jungen Deutschlands seit 1830! Aber wo gelten sie\nnoch etwas ? Es war ein Geschlecht, welches schon mit\nlahmen Flügeln zur Welt kam. Nicht besser waren ihre\nFortsetzer, und es erging ihnen auch nicht besser. Sie alle\ngehören zur grossen Schar der Romantiker, wenn sie auch\nnoch so sehr gegen das Tieck-SchlegeFsche Häuflein zu\nFelde lagen; zu jenen unbefriedigten, ruhelosen Geistern,\ndie weder an dem Vorhandenen, auch an dem Vollendet-\nsten nient, eine reine Freude haben konnten, noch eine\nsolche durch ihre eigenen Schöpfungen hervorzubringen ver-\nmochten. Ambesten standen sich in dieser Zeit die, welche\ndie Kunst wie einen Zweig der höheren Industrie betrach-\nteten: Meyerbeer, Auber, Raupach, die Birch-Pfeiffer und\ndie tausend kleinen Leute, welche diesen Vorbildern red-\nlich nacheiferten. Wer sich hierüber genauer unterrichten\nwill, dem darf besonders die Geschichte der deutschen Na-\ntional-Literatur im 19. Jahrhundert von Julian Schmidt\n(Leipzig, 1853, 2 Bände) empfohlen werden; die sonsti-\ngen Handbücher über diese Zeit haben alle mehr oder we-\nniger ihre grossen Mängel.\n„Ein glückliches Mitglied der industriellen Kunstrich-\ntung stammt aus Mecklenburg: F. v. Flotow, der einzige\nMecklenburger, welcher sich als Opern-Componist halbwegs\neinen europäischen Namen erworben hat. Flotow hat sich\nganz der französischen Richtung ergeben; seine Abhängig-\nkeit von Auber ist schimpflich, da die Deutschen längst et-\nwas Besseres hatten. Man verlernt bei ihm ganz wieder,\ndass Beelhoven gelebt hat. Seine musicalische Begabung\nist ziemlich gross, sein Leichtsinn aber noch grösser; die\nMusik fliegt glatt weg, doch diese Glätte ist nicht die ru-\nhige Fläche einer sicheren Tiefe, sondern die flotte Strö-\nmung des Lebemannes. Die Figuren seiner Opern sind\nhöchstens zur Hälfte wahr, die Musik derselben ebenfalls.\nSeine Behandlung der deutschen Sprache, wie seine Melo-\ndiebildung sind gleich tadelnswerth, Flotow verbrachte seine\neigentliche Jugend zum Zwecke musicalischer Studien in\nParis; ein warnendes Zeichen für Andere: denn was die\nDeutschen in den pariser Schulen lernen können, ist ihnen\nentweder überflüssig oder nachtheilig. Schon am 20. März\n1835 wurde in Schwerin die zweiactige Flotow'sche Oper\nPeter und Kathinka aufgeführt; die übrigen folgten dann\nseiner Zeit nach. Nur die letzte, Rübezahl, steht uns noch\nbevor. Vielleicht aber gelangt diese Oper gar nicht auf die\nhiesige Bühne; denn so beliebt der genannte Componist\nfrüher war, ist man auch hier seil einiger Zeit seiner Weise\nsatt geworden, und es war Vielen lieb, dass eine der Flo-\ntow'schen ziemlich entgegengesetzte Compositions-Weise,\ndie Wagner'sche nämlich, beharrlich vertreten wurde.\n„ 1837 wurden die Vorstellungen am 12. Januar mit\nHaim's Griseldis eröffnet; zwei neue Mitglieder von Bedeu-\ntung, Gliemann aus Rostock und Ellmenreich aus der Im-\nmermann sehen Schule von Düsseldorf traten hierin\nzuerst auf. Der erfolgte Tod des Grossherzogs, spä-\nterhin die Reisen und Prociainationen des neuen Grossher-\nzogs Paul Friedrieh zogen die Aufmerksamkeit in diesem\nJahre, sehr von der Bühne ab. ... Es ist unnöthig, mehr\nzu sagen über ein Theater-Jahr, welches die Zeitgenossen\nselbst so unbeachtet hingehen liessen. Gleichsam als\nVorspiel des nun folgenden regeren Theaterlebens behan-\ndelte man jetzt die Frage, ob auch Geistliche sich am Be-\nsuche des I heaters betheiligen dürften. Wollten sich ihrer-\n, seits die Schauspieler nur fleissiger in der Kirche sehen\nlassen, so wäre Aussicht vorhanden, dass auch die Prediger\nforthin mit grösserem Vergnügen und mit geringerer Be-\ndenklichkeit dem Theater zusteuerten. Die Schweigsamkeit\nder Kritik in dieser und der nächstfolgenden Zeit hatte\nhauptsächlich ihren Grund in der Besorgniss, bei dem fürst-\nlichen Beschützer der Bühne Anstoss zu erregen. Man be-\ngnügte sich daher, wenn Theatersachen öffentlich abgehan-\ndelt wurden, mit allgemeinen Hindeutungen, die doch auch\nwieder von geringer Wirkung sein mussten.\n„Mit 1839 wurden die mannigfachen Kunstbestrebun-\ngen, welche sich seit einigen Jahren in Mecklenburg reg-\nten, schon sichtbarer. Malerei, Baukunst, Musik, Alterthums-\nkunde suchten jede in ihrer Weise sich auszubilden. Das\nTheater aber, weil es die Oeffentlichkeit durchaus und im-\nmer erfordert, halte dadurch auch vor allen die rege Ge-\nmein-Betheiligung voraus. Zudem lag es in dem damaligen\nGeiste sowohl der Künstler, wie der Mäcenate, recht bal-\ndige und recht glänzende Erfolge zu erzielen; zu beiden ist\nwiederum nichts geeigneter, als das Theater. Daher Werden\nwir begreiflich finden, wie Zeitgenossen sagen konnten:\n„ „Vor allen ist der dramatischen Kunst grosse Beför-\nderung zu Theil geworden; unser Theater steht augenblick-\nlich auf. einer Höhe, dass es sich ohne Scheu mit dem\nTheater anderer grösserer Städte messen kann; .... na-\nmentlich übertreffen die dramatischen Leistungen des Hof-\ntheaters in diesem Herbste (1838) alle früheren Bühnen-\nleistungen in Mecklenburg. *\" Das Letztere nimmt man lieber"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "13", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550113-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3874, "texte": "so genau nicht; man weiss schon, wie viel oft von solchen\nZeitungs-Meinungen abgeht, wenn sie auf Wahrheit redu-\ncirt werden. Für Mecklenburg ist bis auf den heutigen Tag\ndie alte Schönemänn'sche Bühne mit Eckhol und Acker-\nmann noch immer das Bedeutendste gewesen.\n„1854. Unter den neu aufgeführten Stücken durfte\ndie berühmte Waise von Lowood natürlich nicht fehlen;\ndoch wurde auch DerErblörster von Otto Ludwig in theil-\nweise vorzüglicher Besetzung und mit Beifall gegeben. In\nder Oper hatten wir einen ähnlichen Gegensatz: Lohengrin\nvon Wagner und Indra von Flotow; die erste trug über\ndiese den Preis davon, den ihr auch Niemand streitig ma-\nchen wird, wenn es sich um eine Vergleichung dieser bei-\nden Productionen handelt. Sonst kann man wohl nicht zwei-\nfeln, dass Lohengrin ein weniger glückliches Bühnenstück\nist, als der Tannhäuser. Es sind die Wagner'schen Opern\nhier diesen Winter alle drei und so oft zur Aufführung\ngelangt, dass Viele ihrer überdrüssig wurden. Es offenbarte\nsich in dieser allzu häufigen Vorlührung kein guter Tact;\ndenn es bleibt immerhin für die Mehrzahl eine schwere,\ndrückende Musik, der sie sich nicht oft hingeben kann;\nnach gehöriger Abwechslung ist dies eher zu erwarten. Ich\nspreche hier nicht meine persönliche Liebhaberei aus, die\nüberall nicht in Betracht kommen kann und in diesem Falle\nauch ganz andere Wünsche hätte, sondern das Urtheil des\nPublicum« im Grossen und Ganzen, das doch immer respec-\ntirt werden muss, so lange man, wie bis jetzt, wöchentlich\nfünf Vorstellungen gibt und desselben also nicht entrathen\nkann. Auch nehmen diese Opern .einen Aufwand an Zeit\nund Mitteln in Anspruch, wodurch die anderen nothwendig\nkümmerlicher bedacht werden müssen. Dass die Wagner'-\nschen Opern auf unserer Bühne verhältnissmässig früh und\nrasch hinter einander aufgetreten sind, ist ganz in der Ord-\nnung; man möchte wünschen, dass unsere Bühne überall\nmit den beachtenswerten dramatischen Productionen auf\ndiese Weise gleichen Schritt hielte. Waren nun trotz des\nlöblichen Eifers, der uns das Neue in möglichster Güte vor-\nführte, im Fache der Oper Mozart's Don Juan und Figaro\ndie beiden Productionen, welche das Publicum in dieser\nSaison am meisten erfreuten, am wohlthuendsten berühr-\nten, so meine ich, liegt hierin ein ganz deutlicher Wink,\nwas zu thun sei. An dem, was nun einmal classisch, fest-\nzuhalten, ist die erste Pflicht: an Mozart, Beethoven, We-\nber; auch Gluck muss wieder festen Fuss fassen. Denn diese\nvergnügen alle und erlüllen die strengsten Forderungen,\nwelche ein geläuterter Geschmack stellen kann. An diese\nMeisterwerke reihe sich alles Uebrige, auch das Neueste,\nund suche sich neben ihnen zu bewähren. Im Drama liegt\nein ähnliches Verhältniss vor und ist ein ähnliches Verfah-\nren in Anwendung zu bringen. Yerständniss der Sache und\nein warmes Herz lür die Kunst sind dabei allerdings ganz\nbesonders nöthig, sie vermögen aber auch gar viel, selbst\nbei geringen Mitteln. Wo aber der Sinn lür das Edle er-\nstorben ist, da wird man sich freilich begnügen, bloss das\nvorzuführen, was eben auf dem lauten Markte Effect macht,\nsei es sonst auch von welcher Beschaffenheit es wolle. Wer\nkann läugnen beim Ueberblick der hier aufgeführten Stücke,\ndass auch unser Theater eine erstaunliche Menge geringer\nWaare auslegt, der das wenige Gute sehr schwer die Wage\nhält? Wir sind mit allen bekannten Auswüchsen der schlech-\nten, alfgemeinen Theater-Zustände eben so wenig verschont\ngeblieben, als andere Bühnen. Bedauerlich und schädlich ist\nes, wenn eine handwerksmässige Gleichgültigkeit Platz\ngreift und man den Thespis-Karren so auf gut Glück gehen\nlässt. Gerade in trüber Zeit ist eine wackere Haltung um\nso verdienstvoller, je seltener sie zu sein pflegt. Nur dann\nkommen die guten Erfolge, wenn man eine beharrliche\nKraft an die Verwirklichung edler Zwecke setzt; und mit\ndem Gelingen wächst die Einsicht.