{"numero_id": "bm-bmtnabi-1855-02-10-01", "volume": "bmtnabi_1855-02-10_01", "ocr_sha256": "1e35d6db95f941f0370ffba39ca962703a400992fd694238e5ed8b994b37ab90", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1855/02/10_01/bmtnabi_1855-02-10_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550210-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1855-02-10-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-02-10_01#c001", "volume": "bmtnabi_1855-02-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "41", "page_fin": "43", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550210-01.2.1", "titre_corps": "Pariser Briefe.", "titre_sommaire": "Pariser Briefe.", "signature_source": "B. 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Bo-\nsi o als zierliche Sängerin hat, so mangelhaft und unzurei-\nchend war ihre Auffassung und Ausführung der Elvira ;\ndagegen hatte eine hier noch nicht gesehene Oper: II Tro-\nvatore (Der Troubadour), in so fern einen wirklichen Er-\nfolg, als er bei mehreren Aufführungen eine so zahlreiche\nGesellschaft in der Salle Ventadour versammelte, wie man\nsie diesen Winter dort noch nicht gesehen hatte.\nDie erste Vorstellung des Trovatore fand am 23. De-\ncember v. J. Statt. Es kann bei allen Musikern, die es auf-\nrichtig mit der Kunst nehmen, nur Eine Stimme darüber\nsein, dass es keineswegs für eine hohe Stufe der gegenwär-\ntigen musicalischen Bildung der Italiäner spricht, dass Verdi\nin Italien die Bühnen beherrscht. Man hat versucht, die\nUmwandlung des Geschmacks der Italiäner, welche Jahr-\nhunderte lang dem sanften Schmelz der Melodie lauschten\nund den Orchesterlärm verabscheuten, jetzt aber die musi-\ncalischen Ausbrüche der rohen Leidenschaft im Gesänge\nund den betäubenden Lärm in den Instrumenten mit Ent-\nzücken aufnehmen, durch die Schicksale des Volkes und\ndurch dessen politische Aufregung zu erklären. Ich weiss\nnicht recht, ob das Stich hält; die Italiäner hatten, als Ros-\nsini auftrat und alle Bühnen und alle Ilcrzen eroberte,\nebenfalls sehr traurige Phasen ihres nationalen Lebens\ndurchgemacht und waren von manchen Träumen hinläng-\nlich enttäuscht worden; dennoch hielten sie in der Kunst\nan dem alten Volks-Charakter fest, und so kann ich auch\nnicht glauben, dass der Mazzinismus der Verdi'schen Musik\nOhr und Herz geöffnet haben solle. Dass aber der Geist\nunserer Zeit überhaupt einen gewiss bedeutenden Einfluss\nauf den Kunstgeschmack sowohl in Italien als überhaupt in\nEuropa ausübt, das ist keine Frage; nur liegt dieser Ein-\nfluss nicht in der politischen Gestaltung des Zeitalters, son-\ndern in der moralischen, in dem allmählichen Absterben\ndes Sinnes für das Einfache und Natürliche, in dem Ver-\nschwinden des ruhigen, die Seele befriedigenden Wohlge-\nfallens an dem Schönen überhaupt und besonders an der\nForm des Schönen, statt dessen die blasirte Welt die Auf-\nregung lieb gewonnen hat, und den Nervenreiz, der sich bis\nzu einer verfeinerten Wollust am Grässlichen, am Verzerr-\nten, am Maass- und Formlosen steigert, lür Empfindung\nund Gelühl hält und die Ueberspannung beim Kunstgenüsse\nnicht mehr entbehren kann. Die manchmal unbegreifliche\nWirksamkeit gewisser musicalischer Werke und Leistungen\nauf die Masse dürfte in der That eher physiologisch als\npsychologisch zu erklären sein. Schon die grässlichen Stoffe,\nwelche die neueren Libretti-Dichter der Italiäner für die\nOper wählen, bestätigen das Gesagte; Wahnsinn, Marter\nund gewaltsamer Tod durch eigene oder durch Henkers\nHand sind die gewöhnlichen Ingredienzen zu dem Recept\nfür Nerven-Erschütterung, und der Componist kann nicht\nanders, als die Worte der Handelnden durch herzzerreis-\nsende Accente und den ewigen Schrei übermässiger Lei-\ndenschaft nicht etwa vergeistigen, sondern durch den rohe-\nsten Ton-Materialismus für den groben Sinn der Zuhörer\nhandgreiflich machen.\nSo ist denn auch der Inhalt dieses Troubadours eine\nwahre Satire auf den Titel der Oper; denn statt der\nMinnelieder, die Frühling und Liebe verherrlichen, hören\nwir nur Grabestöne und Leichenmusik, und werden vom\nScheiterhaufen, den eine Hexe besteigt, durch Kerker und\nGift bis zu Rad und Galgen geführt. Dieser Triumph des\nGrässlichen war die letzte Kraft-Aeusserung des Opern-\nDichters Salvatore Cammarano, der in demselben Jahre\n(1853) starb, in welchem der Trovatore zu Rom auf dem\nTheater Apollo zum ersten Male (den 19. Januar) zur Auf-\nführung kam."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "42", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550210-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5195, "texte": "Eine Ouvertüre hat die Oper nicht, drei Paukenwirbel\nvertreten ihre Stelle. Jeder der vier Acte, von denen der\nerste in zwei Abtheilungen zerfällt, hat seine besondere\nUeberschrift; der erste heisst II Duello. Der Vorhang geht\nauf: wir sind in Spanien, zu Anfang des fünfzehnten Jahr-\nhunderts, im Vorhofe des Palastes des Grafen Luna, wo\nein Officier seinen Soldaten die schaudererregende Geschichte\neiner Zigeunerin erzählt, welche der Graf Luna hat leben-\ndig verbrennen lassen, weil er die Hexe an der Wiege sei-\nnes jüngeren Bruders getroffen. Die Hexe hatte aber eine\nTochter, der sie die Rache auftrug; diese raubte Garzia,\ndas besagte Brüderlein, und man fand verkohlte Kinder-\nknochen auf demselben Platze, wo man die alte Hexe ge-\nbraten hatte. Diese Erzählung sucht in Rhythmus und de-\nclamatorischem Gesänge und in den Schauern der Instru-\nmente, unterbrochen vom Unisono-Chor der Sol-\ndaten, die Nerven des Zuhörers sogleich in die gehörige\nSpannung zu setzen. Auf einmal schlägt die Glocke Mitter-\nnacht, die Trommel rollt, die Soldaten laufen fort, man\nweiss nicht, ob aus Gespensterfurcht oder zur Ablösung.\nDer Vorhang fällt, das Vorspiel ist zu Ende.\nBeim Beginn des eigentlichen Drama's ergeht sich Leo-\nnora mit ihrer Freundin Ines im Garten und singt ihre\nLiebe zum Troubadour, ä laElvira im Ernani, nur dass in\nihrer Arie noch weniger melodischer Fluss ist, als dort,\nund sich die Declamation in curiosen Sprüngen ergeht. Sie\ngeht ab nach dieser geistreichen Exposition; um diese eben\nso dramatisch, wie sie eingeleitet ist, zu vervollständigen,\nerscheint der Graf Luna, welcher Leonora liebt und den\nTroubadour hasst; und damit wir ganz wissen, woran wir\nsind, so hören wir aus dem Gebüsch eine sehnsüchtige Ro-\nmanze, welche kein Anderer als der Troubadour selbst für\nseine Leonora singt. Sie kehrt auf das süsse Zeichen zu-\nrück, hält erst den Grafen für ihren Geliebten, allein Man-\nrico, so heisst der Troubadour, stürzt hervor; es gibt eine\nfurchtbare Scene der Eifersucht der Männer und der Ver-\nzweiflung der Dame, welche Situation nicht ganz neu zu\nsein scheint. Das Terzelt wogt, vom Sturme des Orchesters)\ngepeitscht, auf und ab; wir machen die Bemerkung, dass\nes ein Terzett a due ist, denn Leonora und Manrico singen\nunisono; die Nebenbuhler ziehen die Schwerter und stürzen\nab zum Zweikampfe, Leonora fällt, der Vorhang fällt, das\nMädchen in Ohnmacht, der Vorhang bis auf den Boden.\nBis hieher habe ich in der Musik auch nicht das Ge-\nringste entdecken können, was bei dieser siebenzehnten\nOper Verdi's anders wäre, als bei den früheren, von denen\nich den Nabuco, Ernani,die und die\nMiller,welche als die besten gerühmt werden, gehört habe.\nIch finde auch hier wieder eine grosse Armuth an musica-\nlischen Gedanken, an wirklich schönen Motiven, und soll\nich überhaupt mein Urtheil über die Musik der ganzen Oper\ngleich aussprechen, so muss ich sagen, dass sie mir wie die\nCaricatur der Wagner'schen Musik vorkommt. Da je-\nder von beiden Componisten ganz unabhängig von dem an-\ndcien schreibt, so ist die Art von Miasma, welches die mu-\nstcaliscoe Luit zu durchziehen scheint, höchst merkwürdig *\nund so'hoch natürlich der deutsche Tondichter über dem\nItaüäner steht, so wünschte ich doch, dass ein tüchtiger\nAesthetiker einmal diese Ansicht prüfte, wobei bei aller\nVerschiedenheit die Aehnlichkeiten aufzusuchen wären, die\nErzielung gleicher Wirkungen durch verwandte Mittel,\nwenn auch der Eine durch das Uebernatürliche das hervor-\nzubringen sucht, was der Andere durch das Grässliche,\nwährend Beide in der Musik einer schreckenerregenden\nNatur-Wahrheit huldigen, in welcher die Wahrheit der\nKunst untergeht. Alsdann müssten auch die Gründe der\nTheilnahme eines grossen Theiles des Publicums erforscht\nund dabei auf das, was ich oben über den moralischen Zu-\nstand der gegenwärtigen theaterbesuchenden Menschheit\ngesagt habe, Rücksicht genommen werden. Die nationale\nEigentümlichkeit und der aus derselben nothwendig flies-\nsende Unterschied im musicalischen Verfahren\ndürfte dabei, wie sich von selbst versteht, nicht ausser Be-\ntracht gelassen werden.\nDoch kehren wir zum Trovatore zurück. Der zweite\nAct, La Ghana (Die Zigeunerin), führt uns in die Berge\nvon Biscaya. wo wir ein Lager der Zigeuner finden, welche\nWaffen schmieden, wozu ein wilder Chor ertönt, in wel-\nchem die Hammerschläge auf die Ambosse eine bedeutende\nstimme haben und an Spontini's erinnern. Azu-\ncena, die Zigeunermutter, entdeckt dem Manrico, dass sie\neinst den jüngeren Bruder des Grafen Luna geraubt habe,\num ihn zu verbrennen, dass sie aber in einer Art von\nWahnsinn sich in dem Opfer vergriffen und ihr eigenes\nKind ins Feuer geworfen habe!! Desswegen heische sie\ndoppelte Rache gegen den Grafen, der auch ihre Mutter\nauf den Scheiterhaufen geschickt habe. Auf Manrico's Frage,\nob er denn nicht ihr Sohn sei, beruhigt sie ihn, und Man-1,\nrico, einfältiger als das Publicum, glaubt ihr. Auf ihren\nVorwurf, warum er bei dem Zweikampfe den überwunde-\nnen Grafen nicht getödtet, entgegnet er, dass gleichsam\neine Stimme vom Himmel seinen Arm zurückgehalten. Die-\nser lange Dialog ist rein declamirt, mitunter auf effectvolle\nW eise; die Benutzung der Saiten-Instrumente theils mit,"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "43", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550210-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4632, "texte": "theils ohne Dämpfer zum unheimlichen Schwirren und das\ndazwischen prallende Blech imponiren dem Laien. Ein Bote\nmeldet, dass Leonora auf die falsche Nachricht von Man-\nrico's Tode den Schleier nehmen will. Der Troubadour, ge-\nfolgt von seiner treuen Schar, eilt, ihr den Irrthum zü\nbenehmen.