{"numero_id": "bm-bmtnabi-1855-03-17-01", "volume": "bmtnabi_1855-03-17_01", "ocr_sha256": "4e3dcc32b260a826bd08ef6c3ada231b86c9afee625e8abed3c28f4a0f2a19ba", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1855/03/17_01/bmtnabi_1855-03-17_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550317-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1855-03-17-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-03-17_01#c001", "volume": "bmtnabi_1855-03-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "81", "page_fin": "84", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550317-01.2.1", "titre_corps": "Stimmen der Kritik über Richard Wagner.", "titre_sommaire": "Stimmen der Kritik über Richard Wagner.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "81", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550317-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4102, "texte": "Stimmen der Kritik über Richard Wagner.\nI.\nDie Zuversicht, mit welcher das einzige kritische Or-\ngan in Deutschland, welches für R. Wagner consequent\nPropaganda zu machen sucht, die leipziger Neue Zeitschrift\nlür Musik, mit vollen Backen behauptet, der Boden sei für\ndas Wurzeln und Gedeihen des Kunstwerkes der Zukunft\nvollständig gewonnen und der Sieg der neuen Grundsätze\nunzweifelhaft entschieden, beruht einestheils freilich wohl\nauf Selbstverblendung, anderenteils aber auf der Voraus-\nsetzung, dass das Publicum die entgegengesetzten Ansich-\nten und gewichtigen Stimmen, welche von Männern aus-\ngehen, die tiefer schöpfen als von dem Schaum der Ober-\nfläche, gar nicht kenne. Dieses Letztere ist allerdings eine\nThatsache, die sich erstens daraus erklärt, dass die grosse\nMenge die wissenschaftlichen Werke, in welchen jene An-\nsichten aus einander gesetzt werden, nicht lies't, sondern\nsich mit den Zeitschriften und Tages-Feuilletons begnügt,\nja, selbst unter diesen meist nach denen greift, die dem Be-\ndürfnisse des Lesers, sich zu unterhalten, mehr entsprechen,\nals dem Triebe, sich zu belehren. Zweitens hütet sich aber\nauch die Propaganda und ihr Organ, auf die Existenz sol-\ncher entgegengesetzten Meinungen und ihre Begründung\naufmerksam zu machen; sie ignorirt, was bekanntlich viel\nbequemer ist, als zu widerlegen; sie posaunt, was wiederum\nleichter ist, als kritisch und logisch zu überzeugen, und das\nalte Sprüchwort: Calumnicire hat sie sich in den\nGrundsatz übersetzt: „Lobpreise nur dreist drauf los, es\nbleibt doch immer etwas davon hangen.\"\nPraktisch wird dann die systematische Anpreisung\ndurch Aufnahme falscher Zeugnisse über die enthusiastische\nund glänzende Aufnahme der Wagner'schen Opern in allen\nmöglichen Städten zu fördern gesucht. Wir werden Be-\nweise von dieser Praxis liefern. Zunächst aber wollen wir\neinige der bedeutendsten kritischen Stimmen gegen das\nKunstwerk der Zukunft in diesen Blättern wiederhallen\nlassen und die Orte angeben, wo ihre ausführliche Rede zu\nvernehmen ist. Auch ist es unsere Pflicht, dadurch die Ehre\nabzuweisen, welche uns Herr Rob. Goldbeck (wie es scheint,\nauch einer von den Musikern, die unter die Schriftsteller\ngegangen sind) in seiner Correspondenz in dem pariser\nBlatte L'Europe artiste vom 21. Januar erzeigt, als wäre\ndie von uns herausgegebene Zeitung die einzige Oppo-\nsitions-Stimme in Deutschland gegen das Drama der Zukunft!\nWir wenden uns zunächst zu Julian Schmidt, der\nim zweiten Theile seiner „Geschichte der deutschen Na-\ntional-Literatur im neunzehnten Jahrhundert\", einem treff-\nlichen Buche, das reich an gründlicher Kritik des Einzelnen,\nnoch reicher an geistvollen Schilderungen der verschiedenen\nLiteratur- und Cultur-Perioden unseres Jahrhunderts ist,\nsich über R. Wagner und dessen Bestrebungen ausspricht.\nWir geben aus dem betreffenden Abschnitte aus dem VIIL\nCapitel („Literarische Tendenzen in der deutschen Kunst\"}\ndasjenige, was Wagner betrifft, auszugsweise, machen aber\njeden Gebildeten, den die Entwicklung der Kunst interes-\nsirt, auf das ganze Capitel aufmerksam.\n„Richard Wagner geht mit den literarischen Tenden-\nzen der neuesten Zeit im Guten wie im Schlimmen Hand\nin Hand.\n„ Was er unter Demokratie versteht, hängt mit der\nhistorischen nicht im Entferntesten zusammen. Sein Princip\nberuht auf jenem für exclusive Naturen berechneten Idealis-\nmus der Künstlerwelt, den das Athenäum, die Europa und\ndie übrigen Zeitschriften der romantischen Schule verkün-\ndeten. Gleich ihnen predigt Wagner die Ablösung des\nKünstlers von allen praktischen Interessen, gleich ihnen\nverhöhnt er die Bourgeoisie und stellt ihr ein ideales Publi-\ncum, welches er Volk nennt, entgegen. Dieses Volk vereinigt\ndie widersprechendsten Anforderungen in sich: Hochherzig-\nkeit der Gesinnung und Freiheit von allen weltlichen Be-\ndürfnissen, Gefühl der Noth und Verständniss für alle Sub-\ntilitäten einer feinern Empfindung. Er definirt es als Inbe-\ngriff aller der Menschen, die eine gemeinsame Noth ver-\neinigt, und dieses Volk will er durch die heitere und edle\nKunst erheben und läutern. Das Volk in Noth verlangt aber"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "82", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550317-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5054, "texte": "eine handgreiflichere Kost; es hält sich an das Christen-\nthum oder an den Communismus. Das Volk in Noth ist\nnicht die Well, in der die Symbole jener vornehmen Kunst\nihre Stätte finden. Die Symbole des Kreuzes und der\nGuillotine versteht es; aber mit den Mythen vom Schwa-\nnenritter und vom Venusberg, mit den Mysterien vom hei-\nligen Gral und von den Nornen hat es nichts zu schaffen.\n„Aus den „ „freien Gemeinden\" \" ging das Dogma\nvon der Identität der Religion, der Kunst und der wirkli-\nchen Gesellschaft hervor, so wie von der Identität aller\nKünste—Wiederholungen der Weissagungen von Novalis,\nSchleiermacher u. A. Danach fordert Wagner für sein\nKunstwerk der Zukunft das Zusammenwirken aller\nKünste, die bisher ein selbstständiges Gedeihen gehabt.\nAber diese Forderungen widersprechen sich: 1) die reichere\nEntfaltung der Musik verlangt eine gewisse Enthaltsamkeit\nder Poesie; 2) die detaillirte Entfaltung der Charaktere und\nLeidenschaften lässt eine weitere musicalische Bearbeitung\nnicht zu, weil der dramatische Realismus und der musica-\nlische Idealismus sich in ihrer Ausbildung einander aus-\nschliessen; 3) Wagner's geträumte Oper schliesst eben so-\nwohl die poetische Detaillirung der Situationen und Cha-\nraktere aus, wie die virtuose und in sich selbst abgerundete\nEntfaltung der musicalischen Mittel; eben desshalb kann\nsie jene anderen Kunstformen nicht absorbiren, sondern\nmuss sie neben sich bestehen lassen, das Drama eben so\ngut wie die Symphonie und das Oratorium.\n„Die wahre Kritik geht darauf aus, die Kunstformen\nstreng von einander zu sondern und dadurch rein zu halten.\nDie romantische Kritik dagegen geht auf die Vermi-\nschung, die, weil sie widerstrebende Zwecke vereinigen\nwill, zu keiner endlichen Gestaltung führt. So bei Wagner,\nder nicht bloss in seiner Tendenz, sondern auch in der Me-\nthode seiner Kritik im höchsten Grade Romantiker ist\ner regt, wie die Schriften der romantischen Schule, überall\nan, gibt aber nirgends dem Urtheil einen klaren, fassbaren\nHalt; wir folgen oft gespannt seiner Darstellung von\nUebelständen, seinem Gedankengange, aber wo wir Auf-\nschluss erwarten, bricht er plötzlich ab.—An ruhiger, be-\nsonnener Auseinandersetzung fehlt es ganz und gar die\nHast und Willkür verwirrt uns, anstatt uns aufzuklären\nund immer scheint die falsche Vorstellung durch, mit der\nTendenz sei die Hauptsache abgethan. Ein Uebertreiben der\ngeistigen Ansprüche geht fast immer Hand in Hand mit\neinem Mangel an Productivität. Nach Wagner haben wir\nuns bisher nur mit der Idee gewiegt, als hätten wir über-\nHaupt eine Kunst; sie kann erst in dem „ „Kunstwerke der\nZukunft\"\" erblühen.\n„In diesem soll nun, wie Wagner will, was früher\nZweck war, sich bescheiden, Mittel zu werden, also Mu-\nsik, Malerei, Tanz u. s. w. nur Mittel, durch welche sich\ndie Poesie äussern soll; diese, die Poesie, soll nicht nur\nder eigentliche Zweck, sondern auch die schöpferische\nKraft sein; die musicalische Ausführung soll unbedingt\naus dem poetischen Inhalt hervorgehen, der nothwendige\nAusdruck desselben sein und nichts Anderes geben,\nals ihn. Nehmen wir nun aber das Wort Poesie in sei-\nner höheren Bedeutung, als synonymen Ausdruck für Kunst\nüberhaupt, so wird man doch nicht läugnen können, dass\nsie nach Verschiedenheit der sinnlichen Organe auch ver-\nschiedene Formen annehmen muss, die sich unmög-\nlich einander decken. Die Kunst, die Beethoven zu\nseiner Fidelio-Arie u. s. w. befähigt hat, ist doch eine an-\ndere, als die Kunst Shakespeare's, und das Eine ist aus\ndem Anderen nicht herzuleiten. Es geht uns hier\nwie bei jeder Verallgemeinerung: wir verlieren uns zuletzt\nin leere Phrasen.\"\nDer Verfasser fasst, nachdem er mit Wagner als Kri-\ntiker und theoretischem Schöpfer fertig ist, ihn als Dichter und\nComponisten ins Auge. Zunächst seine Stoffe. Auch Wag-\nner konnte dem allgemeinen Experimentiren in der Musik\nnicht entgehen; er steht ganz in seinem Zeitalter und wett-\neifert mit Meyer beer „im Mangel an innerer Wahrheit\nund im Vorherrschen der rellectirten Bildung über den In-\nstinct\". Seine erste Oper, „Rienzi\", gehörte dem histori-\nschen, seine zweite, „Der fliegende Holländer\", dem\nphantastischen Genre an. Die erstere verläugnete er seitdem\nsie brachte ihn auch in gar zu nahe Berührung mit\nMeyerbeer! —, die letztere jedoch erkennt er, als seiner\neigentümlichen Richtung entsprechend, an; wir Anderen\naber können sie nur als einen Ausfluss des Bestrebens des\nZeitalters halten (welches sich auch in der Neigung der Dicht-\nkunst zum Mystischen offenbarte), den künstlerischen Mit-\ntelpunkt der Oper in dem Uebernatürlichen, in den\nWundern und Erscheinungen und in der durch diese hervor-\ngerufenen Stimmung zu suchen. Daraus erwuchsen Spohr's\nFaust 1814, Weber's Freischütz 1821, Euryanthe 1823,\nOberon 1826, Marschner's Vampvr 1828, Meyerbeer's\nRobert der Teufel 1830, Marschners Hans Meiling 1833.\nund zuletzt Wagners fliegender Holländer 1843.\nIm Grunde genommen, steht Wagner noch immer auf\ndiesem Standpunkte und befindet sich in Uebereinstimmung\nmit der romantischen Schule. „ Er findet nur im Mythus"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "83", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550317-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5136, "texte": "den richtigen Vorwurf für das Drama und sein Haupt-\nfehler liegt darin, dass er mehr auf die mit dem Stoff zu\nverbindende symbolische Bedeutung, als auf das Thatsäch-\nliche der Sage Gewicht legt. Der Supranaturalismus in der\nPoesie kann nur schädlich wirken; denn in der Kunst ist\nnur das im Rechte, was wirklich dargestellt wird. Wagner\ngeht aber in seiner supranaturalistischen Richtung in jedem\nneuen Werke weiter [er treibt auch dies, wie alles Andere,\nauf die Spitze].