{"numero_id": "bm-bmtnabi-1855-02-17-01", "volume": "bmtnabi_1855-02-17_01", "ocr_sha256": "0576f9ed3c91b25dcb88c4b5b5a0d8505945b4ea50e69c24a0009c69ae5f3f38", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1855/02/17_01/bmtnabi_1855-02-17_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550217-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1855-02-17-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-02-17_01#c001", "volume": "bmtnabi_1855-02-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "49", "page_fin": "53", "image_debut": 1, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550217-01.2.1", "titre_corps": "Eduard Hanslick.", "titre_sommaire": "Eduard Hanslick.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "49", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550217-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3999, "texte": "Eduard Hanslick.\nI.\nWTenn irgend etwas in unserer Zeit der Verwirrung\nder Gedanken über Musik noth thut, so ist es die Erkennt-\nniss ihres wahren Wesens als selbstständige Kunst.\nDas Unkraut auf dem Felde der musicalischen Aesthetik\nhat in den letzten Jahren dermaassen gewuchert, dass es\nden gesunden Menschenverstand zu ersticken droht; ja, es\nmuss dies letztere wohl schon bei einem Theile der Zeitge-\nnossen, die sich um die Tonkunst bekümmern, gelungen\nsein, sonst wäre es unmöglich, dass ein Gewäsch, wie z. B.\ndasjenige, das der Artikel „ Moderne Kritik\" in unserer Nr.\n5 zum Besten gegeben, noch irgend einen Leser fände. Die\nVerwirrung der Begriffe ist aber vorzüglich dadurch ent-\nstanden und wird täglich noch dadurch vergrössert, dass\ndie Meisten von denen, die sich zur Schriftstellern über\nMusik, Gott weiss, wodurch! berufen fühlen, entweder wis-\nsenschaftlich gebildete Denker und nicht zugleich Musiker,\noder Musiker und nicht zugleich Männer der Wissenschaft\nsind, womit wir keineswegs eine dritte Ciasse läugnen wol-\nlen, welche diejenigen bilden, die weder Philosophen noch\nMusiker sind. Welche Ciasse von Wortführern das Wesen\nder Tonkunst mehr verkannt und den grösseren Schaden\nangerichtet habe, ist schwer zu entscheiden. So viel scheint\nuns jedoch ausgemacht, dass die wirklichen Philosophen,\nwenn sie auch nichts von Musik verstehen, wie z. B. Hegel,\ndoch zum Denken über die Kunst anregen und gar manche\nSätze aufstellen, welche theils positiv fördernd werden,\ntheils negativ, d. h. durch Anregung zur Prüfung und Wi-\nderlegung derselben; dass aber die schriftstellernden Musi-\nker mit ihrem Symbolisiren und schöngeistischen Raisonni-\nren mehr Verwirrung anrichten als jene, sobald ihnen die\nzwei Grundlagen aller Erkenntniss menschlicher Dinge, das\nhistorische Wissen und das logische Denken, abgehen.\nMit wahrer Freude reichen wir daher einem Manne\ndie Hand, der in einer nicht umfang-, aber inhaltreichen\nSchrift das Wesen der Musik als einer selbstständigen Kunst\nzu ergründen sucht, und sich zu dieser Untersuchung so-\nwohl durch musicalische Kenntnisse als durch wissenschaft-\nlichen Sinn, logische Schärfe der Gedanken-Entwicklung\nund klare Darstellung als vollkommen berechtigt ausweis't.\nDie Schrift heisst:\n„Vom Musicalisch-Schönen. Ein Beitrag zur\nRevision der Aesthetik der Tonkunst. Von Dr.\nEd. Hanslick. Leipzig, 1854, bei R. Weigel.\"\nZwar ist sie in diesen Blättern bereits (in Nr. 44 des\nvor. Jahrgangs, v. 4. Nov.) von unserem Herrn Correspon-\ndenten in Wien sehr warm empfohlen worden; allein ihre\nBedeutung ist viel zu gross und ihr Erscheinen liir uns und\ndie seit Jahren von uns vertretenen Grundsätze viel zu eiv\nfreulich, als dass wir ihr nicht eine wiederholte und aus-\nführlichere Besprechung widmen sollten. Um aber die tüch-\ntige Arbeit von vorn herein durch eine Probe ihres Gei-\nstes und ihrer Resultate sich selbst empfehlen zu lassen,\ntheilen wir zunächst das letzte Capitel derselben im Aus-\nzuge mit, und werden die weitere Entwicklung des Ideen-\nganges des Verfassers daran knüpfen.\n„Hat die Musik einen Inhalt?\nSo lautet, seit man gewohnt ist, über unsere Kunst\nnachzudenken, ihre hitzigste Streitfrage. Sie wurde für und\nwider entschieden. Gewichtige Stimmen behaupten die In-\nhaltlosigkeit der Musik, sie gehören beinahe durchaus den\nPhilosophen: Rousseau, Kant, Hegel, Vis eher,\nKahlert u. A. Die ungleich zahlreicheren Kämpfer fech-\nten für den Inhalt der Tonkunst; es sind die eigentlichen\nMusiker unter den Schriftstellern, und das Gros der all-\ngemeinen Ueberzeugung steht zu ihnen.\nFast mag es seltsam erscheinen, dass gerade diejeni-\ngen, welchen die technischen Bestimmungen der Musik ver-\ntraut sind, sich nicht von dem Irrthume einer diesen Be-\ndingungen widersprechenden Ansicht lossagen mögen, die\nman eher dem abstracten Philosophen verzeihen könnte.\nDas kommt daher, weil es vielen Musik-Schriftstellern in\ndiesem Punkte mehr um die vermeintliche Ehre ihrer Kunst,\nals um die Wahrheit zu thun ist. Sie befehden die Lehre"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "50", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550217-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5116, "texte": "von der Inhaltiosigkeit der Musik nicht wie Meinung gegen\nMeinung, sondern wie Ketzerei gegen Dogma. Die gegne-\nrische Ansicht erscheint ihnen als unwürdiges Missverstehen,\nals grober, frevelnder Materialismus. Es handelt sich hier\num keinen Ehrenpunkt, kein Partei-Zeichen, sondern ein-\nfach um die Erkenntniss des Wahren, und zu dieser zu ge-\nlangen, muss man sich vor Allem über die Begriffe klar\nsein, die man bestreitet.\nDie V erwechslung der Begriffe Inhalt, Gegenstand,\nStoff ist, was in dieser Materie so viel Unklarheit verur-\nsacht hat und noch immer veranlasst, da Jeder für densel-\nben Begriff eine andere Bezeichnung gebraucht, oder mit\ndem gleichen Worte verschiedene Vorstellung verbindet.\n„Inhalt\" im ursprünglichen und eigentlichen Sinne ist,\nwas ein Ding enthält, in sich hält. In dieser Bedeutung\nsind die Töne, ausweichen ein Musikstück besteht, welche\nals dessen Theile es zum Ganzen bilden, der Inhalt dessel-\nben. Dass sich mit dieser Antwort Niemand zufrieden stel-\nlen mag, sie als etwas ganz Selbstverständliches abfertigend,\nhat seinen Grund darin, dass man gemeiniglich „Inhalt\"\nmit „Gegenstand\" verwechselt. Bei der Frage nach dem\n„Inhalt\" der Musik hat man die Vorstellung von „Gegen-\nstand\" (Stoff, Sujet) im Sinne, welchen man als die Idee,\ndas Ideale den Tönen als „materiellen Bestandtheilen\" ge-\nradezu entgegensetzt. Einen Inhalt in dieser Bedeutung,\neinen Stoff im Sinne des behandelten Gegenstandes hat\ndie Tonkunst in der That nicht. Kahlert stützt sich mit\nRecht nachdrücklich darauf, dass sich von der Musik nicht,\nwie vom Gemälde, eine „Wortbeschreibung\" liefern lässt\n(Aesth. 380), wenngleich seine weitere Annahme irrig ist,\ndass solche Wortbeschreibung jemals eine „Abhülfe für\nden fehlenden Kunstgenuss\" bieten kann. Aber eine erklä-\nrende Verständigung, um was es sich handelt, kann sie\nbieten. Die Frage nach dem „Was\" des musicalischen In-\nhalts müsste sich nothwendig in Worten beantworten las-\nsen, wenn das Musikstück wirklich einen „Inhalt\" (einen\nGegenstand) hätte. Denn ein „unbestimmter Inhalt\",\nden sich „ Jedermann als etwas Anderes denken kann\", der\nsich „nur lühlen\", „nicht in Worten wiedergeben lässt\",\nist eben kein Inhalt in der genannten Bedeutung.\nDie Musik besteht aus Tonreihen, Tonformen; diese\nhaben keinen anderen Inhalt, als sich selbst. Wir erinnern\nabermals an die Baukunst und den Tanz, die uns gleich-\nfalls schöne Verhältnisse ohne bestimmten Inhalt entgegen-\nbringen. Mag nun die Wirkung eines Tonstückes Jeder\nnach seiner Individualität anschlagen und benennen, der I n-\nhalt desselben ist keiner, als eben die gehörten Tonformen;\ndenn die Musik spricht nicht bloss durch Töne, sie spricht\nauch nur Töne.\nEs bedarf wohl nicht der ausdrücklichen Beru-\nfung auf den früher begründeten Satz, dass, wenn vom In-\nhalt und von der Darstellungsfähigkeit der JTonkunst\" die\nRede ist, nur von der reinen Instrumental-Musik aus-\ngegangen werden darf. Niemand wird dies so weit verges-\nsen, uns z. B. den Orestes in Gluck's „Iphigenia\" einzu-\nwenden. Diesen „Orestes\" gibt ja nicht der Componist;\ndie Worte des Dichters, Gestalt und Mimik des Darstellers,\nCostume und Decorationen des Malers dies ist's, was den\nOrestes fertig hinstellt. Was der Musiker hinzugibt, ist\nvielleicht das Schönste von Allem; aber es ist gerade\ndas Einzige, was nichts mit dem wirklichen Orest zu schaf-\nfen hat: Gesang.\nLessing hat mit wunderbarer Klarheit aus einander\ngesetzt, was der Dichter und was der bildende Künstler aus\nder Geschichte des Laokoon zu machen vermag. Der Dich-\nter, durch das Mittel der Sprache, gibt den historischen, in-\ndividuel bestimmten Laokoon, der Maler und Bildhauer hin-\ngegen einen Greis mit zwei Knaben (von diesem bestimm-\nten Alter, Aussehen, Costume u. s. f.), von den furchtbaren\nSchlangen umwunden, in Mienen, Stellung und Geberden\ndie Qual des nahenden Todes ausdrückend. Vom Musiker\nsagt Lessing nichts. Ganz begreiflich; denn nichts ist es\neben, was er aus dem Laokoon machen kann.\nWir haben bereits angedeutet, wie enge die Frage nach\ndem Inhalt der Tonkunst mit deren Stellung zum Na-\ntu rsch ö n e n zusammenhängt. Der Musiker findet nicht\ndas Vorbild für seine Kunst, welches den anderen Künsten\ndie Bestimmtheit und Erkennbarkeit ihres Inhalts gewähr-\nleistet. Eine Kunst, der das vorbildende Naturschöne ab-\ngeht, wird im eigentlichen Sinne körperlos sein. Das Urbild\nihrer Erscheinungsform begegnet uns nirgend, fehlt daher\nin dem Kreise unserer gesammelten Begriffe. Es wiederholt\nkeinen bereits bekannten, benannten Gegenstand, darum\nhat es für unser in bestimmte Begriffe gefasstes Denken\nkeinen nennbaren Inhalt.\n/\nVom Inhalt eines Kunstwerkes kann eigentlich nur\nda die Rede sein, wo man diesen Inhalt einer Form ent-\ngegenhält. Die Begriffe „Inhalt\" und „Form\" bedingen\nund ergänzen einander. Wo nicht eine Form von einem\nInhalt dem Denken trennbar erscheint, da existirt auch kein\nselbstständiger Inhalt. In der Musik aber sehen wir Inhalt\nund Form, Stoff und Gestaltung, Bild und Idee in dunkler,\nuntrennbarer Einheit verschmolzen. Dieser Eigentümlich-\nkeit der Tonkunst, Form und Inhalt ungetrennt zu besitzen,"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "51", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550217-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5141, "texte": "stehen die dichtenden und bildenden Künste schroff gegen-\nüber, welche denselben Gedanken, dasselbe Ereigniss in\nverschiedener Form darstellen können. Aus der Geschichte\ndes Wilhelm Teil machte Florian einen historischen Ro-\nman, Schiller ein Drama, Göthe begann, sie als Epos\nzu bearbeiten. Der Inhalt ist überall derselbe, in Prosa auf-\nzulösende, erzählbare, erkennbare; die Form verschieden.