{"numero_id": "bm-bmtnabi-1855-01-20-01", "volume": "bmtnabi_1855-01-20_01", "ocr_sha256": "652d0032d38be43acabe5b7d6a8a3dea0d0376491f139fa10e56af0908d748e2", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1855/01/20_01/bmtnabi_1855-01-20_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550120-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1855-01-20-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-01-20_01#c001", "volume": "bmtnabi_1855-01-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "17", "page_fin": "20", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550120-01.2.1", "titre_corps": "Musik und Theater in Wien.", "titre_sommaire": "Musik und Theater in Wien.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "17", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550120-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3708, "texte": "Musik und Theater in Wien.\nI.\nWenden wir unsere Blicke zuerst auf die Gesell- j\nschaft der Musikfreunde des österreichischen !\nKaiserstaates, so ersehen wir aus ihrem Jahres-\nBerichte über das Verwaltungs-Jahr von November 1853\nbis 1854 allerdings erfreuliche Fortschritte ihrer Wirk-\nsamkeit, allein sie sind noch keineswegs, wie auch der Vor-\nstand selbst anerkennt, einer Stellung entsprechend, welche\ndie grösste musicalische Kunst-Anstalt des Kaiserstaates\neinzunehmen berufen wäre.\nDer Zweck der Gesellschaft, welche im Jahre 1812\ngegründet wurde, ist „Förderung echter lonkunst durch\nVeranstaltung wahrhaft künstlerischer Concerte und durch\nden Unterricht im Conservatorium\".\nWas zunächst die Concerte betrifft, so muss man über\ndie geringe Anzahl derselben erstaunen; denn es sind de-\nren im Ganzen nur sieben gegeben worden: vier Gesell-\nschafts-Concerte und drei so genannte Concerts spirituels.\nIn den vier ersteren kamen zur Aufführung: Sinfonie in\nG-dur von Haydn, die Walpurgisnacht von Mendels-\nsohn — Ouvertüre in C (%) und zweite Sinfonie in D\nvon Beelhoven, das Fragment „ Christus\" von Mendels-\nsohn — Ouvertüre Meeresstille u. s. w. von Mendels-\nsohn, ein Chor aus Händel's Samson, Beethoven's\nneunte Sinfonie— Sinfonie in D Nr. 4 von Mozart, der\nSturm von Haydn, Sinfonie Nr. 4 in von Men-\ndelssohn.\nDie drei Concerts spirituels,unter welchem Namen frü-\nher die berühmtesten Concerte in Wien gegeben wurden,\nwesshalb man ihn seit zwei Jahren wieder hervorgesucht\nhat, brachten: die Cantate „Gottes Zeit\" von J. S. Bach,\nAve verum von Mozart, Pastoral-Sinfonie von Beetho-\nven Meyerbeer's Musik zuStruensee mit verbinden-\ndem Gedicht von J. G. Sei dl —Beethoven s Clavier-\nConcert in Es-dur (gespielt von Dachs), F. Hillers\nOuvertüre zur Phädra, und von Rieh. Wagner Ouver-\ntüre und Chor aus dem Tannhäuser.\nSämmtliche Concerte wurden von dem artistischen Di-\nrector der Gesellschaft, Herrn Joseph Hellmesberger,\ngeleitet. Ueber den Inhalt der Programme brauchen wir\nkeine Bemerkungen zu machen, sie drängen sich dem Leser\nvon selbst auf; wenn man ihn mit den Leistungen fast aller\nübrigen Concert-Institute in Deutschland vergleicht, so er-\nscheint er höchst dürftig und lässt auf die ungünstigsten\nVerhältnisse, mit denen der Vorstand zu kämpfen hat,\nschliessen. Es scheinen dies innere und äussere zu sein,\nz. B. Musste die Auflühruug von Mendelssohn's Paulus aus-\nfallen, \\veil „wenige Tage vorher die Unmöglichkeit eintrat,\ndie Solo-Partie in einer des Werkes würdigen Weise zu\nbesetzen\"; und der Gesammt-Ertrag der Concerte betrug\nnur 1814 Gulden! Wenn nun auch die Mitglieder der Ge-\nsellschaft für ihren jährlichen Beitrag von 5 Fl. (resp. 6\nFl. für einen festen Platz) freien Zutritt haben, so beweis't\njene Ziffer dennoch einen gar grossen Mangel an Theil-\nnahme von Seiten des aussergesellschaftlichen Publicums.\nDagegen erscheinen die Kosten eines jeden Concerts, welche\n6—700 Fl. betragen, sehr hoch, zumal, da die Gesell-\nschaft ihr eigenes Gebäude hat, den Saal also nicht zu be-\nzahlen braucht (sie zieht im Gegentheil 4321 Fl. Miethe\ndavon) und Beleuchtung und Heizung ausserdem mit 1340\nFl. angesetzt sind. Die Gesammt-Einnahme betrug 14,991\nFl., welche bis auf 8 Fl. verausgabt worden sind, ein-\nschliesslich eines Vorschusses von 2100 Fl. an das Con-\nservatorium.\nDas Conservatorium, am 1. August 1817 ge-\ngründet, 1848 unterbrochen und am 4. October 1851\nwieder eröffnet, besitzt 3000 Fl. Activ-Vermögen und er-\nhält 3000 Fl. vom Staate und 2000 Fl. von der\nStadtgemeinde. (Wenn das doch hier bei uns Nach-\nahmung fände!) An Schul- und Eintrittsgeld hat es 1354\nFl., im Ganzen 6666 Fl. eingenommen und verausgabt.\nDie Schülerzahl betrug 169, darunter 113 Freischüler."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "18", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550120-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4990, "texte": "Präses der Direction, welche ausser ihm aus drei Pro-\nfessoren der Anstalt und einem Cassirer besteht, ist der\nrühmlichst bekannte Componist Ministerialrat!! Vesque\nvon Püttlingen; der ganze Vorstand besteht also, mit\nAusnahme des Rendanten, aus Männern vom Fach, was\nsehr lobenswerth ist. Unter den neunzehn Lehrern finden\nwir von bekannteren Namen J. F i s c h h o f tür Piano und\nGeschichte der Musik, Jos. und Georg Hellmesberger\nfür Violine, C. Schlesinger für Violoncell, R. Lewy\nfür Waldhorn, H. Anschütz, Regisseur des Burgtheaters,\nfür Declamation u. s. w. Als Gesanglehrerin ist neuerdings\nauch Frau Marchesi-Graumann angestellt; Herr F.\nStegmayr leitet die wöchentlichen Chor-Uebungen.\nEs liegt uns ferner ein neues Heft der „Recensio-\nneti und allgemeinen Bemerkungen über Thea-\nter und Musik, Wien, 1855, bei J. F. Gress\"\nvor. Die Herausgabe derselben ist ein sehr beachtenswer-\nthes kritisches Unternehmen, auf welches auch der geehrte\nwiener Correspondent Ihrer Zeitung bereits im vorigen\nJahre aufmerksam gemacht hat. Die musicalische Kritik lag\nin Wien sehr im Argen und liegt zum grössten Theil noch\ndarin; es muss also den Wienern selbst—namentlich den\nwirklich weiterstrebenden Künstlern recht lieb sein,\ndass ein Mann, dem eine grosse Erfahrung in Sachen der\nKunst und keine gewöhnliche Einsicht zu Gebote zu stehen\nscheint, in schlichtem, mitunter etwas derbem Stil die\nWunden der verschiedenen Kunst-Institute aufdeckt und\nso viel sich aus den sämmtlichen bis jetzt erschienenen Hef-\nten, sechs an der Zahl, entnehmen lässt ganz frei von\nVorliebe oder Abneigung gegen Personen die Sache der\nKunst ins Auge fasst und keine Rücksicht und Schonung\nauch der berühmten Namen kennt, wenn es darauf ankommt,\ndie Wahrheit zu sagen. Dabei enthalten diese Hefte nicht\nbloss Aufklärungen und Urtheile über Kunst-Zustände in\nWien, obwohl eben diese interessant genug sind, sondern\nauch eine Menge von Bemerkungen, welche überall passen\nund besonders den Theater-Intendanzen und Directionen\nsehr zu empfehlen sind. Dabei ist der Standpunkt des Ver-\nfassers ein sittlicher und reiner, aber mehr praktischer als\ntheoretischer, wesshalb wir glücklicher Weise keinen ge-\nschraubten philosophischen Deductionen begegnen, und sein\nHauptziel ist, dem Verfall der Kunst durch die Künstler\nund durch die schlechte Kritik entgegen zu treten.\nDas siebente Heft gibt zunächst eine Uebersicht der\nWirksamkeit der Vorstadt-Theater in Wien während\nder Jahre 1852\nAbhandlung über das Personal und Repertoire\nder k. k. Hofoper.\nEs gibt in Wien drei Vorstadt-Theater, welche alle\ndrei der Privat-Unternehmung überlassen sind, und zwei\nHofbühnen; die ersteren sind das Carl-Theater, das\nTheater aji der Wien, das Josephstädter Theater'\nverbunden mit der Arena, einem Sommer-Theater; die\nletzteren das Burgtheater und das Opern-Theater\nam Kärnthnerthor. Wenngleich die ersteren, bei de-\nnen die Musik Nebensache ist, weniger in den Bereich die-\nser Zeitung gehören, so sind sie doch für die Geschichte\nund den gegenwärtigen Zustand der Volkstheater, deren\neinzige Reste sie noch sind, wichtig. Leider scheinen sie\nihrem Untergange entgegen zu gehen. Der Verfasser gibt\ndie vollständigen Verzeichnisse der in den letzten zwei Jah-\nren aufgeführten Stücke und anderen Productionen - wie\nz. B. Pepita 37 Mal, Klischnigg als Affe 13 Mal, Therese\nMilanollo 7 Mal, Petra Camara 34 Mal, Vieuxtemps 5\nMal, Weiss Kinder-Ballet 37 Mal, zwei Zwerge 31 Mal,\nPerser 7 Mal, Gasanova's Affen 5 Mal u. s. w. u. s. w„\n*— und knüpft daran zunächst die Bemerkung über die\n„trostlose Leerheit im Gebiete der dramatischen Production\nim Fache der Volksposse. Von den in früheren Zeiten be-\nliebten Volkspossen ist kaum der Name übrig geblieben,\nund jeder Versuch, sie wieder zu beleben, scheitert. Wenn\nschon das Lustspiel in seiner feinsten Form nur äusserst\nselten die Zeit, in welcher es entstanden, überdauert, weil\nes eben nur die Fehler, Thorheiten, Eigenheiten, Lächer-\nlichkeiten seiner Zeit zu schildern pflegt, um wie viel we-\nniger kann die Posse, welche sich in der Schilderung lo-\ncaler Zustände meist bloss auf Aeusserlichkeiten be-\nschränkt, auf eine längere Wirksamkeit Anspruch machen ?\"\nVon Localpossen einheimischer Verfasser ist auf dem\nJosephstädter Theater auch nicht eine erschienen, deren\nErwähnung der Mühe verlohnte. An der Wien waren\nselbst die Possen, welche anlänglich einen Erfolg zu haben\nschienen, höchst mittelmässige Arbeiten und verschwanden\nwieder vom Repertoire. Das Carl-Theater besitzt die zwei\nbesten Localpossen-Dichter der Gegenwart, Nestroy und\nKaiser; des Ersteren „Theater-Geschichten\" gehören zu\nseinen schwächsten Arbeiten, wurden jedoch freundlich auf-\ngenommen, und von den leider allzu rasch geschriebenen\nKaiser'schen Stücken wurde nur „Eine Feindin und ein\nFreund\" beliebt. Also binnen zwei Jahren auf allen drei\nTheatern höchstens zwei Stücke, welche dauernd gefielen!\nWeiter klagt der Verfasser über den Mangel einer\nLocalSängerin an allen drei Theatern und kommt -zu-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550120-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5104, "texte": "letzt auf „ die Erbsünde alles Theaterwesens, die Unlähig-\nkeit der Bühnenlenker\", wobei er jedoch dem verstorbenen\nDirector Carl grosse Gerechtigkeit widerfahren lässt. Dann\neifert er mit Recht gegen die Manie der spanischen Tänze\nund gegen die Sommer-Theater, diese „ glänzend hergerich-\nteten Empfangshallen des Gemeinen\". Ganz einverstanden\nmit ihm sind wir, wenn er sagt: „Wenn es traurig ist, mit\nanzusehen, wie wenig Anklang und intelligenten Schutz\ndas Edle findet, so kann man es andererseits als Trost und\nEntschädigung hinnehmen, dass auch das Gemeine\nsich nicht dauernd zu halten vermag. Es ist nicht\nwahr, was so oft wiederholt wird, dass nur das Seichte,\nFlüchtige, Gemeine der Menge gefalle, und dass jeder\nTheater-Director zu Grunde gehe, der künstlerische Grund-\nsätze zur Geltung bringen wolle; die Erfahrung straft diese\nAnsicht Lügen u. s. w.