{"numero_id": "bm-bmtnabi-1855-03-24-01", "volume": "bmtnabi_1855-03-24_01", "ocr_sha256": "7bf958de4bdcee8301638f465ba253a7512c2c636da4de67ddcc5091c0c497e1", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1855/03/24_01/bmtnabi_1855-03-24_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550324-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1855-03-24-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-03-24_01#c001", "volume": "bmtnabi_1855-03-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "89", "page_fin": "91", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550324-01.2.1", "titre_corps": "Stimmen der Kritik über Richard Wagner.", "titre_sommaire": "Stimmen der Kritik über Richard Wagner.", "signature_source": "L. 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Seit Gluck in der notwendigen Reaction\ngegen die melodischen Uebergrifle der Italiäner nicht auf,\nsondern hinter die richtige Mitte zurückschritt (genau wie\nheutzutage R. Wagner thut), wird der in der Dedicalion\nder Alceste ausgesprochene Satz, es sei der Text die rich-\ntig und wohl angelegte Zeichnung, welche die Musik ledig-\nlich zu coloriren habe, unablässig nachgebetet. Wenn die\nMusik nicht in viel grossartigerem, als bloss colorirendem\nSinne das Gedicht behandelt, wenn sie nicht—selbst\nZeichnung und Farbe zugleich etwas ganz Neues\nhinzubringt, das in ureigener Schönheitskraft blättertrei-\nbend die WTorte zum blossen Epheu-Spalier umschafft,\ndann hat sie höchstens die Staffel der Schüler-Uebung oder\nDilettanten-Freude erklommen, die reine. Höhe der Kunst\nnimmermehr.\" (S. 21.)\n„Das gleichmässige Genügen an die musicali-\nschen und die dramatischen Anforderungen gilt mit\nRecht lür das Ideal der Oper. Die Finale's in Mozart's\nOpern stehen im richtigsten Einklang mit ihrem Texte; hört\nman sie ohne diesen, so werden Mittelglieder etwa unklar\nbleiben, die Hauptpartieen und deren Ganzes aber an sich\nschöne Musik sein. Das Augenmerk des echten Opern-\nComponisten wird ein stetes Verbinden und Vermitteln\nbeider Forderungen sein, niemals ein principiel unverhält-\nnissmässiges Vorherrschen der einen. Im Zweifel wird er\nsich für die Bevorzugung der musicalischen entschei-\nden; denn die Oper ist vorerst Musik, nicht\nDrama. Je consequenter man in ihr das dramatische\nPrincip rein halten will, ihr die Lebensluft der musicali-\nschen Schönheit entziehend, desto siecher schwindet sie\ndahin, wie der Vogel unter der Luftpumpe. Man muss\nnothwendig bis zum rein gesprochenen Drama zurück\nkommen, womit man dann wenigstens den Beweis hat, dass\ndie Oper wirklich unmöglich ist, wenn man nicht dem\nmusicalisehen Princip (mit vollem Bewusstsein seiner\nrealitätfeindlichen Natur) die Oberherrschaft in ihr\neinräumt. In der Wirklichkeit ist dieses Letztere auch bei\nGluck und selbst bei Wagner der Fall *), und der Letztere\nhätte sich manch eitles Gerede ersparen können, wenn er\nin den Schriften über den Gluck'schen Musikstreit sich in-\nformirt hätte, wie viel von der Frage bereits längst bespro-\nchen und erledigt worden war.\" .\n„Der Haupt-Grundsatz Wagner's, dass „ „der Irrthum\nder Oper als Kunstgattung darin bestehe, dass ein Mittel\n(die Musik) zum Zwecke, der Zweck (das Drama) aber zum\nMittel gemacht werde\"\"— steht gänzlich auf falschem Bo-\nden. Denn eine Oper, in der die Musik immer und wirk-\nlich nur als Mittel zum dramatischen Ausdrucke ge-\nbraucht wird, ist ein musicalisches Unding.\"\n„Wie kommt es, dass wir in vielen Opern-Stellen\nmanche kleine Aenderung vornehmen können, welche die\nRichtigkeit des Gelübls-Ausdruckes nicht im Mindesten\nschwächen und doch die Schönheit des Motivs sogleich\nvernichten? - Wie kommt es, dass manches Gesangstück,\nwelches seinen Text tadellos ausdrückt, uns unleidlich\nschlecht erscheint?\" (S. 27 31.)\nAuch die Aeusserungen über die Grundverschiedenheit\nzwischen dem Wesen der Musik und dem der Sprache\n(S. 48 52) gehören hieher. „Sehr schlimm sind die\n\n*) Yergl. die Nach Weisung der Wahrheit dieser Behauptung in\nunseren Artikeln über Gluck und in der kritischen Analyse\nvon Wagner's „Tannhäuser\" in diesen Blättern."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "90", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550324-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4980, "texte": "1 heorieen, welche der Musik dieEntwicklungs- undCon-\nstructions-Gesetze der Sprache aufdringen wollen, wie es\nin älterer Zeit Rousseau und Rameau gethan, in neue-\nrer Zeit von den Jüngern R. Wagner's versucht wird.\nEs wird dabei das wahrhafte Herz der Musik, die in sich\nselbst befriedigte Formschönheit, durchstossen und dem\nPhantom der „ „Bedeutung\"\" nachgejagt. —ln der Sprache\nist der Ton nur Mittel zum Zwecke, in der Musik ist er\nSelbstzweck. Die selbstständige Schönheit der Tonfor-\nmen in der Musik, und die absolute Herrschaft des\nGedankens über den Ton als blosses Ausdrucksmittel in\nder Sprache, stehen sich so aussehliessend gegenüber, dass\neine Vermischung der beiden Principe eine logische Un-\nmöglichkeit ist. - Alle musicalisehen Gesetze drehen\nsich um die selbstständige Bedeutung und Schönheit der\nTöne, alle sprachlichen um die correcte Verwendung\ndes Lautes zum Zwecke des Ausdrucks.—Die schädlichsten\nAnschauungen sind aus dem Bestreben hervorgegangen, die\nMusik als eine Art Sprache aufzufassen. So musste es\nhauptsächlich Componisten von schwacher Schöpferkraft ge-\neignet erscheinen, die ihnen unerreichbare selbststän-\ndige musicalische Schönheit als ein falsches, sinnliches Prin-\ncip anzusehen und die charakteristische Bedeutsamkeit der\nMusik dafür auf den Schild zu heben. Ganz abgesehen von\nW agner's Opern findet man in den kleinsten Instrumental-\nsächelchen Dinge, die sich anstellen, als bedeuteten sie\netwas Besonderes\" u. s. w.\nSo weit Dr. Hanslick.\nFreilich fertigt Herr Fr, Brendel (N. Zeitschrift für\nMusik, Nr. 10, vom 2. März) die ganze Opposition gegen\ndas Princip von der Bestimmtheit des Ausdrucks mit fol-\ngenden Worten ab:\n„Bis zum Extrem verfolgt, hebt eine Seite die andere\nauf; die Wahrheit vernichtet die Schönheit, und umgekehrt.\n[Und umgekehrt? Keineswegs.] Dies alles galt indess nur\nfür die bisherige Entwicklung der Tonkunst, für den Stand-\npunkt, den dieselbe bis jetzt eingenommen hat. Mit dem\nbisherigen musicalischen Princip stritt eine zu weit geführte\nBestimmtheit des Ausdrucks. Jetzt handelt es sich\num eine neue Schönheit, auf deren Grundlage\nliöchste Bestimmtheit möglich ist, und hierin\n| worin denn ?] liegt die Lösung des Conflictes. Dieses Stre-\nben verkennt Hanslick total, und so gelangt er zu dem\nkehrten, nebenbei auch sehr rücksichtslosen Urtheile über\nWagner.\"\nIst das eine Widerlegung? Man definire uns doch\ndiese neue Schönheit; man zeige uns Yor Allem ihre Kri-\nterien als musicalische Schönheit. Denn wenn wir auch\nmomentan auf die so genannten Principe der Wagner-Secte\neingehen wollen, wonach „nur die specifisch musica-\nIi sehe Schönheit vernichtet werden soll\" mithin,\nbeiläufig gesagt, alle Instrumental-Musik —, „ eine neue\naber aus dem neuen Princip geboren\" (Brendel a. a. 0.);\nwenn wir also auf diese Voraussetzung eingehen wollen,\nso soll doch die neue Schönheit ein Product aller\nKünste sein, ein Werk der Vereinigung aller besonderen\nKünste, ein Werk der Gesammtkunst. Nun fragen wir;\nWelches soll denn der Antheil der Tonkunst an diesem\nGesammtwerke sein, da diese doch offenbar auch eine\nKunst ist? Worin soll der Theil der Schönheit, den\ndie Musik zu der „neuen Schönheit\" hergibt, liegen? Nach\nwelchen künstlerischen Grundsätzen soll er gewürdigt, nach\nwelchem ästhetischen Maassstabe soll er beurtheilt werden?\nSollen etwa auch die Poesie und die Malerei u. s. w,\nin eurem Kunstwerke der Allkunst ein anderes Schönes\nliefern als das, was bisher als das poetisch Schöne, als\ndas malerisch Schöne u. s. w. galt? Ist z. B. Göthe's\nIphigenie der Iphigenie von Gluck unterzuordnen, weil jene\ndas specifisch poetische Schöne rein und allein, ohne das\nmusicalische, und diese eine Abschwächung des poetisch\nSchönen durch das überwältigende musicalisch Schöne ent-\nhält? Reicht dieses Eine Beispiel allein nicht schon hin, ber\ngreiflich zu machen, dass für die Kunst überhaupt das\nAuseinanderhalten der Künste— nicht das Ineinan-\nderschweissen, die Selbstständigkeit nicht die\nchemische Vermischung, das Lebens-Princip ist?\nIhr werdet doch wohl nicht schlechte Poesie und\nschlechte Malerei in eurem Allkunstwerke haben wollen,\nnicht wahr? Nach welchem Princip werdet ihr denn nun\ndie Schönheit in dem Antheil dieser Künste an eurem\nKunstwerke beurtheilen?— „Ei nun! das versteht sich doch\nwohl von selbst: nach dem für das Schöne in diesen\nsten allgemein gültigen.u Also ihr lasst das specifisch\npoetische Schöne, das s pecifisch malerische Schöne in\neurem Kunstwerke zu? „Wie sollten wir nicht? Wir\nhaben das poetisch Schöne sogar im höchsten Grade nöthig,\nund wir räumen ihm mehr als die ästhetische Befriedigung\nein; wir vindiciren ihm auch die schaffende Kraft für die\nMusik.\" —Wie? das heisst also: das poetische Schöne soll\ndas musicalische erzeugen? „Allerdings.\"—Hm!\nnach müsste ja das Höchstschöne in der Poesie auch das\nHöchstschöne in der Musik erzeugen?— „Das ist die not-\nwendige Folge.\" Dann müsst ihr, um Gluck total zu\nschlagen, Göthe's Iphigenie cqmponiren, d, h. das Gedicht"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "91", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550324-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1410, "texte": "sich selbst musicalisch wiedererzeugen lassen, etwa\nLouis Köhler. —\n„Das geht zu weit, das ist ein Missverständniss. Um\ndie Zeugung des Dichters im Allkunstwerke zu verleben-\ndigen, gehört natürlich ein Zweites dazu, der Musiker.\" —\nAis Hebamme?—„Nicht ganz; mehr als Princip und Sym-\nbol des Weiblichen, des Empfangenden\" *).—Also die Mu-\nsik empfängt von der Poesie?— „Ganz richtig.\" —Und das\nProduct ist?— „Die neue Schönheit.\"\nGut. Kann eine Schönheit aus Unschönem entstehen?\n— „Unmöglich.\" — Dann müssen also Dichtkunst und Ton-\nkunst jede ein an und für sich Schönes enthalten, um zu-\nsammen etwas Schönes zu bilden.— „So ist es.\"—Dann\nmuss aber dasjenige Schöne, welches die Musik dazu her-\ngibt, das rein oder specifisch musicalische Schöne sein,\nweil eben die Tonkunst kein anderes zu geben vermag.\nDa ihr nun aber „das specifisch musicalische Schöne ver-\nnichten wollt\", so ist klar, dass eure Kunst-Theorie durch\ninneren Widerspruch unhaltbar ist, und jedenfalls euer\nKunstwerk der Zukunft mit der Tonkunst als Kunst nichts\nzu schaffen hat.