\nDie dem Meere entsteigende Aphrodite ist der gleiche In-\nhalt unzähliger gemalter und gemeisselter Kunstwerke, die\ndurch die verschiedene Form nicht zu verwechseln sind. Bei\nder Tonkunst gibt es keinen Inhalt gegenüber der Form,\nweil sie keine Form hat ausserhalb des Inhalts. Betrachten\nwir dies näher.\nDie selbstständige, ästhetisch nicht weiter theilbare,\nmusicalische Gedanken-Einheit ist in jeder Composition das\nThema. Die primitiven Bestimmungen, die man der Mu-\nsik als solcher zuschreibt, müssen sich immer am Thema,\ndem musicalischen Mikrokosmus, nachweisbar finden. Hö-\nren wir irgend ein Haupt-Thema, z. B. zu Beethoven's\nB-dur-Sinfonie. Was ist dessen Inhalt? was seine Form?\nWo fängt diese an? wo hört jene auf? Dass ein bestimmtes\nGelühl nicht Inhalt des Satzes sei, hoffen wir dargethan zu\nhaben, und wird in diesem, wie in jedem anderen concre-\nten Falle nur immer einleuchtender erscheinen. Was also\nwill man den Inhalt nennen? Die Töne selbst? Gewiss;\nallein sie sind eben schon geformt. Was die Form? Wie-\nder die Töne selbst sie aber sind schon erfüllte Form.\nJeder praktische Versuch, in einem Thema Form von\nInhalt trennen zu wollen, führt auf Widerspruch oder\nWillkür. Zum Beispiel: Wechselt ein Motiv, das von einem\nanderen Instrumente oder einer höheren Octave wiederholt\nwird, seinen Inhalt oder seine Form? Behauptet man, wie\nzumeist geschieht, das Letztere, so bliebe als Inhalt des\nMotivs bloss die Intervallen-Reihe als solche, als Schema\nder Notenköpfe, wie sie in der Partitur dem Auge sich dar-\nstellt. Dies ist aber keine musicalische Bestimmtheit,\nsondern ein Abstractum. Es verhält sich damit, wie mit\nden gefärbten Glasfenstern eines Pavillons, durch welche\nman dieselbe Gegend roth, blau, gelb erblicken kann. Diese\nändert hiedurch weder ihren Inhalt, noch ihre Form,\nsondern lediglich die Färbung. Solch zahlloser Farben-\nwechsel derselben Formen vom grellsten Contrast bis zur\nfeinsten Schattirung ist der Musik ganz eigenthümlich und\nmacht eine der reichsten und ausgebildetsten Seiten ihrer\nWirksamkeit aus.\nEine für Ciavier entworfene Melodie, die ein Zweiter\nspäter instrumentirt, bekommt durch ihn allenfalls eine\nneue Form, aber nicht erst Form; sie ist schon geform-\nter Gedanke. Noch weniger wird man behaupten wollen,\nein Thema ändere durch Transposition seinen Inhalt und\nbehalte die Form, da sich bei dieser Ansicht die Wider-\nsprüche verdoppeln und der Hörer augenblicklich erwidern\nmuss, er erkenne einen ihm bekannten Inhalt, nur „ klinge\ner verändert\".\nBei ganzen Compositionen, namentlich grösserer Aus-\ndehnung, pflegt man freilich von deren Form und Inhalt\nzu sprechen. Dann gebraucht man aber diese Begriffe nicht\nin ihrem ursprünglich logischen Sinne, sondern schon einer\nspecifisch musicalischen Bedeutung. Die „Form\" einer\nSinfonie, Ouvertüre, Sonate nennt man die Architektonik\nder verbundenen Einzelheiten und Gruppen, aus welchen\ndas Tonstück besteht; näher also: die Symmetrie dieser\nTheile in ihrer Reihenfolge, Contrastirung, Wiederkehr und\nDurchführung. Als den Inhalt begreift man aber dann\ndie zu solcher Architektonik verarbeiteten Themen. Hier\nist also von einem Inhalt als „Gegenstand\" keine Rede\nmehr, sondern lediglich von einem musicalischen. Bei gan-\nzen Tonstücken wird daher „Inhalt\" und „Form\" in einer\nkünstlerisch angewandten, nicht in der rein logischen Be-\ndeutung gebraucht; wollen wir diese an den Begriff der\nMusik legen, so müssen wir nicht an einem ganzen, daher\nzusammengesetzten Kunstwerke operiren, sondern an des-\nsen letztem, ästhetisch nicht weiter theilbarem Kern. Dies\nist das Thema, oder die Themen. Bei diesen lässt sich in\ngar keinem Sinne Form und Inhalt trennen. Will man Je-\nmandem den „Inhalt\" eines Motivs namhaft machen, so\nmuss man ihm das Motiv selbst vorspielen. So kann\nalso der Inhalt eines Tonwerkes niemals gegenständlich,\nsondern nur musicalisch aufgefasst werden, nämlich als das\nin jedem Musikstücke concret Erklingende. Nachdem die\nComposition formellen Schönheits-Gesetzen folgt, so impro-\nvisirt sich ihr Verlauf nicht in willkürlich planlosem Schwei-\nfen, sondern entwickelt sich in organisch übersichtlicher\nAllmählichkeit wie reiche Blüthen aus Einer Knospe.\nDies ist das Haupt-Thema der wahre Stoff und\nInhalt des ganzen Tongebildes. Alles darin ist Folge und\nWirkung des Thema's, durch es bedingt und gestaltet, von\nihm beherrscht und erfüllt. Es ist das selbstständige Axiom,\ndas zwar augenblicklich befriedigt, aber von unserem Geiste\nbestritten und entwickelt gesehen werden will, was denn\nin der musicalischen Durchführung, analog einer logischen\nEntwicklung, Statt findet. Wie die Haupt-Figur eines Ro-\nmans bringt der Componist das Thema in die verschieden-\nsten Lagen und Umgebungen, in die wechselndsten Erfolge"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "52", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550217-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5053, "texte": "und Stimmungen alles Andere, wenn noch so contrasti-\nrend, ist in Bezug darauf gedacht und gestaltet.\nInhaltlos werden wir demnach etwa jenes freieste\nPräludiren nennen, bei welchem der Spieler, mehr aus-\nruhend als schaffend, sich bloss in Accorden, Arpeggio's,\nRosalien ergeht, ohne eine selbstständige Tongestalt be-\nstimmt hervortreten zu lassen. Solche freie Präludien wer-\nden als Individuen nicht erkennbar oder unterscheidbar sein;\nwir werden sagen dürfen, sie haben (im weiteren Sinne)\nkeinen Inhalt, weil kein Thema.\nDas Thema eines Tonstückes ist also sein wesentlicher\nInhalt.\nIn Aesthetikund Kritik wird auf das Haupt-Thema\neiner Composition lange nicht das gehörige Gewicht gelegt.\nDas Thema allein offenbart schon den Geist, der das ganze\nWerk geschaffen. Wenn ein Beethoven die Ouvertüre zur\n„Leonore\" so anlängt, oder ein Mendelssohn die Ouver-\ntüre zur „Fingalshöhle\" so da muss jeder Musiker,\nohne von der weiteren Durchführung noch eine Note zu\nwissen, erkennen, vor welchem Palast er steht. Klingt uns\naber ein Thema entgegen, wie das zur Faust-Ouverture\nvon Donizetti, oder „Louise Miller\" von Verdi, so bedarf\nes ebenfalls keines Eindringens in das Innere, um uns zu\nüberzeugen, dass wir in der Kneipe sind. In Deutschland\nlegt Theorie und Praxis einen überwiegenden Werth auf\ndie musicalische Durchführung gegenüber dem thema-\ntischen Gehalt. Was aber nicht (offenkundig oder versteckt)\nim Thema ruht, kann später nicht organisch entwickelt\nwerden, und weniger vielleicht in der Kunst der Entwick-\nlung, als in der symphonischen Kraft und Fruchtbarkeit\nder Themen liegt es, dass unsere Zeit keine Beethoven'-\nschen Orchesterwerke mehr aufweis't. In fleissiger Ver-\nwendung des Geringen kann sich ein kluger Hausvater er-\nproben; ein Fürst muss mit vollen Händen schenken. Es\nist auch von der blossen Durchfuhr in der Musik eben so\nwenig Jemand reich geworden, als in der National-Oeko-\nnomie.\nBei der Frage nach dem Inhalt der Tonkunst muss\nman sich insbesondere hüten, das Wort in lobender Be-\ndeutung zu nehmen. Daraus, dass die Musik keinen In-\nhalt (Gegenstand) hat, folgt nicht, dass sie des Gehaltes\nentbehre. „Geistigen Gehalt\" meinen offenbar diejenigen,\nwelche mit dem Eifer einer Partei lür den „Inhalt\" der\nMusik fechten. Mag man den „Gehalt\" nun mit Göthe\n(45, 419) als „etwas Mystisches ausser und über dem\nGegenstande und Inhalt\" eines Dinges begreifen oder, dem\nallgemeinen Verstände gemässer, als die substantiel werth-\nvolle Grundlage, das geistige Substrat überhaupt, immer\nwird man ihn der Tonkunst zuerkennen und in ihren höch-\nsten Gebilden als gewaltige Offenbarung bewundern müs-\nsen. Die Musik ist ein Spiel, aber keine Spielerei. Gedanken\nund Gefühle rinnen wie Blut in den Adern des ebenmässig\nschönen Tonkörpers; sie sind nicht er, sind auch nicht\nsichtbar, aber sie beleben ihn. Der Cornponist dichtet\nund denkt. Nur dichtet und denkt er, entrückt aller ge-\ngenständlichen Realität, in Tönen. Muss doch diese Tri-\nvialität hier ausdrücklich wiederholt sein, weil sie selbst\nvon denjenigen, die sie principiel anerkennen, in den Con-\nsequenzen allzu häufig verläugnet und verletzt wird. Sie\ndenken sich das Componiren als Uebersetzung eines ge-\ndachten Stoffes in Töne, während doch die Töne selbst die\nunübersetzbare Ursprache sind. Daraus, dass der Tondichter\ngezwungen ist, in Tönen zu denken, folgt ja schon die\nInhaltlosigkeit der Tonkunst, indem jeder begriffliche Inhalt\nin Worten müsste gedacht werden können.\nSo strenge wir bei der Untersuchung des Inhalts\nalle Musik über gegebene Texte, als dem reinen Begriffe\nder Tonkunst widersprechend, ausschliessen mussten, so\nunentbehrlich sind die Meisterwerke der Vocal-Musik bei\nder Würdigung des Gehaltes der Tonkunst. Vom ein-\nfachen Liede bis zur gestaltenreichen Oper und der altehr-\nwürdigen Gottesfeier durch Kirchenmusik hat die Tonkunst\nnie aufgehört, die theuersten und wichtigsten Bewegungen\ndes Menschengeistes zu theilen und zu verherrlichen.\nNebst der Vindication des geistigen Gehaltes muss\nnoch eine zweite Consequenz nachdrücklich hervorgehoben\nwerden. Die gegenstandlose Formschönheit der Musik hin-\ndert sie nicht, ihren Schöpfungen Individualität auf-\nprägen zu können. Die Art der künstlerischen Verarbeitung\nso wie die Erfindung gerade dieses Thema's ist in jedem\nFalle eine so einzige, dass sie niemals in einer höheren All-\ngemeinheit zerfliessen kann, sondern als Individuum da-\nsteht. Ein Motiv von Mozart oder Beethoven ruht so fest\nund unvermischbar auf eigenen Füssen, wie ein Vers Gö-\nthe's, ein Ausspruch Lessing's, eine Statue Thorwald-\nsen's, ein Bild Overbeck's. Die selbstständigen musica-\nlischen Gedanken (Themen) haben die Sicherheit eines Ci-\ntals und die Anschaulichkeit eines Gemäldes; sie sind indi-\nviduel, persönlich, ewig.\nGegenüber dem Vorwurf der Inhaltlosigkeit also hat\ndie Musik Inhalt, allein musicalischen, welcher ein nicht ge-\nringerer Funke des göttlichen Feuers ist, als das Schöne\njeder anderen Kunst. Nur dadurch aber, dass man jeden\nanderen „Inhalt\" der Tonkunst unerbittlich negirt, rettet"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "53", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550217-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 920, "texte": "man deren „Gehalt\". Denn aus dem unbestimmten\nGefühle, worauf sich jener Inhalt im besten Falle zurück-\nführt, ist ihr eine geistige Bedeutung nicht abzuleiten, wohl\naber aus der bestimmten Tongestaltung, als der\nfreien Schöpfung des Geistes aus geistlähigem, begrifllosem\nMaterial.\nDieser geistige Gehalt verbindet nun auch im Gemüthe\ndes Hörers das Schöne der Tonkunst mit allen anderen\ngrossen und schönen Ideen. Ihm wirkt die Musik nicht\nbloss und absolut durch ihre eigenste Schönheit, sondern\nzugleich als tönendes Abbild der grossen Bewegungen im\nWeltall. Durch tiefe und geheime Naturbeziehungen steigert\nsich die Bedeutung der Töne hoch über sie selbst hinaus\nund lässt uns in dem Werke menschlichen Talents immer\nzugleich das Unendliche fühlen. Da die Elemente der Mu-\nsik: Schall, Ton, Rhythmus, Stärke, Schwäche, im ganzen\nUniversum sich finden, so findet der Mensch wieder in der\nMusik das ganze Universum.