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-01-13-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-01-13_01#c004", "volume": "bmtnabi_1855-01-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "13", "page_fin": "15", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550113-01.2.4", "titre_corps": "Sechstes Gesellschafts-Concert in Köln im Casinosaale.", "titre_sommaire": "Sechstes Gesellschafts-Concert in Köln im Casinosaale.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "13", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550113-01.1.5", "debut_caractere": 3876, "fin_caractere_exclue": 5014, "texte": "Sechstes Gesellschafts-Concert in Köln\nim Casinosaale.\nDinstag, den 9. Januar.\nEine glänzende Eröffnung bildete C. M. v. W ehe r' s\nOuvertüre zum Freischütz, deren ganz vorzügliche, feu-\nrige und doch in den gemessenen Schranken des Rhythmus\nund des Tempo's daherbrausende Aufführung den alten Zau-\nber auf das Publicum übte und es in eine vortreffliche Con-\ncertstimmung versetzte. Das ist wahre Musik, nicht musi-\ncalische Rhetorik; das ist Tonkunst lür Alle und warum?\nErstens weil ihre Grundlage musicalische Gedanken\nsind, die sich in langen Melodieen aussprechen; zweitens\nweil diese Gedanken in einen inneren Zusammenhang\nund mit genialer Gewandtheit zur Wiederholung ge-\nbracht werden; drittens weil eine erhebende Steigerung\nderselben bis zum Schlüsse Statt findet; viertens endlich,\nweil das alles in eine schöne Form gegossen ist, in dieje-\nnige Form, welche sich lür die Erscheinungen der Tonkunst\nseit dem letzten Jahrhundert festgestellt hat, und die zwar\nmit Maass und Ziel erweitert, nicht aber übersprungen oder\ngar zertrümmert werden darf, wenn überhaupt von Kunst\nnoch die Rede sein soll. Es gibt kein dümmeres und fre-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "14", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550113-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5190, "texte": "cherss Wort man kann nicht anders als grob werden\nden Hanswursten der jetzigen Kritik gegenüber als die\nFalstaffiade: „DasGenie ist fessellos!\" welche alle die durch\nUeberreiz impotent gewordenen Tonschöpfer zum Tauf-\nspruch ihrer musicalischen Missgeburten machen. Wer die\nForm verschm'äht und verachtet, die klar und fest umris-\nsene Form, der weiss gar nicht, was die wesentliche Be-\ndingung eines Kunstwerkes ist, und beweis't eben dadurch,\ndass sein Schaffen vom Schaffen des Genius himmel- oder\nvielmehr höllenweit verschieden ist, dass er überhaupt kein\nGenie hat, sondern nur eine überreizte Phantasie.\nDenn die Capital-Eigenschaft des wahren künstlerischen\nGenies ist eine doppelte: sie liegt erstens in der Erfin-\ndung, in der Fähigkeit, die Idee zu fassen, also im eigent-\nlichen Schaffen, und zweitens in der Beherrschung der\nForm zu schöner und klarer Darstellung der Idee.\nBeides zusammen bildet erst das Genie, beim Musiker so\ngut, wie beim Bildhauer und Dichter; das Göttliche liegt\neben sowohl in der Beschränkung und Ordnung des Ge-\nschaffenen, als im Schaffen selbst; ja, es lässt sich Beides\ngar nicht trennen, und es dürfte selbst, um die Kunst mit\nder Natur zu vergleichen, bei der Betrachtung des Kosmos\nzweifelhaft erscheinen, ob sich der Begriff Gottes erhabener\ngestalte, wenn wir an die Weltschöpfung, oder wenn\nwir an die Weltordnung denken.\nDie Kunst ist aber ein Austluss des Göttlichen, und\nderjenige Geist, welcher nicht im Stande ist, das Phantasti-\nsche zu beschränken, das Ideale formgemäss zur Darstel-\nlung im Stoffe zu ordnen, ist kein Geist höherer Art, ist\nnicht das, was wir Genie nennen. Es fehlt ihm dazu das\neine der zwei wesentlichen Erfordernisse desselben.\nEs ist auch ein Irrthum, wenn man meint, jenes Zweite,\ndie Form, könne man ja lernen, folglich könne die Be-\nherrschung derselben kein Kennzeichen des Genies sein;\netwas kann man allerdings davon lernen, nämlich das Ge-\nrippe derselben zu bilden; aber diesem Gerippe rundes\nFleisch zu geben, es zum schönen Körper zu machen, in\nwelchem das Blut in den Adern schlägt, das ist Sache des\nGenies, nicht des Studiums allein. Natürlich verstehen wir\nhier unter Form, im besonderen Bezug auf die Tonkunst,\nden Inbegriff aller Mittel zu klarer und schöner Gestaltung\ndes musicalischen Gedankens, die thematische und contra-\npunktische Arbeit, die harmonische Gewandtheit, die Ver- j\nbreitung, die Steigerung. Die rohen Grundlagen, die Rudi-\nmente (ein sehr bezeichnender Ausdruck) von allem diesem\nkönnen freilich gelehrt und gelernt werden; aber die wir-\nkungsvolle Anwendung ist eben so gut Sache des Genies,\nals die Erfindung, und so wenig die Kenntniss der Syntax\nund der Periode mit Vorder- und Nach- und Nebensatz\nu. s. w. den Stil macht, eben so wenig macht die Kennt-\nniss der musicalischen Grammatik, der melodischen Perio-\nden, der Satz-Eintheilung u. s. w. die Musik denn der\nStil ist der Mensch, sowohl in der Literatur als in der\nKunst, und der schöne Stil ist eben wieder das Genie.\nMan prüfe diese Sätze an den bekanntesten Werken,\nan Mozart's Zauberflöten-Ouverture, an Beethoven's erstem\nSatze der C-moll-SMomeu. s. w. u. s. w., um nicht bis\nzu Bach und Händel hinauf zu gehen, und man wird-sich\nüberzeugen. Kommen wir auf die Ouvertüre zum Freischülz\nzurück, von welcher wir ausgegangen sind, so müssen wir\ngerade auch in ihr, und in eben so hohem Grade in der\nOuvertüre zum Oberon, das Genie im Gestalten der Form\npreisen, und es waltet hier um so unverkennbarer vor, als\ndie verschiedenen Motive und Melodieen, welche jene beiden\nOuvertüren enthalten, zwar allerdings auch durch das Ge-\nnie erfunden, allein doch durch die Reflexion aus der Oper\nausgewählt sind, und jede Ouvertüre dennoch ein schönes\nGanzes, ein vollendetes Kunstwerk bildet. Was ohne Genie\nbei ähnlichem Verfahren in neueren Ouvertüren zum Vor-\nschein gekommen ist, wollen wir nicht anführen; es bietet\nsich von selbst oft genug in Deutschland und Frankreich\nin seiner ganzen Blosse dar.\nNach der Ouvertüre bot uns Beethoven's grosses\nViolin-Concert gleich wieder einen schlagenden Beweis\nfür denselben Satz; denn wo ist, abgesehen von dem zau-\nberhaften melodischen und harmonischen Inhalt, die Form\nfür diese Gattung von Musik genialer behandelt und er-\nweitert worden, als in diesem Violin- und in den Clavier-\nConcerten Beethoven's? Herr Ferdinand Laub, gross-\nherzoglich weimarischer Kammer-Virtuose (der übrigens,\nwie wir hören, seine Stelle als Concertmeister in Weimar\naufgegeben hat), trat mit diesem herrlichen Werke zum\nersten Male bei uns auf, und schon die Wahl desselben\nmusste ein günstiges Vorurtheil für ihn erwecken, zugleich\njedoch auch als ein Wagniss erscheinen, da einestheils\nJoachim's Leistung im Vortrage desselben Werkes noch in\nsehr guter Erinnerung war, anderentheils Vieuxtemps erst\nvor einigen Wochen in demselben Saale und vor demselben\nPublicum gespielt hatte. Der junge Künstler hat aber die\nzwiefach hoch gespannten Erwartungen auf eine glänzende\nWeise befriedigt, und sollen wir vergleichen, so ist\ner unserer Meinung nach Joachim in Vielem gleich gekom-\nmen, und hat es keineswegs zu scheuen, neben Vieuxtemps\naufzutreten. Sein Ton ist voll und selbst gross, namentlich"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "15", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550113-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3640, "texte": "auf den drei tieferen Saiten, dabei nicht rauh, sondern glatt\nund schön, und wenn der Vortrag des Beethoven'schen\nConcertes auch nicht die edle Breite wie bei Joachim hatte\n(Laub spielte auch Joachim's Cadenzen), so war er doch\nin Stil und Charakter der Composition angemessen. Ausser-\ndem hörten wir Laub noch Ernst's Othello-Phantasie im\nConcert spielen wo ihm lebhaftester Beifall und Her-\nvorruf zu Theil wurde —, und in einer Soiree bei Hiller\nein recht ansprechendes Andante von seiner Composition\nund Bach's Ciaconna mit Meisterschaft vortragen.