{"numero_id": "bm-bmtnabi-1855-04-07-01", "volume": "bmtnabi_1855-04-07_01", "ocr_sha256": "42872ccb26168fa4e2a2c38a3b3ad542ffa112a592134af73ef3763036e71152", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1855/04/07_01/bmtnabi_1855-04-07_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550407-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1855-04-07-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-04-07_01#c001", "volume": "bmtnabi_1855-04-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "105", "page_fin": "108", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550407-01.2.1", "titre_corps": "Sonderliche Gedanken über die letzten Zeiten.", "titre_sommaire": "Sonderliche Gedanken über die letzten Zeiten.", "signature_source": "Ed. Krüger", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "105", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550407-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4074, "texte": "Sonderliche Gedanken über die letzten Zeiten.\nVon Ed. Krüger.\nPolitische Parteiung macht sich seit einigen Jahren\nauch in der Kunst geltend. So sonderbar es scheint, man\nrauss es gelten lassen, anerkennen, dass diese Auffassung\nvorhanden ist. Damit ist nicht zugestanden, dass sie be-\nrechtigt und in sich vernünftig sei. Es wäre eben so\nnärrisch, wenn man den Staatsmann beurtheilen wollte nach\neiner Tenorstimme, den Priester nach dem\nden Philosophen nach rothen Wangen und Haarlocken\nwie es grundnärrisch ist, die Musicanten nach ihren reac-\ntionären, demokratischen, conservativen, socialistischen,\naristokratischen, historischen, zukünftigen, fortschrittigen\nu. s. w. Privat-Gedanken zu beurtheilen.\nAls im Jahre 1848 einige Gründlinge aus dem Par-\nterre mit der grünen Hoffnung hervortraten, nun erst werde\ndas Reich des Geistes ungehindert hervorbrechen, da lächelte\nder alte, gesunde Menschenverstand und fragte naiv genug:\n„Also ihr seid die Leute? Was wir bisher gerühmt und\ngefeiert, das war noch nicht der rechte Geist? So zeiget\nuns den besseren!\" „ O, ihr Philister!\" war die Antwort:\n„ihr fühlet nicht das nahe Heranbrausen des Geistes, wie\ner sich entbindet aller hemmenden Rücksichten, wie er\nneue Schwingen frei entfaltet gebet Acht, das Land\nder Herrlichkeit thut sich auf, wo es keine Aristokraten\nund Tyrannen mehr gibt!\" „Um Vergebung!\" lautete\ndie naive Gegenrede: „ sollten etwa demokratisch gesinnte\nContrabässe deutlicher spielen, als conservative?\"— „Böo-\ntier! mit dir ist nicht zu reden!\" hiess es. Und es half\nnichts, dass der conservative Philister sich höflich Belehrung\nausbat von seinem süssen Widerpart; auf jede erneuerte\nBitte nichts als rundweg abgeschlagen: „Ihr versteht uns\nnicht; und wenn ihr uns versteht, so missversteht ihr uns\ndoch!\" —Mit dieser wohlfeilenßeminiscenz aus Hegel wur-\nden die Acten für dasmal geschlossen.\nWenn es nun aber unzweifelhaft ist, dass jene zeitge-\nsinnte Anwendung politischer Kategorieen auf das Kunst-\nWesen an sich verkehrt ist, oder doch kein unmittelbarer\nBezug beider auf einander obwaltet, so wollen wir dagegen\nnicht verkennen, welch Fünklein Wahres unserer Gegner\nMeinung in sich trägt. Der Künstler strebt nach Freiheit,\ndie Jugend nach unbändiger Freiheit. Das ist nichts Beson-\nderes; sie sind Menschen, wie andere auch, und es ist gar\nlöblich, wo sie rein Menschlichem nachstreben. Ist aber die\nFreiheit nur bei einem bestimmten politischen Bekenntnisse?\nUns scheint, dass es mit der Freiheit ist, wie mit der Fröm-\nmigkeit; wie in jedem Bekenntnisse Fromme und Gottlose,\nso auch bei jeder Staats-Verfassung finden sich freie Seelen\nund Sclavenseelen. Darüber kann sich also das Künstler-\nVölklein beruhigen; mit und ohne Demokratie können sie\nselig werden, wenn's nur Künstler sind!\nGehen wir tiefer, so hat freilich jene politische Inqui-\nsition nach reactionären und fort sehr itti gen Kunstgedanken\neine schwerere Bedeutung. Was die ganze Zeit innerlich\nbewegt, das wird sich auch im Kunstleben abdrücken. Fin-\nden wir nur erst das rechte Wort! Der Gegensatz, an dem\nwir mühen, quälen, bluten, ist nicht Action und Re-\naction, oder Alt und Neu, König und Volk, Rück-\nschritt und Fortschritt; denn diese Gegensätze ge-\nhören jedem Leben und jedem Zeitalter; sie sind allgemeine,\nabstracte Formeln für die Polarität alles Lebendigen. Der\nspecifische Gegensatz, der das Einzelleben unserer Zeit\nbewegt, ist vielmehr, allgemein gesagt: Subjectivität\nund Objectivität, und aus diesem ersten Gegensatze\nfliessen alle übrigen, als: Majorität und Autorität, Atomistik\nund Organismus, Willkür und Ordnung, Lüsternheit und\nLiebe, Effect und Schönheit.\nDass nun diese Grundgewalten des politischen und re-\nligiösen Lebens auch in die Kunstwelt einfliessen, wird nie-\nmanden wundern, der die Wechselbeziehung alles Leben-\ndigen erkennt. Den Ausgang haben jene Gegensätze aus\ndem Glaubensleben genommen. So unbequem dieses\nfür manchen Zeitsinnigen lautet, es ist nicht minder wahr,\nob es nun gefalle oder nicht. Aus dem Centrum des See-\nlenlebens erspriessen alle jene Blüthenzweige, die den Stamm"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "106", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550407-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5124, "texte": "umranken, aber alle aus ihm Leben nehmen. Die gewaltige\nWendung der Glaubenskämpfe seit dreissig Jahren ruht\nnicht auf dem Gegensatze der christlichen Kirchen. Denn\nwenn auch das calvinische Wesen ein übermässiges\nHervorkehren der Subjectivität verschuldet hat, während\ndas römische die alte Objectivität unerschüttert zu be-\nwahren scheint, so ist doch durch Vermittlung evangeli-\nschen Kirchenlebens die Ausgleichung beider Endpunkte\nangenähert. Fälschlich haben ultramontane Stimmen die\nRevolution, welche eben an jenem Uebermaasse der\nSubjectivität entzündet ist, den Protestanten Schuld gege-\nben, während Geschichte und Wirklichkeit zeigt, dass in\nrömisch-katholischen Landen die Revolution ursprünglicher,\ngründlicher und verbreiteter geschehen ist, als in protestan-\ntischen. Wie sehr aber die Wirkung des Glaubenslebens\nsich ins staatliche hinein erstreckt, ist eben daran sichtbar,\ndass das ganze Zeitalter diesen Gegensatz ergriffen hat, der\nam stillen Heerde des Herzens aus dem Glauben entzündet\nwar; dass dieses „S u b ject-0 bject\" die Grundfrage\ndes beginnenden Denkens geworden, dass Jugend und Alter\nsich daran abmühen warum nicht auch Genies und Phi-\nlister? Dass übrigens Cartesius, der Jesuitenschüler, Er-\nfinder des subjectiven Rationalismus ist, sei hier nur bei-\nläufig in Erinnerung gebracht.\nWie wirkt nun dieses auf die Kunst ein? Unmittel-\nbar nicht. Das Schönheit-Leben ist nicht an jene Spitzfin-\ndigkeiten der Prophetenschulen gebunden. Wohl aber kann\ndie Ausübung der Kunst berührt werden von den\nFolgen jenes Widerstreites. Wenn die Jugend nicht lernen\nwill, weil sie zu Anfang der Lehre Unbegreifliches findet;\nwenn Liebe fehlt, Vergangenes eingänglich zu erkennen;\nwenn Demuth fehlt, die eine Hoheit über sich ahnen mag\n—-so sind das zeitsinnig-subjective Auswüchse, die freilich\ndie Leiter und Lenker solcher Jugend mitverschulden, weil\nsie keine Autorität zu erwerben wissen über ihrer Jün-\nger Majorität.—Und wo die Massenhäufung der Kunst-\nmittel (auch eine majoritätische Errungenschaft!) zuletzt allen\nOrganismus in Atome zerlös't und Willkür an der Ordnung\nStelle setzt, da wundere sich Keiner, wenn der Effect,\nstatt Schönheit zu bringen, sich selber vernichtet.\nSchönheit! Ist die Kunst wirklich etwas in dem Ge-\nsammtieben des Geistes, hat sie ihre eigene Weltbestim-\nmung neben und unter anderen Geistesgebieten, so steht\nihr Sonderleben nur in der Schönheit. Bare Lehrhaf-\ntigkeit ist prosaische Tendenzelei, nimmt sich gut aus\nauf dem Katheder, schlecht auf der Bühne. Bare Charak-\nteristik ist schmerzhafte Wirklichkeit, gehört ins Hospi-\ntal, nicht ins verklärte Bildwesen. Alie Dinge im Himmel\nund auf Erden können in die Kunst eingehen, sofern sie\nschön sind, d. h. verklärende Bildkraft in sich tragen. Alle\npolitischen, religiösen und philosophischen Probleme sind der\nKunst feind, sofern sie Arbeit sind, werdende Wahrheit,\nunvollendetes Suchen der vollkommenen Gestalt.\nWir Anderen im Göthe'schen Zeitalter geborenen stan-\nden bisher in der vergnüglichen Meinung, das sei der Schön-\nheit Beruf, die stille Heimlichkeit der Seelen abzumalen,\ndas Herz in Höhen und Tiefen zu geleiten, eine Schöpfung\nneben der Schöpfung zu sein, als Abbild jenes Urbildes,\ndas in des Gemüthes Tiefen wohnt als kündlich grosses\nGeheimniss. Und der Sänger sprach:\nBiide, Künstler, rede nicht,\nNur ein Hauch sei dein Gedicht.\nDamit liessen wir uns genügen und waren eine Weile fröh-\nlich in seinem Lichte. Nun aber kommen daher die gewapp-\nneten Scharen derer, die verschollene Weisheit aufwärmen\nund verdorbenen Rocoeo der letzten Zeiten für allerneueste\nKunstwerke verkaufen. Schade, dass die Vielgelehrten so\nwenig gelernt haben, um ihre Weisheit für neu zu halten.\nUnter diese Neuheiten, die nicht neu sind, rechnen wir die\nplumpe materielle Massenhäufung, die bekanntlich den\nliederlichen Höfen des siebenzehnten und achtzehnten Jahr-\nhunderts längst bekannt gewesen, und damals wirkte wie\njetzt, nämlich betäubend auf gesunde, zuckend, aufregend\nauf verdorbene Nerven. Ferner die kalte, unmelodische\nDeclamatorik, welche dem prosaischen Illusions-Princip\nzu Liebe alle runden, plastisch-melodischen Gestalten ver-\nschmäht— aus Armuth, nicht aus Weisheit; das hatten die\nOber-Rococo-Meister von Mattheson bis Schultz schon\nlange geleistet, ehe sie an den wahrhaft neuen Gestirnen\nGluck und Mozart zur Vergessenheit verblichen. Sogar die\nrationalistische Ueberzeugung, man könne Berühmthei-\nten schaffen durch Coterie-Lobräucherungs-Systeme, ist\neine ziemlich alte Erfindung und hat aller Zeiten und Orten\ndieselbe Wirkung gethan, einen Augenblick die Thoren\nirre zu führen, die auf Meisters Worte schwören, um dann\ndem Gerichte der Zeiten zu erliegen (Vergl. Opitz, Rist,\nGottsched und ihre Enkomiasten).\nDie eben behandelten Neuheiten gehören mehr dem\nKunstleben und der historischen Kritik an. Ein Glei-\nches hat sich auch die theoretische Kritik gefallen las-\nsen müssen; auch sie hat Neuheiten erfunden, die „alle\nschon da gewesen\" sind, mit Gevatter Rabbi, dem klugen\nJudenmeister, zureden. Wer mit der vorhandenenNomen-\nclatur nicht zufrieden, schafft sich lustig eine neue, und"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "107", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550407-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5184, "texte": "meint Wunder was zu helfen, wenn er statt Genitiv\nZeugefall oder Wessenfall oder sonst was Kluges sagt, statt\ndie Termini technici als algebristische Buchstaben allgemei-\nnen Verständnisses festzuhalten. Wer nun die Worte Con-\nsonanz und Dissonanz desswegen hasst, weil sie sitt-\nliche Consequenzen in sich tragen möchten, der verwechselt\nTheorie mit Ermahnung; ein Gleiches hatte schon Nichel-\nmann versucht und mit gleichem, d. h. nichtigem Erfolg.\nDie Zionswächter des Vergangenen werden mit Recht\nverspottet, wenn sie das Alte um des Alten willen preisen.