\" Möchte sich jeder Theater-\nDirector zu Herzen nehmen, was von S. 50\nden wahren Yortheil und das Gedeihen einer Bühnen-Un-\nternehmung gesagt ist!\nDer zweite Aufsatz, „Ueber die wiener Oper\",\ngeht uns näher an. Er beginnt mit einer Gegenüberstellung\nder beiden Hofbühnen, in der es unter Anderem heisst:\n„ Wir brauchen bei dem gründlichen Unterschiede zwi-\nschen den Leistungen beider Bühnen kaum zu sagen, nach\nwelcher Seite hin die Wagschale sich neigt. Trotz manchen\nFehlern, die im Burgtheater begangen werden und als lei-\ndige Folge bestehender widersinniger Einrichtungen noch\nferner werden begangen werden, besitzt unser recitirendes\nSchauspiel bedeutende Kräfte und ermangelt keineswegs\nder Elemente eines neuen, kräftigen Aufschwungs, während\ndas opern-Theater, trotz manchem lobenswerthen Im-\npuls, den der gute Wille Einzelner dem Institute zuweilen\nzu geben trachtet, doch immer tiefer zu versinken droht i n\njenes widrige, unkünstlerische Scheinleben,\nzu dem es seit Jahren verurtheilt ist. Im Burgtheater ist\neine beträchtliche Anzahl Vorstellungen geeignet, den streng-\nsten Kunstfreund zu befriedigen, und die grosse Mehrzahl\ndieser Vorstellungen dürfte allen billigen Anforderungen ge-\nnügen. Wer dasselbe von den Leistungen unserer Oper\nzu behaupten wagt, der beweis't nur, dass er, unfähig,\nselbst zu urtheilen, seine Ansichten den Beifalls-Be-\nzeigungen unmusicalischer Zuhörer oder den Spalten der\nKärnthnerthor-Journale entlehnt.\n„Auch das Publicum beider Theater ist wohl zu un-\nterscheiden; im Burgtheater ist man zurückhaltend, oft et-\nwas gar phlegmatisch, ja, man könnte sagen: schläfrig;\ndie bedeutendsten Künstler müssen sich den kleinsten Bei-\nfall mühsam erkämpfen; doch wird dieser Beifall, wenn\nauch kärglich, doch im Allgemeinen vernünftig zugetheilt;\ndas Publicum lässt sich nicht leicht etwas aufdringen und\neinreden; es bleibt der Würde seines Burgtheaters immer\neingedenk. Jene Zuhörer hingegen, welche das Opern-\nTheater lullen, sind zum Theil blasirt, zum Theil in eine\nunbeschreibliche Geschmacks-Verderbniss versunken, und\ndie Mehrzahl derselben kann sich bei allem guten Willen,\nja, sogar bei der in mancher Hinsicht noch vorhandenen\nFähigkeit, das Gute anzuerkennen, dennoch nicht enthalten,\nbeinahe allabendlich dem Schlechten jedweden Vorschub\nzu leisten. Noch ärger ist es mit der Kritik. Das Burg-\ntheater erfährt in mehreren Blättern eine mit Sachkennt-\nniss und Ruhe, meist ohne Parteilichkeit und in anständi-\ngem Tone geschriebene Beurtheilung des Geleisteten, wäh-\nrend die wenigen unabhängigen Musik-Kritiker mit unbe-\ngreiflicher Gleichgültigkeit den Lobhudlern des Opern-\nTheaters freies Spiel lassen. Jene sprechen höchstens alle\ndrei, vier Wochen einen mehr oder minder energischen,\nwohlbegründeten Tadel aus, während diese mit ihren eben\nso leidenschaftlichen, als unwissenden und inconsequenten\nLobsprüchen das Publicum täglich zu bearbeiten suchen.\n„Alle unabhängigen, zurechnungsfähigen Kritiker be-\ntrachten beide Hoftheater von diesem Gesichtspunkte. Wenn\nwir aber bedenken, dass unsere gesinnungstüchtigen Mei-\nnungs-Genossen leider nur allzu selten und selbst dann\noft nicht so entschieden, als es nöthig wäre, ihre\nStimme gegen die Entwerthung des Opern-Theaters erhe-\nben; wenn wir ferner sehen, wie leicht das lür Wahrheit\nund Gerechtigkeit gesprochene Wort klanglos verhallt oder\ndoch erst nach und nach sich Geltung und Vertrauen er-\nwirbt dann fühlen wir deutlicher als je, wie es noth\nthut, das oft jGesagte zu wiederholen, das oft Bewiesene\naufs Neue zu beweisen.\n„Wir wenden uns also zuerst zu dem ausübenden\nKünstler-Personale.\n„Im Burgtheater sehen wir an der Spitze desselben eine\nAnzahl Schauspieler und Schauspielerinnen, welche, wenn\nauch gealtert oder im Altern begriffen, doch noch mit Recht\nals die Zierde der deutschen Schauspielwelt anerkannt werden\nmüssen. Sie besitzen die nöthige allgemeine Bildung, haben\nin ihrer Kunst was Tüchtiges gelernt, ;hr natürliches Ta-\nlent durch eifriges Studium der Kunstregeln und der Natur\nzweckmässig ausgebildet, das schöne Maasshalten, die Kraft\nund Anmuth ihrer Leistungen ausbildend bewahrt; ihr Spiel\nzeigt noch oft genug diese Jugendfrische, welche sie nun\nim Leben bereits abgestreift haben. Manche von ihnen sind"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550120-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4812, "texte": "gänzlich abgesehen von allen möglichen Vergleichen mit\nden gepriesenen Grössen anderer Bühnen als hervorra-\ngende Talente, erfahrene Meister und wohl zu beachtende\nMuster so ziemlich allgemein anerkannt. Ferner ist es den\nBemühungen des Herrn Laube gelungen, einen kräftigen\nNachwuchs im Burgtheater zusammen zu scharen. Bereit-\nwillig erschliessen sich diese Hallen dem edlen Streben des\nKunstjüngers; es findet dieser hier einen Lebensunterhalt,\nviel, wenn auch nicht immer passende, Beschäftigung, und\nwenn auch keine eigentliche Schule, wie sie im Interesse\nder Schauspielkunst zu wünschen wäre, so doch vortreff-\nliche Muster, nach welchen er sich, so gut es geht, weiter\nausbilden kann. Die meisten der hervorragenden Mitglieder\ndes Burgtheaters sind bloss auf diesem Wege der Nach-\neiferung berühmter Muster zur Vollendung gelangt. Es\nist hiermit die Möglichkeit vorhanden, dass ein Anfän-\nger, wenn er Talent hat, sich im Burgtheater zu einem\ntüchtigen Künstler heranbilde. Endlich befinden sich noch\nim Personale dieser Bühne mehrere bewährte Darsteller\nzweiten Banges, welche das Ensemble auf höchst anständige\nWeise vervollständigen.\n„ Welch total verschiedenen Anblick gewährt das Per-\nsonal des Kärnthnerthor-Theaters! Jene, welche hier als\nerste Sänger und Sängerinnen fungiren, verdanken dies\nentweder der oft einseitigen, aber immerhin bemerkenswer-\nthen technischen Stimmbildung, welche es ihnen\nmöglich macht, mit wenigen prächtigen Tönen zu prunken,\noder der sorgsameren Ausbildung ihres Darstellungs-\nTalentes; die Uebrigen behelfen sich mit allgemeinen\nmusicalischen Kenntnissen oder mit ein Bisschen Bühnen-\nRoutine. Selten oder gar nie findet man auch nur zwei der\neben genannten Wirkungsmittel bei einem Individuum ver-\neint, und als eigentlicher Gesangskünstler kann\nnicht Einer unserer Operisten gelten. Wenn man dieselben\nals die besten Sänger und Sängerinnen Deutschlands anzu-\npreisen sich bemüht, so mag dies allerdings eine gewisse\nrelative Richtigkeit haben; unsere Oper besitzt die besten\nSänger, welche im Augenblicke vorhanden sind; wir kön-\nnen uns aber desswegen doch nicht verhehlen, dass diesel-\nben sehr weit zurück sind in dem, was man die Kunst\ndes musicalischeii Vortrages, des Gesanges,\nnennt. Es ist unbeschreiblich, wie hoch in dieser Hinsicht\ndie Begriffs-Verwirrung bereits gestiegen ist. —•\n„Wenn unsere Gesangsmeister wirklich „„das rein\nMusicalische des Singens genau einzustudiren*\"\nverständen, wenn ihr Unterricht es wirklich dahin brächte,\n„„Sänger\"\" zu bilden, dann hätten wir alle Ursache,\nmit der Gegenwart zufrieden zu sein, wenigstens in so fern\ndie Kunst des Gesanges vor gänzlichem Untergange be-\nwahrt und eine frohe Aussicht auf eine bessere Zukunft er-\nöffnet bliebe. Allein dem ist nicht so. Gerade der Unterricht\nim „ „ Singen\" \" wird von den Gesanglehrern offenbar auf\nganz verfehlte Art betrieben; gerade der rein musicalische\nTheil von des Opernkünstlers schwerer Aufgabe wird völ-\nlig vernachlässigt, und zwar in einem Maasse, welches man\nkaum für möglich halten sollte, würde man es nicht täglich\nvon Neuem erfahren. Wir sind weit entfernt, den drama-\ntischen Theil des Operngesanges gering zu achten; wir\nfordern auch vom Opernsänger die Haupt-Eigenschaften\neines guten Schauspielers wir fordern sie wohlge-\nmerkt von dem „ „ Sänger\"\" ; also indem wir unsere\nForderung in Betreff dramatisfcher Ausbildung stellen, setzen\nwir das Vorhandensein des „„Sängers\"\" voraus;\nlür einen Sänger aber, das heisst für einen guten Sänger,\nhalten wir den, der, im Besitze einer genügend ausgebilde-\nten Stimme, das „ „rein Musicalische des Singens\"\", näm-\nlich die musicalische Betonung, die Kunst des musicalischen\nVortrages, oder wie man es sonst noch benennen mag,\ngründlich inne hat. Angesichts der Armuth sämmtlicher\neuropäischer Opernbühnen an hervorragenden Künstlern,\nist es höchst überflüssig, und in Anbetracht der Missbräuche,\nwelche im Namen des „ „dramatischen Vortrags\"\" entstan-\nden sind, sogar sehr schädlich, beständig nur von Ausdruck,\nEmpfindung, Feuer, Seele, Poesie, geistigem Vortrage, oder\nvon geistiger Intuition, von plastischer Gestaltung, musica-\nlischer Declamation, dramatischem Leben, charakteristischer\nAuffassung u. s. w. u. s. w. zu reden. Das ist wohl alles\ngut und schön, allein bevor wir nach dem poetischen Wer-\nthe einer Gesangesleistung forschen, wäre es doch gut, zu\nwissen, ob der Sänger nicht falsch singt. Freilich, wenn es\nsich bloss darum handelt, irgend eine künstlerische Indivi-\ndualität in vollem Glänze erscheinen zu lassen, da mag es\nwohl leichter sein, mit ästhetischen Phrasen zu prunken und\ndabei die einfachsten Regeln der Kunst, geflissentlich oder\nnicht, ausser Acht zu lassen. Wer aber ernstlich hören und\nurtheilen will, der wird mit uns sagen: Alles zu seiner Zeit\nund in gehöriger Rangordnung!\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-01-20-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-01-20_01#c002", "volume": "bmtnabi_1855-01-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "20", "page_fin": "22", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550120-01.2.2", "titre_corps": "Berliner Briefe.", "titre_sommaire": "Berliner Briefe.", "signature_source": "G. E", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550120-01.1.4", "debut_caractere": 4814, "fin_caractere_exclue": 5013, "texte": "Berliner Briefe.\n\n[Clara Schumann Joachim H. von Bü low Oper\nQuartett-Soireen.]\nDen 10. Januar 1855.