\nHierauf folgte „Die Flucht nach Aegypten\",\nbiblische Legende für Tenor-Solo, Chor und Orchester von\nHector Berlioz. Dieses Stück bildet den zweiten Theil\nder bereits in Nr. 52 des vorigen Jahrgangs und in der\ngegenwärtigen Nummer (s. oben) besprochenen Trilogie.\nWir müssen gestehen, dass das milde Urtheil unseres Cor-\nrespondenten aus Paris über diesen Theil wohl nur durch\nden Gegensatz desselben zu den beiden anderen, noch viel\nschlechteren Theilen der Trilogie hervorgerufen worden sein\nmag. Wir können nur das gänzliche Durchfallen dieser nicht\nkindlichen, sondern kindischen Musik bei uns constatiren;\nja, wir dürfen nicht verschweigen, dass sich nach dem\nSchlüsse derselben eine nicht unzweideutige Heiterkeit im\nganzen Publicum zeigte. Wir sind entweder nicht kindisch\noder nicht nervenschwach genug, um den Reiz einer so\närmlichen modernen Puppen-Komödie, die mit altem Trö-\ndel aufgeputzt ist, zu würdigen!\nDie zweite Abtheilung des Concerts brachte uns F.\nHille r' s Sinfonie in E,mit dem Motto von Geibel: „ Es\nmuss doch Frühling werden\", wobei, wie wir schon in\neinem früheren Aufsatze über dieselbe Sinfonie in ihrer er-\nsten Gestalt ausführlicher gezeigt haben, der Nachdruck auf\ndas „doch\" zu legen ist, damit man nicht etwa an senti-\nmental malerische Frühlingsschauer denke. Der Tondichter\nhat dem grossartigen Werke, welches dessen ganze Eigen-\ntümlichkeit als Instrumental-Componist ausspricht, neuer-\ndings eine vollkommenere Form durch eine Ueberarbeitung\ngegeben, welche, ohne den Charakter desselben zu ändern,\ndem Ganzen grössere Klarheit verliehen und die einzelnen\nSchönheiten desselben gewisser Maassen zugänglicher ge-\nmacht hat. Wenn wir diese Sinfonie zu dem Bedeutendsten\nzählen, was in den letzten zehn Jahren für Orchester-Mu-\nsik geschrieben ist, so wird sich dieses Urtheil durch die\ndrei erstenSätze: Allegro, Adag und über-\nall auf glänzende Weise rechtfertigen, während man viel-\nleicht hier und da das Finale etwas zu lang ausgesponnen\nund desswegen für weniger zündend halten wird. In allen\nvier Sätzen ist aber die Gewandtheit und Feinheit der Ar-\nbeit sehr hoch zu schätzen und der Mendelssohn'schen in\ndessen A-moll-Sinfonie an die Seite zu stellen. Indess müs-\nsen wir beiden Componisten, um wieder auf unseren An-\nfang zurückzugreifen, in höherem Grade das Genie der\nForm, als das der Erfindung zuerkennen, was wir jedoch\nhauptsächlich nur auf ihre Instrumental-Compositionen be-\nziehen.\nDenn sonst möchte Mendelssohn's Geist mit drohendem\nFinger erscheinen und ausrufen: „Was War Dir, dass Du\nDich so ergriffen und gehoben fühltest, als der volle Chor\nbegann: Da Israel aus Aegypten zog?!\" Ja, ich\nbeuge mich voll Andacht und Bewunderung vor dem Geiste,\nder die Musik zu diesem 114. Psalm dichtete (welcher\nden Schluss des Concerts machte), und erkenne ihn freu-\ndig lür den grössten unter den Epigonen an, dessen Schö-\npfungen unvergänglich sein werden. Zugleich aber ist der\nPreis der Ausführung dem Chor und Orchester zu zollen;\ndie Sicherheit, Kraft und frische Tonfülle des Chors war\neinmal wieder des alten Ruhmes vollkommen würdig."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-01-13-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-01-13_01#c005", "volume": "bmtnabi_1855-01-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "15", "page_fin": "16", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550113-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "15", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550113-01.1.7", "debut_caractere": 3642, "fin_caractere_exclue": 5517, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMölii. Am 11. d.Mts. wurde auf dem Stadttheater Richard\nWagner's Loh eng rin zum ersten Male gegeben. Das Haus\nwar nur massig besetzt; weder das Tragische noch das Komische,\nweder das Neue noch das Alte hat Anzugskraft für unser Publi-\ncum, dessen sich in diesem Winter eine Gleichgültigkeit gegen das\nTheater bemächtigt hat, wie sie noch nie Statf gefunden. Denn so\nwenig wie die erste Vorstellung des Lohengrin das Haus füllte,\neben so wenig vermochte dies die vortreffliche Oper von Ditters-\ndorf: „Doctor und Apotheker\", welche Ende voriger Woche\nzur Freude aller Anhänger der deutschen komischen Musik in Scene\nging. Man mag über Wagner's Opernmusik denken, wie man wolle,\nso wird doch gewiss in jeder Stadt ein zahlreiches Publicum we-\nnigstens von Neugierigen sich bei einer ersten Vorstellung des Lo-\nhengrin einfinden! Hier aber scheint die Politik des Zuwartens\nauch in Bezug auf die Kunst zu herrschen. Die Vorstellung war\nso gut, als man sie nur auf einer Bühne zweiten Ranges verlangen\nkann, die Ausstattung so glänzend, wie man sie sicher auf keiner\nanderen Provincial-Bühne findet. Die Besetzung war folgende: Lo-\nhengrin Herr Sowade, Telramund Herr Becker, der König\nHerr Schlüter, der Heerrufer Herr Scheerer, Elsa Fräul.\nRochlitz, Ortrud Fräul. Johannsen. Dem ganzen Personale, so\nwie auch dem Orchester und dem Capellmeister Herrn Laudien\ngeben wir gern das Zeugniss des angestrengten Fleisses und des\nEifers für die Lösung ihrer schwierigen Aufgabe, und hoffen, dass\nder zahlreiche Besuch der Wiederholungen die vom Personale an-\ngewandte Mühe und die von der Direction angelegten Kosten loh-\nnen werde. Das anwesende Publicum gab häufige Beweise von\nTheilnahme und Beifall, namentlich im ersten und dritten Acte.\nOb die Oper wiederholte gute Einnahmen machen wird, wie der\nTannhäuser im vorigen Jahre, müssen wir abwarten."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "16", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550113-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4553, "texte": "Elberfeld. In Nr. 50 der Niederrheinischen Musik-Zeitung\nvom 16. December v. .T. befindet sich ein Referat aus Barmen über\ndas dortige zweite Abonnements-Concert, in welchem es unter An-\nderem heisst, dass auch Beethoven's Messe in C, und zwar mit\ndem „ursprünglichen lateinischen\" Texte zur Aufführung\ngekommen sei, wobei Referent bemerkt: „Ein Fortschritt im Wup-\nperthale.\" Entweder scheint nun Referent die Musik-Zustände des\nWupperthaies wenig zu kennen, oder Elberfeld ausser dem Bereich\ndes Wupperthaies zu halten. Zur richtigen Würdigung der hiesigen\nMusik-Zustände finden wir uns aber veranlasst, zu bemerken, dass\nhier in Elberfeld ausser der grossen Messe in D von Beethoven,\nwelche schon im Jahre 1827 auf dem zehnten niederrheinischen\nMusikfeste zur Aufführung kam, in den letzten zehn Jahren (ältere\nProgramme liegen uns nicht mehr vor) die Beethoven'sche Messe\nin C zwei Mal, Mozart's Requiem zwei Mal, Mendelssohn's Lauda\nSion, so wie Theile der grossen Messe in D von Beethoven zur\nAufführung gebracht wurden und, wie sich von selbst versteht*),\nmit dem „ursprünglichen lateinischen Text\", woraus Referent erse-\nhen wird, dass Aufführungen von Werken mit lateinischem Texte\nfür das Wupperthal, wenigstens für Elberfeld, nicht mehr als mu-\nsicalischer Fortschritt bezeichnet werden können.\nDas an werthvollen neuen Musikwerken reichhaltige, 4 Bogen in\nQuarto starke Verzeichniss, welches der Nr. 49 der berliner Musik-\nZeitung „Echo\" beigegeben war, wird allen Musikfreunden von der\nSchlesinger'sehen Verlagshandlung gratis dargeboten.\"'Durch alle\nMusikhandlungen sind das Verzeichniss und die darin enthaltenen\nWerke unter sehr günstigen Bedingungen zu beziehen.\nlsarmsta,d£* Die erste Aufführung von Mich. Beer's „Struen-\nsec\" mit der genialen Musik von Meyerbeer hatte ein überaus zahl-\nreiches Publicum im Hoftheater versammelt. Schon die Ouvertüre,\nvon der grossherzoglichen Capelle vollendet schön zu Gehör ge-\nbracht, erwarb sich den lebhaftesten Beifall, der sich bei den fol-\ngenden Musik-Nummern, namentlich in der Polonaise, der Wirths-\nhaus-Scene und dem Traum, wiederholte.\nMeinieigfen. Vier Söhne des Concertmeisters Karl Müller\nin Braunschweig sind in der herzoglichen Capelle und dürften bald\nim Ensemble-Spiel dem berühmten väterlichen Quartette nicht nach-\nstehen.