\n„Der fliegende Holländer geht zwar von einem\nübersinnlichen Motiv aus, aber die Behandlung der Sage ist\ndoch individuel— einzelne Scenen sind mit grossem drama-\ntischem Verstand ausgelührt.\n„Im Tannhäuser geht die Symbolisirung schon wei-\nter. Die dramatische Dialektik ist in das Reich der über-\nsinnlichen Ideen verlegt. Der Gegensatz zwischen der heid-\nnischen und der christlichen Liebe knüpft sich nur zufällig\nan eine ziemlich unbedeutende Persönlichkeit. Die Menschen\nsind in diesem Stücke gleichgültig, sie sind nur die Träger\nvon Ideen. Trotzdem ist die Behandlung so geschickt auf\ndie Sinnlichkeit berechnet, dass wir uns über den Supra-\nnaturalismus hinwegsetzen und uns in der phantastischen\nWelt zu Hause fühlen. [Das hat uns und gar Vielen bei\ndem besten Willen doch nur theilweise gelingen wollen.]\n„Dagegen ist im Lohengrin ein weiterer Schritt ins\nReich des Uebernatürlichen, dem wir nicht mehr folgen\nkönnen, weil das Motiv einer ganz bestimmten sittlichen\nVoraussetzung angehört, die nicht mehr die unsrige ist. Das\nerregende Motiv des Stückes beruht darauf, dass Elsa sich\nverpflichtet, ihren Mann niemals zu fragen, wer er sei, und\ndass, als sie ihn fragt, er sich augenblicklich entfernen muss.\nDas ist gegen die menschliche Natur. Das Weib hat das\nRecht und die Pflicht, ihren Mann zu kennen, und wenn\nman uns die Geheimnisse des Grals dagegen vorhält, um\nuns zum Schweigen zu bringen, so sind diese für uns eben\nso wenig eine Autorität, als die Legenden von Wischnu\nund Brama. Die Motive gehen aus dem Menschlichen heraus\n„ [das begreift jeder gesunde Menschen-Verstand, und die\nSchwärmerei Wagner's, mit welcher er, wie er selbst sagt,\nim Lohengrin endlich den reinen Menschen und in Elsa das\nwahre, von ihm sein ganzes Leben hindurch ersehnte Weib\ngefunden hat, erscheint doch gar naiv!] —es ist nicht von\neiner wirklichen Entfaltung menschlicher Leidenschaften\nund Empfindungen die Rede, sondern von mystischen Ge-\ngensätzen, die ein bloss äusserliches Verhältnis» zu einan-\nder haben*).\n„In Folge dessen geht auch die Musik nicht darauf\naus, uns unmittelbar fortzureissen, sondern uns in einer\nahnungs- und geheimnissvollen Spannung zu erhalten. Nur\ndie contrastirenden Ideen, die durch bestimmte melodische\nMotive ausgedrückt werden, sind in ein kunstvolles Wech-\nsel-Verhältniss zu einander gesetzt, nicht die Personen.\nDieser Supranaturalismus ist um so merkwürdiger auch\nhier trägt wieder der christliche Himmel mit seiner spiri-\ntualistischen Reinheit den Sieg über die sinnliche Heiden-\nwelt davon, ganz wie im Tannhäuser —, als Wagner in\nseinen Kritiken den christlichen Spiritualismus mit Leiden-\nschaft bekämpft. Lässt man sich aber einmal in Symbole\nund Allegorieen ein, so geht der Sinn derselben bald in\nsentimentale Stimmungen und endlich in Tändelei verloren.\nSchon im Texte ist von ausgeführten Gedanken nicht die\nRede; es sind ganz allgemein gehaltene lyrische Empfindun-\ngen, die häufig genug in den Conventionellen Klingklang\nauslaufen. Eine Charakteristik der einzelnen Figuren oder\neine durchsichtige Motivirung der Situationen ist nicht ein-\nmal versucht.\n„Mit der musicalischen Ausführung ist es im Grunde\neben so. So wie seine Erklärung, man könne in den neue-\nren Sprachen keinen Vers machen, ein rein individuelles\nGeständnissist, so geht auch seine Gleichgültigkeit gegen\nmelodische Erfindung aus dem dunkeln Gefühle seiner Un-\nproduetivität hervor, Man sieht überall die Reflexion durch.\nWie es bei übertriebenem Spiritualismus fast immer der\nFall ist, so wendet auch Wagner zur Ausführung seiner\nübersinnlichen Zwecke lauter grobsinnliche Mittel an. Er\nverfährt zwar darin geschickter, als Meyerbeer; er sucht\nfür seine Decorationen und Verwandlungen, für seine Cho-\nräle und Hirtenlieder, für seine Märsche und Aufzüge irgend\neine passende Veranlassung; aber am Wesen der Sache\nwird dadurch nichts geändert. Er versteht es sehr gut,\ndurch geschickte, freilich oft auch sehr coquette Instrumen-\ntation die Phantasie zu erregen und zu spannen; aber wo\nder wirkliche Ausdruck einer bleibenden starken Stimmung\nund Leidenschaft erwartet wird, da versiegt seine Kraft,\nund er gibt Trivialitäten, mit barocken Einfällen vermischt\n[und steht alsdann weit unter Meyerbeer].\n„Selbst in Beziehung auf den Ausdruck des dramati-\nschen Inhalts, der nach seinem Grundsätze der höchste\nZweck der Opernmusik ist, erreicht er diesen Zweck nur\nsehr einseitig. Er charakterisirt immer nur einzelne vorüber-\ngehende Situationen, unruhige Momente u. dergl.; zu einer\n\n*) Yergl. die Ausführung dieser Sätze in dem Artikel über Lo-\nhengrin in den Grenzboten (1854, Nr. 3) und in unserer\nZeitung 1854, Nr. 5, vom 4. Februar v. J."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "84", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550317-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1433, "texte": "Charakteristik der Figuren, wie so glänzend bei Mozart,\nkommt es bei ihm keineswegs; statt deren giebt er uns\nkurze Motive, die er bei jedem neuen Eintreten derselben\nPerson oder des nämlichen Gedankens wiederholt. Das ist frei-\nlich die wohlfeilste Art der Charakteristik; denn sie ist\nganz äusserlich und im Grunde bloss auf das Gedächtniss\nberechnet.\n„Der angeführte Grundsatz aber, dass der vollständige\nAusdruck des dramatischen Inhalts das Höchste in der Musik\nsei, ist falsch. Der Ausdruck darf immer nur das untergeord-\nnetste Moment der Kunst sein, die Hauptsache bleibt immer,\nwas der Künstler [qualitate qua]eigentlich uns giebt, und das\nwird denn doch wohl aul dasjenige hinauskommen, was\nWagner sehr geringschätzig absolute Musik nennt [mit an-\nderen Worten: in dem musicalischen Kunstwerke wird doch\nwohl die Musik die Hauptsache sein]. Seine eigene Un-\nfähigkeit, einen grossen musicalischen Gedanken festzuhal-\nten, seine Methode der musicalischen Ideen-Association, die\nstark nach Mosaik-Arbeit aussieht, und seine Nichtachtung\nder musicalischen Kunstformen sind noch keine Beweise\nfür seine Ansichten. Eben so wenig der momentane Eindruck\nseiner Opern auf die Masse (die Handgreiflichkeit seiner\nAbsichten des Ausdrucks macht seine Musik eben so popu-\nlär, wie die Meyerbeer'sche): das Volk- begeistert sich in\nderselben Weise für Flotow und für Meyerbeer, wie für\nWagner, und eigentlich auch aus demselben Grunde.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-03-17-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-03-17_01#c002", "volume": "bmtnabi_1855-03-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "84", "page_fin": "86", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550317-01.2.2", "titre_corps": "Zweite Parallele.", "titre_sommaire": "Zweite Parallele.", "signature_source": "A. Schindler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "84", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550317-01.1.4", "debut_caractere": 1435, "fin_caractere_exclue": 5188, "texte": "Zweite Parallele.\nDie musicalische Kritik unserer Zeit.\n\nMan erinnert sich, wie der Verfasser des Aufsatzes\n„Die gegenwärtige hohe Orchester-Stimmung\" schon in\nder Randnote in Nr. 8 auf die harmonischen Verhält-\nnisse der musicalischen Kritik als sich zunächst\nentgegenstellende Parallele hingewiesen, so lange die\nleipziger Allg. Musik-Zeitung unter Redaction von Friedrich\nRochlitz das alleinige kritische Tribunal für ganz Deutsch-\nland gewesen. Die Kritik war in der Weise harmonisch\nübereinstimmend wie die Blas-Instrumente unter ein-\nander, so lange diese aus Einer und derselben Fabrik fast\nlür ganz Deutschland hervorgegangen waren. Wie hier die\ngleiche Tonhöhe in allen Orchestern sich als erfreuliches\nErgebniss kund gab, so war es dort die allgemeine Geltung\nder Urtheile weit über Deutschlands Gränzen hinaus.\nDiese allgemeines Vertrauen erweckenden Zustände in\nder Kritik, bewirkt von einer Anzahl gesinnungstüchtiger\nMänner, hochgeachtet zugleich durch ihre Lebensstellung,\ndauerten ungetrübt bis zum Erscheinen der berliner Musik-\nZeitung, unter Redaction von A. B. Marx, 1824. Als-\nbald trennten sich Meinungen und Urtheile in oft entgegen-\ngesetzter Richtung. Während zu Leipzig mit dem von ehr-\nwürdigen Lehrern musicalischer Kunstwissenschaft verfass-\nten Buche zur Hand, ruhigen und gemessenen Schrittes,\naber in etwas nüchternem Stile über neue Werke geurtheilt\nward, erging man sich zu Berlin in dichterischen Bildern\nund kunstphilosophischen Theoremen, dies häufig noch in\nso arger Weitschweifigkeit, wie diese in musicalischer Li-\nteratur bis dahin nicht da gewesen*). Der Samen des bald\nnachher aufgeschossenen, Alles überwuchernden „neumodi-\nschen Lehrjammers\" keimte bereits in dieser Zeitung, der\nes an Theilnahme nicht gefehlt, denn das Auftreten in so\nungewohnter Weise vermochte nicht wenig zu imponiren.\nMarx war der erste Herold des „Fortschrittes\", wolür die\nKunstgeschichte ihm einstens das verdiente Monument zu\nsetzen nicht vergessen dürfte. Sein berliner Organ erreichte\nmit 1830 sein Ende. Mittlerweile hatte das leipziger ange-\nfangen, in Haltung und Bedeutung zu sinken. Warum?\nDas wissen vielleicht die italiänischen Correspondenten, viel-\nleicht auch noch die in der Nähe darauf Einfluss gehabt\nhabenden Personen.\n1834 begann Robert Schumann zu Leipzig seine\nkritische Wirksamkeit. Eusebius und Florestan in Einer\nPerson, meinte es Schumann mit der Sache redlich und\nernst. Das Auftreten geschah mit weit weniger oratorischer\nund dichterischer Emphase, als einst in Berlin, auch wur-\nden die Dinge nicht gewaltsam vorwärts gedrängt; über-\nhaupt verstand man es, sich stets in achtungswerther Be-\nscheidenheit zu halten. Jedoch anstatt kerniger, auf gesunde\n\n*) Das jüngste Zeugniss von beängstigender, weil athembench-\nmender Weitschweifigkeit giebt sich Herr Prof. Marx in sei-\nnem neuen Buche: „Die Musik des 19. Jahrhunderts und ihre\nPflege.\" Ist es wohl denkbar, dass das Wortgepränge noch\nweiter getrieben werden könne?! Ein didaktisches Werk\niür Lehrer bestimmt auf 36 Druckbogen, dessen eigent-\nlicher Kern keiner zwölf bedurft hätte. Unter dem massen-\nweise aufgehäuften, ästhetischen und philosophischen Schutte\nist in unseren Tagen schon so manches gute Talent begraben\nworden und wird es fortan noch werden. Wie glücklich ist\ndoch das 18. Jahrhundert zu preisen, dass es keine schwatzen-\nden Kunst-Philosophen gehabt! Die Talente konnten sich dar-\num nach Maassgabe der Umstände ungehindert entwickeln\nund zu Männern der That heran reifen, die wir jetzt als\nCiassiker verehren. Und diese Männer der That fanden zu\nihrer Ausbildung nichts vor als einige Schulbücher und\ngrosse lebende Beispiele. Bedenkt das, ihr dick- und dünn-\nleibigen Fortschritts-Schreier und Kunstschwätzer des 19.\nJahrhunderts!"