\nAls ich Ihnen zuletzt schrieb, begannen die Concerte\nvon Clara Schumann und Joachim, von denen wir"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "21", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550120-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5374, "texte": "wohl behaupten dürfen, dass sie den Höhepunkt dieser Sai-\nson bildeten. Clara Schumann gab vor der Ankunft Joachim's\nein Concert, dann in Gemeinschaft mit ihm drei Soireen;\ndie Sprödigkeit unseres Publicums gegen Concert-Besuch,\ndie mit jedem Jahre im Zunehmen ist, wurde diesmal voll-\nständigbesiegt. Ueber die Leistungen beider Künstler herrscht\nim Ganzen folgende Meinung bei uns: Joachim's hohe künst-\nlerische Stellung wird fast allgemein mit Begeisterung an-\nerkannt. Esne so weit ausgebildete Virtuosität, eine so ei-\ngreifende sinnliche Schönheit des Tones, wie sie z. B. in\ndem Vortrage von Beethoven's G-dur-Romanze sich zeigte,\nvereinigt sich fast nie mit einem so ernsten, allem oberfläch-\nlichen Effect feindlich abgewandten Streben. Sein Spiel und\nsein ganzes Wesen sind ein Gegenstand der allgemeinsten\nTheilnahme und Liebe. Zu bedauern bleibt es indess, dass\neine solche Kraft einen so kleinen Raum hat, sich auszu-\nbreiten. Da Joachim Alles verschmäht, was nicht aus einer\nhöheren künstlerischen Anschauungsweise hervorgegangen\nist, so wird ihm ein häufiger Verkehr mit dem Publicum\nerschwert. Er selbst würde dem Verkehr mit der Aussen-\nweit und dem öffentlichen Auftreten vielleicht weniger ab-\ngeneigt sein, als er es in der That ist, wenn ihm eine grös-\nsere Zahl von seiner würdigen Werken zu Gebote stände.\nZwar lässt sich nicht läugnen, dass mit dieser ernsten Rich-\ntung ein Hang zur Einsamkeit sich leicht verbindet; was\nviele Menschen unterhalten soll, ist der Natur der Sache\nnach nicht das Tiefste und Bedeutendste. Aber man darf\nnicht übersehen, dass unsere Cultur-Verhältnisse sich eigen-\ntümlich gestaltet haben, und dass es namentlich in Berlin\nso viele Musiker und Musikfreunde gibt, die sich von dem\ngewöhnlichen, oberflächlichen Musikleben ganz zurückziehen,\ndass sie fast ein eigenes, nur das Höchste verlangendes Con-\ncert-Publicum bilden. Es wäre für Joachim ein des Stre-\nbens würdiges Ziel, sich selbst ein Concert-Repertoire zu\nschreiben, glänzend für sein Instrument, bedeutend durch\nden Inhalt; und wir denken, dass der Wunsch, sich in sei-\nnem innersten Wesen nicht nur rein zu erhalten, sondern\nauch zur vollsten äusseren Geltung zu bringen, sich selbst\nder Welt nach allen Kräften mitzutheilen, ihn ebenfalls be-\nseelen muss. Denn dieser Drang zur Mittheilung ist das\nGemeinsame aller energischen und bedeutenden Geister;\nund auf die Dauer durch einsame Zurückgezogenheit sich\nbefriedigt zu fühlen, würde uns von ihm kaum glaublich\nerscheinen. Auch das Spiel von Clara Schumann findet\nüberall entschiedenste Anerkennung, ruft aber in geringe-\nrem Grade Enthusiasmus hervor. Sie erscheint Einzelnen\nkalt und hart; ausserdem wird die Schnelligkeit der von ihr\ngewählten Tempi vielfach getadelt. Von ihrer jüngeren\nKunst-Rivalin W. Clauss unterscheidet sie sich sehr bedeu-\ntend. Beide fassen verständig und sinnig auf; aber Clara\nSchumann neigt sich, wir möchten nicht sagen: dem Kräf-\ntigen, sondern dem Markigen, Kernigen, Gediegenen zu ;\neine gesunde Einfachheit bildet den Grundton ihres Spiels,\ndas darum gerade für den Vortrag classischer Compositionen\nausserordentlich geeignet ist. Man lühlt sich wohl bei die-\nsem Maasshalten, das sich in ihr so glücklich mit einer den-\nnoch geistvollen, lebendigen Auffassung verbindet. W. Clauss\nfühlt zarter, duftiger, feiner und ist in so fern freilich ein-\nseitiger, leistet aber das Bedeutendere in diesen kleinen\nStücken von Chopin, Mendelssohn und Heller, in denen we-\nnigstens, die dem Gefühlsleben einer sinnigen, jungfräulichen\nNatur entsprechen. Bedeutungsvoll waren die Concerte von\nClara Schumann und Joachim auch durch die Zusammen-\nstellung der Programme. Beethoven und Bach bildeten den\nMittelpunkt; daran reihten sich Werke von Weber, Men-\ndelssohn, Chopin, Schumann, Brahms, Bargiel. Wir danken\nes beiden Künstlern, dass sie die Gelegenheit benutzten,\ndas Concert-Publicum mit manchen neueren Compositionen\nbekannt zu machen. Das Interesse an der Kunst ermattet,\nwenn es nicht durch Neues angeregt wird; und man be-\nginnt auch in Berlin, wo mehr als anderwärts dem Neuen\naller Zugang verschlossen war, dies immer deutlicher zu\nfühlen. Die beiden Sätze aus der F-moll-Sonate von Brahms,\ndie Clara Schumann spielte, machten übrigens im Ganzen\nnur geringen Eindruck; eine gewisse Kraft der Phantasie,\ndie freilich noch bedeutender Regelung und Reinigung be-\ndarf, lässt sich dem Werke nicht absprechen.\nGleichzeitig mit Clara Schumann erschien Hans von\nB ü1 o w und gab ebenfalls ein Concert, in dem er die glän-\nzendste Technik und eine feurige, lebendige Auffassungs-\nweise bewährte, die freilich leicht ins Pathetische, Rhetori-\nsche fällt und durch ihre Absichtlichkeit die Wirkung ab-\nschwächt. Bülow trug das Es-dvon Beethoven,\ndie von Liszt für Ciavier eingerichtete Orgelfuge von Bach,\nausserdem Mehreres von Liszt und Chopin vor. Er zeigte\nsich in grosser Vielseitigkeit als einen nach allen Richtun-\ngen hin geschulten Virtuosen; aber die Theilnahme, die er\nfindet, wird immer von der Uebereinstirnmung abhangen,\nin der sein inneres geistiges und gemüthliches Wesen mit\nden Bestrebungen und Neigungen Anderer steht. Bülow hat\neine Individualität und drückt diese in seinem Spiel aus;\ndarum lässt sich auch das Verhältniss zu derselben aus dem\nUrtheile über ihn nicht wegdisputiren. Aus den Zeitungen\nist Ihnen bereits bekannt, dass Bülow den Clavier-Unterricht"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "22", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550120-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2860, "texte": "an der Musikschule von Marx & Stern von Ostern ab über-\nnehmen wird. Kullak, der denselben bisher leitete, beab-\nsichtigt, ein neues Conservatorium zu gründen, das unter\nseiner alleinigen Leitung stehen soll. Kullak's Leistungen\nals Clavierlehrer gelten hier allgemein als vortrefflich; auch\nbei der vorjährigen öffentlichen Aufführung, die von den\nZöglingen der Musikschule veranstaltet wurde, hatten sich\ndieselben vorzüglich bewährt. Es lässt sich daher von dem\nneuen Unternehmen Gutes erwarten, vorausgesetzt, dass\nden übrigen Zweigen des Musik-Unterrichts dieselbe Sorg-\nfalt zu Theil wird, wie dem Clavierspiel.\nDas Gastspiel Roger's, das in die Weihnachtszeit fiel\nund leider nur aus drei Vorstellungen bestand, erfrischte\nuns in anregendster Weise das Bild des grössten dramati-\nschen Sängers der Gegenwart. Wir wünschen nur, dass\nsein glänzendes Vorbild die Mehrzahl der deutschen Sänger\nbestimmen möge, mit etwas weniger Apathie und Lethargie,\nals gewöhnlich geschieht, ihre Rollen abzusingen. Möge er\nimmer in Einzelheiten über das Maass der strengsten Schön-\nheit hinausgehen; Leistungen dieser Art sind uns dennoch\nlieber, als die öde Monotonie, die aus dem Vortrage der\nmeisten Sänger uns entgegengähnt. Auch als Concertsänger\ntrat Roger auf und riss, wie auf der Bühne, durch die\nKraft seiner Phantasie hin. Mit ihm zusammen liess sich der\nHornist Vi vi er hören, der mit einer trefflichen Technik\neinen ausdrucksvollen, aber freilich zu subjectiven Vortrag\nder Melodie verbindet.\nDie zweite Soiree der Herren Radecke, Grünwald\nund v. d. Osten war durch ihr Programm sehr interessant.\nVor Allem ist das geniale Streich-Quintett von F. Schubert\nzu nennen, das, erst vor ungefähr zwei Jahren in Druck er-\nschienen, hier noch nie öffentlich aufgeführt und daher nur\nWenigen bekannt war. Selten hat sich die Phantasie Schu-\nbert's zu so hohem Schwung erhoben, zu solchem Ernste,\nsolchem Reiz und solcher Kraft, wie in diesem Werke.\nAuch dies kann als etwas Neues gelten, dass Herr Radecke\ndie letzte Sonate von Beethoven, die man einem Concert-\nPublicum bis jetzt fast noch nie zugemuthet hat, vortrug.\nEr lös'te die schwierige Aufgabe in durchaus befriedigender\nWeise.\nDie Aufführung des Fra Diavolo an der k. Oper hat\nwenig Glück gemacht. Die Leichtigkeit des Gesanges für\nAufgaben dieser Art ist nicht mehr vorhanden.\nEine neue Ouvertüre von Vieriing (zu Maria Stuart),\ndie in der letzten Soiree der k. Capelle aufgeführt wurde,\nzeichnet sich durch Adel, Ernst und Grösse der Haltung\naus. Sie ist das Werk eines echten Musikers, der die ge-\nwohnlichen, auffallenden Effecte verschmäht. Wir möchten\nan ihr nur dies aussetzen, dass sie fast zu spröde und düster\nist; das Lichte, Anmuthige, Reizvolle könnte zu grösserer\nGeltung kommen. Jedenfalls wünschen wir dem Werke,\ndass es auch auswärts zur Aufführung komme; denn es\nverdient dieselbe.\n\nG. E."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-01-20-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-01-20_01#c003", "volume": "bmtnabi_1855-01-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "22", "page_fin": "23", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550120-01.2.3", "titre_corps": "Aus London.", "titre_sommaire": "Aus London.", "signature_source": "C. A", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "22", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550120-01.1.6", "debut_caractere": 2862, "fin_caractere_exclue": 4802, "texte": "Aus London.\n\n[Händel's Deborah.]\nDen 30. December 1854*).\nVor demSchluss des Jahres muss ich doch noch etwas\nvon mir hören lassen, wenn ich nicht den Vorwurf der\nSaumseligkeit auf mich laden will. Sie wissen jedoch, dass\nin den ersten Winter-Monaten von eigentlicher Concert-\nMusik hier nur wenig, von Opern-Musik gar nicht die Rede\nist. Als ein Fortschritt muss es desshalb betrachtet wer-\nden, wenn die grossen musicalischen Vereine beginnen, die\nEröffnung ihrer Concerte etwas weiter nach Winters-An-\nfang voran zu schieben. Möglich jedoch, dass in diesem\nWinter die Kriegs-Verhältnisse dazu mitwirken, weil theils\ndie wirklichen Geschäfte, theils die Spannung der Gemüther\neine Menge von Herrschaften, welche sonst der finsteren\nResidenz den Rücken kehren, in London festhalten.\nSo hat die Sacred Harmonie Society in der ersten\nWoche des December ihre Concerte in Exeter Hall mit\neiner Aufführung von Händel's Deborah eröffnet, un-\nter der Leitung von Costa, welcher die Partitur durch\nneue Instrumentirung ergänzt hatte.\nDieses Werk von Händel hat in England niemals recht\ndurchgegriffen, und der gegenwärtige Versuch, es nach\nzehnjähriger Ruhe wieder ins Leben zu rufen, ist auch nicht'\nvon Erfolg gewesen, was jedoch keineswegs an der Aus-\nführung lag. Das Programm enthielt einige interessante\nhistorische Notizen. Die Deborah ist nämlich das erste\nOratorium, welches Händel für eine öffentliche Aufführung\ngeschrieben hat; denn Esther, die früheste Arbeit in die-\nser Gattung, war nur für die Schloss-Capelle des Herzogs\nvon Chandos in Cannons bestimmt, des bekannten Gönners\nvon Händel, der als sein Capellmeister im Schlosse wohnte.