\nAls Poeten, um in eurem Stile zu schreiben, bekennt\nihr euch als nicht zeugungsfähig ohne die Ehe zur linken\nHand mit der Tonkunst; als Tonkünslier verläugnet ihr\naber eure Mutter und euer Geschlecht überhaupt; wie\nwollt ihr denn nun, als Hermaphroditen, irgendwie produc-\ntiv sein ? Das Endergebniss ist, dass ihr weder Poeten noch\nTonkünstler seid.\n\nL. B."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-03-24-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-03-24_01#c002", "volume": "bmtnabi_1855-03-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "91", "page_fin": "92", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550324-01.2.2", "titre_corps": "Aus Amsterdam.", "titre_sommaire": "Aus Amsterdam.", "signature_source": "S", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "91", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550324-01.1.3", "debut_caractere": 1412, "fin_caractere_exclue": 4788, "texte": "Aus Amsterdam.\n\n[Wilhelmine Clauss Clara Schumann Vieuxtemgs\nDeutsche Oper Jenny Lind.]\nDen 14. Marz 1855.\nIhre hiesigen Correspondenten scheinen zu schlafen,\nlieber Herr Professor**); denn während wir hier hohe und\nhöchste Herrschaften aus dem Reiche der Musik auf Be-\nsuch haben, schweigt Ihr Blatt und bringt auch keine ein-\nzige Notiz aus Amsterdam. Ich will daher Ihre officiellen\nhiesigen Correspondenten einmal zu Schanden rrachen, in-\ndem ich Ihren Lesern erzähle, was wir diesen Winter in\nmusicalischer Beziehung zu geniessen und zu verdauen das\nVorrecht hatten.\nZuerst die dullige, jungfräuliche Wilhelmine\nG 1 au s s mit den schmachtenden Augen und schönen Locken;\nihr Spiel seelenvoll und melancholisch, wie die ganze Er-\nscheinung. Sie spielte zwei Mal in Felix Meritis lind gab\ndrei Concerte, wo sie jedesmal wohlverdiente Triumphe\nfeierte. Kurz darauf erschien ihre heroische, feurige Rivalin\nClara Schumann, dieses Mal leider ohne ihren Gatten.\nMan kann sich beim Anblicke dieser schwergeprüften Frau\neines schmerzlichen Gefühls nicht erwehren; ihr herrliches\nSpiel verscheucht es aber schnell und erfüllt uns mit Be-\nwunderung und Staunen. Vergleiche sind nicht denkbar,\nund doch wurden sie hier ganz natürlicher Weise ange-\nstellt, da die beiden Erscheinungen so rasch auf einander\nfolgten. Ich für meinen Theil würde der Frau Schumann\ndie Palme reichen; ob vielleicht desshalb, weil ich sie zu-\nletzt gehört habe, will ich dahingestellt sein lassen.\nDiesen beiden glänzenden Erscheinungen folgte der\nGeigen-Fürst Vieuxtemps auf dem Fusse, spielte sein\nneues D-moll-Concert, das sehr gefiel, und machte Kunst-\nstückchen aus Norma auf der (r-Saite, die mir weniger zu-\nsagten. Vieuxtemps ist ein viel zu hoch stehender Künst-\nler, als dass er zu solchen Kniffen zu greifen brauchte. Er\nspielte zwei Mal in Felix und ärntete natürlich den Täu-\nschendsten Beifall.\nWährend nun Ciavier und Geige in Concerten regier-\nten, herrschte Frau von Marra in der Oper und führte\nuns nebst einer Anzahl älterer, bekannter Rollen eine recht\ngelungene Katharine in Meyerbeer's „ Stern des Nordens\" vor.\nDiese Oper, deren schöne und mitunter auch etwas schwache\nSeiten von mir nicht speciel hervorgehoben zu werden\nbrauchen, ist hier im grossen Theater, wo wöchentlich\nzwei deutsche Opern-Vorstellungen Statt finden, recht\nhübsch montirt und wird ganz leidlich gegeben. Die Marra\nist eine vortreffliche, wenn auch nicht mehr ganz jugend-\nliche Katharine, Roberti ein ziemlich roher und natur-\nwüchsiger Czaar Peter, und Chor und Orchester, die zu\nAnfang des Winters einen Wettstreit arrangirt zu haben\nschienen, wer von Beiden die meisten falschen Noten erja-\ngen könne, haben im Nordstern diese Fehde eingestellt und\nsind erträglicher geworden. Frau von Marra hat übrigens\nwährend des Winters eine schwierige Aufgabe gehabt;\ndenn auf ihren Schultern ruhte, namentlich seit uns der\ntüchtige Bassist Dalle Aste verlassen hat, das ganze\nOpern-Unternehmen. Der Tenorist Chrudimsky hat sie\nnach Kräften unterstützt; die anderen Subjecte will ich\nIhnen aber gar nicht nennen, um ihr wohlverdientes In-\ncognito nicht zu verrathen.\n\n*) Dies sind keine Unterschiebungen. Man lese Wagner's Schrif-\nten; er treibt diese Symbolik viel deutlicher und weiter, als\nwir hier angedeutet haben.\n**) Freue mich ausserordentlich, dass ein mir so schätzenswerlher\nnoch wacht oder aufwacht? L. B."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "92", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550324-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2696, "texte": "Und nun muss ich zum grossen Tages-Ereignisse über-\ngehen und Ihnen die überraschende Nachricht mittheilen,\ndass unsere guten Holländer seit Aschermittwoch an einem\nhitzigen Fieber leiden, welches selbst die in jüngster Zeit\nin unserer Nähe Statt gehabten traurigen Ueberschwem-\nmungen noch nicht haben heilen können. Es handelt sich\num eine Krankheit, die via England und New-York aus\nDeutschland zu uns durchgedrungen ist, nämlich das Jenny-\nLind-Fieber. Frau Jenny-Lind-Goldschmidt ist seit\nvierzehn Tagen hier, hat bereits vier Concerte gegeben\nund behält in jedem Concerte netto drei Tausend Gulden\nüber. So etwas ward hier noch gar nicht erlebt; in der Regel\nist unser concertbesuchendes Publicum ein sehr beschränk-\ntes, und man findet fast immer dieselben Gesichter. Frau\nGoldschmidt aber hat es fertig gebracht, selbst die trägsten\nDachse aus ihrem verborgenen Bau zu locken, und man\nsieht im grossen Park-Saale, wo ihre Concerte Statt finden,\nLeute, die vielleicht in ihrem ganzen Leben noch kein Con-\ncert besucht haben. Frau Goldschmidt ist noch immer die\nreizende Jenny Lind, die uns in den Jahren 1845 bis 1 847\nam Rheine und in England bezaubert hat. Der leise Schleier,\nder schon damals ihre Stimme bedeckte, ist vielleicht etwas\ndichter geworden; aber der Vortrag und die Ausführung\nhaben nichts an Anmuth und Glanz verloren. Ihr Pianissimo\nist wo möglich feiner und zarter, als je, und das Taubert'-\nsche Lied: „ Ich muss nun einmal singen\", ist ein wahres\nKleinod. Herr Otto Goldschmidt ist zwar kein Clavier-Vir-\ntuose ersten Ranges, sein Spiel ist aber sauber und elegant,\nund würde vielleicht mehr Effect machen, wenn seine Frau\neine weniger grosse Künstlerin wäre. So aber ist seine\nStellung als Lückenbüsser nicht die dankbarste. In einem\nder Goldschmidt'schen Concerte sahen wir mit Vergnügen\nIhren Landsmann und unseren alten Freund Th. Pixis\nwieder bei uns auftreten, dessen edles, weiches Spiel aufs\nNeue die gerechteste Anerkennung fand.\nHerr und Frau Goldschmidt, die es sich noch lange\nbei uns gefallen lassen wollen, geben heute Abends ein\nConcert zu Gunsten der in unseren Provinzen durch die\nUeberschwemmungen bedrängten Nothleidenden. Sie sehen,\nder alte Wohlthätigkeits-Sinn von Jenny Lind ist noch nicht\nausgestorben.\nWenn ich nun noch mit einem Worte der langen An-\nwesenheit von Frau Nissen-Saloman in unserer Stadt\nerwähne, so habe ich meine Pflicht als treuer Referent er-\n\\\nfüllt und schliesse mit einem wohlgemeinten Rathe an alle\ndeutschen Künstler. Ich bitte dieselben, vorerst Holland\nzu meiden; denn man hat hier in der letzten Zeit so Vie-\nles zu hören bekommen, dass einstweilen keine \"uten Ge-\n-7 O\nSchäfte mehr bei uns zu mache# sein werden.\n\nS."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-03-24-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-03-24_01#c003", "volume": "bmtnabi_1855-03-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "92", "page_fin": "93", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550324-01.2.3", "titre_corps": "Stoppellese.", "titre_sommaire": "Stoppellese.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "92", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550324-01.1.4", "debut_caractere": 2698, "fin_caractere_exclue": 4868, "texte": "Stoppellese.\nIn Weimar hat am 21. Februar das Concert von\n11. Berlioz im Theater Statt gefunden. Aufgeführt wur-\nden: „Des Heilandes Kindheit\" \"\n„Episode aus dem Leben eines Künstlers\" „Rückkehr\nins Leben\", Monodrama mit Orchester, Soli und Chören,\nText und Musik von Berlioz. Wir geben einen Auszug aus\nFr. Brendel's Bericht in Nr. 10 der N. Zeitschrift für\nMusik: Aufnahme enthusiastisch—Lorberkranz am Schluss\n—Dauer von 0 —lO Uhr, nicht abspannend, weil Einheit\nund Harmonie in dem Gebotenen; dadurch ist man mehr\n„musikfähig\" [so dass man die Sprachfähigkeit darüber ver-\nlieren kann!] bedauert im Geiste die Städte, die sich solche\nGenüsse entgehen lassen „das liebenswürdige Werk\n(.L'Enfance du Christ) ist fast einzig in seiner Art durch die\nNaivetät der Auffassung\" [des Herrn Fr.Brendel] bei der\nSinfonie fantastique wurde es Herrn Fr. Brendel klar, „ dass\nder Maassstab für die Beurlheilung der Eigenthümiichkeit\nBerlioz' kaum noch gefunden ist\"; auch er „verhielt sich\nfrüher überwiegend ablehnend gegen dieses Werk\"\n[jetzt aber hat die Anlehnung an Liszt bei Herrn Fr. Bren-\ndel das Debergewicht bekommen]— „jetzt gelangte er\nzu der Ansicht, dass er seine Begriffe von dem in der Ton-\nkunst Zulässigen zu erweitern habe\". [Wir haben im-\nmer geglaubt, es komme auf die Begriffe von dem, was in\nder Tonkunst wesentlich ist, an; aber wir bescheiden\nuns in unserem beschränkten Musik-Verstande vor der All-\nweisheit des Philosophen, der dem Eindringen der Aussen-\ndinge in die Musik grossmüthig die Thore öffnet.]\n„Zu der Beurlheilung des dritten Werkes rnuss\nman mit den Concessionen herantreten, die man mehr\noder weniger bei allen Berlioz'schen Gesangwerken zu\nmachen hat: sie gehören der Stufe des Oeberganges\nzu Wagner an— sie sind darum [ein naives Geständ-\nniss!] formlos, häufig phantastisch zusammengestellt, ohne\nhöhere Einheit im strengeren Sinne; man muss demnach\nmit denselben Concessionen herantreten, die man fast bei\nallen unseren Meisterwerken auf dem Gebiete der Gesangs-\nMusik, z. B. bei den Mozart'schen Opern u. A. zu\nmachen hat.\"\nDas ist denn doch ein Ausspruch, der neben der ärg-\nsten Beschränktheit des Crtheils eine wahrhaft tollgewor-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "93", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550324-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1342, "texte": "dene Logik enthält! Also Berlioz ist in der Gesangs-Musik\ndarum formlos, weil er die Uebergangs-Stufe zu Wagner\nbildet, und demnach, also weil er formlos ist, muss\nman an ihn mit denselben Concessionen herantreten, wie\nbei Mozart!! So weit kommt man, wenn man ein-\nmal einer faulen Sache gegen seine Ueberzeugung „Con-\ncessionen\" macht! Dadurch hat man aber noch lange nicht\nvon der Policei des gesunden Menschenverstandes die „Con-\ncession\" erhalten, Unsinn auf den Markt zu bringen. Selbiger\nwird in Beschlag genommen und der Verkäufer bestraft. •\nSchliesslich meldet uns Herr Fr. Brendel noch „die\nkünstlerische Hingebung\" von Liszt, der „in der Fan-\ntastique die Partie der grossen Trommel übernommen hatte\".