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "85", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550317-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5299, "texte": "Anschauung, rein wissenschaftliche Basis und Erfahrung\ngestellter Kritik, die absieht von unwesentlichen Nebendin-\ngen, möglichst kurz und bündig sein will, um von Jeder-\nmann verstanden zu werden, bekam der Leser der Neuen\nZeitschrift für Musik die R. Schumann gegründet\nmeist Träumereien und Phantasieen, oft genug noch trans-\nscendentalen Inhalts, zu Gesicht. Die Aufgabe der Kritik,\ndie vor Allem belehren soll, nicht unterhalten, ward ver-\nkannt; nicht zu verwundern: denn die dabei thätigen\nKräfte gehörten alle dem jugendlichen Alter an. Gleich-\nzeitig begann das Virtuosenlhum, in Massen seinen Um-\nzug izu halten. Dieses gab den Haupt-Impuls, dass\nnicht nur alle belletristischen, sondern leider auch alle po-\nlitischen Zeitungen der musicalischen Kritik mehr als ehe-\ndem ihre Spalten öffneten. Die Pfuscherei in der Kritik\nbegann in grossem Stile. Sie setzte eine Legion von Fe-\ndern in Thätigkeit, die alle gut honorirt wurden. Von da ab\nwar allgemeine [?] Geschmacks-Verderbniss und Bestech-\nlichkeit ein Fait accompli.\nDas Uebel stieg noch höher, als nicht wenige Musik-\nVerleger bloss im Interesse der Kunst und des Publi-\ncums! iür gut fanden, sich kritische Organe unter ver-\nschiedenen Titeln beizulegen, um ihre grösstentheils werth-\nlosen Verlags-Artikel desto freier und frecher anempfehlen\nzu können. Hierbei ist besonders bemerkenswerth, dass\ndies zumeist unter Verantwortlichkeit der Herren Verleger\nselber geschieht, weil zu solch verächtlichem Geschäfte kein\nehrenhafter, kunstwissenschaftlicher Mann als Redacteur\nsich hergiebt. Daher sehen wir die Mehrzahl der in Deutsch-\nland bestehenden Musik-Zeitungen ohne die nolhwendige\nAutorität eines namhaft gemachten Redacteurs an der\nSpitze*). Die Corruption hat somit auch für Deutschland\nden höchsten Grad erreicht, so zwar, dass mit Verstimmung\nder Instrumente, der Gemüther und Sinne es dahin gekom-\nmen, dass keine Stadt mehr in Sachen der Mu-\nsik ein sicheres, übereinstimmendes Orth eil\nhat. Ja, es gibt Städte, in denen die Kunst-Kritik in allen\nFächern wie ein Gewerbe betrieben und gegen Angriffe von\nden Behörden in Schutz genommen wird. Da werden kri-\ntische Beurtheilungen über Schauspielkunst, Musik u. s. f.\nauf Bestellung angefertigt und in der Regel\nmwando honorirt Zustände, die nicht bloss den ästheti-\nschen Sinn, sondern auchGelühl für Wahrheit und Recht in\nder Bevölkerung in Frage stellen, Zustände, die Jedermann\nkennt und bespöttelt, und die dennoch bestehen und pro-\nsperiren seit beinahe einem Menschenalter!! Eine der\nStädte heisst Frankfurt am Main.\nNoch grösseren Flächenraum werden diese scheussli-\nchen Zustände gewinnen, wenn noch die hochrenommirten\nPianoforte-Fabriken, dem Beispiele der Musik-Verleger fol-\ngend, gleichfalls Journale erscheinen lassen—versteht sich,\nauch nur im Interesse der Kunst und des Publicums. Vor-\ngänge auf der münchener Industrie-Ausstellung lassen die\nAusführung dieses „längst gefühlten Bedürfnisses\" bald\nerwarten.\nEndlich das Schisma zwischen der historischen und der\nneuromantischen Schule in der Oper, durch Richard Wag-\nner herbeigeführt und durch seine Jünger weiter gefördert.\nWie sehr hat auch dieses die Grundsätze, auf denen eine\nunparteiische, vernünftige Kritik beruhen soll, um Glauben\nund Vertrauen zu erwecken, noch weiter verrückt! Welch\nunerquickliches und betrübendes Schauspiel bieten uns dies-\nfalls die Expectorationen in der Neuen Zeitschrift für Mu-\nsik dar, wobei Liszt mit eine grosse Rolle spielt! Hatten\nwir im Verlaufe zweier Jahrzehende vielfach Gelegenheit,\nzu bedauern, dass der so begabte Mann keinen besseren\nGebrauch von seinen Fähigkeiten zum Vortheil echter Kunst\nzu machen bestrebt ist, so geht es uns jetzt wieder so mit\nseiner schriftstellerischen Thätigkeit. War es dem reprodu-\ncirenden Künstler am Pianoforte nur selten möglich, seine\nexcentrische Subjectivität im Vortrage classischer Musik in\nästhetischen Schranken zu halten*), so sehen wir dasselbe\nSpiel wiederum in seinen kritischen Aufsätzen. Wenn man\nden überschwänglichen Missbrauch mit dem Pedale und den\ndynamischen Zeichen [?] in seinen Vorträgen mit dem ver-\nschwenderischen Gebrauche der Tropen, Metaphern, Hy-\nperbeln und den übrigen Redefiguren in seinen Aufsätzen\nin einen Vergleich bringen wollte, so wären die schriftstel-\nlerischen Ergüsse des Herrn Liszt vielleicht nicht unpas-\nsend gezeichnet. Ausschweifende Phantasiebilder, wie unter\nAnderen eines, Frau Clara Schumann betreffend: „Sie\ndrang mehr und mehr nach dem Aequator, um inmitten\n\n*) Die Berliner, die Wiener, die Rheinische, die Süddeutsche\nMusik-Zeitung, die Signale und andere noch erscheinen alle\nunter so genannter Verantwortlichkeit der Verleger!!\n*) Es scheint, dass unser geehrter Mitarbeiter entweder niemals\nVorträge classischer Compositionen, wie der Concerte und der\nSonaten von Beethoven, F. Schubert, C. M. von Weber, ja,\nselbst von Hummel, durch Liszt gehört hat, oder dass er sich\ngrundsätzlich gegen eine vollkommen berechtigte Kunst-Er-\nscheinung, gegen das Virtuosenthum im künstlerischen Sinne,\nabschliesst. Uns werden jene Vorträge, namentlich des Es-\ndwr-Concerts, der Sonaten Op. 101, 106, 110, 111 von Beet-\nhoven, unvergesslich sein kein Künstler vermag so wie\nLiszt die absoluteste Correctheit mit der Genialität der Re-\nproduction zu vereinigen. Die Redaction."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "86", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550317-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2490, "texte": "der Flammen der Kunst zu athmen\", gehören noch lange\nnicht zu den auf der höchsten Spitze der Hyperbel flattern-\nden, bombastischen Unsinn ausdrückenden.\nBisher hat das geistreich sein wollende Feuilletonisten-\nGeschwätz nach französischen Mustern die Spalten deut-\nscher Musik-Organe noch nicht gefüllt. Die Ehre des Vor-\ntrittes war Liszt vorbehalten. Wahrlich, Göthe, Tieck,\nGutzkow, Dingelstedt und so viele Andere, die es nicht\nverschmähen, in schlichtem, verständlichem Deutsch—ohne\nPhrasen-Geklapper über wichtigere Dinge zu schreiben,\nals Liszt, haben für diese neue Acquisition der musicali-\nschen Kritik kein Muster in der Ausdrucksweise hinzustel-\nlen vermocht! Wenn diese Jünger und Apostel Wagner's\nglauben, das Spiel schon gewonnen zu haben, wie sie sich\ngeberden, so sind sie in grossem Irrthume. Die Wahrheit\nwird auch in diesem Falle obsiegen, und diese ist nicht auf\nihrer Seite.\nWie die grauenhaft durch einander geworfenen Dinge\nim Augenblick stehen, so ist die deutsche Kritik gegen die\nfranzösische nur in Einem Punkte noch zurück, in der Ge-\nschicklichkeit (oder Frechheit?) nämlich, für eine ansehn-\nliche Jahres-Bestallung Ruhm zu machen —in gros-\nsen Blättern nämlich, in kleinen treibt sie dieses Ge-\nschäft schon seit lange. Es steht jedoch zu hoffen, dass\ndas Heldengeschlecht der Jules Janin, Fiorentino u. A. m.\nsich wohl bald auf deutschen Boden werde verpflanzen las-\nsen und würdige Schösslinge treiben werde. Vielleicht ist\ngar schon zu Leipzig das Seminar dafür gegründet.\nWelcher Sterbliche vermag es, dem Laufe dieser un-\nheilvollen Zustände ins Rad zu greifen und Besserung zu\nbewirken, von der wenigstens die Zukunft (nicht die Zu-\nkunfts-Musik) profitircn kann ? Die Gegenwart ist und bleibt\nverstimmt, läge es gleichwohl in der Menschen Macht und\nMöglichkeit, das Kunstrichter-Amt wieder in die Hände\neines einzigen Tribunals nieder zu legen, wie das einst zu\nLeipzig gewesen, und verspräche dieses neue Tribunal\ngleichwohl „absolute Unparteilichkeit\", wie dies\nzu unserem nicht geringen Erstaunen in dem Prospectus\nder „Blätter lür Musik\" geschieht, deren Erscheinen unter\nRedaction des Herrn L. A. Zellner in Wien bevorsteht\nin jenem Wien nämlich, wo bisher die simple Unpartei-\nlichkeit zu den absoluten Unmöglichkeiten gehörte\nund Musik-Organe meist auf Sand gebaut hatten. Jenu,\nGluck auf, muthiger Mann*)!\n\nA. Schindler.\n\n*) Die Schilderung noch anderer, sich aufdringender Parallelen,\nz. B.: Je mehr gedruckte Gesangs-Methoden, desto weniger"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-03-17-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-03-17_01#c003", "volume": "bmtnabi_1855-03-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "86", "page_fin": "87", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550317-01.2.3", "titre_corps": "Aus Frankfurt am Main.", "titre_sommaire": "Aus Frankfurt am Main.", "signature_source": "A. S", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "86", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550317-01.1.6", "debut_caractere": 2492, "fin_caractere_exclue": 5119, "texte": "Aus Frankfurt am Main.\n\nZu den bedeutendsten Erscheinungen in der Oper im\nLaufe dieses Winters gehört Cherubini's Medea, die\nnach langjähriger Entfernung Capellmeister Schmidt am\n1. März zu seinem Benefice gegeben hat, und zwar mit\nden von Franz Lachner hinzu geschriebenen Recitati-\nven. Frau Lei sing er, die Gemahlin eines in Stuttgart\npraklicirenden Arztes, die kurze Zeit hindurch ein Engage-\nment an unserem Theater angenommen hatte, um ihrem\nfrüheren künstlerischen Berufe nicht ganz fremd zu werden,\nsang die Titelrolle. Eine Sängerin, die sich an Cherubini's Me-\ndea wagt, muss ein starkes Bewusstsein ihrer geistigen und\nphysischen, überhaupt künstlerischen Kräfte besitzen; denn\ndie Aufgabe ist eine der grössten und schwierigsten in dem\numfassenden Gebiete dramatischer Gesangskunst und über-\nragt, vornehmlich in Bezug auf physische Anforderung, eine\nDonna Anna, Rezia, Fidelio, Vestalin bei Weitem. Frau Lei-\nsinger, von einer der Rolle ganz entsprechenden Persönlich-\nkeit unterstützt, befriedigte nicht nur in jeder Hinsicht, ihre\nLeistung als Sängerin und Darstellerin muss eine ausge-\nzeichnete genannt werden, die von keiner der lebenden\nKunstschwestern überboten werden dürfte. In dem kurzen\nZeiträume von neun Tagen diese Partie mit gleich siegrei-\ncher Kraft drei Mal durchzuführen, zeugt von äusserst selte-\nner Begabung. Die würdige Künstlerin, bereits wieder in\nihren Familienkreis zurückgekehrt, hat sich ein dauerndes\nAndenken bei unserem für wahrhaft Grosses noch empfäng-\nlichen Publicum durch diese ihre Leistung gesichert; das\nbezeugte ihr das stets gefüllte Haus und der außergewöhn-\nliche Beifall, der ihr in jeder Vorstellung durch allgemeines\nHervorrufen nach jedem Actschlusse zu Theil geworden.\nJeder fühlte, dass man ihr allein diesen Hochgenuss zu dan-\nken habe. Die heimischen Kräfte wirkten aber auch alle mit\nwarmer Theilnahme zum Gelingen des unvergänglichen Wer-\nkes mit und verdienen Anerkennung. Es war nirgend Stö-\nrendes im Ensemble bemerkbar.