\nDa Esther indess später, im Jahre 1731, unter des Mei-\nsters persönlicher Leitung auf dem Theater des Königs (dem\nitaliänischen Opernhause) mit Erfolg aufgeführt wurde, so\nbewog dies Händel, ein ähnliches Oratorium zu schreiben,\n\n*) Der Redaction erst in diesen Tagen zugekommen (den 16.\nJanuar)."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "23", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550120-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3333, "texte": "welches er von Hause aus iür die Oeffentlichkeit bestimmte.\nEr wandte sich an einen unbedeutenden Literaten, Namens\nHumphreys; dieser schrieb ihm den Text, den man nur\naus übertriebener Höflichkeit ein Gedicht nennen kann, und\nim Jahre 1733 führte Händel das Werk zum ersten Mal,\nund zwar mit dem Personale der damaligen italiänischen\nOper im lüngs Theater auf.\nDiese Aufführung macht in so fern in der Geschichte\nder Musik in England Epoche, als Händel und das Publi-\ncum zu der Einsicht kamen, dass ganz andere, bisher nicht\nvorhandene Kräfte für diese Gattung von Musik geschaffen\nwerden müssten. Desshalb begann er von da an, einen\nChor zu bilden, und dies gelang ihm nach mehrjährigem,\neifrigstem Streben bekanntlich so gut, dass seine letzten\nWerke von einem zahlreichen und tongewaltigen Chor aus-\ngeführt wurden. Aber im Jahre 1733 stand ihm nur der\nschwache und verwahrlos'te Chor der italiänischen Oper\nzur Verfügung, welcher nichts Anderes zu singen gewohnt\nwar, als die erbärmlichen so genannten Chöre der Opern\nseiner Zeit. Die Partie der Deborah sang Signor Strada,\n. ein berühmter Sopranist, und die beiden feindlichen Krie-\nger waren iür die Altstimmen der Signori Senesino und\nBertolli geschrieben! Zehn Jahre später ordnete Händel\ndie Sache anders und liess die Alt-Partieen von Baritonen\nausführen; allein es gelang nicht, das Werk zu der Popu-\nlarität zu bringen, welche dem Messias, Samson, Josua\nu. s. w. in England zu Theil wurde. Der Vorstand der\nSacred Harmonie Society hätte also daraus wohl den Schluss\nziehen können, dass innere Gründe vorwalten, welche den\nErfolg der Deborah hindern, mit Einem Worte: dass,\neinige Chöre und wenige Solostücke (z. B. das Duett zwi-\nschen Deborah und Barak, die Bass-Arie des Abinoam u.\ns. w.) ausgenommen, diese Composition sich nicht mit den\nspäteren Oratorien messen kann.\nDieses Mal führte man sie nun noch gar nach der ur-\nsprünglichen Besetzung auf—eine Pietät, welche hier wohl\nnicht gut angebracht war, da für unser jetziges Publicum\nes doch gar zu lächerlich ist, dass zwei Damen, wenn sie\nauch so stattlich aussehen und so schön singen wie Miss\nDolby und Miss Huddart, uns die wüthenden Kriegs-\nHauptleute Barak und Sisera darstellen sollen. Clara No-\nvello sang die Deborah vortrefflich und declamirte nament-\nlich die Recitative mit jener edeln Würde in Ton und Vor-\ntrag, in welcher sie als Oratorien-Sängerin jetzt wohl ein-\nzig da steht. Formes machte aus der unbedeutenden\nBass-Partie alles, was daraus zu machen ist. Die Chöre\ngingen präcis und waren mächtig an Fülle. Trotz alle-\ndem wird die Deborah dennoch keine Wiederholungen\nerleben.\nJu 11 ie n hat seine Riesen-Concerte wieder begonnen,\nund seine Abwesenheit und sein Erfolg in America schei-\nnen ihm eher genützt als geschadet zu haben. Man stürzt\nsich auf seine Concerte; er verspricht die Pianistin Pleyel,\nden Violinisten Ernst, der übrigens hier nichts weniger als\netwas Neues ist, den Contrabassisten Bottesini, die Sänge-\nrin Thillon u. s. w., dazu eine Mozart-, eine Beethoven-,\neine Mendelssohn-Feier, eine Pantomimen-Quadrille, und\nvor Allem eine Allianz-Quadrille der britischen und fran-\nzösischen Armeen. Er kennt sein Publicum, und die Hoff-\nnung, dass John Bull dem Bruder Jonathan in New-York\nnichts voraus lassen wollen wird, dürfte ihm mit Silber-\nklang in Erfüllung gehen.\n\nC. A."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-01-20-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-01-20_01#c004", "volume": "bmtnabi_1855-01-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "23", "page_fin": "24", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550120-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "23", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550120-01.1.7", "debut_caractere": 3335, "fin_caractere_exclue": 5571, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. Am Mittwoch den 17. d. Mts. fand die dritte Soiree\nfür Kammermusik im Saale von Disch Statt. Sie brachte ein\nschönes Programm: Haydn (Quartett in D-dur), Mozart (Quin-\ntett in G-moll), Beethoven (Trio für Pianoforte u. s. w., Op. 70,\nD-dur, und Sonate in C-dur, Op. 53). Allen Respect, wenn die\ndrei Heroen aufmarschiren, die doch noch keiner der Nachkommen\nerreicht hat, er mag heissen, wie er wolle. Die Ausführungen aller\nNummern waren vortrefflich. Die Clavier-Partie hatte dieses Mal;\nF. Hill er übernommen, d. h. sie wurde in jeder Hinsicht, Auf-\nfassung und Technik, so vortrefflich geliefert, dass auch nicht der\nleiseste Wunsch, Dies oder Das möchte anders sein, übrig blieb.\nWagner's Lohengrin ist bis heute vier Mal gegeben worden\nin der zweiten Vorstellung war das Haus überfüllt, in der dritten\nnur massig besetzt jedoch ist die allgemeine Stimmung im\nPublicum eine günstige, woran die gute und glänzende Aufführung\nallerdings viel Theil hat.\n** Bonn. Am Dinstag den 16. d. Mts. fand unser drittes\nAbonnements-Concert Statt. Wir hörten darin die Ouver-\ntüre von Beethoven, Op. 115, in C-dur, hier zum ersten Male\nund die -4-</wr-Sinfonie von Beethoven; beide herrliche\nGeistesgebilde des grossen Meisters wurden mit sichtbarem Eifer\nund feuriger Hingebung von den Mitwirkenden unter Leitung des\nHerrn vonWasielewski wiedergegeben, wenn auch in der\nSinfonie dem scharfen Ohr sich ein paar Unebenheiten in Hinsicht\nder Reinheit und Sicherheit zeigten, wie sie sich indess überall\ngelegentlich ertappen lassen. Ausserdem wurden noch zwei Mo-\ntetten für Frauenstimmen mit Orgel-Begleitung (es war zu dem\nBehuf eine kleine, aber für diesen Zweck ausreichende Orgel im\nSaale aufgestellt) von Mendelssohn und die Fr ü hli n g s-P ha n-\ntasle von Gade zu Gehör gebracht. Die Motetten von Mendels-\nsohn interessiren weniger durch ihren schöpferischen Gehalt, als\ndurch die durch den Zusammenklang mit der Orgel erzeugte Ton-\nfarbe, welche indess doch auch wiederum leicht eine gewisse Mo-\nnotonie erzeugt. Im nächsten Concerte wird die Aufführung von\nHändel's Belsazar beabsichtigt.\nDem Vernehmen nach werden die Geschwister Neruda in\nnächster Woche auf dem hiesigen Stadttheater Concert geben."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "24", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550120-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5100, "texte": "Von Heinrich Dorn's Oper „Die Nibelungen\" wird\nnächstens der Clavier-Auszug im Verlage von Bote & Bock in\nBerlin die Presse verlassen. Bei der achten Vorstellung in diesem\nWinter waren auch Ihre Majestäten der König und die Königin\nzugegen.\n** Stuttgart. Unserer A bonnements-Concerte, welche\nvon der k. Hofcapelle unter abwechselnder Leitung der beiden\nCapellmeister Lintpaintner und Kücken im Theater gegeben\nworden, sind bis zum Ende des vorigen Jahres fünf gewesen. Die\nProgramme derselben können den Vergleich mit anderen Concert-\nInstituten nicht aushalten, da dem Sologesang gar zu viel Baum\nverstattet wird, und wir doch dabei keine anderen Künstler hören\nals diejenigen, welche uns bereits von der Oper her sattsam be-\nkannt sind. Es sind uns zwar auch einige grosse Orchesterwerke\nvorgeführt worden, z. B. die A-dur-Sinfonie von Beethoven, die\nSinfonie in C mit der Fuge im Finale von Mozart (das Concert\nzur Mozart-Feier am 5. December v. J. hatte überhaupt das beste\nProgramm), einige Ouvertüren, die Wüste von Felicien David;\naber im Ganzen ist der Inhalt der Concerte sehr bunt, und es kom-\nmen Stücke oder vielmehr Stückchen vor, die eines Concert-Insti-\ntuts für ernste Musik ganz unwürdig sind, wie z. B. Komisches\nTerzett von Mozart, Arie für Sopran von Adam, das komische Duett\naus der heimlichen Ehe, das Sternlein von Kücken, der Alpen-\njäger, das Czaaren-Lied von Lortzing, Romanze aus Fra Diavolo,\nüber Montecchi-Thema's u. s. w., und dann z. B.\ndie drei letzten Stücke zwischen einem Chor von Handel aus\nIsrael in Aegypten und dem Halleluja aus dem Messias! Da\nhört Alles auf, oder da fängt vielmehr der Unsinn an. Ich kann\nnicht sagen, von wem die Wahl der aufzuführenden Stücke ab-\nhängt; jedenfalls müssten die Herren Capellmeister, wrenn sie auch\nnicht die entscheidende Stimme haben sollten, ein ernstes Wort\ndarein reden; denn dass solche Anordnungen von ihnen aus-\ngehen, ist doch kaum glaublich.\nJenny Lind bringt den Winter wieder in Dresden zu; ob\nsie zur Concert-Saison nach London gehen wird, scheint noch\nunbestimmt zu sein.\nJul. Schulhoff hat diesen Monat in Dresden Concerte ge-\ngeben und befindet sich jetzt in Berlin.\nLeipzig-. Im Gewandhaus-Concert vom 1. Januar wurde unter\nAnderem ein Kyrie und Gloria von Moriz Hauptmann gemacht\nund ein Violin-Concert von J. Rietz (Manuscript), für den\nConcertmeister David geschrieben, von diesem vorgetragen.\nIn Leipzig studirt man eine Cantate „Manfred\" für Män-\nnerstimmen und Orchester von Louis Lacombe ein.\nRob. Franz hat den 117. Psalm für achtstimmigen Chor\ncomponirt.\nAus Wien schreibt man in der N. W. Musik-Zeitung: „Das\nConcert des Pianisten Louis Lacombe am 28. v. Mts., Abends\nhalb 8 Uhr, im Saale der Gesellschaft der Musikfreunde, hatte ein\nziemlich zahlreiches Publicum versammelt, das die Concertgeber\ndurch Beifall und Hervorruf auszeichnete. Wenn der Ruf Herrn\nLacombe unter die Pianisten ersten Ranges reiht, so hat er in Be-\nzug auf die Bewältigung des Technischen Recht; denn Herr La-\ncombe spielt mit grÖsster Deutlichkeit die schwierigsten Formen\naller Art; besonders ist seine linke Hand bewundernswerth, deren\nKraft zuweilen der Wirkung der rechten, wenn diese sich in leich-\nteren Verzierungen bewegt, während jene das Grund-Thema durch-\nführt, beinahe schadet. den Vortrag des Herrn Lacombe an-\nbelangt, so überwuchert die Methode das natürliche Gefühl, und\nsein häufiges Ritardiren, das sich sogar bis auf ein gewisses Zö-\ngern im Accord-Ansatze erstreckt, macht den Eindruck des Ma-\nnierirten und ermüdet. Sein Anschlag ist gut, seine Kraft zwar\nnicht jene Liszfs, aber genügend, um mit dem Orchester zu wett-\neifern, wenn dieses nicht so gewaltig auftritt, wie in dem Marsch-\nsatze des Weber'schen Concertstückes, das er vortrug. ~La chasse\ndu jeune Henri\" von Mehul, von Lacombe selbst für das Pianoforte\nübertragen, war das zweite Stück, das er spielte. Es hat einige pi-\nkante Stellen, die Effect machen, ist aber zu gedehnt und mono-\nton, um eine wahre Wirkung hervorbringen zu können. Von den\ndrei Salon-Piecen, die er zuletzt spielte, gefiel am besten die Polo-\nnaise, die er auch auf Verlangen wiederholte. Voraus ging „Le\nTorrent\" und „Melodie\". Nach diesen Proben zu urtheilen, ist das\nCompositions-Talent Lacombe's ein sehr geringes. Selbst der Reiz\nfeiner, überraschender Wendungen fehlt. Im Ganzen hat der Con-\ncertgeber keinen wahren Eindruck auf das anwesende Publicum\nhervorgebracht, und es lässt sich seinen weiteren Concerten kein\nsehr günstiges Prognostikon stellen.