\nILeipzig*. Zum Besten des Theater-Pensionsfonds kam eine\nneue romantische Oper von Conrad, „Die Weiber von Weins-\nberg\", zur Aufführung. Das W7erk, obwohl Seitens der Ausführen-\nden von reger Theilnahme unterstützt, überschreitet nirgends die\nGränzen einer achtbaren Dilettanten-Arbeit. Die Vorstellung des\n„Fidelio\", unter Mitwirkung der Mad. Bock-Heintzen, war eines\nKunst-Instituts nicht würdig; die Ouvertüre aus Leonore, C-dur,\nim Entre-Act wirkte erhebend. Das erste Abonnements-Concert der\nHerren David, Herrmann, Grützmacher, Rietz und Rönntchen bot\nein vorzügliches Programm; wir hörten £-dW-Quatuor von Haydn,\ndas Harfen-Quartett, Op. 74, von Beethoven in vorzüglicher Aus-\nführung. Miss Arabella Goddard, eine der eminentesten Ciavierspie-\nlerinnen, erwarb sich rauschenden Beifall nach Vortrag des B-dur-\nIrio, Op. 97, von Beethoven, der Cis-dur-Fuge (aus der im Schle-\nsinger'schen Verlag, mit Fingersatz von Liszt, erschienenen Antho-\nlogie classique des Oeuvres de Bach, Scarlatli, Händel, Mozart) und\neines Liedes ohne Worte von Mendelssohn.\nRoger hat von Hamburg aus zu der Subscription zur An-\nschaffung von Tabak für die französische Armee in der Krim 1500\nFrancs eingesandt und diese Sendung durch einen Brief an den\nDirectoi des Jouinals Illustration angekündigt, welcher folgender\nMaassen schliesst: „Der Ton und der Rauch gehören zu Einer und\nderselben Familie: beide leben von Luft, beide berauschen und\nschwinden im Augenblicke dahin; als Brüder müssen sie ein-\nander helfen. Eine Gastrolle in Hamburg soll mein Cigarrcn-Paket\nliefern, ich wähle „Die weisse Dame'' dazu. Möchten unsere tapfe-\nren Waffenbrüder sich an unsere alten Lieder erinnern und mitten\nim Feuer und unier Sturm und Schnee, wohin die Liebe und der\nStolz des Vaterlandes ihnen folgt, freudig singen: „„Welche Lust.\nSoldat zu sein!\"\" Hamburg, den 8. December 1854. G. Roger.\"\n*) Wenn der Herr Einsender die musicalischen u. s. w. Zustände\nam Niederrheine und an der Wupper so genau kennt, so wird\ner sich auch wohl der Bedenklichkeiten erinnern, welche im\nComite des Musikfestes 1839 über den lateinischen Text der\nC-rfwr-Messe von Beethoven einst laut wurden und die Auf-\nführung mit dem schlechten deutschen Texte vonßochlitz zur\nFolge hatten. Die Redaction."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "9", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550113-01.1.1", "texte": "Christus, das Kind\nHeilige Trilogie von Hector Berlioz.\n\n(L'Enfance du Christ).\nII.\nVenn ich am Schlüsse meines vorigen Briefes über\nüilen Zustände der Kritik in Paris losgezogen und\nesagte mit Beispielen aus den verbreitetsten Blättern\n. habe, so fordert die Gerechtigkeit, dass ich auch die\nihme erwähne, welche der musicalische Berichterstat-\nr Revue des deux Mondes, P. Scudo, von der trauri-\nlegel macht. In Bezug auf seine Kritik des neuesten\nes von Berlioz könnte man ihm eher zu grosse\nfe, ja, Bitterkeit der Ausdrücke vorwerfen, als sträf-\nVachsicht, wenn es nicht seine erfreuliche Seite hätte,\nmitten unter dem öffentlichen Lobgehudel und\n1 eimliehen Geflüster und Gekicher,eine, wenn auch\n, Stimme den Leuten die Wahrheit laut ins Gesicht\n( ' L: V \\ , ' V , : S ' ; ' . < .\nir beginnt mit dem Motto:\nEt maintenant, seigneur, expliquons nous tous deux\njagt: „Dieses Wort richte ich an Herrn Berlioz, der\n1 wieder einen von seinen gewöhnlichen Streichen ge-\nt hat.\" Dann heisst es unter Anderem: „Nur Berlioz\nm Stande, uns mit seiner Phantasie über Giotto und\nbue hinauf in das Zeitalter zu heben, wo der Glaube\nhe byzantinischen Typen vor dem Verfall der Kunst\nchten, zu welchem Raphael das Zeichen gab, und uns\nle glücklichen Zeiten zu versetzen, in denen, wie Boi-\nsagt, ein roher Haufe die Komödie von der Jungfrau\nden Heiligen und dem lieben Gott aus Frömmigkeit\nDer Text gibt der Musik an origineller Naivetät\n> nach. Das unglaubliche Gewirr von Tönen und ohr-\nissendem Lärm zu beschreiben, womit Berlioz den\ni Theil seines Mysteriums iliustrirt hat, müssen wir\nben; es ist zugleich kindisch und unsinnig, und wir\ni in diesem Chaos der Ohnmacht nichts als eine kleine\nPhrase eines Duetts zwischen Joseph und Maria fassen\nkönnen.\n„Der zweite Theil beginnt mit einer kleinen Ouver-\ntüre, welche die Tage der Unschuld und des Friedens zu\nschildern vermeint, aber in der That nichts ist als eine Mu-\nsik vom Lande, wie sie die Pivon Rom zur Weih-\nnachtszeit spielen; das Ding ist jämmerlich kindisch und\nkeineswegs ein künstlerischer Effect. Der darauf folgende\nChor der Hirten würde an anderer Stelle überall spurlos\nvorübergehen, allein in einem so seltsamen Werke applau-\ndirt man ihn, weil er eine gewöhnliche, aber doch endlich\neinmal fassliche Melodie enthält. Die „„Ruhe der heiligen\nFamilie\"\" ist das beste Stück der ganzen Triiogie. Die\nmelodische Farbe dieser Scene zeigt ein richtiges Gefühl; zu\nden Worten der Maria haben wir eine sehr anmuthige Me-\nlodie bemerkt; auch ist noch auszuzeichnen • denn man\nmuss gegen die Armen mehr als gerecht sein! die\nPhrase in der Erzählung des Tenors und die Antwort des\nChors der unsichtbaren Engel. In dieser ganzen kleinen Scene\nfinden wir ein poetisches Gefühl von edlem Charakter.\n„Was aber den dritten Theil anbetrifft, so übersteigt\ner alles, was man sich nur von Groteskem und von Galli-\nmathias denken kann. Man hatte uns gar sehr auf ein Trio\nvon zwei Flöten und Harfe aufmerksam gemacht. Uns scheint\nes in der That geeignet, zum Uebungsstücke für die Schü-\nler des Conservatoriums zu dienen, welche sich um den\nPreis auf der Flöte bewerben; ein anderes Verdienst kön-\nnen wir ihm nicht zusprechen. —-\n„Wenn wir öfter aufHerrn Berlioz zurückkommen, so\nrührt das daher, weil er ein merkwürdiges Beispiel einer\ngewissen Art von Industrie ist, welche vorzugsweise unsere\nZeit chorakterisirt, nämlich der Kunst, sich ausposaunen zu\nlassen. Seit zwanzig Jahren discontirt er in seinem Feuille-\nton die Fiction eines eingebildeten musicalischen Ruhmes,\nder nur in dem schwachen Gehirn von einem halben Dutzend\nFreunde existirt. Jedes Mal, dass das wirkliche Publicum\nGelegenheit gehabt hat, etwas von den närrischen Versu-\nchen (essais bouffons) Berlioz's zu hören, es sich unter"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "10", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550113-01.1.2", "texte": "lautem Gelächter davon gemacht, wie man das denn auch\nwieder bei dem Concert am 10. December gesehen hat.\"\nDu siehst, dass Scudo in der Hauptsache mit meinem\nUrtheile ganz übereinstimmt, und zur Steuer der Wahrheit\nmuss man sagen, dass es noch eine grosse Zahl von hiesi-\ngen Künstlern und Kritikern und Dilettanten gibt, die eben\nso denken; allein sie wagen nicht, es in öffentlichen Blät-\ntern auszusprechen, und so bleibt aus Schlaffheit und Con-\nvenienz und Charakterlosigkeit das Feld den Posaunern,\nden Prdneurs überlassen.\nTrotz aller Anstrengung dieser Blechpfeifer dringt Ber-\nlioz dennoch hier nicht durch, und die Franzosen haben\nmeiner Meinung nach auch sehr Recht, wenn sie seine Mu-\nsik nicht nach ihrem Geschmacke finden. Richard Wagner\nbei Euch drüben scheint mir doch wenigstens ein Charak-\nter als Musiker zu sein, ein Mann, der das Ziel, das er sich\nvorgesteckt hat, mit Festigkeit und einem gewissen Feuer\nder Ueberzeugung verfolgt, wenn auch vielleicht die ersten\nZünder dieses Feuers sich mehr an der Oberfläche persön-\nlichen Ehrgeizes zur Flamme gerieben haben mögen. Aber\nHector Berlioz versucht alles, was Effect machen, was\nAufsehen erregen kann; er springt aus dem Feuer ins Was-\nser und aus dem Wasser ins Feuer, je nachdem er durch\nden einen Sprung einen brausenden Wellenschlag, durch\nden anderen ein funkensprühendes Prasseln zu erregen\nhofft, Beides in majorem sui gloriam. Man erzählt, dass er\ndie Fuite en Egyple vor Jahren, als man hier in Paris an-\nfing, die Musik voriger Jahrhunderte auszugraben, in der\nAbsicht geschrieben habe, um die Leute anzuführen und\nmit ihrer Retrospectivomanie zu blamiren. Aber diese Ma-\nnie nahm überhand, Berlioz's Nachbildung, obschon ge-\ngen die Erzeugnisse der alten Meister gehalten eine af-\nfectirte Ziererei, die aller Wahrheit der Empfindung und\ndes Stils entbehrt, gefiel, und siehe da! er schlägt sich\nselbst auf die Seite der Todtengräber; der Vorkämpfer der\nmodernen Schule, welche die Romantik in das Formlose\nsetzt und den Inhalt der Musik von der Aussenwelt borgt,\num ihre innere Armuth zu verhüllen, wird urplötzlich ein\nAnhänger der Renaissance und des Rococo, und seine Phan-\ntasie, zu schwach zur Zeugung kräftiger Gestalten von\neigenthümlicher Physiognomie, bringt einen Wechselbalg\nhervor, der, von Natur paralytisch, mit Hülfe der morschen\nKrücken, die aus mittelalterlichem Rumpelkram und aller-\nneuester Musik-Plastik zusammengeleimt sind, die Stufen\nzum Tempel des Ruhmes hinan zu hinken strebt.