\nDcch sind sie nicht ganz so verkehrt, wie die Zionswächter\ndes Neuen, die das neunzehnte Jahrhundert darum loben,\nweil es eben das neunzehnte ist und sie, die Unvergleich-\nlichen, in selbigem geboren. Denn jene freuen sich an dem,\nwas sich bewährt hat; diese tasten im Dunkeln und\nschieben der Zukunft die Bewährung zu. Das alles für wahr\nzu nehmen, dazu gehört ein starker Glaube an die Prophe-\nten der Neunzehner, ein stärkerer mindestens, als die bor-\nnirte Reaction sich rühmt, zu haben. Ist es aber wirklich\nso, dass nur der Lebende Recht hat: nun, so mag's\ntröstlich sein, zu wissen, dass auch die Thoren sterben, wo\nsie dann diesem Grundsatze gemäss eben so gewiss Unrecht\nhaben, wie Mozart, „der überwundene Stand-\npunkt\". Gesteht ihr das zu, so gesteht ihr freilich, dass\nes euch um zeitlich Leben zu thun ist, wie wir denn\nnie daran gezweifelt haben, bei wem weltlich Ehr' und\nzeitlich Gut sich findet. Gesteht ihr aber die Wahrheit\njenes Satzes nicht, so ist's auch mit der Lehre von „Alt\nund Neu\" nichts. Da wären wir allerdings auf dem rech-\nten Wege: Ewigkeit ist's, was die Kunst bedeutet; ewige\nSchönheit, ewige Liebe ist ihr Kernleben.\nWie Brunst und Liebe, so sind Begeisterung und\nFanatismus ungleiche Geschwister. Sie sind verschieden,\nwie heiliger Geist und Weltgeist. Der Fanatismus will,\ndass man ihm diene; der Geist Gottes in des Menschen\nSohne dagegen ist nicht gekommen, dass er ihm dienen\nlasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zur\nErlösung für Viele (Matth. 20, 28.). Ist dieses Gleichniss zu\nhoch, so nehmen wir nähere, menschliche: Devrient und\nRachel, Hoffmann und Liszt, Beethoven und Wagner; und\nin Kunstwerken auf ähnliche Weise: die Sixtina und der\nHass-Huss des Düsseldorfers— Huss auf dem Concil, Gelb\nin Gelb gemalt, kein Strahl von Liebe und heiligem Geist,\nsondern barer schwarzgelber Tod in allen Zügen; dessglei-\nchen stellet gegenüber die Zauberflöte und den Propheten,\ndie schauerliche Hoheit in Bach's Passionen und die viehische,\nnicht tragische Bartholomäusnacht in den Hugenotten—\nüberall ist Geist und Fanatismus deutlich geschieden; und\nobwohl der Teufel sich mit Larven der Engel schmückt—\ndennoch ist allein die ewige Wahrheit berufen, Zeugniss\nabzulegen ihrer selbst und ihres Gegentheils: Verum in-\ndex sui et falsi,was mit ganz ähnlichen, doch heiligen\nWorten der Apostel ausspricht, Ep. Joh. I. 4, 6.\nDie grösste Absonderlichkeit in den Zeit-Gedanken-\nWirrsalen ist nun aber diese, dass sie so oft das Gegen-\ntheil von dem sagen, was sie wollen, das Gegentheil ihrer\nselbst bezeugen. So ist es unter Anderem eine sehr geläu-\nfige Vorstellung, dem modernen Fanatismus ein gewisses\nUebermaass von Sinnlichkeit anzudichten, wöbeisich\ndann die Fanatiker ganz vergnüglich auf die Rehabili-\ntation des Fleisches berufen, die ihnen der geistreiche\nJude vorgesungen, der allerdings solcher Rehabilitation sich\nhöchst bedürftig fühlte. Wir Anderen, die wir ausser dem\nZauberkreise zu stehen verdammt sind, erblicken nun in\ndem leidigen Fanatismus nichts weiter, als eine sublimirte\nSteigerung der Verstandesthätigkeit, die aller wahren\nSinnlichkeit bar und ledig ist; was Göthe „trockene Phan-\ntasten\" nennt, das sind die im heutigen octrovirten Zei-\ntungswälsch so genannten Fanatiker des Ruhmes, der\nKunst, der Zukunft, der Neuzeit und wie die Rococo-\nPhrasen alle lauten mögen.\nSinnlichkeit! Alle wahre Liebe ist sinnlich, leibsinnlich,\nnaturleiblich in ihrem Wesen; alle falsche, verlogene Liebe\nruht auf unsinnlicher, sinnloser Abstraction. Begreiflich für\njeden Vernünftigen ist, dass die Sinnlichkeit nicht bloss im\nBegattungstriebe ruht. Auch die heilige Mutter- und Kin-\ndesliebe ist sinngeistigen Wesens; selbst zärtliche Freun-\ndesliebe trägt Entzücken im Blick, warmes, wallendes Blut\nzieht die Herzen fester. Nur eine verglas'te Ader voll philo-\nsophischen Scheidewassers kann sich bei dem gründlich lieb-\nlosen Satze beruhigen, mit dem Arnold Rüge vermeinte\netwas Neues zu sagen: „Wo sich die Principien trennen,\nda trennen sich die Herzen!\" während nicht bloss Christus\nden Sünder liebt, sondern auch jedes treue Eheweib am\nManne hängt, und sei er ein Verbrecher und die wahre\nMutter nicht vom verlorenen Sohne lässt, selbst wenn er\nihr nach dem Leben gestellt. Unsinnlich dagegen, d. h.\nunwahr, ist solche Liebe, wie das moschusduftige Gedicht\nAmarant!) von Redwitz darstellt, wo der Wendepunkt\nbräutlicher Liebe sich um eine Katechese dreht über den\näusserlichen Kirchenglauben, wo doch l.Kor. 7,14 längst\ngenügende Antwort der Liebe gab.\nLachen und Weinen ist sinnlich, kaltes Staunen un-\nsinnlich. Wollten die Herren Neuzeitlichen sich selber ein-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "108", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550407-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1615, "texte": "mal der ersten Stunde erinnern, falls sie eine solche\nwirklich gehabt, wo ihnen zuerst die Herrlichkeit der Kunst\nüberwältigend auf die Seele fiel: so würden sie doch wis-\nsen, dass jener erste Strahl sinnlich zündete in lächelnden\nThränen, nicht in logischen Erstaunlichkeiten. Weil es ein-\nmal thränenselige Narren gegeben, und die Literatur der\nThränendrüsen zu den überwundenen Standpunkten gehört,\nso haben sich einige kluge Leute das Wort darauf gegeben,\naller Thränen zu spotten. Und doch: es geschieht nichts\nNeues ohne Thränen; wo ein glühender Tropfen auf die\nSeele fällt, das ist seliger Schmerz; jede Eröffnung neuen\nLebensstromes erregt die Sinnenflut in Lachen und Thrä-\nnen. Das wussten unsere alten Dichter seit tausend und\naber tausend Jahren, daher:\naQidaxgvsg ävsoeg to&loL.\nUnd das ist die Sinnlichkeit, die der trockene Fanatiker\nhasst, weil er sie nicht hat. Als besonderes Beispiel diene\nhier die Ueberraschung, ein sehr gebräuchliches und\nwirksames dramatisches Motiv. Wo diese im wahren\nKunstwerke erscheint, da wirkt sie einmal wie hundertmal\n(<decies repetita placebit, ein nicht unverächtliches Merkmal!\nS. Horat. Ep. ad Pis. V 5.365);.365); wo ein Lügendichter\nsie erfindet, da wirkt sie das erste Mal, und ist das zweite\nMal abgegohren, sobald man weiss, was dahinter steckt.\nWer hätte sich nicht in Schiller und Shakespeare wieder-\nholt derselben erschütternden Ueberraschung erfreut, dess-\ngleichen bei Gluck und Mozart dagegen das bengalische\nFeuer des Lügen-Propheten in Einem Male ver-\npufft, und nur Blasirte ertragen's zwei Mal—die eben der\nMoxa bedürftig sind.\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-04-07-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-04-07_01#c002", "volume": "bmtnabi_1855-04-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "108", "page_fin": "110", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550407-01.2.2", "titre_corps": "Brüsseler Briefe.", "titre_sommaire": "Brüsseler Briefe.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "108", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550407-01.1.4", "debut_caractere": 1617, "fin_caractere_exclue": 4611, "texte": "Brüsseler Briefe.\n[Concerte der Association des Artistes des Conser-\nvatoire's Sinfonie von Lern mens Gebrüder\nWieni a w s k i V ieux t e m p s.]\nDa wir uns bereits dem Schlüsse unserer diesjährigen\nMusik-Saison nähern, so wird es wohl Zeit, Ihnen einen\nBericht für die Niederrheinische Musik-Zeitung zu senden.\nIch habe damit gezögert, weil ich weiss, dass Ihre Zeit-\nschrift nicht auf die Neuigkeiten-Jagd ausgeht, und Ihnen\nUebersichten, welche die Erlebnisse und Ergebnisse zusam-\nmenfassen und das Musikleben einer Stadt charakterisiren,\nlieber sind als augenblickliche Entdeckungs-Berichte über\nneue Phänomene, die nur zu oft schnell wieder unter den\nHorizont hinabsinken.\n%\nUnsere beiden grösseren Concert-Institute, die\nciation des Artist es, unter Leitung des Herrn Hanssens,\nund die Concerte des Conservatoire, welche Herr\ndirigirt, haben es nicht an Thätigkeit fehlen lassen, und ihre\nLeistungen verdienen um so mehf eine unparteiische Be-\nsprechung, als sie bedeutende, theils ältere, theils neuere,\nWerke vorgeführt haben.\nDas erste Concert der Association des Artistes rnusi-\nciens brachte von Orchester-Stücken die Ouvertüren zur\nEuryanthe und zur Leonore, welche leidlich gut ausgeführt\nwurden. Der Haupt-Anziehungspunkt war Beethoven's Vio-\nlin-Concert, von Leonard mit grosser Meisterschaft und\nGewissenhaftigkeit vorgetragen. Leonard verstand es, dem\nPublicum seine eigene Begeisterung für das schöne Werk\ndurch sein gediegenes, geistvolles Spiel, so wie durch seine\necht künstlerische Auffassung mitzutheilen. Leider secun-\ndirte das Orchester oder vielmehr der Dirigent den Künst-\nler schlecht und trat ihm selbst durch Vergreifen einiger\nTempi und Öfteres Schwanken in der Bewegung hinderlich\nin den Weg. Durch eine sehr brillante, gut gearbeitete und\nganz im Geiste des Stückes gehaltene Cadenz riss Leonard\ndas Publicum zu grossem Applaus hin. Mehr noch als die-\nses Concertstück wirkte—auf einen grossen Theil des Pu-\nblicums— eine Phantasie über den Sehnsuchts-Walzer, die\nwir zu den effectvollsten Compositionen unseres Violinisten\nzählen. Madame Leonard sang eine Arie aus den Purita-\nnern und das fünfte Air variefür Vio 1 ine von de Beriot\nmit grosser Vollendung. Die Ausführung dieser Violin-Com-\nposition durch die Stimme ist eine schwierige Aufgabe,\nwelche die vortreffliche Sängerin indessen mit dem grössten\nErfolg lös'te. Frau Leonard zählt zu den gut musicalisch\ngebildeten Sängerinnen,, besitzt eine sonore, umfangreiche\nStimme, dabei Jugend und Schönheit— also mehr, als nö-\nthig, um stets ihr Publicum zu bezaubern.\nDas zweite Concert hatte ausser der neunten Sin-\nfonie von Beethoven wenig Interessantes. Leider müs-\nsen wir aber sagen, dass dieses Meisterwerk so ungenügend\nausgeführt wurde, wie es wohl seilen der Fall gewesen sein\nmag. Die Bewegung des ersten Satzes war viel zu schnell,\nund zwar so, dass der Dirigent genöthigt war, zu ralenti-\nren, damit die Violinen die Zweiunddreissigstel-Figur nur\neben ausführen konnten. Die folgenden Stellen:"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "109", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550407-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4865, "texte": "verschwammen in ein Chaos, aus dem das geübteste Ohr\nnicht im Stande war, einen Accord heraus zu finden. Im\nScherzo fielen trotz eines sehr gemässigten Tempo's viele\nFehler vor; bedecken wir das Horn-Solo im Vierviertel-\nTact mit dem Mantel der Liebe. Das Andante wurde eben-\nfalls, namentlich die Violin-Variation gegen das Ende, total\nverhunzt. Der Hornist, in der angenehmen Voraussicht, sich\ndurch die berühmte H-dur-Tonleiter, die er auch wirklich\nmit Hülfe der Ventile glücklich zu Stande brachte, recht\nhervor zu thun, behandelte seine Partie von A bis Z als\nSolo. Am meisten zu rügen aber ist die Art, wie Herr\nHanssens die Recitative im Anfange des letzten Satzes spie-\nlen ltess. Ich erlaube mir, stark zu bezweifeln, dass Herr\nHanssens Beethoven gründlich studirt hat, noch mehr aber,\ndass seine Auffassung die allein richtige sei, wie er sich\nschmeicheln soll. Er liess die Recitative von den Contra-\nbässen mit solcher Heftigkeit herunterreissen, dass das Holz\nder Bogen auf den Saiten schnarrte, und setzte von dem\nRecitativ an das Tempo so unerhört langsam (J 76) ein,\ndass es beim Diminuendo in ein völliges Largo ausartete.