{"numero_id": "bm-bmtnabi-1855-02-03-01", "volume": "bmtnabi_1855-02-03_01", "ocr_sha256": "54c76450e068bf085ef2c71d4832503af347e7b51c609d0415c73533d7449c35", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1855/02/03_01/bmtnabi_1855-02-03_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550203-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1855-02-03-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-02-03_01#c001", "volume": "bmtnabi_1855-02-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "35", "page_fin": "36", "image_debut": 1, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550203-01.2.1", "titre_corps": "Joh. Seb. Bach’s Werke.", "titre_sommaire": "Joh. Seb. Bach’s Werke.", "signature_source": "L. B", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "35", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550203-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4043, "texte": "Joh. Seb. Bach’s Werke.\n\nDie deutsche Bach-Gesellschaft in Leipzig hat noch\nvor Schluss des abgelaufenen Jahres 1854 den vierten\nBand von J. S. Bach's Werken herausgegeben, 290\nSeiten in Folio.\nDiesmal ist's die Partitur der Matthäus-Passion,\ndie uns der neue Jahrgang der Bach-Gesellschaft bringt.\nDas gewaltige Tonwerk ist seit 25 Jahren, da es durch\nMarx' Anregung und Zelter's Aufführung in Berlin\ngleichsam von den Todten erstand, der Ausgangspunkt der\ntieferen Richtung geworden, die seitdem in der Tonkunst\nhervorgetreten. Auch ist die Passion weiteren Kreisen zu-\ngänglich geworden, als manche andere Werke des grossen\nTonsetzers. Da es im Ganzen genommen doch schwieriger\nauszuführen ist als die kleineren Kirchensachen, Motetten\nu. s. w., so wird der Grund jener grösseren Verbreitung\nwohl mit im Wort-Inhalte beruhen, der Allen durch das\nEvangelium näher steht. Die Darstellung der grössten Welt-\nBegebenheit, wo wellliche und heilige Geschichte in einan-\nder wirken, hier in erschütternd dramatischer Weise aus-\ngeführt, das herrlichste poetisch-religiöse Zeugniss des deut-\nschen Geistes, das reifste Werk des tiefsinnigen Sebastian,\nwurdein seinem 44. Lebensjahre, um 1729, zuerst inLeipzig\nausgeführt. In ihm ist die mittelalterliche und moderne\nWeise der Passions-Dramen eigenthümlich verwebt zu einer\nneuen, einzigen Gestalt, die ihres Gleichen vor- und nach-\nher nicht gehabt hat. Altrömisch nämlich ist die Weise,\nder Erzählung des Evangelisten die hervortretenden Gestal-\nten Christi, Piiati, Judae, der Zeugen und Priester le-\nbendig einzuweben und dazwischen die Turba reden zu\nlassen; neu evangelisch sind dagegen die lyrischen Einwe-\nbungen, welche den frommen, anschauenden Betrachter\ndarstellen, begleitet und durchkreuzt vom Kirchenliede der\nGemeinde. Die vollkommene kirchliche Aufführung, wie sie\ndurch Bach selbst am Nachmittage des Charfreitags geleitet\nwurde, ist uns fast unerreichbar geworden, da für sie er-\nfordert wird ein Doppel-Chor, der die theilnehmende Turba,\ndie Juden, das anschauend gegenwärtige Volk darstellt;\ndazu ein doppeltes Orchester; jenen Massen gegenüber die\nchristliche Gemeinde, als Künstler-Chor erscheinend; end-\nlich zwei Orgeln gegenübergestellt, um beide Massen zu\nverschmelzen in den grössten Hymnus, der je auf Erden\ngesungen worden ist.\nUeber die Aufführungs-Weise gibt die Vorrede des\nHerausgebers Julius Rietz einige Auskunft, wobei je-\ndoch zu bedauern, dass auf die treffliche Schrift von Mo-\nsewius über die Matthäus-Passion (s. unten) so wenig\nRücksicht genommen ist.\nEinige Besorgniss erregt der Umstand, dass bereits\n1830 durch Marx die Matthäus-Passion in Partitur und\nCiavier-Auszug erschienen ist; freilich sind diese auch theuer\ngenug, wie alles, was Schlesinger in Verlag hat: für\ndie Partitur 18 Thlr., für den Clavier-Auszug 7 '/2 Thlr.;\n—• wie weit steht das ab gegen diese unsere vaterländische\nAusgabe, welche für 290 Folio-Seiten 5 Thlr. kostet (nach\ngewöhnlicher buchhändlerischer Berechnung könnte sie 24\nThlr. kosten)! und dazu schöner, klarer und sauberer ge-\nstochen, auf feinerem Papier sogar, als die berühmten Jah-\nres-Lieferungen der Händel welche für 8 Thlr\nnicht mehr liefert, als die Bach-Gesellschaft für 5 Thlr.\nDies muss man zu Ehren des deutschen Unternehmens um\nso mehr hervorheben, weil man gewohnt ist, bei grossen\nDingen immer neidisch oder wehmüthig vergleichend auf\nEngland hinzublicken. Die Preise schlechter Opern-Partitu-\nren und Clavier-Auszüge, die insgemein von 8 bis 16 Thlr.\nsich erstrecken, je toller, je theurer, mögen hier nur er-\nwähnt werden; Glücks genug, wenn der deutsche Geldbeu-\ntel endlich zur Besinnung kommt beim Vergleiche des\nMeyerbeer zu 8 Thlrn. mit dem Mozart zu I—3 Thlrn.:\ndes Componisten des wahnwitzigen Propheten mit dem edel-\nsten Sänger der menschlichen Liebe und Schönheit!\nDa wir ins Künstlerische einzugehen diesmal keine Ver-\nanlassung haben, so sei nochmals des Statistischen und Fi-\nnanciellen erwähnt, wobei ein Fehler der vorigjährigen An-\nzeige (1854, Nr. 11, S. 85, Sp. 2 u.) zu Ehren des deut-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "36", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550203-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2124, "texte": "rie über Wahrheits-Musik höchst sicher. Desshalb tritt\ndenn auch seine Gemeinde ausser in Chorälen, auch noch\nin Chören und sogar in einzelnen Stimmen auf.\nUnser Verfasser betrachtet daher in der zweiten Hälfte\nseiner Schrift zunächst die Gemeinde in den Chorä-\nlen, dann die Gemeinde in der Handlung, und drit-\ntens die Stimmen aus der Gemeinde (letztere auf'\n38 Spalten). Dieser zweite Theil kann mit dem ersten\num den Vorrang ringen; in mancher Hinsicht ist er musi-\ncalisch gelehrter, als jener. Auf die Digressionen des Ver-\nlässers über die Charakteristik der Tonarten und über die\nEnharmonik können wir heute nicht eingehen, gedenken\naber darauf zurück zu kommen.\nDas letzte Capitel betrachtet die Rahmen, in welche\nBach das ganze grosse Gemälde eingeschlossen hat, näm-\nlich die Choräle, welche zu Anfang und Ende jedes Theiles\nder Passion der wirklichen Gemeinde, welche sich\nam Charfreitage in der Kirche versammelt, in den Mund\ngelegt sind.\n„ Wohin wir blicken\" sagt der Verfasseram Schlüsse\nseiner Arbeit—, „finden wir Schönes, Grosses, Originelles\nund in einer unübertrefflichen Wahrheit des Ausdrucks\nnach dem Maasse der zum Grunde liegenden Aufgabe.\nWelche Fülle von Reichthum bietet uns die Technik dar, in\nder Stimmlührung, wie in der Harmonie! Man würde das\nheute Erfindung nennen; ich habe mich schon darüber aus-\ngesprochen: Bach hat nichts erfunden, er hat aus dem\n>\nSchatze seines immer, wenn er es bedurfte,\nHerrliches und Grosses für den Ausdruck dessen, was er\nschaute, dachte und fühlte, ergriffen, und aus dem uner-\nschöpflichen Born seiner in steter Ursprünglichkeit quellen-\nden Tonbilder hat ihm der Genius stets das Rechte zuge-\nführt. \"\nWie ist das jedem, der da noch weiss, was Kunst\nund Künstler-Genius ist, aus der Seele geschrieben!\nMöchten diese Zeilen dazu beitragen, die Schrift von\nMosevius von Neuem in Erinnerung zu bringen und recht\nweit zu verbreiten, um den Ernst des Wollens und des\nWissens der Blasirlheit und Flachheit auf der einen, und\ndem Dünkel der Unwissenheit auf der anderen Seite ent-\ngegen zu setzen! Wie sehr das noth thut, möge der fol-\ngende Aufsatz zeigen.\n\nL. B."