\nDie gegenwärtige Inscenesetzung dieser Oper, die zum\nersten Male 1797 in Paris auf die Bühne kam, geschah\ngetreu nach der gedruckten Partitur. Die im Theater-Archiv\nbefindliche soll durch Guhr's geübtes Secirmesser, nach Art\ngefälliger oder leichtsinniger, um logischen Nexus sich we-\nnig kümmernder Theater-Capellmeister, etwas grausamlich\nverstümmelt sein. Die frevelnde Hand des Capeilmeisters,\n\ngute Sänger; Je mehr von Weisheit und Fortschritts-Ge-\nschrei überströmende Compositions- und andere Lehrbücher,\ndesto weniger wissenschaftlich ausgebildete Componisten u. s. w.,\nüberlässt der Verfasser anderen Federn zur Ausschmückung."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "87", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550317-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1718, "texte": "die zu den Beethoven'schen Sinfonieen Posaunen zu setzen\ngewagt, hatte auch Cherubini's Medea mit drei Posaunen\nversehen, um die Oper für sein Publicum zu appretiren\nund geniessbarer, d. h. lärmender, zu machen.\nNicht genug zu loben ist, was Lachner an diesem er-\nhabenen Werke gethan und mit welchem Geschick er es\ngethan. Man konnte der Sache nicht mehr nützen, als durch\nBeseitigung des Dialogs. Vermittels des Recitativs wird das\nHochtragische in allen Theilen in erwünschte Uebereinstim-\nmung, resp. in Einheit gebracht, die durch unvorteilhafte\nSprach-Organe mancher Sänger allein schon gefährdet wer-\nden konnte.\nGluck's Iphigenia aufTauris mit Frau Anschütz\nwird zur Aufführung vorbereitet. Sie sehen, dass nach\nso vieler Zukunfts-Musik, die unseren Opernfreunden seit\ndrei Jahren vorgeführt worden, wir plötzlich classisch, ja,\nerzclassisch zu werden beginnen, um vielleicht gar in der\nClassicomanie mit anderen hiesigen Instituten zu rivalisiren.\nMöglicher Weise kommen unsere Operisten sammt dem\nCapelimeister auf diesem Wege dahin, mehr kühne Griffe\nin das Repertoire der älteren französischen Oper zu machen\nund der lebenden Generation zu zeigen, welch grosse\nSchätze im Staube der Archive liegen, die nur gebildete\nSänger und gewandte Darsteller suchen, um einen guten\nTheil der modernen Opernzwitter alsbald dahin zu schicken,\nwohin sie eigentlich gehören. Mag immerhin Paer's lusti-\nger Schuster, der im Laufe dieser Woche noch inScene\ngeht, den Reigen eröffnen. Indess wollen wir einer der fei-\nnen und graziösen Opern von D'Allairac, Isouard, Berton\nund Boieldieu, vielleicht auch den ernsteren Cherubinischen\nund anderer Meister jener Kunst-Epoche im kommenden\nWinter getrost entgegen harren.\n\nA. S."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-03-17-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-03-17_01#c004", "volume": "bmtnabi_1855-03-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "87", "page_fin": "87", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550317-01.2.4", "titre_corps": "Ans London.", "titre_sommaire": "Ans London.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "87", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550317-01.1.7", "debut_caractere": 1720, "fin_caractere_exclue": 4020, "texte": "Ans London.\nDen 10. März 1855.\nAm Donnerstag den 8. <1. Mts. feierte die\nof Musiciansihren hundert siebenzehnten Stif-\ntungstag in der Freirnaurerhaile. Zu diesem segenbringen-\nden Vereine hat bekanntlich Händel den Grund gelegt*).\nNoch immer ist wahr, was Dr. Burney vor fast hundert\nJahren von dieser Gesellschaft sagte: „Kein wohlthätiges\nInstitut kann mit mehr Redlichkeit und Sparsamkeit ver-\nwaltet werden, als dieses, da mit Ausnahme einer geringen\nEntschädigung für den Secretär und Cassirer und der Druck-\nkosten die Directoren alle übrigen Verwaltungs-Ausgaben\naus ihrer Tasche bezahlen.\" Und das ist, wie jeder weiss,\nder die Kosten der hiesigen Meetings u. s. w. bei ähnlichen\nGesellschaften kennt, keine Kleinigkeit. Charakteristisch ist\ndie Bemerkung des „Express\", dass „in einer Zeit, wie\ndie gegenwärtige, wo ein so grosser Theil der Einnahmen\nwohlthätiger Stiftungen ihrem Zwecke entzogen wird und\nin Gestalt von Besoldungen und Verwaltungskosten in die\nTaschen von Privatleuten iiiesst, dieser Zug der Society of\nMusicians nicht genug gerühmt werden könne\".\nNach dem Rechenschafts-Berichte hat der Verein im\nJahre 1854 eine Einnahme von 3044 Pf. St. (etwa 20,000\nThlr.) gehabt [also 46 Pf. mehr, als im Jahre 1853], wo-\nvon nicht mehr als 235 Pf. für Verwaltungskosten ver-\nwandt worden sind. An Zinsen von Eigenthum hat er 1833\nPf. eingenommen, der Rest ist durch Beiträge der Mitglie-\nder (über 600), durch Subscriptionen und Concerte einge-\ngangen, darunter 75 Pf. von Ernst, und vom Hause der\nPianofabricanten Broadwood u. S. im Laufe der Zeit\neine Summe, welche gegenwärtig 1000 Pf. übersteigt.\nWährend des Jahres sind 2037 Pf. an Pensionen für be-\njahrte Musiker, Witwen und Waisen gezahlt, der Rest der\nEinnahme zu ausserordentlichen Unterstützungen in Krank-\nheiten, bei Todesfällen, an Erziehungs-Prämien u. s. w.\nverwandt worden.\nDie Versammlung war sehr zahlreich und hatte alle\nKünstler von Bedeutung, die hier wohnen oder anwesend\nwaren, vereinigt. Die Feier wurde durch musicalische Auf-\nführungen, wozu Ernst und andere ausgezeichnete Künst-\nler mitwirkten, verschönert.\n*-) Siehe die Geschichte der Entstehung der Gesellschaft in Nr.\n28 des Jahrgangs 1854 dieser Blätter in der Nr. 11. unserer\nArtikel lieber die musicalis chen Zustande in Lon-\ndon\". Die Redaction."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-03-17-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-03-17_01#c005", "volume": "bmtnabi_1855-03-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "87", "page_fin": "88", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550317-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "87", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550317-01.1.7", "debut_caractere": 4022, "fin_caractere_exclue": 5042, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nliölai* Das zweite Abonnements-Concert des Män-\nnergesang-Vereins unter Leitung des k. Musik-Directors Herrn\nF. Weber fand am 11. d. Mts. unter sehr zahlreicher Theilnahme\nund zu grosser Befriedigung des Publicums Statt. Das Programm\nenthielt unter seinen 15 Nummern viele neue Gesänge, von denen\nHiller's Chor „Sonnenaufgang\", Schärtl ich's „Hoffnung\" und\ndessen „König im Mohrenland\" am meisten gefielen. Auch Mo-\nzart's Ave verum mit Begleitung des Harmoniums machte eine\ngute Wirkung. Die Solo-Vorträge der Herren DuMont und Pütz\nwurden mit Recht mit ganz besonderem Beifall aufgenommen; na-\nmentlich übte der schöne Bariton des Herrn DuMont, welcher die-\nsen Abend ganz vorzüglich bei Stimme war, so dass er auch über\ndie schlechte Akustik des Casinosaales siegte, seinen vollen Zauber\naus, während bei Herrn Pütz besonders die Lieblichkeit des Tones\nund des Vortrags fesselte. Der Chor, merkwürdiger Weise zahlrei-\ncher besetzt als sonst, zeichnete sich durch seine bekannten Eigen-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "88", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550317-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5663, "texte": "Schäften der Präcision und feinen Nuancirung, so wie durch den\nschönen Gesammtton aus, zu welchem besonders die Klangfülle\nder Bässe beitrug. Die alte Garde lebt noch!\nCapellmeister Hill er unterstützte das Concert durch seine freund-\nliche Mitwirkung, so wie auch Fräul. N. Hartmann (welche die\nArie „Höre, Israel,\" von Mend elsso hn und zwei Lieder von\nHill er, welche ihr der Herr Componist selbst begleitete, mit Bei-\nfall vortrug) und Herr Breunung, der mit Hiller dessen Varia-\ntionen für zwei Claviere auf „Lützow's wilde Jagd\" spielte. Hiller\ngab auch noch eine kurze freie Phantasie zum Besten.\nHiernach sind die in manche Blätter aufgenommenen Gerüchte\nund Uebertreibungen von Uneinigkeit und einem\" „Geiste der Auf-\nlösung\" in dem kölner Männergesang-Verein zu berichtigen. Es ist\nallerdings zu bedauern, dass eine Zahl von Mitgliedern (etwa 30)\ngeglaubt hat, austreten zu müssen; allein das kann einen Verein,\nder auf einem solchen Kunststreben, auf solchen Kräften, auf einem\nsolchen Leiter und auf einer so ruhmvollen Geschichte beruht, wie\nder hiesige, nicht erschüttern, geschweige denn zerstören.\nAm Dinstag den 13. d. Mts. fand die fünfte Soiree für\nKammermusik im Saale des Hotel Disch Statt. Ein neues\nwir wissen nicht, ob bloss uns, oder überhaupt neues Quartett\nfür zwei Violinen, Bratsche und Bass von Ed. Franck in F-moll\nzeigte, wie alles, was Franck schreibt, den tüchtigen und ernst\nstrebenden Musiker; doch fanden wir weniger Phantasie\" und\nSchwung darin, als in anderen neueren Compositionen desselben,\ndas Scherzo ausgenommeu, welches in jeder Hinsicht ausgezeich-\nnet werden muss. Sodann hörten wir Beethoven's heiteres A-dur-\nQuartett (Op. 18, Nr. 5) durch die Herren Hartmann, Derckum»\nPeters und Breuer ganz vortrefflich vortragen; namentlich die\nVariationen entzückten Alle. Herr Breunung spielte zwischen\nden beiden Violin-Quartetten die Sonate en Fantaisie von Beet-\nhoven, Op. 27, Nummer Eins, in Es-dur, welche selten zu Öf-\nfentlicher Production gewählt wird, wodurch der meisterhafte Vor-\ntrag derselben desto interessanter wurde aber auch wohl nicht\nviel mehr als das, denn es fehlt dieser Composition bei allem ihrem\nWerthe doch das Hinreissende und unmittelbar ins Herz Dringende\nder übrigen Beethoven'schen Musik. F. Schubert's Trio in Es\nfür Pianoforte, Violine und Cello (die Herren Breunung, Hart-\nmann und Breuer) machte den Schluss. Es ist fast nicht zu be-\ngreifen, dass Schubert bei seinem Leben nicht die verdiente Aner-\nkennung fand; diese Thatsache lässt sich nur schwer durch die\nIncorrectheit der Form und die damit zusammenhangende über-\nmässige Länge aller seiner Instrumentalsachen erklären, da, abge-\nsehen von diesen Mängeln, die allerdings seine allgemeine Ver-\nbreitung auch jetzt noch hindern, ein unerschöpflicher Reichthum\nvon Melodie und eine wundervolle, lebensfrische Phantasie ihn un-\nter die grösstcn Tonkünstler stellen. Die Ausführung des grossen\nTrio's wrar vortrefflich.\nWeimar. Am 17. Februar war Hof-Concert, welches H.\nBerlioz dirigirte. Er führte von seinen Compositionen auf: Bruch-\nstücke aus „Romeo nnd Julie\" und aus „Faust\", „La Captine\" von\nV. Hugo für Altstimme und Orchester, Künstler-Chor und Schwur\naus seiner Oper „Benvenuto Cellini\". Franz Liszt spielte ein\nneues Concert eigener Composition für Pianoforte mit Orchester.\nJulius Rietz geht nicht nach Dessau; er hat einen\nneuen Contract für die Direction der Gewandhaus-Concerte auf\nsechs Jahre abgeschlossen.\nDie leipziger Neue Zeitschrift für Musik spricht sich sehr an-\nerkennend über F. Hiller's Compositionen aus, namentlich über\ndie Sinfonie „Im Freien\", die grossen Variationen für Piano-\nforte, die Ouvertüre zu Phädra, die Serenade für Pianoforte,\nVioline und Violoncell, welche Hiller in dem 16. und 17. Abonne-\nments-Concerte im Gewandhause und in einer Quartett-Soiree vor-\ngeführt hat\nAlexander Dreyschock, der in Kopenhagen eine Reih®\nvon Concerten gegeben, wurde vom Könige von Dänemark nach\nFrederiksborg eingeladen. Als er sich empfahl, um nach der Stadt\nzurück zu fahren, gab ihm der König ein Päckchen Cigarren mit\nauf die Fahrt; sie waren in Bankscheine von 100 Thlrn. eingewickelt.