\nUnd auf welche Weise fordert ein Thei! der hiesigen\nKritik die Franzosen, auf, dieses jüngste Kind der Berlioz'-\nsehen Laune gebührend anzuerkennen? Man ruft den Pa-\nrisern zu: „Eilet, die Herrlichkeit dieser genialen Schöpfung\nanzuerkennen, auf dass Deutschland Euch nicht zuvor-\nkomme, welches mit Sehnsucht ihr entgegensieht und den\nComponisten schon lange zu neuen Triumphen erwartet!\"\nSo weit ist es durch die Coterieen, welche sich aus\nDeutschland bis hieher und vic verzweigen, gekom-\nmen! Und wer weiss, was wir nicht aus Weimar und\nFrankfurt über das neue Mysterium, über die heilige Tri-\nlogie hören werden, wenn der gallische Eroberer hier sein\nSchwert, nicht wie Brennus von Eisen, aber doch von an-\nderem Metall, in die Wagschale wirft, dort vor dem hohen\nProtector sich als fahrender Schüler demüthig beugt?\nSchliesslich noch ein Aviso für Dich persönlich, betref-\nfend eine Anklage Scudo's gegen deutsche Zeitungen, be-\nsonders Musik-Zeitungen, worüber Du ihn hoffentlich zu-\nrecht weisen wirst u. s. w.\nParis, den 31. December 1854.\n\nB. P.\n\nNachschrift der Redaction.\n\nDie letzten Zeilen unseres Correspondenten beziehen\nsich auf die Schlussworte des Herrn P. Scudo zu seinem\nArtikel „ Revue musicale\" in der Revue des deux Mondes\nvom 15. December v. J., S. 1253. Dort erhebt Herr\nScudo „ seine Stimme gegen die zahlreichen Diebstähle (lar-\ncins), deren Opfer er seit einiger Zeit sei\". „Mehrere aus-\nländische Zeitschriften\", fährt er fort, „reproduciren be-\nständig die Arbeiten, welche wir in dieser drucken\nlassen, ohne es der Mühe werth zu halten, unseren Na-\nmen zu nennen, ja, manchmal sogar, ohne die Quelle anzu-\ngeben, aus welcher sie schöpfen. Die augsburger All-\ngemeine Zeitung, das Echo in Berlin, zwei oder\ndrei andere so genannte*) Musik-Zeitungen, wel-\nche in den Rheinprovinzen herauskommen, ha-\nben uns ganz neuerdings die Ehre erzeigt, uns die Studie\nüber II übi n i abzuborgen, und haben vergessen, den Na-\nmen des Verfassers zu nennen. Eben so Blätter in Turin\nund Mailand. Die Direction der Revue wird wohl ihr In-\nteresse gegen eine solche heimliche Seeräuberei zu schützen\n• *\nwissen; wir, als demüthiger Priester der guten Sache, ver-\nlangen bloss Gerechtigkeit-\"\nWeiter verlangt die unterzeichnete Redaction auch\nnichts und fordert desshalb Herrn Scudo auf, diejenigen\nzwei oder drei Musik-Zeitungen aus den Rheinprovinzen,\n\n*) Deux ou trois autres Journaux pretendus de musique qui se\npablient dam les provinces rhenanes."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "11", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550113-01.1.3", "texte": "gegen deren Piraten-Verfahren er sich zu beklagen hat,\nnamentlich zu bezeichnen. Unseres Wissens existiren\nüberhaupt nur drei im Rheinlande, die Süddeutsche von\nB. Schott's Söhnen in Mainz, die Rheinische von. M.\nSchioss in Köln, und die unsrige.\nWir haben von Herrn Scudo's Arbeiten, welche er\nals zweiten Band seiner musicalischen Schriften unter dem\nTitel L'arl ancien et moderne herausgegeben hat, in Nr. 2 7\nvom 8. Juli v. J., unseres 11. Jahrgangs, eine Anzeige ge-\nmacht und dabei aus einem der darin befindlichen Artikel\nüber Meyerbeer's Etoile du einige Stellen wie-\ndergegeben, welche wir theils gebilligt, theils widerlegt ha-\nben, und unser Aufsatz beginnt mit den Worten: „P.Sc u d o\nhat einen zweiten Band u.s.w. herausgegeben.\"—Ausser-\ndem hat die Niederrheinische Musik-Zeitung Herrn Scudo\nwohl zuweilen, und zwar meist anerkennend, erwähnt, nie-\nmals aber irgend eine seiner Arbeiten reproducirt, also\nauch nicht neuerdings die Biographie Rubini's von ihm\n„geborgt\", da sie eine solche überhaupt gar nicht ge-\nbracht hat.\nSo sehr wir unserem Herrn Collegen in Paris in der\nSache Recht geben, zumal da uns ebenfalls häufig dasselbe\nGeschick betroffen hat (namentlich noch vor nicht langer\nZeit mit dem Aufsatze über Henriette Sontag), so müssen\nwir ihn doch ernstlich bitten, bei dem Signalement der von\nihm steckbrieflich verfolgten Blätter genauer und vorsichti-\nger zu verfahren.\nIn wie fern sich für den „demüthigen Priester der\nguten Sache\" der hochmüthige Ausdruck: „sogenannte\nMusik-Zeitungen\" zieme, überlassen wir Herrn Scudo selbst\nzu erwägen, wenn er sich einmal wird herabgelassen haben,\neinige Blicke in unsere Niederrheinische Musik-Zeitung zu\nwerfen. Wir wünschen das Letztere „der guten Sache\"\nwegen; Herr Scudo würde dann Gelegenheit haben, sich\neine gründlichere Ansicht als bisher über die deutsche Mu-\n' sik zu verschaffen, und vielleicht in Stand gesetzt werden,\nseine meist sehr oberflächlichen Urtheile über dieselbe zu\nberichtigen oder lieber ganz zu unterdrücken.\n\nProf. L. Bischoff.\n\nMusik und Theater in Mecklenburg.\nVon Fr. Chrysander.\nSo lautet der allgemeine Titel, unter welchem der Herr\nVerfasser, unseren Lesern bereits durch seine kleine Schrift\nüber Oratorien bekannt (vergl. I. Jahrg., Nr. 27 vom 31.\nDec. 1853), fünf bis sechs Abhandlungen über Drama und\nOper in Mecklenburg, namentlich in Schwerin, und über\nden Choralgesang in den mecklenburgischen Kirchen in\neinem besonderen Abdruck erscheinen lässt. Wir haben\nschon öfter in diesen Blättern darauf hingewiesen, dass die\nnoch sehr vernachlässigte Geschichte der Musik hauptsäch-\nlich durch Special-Geschichten gefördert werden müsse.\nDiese können zweierlei Art sein; erstens Geschichte einzel-\nner Gattungen der Tonkunst bis in ihre kleinsten Verzwei-\ngungen, z. B. nicht bloss der Oper, sondern der ernsten\nOper, der komischen Oper, des Singspiels oder Vaudevilles\nnicht bloss der Kirchenmusik, sondern des Choralge-\nsanges, der musicalischen Messe, des Kirchenliedes, des Ora-\ntoriums nicht bloss der Instrumental-Musik, sondern der\nSinfonie, des Quartetts u. s. w. u. s. w. Zweitens Geschichte\nder Musik in einzelnen Ländern, Provinzen, Städten.\nFür beide Arten der musicalischen Geschichtschreibung\nhat die deutsche Literatur theils Bedeutendes (z. B. Win-\nterfeld über das Kirchenlied, Becker über Hausmusik), theils\nschätzenswerthe Beiträge aufzuweisen. Zu den letzteren\nrechnen wir in der neuesten Zeit Ernst Pasque's „Ge-\nschichte der Musik und des Theaters am Hofe zu Darm-\nstadt\", in der Zeitschrift „Die Muse8, herausgegeben\nvon Dräxler-Manfred in Darmstadt; ferner „Die erste ste-\nhende deutsche Oper\" (in Hamburg) von Dr. E. 0.\nLindner (Berlin, bei Schlesinger), und drittens die vorlie-\ngende Arbeit von Fr. Chry sander*).\nDie letztere zerfällt in dem, was das Theater betrifft,\nin drei Artikel. Der erste umfasst die Geschichte des meck-\nlenburgischen Theaters „von den ersten Anfängen bis zur\nZeit der Reformation\" und folgt dabei meistentheils Bä-\nrensprung's „Versuch einer Geschichte des Theaters in\nMecklenburg-Schwerin bis 1835\", zieht aber das ver-\nwandte Gebiet der Musik mit in die Betrachtung. Dieselbe\nQuelle ist ferner bei dem zweiten Artikel: „Von der Zeit\nder Reformation bis auf die Errichtung des Hoftheaters in\nSchwerin 1835\", hauptsächlich benutzt.\nAus dem dritten Artikel: „Theater seit 1835\",\nwelcher ganz selbstständig vom Verfasser bearbeitet ist,\ngeben wir folgende, die neueste Zeit berührende Stellen zur\nEmpfehlung des Ganzen. Zunächst den Anfang:\n„In den letzten zwanzig Jahren hat die dramatische\nKunst keine reiche Geschichte durchlaufen, wenigstens keine\nbedeutende. Man erlebte zwar, dass manche neue Richtung\n\n*) Auf die beiden erstgenannten Schriften werden wir zurück-\nkommen."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "12", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550113-01.1.4", "texte": "eingeschlagen, manche hergebrachte Weise als veraltet er-\nklärt wurde; aber das Neue war nach gar kurzer Zeit\nschon wieder vergessen, und das so genannte Veraltete be-\nwährte sich noch immer als das Beste. So im Drama, so\nin der Oper. Wer kennt nicht die dramatischen Schwingen\ndes jungen Deutschlands seit 1830! Aber wo gelten sie\nnoch etwas ? Es war ein Geschlecht, welches schon mit\nlahmen Flügeln zur Welt kam. Nicht besser waren ihre\nFortsetzer, und es erging ihnen auch nicht besser. Sie alle\ngehören zur grossen Schar der Romantiker, wenn sie auch\nnoch so sehr gegen das Tieck-SchlegeFsche Häuflein zu\nFelde lagen; zu jenen unbefriedigten, ruhelosen Geistern,\ndie weder an dem Vorhandenen, auch an dem Vollendet-\nsten nient, eine reine Freude haben konnten, noch eine\nsolche durch ihre eigenen Schöpfungen hervorzubringen ver-\nmochten. Ambesten standen sich in dieser Zeit die, welche\ndie Kunst wie einen Zweig der höheren Industrie betrach-\nteten: Meyerbeer, Auber, Raupach, die Birch-Pfeiffer und\ndie tausend kleinen Leute, welche diesen Vorbildern red-\nlich nacheiferten. Wer sich hierüber genauer unterrichten\nwill, dem darf besonders die Geschichte der deutschen Na-\ntional-Literatur im 19. Jahrhundert von Julian Schmidt\n(Leipzig, 1853, 2 Bände) empfohlen werden; die sonsti-\ngen Handbücher über diese Zeit haben alle mehr oder we-\nniger ihre grossen Mängel.