\nDie Ausführung der Chöre, so wie der Gesang-Soli durch\ndas Sänger-Personal der grossen Oper liess ebenfalls viel\nzu wünschen übrig. Noch zu bemerken dürfte sein, dass\nHerr Hanssens das Contra-Fagott durch die Ophicleide\nersetzte.\nDas Programm des ersten Concertes vom Con-\nservatorium bestand aus der 67. Sinfonie von Haydn\n(inD), Sinfonie-ConcertNr.4 für Piano von Litolff, Con-\ncert-Ouverture, Manuscript, von Fetis und Finale des er-\nsten Actes aus Mozart's Titus. Ausserdem sang Fräul.\nSerneels eine Arie von Piccini, und Litolff spielte sein\nSpinnlied. Ich beschränke mich auf einige Bemerkungen\nüber die Werke von Litolff und Fetis und bemerke nur,\ndass die Ausführung der Sinfonie von Haydn, so wie des\nFinale aus Titus mehr als mittelmässig war.\nVon Litolff's Sinfonie ist hervorzuheben der erste Satz,\nder grossartig angelegt und sehr effectvoll instrumentirt\nist; einige Clavier-Passagen in Terzen, die zu sehrimHerz'-\nschen Stile sind, scheinen mir dem Charakter des Ganzen\nnicht zu entsprechen. Das Scherzo, so wie dessen Trio ist\nsehr gelungen und von ganz besonderem Reiz, nur wieder-\nholt sich in ersterem der Hauptgedanke, so schön er auch\nist, doch wohl zu oft. Der dritte Satz hat uns weniger an-\ngesprochen, als die beiden vorhergehenden, und steht den-\nselben an Originalität jedenfalls nach. Im letzten Satze tritt\nder zweite Hauptgedanke, in einem bedeutend langsameren\nTempo, unserer Ansicht nach dem Aufschwung hindernd\nentgegen. Herr Litolff trug seine Partie mit Meisterschaft\nvor und bezauberte durch sein eben so fein nuancirtes als\nrhythmisch markirtes Spiel. Die geniale Ausführung verdient\num so grössere Anerkennung, als Herr Fetis trotz allem\nWinken, sogar Stampfen des Componisten nicht dahin zu\nbringen war, mit dem Orchester zu folgen, was im Publi-\ncum allgemein ein unbehagliches, peinliches Gefühl erweckte.\nDas Orchester fungirte als Hemmschuh. Litolff's Spinn-\nlied mag ein hübsches Salonstück sein, ist aber im Con-\ncerte nicht an seinem Platz. Die Ouvertüre von Fetis ist\nweder schlecht genug, um grossen Tadel zu verdienen,\nnoch gut genug, um das Compositions-Talent unseres Con-\nservatoire-Directors in ein grosses Licht zu stellen. WTir\nbemerkten im Orchester viel Geräusch und im Publicum\nviel Stille, d. h. Langeweile.\nDas zweite Conservatoire-Concert war das interessan-\nteste der Saison. Hier das Programm. Sinfonie, Manuscript,\nvon Lern mens—-Sopran-Arie mit Violin-Solo aus der\nbunten Wiese von Herold Concert lür Piano in\nvon Beethoven Violin-Concert von Mendelssohn\n—Romanze aus Wilhelm Teil —Barcarole lür Piano von\nJ. W i e n i a w s k i Phantasie lür Violine über Themen aus\nOthello von Ernst.\nWir erwarteten nicht, dass Herr nachdem ihm\nzu verschiedenen Malen klar und deutlich nachgewiesen\nworden, dass Herr Lemmens weder Erfindungsgabe noch\nGeschick lür Composition habe, so bald wieder dem Publi-\ncum ein Werk seines Lieblingsschülers aufdringen werde.\nEs kann sein, dass Herr Fetis sowohl als Herr Lemmens\nwegen ihrer Qualität als belgische Künstler auf eine gün-\nstige Aufnahme zählten, und vielleicht gedachten, durch\neinen glänzenden Erfolg die Behauptungen eines seither ein-\ngegangenen hiesigen musicalischen Blattes zu widerlegen.\nTrotz mit aller Voraussicht angewandter Erfolgsmittel, trotz\nder Anfeuerungen und Anstrengungen des Dirigenten, der\nSinfonie des Herrn Lemmens eine eben so sorgfältige Aus-\nführung als einer Beethoven'schen zu sichern, hat dieselbe\ngänzlich Fiasco gemacht, Obschon unsere Erwartungen sehr\nniedrig gestellt waren, so sind sie dennoch im Allgemeinen\nnicht erreicht worden. Auffallend ist es, dass der erste Satz\nsehr Yortheilhaft gegen die drei folgenden hervortritt. Die\nInslrumentirung dieser letzteren ist durchaus Haydnisch"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "110", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550407-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2233, "texte": "und erinnert namentlich an dessen Kinder-Sinfonie, bringt\nauch mitunter dieselben Effecte hervor. Die Lieblings-Ein-\ntritte sind folgender Art:\nund sie wiederholen sich, nur nach der Tactart zugerichtet,\nmit vieler Consequenz.\nDas berühmte Künstlerpaar Henri und Joseph\nWieniawski entschädigten uns reichlich für die uns\ndurch vorerwähnte Sinfonie verursachte Langeweile. Der\nEnthusiasmus, den Henri Wieniawski durch das Mendels-\nsohn'sche Violin-Concert hervorrief, war ausserordentlich;\nder Genuss würde ein vollkommener gewesen sein, wenn\nder Dirigent fähig gewesen wäre, dem Orchester den gehö-\nrigen Impuls zu geben. Herr Joseph Wieniawski spielte das\nBeethoven sehe Clavier-Concert ebenfalls mit grosser Mei-\nsterschaft. Sein Spiel ist ruhig, correct, abgerundet, mit\nEinem Worte: classisch. Die eingeschaltete Cadenz lasst\nauch den tüchtigen Musiker vermuthen. Eine Barcarole für\nPiano ohne Begleitung von seiner Composition gab ihm Ge-\nlegenheit, sich als brillanten Pianisten und guten Compo-\nnisten im modernen Genre zu zeigen.\nIn Ermangelung anderer Concerte des Conservatoires,\nso wie des Musiker-Vereins, besprechen wir einige Künst-\nler- una Gesellschafts-Concerte. Der Cercle artislique et lit-\nteraire hatte zur Einweihung des neuen Saales ein Concert\nveranstaltet, zu dem Vieuxtemps, seit Anfang des Win-\nters grösstentheils hier anwesend, seine Mitwirkung zuge-\nsagt hatte. Er spielte ein Adagio und Rondo, eine\nslave, so wie ein Lied ohne Worte und eine Tarenteile,\nsämmtlich von seiner Composition. Das bedeutende Talent\nVieuxtemps' als Componist und Virtuose ist Ihnen bekannt,\nund wir verlieren daher keine Worte darüber. Der Effect\nwar indess diesmal kein besonderer, was theils der Anwe-\nsenheit des königlichen Prinzen, theils dem zusammenge-\nstoppelten Orchester, theils aber der schlechten Akustik des\nSaales beizumessen ist. Von der Sinfonie von Soubre, der\ndas Concert leitete, haben wir Ihnen früher berichtet.\nTrotzdem dieselbe diesmal vom Componisten selbst einstu-\ndirt und geleitet wurde, brachte sie doch keinen besonde-\nren Eindruck hervor. Von den Gesangstücken erwähnen\nwir die von Fräul. Sherrington sehr schön und mit rich-\ntigem Ausdruck vorgetragene Arie aus dem Freischütz.\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-04-07-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-04-07_01#c006", "volume": "bmtnabi_1855-04-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "110", "page_fin": "111", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550407-01.2.3", "titre_corps": "Beethoven's Gedächtnissfeier In München.", "titre_sommaire": "Beethoven's Gedächtnissfeier In München.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "110", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550407-01.1.6", "debut_caractere": 2235, "fin_caractere_exclue": 5533, "texte": "Beethoven's Gedächtnissfeier In München.\nIn Boston wird Beethoven ein Standbild errichtet, von dem\namericanischen Bildhauer Crawford modeliirt und in der könig-\nlich baierischen Erzgiesserei zu München gegossen.\nDie königlich baierische Hofcapelle hat dieses für die deutsche\nKunst hocherfreuliche Ereigniss durch ein Fest-Concert gefeiert,\nwelches am Todestage Beethoven's, 26. März, im königlichen Odeon\nStatt gefunden. Zu dessen Verherrlichung war durch den Inspector\nder königlichen Erzgiesserei von Miller das Standbild im Saale\naufgestellt worden. Die musicalische Aufführung, durch den könig-\nlichen General-Musik-Director Franz Lachner geleitet, brachte\nnur Beethoven'sche Werke: Fest-Ouverlure in Terzett aus Fide-\nlio, Marsch und Chor aus den Ruinen von Athen, Sinfonia Eroica\nu. s. w. Voraus ging der folgende Prolog vom königlichen Hof-\ntheater-Intendanten Dr. Di ngelstedt, durch die königliche Hof-\nSchauspielerin Damböck im Charakter und Costume der Germa-\nnia vorgetragen;\nIn Beziehung auf dessen Form glaubt der Verfasser bemerken\nzu sollen, dass geflissentlich weder ein antikes Oden-Metrum, noch\nder fünffüssige Jambus des Dramas, noch endlich die bei Gelegen-\nheits-Gedichten herkömmliche Stanze, sondern, als ursprünglich\ndeutsch und in -ihrer epischen Breite sowohl dem Charakter des\ngefeierten Meisters wie dem festlichen Zwecke angemessen, die Ni-\nbelungen-Strophe gewählt worden ist.\nEuch, die eine Todtenfeier und ein Osterfest zugleich\nHier versammelt in der Tonkunst wunderbar geschmücktem Reich\nZeugen eines seltnen lages, Euch begrüsst Germania,\nDie heut ihrer Besten einen sterben und erstehen sah.\nOft mit schmerzlicher Empfindung sass ich an dem Strand der See,\nKlagend um verlorne Kinder, eine neue Niobe.\nWenn, Zugvögeln zu vergleichen, unaufhaltsam, abschiedsfroh,\nMeiner Söhne, meiner löchter Wanderschaar gen Westen floh.\nDeutscher Ströme eigne Ader trug, in räuberischer Flut\nAn dem Mutterherzen nagend, in die Fremd' ihr Gut und Blut;\nSeht: das Sternenreiche Banner, das aus der Atlantis fern,\nWo die Sonne sinkt, emporstieg, führt schon manchen deutschen\nStern!\nIraurig sah ich sie verschwindenj aber Einen: Diesen da,\nDen Koloss, errichtet zwischen Deutschland und America,'\nDiesen heiss' ich frohen Muthes, im Triumph hinüberzieh'n,\nIhm, o Meer, gib, wie Arion, deinen sanftesten Delphin!\nEh er seneidet, seht ihn Alle einmal noch bewundernd an!\nJa, so war er: stark, gedrungen, ehern - jeder Ton ein Mann,—•\nAuf gewölbter Stirn der Stempel einer mächtigen Natur,\nUm das Auge Wetterwolken, in den Brau'n der Blitze Spur!\nDiese Lippe sprach nur selten, doch ihr Lächeln war Gesang,\nDieses Ohr, taub für die Erde, hörte nur der Sphären Klang,\nDieser Brust granitner Felsen, er verschloss - wie tief und frisch'\nEmen Bergstrom ew'ger Weisen, dunkel, reissend, träumerisch!\nGrosses Bild des grössten Meisters, sei in Ehrfurcht eingeweiht!\nStehe, wie er selbst, erhaben über Raum und über Zeit!\nReihe dich zu deines Gleichen, Säulen all' in Gottes Dom\nZu des Urwalds Riesen-Eichen, an der Neuwelt Riesenström!\nDort, wo sich ein Volk von Völkern, sich zum Staat ein Erdthei!\nxxr - * baut,\no in unoemess nen Strecken Land noch grünt, noch Wasser\nWo in schrankenloser Fülle, frei verschmolzen, kühn beschwingt\nAus der alten Menschheit Asche phönixgleich die junge"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "111", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550407-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2218, "texte": "Dort, in neuer Künste Dämm'rung, neuer Sprachen Mutterwehn,\nIn dem Chaos neuer Geister soll dies Bild bedeutsam stehn:\nUns ein Markstein des Erreichten, jene, welche nach uns sind,\nAls ein Leuchtthurm sicher führend über Brandung, Nacht und\n- Wind.\nScheint auf dich zum ersten Male jener jungen Sonne Strahl,\nDann ertöne, Memnonssäule, so wie heut' in diesem Saal:\nLodre auf, du Götterfunken Oelberg, brenne lichterloh\nSchmettre drein, du Siegs-Drommete treuer Lieb', Fidelio!\nHorch! das weckt in Süd' und Norden mächtigeren Wiederhall,\nAls ihrer Vulkanex Donner, ihres Niagara Fall;\nLauscht nicht selbst das Thier der Wüste, wie es Orpheus einst\ngelauscht?\nTanzt der Stein, wie vor Amphion,» wenn ihn solch ein Lied durch-\nrauscht?