\nDer so genannte Carneval von Venedig, den alle reisenden\nViolin-Virtuosen, seitdem Ernst das Stück also getauft und als\nsein Eigenthum der Welt eine Zeit lang vorgesetzt, sich als Zug-\nstück für die grosse Menge angeeignet haben, hat seinen Ursprung\n(nach einer Notiz von L. Rellstab) in Paganini. Er behandelte\nihn als das, was er ist und bleiben sollte, als ein kleines, graziöses\nSpielwerk, das er als eine artige Zugabe in den Kauf des Abends\ngab, während er vorher ganz andere, mächtige Gewichte in die\nWagschale gelegt hatte. Eben so unbefangen, leichthin war sein\nWesen beim Vortrage. Er tändelte mit der Melodie, improvisirte\nVieles, wechselte mit den Variationen, Hess zwar die Geige auch\neinige seltsame Grimassen ziehen, allein nur in sehr umschränkter\nGränze; der Hauptsache nach blieb das Stück eines der spielenden\nGrazien, eine Blumenkette, scheinbar ohne Ende, von der er so\nviel abwickelte, als ihm gerade im Augenblicke gut dünkte. Aber\nAlles war umduftet von einem unnachahmlichen Hauch der Grazie.\nIm Lauf der Jahre und für andere Spieler hat sich dieses Ver-\nhältniss des Stückes zur Virtuosität jetzt wesentlich verändert. Es\nwird zu einer Haupt-Aufgabe, zwar nicht der Kunst, aber doch\ndes Erfolgs gemacht. Für Paganini blieb es auch in der letzteren\nBeziehung nur eine Neben-Aufgabe, ein kleines Agio, das er auf\nseine schweren Goldstücke zahlte. Der Beweis davon liegt darin,\ndass er es in seinen zwölf Concerten in Berlin gar nicht zum Vor-\nschein brachte, wohl aber in Leipzig auf der Messe."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "81", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550317-01.1.1", "texte": "Stimmen der Kritik über Richard Wagner.\nI.\nDie Zuversicht, mit welcher das einzige kritische Or-\ngan in Deutschland, welches für R. Wagner consequent\nPropaganda zu machen sucht, die leipziger Neue Zeitschrift\nlür Musik, mit vollen Backen behauptet, der Boden sei für\ndas Wurzeln und Gedeihen des Kunstwerkes der Zukunft\nvollständig gewonnen und der Sieg der neuen Grundsätze\nunzweifelhaft entschieden, beruht einestheils freilich wohl\nauf Selbstverblendung, anderenteils aber auf der Voraus-\nsetzung, dass das Publicum die entgegengesetzten Ansich-\nten und gewichtigen Stimmen, welche von Männern aus-\ngehen, die tiefer schöpfen als von dem Schaum der Ober-\nfläche, gar nicht kenne. Dieses Letztere ist allerdings eine\nThatsache, die sich erstens daraus erklärt, dass die grosse\nMenge die wissenschaftlichen Werke, in welchen jene An-\nsichten aus einander gesetzt werden, nicht lies't, sondern\nsich mit den Zeitschriften und Tages-Feuilletons begnügt,\nja, selbst unter diesen meist nach denen greift, die dem Be-\ndürfnisse des Lesers, sich zu unterhalten, mehr entsprechen,\nals dem Triebe, sich zu belehren. Zweitens hütet sich aber\nauch die Propaganda und ihr Organ, auf die Existenz sol-\ncher entgegengesetzten Meinungen und ihre Begründung\naufmerksam zu machen; sie ignorirt, was bekanntlich viel\nbequemer ist, als zu widerlegen; sie posaunt, was wiederum\nleichter ist, als kritisch und logisch zu überzeugen, und das\nalte Sprüchwort: Calumnicire hat sie sich in den\nGrundsatz übersetzt: „Lobpreise nur dreist drauf los, es\nbleibt doch immer etwas davon hangen.\"\nPraktisch wird dann die systematische Anpreisung\ndurch Aufnahme falscher Zeugnisse über die enthusiastische\nund glänzende Aufnahme der Wagner'schen Opern in allen\nmöglichen Städten zu fördern gesucht. Wir werden Be-\nweise von dieser Praxis liefern. Zunächst aber wollen wir\neinige der bedeutendsten kritischen Stimmen gegen das\nKunstwerk der Zukunft in diesen Blättern wiederhallen\nlassen und die Orte angeben, wo ihre ausführliche Rede zu\nvernehmen ist. Auch ist es unsere Pflicht, dadurch die Ehre\nabzuweisen, welche uns Herr Rob. Goldbeck (wie es scheint,\nauch einer von den Musikern, die unter die Schriftsteller\ngegangen sind) in seiner Correspondenz in dem pariser\nBlatte L'Europe artiste vom 21. Januar erzeigt, als wäre\ndie von uns herausgegebene Zeitung die einzige Oppo-\nsitions-Stimme in Deutschland gegen das Drama der Zukunft!\nWir wenden uns zunächst zu Julian Schmidt, der\nim zweiten Theile seiner „Geschichte der deutschen Na-\ntional-Literatur im neunzehnten Jahrhundert\", einem treff-\nlichen Buche, das reich an gründlicher Kritik des Einzelnen,\nnoch reicher an geistvollen Schilderungen der verschiedenen\nLiteratur- und Cultur-Perioden unseres Jahrhunderts ist,\nsich über R. Wagner und dessen Bestrebungen ausspricht.\nWir geben aus dem betreffenden Abschnitte aus dem VIIL\nCapitel („Literarische Tendenzen in der deutschen Kunst\"}\ndasjenige, was Wagner betrifft, auszugsweise, machen aber\njeden Gebildeten, den die Entwicklung der Kunst interes-\nsirt, auf das ganze Capitel aufmerksam.\n„Richard Wagner geht mit den literarischen Tenden-\nzen der neuesten Zeit im Guten wie im Schlimmen Hand\nin Hand.\n„ Was er unter Demokratie versteht, hängt mit der\nhistorischen nicht im Entferntesten zusammen. Sein Princip\nberuht auf jenem für exclusive Naturen berechneten Idealis-\nmus der Künstlerwelt, den das Athenäum, die Europa und\ndie übrigen Zeitschriften der romantischen Schule verkün-\ndeten. Gleich ihnen predigt Wagner die Ablösung des\nKünstlers von allen praktischen Interessen, gleich ihnen\nverhöhnt er die Bourgeoisie und stellt ihr ein ideales Publi-\ncum, welches er Volk nennt, entgegen. Dieses Volk vereinigt\ndie widersprechendsten Anforderungen in sich: Hochherzig-\nkeit der Gesinnung und Freiheit von allen weltlichen Be-\ndürfnissen, Gefühl der Noth und Verständniss für alle Sub-\ntilitäten einer feinern Empfindung. Er definirt es als Inbe-\ngriff aller der Menschen, die eine gemeinsame Noth ver-\neinigt, und dieses Volk will er durch die heitere und edle\nKunst erheben und läutern. Das Volk in Noth verlangt aber"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "82", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550317-01.1.2", "texte": "eine handgreiflichere Kost; es hält sich an das Christen-\nthum oder an den Communismus. Das Volk in Noth ist\nnicht die Well, in der die Symbole jener vornehmen Kunst\nihre Stätte finden. Die Symbole des Kreuzes und der\nGuillotine versteht es; aber mit den Mythen vom Schwa-\nnenritter und vom Venusberg, mit den Mysterien vom hei-\nligen Gral und von den Nornen hat es nichts zu schaffen.\n„Aus den „ „freien Gemeinden\" \" ging das Dogma\nvon der Identität der Religion, der Kunst und der wirkli-\nchen Gesellschaft hervor, so wie von der Identität aller\nKünste—Wiederholungen der Weissagungen von Novalis,\nSchleiermacher u. A. Danach fordert Wagner für sein\nKunstwerk der Zukunft das Zusammenwirken aller\nKünste, die bisher ein selbstständiges Gedeihen gehabt.\nAber diese Forderungen widersprechen sich: 1) die reichere\nEntfaltung der Musik verlangt eine gewisse Enthaltsamkeit\nder Poesie; 2) die detaillirte Entfaltung der Charaktere und\nLeidenschaften lässt eine weitere musicalische Bearbeitung\nnicht zu, weil der dramatische Realismus und der musica-\nlische Idealismus sich in ihrer Ausbildung einander aus-\nschliessen; 3) Wagner's geträumte Oper schliesst eben so-\nwohl die poetische Detaillirung der Situationen und Cha-\nraktere aus, wie die virtuose und in sich selbst abgerundete\nEntfaltung der musicalischen Mittel; eben desshalb kann\nsie jene anderen Kunstformen nicht absorbiren, sondern\nmuss sie neben sich bestehen lassen, das Drama eben so\ngut wie die Symphonie und das Oratorium.\n„Die wahre Kritik geht darauf aus, die Kunstformen\nstreng von einander zu sondern und dadurch rein zu halten.\nDie romantische Kritik dagegen geht auf die Vermi-\nschung, die, weil sie widerstrebende Zwecke vereinigen\nwill, zu keiner endlichen Gestaltung führt. So bei Wagner,\nder nicht bloss in seiner Tendenz, sondern auch in der Me-\nthode seiner Kritik im höchsten Grade Romantiker ist\ner regt, wie die Schriften der romantischen Schule, überall\nan, gibt aber nirgends dem Urtheil einen klaren, fassbaren\nHalt; wir folgen oft gespannt seiner Darstellung von\nUebelständen, seinem Gedankengange, aber wo wir Auf-\nschluss erwarten, bricht er plötzlich ab.—An ruhiger, be-\nsonnener Auseinandersetzung fehlt es ganz und gar die\nHast und Willkür verwirrt uns, anstatt uns aufzuklären\nund immer scheint die falsche Vorstellung durch, mit der\nTendenz sei die Hauptsache abgethan. Ein Uebertreiben der\ngeistigen Ansprüche geht fast immer Hand in Hand mit\neinem Mangel an Productivität. Nach Wagner haben wir\nuns bisher nur mit der Idee gewiegt, als hätten wir über-\nHaupt eine Kunst; sie kann erst in dem „ „Kunstwerke der\nZukunft\"\" erblühen.\n„In diesem soll nun, wie Wagner will, was früher\nZweck war, sich bescheiden, Mittel zu werden, also Mu-\nsik, Malerei, Tanz u. s. w. nur Mittel, durch welche sich\ndie Poesie äussern soll; diese, die Poesie, soll nicht nur\nder eigentliche Zweck, sondern auch die schöpferische\nKraft sein; die musicalische Ausführung soll unbedingt\naus dem poetischen Inhalt hervorgehen, der nothwendige\nAusdruck desselben sein und nichts Anderes geben,\nals ihn. Nehmen wir nun aber das Wort Poesie in sei-\nner höheren Bedeutung, als synonymen Ausdruck für Kunst\nüberhaupt, so wird man doch nicht läugnen können, dass\nsie nach Verschiedenheit der sinnlichen Organe auch ver-\nschiedene Formen annehmen muss, die sich unmög-\nlich einander decken. Die Kunst, die Beethoven zu\nseiner Fidelio-Arie u. s. w. befähigt hat, ist doch eine an-\ndere, als die Kunst Shakespeare's, und das Eine ist aus\ndem Anderen nicht herzuleiten. Es geht uns hier\nwie bei jeder Verallgemeinerung: wir verlieren uns zuletzt\nin leere Phrasen.\"\nDer Verfasser fasst, nachdem er mit Wagner als Kri-\ntiker und theoretischem Schöpfer fertig ist, ihn als Dichter und\nComponisten ins Auge. Zunächst seine Stoffe. Auch Wag-\nner konnte dem allgemeinen Experimentiren in der Musik\nnicht entgehen; er steht ganz in seinem Zeitalter und wett-\neifert mit Meyer beer „im Mangel an innerer Wahrheit\nund im Vorherrschen der rellectirten Bildung über den In-\nstinct\". Seine erste Oper, „Rienzi\", gehörte dem histori-\nschen, seine zweite, „Der fliegende Holländer\", dem\nphantastischen Genre an. Die erstere verläugnete er seitdem\nsie brachte ihn auch in gar zu nahe Berührung mit\nMeyerbeer! —, die letztere jedoch erkennt er, als seiner\neigentümlichen Richtung entsprechend, an; wir Anderen\naber können sie nur als einen Ausfluss des Bestrebens des\nZeitalters halten (welches sich auch in der Neigung der Dicht-\nkunst zum Mystischen offenbarte), den künstlerischen Mit-\ntelpunkt der Oper in dem Uebernatürlichen, in den\nWundern und Erscheinungen und in der durch diese hervor-\ngerufenen Stimmung zu suchen. Daraus erwuchsen Spohr's\nFaust 1814, Weber's Freischütz 1821, Euryanthe 1823,\nOberon 1826, Marschner's Vampvr 1828, Meyerbeer's\nRobert der Teufel 1830, Marschners Hans Meiling 1833.