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-02-17-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-02-17_01#c002", "volume": "bmtnabi_1855-02-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "53", "page_fin": "55", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550217-01.2.2", "titre_corps": "Aus Bonn.", "titre_sommaire": "Aus Bonn.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "53", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550217-01.1.5", "debut_caractere": 922, "fin_caractere_exclue": 5099, "texte": "Aus Bonn.\nDie letztverflossenen Tage waren hier ungemein ergiebig\nan musicalischen Genüssen. Zunächst fand am vergangenen\nFreitagd. 9.Februar hier die erste Aufführung des Lohen-\ngrin durch die kölner Oper bei nicht völlig besetztem Hause\nStatt. Bei den so mannigfach sich kund gebenden Meinungen\nundUrtheilen über Wagner's Zukunftswerke können auch wir\nuns nicht versagen, nach erfolgter Bekanntschaft mit dessen\nangeblich bedeutendster Bühnenschöpfung unseren Gefühlen\nin etwa Luft zu machen. Es soll hier keineswegs eine spe-\ncielle kritische Beleuchtung (zu einer solchen fehlen uns die\nnothigen Hülfsmittel) folgen, sondern nur eine einfache Dar-\nstellung der Empfindungen und Ansichten, wie sie sich wäh-\nrend der Vorstellung uns unwillkürlich aufdrangen. Was\nzunächst das Buch angeht, so scheint uns dieses in mancher\nBeziehung werthvoller zu sein, als das des Tannhäuser.\nDurchforscht man dasselbe indessen genauer, und zwar im\nEinzelnen, so zeigen sich doch auch wieder Mängel, die man\nbei einem Reformator (!) einer Kunstgattung, der vornehm-\nlich das Panier jener Weisheit ergriffen hat, vermöge deren\ner alle Missstände des bisherigen Opernwesens mit Einem\nSchlage abzuschaffen vermeint, nicht erwarten sollte. Zu\ndiesen Mängeln ist unter Anderem jene hyperromantische\nRichtung, wie sie sich stellenweise hier im Lohengrin findet,\nzu zählen. Wir sind durchaus der Meinung, dass jedes echte\nKunstwerk dem Wesen des Idealen huldigen müsse; ist es\naber dem entsprechend, wenn z. B. Lohengrin seinen Schwan\nin liebestrunkenen, fast weibischen Tönen ansingt? Liegt\nhier nicht vielmehr genau dieselbe Erscheinung vor, wie wir\nsie schon zur Genüge in den längst hinter uns liegenden\nZauber-Opern von Gott weiss wem genossen haben? und\nsteigt durch solche mit einer gewissen Wichtigkeit behan-\ndelte Momente der poetische Werth eines Kunstwerkes,\noder blieben sie nicht besser als „überwundenerStandpunkt\"\nund unbeschadet der Wirkung des Ganzen weg? Während\nLohengrin bei seiner Ankunft im ersten Acte, so wie am\nSchlüsse des letzten Actes seinem Schwan mit aller Naive-\ntät die Cour macht, wartet das ganze Bühnen-Personal, vor-\nnehmlich Elsa, und dazn das Publicum mit höchster Unge-\nduld darauf, was geschehen soll und kann. Es entsteht hier\nnur ein ganz unmotivirtes, dem Zuschauer unbehagliches\nAufhalten der Ereignisse, die so lange vorbereitet waren,\nganz abgesehen von der für unsere Zeit gewiss kindisch er-\nscheinenden Unterredung Lohengrin's mit dem schwänlichen\nFreunde. Man könnte einräumen, ein wenig Wundersames,\nin dieser nüchternen Jetztzeit vorgebracht, thue gewiss gut:\naber man braucht doch desshalb noch nicht gerade die Kin-\nderschuhe anzuziehen. Bezüglich der im Lohengrin vorgeführ-\nten Charaktere hat Wagner mehrfach glückliche Griffe ge-\nthan, und auch in dieser Hinsicht steht der Tannhäuser zu-\nrück. Nur können wir uns mit der Figur des Königs Hein-\nrich, der uns wie ein Staats-Procurator, welchem ein Rechts-\nfall um den anderen zur Begutachtung vorgelegt wird, er-\nschienen ist, und mit Elsa's Charakter, der schliesslich so\nplötzlich die Rolle echter Weiblichkeit mit der eines neu-\ngierigen Weibes von der gewöhnlichsten Sorte wechselt\n(und dies im ersten Augenblicke, wo sie mit ihrem Gemahl\nallein ist), nicht befreunden. Von da an, wo Elsa ihren ge-\ngebenen Schwur bricht und an ihrem Retter trotz aller\nWarnungen hässlichen Verrath übt, ist auch das Interesse\nnicht allein für alles Vorgegangene, sondern eben so sehr\nfür alles, was noch zu erwarten steht, in dem Grade ge-\nschwächt, dass man aufrichtig wünscht, den Vorhang fallen\nzu sehen. Uebrigens können wir die Bemerkung nicht un-\nterdrücken, dass das Ganze als Bühnenwerk ungleich gewon-\nnen hätte, wenn die Sage vom Gral, welche die Wenigsten\nkennen, als ursprünglich bedingendes Motiv hingestellt wor-\nden wäre, wogegen gar keine Wirkung durch die auf die-\nselbe bezügliche Erzählung des Lohengrin an dem ohnehin\nabgeschwächten Schlüsse hervorgerufen wird.\nDass die vielfach gepriesene dichterische Behandlung\ndes Stoffes bei Weitem nicht den Anforderungen genügt,\nwelche man an Kunstwerke zu machen gewohnt ist, glau-\nben wir nicht ausführlich darthun zu dürfen, da jeder nur"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "54", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550217-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5234, "texte": "einiger Maassen Gebildete sich hierüber ohne Kopfzerbrechen\nwird ins Klare setzen können. Doch ist nach unserem Da-\nfürhalten darin immer noch bei Weitem mehr geleistet, als\nin musicalischer Hinsicht. In letzterer Beziehung vermis-\nsen wir jede überwiegende schöpferische Kraft doch\nhalt! wir vergessen ganz, dass Wagner seiner eigenen An-\ngabe zufolge sich lediglich darauf beschränkt, Musik zu\nmachen: vielleicht einfach desshalb, weil er unfähig\nsein dürfte, musicalisch zu empfinden, zu denken und sich\nalso auszudrücken? Man hat zwar vielfach versichert,\ner wolle dies gar nicht; es ist aber doch zu wohlfeil,\netwas nicht zu wollen, was man nicht kann; denn von\ndem Können hat Wagner uns bis dahin noch keine stich-\nhaltigen Beweise gegeben, und so lange er dies nicht thut,\nmuss das Gegentheil gelten. Dass Wagner in seiner Instru-\nmentation (obgleich auch diese durch gewisse stetig wieder-\nkehrende Effecte bald den Eindruck der Monotonie erzeugt)\nsich öfters ungewöhnlich und sogar interessant zeigt, wird\ngewiss Niemand in Abrede stellen; doch darf hierbei auch\nnicht vergessen werden, dass er ganz aussergewöhnliche\nMittel in Anspruch nimmt, deren Anhäufung übrigens die\nAufführung seiner Werke erschwert, wenn nicht gar in vielen\nFällen unmöglich macht. Was man durchgängig vermisst, ist\ndie musicalische Idee, und zwar die einer musicalischen Be-\nhandlung günstige Idee. Aus dem vorstehend Gesagten ist\nes leicht erklärlich, dass Wagner so viel wie möglich in der\nEntwicklung seines dramatischen Vorwurfs Situationen ver-\nmeidet, in denen Gefühlsleben sich ausbreitet. Können sie\nnicht umgangen werden, so hört man statt der zu erwar-\ntenden Musik mannigfache Klänge, seltsame, mühsam zu-\nsammengeleimte musicalische Faseleien (von den Zukunfts-\nMusikern „Phrasen\" genannt) und gewisse, immer wieder-\nkehrende Instrumental-Effecte, welche letztere das eigent-\nliche Wesen, den Charakter des Orchesters entstellen. Sol-\nchergestalt spielt das recitativische Element bis zur Ermü-\ndung die Hauptrolle von Anfang bis Ende in Ermangelung\nvon Musik, und es ist uns allerdings mit Ausnahme der\nkurzen Chorsätze das ganze Werk wie ein grosses Recitativ\nim Tact mit unendlich vielen Trugschlüssen vorgekommen.\nDie Darstellung des Lohengrin verdient in dem spe-\ncialen Falle, von welchem wir sprechen, wenn man die\nenormen Schwierigkeiten, von denen das grosse Publicum\nkaum einen annähernden Begriff haben kann, erwägt, alies\nLob. Man merkte sehr wohl, dass alle Mitwirkenden be-\nstrebt waren, das Mögliche zu leisten, um jeder Verant-\nwortlichkeit für den Erfolg des Werkes entbunden zu sein.\nDass der Chor öfters mit dem Orchester differirte (einmal\nbetrug die Differenz gar einen halben Ton), kann nieman-\nden, der das Werk kennen gelernt hat, wundern. Wir er-\nwähnen diese Thatsache bloss, um die Bemerkung an sie\nzu knüpfen, dass die Chorstücke im Lohengrin die unprak-\ntischsten Dinge von der Welt lür die Bühne sind. Es ge-\nhörten zu ihrer Execution mindestens geschulte Sänger,\nund dann würde ihre Wirkung immer noch zweifelhaft sein.\nRichard Wagner würde gut thun, wenn er in dieser, wie\nin mancher anderen Beziehung einmal die Werke seines\nvermeintlichen Collegen, des Ritters Gluck, mit dem er ja\nbekanntlich auf Du und Du steht, zu Rathe ziehen wollte.\nAusser der Aufführung des Lohengrin haben wir von\nzwei kurz aufeinandergefolgten Concerten zu berichten.\nDas erste derselben, welches Sonntag den 11. Februar\nStatt fand, war ein von einem hiesigen Dilettanten zu sei-\nnem eigenen Vortheil arrangirtes, indess wenig Interesse er-\nregendes Concert mit obligatem Männergesang.\n\\\nDas zweite, am 13. Februar zum Besten des Baufonds\ndes bonner Münsters unter Leitung des hiesigen Musikleh-\nrers Herrn Henseler gegeben, brachte zu Gehör den\nersten Theil aus Haydn's Schöpfung, Ouvertüre zur Iphi-\ngenie von Gluck, Orchestersatz und Vocal-Quintett aus Ri-\nghini's befreitem Jerusalem und Gloria und Credo aus der\ndreistimmigen Messe von Cherubini. Die zuletzt genannten\nBruchstücke von Cherubini bildeten den bei Weitem an-\nziehendsten Theil des Programms, wenn auch den grossartigen\nIdeen des genialen Meisters durch die Aufführung nicht immer\nvollständig Rechnung getragen wurde. Die einzelnen, sehr\ncomplicirten Theile dieser beiden Stücke griffen noch nicht,\nIntonationsfehler abgerechnet, gehörig in einander, so dass\nman mehr den Eindruck einer Generalprobe hatte, als den\neiner Concert-Aulluhrung. Ueberdies differirte das Tempo\ndes Orchesters hier und da von dem des Dirigenten, welcher\nDifferenz dieser zuweilen durch allzu hörbare Mittel abzu-\nhelfen suchte, was gerade den Reiz einer musicalischen Lei-\nstung nicht erhöht. Die Chöre waren übrigens in diesem\nStücke, wie auch in dem gebotenen Theile aus der Schöpfung,\nsichtlich mit viel Sorgfalt und Fleiss einstudirt, wenn sie\nauch wegen der häufig schwankenden Tempi nicht alle\ngleichmässig exact gesungen werden und zur Wirkung kom-\nmen konnten. Dagegen konnte die Besetzung der Solo-Par-\ntieen durch hiesige Dilettanten in keinem Stücke billigen An-\nforderungen genügen, und in dieser Hinsicht hätte Herr\nHenseler aus eigenem Interesse vorsichtiger zu Werke gehen\nsollen, um so mehr, da er zum ersten Male als Dirigent\nsich in der Oeffentlichkeit producirte."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "55", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550217-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 890, "texte": "Die Wahl der beiden Sätze vonßighini aus dessen be-\nfreitem Jerusalem konnte eben so wenig eine glückliche ge-\nnannt werden, wie diejenige des Wagner'schen Schlusses\nzur Iphigenien-Ouverture von Gluck, welche letztere durch\nein zu schnelles Tempo an Würde und Breite verlor. Man\nhat vielfach den Mozart'schen Schluss zu dieser Ouvertüre\nangefochten, der indessen doch immer im Geiste der Sache\ngehalten und eine ganz folgerechte Fortsetzung desjenigen\nist, was unmittelbar vorhergeht. Was kann man aber zu\ndiesem weichlich-sentimentalen und ganz romantischen\nSchlüsse (Wagner bedient sich zu demselben des Motivs der\nEinleitung) sagen ? Nichts weiter, als was man schon oft bei\nCitirung von Wagner's Kunst-Philosophemen im Stillen ge-\ndacht hat, dass er in einem vollständigen Missverständnisse\ndes Gluck'schen Genius lebt. Der in Rede stehende Fall\nbietet ein schlagendes Exempel dazu dar."