\nUnd in Millionen deutscher Herzen, welche dort zerstreut,\nKlingen da nicht Heimats-Glocken, schallt nicht leises Christgeläut?\nSeht, wie sie zusammenströmen, wie sie stumm versunken stehn,\nWie nach Osten Aller Augen keines ohne Thräne sehn!\nJa, er ist's, der deutsche Meister! Dem der Rhein die Wiege gab\nUnd bald wird's ein Menschenalter Wien sein frühes, dunk-\nles Grab,\nWTahrlich, er ist auferstanden: lebend wandelt er umher:\nGeh und sag's, du eh'rner Schatten, sag' es an bis übers Meer!\nSag's den Brüdern und den Fremden an der letzten Thüle Strand:\nIhn als Herold und Vermittler schickt dasselbe deutsche Land,\nDas mit seiner Krieger Blute und mit seiner Bauern Schweiss\nUnd mit seiner Priester Feuer jedes Land zu taufen weiss.\nSag's, obgleich im Rath der Völker, nach des Schicksals herbem\nSchluss,\nSich Germania verhüllen und zerrissen schweigen muss:\nEins erhebt uns über Alle, gibt uns Einheit, Trost und Kraft,\nGibt in Schmach und Schmerzen Hoffnung: deutsche Kunst und\nWissenschaft!\nSie ist's, die auf das Gewitter jeder Zeit und aller WTelt,\nMeer und Völker überwölbend, ihren Regenbogen stellt;\nSchon im Zwielicht der Gesittung, noch auf blut'ger Kriegesspur\nGeht sie mit der Friedenspalme, mit der Leuchte der Cultur!\nHeil, dass sie am Wittelsbacher Thron, im treuen Baiernland\nEinen Hafen, vor der Zeiten Sturm und Drang geborgen, fandl\nDafür zeugt auch dieses Bildniss! Wer es, hier und dort, erblickt,\nSpricht bewegt und dankbar: Den hat München wiederum geschickt!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-04-07-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-04-07_01#c007", "volume": "bmtnabi_1855-04-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "111", "page_fin": "111", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550407-01.2.4", "titre_corps": "Letztes Gesellschafts-Concert in Köln im Casinosaale.", "titre_sommaire": "Letztes Gesellschafts-Concert in Köln im Casinosaale.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "111", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550407-01.1.7", "debut_caractere": 2220, "fin_caractere_exclue": 6153, "texte": "Letztes Gesellschafts-Concert in Köln\nim Casinosaale.\nBeethoven's Missa solemnis.\nEin grossartiger Beschluss der Winter-Musikzeit und ein wirk-\nliches musikgeschichtliches Ereigniss war die Aufführung der gros-\nsen Messe in D-dur von Beethoven, welche die Direction der\nConcert-Gesellschaft zum Besten der Ueberschwemmten am Nieder-\nrheine veranstaltet hatte und die am Palm-Sonntag, den 1.\nApril, durch das Zusammenwirken aller musicalischen Vereine\nund unter der vortrefflichen Leitung F. Hilier's Statt fand.\nWie gross die Theilnahme war, wrelche die so selten ins Leben\ntretende Erscheinung dieses Werkes erregte, ging nicht nur aus\ndem zahlreichen Besuche des Concertes durch die hiesigen Einwoh*\nner hervor, sondern auch aus dem Zusammenströmen von fremden\nKünstlern und Kunstfreunden, was dem Ganzen eine gewisse Aehn-\nlichkeit mit einem Musikfeste verlieh. Unter den Ersteren bemerk-\nten wir u. A. Frau Clara Schumann, die Herren C. Rei-\nnecke, H. Schornstein, G. Flügel, 0. von Königslöw,\nTausch, Brahms, von Wrasielewski u. s. w.\nDer Chor war sehr stark besetzt und sang mit einer Kraft und\nFrische, die einmal wieder recht schlagend bewies, wie herrliche\nGesangeskräfte Köln besitzt! Der Sopran erklomm die schwindelnde\nHöhe des häufig vorkommenden und lange auszuhaltenden zwei-\ngestrichenen b mit lobenswerthem Muthe und füllte durchweg die\nerste Rolle des Chors vollkommen gut aus; der Alt war fest und\nüberall vernehmlich, was bei der Schwierigkeit dieser Stimme und\nder Polyphonie des Werkes viel sagen will; dennoch würde bei so\ngrossen Aufführungen eine Mitwirkung von klangvollen Knaben-\nstimmen viel ausmachen. Die Tenöre und Bässe können wir kaum\ngenug rühmen; in den tieferen Tönen gaben sie an den zarten\nund leisen Stellen im Vereine mit den Instrumenten dem Ganzen\neine Orgel-Klangfarbe, und im Fortissimo intonirten sie z. B. ihr\nQui sedes ad dexleram patris und das Et resarrexit auf eine SO\nprachtvolle Weise, dass, wäre es in Exeter Hall in London gewe-\nsen, sicher das ganze Publicum sich erhoben und von da an ste-\nhend zugehört hätte. Und dennoch war das gewaltige Werk in sehr\nkurzer Zeit eingeübt worden!\nDie Soli wurden von Fräul. Mathilde Hartmann aus Düs-\nseldorf (Sopran), Fräul. Pels-Leusten (Alt), Herrn E. Koch\n(Tenor) und Herrn M. DuMont (Bass) gesungen; die vier Stim-\nmen bildeten ein gutes Ensemble und lös'ten ihre so höchst schwie-\nrige Aufgabe auf recht befriedigende Weise. Wir freuten uns, die\nStimme von Fräul. Hartmann, die wir längere Zeit nicht gehört,\neinmal wieder, und zwar in so schöner Kraft und frischer Tonfülle\nzu hören, und ergreifen mit Freuden die Gelegenheit, unsere schon\noft ausgesprochene Achtung vor dem Talente dieser bescheidenen\nSängerin wiederholt zu bekunden.\nDas Orchester, welches bekanntlich auch keine leichte Aufgabe\nin dieser Messe zu bewältigen hat, da ihr Charakter überhaupt\nvorherrschend symphonistisch ist, blieb keineswegs hinter denVocal-\nmassen zurück, wiewohl wir die energische Anführung desselben\ndurch den Concertmeister Hartmann, den leider eine schwere\nKrankheit ans Lager fesselt, vermissten. In dieser Beziehung ist\nHartmann schwerlich durch irgend einen der heutigen Violinisten\nzu ersetzen, womit wir keineswegs das treffliche Talent unseres\nPixis verkannt wissen wollen, welcher das Violin-Solo im Bene-\ndictas sehr schön vortrug.\nHiller leitete das Ganze, wie schon gesagt, auf vortreffliche\nWeise. Mit seiner Auffassung der Tempi u. s. w. sind wir voll-\nkommen einverstanden, nur dürfte vielleicht dem Dona nobis pacem\nals Allegretto vivace im 6/g-Tact eine etwas lebhaftere Bewegung\nzukommen. Sonst müssen wir gerade das loben, dass die bewegten\nTempi durchaus gemässigt wurden, was hier höchst nothwendig,\nda sonst an Klarheit des Vortrags nicht zu denken ist. Mit dem\nTempo des Benedictus, welches sich sehr schön gegen das Prälu-\ndium absetzte, würde selbst unser geehrter Freund A. Schindler\nvollkommen zufrieden gewesen sein."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-04-07-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-04-07_01#c008", "volume": "bmtnabi_1855-04-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "112", "page_fin": "112", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550407-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "112", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550407-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6691, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. Am 3. d. Mts. gab Arthur Napoleon ein Concert\nim Casinosaale, welches eine zahlreiche Zuhörerschaft aus den er-\nsten Ständen versammelt hatte. Der Männergesang-Verein,\nunter Leitung des Herrn Musik-Directors Weber, unterstützte den\njungen Künstler und überreichte ihm in der Pause das Diplom als\nEhren-Mitglied des Vereins. Unter den Vorträgen des letzte-\nren verdient „Eine Maiennacht\" von F. Abt ausgezeichnet zu wer-\nden, indem besonders auch das Tenor-Solo von Herrn Pütz sehr\nschön gesungen wurde. Arthur spielte die Sonate in F, Op. 10,\nNr. 2, von Beethoven recht gut und mit vortrefflichem An-\nschlag; das Allegretto in F-moll nahm er sehr langsam, er fasste\nes gleichsam als Andante con moto auf, was, da diese Sonate sonst\nkeinen langsamen Satz hat, eine ganz gute Wirkung machte. In\nden Phantasieen von Thalberg über Don Pasquale und von Goria\nüber Belisario lernten wir wohl sehr schwierige, aber keineswegs\nschöne Salonstücke kennen. Auf Verlangen schloss er mit der Mo-\nses-Phantasie von Thalberg, welche wie gewöhnlich einen Sturm\nvon Beifall hervorrief. Wir fanden seinen Vortrag der Bravour-\nsachen diesmal nicht so ganz tadellos, als sonst; er Hess sich mit-\nunter zu einem Feuer hinreissen, welches die vollkommene Deut-\nlichkeit beeinträchtigte. Dennoch lieferte gerade dieses wiederum\nden Beweis, dass bei diesem Ausnahme-Talente der eigene Geist\nmächtiger ist, als das Angelernte.\nWie wir dagegen sein Spiel in dem Concerte am 4. d. Mts. im\nStoll werck'sehen Theatersaale gebührend rühmen sollen, wissen\nwir kaum; denn er trug hier alles, was er spielte, so vollendet vor,\ndass man nicht nur erstaunte, sondern tief im Innern ergriffen\nwurde. Und womit machte er vor Allem diesen Eindruck? Mit der\nSonate pathetiquevon Beethoven! Ein einjähriger Knabe\nund diese Sonate! Und dennoch war in der ganzen Zuhörerschaft\nnur Eine Stimme darüber, und ein auffallendes Zeichen des Ein-\ndrucks war es ohne Zweifel, dass nach dem Adagio das Publi-\ncum in lange dauernden Beifall ausbrach. Allerdings trug die treff-\nliche Akustik des Saales das Ihrige dazu bei, dass jede Nuance des\nSpiels deutlich vernommen wurde. Wir hören mit Vergnügen, dass\nHerr Stollwerck kein Opfer gescheut hat, den jungen Künstler noch\nlür drei Concerte an den Osterlagen zu engagiren.\nIn dieser Woche fand die öffentliche Prüfung auf der\nRheinischen Musikschule während dreier Tage Statt. Wir\nerwähnen hier nur, dass sie ein sehr erfreuliches Resultat lieferte;\nausführlicher werden wir uns nach dem Prüfungs-Concerte\ndarüber aussprechen, welches nach den Feiertagen Statt finden wird.\nDas niederrheinische Musikfest wird nun doch jeden-\nfalls an den Pfingsttagen in Düsseldorf gefeiert werden. Frau\nJenny Lind-Goldschmidt hat mit der rühmenswerthesten\nUneigennützigkeit im Interesse der Kunst und des Instituts der nie-\nderrheinischen Musikfeste, welches eine bedeutende Stelle in der\nMusikgeschichte Deutschlands einnimmt, ihre Mitwirkung zugesagt.\nZur Aufführung kommen: Haydn's Schöpfung und Schü-\nmanns Paradies und Peri; Beethoven's C-moW-Sinfonie\nu. s. w. Ferdinand Hiller wird die Aufführungen dirigiren.\nWien. Die „Neue Wiener Musik-Zeitung\" berichtet folgender\nMaassen über A. Rubinstein: „Das erste Concert des Pianisten\nAntoine Rubinstein fand am 22. März in den Abendstunden im\nMusikvereins-Saale Statt. Das Programm des Concertes bestand bloss\naus Vortragsstücken des Concertgebers, die auch alle von seiner\neigenen Compositum waren. Wien hatte denselben schon als ein\nWunderkind kennen gelernt, und nun ging dem herangereiften Vir-\ntuosen ein bedeutender Ruf, in neuester Zeit aus einigen der ersten\nStädte Deutschlands, voran. Das nicht in besonders grosser Anzahl\nversammelte Publicum sah daher den Leistungen des Virtuosen mit\neiner gewissen Spannung entgegen.\n„Er begann mit einem Concerte aus F-dur mit Begleitung des\nOrchesters, welches ihm gleich reichliche Gelegenheit bot, seine\nKraft und aussergewöhnliche Fingerfertigkeit zu entfalten; denn diese\nzwei Eigenschaften sind es, die uns zuerst und vorzugsweise entge-\ngentreten. Ueberhaupt ist seine Technik eine ausgezeichnete, in al-\nlen Formen des modernen Clavierspiels heimische und siegreiche,\nund wenn die Deutlichkeit nicht eine vollendete genannt werden kann,\nso mag die übergrosse Schnelligkeit, womit der Spieler manche der\nschwierigsten Passagen bringt, bei der Kraft seines Anschlags daran\nschuld sein, indem der Wiederhall der abschwindenden in jenen der\nheranstürmenden Töne hineinklingt, und auf diese Art eine und die\nandere Kraftstelle gleichsam in einen bunten Tonwirbel verschäumt.