\nund zuletzt Wagners fliegender Holländer 1843.\nIm Grunde genommen, steht Wagner noch immer auf\ndiesem Standpunkte und befindet sich in Uebereinstimmung\nmit der romantischen Schule. „ Er findet nur im Mythus"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "83", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550317-01.1.3", "texte": "den richtigen Vorwurf für das Drama und sein Haupt-\nfehler liegt darin, dass er mehr auf die mit dem Stoff zu\nverbindende symbolische Bedeutung, als auf das Thatsäch-\nliche der Sage Gewicht legt. Der Supranaturalismus in der\nPoesie kann nur schädlich wirken; denn in der Kunst ist\nnur das im Rechte, was wirklich dargestellt wird. Wagner\ngeht aber in seiner supranaturalistischen Richtung in jedem\nneuen Werke weiter [er treibt auch dies, wie alles Andere,\nauf die Spitze].\n„Der fliegende Holländer geht zwar von einem\nübersinnlichen Motiv aus, aber die Behandlung der Sage ist\ndoch individuel— einzelne Scenen sind mit grossem drama-\ntischem Verstand ausgelührt.\n„Im Tannhäuser geht die Symbolisirung schon wei-\nter. Die dramatische Dialektik ist in das Reich der über-\nsinnlichen Ideen verlegt. Der Gegensatz zwischen der heid-\nnischen und der christlichen Liebe knüpft sich nur zufällig\nan eine ziemlich unbedeutende Persönlichkeit. Die Menschen\nsind in diesem Stücke gleichgültig, sie sind nur die Träger\nvon Ideen. Trotzdem ist die Behandlung so geschickt auf\ndie Sinnlichkeit berechnet, dass wir uns über den Supra-\nnaturalismus hinwegsetzen und uns in der phantastischen\nWelt zu Hause fühlen. [Das hat uns und gar Vielen bei\ndem besten Willen doch nur theilweise gelingen wollen.]\n„Dagegen ist im Lohengrin ein weiterer Schritt ins\nReich des Uebernatürlichen, dem wir nicht mehr folgen\nkönnen, weil das Motiv einer ganz bestimmten sittlichen\nVoraussetzung angehört, die nicht mehr die unsrige ist. Das\nerregende Motiv des Stückes beruht darauf, dass Elsa sich\nverpflichtet, ihren Mann niemals zu fragen, wer er sei, und\ndass, als sie ihn fragt, er sich augenblicklich entfernen muss.\nDas ist gegen die menschliche Natur. Das Weib hat das\nRecht und die Pflicht, ihren Mann zu kennen, und wenn\nman uns die Geheimnisse des Grals dagegen vorhält, um\nuns zum Schweigen zu bringen, so sind diese für uns eben\nso wenig eine Autorität, als die Legenden von Wischnu\nund Brama. Die Motive gehen aus dem Menschlichen heraus\n„ [das begreift jeder gesunde Menschen-Verstand, und die\nSchwärmerei Wagner's, mit welcher er, wie er selbst sagt,\nim Lohengrin endlich den reinen Menschen und in Elsa das\nwahre, von ihm sein ganzes Leben hindurch ersehnte Weib\ngefunden hat, erscheint doch gar naiv!] —es ist nicht von\neiner wirklichen Entfaltung menschlicher Leidenschaften\nund Empfindungen die Rede, sondern von mystischen Ge-\ngensätzen, die ein bloss äusserliches Verhältnis» zu einan-\nder haben*).\n„In Folge dessen geht auch die Musik nicht darauf\naus, uns unmittelbar fortzureissen, sondern uns in einer\nahnungs- und geheimnissvollen Spannung zu erhalten. Nur\ndie contrastirenden Ideen, die durch bestimmte melodische\nMotive ausgedrückt werden, sind in ein kunstvolles Wech-\nsel-Verhältniss zu einander gesetzt, nicht die Personen.\nDieser Supranaturalismus ist um so merkwürdiger auch\nhier trägt wieder der christliche Himmel mit seiner spiri-\ntualistischen Reinheit den Sieg über die sinnliche Heiden-\nwelt davon, ganz wie im Tannhäuser —, als Wagner in\nseinen Kritiken den christlichen Spiritualismus mit Leiden-\nschaft bekämpft. Lässt man sich aber einmal in Symbole\nund Allegorieen ein, so geht der Sinn derselben bald in\nsentimentale Stimmungen und endlich in Tändelei verloren.\nSchon im Texte ist von ausgeführten Gedanken nicht die\nRede; es sind ganz allgemein gehaltene lyrische Empfindun-\ngen, die häufig genug in den Conventionellen Klingklang\nauslaufen. Eine Charakteristik der einzelnen Figuren oder\neine durchsichtige Motivirung der Situationen ist nicht ein-\nmal versucht.\n„Mit der musicalischen Ausführung ist es im Grunde\neben so. So wie seine Erklärung, man könne in den neue-\nren Sprachen keinen Vers machen, ein rein individuelles\nGeständnissist, so geht auch seine Gleichgültigkeit gegen\nmelodische Erfindung aus dem dunkeln Gefühle seiner Un-\nproduetivität hervor, Man sieht überall die Reflexion durch.\nWie es bei übertriebenem Spiritualismus fast immer der\nFall ist, so wendet auch Wagner zur Ausführung seiner\nübersinnlichen Zwecke lauter grobsinnliche Mittel an. Er\nverfährt zwar darin geschickter, als Meyerbeer; er sucht\nfür seine Decorationen und Verwandlungen, für seine Cho-\nräle und Hirtenlieder, für seine Märsche und Aufzüge irgend\neine passende Veranlassung; aber am Wesen der Sache\nwird dadurch nichts geändert. Er versteht es sehr gut,\ndurch geschickte, freilich oft auch sehr coquette Instrumen-\ntation die Phantasie zu erregen und zu spannen; aber wo\nder wirkliche Ausdruck einer bleibenden starken Stimmung\nund Leidenschaft erwartet wird, da versiegt seine Kraft,\nund er gibt Trivialitäten, mit barocken Einfällen vermischt\n[und steht alsdann weit unter Meyerbeer].\n„Selbst in Beziehung auf den Ausdruck des dramati-\nschen Inhalts, der nach seinem Grundsätze der höchste\nZweck der Opernmusik ist, erreicht er diesen Zweck nur\nsehr einseitig. Er charakterisirt immer nur einzelne vorüber-\ngehende Situationen, unruhige Momente u. dergl.; zu einer\n\n*) Yergl. die Ausführung dieser Sätze in dem Artikel über Lo-\nhengrin in den Grenzboten (1854, Nr. 3) und in unserer\nZeitung 1854, Nr. 5, vom 4. Februar v. J."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "84", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550317-01.1.4", "texte": "Charakteristik der Figuren, wie so glänzend bei Mozart,\nkommt es bei ihm keineswegs; statt deren giebt er uns\nkurze Motive, die er bei jedem neuen Eintreten derselben\nPerson oder des nämlichen Gedankens wiederholt. Das ist frei-\nlich die wohlfeilste Art der Charakteristik; denn sie ist\nganz äusserlich und im Grunde bloss auf das Gedächtniss\nberechnet.\n„Der angeführte Grundsatz aber, dass der vollständige\nAusdruck des dramatischen Inhalts das Höchste in der Musik\nsei, ist falsch. Der Ausdruck darf immer nur das untergeord-\nnetste Moment der Kunst sein, die Hauptsache bleibt immer,\nwas der Künstler [qualitate qua]eigentlich uns giebt, und das\nwird denn doch wohl aul dasjenige hinauskommen, was\nWagner sehr geringschätzig absolute Musik nennt [mit an-\nderen Worten: in dem musicalischen Kunstwerke wird doch\nwohl die Musik die Hauptsache sein]. Seine eigene Un-\nfähigkeit, einen grossen musicalischen Gedanken festzuhal-\nten, seine Methode der musicalischen Ideen-Association, die\nstark nach Mosaik-Arbeit aussieht, und seine Nichtachtung\nder musicalischen Kunstformen sind noch keine Beweise\nfür seine Ansichten. Eben so wenig der momentane Eindruck\nseiner Opern auf die Masse (die Handgreiflichkeit seiner\nAbsichten des Ausdrucks macht seine Musik eben so popu-\nlär, wie die Meyerbeer'sche): das Volk- begeistert sich in\nderselben Weise für Flotow und für Meyerbeer, wie für\nWagner, und eigentlich auch aus demselben Grunde.\"\n\nZweite Parallele.\nDie musicalische Kritik unserer Zeit.\n\nMan erinnert sich, wie der Verfasser des Aufsatzes\n„Die gegenwärtige hohe Orchester-Stimmung\" schon in\nder Randnote in Nr. 8 auf die harmonischen Verhält-\nnisse der musicalischen Kritik als sich zunächst\nentgegenstellende Parallele hingewiesen, so lange die\nleipziger Allg. Musik-Zeitung unter Redaction von Friedrich\nRochlitz das alleinige kritische Tribunal für ganz Deutsch-\nland gewesen. Die Kritik war in der Weise harmonisch\nübereinstimmend wie die Blas-Instrumente unter ein-\nander, so lange diese aus Einer und derselben Fabrik fast\nlür ganz Deutschland hervorgegangen waren. Wie hier die\ngleiche Tonhöhe in allen Orchestern sich als erfreuliches\nErgebniss kund gab, so war es dort die allgemeine Geltung\nder Urtheile weit über Deutschlands Gränzen hinaus.\nDiese allgemeines Vertrauen erweckenden Zustände in\nder Kritik, bewirkt von einer Anzahl gesinnungstüchtiger\nMänner, hochgeachtet zugleich durch ihre Lebensstellung,\ndauerten ungetrübt bis zum Erscheinen der berliner Musik-\nZeitung, unter Redaction von A. B. Marx, 1824. Als-\nbald trennten sich Meinungen und Urtheile in oft entgegen-\ngesetzter Richtung. Während zu Leipzig mit dem von ehr-\nwürdigen Lehrern musicalischer Kunstwissenschaft verfass-\nten Buche zur Hand, ruhigen und gemessenen Schrittes,\naber in etwas nüchternem Stile über neue Werke geurtheilt\nward, erging man sich zu Berlin in dichterischen Bildern\nund kunstphilosophischen Theoremen, dies häufig noch in\nso arger Weitschweifigkeit, wie diese in musicalischer Li-\nteratur bis dahin nicht da gewesen*). Der Samen des bald\nnachher aufgeschossenen, Alles überwuchernden „neumodi-\nschen Lehrjammers\" keimte bereits in dieser Zeitung, der\nes an Theilnahme nicht gefehlt, denn das Auftreten in so\nungewohnter Weise vermochte nicht wenig zu imponiren.\nMarx war der erste Herold des „Fortschrittes\", wolür die\nKunstgeschichte ihm einstens das verdiente Monument zu\nsetzen nicht vergessen dürfte. Sein berliner Organ erreichte\nmit 1830 sein Ende. Mittlerweile hatte das leipziger ange-\nfangen, in Haltung und Bedeutung zu sinken. Warum?\nDas wissen vielleicht die italiänischen Correspondenten, viel-\nleicht auch noch die in der Nähe darauf Einfluss gehabt\nhabenden Personen.\n1834 begann Robert Schumann zu Leipzig seine\nkritische Wirksamkeit. Eusebius und Florestan in Einer\nPerson, meinte es Schumann mit der Sache redlich und\nernst. Das Auftreten geschah mit weit weniger oratorischer\nund dichterischer Emphase, als einst in Berlin, auch wur-\nden die Dinge nicht gewaltsam vorwärts gedrängt; über-\nhaupt verstand man es, sich stets in achtungswerther Be-\nscheidenheit zu halten. Jedoch anstatt kerniger, auf gesunde\n\n*) Das jüngste Zeugniss von beängstigender, weil athembench-\nmender Weitschweifigkeit giebt sich Herr Prof. Marx in sei-\nnem neuen Buche: „Die Musik des 19. Jahrhunderts und ihre\nPflege.\" Ist es wohl denkbar, dass das Wortgepränge noch\nweiter getrieben werden könne?! Ein didaktisches Werk\niür Lehrer bestimmt auf 36 Druckbogen, dessen eigent-\nlicher Kern keiner zwölf bedurft hätte. Unter dem massen-\nweise aufgehäuften, ästhetischen und philosophischen Schutte\nist in unseren Tagen schon so manches gute Talent begraben\nworden und wird es fortan noch werden. Wie glücklich ist\ndoch das 18. Jahrhundert zu preisen, dass es keine schwatzen-\nden Kunst-Philosophen gehabt! Die Talente konnten sich dar-\num nach Maassgabe der Umstände ungehindert entwickeln\nund zu Männern der That heran reifen, die wir jetzt als\nCiassiker verehren. Und diese Männer der That fanden zu\nihrer Ausbildung nichts vor als einige Schulbücher und\ngrosse lebende Beispiele. Bedenkt das, ihr dick- und dünn-\nleibigen Fortschritts-Schreier und Kunstschwätzer des 19.\nJahrhunderts!"