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-02-03-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-02-03_01#c002", "volume": "bmtnabi_1855-02-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "36", "page_fin": "38", "image_debut": 2, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550203-01.2.2", "titre_corps": "Moderne Kritik.", "titre_sommaire": "Moderne Kritik.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "36", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550203-01.1.2", "debut_caractere": 2126, "fin_caractere_exclue": 4805, "texte": "Moderne Kritik.\nDie „Neue Zeitschrift für Musik\" verspricht, von jetzt\nan, „da Wagner's Erscheinung momentan Alles in den\nHintergrund drängte, jetzt aber das Terrain gewonnen ist\n—, das Versäumte nachzuholen und allen anderen Bestre-\nbungen möglichst gerecht zu werden\" u. s. w. (1855,\nNr. 4). Unter „allen anderen Bestrebungen\" versteht\nHerr Brendel natürlich bloss solche, welche nach seiner\nund seiner Auftraggeber Losung auf die Wache ziehen,\nund verspricht den vernachlässigten Componisten, sie „ durch\nGesammt-Besprechungen ihrer Leistungen\" zu ehren, be-\nziehungsweise mit Trommeln und Pfeifen in die Welt ein-\nzuführen. Als Beispiel weis't er auf einen Artikel derselben\nNummer hin, in welchem Em. Rlitzsch, welcher vorzugs-\nweise die Wachparade in der neuen Zeitschrift abnimmt,\nsieben Liederhefte von Joachim Raff (Op. 47 53) be-\nspricht.\nDie Disciplin ist in diesem kritischen Institute bekannt-\nlich so gut organisirt, dass selbst der Officier vom Genie\nauf Befehl der Oberen in die Radspeichen greifen muss,\nwenn es gilt, ein Geschütz der Bündlerischen, das sich\nselbst in den Lehm gefahren hat oder durch den Feind de-\nmontirt isf, wieder in Position zu bringen. Herr Emanuel\nerhält nun vermöge seiner besonderen persönlichen Be-\nziehungen zu dem Commandirenden und wegen seiner An-\nstellungsfähigkeit häufig einen solchen Auftrag; so gross\naber auch diese letztere ist, so ist es doch interessant, zu\nbeobachten, wie er allerdings mit dem Winde, der von\noben bläs't, segelt, allein trotz alledem auf seinem ehrlichen\nAntlitze die Spuren der Seekrankheit nicht verschleiern\nkann, welche ihm die befohlene Fahrt verursacht. Erlauben\nSie mir, Beweise von Beidem zu geben.\nI. Anstellungsfähigkeit. „Mit diesen Compositionen\ntritt Raff in eine neue Phase seines Schaffens er hat\nsich eine eigentümliche Sphäre seiner Kunst-Bestrebun-\ngen geschaffen diese Lieder fussen auf einem ganz an-\nderen Boden, der wesentlich durch ein anderes Klima be-\nstimmt ist [Nun sage mir, o Musiker, bist du dadurch über\nRafl's Manier im Klaren?] Ein weit schärferes ideel-\nles Erfassen der Texte bedingt die abweichende Art der\nform eilen Behandlung [0 glücklicher Dichter, dessen Ge-\ndanken erst der Componist durch die Form zur Idee ver-\nhilft!] eine phantasiereiche, poetische Auffassung, die\nmit tiefer Innerlichkeit [Haben Sie eine Vorstellung von\neiner flachen?] sich in den Gegenstand versenkt u. s. w.\nMit Op. 51 (fünf Lieder von Geibel) tritt der Compo-\nnist in ein neues Stadium\" [Es ist bezeichnend, dass die\nKritik der Propaganda für die Charakterisirung der Ent-\nwicklung ihrer Adepten jenen roedicinischen Ausdruck für\ndie Entwicklung des Fiebers, des Typhus, des Deliriums"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "37", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550203-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4867, "texte": "«. s.w. so gern gebraucht!] u. s. w. u. s. w. Zum Schlüsse\n„rastloses Streben durchweg ideale [soll heissen: form-\nlose] Richtung Hoffnung auf noch manche herrliche\nGabe\" (!!).\n11. Physiognomie eines Seekranken. „Der Componist\nstellt freilich das Verfahren, in einem freien Spiele der\nPhantasie die Poesie der Texte zum musicalischen Aus-\ndruck gelangen zu lassen (Op. 51), mit einer gewissen\nSchroffheit allzu subjectiv auf die Spitze —die re-\nflexive Seite seiner Natur waltet etwas allzu sehr\nvor doch ist die Richtung nicht schlechthin ver-\n' wer flieh zu nennen poetische Stimmung ist Grund-\nton, eingedrängt hat sich nur zu viel philosophisches\nElement.\"\nNun fragen wir erstens jeden vernünftigen Menschen,\nwie er es anfangen wolle, sich „ eine durch Schroffheit sub-\njectiv auf die Spitze gestellte Phantasie rr.it vorwaltender\nreflexiver Natur und zu viel philosophischem Element\" vor-\nzustellen! und zweitens jeden Musiker und Kunstfreund,\nwas er nun, nachdem er dieses ästhetische Rothwälsch ge-\nlesen, von Rafl's „ idealer Richtung\" und vollends von des-\nsen musicalischem Können weiss!\nHören wir jedoch noch einige Stellen zur Charakte-\nristik jener barocken, phantastisch-schwülstigen Kunst-Kri-\ntik. Wir entnehmnn sie einer Beurtheilung von F. Liszt's\nMesse lür Männerstimmen mit Orgel-Begleitung, gefertigt\nin Nr. 20 des vorigen Jahrgangs von demselben Herrn\nEmanuel Klitzsch. Da heisst es denn u. A.: „Ein Geist,\nwie ihn eben nur Liszt besitzt, ein Geist von so gewaltigen\nDimensionen, von so durchdringender Energie, musste\n€s konnte nicht anders sein [Es geschieht nämlich bei den\nHerren Wagner, Liszt, Raff u. s. w. Alles aus „Notwen-\ndigkeit\", wie bei den Naturkräften oder auch anderen\nVerrichtungen, wobei die „Noth\" eine Rolle spielt]\nauch da [Wo denn sonst schon?] reformirend ein-\ngreifen, wo die Tradition und der Schlendrian sich\nam hartnäckigsten bewiesen, auf dem Gebiete der Kirchen-\nmusik [z. B. bei J. S. Bach, Cherubini, Beethoven!].—\n„Liszt's Messe muss als eine gewaltige Erschei-\nnung auf dem Gebiete des religiösen Männergesa-\nnges bezeichnet werden sie ist ein Werk, das weit\nalle diejenigen Erzeugnisse überragt, die der Männer-\ngesang bisher nach dieser Richtung hin hervorgebracht bat\n[durch Friedr. Schneider, Bernh. Klein und andere verschol-\nlene Geister von kleineren Dimensionen]. Sie ist her-\nvorgegangen aus tiefinnerstem Schaffungsdrange, beseelt von\neiner seltenen Energie religiöser Anschauung [!], durch-\ndrungen von derjenigen Weihe, die sie zu einem Werke\nvon hoher religiöser Begeisterung stempelt. Der In-\nhalt hat das Gepräge von tief erschütternder Eigenthüm-\nlichkeit, von überzeugender und zündender Kraft u. s.\nw. Hinsichtlich der Form steht sie nicht nur selbst-\nständig und los gel ös't von allem Hergebrachten,\nsondern mit gewaltigen Schritten deutend auf\nneue Bahnen [Man bewundere den Reichthum der Far-\nbengebung, indem aus den „gewaltigen Dimensionen\" eine\n„gewaltige Erscheinung\" mit „gewaltigen Schritten\" her-\nvortritt ! Und wie originel, dass sie das „ Deuten\", das sonst\nmit der Hand geschieht, mit den Füssen thut! Und dem\nHimmel sei Dank, dass wir doch auch in der Kirchenmusik\nnun endlich „neue Bahnen\" haben, gerade jetzt, wo so\nViele das ganz Alte allein wollen gelten lassen! Doch hört,\nhört! Diese neuen Bahnen wolien dieses Mal nur vermit-\nteln trotz „ der Loslösung von allem Hergebrachten\",\ntrotz der „Reform auf dem Gebiete der Tradition und des\nSchlendrians\"], tritt Liszt hier hinsichtlich der technischen\nArbeit vermittelnd auf zwischen dem Stil der grossen\nMeister der alt-italiänischen Schule [also gibt es deren\nungeachtet Tradition und Schlendrian?] und der Neuzeit,\nund hat mit bewunderungswürdigem Genie diese schwierige\nAufgabe gelös't. [So drehen wir uns denn in einem aller-\nliebsten Zirkel. Aber halt! die „erschütternde Eigenthüm-\nlichkeit\" muss doch gerettet werden? Also;]\n„Man glaube aber nicht, dass irgendwie von Nach-\nahmung die Rede sein kann; diese Verschmelzung der\nneuen Form mit dem alten Stil kann nur das Werk\neines frei und selbstständig schaffenden Geistes sein. [Wenn\nuns doch dieser moderne Kunst-Philosoph über einen von\nder Form getrennten Stil in musicalischen Dingen\nbelehren wollte!] Und mit dieser Lösung ist ihm zugleich\neine andere, noch weit schwierigere, gelungen, nämlich den\nInhalt jener vergangenen Periode in seiner tief eindringen-\nden Glaubenskraft dem modernen Geiste zu as-\nsimiliren. [!!] Diese beiden Punkte sind von ganz beson-\nderer Bedeutung für die Wendung der Dinge in der\nkirchlichen Musik. Es kann daher [?] keinem Zweifel un-\nterliegen, dass das Werk mit diesem Januskopfe\n[!!] einen gewaltigen Eindruck auf alle ausüben wird,\ndie sich ihm hingeben, sei es bei einer Aufführung oder\nbeim Studium.