\n„Ein glückliches Mitglied der industriellen Kunstrich-\ntung stammt aus Mecklenburg: F. v. Flotow, der einzige\nMecklenburger, welcher sich als Opern-Componist halbwegs\neinen europäischen Namen erworben hat. Flotow hat sich\nganz der französischen Richtung ergeben; seine Abhängig-\nkeit von Auber ist schimpflich, da die Deutschen längst et-\nwas Besseres hatten. Man verlernt bei ihm ganz wieder,\ndass Beelhoven gelebt hat. Seine musicalische Begabung\nist ziemlich gross, sein Leichtsinn aber noch grösser; die\nMusik fliegt glatt weg, doch diese Glätte ist nicht die ru-\nhige Fläche einer sicheren Tiefe, sondern die flotte Strö-\nmung des Lebemannes. Die Figuren seiner Opern sind\nhöchstens zur Hälfte wahr, die Musik derselben ebenfalls.\nSeine Behandlung der deutschen Sprache, wie seine Melo-\ndiebildung sind gleich tadelnswerth, Flotow verbrachte seine\neigentliche Jugend zum Zwecke musicalischer Studien in\nParis; ein warnendes Zeichen für Andere: denn was die\nDeutschen in den pariser Schulen lernen können, ist ihnen\nentweder überflüssig oder nachtheilig. Schon am 20. März\n1835 wurde in Schwerin die zweiactige Flotow'sche Oper\nPeter und Kathinka aufgeführt; die übrigen folgten dann\nseiner Zeit nach. Nur die letzte, Rübezahl, steht uns noch\nbevor. Vielleicht aber gelangt diese Oper gar nicht auf die\nhiesige Bühne; denn so beliebt der genannte Componist\nfrüher war, ist man auch hier seil einiger Zeit seiner Weise\nsatt geworden, und es war Vielen lieb, dass eine der Flo-\ntow'schen ziemlich entgegengesetzte Compositions-Weise,\ndie Wagner'sche nämlich, beharrlich vertreten wurde.\n„ 1837 wurden die Vorstellungen am 12. Januar mit\nHaim's Griseldis eröffnet; zwei neue Mitglieder von Bedeu-\ntung, Gliemann aus Rostock und Ellmenreich aus der Im-\nmermann sehen Schule von Düsseldorf traten hierin\nzuerst auf. Der erfolgte Tod des Grossherzogs, spä-\nterhin die Reisen und Prociainationen des neuen Grossher-\nzogs Paul Friedrieh zogen die Aufmerksamkeit in diesem\nJahre, sehr von der Bühne ab. ... Es ist unnöthig, mehr\nzu sagen über ein Theater-Jahr, welches die Zeitgenossen\nselbst so unbeachtet hingehen liessen. Gleichsam als\nVorspiel des nun folgenden regeren Theaterlebens behan-\ndelte man jetzt die Frage, ob auch Geistliche sich am Be-\nsuche des I heaters betheiligen dürften. Wollten sich ihrer-\n, seits die Schauspieler nur fleissiger in der Kirche sehen\nlassen, so wäre Aussicht vorhanden, dass auch die Prediger\nforthin mit grösserem Vergnügen und mit geringerer Be-\ndenklichkeit dem Theater zusteuerten. Die Schweigsamkeit\nder Kritik in dieser und der nächstfolgenden Zeit hatte\nhauptsächlich ihren Grund in der Besorgniss, bei dem fürst-\nlichen Beschützer der Bühne Anstoss zu erregen. Man be-\ngnügte sich daher, wenn Theatersachen öffentlich abgehan-\ndelt wurden, mit allgemeinen Hindeutungen, die doch auch\nwieder von geringer Wirkung sein mussten.\n„Mit 1839 wurden die mannigfachen Kunstbestrebun-\ngen, welche sich seit einigen Jahren in Mecklenburg reg-\nten, schon sichtbarer. Malerei, Baukunst, Musik, Alterthums-\nkunde suchten jede in ihrer Weise sich auszubilden. Das\nTheater aber, weil es die Oeffentlichkeit durchaus und im-\nmer erfordert, halte dadurch auch vor allen die rege Ge-\nmein-Betheiligung voraus. Zudem lag es in dem damaligen\nGeiste sowohl der Künstler, wie der Mäcenate, recht bal-\ndige und recht glänzende Erfolge zu erzielen; zu beiden ist\nwiederum nichts geeigneter, als das Theater. Daher Werden\nwir begreiflich finden, wie Zeitgenossen sagen konnten:\n„ „Vor allen ist der dramatischen Kunst grosse Beför-\nderung zu Theil geworden; unser Theater steht augenblick-\nlich auf. einer Höhe, dass es sich ohne Scheu mit dem\nTheater anderer grösserer Städte messen kann; .... na-\nmentlich übertreffen die dramatischen Leistungen des Hof-\ntheaters in diesem Herbste (1838) alle früheren Bühnen-\nleistungen in Mecklenburg. *\" Das Letztere nimmt man lieber"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "13", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550113-01.1.5", "texte": "so genau nicht; man weiss schon, wie viel oft von solchen\nZeitungs-Meinungen abgeht, wenn sie auf Wahrheit redu-\ncirt werden. Für Mecklenburg ist bis auf den heutigen Tag\ndie alte Schönemänn'sche Bühne mit Eckhol und Acker-\nmann noch immer das Bedeutendste gewesen.\n„1854. Unter den neu aufgeführten Stücken durfte\ndie berühmte Waise von Lowood natürlich nicht fehlen;\ndoch wurde auch DerErblörster von Otto Ludwig in theil-\nweise vorzüglicher Besetzung und mit Beifall gegeben. In\nder Oper hatten wir einen ähnlichen Gegensatz: Lohengrin\nvon Wagner und Indra von Flotow; die erste trug über\ndiese den Preis davon, den ihr auch Niemand streitig ma-\nchen wird, wenn es sich um eine Vergleichung dieser bei-\nden Productionen handelt. Sonst kann man wohl nicht zwei-\nfeln, dass Lohengrin ein weniger glückliches Bühnenstück\nist, als der Tannhäuser. Es sind die Wagner'schen Opern\nhier diesen Winter alle drei und so oft zur Aufführung\ngelangt, dass Viele ihrer überdrüssig wurden. Es offenbarte\nsich in dieser allzu häufigen Vorlührung kein guter Tact;\ndenn es bleibt immerhin für die Mehrzahl eine schwere,\ndrückende Musik, der sie sich nicht oft hingeben kann;\nnach gehöriger Abwechslung ist dies eher zu erwarten. Ich\nspreche hier nicht meine persönliche Liebhaberei aus, die\nüberall nicht in Betracht kommen kann und in diesem Falle\nauch ganz andere Wünsche hätte, sondern das Urtheil des\nPublicum« im Grossen und Ganzen, das doch immer respec-\ntirt werden muss, so lange man, wie bis jetzt, wöchentlich\nfünf Vorstellungen gibt und desselben also nicht entrathen\nkann. Auch nehmen diese Opern .einen Aufwand an Zeit\nund Mitteln in Anspruch, wodurch die anderen nothwendig\nkümmerlicher bedacht werden müssen. Dass die Wagner'-\nschen Opern auf unserer Bühne verhältnissmässig früh und\nrasch hinter einander aufgetreten sind, ist ganz in der Ord-\nnung; man möchte wünschen, dass unsere Bühne überall\nmit den beachtenswerten dramatischen Productionen auf\ndiese Weise gleichen Schritt hielte. Waren nun trotz des\nlöblichen Eifers, der uns das Neue in möglichster Güte vor-\nführte, im Fache der Oper Mozart's Don Juan und Figaro\ndie beiden Productionen, welche das Publicum in dieser\nSaison am meisten erfreuten, am wohlthuendsten berühr-\nten, so meine ich, liegt hierin ein ganz deutlicher Wink,\nwas zu thun sei. An dem, was nun einmal classisch, fest-\nzuhalten, ist die erste Pflicht: an Mozart, Beethoven, We-\nber; auch Gluck muss wieder festen Fuss fassen. Denn diese\nvergnügen alle und erlüllen die strengsten Forderungen,\nwelche ein geläuterter Geschmack stellen kann. An diese\nMeisterwerke reihe sich alles Uebrige, auch das Neueste,\nund suche sich neben ihnen zu bewähren. Im Drama liegt\nein ähnliches Verhältniss vor und ist ein ähnliches Verfah-\nren in Anwendung zu bringen. Yerständniss der Sache und\nein warmes Herz lür die Kunst sind dabei allerdings ganz\nbesonders nöthig, sie vermögen aber auch gar viel, selbst\nbei geringen Mitteln. Wo aber der Sinn lür das Edle er-\nstorben ist, da wird man sich freilich begnügen, bloss das\nvorzuführen, was eben auf dem lauten Markte Effect macht,\nsei es sonst auch von welcher Beschaffenheit es wolle. Wer\nkann läugnen beim Ueberblick der hier aufgeführten Stücke,\ndass auch unser Theater eine erstaunliche Menge geringer\nWaare auslegt, der das wenige Gute sehr schwer die Wage\nhält? Wir sind mit allen bekannten Auswüchsen der schlech-\nten, alfgemeinen Theater-Zustände eben so wenig verschont\ngeblieben, als andere Bühnen. Bedauerlich und schädlich ist\nes, wenn eine handwerksmässige Gleichgültigkeit Platz\ngreift und man den Thespis-Karren so auf gut Glück gehen\nlässt. Gerade in trüber Zeit ist eine wackere Haltung um\nso verdienstvoller, je seltener sie zu sein pflegt. Nur dann\nkommen die guten Erfolge, wenn man eine beharrliche\nKraft an die Verwirklichung edler Zwecke setzt; und mit\ndem Gelingen wächst die Einsicht.\"\n\nSechstes Gesellschafts-Concert in Köln\nim Casinosaale.