\nDie Scene verwandelt sich; Wald, im Hintergrunde\nein Kloster. Der Graf Luna singt erst und dieses auf\naltitaliänische Weise ein Liebeslied (hübsch und\nverlangt) und legt sich dann mit seinen Reisigen, welche\nden Chor zu einer auch noch folgenden Arie desselben bil-\nden, in den Hinterhalt, um Leonora auf ihrem Zuge nach\ndem Kloster zu entführen. Man hört den Chor der Nonnen\nhinter der Scene und Glockengeläute, welches überhaupt\neine grosse Rolle spielt. Der Graf will seine That ausfüh-\nren, allein die Leser werden wohl schon ahnen, dass Man-\nrico noch zu rechter Zeit kommt, und dass Leonora nun\nnicht ins Kloster geht.\nDie Musik in diesem Acte steht in mancher Hinsicht\nhöher, als in dem ersten; im Ganzen genommen ist sie aber\ndoch mehr theatralisch als dramatisch, meist decorativ und\nrealistisch, und die schöne Gelegenheit zu einem ausgeführ-\nten Finale in der letzten Scene, wo die zwei Nebenbuhler\n(Bariton und Tenor) mit zwei Männer-Chören, und Leonora\nmit ihrem weiblichen Gefolge die Bühne füllen, hat der\nComponist gar nicht benutzt, indem er nach einigen schroff\nherausgestossenen Sätzen der einzelnen Stimmen das Ganze\nkurz abbricht, was in solcher Situation wiederum sehr na-\nturwahr sein mag, aber sehr unmusicalisch ist.\nIm dritten Acte, 11 figlio (Der Sohn der\nZigeunerin), eröffnet sich die Scene in dem Lager des Gra-\nfen Luna vor dem Schlosse, auf welches Manrico seine ge-\nliebte Leonora geführt hat. Die Zigeunerin ist in die Gewalt\ndes Grafen gefallen; er verurtheilt sie zum Scheiterhaufen.\nVerwandlung: das Innere des Schlosses, wo Manrico seine\nHochzeitfeier vorbereitet. Aber auf die Nachricht von der\nGefahr seiner Mutter macht er einen Ausfall auf die Bela-\ngerer, wird besiegt und gefangen. Die Musik dieses\nActes ist die schwächste in der ganzen Oper: es ist keine\nSpur von Talent darin zu entdecken.\nDagegen werden im vierten Acte wieder alle möglichen\näusseren Mittel durch complicirte, wenn auch höchst un-\nwahrscheinliche, Situationen und Verbindung musicalischer\nElemente von contrastirender Farbe aufgeboten, um einen\nschauerlichen Eindruck hervorzubringen. Dieser letzte Act\nheisst // Supplizio (Die Todesstrafe). Manrico und die Zi-\ngeunerin schmachten in einem Thurme; Leonora singt vor\ndessen Eisengittern. Ein düsteres Miserere erklingt im Chor\naus dem Schlosse darauf aus dem Thurm die Antwort\ndes Troubadours mit Harfen-Begleitung zuletzt Leono-\nra's Verzweiflung, des Troubadours Klage, das Miserere und\ndas Läuten der Todtenglocke zusammen! Nun kannst Du\nDir denken, wie dieser combinirte Jammer, der übrigens\nmit Geschick, nur mit zu viel Geschick gemacht ist, die Her-\nzen der Frauen zusammenschnürt und als eine wahre mu-\nsicalische Thränenpresse wirkt! Darauf folgt ein furchtbares\nDuett, eines von den Verdi'schen Bildern eines Wettrennens\nschnaubender Rosse, zwischen Leonora und dem Grafen;\nsie verspricht, die Seinige zu werden um den Preis der\nFreiheit Manrico's. Sie eilt in dessen Kerker, er aber ver-\nschmäht die Rettung durch solch ein Opfer. Da stürzt sie\ntodt zu seinen Füssen, denn sie ist so vorsichtig gewesen,\nschon früher Gift zu nehmen; der Graf, wüthend über die-\nsen Strich durch seine Rechnung, lässt den Troubadour zum\nTode führen, und als die Hinrichtung vollzogen, ruft ihm\ndie Zigeunerin, wie Eleazar dem Cardinal in der Jüdin,\ntriumphirend zu: „Er war dein Bruder!\"\nIch würde mich bei diesem widrigen Producte, gegen\nwelches der melodramatische Unsinn einer früheren Periode\ndes Theaters an der Porte St. Poesie ist, nicht so\nlange aufgehalten haben, wenn ich es nicht für nothwendig\nhielte* an einem Beispiele zu zeigen, in welchen Pfuhl der\nGeschmack des heutigen Italiens versunken ist, und was von\neinem Componisten zu halten sei, der es über sich gewinnt,\nein so abgeschmacktes, aus abgedroschenen Motiven und\nSituationen zusammengeknetetes, mit Grässlichkeiten über-\nladenes Drama durch Musik einem Publicum erträglich zu\nmachen! Nichts charakterisirt übrigens' das Ganze besser,\nals folgende wenige Zeilen eines ganz eigenthümlichen Lo-\nbes, welches eine hiesige Kritik der Sängerin Frezzolini\nertheilt:\n„ Mad. Frezzolini singt und spielt die Rolle der Leonora\nauf vollendete Weise; sie hatte bei der Entwicklung der\nKatastrophe krampfhafte Zuckungen, Wimmern und Schluch-\nzen und Bebungen, welche eben so dramatisch waren, wie\ndas Drama selbst!\"\n\nB. P."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-02-10-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-02-10_01#c002", "volume": "bmtnabi_1855-02-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "43", "page_fin": "46", "image_debut": 3, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550210-01.2.2", "titre_corps": "Aus Düsseldorf.", "titre_sommaire": "Aus Düsseldorf.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "43", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550210-01.1.3", "debut_caractere": 4634, "fin_caractere_exclue": 4849, "texte": "Aus Düsseldorf.\nNachdem die erste Hälfte unserer acht vom Allgemei-\nnen Musik-Verein veranstalteten Winter-Concerte gegeben\nworden ist, erstatten wir wiederum einen kurzen Bericht\nüber unsere musicalischen Zustände."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "44", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550210-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4956, "texte": "Herr Julius Tausch ist nunmehr definitiv an die\nSpitze derselben getreten, indem er, ausser der Leitung\ndes städtischen Gesang-Vereins, auch die der genannten\nConcerte übernommen hat.\nIhre Programme waren folgender Maassen festgesetzt:\nErstes Concert: Sinfonie von Schubert; Ouver-\ntüre zu Leonore von Beethoven; Violin-Concert, Gesang-\nscene von Spohr; Finale aus Loreley von Mendelssohn.\nZweites Concert: Ouvertüre zu Medea und Duett für\nSopran und Tenor aus dem Wasserträger von Cherubini;\nerster Satz des ersten Concerts, von Chopin; In-\ntroduction, erste Scene des ersten Actes und zweiter Act\naus Iphigenie in Tauris von Gluck; grosse Ouvertüre, Op.\n124, von Beethoven.\nDrittes Concert: Judas Maccabäus von Händel.\nViertes Concert: Concert-Ouverture, von Hiller;\nViolin-Concert von Mendelssohn; Arie für Sopran: „ Nun\nbeut die Flur\", aus Haydn's Schöpfung; Fantaisie Caprice\nfür Violine von Vieuxtemps; der 42. Psalm von Mendels-\nsohn; Sinfonie D-dur,Nr. 2, von Beethoven.\nAus diesen Programmen, welche Nummern von der\nhöchsten Schwierigkeit enthalten, geht zunächst hervor,\ndass die Neigung, die Wahl des Auszuführenden ohne Be-\nrücksichtigung der Schwächen unserer musicalischen Mittel\nzu treffen, vorherrschend geblieben ist.\nAls ein Wagniss erschien es uns namentlich, die Schu-\nbert'sche Sinfonie in C-dur im ersten Concerte, nachdem\nunser Orchester Monate lang nicht zusammen gespielt, auf-\nzuführen. Hätte das Werk unter solchen Umständen mit\nzwei kurzen Proben gegeben werden m ü s s e n, so würden\nwir uns an dem über Erwarten glücklichen Verlaufe der\nAufführung erfreut haben. Eine Notwendigkeit war indess\nnicht vorhanden, und somit konnte es uns nur verstimmen,\ndie Wahl des Werkes der unrichtigen Würdigung seiner\ngrossen geistigen und materiellen Schwierigkeiten oder der\nUeberschätzung der ausführenden Kräfte zuschreiben zu\nmüssen. Wer die grossartige Tonschöpfung zum Gegen-\nstande ernsten Studiums gemacht hat, wird einräumen, dass\nunter den angegebenen Umständen eine Aufführung selbst\nsehr mässigen Ansprüchen an den geistigen Inhalt unmög-\nlich genügen konnte. In der Sinfonie, wie in den übrigen\nInstrumental-Compositionen zeigte sich übrigens noch immer\neine Reihe von technischen Schwächen, durch die sich das\ngeistige Element nur selten und mühsam einiger Maassen\nBahn zu brechen vermochte.\nNicht minder gewagt erschien uns die Wahl der See-\nmen aus Gluck's Iphigenie. Die einfachen Noten dies er Musik\ngehören zum Schwierigsten, was das dramatisch-musicalische\nGebiet aufzuweisen hat; sie erfordern eine sichere, correcte\nBehandlung des Gesanges und vor Allem eine bestimmte\ndramatische Färbung desselben. Fräul. Volk vom hiesigen\nStadttheater, eine talentvolle junge Sängerin, würde als\nIphigenie unbedingt mehr geleistet haben, wenn sie mit\nGluck'schen Parlieen vertraut wäre. Sie vermochte in der\nersten Scene, namentlich in der Erzählung des Traumes,\nnur leichte Skizzen der grossartigen Tongemälde zu ent-\nwerfen, welche sie darzustellen hatte! Am besten gelang ihr\nder Vortrag der Arie „O du, die einst mir Hülfe war\".\nDie Chöre dagegen blieben vollständig ausdruckslos. Das\nFlehen der Priesterinnen, den Zorn der Götter abzulenken,\nihr Erstarren bei Iphigeniens grässlichem Traumbild, ihr\nJammer bei den endlosen, vom Geschick verhängten Leiden\nblieben ohne alle Andeutung im Vortrage. Wir vernah-\nmen nur ein mangelhaftes, meist peinigend unreines Absin-\ngen der Noten!\nIm zweiten Acte trugen die Herren Kahle und Meyer\nvon der hiesigen Bühne die Partieen des Pylades und Orest\nvor, ersterer fast ohne alles Leben, letzterer mit grosser\nWärme und dramatischem Ausdruck. Die Chöre blieben so\nmatt und farblos, wie im ersten Theile, sogar da, wo sie\nals die Orest verfolgenden Furien auftraten. In gewaltigen\nTönen erscheinen sie als Rächerinnen der Gottheit, in dum-\npfen, verhaltenen Lauten als Klägerinnen dem Mörder der\nMutter. Durch diesen Gegensatz, erhöht durch den des\nRhythmus, hat Gluck eine wahrhaft grauenerregende Wir-\nkung erreicht. Sie ging nicht nur durch den Vortrag, son-\ndern auch durch ein verfehltes, fast um die Hälfte zu\nlangsames lempo verloren. Wir müssen vermuthen, dass\nvon den beiden der Scene vorgeschriebenen Zeichen,\nund Alla breve,nur das erste berücksichtigt wurde. Zudem\nstörte es sehr, dass die kurzen Accorde in den Recitativen\nhäufig zu früh oder zu spät kamen, ein Beweis von Un-\nsicherheit in der Direction derselben. Wollen wir überhaupt\nden schwächsten 1 heil der vier Concerte bezeichnen, so\nmüssen wir gerade die Gluck'schen Scenen nennen.\nDas Finale aus Loreley wurde zwar besser, aber so\nmateriel und im Chor und Orchester so wenig mit der\nSolo-Partie in Uebereinstimmung gebracht vorgetragen,\ndass Fräul. Thelen als Loreley mit ihrer schönen, wenn\nauch nicht sehr starken, Stimme alle Mühe hatte, sich\ndurchzuarbeiten, und auf jede feinere Färbung des Vortrags\nverzichten musste. Wir bedauern es, die junge Künstlerin\nnicht unter günstigeren Verhältnissen gehört zu haben."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "45", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550210-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5149, "texte": "Im dritten Concerte wurde Judas Maccabäus gegeben.\nDie Aufführung konnte sich zu einer erwärmenden Ge-\nsammtwirkung nicht erheben, obgleich sie sorgfältiger als\ngewöhnlich einstudirt war und in den Soli Fräul. F. aus\nCrefeldSopran, Fräul.Pels-Leusten aus Köln Alt, Herr\nM. D. Woi IT aus Crefeld und Herr DuMon t- F i e r aus\nKöln Tenor und Bariton recht Erfreuliches geleistet\nwurde. Leider scheint das ungünstige Verhältniss der Stim-\nmen gegen einander noch in der Zunahme begriffen. Tenor\nund jetzt auch Alt sind offenbar gegen Sopran und Bass\nzu schwach; oft klingen die Chöre fast wie zweistimmig.