\"\n«\nDer wiener Männergesang-Verein gab sein erstes Concert\nam 31. December 1854 im k. k. Grossen Redouten-Saale vor einem\nwie gewöhnlich ausserordentlich zahlreichen Publicum. Die Aus-\nführung der Chöre war wie sonst vortrefflich; nur scheint ein\nMangel an kräftigen und schönen Tenorstimmen der Wirkung\nmancher Tonstücke zu schaden.\nEs heisst, dass man in Wien Hoffnung habe, den grossen\nViolinisten Vieuxtemps dauernd dort zu besitzen.\nDie Sängerin Anna Zerr, welche im vorigen Jahre mit Jul-\nien in Nordamerica war, ist gegenwärtig in der Schweiz. Ihre\nGastdarstellungen in Zürich machen volle Häuser."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "17", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550120-01.1.1", "texte": "Musik und Theater in Wien.\nI.\nWenden wir unsere Blicke zuerst auf die Gesell- j\nschaft der Musikfreunde des österreichischen !\nKaiserstaates, so ersehen wir aus ihrem Jahres-\nBerichte über das Verwaltungs-Jahr von November 1853\nbis 1854 allerdings erfreuliche Fortschritte ihrer Wirk-\nsamkeit, allein sie sind noch keineswegs, wie auch der Vor-\nstand selbst anerkennt, einer Stellung entsprechend, welche\ndie grösste musicalische Kunst-Anstalt des Kaiserstaates\neinzunehmen berufen wäre.\nDer Zweck der Gesellschaft, welche im Jahre 1812\ngegründet wurde, ist „Förderung echter lonkunst durch\nVeranstaltung wahrhaft künstlerischer Concerte und durch\nden Unterricht im Conservatorium\".\nWas zunächst die Concerte betrifft, so muss man über\ndie geringe Anzahl derselben erstaunen; denn es sind de-\nren im Ganzen nur sieben gegeben worden: vier Gesell-\nschafts-Concerte und drei so genannte Concerts spirituels.\nIn den vier ersteren kamen zur Aufführung: Sinfonie in\nG-dur von Haydn, die Walpurgisnacht von Mendels-\nsohn — Ouvertüre in C (%) und zweite Sinfonie in D\nvon Beelhoven, das Fragment „ Christus\" von Mendels-\nsohn — Ouvertüre Meeresstille u. s. w. von Mendels-\nsohn, ein Chor aus Händel's Samson, Beethoven's\nneunte Sinfonie— Sinfonie in D Nr. 4 von Mozart, der\nSturm von Haydn, Sinfonie Nr. 4 in von Men-\ndelssohn.\nDie drei Concerts spirituels,unter welchem Namen frü-\nher die berühmtesten Concerte in Wien gegeben wurden,\nwesshalb man ihn seit zwei Jahren wieder hervorgesucht\nhat, brachten: die Cantate „Gottes Zeit\" von J. S. Bach,\nAve verum von Mozart, Pastoral-Sinfonie von Beetho-\nven Meyerbeer's Musik zuStruensee mit verbinden-\ndem Gedicht von J. G. Sei dl —Beethoven s Clavier-\nConcert in Es-dur (gespielt von Dachs), F. Hillers\nOuvertüre zur Phädra, und von Rieh. Wagner Ouver-\ntüre und Chor aus dem Tannhäuser.\nSämmtliche Concerte wurden von dem artistischen Di-\nrector der Gesellschaft, Herrn Joseph Hellmesberger,\ngeleitet. Ueber den Inhalt der Programme brauchen wir\nkeine Bemerkungen zu machen, sie drängen sich dem Leser\nvon selbst auf; wenn man ihn mit den Leistungen fast aller\nübrigen Concert-Institute in Deutschland vergleicht, so er-\nscheint er höchst dürftig und lässt auf die ungünstigsten\nVerhältnisse, mit denen der Vorstand zu kämpfen hat,\nschliessen. Es scheinen dies innere und äussere zu sein,\nz. B. Musste die Auflühruug von Mendelssohn's Paulus aus-\nfallen, \\veil „wenige Tage vorher die Unmöglichkeit eintrat,\ndie Solo-Partie in einer des Werkes würdigen Weise zu\nbesetzen\"; und der Gesammt-Ertrag der Concerte betrug\nnur 1814 Gulden! Wenn nun auch die Mitglieder der Ge-\nsellschaft für ihren jährlichen Beitrag von 5 Fl. (resp. 6\nFl. für einen festen Platz) freien Zutritt haben, so beweis't\njene Ziffer dennoch einen gar grossen Mangel an Theil-\nnahme von Seiten des aussergesellschaftlichen Publicums.\nDagegen erscheinen die Kosten eines jeden Concerts, welche\n6—700 Fl. betragen, sehr hoch, zumal, da die Gesell-\nschaft ihr eigenes Gebäude hat, den Saal also nicht zu be-\nzahlen braucht (sie zieht im Gegentheil 4321 Fl. Miethe\ndavon) und Beleuchtung und Heizung ausserdem mit 1340\nFl. angesetzt sind. Die Gesammt-Einnahme betrug 14,991\nFl., welche bis auf 8 Fl. verausgabt worden sind, ein-\nschliesslich eines Vorschusses von 2100 Fl. an das Con-\nservatorium.\nDas Conservatorium, am 1. August 1817 ge-\ngründet, 1848 unterbrochen und am 4. October 1851\nwieder eröffnet, besitzt 3000 Fl. Activ-Vermögen und er-\nhält 3000 Fl. vom Staate und 2000 Fl. von der\nStadtgemeinde. (Wenn das doch hier bei uns Nach-\nahmung fände!) An Schul- und Eintrittsgeld hat es 1354\nFl., im Ganzen 6666 Fl. eingenommen und verausgabt.\nDie Schülerzahl betrug 169, darunter 113 Freischüler."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "18", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550120-01.1.2", "texte": "Präses der Direction, welche ausser ihm aus drei Pro-\nfessoren der Anstalt und einem Cassirer besteht, ist der\nrühmlichst bekannte Componist Ministerialrat!! Vesque\nvon Püttlingen; der ganze Vorstand besteht also, mit\nAusnahme des Rendanten, aus Männern vom Fach, was\nsehr lobenswerth ist. Unter den neunzehn Lehrern finden\nwir von bekannteren Namen J. F i s c h h o f tür Piano und\nGeschichte der Musik, Jos. und Georg Hellmesberger\nfür Violine, C. Schlesinger für Violoncell, R. Lewy\nfür Waldhorn, H. Anschütz, Regisseur des Burgtheaters,\nfür Declamation u. s. w. Als Gesanglehrerin ist neuerdings\nauch Frau Marchesi-Graumann angestellt; Herr F.\nStegmayr leitet die wöchentlichen Chor-Uebungen.\nEs liegt uns ferner ein neues Heft der „Recensio-\nneti und allgemeinen Bemerkungen über Thea-\nter und Musik, Wien, 1855, bei J. F. Gress\"\nvor. Die Herausgabe derselben ist ein sehr beachtenswer-\nthes kritisches Unternehmen, auf welches auch der geehrte\nwiener Correspondent Ihrer Zeitung bereits im vorigen\nJahre aufmerksam gemacht hat. Die musicalische Kritik lag\nin Wien sehr im Argen und liegt zum grössten Theil noch\ndarin; es muss also den Wienern selbst—namentlich den\nwirklich weiterstrebenden Künstlern recht lieb sein,\ndass ein Mann, dem eine grosse Erfahrung in Sachen der\nKunst und keine gewöhnliche Einsicht zu Gebote zu stehen\nscheint, in schlichtem, mitunter etwas derbem Stil die\nWunden der verschiedenen Kunst-Institute aufdeckt und\nso viel sich aus den sämmtlichen bis jetzt erschienenen Hef-\nten, sechs an der Zahl, entnehmen lässt ganz frei von\nVorliebe oder Abneigung gegen Personen die Sache der\nKunst ins Auge fasst und keine Rücksicht und Schonung\nauch der berühmten Namen kennt, wenn es darauf ankommt,\ndie Wahrheit zu sagen. Dabei enthalten diese Hefte nicht\nbloss Aufklärungen und Urtheile über Kunst-Zustände in\nWien, obwohl eben diese interessant genug sind, sondern\nauch eine Menge von Bemerkungen, welche überall passen\nund besonders den Theater-Intendanzen und Directionen\nsehr zu empfehlen sind. Dabei ist der Standpunkt des Ver-\nfassers ein sittlicher und reiner, aber mehr praktischer als\ntheoretischer, wesshalb wir glücklicher Weise keinen ge-\nschraubten philosophischen Deductionen begegnen, und sein\nHauptziel ist, dem Verfall der Kunst durch die Künstler\nund durch die schlechte Kritik entgegen zu treten.\nDas siebente Heft gibt zunächst eine Uebersicht der\nWirksamkeit der Vorstadt-Theater in Wien während\nder Jahre 1852\nAbhandlung über das Personal und Repertoire\nder k. k. Hofoper.\nEs gibt in Wien drei Vorstadt-Theater, welche alle\ndrei der Privat-Unternehmung überlassen sind, und zwei\nHofbühnen; die ersteren sind das Carl-Theater, das\nTheater aji der Wien, das Josephstädter Theater'\nverbunden mit der Arena, einem Sommer-Theater; die\nletzteren das Burgtheater und das Opern-Theater\nam Kärnthnerthor. Wenngleich die ersteren, bei de-\nnen die Musik Nebensache ist, weniger in den Bereich die-\nser Zeitung gehören, so sind sie doch für die Geschichte\nund den gegenwärtigen Zustand der Volkstheater, deren\neinzige Reste sie noch sind, wichtig. Leider scheinen sie\nihrem Untergange entgegen zu gehen. Der Verfasser gibt\ndie vollständigen Verzeichnisse der in den letzten zwei Jah-\nren aufgeführten Stücke und anderen Productionen - wie\nz. B. Pepita 37 Mal, Klischnigg als Affe 13 Mal, Therese\nMilanollo 7 Mal, Petra Camara 34 Mal, Vieuxtemps 5\nMal, Weiss Kinder-Ballet 37 Mal, zwei Zwerge 31 Mal,\nPerser 7 Mal, Gasanova's Affen 5 Mal u. s. w. u. s. w„\n*— und knüpft daran zunächst die Bemerkung über die\n„trostlose Leerheit im Gebiete der dramatischen Production\nim Fache der Volksposse. Von den in früheren Zeiten be-\nliebten Volkspossen ist kaum der Name übrig geblieben,\nund jeder Versuch, sie wieder zu beleben, scheitert. Wenn\nschon das Lustspiel in seiner feinsten Form nur äusserst\nselten die Zeit, in welcher es entstanden, überdauert, weil\nes eben nur die Fehler, Thorheiten, Eigenheiten, Lächer-\nlichkeiten seiner Zeit zu schildern pflegt, um wie viel we-\nniger kann die Posse, welche sich in der Schilderung lo-\ncaler Zustände meist bloss auf Aeusserlichkeiten be-\nschränkt, auf eine längere Wirksamkeit Anspruch machen ?\"\nVon Localpossen einheimischer Verfasser ist auf dem\nJosephstädter Theater auch nicht eine erschienen, deren\nErwähnung der Mühe verlohnte. An der Wien waren\nselbst die Possen, welche anlänglich einen Erfolg zu haben\nschienen, höchst mittelmässige Arbeiten und verschwanden\nwieder vom Repertoire. Das Carl-Theater besitzt die zwei\nbesten Localpossen-Dichter der Gegenwart, Nestroy und\nKaiser; des Ersteren „Theater-Geschichten\" gehören zu\nseinen schwächsten Arbeiten, wurden jedoch freundlich auf-\ngenommen, und von den leider allzu rasch geschriebenen\nKaiser'schen Stücken wurde nur „Eine Feindin und ein\nFreund\" beliebt. Also binnen zwei Jahren auf allen drei\nTheatern höchstens zwei Stücke, welche dauernd gefielen!