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-02-17-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-02-17_01#c003", "volume": "bmtnabi_1855-02-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "55", "page_fin": "55", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550217-01.2.3", "titre_corps": "Aus Dessau.", "titre_sommaire": "Aus Dessau.", "signature_source": "Die Redaction", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "55", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550217-01.1.7", "debut_caractere": 892, "fin_caractere_exclue": 4352, "texte": "Aus Dessau.\nDie Redaction.\nNachdem nunmehr ein Jahr verflossen ist, seit wir unseren Auf-\nruf für die hinterlassene Familie des verstorbenen Hof-Gapellmeisters\nDr. Friedrich Schneider erliessen, halten wir es für unsere\nPflicht, Rechnung über diese Angelegenheit abzulegen und sie zu\neinem vorläufigen Abschlüsse zu bringen.\n, 13er Zeitpunkt hierzu schien um so mehr gekommen, als seit\nmehreren Monaten keine Beiträge für die Schneider'sche Familie\nmehr bei uns eingegangen waren, und wir desshalb glaubten, solche\nauch nicht mehr erwarten zu dürfen. Noch während des Druckes\ndieses Berichtes haben wir jedoch die Freude gehabt, hierin eines\nBesseren belehrt zu werden.\nIst das gesteckte Ziel, das hinterlassene Besitzthum Fr. Schnei-\ndens den Seinen schuldenfrei zu macheu, auch nicht ganz erreicht\nworden, so sind durch die allgemeine und lebhafte Theilnahme,\nwelche unser Aufruf gefunden hat, durch die reichlichen Gaben,\nwelche uns in Folge dessen von vielen Orten zugeflossen sind, der\nSchneider'schen Familie doch die Sorgen um ihre künftige Existenz\nsehr erleichtert, und ist ihr die Möglichkeit gewährt worden, das\nfreundliche Grundstück, das sie so lange mit dem Dahingeschiede-\nnen bewohnte, wenigstens fürs Erste noch in ihrem Besitze zu\nbehalten.\nIndem wir im Namen der Familie Schneider's, wie auch in un-\nserem eigenen, allen den innigsten Dank aussprechen, welche zur\nHerbeiführung dieses Resultates in irgend einer Weise mitgewirkt\nhaben, geben wir in der Anlage eine Uebersicht über die einge-\ngangenen Gelder und über deren Verwendung.\nWas die Berechnung selbst anbelangt, so müssen wir hier noch\nbemerken, dass die Verwendung einiger Summen zu Ausgaben,\nwelche anscheinend mit dem ausgesprochenen Zwecke der Samm-\nlung nicht vollkommen in Einklang stehen, uns durch die Umstände\ngerechtfertigt und geboten erschien. Sollte das Grundstück im Be-\nsitze der Familie erhalten werden, so jnusste vor Allem für die\nErhaltung desselben selbst gesorgt werden. Wir haben desshalb\nkein Bedenken getragen, die hierzu nöthigen baulichen Reparaturen\naus den eingegangenen Geldern zu bestreiten. Eben so konnten wir\nuns, wenn die auf dem Grundstücke haftenden Schulden getilgt\nwerden sollten, der Berichtigung der für diese noch zu zahlenden\nZinsen nicht entziehen. Auch hatten wir gehofft, trotz dieser Ver-\nwendungen unser eigentliches Ziel doch noch zu erreichen.\ni\nMöchten uns hierzu noch unerwartete weitere Zuflüsse in den\nStand setzen, und möchten wir Veranlassung finden, diesem vor-\nläufigen Abschlüsse einen noch glücklicheren definitiven nachfolgen\nzu lassen.\nDessau, im Januar 1855.\nDas Comite\nfür die hinterlassene Familie des Capellmeisters Fr. Schneider.\nF. Siegfried. M. Katz. Dr. Franz Hoffmann. Dr. Bürkner.\nA. Reich mann. A. Vierthaler. J. Bernard.\nDie Gesammt-Einnahme vom 23. Januar 1854 bis 26. Januar\n1855 betrug 1773 Thlr. 7 Sgr. 6 Pf. Die namhaftesten Beiträge\nlieferten :\nDessau, Theater-Vorstellung und Aufführung des Weltgerichts\n317,, 8„ 6\nHalle, Liedertafel (Auff. des Weltgerichts) . . 305„13„ 6\nMainz, Liedertafel (Auff. des Weltgerichts) . . 228,,19„—\nHamburg, Verein v. G. D. Otten . . . 224„—„\nLeipzig, alte Liedertafel 138„20„\nAus dem Rheinlande finden wir ausser Mainz (s. oben) und\neinem Privatbeitrage aus Aachen (Brüggemann 5 Friedrichsd'or)\nnur: Duisburg (Männergesang-Verein 8„5„—) und Trier (Ge-\nsang-Verein 24,.23„ —, Liedertafel 25„7„—).\nWo bleiben Köln, Düsseldorf, Elberfeld, Crefeld,\nBonn, Coblenz, Aachen??"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-02-17-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-02-17_01#c004", "volume": "bmtnabi_1855-02-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "55", "page_fin": "56", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550217-01.2.4", "titre_corps": "Verspätete Notiz.", "titre_sommaire": "Verspätete Notiz.", "signature_source": "A. 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Es ist das einzige Beispiel, dass Beethoven selbst\nsich in solcher Weise copirt hat, nicht ahnend, dass er dadurch\neinem gewissen Ausleger seiner Eroica Gelegenheit geben werde,\nsich tüchtig zu blamiren. Das genannte Ballet kam 1799 zur Auf-\nführung, folglich ist die Ursprünglichkeit dieser Melodie in jenem\nWerke zu suchen, das, mit „Opera 24\" bezeichnet, in einem bei\nGappi in Wien gedruckten, vom Componisten selbst für zwei Hände\narrangirten, Clavier-Auszuge (der bereits sehr selten geworden) in\nmeinem Besitze ist. Die Variationen, Op. 35, über dasselbe Thema\nsind 1804 erschienen, im selben Jahre also, da Beethoven die\nEroica geschrieben hat.\nWas sagt wohl der hochtrabende, phrasenmachende Ausleger\nder Eroica zu dieser gewiss überraschenden Auslegung? Wagte\nich meine Geduld und Zurückhaltung auf die Probe zu stellen, ich\nwüsste zu sagen, wie Beethoven derlei Exegesen seiner Werke\nselbst apostrophirt hat. Noch liegen mehrere ihm zugesandte bei\nmir. Es ist mehr als lächerlich, wenn die musicalischen Völker\nerst durch R. Wagner und seine Apostel zum richtigen Verständ-\nniss Beethoven'scher Musik gelangen sollen. Diese Anmaassung\nmuss mit allen Mitteln bekämpft werden. Hat es doch neulich der\nVorsitzende im frankfurter Museums-Vorstande unternommen, un-\nmittelbar vor Beginn der Coriolan-Ouverture der Versammlung R.\nWagner's Saalbaderei darüber vorzulesen. Nun wird wohl das bis\ndahin dumme Volk diese Musik verstanden haben. Hätte doch der\nHerr Doctor durch ein Examen in der Versammlung sich dessen\nvergewissert! Ehemals lautete der alte Spruch: „Ein Narr macht"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "56", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550217-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 111, "texte": "zehn!\" Heutzutage macht er Hunderte mit Hülfe gewisser Jour-\nnale und einem Dutzend Renommisten.\n\nA. 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Unsere Opern-Gesellschaft wird uns am 1.\nMärz verlassen, um eine Reihe von Vorstellungen in Antwerpen\nzu geben, wo die Stadt und die Eigenthümer des Theatergebäudes\nanderen Grundsätzen über Unterstützung der Kunst zu huldigen\nscheinen, als in Köln.\nDie recht hübsch zusammengestellte kölnische Local-Oper:\n?,Richraodis von der Aducht und der Sängerkrieg auf\ndem Neumarkt, vom Componisten, der den Text erdacht, und\ndem Dichter, der die Musik gemacht\", ist von Dilettanten aus\nden geachtetsten Ständen zwei Mal auf dem Stadttheater zu wohl-\nthätigen Zwecken bei überfülltem Hause mit grossem Beifall gege-\nben worden.\nDie Pianisten Schulhoff und Rubinstein sind in Berlin.\nH. von Bülow hat dort seinen bleibenden Aufenthalt gewählt,\nzunächst als Ciavierlehrer am Marx-Stern'schen Musik-Institut.\n99essaii. Am 16. April beginnt ein neuer Cursus der Musik-\nschule des Herrn Th. Schneider, herzoglichen Kammermusicus,\nCantors und Chor-Directors an der Schlosskirche. Der nach den\nLehrsätzen Friedrich Schneider's erthcilte theoretische Unter-\nricht umfasst in einem dreijährigen Cursus: Harmonielehre, Modu-\nlation, Rhythmus, Stimmenführung, Contrapunkt, Melodiebildung,\nFormen- und Compositionslehre, Nachahmung, doppelten Contra-\npunkt, Fugenbau, Partitur-Studium, Directions-Kenntniss. Ausser\nfestgestellten praktischen Uebungen im Instrumental-Zusammenspiel\nund Gesänge, so wie der Gelegenheit zur Mitwirkung in der her-\nzoglichen Hofcapelle, bieten sich dem Musiker vielfache Mittel zur\nAusbildung. Das Honorar beträgt jährlich 48 Thaler in viertel-\njährlichen Vorausbezahlungen. Ein ausführlicher Prospect über die\nEinrichtung der Musikschule ist von Herrn Th. Schneider und von\nder Verlags-Buchhandlung der Herren Gebrüder Katz in Dessau\ndurch alle Buch- und Musicalienhandlungen gratis zu beziehen.\nCJera. Das Concert des musicalischen Vereins am 24.\nJanuar bewies neuerdings, wie dieser Verein fortfährt, seine lobens-\nwerthen Principien, die in folgenden anerkennungswerthen drei\nPunkten wurzeln, zu verfolgen.\nErstens. Durch classische Musik die Geschmacks-Richtung\ndes Publicums zu heben und der Verflachung entgegen zu wirken,\nwie hier durch die Vorführung der herrlichen C-moZZ-Sinfonie von\nBeethoven, unter der anerkannt tüchtigen Leitung unseres wür-\ndigen Capeilmeisters W. Tschirch und lobenswerther Ausführung\ndurch das gutbesetzte Orchester bewährt wurde.\nZweitens. Die hervorragendsten Werke der Neuzeit\nzu Gehör zu bringen. So wurde „Die Flucht nach Aegypten\" von\nBerlioz zum ersten Male recht gelungen vorgeführt, konnte aber\ndessen ungeachtet keinen besonderen Beifall erhalten. Diese Com-\nPosition soll die Sprache einer längst vergangenen Zeit reden; aber\nes fehlt ihr der erwärmende Strahl, und besonders die frostige\nOuvertüre machte einen sehr ungünstigen Eindruck. Der darauf\nfolgende Abschied der Hirten, so wie die Ruhe der heiligen Fa-\nmilie lassen zuweilen charakteristische Momente mit poetischer Fär-\nbung ahnen, ohne jedoch wirklich zu erwärmen.\nDrittens. Durch Herbeiziehung fremder Künstler das\nPublicum anzuziehen und zu fesseln. Zu diesem Concerte war\nHerr Kammermusicus Belcke eingeladen, der durch seine Meister-\nschaft und bezaubernden Flötenton hinriss. Eben so ärntete Herr\nToller aus Altenburg durch seinen weichen, klangvollen Tenor\nausserordentlichen Beifall. Möge der Verein fortfahren, seine edle\nRichtung zu verfolgen; aller Kunstfreunde dankende Anerkennung\nwird ihm nicht fehlen.\nDie Pianistin Miss Arabella Goddard aus London, deren\nTalent wir bereits in unseren londoner Berichten über die Concerte\ndes kölner Männergesang-Vereins in England rühmend anerkannt\nhaben, ärntet auf ihrer gegenwärtigen Kunstreise durch Deutsch-\nland überall ausgezeichneten Beifall, z. B. in Stuttgart, Hamburg,\nLeipzig u. s. w.\nDie Ouvertüre zu Macbeth von C. Müller in Münster\n(Manuscript) ist in dem zwölften Gewandhaus-Concerte in Leipzig\nmit Beifall aufgeführt worden.