\nEi, wer hätte das hinter Herrn Fr. Brendel gesucht! Welch\nein trefflicher Stoff zu einer bildlichen Illustration, welche\ntiefe Symbolik in dem Bilde, und welche feine Ironie in der\nUnterschrift: „Liszt in derPhantastik an der gros-\nsen Trommel für Berlioz!\" Man sieht, dass der\nwahre Witz eben so unwillkürlich schafft, wie die wahre\nPoesie; denn wer wird Herrn Brendel bei diesem Passus\nirgend einen Grad von Reflexion Schuld geben wollen ? Die\nUrsprünglichkeit, die Spontaneität, der Instinct liegen so\nklar vor, dass der „Maassstab für die Beurlheilung\" des-\nselben nicht etwa „kaum noch\", sondern schon längst ge-\nfunden ist!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-03-24-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-03-24_01#c004", "volume": "bmtnabi_1855-03-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "93", "page_fin": "95", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550324-01.2.4", "titre_corps": "J. S. Bach's Johannes-Passion.", "titre_sommaire": "J. S. Bach's Johannes-Passion.", "signature_source": "L. 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B. in Berlin, in Königsberg, in Breslau, in Leipzig, vor-\nzügliche Pflege, und Männer wie Mosevius, Ed. Krü-\nger, Hauptmann, R. Schumann u. A. hielten sie\nnicht nur hoch, sondern vertieften sich mit Vorliebe in ihr\nWesen.\nTrotz alledem kann man doch nicht sagen, dass Bach's\nMusik abgesehen von ihrem ausserordentlichen und un-\nbestreitbaren Einflüsse auf die ernste Richtung der deut-\nsehen Musik in unserem Jahrhundert —, dass namentlich\nseine Vocal-Musik populär geworden wäre, wie man dies\nvon Händel's Oratorien allerdings behaupten kann, für\nDeutschland eben so, wie lür England, wenngleich wir\nDeutschen ein Oratorium nicht mit der Sammlung und in\nder Stimmung besuchen und anhören, wie die Briten. Ja,\nunsere neuere romantische Schule verwirft bekanntlich die\nOratorien-Composition ganz und gar und wählt zu grösse-\nren Gesangswerken Stoffe romantischer Poesie, statt kirch-\nlicher Texte. So ist denn Bach's Vocal-Musik, welche, ob-\nwohl zu Aufführungen lür die kirchliche Gemeinde, also\nfür das Volk, bestimmt, im Grunde genommen dennoch\neine sehr aristokratische ist, auch Gegenstand eines Genus-\nses der musicalischen Aristokratie geblieben, und es wird\nauch nie mehr gelingen, ihr die Popularität der grossen Ge-\nsangswerke von Händel und vollends von J. Haydn zu ver-\nschaffen. Dass für das südliche und westliche Deutschland\nder Gegensatz- des Katholicismus gegen den Protestantismus\nauch das Seinige zur Hemmung ihrer allgemeineren Ver-\nbreitung beiträgt, bedarf nur der Erwähnung.\nDa aber bei der Tiefe und dem inneren Reichthume\nder Werke des alten Herrn, bei dem wir, wenn wir auch\nalles, was ihm als Ergebniss seiner Zeit anklebt, beseitigen,\ndoch noch vollauf des Herrlichen und Erlabenden finden,\ndie Unbekanntschaft der musicalisch gebildeten Menge mit\nihm höchlich zu bedauern ist denn ein Schwatzen über\nseine Herrlichkeit und ein Spielen oder Hören einzelner\nCiaviersachen desselben, was allerdings gewisser Maassen\nzur Mode geworden ist, bringt ihn nicht zu einflussreichem\nWirken auf die Richtung der Geschmacksbildung und den\nErnst der Kunstliebe im Allgemeinen—: so ist eine jede\nAufführung eines von seinen Gesangswerken um so aner-\nkennungswerther, je mehr die Aufführungen von Musik das\neinzige Mittel sind, den Geist eines Componisten lebendig\nwirksam, naturgemäss fortschaffend, sittlich erhebend zu\nmachen. Das Lesen und Studiren der Partituren ist für die\nSchule, die Aufführung für das Leben. Da nun aber be-\nkannter Maassen die Schwierigkeiten der Aufführung eines\nBach'schen Werkes sehr bedeutend sind und zu ihrer Ueber-\nwindung eine völlige Hingabe an den Zweck, eine grosse\nWillenskraft und Ausdauer sowohl von Seiten des leitenden\nund einstudirenden Musikers, als aller Mitwirkenden erfor-\ndern, so muss die Anerkennungeines solchen Unternehmens\nsich zu Dankbarkeit und aufrichtiger Lobpreisung steigern,\nwenn dasselbe so gelungen durcbgelübrt wird, wie es mit\nder Passion nach dem Evangelium Johannis in Bonn\ndurch Herrn Musik-Director von W a s i e 1 e w s k i und die"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "94", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550324-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5276, "texte": "von ihm dazu vereinigten musicalischen Kräfte in dem fünf-\nten Abonnements-Concerte am 15. d. Mts. der Fall war.\nUnsere niederrheinischen Musikfeste haben während\nder ganzen Reihe ihrer Dauer nur Ein Mal J. Seb. Bach's\nNamen auf dem Programm gehabt, im Jahre 1838, wo zu\nKöln, unter Mendelssohn's Direction, am zweiten Festtage\ndie „Cantate am Himmelfahrts-Tage\" aufgeführt wurde.\nFreilich haben auch die anderen deutschen Musikfest-Ver-\neine, so viel wir wissen, nichts von Bach gebracht. Und\ndoch war der Eindruck, welchen jene Cantate, und nament-\nlich der achtstimmige Doppelchor in C-dur am Schlüsse:\n„Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich und die\nMacht unseres Gottes und seines Christus, weil der ver-\nworfen ist, der sie verklagete Tag und Nacht vor Gott\",\nauf die Zuhörerschaft schon in der Hauptprobe machte,\neiner der gewaltigsten, deren wir uns je selbst empfunden\nund an Anderen wahrgenommen zu haben erinnern können.\nWir dürfen im Andenken an jenes Durchschlagen der\nHimmelfahrts-Cantate und unter dem frischen Eindruck der\nJohannis-Passion die Bemerkung nicht unterdrücken, dass\nes sehr zu bedauern ist, dass von den Cantaten Bach's\nnicht häufiger in den öffentlichen Concerten Gebrauch ge-\nmacht wird. Wir halten die Aufführung derselben sogar\nfür geeigneter, den Sinn für Bach's Vocal-Musik lebendig\nzu machen, als die der Passionen. Abgesehen davon, dass\nihre Einübung nicht dieselbe grosse Ausdauer des Chors\nfordert, wie die Passionen, dass sie (geradezu gesagt) weniger\nermüdend wird, erleichtert der geringere Umfang derselben\noffenbar die Auffassung bei dem Zuhörer. Ferner trägt zu\ndem Eindruck die Einheit des Charakters und der Stim-\nmung, aus der sie geflossen und welche sie anregen, viel\nbei, während diese Einheit der Stimmung in den Gemüthern\nder Zuhörer bei den Passionen durch die (obschon treff-\nlichen) dramatischen Scenen gestört und eigentlich nur durch\ndie Choräle wieder hergestellt wird. Dann erfordern sie auch\nnicht so tüchtige Solosänger; ja, viele Soli sind der Art,\ndass man sie unbeschadet des Eindrucks des Ganzen weg\nlassen kann, während die Passionen nur mit ausgezeichne-\nten Solosängern aufgelührt werden können. Endlich ver-\nstatten sie uns, dafern wir nur nicht Pedanten oder Pietisten\nsind, eine Umänderung der Texte an denjenigen Stellen,\nwelche gar zu auffallend gegen unser heutiges ästhetisches\nGefühl streiten, eine Aenderung, welche für die Einfüh-\nrung in Gesang-Vereinen und für die richtige Würdigung\nder musicalischen Schönheiten Bach's durch das Publicum\nnothwendig ist, an welche wir aber in den Passionen nicht\ndenken können, weil in ihnen grösstentheils der Text des\nEvangeliums zu Grunde gelegt ist. Auch wir haben alle\nAchtung vor der schlichten Einfachheit der Erzählung der\nEvangelisten da, wo sie hingehört; sie gehört aber in die\nKirche und vor das Volk, nicht in die Kunst, und alle Schön-\nthuerei mit gläubigem Christenthum wird uns nicht bewei-\nsen, dass Worte wie: „und der Knecht hiess Malchus\nund der war Kaiphas' Schwäher sie hatten ein Kohlen-\nfeuer gemacht, denn es war kalt sie gingen nicht in das\nRichthaus die Stätte, die da heisst Hochpflaster, auf He-\nbräisch aber Gabbatha es war geschrieben auf hebräische,\ngriechische und lateinische Sprache\" u. s. w. u. s. w. ein\nStoff für Vergeistigung des Inhalts durch die Tonkunst seien.\nAufführungen der Passionen haben am Niederrheine\nnur selten Statt gefunden. So viel wir wissen, hat in Düs-\nseldorf Hiller die Matthäus- und Schumann die Jo-\nhannes-Passion aufgeführt. Die letztere wurde, wie schon\ngesagt, jetzt auch in Bonn, und zwar zum ersten Male, ge-\ngeben, was immerhin schon in Betracht dessen merkwürdig\nist, dass ein vor 125 Jahren geschriebenes Musikwerk jetzt\nerst hier zu Gehör kommt, und in hundert anderen deut-\nschen Städten, die sonst Musik genug treiben, eben so we-\nnig als hier lebendig geworden ist. Die Matthäus-Passion\nwurde zuerst 1729 aufgelührt; die Johannes-Passion ist\naber (nach Mose vi us) offenbar älter, als jene.\nBei der Aufführung in Bonn leistete der Chor an Rein-\nheit, Sicherheit und Präcision sehr Löbliches; freilich hätte\ner zahlreicher sein müssen, und auch die Klangfülle der\nStimmen stand nicht in richtigem Verhältniss. Was könnte\nBonn für einen vortrefflichen Chor aufstellen, wenn sich zu\nöffentlichen Aufführungen alle vorhandenen Kräfte, wie dies\nin Köln der Fall ist, vereinigten! Das wird aber wohl noch\nlange ein frommer Wunsch bleiben. Herr v. Wasielewski\ndirigirte mit Sicherheit und Bestimmtheit, so dass auch die\nmitunter schwierigen Einsätze des Chors gut gelangen»\nNeben dem Orchester war eine kleine Orgel (von Herrn\nIbach in Bonn) wirksam, mit welcher namentlich die Re-\ncitative begleitet wurden.\nDer Bau der Johannes-Passion ist derselbe, wie in der\nMatthäus-Passion; sie stellt das Leiden Christi in einem mu-\nsicalischen Mysterium vor, so wie im Mittelalter selbst thea-\ntralische Darstellungen heiliger Geschichten unter dem Na-\nmen Mysterium aufgeführt wurden. Daher rührt das dra-\nmatische Element, welches in den Bach'schen Passionen eine\nbedeutende Stelle einnimmt, während das epische (die Er-\nzählung des Evangelisten) den Faden bildet, der sich durch\ndas Ganze bindend zieht, und das lyrische in den Betrach-\ntungen und Empfindungen einer idealen Gemeinde (in Chö-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "95", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550324-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2584, "texte": "Ren, Chorälen und Arien) vorwallet. Das dramatische Ele-\nment tritt am glänzendsten in den Chören des jüdischen\nVolkes im 11. Theile hervor; in der Erzählung aber hat das\nwirkliche Eintreten der Stimmen der einzelnen Personen,\nderen Worte der Erzähler anführt, für unser ästhetisches\nGefühl etwas Störendes, wie wir denn überhaupt mit vielen\nAnderen der Meinung sind, dass man beim Anhören den\nhistorischen Standpunkt nicht ausser Augen lassen müsse,\num einen wirklichen Genuss zu haben.