\nDer Sopran ist noch immer zwar an Zahl die stärkste, aber\nin seinen Leistungen die schwächste Stimme. Der mächtige\nChor: „Fall ward seinLoos\", wurde durch den schlechten\nEinsatz des Soprans wirkungslos, der Chor: „Seht, er\nkommt mit Sieg umringt\", so kindlich gesungen, dass die\nStimmung des Publicums in eine eigenthümliche Heiterkeit\nauszuarten drohte. Was die Hälfte des Soprans wahrschein-\nlich sehr gut gesungen hätte, wurde vom Ganzen verdorben.\nAm gelungensten war die Aufführung des 42.Psalmes\nvon Mendelssohn, der, ohne grosse Schwierigkeiten für den\nChor, in seiner Einfachheit so gross und wirkungsvoll ist.\nWenden wir uns zu einer kurzen Besprechung der\nSolo-Vorträge, so haben wir zunächst der Gesangscene von\nSpohr zu erwähnen, welche Herr Becker, der seitdem\nnach Frankfurt am Main übergesiedelt ist, vortrug. Er\nspielte das Concert in technischer Beziehung untadelhaft\nund fein nuancirt; sein Ton indess, obgleich rund und schön,\nerreicht keineswegs die Grösse, welche die Spohr sehen\nViolin-Compositionen erfordern. Die Leistung wurde jedoch,\nwie sie es im Uebrigen vollkommen verdiente, mit grossem\nBeifall aufgenommen. Fräul. Louise Japha aus Hamburg,\neine Schülerin von Frau Clara Schumann, ist nicht nur als\nPianistin, sondern auch ihrer umfassenden musicalischen\nBildung und ihres Talentes zur Composition wegen eine\nKünstlerin von Bedeutung. Sie trug den angegebenen Satz\ndes Chopin'schen Concertes mit grosser Sicherheit, echt\nkünstlerischer Auffassung und Abrundung vor. Im vierten\nConcerte lernten wir Herrn Seiss aus Dresden, einen jun-\ngen, gebildeten Geiger, kennen, der mit schönem, vollem\nTone das Mendelssohn'sche Concert einfach durchdacht und\nsehr geschmackvoll vortrug. Auch die Vieuxtemps'sche\nComposition spielte er vortrefflich, wenn uns auch die Auf-\nfassung fast zu ruhig erschien. In demselben Concerte\nwurde uns die Freude, unsere Concertsängerin Fräul. Ma-\nthilde Hartmann wieder zu hören. Sie sang die Arie\naus Haydn's Jahreszeiten und das Solo des Mendelssohn'-\nschen Psalmes. Nachdem sie im vorigen Winter unter der\nLeitung des hier weilenden ausgezeichneten Gesanglehrers,\ndes Herrn Berg aus Stockholm, welchem Jenny Lind ihre\nmusicalische Ausbildung verdankt, studirt, hat ihr Gesang\nan künstlerischer Behandlung ihrer schönen Stimm-Mittel\nentschieden gewonnen. Die Leistung unserer Sängerin, wenn\nsie auch nicht ohne Befangenheit aufzutreten schien, erhob\nsich dadurch bedeutend über ihre früheren. Die Haydn'sche\nArie verlor leider durch ein höchst schleppendes Tempo. In\nder Begleitung der Solo-Vorträge fehlt noch immer die\nnöthige Discretion des Orchesters; eine Unsicherheit, wie\ndie in den Gluck'schen Recitativen, trat auch hier zuweilen\nstörend auf.\nVergleichen wir die erste Hälfte unserer diesjährigen\nConcerte mit den vorigjährigen im Allgemeinen, so ist eine\ngrössere Sicherheit in Chor und Orchester nicht zu ver-\nkennen; dieser Fortschritt bekundete sich indess fast aus-\nschliesslich auf dem technischen Gebiete und darf nur ein\nsehr mässiger Schritt vorwärts genannt werden. Das Bild,\nwelches wir in Nr. 43 des vorigen Jahrgangs dieser Blätter\nüber unsere Zustände entwarfen, hat somit seine Aehnlich-\nkeit noch nicht verloren.\nTausch, in seiner jetzigen Stellung, hat eine ungemein\nschwierige Aufgabe zu lösen, die: unsere desorganisirten\nKräfte wieder heranzubilden, unbildungsfähige auszuschei-\nden, verloren gegangene wieder zu gewinnen, sie allesammt\nanzuregen, zu beleben und der Lauheit zu entreissen, an\nwelcher jetzt Alles erlahmt, eine Aufgabe, schwieriger\nvielleicht, als ein ganz neues Gebäude aufzuführen. Tausch\nhat sich ihr mit grosser Thätigkeit gewidmet; aber mit dem\nbesten Willen und der grössten Energie lässt sich nichts\nerreichen, wenn man nicht den rechten Weg einschlägt.\nBis jetzt hat ihn Tausch nicht gefunden, sondern sich offen-\nbar vergriffen, das Unmögliche möglich zu machen gesucht\nund eben desshalb so wenig erreicht. Ausserdem erschwert\ner sich die Leitung der Concerte dadurch, dass er fast in\njedem auch quantitativ zu viel thut.\nTausch rnuss daher unbedingt andere Principien, als\ndie bisher befolgten, zu Grunde legen und die Reorgani-\nsation unserer musicalischen Kräfte auf der Grundlage\ndurchdachter Progression anbahnen. Geschieht dies nicht,\nso sind wir überzeugt, dass Tausch seine Kräfte in vergeb-\nlichen Bestrebungen abnutzen wird, ohne in seiner eigenen\nThätigkeit Befriedigung zu finden und ohne der Sache der\nKunst zu nützen.\nWas Einsicht, Ruhe, Ausdauer und Liebe zur Sache\nvermag, bewies abermals eine Aufführung altitaliänischer"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "46", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550210-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 713, "texte": "Kirchenmusik unter Leitung des Dr. H. Am Dreikönigen-\nTage wurde in unserer Maximilians-Pfarrkirche eine Messe\nvon Orlandus Lassus a capellagesungen, von welcher wir\nalles Rühmliche wiederholen müssen, was wir über die Auf-\nführung von Palestrina's Missa berichteten.\nWir schliessen unseren heutigen Bericht, indem wir\nnoch hinzufügen, dass die Soireen für Kammermusik auch\nin diesem Winter Statt finden. Von Herrn Tausch und un-\nserem Cellisten Herrn V o r b e r g veranstaltet, hören wir darin\nauch zuweilen Herrn Bockmühh Herr Pixis von Köln\nhat die Gefälligkeit gehabt, seine Mitwirkung zuzusagen, so\ndass jetzt Kräfte vereinigt sind, von denen bei längerem\nZusammenspiel das Ausgezeichnetste zu erwarten ist."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-02-10-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-02-10_01#c003", "volume": "bmtnabi_1855-02-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "46", "page_fin": "47", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550210-01.2.3", "titre_corps": "Aus Frankfurt am Main.", "titre_sommaire": "Aus Frankfurt am Main.", "signature_source": "A. S", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "46", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550210-01.1.6", "debut_caractere": 715, "fin_caractere_exclue": 5085, "texte": "Aus Frankfurt am Main.\n\nHerr Baracke hat den ersten Cyklus seiner Vorlesun-\ngen über die alte Geschichte der Musik geschlossen und den\nzweiten von Palestrina ausgehend begonnen. Ein ge-\nwählter, wenn auch nicht grosser Kreis von Zuhörern bei-\nderlei Geschlechts folgt mit sichtbarem Interesse dem Vor-\ntrage, dem nachgerühmt werden muss, dass sämmtliche\nThatsachen in scharfen Umrissen gezeichnet erscheinen, die\nSprache eine musterhafte, der Vortrag überhaupt klar und\nv erständlich ist. Ein minder schnelles Tempo im Lesen wäre\njedoch zuweilen erwünscht. Kiesewetter's „Entwicklung un-\nserer heutigen Musik\" und die von diesem geschätzten Hi-\nstoriker festgestellten Epochen dienen in ihrer leichten Ueber-\n»sichtlichkeit dem Vorleser als wesentliches Material zum\nLeitfaden. Jedocn auch Winterield, Gerber u. A. haben reich-\nlichen Stoff zur Ergänzung des vom Erstgenannten oft nur\nskizzenhaft Gegebenen geboten. Eben so hat sich Herr\nDamcke über die in den verschiedenen Epochen besonders\nhervorgethanen Männer bei anderen Historikern eines Aus-\nlünrhcheren belehrt und selbe seinen Zuhörern vorgeführt;\nso Johann Wakher und Ludwig Senfl. Auch Luther s Ein-\niiuss auS die Musik ward gebührend erwähnt.\nKönnen Vorträge über Geschichte der Musik, der Lite-\nratur und andere Wissenscbafts-Gegenstände, auf eine ge-\nringe Anzahl von Stunden beschränkt, immerhin nur eine\ngedrängte Uebersicht über das weite Gebiet verschaffen, so\nvermögen sie doch anregend zu wirken, was nirgend not-\nwendiger und erspriesslicher ist, als gerade auf dem der\nmusicahscheu Geschichte, um die sich Dilettanten gar nicht,\nMusiker nur äusserst selten bekümmern. Diese Geschichte\nist überall dieselbe. Von einigen Hunderten hier lebender\nMusiker gewahren wir kaum ein Dutzend unter Damcke's\nZuhörern, dies solche, denen es an mehrseitiger Bildung nicht\ngebricht. Der grosse, bodenlos unwissende Haufe geht jeder\nBelehrung aus dem Wege. „Wozu auch Geschichte der\nMusik? Lehrt sie auch etwas machen? eine Sinfonie com-\nponiren? Ciavier spielen? geigen? singen?\" Indessen haben\ndiese Geschichts-Vorlesungen doch bereits bewirkt, was sie\nim Allgemeinen bewirken können. Schon hat sich dieser\nund jener der Zuhörer den Kiesewetter zum eigenen Nach-\nlesen kommen lassen. In dem laufenden Cyklus wird der\nEntwicklung der Oper besondere Aufmerksamkeit gewid-\nmet werden.\nDie die verschiedenen Kunst-Epochen charakterisirenden\nTonstücke werden bei diesen Vorlesungen von einem Theile\ndes Rühl'schen Gesang-Vereins unter dessen Leitung ausge-\nführt. Schon in einem früheren Berichte hat sich Referent\nunumwunden über eine diesem Musik-Director anklebende\nEigenheit ausgesprochen, auf die hier zurück zu kommen\nsich wiederum Grund findet. Wir meinen seine Vorliebe\nzum Piano und Pianissimo.Wie es auch Rühl's hiesige und\nneidelberger Musik-Räthe aufnehmen mögen, so müssen wir\ndoch diese Manier für eine charakterstörende, darum ver-\nwerfliche, erklären. Sie ist es in dem Maasse, wie der Miss-\nbrauch mit dem Pedal in classischer Ciaviermusik. Herr Rühl\nlaborirt offenbar an einem Uebel, das man füglich mit\nPianissimo-Morbus bezeichnen kann. Wenn diese Manier,\nalte Musik vorzutragen, schon bei Händel und Bach wider-\nlich wirkt und den Kenner im Genüsse stört, wie erst bei\nden Meistern des sechszehnten Jahrhunderts! Die in solcher\nWeise gesungene Messe von Orlando Lasso musste daher\nauf alle Verständigen peinlich wirken. Im Choral, überhaupt\nin allen breiten Zeitmaassen, versteht es Herr Rühl, in fast\njeder Textzeile alle die beliebten dynamischen Abstufungen,\nnur kein eigentliches Forte, oder gar ein Fortissimo, hören\nzu machen. Die vollste Kraitäusserung des Chors scheint\ner zu perhorresciren. Fort mit dem unaufhörlichen wellen-\nförmigen Geschaukel zwischen Pianissimo und Mezzo\nforte, Crescendo und Decrescendo l\nLiegt dem das möglich Beste im Chorgesange anstre-\nbenden Manne daran, sich von dieser Manier frei zu machen,\nso empfiehlt Verfasser als nächstes Mittel den in Nr. 36\ndieser Blätter vom vor. Jahre enthaltenen Aufsatz: „Das\nGesangfest zu Brühl.8 Darin befinden sich kernhafte Lehren\nüber die bei alter Musik zulässige Vortragsweise. Vermö-\ngen aber diese das festgewurzelte Uebel nicht zu beseitigen,\nso bleibt noch die berliner Sing-Akademie zu hören übrig.