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "85", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550317-01.1.5", "texte": "Anschauung, rein wissenschaftliche Basis und Erfahrung\ngestellter Kritik, die absieht von unwesentlichen Nebendin-\ngen, möglichst kurz und bündig sein will, um von Jeder-\nmann verstanden zu werden, bekam der Leser der Neuen\nZeitschrift für Musik die R. Schumann gegründet\nmeist Träumereien und Phantasieen, oft genug noch trans-\nscendentalen Inhalts, zu Gesicht. Die Aufgabe der Kritik,\ndie vor Allem belehren soll, nicht unterhalten, ward ver-\nkannt; nicht zu verwundern: denn die dabei thätigen\nKräfte gehörten alle dem jugendlichen Alter an. Gleich-\nzeitig begann das Virtuosenlhum, in Massen seinen Um-\nzug izu halten. Dieses gab den Haupt-Impuls, dass\nnicht nur alle belletristischen, sondern leider auch alle po-\nlitischen Zeitungen der musicalischen Kritik mehr als ehe-\ndem ihre Spalten öffneten. Die Pfuscherei in der Kritik\nbegann in grossem Stile. Sie setzte eine Legion von Fe-\ndern in Thätigkeit, die alle gut honorirt wurden. Von da ab\nwar allgemeine [?] Geschmacks-Verderbniss und Bestech-\nlichkeit ein Fait accompli.\nDas Uebel stieg noch höher, als nicht wenige Musik-\nVerleger bloss im Interesse der Kunst und des Publi-\ncums! iür gut fanden, sich kritische Organe unter ver-\nschiedenen Titeln beizulegen, um ihre grösstentheils werth-\nlosen Verlags-Artikel desto freier und frecher anempfehlen\nzu können. Hierbei ist besonders bemerkenswerth, dass\ndies zumeist unter Verantwortlichkeit der Herren Verleger\nselber geschieht, weil zu solch verächtlichem Geschäfte kein\nehrenhafter, kunstwissenschaftlicher Mann als Redacteur\nsich hergiebt. Daher sehen wir die Mehrzahl der in Deutsch-\nland bestehenden Musik-Zeitungen ohne die nolhwendige\nAutorität eines namhaft gemachten Redacteurs an der\nSpitze*). Die Corruption hat somit auch für Deutschland\nden höchsten Grad erreicht, so zwar, dass mit Verstimmung\nder Instrumente, der Gemüther und Sinne es dahin gekom-\nmen, dass keine Stadt mehr in Sachen der Mu-\nsik ein sicheres, übereinstimmendes Orth eil\nhat. Ja, es gibt Städte, in denen die Kunst-Kritik in allen\nFächern wie ein Gewerbe betrieben und gegen Angriffe von\nden Behörden in Schutz genommen wird. Da werden kri-\ntische Beurtheilungen über Schauspielkunst, Musik u. s. f.\nauf Bestellung angefertigt und in der Regel\nmwando honorirt Zustände, die nicht bloss den ästheti-\nschen Sinn, sondern auchGelühl für Wahrheit und Recht in\nder Bevölkerung in Frage stellen, Zustände, die Jedermann\nkennt und bespöttelt, und die dennoch bestehen und pro-\nsperiren seit beinahe einem Menschenalter!! Eine der\nStädte heisst Frankfurt am Main.\nNoch grösseren Flächenraum werden diese scheussli-\nchen Zustände gewinnen, wenn noch die hochrenommirten\nPianoforte-Fabriken, dem Beispiele der Musik-Verleger fol-\ngend, gleichfalls Journale erscheinen lassen—versteht sich,\nauch nur im Interesse der Kunst und des Publicums. Vor-\ngänge auf der münchener Industrie-Ausstellung lassen die\nAusführung dieses „längst gefühlten Bedürfnisses\" bald\nerwarten.\nEndlich das Schisma zwischen der historischen und der\nneuromantischen Schule in der Oper, durch Richard Wag-\nner herbeigeführt und durch seine Jünger weiter gefördert.\nWie sehr hat auch dieses die Grundsätze, auf denen eine\nunparteiische, vernünftige Kritik beruhen soll, um Glauben\nund Vertrauen zu erwecken, noch weiter verrückt! Welch\nunerquickliches und betrübendes Schauspiel bieten uns dies-\nfalls die Expectorationen in der Neuen Zeitschrift für Mu-\nsik dar, wobei Liszt mit eine grosse Rolle spielt! Hatten\nwir im Verlaufe zweier Jahrzehende vielfach Gelegenheit,\nzu bedauern, dass der so begabte Mann keinen besseren\nGebrauch von seinen Fähigkeiten zum Vortheil echter Kunst\nzu machen bestrebt ist, so geht es uns jetzt wieder so mit\nseiner schriftstellerischen Thätigkeit. War es dem reprodu-\ncirenden Künstler am Pianoforte nur selten möglich, seine\nexcentrische Subjectivität im Vortrage classischer Musik in\nästhetischen Schranken zu halten*), so sehen wir dasselbe\nSpiel wiederum in seinen kritischen Aufsätzen. Wenn man\nden überschwänglichen Missbrauch mit dem Pedale und den\ndynamischen Zeichen [?] in seinen Vorträgen mit dem ver-\nschwenderischen Gebrauche der Tropen, Metaphern, Hy-\nperbeln und den übrigen Redefiguren in seinen Aufsätzen\nin einen Vergleich bringen wollte, so wären die schriftstel-\nlerischen Ergüsse des Herrn Liszt vielleicht nicht unpas-\nsend gezeichnet. Ausschweifende Phantasiebilder, wie unter\nAnderen eines, Frau Clara Schumann betreffend: „Sie\ndrang mehr und mehr nach dem Aequator, um inmitten\n\n*) Die Berliner, die Wiener, die Rheinische, die Süddeutsche\nMusik-Zeitung, die Signale und andere noch erscheinen alle\nunter so genannter Verantwortlichkeit der Verleger!!\n*) Es scheint, dass unser geehrter Mitarbeiter entweder niemals\nVorträge classischer Compositionen, wie der Concerte und der\nSonaten von Beethoven, F. Schubert, C. M. von Weber, ja,\nselbst von Hummel, durch Liszt gehört hat, oder dass er sich\ngrundsätzlich gegen eine vollkommen berechtigte Kunst-Er-\nscheinung, gegen das Virtuosenthum im künstlerischen Sinne,\nabschliesst. Uns werden jene Vorträge, namentlich des Es-\ndwr-Concerts, der Sonaten Op. 101, 106, 110, 111 von Beet-\nhoven, unvergesslich sein kein Künstler vermag so wie\nLiszt die absoluteste Correctheit mit der Genialität der Re-\nproduction zu vereinigen. Die Redaction."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "86", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550317-01.1.6", "texte": "der Flammen der Kunst zu athmen\", gehören noch lange\nnicht zu den auf der höchsten Spitze der Hyperbel flattern-\nden, bombastischen Unsinn ausdrückenden.\nBisher hat das geistreich sein wollende Feuilletonisten-\nGeschwätz nach französischen Mustern die Spalten deut-\nscher Musik-Organe noch nicht gefüllt. Die Ehre des Vor-\ntrittes war Liszt vorbehalten. Wahrlich, Göthe, Tieck,\nGutzkow, Dingelstedt und so viele Andere, die es nicht\nverschmähen, in schlichtem, verständlichem Deutsch—ohne\nPhrasen-Geklapper über wichtigere Dinge zu schreiben,\nals Liszt, haben für diese neue Acquisition der musicali-\nschen Kritik kein Muster in der Ausdrucksweise hinzustel-\nlen vermocht! Wenn diese Jünger und Apostel Wagner's\nglauben, das Spiel schon gewonnen zu haben, wie sie sich\ngeberden, so sind sie in grossem Irrthume. Die Wahrheit\nwird auch in diesem Falle obsiegen, und diese ist nicht auf\nihrer Seite.\nWie die grauenhaft durch einander geworfenen Dinge\nim Augenblick stehen, so ist die deutsche Kritik gegen die\nfranzösische nur in Einem Punkte noch zurück, in der Ge-\nschicklichkeit (oder Frechheit?) nämlich, für eine ansehn-\nliche Jahres-Bestallung Ruhm zu machen —in gros-\nsen Blättern nämlich, in kleinen treibt sie dieses Ge-\nschäft schon seit lange. Es steht jedoch zu hoffen, dass\ndas Heldengeschlecht der Jules Janin, Fiorentino u. A. m.\nsich wohl bald auf deutschen Boden werde verpflanzen las-\nsen und würdige Schösslinge treiben werde. Vielleicht ist\ngar schon zu Leipzig das Seminar dafür gegründet.\nWelcher Sterbliche vermag es, dem Laufe dieser un-\nheilvollen Zustände ins Rad zu greifen und Besserung zu\nbewirken, von der wenigstens die Zukunft (nicht die Zu-\nkunfts-Musik) profitircn kann ? Die Gegenwart ist und bleibt\nverstimmt, läge es gleichwohl in der Menschen Macht und\nMöglichkeit, das Kunstrichter-Amt wieder in die Hände\neines einzigen Tribunals nieder zu legen, wie das einst zu\nLeipzig gewesen, und verspräche dieses neue Tribunal\ngleichwohl „absolute Unparteilichkeit\", wie dies\nzu unserem nicht geringen Erstaunen in dem Prospectus\nder „Blätter lür Musik\" geschieht, deren Erscheinen unter\nRedaction des Herrn L. A. Zellner in Wien bevorsteht\nin jenem Wien nämlich, wo bisher die simple Unpartei-\nlichkeit zu den absoluten Unmöglichkeiten gehörte\nund Musik-Organe meist auf Sand gebaut hatten. Jenu,\nGluck auf, muthiger Mann*)!\n\nA. Schindler.\n\n*) Die Schilderung noch anderer, sich aufdringender Parallelen,\nz. B.: Je mehr gedruckte Gesangs-Methoden, desto weniger\n\nAus Frankfurt am Main.\n\nZu den bedeutendsten Erscheinungen in der Oper im\nLaufe dieses Winters gehört Cherubini's Medea, die\nnach langjähriger Entfernung Capellmeister Schmidt am\n1. März zu seinem Benefice gegeben hat, und zwar mit\nden von Franz Lachner hinzu geschriebenen Recitati-\nven. Frau Lei sing er, die Gemahlin eines in Stuttgart\npraklicirenden Arztes, die kurze Zeit hindurch ein Engage-\nment an unserem Theater angenommen hatte, um ihrem\nfrüheren künstlerischen Berufe nicht ganz fremd zu werden,\nsang die Titelrolle. Eine Sängerin, die sich an Cherubini's Me-\ndea wagt, muss ein starkes Bewusstsein ihrer geistigen und\nphysischen, überhaupt künstlerischen Kräfte besitzen; denn\ndie Aufgabe ist eine der grössten und schwierigsten in dem\numfassenden Gebiete dramatischer Gesangskunst und über-\nragt, vornehmlich in Bezug auf physische Anforderung, eine\nDonna Anna, Rezia, Fidelio, Vestalin bei Weitem. Frau Lei-\nsinger, von einer der Rolle ganz entsprechenden Persönlich-\nkeit unterstützt, befriedigte nicht nur in jeder Hinsicht, ihre\nLeistung als Sängerin und Darstellerin muss eine ausge-\nzeichnete genannt werden, die von keiner der lebenden\nKunstschwestern überboten werden dürfte. In dem kurzen\nZeiträume von neun Tagen diese Partie mit gleich siegrei-\ncher Kraft drei Mal durchzuführen, zeugt von äusserst selte-\nner Begabung. Die würdige Künstlerin, bereits wieder in\nihren Familienkreis zurückgekehrt, hat sich ein dauerndes\nAndenken bei unserem für wahrhaft Grosses noch empfäng-\nlichen Publicum durch diese ihre Leistung gesichert; das\nbezeugte ihr das stets gefüllte Haus und der außergewöhn-\nliche Beifall, der ihr in jeder Vorstellung durch allgemeines\nHervorrufen nach jedem Actschlusse zu Theil geworden.\nJeder fühlte, dass man ihr allein diesen Hochgenuss zu dan-\nken habe. Die heimischen Kräfte wirkten aber auch alle mit\nwarmer Theilnahme zum Gelingen des unvergänglichen Wer-\nkes mit und verdienen Anerkennung. Es war nirgend Stö-\nrendes im Ensemble bemerkbar.\nDie gegenwärtige Inscenesetzung dieser Oper, die zum\nersten Male 1797 in Paris auf die Bühne kam, geschah\ngetreu nach der gedruckten Partitur. Die im Theater-Archiv\nbefindliche soll durch Guhr's geübtes Secirmesser, nach Art\ngefälliger oder leichtsinniger, um logischen Nexus sich we-\nnig kümmernder Theater-Capellmeister, etwas grausamlich\nverstümmelt sein. Die frevelnde Hand des Capeilmeisters,\n\ngute Sänger; Je mehr von Weisheit und Fortschritts-Ge-\nschrei überströmende Compositions- und andere Lehrbücher,\ndesto weniger wissenschaftlich ausgebildete Componisten u. s. w.,\nüberlässt der Verfasser anderen Federn zur Ausschmückung."