\nZur Entfaltung seines Vortrags in getragenen Gesangsstellen, im\nGraziösen und Anmuthigen, gab ihm das Concert wenig Gelegen-\nheit; doch zeigte er dann, wenn er sie hatte, den Spieler von Ge-\nschmack und feiner Methode. Unter den kleineren Tonstücken für\ndas Pianoforte allein, die er vortrug, brachte nur eines eine zün-\ndende Wirkung hervor, nämlich die von ihm componirte und gespielte\n„Etüde\". Dieses sehr effectvolle Tonstück, in dem ein gefälliges Thema\ngeschickt in pikante, schnell dahin brausende Formen verflochten\nist, wurde mit unvergleichlicher Virtuosität vorgetragen. Die zwei\nStücke: „„Nocturne\"\" (an Chopin'sche Weise erinnernd), dann „„Me-\nlodie\"\", konnten keinen Eindruck machen, weil sie weder einen\nmusicalischen Reiz haben, noch dem Spieler besondere Gelegenheit\nzur Entfaltung seiner Vorzüge geben. Das Grund-Thema des Wal-\nzers, den Herr Rubinstein zuletzt vortrug, ist unbedeutend; die Ent-\nwicklung aber müht sich in wundersamen, nichts weniger als\nglücklichen Formen voll grosser und undankbarer Schwierigkeiten\nab. Als Tonsetzer zeigt Herr Rubinstein offenbar Talent, aber noch\nkein abgeklärtes. Auch ist er an musicalischen Ideen arm; seine\nmelodischen Spenden sind karg, haben kein Gepräge der Ursprüng-\nlichkeit und sind oft trivial. Dieser Art ist namentlich das Grund-\nThema des letzten Satzes des Clavier-Concertes. In der Sinfonie\nmehr als im Concerte zeigte der Componist ein schönes Streben\nnach Ebenmaass und wirksamer Benutzung der orchestralen Hülfs-\nmittel der Gegenwart zum Ausdrucke verschiedener Seelenstimmun-\ngen. Die Verarbeitung der Motive ist freilich meistens noch eine\nungenügende, sie stehen oft noch zu isolirt neben einander, anstatt\nin einander zu fliessen. Im dritten und letzten Satze der Sinfonie\nschien mir die Durchführung am klarsten und befriedigendsten zu\nsein. Namentlich machte das Scherzo einen recht guten Eindruck.\"\nMöln. Beim Schlüsse des Blattes geht uns so eben die tief\nbetrübende Nachricht von dem Tode des Concertmeisters Franz\nHartmann zu; er ist heute (den 6. April) Morgens um halb acht\nUhr dem Nervenfieber erlegen."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "105", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550407-01.1.1", "texte": "Sonderliche Gedanken über die letzten Zeiten.\nVon Ed. Krüger.\nPolitische Parteiung macht sich seit einigen Jahren\nauch in der Kunst geltend. So sonderbar es scheint, man\nrauss es gelten lassen, anerkennen, dass diese Auffassung\nvorhanden ist. Damit ist nicht zugestanden, dass sie be-\nrechtigt und in sich vernünftig sei. Es wäre eben so\nnärrisch, wenn man den Staatsmann beurtheilen wollte nach\neiner Tenorstimme, den Priester nach dem\nden Philosophen nach rothen Wangen und Haarlocken\nwie es grundnärrisch ist, die Musicanten nach ihren reac-\ntionären, demokratischen, conservativen, socialistischen,\naristokratischen, historischen, zukünftigen, fortschrittigen\nu. s. w. Privat-Gedanken zu beurtheilen.\nAls im Jahre 1848 einige Gründlinge aus dem Par-\nterre mit der grünen Hoffnung hervortraten, nun erst werde\ndas Reich des Geistes ungehindert hervorbrechen, da lächelte\nder alte, gesunde Menschenverstand und fragte naiv genug:\n„Also ihr seid die Leute? Was wir bisher gerühmt und\ngefeiert, das war noch nicht der rechte Geist? So zeiget\nuns den besseren!\" „ O, ihr Philister!\" war die Antwort:\n„ihr fühlet nicht das nahe Heranbrausen des Geistes, wie\ner sich entbindet aller hemmenden Rücksichten, wie er\nneue Schwingen frei entfaltet gebet Acht, das Land\nder Herrlichkeit thut sich auf, wo es keine Aristokraten\nund Tyrannen mehr gibt!\" „Um Vergebung!\" lautete\ndie naive Gegenrede: „ sollten etwa demokratisch gesinnte\nContrabässe deutlicher spielen, als conservative?\"— „Böo-\ntier! mit dir ist nicht zu reden!\" hiess es. Und es half\nnichts, dass der conservative Philister sich höflich Belehrung\nausbat von seinem süssen Widerpart; auf jede erneuerte\nBitte nichts als rundweg abgeschlagen: „Ihr versteht uns\nnicht; und wenn ihr uns versteht, so missversteht ihr uns\ndoch!\" —Mit dieser wohlfeilenßeminiscenz aus Hegel wur-\nden die Acten für dasmal geschlossen.\nWenn es nun aber unzweifelhaft ist, dass jene zeitge-\nsinnte Anwendung politischer Kategorieen auf das Kunst-\nWesen an sich verkehrt ist, oder doch kein unmittelbarer\nBezug beider auf einander obwaltet, so wollen wir dagegen\nnicht verkennen, welch Fünklein Wahres unserer Gegner\nMeinung in sich trägt. Der Künstler strebt nach Freiheit,\ndie Jugend nach unbändiger Freiheit. Das ist nichts Beson-\nderes; sie sind Menschen, wie andere auch, und es ist gar\nlöblich, wo sie rein Menschlichem nachstreben. Ist aber die\nFreiheit nur bei einem bestimmten politischen Bekenntnisse?\nUns scheint, dass es mit der Freiheit ist, wie mit der Fröm-\nmigkeit; wie in jedem Bekenntnisse Fromme und Gottlose,\nso auch bei jeder Staats-Verfassung finden sich freie Seelen\nund Sclavenseelen. Darüber kann sich also das Künstler-\nVölklein beruhigen; mit und ohne Demokratie können sie\nselig werden, wenn's nur Künstler sind!\nGehen wir tiefer, so hat freilich jene politische Inqui-\nsition nach reactionären und fort sehr itti gen Kunstgedanken\neine schwerere Bedeutung. Was die ganze Zeit innerlich\nbewegt, das wird sich auch im Kunstleben abdrücken. Fin-\nden wir nur erst das rechte Wort! Der Gegensatz, an dem\nwir mühen, quälen, bluten, ist nicht Action und Re-\naction, oder Alt und Neu, König und Volk, Rück-\nschritt und Fortschritt; denn diese Gegensätze ge-\nhören jedem Leben und jedem Zeitalter; sie sind allgemeine,\nabstracte Formeln für die Polarität alles Lebendigen. Der\nspecifische Gegensatz, der das Einzelleben unserer Zeit\nbewegt, ist vielmehr, allgemein gesagt: Subjectivität\nund Objectivität, und aus diesem ersten Gegensatze\nfliessen alle übrigen, als: Majorität und Autorität, Atomistik\nund Organismus, Willkür und Ordnung, Lüsternheit und\nLiebe, Effect und Schönheit.\nDass nun diese Grundgewalten des politischen und re-\nligiösen Lebens auch in die Kunstwelt einfliessen, wird nie-\nmanden wundern, der die Wechselbeziehung alles Leben-\ndigen erkennt. Den Ausgang haben jene Gegensätze aus\ndem Glaubensleben genommen. So unbequem dieses\nfür manchen Zeitsinnigen lautet, es ist nicht minder wahr,\nob es nun gefalle oder nicht. Aus dem Centrum des See-\nlenlebens erspriessen alle jene Blüthenzweige, die den Stamm"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "106", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550407-01.1.2", "texte": "umranken, aber alle aus ihm Leben nehmen. Die gewaltige\nWendung der Glaubenskämpfe seit dreissig Jahren ruht\nnicht auf dem Gegensatze der christlichen Kirchen. Denn\nwenn auch das calvinische Wesen ein übermässiges\nHervorkehren der Subjectivität verschuldet hat, während\ndas römische die alte Objectivität unerschüttert zu be-\nwahren scheint, so ist doch durch Vermittlung evangeli-\nschen Kirchenlebens die Ausgleichung beider Endpunkte\nangenähert. Fälschlich haben ultramontane Stimmen die\nRevolution, welche eben an jenem Uebermaasse der\nSubjectivität entzündet ist, den Protestanten Schuld gege-\nben, während Geschichte und Wirklichkeit zeigt, dass in\nrömisch-katholischen Landen die Revolution ursprünglicher,\ngründlicher und verbreiteter geschehen ist, als in protestan-\ntischen. Wie sehr aber die Wirkung des Glaubenslebens\nsich ins staatliche hinein erstreckt, ist eben daran sichtbar,\ndass das ganze Zeitalter diesen Gegensatz ergriffen hat, der\nam stillen Heerde des Herzens aus dem Glauben entzündet\nwar; dass dieses „S u b ject-0 bject\" die Grundfrage\ndes beginnenden Denkens geworden, dass Jugend und Alter\nsich daran abmühen warum nicht auch Genies und Phi-\nlister? Dass übrigens Cartesius, der Jesuitenschüler, Er-\nfinder des subjectiven Rationalismus ist, sei hier nur bei-\nläufig in Erinnerung gebracht.\nWie wirkt nun dieses auf die Kunst ein? Unmittel-\nbar nicht. Das Schönheit-Leben ist nicht an jene Spitzfin-\ndigkeiten der Prophetenschulen gebunden. Wohl aber kann\ndie Ausübung der Kunst berührt werden von den\nFolgen jenes Widerstreites. Wenn die Jugend nicht lernen\nwill, weil sie zu Anfang der Lehre Unbegreifliches findet;\nwenn Liebe fehlt, Vergangenes eingänglich zu erkennen;\nwenn Demuth fehlt, die eine Hoheit über sich ahnen mag\n—-so sind das zeitsinnig-subjective Auswüchse, die freilich\ndie Leiter und Lenker solcher Jugend mitverschulden, weil\nsie keine Autorität zu erwerben wissen über ihrer Jün-\nger Majorität.—Und wo die Massenhäufung der Kunst-\nmittel (auch eine majoritätische Errungenschaft!) zuletzt allen\nOrganismus in Atome zerlös't und Willkür an der Ordnung\nStelle setzt, da wundere sich Keiner, wenn der Effect,\nstatt Schönheit zu bringen, sich selber vernichtet.\nSchönheit! Ist die Kunst wirklich etwas in dem Ge-\nsammtieben des Geistes, hat sie ihre eigene Weltbestim-\nmung neben und unter anderen Geistesgebieten, so steht\nihr Sonderleben nur in der Schönheit. Bare Lehrhaf-\ntigkeit ist prosaische Tendenzelei, nimmt sich gut aus\nauf dem Katheder, schlecht auf der Bühne. Bare Charak-\nteristik ist schmerzhafte Wirklichkeit, gehört ins Hospi-\ntal, nicht ins verklärte Bildwesen. Alie Dinge im Himmel\nund auf Erden können in die Kunst eingehen, sofern sie\nschön sind, d. h. verklärende Bildkraft in sich tragen. Alle\npolitischen, religiösen und philosophischen Probleme sind der\nKunst feind, sofern sie Arbeit sind, werdende Wahrheit,\nunvollendetes Suchen der vollkommenen Gestalt.\nWir Anderen im Göthe'schen Zeitalter geborenen stan-\nden bisher in der vergnüglichen Meinung, das sei der Schön-\nheit Beruf, die stille Heimlichkeit der Seelen abzumalen,\ndas Herz in Höhen und Tiefen zu geleiten, eine Schöpfung\nneben der Schöpfung zu sein, als Abbild jenes Urbildes,\ndas in des Gemüthes Tiefen wohnt als kündlich grosses\nGeheimniss. Und der Sänger sprach:\nBiide, Künstler, rede nicht,\nNur ein Hauch sei dein Gedicht.\nDamit liessen wir uns genügen und waren eine Weile fröh-\nlich in seinem Lichte. Nun aber kommen daher die gewapp-\nneten Scharen derer, die verschollene Weisheit aufwärmen\nund verdorbenen Rocoeo der letzten Zeiten für allerneueste\nKunstwerke verkaufen. Schade, dass die Vielgelehrten so\nwenig gelernt haben, um ihre Weisheit für neu zu halten.\nUnter diese Neuheiten, die nicht neu sind, rechnen wir die\nplumpe materielle Massenhäufung, die bekanntlich den\nliederlichen Höfen des siebenzehnten und achtzehnten Jahr-\nhunderts längst bekannt gewesen, und damals wirkte wie\njetzt, nämlich betäubend auf gesunde, zuckend, aufregend\nauf verdorbene Nerven. Ferner die kalte, unmelodische\nDeclamatorik, welche dem prosaischen Illusions-Princip\nzu Liebe alle runden, plastisch-melodischen Gestalten ver-\nschmäht— aus Armuth, nicht aus Weisheit; das hatten die\nOber-Rococo-Meister von Mattheson bis Schultz schon\nlange geleistet, ehe sie an den wahrhaft neuen Gestirnen\nGluck und Mozart zur Vergessenheit verblichen. Sogar die\nrationalistische Ueberzeugung, man könne Berühmthei-\nten schaffen durch Coterie-Lobräucherungs-Systeme, ist\neine ziemlich alte Erfindung und hat aller Zeiten und Orten\ndieselbe Wirkung gethan, einen Augenblick die Thoren\nirre zu führen, die auf Meisters Worte schwören, um dann\ndem Gerichte der Zeiten zu erliegen (Vergl. Opitz, Rist,\nGottsched und ihre Enkomiasten).