\nSie hält bekanntlich die Tradition in alter und neuerer Ge-\nsangmusik hoch in Ehren, stellt daher niemals Leistungen"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "47", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550210-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4124, "texte": "hin, die, um sie recht zu kennzeichnen, geleckten Bildern\ngleichen. Und sollte denn Schelble diese Tradition nicht auch\ngekannt und geachtet haben? Sollte er in Rühl's Weise mit\nalter Musik verfahren sein? Davon müsste denn doch im\nCäcilien-Verein eine Spur zurückgeblieben sein; davon ist\naber nichts zu merken'. lst ferner noch wohl anzunehmen,\ndass Hofrath Kiesewetter auf die aller alten Musik anzu-\npassende Dynamik sich verstanden haben könne? Wer wird\ndaranzweifeln? Nun wohl; Referent darf sich rühmen,\ndurch diesen ausgezeichneten Mann zu allererst die alten\nniederländischen, italiänischen und spanischen Componisten\nkennen gelernt zu haben, denn er gehörte mit zu der klei-\nnen Schar, von welcher Kiesewetter 1817 und 1818 in\nseinem Hause zu Wien jene alten Meister singen liess.\nSubjectivität in Auffassung und Ausführung inhaltha-\nbender Tonstücke darf nur bis zu einer gewissen Gränzlinie\nzugestanden werden, innerhalb welcher der Charakter des\nWerkes nicht verletzt wird. In classischer Ciaviermusik darf\ndiese Linie kaum berührt, vielweniger überschritten werden.\nWollten oder könnten das die Herren Musik-Directoren und\nVirtuosen nur einiger Maassen beherzigen, wir hätten viel\nseltener von verkrüppelter Charakteristik zu leiden. Nicht\nWenige davon kennen aber kaum das Wort in Beziehung\nauf Musik.\nLenken wir sonach wieder in ruhiges Fahrwasser ein,\nwie es die Besprechung der im Museums-Concerte am 2.\nd. Mts. aufgeführten neuen Ouvertüre von Capellmeister\nSchindelmeisser: „Die Mondnacht auf stillem Wasser\",\nerfordert. Muss man sich auch grundsätzlich gegen alle\nUeberschriften bei ähnlichen Compositionen erklären, sobald\nsie ihren Entstehungsgrund nicht aus einem bekannten dra-\nmatischen Werke herleiten\"), so werden wir es wohl zu-\nlässig finden, wenn damit nur der Standpunkt angedeutet\nwerden soll, von dem das Werk zu beurtheilen ist. Nichts\nAnderes will obige Ueberschrift. Der Componist stellt in\ndieser Ouvertüre ein Charakterbild in Einem Satze hin, ab-\nweichend von den üblichen, auf Massen-Effect berechneten\nCompositionen gleicher Gattung, die darum auch die Zuhö-\nrer zu lauten, oft lärmenden Beifalls-Aeusserungen heraus-\nfordern. Schindelmeisser verzichtet auf diesen äusserlicheu,\ndurch Instrumental-Aufwand erzielten Effect; er sucht gleich\nvon vorn herein durch ein freundliches Motiv den sinnigen\nHörer zu spannen und ihn in dieser Spannung festzuhalten,\nwie Mendelssohn in seiner Ouvertüre zur Fingalshöhle. Die<-\nser Zweck wird um so sicherer erreicht, als der organische\nBau, ein durchweg klarer und verständlicher, überhaupt\nsich streng den classischen Forme;) anschliesst. Was von\nso genannter Malerei in die Erscheinung tritt, ist in beschei-\ndener Weise nur angedeutet, wobei der weiche, Sehnsucht\nund stilles Verlangen athrnende Charakter der herrschenden\nTonart As-dur trefflich zu Statten kommt. Das Epitheton\n„still\" in der Ueberschrift könnte fast erwarten lassen, als\nsollten wir es mit einer flachen Musik zu thun haben. Kei-\nneswegs. Die in dem Tongemälde angewandte Dynamik\nbringt Schatten und Licht in weiser Berechnung, wozu Hör-\nner und Clarinetten wesentlich beitragen. Die sonst unver-\nmeidlichen Posaunen fehlen.\nUeberhaupt beweis't Schindelmeisser in diesem schönen\nWerke zur Evidenz, dass seine Bestrebungen für Bekannt-\nmachung der Richard Wagner'schen Opern auf den Bühnen\nzu Wiesbaden und Darmstadt ihn nichts weniger als der\nhistorischen Schule abwendig gemacht haben, was befürch-\ntet worden. Er war bemüht, das neue Kunst-Evangelium\nhören zu machen, selbst aber blieb er dem alten, auf Ver-\nnunft, Gesetz und Erfahrung gegründeten und bewährten\ngetreu. So ziemt es Künstlern in einflussreichen Stellungen.\nDer Ausführung dieser Ouvertüre fehlte die Feile, die bei\nso feinen, duftigen Tongebilden unerlässlich ist, um ihnen\nzu rechter Erkenntniss zu verhelfen. Was jedoch mit einer\nProbe in eisduftigem Saale zu leisten möglich war, ist ge-\nschehen.\n*) Wir besitzen sogar schon Ouvertüren mit all dem üblichen\nInstrumenten-L'arm über lyrische und epische Gedichte, bald\nvielleicht auch über Reisebeschreibungen, Eklogen, Distichen\nund Epigramme.\n\nA. S."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-02-10-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-02-10_01#c004", "volume": "bmtnabi_1855-02-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "47", "page_fin": "48", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550210-01.2.4", "titre_corps": "Roger und die hamburger Theaterchronik.", "titre_sommaire": "Roger und die hamburger Theaterchronik.", "signature_source": "L. 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Der Brief wurde durch Indiscretion des Empfängers veröffent-\nlicht. Schon damals griff eine Correspondenz aus Dresden (ich glaube,\nvon dem verstorbenen Uhlich) in der leipziger Neuen Zeit-\nschrift für Musik diese Sache in der gehässigsten Weise auf,\nund ich begreife nicht, warijm man jetzt dem etc. Sachse allein das\nzum Vorwurf macht, was bereits ein anderes Blatt mit Schaden-\nfreude ausgebeutet hat. Freilich erscheinen Sachse's Motive sehr\nzweideutig, wenn man weiss, dass er Roger wiederholt „um die\nEhre der Führung seiner Geschäfte in Deutschland\" gebeten hat!\nRoger hat ihm nun einen (den Andeutungen der „Deutschen\nTheater-Zeitung\" von Berlin, Nr. 9, vom 31. Januar nach) sehr un-\nzweideutigen Brief geschrieben und ihn zum Abdruck desselben\naufgefordert. Als Beweggrund zu dieser Replik rührt Soger in sei-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "48", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550210-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1239, "texte": "nem Briefe an den Theater-Agenten Herrn Heinrich in Berlin (s.\ndas angezogene Blatt) an: „Ne dites pas que son attaque ne merite\npas une reponse; je ne veux pas que Von mette endoute la sincerite\nde mon respect et de ma reconnaissance pour ce peuple allemand qui\nm a reQU comme un fils; il y a dans cetle allegation (de Sachse) une\ncalomnie, et il faut qu eile tombe et que jen sois venge.\" Nun, Ro-\nger hat auch alle Ursache, einen solchen Vorwurf der Undankbar-\nkeit von sich abzuweisen; wer ihn aber genauer kennt, weiss, dass\ner zu derjenigen Art von Malice, welche man aus seinem harmlo-\nsen vertraulichen Briefe herausgelesen hat, gar nicht fähig ist, und\ndass er nicht bloss auf den Beifall des Publicums in Deutschland,\nsondern auch auf die Art und Weise stolz ist, mit welcher die\ndeutsche Kritik der unabhängigen Blätter tiefer, als es je die fran-\nzösische gethan, auf das Wesen seiner künstlerischen Bedeutung\ntür den dramatischen Gesang eingegangen ist. Ich hasse jede Ab-\ngötterei, die mit Fremdem getrieben wird; aber wo in der Kunst\ndas Mustergültige bei einem Ausländer erscheint, ist das Ver-\nkennen und das Verkleinern desselben nur das traurige Zeichen\neiner falschen Geschmacksbildung oder einer gemeinen Natur.\n\nL. B."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-02-10-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-02-10_01#c005", "volume": "bmtnabi_1855-02-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "48", "page_fin": "48", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550210-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "48", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550210-01.1.8", "debut_caractere": 1241, "fin_caractere_exclue": 5082, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nXiöln» Dinstag den 6. d. Mts. brachte die vierte Soiree für\nKammermusik im Hotel Disch ein schönes Programm und eine\ndurchweg treffliche Ausführung desselben durch die Herren Pixis,\nDerckum, Peters und Reimers, in der Partie des Fortepiano\ndurch Herrn Franck. Nach dem feinen Vortrage des Violin-Quar-\ntetts in G-dur von Mozart folgte das grosse Trio in B-dur, Op.\n97, von Beethoven für Ciavier, Violine und Violoncello, welches\neinen vollendeten Kunstgenuss gewährte. Uns fielen dabei zwei Be-\ntrachtungen ein: erstens dass bei der classischen Mnsik der cor-\nrecte Vortrag correct in seiner höchsten Bedeutung genommen,\nwro es ausser dem Technischen auch jede vorgeschriebene Nu-\nancirung des Ausdrucks in den drei oder vier Partieen und die\nGleichheit der Tonstärke der Instrumente umfasst —, dass dieser\ncorrecte Vortrag der einzig würdige und vollkommen hinreichend\nist, das Werk in seinem eigenthümlichen Wesen wiederzugeben;\nder Geist desselben spricht sich alsdann von selbst aus, und\nwir haben den Vortheil, dass es der Geist des Componisten ist,\nnicht der des Spielers, den wir vernehmen. In dieser Art des Vor-\ntrags, zu welcher eine edle Resignation des darstellenden Künstlers\nzu Gunsten des schaffenden gehört (in der jedoch wieder der künst-\nlerische Höhepunkt der Reproduction liegt), ist Franck ganz vor-\nzüglich, und wir freuen uns immer doppelt, wenn wir eine Ausfüh-\nrung hören, die nichts in die Composition hinein, sondern nur\nalles, was darin ist, aus ihr heraus spielt. Dann hört man auch\nganz unbestochen, ob eben überhaupt, wie Mozart gern sagte, „was\ndrin ist\" oder nicht. Die zweite Betrachtung, die sich uns auf-\ndrängte, war die, dass dieses letzte Trio Beethoven's auf der Scheide-\nlinie steht, welche für diese Gattung von Compositionen gezogen\nwerden muss; bis hieher und nicht weiter, wenn es ein concerti-\nrendes Stück für drei Instrumente bleiben soll, d. h. ein Stück, in\nwelchem der Eigentümlichkeit und der Bedeutung jedes Instru-\nmentes gleiche Rechnung getragen wird. Was Mendelssohn und\nSchumann späterhin geschrieben haben, sind keine Trio's: sie klin-\ngen wie Ciavier-Auszüge symphonistischer Orchestersätze mit Ver-\nvollständigung durch Violine und Cello.\nAuf das Trio folgte F. Schubert's grosses Violin-Quartett in\nD-moll, diese wundervolle Schöpfung der fast überreichen Phantasie\neines Tondichters, dem die Musik aus allen Fingerspitzen und aus\nallen Poren quillt. Wenn man nun drei solche Werke hört, wie die\ngenannten von Mozart, Beethoven und Schubert, wie steht es dann\nmit der Lehre der neuesten Kunst-Philosophen von dem Inhalt\nder Tonkunst? Geht mir doch mit eurem Geschwätz! Der Inhalt\nder Musik ist Musik, und damit Punctum, und was den ganzen in-\nneren Menschen aufregt, wenn er solche Werke hört, das ist eben\nwieder Musik, nichts als Musik, und das Schöne liegt in den Tönen\nund ihren Reihen, indem, was musicalisch drin ist, nicht in\ndem, was ihr von aussen durch Reflexion hinein tragt. Unsere vier\nKünstler spielten das sehr schwierige Tonstück meisterhaft, und na-\nmentlich der letzte Satz rief einen so anhaltenden Beifall hervor,\nwie man ihn bei Kammermusik selten hört.