\"\nFassen wir, was auf dem Wege der Analyse von Herrn\nEmanuel Klitzsch gefunden worden, synthetisch zusammen,\nso gelangt nach ihm"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "38", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550203-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2183, "texte": "die Reform oder die Wendung der Dinge in der Kir-\nchenmusik durch Assimilation des modernen Geistes\nmit der Glaubenskraft der vergangenen Periode\nvermöge der Loslösung der Form von allem Her-\ngebrachten und ihrer trotzdemigen Verschmelzung\nmit dem Hergebrachten, in so fern dieses „ alter\nStil\" ist, zu gewaltiger Erscheinung im Symbol\neines Januskopfes.\nUnd zwar wird dieses musicalisch-philosophische Wun-\nder in der engen Sphäre des Männergesanges und der Or-\ngelbegleitung ausgeführt, allein allerdings „durch die wir-\nkungsreichsten harmonischen Combinationen\", und durch\n„Accord-Verschlingungen von titanischer Kraft\"\n|d. h.: ein Titane kann sie verschlingen, aber kein Mensch\nsie verdauen!], „wie sie aus dem herrlichen Inhalt noth-\nwendig hervorgingen.\"\nDoch genug. Wir sehen von dem Werthe oder Un-\nwerthe der Composition ganz ab; es gilt uns nur, zu zei-\ngen, wie weit es mit der musicalischen Kritik, als Ausfluss\neiner Bündlerei (Coterie), gekommen ist. Und diese Leute\nsprechen von Zopfthum und Scholastik, während ihr after-\nphilosophischer Brei der cabbalistischen Garküche des Phi-\nlippus Aureolus Theophrastus Paracelsus Bombastus\nab Hohenheim die grösste Ehre machen würde. Weil sie\nmusicalisch nichts zu sagen und zu begründen wissen, so\ngreifen sie m den Phrasentopf und schwatzen über Ton-\nkunst in einem Kauderwälsch, welches den Beweis liefert,\ndass sie weder das ABC der Musik noch das ABC der\nLogik gelernt haben. Vor wem wollen sie sich denn mit\nsolchem Zeug ein wissenschaftliches Ansehen geben? Höch-\nstens doch vor Musikern, die zu früh aus der Elementar-\nschule gelaufen sind!\nZum Schluss den Schluss:\n„Mögen nicht Intriguen oder Stumpfsinn das Werk\ndes Meisters, welches einzig in der Männergesangs-Literatur\ndasteht, der Oeffentlichkeit vorenthalten! Einmal in würdi-\nger Weise zur Darstellung gebracht, wird es seine starken\nAccente in die Herzen Aller schlagen und den schlummern-\nden Funken der Begeisterung zur lichten Flamme anfachen\n[bei Ihrem ganz ergebenen] Emanuel Klitzsch.\"\nDa bleibt nichts Anderes übrig, als den Herren mit\nder leisen Aenderung von nobisin aus dem\nBei besagter Messe folgendes „neues Bahnstück\" unter die\nNase zu schieben:"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-02-03-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-02-03_01#c004", "volume": "bmtnabi_1855-02-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "38", "page_fin": "39", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550203-01.2.3", "titre_corps": "Aus Barmen.", "titre_sommaire": "Aus Barmen.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "38", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550203-01.1.4", "debut_caractere": 2185, "fin_caractere_exclue": 3682, "texte": "Aus Barmen.\nWir haben seit meinem letzten Berichte am 30. De-\ncember v. J. unser drittes Abonnements-Concert\nim Saale der Concordia und am 20. Januar d. J. das Con-\ncert zum Vortheil unseres Musik-Directors Herrn Karl\nReinecke gehabt.\nDas dritte Abonnements-Concert brachte von Orchester-\nwerken Weber's Ouvertüre zur Euryanthe, Beetho-\nven's Leonore Nr. 3 und Mozart's Sinfonie in\nmit der Fuge im Finale. Die beiden Ouvertüren wurden\nvortrefflich wiedergegeben, mit so viel Kraft, Frische und\nFeinheit, dass es nicht zu verwundern war, dass diese herr-\nlichen Compositionen das Publicum zu dem lebhaftesten\nBeifall hinrissen; namentlich zündete die Leonoren-Ouver-\nture vollständig. Die prachtvolle Mozart'sche Sinfonie wurde\nvon dem Orchester mit der vollsten Hingebung an den be-\ngeisterten Dirigenten ausgeführt und verfehlte nicht ihre\ntiefe Wirkung auf das Publicum. Es ist überhaupt höchst\nerfreulich, die Wechselwirkung wahrzunehmen, welche zwi-\nschen Orchester und Zuhörern durch die guten Aufführun-\ngen solcher classischen Musikwerke stets im Steigen be-\ngriffen ist.\nVon Gesang hörten wir, in Uebereinstimmung zu den\ngenannten Ouvertüren, den Jägerchor aus Euryanthe\nund den Gefangenen chor aus Fidelio, von den Mitglie-\ndern der Liedertafel vorgetragen; die Nuancirungen des\nPiano im letzteren gelangen gut, dagegen fehlte es dem\nersteren etwas an Kraft und Frische. Im zweiten Theile\nwurde (hier zum ersten Male) F. Hiller's Gesang der\nGeister über den Wassern für Chor und Orchester"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "39", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550203-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1750, "texte": "aufgeführt, welcher jedoch beim Publicum nicht ganz die\nwarme Aufnahme wie bei Einzelnen unter den Zuhörern\nfand.\nAuszeichnende Erwähnung verdient das Violinspiel des\nHerrn Franz Seiss (warumschreibt sich der junge Künst-\nler Frangois Seiss, was ja wie Feuer und Wasser auf ein-\nander platzt?), welcher Mendelssohn's Violin-Concert\nund ein Fantaisie caracteristiquevon seinem Lehrer AI ar d\nspielte, das Concert recht gut, die Phantasie vollendeter im\nStil, sehr fein, graziös und pikant. Er ärntete mit Recht\ngrossen Beifall. In einem Privat-Zirkel soll er auch Bach's\nChaconne vortrefflich gespielt haben, wobei wir jedoch selbst\nnicht zugegen waren.\nBei seinem Benefice-Concert hatte Herr Reine c k e mit\nvielen äusseren Hindernissen zu kämpfen; Fräul. Johann-\nsen von Köln konnte wegen Krankheit die Zusage ihrer\nMitwirkung nicht erfüllen, und Herr Ferd. Laub telegra-\nphirte wenige Stunden vor Anfang des Concerts sein noth-\ngedrungenes Ausbleiben. Trotzdem gereichte das Concert zur\ngrossen Befriedigung des Publicums und zur vollen Ehre\ndes Concertgebers, dessen Vorträge auf dem Pianoforte\nAlles entzückten. Besonders machte das C-moll-Concert von\nBeethoven einen ausserordentlichen Eindruck, und die ein-\ngelegte vortreffliche Cadenz, eben so brillant und schwer,\nals schön und gehaltvoll, erregte einen wahren Beifalls-\nsturm. Auch in den Solostücken: „Schlummerlied\" von\nSchumann, Marcia giocosa von Hill er und dem Lucia-\nFinale von Liszt, zeigte sich Herr Reinecke als Pianist\nersten Ranges. Eine neue Composition desselben für Or-\nchester, eine Lustspiel-Ouverture, gefiel ungemein;\nich weiss nicht, ob sie bereits gedruckt oder noch Manu-\nscript ist. Hervorruf, Tusch und Blumenspenden wurden\ndem Herrn Concertgeber reichlich zu Theil."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-02-03-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-02-03_01#c005", "volume": "bmtnabi_1855-02-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "39", "page_fin": "39", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550203-01.2.4", "titre_corps": "Siebentes Gesellschafts-Concert in Köln im Casinosaale.", "titre_sommaire": "Siebentes Gesellschafts-Concert in Köln im Casinosaale.