\nDie schwierigste Aufgabe von den Solisien hat unstrei-\ntig der Tenor, welcher in einer langen Reihe von Recitati-\nren die Erzählung des Evangelisten vorzutragen hat. Herr\nErnst Koch aus Köln hat diese Aufgabe zu grosser Be-\nfriedigung aller Kenner gelös't und den mannigfachen For-\nderungen, welche an den Sänger hierbei zu stellen sind,\ntrefflich entsprochen. Denn neben der umfangreichen, kräf-\ntigen und doch biegsamen, aller Modificationen des Aus-\ndrucks fähigen Stimme gehört eine grosse musicalische Si-\ncherheit und Reinheit der Intonation dazu, eine vollkommene\nAussprache des Textes und ein Sichversenken in den Sinn\nund Geist des Inhalts, um die Worte durch verschiedene\nTonfärbung zu beseelen. Vorzüglich zu rühmen ist die Hal-\ntung, welche Herr Koch dem Vortrage im Ganzen gab;\nmit Recht hielt er jeden declamatorischen Glanz, jede An-\nnäherung an dramatische Recitation fern, und schöpfte die\nWärme des Ausdrucks daher, wo sie namentlich hier allein\nhergenommen werden rnuss, aus dem Gemüthe. So wurde\ndie nothwendige Würde des Vortragt nirgends durch Un-\ngehöriges gestört, weder durch trockenes Absingen, noch\ndurch sentimentale Ekstase. Diese vortreffliche und allein\nrichtige Auffassung half daher dem Sänger auch über jene\nStellen hinweg, welche nicht musicalisch schön sind, deren\nes allerdings gibt, wie z. 8., um nur Eine anzuführen, die\nMalerei der Geisselung.\nAuch die übrigen Soli waren so besetzt, dass sie durch-\naus nicht den Eindruck des Ganzen störten; Herr Schif-\nfer aus Köln sang die Worte von Jesus recht schön; nur\nwünschten wir ein zu häufig mit seinem wohlklingenden\nTone verbundenes Tremoliren hinweg. Herr Simons trug\ndas Arioso in Es-dur: „Betrachte, meine Seele\" -—die\nPerle der Arien in der Johannes-Passion—, vorzüglich gut\nvor. Die beiden Sopran-Arien befriedigten, besonders die\nletzte. Die Alt-Partie wurde durch Fräul. Pels-Leusten\nvortrefflich ausgeführt, trotz eines momentanen, unbedeu-\ntenden Zwistes der Singslimme mit dem englischen Horn;\ndie herrliche Bruststimme dieser jungen Sängerin entfaltete\nin beiden Arien ihre volle Schönheit.\n\nL. B."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-03-24-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-03-24_01#c005", "volume": "bmtnabi_1855-03-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "95", "page_fin": "95", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550324-01.2.5", "titre_corps": "Zur Verständigung.", "titre_sommaire": "Zur Verständigung.", "signature_source": "A. Schindler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "95", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550324-01.1.7", "debut_caractere": 2586, "fin_caractere_exclue": 4262, "texte": "Zur Verständigung.\nA. Schindler.\nDie Randnote, welche die Redaction meinem Aufsatze in Nr. 11\nbeigesetzt hat, bedarf einer Erklärung. Wenn die verehrliche Re-\ndaction sagt, dass ihr der Vortrag des Es-dur-Concertes von Beet-\nhoven durch Liszt unvergesslich bleibt, so stehen wir beide auf\nderselben Stufe der Grund-Anschauung dessen, was in Auffassung\nund Ausführung künstlerisch vollendet zu nennen ist, worüber unter\nSachkundigen eine Meinungs-Verschiedenheit kaum denkbar sein\ndürfte. Auch mir bleibt der Vortrag des genannten Concertes (bei\nGelegenheit der Monuments-Feier 1845 in Bonn) unvergesslich, und\nnichts vordem durch Liszt Gehörtes steht damit auf gleicher Stufe.\nNiemand hat sich über diese Leistung mit mehr Wärme und An-\nerkennung ausgesprochen, als es meinerseits in der „lllustrirten\nZeitung\" damals geschehen ist. „Schliesst sich der wohl grundsätz-\nlich ab gegen eine vollkommen berechtigte Kunst-Erscheinung, ge-\ngen das Virtuosenthum in künstlerischem Sinne,\" der das gethan?\nWar ich früher, z. B. bei den wiederholten Zusammenkünften 1841\nim Hansemann'schen Hause zu Aachen, dann wieder in Paris so\nunglücklich, bis dahin nicht für möglich gehaltene Verzerrungen,\nvornehmlich in Beethoven'scher Musik, durch Herrn Liszt hören\nzu müssen, so liegt die Schuld an ihm, dass ich von seiner excen-\ntrischen Subjectivität nur schlimme Begriffe erhalten habe, die auch\nnoch nicht vergessen sind. Ein kleiner Trost für mich, dass es un-\nzähligen Anderen in gleicher Weise ergeht; nur sind diese Ande-\nren nicht so unglücklich, Begriffe von Beethoven's Musik an der\nQuelle empfangen zu haben, als es mir beschieden war.\nUm gefällige Aufnahme dieser Zeilen ersucht"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-03-24-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-03-24_01#c006", "volume": "bmtnabi_1855-03-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "95", "page_fin": "96", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550324-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "95", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550324-01.1.7", "debut_caractere": 4264, "fin_caractere_exclue": 6162, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMöln. Der junge Clavier-Virtuose Arthur Napoleon hat\ndurch sein Spiel in der musicalischen Gesellschaft wahrhafte Be-\nwunderung erregt, welche sich, wie zu erwarten war, in weiteren\nKreisen durch seine Vorträge im Theater und in seiner Soiree im\nHotel Disch (am 20. d. Mts.) unendlich gesteigert hat. Er ist in\nder That eine erstaunenswerte Erscheinung, und die echt\nlerische Begabung tritt überall in seinem Spiele hervor. Dieser eilf-\njährige Knabe spielt Beethoven's Phantasie-Sonate in Cis-moll\nmit einer Correctheit und Auffassung, welche man von so zartem\nAlter keineswegs erwartet. Sein überaus glänzender, kräftiger und\nfein nuancirter Vortrag der Moses-Phantasie von Thalberg, und\nder schwungvolle Hinwurf des Rondo capriccioso von Mendels-\nsohn erregten eine enthusiastische Spannung im Publicum, wrie sie\ndas Clavierspiel so allgemein nur noch selten heutzutage hervorruft.\nDer Männergesang-Verein wird am Sonntag den 25. d.\nMts. ein Concert zum Besten der Ueberschwemmten am\nNiederrheine geben. Arthur Napoleon hat seine Mitwirkung\nfreundlichst zugesagt.\nGestern (22. d. M.) wiederholte die Gesellschaft Humorrhoi-\ndaria die Aufführung der Opern-Travestie „Die Barden\", vom\nFreudenthal in Braunschweig, welche sie\nbereits im Carnetal, am 10. Februar, in ihrem Gesellschafts-Locale\ngegeben hatte, auf der Stollwerck'schen Bühne zum Vortheil der\nUeberschwemmten. Einige Längen im zweiten Acte ausgenommen,\nist diese Travestie des italiänischen Opernwesens dem Gomponisten,\nder, wie wir hören, auch den Text gemacht hat, ganz vortrefflich\ngelungen. Die Oper enthält keine einzige besondere Reminis-\ncenz, und doch ist die ganze Musik derselben nichts als eine fort-\nlaufende allgemeine Reminiscenz, so dass der Musiker und je-\nder, der die bekanntesten italiänischen Opern im Kopfe hat (und\nwelcher Theater-Besucher hätte das nicht?), auf der Stelle die ge-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "96", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550324-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4485, "texte": "raeinten Situationen und die Manier erkennt, durch welche ihre\nGehaltlosigkeit auf die erheiterndste Weise charakterisirt wird. Wir\nhaben hier ein musicalisches Erzeugniss echt komischer Laune vor\nuns, dessen Verdienst paradoxer Weise in der originellen Tri-\nvialität besteht, die der Componist seinem Zwecke gemäss in seine\nEinzel-Melodieen, in die Duette, Terzette und Finales zu legen ge-\nwusst hat, und die uns die Norma, die Puritaner, die Sonnambula\nu. s. w., ohne eine bestimmte Note derselben wiederzugeben, doch\nin einem vollkommen erkennbaren musicalischen Schattenspiele\nvorüberführt. Wir wünschten sehr, dass diese Travestie in den\nResidenzen auf Volks-Theatern gegeben würde, namentlich in\nWien und London, \\\\p das Publicum Jahr aus, Jahr ein mit\ndem alten Süssbrod der Italiäner gefüttert wird, und wir fordern\nHerrn Freudenthal auf, diesen Wunsch ins Auge zu fassen. Ueber-\nhaupt aber zeugt diese Posse von unverkennbarem Talente des\nComponisten für komische Musik, sowohl in Erfindung als In-\nstrumentirung (in welcher Hinsicht der Entreact, der es übrigens\nmehr mit einem neueren, berühmten Componisten aus Westen zu\nthun hat, als mit denen vom Süden, wirklich classisch ist), und\nwir möchten ihm wohl ein gutes Buch einer komischen Oper wün-\nschen ; wir glauben, er würde etwas Erfreuliches leisten.\nDie Aufführung war im Ganzen genommen sehr gut. Der Ver-\nein zählt starke und frische Stimmen unter sich, und das Ganze\ngriff gut in einander. Die Palme verdient Herr Simons, welcher\ndie „Freia\" ganz vortrefflich sang und spielte. Herr Küpper\ndirigirte mit Präcision und Sachkenntniss.\n** Düsseldorf. Der Gemeinderath hat sich durch die be-\nkannten Gesundheits-Zustände des bisherigen städtischen Mu-\nsik-Di re ctors endlich genöthigt gesehen, eine Bewerbung um\ndiese Stelle auszuschreiben (s. die betreffende „Bekanntmachung\"\nunter den Anzeigen dieser Nummer). So sehr die Veranlassung zu\ndiesem Beschlüsse zu bedauern ist, so durfte doch jetzt, wenn das\nMusikwesen in derjenigen rheinischen Stadt, welche vorzugsweise\neine Künstlerstadt heissen darf, nicht sich in seine einzelnen Be-\nstandteile zersetzen und dadurch vielleicht einer gänzlichen Auf-\nlösung entgegen gehen sollte, nicht länger damit gezögert werden.\nEs dürfte aber die Erklärung durch Ihr Blatt nicht überflüssig\nsein, dass die Ausschreibung nicht etwa nur pro forma geschieht\nund man eine bestimmte Persönlichkeit schon in petto hat. Dieses\nist, wie ich Ihnen hiermit bestimmt versichere, nicht der Fall, und\nman wird bei einer Stelle, in welcher Männer wie Mendelssohn,\nRietz, Hiller und Schumann gewirkt haben, weder Local-\nSympathieen noch Local-Antipathieen berücksichtigen. Auch hat\nman sich hier überzeugt, dass der berühmte Name und ein grosses\nCompositions-Talent, trotz des Glanzes, den sie allerdings verleihen,\nnicht genügen, das Musikleben einer Stadt zur Blüthe und zu näh-\nrender Frucht zu bringen. Dasselbe bedarf vorzüglich einer energi-\nschen, nicht bloss musicalisch, sondern auch ästhetisch und allge-\nmein gebildeten Persönlichkeit als Dirigenten, und die Rück-\nsicht auf diesen Umstand wird denn auch wehl hoffentlich bei\nder Wahl vorwalten. Ich bemerke Ihnen noch aus sicherer Quelle,\ndass die mit dem festen Gehalte verbundenen, in der „Bekannt-\nmachung\" erwähnten „Emolumente\" der Stelle zum wenigsten\n200 Tha-1 er betragen.