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "87", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550317-01.1.7", "texte": "die zu den Beethoven'schen Sinfonieen Posaunen zu setzen\ngewagt, hatte auch Cherubini's Medea mit drei Posaunen\nversehen, um die Oper für sein Publicum zu appretiren\nund geniessbarer, d. h. lärmender, zu machen.\nNicht genug zu loben ist, was Lachner an diesem er-\nhabenen Werke gethan und mit welchem Geschick er es\ngethan. Man konnte der Sache nicht mehr nützen, als durch\nBeseitigung des Dialogs. Vermittels des Recitativs wird das\nHochtragische in allen Theilen in erwünschte Uebereinstim-\nmung, resp. in Einheit gebracht, die durch unvorteilhafte\nSprach-Organe mancher Sänger allein schon gefährdet wer-\nden konnte.\nGluck's Iphigenia aufTauris mit Frau Anschütz\nwird zur Aufführung vorbereitet. Sie sehen, dass nach\nso vieler Zukunfts-Musik, die unseren Opernfreunden seit\ndrei Jahren vorgeführt worden, wir plötzlich classisch, ja,\nerzclassisch zu werden beginnen, um vielleicht gar in der\nClassicomanie mit anderen hiesigen Instituten zu rivalisiren.\nMöglicher Weise kommen unsere Operisten sammt dem\nCapelimeister auf diesem Wege dahin, mehr kühne Griffe\nin das Repertoire der älteren französischen Oper zu machen\nund der lebenden Generation zu zeigen, welch grosse\nSchätze im Staube der Archive liegen, die nur gebildete\nSänger und gewandte Darsteller suchen, um einen guten\nTheil der modernen Opernzwitter alsbald dahin zu schicken,\nwohin sie eigentlich gehören. Mag immerhin Paer's lusti-\nger Schuster, der im Laufe dieser Woche noch inScene\ngeht, den Reigen eröffnen. Indess wollen wir einer der fei-\nnen und graziösen Opern von D'Allairac, Isouard, Berton\nund Boieldieu, vielleicht auch den ernsteren Cherubinischen\nund anderer Meister jener Kunst-Epoche im kommenden\nWinter getrost entgegen harren.\n\nA. S.\n\nAns London.\nDen 10. März 1855.\nAm Donnerstag den 8. <1. Mts. feierte die\nof Musiciansihren hundert siebenzehnten Stif-\ntungstag in der Freirnaurerhaile. Zu diesem segenbringen-\nden Vereine hat bekanntlich Händel den Grund gelegt*).\nNoch immer ist wahr, was Dr. Burney vor fast hundert\nJahren von dieser Gesellschaft sagte: „Kein wohlthätiges\nInstitut kann mit mehr Redlichkeit und Sparsamkeit ver-\nwaltet werden, als dieses, da mit Ausnahme einer geringen\nEntschädigung für den Secretär und Cassirer und der Druck-\nkosten die Directoren alle übrigen Verwaltungs-Ausgaben\naus ihrer Tasche bezahlen.\" Und das ist, wie jeder weiss,\nder die Kosten der hiesigen Meetings u. s. w. bei ähnlichen\nGesellschaften kennt, keine Kleinigkeit. Charakteristisch ist\ndie Bemerkung des „Express\", dass „in einer Zeit, wie\ndie gegenwärtige, wo ein so grosser Theil der Einnahmen\nwohlthätiger Stiftungen ihrem Zwecke entzogen wird und\nin Gestalt von Besoldungen und Verwaltungskosten in die\nTaschen von Privatleuten iiiesst, dieser Zug der Society of\nMusicians nicht genug gerühmt werden könne\".\nNach dem Rechenschafts-Berichte hat der Verein im\nJahre 1854 eine Einnahme von 3044 Pf. St. (etwa 20,000\nThlr.) gehabt [also 46 Pf. mehr, als im Jahre 1853], wo-\nvon nicht mehr als 235 Pf. für Verwaltungskosten ver-\nwandt worden sind. An Zinsen von Eigenthum hat er 1833\nPf. eingenommen, der Rest ist durch Beiträge der Mitglie-\nder (über 600), durch Subscriptionen und Concerte einge-\ngangen, darunter 75 Pf. von Ernst, und vom Hause der\nPianofabricanten Broadwood u. S. im Laufe der Zeit\neine Summe, welche gegenwärtig 1000 Pf. übersteigt.\nWährend des Jahres sind 2037 Pf. an Pensionen für be-\njahrte Musiker, Witwen und Waisen gezahlt, der Rest der\nEinnahme zu ausserordentlichen Unterstützungen in Krank-\nheiten, bei Todesfällen, an Erziehungs-Prämien u. s. w.\nverwandt worden.\nDie Versammlung war sehr zahlreich und hatte alle\nKünstler von Bedeutung, die hier wohnen oder anwesend\nwaren, vereinigt. Die Feier wurde durch musicalische Auf-\nführungen, wozu Ernst und andere ausgezeichnete Künst-\nler mitwirkten, verschönert.\n*-) Siehe die Geschichte der Entstehung der Gesellschaft in Nr.\n28 des Jahrgangs 1854 dieser Blätter in der Nr. 11. unserer\nArtikel lieber die musicalis chen Zustande in Lon-\ndon\". Die Redaction.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nliölai* Das zweite Abonnements-Concert des Män-\nnergesang-Vereins unter Leitung des k. Musik-Directors Herrn\nF. Weber fand am 11. d. Mts. unter sehr zahlreicher Theilnahme\nund zu grosser Befriedigung des Publicums Statt. Das Programm\nenthielt unter seinen 15 Nummern viele neue Gesänge, von denen\nHiller's Chor „Sonnenaufgang\", Schärtl ich's „Hoffnung\" und\ndessen „König im Mohrenland\" am meisten gefielen. Auch Mo-\nzart's Ave verum mit Begleitung des Harmoniums machte eine\ngute Wirkung. Die Solo-Vorträge der Herren DuMont und Pütz\nwurden mit Recht mit ganz besonderem Beifall aufgenommen; na-\nmentlich übte der schöne Bariton des Herrn DuMont, welcher die-\nsen Abend ganz vorzüglich bei Stimme war, so dass er auch über\ndie schlechte Akustik des Casinosaales siegte, seinen vollen Zauber\naus, während bei Herrn Pütz besonders die Lieblichkeit des Tones\nund des Vortrags fesselte. Der Chor, merkwürdiger Weise zahlrei-\ncher besetzt als sonst, zeichnete sich durch seine bekannten Eigen-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "88", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550317-01.1.8", "texte": "Schäften der Präcision und feinen Nuancirung, so wie durch den\nschönen Gesammtton aus, zu welchem besonders die Klangfülle\nder Bässe beitrug. Die alte Garde lebt noch!\nCapellmeister Hill er unterstützte das Concert durch seine freund-\nliche Mitwirkung, so wie auch Fräul. N. Hartmann (welche die\nArie „Höre, Israel,\" von Mend elsso hn und zwei Lieder von\nHill er, welche ihr der Herr Componist selbst begleitete, mit Bei-\nfall vortrug) und Herr Breunung, der mit Hiller dessen Varia-\ntionen für zwei Claviere auf „Lützow's wilde Jagd\" spielte. Hiller\ngab auch noch eine kurze freie Phantasie zum Besten.\nHiernach sind die in manche Blätter aufgenommenen Gerüchte\nund Uebertreibungen von Uneinigkeit und einem\" „Geiste der Auf-\nlösung\" in dem kölner Männergesang-Verein zu berichtigen. Es ist\nallerdings zu bedauern, dass eine Zahl von Mitgliedern (etwa 30)\ngeglaubt hat, austreten zu müssen; allein das kann einen Verein,\nder auf einem solchen Kunststreben, auf solchen Kräften, auf einem\nsolchen Leiter und auf einer so ruhmvollen Geschichte beruht, wie\nder hiesige, nicht erschüttern, geschweige denn zerstören.\nAm Dinstag den 13. d. Mts. fand die fünfte Soiree für\nKammermusik im Saale des Hotel Disch Statt. Ein neues\nwir wissen nicht, ob bloss uns, oder überhaupt neues Quartett\nfür zwei Violinen, Bratsche und Bass von Ed. Franck in F-moll\nzeigte, wie alles, was Franck schreibt, den tüchtigen und ernst\nstrebenden Musiker; doch fanden wir weniger Phantasie\" und\nSchwung darin, als in anderen neueren Compositionen desselben,\ndas Scherzo ausgenommeu, welches in jeder Hinsicht ausgezeich-\nnet werden muss. Sodann hörten wir Beethoven's heiteres A-dur-\nQuartett (Op. 18, Nr. 5) durch die Herren Hartmann, Derckum»\nPeters und Breuer ganz vortrefflich vortragen; namentlich die\nVariationen entzückten Alle. Herr Breunung spielte zwischen\nden beiden Violin-Quartetten die Sonate en Fantaisie von Beet-\nhoven, Op. 27, Nummer Eins, in Es-dur, welche selten zu Öf-\nfentlicher Production gewählt wird, wodurch der meisterhafte Vor-\ntrag derselben desto interessanter wurde aber auch wohl nicht\nviel mehr als das, denn es fehlt dieser Composition bei allem ihrem\nWerthe doch das Hinreissende und unmittelbar ins Herz Dringende\nder übrigen Beethoven'schen Musik. F. Schubert's Trio in Es\nfür Pianoforte, Violine und Cello (die Herren Breunung, Hart-\nmann und Breuer) machte den Schluss. Es ist fast nicht zu be-\ngreifen, dass Schubert bei seinem Leben nicht die verdiente Aner-\nkennung fand; diese Thatsache lässt sich nur schwer durch die\nIncorrectheit der Form und die damit zusammenhangende über-\nmässige Länge aller seiner Instrumentalsachen erklären, da, abge-\nsehen von diesen Mängeln, die allerdings seine allgemeine Ver-\nbreitung auch jetzt noch hindern, ein unerschöpflicher Reichthum\nvon Melodie und eine wundervolle, lebensfrische Phantasie ihn un-\nter die grösstcn Tonkünstler stellen. Die Ausführung des grossen\nTrio's wrar vortrefflich.\nWeimar. Am 17. Februar war Hof-Concert, welches H.\nBerlioz dirigirte. Er führte von seinen Compositionen auf: Bruch-\nstücke aus „Romeo nnd Julie\" und aus „Faust\", „La Captine\" von\nV. Hugo für Altstimme und Orchester, Künstler-Chor und Schwur\naus seiner Oper „Benvenuto Cellini\". Franz Liszt spielte ein\nneues Concert eigener Composition für Pianoforte mit Orchester.\nJulius Rietz geht nicht nach Dessau; er hat einen\nneuen Contract für die Direction der Gewandhaus-Concerte auf\nsechs Jahre abgeschlossen.\nDie leipziger Neue Zeitschrift für Musik spricht sich sehr an-\nerkennend über F. Hiller's Compositionen aus, namentlich über\ndie Sinfonie „Im Freien\", die grossen Variationen für Piano-\nforte, die Ouvertüre zu Phädra, die Serenade für Pianoforte,\nVioline und Violoncell, welche Hiller in dem 16. und 17. Abonne-\nments-Concerte im Gewandhause und in einer Quartett-Soiree vor-\ngeführt hat\nAlexander Dreyschock, der in Kopenhagen eine Reih®\nvon Concerten gegeben, wurde vom Könige von Dänemark nach\nFrederiksborg eingeladen. Als er sich empfahl, um nach der Stadt\nzurück zu fahren, gab ihm der König ein Päckchen Cigarren mit\nauf die Fahrt; sie waren in Bankscheine von 100 Thlrn. eingewickelt.\nDer so genannte Carneval von Venedig, den alle reisenden\nViolin-Virtuosen, seitdem Ernst das Stück also getauft und als\nsein Eigenthum der Welt eine Zeit lang vorgesetzt, sich als Zug-\nstück für die grosse Menge angeeignet haben, hat seinen Ursprung\n(nach einer Notiz von L. Rellstab) in Paganini. Er behandelte\nihn als das, was er ist und bleiben sollte, als ein kleines, graziöses\nSpielwerk, das er als eine artige Zugabe in den Kauf des Abends\ngab, während er vorher ganz andere, mächtige Gewichte in die\nWagschale gelegt hatte. Eben so unbefangen, leichthin war sein\nWesen beim Vortrage. Er tändelte mit der Melodie, improvisirte\nVieles, wechselte mit den Variationen, Hess zwar die Geige auch\neinige seltsame Grimassen ziehen, allein nur in sehr umschränkter\nGränze; der Hauptsache nach blieb das Stück eines der spielenden\nGrazien, eine Blumenkette, scheinbar ohne Ende, von der er so\nviel abwickelte, als ihm gerade im Augenblicke gut dünkte. Aber\nAlles war umduftet von einem unnachahmlichen Hauch der Grazie.\nIm Lauf der Jahre und für andere Spieler hat sich dieses Ver-\nhältniss des Stückes zur Virtuosität jetzt wesentlich verändert. Es\nwird zu einer Haupt-Aufgabe, zwar nicht der Kunst, aber doch\ndes Erfolgs gemacht. Für Paganini blieb es auch in der letzteren\nBeziehung nur eine Neben-Aufgabe, ein kleines Agio, das er auf\nseine schweren Goldstücke zahlte. Der Beweis davon liegt darin,\ndass er es in seinen zwölf Concerten in Berlin gar nicht zum Vor-\nschein brachte, wohl aber in Leipzig auf der Messe."}]}