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "39", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550203-01.1.5", "debut_caractere": 1752, "fin_caractere_exclue": 3787, "texte": "Siebentes Gesellschafts-Concert in Köln\nim Casinosaale.\nDinstag, den 23. Januar.\nDas Programm enthielt diesmal nur zwei grosse Werke: Beet-\nhoven's Sinfonia Eroica füllte die erste, C. Rein thal er's Ora-\ntorium „Jephta und seine Tochter\"- erster Theil —die zweite\nAbtheilung des Concertes.\nDass die Ausführung einer Beethoven'schen Sinfonie unter Hil-\nlens Leitung bei dem gegenwärtigen Standpunkte des hiesigen Or-\nchesters stets einen wirklichen Kunstgenuss bietet, bedarf kaum\nnoch gesagt zu werden. So sehr wir indess die Abhetzung Beet-\nhoven'scher Werke verabscheuen, so kann man doch auch in dem\nGegentheile zu weit gehen; das Tempo namentlich des letzten Satzes\nwar offenbar zu langsam. „Sunt certi denique fines, quos ultra\ncitraque nequit consistere rectum\nVon Reinthaler's Oratorium hatten wir im vorigen Jahre\nbereits eine Reihe von Nummern gehört, in denen wir die glän-\nzenden Eigenschaften des jungen Componisten übereinstimmend mit\ndem Publicum bewunderten, welches das erste Auftreten desselben\nmit der lebhaftesten Theilnahme und rauschendem Beifall begleitete\n(s. vor. Jahrg., Nr. 7 vom 18. Febr.). Diesmal hörten wir den gan-\nzen ersten Theil, und diese Aufführung bestätigte uns vollkommen\nin der Ansicht, dass dieses Werk nicht bloss seinen Intentionen und\nseinem Umfange nach, sondern auch an innerem Gehalt leicht das\nBedeutendste sein dürfte, welches seit Mendelssohn's und Hiller's\nOratorien in dieser Gattung geschrieben worden ist. Wir behalten\nuns desshalb eine mehr ins Einzelne gehende Analyse nach Ein-\nsicht der Partitur vor, und erwähnen hier nur noch die treffliche\nAusführung der Chöre, welche nichts zu wünschen übrig liess,\nwährend dagegen die Solostimmen (Fräul. Johannsen, Fräul.\nPels-Leusten, Herr Koch und Herr DuMont-Fier) in dem\ncanonischen Quartett: „Stärket die müden Hände\", nicht recht zum\nGleichklang und zur Einheit der harmonischen Zusammenwirkung\ngelangen wollten.' Am Schlüsse brach die zahlreiche Versammlung\nin rauschenden Beifall aus, und der Componist wurde wiederholt\ngerufen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-02-03-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-02-03_01#c006", "volume": "bmtnabi_1855-02-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "39", "page_fin": "40", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550203-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "39", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550203-01.1.5", "debut_caractere": 3789, "fin_caractere_exclue": 5777, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMölne Die Geschwister Neruda haben in voriger Woche\nzwei Concerte im Stadttheater gegeben und grossen Beifall geärn-\ntet, aber wenig Geld. Seit Jahren werden die Concerte fremder\nKünstler hier schlecht besucht; die Neruda's spielten nun noch\ndazu am Vor- und Nachabend des siebenten Abonnements-Concer-\n\\ -\ntes, und ausserdem ist jetzt die Zeit der Privat-Gesellschaften und\nWinter-Bälle, die dasjenige Publicum, hier überhaupt\nConcerte besucht, fast täglich in Anspruch nehmen. Wilhelmine\nNeruda, die Violinspielerin, hat durch den Vortrag von de Be-\nriot's neuestem Concert Nr. VII. und Spohr's Gesang-Scene, so\nwie einiger Salonslücke von Vieuxtemps und Artot und einer\nHumoreske von Mildner über ein slawisches Thema, wobei es\nauf eine Nachbildung des Carnevals von Venedig abgesehen ist,\nbewiesen, dass sie zu den Violinisten erster Classe gehört. Ihr Spiel\nist durchaus nicht kleinlich und mädchenhaft, sie führt einen kräf-\ntigen Bogen und hat eine breite Manier des \\ortrags, obschon sie\nauch die mehr künstliche als künstlerische Seite der Virtuosität mit\nErfolg cultivirt hat. Ihre Schwester Amalie ist eine recht wackere\nPianistin; aus den von ihr gewählten Compositionen, die allein auf\nGlanz der Technik berechnet, konnten wir nur ihre Sicherheit und\nGewandtheit in dieser bei hübschem Anschlag und perlender Ge-\nläufigkeit kennen lernen. Beide wurden wiederholt vom Publicum\ngerufen. Den Damen Günther und Rochlitz und Herrn\nBecker wurde für ihre Gesang-Vorträge ebenfalls die verdiente\nEhre des Hervorrufs zu Theil.\nSicherem Vernehmen nach wird das diesjährige Niederrhei-\nnische Musik fest wie gewöhnlich zu Pfingsten, und zwar in\nDüsseldorf, Statt finden, indem hier in Köln wegen des in An-\ngriff genommenen Ausbaues des Gürzenich kein Local für so grosse\nMusik-Aufführungen vorhanden ist. Zur Leitung desselben ist Fer-\ndinand Hill er berufen. Wahrscheinlich wird Haydn's Schö-\npfung die Haupt-Aufführung werden, und wir werden darin das"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "40", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550203-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3983, "texte": "vortreffliche Sänger-Kleeblatt Fräulein Ney und die Herren Ro-\nger und Karl Forraes zu bewundern Gelegenheit haben.\n** Elberfeld. Am 27. Januar gab unser städtischer Musik-\nDirector Herr Herrn. Schornstein ein Concert, in welchem er\nH ummel's Concert in H-moll eine Wahl, welche sowohl von\n7\nlobenswerther Pietät gegen den Lehrer als von richtiger Würdigung\nder trefflichen Composition zeugte und Thalberg's Phantasie\nüber Bellini'sche Thema's mit bekannter Bravour vortrug. Nächst-\ndem verliehen die meisterhaften Gesang-Vorträge des Herrn E.\nKoch aus Köln (2 Lieder von C. Rein ecke und 2 von Fr.\nSchubert und die Solo-Partie in F. Hiller's 125. Psalm) dem\nConcert einen vorzüglichen Glanz. Auch Herr Seiss ärntete durch\nden trefflichen Vortrag von Alard's Phantasie für Violine über\nThema's aus Anna Bolena grossen Beifall. Rietz' Ouvertüre Hero\nund Leander und Beethoven's C-moll-Sinfonie gingen gut.\nBerlin* Der Componist Ernst Tschirch, der dritte der\nfünf Brüder dieses Namens, welche alle Musiker sind, ist Ende vo-\nrigen Jahres hier gestorben. Er lebte sehr eingezogen. Er soll zwei\nOpern-Partituren: „Der fliegende Holländer\" und „Frithjof\", und\nmehrere Sinfonieen, Ouvertüren u. s. w. hinterlassen haben.\nWeimar. Der Plan, Abonnements-Concerte zu be-\ngründen, tür welchen sich Liszt wie natürlich und mit vollem\nRechte sehr interessirt, ist bis jetzt noch auf Hindernisse gestossen.\nFerd. Hill er ist hier angekommen; er gedenkt auch nach\nLeipzig und Dresden zu gehen.\nEmanuel Geibel hat ein zweiactiges Lustspiel „Meister\nAndrea'' geschrieben, welches dieser Tage in München aufge-\nführt werden soll.\nBremen. Wir haben hier Ernst H ab erb i er, über den\nman einst in Paris aus vollen Backen blies; in der Technik ist er\ngross, folglich ein Virtuos. Auch Alfred Jaell spielt schön und\nschnell. Doch, 117 in Prosa fortzufahren, muss ich die poetischen\nLeistungen unserer Vereine mit Dank erwähnen: in der Sing-\nAkademie Händel's Josua, im Cäcilien-Verein Rom-\nberg's Glocke, Mendelssohn's Walpurgisnacht und 42. Psalm»\nund Händel's Frohsinn und Schwermuth. Die Gast-Darstellung\ndes Fräul. An tonie Will als Romeo fand eine nachsichtige\nBeurtheilung.