\nDinstag, den 9. Januar.\nEine glänzende Eröffnung bildete C. M. v. W ehe r' s\nOuvertüre zum Freischütz, deren ganz vorzügliche, feu-\nrige und doch in den gemessenen Schranken des Rhythmus\nund des Tempo's daherbrausende Aufführung den alten Zau-\nber auf das Publicum übte und es in eine vortreffliche Con-\ncertstimmung versetzte. Das ist wahre Musik, nicht musi-\ncalische Rhetorik; das ist Tonkunst lür Alle und warum?\nErstens weil ihre Grundlage musicalische Gedanken\nsind, die sich in langen Melodieen aussprechen; zweitens\nweil diese Gedanken in einen inneren Zusammenhang\nund mit genialer Gewandtheit zur Wiederholung ge-\nbracht werden; drittens weil eine erhebende Steigerung\nderselben bis zum Schlüsse Statt findet; viertens endlich,\nweil das alles in eine schöne Form gegossen ist, in dieje-\nnige Form, welche sich lür die Erscheinungen der Tonkunst\nseit dem letzten Jahrhundert festgestellt hat, und die zwar\nmit Maass und Ziel erweitert, nicht aber übersprungen oder\ngar zertrümmert werden darf, wenn überhaupt von Kunst\nnoch die Rede sein soll. Es gibt kein dümmeres und fre-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "14", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550113-01.1.6", "texte": "cherss Wort man kann nicht anders als grob werden\nden Hanswursten der jetzigen Kritik gegenüber als die\nFalstaffiade: „DasGenie ist fessellos!\" welche alle die durch\nUeberreiz impotent gewordenen Tonschöpfer zum Tauf-\nspruch ihrer musicalischen Missgeburten machen. Wer die\nForm verschm'äht und verachtet, die klar und fest umris-\nsene Form, der weiss gar nicht, was die wesentliche Be-\ndingung eines Kunstwerkes ist, und beweis't eben dadurch,\ndass sein Schaffen vom Schaffen des Genius himmel- oder\nvielmehr höllenweit verschieden ist, dass er überhaupt kein\nGenie hat, sondern nur eine überreizte Phantasie.\nDenn die Capital-Eigenschaft des wahren künstlerischen\nGenies ist eine doppelte: sie liegt erstens in der Erfin-\ndung, in der Fähigkeit, die Idee zu fassen, also im eigent-\nlichen Schaffen, und zweitens in der Beherrschung der\nForm zu schöner und klarer Darstellung der Idee.\nBeides zusammen bildet erst das Genie, beim Musiker so\ngut, wie beim Bildhauer und Dichter; das Göttliche liegt\neben sowohl in der Beschränkung und Ordnung des Ge-\nschaffenen, als im Schaffen selbst; ja, es lässt sich Beides\ngar nicht trennen, und es dürfte selbst, um die Kunst mit\nder Natur zu vergleichen, bei der Betrachtung des Kosmos\nzweifelhaft erscheinen, ob sich der Begriff Gottes erhabener\ngestalte, wenn wir an die Weltschöpfung, oder wenn\nwir an die Weltordnung denken.\nDie Kunst ist aber ein Austluss des Göttlichen, und\nderjenige Geist, welcher nicht im Stande ist, das Phantasti-\nsche zu beschränken, das Ideale formgemäss zur Darstel-\nlung im Stoffe zu ordnen, ist kein Geist höherer Art, ist\nnicht das, was wir Genie nennen. Es fehlt ihm dazu das\neine der zwei wesentlichen Erfordernisse desselben.\nEs ist auch ein Irrthum, wenn man meint, jenes Zweite,\ndie Form, könne man ja lernen, folglich könne die Be-\nherrschung derselben kein Kennzeichen des Genies sein;\netwas kann man allerdings davon lernen, nämlich das Ge-\nrippe derselben zu bilden; aber diesem Gerippe rundes\nFleisch zu geben, es zum schönen Körper zu machen, in\nwelchem das Blut in den Adern schlägt, das ist Sache des\nGenies, nicht des Studiums allein. Natürlich verstehen wir\nhier unter Form, im besonderen Bezug auf die Tonkunst,\nden Inbegriff aller Mittel zu klarer und schöner Gestaltung\ndes musicalischen Gedankens, die thematische und contra-\npunktische Arbeit, die harmonische Gewandtheit, die Ver- j\nbreitung, die Steigerung. Die rohen Grundlagen, die Rudi-\nmente (ein sehr bezeichnender Ausdruck) von allem diesem\nkönnen freilich gelehrt und gelernt werden; aber die wir-\nkungsvolle Anwendung ist eben so gut Sache des Genies,\nals die Erfindung, und so wenig die Kenntniss der Syntax\nund der Periode mit Vorder- und Nach- und Nebensatz\nu. s. w. den Stil macht, eben so wenig macht die Kennt-\nniss der musicalischen Grammatik, der melodischen Perio-\nden, der Satz-Eintheilung u. s. w. die Musik denn der\nStil ist der Mensch, sowohl in der Literatur als in der\nKunst, und der schöne Stil ist eben wieder das Genie.\nMan prüfe diese Sätze an den bekanntesten Werken,\nan Mozart's Zauberflöten-Ouverture, an Beethoven's erstem\nSatze der C-moll-SMomeu. s. w. u. s. w., um nicht bis\nzu Bach und Händel hinauf zu gehen, und man wird-sich\nüberzeugen. Kommen wir auf die Ouvertüre zum Freischülz\nzurück, von welcher wir ausgegangen sind, so müssen wir\ngerade auch in ihr, und in eben so hohem Grade in der\nOuvertüre zum Oberon, das Genie im Gestalten der Form\npreisen, und es waltet hier um so unverkennbarer vor, als\ndie verschiedenen Motive und Melodieen, welche jene beiden\nOuvertüren enthalten, zwar allerdings auch durch das Ge-\nnie erfunden, allein doch durch die Reflexion aus der Oper\nausgewählt sind, und jede Ouvertüre dennoch ein schönes\nGanzes, ein vollendetes Kunstwerk bildet. Was ohne Genie\nbei ähnlichem Verfahren in neueren Ouvertüren zum Vor-\nschein gekommen ist, wollen wir nicht anführen; es bietet\nsich von selbst oft genug in Deutschland und Frankreich\nin seiner ganzen Blosse dar.\nNach der Ouvertüre bot uns Beethoven's grosses\nViolin-Concert gleich wieder einen schlagenden Beweis\nfür denselben Satz; denn wo ist, abgesehen von dem zau-\nberhaften melodischen und harmonischen Inhalt, die Form\nfür diese Gattung von Musik genialer behandelt und er-\nweitert worden, als in diesem Violin- und in den Clavier-\nConcerten Beethoven's? Herr Ferdinand Laub, gross-\nherzoglich weimarischer Kammer-Virtuose (der übrigens,\nwie wir hören, seine Stelle als Concertmeister in Weimar\naufgegeben hat), trat mit diesem herrlichen Werke zum\nersten Male bei uns auf, und schon die Wahl desselben\nmusste ein günstiges Vorurtheil für ihn erwecken, zugleich\njedoch auch als ein Wagniss erscheinen, da einestheils\nJoachim's Leistung im Vortrage desselben Werkes noch in\nsehr guter Erinnerung war, anderentheils Vieuxtemps erst\nvor einigen Wochen in demselben Saale und vor demselben\nPublicum gespielt hatte. Der junge Künstler hat aber die\nzwiefach hoch gespannten Erwartungen auf eine glänzende\nWeise befriedigt, und sollen wir vergleichen, so ist\ner unserer Meinung nach Joachim in Vielem gleich gekom-\nmen, und hat es keineswegs zu scheuen, neben Vieuxtemps\naufzutreten. Sein Ton ist voll und selbst gross, namentlich"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "15", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550113-01.1.7", "texte": "auf den drei tieferen Saiten, dabei nicht rauh, sondern glatt\nund schön, und wenn der Vortrag des Beethoven'schen\nConcertes auch nicht die edle Breite wie bei Joachim hatte\n(Laub spielte auch Joachim's Cadenzen), so war er doch\nin Stil und Charakter der Composition angemessen. Ausser-\ndem hörten wir Laub noch Ernst's Othello-Phantasie im\nConcert spielen wo ihm lebhaftester Beifall und Her-\nvorruf zu Theil wurde —, und in einer Soiree bei Hiller\nein recht ansprechendes Andante von seiner Composition\nund Bach's Ciaconna mit Meisterschaft vortragen.\nHierauf folgte „Die Flucht nach Aegypten\",\nbiblische Legende für Tenor-Solo, Chor und Orchester von\nHector Berlioz. Dieses Stück bildet den zweiten Theil\nder bereits in Nr. 52 des vorigen Jahrgangs und in der\ngegenwärtigen Nummer (s. oben) besprochenen Trilogie.\nWir müssen gestehen, dass das milde Urtheil unseres Cor-\nrespondenten aus Paris über diesen Theil wohl nur durch\nden Gegensatz desselben zu den beiden anderen, noch viel\nschlechteren Theilen der Trilogie hervorgerufen worden sein\nmag. Wir können nur das gänzliche Durchfallen dieser nicht\nkindlichen, sondern kindischen Musik bei uns constatiren;\nja, wir dürfen nicht verschweigen, dass sich nach dem\nSchlüsse derselben eine nicht unzweideutige Heiterkeit im\nganzen Publicum zeigte. Wir sind entweder nicht kindisch\noder nicht nervenschwach genug, um den Reiz einer so\närmlichen modernen Puppen-Komödie, die mit altem Trö-\ndel aufgeputzt ist, zu würdigen!\nDie zweite Abtheilung des Concerts brachte uns F.