\nZum Schlüsse spielte Franck noch ein Lied ohne Worte von\nMendelssohn und zwei sehr hübsche Kleinigkeiten von seiner Com-\nposition, „Impromptu\" und „Lyrisches Stück\".\nIm Stadttheater waren die Vorstellungen von Marschner's\n„Templer und Jüdin44 sehr gelungen und auch ziemlich gut be-\nsucht. Wagner's „Lohengrin44 ist sieben Mal gegeben worden;\nganz besetzt war das Haus nur bei der zweiten Vorstellung. Der\nohnedies schwache Besuch des Theaters hat durch den Schneefall,\nwelcher Köln zu einem polnischen Dorfe gemacht hat, noch mehr\nabgenommen. Donnerstag, den 8. d. Mts., wurde „Tannhäuser\" zum\nersten Male diesen Winter wieder gegeben. Das Haus war grauen-\nerregend leer."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "41", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550210-01.1.1", "texte": "Pariser Briefe.\n\n(Schluss. Vrgl. Nr. 4.)\nDie italiäniscfae Oper hat sich durch Wiederholungen\nhundertmal gehörter Werke von Rossini, Donizetti u.s.w.\ngefristet; man kann jedoch keineswegs sagen, dass ihre\nAuswahl stets das Beste getroffen hätte. Im December v.\nJ. griff sie zu Verdi; allein der „Ernani\", der vor Zeiten,\nals die Cruvelli zuerst darin auftrat, das Haus füllte, wurde\nschlecht gegeben— denn so viele Vorzüge auch Mad. Bo-\nsi o als zierliche Sängerin hat, so mangelhaft und unzurei-\nchend war ihre Auffassung und Ausführung der Elvira ;\ndagegen hatte eine hier noch nicht gesehene Oper: II Tro-\nvatore (Der Troubadour), in so fern einen wirklichen Er-\nfolg, als er bei mehreren Aufführungen eine so zahlreiche\nGesellschaft in der Salle Ventadour versammelte, wie man\nsie diesen Winter dort noch nicht gesehen hatte.\nDie erste Vorstellung des Trovatore fand am 23. De-\ncember v. J. Statt. Es kann bei allen Musikern, die es auf-\nrichtig mit der Kunst nehmen, nur Eine Stimme darüber\nsein, dass es keineswegs für eine hohe Stufe der gegenwär-\ntigen musicalischen Bildung der Italiäner spricht, dass Verdi\nin Italien die Bühnen beherrscht. Man hat versucht, die\nUmwandlung des Geschmacks der Italiäner, welche Jahr-\nhunderte lang dem sanften Schmelz der Melodie lauschten\nund den Orchesterlärm verabscheuten, jetzt aber die musi-\ncalischen Ausbrüche der rohen Leidenschaft im Gesänge\nund den betäubenden Lärm in den Instrumenten mit Ent-\nzücken aufnehmen, durch die Schicksale des Volkes und\ndurch dessen politische Aufregung zu erklären. Ich weiss\nnicht recht, ob das Stich hält; die Italiäner hatten, als Ros-\nsini auftrat und alle Bühnen und alle Ilcrzen eroberte,\nebenfalls sehr traurige Phasen ihres nationalen Lebens\ndurchgemacht und waren von manchen Träumen hinläng-\nlich enttäuscht worden; dennoch hielten sie in der Kunst\nan dem alten Volks-Charakter fest, und so kann ich auch\nnicht glauben, dass der Mazzinismus der Verdi'schen Musik\nOhr und Herz geöffnet haben solle. Dass aber der Geist\nunserer Zeit überhaupt einen gewiss bedeutenden Einfluss\nauf den Kunstgeschmack sowohl in Italien als überhaupt in\nEuropa ausübt, das ist keine Frage; nur liegt dieser Ein-\nfluss nicht in der politischen Gestaltung des Zeitalters, son-\ndern in der moralischen, in dem allmählichen Absterben\ndes Sinnes für das Einfache und Natürliche, in dem Ver-\nschwinden des ruhigen, die Seele befriedigenden Wohlge-\nfallens an dem Schönen überhaupt und besonders an der\nForm des Schönen, statt dessen die blasirte Welt die Auf-\nregung lieb gewonnen hat, und den Nervenreiz, der sich bis\nzu einer verfeinerten Wollust am Grässlichen, am Verzerr-\nten, am Maass- und Formlosen steigert, lür Empfindung\nund Gelühl hält und die Ueberspannung beim Kunstgenüsse\nnicht mehr entbehren kann. Die manchmal unbegreifliche\nWirksamkeit gewisser musicalischer Werke und Leistungen\nauf die Masse dürfte in der That eher physiologisch als\npsychologisch zu erklären sein. Schon die grässlichen Stoffe,\nwelche die neueren Libretti-Dichter der Italiäner für die\nOper wählen, bestätigen das Gesagte; Wahnsinn, Marter\nund gewaltsamer Tod durch eigene oder durch Henkers\nHand sind die gewöhnlichen Ingredienzen zu dem Recept\nfür Nerven-Erschütterung, und der Componist kann nicht\nanders, als die Worte der Handelnden durch herzzerreis-\nsende Accente und den ewigen Schrei übermässiger Lei-\ndenschaft nicht etwa vergeistigen, sondern durch den rohe-\nsten Ton-Materialismus für den groben Sinn der Zuhörer\nhandgreiflich machen.\nSo ist denn auch der Inhalt dieses Troubadours eine\nwahre Satire auf den Titel der Oper; denn statt der\nMinnelieder, die Frühling und Liebe verherrlichen, hören\nwir nur Grabestöne und Leichenmusik, und werden vom\nScheiterhaufen, den eine Hexe besteigt, durch Kerker und\nGift bis zu Rad und Galgen geführt. Dieser Triumph des\nGrässlichen war die letzte Kraft-Aeusserung des Opern-\nDichters Salvatore Cammarano, der in demselben Jahre\n(1853) starb, in welchem der Trovatore zu Rom auf dem\nTheater Apollo zum ersten Male (den 19. Januar) zur Auf-\nführung kam."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "42", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550210-01.1.2", "texte": "Eine Ouvertüre hat die Oper nicht, drei Paukenwirbel\nvertreten ihre Stelle. Jeder der vier Acte, von denen der\nerste in zwei Abtheilungen zerfällt, hat seine besondere\nUeberschrift; der erste heisst II Duello. Der Vorhang geht\nauf: wir sind in Spanien, zu Anfang des fünfzehnten Jahr-\nhunderts, im Vorhofe des Palastes des Grafen Luna, wo\nein Officier seinen Soldaten die schaudererregende Geschichte\neiner Zigeunerin erzählt, welche der Graf Luna hat leben-\ndig verbrennen lassen, weil er die Hexe an der Wiege sei-\nnes jüngeren Bruders getroffen. Die Hexe hatte aber eine\nTochter, der sie die Rache auftrug; diese raubte Garzia,\ndas besagte Brüderlein, und man fand verkohlte Kinder-\nknochen auf demselben Platze, wo man die alte Hexe ge-\nbraten hatte. Diese Erzählung sucht in Rhythmus und de-\nclamatorischem Gesänge und in den Schauern der Instru-\nmente, unterbrochen vom Unisono-Chor der Sol-\ndaten, die Nerven des Zuhörers sogleich in die gehörige\nSpannung zu setzen. Auf einmal schlägt die Glocke Mitter-\nnacht, die Trommel rollt, die Soldaten laufen fort, man\nweiss nicht, ob aus Gespensterfurcht oder zur Ablösung.\nDer Vorhang fällt, das Vorspiel ist zu Ende.\nBeim Beginn des eigentlichen Drama's ergeht sich Leo-\nnora mit ihrer Freundin Ines im Garten und singt ihre\nLiebe zum Troubadour, ä laElvira im Ernani, nur dass in\nihrer Arie noch weniger melodischer Fluss ist, als dort,\nund sich die Declamation in curiosen Sprüngen ergeht. Sie\ngeht ab nach dieser geistreichen Exposition; um diese eben\nso dramatisch, wie sie eingeleitet ist, zu vervollständigen,\nerscheint der Graf Luna, welcher Leonora liebt und den\nTroubadour hasst; und damit wir ganz wissen, woran wir\nsind, so hören wir aus dem Gebüsch eine sehnsüchtige Ro-\nmanze, welche kein Anderer als der Troubadour selbst für\nseine Leonora singt. Sie kehrt auf das süsse Zeichen zu-\nrück, hält erst den Grafen für ihren Geliebten, allein Man-\nrico, so heisst der Troubadour, stürzt hervor; es gibt eine\nfurchtbare Scene der Eifersucht der Männer und der Ver-\nzweiflung der Dame, welche Situation nicht ganz neu zu\nsein scheint. Das Terzelt wogt, vom Sturme des Orchesters)\ngepeitscht, auf und ab; wir machen die Bemerkung, dass\nes ein Terzett a due ist, denn Leonora und Manrico singen\nunisono; die Nebenbuhler ziehen die Schwerter und stürzen\nab zum Zweikampfe, Leonora fällt, der Vorhang fällt, das\nMädchen in Ohnmacht, der Vorhang bis auf den Boden.\nBis hieher habe ich in der Musik auch nicht das Ge-\nringste entdecken können, was bei dieser siebenzehnten\nOper Verdi's anders wäre, als bei den früheren, von denen\nich den Nabuco, Ernani,die und die\nMiller,welche als die besten gerühmt werden, gehört habe.\nIch finde auch hier wieder eine grosse Armuth an musica-\nlischen Gedanken, an wirklich schönen Motiven, und soll\nich überhaupt mein Urtheil über die Musik der ganzen Oper\ngleich aussprechen, so muss ich sagen, dass sie mir wie die\nCaricatur der Wagner'schen Musik vorkommt. Da je-\nder von beiden Componisten ganz unabhängig von dem an-\ndcien schreibt, so ist die Art von Miasma, welches die mu-\nstcaliscoe Luit zu durchziehen scheint, höchst merkwürdig *\nund so'hoch natürlich der deutsche Tondichter über dem\nItaüäner steht, so wünschte ich doch, dass ein tüchtiger\nAesthetiker einmal diese Ansicht prüfte, wobei bei aller\nVerschiedenheit die Aehnlichkeiten aufzusuchen wären, die\nErzielung gleicher Wirkungen durch verwandte Mittel,\nwenn auch der Eine durch das Uebernatürliche das hervor-\nzubringen sucht, was der Andere durch das Grässliche,\nwährend Beide in der Musik einer schreckenerregenden\nNatur-Wahrheit huldigen, in welcher die Wahrheit der\nKunst untergeht. Alsdann müssten auch die Gründe der\nTheilnahme eines grossen Theiles des Publicums erforscht\nund dabei auf das, was ich oben über den moralischen Zu-\nstand der gegenwärtigen theaterbesuchenden Menschheit\ngesagt habe, Rücksicht genommen werden. Die nationale\nEigentümlichkeit und der aus derselben nothwendig flies-\nsende Unterschied im musicalischen Verfahren\ndürfte dabei, wie sich von selbst versteht, nicht ausser Be-\ntracht gelassen werden.\nDoch kehren wir zum Trovatore zurück. Der zweite\nAct, La Ghana (Die Zigeunerin), führt uns in die Berge\nvon Biscaya. wo wir ein Lager der Zigeuner finden, welche\nWaffen schmieden, wozu ein wilder Chor ertönt, in wel-\nchem die Hammerschläge auf die Ambosse eine bedeutende\nstimme haben und an Spontini's erinnern. Azu-\ncena, die Zigeunermutter, entdeckt dem Manrico, dass sie\neinst den jüngeren Bruder des Grafen Luna geraubt habe,\num ihn zu verbrennen, dass sie aber in einer Art von\nWahnsinn sich in dem Opfer vergriffen und ihr eigenes\nKind ins Feuer geworfen habe!! Desswegen heische sie\ndoppelte Rache gegen den Grafen, der auch ihre Mutter\nauf den Scheiterhaufen geschickt habe. Auf Manrico's Frage,\nob er denn nicht ihr Sohn sei, beruhigt sie ihn, und Man-1,\nrico, einfältiger als das Publicum, glaubt ihr. Auf ihren\nVorwurf, warum er bei dem Zweikampfe den überwunde-\nnen Grafen nicht getödtet, entgegnet er, dass gleichsam\neine Stimme vom Himmel seinen Arm zurückgehalten. Die-\nser lange Dialog ist rein declamirt, mitunter auf effectvolle\nW eise; die Benutzung der Saiten-Instrumente theils mit,"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "43", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550210-01.1.3", "texte": "theils ohne Dämpfer zum unheimlichen Schwirren und das\ndazwischen prallende Blech imponiren dem Laien. Ein Bote\nmeldet, dass Leonora auf die falsche Nachricht von Man-\nrico's Tode den Schleier nehmen will. Der Troubadour, ge-\nfolgt von seiner treuen Schar, eilt, ihr den Irrthum zü\nbenehmen.