\nDie eben behandelten Neuheiten gehören mehr dem\nKunstleben und der historischen Kritik an. Ein Glei-\nches hat sich auch die theoretische Kritik gefallen las-\nsen müssen; auch sie hat Neuheiten erfunden, die „alle\nschon da gewesen\" sind, mit Gevatter Rabbi, dem klugen\nJudenmeister, zureden. Wer mit der vorhandenenNomen-\nclatur nicht zufrieden, schafft sich lustig eine neue, und"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "107", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550407-01.1.3", "texte": "meint Wunder was zu helfen, wenn er statt Genitiv\nZeugefall oder Wessenfall oder sonst was Kluges sagt, statt\ndie Termini technici als algebristische Buchstaben allgemei-\nnen Verständnisses festzuhalten. Wer nun die Worte Con-\nsonanz und Dissonanz desswegen hasst, weil sie sitt-\nliche Consequenzen in sich tragen möchten, der verwechselt\nTheorie mit Ermahnung; ein Gleiches hatte schon Nichel-\nmann versucht und mit gleichem, d. h. nichtigem Erfolg.\nDie Zionswächter des Vergangenen werden mit Recht\nverspottet, wenn sie das Alte um des Alten willen preisen.\nDcch sind sie nicht ganz so verkehrt, wie die Zionswächter\ndes Neuen, die das neunzehnte Jahrhundert darum loben,\nweil es eben das neunzehnte ist und sie, die Unvergleich-\nlichen, in selbigem geboren. Denn jene freuen sich an dem,\nwas sich bewährt hat; diese tasten im Dunkeln und\nschieben der Zukunft die Bewährung zu. Das alles für wahr\nzu nehmen, dazu gehört ein starker Glaube an die Prophe-\nten der Neunzehner, ein stärkerer mindestens, als die bor-\nnirte Reaction sich rühmt, zu haben. Ist es aber wirklich\nso, dass nur der Lebende Recht hat: nun, so mag's\ntröstlich sein, zu wissen, dass auch die Thoren sterben, wo\nsie dann diesem Grundsatze gemäss eben so gewiss Unrecht\nhaben, wie Mozart, „der überwundene Stand-\npunkt\". Gesteht ihr das zu, so gesteht ihr freilich, dass\nes euch um zeitlich Leben zu thun ist, wie wir denn\nnie daran gezweifelt haben, bei wem weltlich Ehr' und\nzeitlich Gut sich findet. Gesteht ihr aber die Wahrheit\njenes Satzes nicht, so ist's auch mit der Lehre von „Alt\nund Neu\" nichts. Da wären wir allerdings auf dem rech-\nten Wege: Ewigkeit ist's, was die Kunst bedeutet; ewige\nSchönheit, ewige Liebe ist ihr Kernleben.\nWie Brunst und Liebe, so sind Begeisterung und\nFanatismus ungleiche Geschwister. Sie sind verschieden,\nwie heiliger Geist und Weltgeist. Der Fanatismus will,\ndass man ihm diene; der Geist Gottes in des Menschen\nSohne dagegen ist nicht gekommen, dass er ihm dienen\nlasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zur\nErlösung für Viele (Matth. 20, 28.). Ist dieses Gleichniss zu\nhoch, so nehmen wir nähere, menschliche: Devrient und\nRachel, Hoffmann und Liszt, Beethoven und Wagner; und\nin Kunstwerken auf ähnliche Weise: die Sixtina und der\nHass-Huss des Düsseldorfers— Huss auf dem Concil, Gelb\nin Gelb gemalt, kein Strahl von Liebe und heiligem Geist,\nsondern barer schwarzgelber Tod in allen Zügen; dessglei-\nchen stellet gegenüber die Zauberflöte und den Propheten,\ndie schauerliche Hoheit in Bach's Passionen und die viehische,\nnicht tragische Bartholomäusnacht in den Hugenotten—\nüberall ist Geist und Fanatismus deutlich geschieden; und\nobwohl der Teufel sich mit Larven der Engel schmückt—\ndennoch ist allein die ewige Wahrheit berufen, Zeugniss\nabzulegen ihrer selbst und ihres Gegentheils: Verum in-\ndex sui et falsi,was mit ganz ähnlichen, doch heiligen\nWorten der Apostel ausspricht, Ep. Joh. I. 4, 6.\nDie grösste Absonderlichkeit in den Zeit-Gedanken-\nWirrsalen ist nun aber diese, dass sie so oft das Gegen-\ntheil von dem sagen, was sie wollen, das Gegentheil ihrer\nselbst bezeugen. So ist es unter Anderem eine sehr geläu-\nfige Vorstellung, dem modernen Fanatismus ein gewisses\nUebermaass von Sinnlichkeit anzudichten, wöbeisich\ndann die Fanatiker ganz vergnüglich auf die Rehabili-\ntation des Fleisches berufen, die ihnen der geistreiche\nJude vorgesungen, der allerdings solcher Rehabilitation sich\nhöchst bedürftig fühlte. Wir Anderen, die wir ausser dem\nZauberkreise zu stehen verdammt sind, erblicken nun in\ndem leidigen Fanatismus nichts weiter, als eine sublimirte\nSteigerung der Verstandesthätigkeit, die aller wahren\nSinnlichkeit bar und ledig ist; was Göthe „trockene Phan-\ntasten\" nennt, das sind die im heutigen octrovirten Zei-\ntungswälsch so genannten Fanatiker des Ruhmes, der\nKunst, der Zukunft, der Neuzeit und wie die Rococo-\nPhrasen alle lauten mögen.\nSinnlichkeit! Alle wahre Liebe ist sinnlich, leibsinnlich,\nnaturleiblich in ihrem Wesen; alle falsche, verlogene Liebe\nruht auf unsinnlicher, sinnloser Abstraction. Begreiflich für\njeden Vernünftigen ist, dass die Sinnlichkeit nicht bloss im\nBegattungstriebe ruht. Auch die heilige Mutter- und Kin-\ndesliebe ist sinngeistigen Wesens; selbst zärtliche Freun-\ndesliebe trägt Entzücken im Blick, warmes, wallendes Blut\nzieht die Herzen fester. Nur eine verglas'te Ader voll philo-\nsophischen Scheidewassers kann sich bei dem gründlich lieb-\nlosen Satze beruhigen, mit dem Arnold Rüge vermeinte\netwas Neues zu sagen: „Wo sich die Principien trennen,\nda trennen sich die Herzen!\" während nicht bloss Christus\nden Sünder liebt, sondern auch jedes treue Eheweib am\nManne hängt, und sei er ein Verbrecher und die wahre\nMutter nicht vom verlorenen Sohne lässt, selbst wenn er\nihr nach dem Leben gestellt. Unsinnlich dagegen, d. h.\nunwahr, ist solche Liebe, wie das moschusduftige Gedicht\nAmarant!) von Redwitz darstellt, wo der Wendepunkt\nbräutlicher Liebe sich um eine Katechese dreht über den\näusserlichen Kirchenglauben, wo doch l.Kor. 7,14 längst\ngenügende Antwort der Liebe gab.\nLachen und Weinen ist sinnlich, kaltes Staunen un-\nsinnlich. Wollten die Herren Neuzeitlichen sich selber ein-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "108", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550407-01.1.4", "texte": "mal der ersten Stunde erinnern, falls sie eine solche\nwirklich gehabt, wo ihnen zuerst die Herrlichkeit der Kunst\nüberwältigend auf die Seele fiel: so würden sie doch wis-\nsen, dass jener erste Strahl sinnlich zündete in lächelnden\nThränen, nicht in logischen Erstaunlichkeiten. Weil es ein-\nmal thränenselige Narren gegeben, und die Literatur der\nThränendrüsen zu den überwundenen Standpunkten gehört,\nso haben sich einige kluge Leute das Wort darauf gegeben,\naller Thränen zu spotten. Und doch: es geschieht nichts\nNeues ohne Thränen; wo ein glühender Tropfen auf die\nSeele fällt, das ist seliger Schmerz; jede Eröffnung neuen\nLebensstromes erregt die Sinnenflut in Lachen und Thrä-\nnen. Das wussten unsere alten Dichter seit tausend und\naber tausend Jahren, daher:\naQidaxgvsg ävsoeg to&loL.\nUnd das ist die Sinnlichkeit, die der trockene Fanatiker\nhasst, weil er sie nicht hat. Als besonderes Beispiel diene\nhier die Ueberraschung, ein sehr gebräuchliches und\nwirksames dramatisches Motiv. Wo diese im wahren\nKunstwerke erscheint, da wirkt sie einmal wie hundertmal\n(<decies repetita placebit, ein nicht unverächtliches Merkmal!\nS. Horat. Ep. ad Pis. V 5.365);.365); wo ein Lügendichter\nsie erfindet, da wirkt sie das erste Mal, und ist das zweite\nMal abgegohren, sobald man weiss, was dahinter steckt.\nWer hätte sich nicht in Schiller und Shakespeare wieder-\nholt derselben erschütternden Ueberraschung erfreut, dess-\ngleichen bei Gluck und Mozart dagegen das bengalische\nFeuer des Lügen-Propheten in Einem Male ver-\npufft, und nur Blasirte ertragen's zwei Mal—die eben der\nMoxa bedürftig sind.\n(Schluss folgt.)\n\nBrüsseler Briefe.\n[Concerte der Association des Artistes des Conser-\nvatoire's Sinfonie von Lern mens Gebrüder\nWieni a w s k i V ieux t e m p s.]\nDa wir uns bereits dem Schlüsse unserer diesjährigen\nMusik-Saison nähern, so wird es wohl Zeit, Ihnen einen\nBericht für die Niederrheinische Musik-Zeitung zu senden.\nIch habe damit gezögert, weil ich weiss, dass Ihre Zeit-\nschrift nicht auf die Neuigkeiten-Jagd ausgeht, und Ihnen\nUebersichten, welche die Erlebnisse und Ergebnisse zusam-\nmenfassen und das Musikleben einer Stadt charakterisiren,\nlieber sind als augenblickliche Entdeckungs-Berichte über\nneue Phänomene, die nur zu oft schnell wieder unter den\nHorizont hinabsinken.\n%\nUnsere beiden grösseren Concert-Institute, die\nciation des Artist es, unter Leitung des Herrn Hanssens,\nund die Concerte des Conservatoire, welche Herr\ndirigirt, haben es nicht an Thätigkeit fehlen lassen, und ihre\nLeistungen verdienen um so mehf eine unparteiische Be-\nsprechung, als sie bedeutende, theils ältere, theils neuere,\nWerke vorgeführt haben.\nDas erste Concert der Association des Artistes rnusi-\nciens brachte von Orchester-Stücken die Ouvertüren zur\nEuryanthe und zur Leonore, welche leidlich gut ausgeführt\nwurden. Der Haupt-Anziehungspunkt war Beethoven's Vio-\nlin-Concert, von Leonard mit grosser Meisterschaft und\nGewissenhaftigkeit vorgetragen. Leonard verstand es, dem\nPublicum seine eigene Begeisterung für das schöne Werk\ndurch sein gediegenes, geistvolles Spiel, so wie durch seine\necht künstlerische Auffassung mitzutheilen. Leider secun-\ndirte das Orchester oder vielmehr der Dirigent den Künst-\nler schlecht und trat ihm selbst durch Vergreifen einiger\nTempi und Öfteres Schwanken in der Bewegung hinderlich\nin den Weg. Durch eine sehr brillante, gut gearbeitete und\nganz im Geiste des Stückes gehaltene Cadenz riss Leonard\ndas Publicum zu grossem Applaus hin. Mehr noch als die-\nses Concertstück wirkte—auf einen grossen Theil des Pu-\nblicums— eine Phantasie über den Sehnsuchts-Walzer, die\nwir zu den effectvollsten Compositionen unseres Violinisten\nzählen. Madame Leonard sang eine Arie aus den Purita-\nnern und das fünfte Air variefür Vio 1 ine von de Beriot\nmit grosser Vollendung. Die Ausführung dieser Violin-Com-\nposition durch die Stimme ist eine schwierige Aufgabe,\nwelche die vortreffliche Sängerin indessen mit dem grössten\nErfolg lös'te. Frau Leonard zählt zu den gut musicalisch\ngebildeten Sängerinnen,, besitzt eine sonore, umfangreiche\nStimme, dabei Jugend und Schönheit— also mehr, als nö-\nthig, um stets ihr Publicum zu bezaubern.\nDas zweite Concert hatte ausser der neunten Sin-\nfonie von Beethoven wenig Interessantes. Leider müs-\nsen wir aber sagen, dass dieses Meisterwerk so ungenügend\nausgeführt wurde, wie es wohl seilen der Fall gewesen sein\nmag. Die Bewegung des ersten Satzes war viel zu schnell,\nund zwar so, dass der Dirigent genöthigt war, zu ralenti-\nren, damit die Violinen die Zweiunddreissigstel-Figur nur\neben ausführen konnten. Die folgenden Stellen:"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "109", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550407-01.1.5", "texte": "verschwammen in ein Chaos, aus dem das geübteste Ohr\nnicht im Stande war, einen Accord heraus zu finden. Im\nScherzo fielen trotz eines sehr gemässigten Tempo's viele\nFehler vor; bedecken wir das Horn-Solo im Vierviertel-\nTact mit dem Mantel der Liebe. Das Andante wurde eben-\nfalls, namentlich die Violin-Variation gegen das Ende, total\nverhunzt. Der Hornist, in der angenehmen Voraussicht, sich\ndurch die berühmte H-dur-Tonleiter, die er auch wirklich\nmit Hülfe der Ventile glücklich zu Stande brachte, recht\nhervor zu thun, behandelte seine Partie von A bis Z als\nSolo. Am meisten zu rügen aber ist die Art, wie Herr\nHanssens die Recitative im Anfange des letzten Satzes spie-\nlen ltess. Ich erlaube mir, stark zu bezweifeln, dass Herr\nHanssens Beethoven gründlich studirt hat, noch mehr aber,\ndass seine Auffassung die allein richtige sei, wie er sich\nschmeicheln soll. Er liess die Recitative von den Contra-\nbässen mit solcher Heftigkeit herunterreissen, dass das Holz\nder Bogen auf den Saiten schnarrte, und setzte von dem\nRecitativ an das Tempo so unerhört langsam (J 76) ein,\ndass es beim Diminuendo in ein völliges Largo ausartete.