\nWeiter klagt der Verfasser über den Mangel einer\nLocalSängerin an allen drei Theatern und kommt -zu-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550120-01.1.3", "texte": "letzt auf „ die Erbsünde alles Theaterwesens, die Unlähig-\nkeit der Bühnenlenker\", wobei er jedoch dem verstorbenen\nDirector Carl grosse Gerechtigkeit widerfahren lässt. Dann\neifert er mit Recht gegen die Manie der spanischen Tänze\nund gegen die Sommer-Theater, diese „ glänzend hergerich-\nteten Empfangshallen des Gemeinen\". Ganz einverstanden\nmit ihm sind wir, wenn er sagt: „Wenn es traurig ist, mit\nanzusehen, wie wenig Anklang und intelligenten Schutz\ndas Edle findet, so kann man es andererseits als Trost und\nEntschädigung hinnehmen, dass auch das Gemeine\nsich nicht dauernd zu halten vermag. Es ist nicht\nwahr, was so oft wiederholt wird, dass nur das Seichte,\nFlüchtige, Gemeine der Menge gefalle, und dass jeder\nTheater-Director zu Grunde gehe, der künstlerische Grund-\nsätze zur Geltung bringen wolle; die Erfahrung straft diese\nAnsicht Lügen u. s. w.\" Möchte sich jeder Theater-\nDirector zu Herzen nehmen, was von S. 50\nden wahren Yortheil und das Gedeihen einer Bühnen-Un-\nternehmung gesagt ist!\nDer zweite Aufsatz, „Ueber die wiener Oper\",\ngeht uns näher an. Er beginnt mit einer Gegenüberstellung\nder beiden Hofbühnen, in der es unter Anderem heisst:\n„ Wir brauchen bei dem gründlichen Unterschiede zwi-\nschen den Leistungen beider Bühnen kaum zu sagen, nach\nwelcher Seite hin die Wagschale sich neigt. Trotz manchen\nFehlern, die im Burgtheater begangen werden und als lei-\ndige Folge bestehender widersinniger Einrichtungen noch\nferner werden begangen werden, besitzt unser recitirendes\nSchauspiel bedeutende Kräfte und ermangelt keineswegs\nder Elemente eines neuen, kräftigen Aufschwungs, während\ndas opern-Theater, trotz manchem lobenswerthen Im-\npuls, den der gute Wille Einzelner dem Institute zuweilen\nzu geben trachtet, doch immer tiefer zu versinken droht i n\njenes widrige, unkünstlerische Scheinleben,\nzu dem es seit Jahren verurtheilt ist. Im Burgtheater ist\neine beträchtliche Anzahl Vorstellungen geeignet, den streng-\nsten Kunstfreund zu befriedigen, und die grosse Mehrzahl\ndieser Vorstellungen dürfte allen billigen Anforderungen ge-\nnügen. Wer dasselbe von den Leistungen unserer Oper\nzu behaupten wagt, der beweis't nur, dass er, unfähig,\nselbst zu urtheilen, seine Ansichten den Beifalls-Be-\nzeigungen unmusicalischer Zuhörer oder den Spalten der\nKärnthnerthor-Journale entlehnt.\n„Auch das Publicum beider Theater ist wohl zu un-\nterscheiden; im Burgtheater ist man zurückhaltend, oft et-\nwas gar phlegmatisch, ja, man könnte sagen: schläfrig;\ndie bedeutendsten Künstler müssen sich den kleinsten Bei-\nfall mühsam erkämpfen; doch wird dieser Beifall, wenn\nauch kärglich, doch im Allgemeinen vernünftig zugetheilt;\ndas Publicum lässt sich nicht leicht etwas aufdringen und\neinreden; es bleibt der Würde seines Burgtheaters immer\neingedenk. Jene Zuhörer hingegen, welche das Opern-\nTheater lullen, sind zum Theil blasirt, zum Theil in eine\nunbeschreibliche Geschmacks-Verderbniss versunken, und\ndie Mehrzahl derselben kann sich bei allem guten Willen,\nja, sogar bei der in mancher Hinsicht noch vorhandenen\nFähigkeit, das Gute anzuerkennen, dennoch nicht enthalten,\nbeinahe allabendlich dem Schlechten jedweden Vorschub\nzu leisten. Noch ärger ist es mit der Kritik. Das Burg-\ntheater erfährt in mehreren Blättern eine mit Sachkennt-\nniss und Ruhe, meist ohne Parteilichkeit und in anständi-\ngem Tone geschriebene Beurtheilung des Geleisteten, wäh-\nrend die wenigen unabhängigen Musik-Kritiker mit unbe-\ngreiflicher Gleichgültigkeit den Lobhudlern des Opern-\nTheaters freies Spiel lassen. Jene sprechen höchstens alle\ndrei, vier Wochen einen mehr oder minder energischen,\nwohlbegründeten Tadel aus, während diese mit ihren eben\nso leidenschaftlichen, als unwissenden und inconsequenten\nLobsprüchen das Publicum täglich zu bearbeiten suchen.\n„Alle unabhängigen, zurechnungsfähigen Kritiker be-\ntrachten beide Hoftheater von diesem Gesichtspunkte. Wenn\nwir aber bedenken, dass unsere gesinnungstüchtigen Mei-\nnungs-Genossen leider nur allzu selten und selbst dann\noft nicht so entschieden, als es nöthig wäre, ihre\nStimme gegen die Entwerthung des Opern-Theaters erhe-\nben; wenn wir ferner sehen, wie leicht das lür Wahrheit\nund Gerechtigkeit gesprochene Wort klanglos verhallt oder\ndoch erst nach und nach sich Geltung und Vertrauen er-\nwirbt dann fühlen wir deutlicher als je, wie es noth\nthut, das oft jGesagte zu wiederholen, das oft Bewiesene\naufs Neue zu beweisen.\n„Wir wenden uns also zuerst zu dem ausübenden\nKünstler-Personale.\n„Im Burgtheater sehen wir an der Spitze desselben eine\nAnzahl Schauspieler und Schauspielerinnen, welche, wenn\nauch gealtert oder im Altern begriffen, doch noch mit Recht\nals die Zierde der deutschen Schauspielwelt anerkannt werden\nmüssen. Sie besitzen die nöthige allgemeine Bildung, haben\nin ihrer Kunst was Tüchtiges gelernt, ;hr natürliches Ta-\nlent durch eifriges Studium der Kunstregeln und der Natur\nzweckmässig ausgebildet, das schöne Maasshalten, die Kraft\nund Anmuth ihrer Leistungen ausbildend bewahrt; ihr Spiel\nzeigt noch oft genug diese Jugendfrische, welche sie nun\nim Leben bereits abgestreift haben. Manche von ihnen sind"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550120-01.1.4", "texte": "gänzlich abgesehen von allen möglichen Vergleichen mit\nden gepriesenen Grössen anderer Bühnen als hervorra-\ngende Talente, erfahrene Meister und wohl zu beachtende\nMuster so ziemlich allgemein anerkannt. Ferner ist es den\nBemühungen des Herrn Laube gelungen, einen kräftigen\nNachwuchs im Burgtheater zusammen zu scharen. Bereit-\nwillig erschliessen sich diese Hallen dem edlen Streben des\nKunstjüngers; es findet dieser hier einen Lebensunterhalt,\nviel, wenn auch nicht immer passende, Beschäftigung, und\nwenn auch keine eigentliche Schule, wie sie im Interesse\nder Schauspielkunst zu wünschen wäre, so doch vortreff-\nliche Muster, nach welchen er sich, so gut es geht, weiter\nausbilden kann. Die meisten der hervorragenden Mitglieder\ndes Burgtheaters sind bloss auf diesem Wege der Nach-\neiferung berühmter Muster zur Vollendung gelangt. Es\nist hiermit die Möglichkeit vorhanden, dass ein Anfän-\nger, wenn er Talent hat, sich im Burgtheater zu einem\ntüchtigen Künstler heranbilde. Endlich befinden sich noch\nim Personale dieser Bühne mehrere bewährte Darsteller\nzweiten Banges, welche das Ensemble auf höchst anständige\nWeise vervollständigen.\n„ Welch total verschiedenen Anblick gewährt das Per-\nsonal des Kärnthnerthor-Theaters! Jene, welche hier als\nerste Sänger und Sängerinnen fungiren, verdanken dies\nentweder der oft einseitigen, aber immerhin bemerkenswer-\nthen technischen Stimmbildung, welche es ihnen\nmöglich macht, mit wenigen prächtigen Tönen zu prunken,\noder der sorgsameren Ausbildung ihres Darstellungs-\nTalentes; die Uebrigen behelfen sich mit allgemeinen\nmusicalischen Kenntnissen oder mit ein Bisschen Bühnen-\nRoutine. Selten oder gar nie findet man auch nur zwei der\neben genannten Wirkungsmittel bei einem Individuum ver-\neint, und als eigentlicher Gesangskünstler kann\nnicht Einer unserer Operisten gelten. Wenn man dieselben\nals die besten Sänger und Sängerinnen Deutschlands anzu-\npreisen sich bemüht, so mag dies allerdings eine gewisse\nrelative Richtigkeit haben; unsere Oper besitzt die besten\nSänger, welche im Augenblicke vorhanden sind; wir kön-\nnen uns aber desswegen doch nicht verhehlen, dass diesel-\nben sehr weit zurück sind in dem, was man die Kunst\ndes musicalischeii Vortrages, des Gesanges,\nnennt. Es ist unbeschreiblich, wie hoch in dieser Hinsicht\ndie Begriffs-Verwirrung bereits gestiegen ist. —•\n„Wenn unsere Gesangsmeister wirklich „„das rein\nMusicalische des Singens genau einzustudiren*\"\nverständen, wenn ihr Unterricht es wirklich dahin brächte,\n„„Sänger\"\" zu bilden, dann hätten wir alle Ursache,\nmit der Gegenwart zufrieden zu sein, wenigstens in so fern\ndie Kunst des Gesanges vor gänzlichem Untergange be-\nwahrt und eine frohe Aussicht auf eine bessere Zukunft er-\nöffnet bliebe. Allein dem ist nicht so. Gerade der Unterricht\nim „ „ Singen\" \" wird von den Gesanglehrern offenbar auf\nganz verfehlte Art betrieben; gerade der rein musicalische\nTheil von des Opernkünstlers schwerer Aufgabe wird völ-\nlig vernachlässigt, und zwar in einem Maasse, welches man\nkaum für möglich halten sollte, würde man es nicht täglich\nvon Neuem erfahren. Wir sind weit entfernt, den drama-\ntischen Theil des Operngesanges gering zu achten; wir\nfordern auch vom Opernsänger die Haupt-Eigenschaften\neines guten Schauspielers wir fordern sie wohlge-\nmerkt von dem „ „ Sänger\"\" ; also indem wir unsere\nForderung in Betreff dramatisfcher Ausbildung stellen, setzen\nwir das Vorhandensein des „„Sängers\"\" voraus;\nlür einen Sänger aber, das heisst für einen guten Sänger,\nhalten wir den, der, im Besitze einer genügend ausgebilde-\nten Stimme, das „ „rein Musicalische des Singens\"\", näm-\nlich die musicalische Betonung, die Kunst des musicalischen\nVortrages, oder wie man es sonst noch benennen mag,\ngründlich inne hat. Angesichts der Armuth sämmtlicher\neuropäischer Opernbühnen an hervorragenden Künstlern,\nist es höchst überflüssig, und in Anbetracht der Missbräuche,\nwelche im Namen des „ „dramatischen Vortrags\"\" entstan-\nden sind, sogar sehr schädlich, beständig nur von Ausdruck,\nEmpfindung, Feuer, Seele, Poesie, geistigem Vortrage, oder\nvon geistiger Intuition, von plastischer Gestaltung, musica-\nlischer Declamation, dramatischem Leben, charakteristischer\nAuffassung u. s. w. u. s. w. zu reden. Das ist wohl alles\ngut und schön, allein bevor wir nach dem poetischen Wer-\nthe einer Gesangesleistung forschen, wäre es doch gut, zu\nwissen, ob der Sänger nicht falsch singt. Freilich, wenn es\nsich bloss darum handelt, irgend eine künstlerische Indivi-\ndualität in vollem Glänze erscheinen zu lassen, da mag es\nwohl leichter sein, mit ästhetischen Phrasen zu prunken und\ndabei die einfachsten Regeln der Kunst, geflissentlich oder\nnicht, ausser Acht zu lassen. Wer aber ernstlich hören und\nurtheilen will, der wird mit uns sagen: Alles zu seiner Zeit\nund in gehöriger Rangordnung!\"\n\nBerliner Briefe.\n\n[Clara Schumann Joachim H. von Bü low Oper\nQuartett-Soireen.]\nDen 10. Januar 1855.