\nQuod Deus bene vertat!\nIn Königsberg wurde vor einigen Wochen eine neue Oper\nvon Marpurg, Capellmeister daselbst, gegeben: Der letzte Mauren-\nkünig, tragische Oper in 3 Acten mit Ballet, von J. E. Hartmann.\nAlex. Dreyschock hat in Leipzig am 22. Februar im\nGewandhaus-Concerte gespielt.\nAnna Zerr hat kürzlich auf dem Hoftheater zu Gotha mit\nausserordentlichem Beifalle gastirt.\nEin neues Oratorium: „Der Sünder\", von F. von Roda\nwurde am 26. Febr. in der Peterskirche zu Hamburg aufgeführt.\nliondora, Jullien's Concerte im Coventgarden-Theater ha-\nben ihren bunten Charakter beibehalten, in so fern sie das Classi-\nsche mit den Polka's und Quadrillen (diese nämlich in Aufführun-\ngen mit Massen) mischen. Doch ist dieses Jahr mehr gute Musik,\nnamentlich in Einzel-Vorträgen, vorgekommen, als früher. So spielte\nz. B.Madame Pleyel das G-mo/Z-Ccncert von Mendelssohn,\nund Ernst sogar das Violin-Concert von Beethoven, jedoch nur\nden ersten Satz mit einer glänzenden Cadenz.\nJenny Ney ist für die Saison in London von der Direction\ndes Coventgarden-Theaters engagirt worden.\nIn Riga ist Wagner's „Lohengrin\" gegeben, aber nur kühl\naufgenommen worden."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "89", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550324-01.1.1", "texte": "Stimmen der Kritik über Richard Wagner.\n\nII.\nWir gehen zu Ed. Hans 1 ick über. Seine ganze\nSchrift »Vom Musicalisch-Schönen\" ist ein Protest gegen\ndas Grundprincip Wagner's, und da wir den wesentlichen\nInhalt derselben bereits dargelegt haben, so beschränken\nwir uns hier nur auf aphoristische Mittheilung einiger den\nGegenstand speciel treffenden Aussprüche.\n„ Der Text ist bei der Vocal-Musik nur im logischen\n(wir hätten beinahe gesagt: im juristischen) Sinne die Haupt-\nsache, die Musik Accessorium; die ästhetische Forde-\nrung an den Componisten geht viel höher, sie verlangt\nselbstständige (wenngleich untrennbare) musicalische\nSchönheit. Seit Gluck in der notwendigen Reaction\ngegen die melodischen Uebergrifle der Italiäner nicht auf,\nsondern hinter die richtige Mitte zurückschritt (genau wie\nheutzutage R. Wagner thut), wird der in der Dedicalion\nder Alceste ausgesprochene Satz, es sei der Text die rich-\ntig und wohl angelegte Zeichnung, welche die Musik ledig-\nlich zu coloriren habe, unablässig nachgebetet. Wenn die\nMusik nicht in viel grossartigerem, als bloss colorirendem\nSinne das Gedicht behandelt, wenn sie nicht—selbst\nZeichnung und Farbe zugleich etwas ganz Neues\nhinzubringt, das in ureigener Schönheitskraft blättertrei-\nbend die WTorte zum blossen Epheu-Spalier umschafft,\ndann hat sie höchstens die Staffel der Schüler-Uebung oder\nDilettanten-Freude erklommen, die reine. Höhe der Kunst\nnimmermehr.\" (S. 21.)\n„Das gleichmässige Genügen an die musicali-\nschen und die dramatischen Anforderungen gilt mit\nRecht lür das Ideal der Oper. Die Finale's in Mozart's\nOpern stehen im richtigsten Einklang mit ihrem Texte; hört\nman sie ohne diesen, so werden Mittelglieder etwa unklar\nbleiben, die Hauptpartieen und deren Ganzes aber an sich\nschöne Musik sein. Das Augenmerk des echten Opern-\nComponisten wird ein stetes Verbinden und Vermitteln\nbeider Forderungen sein, niemals ein principiel unverhält-\nnissmässiges Vorherrschen der einen. Im Zweifel wird er\nsich für die Bevorzugung der musicalischen entschei-\nden; denn die Oper ist vorerst Musik, nicht\nDrama. Je consequenter man in ihr das dramatische\nPrincip rein halten will, ihr die Lebensluft der musicali-\nschen Schönheit entziehend, desto siecher schwindet sie\ndahin, wie der Vogel unter der Luftpumpe. Man muss\nnothwendig bis zum rein gesprochenen Drama zurück\nkommen, womit man dann wenigstens den Beweis hat, dass\ndie Oper wirklich unmöglich ist, wenn man nicht dem\nmusicalisehen Princip (mit vollem Bewusstsein seiner\nrealitätfeindlichen Natur) die Oberherrschaft in ihr\neinräumt. In der Wirklichkeit ist dieses Letztere auch bei\nGluck und selbst bei Wagner der Fall *), und der Letztere\nhätte sich manch eitles Gerede ersparen können, wenn er\nin den Schriften über den Gluck'schen Musikstreit sich in-\nformirt hätte, wie viel von der Frage bereits längst bespro-\nchen und erledigt worden war.\" .\n„Der Haupt-Grundsatz Wagner's, dass „ „der Irrthum\nder Oper als Kunstgattung darin bestehe, dass ein Mittel\n(die Musik) zum Zwecke, der Zweck (das Drama) aber zum\nMittel gemacht werde\"\"— steht gänzlich auf falschem Bo-\nden. Denn eine Oper, in der die Musik immer und wirk-\nlich nur als Mittel zum dramatischen Ausdrucke ge-\nbraucht wird, ist ein musicalisches Unding.\"\n„Wie kommt es, dass wir in vielen Opern-Stellen\nmanche kleine Aenderung vornehmen können, welche die\nRichtigkeit des Gelübls-Ausdruckes nicht im Mindesten\nschwächen und doch die Schönheit des Motivs sogleich\nvernichten? - Wie kommt es, dass manches Gesangstück,\nwelches seinen Text tadellos ausdrückt, uns unleidlich\nschlecht erscheint?\" (S. 27 31.)\nAuch die Aeusserungen über die Grundverschiedenheit\nzwischen dem Wesen der Musik und dem der Sprache\n(S. 48 52) gehören hieher. „Sehr schlimm sind die\n\n*) Yergl. die Nach Weisung der Wahrheit dieser Behauptung in\nunseren Artikeln über Gluck und in der kritischen Analyse\nvon Wagner's „Tannhäuser\" in diesen Blättern."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "90", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550324-01.1.2", "texte": "1 heorieen, welche der Musik dieEntwicklungs- undCon-\nstructions-Gesetze der Sprache aufdringen wollen, wie es\nin älterer Zeit Rousseau und Rameau gethan, in neue-\nrer Zeit von den Jüngern R. Wagner's versucht wird.\nEs wird dabei das wahrhafte Herz der Musik, die in sich\nselbst befriedigte Formschönheit, durchstossen und dem\nPhantom der „ „Bedeutung\"\" nachgejagt. —ln der Sprache\nist der Ton nur Mittel zum Zwecke, in der Musik ist er\nSelbstzweck. Die selbstständige Schönheit der Tonfor-\nmen in der Musik, und die absolute Herrschaft des\nGedankens über den Ton als blosses Ausdrucksmittel in\nder Sprache, stehen sich so aussehliessend gegenüber, dass\neine Vermischung der beiden Principe eine logische Un-\nmöglichkeit ist. - Alle musicalisehen Gesetze drehen\nsich um die selbstständige Bedeutung und Schönheit der\nTöne, alle sprachlichen um die correcte Verwendung\ndes Lautes zum Zwecke des Ausdrucks.—Die schädlichsten\nAnschauungen sind aus dem Bestreben hervorgegangen, die\nMusik als eine Art Sprache aufzufassen. So musste es\nhauptsächlich Componisten von schwacher Schöpferkraft ge-\neignet erscheinen, die ihnen unerreichbare selbststän-\ndige musicalische Schönheit als ein falsches, sinnliches Prin-\ncip anzusehen und die charakteristische Bedeutsamkeit der\nMusik dafür auf den Schild zu heben. Ganz abgesehen von\nW agner's Opern findet man in den kleinsten Instrumental-\nsächelchen Dinge, die sich anstellen, als bedeuteten sie\netwas Besonderes\" u. s. w.\nSo weit Dr. Hanslick.\nFreilich fertigt Herr Fr, Brendel (N. Zeitschrift für\nMusik, Nr. 10, vom 2. März) die ganze Opposition gegen\ndas Princip von der Bestimmtheit des Ausdrucks mit fol-\ngenden Worten ab:\n„Bis zum Extrem verfolgt, hebt eine Seite die andere\nauf; die Wahrheit vernichtet die Schönheit, und umgekehrt.\n[Und umgekehrt? Keineswegs.] Dies alles galt indess nur\nfür die bisherige Entwicklung der Tonkunst, für den Stand-\npunkt, den dieselbe bis jetzt eingenommen hat. Mit dem\nbisherigen musicalischen Princip stritt eine zu weit geführte\nBestimmtheit des Ausdrucks. Jetzt handelt es sich\num eine neue Schönheit, auf deren Grundlage\nliöchste Bestimmtheit möglich ist, und hierin\n| worin denn ?] liegt die Lösung des Conflictes. Dieses Stre-\nben verkennt Hanslick total, und so gelangt er zu dem\nkehrten, nebenbei auch sehr rücksichtslosen Urtheile über\nWagner.\"\nIst das eine Widerlegung? Man definire uns doch\ndiese neue Schönheit; man zeige uns Yor Allem ihre Kri-\nterien als musicalische Schönheit. Denn wenn wir auch\nmomentan auf die so genannten Principe der Wagner-Secte\neingehen wollen, wonach „nur die specifisch musica-\nIi sehe Schönheit vernichtet werden soll\" mithin,\nbeiläufig gesagt, alle Instrumental-Musik —, „ eine neue\naber aus dem neuen Princip geboren\" (Brendel a. a. 0.);\nwenn wir also auf diese Voraussetzung eingehen wollen,\nso soll doch die neue Schönheit ein Product aller\nKünste sein, ein Werk der Vereinigung aller besonderen\nKünste, ein Werk der Gesammtkunst. Nun fragen wir;\nWelches soll denn der Antheil der Tonkunst an diesem\nGesammtwerke sein, da diese doch offenbar auch eine\nKunst ist? Worin soll der Theil der Schönheit, den\ndie Musik zu der „neuen Schönheit\" hergibt, liegen? Nach\nwelchen künstlerischen Grundsätzen soll er gewürdigt, nach\nwelchem ästhetischen Maassstabe soll er beurtheilt werden?\nSollen etwa auch die Poesie und die Malerei u. s. w,\nin eurem Kunstwerke der Allkunst ein anderes Schönes\nliefern als das, was bisher als das poetisch Schöne, als\ndas malerisch Schöne u. s. w. galt? Ist z. B. Göthe's\nIphigenie der Iphigenie von Gluck unterzuordnen, weil jene\ndas specifisch poetische Schöne rein und allein, ohne das\nmusicalische, und diese eine Abschwächung des poetisch\nSchönen durch das überwältigende musicalisch Schöne ent-\nhält? Reicht dieses Eine Beispiel allein nicht schon hin, ber\ngreiflich zu machen, dass für die Kunst überhaupt das\nAuseinanderhalten der Künste— nicht das Ineinan-\nderschweissen, die Selbstständigkeit nicht die\nchemische Vermischung, das Lebens-Princip ist?\nIhr werdet doch wohl nicht schlechte Poesie und\nschlechte Malerei in eurem Allkunstwerke haben wollen,\nnicht wahr? Nach welchem Princip werdet ihr denn nun\ndie Schönheit in dem Antheil dieser Künste an eurem\nKunstwerke beurtheilen?— „Ei nun! das versteht sich doch\nwohl von selbst: nach dem für das Schöne in diesen\nsten allgemein gültigen.u Also ihr lasst das specifisch\npoetische Schöne, das s pecifisch malerische Schöne in\neurem Kunstwerke zu? „Wie sollten wir nicht? Wir\nhaben das poetisch Schöne sogar im höchsten Grade nöthig,\nund wir räumen ihm mehr als die ästhetische Befriedigung\nein; wir vindiciren ihm auch die schaffende Kraft für die\nMusik.\" —Wie? das heisst also: das poetische Schöne soll\ndas musicalische erzeugen? „Allerdings.\"—Hm!\nnach müsste ja das Höchstschöne in der Poesie auch das\nHöchstschöne in der Musik erzeugen?— „Das ist die not-\nwendige Folge.