\nDie Scene verwandelt sich; Wald, im Hintergrunde\nein Kloster. Der Graf Luna singt erst und dieses auf\naltitaliänische Weise ein Liebeslied (hübsch und\nverlangt) und legt sich dann mit seinen Reisigen, welche\nden Chor zu einer auch noch folgenden Arie desselben bil-\nden, in den Hinterhalt, um Leonora auf ihrem Zuge nach\ndem Kloster zu entführen. Man hört den Chor der Nonnen\nhinter der Scene und Glockengeläute, welches überhaupt\neine grosse Rolle spielt. Der Graf will seine That ausfüh-\nren, allein die Leser werden wohl schon ahnen, dass Man-\nrico noch zu rechter Zeit kommt, und dass Leonora nun\nnicht ins Kloster geht.\nDie Musik in diesem Acte steht in mancher Hinsicht\nhöher, als in dem ersten; im Ganzen genommen ist sie aber\ndoch mehr theatralisch als dramatisch, meist decorativ und\nrealistisch, und die schöne Gelegenheit zu einem ausgeführ-\nten Finale in der letzten Scene, wo die zwei Nebenbuhler\n(Bariton und Tenor) mit zwei Männer-Chören, und Leonora\nmit ihrem weiblichen Gefolge die Bühne füllen, hat der\nComponist gar nicht benutzt, indem er nach einigen schroff\nherausgestossenen Sätzen der einzelnen Stimmen das Ganze\nkurz abbricht, was in solcher Situation wiederum sehr na-\nturwahr sein mag, aber sehr unmusicalisch ist.\nIm dritten Acte, 11 figlio (Der Sohn der\nZigeunerin), eröffnet sich die Scene in dem Lager des Gra-\nfen Luna vor dem Schlosse, auf welches Manrico seine ge-\nliebte Leonora geführt hat. Die Zigeunerin ist in die Gewalt\ndes Grafen gefallen; er verurtheilt sie zum Scheiterhaufen.\nVerwandlung: das Innere des Schlosses, wo Manrico seine\nHochzeitfeier vorbereitet. Aber auf die Nachricht von der\nGefahr seiner Mutter macht er einen Ausfall auf die Bela-\ngerer, wird besiegt und gefangen. Die Musik dieses\nActes ist die schwächste in der ganzen Oper: es ist keine\nSpur von Talent darin zu entdecken.\nDagegen werden im vierten Acte wieder alle möglichen\näusseren Mittel durch complicirte, wenn auch höchst un-\nwahrscheinliche, Situationen und Verbindung musicalischer\nElemente von contrastirender Farbe aufgeboten, um einen\nschauerlichen Eindruck hervorzubringen. Dieser letzte Act\nheisst // Supplizio (Die Todesstrafe). Manrico und die Zi-\ngeunerin schmachten in einem Thurme; Leonora singt vor\ndessen Eisengittern. Ein düsteres Miserere erklingt im Chor\naus dem Schlosse darauf aus dem Thurm die Antwort\ndes Troubadours mit Harfen-Begleitung zuletzt Leono-\nra's Verzweiflung, des Troubadours Klage, das Miserere und\ndas Läuten der Todtenglocke zusammen! Nun kannst Du\nDir denken, wie dieser combinirte Jammer, der übrigens\nmit Geschick, nur mit zu viel Geschick gemacht ist, die Her-\nzen der Frauen zusammenschnürt und als eine wahre mu-\nsicalische Thränenpresse wirkt! Darauf folgt ein furchtbares\nDuett, eines von den Verdi'schen Bildern eines Wettrennens\nschnaubender Rosse, zwischen Leonora und dem Grafen;\nsie verspricht, die Seinige zu werden um den Preis der\nFreiheit Manrico's. Sie eilt in dessen Kerker, er aber ver-\nschmäht die Rettung durch solch ein Opfer. Da stürzt sie\ntodt zu seinen Füssen, denn sie ist so vorsichtig gewesen,\nschon früher Gift zu nehmen; der Graf, wüthend über die-\nsen Strich durch seine Rechnung, lässt den Troubadour zum\nTode führen, und als die Hinrichtung vollzogen, ruft ihm\ndie Zigeunerin, wie Eleazar dem Cardinal in der Jüdin,\ntriumphirend zu: „Er war dein Bruder!\"\nIch würde mich bei diesem widrigen Producte, gegen\nwelches der melodramatische Unsinn einer früheren Periode\ndes Theaters an der Porte St. Poesie ist, nicht so\nlange aufgehalten haben, wenn ich es nicht für nothwendig\nhielte* an einem Beispiele zu zeigen, in welchen Pfuhl der\nGeschmack des heutigen Italiens versunken ist, und was von\neinem Componisten zu halten sei, der es über sich gewinnt,\nein so abgeschmacktes, aus abgedroschenen Motiven und\nSituationen zusammengeknetetes, mit Grässlichkeiten über-\nladenes Drama durch Musik einem Publicum erträglich zu\nmachen! Nichts charakterisirt übrigens' das Ganze besser,\nals folgende wenige Zeilen eines ganz eigenthümlichen Lo-\nbes, welches eine hiesige Kritik der Sängerin Frezzolini\nertheilt:\n„ Mad. Frezzolini singt und spielt die Rolle der Leonora\nauf vollendete Weise; sie hatte bei der Entwicklung der\nKatastrophe krampfhafte Zuckungen, Wimmern und Schluch-\nzen und Bebungen, welche eben so dramatisch waren, wie\ndas Drama selbst!\"\n\nB. P.\n\nAus Düsseldorf.\nNachdem die erste Hälfte unserer acht vom Allgemei-\nnen Musik-Verein veranstalteten Winter-Concerte gegeben\nworden ist, erstatten wir wiederum einen kurzen Bericht\nüber unsere musicalischen Zustände."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "44", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550210-01.1.4", "texte": "Herr Julius Tausch ist nunmehr definitiv an die\nSpitze derselben getreten, indem er, ausser der Leitung\ndes städtischen Gesang-Vereins, auch die der genannten\nConcerte übernommen hat.\nIhre Programme waren folgender Maassen festgesetzt:\nErstes Concert: Sinfonie von Schubert; Ouver-\ntüre zu Leonore von Beethoven; Violin-Concert, Gesang-\nscene von Spohr; Finale aus Loreley von Mendelssohn.\nZweites Concert: Ouvertüre zu Medea und Duett für\nSopran und Tenor aus dem Wasserträger von Cherubini;\nerster Satz des ersten Concerts, von Chopin; In-\ntroduction, erste Scene des ersten Actes und zweiter Act\naus Iphigenie in Tauris von Gluck; grosse Ouvertüre, Op.\n124, von Beethoven.\nDrittes Concert: Judas Maccabäus von Händel.\nViertes Concert: Concert-Ouverture, von Hiller;\nViolin-Concert von Mendelssohn; Arie für Sopran: „ Nun\nbeut die Flur\", aus Haydn's Schöpfung; Fantaisie Caprice\nfür Violine von Vieuxtemps; der 42. Psalm von Mendels-\nsohn; Sinfonie D-dur,Nr. 2, von Beethoven.\nAus diesen Programmen, welche Nummern von der\nhöchsten Schwierigkeit enthalten, geht zunächst hervor,\ndass die Neigung, die Wahl des Auszuführenden ohne Be-\nrücksichtigung der Schwächen unserer musicalischen Mittel\nzu treffen, vorherrschend geblieben ist.\nAls ein Wagniss erschien es uns namentlich, die Schu-\nbert'sche Sinfonie in C-dur im ersten Concerte, nachdem\nunser Orchester Monate lang nicht zusammen gespielt, auf-\nzuführen. Hätte das Werk unter solchen Umständen mit\nzwei kurzen Proben gegeben werden m ü s s e n, so würden\nwir uns an dem über Erwarten glücklichen Verlaufe der\nAufführung erfreut haben. Eine Notwendigkeit war indess\nnicht vorhanden, und somit konnte es uns nur verstimmen,\ndie Wahl des Werkes der unrichtigen Würdigung seiner\ngrossen geistigen und materiellen Schwierigkeiten oder der\nUeberschätzung der ausführenden Kräfte zuschreiben zu\nmüssen. Wer die grossartige Tonschöpfung zum Gegen-\nstande ernsten Studiums gemacht hat, wird einräumen, dass\nunter den angegebenen Umständen eine Aufführung selbst\nsehr mässigen Ansprüchen an den geistigen Inhalt unmög-\nlich genügen konnte. In der Sinfonie, wie in den übrigen\nInstrumental-Compositionen zeigte sich übrigens noch immer\neine Reihe von technischen Schwächen, durch die sich das\ngeistige Element nur selten und mühsam einiger Maassen\nBahn zu brechen vermochte.\nNicht minder gewagt erschien uns die Wahl der See-\nmen aus Gluck's Iphigenie. Die einfachen Noten dies er Musik\ngehören zum Schwierigsten, was das dramatisch-musicalische\nGebiet aufzuweisen hat; sie erfordern eine sichere, correcte\nBehandlung des Gesanges und vor Allem eine bestimmte\ndramatische Färbung desselben. Fräul. Volk vom hiesigen\nStadttheater, eine talentvolle junge Sängerin, würde als\nIphigenie unbedingt mehr geleistet haben, wenn sie mit\nGluck'schen Parlieen vertraut wäre. Sie vermochte in der\nersten Scene, namentlich in der Erzählung des Traumes,\nnur leichte Skizzen der grossartigen Tongemälde zu ent-\nwerfen, welche sie darzustellen hatte! Am besten gelang ihr\nder Vortrag der Arie „O du, die einst mir Hülfe war\".\nDie Chöre dagegen blieben vollständig ausdruckslos. Das\nFlehen der Priesterinnen, den Zorn der Götter abzulenken,\nihr Erstarren bei Iphigeniens grässlichem Traumbild, ihr\nJammer bei den endlosen, vom Geschick verhängten Leiden\nblieben ohne alle Andeutung im Vortrage. Wir vernah-\nmen nur ein mangelhaftes, meist peinigend unreines Absin-\ngen der Noten!\nIm zweiten Acte trugen die Herren Kahle und Meyer\nvon der hiesigen Bühne die Partieen des Pylades und Orest\nvor, ersterer fast ohne alles Leben, letzterer mit grosser\nWärme und dramatischem Ausdruck. Die Chöre blieben so\nmatt und farblos, wie im ersten Theile, sogar da, wo sie\nals die Orest verfolgenden Furien auftraten. In gewaltigen\nTönen erscheinen sie als Rächerinnen der Gottheit, in dum-\npfen, verhaltenen Lauten als Klägerinnen dem Mörder der\nMutter. Durch diesen Gegensatz, erhöht durch den des\nRhythmus, hat Gluck eine wahrhaft grauenerregende Wir-\nkung erreicht. Sie ging nicht nur durch den Vortrag, son-\ndern auch durch ein verfehltes, fast um die Hälfte zu\nlangsames lempo verloren. Wir müssen vermuthen, dass\nvon den beiden der Scene vorgeschriebenen Zeichen,\nund Alla breve,nur das erste berücksichtigt wurde. Zudem\nstörte es sehr, dass die kurzen Accorde in den Recitativen\nhäufig zu früh oder zu spät kamen, ein Beweis von Un-\nsicherheit in der Direction derselben. Wollen wir überhaupt\nden schwächsten 1 heil der vier Concerte bezeichnen, so\nmüssen wir gerade die Gluck'schen Scenen nennen.\nDas Finale aus Loreley wurde zwar besser, aber so\nmateriel und im Chor und Orchester so wenig mit der\nSolo-Partie in Uebereinstimmung gebracht vorgetragen,\ndass Fräul. Thelen als Loreley mit ihrer schönen, wenn\nauch nicht sehr starken, Stimme alle Mühe hatte, sich\ndurchzuarbeiten, und auf jede feinere Färbung des Vortrags\nverzichten musste. Wir bedauern es, die junge Künstlerin\nnicht unter günstigeren Verhältnissen gehört zu haben."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "45", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550210-01.1.5", "texte": "Im dritten Concerte wurde Judas Maccabäus gegeben.