\nW i 1 h e 1 m i n e C 1 a u ss erregt in W i e n wie Jenny Lind und\nTherese Milanollo schon durch ihren Anblick, sobald nämlich die\nersten Noten unter ihren Fingern sich beseelen, eine höhere Er-\nwartung ; man sieht es dann jeder Miene, jeder Geberde an, dass\nsie ganz Empfindung ist, dass sie versunken in die Tonwelt, der\nsie den Ausdruck geben soll mit dem darin waltenden Geiste\ngleichsam Eins wird; aus ihrem Auge strahlt dann Liebe und gänz-\nliche Hingebung an das, was ihr der Tondichter in seinem Werke\nvon den Geheimnissen seines Geistes, von den Wundern der Schön-\nheit vertraut.\nDurch diese Hingebung der eigenen Persönlichkeit an das Ton-\nwerk erhebt sie es zur höchsten Lebendigkeit, indem sie es gleich-\nsam aus sich selbst treu und mit vollem Herzschlage wiedergebiert.\nEs ist das mehr als eine mechanisch richtige Wiedergabe, mehr\nals eine bloss durch den Geist vermittelte treue Auffassung: es iot\nein lebendiges Nachfühlen, ein schöpferisches Wiedererzeugen.\nWTilhelmine Clauss hat den Ruf, der ihr aus den Weltstädten\nParis und London voranging, und der gleich zu ihrem Antritts-\nConcerte einen zahlreichen, auserlesenen Kreis von Kunstgönner»\nund Kunstfreunden um sie versammelt, siegreich bewährt lind nicht\nnur in dem lauschenden, athemlosen Aufhorchen auf ihr Spiel, son-\ndern auch in mehrfachen Ausbrüchen des Entzückens während des-\nselben und in dem stürmischen Beifalle und Hervorruf nach jeder\nProduction die schönste Anerkennung ihrer herrlichen Vorzüge\nerhalten.\nSie spielte die Sonate aus F-dur von Beethoven, der genuss-\nreichste und preiswürdigste ihrer Vorträge. Unter den drei Cho-\npin'schen Stücken gefiel am meisten das „Impromptu\" aus A-dur;\naber auch die „Nocturne\" aus E-dur erhält unter ihren Fingern\nLeben und Sprache. Die Obertasten-Etude ist ein technisches\nKunststück ohne Reiz."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "35", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550203-01.1.1", "texte": "Joh. Seb. Bach’s Werke.\n\nDie deutsche Bach-Gesellschaft in Leipzig hat noch\nvor Schluss des abgelaufenen Jahres 1854 den vierten\nBand von J. S. Bach's Werken herausgegeben, 290\nSeiten in Folio.\nDiesmal ist's die Partitur der Matthäus-Passion,\ndie uns der neue Jahrgang der Bach-Gesellschaft bringt.\nDas gewaltige Tonwerk ist seit 25 Jahren, da es durch\nMarx' Anregung und Zelter's Aufführung in Berlin\ngleichsam von den Todten erstand, der Ausgangspunkt der\ntieferen Richtung geworden, die seitdem in der Tonkunst\nhervorgetreten. Auch ist die Passion weiteren Kreisen zu-\ngänglich geworden, als manche andere Werke des grossen\nTonsetzers. Da es im Ganzen genommen doch schwieriger\nauszuführen ist als die kleineren Kirchensachen, Motetten\nu. s. w., so wird der Grund jener grösseren Verbreitung\nwohl mit im Wort-Inhalte beruhen, der Allen durch das\nEvangelium näher steht. Die Darstellung der grössten Welt-\nBegebenheit, wo wellliche und heilige Geschichte in einan-\nder wirken, hier in erschütternd dramatischer Weise aus-\ngeführt, das herrlichste poetisch-religiöse Zeugniss des deut-\nschen Geistes, das reifste Werk des tiefsinnigen Sebastian,\nwurdein seinem 44. Lebensjahre, um 1729, zuerst inLeipzig\nausgeführt. In ihm ist die mittelalterliche und moderne\nWeise der Passions-Dramen eigenthümlich verwebt zu einer\nneuen, einzigen Gestalt, die ihres Gleichen vor- und nach-\nher nicht gehabt hat. Altrömisch nämlich ist die Weise,\nder Erzählung des Evangelisten die hervortretenden Gestal-\nten Christi, Piiati, Judae, der Zeugen und Priester le-\nbendig einzuweben und dazwischen die Turba reden zu\nlassen; neu evangelisch sind dagegen die lyrischen Einwe-\nbungen, welche den frommen, anschauenden Betrachter\ndarstellen, begleitet und durchkreuzt vom Kirchenliede der\nGemeinde. Die vollkommene kirchliche Aufführung, wie sie\ndurch Bach selbst am Nachmittage des Charfreitags geleitet\nwurde, ist uns fast unerreichbar geworden, da für sie er-\nfordert wird ein Doppel-Chor, der die theilnehmende Turba,\ndie Juden, das anschauend gegenwärtige Volk darstellt;\ndazu ein doppeltes Orchester; jenen Massen gegenüber die\nchristliche Gemeinde, als Künstler-Chor erscheinend; end-\nlich zwei Orgeln gegenübergestellt, um beide Massen zu\nverschmelzen in den grössten Hymnus, der je auf Erden\ngesungen worden ist.\nUeber die Aufführungs-Weise gibt die Vorrede des\nHerausgebers Julius Rietz einige Auskunft, wobei je-\ndoch zu bedauern, dass auf die treffliche Schrift von Mo-\nsewius über die Matthäus-Passion (s. unten) so wenig\nRücksicht genommen ist.\nEinige Besorgniss erregt der Umstand, dass bereits\n1830 durch Marx die Matthäus-Passion in Partitur und\nCiavier-Auszug erschienen ist; freilich sind diese auch theuer\ngenug, wie alles, was Schlesinger in Verlag hat: für\ndie Partitur 18 Thlr., für den Clavier-Auszug 7 '/2 Thlr.;\n—• wie weit steht das ab gegen diese unsere vaterländische\nAusgabe, welche für 290 Folio-Seiten 5 Thlr. kostet (nach\ngewöhnlicher buchhändlerischer Berechnung könnte sie 24\nThlr. kosten)! und dazu schöner, klarer und sauberer ge-\nstochen, auf feinerem Papier sogar, als die berühmten Jah-\nres-Lieferungen der Händel welche für 8 Thlr\nnicht mehr liefert, als die Bach-Gesellschaft für 5 Thlr.\nDies muss man zu Ehren des deutschen Unternehmens um\nso mehr hervorheben, weil man gewohnt ist, bei grossen\nDingen immer neidisch oder wehmüthig vergleichend auf\nEngland hinzublicken. Die Preise schlechter Opern-Partitu-\nren und Clavier-Auszüge, die insgemein von 8 bis 16 Thlr.\nsich erstrecken, je toller, je theurer, mögen hier nur er-\nwähnt werden; Glücks genug, wenn der deutsche Geldbeu-\ntel endlich zur Besinnung kommt beim Vergleiche des\nMeyerbeer zu 8 Thlrn. mit dem Mozart zu I—3 Thlrn.:\ndes Componisten des wahnwitzigen Propheten mit dem edel-\nsten Sänger der menschlichen Liebe und Schönheit!\nDa wir ins Künstlerische einzugehen diesmal keine Ver-\nanlassung haben, so sei nochmals des Statistischen und Fi-\nnanciellen erwähnt, wobei ein Fehler der vorigjährigen An-\nzeige (1854, Nr. 11, S. 85, Sp. 2 u.) zu Ehren des deut-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "36", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550203-01.1.2", "texte": "rie über Wahrheits-Musik höchst sicher. Desshalb tritt\ndenn auch seine Gemeinde ausser in Chorälen, auch noch\nin Chören und sogar in einzelnen Stimmen auf.\nUnser Verfasser betrachtet daher in der zweiten Hälfte\nseiner Schrift zunächst die Gemeinde in den Chorä-\nlen, dann die Gemeinde in der Handlung, und drit-\ntens die Stimmen aus der Gemeinde (letztere auf'\n38 Spalten). Dieser zweite Theil kann mit dem ersten\num den Vorrang ringen; in mancher Hinsicht ist er musi-\ncalisch gelehrter, als jener. Auf die Digressionen des Ver-\nlässers über die Charakteristik der Tonarten und über die\nEnharmonik können wir heute nicht eingehen, gedenken\naber darauf zurück zu kommen.\nDas letzte Capitel betrachtet die Rahmen, in welche\nBach das ganze grosse Gemälde eingeschlossen hat, näm-\nlich die Choräle, welche zu Anfang und Ende jedes Theiles\nder Passion der wirklichen Gemeinde, welche sich\nam Charfreitage in der Kirche versammelt, in den Mund\ngelegt sind.\n„ Wohin wir blicken\" sagt der Verfasseram Schlüsse\nseiner Arbeit—, „finden wir Schönes, Grosses, Originelles\nund in einer unübertrefflichen Wahrheit des Ausdrucks\nnach dem Maasse der zum Grunde liegenden Aufgabe.\nWelche Fülle von Reichthum bietet uns die Technik dar, in\nder Stimmlührung, wie in der Harmonie! Man würde das\nheute Erfindung nennen; ich habe mich schon darüber aus-\ngesprochen: Bach hat nichts erfunden, er hat aus dem\n>\nSchatze seines immer, wenn er es bedurfte,\nHerrliches und Grosses für den Ausdruck dessen, was er\nschaute, dachte und fühlte, ergriffen, und aus dem uner-\nschöpflichen Born seiner in steter Ursprünglichkeit quellen-\nden Tonbilder hat ihm der Genius stets das Rechte zuge-\nführt. \"\nWie ist das jedem, der da noch weiss, was Kunst\nund Künstler-Genius ist, aus der Seele geschrieben!