\nHille r' s Sinfonie in E,mit dem Motto von Geibel: „ Es\nmuss doch Frühling werden\", wobei, wie wir schon in\neinem früheren Aufsatze über dieselbe Sinfonie in ihrer er-\nsten Gestalt ausführlicher gezeigt haben, der Nachdruck auf\ndas „doch\" zu legen ist, damit man nicht etwa an senti-\nmental malerische Frühlingsschauer denke. Der Tondichter\nhat dem grossartigen Werke, welches dessen ganze Eigen-\ntümlichkeit als Instrumental-Componist ausspricht, neuer-\ndings eine vollkommenere Form durch eine Ueberarbeitung\ngegeben, welche, ohne den Charakter desselben zu ändern,\ndem Ganzen grössere Klarheit verliehen und die einzelnen\nSchönheiten desselben gewisser Maassen zugänglicher ge-\nmacht hat. Wenn wir diese Sinfonie zu dem Bedeutendsten\nzählen, was in den letzten zehn Jahren für Orchester-Mu-\nsik geschrieben ist, so wird sich dieses Urtheil durch die\ndrei erstenSätze: Allegro, Adag und über-\nall auf glänzende Weise rechtfertigen, während man viel-\nleicht hier und da das Finale etwas zu lang ausgesponnen\nund desswegen für weniger zündend halten wird. In allen\nvier Sätzen ist aber die Gewandtheit und Feinheit der Ar-\nbeit sehr hoch zu schätzen und der Mendelssohn'schen in\ndessen A-moll-Sinfonie an die Seite zu stellen. Indess müs-\nsen wir beiden Componisten, um wieder auf unseren An-\nfang zurückzugreifen, in höherem Grade das Genie der\nForm, als das der Erfindung zuerkennen, was wir jedoch\nhauptsächlich nur auf ihre Instrumental-Compositionen be-\nziehen.\nDenn sonst möchte Mendelssohn's Geist mit drohendem\nFinger erscheinen und ausrufen: „Was War Dir, dass Du\nDich so ergriffen und gehoben fühltest, als der volle Chor\nbegann: Da Israel aus Aegypten zog?!\" Ja, ich\nbeuge mich voll Andacht und Bewunderung vor dem Geiste,\nder die Musik zu diesem 114. Psalm dichtete (welcher\nden Schluss des Concerts machte), und erkenne ihn freu-\ndig lür den grössten unter den Epigonen an, dessen Schö-\npfungen unvergänglich sein werden. Zugleich aber ist der\nPreis der Ausführung dem Chor und Orchester zu zollen;\ndie Sicherheit, Kraft und frische Tonfülle des Chors war\neinmal wieder des alten Ruhmes vollkommen würdig.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMölii. Am 11. d.Mts. wurde auf dem Stadttheater Richard\nWagner's Loh eng rin zum ersten Male gegeben. Das Haus\nwar nur massig besetzt; weder das Tragische noch das Komische,\nweder das Neue noch das Alte hat Anzugskraft für unser Publi-\ncum, dessen sich in diesem Winter eine Gleichgültigkeit gegen das\nTheater bemächtigt hat, wie sie noch nie Statf gefunden. Denn so\nwenig wie die erste Vorstellung des Lohengrin das Haus füllte,\neben so wenig vermochte dies die vortreffliche Oper von Ditters-\ndorf: „Doctor und Apotheker\", welche Ende voriger Woche\nzur Freude aller Anhänger der deutschen komischen Musik in Scene\nging. Man mag über Wagner's Opernmusik denken, wie man wolle,\nso wird doch gewiss in jeder Stadt ein zahlreiches Publicum we-\nnigstens von Neugierigen sich bei einer ersten Vorstellung des Lo-\nhengrin einfinden! Hier aber scheint die Politik des Zuwartens\nauch in Bezug auf die Kunst zu herrschen. Die Vorstellung war\nso gut, als man sie nur auf einer Bühne zweiten Ranges verlangen\nkann, die Ausstattung so glänzend, wie man sie sicher auf keiner\nanderen Provincial-Bühne findet. Die Besetzung war folgende: Lo-\nhengrin Herr Sowade, Telramund Herr Becker, der König\nHerr Schlüter, der Heerrufer Herr Scheerer, Elsa Fräul.\nRochlitz, Ortrud Fräul. Johannsen. Dem ganzen Personale, so\nwie auch dem Orchester und dem Capellmeister Herrn Laudien\ngeben wir gern das Zeugniss des angestrengten Fleisses und des\nEifers für die Lösung ihrer schwierigen Aufgabe, und hoffen, dass\nder zahlreiche Besuch der Wiederholungen die vom Personale an-\ngewandte Mühe und die von der Direction angelegten Kosten loh-\nnen werde. Das anwesende Publicum gab häufige Beweise von\nTheilnahme und Beifall, namentlich im ersten und dritten Acte.\nOb die Oper wiederholte gute Einnahmen machen wird, wie der\nTannhäuser im vorigen Jahre, müssen wir abwarten."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "16", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550113-01.1.8", "texte": "Elberfeld. In Nr. 50 der Niederrheinischen Musik-Zeitung\nvom 16. December v. .T. befindet sich ein Referat aus Barmen über\ndas dortige zweite Abonnements-Concert, in welchem es unter An-\nderem heisst, dass auch Beethoven's Messe in C, und zwar mit\ndem „ursprünglichen lateinischen\" Texte zur Aufführung\ngekommen sei, wobei Referent bemerkt: „Ein Fortschritt im Wup-\nperthale.\" Entweder scheint nun Referent die Musik-Zustände des\nWupperthaies wenig zu kennen, oder Elberfeld ausser dem Bereich\ndes Wupperthaies zu halten. Zur richtigen Würdigung der hiesigen\nMusik-Zustände finden wir uns aber veranlasst, zu bemerken, dass\nhier in Elberfeld ausser der grossen Messe in D von Beethoven,\nwelche schon im Jahre 1827 auf dem zehnten niederrheinischen\nMusikfeste zur Aufführung kam, in den letzten zehn Jahren (ältere\nProgramme liegen uns nicht mehr vor) die Beethoven'sche Messe\nin C zwei Mal, Mozart's Requiem zwei Mal, Mendelssohn's Lauda\nSion, so wie Theile der grossen Messe in D von Beethoven zur\nAufführung gebracht wurden und, wie sich von selbst versteht*),\nmit dem „ursprünglichen lateinischen Text\", woraus Referent erse-\nhen wird, dass Aufführungen von Werken mit lateinischem Texte\nfür das Wupperthal, wenigstens für Elberfeld, nicht mehr als mu-\nsicalischer Fortschritt bezeichnet werden können.\nDas an werthvollen neuen Musikwerken reichhaltige, 4 Bogen in\nQuarto starke Verzeichniss, welches der Nr. 49 der berliner Musik-\nZeitung „Echo\" beigegeben war, wird allen Musikfreunden von der\nSchlesinger'sehen Verlagshandlung gratis dargeboten.\"'Durch alle\nMusikhandlungen sind das Verzeichniss und die darin enthaltenen\nWerke unter sehr günstigen Bedingungen zu beziehen.\nlsarmsta,d£* Die erste Aufführung von Mich. Beer's „Struen-\nsec\" mit der genialen Musik von Meyerbeer hatte ein überaus zahl-\nreiches Publicum im Hoftheater versammelt. Schon die Ouvertüre,\nvon der grossherzoglichen Capelle vollendet schön zu Gehör ge-\nbracht, erwarb sich den lebhaftesten Beifall, der sich bei den fol-\ngenden Musik-Nummern, namentlich in der Polonaise, der Wirths-\nhaus-Scene und dem Traum, wiederholte.\nMeinieigfen. Vier Söhne des Concertmeisters Karl Müller\nin Braunschweig sind in der herzoglichen Capelle und dürften bald\nim Ensemble-Spiel dem berühmten väterlichen Quartette nicht nach-\nstehen.\nILeipzig*. Zum Besten des Theater-Pensionsfonds kam eine\nneue romantische Oper von Conrad, „Die Weiber von Weins-\nberg\", zur Aufführung. Das W7erk, obwohl Seitens der Ausführen-\nden von reger Theilnahme unterstützt, überschreitet nirgends die\nGränzen einer achtbaren Dilettanten-Arbeit. Die Vorstellung des\n„Fidelio\", unter Mitwirkung der Mad. Bock-Heintzen, war eines\nKunst-Instituts nicht würdig; die Ouvertüre aus Leonore, C-dur,\nim Entre-Act wirkte erhebend. Das erste Abonnements-Concert der\nHerren David, Herrmann, Grützmacher, Rietz und Rönntchen bot\nein vorzügliches Programm; wir hörten £-dW-Quatuor von Haydn,\ndas Harfen-Quartett, Op. 74, von Beethoven in vorzüglicher Aus-\nführung. Miss Arabella Goddard, eine der eminentesten Ciavierspie-\nlerinnen, erwarb sich rauschenden Beifall nach Vortrag des B-dur-\nIrio, Op. 97, von Beethoven, der Cis-dur-Fuge (aus der im Schle-\nsinger'schen Verlag, mit Fingersatz von Liszt, erschienenen Antho-\nlogie classique des Oeuvres de Bach, Scarlatli, Händel, Mozart) und\neines Liedes ohne Worte von Mendelssohn.\nRoger hat von Hamburg aus zu der Subscription zur An-\nschaffung von Tabak für die französische Armee in der Krim 1500\nFrancs eingesandt und diese Sendung durch einen Brief an den\nDirectoi des Jouinals Illustration angekündigt, welcher folgender\nMaassen schliesst: „Der Ton und der Rauch gehören zu Einer und\nderselben Familie: beide leben von Luft, beide berauschen und\nschwinden im Augenblicke dahin; als Brüder müssen sie ein-\nander helfen. Eine Gastrolle in Hamburg soll mein Cigarrcn-Paket\nliefern, ich wähle „Die weisse Dame'' dazu. Möchten unsere tapfe-\nren Waffenbrüder sich an unsere alten Lieder erinnern und mitten\nim Feuer und unier Sturm und Schnee, wohin die Liebe und der\nStolz des Vaterlandes ihnen folgt, freudig singen: „„Welche Lust.\nSoldat zu sein!\"\" Hamburg, den 8. December 1854. G. Roger.\"\n*) Wenn der Herr Einsender die musicalischen u. s. w. Zustände\nam Niederrheine und an der Wupper so genau kennt, so wird\ner sich auch wohl der Bedenklichkeiten erinnern, welche im\nComite des Musikfestes 1839 über den lateinischen Text der\nC-rfwr-Messe von Beethoven einst laut wurden und die Auf-\nführung mit dem schlechten deutschen Texte vonßochlitz zur\nFolge hatten. Die Redaction."}]}