\nAls ich Ihnen zuletzt schrieb, begannen die Concerte\nvon Clara Schumann und Joachim, von denen wir"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "21", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550120-01.1.5", "texte": "wohl behaupten dürfen, dass sie den Höhepunkt dieser Sai-\nson bildeten. Clara Schumann gab vor der Ankunft Joachim's\nein Concert, dann in Gemeinschaft mit ihm drei Soireen;\ndie Sprödigkeit unseres Publicums gegen Concert-Besuch,\ndie mit jedem Jahre im Zunehmen ist, wurde diesmal voll-\nständigbesiegt. Ueber die Leistungen beider Künstler herrscht\nim Ganzen folgende Meinung bei uns: Joachim's hohe künst-\nlerische Stellung wird fast allgemein mit Begeisterung an-\nerkannt. Esne so weit ausgebildete Virtuosität, eine so ei-\ngreifende sinnliche Schönheit des Tones, wie sie z. B. in\ndem Vortrage von Beethoven's G-dur-Romanze sich zeigte,\nvereinigt sich fast nie mit einem so ernsten, allem oberfläch-\nlichen Effect feindlich abgewandten Streben. Sein Spiel und\nsein ganzes Wesen sind ein Gegenstand der allgemeinsten\nTheilnahme und Liebe. Zu bedauern bleibt es indess, dass\neine solche Kraft einen so kleinen Raum hat, sich auszu-\nbreiten. Da Joachim Alles verschmäht, was nicht aus einer\nhöheren künstlerischen Anschauungsweise hervorgegangen\nist, so wird ihm ein häufiger Verkehr mit dem Publicum\nerschwert. Er selbst würde dem Verkehr mit der Aussen-\nweit und dem öffentlichen Auftreten vielleicht weniger ab-\ngeneigt sein, als er es in der That ist, wenn ihm eine grös-\nsere Zahl von seiner würdigen Werken zu Gebote stände.\nZwar lässt sich nicht läugnen, dass mit dieser ernsten Rich-\ntung ein Hang zur Einsamkeit sich leicht verbindet; was\nviele Menschen unterhalten soll, ist der Natur der Sache\nnach nicht das Tiefste und Bedeutendste. Aber man darf\nnicht übersehen, dass unsere Cultur-Verhältnisse sich eigen-\ntümlich gestaltet haben, und dass es namentlich in Berlin\nso viele Musiker und Musikfreunde gibt, die sich von dem\ngewöhnlichen, oberflächlichen Musikleben ganz zurückziehen,\ndass sie fast ein eigenes, nur das Höchste verlangendes Con-\ncert-Publicum bilden. Es wäre für Joachim ein des Stre-\nbens würdiges Ziel, sich selbst ein Concert-Repertoire zu\nschreiben, glänzend für sein Instrument, bedeutend durch\nden Inhalt; und wir denken, dass der Wunsch, sich in sei-\nnem innersten Wesen nicht nur rein zu erhalten, sondern\nauch zur vollsten äusseren Geltung zu bringen, sich selbst\nder Welt nach allen Kräften mitzutheilen, ihn ebenfalls be-\nseelen muss. Denn dieser Drang zur Mittheilung ist das\nGemeinsame aller energischen und bedeutenden Geister;\nund auf die Dauer durch einsame Zurückgezogenheit sich\nbefriedigt zu fühlen, würde uns von ihm kaum glaublich\nerscheinen. Auch das Spiel von Clara Schumann findet\nüberall entschiedenste Anerkennung, ruft aber in geringe-\nrem Grade Enthusiasmus hervor. Sie erscheint Einzelnen\nkalt und hart; ausserdem wird die Schnelligkeit der von ihr\ngewählten Tempi vielfach getadelt. Von ihrer jüngeren\nKunst-Rivalin W. Clauss unterscheidet sie sich sehr bedeu-\ntend. Beide fassen verständig und sinnig auf; aber Clara\nSchumann neigt sich, wir möchten nicht sagen: dem Kräf-\ntigen, sondern dem Markigen, Kernigen, Gediegenen zu ;\neine gesunde Einfachheit bildet den Grundton ihres Spiels,\ndas darum gerade für den Vortrag classischer Compositionen\nausserordentlich geeignet ist. Man lühlt sich wohl bei die-\nsem Maasshalten, das sich in ihr so glücklich mit einer den-\nnoch geistvollen, lebendigen Auffassung verbindet. W. Clauss\nfühlt zarter, duftiger, feiner und ist in so fern freilich ein-\nseitiger, leistet aber das Bedeutendere in diesen kleinen\nStücken von Chopin, Mendelssohn und Heller, in denen we-\nnigstens, die dem Gefühlsleben einer sinnigen, jungfräulichen\nNatur entsprechen. Bedeutungsvoll waren die Concerte von\nClara Schumann und Joachim auch durch die Zusammen-\nstellung der Programme. Beethoven und Bach bildeten den\nMittelpunkt; daran reihten sich Werke von Weber, Men-\ndelssohn, Chopin, Schumann, Brahms, Bargiel. Wir danken\nes beiden Künstlern, dass sie die Gelegenheit benutzten,\ndas Concert-Publicum mit manchen neueren Compositionen\nbekannt zu machen. Das Interesse an der Kunst ermattet,\nwenn es nicht durch Neues angeregt wird; und man be-\nginnt auch in Berlin, wo mehr als anderwärts dem Neuen\naller Zugang verschlossen war, dies immer deutlicher zu\nfühlen. Die beiden Sätze aus der F-moll-Sonate von Brahms,\ndie Clara Schumann spielte, machten übrigens im Ganzen\nnur geringen Eindruck; eine gewisse Kraft der Phantasie,\ndie freilich noch bedeutender Regelung und Reinigung be-\ndarf, lässt sich dem Werke nicht absprechen.\nGleichzeitig mit Clara Schumann erschien Hans von\nB ü1 o w und gab ebenfalls ein Concert, in dem er die glän-\nzendste Technik und eine feurige, lebendige Auffassungs-\nweise bewährte, die freilich leicht ins Pathetische, Rhetori-\nsche fällt und durch ihre Absichtlichkeit die Wirkung ab-\nschwächt. Bülow trug das Es-dvon Beethoven,\ndie von Liszt für Ciavier eingerichtete Orgelfuge von Bach,\nausserdem Mehreres von Liszt und Chopin vor. Er zeigte\nsich in grosser Vielseitigkeit als einen nach allen Richtun-\ngen hin geschulten Virtuosen; aber die Theilnahme, die er\nfindet, wird immer von der Uebereinstirnmung abhangen,\nin der sein inneres geistiges und gemüthliches Wesen mit\nden Bestrebungen und Neigungen Anderer steht. Bülow hat\neine Individualität und drückt diese in seinem Spiel aus;\ndarum lässt sich auch das Verhältniss zu derselben aus dem\nUrtheile über ihn nicht wegdisputiren. Aus den Zeitungen\nist Ihnen bereits bekannt, dass Bülow den Clavier-Unterricht"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "22", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550120-01.1.6", "texte": "an der Musikschule von Marx & Stern von Ostern ab über-\nnehmen wird. Kullak, der denselben bisher leitete, beab-\nsichtigt, ein neues Conservatorium zu gründen, das unter\nseiner alleinigen Leitung stehen soll. Kullak's Leistungen\nals Clavierlehrer gelten hier allgemein als vortrefflich; auch\nbei der vorjährigen öffentlichen Aufführung, die von den\nZöglingen der Musikschule veranstaltet wurde, hatten sich\ndieselben vorzüglich bewährt. Es lässt sich daher von dem\nneuen Unternehmen Gutes erwarten, vorausgesetzt, dass\nden übrigen Zweigen des Musik-Unterrichts dieselbe Sorg-\nfalt zu Theil wird, wie dem Clavierspiel.\nDas Gastspiel Roger's, das in die Weihnachtszeit fiel\nund leider nur aus drei Vorstellungen bestand, erfrischte\nuns in anregendster Weise das Bild des grössten dramati-\nschen Sängers der Gegenwart. Wir wünschen nur, dass\nsein glänzendes Vorbild die Mehrzahl der deutschen Sänger\nbestimmen möge, mit etwas weniger Apathie und Lethargie,\nals gewöhnlich geschieht, ihre Rollen abzusingen. Möge er\nimmer in Einzelheiten über das Maass der strengsten Schön-\nheit hinausgehen; Leistungen dieser Art sind uns dennoch\nlieber, als die öde Monotonie, die aus dem Vortrage der\nmeisten Sänger uns entgegengähnt. Auch als Concertsänger\ntrat Roger auf und riss, wie auf der Bühne, durch die\nKraft seiner Phantasie hin. Mit ihm zusammen liess sich der\nHornist Vi vi er hören, der mit einer trefflichen Technik\neinen ausdrucksvollen, aber freilich zu subjectiven Vortrag\nder Melodie verbindet.\nDie zweite Soiree der Herren Radecke, Grünwald\nund v. d. Osten war durch ihr Programm sehr interessant.\nVor Allem ist das geniale Streich-Quintett von F. Schubert\nzu nennen, das, erst vor ungefähr zwei Jahren in Druck er-\nschienen, hier noch nie öffentlich aufgeführt und daher nur\nWenigen bekannt war. Selten hat sich die Phantasie Schu-\nbert's zu so hohem Schwung erhoben, zu solchem Ernste,\nsolchem Reiz und solcher Kraft, wie in diesem Werke.\nAuch dies kann als etwas Neues gelten, dass Herr Radecke\ndie letzte Sonate von Beethoven, die man einem Concert-\nPublicum bis jetzt fast noch nie zugemuthet hat, vortrug.\nEr lös'te die schwierige Aufgabe in durchaus befriedigender\nWeise.\nDie Aufführung des Fra Diavolo an der k. Oper hat\nwenig Glück gemacht. Die Leichtigkeit des Gesanges für\nAufgaben dieser Art ist nicht mehr vorhanden.\nEine neue Ouvertüre von Vieriing (zu Maria Stuart),\ndie in der letzten Soiree der k. Capelle aufgeführt wurde,\nzeichnet sich durch Adel, Ernst und Grösse der Haltung\naus. Sie ist das Werk eines echten Musikers, der die ge-\nwohnlichen, auffallenden Effecte verschmäht. Wir möchten\nan ihr nur dies aussetzen, dass sie fast zu spröde und düster\nist; das Lichte, Anmuthige, Reizvolle könnte zu grösserer\nGeltung kommen. Jedenfalls wünschen wir dem Werke,\ndass es auch auswärts zur Aufführung komme; denn es\nverdient dieselbe.\n\nG. E.\n\nAus London.\n\n[Händel's Deborah.]\nDen 30. December 1854*).\nVor demSchluss des Jahres muss ich doch noch etwas\nvon mir hören lassen, wenn ich nicht den Vorwurf der\nSaumseligkeit auf mich laden will. Sie wissen jedoch, dass\nin den ersten Winter-Monaten von eigentlicher Concert-\nMusik hier nur wenig, von Opern-Musik gar nicht die Rede\nist. Als ein Fortschritt muss es desshalb betrachtet wer-\nden, wenn die grossen musicalischen Vereine beginnen, die\nEröffnung ihrer Concerte etwas weiter nach Winters-An-\nfang voran zu schieben. Möglich jedoch, dass in diesem\nWinter die Kriegs-Verhältnisse dazu mitwirken, weil theils\ndie wirklichen Geschäfte, theils die Spannung der Gemüther\neine Menge von Herrschaften, welche sonst der finsteren\nResidenz den Rücken kehren, in London festhalten.\nSo hat die Sacred Harmonie Society in der ersten\nWoche des December ihre Concerte in Exeter Hall mit\neiner Aufführung von Händel's Deborah eröffnet, un-\nter der Leitung von Costa, welcher die Partitur durch\nneue Instrumentirung ergänzt hatte.\nDieses Werk von Händel hat in England niemals recht\ndurchgegriffen, und der gegenwärtige Versuch, es nach\nzehnjähriger Ruhe wieder ins Leben zu rufen, ist auch nicht'\nvon Erfolg gewesen, was jedoch keineswegs an der Aus-\nführung lag. Das Programm enthielt einige interessante\nhistorische Notizen. Die Deborah ist nämlich das erste\nOratorium, welches Händel für eine öffentliche Aufführung\ngeschrieben hat; denn Esther, die früheste Arbeit in die-\nser Gattung, war nur für die Schloss-Capelle des Herzogs\nvon Chandos in Cannons bestimmt, des bekannten Gönners\nvon Händel, der als sein Capellmeister im Schlosse wohnte.\nDa Esther indess später, im Jahre 1731, unter des Mei-\nsters persönlicher Leitung auf dem Theater des Königs (dem\nitaliänischen Opernhause) mit Erfolg aufgeführt wurde, so\nbewog dies Händel, ein ähnliches Oratorium zu schreiben,\n\n*) Der Redaction erst in diesen Tagen zugekommen (den 16.\nJanuar)."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "23", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550120-01.1.7", "texte": "welches er von Hause aus iür die Oeffentlichkeit bestimmte.\nEr wandte sich an einen unbedeutenden Literaten, Namens\nHumphreys; dieser schrieb ihm den Text, den man nur\naus übertriebener Höflichkeit ein Gedicht nennen kann, und\nim Jahre 1733 führte Händel das Werk zum ersten Mal,\nund zwar mit dem Personale der damaligen italiänischen\nOper im lüngs Theater auf.