\nMöchten diese Zeilen dazu beitragen, die Schrift von\nMosevius von Neuem in Erinnerung zu bringen und recht\nweit zu verbreiten, um den Ernst des Wollens und des\nWissens der Blasirlheit und Flachheit auf der einen, und\ndem Dünkel der Unwissenheit auf der anderen Seite ent-\ngegen zu setzen! Wie sehr das noth thut, möge der fol-\ngende Aufsatz zeigen.\n\nL. B.\n\nModerne Kritik.\nDie „Neue Zeitschrift für Musik\" verspricht, von jetzt\nan, „da Wagner's Erscheinung momentan Alles in den\nHintergrund drängte, jetzt aber das Terrain gewonnen ist\n—, das Versäumte nachzuholen und allen anderen Bestre-\nbungen möglichst gerecht zu werden\" u. s. w. (1855,\nNr. 4). Unter „allen anderen Bestrebungen\" versteht\nHerr Brendel natürlich bloss solche, welche nach seiner\nund seiner Auftraggeber Losung auf die Wache ziehen,\nund verspricht den vernachlässigten Componisten, sie „ durch\nGesammt-Besprechungen ihrer Leistungen\" zu ehren, be-\nziehungsweise mit Trommeln und Pfeifen in die Welt ein-\nzuführen. Als Beispiel weis't er auf einen Artikel derselben\nNummer hin, in welchem Em. Rlitzsch, welcher vorzugs-\nweise die Wachparade in der neuen Zeitschrift abnimmt,\nsieben Liederhefte von Joachim Raff (Op. 47 53) be-\nspricht.\nDie Disciplin ist in diesem kritischen Institute bekannt-\nlich so gut organisirt, dass selbst der Officier vom Genie\nauf Befehl der Oberen in die Radspeichen greifen muss,\nwenn es gilt, ein Geschütz der Bündlerischen, das sich\nselbst in den Lehm gefahren hat oder durch den Feind de-\nmontirt isf, wieder in Position zu bringen. Herr Emanuel\nerhält nun vermöge seiner besonderen persönlichen Be-\nziehungen zu dem Commandirenden und wegen seiner An-\nstellungsfähigkeit häufig einen solchen Auftrag; so gross\naber auch diese letztere ist, so ist es doch interessant, zu\nbeobachten, wie er allerdings mit dem Winde, der von\noben bläs't, segelt, allein trotz alledem auf seinem ehrlichen\nAntlitze die Spuren der Seekrankheit nicht verschleiern\nkann, welche ihm die befohlene Fahrt verursacht. Erlauben\nSie mir, Beweise von Beidem zu geben.\nI. Anstellungsfähigkeit. „Mit diesen Compositionen\ntritt Raff in eine neue Phase seines Schaffens er hat\nsich eine eigentümliche Sphäre seiner Kunst-Bestrebun-\ngen geschaffen diese Lieder fussen auf einem ganz an-\nderen Boden, der wesentlich durch ein anderes Klima be-\nstimmt ist [Nun sage mir, o Musiker, bist du dadurch über\nRafl's Manier im Klaren?] Ein weit schärferes ideel-\nles Erfassen der Texte bedingt die abweichende Art der\nform eilen Behandlung [0 glücklicher Dichter, dessen Ge-\ndanken erst der Componist durch die Form zur Idee ver-\nhilft!] eine phantasiereiche, poetische Auffassung, die\nmit tiefer Innerlichkeit [Haben Sie eine Vorstellung von\neiner flachen?] sich in den Gegenstand versenkt u. s. w.\nMit Op. 51 (fünf Lieder von Geibel) tritt der Compo-\nnist in ein neues Stadium\" [Es ist bezeichnend, dass die\nKritik der Propaganda für die Charakterisirung der Ent-\nwicklung ihrer Adepten jenen roedicinischen Ausdruck für\ndie Entwicklung des Fiebers, des Typhus, des Deliriums"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "37", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550203-01.1.3", "texte": "«. s.w. so gern gebraucht!] u. s. w. u. s. w. Zum Schlüsse\n„rastloses Streben durchweg ideale [soll heissen: form-\nlose] Richtung Hoffnung auf noch manche herrliche\nGabe\" (!!).\n11. Physiognomie eines Seekranken. „Der Componist\nstellt freilich das Verfahren, in einem freien Spiele der\nPhantasie die Poesie der Texte zum musicalischen Aus-\ndruck gelangen zu lassen (Op. 51), mit einer gewissen\nSchroffheit allzu subjectiv auf die Spitze —die re-\nflexive Seite seiner Natur waltet etwas allzu sehr\nvor doch ist die Richtung nicht schlechthin ver-\n' wer flieh zu nennen poetische Stimmung ist Grund-\nton, eingedrängt hat sich nur zu viel philosophisches\nElement.\"\nNun fragen wir erstens jeden vernünftigen Menschen,\nwie er es anfangen wolle, sich „ eine durch Schroffheit sub-\njectiv auf die Spitze gestellte Phantasie rr.it vorwaltender\nreflexiver Natur und zu viel philosophischem Element\" vor-\nzustellen! und zweitens jeden Musiker und Kunstfreund,\nwas er nun, nachdem er dieses ästhetische Rothwälsch ge-\nlesen, von Rafl's „ idealer Richtung\" und vollends von des-\nsen musicalischem Können weiss!\nHören wir jedoch noch einige Stellen zur Charakte-\nristik jener barocken, phantastisch-schwülstigen Kunst-Kri-\ntik. Wir entnehmnn sie einer Beurtheilung von F. Liszt's\nMesse lür Männerstimmen mit Orgel-Begleitung, gefertigt\nin Nr. 20 des vorigen Jahrgangs von demselben Herrn\nEmanuel Klitzsch. Da heisst es denn u. A.: „Ein Geist,\nwie ihn eben nur Liszt besitzt, ein Geist von so gewaltigen\nDimensionen, von so durchdringender Energie, musste\n€s konnte nicht anders sein [Es geschieht nämlich bei den\nHerren Wagner, Liszt, Raff u. s. w. Alles aus „Notwen-\ndigkeit\", wie bei den Naturkräften oder auch anderen\nVerrichtungen, wobei die „Noth\" eine Rolle spielt]\nauch da [Wo denn sonst schon?] reformirend ein-\ngreifen, wo die Tradition und der Schlendrian sich\nam hartnäckigsten bewiesen, auf dem Gebiete der Kirchen-\nmusik [z. B. bei J. S. Bach, Cherubini, Beethoven!].—\n„Liszt's Messe muss als eine gewaltige Erschei-\nnung auf dem Gebiete des religiösen Männergesa-\nnges bezeichnet werden sie ist ein Werk, das weit\nalle diejenigen Erzeugnisse überragt, die der Männer-\ngesang bisher nach dieser Richtung hin hervorgebracht bat\n[durch Friedr. Schneider, Bernh. Klein und andere verschol-\nlene Geister von kleineren Dimensionen]. Sie ist her-\nvorgegangen aus tiefinnerstem Schaffungsdrange, beseelt von\neiner seltenen Energie religiöser Anschauung [!], durch-\ndrungen von derjenigen Weihe, die sie zu einem Werke\nvon hoher religiöser Begeisterung stempelt. Der In-\nhalt hat das Gepräge von tief erschütternder Eigenthüm-\nlichkeit, von überzeugender und zündender Kraft u. s.\nw. Hinsichtlich der Form steht sie nicht nur selbst-\nständig und los gel ös't von allem Hergebrachten,\nsondern mit gewaltigen Schritten deutend auf\nneue Bahnen [Man bewundere den Reichthum der Far-\nbengebung, indem aus den „gewaltigen Dimensionen\" eine\n„gewaltige Erscheinung\" mit „gewaltigen Schritten\" her-\nvortritt ! Und wie originel, dass sie das „ Deuten\", das sonst\nmit der Hand geschieht, mit den Füssen thut! Und dem\nHimmel sei Dank, dass wir doch auch in der Kirchenmusik\nnun endlich „neue Bahnen\" haben, gerade jetzt, wo so\nViele das ganz Alte allein wollen gelten lassen! Doch hört,\nhört! Diese neuen Bahnen wolien dieses Mal nur vermit-\nteln trotz „ der Loslösung von allem Hergebrachten\",\ntrotz der „Reform auf dem Gebiete der Tradition und des\nSchlendrians\"], tritt Liszt hier hinsichtlich der technischen\nArbeit vermittelnd auf zwischen dem Stil der grossen\nMeister der alt-italiänischen Schule [also gibt es deren\nungeachtet Tradition und Schlendrian?] und der Neuzeit,\nund hat mit bewunderungswürdigem Genie diese schwierige\nAufgabe gelös't. [So drehen wir uns denn in einem aller-\nliebsten Zirkel. Aber halt! die „erschütternde Eigenthüm-\nlichkeit\" muss doch gerettet werden? Also;]\n„Man glaube aber nicht, dass irgendwie von Nach-\nahmung die Rede sein kann; diese Verschmelzung der\nneuen Form mit dem alten Stil kann nur das Werk\neines frei und selbstständig schaffenden Geistes sein. [Wenn\nuns doch dieser moderne Kunst-Philosoph über einen von\nder Form getrennten Stil in musicalischen Dingen\nbelehren wollte!] Und mit dieser Lösung ist ihm zugleich\neine andere, noch weit schwierigere, gelungen, nämlich den\nInhalt jener vergangenen Periode in seiner tief eindringen-\nden Glaubenskraft dem modernen Geiste zu as-\nsimiliren. [!!] Diese beiden Punkte sind von ganz beson-\nderer Bedeutung für die Wendung der Dinge in der\nkirchlichen Musik. Es kann daher [?] keinem Zweifel un-\nterliegen, dass das Werk mit diesem Januskopfe\n[!!] einen gewaltigen Eindruck auf alle ausüben wird,\ndie sich ihm hingeben, sei es bei einer Aufführung oder\nbeim Studium.