\nMcyerbeer ist in Dresden, um die Proben seines Nord-\nsterns, welcher dort aufgehen soll, zu leiten.\nCapellmeister Kalliwoda, der sich jetzt in Karlsruhe auf-\nhält, hat vom Herzoge von Dessau den Anhaltinischen Haus-Or-\nden Albrecht's des Bären erhalten.\n3*AFfig» Die mit so vielem Pomp angekündigten Aufführungen\nvon H. Berlioz' Enfance du Christ im Theater der italiänischen\nOper werden nicht Statt finden. In einem Wohlthätigkeits-Concerte\nist jedoch diese „Trilogie\" zum dritten Male aufgeführt worden.\nStpassfturg-, Die innere Ausstattung unseres Theater-Gebäu-\ndes ist nun vollendet; den Schlussstein derselben bildete eine Or-\ngel, Grundbass im Pedal sechszehnfüssig, im Ganzen von 16 Stim-\nmen. Das Orchester ist gut, aber mit dem Opern-Personal will es\nnicht recht gelingen. Für die Sommer-Monate werden wir dem\nVernehmen nach die deutsche Oper des Herrn Direktors F. Röder\naus Köln hier haben, worauf sich die zahlreichen Freunde, welche\ndie deutsche Musik hier zählt, sehr freuen."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "49", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550217-01.1.1", "texte": "Eduard Hanslick.\nI.\nWTenn irgend etwas in unserer Zeit der Verwirrung\nder Gedanken über Musik noth thut, so ist es die Erkennt-\nniss ihres wahren Wesens als selbstständige Kunst.\nDas Unkraut auf dem Felde der musicalischen Aesthetik\nhat in den letzten Jahren dermaassen gewuchert, dass es\nden gesunden Menschenverstand zu ersticken droht; ja, es\nmuss dies letztere wohl schon bei einem Theile der Zeitge-\nnossen, die sich um die Tonkunst bekümmern, gelungen\nsein, sonst wäre es unmöglich, dass ein Gewäsch, wie z. B.\ndasjenige, das der Artikel „ Moderne Kritik\" in unserer Nr.\n5 zum Besten gegeben, noch irgend einen Leser fände. Die\nVerwirrung der Begriffe ist aber vorzüglich dadurch ent-\nstanden und wird täglich noch dadurch vergrössert, dass\ndie Meisten von denen, die sich zur Schriftstellern über\nMusik, Gott weiss, wodurch! berufen fühlen, entweder wis-\nsenschaftlich gebildete Denker und nicht zugleich Musiker,\noder Musiker und nicht zugleich Männer der Wissenschaft\nsind, womit wir keineswegs eine dritte Ciasse läugnen wol-\nlen, welche diejenigen bilden, die weder Philosophen noch\nMusiker sind. Welche Ciasse von Wortführern das Wesen\nder Tonkunst mehr verkannt und den grösseren Schaden\nangerichtet habe, ist schwer zu entscheiden. So viel scheint\nuns jedoch ausgemacht, dass die wirklichen Philosophen,\nwenn sie auch nichts von Musik verstehen, wie z. B. Hegel,\ndoch zum Denken über die Kunst anregen und gar manche\nSätze aufstellen, welche theils positiv fördernd werden,\ntheils negativ, d. h. durch Anregung zur Prüfung und Wi-\nderlegung derselben; dass aber die schriftstellernden Musi-\nker mit ihrem Symbolisiren und schöngeistischen Raisonni-\nren mehr Verwirrung anrichten als jene, sobald ihnen die\nzwei Grundlagen aller Erkenntniss menschlicher Dinge, das\nhistorische Wissen und das logische Denken, abgehen.\nMit wahrer Freude reichen wir daher einem Manne\ndie Hand, der in einer nicht umfang-, aber inhaltreichen\nSchrift das Wesen der Musik als einer selbstständigen Kunst\nzu ergründen sucht, und sich zu dieser Untersuchung so-\nwohl durch musicalische Kenntnisse als durch wissenschaft-\nlichen Sinn, logische Schärfe der Gedanken-Entwicklung\nund klare Darstellung als vollkommen berechtigt ausweis't.\nDie Schrift heisst:\n„Vom Musicalisch-Schönen. Ein Beitrag zur\nRevision der Aesthetik der Tonkunst. Von Dr.\nEd. Hanslick. Leipzig, 1854, bei R. Weigel.\"\nZwar ist sie in diesen Blättern bereits (in Nr. 44 des\nvor. Jahrgangs, v. 4. Nov.) von unserem Herrn Correspon-\ndenten in Wien sehr warm empfohlen worden; allein ihre\nBedeutung ist viel zu gross und ihr Erscheinen liir uns und\ndie seit Jahren von uns vertretenen Grundsätze viel zu eiv\nfreulich, als dass wir ihr nicht eine wiederholte und aus-\nführlichere Besprechung widmen sollten. Um aber die tüch-\ntige Arbeit von vorn herein durch eine Probe ihres Gei-\nstes und ihrer Resultate sich selbst empfehlen zu lassen,\ntheilen wir zunächst das letzte Capitel derselben im Aus-\nzuge mit, und werden die weitere Entwicklung des Ideen-\nganges des Verfassers daran knüpfen.\n„Hat die Musik einen Inhalt?\nSo lautet, seit man gewohnt ist, über unsere Kunst\nnachzudenken, ihre hitzigste Streitfrage. Sie wurde für und\nwider entschieden. Gewichtige Stimmen behaupten die In-\nhaltlosigkeit der Musik, sie gehören beinahe durchaus den\nPhilosophen: Rousseau, Kant, Hegel, Vis eher,\nKahlert u. A. Die ungleich zahlreicheren Kämpfer fech-\nten für den Inhalt der Tonkunst; es sind die eigentlichen\nMusiker unter den Schriftstellern, und das Gros der all-\ngemeinen Ueberzeugung steht zu ihnen.\nFast mag es seltsam erscheinen, dass gerade diejeni-\ngen, welchen die technischen Bestimmungen der Musik ver-\ntraut sind, sich nicht von dem Irrthume einer diesen Be-\ndingungen widersprechenden Ansicht lossagen mögen, die\nman eher dem abstracten Philosophen verzeihen könnte.\nDas kommt daher, weil es vielen Musik-Schriftstellern in\ndiesem Punkte mehr um die vermeintliche Ehre ihrer Kunst,\nals um die Wahrheit zu thun ist. Sie befehden die Lehre"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "50", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550217-01.1.2", "texte": "von der Inhaltiosigkeit der Musik nicht wie Meinung gegen\nMeinung, sondern wie Ketzerei gegen Dogma. Die gegne-\nrische Ansicht erscheint ihnen als unwürdiges Missverstehen,\nals grober, frevelnder Materialismus. Es handelt sich hier\num keinen Ehrenpunkt, kein Partei-Zeichen, sondern ein-\nfach um die Erkenntniss des Wahren, und zu dieser zu ge-\nlangen, muss man sich vor Allem über die Begriffe klar\nsein, die man bestreitet.\nDie V erwechslung der Begriffe Inhalt, Gegenstand,\nStoff ist, was in dieser Materie so viel Unklarheit verur-\nsacht hat und noch immer veranlasst, da Jeder für densel-\nben Begriff eine andere Bezeichnung gebraucht, oder mit\ndem gleichen Worte verschiedene Vorstellung verbindet.\n„Inhalt\" im ursprünglichen und eigentlichen Sinne ist,\nwas ein Ding enthält, in sich hält. In dieser Bedeutung\nsind die Töne, ausweichen ein Musikstück besteht, welche\nals dessen Theile es zum Ganzen bilden, der Inhalt dessel-\nben. Dass sich mit dieser Antwort Niemand zufrieden stel-\nlen mag, sie als etwas ganz Selbstverständliches abfertigend,\nhat seinen Grund darin, dass man gemeiniglich „Inhalt\"\nmit „Gegenstand\" verwechselt. Bei der Frage nach dem\n„Inhalt\" der Musik hat man die Vorstellung von „Gegen-\nstand\" (Stoff, Sujet) im Sinne, welchen man als die Idee,\ndas Ideale den Tönen als „materiellen Bestandtheilen\" ge-\nradezu entgegensetzt. Einen Inhalt in dieser Bedeutung,\neinen Stoff im Sinne des behandelten Gegenstandes hat\ndie Tonkunst in der That nicht. Kahlert stützt sich mit\nRecht nachdrücklich darauf, dass sich von der Musik nicht,\nwie vom Gemälde, eine „Wortbeschreibung\" liefern lässt\n(Aesth. 380), wenngleich seine weitere Annahme irrig ist,\ndass solche Wortbeschreibung jemals eine „Abhülfe für\nden fehlenden Kunstgenuss\" bieten kann. Aber eine erklä-\nrende Verständigung, um was es sich handelt, kann sie\nbieten. Die Frage nach dem „Was\" des musicalischen In-\nhalts müsste sich nothwendig in Worten beantworten las-\nsen, wenn das Musikstück wirklich einen „Inhalt\" (einen\nGegenstand) hätte. Denn ein „unbestimmter Inhalt\",\nden sich „ Jedermann als etwas Anderes denken kann\", der\nsich „nur lühlen\", „nicht in Worten wiedergeben lässt\",\nist eben kein Inhalt in der genannten Bedeutung.\nDie Musik besteht aus Tonreihen, Tonformen; diese\nhaben keinen anderen Inhalt, als sich selbst. Wir erinnern\nabermals an die Baukunst und den Tanz, die uns gleich-\nfalls schöne Verhältnisse ohne bestimmten Inhalt entgegen-\nbringen. Mag nun die Wirkung eines Tonstückes Jeder\nnach seiner Individualität anschlagen und benennen, der I n-\nhalt desselben ist keiner, als eben die gehörten Tonformen;\ndenn die Musik spricht nicht bloss durch Töne, sie spricht\nauch nur Töne.\nEs bedarf wohl nicht der ausdrücklichen Beru-\nfung auf den früher begründeten Satz, dass, wenn vom In-\nhalt und von der Darstellungsfähigkeit der JTonkunst\" die\nRede ist, nur von der reinen Instrumental-Musik aus-\ngegangen werden darf. Niemand wird dies so weit verges-\nsen, uns z. B. den Orestes in Gluck's „Iphigenia\" einzu-\nwenden. Diesen „Orestes\" gibt ja nicht der Componist;\ndie Worte des Dichters, Gestalt und Mimik des Darstellers,\nCostume und Decorationen des Malers dies ist's, was den\nOrestes fertig hinstellt. Was der Musiker hinzugibt, ist\nvielleicht das Schönste von Allem; aber es ist gerade\ndas Einzige, was nichts mit dem wirklichen Orest zu schaf-\nfen hat: Gesang.\nLessing hat mit wunderbarer Klarheit aus einander\ngesetzt, was der Dichter und was der bildende Künstler aus\nder Geschichte des Laokoon zu machen vermag. Der Dich-\nter, durch das Mittel der Sprache, gibt den historischen, in-\ndividuel bestimmten Laokoon, der Maler und Bildhauer hin-\ngegen einen Greis mit zwei Knaben (von diesem bestimm-\nten Alter, Aussehen, Costume u. s. f.), von den furchtbaren\nSchlangen umwunden, in Mienen, Stellung und Geberden\ndie Qual des nahenden Todes ausdrückend. Vom Musiker\nsagt Lessing nichts. Ganz begreiflich; denn nichts ist es\neben, was er aus dem Laokoon machen kann.\nWir haben bereits angedeutet, wie enge die Frage nach\ndem Inhalt der Tonkunst mit deren Stellung zum Na-\ntu rsch ö n e n zusammenhängt. Der Musiker findet nicht\ndas Vorbild für seine Kunst, welches den anderen Künsten\ndie Bestimmtheit und Erkennbarkeit ihres Inhalts gewähr-\nleistet. Eine Kunst, der das vorbildende Naturschöne ab-\ngeht, wird im eigentlichen Sinne körperlos sein. Das Urbild\nihrer Erscheinungsform begegnet uns nirgend, fehlt daher\nin dem Kreise unserer gesammelten Begriffe. Es wiederholt\nkeinen bereits bekannten, benannten Gegenstand, darum\nhat es für unser in bestimmte Begriffe gefasstes Denken\nkeinen nennbaren Inhalt.\n/\nVom Inhalt eines Kunstwerkes kann eigentlich nur\nda die Rede sein, wo man diesen Inhalt einer Form ent-\ngegenhält. Die Begriffe „Inhalt\" und „Form\" bedingen\nund ergänzen einander. Wo nicht eine Form von einem\nInhalt dem Denken trennbar erscheint, da existirt auch kein\nselbstständiger Inhalt. In der Musik aber sehen wir Inhalt\nund Form, Stoff und Gestaltung, Bild und Idee in dunkler,\nuntrennbarer Einheit verschmolzen. Dieser Eigentümlich-\nkeit der Tonkunst, Form und Inhalt ungetrennt zu besitzen,"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "51", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550217-01.1.3", "texte": "stehen die dichtenden und bildenden Künste schroff gegen-\nüber, welche denselben Gedanken, dasselbe Ereigniss in\nverschiedener Form darstellen können. Aus der Geschichte\ndes Wilhelm Teil machte Florian einen historischen Ro-\nman, Schiller ein Drama, Göthe begann, sie als Epos\nzu bearbeiten. Der Inhalt ist überall derselbe, in Prosa auf-\nzulösende, erzählbare, erkennbare; die Form verschieden.