\" Dann müsst ihr, um Gluck total zu\nschlagen, Göthe's Iphigenie cqmponiren, d, h. das Gedicht"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "91", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550324-01.1.3", "texte": "sich selbst musicalisch wiedererzeugen lassen, etwa\nLouis Köhler. —\n„Das geht zu weit, das ist ein Missverständniss. Um\ndie Zeugung des Dichters im Allkunstwerke zu verleben-\ndigen, gehört natürlich ein Zweites dazu, der Musiker.\" —\nAis Hebamme?—„Nicht ganz; mehr als Princip und Sym-\nbol des Weiblichen, des Empfangenden\" *).—Also die Mu-\nsik empfängt von der Poesie?— „Ganz richtig.\" —Und das\nProduct ist?— „Die neue Schönheit.\"\nGut. Kann eine Schönheit aus Unschönem entstehen?\n— „Unmöglich.\" — Dann müssen also Dichtkunst und Ton-\nkunst jede ein an und für sich Schönes enthalten, um zu-\nsammen etwas Schönes zu bilden.— „So ist es.\"—Dann\nmuss aber dasjenige Schöne, welches die Musik dazu her-\ngibt, das rein oder specifisch musicalische Schöne sein,\nweil eben die Tonkunst kein anderes zu geben vermag.\nDa ihr nun aber „das specifisch musicalische Schöne ver-\nnichten wollt\", so ist klar, dass eure Kunst-Theorie durch\ninneren Widerspruch unhaltbar ist, und jedenfalls euer\nKunstwerk der Zukunft mit der Tonkunst als Kunst nichts\nzu schaffen hat.\nAls Poeten, um in eurem Stile zu schreiben, bekennt\nihr euch als nicht zeugungsfähig ohne die Ehe zur linken\nHand mit der Tonkunst; als Tonkünslier verläugnet ihr\naber eure Mutter und euer Geschlecht überhaupt; wie\nwollt ihr denn nun, als Hermaphroditen, irgendwie produc-\ntiv sein ? Das Endergebniss ist, dass ihr weder Poeten noch\nTonkünstler seid.\n\nL. B.\n\nAus Amsterdam.\n\n[Wilhelmine Clauss Clara Schumann Vieuxtemgs\nDeutsche Oper Jenny Lind.]\nDen 14. Marz 1855.\nIhre hiesigen Correspondenten scheinen zu schlafen,\nlieber Herr Professor**); denn während wir hier hohe und\nhöchste Herrschaften aus dem Reiche der Musik auf Be-\nsuch haben, schweigt Ihr Blatt und bringt auch keine ein-\nzige Notiz aus Amsterdam. Ich will daher Ihre officiellen\nhiesigen Correspondenten einmal zu Schanden rrachen, in-\ndem ich Ihren Lesern erzähle, was wir diesen Winter in\nmusicalischer Beziehung zu geniessen und zu verdauen das\nVorrecht hatten.\nZuerst die dullige, jungfräuliche Wilhelmine\nG 1 au s s mit den schmachtenden Augen und schönen Locken;\nihr Spiel seelenvoll und melancholisch, wie die ganze Er-\nscheinung. Sie spielte zwei Mal in Felix Meritis lind gab\ndrei Concerte, wo sie jedesmal wohlverdiente Triumphe\nfeierte. Kurz darauf erschien ihre heroische, feurige Rivalin\nClara Schumann, dieses Mal leider ohne ihren Gatten.\nMan kann sich beim Anblicke dieser schwergeprüften Frau\neines schmerzlichen Gefühls nicht erwehren; ihr herrliches\nSpiel verscheucht es aber schnell und erfüllt uns mit Be-\nwunderung und Staunen. Vergleiche sind nicht denkbar,\nund doch wurden sie hier ganz natürlicher Weise ange-\nstellt, da die beiden Erscheinungen so rasch auf einander\nfolgten. Ich für meinen Theil würde der Frau Schumann\ndie Palme reichen; ob vielleicht desshalb, weil ich sie zu-\nletzt gehört habe, will ich dahingestellt sein lassen.\nDiesen beiden glänzenden Erscheinungen folgte der\nGeigen-Fürst Vieuxtemps auf dem Fusse, spielte sein\nneues D-moll-Concert, das sehr gefiel, und machte Kunst-\nstückchen aus Norma auf der (r-Saite, die mir weniger zu-\nsagten. Vieuxtemps ist ein viel zu hoch stehender Künst-\nler, als dass er zu solchen Kniffen zu greifen brauchte. Er\nspielte zwei Mal in Felix und ärntete natürlich den Täu-\nschendsten Beifall.\nWährend nun Ciavier und Geige in Concerten regier-\nten, herrschte Frau von Marra in der Oper und führte\nuns nebst einer Anzahl älterer, bekannter Rollen eine recht\ngelungene Katharine in Meyerbeer's „ Stern des Nordens\" vor.\nDiese Oper, deren schöne und mitunter auch etwas schwache\nSeiten von mir nicht speciel hervorgehoben zu werden\nbrauchen, ist hier im grossen Theater, wo wöchentlich\nzwei deutsche Opern-Vorstellungen Statt finden, recht\nhübsch montirt und wird ganz leidlich gegeben. Die Marra\nist eine vortreffliche, wenn auch nicht mehr ganz jugend-\nliche Katharine, Roberti ein ziemlich roher und natur-\nwüchsiger Czaar Peter, und Chor und Orchester, die zu\nAnfang des Winters einen Wettstreit arrangirt zu haben\nschienen, wer von Beiden die meisten falschen Noten erja-\ngen könne, haben im Nordstern diese Fehde eingestellt und\nsind erträglicher geworden. Frau von Marra hat übrigens\nwährend des Winters eine schwierige Aufgabe gehabt;\ndenn auf ihren Schultern ruhte, namentlich seit uns der\ntüchtige Bassist Dalle Aste verlassen hat, das ganze\nOpern-Unternehmen. Der Tenorist Chrudimsky hat sie\nnach Kräften unterstützt; die anderen Subjecte will ich\nIhnen aber gar nicht nennen, um ihr wohlverdientes In-\ncognito nicht zu verrathen.\n\n*) Dies sind keine Unterschiebungen. Man lese Wagner's Schrif-\nten; er treibt diese Symbolik viel deutlicher und weiter, als\nwir hier angedeutet haben.\n**) Freue mich ausserordentlich, dass ein mir so schätzenswerlher\nnoch wacht oder aufwacht? L. B."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "92", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550324-01.1.4", "texte": "Und nun muss ich zum grossen Tages-Ereignisse über-\ngehen und Ihnen die überraschende Nachricht mittheilen,\ndass unsere guten Holländer seit Aschermittwoch an einem\nhitzigen Fieber leiden, welches selbst die in jüngster Zeit\nin unserer Nähe Statt gehabten traurigen Ueberschwem-\nmungen noch nicht haben heilen können. Es handelt sich\num eine Krankheit, die via England und New-York aus\nDeutschland zu uns durchgedrungen ist, nämlich das Jenny-\nLind-Fieber. Frau Jenny-Lind-Goldschmidt ist seit\nvierzehn Tagen hier, hat bereits vier Concerte gegeben\nund behält in jedem Concerte netto drei Tausend Gulden\nüber. So etwas ward hier noch gar nicht erlebt; in der Regel\nist unser concertbesuchendes Publicum ein sehr beschränk-\ntes, und man findet fast immer dieselben Gesichter. Frau\nGoldschmidt aber hat es fertig gebracht, selbst die trägsten\nDachse aus ihrem verborgenen Bau zu locken, und man\nsieht im grossen Park-Saale, wo ihre Concerte Statt finden,\nLeute, die vielleicht in ihrem ganzen Leben noch kein Con-\ncert besucht haben. Frau Goldschmidt ist noch immer die\nreizende Jenny Lind, die uns in den Jahren 1845 bis 1 847\nam Rheine und in England bezaubert hat. Der leise Schleier,\nder schon damals ihre Stimme bedeckte, ist vielleicht etwas\ndichter geworden; aber der Vortrag und die Ausführung\nhaben nichts an Anmuth und Glanz verloren. Ihr Pianissimo\nist wo möglich feiner und zarter, als je, und das Taubert'-\nsche Lied: „ Ich muss nun einmal singen\", ist ein wahres\nKleinod. Herr Otto Goldschmidt ist zwar kein Clavier-Vir-\ntuose ersten Ranges, sein Spiel ist aber sauber und elegant,\nund würde vielleicht mehr Effect machen, wenn seine Frau\neine weniger grosse Künstlerin wäre. So aber ist seine\nStellung als Lückenbüsser nicht die dankbarste. In einem\nder Goldschmidt'schen Concerte sahen wir mit Vergnügen\nIhren Landsmann und unseren alten Freund Th. Pixis\nwieder bei uns auftreten, dessen edles, weiches Spiel aufs\nNeue die gerechteste Anerkennung fand.\nHerr und Frau Goldschmidt, die es sich noch lange\nbei uns gefallen lassen wollen, geben heute Abends ein\nConcert zu Gunsten der in unseren Provinzen durch die\nUeberschwemmungen bedrängten Nothleidenden. Sie sehen,\nder alte Wohlthätigkeits-Sinn von Jenny Lind ist noch nicht\nausgestorben.\nWenn ich nun noch mit einem Worte der langen An-\nwesenheit von Frau Nissen-Saloman in unserer Stadt\nerwähne, so habe ich meine Pflicht als treuer Referent er-\n\\\nfüllt und schliesse mit einem wohlgemeinten Rathe an alle\ndeutschen Künstler. Ich bitte dieselben, vorerst Holland\nzu meiden; denn man hat hier in der letzten Zeit so Vie-\nles zu hören bekommen, dass einstweilen keine \"uten Ge-\n-7 O\nSchäfte mehr bei uns zu mache# sein werden.\n\nS.\n\nStoppellese.\nIn Weimar hat am 21. Februar das Concert von\n11. Berlioz im Theater Statt gefunden. Aufgeführt wur-\nden: „Des Heilandes Kindheit\" \"\n„Episode aus dem Leben eines Künstlers\" „Rückkehr\nins Leben\", Monodrama mit Orchester, Soli und Chören,\nText und Musik von Berlioz. Wir geben einen Auszug aus\nFr. Brendel's Bericht in Nr. 10 der N. Zeitschrift für\nMusik: Aufnahme enthusiastisch—Lorberkranz am Schluss\n—Dauer von 0 —lO Uhr, nicht abspannend, weil Einheit\nund Harmonie in dem Gebotenen; dadurch ist man mehr\n„musikfähig\" [so dass man die Sprachfähigkeit darüber ver-\nlieren kann!] bedauert im Geiste die Städte, die sich solche\nGenüsse entgehen lassen „das liebenswürdige Werk\n(.L'Enfance du Christ) ist fast einzig in seiner Art durch die\nNaivetät der Auffassung\" [des Herrn Fr.Brendel] bei der\nSinfonie fantastique wurde es Herrn Fr. Brendel klar, „ dass\nder Maassstab für die Beurlheilung der Eigenthümiichkeit\nBerlioz' kaum noch gefunden ist\"; auch er „verhielt sich\nfrüher überwiegend ablehnend gegen dieses Werk\"\n[jetzt aber hat die Anlehnung an Liszt bei Herrn Fr. Bren-\ndel das Debergewicht bekommen]— „jetzt gelangte er\nzu der Ansicht, dass er seine Begriffe von dem in der Ton-\nkunst Zulässigen zu erweitern habe\". [Wir haben im-\nmer geglaubt, es komme auf die Begriffe von dem, was in\nder Tonkunst wesentlich ist, an; aber wir bescheiden\nuns in unserem beschränkten Musik-Verstande vor der All-\nweisheit des Philosophen, der dem Eindringen der Aussen-\ndinge in die Musik grossmüthig die Thore öffnet.]\n„Zu der Beurlheilung des dritten Werkes rnuss\nman mit den Concessionen herantreten, die man mehr\noder weniger bei allen Berlioz'schen Gesangwerken zu\nmachen hat: sie gehören der Stufe des Oeberganges\nzu Wagner an— sie sind darum [ein naives Geständ-\nniss!] formlos, häufig phantastisch zusammengestellt, ohne\nhöhere Einheit im strengeren Sinne; man muss demnach\nmit denselben Concessionen herantreten, die man fast bei\nallen unseren Meisterwerken auf dem Gebiete der Gesangs-\nMusik, z. B. bei den Mozart'schen Opern u. A. zu\nmachen hat.\"\nDas ist denn doch ein Ausspruch, der neben der ärg-\nsten Beschränktheit des Crtheils eine wahrhaft tollgewor-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "93", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550324-01.1.5", "texte": "dene Logik enthält! Also Berlioz ist in der Gesangs-Musik\ndarum formlos, weil er die Uebergangs-Stufe zu Wagner\nbildet, und demnach, also weil er formlos ist, muss\nman an ihn mit denselben Concessionen herantreten, wie\nbei Mozart!! So weit kommt man, wenn man ein-\nmal einer faulen Sache gegen seine Ueberzeugung „Con-\ncessionen\" macht! Dadurch hat man aber noch lange nicht\nvon der Policei des gesunden Menschenverstandes die „Con-\ncession\" erhalten, Unsinn auf den Markt zu bringen. Selbiger\nwird in Beschlag genommen und der Verkäufer bestraft. •\nSchliesslich meldet uns Herr Fr. Brendel noch „die\nkünstlerische Hingebung\" von Liszt, der „in der Fan-\ntastique die Partie der grossen Trommel übernommen hatte\".