\nDie Ausführung der Chöre, so wie der Gesang-Soli durch\ndas Sänger-Personal der grossen Oper liess ebenfalls viel\nzu wünschen übrig. Noch zu bemerken dürfte sein, dass\nHerr Hanssens das Contra-Fagott durch die Ophicleide\nersetzte.\nDas Programm des ersten Concertes vom Con-\nservatorium bestand aus der 67. Sinfonie von Haydn\n(inD), Sinfonie-ConcertNr.4 für Piano von Litolff, Con-\ncert-Ouverture, Manuscript, von Fetis und Finale des er-\nsten Actes aus Mozart's Titus. Ausserdem sang Fräul.\nSerneels eine Arie von Piccini, und Litolff spielte sein\nSpinnlied. Ich beschränke mich auf einige Bemerkungen\nüber die Werke von Litolff und Fetis und bemerke nur,\ndass die Ausführung der Sinfonie von Haydn, so wie des\nFinale aus Titus mehr als mittelmässig war.\nVon Litolff's Sinfonie ist hervorzuheben der erste Satz,\nder grossartig angelegt und sehr effectvoll instrumentirt\nist; einige Clavier-Passagen in Terzen, die zu sehrimHerz'-\nschen Stile sind, scheinen mir dem Charakter des Ganzen\nnicht zu entsprechen. Das Scherzo, so wie dessen Trio ist\nsehr gelungen und von ganz besonderem Reiz, nur wieder-\nholt sich in ersterem der Hauptgedanke, so schön er auch\nist, doch wohl zu oft. Der dritte Satz hat uns weniger an-\ngesprochen, als die beiden vorhergehenden, und steht den-\nselben an Originalität jedenfalls nach. Im letzten Satze tritt\nder zweite Hauptgedanke, in einem bedeutend langsameren\nTempo, unserer Ansicht nach dem Aufschwung hindernd\nentgegen. Herr Litolff trug seine Partie mit Meisterschaft\nvor und bezauberte durch sein eben so fein nuancirtes als\nrhythmisch markirtes Spiel. Die geniale Ausführung verdient\num so grössere Anerkennung, als Herr Fetis trotz allem\nWinken, sogar Stampfen des Componisten nicht dahin zu\nbringen war, mit dem Orchester zu folgen, was im Publi-\ncum allgemein ein unbehagliches, peinliches Gefühl erweckte.\nDas Orchester fungirte als Hemmschuh. Litolff's Spinn-\nlied mag ein hübsches Salonstück sein, ist aber im Con-\ncerte nicht an seinem Platz. Die Ouvertüre von Fetis ist\nweder schlecht genug, um grossen Tadel zu verdienen,\nnoch gut genug, um das Compositions-Talent unseres Con-\nservatoire-Directors in ein grosses Licht zu stellen. WTir\nbemerkten im Orchester viel Geräusch und im Publicum\nviel Stille, d. h. Langeweile.\nDas zweite Conservatoire-Concert war das interessan-\nteste der Saison. Hier das Programm. Sinfonie, Manuscript,\nvon Lern mens—-Sopran-Arie mit Violin-Solo aus der\nbunten Wiese von Herold Concert lür Piano in\nvon Beethoven Violin-Concert von Mendelssohn\n—Romanze aus Wilhelm Teil —Barcarole lür Piano von\nJ. W i e n i a w s k i Phantasie lür Violine über Themen aus\nOthello von Ernst.\nWir erwarteten nicht, dass Herr nachdem ihm\nzu verschiedenen Malen klar und deutlich nachgewiesen\nworden, dass Herr Lemmens weder Erfindungsgabe noch\nGeschick lür Composition habe, so bald wieder dem Publi-\ncum ein Werk seines Lieblingsschülers aufdringen werde.\nEs kann sein, dass Herr Fetis sowohl als Herr Lemmens\nwegen ihrer Qualität als belgische Künstler auf eine gün-\nstige Aufnahme zählten, und vielleicht gedachten, durch\neinen glänzenden Erfolg die Behauptungen eines seither ein-\ngegangenen hiesigen musicalischen Blattes zu widerlegen.\nTrotz mit aller Voraussicht angewandter Erfolgsmittel, trotz\nder Anfeuerungen und Anstrengungen des Dirigenten, der\nSinfonie des Herrn Lemmens eine eben so sorgfältige Aus-\nführung als einer Beethoven'schen zu sichern, hat dieselbe\ngänzlich Fiasco gemacht, Obschon unsere Erwartungen sehr\nniedrig gestellt waren, so sind sie dennoch im Allgemeinen\nnicht erreicht worden. Auffallend ist es, dass der erste Satz\nsehr Yortheilhaft gegen die drei folgenden hervortritt. Die\nInslrumentirung dieser letzteren ist durchaus Haydnisch"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "110", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550407-01.1.6", "texte": "und erinnert namentlich an dessen Kinder-Sinfonie, bringt\nauch mitunter dieselben Effecte hervor. Die Lieblings-Ein-\ntritte sind folgender Art:\nund sie wiederholen sich, nur nach der Tactart zugerichtet,\nmit vieler Consequenz.\nDas berühmte Künstlerpaar Henri und Joseph\nWieniawski entschädigten uns reichlich für die uns\ndurch vorerwähnte Sinfonie verursachte Langeweile. Der\nEnthusiasmus, den Henri Wieniawski durch das Mendels-\nsohn'sche Violin-Concert hervorrief, war ausserordentlich;\nder Genuss würde ein vollkommener gewesen sein, wenn\nder Dirigent fähig gewesen wäre, dem Orchester den gehö-\nrigen Impuls zu geben. Herr Joseph Wieniawski spielte das\nBeethoven sehe Clavier-Concert ebenfalls mit grosser Mei-\nsterschaft. Sein Spiel ist ruhig, correct, abgerundet, mit\nEinem Worte: classisch. Die eingeschaltete Cadenz lasst\nauch den tüchtigen Musiker vermuthen. Eine Barcarole für\nPiano ohne Begleitung von seiner Composition gab ihm Ge-\nlegenheit, sich als brillanten Pianisten und guten Compo-\nnisten im modernen Genre zu zeigen.\nIn Ermangelung anderer Concerte des Conservatoires,\nso wie des Musiker-Vereins, besprechen wir einige Künst-\nler- una Gesellschafts-Concerte. Der Cercle artislique et lit-\nteraire hatte zur Einweihung des neuen Saales ein Concert\nveranstaltet, zu dem Vieuxtemps, seit Anfang des Win-\nters grösstentheils hier anwesend, seine Mitwirkung zuge-\nsagt hatte. Er spielte ein Adagio und Rondo, eine\nslave, so wie ein Lied ohne Worte und eine Tarenteile,\nsämmtlich von seiner Composition. Das bedeutende Talent\nVieuxtemps' als Componist und Virtuose ist Ihnen bekannt,\nund wir verlieren daher keine Worte darüber. Der Effect\nwar indess diesmal kein besonderer, was theils der Anwe-\nsenheit des königlichen Prinzen, theils dem zusammenge-\nstoppelten Orchester, theils aber der schlechten Akustik des\nSaales beizumessen ist. Von der Sinfonie von Soubre, der\ndas Concert leitete, haben wir Ihnen früher berichtet.\nTrotzdem dieselbe diesmal vom Componisten selbst einstu-\ndirt und geleitet wurde, brachte sie doch keinen besonde-\nren Eindruck hervor. Von den Gesangstücken erwähnen\nwir die von Fräul. Sherrington sehr schön und mit rich-\ntigem Ausdruck vorgetragene Arie aus dem Freischütz.\n(Schluss folgt.)\n\nBeethoven's Gedächtnissfeier In München.\nIn Boston wird Beethoven ein Standbild errichtet, von dem\namericanischen Bildhauer Crawford modeliirt und in der könig-\nlich baierischen Erzgiesserei zu München gegossen.\nDie königlich baierische Hofcapelle hat dieses für die deutsche\nKunst hocherfreuliche Ereigniss durch ein Fest-Concert gefeiert,\nwelches am Todestage Beethoven's, 26. März, im königlichen Odeon\nStatt gefunden. Zu dessen Verherrlichung war durch den Inspector\nder königlichen Erzgiesserei von Miller das Standbild im Saale\naufgestellt worden. Die musicalische Aufführung, durch den könig-\nlichen General-Musik-Director Franz Lachner geleitet, brachte\nnur Beethoven'sche Werke: Fest-Ouverlure in Terzett aus Fide-\nlio, Marsch und Chor aus den Ruinen von Athen, Sinfonia Eroica\nu. s. w. Voraus ging der folgende Prolog vom königlichen Hof-\ntheater-Intendanten Dr. Di ngelstedt, durch die königliche Hof-\nSchauspielerin Damböck im Charakter und Costume der Germa-\nnia vorgetragen;\nIn Beziehung auf dessen Form glaubt der Verfasser bemerken\nzu sollen, dass geflissentlich weder ein antikes Oden-Metrum, noch\nder fünffüssige Jambus des Dramas, noch endlich die bei Gelegen-\nheits-Gedichten herkömmliche Stanze, sondern, als ursprünglich\ndeutsch und in -ihrer epischen Breite sowohl dem Charakter des\ngefeierten Meisters wie dem festlichen Zwecke angemessen, die Ni-\nbelungen-Strophe gewählt worden ist.\nEuch, die eine Todtenfeier und ein Osterfest zugleich\nHier versammelt in der Tonkunst wunderbar geschmücktem Reich\nZeugen eines seltnen lages, Euch begrüsst Germania,\nDie heut ihrer Besten einen sterben und erstehen sah.\nOft mit schmerzlicher Empfindung sass ich an dem Strand der See,\nKlagend um verlorne Kinder, eine neue Niobe.\nWenn, Zugvögeln zu vergleichen, unaufhaltsam, abschiedsfroh,\nMeiner Söhne, meiner löchter Wanderschaar gen Westen floh.\nDeutscher Ströme eigne Ader trug, in räuberischer Flut\nAn dem Mutterherzen nagend, in die Fremd' ihr Gut und Blut;\nSeht: das Sternenreiche Banner, das aus der Atlantis fern,\nWo die Sonne sinkt, emporstieg, führt schon manchen deutschen\nStern!\nIraurig sah ich sie verschwindenj aber Einen: Diesen da,\nDen Koloss, errichtet zwischen Deutschland und America,'\nDiesen heiss' ich frohen Muthes, im Triumph hinüberzieh'n,\nIhm, o Meer, gib, wie Arion, deinen sanftesten Delphin!\nEh er seneidet, seht ihn Alle einmal noch bewundernd an!\nJa, so war er: stark, gedrungen, ehern - jeder Ton ein Mann,—•\nAuf gewölbter Stirn der Stempel einer mächtigen Natur,\nUm das Auge Wetterwolken, in den Brau'n der Blitze Spur!\nDiese Lippe sprach nur selten, doch ihr Lächeln war Gesang,\nDieses Ohr, taub für die Erde, hörte nur der Sphären Klang,\nDieser Brust granitner Felsen, er verschloss - wie tief und frisch'\nEmen Bergstrom ew'ger Weisen, dunkel, reissend, träumerisch!\nGrosses Bild des grössten Meisters, sei in Ehrfurcht eingeweiht!\nStehe, wie er selbst, erhaben über Raum und über Zeit!\nReihe dich zu deines Gleichen, Säulen all' in Gottes Dom\nZu des Urwalds Riesen-Eichen, an der Neuwelt Riesenström!\nDort, wo sich ein Volk von Völkern, sich zum Staat ein Erdthei!\nxxr - * baut,\no in unoemess nen Strecken Land noch grünt, noch Wasser\nWo in schrankenloser Fülle, frei verschmolzen, kühn beschwingt\nAus der alten Menschheit Asche phönixgleich die junge"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "111", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550407-01.1.7", "texte": "Dort, in neuer Künste Dämm'rung, neuer Sprachen Mutterwehn,\nIn dem Chaos neuer Geister soll dies Bild bedeutsam stehn:\nUns ein Markstein des Erreichten, jene, welche nach uns sind,\nAls ein Leuchtthurm sicher führend über Brandung, Nacht und\n- Wind.\nScheint auf dich zum ersten Male jener jungen Sonne Strahl,\nDann ertöne, Memnonssäule, so wie heut' in diesem Saal:\nLodre auf, du Götterfunken Oelberg, brenne lichterloh\nSchmettre drein, du Siegs-Drommete treuer Lieb', Fidelio!\nHorch! das weckt in Süd' und Norden mächtigeren Wiederhall,\nAls ihrer Vulkanex Donner, ihres Niagara Fall;\nLauscht nicht selbst das Thier der Wüste, wie es Orpheus einst\ngelauscht?\nTanzt der Stein, wie vor Amphion,» wenn ihn solch ein Lied durch-\nrauscht?\nUnd in Millionen deutscher Herzen, welche dort zerstreut,\nKlingen da nicht Heimats-Glocken, schallt nicht leises Christgeläut?\nSeht, wie sie zusammenströmen, wie sie stumm versunken stehn,\nWie nach Osten Aller Augen keines ohne Thräne sehn!