\nDie dem Meere entsteigende Aphrodite ist der gleiche In-\nhalt unzähliger gemalter und gemeisselter Kunstwerke, die\ndurch die verschiedene Form nicht zu verwechseln sind. Bei\nder Tonkunst gibt es keinen Inhalt gegenüber der Form,\nweil sie keine Form hat ausserhalb des Inhalts. Betrachten\nwir dies näher.\nDie selbstständige, ästhetisch nicht weiter theilbare,\nmusicalische Gedanken-Einheit ist in jeder Composition das\nThema. Die primitiven Bestimmungen, die man der Mu-\nsik als solcher zuschreibt, müssen sich immer am Thema,\ndem musicalischen Mikrokosmus, nachweisbar finden. Hö-\nren wir irgend ein Haupt-Thema, z. B. zu Beethoven's\nB-dur-Sinfonie. Was ist dessen Inhalt? was seine Form?\nWo fängt diese an? wo hört jene auf? Dass ein bestimmtes\nGelühl nicht Inhalt des Satzes sei, hoffen wir dargethan zu\nhaben, und wird in diesem, wie in jedem anderen concre-\nten Falle nur immer einleuchtender erscheinen. Was also\nwill man den Inhalt nennen? Die Töne selbst? Gewiss;\nallein sie sind eben schon geformt. Was die Form? Wie-\nder die Töne selbst sie aber sind schon erfüllte Form.\nJeder praktische Versuch, in einem Thema Form von\nInhalt trennen zu wollen, führt auf Widerspruch oder\nWillkür. Zum Beispiel: Wechselt ein Motiv, das von einem\nanderen Instrumente oder einer höheren Octave wiederholt\nwird, seinen Inhalt oder seine Form? Behauptet man, wie\nzumeist geschieht, das Letztere, so bliebe als Inhalt des\nMotivs bloss die Intervallen-Reihe als solche, als Schema\nder Notenköpfe, wie sie in der Partitur dem Auge sich dar-\nstellt. Dies ist aber keine musicalische Bestimmtheit,\nsondern ein Abstractum. Es verhält sich damit, wie mit\nden gefärbten Glasfenstern eines Pavillons, durch welche\nman dieselbe Gegend roth, blau, gelb erblicken kann. Diese\nändert hiedurch weder ihren Inhalt, noch ihre Form,\nsondern lediglich die Färbung. Solch zahlloser Farben-\nwechsel derselben Formen vom grellsten Contrast bis zur\nfeinsten Schattirung ist der Musik ganz eigenthümlich und\nmacht eine der reichsten und ausgebildetsten Seiten ihrer\nWirksamkeit aus.\nEine für Ciavier entworfene Melodie, die ein Zweiter\nspäter instrumentirt, bekommt durch ihn allenfalls eine\nneue Form, aber nicht erst Form; sie ist schon geform-\nter Gedanke. Noch weniger wird man behaupten wollen,\nein Thema ändere durch Transposition seinen Inhalt und\nbehalte die Form, da sich bei dieser Ansicht die Wider-\nsprüche verdoppeln und der Hörer augenblicklich erwidern\nmuss, er erkenne einen ihm bekannten Inhalt, nur „ klinge\ner verändert\".\nBei ganzen Compositionen, namentlich grösserer Aus-\ndehnung, pflegt man freilich von deren Form und Inhalt\nzu sprechen. Dann gebraucht man aber diese Begriffe nicht\nin ihrem ursprünglich logischen Sinne, sondern schon einer\nspecifisch musicalischen Bedeutung. Die „Form\" einer\nSinfonie, Ouvertüre, Sonate nennt man die Architektonik\nder verbundenen Einzelheiten und Gruppen, aus welchen\ndas Tonstück besteht; näher also: die Symmetrie dieser\nTheile in ihrer Reihenfolge, Contrastirung, Wiederkehr und\nDurchführung. Als den Inhalt begreift man aber dann\ndie zu solcher Architektonik verarbeiteten Themen. Hier\nist also von einem Inhalt als „Gegenstand\" keine Rede\nmehr, sondern lediglich von einem musicalischen. Bei gan-\nzen Tonstücken wird daher „Inhalt\" und „Form\" in einer\nkünstlerisch angewandten, nicht in der rein logischen Be-\ndeutung gebraucht; wollen wir diese an den Begriff der\nMusik legen, so müssen wir nicht an einem ganzen, daher\nzusammengesetzten Kunstwerke operiren, sondern an des-\nsen letztem, ästhetisch nicht weiter theilbarem Kern. Dies\nist das Thema, oder die Themen. Bei diesen lässt sich in\ngar keinem Sinne Form und Inhalt trennen. Will man Je-\nmandem den „Inhalt\" eines Motivs namhaft machen, so\nmuss man ihm das Motiv selbst vorspielen. So kann\nalso der Inhalt eines Tonwerkes niemals gegenständlich,\nsondern nur musicalisch aufgefasst werden, nämlich als das\nin jedem Musikstücke concret Erklingende. Nachdem die\nComposition formellen Schönheits-Gesetzen folgt, so impro-\nvisirt sich ihr Verlauf nicht in willkürlich planlosem Schwei-\nfen, sondern entwickelt sich in organisch übersichtlicher\nAllmählichkeit wie reiche Blüthen aus Einer Knospe.\nDies ist das Haupt-Thema der wahre Stoff und\nInhalt des ganzen Tongebildes. Alles darin ist Folge und\nWirkung des Thema's, durch es bedingt und gestaltet, von\nihm beherrscht und erfüllt. Es ist das selbstständige Axiom,\ndas zwar augenblicklich befriedigt, aber von unserem Geiste\nbestritten und entwickelt gesehen werden will, was denn\nin der musicalischen Durchführung, analog einer logischen\nEntwicklung, Statt findet. Wie die Haupt-Figur eines Ro-\nmans bringt der Componist das Thema in die verschieden-\nsten Lagen und Umgebungen, in die wechselndsten Erfolge"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "52", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550217-01.1.4", "texte": "und Stimmungen alles Andere, wenn noch so contrasti-\nrend, ist in Bezug darauf gedacht und gestaltet.\nInhaltlos werden wir demnach etwa jenes freieste\nPräludiren nennen, bei welchem der Spieler, mehr aus-\nruhend als schaffend, sich bloss in Accorden, Arpeggio's,\nRosalien ergeht, ohne eine selbstständige Tongestalt be-\nstimmt hervortreten zu lassen. Solche freie Präludien wer-\nden als Individuen nicht erkennbar oder unterscheidbar sein;\nwir werden sagen dürfen, sie haben (im weiteren Sinne)\nkeinen Inhalt, weil kein Thema.\nDas Thema eines Tonstückes ist also sein wesentlicher\nInhalt.\nIn Aesthetikund Kritik wird auf das Haupt-Thema\neiner Composition lange nicht das gehörige Gewicht gelegt.\nDas Thema allein offenbart schon den Geist, der das ganze\nWerk geschaffen. Wenn ein Beethoven die Ouvertüre zur\n„Leonore\" so anlängt, oder ein Mendelssohn die Ouver-\ntüre zur „Fingalshöhle\" so da muss jeder Musiker,\nohne von der weiteren Durchführung noch eine Note zu\nwissen, erkennen, vor welchem Palast er steht. Klingt uns\naber ein Thema entgegen, wie das zur Faust-Ouverture\nvon Donizetti, oder „Louise Miller\" von Verdi, so bedarf\nes ebenfalls keines Eindringens in das Innere, um uns zu\nüberzeugen, dass wir in der Kneipe sind. In Deutschland\nlegt Theorie und Praxis einen überwiegenden Werth auf\ndie musicalische Durchführung gegenüber dem thema-\ntischen Gehalt. Was aber nicht (offenkundig oder versteckt)\nim Thema ruht, kann später nicht organisch entwickelt\nwerden, und weniger vielleicht in der Kunst der Entwick-\nlung, als in der symphonischen Kraft und Fruchtbarkeit\nder Themen liegt es, dass unsere Zeit keine Beethoven'-\nschen Orchesterwerke mehr aufweis't. In fleissiger Ver-\nwendung des Geringen kann sich ein kluger Hausvater er-\nproben; ein Fürst muss mit vollen Händen schenken. Es\nist auch von der blossen Durchfuhr in der Musik eben so\nwenig Jemand reich geworden, als in der National-Oeko-\nnomie.\nBei der Frage nach dem Inhalt der Tonkunst muss\nman sich insbesondere hüten, das Wort in lobender Be-\ndeutung zu nehmen. Daraus, dass die Musik keinen In-\nhalt (Gegenstand) hat, folgt nicht, dass sie des Gehaltes\nentbehre. „Geistigen Gehalt\" meinen offenbar diejenigen,\nwelche mit dem Eifer einer Partei lür den „Inhalt\" der\nMusik fechten. Mag man den „Gehalt\" nun mit Göthe\n(45, 419) als „etwas Mystisches ausser und über dem\nGegenstande und Inhalt\" eines Dinges begreifen oder, dem\nallgemeinen Verstände gemässer, als die substantiel werth-\nvolle Grundlage, das geistige Substrat überhaupt, immer\nwird man ihn der Tonkunst zuerkennen und in ihren höch-\nsten Gebilden als gewaltige Offenbarung bewundern müs-\nsen. Die Musik ist ein Spiel, aber keine Spielerei. Gedanken\nund Gefühle rinnen wie Blut in den Adern des ebenmässig\nschönen Tonkörpers; sie sind nicht er, sind auch nicht\nsichtbar, aber sie beleben ihn. Der Cornponist dichtet\nund denkt. Nur dichtet und denkt er, entrückt aller ge-\ngenständlichen Realität, in Tönen. Muss doch diese Tri-\nvialität hier ausdrücklich wiederholt sein, weil sie selbst\nvon denjenigen, die sie principiel anerkennen, in den Con-\nsequenzen allzu häufig verläugnet und verletzt wird. Sie\ndenken sich das Componiren als Uebersetzung eines ge-\ndachten Stoffes in Töne, während doch die Töne selbst die\nunübersetzbare Ursprache sind. Daraus, dass der Tondichter\ngezwungen ist, in Tönen zu denken, folgt ja schon die\nInhaltlosigkeit der Tonkunst, indem jeder begriffliche Inhalt\nin Worten müsste gedacht werden können.\nSo strenge wir bei der Untersuchung des Inhalts\nalle Musik über gegebene Texte, als dem reinen Begriffe\nder Tonkunst widersprechend, ausschliessen mussten, so\nunentbehrlich sind die Meisterwerke der Vocal-Musik bei\nder Würdigung des Gehaltes der Tonkunst. Vom ein-\nfachen Liede bis zur gestaltenreichen Oper und der altehr-\nwürdigen Gottesfeier durch Kirchenmusik hat die Tonkunst\nnie aufgehört, die theuersten und wichtigsten Bewegungen\ndes Menschengeistes zu theilen und zu verherrlichen.\nNebst der Vindication des geistigen Gehaltes muss\nnoch eine zweite Consequenz nachdrücklich hervorgehoben\nwerden. Die gegenstandlose Formschönheit der Musik hin-\ndert sie nicht, ihren Schöpfungen Individualität auf-\nprägen zu können. Die Art der künstlerischen Verarbeitung\nso wie die Erfindung gerade dieses Thema's ist in jedem\nFalle eine so einzige, dass sie niemals in einer höheren All-\ngemeinheit zerfliessen kann, sondern als Individuum da-\nsteht. Ein Motiv von Mozart oder Beethoven ruht so fest\nund unvermischbar auf eigenen Füssen, wie ein Vers Gö-\nthe's, ein Ausspruch Lessing's, eine Statue Thorwald-\nsen's, ein Bild Overbeck's. Die selbstständigen musica-\nlischen Gedanken (Themen) haben die Sicherheit eines Ci-\ntals und die Anschaulichkeit eines Gemäldes; sie sind indi-\nviduel, persönlich, ewig.\nGegenüber dem Vorwurf der Inhaltlosigkeit also hat\ndie Musik Inhalt, allein musicalischen, welcher ein nicht ge-\nringerer Funke des göttlichen Feuers ist, als das Schöne\njeder anderen Kunst. Nur dadurch aber, dass man jeden\nanderen „Inhalt\" der Tonkunst unerbittlich negirt, rettet"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "53", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550217-01.1.5", "texte": "man deren „Gehalt\". Denn aus dem unbestimmten\nGefühle, worauf sich jener Inhalt im besten Falle zurück-\nführt, ist ihr eine geistige Bedeutung nicht abzuleiten, wohl\naber aus der bestimmten Tongestaltung, als der\nfreien Schöpfung des Geistes aus geistlähigem, begrifllosem\nMaterial.\nDieser geistige Gehalt verbindet nun auch im Gemüthe\ndes Hörers das Schöne der Tonkunst mit allen anderen\ngrossen und schönen Ideen. Ihm wirkt die Musik nicht\nbloss und absolut durch ihre eigenste Schönheit, sondern\nzugleich als tönendes Abbild der grossen Bewegungen im\nWeltall. Durch tiefe und geheime Naturbeziehungen steigert\nsich die Bedeutung der Töne hoch über sie selbst hinaus\nund lässt uns in dem Werke menschlichen Talents immer\nzugleich das Unendliche fühlen. Da die Elemente der Mu-\nsik: Schall, Ton, Rhythmus, Stärke, Schwäche, im ganzen\nUniversum sich finden, so findet der Mensch wieder in der\nMusik das ganze Universum.