\"\nFassen wir, was auf dem Wege der Analyse von Herrn\nEmanuel Klitzsch gefunden worden, synthetisch zusammen,\nso gelangt nach ihm"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "38", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550203-01.1.4", "texte": "die Reform oder die Wendung der Dinge in der Kir-\nchenmusik durch Assimilation des modernen Geistes\nmit der Glaubenskraft der vergangenen Periode\nvermöge der Loslösung der Form von allem Her-\ngebrachten und ihrer trotzdemigen Verschmelzung\nmit dem Hergebrachten, in so fern dieses „ alter\nStil\" ist, zu gewaltiger Erscheinung im Symbol\neines Januskopfes.\nUnd zwar wird dieses musicalisch-philosophische Wun-\nder in der engen Sphäre des Männergesanges und der Or-\ngelbegleitung ausgeführt, allein allerdings „durch die wir-\nkungsreichsten harmonischen Combinationen\", und durch\n„Accord-Verschlingungen von titanischer Kraft\"\n|d. h.: ein Titane kann sie verschlingen, aber kein Mensch\nsie verdauen!], „wie sie aus dem herrlichen Inhalt noth-\nwendig hervorgingen.\"\nDoch genug. Wir sehen von dem Werthe oder Un-\nwerthe der Composition ganz ab; es gilt uns nur, zu zei-\ngen, wie weit es mit der musicalischen Kritik, als Ausfluss\neiner Bündlerei (Coterie), gekommen ist. Und diese Leute\nsprechen von Zopfthum und Scholastik, während ihr after-\nphilosophischer Brei der cabbalistischen Garküche des Phi-\nlippus Aureolus Theophrastus Paracelsus Bombastus\nab Hohenheim die grösste Ehre machen würde. Weil sie\nmusicalisch nichts zu sagen und zu begründen wissen, so\ngreifen sie m den Phrasentopf und schwatzen über Ton-\nkunst in einem Kauderwälsch, welches den Beweis liefert,\ndass sie weder das ABC der Musik noch das ABC der\nLogik gelernt haben. Vor wem wollen sie sich denn mit\nsolchem Zeug ein wissenschaftliches Ansehen geben? Höch-\nstens doch vor Musikern, die zu früh aus der Elementar-\nschule gelaufen sind!\nZum Schluss den Schluss:\n„Mögen nicht Intriguen oder Stumpfsinn das Werk\ndes Meisters, welches einzig in der Männergesangs-Literatur\ndasteht, der Oeffentlichkeit vorenthalten! Einmal in würdi-\nger Weise zur Darstellung gebracht, wird es seine starken\nAccente in die Herzen Aller schlagen und den schlummern-\nden Funken der Begeisterung zur lichten Flamme anfachen\n[bei Ihrem ganz ergebenen] Emanuel Klitzsch.\"\nDa bleibt nichts Anderes übrig, als den Herren mit\nder leisen Aenderung von nobisin aus dem\nBei besagter Messe folgendes „neues Bahnstück\" unter die\nNase zu schieben:\n\nAus Barmen.\nWir haben seit meinem letzten Berichte am 30. De-\ncember v. J. unser drittes Abonnements-Concert\nim Saale der Concordia und am 20. Januar d. J. das Con-\ncert zum Vortheil unseres Musik-Directors Herrn Karl\nReinecke gehabt.\nDas dritte Abonnements-Concert brachte von Orchester-\nwerken Weber's Ouvertüre zur Euryanthe, Beetho-\nven's Leonore Nr. 3 und Mozart's Sinfonie in\nmit der Fuge im Finale. Die beiden Ouvertüren wurden\nvortrefflich wiedergegeben, mit so viel Kraft, Frische und\nFeinheit, dass es nicht zu verwundern war, dass diese herr-\nlichen Compositionen das Publicum zu dem lebhaftesten\nBeifall hinrissen; namentlich zündete die Leonoren-Ouver-\nture vollständig. Die prachtvolle Mozart'sche Sinfonie wurde\nvon dem Orchester mit der vollsten Hingebung an den be-\ngeisterten Dirigenten ausgeführt und verfehlte nicht ihre\ntiefe Wirkung auf das Publicum. Es ist überhaupt höchst\nerfreulich, die Wechselwirkung wahrzunehmen, welche zwi-\nschen Orchester und Zuhörern durch die guten Aufführun-\ngen solcher classischen Musikwerke stets im Steigen be-\ngriffen ist.\nVon Gesang hörten wir, in Uebereinstimmung zu den\ngenannten Ouvertüren, den Jägerchor aus Euryanthe\nund den Gefangenen chor aus Fidelio, von den Mitglie-\ndern der Liedertafel vorgetragen; die Nuancirungen des\nPiano im letzteren gelangen gut, dagegen fehlte es dem\nersteren etwas an Kraft und Frische. Im zweiten Theile\nwurde (hier zum ersten Male) F. Hiller's Gesang der\nGeister über den Wassern für Chor und Orchester"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "39", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550203-01.1.5", "texte": "aufgeführt, welcher jedoch beim Publicum nicht ganz die\nwarme Aufnahme wie bei Einzelnen unter den Zuhörern\nfand.\nAuszeichnende Erwähnung verdient das Violinspiel des\nHerrn Franz Seiss (warumschreibt sich der junge Künst-\nler Frangois Seiss, was ja wie Feuer und Wasser auf ein-\nander platzt?), welcher Mendelssohn's Violin-Concert\nund ein Fantaisie caracteristiquevon seinem Lehrer AI ar d\nspielte, das Concert recht gut, die Phantasie vollendeter im\nStil, sehr fein, graziös und pikant. Er ärntete mit Recht\ngrossen Beifall. In einem Privat-Zirkel soll er auch Bach's\nChaconne vortrefflich gespielt haben, wobei wir jedoch selbst\nnicht zugegen waren.\nBei seinem Benefice-Concert hatte Herr Reine c k e mit\nvielen äusseren Hindernissen zu kämpfen; Fräul. Johann-\nsen von Köln konnte wegen Krankheit die Zusage ihrer\nMitwirkung nicht erfüllen, und Herr Ferd. Laub telegra-\nphirte wenige Stunden vor Anfang des Concerts sein noth-\ngedrungenes Ausbleiben. Trotzdem gereichte das Concert zur\ngrossen Befriedigung des Publicums und zur vollen Ehre\ndes Concertgebers, dessen Vorträge auf dem Pianoforte\nAlles entzückten. Besonders machte das C-moll-Concert von\nBeethoven einen ausserordentlichen Eindruck, und die ein-\ngelegte vortreffliche Cadenz, eben so brillant und schwer,\nals schön und gehaltvoll, erregte einen wahren Beifalls-\nsturm. Auch in den Solostücken: „Schlummerlied\" von\nSchumann, Marcia giocosa von Hill er und dem Lucia-\nFinale von Liszt, zeigte sich Herr Reinecke als Pianist\nersten Ranges. Eine neue Composition desselben für Or-\nchester, eine Lustspiel-Ouverture, gefiel ungemein;\nich weiss nicht, ob sie bereits gedruckt oder noch Manu-\nscript ist. Hervorruf, Tusch und Blumenspenden wurden\ndem Herrn Concertgeber reichlich zu Theil.\n\nSiebentes Gesellschafts-Concert in Köln\nim Casinosaale.\nDinstag, den 23. Januar.\nDas Programm enthielt diesmal nur zwei grosse Werke: Beet-\nhoven's Sinfonia Eroica füllte die erste, C. Rein thal er's Ora-\ntorium „Jephta und seine Tochter\"- erster Theil —die zweite\nAbtheilung des Concertes.