\nEi, wer hätte das hinter Herrn Fr. Brendel gesucht! Welch\nein trefflicher Stoff zu einer bildlichen Illustration, welche\ntiefe Symbolik in dem Bilde, und welche feine Ironie in der\nUnterschrift: „Liszt in derPhantastik an der gros-\nsen Trommel für Berlioz!\" Man sieht, dass der\nwahre Witz eben so unwillkürlich schafft, wie die wahre\nPoesie; denn wer wird Herrn Brendel bei diesem Passus\nirgend einen Grad von Reflexion Schuld geben wollen ? Die\nUrsprünglichkeit, die Spontaneität, der Instinct liegen so\nklar vor, dass der „Maassstab für die Beurlheilung\" des-\nselben nicht etwa „kaum noch\", sondern schon längst ge-\nfunden ist!\n\nJ. S. Bach's Johannes-Passion.\nAufgeführt in Bonn den 15. März.\n\nDie Wiederbelebung der Theilnahme sowohl der grossen\nMenge unter den Musikern als der Dilettanten und desPubli-\ncums für Bach ist bekanntlich von Berlin ausgegangen, wo\nvor etwa dreissig Jahren zuerst durch Zelter und Marx\ndie Anregung dazu gegeben wurde, welche nachher beson-\nders Mendelssohn in seinen verschiedenen Wirkungs-\nkreisen theils unmittelbar, theils, durch die Nachahmung\nBach'scher Formen in seinen eigenen Oratorien u. s. w.,\nmittelbar förderte. Ausserdem fand die Bach'sche Musik in\neinigen der berühmtesten Gesang-Vereine Deutschlands,\nz. B. in Berlin, in Königsberg, in Breslau, in Leipzig, vor-\nzügliche Pflege, und Männer wie Mosevius, Ed. Krü-\nger, Hauptmann, R. Schumann u. A. hielten sie\nnicht nur hoch, sondern vertieften sich mit Vorliebe in ihr\nWesen.\nTrotz alledem kann man doch nicht sagen, dass Bach's\nMusik abgesehen von ihrem ausserordentlichen und un-\nbestreitbaren Einflüsse auf die ernste Richtung der deut-\nsehen Musik in unserem Jahrhundert —, dass namentlich\nseine Vocal-Musik populär geworden wäre, wie man dies\nvon Händel's Oratorien allerdings behaupten kann, für\nDeutschland eben so, wie lür England, wenngleich wir\nDeutschen ein Oratorium nicht mit der Sammlung und in\nder Stimmung besuchen und anhören, wie die Briten. Ja,\nunsere neuere romantische Schule verwirft bekanntlich die\nOratorien-Composition ganz und gar und wählt zu grösse-\nren Gesangswerken Stoffe romantischer Poesie, statt kirch-\nlicher Texte. So ist denn Bach's Vocal-Musik, welche, ob-\nwohl zu Aufführungen lür die kirchliche Gemeinde, also\nfür das Volk, bestimmt, im Grunde genommen dennoch\neine sehr aristokratische ist, auch Gegenstand eines Genus-\nses der musicalischen Aristokratie geblieben, und es wird\nauch nie mehr gelingen, ihr die Popularität der grossen Ge-\nsangswerke von Händel und vollends von J. Haydn zu ver-\nschaffen. Dass für das südliche und westliche Deutschland\nder Gegensatz- des Katholicismus gegen den Protestantismus\nauch das Seinige zur Hemmung ihrer allgemeineren Ver-\nbreitung beiträgt, bedarf nur der Erwähnung.\nDa aber bei der Tiefe und dem inneren Reichthume\nder Werke des alten Herrn, bei dem wir, wenn wir auch\nalles, was ihm als Ergebniss seiner Zeit anklebt, beseitigen,\ndoch noch vollauf des Herrlichen und Erlabenden finden,\ndie Unbekanntschaft der musicalisch gebildeten Menge mit\nihm höchlich zu bedauern ist denn ein Schwatzen über\nseine Herrlichkeit und ein Spielen oder Hören einzelner\nCiaviersachen desselben, was allerdings gewisser Maassen\nzur Mode geworden ist, bringt ihn nicht zu einflussreichem\nWirken auf die Richtung der Geschmacksbildung und den\nErnst der Kunstliebe im Allgemeinen—: so ist eine jede\nAufführung eines von seinen Gesangswerken um so aner-\nkennungswerther, je mehr die Aufführungen von Musik das\neinzige Mittel sind, den Geist eines Componisten lebendig\nwirksam, naturgemäss fortschaffend, sittlich erhebend zu\nmachen. Das Lesen und Studiren der Partituren ist für die\nSchule, die Aufführung für das Leben. Da nun aber be-\nkannter Maassen die Schwierigkeiten der Aufführung eines\nBach'schen Werkes sehr bedeutend sind und zu ihrer Ueber-\nwindung eine völlige Hingabe an den Zweck, eine grosse\nWillenskraft und Ausdauer sowohl von Seiten des leitenden\nund einstudirenden Musikers, als aller Mitwirkenden erfor-\ndern, so muss die Anerkennungeines solchen Unternehmens\nsich zu Dankbarkeit und aufrichtiger Lobpreisung steigern,\nwenn dasselbe so gelungen durcbgelübrt wird, wie es mit\nder Passion nach dem Evangelium Johannis in Bonn\ndurch Herrn Musik-Director von W a s i e 1 e w s k i und die"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "94", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550324-01.1.6", "texte": "von ihm dazu vereinigten musicalischen Kräfte in dem fünf-\nten Abonnements-Concerte am 15. d. Mts. der Fall war.\nUnsere niederrheinischen Musikfeste haben während\nder ganzen Reihe ihrer Dauer nur Ein Mal J. Seb. Bach's\nNamen auf dem Programm gehabt, im Jahre 1838, wo zu\nKöln, unter Mendelssohn's Direction, am zweiten Festtage\ndie „Cantate am Himmelfahrts-Tage\" aufgeführt wurde.\nFreilich haben auch die anderen deutschen Musikfest-Ver-\neine, so viel wir wissen, nichts von Bach gebracht. Und\ndoch war der Eindruck, welchen jene Cantate, und nament-\nlich der achtstimmige Doppelchor in C-dur am Schlüsse:\n„Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich und die\nMacht unseres Gottes und seines Christus, weil der ver-\nworfen ist, der sie verklagete Tag und Nacht vor Gott\",\nauf die Zuhörerschaft schon in der Hauptprobe machte,\neiner der gewaltigsten, deren wir uns je selbst empfunden\nund an Anderen wahrgenommen zu haben erinnern können.\nWir dürfen im Andenken an jenes Durchschlagen der\nHimmelfahrts-Cantate und unter dem frischen Eindruck der\nJohannis-Passion die Bemerkung nicht unterdrücken, dass\nes sehr zu bedauern ist, dass von den Cantaten Bach's\nnicht häufiger in den öffentlichen Concerten Gebrauch ge-\nmacht wird. Wir halten die Aufführung derselben sogar\nfür geeigneter, den Sinn für Bach's Vocal-Musik lebendig\nzu machen, als die der Passionen. Abgesehen davon, dass\nihre Einübung nicht dieselbe grosse Ausdauer des Chors\nfordert, wie die Passionen, dass sie (geradezu gesagt) weniger\nermüdend wird, erleichtert der geringere Umfang derselben\noffenbar die Auffassung bei dem Zuhörer. Ferner trägt zu\ndem Eindruck die Einheit des Charakters und der Stim-\nmung, aus der sie geflossen und welche sie anregen, viel\nbei, während diese Einheit der Stimmung in den Gemüthern\nder Zuhörer bei den Passionen durch die (obschon treff-\nlichen) dramatischen Scenen gestört und eigentlich nur durch\ndie Choräle wieder hergestellt wird. Dann erfordern sie auch\nnicht so tüchtige Solosänger; ja, viele Soli sind der Art,\ndass man sie unbeschadet des Eindrucks des Ganzen weg\nlassen kann, während die Passionen nur mit ausgezeichne-\nten Solosängern aufgelührt werden können. Endlich ver-\nstatten sie uns, dafern wir nur nicht Pedanten oder Pietisten\nsind, eine Umänderung der Texte an denjenigen Stellen,\nwelche gar zu auffallend gegen unser heutiges ästhetisches\nGefühl streiten, eine Aenderung, welche für die Einfüh-\nrung in Gesang-Vereinen und für die richtige Würdigung\nder musicalischen Schönheiten Bach's durch das Publicum\nnothwendig ist, an welche wir aber in den Passionen nicht\ndenken können, weil in ihnen grösstentheils der Text des\nEvangeliums zu Grunde gelegt ist. Auch wir haben alle\nAchtung vor der schlichten Einfachheit der Erzählung der\nEvangelisten da, wo sie hingehört; sie gehört aber in die\nKirche und vor das Volk, nicht in die Kunst, und alle Schön-\nthuerei mit gläubigem Christenthum wird uns nicht bewei-\nsen, dass Worte wie: „und der Knecht hiess Malchus\nund der war Kaiphas' Schwäher sie hatten ein Kohlen-\nfeuer gemacht, denn es war kalt sie gingen nicht in das\nRichthaus die Stätte, die da heisst Hochpflaster, auf He-\nbräisch aber Gabbatha es war geschrieben auf hebräische,\ngriechische und lateinische Sprache\" u. s. w. u. s. w. ein\nStoff für Vergeistigung des Inhalts durch die Tonkunst seien.\nAufführungen der Passionen haben am Niederrheine\nnur selten Statt gefunden. So viel wir wissen, hat in Düs-\nseldorf Hiller die Matthäus- und Schumann die Jo-\nhannes-Passion aufgeführt. Die letztere wurde, wie schon\ngesagt, jetzt auch in Bonn, und zwar zum ersten Male, ge-\ngeben, was immerhin schon in Betracht dessen merkwürdig\nist, dass ein vor 125 Jahren geschriebenes Musikwerk jetzt\nerst hier zu Gehör kommt, und in hundert anderen deut-\nschen Städten, die sonst Musik genug treiben, eben so we-\nnig als hier lebendig geworden ist. Die Matthäus-Passion\nwurde zuerst 1729 aufgelührt; die Johannes-Passion ist\naber (nach Mose vi us) offenbar älter, als jene.\nBei der Aufführung in Bonn leistete der Chor an Rein-\nheit, Sicherheit und Präcision sehr Löbliches; freilich hätte\ner zahlreicher sein müssen, und auch die Klangfülle der\nStimmen stand nicht in richtigem Verhältniss. Was könnte\nBonn für einen vortrefflichen Chor aufstellen, wenn sich zu\nöffentlichen Aufführungen alle vorhandenen Kräfte, wie dies\nin Köln der Fall ist, vereinigten! Das wird aber wohl noch\nlange ein frommer Wunsch bleiben. Herr v. Wasielewski\ndirigirte mit Sicherheit und Bestimmtheit, so dass auch die\nmitunter schwierigen Einsätze des Chors gut gelangen»\nNeben dem Orchester war eine kleine Orgel (von Herrn\nIbach in Bonn) wirksam, mit welcher namentlich die Re-\ncitative begleitet wurden.\nDer Bau der Johannes-Passion ist derselbe, wie in der\nMatthäus-Passion; sie stellt das Leiden Christi in einem mu-\nsicalischen Mysterium vor, so wie im Mittelalter selbst thea-\ntralische Darstellungen heiliger Geschichten unter dem Na-\nmen Mysterium aufgeführt wurden. Daher rührt das dra-\nmatische Element, welches in den Bach'schen Passionen eine\nbedeutende Stelle einnimmt, während das epische (die Er-\nzählung des Evangelisten) den Faden bildet, der sich durch\ndas Ganze bindend zieht, und das lyrische in den Betrach-\ntungen und Empfindungen einer idealen Gemeinde (in Chö-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "95", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550324-01.1.7", "texte": "Ren, Chorälen und Arien) vorwallet. Das dramatische Ele-\nment tritt am glänzendsten in den Chören des jüdischen\nVolkes im 11. Theile hervor; in der Erzählung aber hat das\nwirkliche Eintreten der Stimmen der einzelnen Personen,\nderen Worte der Erzähler anführt, für unser ästhetisches\nGefühl etwas Störendes, wie wir denn überhaupt mit vielen\nAnderen der Meinung sind, dass man beim Anhören den\nhistorischen Standpunkt nicht ausser Augen lassen müsse,\num einen wirklichen Genuss zu haben.