\"\n\nAus Bonn.\nDie letztverflossenen Tage waren hier ungemein ergiebig\nan musicalischen Genüssen. Zunächst fand am vergangenen\nFreitagd. 9.Februar hier die erste Aufführung des Lohen-\ngrin durch die kölner Oper bei nicht völlig besetztem Hause\nStatt. Bei den so mannigfach sich kund gebenden Meinungen\nundUrtheilen über Wagner's Zukunftswerke können auch wir\nuns nicht versagen, nach erfolgter Bekanntschaft mit dessen\nangeblich bedeutendster Bühnenschöpfung unseren Gefühlen\nin etwa Luft zu machen. Es soll hier keineswegs eine spe-\ncielle kritische Beleuchtung (zu einer solchen fehlen uns die\nnothigen Hülfsmittel) folgen, sondern nur eine einfache Dar-\nstellung der Empfindungen und Ansichten, wie sie sich wäh-\nrend der Vorstellung uns unwillkürlich aufdrangen. Was\nzunächst das Buch angeht, so scheint uns dieses in mancher\nBeziehung werthvoller zu sein, als das des Tannhäuser.\nDurchforscht man dasselbe indessen genauer, und zwar im\nEinzelnen, so zeigen sich doch auch wieder Mängel, die man\nbei einem Reformator (!) einer Kunstgattung, der vornehm-\nlich das Panier jener Weisheit ergriffen hat, vermöge deren\ner alle Missstände des bisherigen Opernwesens mit Einem\nSchlage abzuschaffen vermeint, nicht erwarten sollte. Zu\ndiesen Mängeln ist unter Anderem jene hyperromantische\nRichtung, wie sie sich stellenweise hier im Lohengrin findet,\nzu zählen. Wir sind durchaus der Meinung, dass jedes echte\nKunstwerk dem Wesen des Idealen huldigen müsse; ist es\naber dem entsprechend, wenn z. B. Lohengrin seinen Schwan\nin liebestrunkenen, fast weibischen Tönen ansingt? Liegt\nhier nicht vielmehr genau dieselbe Erscheinung vor, wie wir\nsie schon zur Genüge in den längst hinter uns liegenden\nZauber-Opern von Gott weiss wem genossen haben? und\nsteigt durch solche mit einer gewissen Wichtigkeit behan-\ndelte Momente der poetische Werth eines Kunstwerkes,\noder blieben sie nicht besser als „überwundenerStandpunkt\"\nund unbeschadet der Wirkung des Ganzen weg? Während\nLohengrin bei seiner Ankunft im ersten Acte, so wie am\nSchlüsse des letzten Actes seinem Schwan mit aller Naive-\ntät die Cour macht, wartet das ganze Bühnen-Personal, vor-\nnehmlich Elsa, und dazn das Publicum mit höchster Unge-\nduld darauf, was geschehen soll und kann. Es entsteht hier\nnur ein ganz unmotivirtes, dem Zuschauer unbehagliches\nAufhalten der Ereignisse, die so lange vorbereitet waren,\nganz abgesehen von der für unsere Zeit gewiss kindisch er-\nscheinenden Unterredung Lohengrin's mit dem schwänlichen\nFreunde. Man könnte einräumen, ein wenig Wundersames,\nin dieser nüchternen Jetztzeit vorgebracht, thue gewiss gut:\naber man braucht doch desshalb noch nicht gerade die Kin-\nderschuhe anzuziehen. Bezüglich der im Lohengrin vorgeführ-\nten Charaktere hat Wagner mehrfach glückliche Griffe ge-\nthan, und auch in dieser Hinsicht steht der Tannhäuser zu-\nrück. Nur können wir uns mit der Figur des Königs Hein-\nrich, der uns wie ein Staats-Procurator, welchem ein Rechts-\nfall um den anderen zur Begutachtung vorgelegt wird, er-\nschienen ist, und mit Elsa's Charakter, der schliesslich so\nplötzlich die Rolle echter Weiblichkeit mit der eines neu-\ngierigen Weibes von der gewöhnlichsten Sorte wechselt\n(und dies im ersten Augenblicke, wo sie mit ihrem Gemahl\nallein ist), nicht befreunden. Von da an, wo Elsa ihren ge-\ngebenen Schwur bricht und an ihrem Retter trotz aller\nWarnungen hässlichen Verrath übt, ist auch das Interesse\nnicht allein für alles Vorgegangene, sondern eben so sehr\nfür alles, was noch zu erwarten steht, in dem Grade ge-\nschwächt, dass man aufrichtig wünscht, den Vorhang fallen\nzu sehen. Uebrigens können wir die Bemerkung nicht un-\nterdrücken, dass das Ganze als Bühnenwerk ungleich gewon-\nnen hätte, wenn die Sage vom Gral, welche die Wenigsten\nkennen, als ursprünglich bedingendes Motiv hingestellt wor-\nden wäre, wogegen gar keine Wirkung durch die auf die-\nselbe bezügliche Erzählung des Lohengrin an dem ohnehin\nabgeschwächten Schlüsse hervorgerufen wird.\nDass die vielfach gepriesene dichterische Behandlung\ndes Stoffes bei Weitem nicht den Anforderungen genügt,\nwelche man an Kunstwerke zu machen gewohnt ist, glau-\nben wir nicht ausführlich darthun zu dürfen, da jeder nur"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "54", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550217-01.1.6", "texte": "einiger Maassen Gebildete sich hierüber ohne Kopfzerbrechen\nwird ins Klare setzen können. Doch ist nach unserem Da-\nfürhalten darin immer noch bei Weitem mehr geleistet, als\nin musicalischer Hinsicht. In letzterer Beziehung vermis-\nsen wir jede überwiegende schöpferische Kraft doch\nhalt! wir vergessen ganz, dass Wagner seiner eigenen An-\ngabe zufolge sich lediglich darauf beschränkt, Musik zu\nmachen: vielleicht einfach desshalb, weil er unfähig\nsein dürfte, musicalisch zu empfinden, zu denken und sich\nalso auszudrücken? Man hat zwar vielfach versichert,\ner wolle dies gar nicht; es ist aber doch zu wohlfeil,\netwas nicht zu wollen, was man nicht kann; denn von\ndem Können hat Wagner uns bis dahin noch keine stich-\nhaltigen Beweise gegeben, und so lange er dies nicht thut,\nmuss das Gegentheil gelten. Dass Wagner in seiner Instru-\nmentation (obgleich auch diese durch gewisse stetig wieder-\nkehrende Effecte bald den Eindruck der Monotonie erzeugt)\nsich öfters ungewöhnlich und sogar interessant zeigt, wird\ngewiss Niemand in Abrede stellen; doch darf hierbei auch\nnicht vergessen werden, dass er ganz aussergewöhnliche\nMittel in Anspruch nimmt, deren Anhäufung übrigens die\nAufführung seiner Werke erschwert, wenn nicht gar in vielen\nFällen unmöglich macht. Was man durchgängig vermisst, ist\ndie musicalische Idee, und zwar die einer musicalischen Be-\nhandlung günstige Idee. Aus dem vorstehend Gesagten ist\nes leicht erklärlich, dass Wagner so viel wie möglich in der\nEntwicklung seines dramatischen Vorwurfs Situationen ver-\nmeidet, in denen Gefühlsleben sich ausbreitet. Können sie\nnicht umgangen werden, so hört man statt der zu erwar-\ntenden Musik mannigfache Klänge, seltsame, mühsam zu-\nsammengeleimte musicalische Faseleien (von den Zukunfts-\nMusikern „Phrasen\" genannt) und gewisse, immer wieder-\nkehrende Instrumental-Effecte, welche letztere das eigent-\nliche Wesen, den Charakter des Orchesters entstellen. Sol-\nchergestalt spielt das recitativische Element bis zur Ermü-\ndung die Hauptrolle von Anfang bis Ende in Ermangelung\nvon Musik, und es ist uns allerdings mit Ausnahme der\nkurzen Chorsätze das ganze Werk wie ein grosses Recitativ\nim Tact mit unendlich vielen Trugschlüssen vorgekommen.\nDie Darstellung des Lohengrin verdient in dem spe-\ncialen Falle, von welchem wir sprechen, wenn man die\nenormen Schwierigkeiten, von denen das grosse Publicum\nkaum einen annähernden Begriff haben kann, erwägt, alies\nLob. Man merkte sehr wohl, dass alle Mitwirkenden be-\nstrebt waren, das Mögliche zu leisten, um jeder Verant-\nwortlichkeit für den Erfolg des Werkes entbunden zu sein.\nDass der Chor öfters mit dem Orchester differirte (einmal\nbetrug die Differenz gar einen halben Ton), kann nieman-\nden, der das Werk kennen gelernt hat, wundern. Wir er-\nwähnen diese Thatsache bloss, um die Bemerkung an sie\nzu knüpfen, dass die Chorstücke im Lohengrin die unprak-\ntischsten Dinge von der Welt lür die Bühne sind. Es ge-\nhörten zu ihrer Execution mindestens geschulte Sänger,\nund dann würde ihre Wirkung immer noch zweifelhaft sein.\nRichard Wagner würde gut thun, wenn er in dieser, wie\nin mancher anderen Beziehung einmal die Werke seines\nvermeintlichen Collegen, des Ritters Gluck, mit dem er ja\nbekanntlich auf Du und Du steht, zu Rathe ziehen wollte.\nAusser der Aufführung des Lohengrin haben wir von\nzwei kurz aufeinandergefolgten Concerten zu berichten.\nDas erste derselben, welches Sonntag den 11. Februar\nStatt fand, war ein von einem hiesigen Dilettanten zu sei-\nnem eigenen Vortheil arrangirtes, indess wenig Interesse er-\nregendes Concert mit obligatem Männergesang.\n\\\nDas zweite, am 13. Februar zum Besten des Baufonds\ndes bonner Münsters unter Leitung des hiesigen Musikleh-\nrers Herrn Henseler gegeben, brachte zu Gehör den\nersten Theil aus Haydn's Schöpfung, Ouvertüre zur Iphi-\ngenie von Gluck, Orchestersatz und Vocal-Quintett aus Ri-\nghini's befreitem Jerusalem und Gloria und Credo aus der\ndreistimmigen Messe von Cherubini. Die zuletzt genannten\nBruchstücke von Cherubini bildeten den bei Weitem an-\nziehendsten Theil des Programms, wenn auch den grossartigen\nIdeen des genialen Meisters durch die Aufführung nicht immer\nvollständig Rechnung getragen wurde. Die einzelnen, sehr\ncomplicirten Theile dieser beiden Stücke griffen noch nicht,\nIntonationsfehler abgerechnet, gehörig in einander, so dass\nman mehr den Eindruck einer Generalprobe hatte, als den\neiner Concert-Aulluhrung. Ueberdies differirte das Tempo\ndes Orchesters hier und da von dem des Dirigenten, welcher\nDifferenz dieser zuweilen durch allzu hörbare Mittel abzu-\nhelfen suchte, was gerade den Reiz einer musicalischen Lei-\nstung nicht erhöht. Die Chöre waren übrigens in diesem\nStücke, wie auch in dem gebotenen Theile aus der Schöpfung,\nsichtlich mit viel Sorgfalt und Fleiss einstudirt, wenn sie\nauch wegen der häufig schwankenden Tempi nicht alle\ngleichmässig exact gesungen werden und zur Wirkung kom-\nmen konnten. Dagegen konnte die Besetzung der Solo-Par-\ntieen durch hiesige Dilettanten in keinem Stücke billigen An-\nforderungen genügen, und in dieser Hinsicht hätte Herr\nHenseler aus eigenem Interesse vorsichtiger zu Werke gehen\nsollen, um so mehr, da er zum ersten Male als Dirigent\nsich in der Oeffentlichkeit producirte."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "55", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550217-01.1.7", "texte": "Die Wahl der beiden Sätze vonßighini aus dessen be-\nfreitem Jerusalem konnte eben so wenig eine glückliche ge-\nnannt werden, wie diejenige des Wagner'schen Schlusses\nzur Iphigenien-Ouverture von Gluck, welche letztere durch\nein zu schnelles Tempo an Würde und Breite verlor. Man\nhat vielfach den Mozart'schen Schluss zu dieser Ouvertüre\nangefochten, der indessen doch immer im Geiste der Sache\ngehalten und eine ganz folgerechte Fortsetzung desjenigen\nist, was unmittelbar vorhergeht. Was kann man aber zu\ndiesem weichlich-sentimentalen und ganz romantischen\nSchlüsse (Wagner bedient sich zu demselben des Motivs der\nEinleitung) sagen ? Nichts weiter, als was man schon oft bei\nCitirung von Wagner's Kunst-Philosophemen im Stillen ge-\ndacht hat, dass er in einem vollständigen Missverständnisse\ndes Gluck'schen Genius lebt. Der in Rede stehende Fall\nbietet ein schlagendes Exempel dazu dar.\n\nAus Dessau.\nDie Redaction.