\nDiese Aufführung macht in so fern in der Geschichte\nder Musik in England Epoche, als Händel und das Publi-\ncum zu der Einsicht kamen, dass ganz andere, bisher nicht\nvorhandene Kräfte für diese Gattung von Musik geschaffen\nwerden müssten. Desshalb begann er von da an, einen\nChor zu bilden, und dies gelang ihm nach mehrjährigem,\neifrigstem Streben bekanntlich so gut, dass seine letzten\nWerke von einem zahlreichen und tongewaltigen Chor aus-\ngeführt wurden. Aber im Jahre 1733 stand ihm nur der\nschwache und verwahrlos'te Chor der italiänischen Oper\nzur Verfügung, welcher nichts Anderes zu singen gewohnt\nwar, als die erbärmlichen so genannten Chöre der Opern\nseiner Zeit. Die Partie der Deborah sang Signor Strada,\n. ein berühmter Sopranist, und die beiden feindlichen Krie-\nger waren iür die Altstimmen der Signori Senesino und\nBertolli geschrieben! Zehn Jahre später ordnete Händel\ndie Sache anders und liess die Alt-Partieen von Baritonen\nausführen; allein es gelang nicht, das Werk zu der Popu-\nlarität zu bringen, welche dem Messias, Samson, Josua\nu. s. w. in England zu Theil wurde. Der Vorstand der\nSacred Harmonie Society hätte also daraus wohl den Schluss\nziehen können, dass innere Gründe vorwalten, welche den\nErfolg der Deborah hindern, mit Einem Worte: dass,\neinige Chöre und wenige Solostücke (z. B. das Duett zwi-\nschen Deborah und Barak, die Bass-Arie des Abinoam u.\ns. w.) ausgenommen, diese Composition sich nicht mit den\nspäteren Oratorien messen kann.\nDieses Mal führte man sie nun noch gar nach der ur-\nsprünglichen Besetzung auf—eine Pietät, welche hier wohl\nnicht gut angebracht war, da für unser jetziges Publicum\nes doch gar zu lächerlich ist, dass zwei Damen, wenn sie\nauch so stattlich aussehen und so schön singen wie Miss\nDolby und Miss Huddart, uns die wüthenden Kriegs-\nHauptleute Barak und Sisera darstellen sollen. Clara No-\nvello sang die Deborah vortrefflich und declamirte nament-\nlich die Recitative mit jener edeln Würde in Ton und Vor-\ntrag, in welcher sie als Oratorien-Sängerin jetzt wohl ein-\nzig da steht. Formes machte aus der unbedeutenden\nBass-Partie alles, was daraus zu machen ist. Die Chöre\ngingen präcis und waren mächtig an Fülle. Trotz alle-\ndem wird die Deborah dennoch keine Wiederholungen\nerleben.\nJu 11 ie n hat seine Riesen-Concerte wieder begonnen,\nund seine Abwesenheit und sein Erfolg in America schei-\nnen ihm eher genützt als geschadet zu haben. Man stürzt\nsich auf seine Concerte; er verspricht die Pianistin Pleyel,\nden Violinisten Ernst, der übrigens hier nichts weniger als\netwas Neues ist, den Contrabassisten Bottesini, die Sänge-\nrin Thillon u. s. w., dazu eine Mozart-, eine Beethoven-,\neine Mendelssohn-Feier, eine Pantomimen-Quadrille, und\nvor Allem eine Allianz-Quadrille der britischen und fran-\nzösischen Armeen. Er kennt sein Publicum, und die Hoff-\nnung, dass John Bull dem Bruder Jonathan in New-York\nnichts voraus lassen wollen wird, dürfte ihm mit Silber-\nklang in Erfüllung gehen.\n\nC. A.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. Am Mittwoch den 17. d. Mts. fand die dritte Soiree\nfür Kammermusik im Saale von Disch Statt. Sie brachte ein\nschönes Programm: Haydn (Quartett in D-dur), Mozart (Quin-\ntett in G-moll), Beethoven (Trio für Pianoforte u. s. w., Op. 70,\nD-dur, und Sonate in C-dur, Op. 53). Allen Respect, wenn die\ndrei Heroen aufmarschiren, die doch noch keiner der Nachkommen\nerreicht hat, er mag heissen, wie er wolle. Die Ausführungen aller\nNummern waren vortrefflich. Die Clavier-Partie hatte dieses Mal;\nF. Hill er übernommen, d. h. sie wurde in jeder Hinsicht, Auf-\nfassung und Technik, so vortrefflich geliefert, dass auch nicht der\nleiseste Wunsch, Dies oder Das möchte anders sein, übrig blieb.\nWagner's Lohengrin ist bis heute vier Mal gegeben worden\nin der zweiten Vorstellung war das Haus überfüllt, in der dritten\nnur massig besetzt jedoch ist die allgemeine Stimmung im\nPublicum eine günstige, woran die gute und glänzende Aufführung\nallerdings viel Theil hat.\n** Bonn. Am Dinstag den 16. d. Mts. fand unser drittes\nAbonnements-Concert Statt. Wir hörten darin die Ouver-\ntüre von Beethoven, Op. 115, in C-dur, hier zum ersten Male\nund die -4-</wr-Sinfonie von Beethoven; beide herrliche\nGeistesgebilde des grossen Meisters wurden mit sichtbarem Eifer\nund feuriger Hingebung von den Mitwirkenden unter Leitung des\nHerrn vonWasielewski wiedergegeben, wenn auch in der\nSinfonie dem scharfen Ohr sich ein paar Unebenheiten in Hinsicht\nder Reinheit und Sicherheit zeigten, wie sie sich indess überall\ngelegentlich ertappen lassen. Ausserdem wurden noch zwei Mo-\ntetten für Frauenstimmen mit Orgel-Begleitung (es war zu dem\nBehuf eine kleine, aber für diesen Zweck ausreichende Orgel im\nSaale aufgestellt) von Mendelssohn und die Fr ü hli n g s-P ha n-\ntasle von Gade zu Gehör gebracht. Die Motetten von Mendels-\nsohn interessiren weniger durch ihren schöpferischen Gehalt, als\ndurch die durch den Zusammenklang mit der Orgel erzeugte Ton-\nfarbe, welche indess doch auch wiederum leicht eine gewisse Mo-\nnotonie erzeugt. Im nächsten Concerte wird die Aufführung von\nHändel's Belsazar beabsichtigt.\nDem Vernehmen nach werden die Geschwister Neruda in\nnächster Woche auf dem hiesigen Stadttheater Concert geben."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "24", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550120-01.1.8", "texte": "Von Heinrich Dorn's Oper „Die Nibelungen\" wird\nnächstens der Clavier-Auszug im Verlage von Bote & Bock in\nBerlin die Presse verlassen. Bei der achten Vorstellung in diesem\nWinter waren auch Ihre Majestäten der König und die Königin\nzugegen.\n** Stuttgart. Unserer A bonnements-Concerte, welche\nvon der k. Hofcapelle unter abwechselnder Leitung der beiden\nCapellmeister Lintpaintner und Kücken im Theater gegeben\nworden, sind bis zum Ende des vorigen Jahres fünf gewesen. Die\nProgramme derselben können den Vergleich mit anderen Concert-\nInstituten nicht aushalten, da dem Sologesang gar zu viel Baum\nverstattet wird, und wir doch dabei keine anderen Künstler hören\nals diejenigen, welche uns bereits von der Oper her sattsam be-\nkannt sind. Es sind uns zwar auch einige grosse Orchesterwerke\nvorgeführt worden, z. B. die A-dur-Sinfonie von Beethoven, die\nSinfonie in C mit der Fuge im Finale von Mozart (das Concert\nzur Mozart-Feier am 5. December v. J. hatte überhaupt das beste\nProgramm), einige Ouvertüren, die Wüste von Felicien David;\naber im Ganzen ist der Inhalt der Concerte sehr bunt, und es kom-\nmen Stücke oder vielmehr Stückchen vor, die eines Concert-Insti-\ntuts für ernste Musik ganz unwürdig sind, wie z. B. Komisches\nTerzett von Mozart, Arie für Sopran von Adam, das komische Duett\naus der heimlichen Ehe, das Sternlein von Kücken, der Alpen-\njäger, das Czaaren-Lied von Lortzing, Romanze aus Fra Diavolo,\nüber Montecchi-Thema's u. s. w., und dann z. B.\ndie drei letzten Stücke zwischen einem Chor von Handel aus\nIsrael in Aegypten und dem Halleluja aus dem Messias! Da\nhört Alles auf, oder da fängt vielmehr der Unsinn an. Ich kann\nnicht sagen, von wem die Wahl der aufzuführenden Stücke ab-\nhängt; jedenfalls müssten die Herren Capellmeister, wrenn sie auch\nnicht die entscheidende Stimme haben sollten, ein ernstes Wort\ndarein reden; denn dass solche Anordnungen von ihnen aus-\ngehen, ist doch kaum glaublich.\nJenny Lind bringt den Winter wieder in Dresden zu; ob\nsie zur Concert-Saison nach London gehen wird, scheint noch\nunbestimmt zu sein.\nJul. Schulhoff hat diesen Monat in Dresden Concerte ge-\ngeben und befindet sich jetzt in Berlin.\nLeipzig-. Im Gewandhaus-Concert vom 1. Januar wurde unter\nAnderem ein Kyrie und Gloria von Moriz Hauptmann gemacht\nund ein Violin-Concert von J. Rietz (Manuscript), für den\nConcertmeister David geschrieben, von diesem vorgetragen.\nIn Leipzig studirt man eine Cantate „Manfred\" für Män-\nnerstimmen und Orchester von Louis Lacombe ein.\nRob. Franz hat den 117. Psalm für achtstimmigen Chor\ncomponirt.\nAus Wien schreibt man in der N. W. Musik-Zeitung: „Das\nConcert des Pianisten Louis Lacombe am 28. v. Mts., Abends\nhalb 8 Uhr, im Saale der Gesellschaft der Musikfreunde, hatte ein\nziemlich zahlreiches Publicum versammelt, das die Concertgeber\ndurch Beifall und Hervorruf auszeichnete. Wenn der Ruf Herrn\nLacombe unter die Pianisten ersten Ranges reiht, so hat er in Be-\nzug auf die Bewältigung des Technischen Recht; denn Herr La-\ncombe spielt mit grÖsster Deutlichkeit die schwierigsten Formen\naller Art; besonders ist seine linke Hand bewundernswerth, deren\nKraft zuweilen der Wirkung der rechten, wenn diese sich in leich-\nteren Verzierungen bewegt, während jene das Grund-Thema durch-\nführt, beinahe schadet. den Vortrag des Herrn Lacombe an-\nbelangt, so überwuchert die Methode das natürliche Gefühl, und\nsein häufiges Ritardiren, das sich sogar bis auf ein gewisses Zö-\ngern im Accord-Ansatze erstreckt, macht den Eindruck des Ma-\nnierirten und ermüdet. Sein Anschlag ist gut, seine Kraft zwar\nnicht jene Liszfs, aber genügend, um mit dem Orchester zu wett-\neifern, wenn dieses nicht so gewaltig auftritt, wie in dem Marsch-\nsatze des Weber'schen Concertstückes, das er vortrug. ~La chasse\ndu jeune Henri\" von Mehul, von Lacombe selbst für das Pianoforte\nübertragen, war das zweite Stück, das er spielte. Es hat einige pi-\nkante Stellen, die Effect machen, ist aber zu gedehnt und mono-\nton, um eine wahre Wirkung hervorbringen zu können. Von den\ndrei Salon-Piecen, die er zuletzt spielte, gefiel am besten die Polo-\nnaise, die er auch auf Verlangen wiederholte. Voraus ging „Le\nTorrent\" und „Melodie\". Nach diesen Proben zu urtheilen, ist das\nCompositions-Talent Lacombe's ein sehr geringes. Selbst der Reiz\nfeiner, überraschender Wendungen fehlt. Im Ganzen hat der Con-\ncertgeber keinen wahren Eindruck auf das anwesende Publicum\nhervorgebracht, und es lässt sich seinen weiteren Concerten kein\nsehr günstiges Prognostikon stellen.\"\n«\nDer wiener Männergesang-Verein gab sein erstes Concert\nam 31. December 1854 im k. k. Grossen Redouten-Saale vor einem\nwie gewöhnlich ausserordentlich zahlreichen Publicum. Die Aus-\nführung der Chöre war wie sonst vortrefflich; nur scheint ein\nMangel an kräftigen und schönen Tenorstimmen der Wirkung\nmancher Tonstücke zu schaden.\nEs heisst, dass man in Wien Hoffnung habe, den grossen\nViolinisten Vieuxtemps dauernd dort zu besitzen.\nDie Sängerin Anna Zerr, welche im vorigen Jahre mit Jul-\nien in Nordamerica war, ist gegenwärtig in der Schweiz. Ihre\nGastdarstellungen in Zürich machen volle Häuser."}]}