\nDie Aufführung konnte sich zu einer erwärmenden Ge-\nsammtwirkung nicht erheben, obgleich sie sorgfältiger als\ngewöhnlich einstudirt war und in den Soli Fräul. F. aus\nCrefeldSopran, Fräul.Pels-Leusten aus Köln Alt, Herr\nM. D. Woi IT aus Crefeld und Herr DuMon t- F i e r aus\nKöln Tenor und Bariton recht Erfreuliches geleistet\nwurde. Leider scheint das ungünstige Verhältniss der Stim-\nmen gegen einander noch in der Zunahme begriffen. Tenor\nund jetzt auch Alt sind offenbar gegen Sopran und Bass\nzu schwach; oft klingen die Chöre fast wie zweistimmig.\nDer Sopran ist noch immer zwar an Zahl die stärkste, aber\nin seinen Leistungen die schwächste Stimme. Der mächtige\nChor: „Fall ward seinLoos\", wurde durch den schlechten\nEinsatz des Soprans wirkungslos, der Chor: „Seht, er\nkommt mit Sieg umringt\", so kindlich gesungen, dass die\nStimmung des Publicums in eine eigenthümliche Heiterkeit\nauszuarten drohte. Was die Hälfte des Soprans wahrschein-\nlich sehr gut gesungen hätte, wurde vom Ganzen verdorben.\nAm gelungensten war die Aufführung des 42.Psalmes\nvon Mendelssohn, der, ohne grosse Schwierigkeiten für den\nChor, in seiner Einfachheit so gross und wirkungsvoll ist.\nWenden wir uns zu einer kurzen Besprechung der\nSolo-Vorträge, so haben wir zunächst der Gesangscene von\nSpohr zu erwähnen, welche Herr Becker, der seitdem\nnach Frankfurt am Main übergesiedelt ist, vortrug. Er\nspielte das Concert in technischer Beziehung untadelhaft\nund fein nuancirt; sein Ton indess, obgleich rund und schön,\nerreicht keineswegs die Grösse, welche die Spohr sehen\nViolin-Compositionen erfordern. Die Leistung wurde jedoch,\nwie sie es im Uebrigen vollkommen verdiente, mit grossem\nBeifall aufgenommen. Fräul. Louise Japha aus Hamburg,\neine Schülerin von Frau Clara Schumann, ist nicht nur als\nPianistin, sondern auch ihrer umfassenden musicalischen\nBildung und ihres Talentes zur Composition wegen eine\nKünstlerin von Bedeutung. Sie trug den angegebenen Satz\ndes Chopin'schen Concertes mit grosser Sicherheit, echt\nkünstlerischer Auffassung und Abrundung vor. Im vierten\nConcerte lernten wir Herrn Seiss aus Dresden, einen jun-\ngen, gebildeten Geiger, kennen, der mit schönem, vollem\nTone das Mendelssohn'sche Concert einfach durchdacht und\nsehr geschmackvoll vortrug. Auch die Vieuxtemps'sche\nComposition spielte er vortrefflich, wenn uns auch die Auf-\nfassung fast zu ruhig erschien. In demselben Concerte\nwurde uns die Freude, unsere Concertsängerin Fräul. Ma-\nthilde Hartmann wieder zu hören. Sie sang die Arie\naus Haydn's Jahreszeiten und das Solo des Mendelssohn'-\nschen Psalmes. Nachdem sie im vorigen Winter unter der\nLeitung des hier weilenden ausgezeichneten Gesanglehrers,\ndes Herrn Berg aus Stockholm, welchem Jenny Lind ihre\nmusicalische Ausbildung verdankt, studirt, hat ihr Gesang\nan künstlerischer Behandlung ihrer schönen Stimm-Mittel\nentschieden gewonnen. Die Leistung unserer Sängerin, wenn\nsie auch nicht ohne Befangenheit aufzutreten schien, erhob\nsich dadurch bedeutend über ihre früheren. Die Haydn'sche\nArie verlor leider durch ein höchst schleppendes Tempo. In\nder Begleitung der Solo-Vorträge fehlt noch immer die\nnöthige Discretion des Orchesters; eine Unsicherheit, wie\ndie in den Gluck'schen Recitativen, trat auch hier zuweilen\nstörend auf.\nVergleichen wir die erste Hälfte unserer diesjährigen\nConcerte mit den vorigjährigen im Allgemeinen, so ist eine\ngrössere Sicherheit in Chor und Orchester nicht zu ver-\nkennen; dieser Fortschritt bekundete sich indess fast aus-\nschliesslich auf dem technischen Gebiete und darf nur ein\nsehr mässiger Schritt vorwärts genannt werden. Das Bild,\nwelches wir in Nr. 43 des vorigen Jahrgangs dieser Blätter\nüber unsere Zustände entwarfen, hat somit seine Aehnlich-\nkeit noch nicht verloren.\nTausch, in seiner jetzigen Stellung, hat eine ungemein\nschwierige Aufgabe zu lösen, die: unsere desorganisirten\nKräfte wieder heranzubilden, unbildungsfähige auszuschei-\nden, verloren gegangene wieder zu gewinnen, sie allesammt\nanzuregen, zu beleben und der Lauheit zu entreissen, an\nwelcher jetzt Alles erlahmt, eine Aufgabe, schwieriger\nvielleicht, als ein ganz neues Gebäude aufzuführen. Tausch\nhat sich ihr mit grosser Thätigkeit gewidmet; aber mit dem\nbesten Willen und der grössten Energie lässt sich nichts\nerreichen, wenn man nicht den rechten Weg einschlägt.\nBis jetzt hat ihn Tausch nicht gefunden, sondern sich offen-\nbar vergriffen, das Unmögliche möglich zu machen gesucht\nund eben desshalb so wenig erreicht. Ausserdem erschwert\ner sich die Leitung der Concerte dadurch, dass er fast in\njedem auch quantitativ zu viel thut.\nTausch rnuss daher unbedingt andere Principien, als\ndie bisher befolgten, zu Grunde legen und die Reorgani-\nsation unserer musicalischen Kräfte auf der Grundlage\ndurchdachter Progression anbahnen. Geschieht dies nicht,\nso sind wir überzeugt, dass Tausch seine Kräfte in vergeb-\nlichen Bestrebungen abnutzen wird, ohne in seiner eigenen\nThätigkeit Befriedigung zu finden und ohne der Sache der\nKunst zu nützen.\nWas Einsicht, Ruhe, Ausdauer und Liebe zur Sache\nvermag, bewies abermals eine Aufführung altitaliänischer"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "46", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550210-01.1.6", "texte": "Kirchenmusik unter Leitung des Dr. H. Am Dreikönigen-\nTage wurde in unserer Maximilians-Pfarrkirche eine Messe\nvon Orlandus Lassus a capellagesungen, von welcher wir\nalles Rühmliche wiederholen müssen, was wir über die Auf-\nführung von Palestrina's Missa berichteten.\nWir schliessen unseren heutigen Bericht, indem wir\nnoch hinzufügen, dass die Soireen für Kammermusik auch\nin diesem Winter Statt finden. Von Herrn Tausch und un-\nserem Cellisten Herrn V o r b e r g veranstaltet, hören wir darin\nauch zuweilen Herrn Bockmühh Herr Pixis von Köln\nhat die Gefälligkeit gehabt, seine Mitwirkung zuzusagen, so\ndass jetzt Kräfte vereinigt sind, von denen bei längerem\nZusammenspiel das Ausgezeichnetste zu erwarten ist.\n\nAus Frankfurt am Main.\n\nHerr Baracke hat den ersten Cyklus seiner Vorlesun-\ngen über die alte Geschichte der Musik geschlossen und den\nzweiten von Palestrina ausgehend begonnen. Ein ge-\nwählter, wenn auch nicht grosser Kreis von Zuhörern bei-\nderlei Geschlechts folgt mit sichtbarem Interesse dem Vor-\ntrage, dem nachgerühmt werden muss, dass sämmtliche\nThatsachen in scharfen Umrissen gezeichnet erscheinen, die\nSprache eine musterhafte, der Vortrag überhaupt klar und\nv erständlich ist. Ein minder schnelles Tempo im Lesen wäre\njedoch zuweilen erwünscht. Kiesewetter's „Entwicklung un-\nserer heutigen Musik\" und die von diesem geschätzten Hi-\nstoriker festgestellten Epochen dienen in ihrer leichten Ueber-\n»sichtlichkeit dem Vorleser als wesentliches Material zum\nLeitfaden. Jedocn auch Winterield, Gerber u. A. haben reich-\nlichen Stoff zur Ergänzung des vom Erstgenannten oft nur\nskizzenhaft Gegebenen geboten. Eben so hat sich Herr\nDamcke über die in den verschiedenen Epochen besonders\nhervorgethanen Männer bei anderen Historikern eines Aus-\nlünrhcheren belehrt und selbe seinen Zuhörern vorgeführt;\nso Johann Wakher und Ludwig Senfl. Auch Luther s Ein-\niiuss auS die Musik ward gebührend erwähnt.\nKönnen Vorträge über Geschichte der Musik, der Lite-\nratur und andere Wissenscbafts-Gegenstände, auf eine ge-\nringe Anzahl von Stunden beschränkt, immerhin nur eine\ngedrängte Uebersicht über das weite Gebiet verschaffen, so\nvermögen sie doch anregend zu wirken, was nirgend not-\nwendiger und erspriesslicher ist, als gerade auf dem der\nmusicahscheu Geschichte, um die sich Dilettanten gar nicht,\nMusiker nur äusserst selten bekümmern. Diese Geschichte\nist überall dieselbe. Von einigen Hunderten hier lebender\nMusiker gewahren wir kaum ein Dutzend unter Damcke's\nZuhörern, dies solche, denen es an mehrseitiger Bildung nicht\ngebricht. Der grosse, bodenlos unwissende Haufe geht jeder\nBelehrung aus dem Wege. „Wozu auch Geschichte der\nMusik? Lehrt sie auch etwas machen? eine Sinfonie com-\nponiren? Ciavier spielen? geigen? singen?\" Indessen haben\ndiese Geschichts-Vorlesungen doch bereits bewirkt, was sie\nim Allgemeinen bewirken können. Schon hat sich dieser\nund jener der Zuhörer den Kiesewetter zum eigenen Nach-\nlesen kommen lassen. In dem laufenden Cyklus wird der\nEntwicklung der Oper besondere Aufmerksamkeit gewid-\nmet werden.\nDie die verschiedenen Kunst-Epochen charakterisirenden\nTonstücke werden bei diesen Vorlesungen von einem Theile\ndes Rühl'schen Gesang-Vereins unter dessen Leitung ausge-\nführt. Schon in einem früheren Berichte hat sich Referent\nunumwunden über eine diesem Musik-Director anklebende\nEigenheit ausgesprochen, auf die hier zurück zu kommen\nsich wiederum Grund findet. Wir meinen seine Vorliebe\nzum Piano und Pianissimo.Wie es auch Rühl's hiesige und\nneidelberger Musik-Räthe aufnehmen mögen, so müssen wir\ndoch diese Manier für eine charakterstörende, darum ver-\nwerfliche, erklären. Sie ist es in dem Maasse, wie der Miss-\nbrauch mit dem Pedal in classischer Ciaviermusik. Herr Rühl\nlaborirt offenbar an einem Uebel, das man füglich mit\nPianissimo-Morbus bezeichnen kann. Wenn diese Manier,\nalte Musik vorzutragen, schon bei Händel und Bach wider-\nlich wirkt und den Kenner im Genüsse stört, wie erst bei\nden Meistern des sechszehnten Jahrhunderts! Die in solcher\nWeise gesungene Messe von Orlando Lasso musste daher\nauf alle Verständigen peinlich wirken. Im Choral, überhaupt\nin allen breiten Zeitmaassen, versteht es Herr Rühl, in fast\njeder Textzeile alle die beliebten dynamischen Abstufungen,\nnur kein eigentliches Forte, oder gar ein Fortissimo, hören\nzu machen. Die vollste Kraitäusserung des Chors scheint\ner zu perhorresciren. Fort mit dem unaufhörlichen wellen-\nförmigen Geschaukel zwischen Pianissimo und Mezzo\nforte, Crescendo und Decrescendo l\nLiegt dem das möglich Beste im Chorgesange anstre-\nbenden Manne daran, sich von dieser Manier frei zu machen,\nso empfiehlt Verfasser als nächstes Mittel den in Nr. 36\ndieser Blätter vom vor. Jahre enthaltenen Aufsatz: „Das\nGesangfest zu Brühl.8 Darin befinden sich kernhafte Lehren\nüber die bei alter Musik zulässige Vortragsweise. Vermö-\ngen aber diese das festgewurzelte Uebel nicht zu beseitigen,\nso bleibt noch die berliner Sing-Akademie zu hören übrig.\nSie hält bekanntlich die Tradition in alter und neuerer Ge-\nsangmusik hoch in Ehren, stellt daher niemals Leistungen"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "47", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550210-01.1.7", "texte": "hin, die, um sie recht zu kennzeichnen, geleckten Bildern\ngleichen. Und sollte denn Schelble diese Tradition nicht auch\ngekannt und geachtet haben? Sollte er in Rühl's Weise mit\nalter Musik verfahren sein? Davon müsste denn doch im\nCäcilien-Verein eine Spur zurückgeblieben sein; davon ist\naber nichts zu merken'. lst ferner noch wohl anzunehmen,\ndass Hofrath Kiesewetter auf die aller alten Musik anzu-\npassende Dynamik sich verstanden haben könne? Wer wird\ndaranzweifeln? Nun wohl; Referent darf sich rühmen,\ndurch diesen ausgezeichneten Mann zu allererst die alten\nniederländischen, italiänischen und spanischen Componisten\nkennen gelernt zu haben, denn er gehörte mit zu der klei-\nnen Schar, von welcher Kiesewetter 1817 und 1818 in\nseinem Hause zu Wien jene alten Meister singen liess.