\nNachdem nunmehr ein Jahr verflossen ist, seit wir unseren Auf-\nruf für die hinterlassene Familie des verstorbenen Hof-Gapellmeisters\nDr. Friedrich Schneider erliessen, halten wir es für unsere\nPflicht, Rechnung über diese Angelegenheit abzulegen und sie zu\neinem vorläufigen Abschlüsse zu bringen.\n, 13er Zeitpunkt hierzu schien um so mehr gekommen, als seit\nmehreren Monaten keine Beiträge für die Schneider'sche Familie\nmehr bei uns eingegangen waren, und wir desshalb glaubten, solche\nauch nicht mehr erwarten zu dürfen. Noch während des Druckes\ndieses Berichtes haben wir jedoch die Freude gehabt, hierin eines\nBesseren belehrt zu werden.\nIst das gesteckte Ziel, das hinterlassene Besitzthum Fr. Schnei-\ndens den Seinen schuldenfrei zu macheu, auch nicht ganz erreicht\nworden, so sind durch die allgemeine und lebhafte Theilnahme,\nwelche unser Aufruf gefunden hat, durch die reichlichen Gaben,\nwelche uns in Folge dessen von vielen Orten zugeflossen sind, der\nSchneider'schen Familie doch die Sorgen um ihre künftige Existenz\nsehr erleichtert, und ist ihr die Möglichkeit gewährt worden, das\nfreundliche Grundstück, das sie so lange mit dem Dahingeschiede-\nnen bewohnte, wenigstens fürs Erste noch in ihrem Besitze zu\nbehalten.\nIndem wir im Namen der Familie Schneider's, wie auch in un-\nserem eigenen, allen den innigsten Dank aussprechen, welche zur\nHerbeiführung dieses Resultates in irgend einer Weise mitgewirkt\nhaben, geben wir in der Anlage eine Uebersicht über die einge-\ngangenen Gelder und über deren Verwendung.\nWas die Berechnung selbst anbelangt, so müssen wir hier noch\nbemerken, dass die Verwendung einiger Summen zu Ausgaben,\nwelche anscheinend mit dem ausgesprochenen Zwecke der Samm-\nlung nicht vollkommen in Einklang stehen, uns durch die Umstände\ngerechtfertigt und geboten erschien. Sollte das Grundstück im Be-\nsitze der Familie erhalten werden, so jnusste vor Allem für die\nErhaltung desselben selbst gesorgt werden. Wir haben desshalb\nkein Bedenken getragen, die hierzu nöthigen baulichen Reparaturen\naus den eingegangenen Geldern zu bestreiten. Eben so konnten wir\nuns, wenn die auf dem Grundstücke haftenden Schulden getilgt\nwerden sollten, der Berichtigung der für diese noch zu zahlenden\nZinsen nicht entziehen. Auch hatten wir gehofft, trotz dieser Ver-\nwendungen unser eigentliches Ziel doch noch zu erreichen.\ni\nMöchten uns hierzu noch unerwartete weitere Zuflüsse in den\nStand setzen, und möchten wir Veranlassung finden, diesem vor-\nläufigen Abschlüsse einen noch glücklicheren definitiven nachfolgen\nzu lassen.\nDessau, im Januar 1855.\nDas Comite\nfür die hinterlassene Familie des Capellmeisters Fr. Schneider.\nF. Siegfried. M. Katz. Dr. Franz Hoffmann. Dr. Bürkner.\nA. Reich mann. A. Vierthaler. J. Bernard.\nDie Gesammt-Einnahme vom 23. Januar 1854 bis 26. Januar\n1855 betrug 1773 Thlr. 7 Sgr. 6 Pf. Die namhaftesten Beiträge\nlieferten :\nDessau, Theater-Vorstellung und Aufführung des Weltgerichts\n317,, 8„ 6\nHalle, Liedertafel (Auff. des Weltgerichts) . . 305„13„ 6\nMainz, Liedertafel (Auff. des Weltgerichts) . . 228,,19„—\nHamburg, Verein v. G. D. Otten . . . 224„—„\nLeipzig, alte Liedertafel 138„20„\nAus dem Rheinlande finden wir ausser Mainz (s. oben) und\neinem Privatbeitrage aus Aachen (Brüggemann 5 Friedrichsd'or)\nnur: Duisburg (Männergesang-Verein 8„5„—) und Trier (Ge-\nsang-Verein 24,.23„ —, Liedertafel 25„7„—).\nWo bleiben Köln, Düsseldorf, Elberfeld, Crefeld,\nBonn, Coblenz, Aachen??\n\nVerspätete Notiz.\n\nIn dem kritischen Berichte über das siebente Gesellschafts-Con-\ncert zu Köln in der Kölnischen Zeitung vom 3. Februar d. J. wird\nauch Richard Wagner's Auslegung der Sinfonia Eroica ge-\ndacht und dieselbe in gebührender Weise apostrophirt. Dies erin-\nnert mich, dass ich gleich bei Veröffentlichung des Wagner'schen\nUnsinns darauf hinweisen wollte, dass die im Schlusssatze dieser\nSinfonie'erscheinende Melodie Note für Note aus dem Ballette\n„Die Geschöpfe des Promotheus\" mit nur geringer Abänderung in\nden Figurationen der Mittelstimmen entnommen ist. Der Final-Tanz\nbeginnt damit. Es ist das einzige Beispiel, dass Beethoven selbst\nsich in solcher Weise copirt hat, nicht ahnend, dass er dadurch\neinem gewissen Ausleger seiner Eroica Gelegenheit geben werde,\nsich tüchtig zu blamiren. Das genannte Ballet kam 1799 zur Auf-\nführung, folglich ist die Ursprünglichkeit dieser Melodie in jenem\nWerke zu suchen, das, mit „Opera 24\" bezeichnet, in einem bei\nGappi in Wien gedruckten, vom Componisten selbst für zwei Hände\narrangirten, Clavier-Auszuge (der bereits sehr selten geworden) in\nmeinem Besitze ist. Die Variationen, Op. 35, über dasselbe Thema\nsind 1804 erschienen, im selben Jahre also, da Beethoven die\nEroica geschrieben hat.\nWas sagt wohl der hochtrabende, phrasenmachende Ausleger\nder Eroica zu dieser gewiss überraschenden Auslegung? Wagte\nich meine Geduld und Zurückhaltung auf die Probe zu stellen, ich\nwüsste zu sagen, wie Beethoven derlei Exegesen seiner Werke\nselbst apostrophirt hat. Noch liegen mehrere ihm zugesandte bei\nmir. Es ist mehr als lächerlich, wenn die musicalischen Völker\nerst durch R. Wagner und seine Apostel zum richtigen Verständ-\nniss Beethoven'scher Musik gelangen sollen. Diese Anmaassung\nmuss mit allen Mitteln bekämpft werden. Hat es doch neulich der\nVorsitzende im frankfurter Museums-Vorstande unternommen, un-\nmittelbar vor Beginn der Coriolan-Ouverture der Versammlung R.\nWagner's Saalbaderei darüber vorzulesen. Nun wird wohl das bis\ndahin dumme Volk diese Musik verstanden haben. Hätte doch der\nHerr Doctor durch ein Examen in der Versammlung sich dessen\nvergewissert! Ehemals lautete der alte Spruch: „Ein Narr macht"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "56", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550217-01.1.8", "texte": "zehn!\" Heutzutage macht er Hunderte mit Hülfe gewisser Jour-\nnale und einem Dutzend Renommisten.\n\nA. Schindler.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln« Die zweite Wiederholung des „Tannhäuser\" am Sonn-\ntag war gut besucht. Unsere Opern-Gesellschaft wird uns am 1.\nMärz verlassen, um eine Reihe von Vorstellungen in Antwerpen\nzu geben, wo die Stadt und die Eigenthümer des Theatergebäudes\nanderen Grundsätzen über Unterstützung der Kunst zu huldigen\nscheinen, als in Köln.\nDie recht hübsch zusammengestellte kölnische Local-Oper:\n?,Richraodis von der Aducht und der Sängerkrieg auf\ndem Neumarkt, vom Componisten, der den Text erdacht, und\ndem Dichter, der die Musik gemacht\", ist von Dilettanten aus\nden geachtetsten Ständen zwei Mal auf dem Stadttheater zu wohl-\nthätigen Zwecken bei überfülltem Hause mit grossem Beifall gege-\nben worden.\nDie Pianisten Schulhoff und Rubinstein sind in Berlin.\nH. von Bülow hat dort seinen bleibenden Aufenthalt gewählt,\nzunächst als Ciavierlehrer am Marx-Stern'schen Musik-Institut.\n99essaii. Am 16. April beginnt ein neuer Cursus der Musik-\nschule des Herrn Th. Schneider, herzoglichen Kammermusicus,\nCantors und Chor-Directors an der Schlosskirche. Der nach den\nLehrsätzen Friedrich Schneider's erthcilte theoretische Unter-\nricht umfasst in einem dreijährigen Cursus: Harmonielehre, Modu-\nlation, Rhythmus, Stimmenführung, Contrapunkt, Melodiebildung,\nFormen- und Compositionslehre, Nachahmung, doppelten Contra-\npunkt, Fugenbau, Partitur-Studium, Directions-Kenntniss. Ausser\nfestgestellten praktischen Uebungen im Instrumental-Zusammenspiel\nund Gesänge, so wie der Gelegenheit zur Mitwirkung in der her-\nzoglichen Hofcapelle, bieten sich dem Musiker vielfache Mittel zur\nAusbildung. Das Honorar beträgt jährlich 48 Thaler in viertel-\njährlichen Vorausbezahlungen. Ein ausführlicher Prospect über die\nEinrichtung der Musikschule ist von Herrn Th. Schneider und von\nder Verlags-Buchhandlung der Herren Gebrüder Katz in Dessau\ndurch alle Buch- und Musicalienhandlungen gratis zu beziehen.\nCJera. Das Concert des musicalischen Vereins am 24.\nJanuar bewies neuerdings, wie dieser Verein fortfährt, seine lobens-\nwerthen Principien, die in folgenden anerkennungswerthen drei\nPunkten wurzeln, zu verfolgen.\nErstens. Durch classische Musik die Geschmacks-Richtung\ndes Publicums zu heben und der Verflachung entgegen zu wirken,\nwie hier durch die Vorführung der herrlichen C-moZZ-Sinfonie von\nBeethoven, unter der anerkannt tüchtigen Leitung unseres wür-\ndigen Capeilmeisters W. Tschirch und lobenswerther Ausführung\ndurch das gutbesetzte Orchester bewährt wurde.\nZweitens. Die hervorragendsten Werke der Neuzeit\nzu Gehör zu bringen. So wurde „Die Flucht nach Aegypten\" von\nBerlioz zum ersten Male recht gelungen vorgeführt, konnte aber\ndessen ungeachtet keinen besonderen Beifall erhalten. Diese Com-\nPosition soll die Sprache einer längst vergangenen Zeit reden; aber\nes fehlt ihr der erwärmende Strahl, und besonders die frostige\nOuvertüre machte einen sehr ungünstigen Eindruck. Der darauf\nfolgende Abschied der Hirten, so wie die Ruhe der heiligen Fa-\nmilie lassen zuweilen charakteristische Momente mit poetischer Fär-\nbung ahnen, ohne jedoch wirklich zu erwärmen.\nDrittens. Durch Herbeiziehung fremder Künstler das\nPublicum anzuziehen und zu fesseln. Zu diesem Concerte war\nHerr Kammermusicus Belcke eingeladen, der durch seine Meister-\nschaft und bezaubernden Flötenton hinriss. Eben so ärntete Herr\nToller aus Altenburg durch seinen weichen, klangvollen Tenor\nausserordentlichen Beifall. Möge der Verein fortfahren, seine edle\nRichtung zu verfolgen; aller Kunstfreunde dankende Anerkennung\nwird ihm nicht fehlen.\nDie Pianistin Miss Arabella Goddard aus London, deren\nTalent wir bereits in unseren londoner Berichten über die Concerte\ndes kölner Männergesang-Vereins in England rühmend anerkannt\nhaben, ärntet auf ihrer gegenwärtigen Kunstreise durch Deutsch-\nland überall ausgezeichneten Beifall, z. B. in Stuttgart, Hamburg,\nLeipzig u. s. w.\nDie Ouvertüre zu Macbeth von C. Müller in Münster\n(Manuscript) ist in dem zwölften Gewandhaus-Concerte in Leipzig\nmit Beifall aufgeführt worden.\nMcyerbeer ist in Dresden, um die Proben seines Nord-\nsterns, welcher dort aufgehen soll, zu leiten.\nCapellmeister Kalliwoda, der sich jetzt in Karlsruhe auf-\nhält, hat vom Herzoge von Dessau den Anhaltinischen Haus-Or-\nden Albrecht's des Bären erhalten.\n3*AFfig» Die mit so vielem Pomp angekündigten Aufführungen\nvon H. Berlioz' Enfance du Christ im Theater der italiänischen\nOper werden nicht Statt finden. In einem Wohlthätigkeits-Concerte\nist jedoch diese „Trilogie\" zum dritten Male aufgeführt worden.\nStpassfturg-, Die innere Ausstattung unseres Theater-Gebäu-\ndes ist nun vollendet; den Schlussstein derselben bildete eine Or-\ngel, Grundbass im Pedal sechszehnfüssig, im Ganzen von 16 Stim-\nmen. Das Orchester ist gut, aber mit dem Opern-Personal will es\nnicht recht gelingen. Für die Sommer-Monate werden wir dem\nVernehmen nach die deutsche Oper des Herrn Direktors F. Röder\naus Köln hier haben, worauf sich die zahlreichen Freunde, welche\ndie deutsche Musik hier zählt, sehr freuen."}]}