\nDass die Ausführung einer Beethoven'schen Sinfonie unter Hil-\nlens Leitung bei dem gegenwärtigen Standpunkte des hiesigen Or-\nchesters stets einen wirklichen Kunstgenuss bietet, bedarf kaum\nnoch gesagt zu werden. So sehr wir indess die Abhetzung Beet-\nhoven'scher Werke verabscheuen, so kann man doch auch in dem\nGegentheile zu weit gehen; das Tempo namentlich des letzten Satzes\nwar offenbar zu langsam. „Sunt certi denique fines, quos ultra\ncitraque nequit consistere rectum\nVon Reinthaler's Oratorium hatten wir im vorigen Jahre\nbereits eine Reihe von Nummern gehört, in denen wir die glän-\nzenden Eigenschaften des jungen Componisten übereinstimmend mit\ndem Publicum bewunderten, welches das erste Auftreten desselben\nmit der lebhaftesten Theilnahme und rauschendem Beifall begleitete\n(s. vor. Jahrg., Nr. 7 vom 18. Febr.). Diesmal hörten wir den gan-\nzen ersten Theil, und diese Aufführung bestätigte uns vollkommen\nin der Ansicht, dass dieses Werk nicht bloss seinen Intentionen und\nseinem Umfange nach, sondern auch an innerem Gehalt leicht das\nBedeutendste sein dürfte, welches seit Mendelssohn's und Hiller's\nOratorien in dieser Gattung geschrieben worden ist. Wir behalten\nuns desshalb eine mehr ins Einzelne gehende Analyse nach Ein-\nsicht der Partitur vor, und erwähnen hier nur noch die treffliche\nAusführung der Chöre, welche nichts zu wünschen übrig liess,\nwährend dagegen die Solostimmen (Fräul. Johannsen, Fräul.\nPels-Leusten, Herr Koch und Herr DuMont-Fier) in dem\ncanonischen Quartett: „Stärket die müden Hände\", nicht recht zum\nGleichklang und zur Einheit der harmonischen Zusammenwirkung\ngelangen wollten.' Am Schlüsse brach die zahlreiche Versammlung\nin rauschenden Beifall aus, und der Componist wurde wiederholt\ngerufen.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMölne Die Geschwister Neruda haben in voriger Woche\nzwei Concerte im Stadttheater gegeben und grossen Beifall geärn-\ntet, aber wenig Geld. Seit Jahren werden die Concerte fremder\nKünstler hier schlecht besucht; die Neruda's spielten nun noch\ndazu am Vor- und Nachabend des siebenten Abonnements-Concer-\n\\ -\ntes, und ausserdem ist jetzt die Zeit der Privat-Gesellschaften und\nWinter-Bälle, die dasjenige Publicum, hier überhaupt\nConcerte besucht, fast täglich in Anspruch nehmen. Wilhelmine\nNeruda, die Violinspielerin, hat durch den Vortrag von de Be-\nriot's neuestem Concert Nr. VII. und Spohr's Gesang-Scene, so\nwie einiger Salonslücke von Vieuxtemps und Artot und einer\nHumoreske von Mildner über ein slawisches Thema, wobei es\nauf eine Nachbildung des Carnevals von Venedig abgesehen ist,\nbewiesen, dass sie zu den Violinisten erster Classe gehört. Ihr Spiel\nist durchaus nicht kleinlich und mädchenhaft, sie führt einen kräf-\ntigen Bogen und hat eine breite Manier des \\ortrags, obschon sie\nauch die mehr künstliche als künstlerische Seite der Virtuosität mit\nErfolg cultivirt hat. Ihre Schwester Amalie ist eine recht wackere\nPianistin; aus den von ihr gewählten Compositionen, die allein auf\nGlanz der Technik berechnet, konnten wir nur ihre Sicherheit und\nGewandtheit in dieser bei hübschem Anschlag und perlender Ge-\nläufigkeit kennen lernen. Beide wurden wiederholt vom Publicum\ngerufen. Den Damen Günther und Rochlitz und Herrn\nBecker wurde für ihre Gesang-Vorträge ebenfalls die verdiente\nEhre des Hervorrufs zu Theil.\nSicherem Vernehmen nach wird das diesjährige Niederrhei-\nnische Musik fest wie gewöhnlich zu Pfingsten, und zwar in\nDüsseldorf, Statt finden, indem hier in Köln wegen des in An-\ngriff genommenen Ausbaues des Gürzenich kein Local für so grosse\nMusik-Aufführungen vorhanden ist. Zur Leitung desselben ist Fer-\ndinand Hill er berufen. Wahrscheinlich wird Haydn's Schö-\npfung die Haupt-Aufführung werden, und wir werden darin das"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "40", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550203-01.1.6", "texte": "vortreffliche Sänger-Kleeblatt Fräulein Ney und die Herren Ro-\nger und Karl Forraes zu bewundern Gelegenheit haben.\n** Elberfeld. Am 27. Januar gab unser städtischer Musik-\nDirector Herr Herrn. Schornstein ein Concert, in welchem er\nH ummel's Concert in H-moll eine Wahl, welche sowohl von\n7\nlobenswerther Pietät gegen den Lehrer als von richtiger Würdigung\nder trefflichen Composition zeugte und Thalberg's Phantasie\nüber Bellini'sche Thema's mit bekannter Bravour vortrug. Nächst-\ndem verliehen die meisterhaften Gesang-Vorträge des Herrn E.\nKoch aus Köln (2 Lieder von C. Rein ecke und 2 von Fr.\nSchubert und die Solo-Partie in F. Hiller's 125. Psalm) dem\nConcert einen vorzüglichen Glanz. Auch Herr Seiss ärntete durch\nden trefflichen Vortrag von Alard's Phantasie für Violine über\nThema's aus Anna Bolena grossen Beifall. Rietz' Ouvertüre Hero\nund Leander und Beethoven's C-moll-Sinfonie gingen gut.\nBerlin* Der Componist Ernst Tschirch, der dritte der\nfünf Brüder dieses Namens, welche alle Musiker sind, ist Ende vo-\nrigen Jahres hier gestorben. Er lebte sehr eingezogen. Er soll zwei\nOpern-Partituren: „Der fliegende Holländer\" und „Frithjof\", und\nmehrere Sinfonieen, Ouvertüren u. s. w. hinterlassen haben.\nWeimar. Der Plan, Abonnements-Concerte zu be-\ngründen, tür welchen sich Liszt wie natürlich und mit vollem\nRechte sehr interessirt, ist bis jetzt noch auf Hindernisse gestossen.\nFerd. Hill er ist hier angekommen; er gedenkt auch nach\nLeipzig und Dresden zu gehen.\nEmanuel Geibel hat ein zweiactiges Lustspiel „Meister\nAndrea'' geschrieben, welches dieser Tage in München aufge-\nführt werden soll.\nBremen. Wir haben hier Ernst H ab erb i er, über den\nman einst in Paris aus vollen Backen blies; in der Technik ist er\ngross, folglich ein Virtuos. Auch Alfred Jaell spielt schön und\nschnell. Doch, 117 in Prosa fortzufahren, muss ich die poetischen\nLeistungen unserer Vereine mit Dank erwähnen: in der Sing-\nAkademie Händel's Josua, im Cäcilien-Verein Rom-\nberg's Glocke, Mendelssohn's Walpurgisnacht und 42. Psalm»\nund Händel's Frohsinn und Schwermuth. Die Gast-Darstellung\ndes Fräul. An tonie Will als Romeo fand eine nachsichtige\nBeurtheilung.\nW i 1 h e 1 m i n e C 1 a u ss erregt in W i e n wie Jenny Lind und\nTherese Milanollo schon durch ihren Anblick, sobald nämlich die\nersten Noten unter ihren Fingern sich beseelen, eine höhere Er-\nwartung ; man sieht es dann jeder Miene, jeder Geberde an, dass\nsie ganz Empfindung ist, dass sie versunken in die Tonwelt, der\nsie den Ausdruck geben soll mit dem darin waltenden Geiste\ngleichsam Eins wird; aus ihrem Auge strahlt dann Liebe und gänz-\nliche Hingebung an das, was ihr der Tondichter in seinem Werke\nvon den Geheimnissen seines Geistes, von den Wundern der Schön-\nheit vertraut.\nDurch diese Hingebung der eigenen Persönlichkeit an das Ton-\nwerk erhebt sie es zur höchsten Lebendigkeit, indem sie es gleich-\nsam aus sich selbst treu und mit vollem Herzschlage wiedergebiert.\nEs ist das mehr als eine mechanisch richtige Wiedergabe, mehr\nals eine bloss durch den Geist vermittelte treue Auffassung: es iot\nein lebendiges Nachfühlen, ein schöpferisches Wiedererzeugen.\nWTilhelmine Clauss hat den Ruf, der ihr aus den Weltstädten\nParis und London voranging, und der gleich zu ihrem Antritts-\nConcerte einen zahlreichen, auserlesenen Kreis von Kunstgönner»\nund Kunstfreunden um sie versammelt, siegreich bewährt lind nicht\nnur in dem lauschenden, athemlosen Aufhorchen auf ihr Spiel, son-\ndern auch in mehrfachen Ausbrüchen des Entzückens während des-\nselben und in dem stürmischen Beifalle und Hervorruf nach jeder\nProduction die schönste Anerkennung ihrer herrlichen Vorzüge\nerhalten.\nSie spielte die Sonate aus F-dur von Beethoven, der genuss-\nreichste und preiswürdigste ihrer Vorträge. Unter den drei Cho-\npin'schen Stücken gefiel am meisten das „Impromptu\" aus A-dur;\naber auch die „Nocturne\" aus E-dur erhält unter ihren Fingern\nLeben und Sprache. Die Obertasten-Etude ist ein technisches\nKunststück ohne Reiz."}]}