\nSubjectivität in Auffassung und Ausführung inhaltha-\nbender Tonstücke darf nur bis zu einer gewissen Gränzlinie\nzugestanden werden, innerhalb welcher der Charakter des\nWerkes nicht verletzt wird. In classischer Ciaviermusik darf\ndiese Linie kaum berührt, vielweniger überschritten werden.\nWollten oder könnten das die Herren Musik-Directoren und\nVirtuosen nur einiger Maassen beherzigen, wir hätten viel\nseltener von verkrüppelter Charakteristik zu leiden. Nicht\nWenige davon kennen aber kaum das Wort in Beziehung\nauf Musik.\nLenken wir sonach wieder in ruhiges Fahrwasser ein,\nwie es die Besprechung der im Museums-Concerte am 2.\nd. Mts. aufgeführten neuen Ouvertüre von Capellmeister\nSchindelmeisser: „Die Mondnacht auf stillem Wasser\",\nerfordert. Muss man sich auch grundsätzlich gegen alle\nUeberschriften bei ähnlichen Compositionen erklären, sobald\nsie ihren Entstehungsgrund nicht aus einem bekannten dra-\nmatischen Werke herleiten\"), so werden wir es wohl zu-\nlässig finden, wenn damit nur der Standpunkt angedeutet\nwerden soll, von dem das Werk zu beurtheilen ist. Nichts\nAnderes will obige Ueberschrift. Der Componist stellt in\ndieser Ouvertüre ein Charakterbild in Einem Satze hin, ab-\nweichend von den üblichen, auf Massen-Effect berechneten\nCompositionen gleicher Gattung, die darum auch die Zuhö-\nrer zu lauten, oft lärmenden Beifalls-Aeusserungen heraus-\nfordern. Schindelmeisser verzichtet auf diesen äusserlicheu,\ndurch Instrumental-Aufwand erzielten Effect; er sucht gleich\nvon vorn herein durch ein freundliches Motiv den sinnigen\nHörer zu spannen und ihn in dieser Spannung festzuhalten,\nwie Mendelssohn in seiner Ouvertüre zur Fingalshöhle. Die<-\nser Zweck wird um so sicherer erreicht, als der organische\nBau, ein durchweg klarer und verständlicher, überhaupt\nsich streng den classischen Forme;) anschliesst. Was von\nso genannter Malerei in die Erscheinung tritt, ist in beschei-\ndener Weise nur angedeutet, wobei der weiche, Sehnsucht\nund stilles Verlangen athrnende Charakter der herrschenden\nTonart As-dur trefflich zu Statten kommt. Das Epitheton\n„still\" in der Ueberschrift könnte fast erwarten lassen, als\nsollten wir es mit einer flachen Musik zu thun haben. Kei-\nneswegs. Die in dem Tongemälde angewandte Dynamik\nbringt Schatten und Licht in weiser Berechnung, wozu Hör-\nner und Clarinetten wesentlich beitragen. Die sonst unver-\nmeidlichen Posaunen fehlen.\nUeberhaupt beweis't Schindelmeisser in diesem schönen\nWerke zur Evidenz, dass seine Bestrebungen für Bekannt-\nmachung der Richard Wagner'schen Opern auf den Bühnen\nzu Wiesbaden und Darmstadt ihn nichts weniger als der\nhistorischen Schule abwendig gemacht haben, was befürch-\ntet worden. Er war bemüht, das neue Kunst-Evangelium\nhören zu machen, selbst aber blieb er dem alten, auf Ver-\nnunft, Gesetz und Erfahrung gegründeten und bewährten\ngetreu. So ziemt es Künstlern in einflussreichen Stellungen.\nDer Ausführung dieser Ouvertüre fehlte die Feile, die bei\nso feinen, duftigen Tongebilden unerlässlich ist, um ihnen\nzu rechter Erkenntniss zu verhelfen. Was jedoch mit einer\nProbe in eisduftigem Saale zu leisten möglich war, ist ge-\nschehen.\n*) Wir besitzen sogar schon Ouvertüren mit all dem üblichen\nInstrumenten-L'arm über lyrische und epische Gedichte, bald\nvielleicht auch über Reisebeschreibungen, Eklogen, Distichen\nund Epigramme.\n\nA. S.\n\nRoger und die hamburger Theaterchronik.\n\nIn der hamburger Theaterchronik hat der Redacteur dersel-\nben, G. A. Sachse, in Bezug auf Roger die alte Geschichte -wie-\nder aufgewärmt, nach welcher der französische Sänger sich in einem\nBriefe in die Heimat über das deutsche Publicum, dem er in Dres-\nden etwas „vorgehustet\" habe, lustig gemacht haben soll. Roger\nschrieb, als er vor zwei Jahren in Deutschland war, einem Freunde\nin Paris, dass er bei der Vorstellung des Propheten in Dresden den\nSchnupfen gehabt, sich aber trotzdem gut aus der Aßaire gezogen\nhabe und mit grosser Güte und Nachsicht aufgenommen worden\nsei. Der Brief wurde durch Indiscretion des Empfängers veröffent-\nlicht. Schon damals griff eine Correspondenz aus Dresden (ich glaube,\nvon dem verstorbenen Uhlich) in der leipziger Neuen Zeit-\nschrift für Musik diese Sache in der gehässigsten Weise auf,\nund ich begreife nicht, warijm man jetzt dem etc. Sachse allein das\nzum Vorwurf macht, was bereits ein anderes Blatt mit Schaden-\nfreude ausgebeutet hat. Freilich erscheinen Sachse's Motive sehr\nzweideutig, wenn man weiss, dass er Roger wiederholt „um die\nEhre der Führung seiner Geschäfte in Deutschland\" gebeten hat!\nRoger hat ihm nun einen (den Andeutungen der „Deutschen\nTheater-Zeitung\" von Berlin, Nr. 9, vom 31. Januar nach) sehr un-\nzweideutigen Brief geschrieben und ihn zum Abdruck desselben\naufgefordert. Als Beweggrund zu dieser Replik rührt Soger in sei-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "48", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550210-01.1.8", "texte": "nem Briefe an den Theater-Agenten Herrn Heinrich in Berlin (s.\ndas angezogene Blatt) an: „Ne dites pas que son attaque ne merite\npas une reponse; je ne veux pas que Von mette endoute la sincerite\nde mon respect et de ma reconnaissance pour ce peuple allemand qui\nm a reQU comme un fils; il y a dans cetle allegation (de Sachse) une\ncalomnie, et il faut qu eile tombe et que jen sois venge.\" Nun, Ro-\nger hat auch alle Ursache, einen solchen Vorwurf der Undankbar-\nkeit von sich abzuweisen; wer ihn aber genauer kennt, weiss, dass\ner zu derjenigen Art von Malice, welche man aus seinem harmlo-\nsen vertraulichen Briefe herausgelesen hat, gar nicht fähig ist, und\ndass er nicht bloss auf den Beifall des Publicums in Deutschland,\nsondern auch auf die Art und Weise stolz ist, mit welcher die\ndeutsche Kritik der unabhängigen Blätter tiefer, als es je die fran-\nzösische gethan, auf das Wesen seiner künstlerischen Bedeutung\ntür den dramatischen Gesang eingegangen ist. Ich hasse jede Ab-\ngötterei, die mit Fremdem getrieben wird; aber wo in der Kunst\ndas Mustergültige bei einem Ausländer erscheint, ist das Ver-\nkennen und das Verkleinern desselben nur das traurige Zeichen\neiner falschen Geschmacksbildung oder einer gemeinen Natur.\n\nL. B.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nXiöln» Dinstag den 6. d. Mts. brachte die vierte Soiree für\nKammermusik im Hotel Disch ein schönes Programm und eine\ndurchweg treffliche Ausführung desselben durch die Herren Pixis,\nDerckum, Peters und Reimers, in der Partie des Fortepiano\ndurch Herrn Franck. Nach dem feinen Vortrage des Violin-Quar-\ntetts in G-dur von Mozart folgte das grosse Trio in B-dur, Op.\n97, von Beethoven für Ciavier, Violine und Violoncello, welches\neinen vollendeten Kunstgenuss gewährte. Uns fielen dabei zwei Be-\ntrachtungen ein: erstens dass bei der classischen Mnsik der cor-\nrecte Vortrag correct in seiner höchsten Bedeutung genommen,\nwro es ausser dem Technischen auch jede vorgeschriebene Nu-\nancirung des Ausdrucks in den drei oder vier Partieen und die\nGleichheit der Tonstärke der Instrumente umfasst —, dass dieser\ncorrecte Vortrag der einzig würdige und vollkommen hinreichend\nist, das Werk in seinem eigenthümlichen Wesen wiederzugeben;\nder Geist desselben spricht sich alsdann von selbst aus, und\nwir haben den Vortheil, dass es der Geist des Componisten ist,\nnicht der des Spielers, den wir vernehmen. In dieser Art des Vor-\ntrags, zu welcher eine edle Resignation des darstellenden Künstlers\nzu Gunsten des schaffenden gehört (in der jedoch wieder der künst-\nlerische Höhepunkt der Reproduction liegt), ist Franck ganz vor-\nzüglich, und wir freuen uns immer doppelt, wenn wir eine Ausfüh-\nrung hören, die nichts in die Composition hinein, sondern nur\nalles, was darin ist, aus ihr heraus spielt. Dann hört man auch\nganz unbestochen, ob eben überhaupt, wie Mozart gern sagte, „was\ndrin ist\" oder nicht. Die zweite Betrachtung, die sich uns auf-\ndrängte, war die, dass dieses letzte Trio Beethoven's auf der Scheide-\nlinie steht, welche für diese Gattung von Compositionen gezogen\nwerden muss; bis hieher und nicht weiter, wenn es ein concerti-\nrendes Stück für drei Instrumente bleiben soll, d. h. ein Stück, in\nwelchem der Eigentümlichkeit und der Bedeutung jedes Instru-\nmentes gleiche Rechnung getragen wird. Was Mendelssohn und\nSchumann späterhin geschrieben haben, sind keine Trio's: sie klin-\ngen wie Ciavier-Auszüge symphonistischer Orchestersätze mit Ver-\nvollständigung durch Violine und Cello.\nAuf das Trio folgte F. Schubert's grosses Violin-Quartett in\nD-moll, diese wundervolle Schöpfung der fast überreichen Phantasie\neines Tondichters, dem die Musik aus allen Fingerspitzen und aus\nallen Poren quillt. Wenn man nun drei solche Werke hört, wie die\ngenannten von Mozart, Beethoven und Schubert, wie steht es dann\nmit der Lehre der neuesten Kunst-Philosophen von dem Inhalt\nder Tonkunst? Geht mir doch mit eurem Geschwätz! Der Inhalt\nder Musik ist Musik, und damit Punctum, und was den ganzen in-\nneren Menschen aufregt, wenn er solche Werke hört, das ist eben\nwieder Musik, nichts als Musik, und das Schöne liegt in den Tönen\nund ihren Reihen, indem, was musicalisch drin ist, nicht in\ndem, was ihr von aussen durch Reflexion hinein tragt. Unsere vier\nKünstler spielten das sehr schwierige Tonstück meisterhaft, und na-\nmentlich der letzte Satz rief einen so anhaltenden Beifall hervor,\nwie man ihn bei Kammermusik selten hört.\nZum Schlüsse spielte Franck noch ein Lied ohne Worte von\nMendelssohn und zwei sehr hübsche Kleinigkeiten von seiner Com-\nposition, „Impromptu\" und „Lyrisches Stück\".\nIm Stadttheater waren die Vorstellungen von Marschner's\n„Templer und Jüdin44 sehr gelungen und auch ziemlich gut be-\nsucht. Wagner's „Lohengrin44 ist sieben Mal gegeben worden;\nganz besetzt war das Haus nur bei der zweiten Vorstellung. Der\nohnedies schwache Besuch des Theaters hat durch den Schneefall,\nwelcher Köln zu einem polnischen Dorfe gemacht hat, noch mehr\nabgenommen. Donnerstag, den 8. d. Mts., wurde „Tannhäuser\" zum\nersten Male diesen Winter wieder gegeben. Das Haus war grauen-\nerregend leer."}]}