\nDie schwierigste Aufgabe von den Solisien hat unstrei-\ntig der Tenor, welcher in einer langen Reihe von Recitati-\nren die Erzählung des Evangelisten vorzutragen hat. Herr\nErnst Koch aus Köln hat diese Aufgabe zu grosser Be-\nfriedigung aller Kenner gelös't und den mannigfachen For-\nderungen, welche an den Sänger hierbei zu stellen sind,\ntrefflich entsprochen. Denn neben der umfangreichen, kräf-\ntigen und doch biegsamen, aller Modificationen des Aus-\ndrucks fähigen Stimme gehört eine grosse musicalische Si-\ncherheit und Reinheit der Intonation dazu, eine vollkommene\nAussprache des Textes und ein Sichversenken in den Sinn\nund Geist des Inhalts, um die Worte durch verschiedene\nTonfärbung zu beseelen. Vorzüglich zu rühmen ist die Hal-\ntung, welche Herr Koch dem Vortrage im Ganzen gab;\nmit Recht hielt er jeden declamatorischen Glanz, jede An-\nnäherung an dramatische Recitation fern, und schöpfte die\nWärme des Ausdrucks daher, wo sie namentlich hier allein\nhergenommen werden rnuss, aus dem Gemüthe. So wurde\ndie nothwendige Würde des Vortragt nirgends durch Un-\ngehöriges gestört, weder durch trockenes Absingen, noch\ndurch sentimentale Ekstase. Diese vortreffliche und allein\nrichtige Auffassung half daher dem Sänger auch über jene\nStellen hinweg, welche nicht musicalisch schön sind, deren\nes allerdings gibt, wie z. 8., um nur Eine anzuführen, die\nMalerei der Geisselung.\nAuch die übrigen Soli waren so besetzt, dass sie durch-\naus nicht den Eindruck des Ganzen störten; Herr Schif-\nfer aus Köln sang die Worte von Jesus recht schön; nur\nwünschten wir ein zu häufig mit seinem wohlklingenden\nTone verbundenes Tremoliren hinweg. Herr Simons trug\ndas Arioso in Es-dur: „Betrachte, meine Seele\" -—die\nPerle der Arien in der Johannes-Passion—, vorzüglich gut\nvor. Die beiden Sopran-Arien befriedigten, besonders die\nletzte. Die Alt-Partie wurde durch Fräul. Pels-Leusten\nvortrefflich ausgeführt, trotz eines momentanen, unbedeu-\ntenden Zwistes der Singslimme mit dem englischen Horn;\ndie herrliche Bruststimme dieser jungen Sängerin entfaltete\nin beiden Arien ihre volle Schönheit.\n\nL. B.\n\nZur Verständigung.\nA. Schindler.\nDie Randnote, welche die Redaction meinem Aufsatze in Nr. 11\nbeigesetzt hat, bedarf einer Erklärung. Wenn die verehrliche Re-\ndaction sagt, dass ihr der Vortrag des Es-dur-Concertes von Beet-\nhoven durch Liszt unvergesslich bleibt, so stehen wir beide auf\nderselben Stufe der Grund-Anschauung dessen, was in Auffassung\nund Ausführung künstlerisch vollendet zu nennen ist, worüber unter\nSachkundigen eine Meinungs-Verschiedenheit kaum denkbar sein\ndürfte. Auch mir bleibt der Vortrag des genannten Concertes (bei\nGelegenheit der Monuments-Feier 1845 in Bonn) unvergesslich, und\nnichts vordem durch Liszt Gehörtes steht damit auf gleicher Stufe.\nNiemand hat sich über diese Leistung mit mehr Wärme und An-\nerkennung ausgesprochen, als es meinerseits in der „lllustrirten\nZeitung\" damals geschehen ist. „Schliesst sich der wohl grundsätz-\nlich ab gegen eine vollkommen berechtigte Kunst-Erscheinung, ge-\ngen das Virtuosenthum in künstlerischem Sinne,\" der das gethan?\nWar ich früher, z. B. bei den wiederholten Zusammenkünften 1841\nim Hansemann'schen Hause zu Aachen, dann wieder in Paris so\nunglücklich, bis dahin nicht für möglich gehaltene Verzerrungen,\nvornehmlich in Beethoven'scher Musik, durch Herrn Liszt hören\nzu müssen, so liegt die Schuld an ihm, dass ich von seiner excen-\ntrischen Subjectivität nur schlimme Begriffe erhalten habe, die auch\nnoch nicht vergessen sind. Ein kleiner Trost für mich, dass es un-\nzähligen Anderen in gleicher Weise ergeht; nur sind diese Ande-\nren nicht so unglücklich, Begriffe von Beethoven's Musik an der\nQuelle empfangen zu haben, als es mir beschieden war.\nUm gefällige Aufnahme dieser Zeilen ersucht\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMöln. Der junge Clavier-Virtuose Arthur Napoleon hat\ndurch sein Spiel in der musicalischen Gesellschaft wahrhafte Be-\nwunderung erregt, welche sich, wie zu erwarten war, in weiteren\nKreisen durch seine Vorträge im Theater und in seiner Soiree im\nHotel Disch (am 20. d. Mts.) unendlich gesteigert hat. Er ist in\nder That eine erstaunenswerte Erscheinung, und die echt\nlerische Begabung tritt überall in seinem Spiele hervor. Dieser eilf-\njährige Knabe spielt Beethoven's Phantasie-Sonate in Cis-moll\nmit einer Correctheit und Auffassung, welche man von so zartem\nAlter keineswegs erwartet. Sein überaus glänzender, kräftiger und\nfein nuancirter Vortrag der Moses-Phantasie von Thalberg, und\nder schwungvolle Hinwurf des Rondo capriccioso von Mendels-\nsohn erregten eine enthusiastische Spannung im Publicum, wrie sie\ndas Clavierspiel so allgemein nur noch selten heutzutage hervorruft.\nDer Männergesang-Verein wird am Sonntag den 25. d.\nMts. ein Concert zum Besten der Ueberschwemmten am\nNiederrheine geben. Arthur Napoleon hat seine Mitwirkung\nfreundlichst zugesagt.\nGestern (22. d. M.) wiederholte die Gesellschaft Humorrhoi-\ndaria die Aufführung der Opern-Travestie „Die Barden\", vom\nFreudenthal in Braunschweig, welche sie\nbereits im Carnetal, am 10. Februar, in ihrem Gesellschafts-Locale\ngegeben hatte, auf der Stollwerck'schen Bühne zum Vortheil der\nUeberschwemmten. Einige Längen im zweiten Acte ausgenommen,\nist diese Travestie des italiänischen Opernwesens dem Gomponisten,\nder, wie wir hören, auch den Text gemacht hat, ganz vortrefflich\ngelungen. Die Oper enthält keine einzige besondere Reminis-\ncenz, und doch ist die ganze Musik derselben nichts als eine fort-\nlaufende allgemeine Reminiscenz, so dass der Musiker und je-\nder, der die bekanntesten italiänischen Opern im Kopfe hat (und\nwelcher Theater-Besucher hätte das nicht?), auf der Stelle die ge-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "96", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550324-01.1.8", "texte": "raeinten Situationen und die Manier erkennt, durch welche ihre\nGehaltlosigkeit auf die erheiterndste Weise charakterisirt wird. Wir\nhaben hier ein musicalisches Erzeugniss echt komischer Laune vor\nuns, dessen Verdienst paradoxer Weise in der originellen Tri-\nvialität besteht, die der Componist seinem Zwecke gemäss in seine\nEinzel-Melodieen, in die Duette, Terzette und Finales zu legen ge-\nwusst hat, und die uns die Norma, die Puritaner, die Sonnambula\nu. s. w., ohne eine bestimmte Note derselben wiederzugeben, doch\nin einem vollkommen erkennbaren musicalischen Schattenspiele\nvorüberführt. Wir wünschten sehr, dass diese Travestie in den\nResidenzen auf Volks-Theatern gegeben würde, namentlich in\nWien und London, \\\\p das Publicum Jahr aus, Jahr ein mit\ndem alten Süssbrod der Italiäner gefüttert wird, und wir fordern\nHerrn Freudenthal auf, diesen Wunsch ins Auge zu fassen. Ueber-\nhaupt aber zeugt diese Posse von unverkennbarem Talente des\nComponisten für komische Musik, sowohl in Erfindung als In-\nstrumentirung (in welcher Hinsicht der Entreact, der es übrigens\nmehr mit einem neueren, berühmten Componisten aus Westen zu\nthun hat, als mit denen vom Süden, wirklich classisch ist), und\nwir möchten ihm wohl ein gutes Buch einer komischen Oper wün-\nschen ; wir glauben, er würde etwas Erfreuliches leisten.\nDie Aufführung war im Ganzen genommen sehr gut. Der Ver-\nein zählt starke und frische Stimmen unter sich, und das Ganze\ngriff gut in einander. Die Palme verdient Herr Simons, welcher\ndie „Freia\" ganz vortrefflich sang und spielte. Herr Küpper\ndirigirte mit Präcision und Sachkenntniss.\n** Düsseldorf. Der Gemeinderath hat sich durch die be-\nkannten Gesundheits-Zustände des bisherigen städtischen Mu-\nsik-Di re ctors endlich genöthigt gesehen, eine Bewerbung um\ndiese Stelle auszuschreiben (s. die betreffende „Bekanntmachung\"\nunter den Anzeigen dieser Nummer). So sehr die Veranlassung zu\ndiesem Beschlüsse zu bedauern ist, so durfte doch jetzt, wenn das\nMusikwesen in derjenigen rheinischen Stadt, welche vorzugsweise\neine Künstlerstadt heissen darf, nicht sich in seine einzelnen Be-\nstandteile zersetzen und dadurch vielleicht einer gänzlichen Auf-\nlösung entgegen gehen sollte, nicht länger damit gezögert werden.\nEs dürfte aber die Erklärung durch Ihr Blatt nicht überflüssig\nsein, dass die Ausschreibung nicht etwa nur pro forma geschieht\nund man eine bestimmte Persönlichkeit schon in petto hat. Dieses\nist, wie ich Ihnen hiermit bestimmt versichere, nicht der Fall, und\nman wird bei einer Stelle, in welcher Männer wie Mendelssohn,\nRietz, Hiller und Schumann gewirkt haben, weder Local-\nSympathieen noch Local-Antipathieen berücksichtigen. Auch hat\nman sich hier überzeugt, dass der berühmte Name und ein grosses\nCompositions-Talent, trotz des Glanzes, den sie allerdings verleihen,\nnicht genügen, das Musikleben einer Stadt zur Blüthe und zu näh-\nrender Frucht zu bringen. Dasselbe bedarf vorzüglich einer energi-\nschen, nicht bloss musicalisch, sondern auch ästhetisch und allge-\nmein gebildeten Persönlichkeit als Dirigenten, und die Rück-\nsicht auf diesen Umstand wird denn auch wehl hoffentlich bei\nder Wahl vorwalten. Ich bemerke Ihnen noch aus sicherer Quelle,\ndass die mit dem festen Gehalte verbundenen, in der „Bekannt-\nmachung\" erwähnten „Emolumente\" der Stelle zum wenigsten\n200 Tha-1 er betragen.\nQuod Deus bene vertat!\nIn Königsberg wurde vor einigen Wochen eine neue Oper\nvon Marpurg, Capellmeister daselbst, gegeben: Der letzte Mauren-\nkünig, tragische Oper in 3 Acten mit Ballet, von J. E. Hartmann.\nAlex. Dreyschock hat in Leipzig am 22. Februar im\nGewandhaus-Concerte gespielt.\nAnna Zerr hat kürzlich auf dem Hoftheater zu Gotha mit\nausserordentlichem Beifalle gastirt.\nEin neues Oratorium: „Der Sünder\", von F. von Roda\nwurde am 26. Febr. in der Peterskirche zu Hamburg aufgeführt.\nliondora, Jullien's Concerte im Coventgarden-Theater ha-\nben ihren bunten Charakter beibehalten, in so fern sie das Classi-\nsche mit den Polka's und Quadrillen (diese nämlich in Aufführun-\ngen mit Massen) mischen. Doch ist dieses Jahr mehr gute Musik,\nnamentlich in Einzel-Vorträgen, vorgekommen, als früher. So spielte\nz. B.Madame Pleyel das G-mo/Z-Ccncert von Mendelssohn,\nund Ernst sogar das Violin-Concert von Beethoven, jedoch nur\nden ersten Satz mit einer glänzenden Cadenz.\nJenny Ney ist für die Saison in London von der Direction\ndes Coventgarden-Theaters engagirt worden.\nIn Riga ist Wagner's „Lohengrin\" gegeben, aber nur kühl\naufgenommen worden."}]}