\nJa, er ist's, der deutsche Meister! Dem der Rhein die Wiege gab\nUnd bald wird's ein Menschenalter Wien sein frühes, dunk-\nles Grab,\nWTahrlich, er ist auferstanden: lebend wandelt er umher:\nGeh und sag's, du eh'rner Schatten, sag' es an bis übers Meer!\nSag's den Brüdern und den Fremden an der letzten Thüle Strand:\nIhn als Herold und Vermittler schickt dasselbe deutsche Land,\nDas mit seiner Krieger Blute und mit seiner Bauern Schweiss\nUnd mit seiner Priester Feuer jedes Land zu taufen weiss.\nSag's, obgleich im Rath der Völker, nach des Schicksals herbem\nSchluss,\nSich Germania verhüllen und zerrissen schweigen muss:\nEins erhebt uns über Alle, gibt uns Einheit, Trost und Kraft,\nGibt in Schmach und Schmerzen Hoffnung: deutsche Kunst und\nWissenschaft!\nSie ist's, die auf das Gewitter jeder Zeit und aller WTelt,\nMeer und Völker überwölbend, ihren Regenbogen stellt;\nSchon im Zwielicht der Gesittung, noch auf blut'ger Kriegesspur\nGeht sie mit der Friedenspalme, mit der Leuchte der Cultur!\nHeil, dass sie am Wittelsbacher Thron, im treuen Baiernland\nEinen Hafen, vor der Zeiten Sturm und Drang geborgen, fandl\nDafür zeugt auch dieses Bildniss! Wer es, hier und dort, erblickt,\nSpricht bewegt und dankbar: Den hat München wiederum geschickt!\n\nLetztes Gesellschafts-Concert in Köln\nim Casinosaale.\nBeethoven's Missa solemnis.\nEin grossartiger Beschluss der Winter-Musikzeit und ein wirk-\nliches musikgeschichtliches Ereigniss war die Aufführung der gros-\nsen Messe in D-dur von Beethoven, welche die Direction der\nConcert-Gesellschaft zum Besten der Ueberschwemmten am Nieder-\nrheine veranstaltet hatte und die am Palm-Sonntag, den 1.\nApril, durch das Zusammenwirken aller musicalischen Vereine\nund unter der vortrefflichen Leitung F. Hilier's Statt fand.\nWie gross die Theilnahme war, wrelche die so selten ins Leben\ntretende Erscheinung dieses Werkes erregte, ging nicht nur aus\ndem zahlreichen Besuche des Concertes durch die hiesigen Einwoh*\nner hervor, sondern auch aus dem Zusammenströmen von fremden\nKünstlern und Kunstfreunden, was dem Ganzen eine gewisse Aehn-\nlichkeit mit einem Musikfeste verlieh. Unter den Ersteren bemerk-\nten wir u. A. Frau Clara Schumann, die Herren C. Rei-\nnecke, H. Schornstein, G. Flügel, 0. von Königslöw,\nTausch, Brahms, von Wrasielewski u. s. w.\nDer Chor war sehr stark besetzt und sang mit einer Kraft und\nFrische, die einmal wieder recht schlagend bewies, wie herrliche\nGesangeskräfte Köln besitzt! Der Sopran erklomm die schwindelnde\nHöhe des häufig vorkommenden und lange auszuhaltenden zwei-\ngestrichenen b mit lobenswerthem Muthe und füllte durchweg die\nerste Rolle des Chors vollkommen gut aus; der Alt war fest und\nüberall vernehmlich, was bei der Schwierigkeit dieser Stimme und\nder Polyphonie des Werkes viel sagen will; dennoch würde bei so\ngrossen Aufführungen eine Mitwirkung von klangvollen Knaben-\nstimmen viel ausmachen. Die Tenöre und Bässe können wir kaum\ngenug rühmen; in den tieferen Tönen gaben sie an den zarten\nund leisen Stellen im Vereine mit den Instrumenten dem Ganzen\neine Orgel-Klangfarbe, und im Fortissimo intonirten sie z. B. ihr\nQui sedes ad dexleram patris und das Et resarrexit auf eine SO\nprachtvolle Weise, dass, wäre es in Exeter Hall in London gewe-\nsen, sicher das ganze Publicum sich erhoben und von da an ste-\nhend zugehört hätte. Und dennoch war das gewaltige Werk in sehr\nkurzer Zeit eingeübt worden!\nDie Soli wurden von Fräul. Mathilde Hartmann aus Düs-\nseldorf (Sopran), Fräul. Pels-Leusten (Alt), Herrn E. Koch\n(Tenor) und Herrn M. DuMont (Bass) gesungen; die vier Stim-\nmen bildeten ein gutes Ensemble und lös'ten ihre so höchst schwie-\nrige Aufgabe auf recht befriedigende Weise. Wir freuten uns, die\nStimme von Fräul. Hartmann, die wir längere Zeit nicht gehört,\neinmal wieder, und zwar in so schöner Kraft und frischer Tonfülle\nzu hören, und ergreifen mit Freuden die Gelegenheit, unsere schon\noft ausgesprochene Achtung vor dem Talente dieser bescheidenen\nSängerin wiederholt zu bekunden.\nDas Orchester, welches bekanntlich auch keine leichte Aufgabe\nin dieser Messe zu bewältigen hat, da ihr Charakter überhaupt\nvorherrschend symphonistisch ist, blieb keineswegs hinter denVocal-\nmassen zurück, wiewohl wir die energische Anführung desselben\ndurch den Concertmeister Hartmann, den leider eine schwere\nKrankheit ans Lager fesselt, vermissten. In dieser Beziehung ist\nHartmann schwerlich durch irgend einen der heutigen Violinisten\nzu ersetzen, womit wir keineswegs das treffliche Talent unseres\nPixis verkannt wissen wollen, welcher das Violin-Solo im Bene-\ndictas sehr schön vortrug.\nHiller leitete das Ganze, wie schon gesagt, auf vortreffliche\nWeise. Mit seiner Auffassung der Tempi u. s. w. sind wir voll-\nkommen einverstanden, nur dürfte vielleicht dem Dona nobis pacem\nals Allegretto vivace im 6/g-Tact eine etwas lebhaftere Bewegung\nzukommen. Sonst müssen wir gerade das loben, dass die bewegten\nTempi durchaus gemässigt wurden, was hier höchst nothwendig,\nda sonst an Klarheit des Vortrags nicht zu denken ist. Mit dem\nTempo des Benedictus, welches sich sehr schön gegen das Prälu-\ndium absetzte, würde selbst unser geehrter Freund A. Schindler\nvollkommen zufrieden gewesen sein."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "112", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550407-01.1.8", "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. Am 3. d. Mts. gab Arthur Napoleon ein Concert\nim Casinosaale, welches eine zahlreiche Zuhörerschaft aus den er-\nsten Ständen versammelt hatte. Der Männergesang-Verein,\nunter Leitung des Herrn Musik-Directors Weber, unterstützte den\njungen Künstler und überreichte ihm in der Pause das Diplom als\nEhren-Mitglied des Vereins. Unter den Vorträgen des letzte-\nren verdient „Eine Maiennacht\" von F. Abt ausgezeichnet zu wer-\nden, indem besonders auch das Tenor-Solo von Herrn Pütz sehr\nschön gesungen wurde. Arthur spielte die Sonate in F, Op. 10,\nNr. 2, von Beethoven recht gut und mit vortrefflichem An-\nschlag; das Allegretto in F-moll nahm er sehr langsam, er fasste\nes gleichsam als Andante con moto auf, was, da diese Sonate sonst\nkeinen langsamen Satz hat, eine ganz gute Wirkung machte. In\nden Phantasieen von Thalberg über Don Pasquale und von Goria\nüber Belisario lernten wir wohl sehr schwierige, aber keineswegs\nschöne Salonstücke kennen. Auf Verlangen schloss er mit der Mo-\nses-Phantasie von Thalberg, welche wie gewöhnlich einen Sturm\nvon Beifall hervorrief. Wir fanden seinen Vortrag der Bravour-\nsachen diesmal nicht so ganz tadellos, als sonst; er Hess sich mit-\nunter zu einem Feuer hinreissen, welches die vollkommene Deut-\nlichkeit beeinträchtigte. Dennoch lieferte gerade dieses wiederum\nden Beweis, dass bei diesem Ausnahme-Talente der eigene Geist\nmächtiger ist, als das Angelernte.\nWie wir dagegen sein Spiel in dem Concerte am 4. d. Mts. im\nStoll werck'sehen Theatersaale gebührend rühmen sollen, wissen\nwir kaum; denn er trug hier alles, was er spielte, so vollendet vor,\ndass man nicht nur erstaunte, sondern tief im Innern ergriffen\nwurde. Und womit machte er vor Allem diesen Eindruck? Mit der\nSonate pathetiquevon Beethoven! Ein einjähriger Knabe\nund diese Sonate! Und dennoch war in der ganzen Zuhörerschaft\nnur Eine Stimme darüber, und ein auffallendes Zeichen des Ein-\ndrucks war es ohne Zweifel, dass nach dem Adagio das Publi-\ncum in lange dauernden Beifall ausbrach. Allerdings trug die treff-\nliche Akustik des Saales das Ihrige dazu bei, dass jede Nuance des\nSpiels deutlich vernommen wurde. Wir hören mit Vergnügen, dass\nHerr Stollwerck kein Opfer gescheut hat, den jungen Künstler noch\nlür drei Concerte an den Osterlagen zu engagiren.\nIn dieser Woche fand die öffentliche Prüfung auf der\nRheinischen Musikschule während dreier Tage Statt. Wir\nerwähnen hier nur, dass sie ein sehr erfreuliches Resultat lieferte;\nausführlicher werden wir uns nach dem Prüfungs-Concerte\ndarüber aussprechen, welches nach den Feiertagen Statt finden wird.\nDas niederrheinische Musikfest wird nun doch jeden-\nfalls an den Pfingsttagen in Düsseldorf gefeiert werden. Frau\nJenny Lind-Goldschmidt hat mit der rühmenswerthesten\nUneigennützigkeit im Interesse der Kunst und des Instituts der nie-\nderrheinischen Musikfeste, welches eine bedeutende Stelle in der\nMusikgeschichte Deutschlands einnimmt, ihre Mitwirkung zugesagt.\nZur Aufführung kommen: Haydn's Schöpfung und Schü-\nmanns Paradies und Peri; Beethoven's C-moW-Sinfonie\nu. s. w. Ferdinand Hiller wird die Aufführungen dirigiren.\nWien. Die „Neue Wiener Musik-Zeitung\" berichtet folgender\nMaassen über A. Rubinstein: „Das erste Concert des Pianisten\nAntoine Rubinstein fand am 22. März in den Abendstunden im\nMusikvereins-Saale Statt. Das Programm des Concertes bestand bloss\naus Vortragsstücken des Concertgebers, die auch alle von seiner\neigenen Compositum waren. Wien hatte denselben schon als ein\nWunderkind kennen gelernt, und nun ging dem herangereiften Vir-\ntuosen ein bedeutender Ruf, in neuester Zeit aus einigen der ersten\nStädte Deutschlands, voran. Das nicht in besonders grosser Anzahl\nversammelte Publicum sah daher den Leistungen des Virtuosen mit\neiner gewissen Spannung entgegen.\n„Er begann mit einem Concerte aus F-dur mit Begleitung des\nOrchesters, welches ihm gleich reichliche Gelegenheit bot, seine\nKraft und aussergewöhnliche Fingerfertigkeit zu entfalten; denn diese\nzwei Eigenschaften sind es, die uns zuerst und vorzugsweise entge-\ngentreten. Ueberhaupt ist seine Technik eine ausgezeichnete, in al-\nlen Formen des modernen Clavierspiels heimische und siegreiche,\nund wenn die Deutlichkeit nicht eine vollendete genannt werden kann,\nso mag die übergrosse Schnelligkeit, womit der Spieler manche der\nschwierigsten Passagen bringt, bei der Kraft seines Anschlags daran\nschuld sein, indem der Wiederhall der abschwindenden in jenen der\nheranstürmenden Töne hineinklingt, und auf diese Art eine und die\nandere Kraftstelle gleichsam in einen bunten Tonwirbel verschäumt.\nZur Entfaltung seines Vortrags in getragenen Gesangsstellen, im\nGraziösen und Anmuthigen, gab ihm das Concert wenig Gelegen-\nheit; doch zeigte er dann, wenn er sie hatte, den Spieler von Ge-\nschmack und feiner Methode. Unter den kleineren Tonstücken für\ndas Pianoforte allein, die er vortrug, brachte nur eines eine zün-\ndende Wirkung hervor, nämlich die von ihm componirte und gespielte\n„Etüde\". Dieses sehr effectvolle Tonstück, in dem ein gefälliges Thema\ngeschickt in pikante, schnell dahin brausende Formen verflochten\nist, wurde mit unvergleichlicher Virtuosität vorgetragen. Die zwei\nStücke: „„Nocturne\"\" (an Chopin'sche Weise erinnernd), dann „„Me-\nlodie\"\", konnten keinen Eindruck machen, weil sie weder einen\nmusicalischen Reiz haben, noch dem Spieler besondere Gelegenheit\nzur Entfaltung seiner Vorzüge geben. Das Grund-Thema des Wal-\nzers, den Herr Rubinstein zuletzt vortrug, ist unbedeutend; die Ent-\nwicklung aber müht sich in wundersamen, nichts weniger als\nglücklichen Formen voll grosser und undankbarer Schwierigkeiten\nab. Als Tonsetzer zeigt Herr Rubinstein offenbar Talent, aber noch\nkein abgeklärtes. Auch ist er an musicalischen Ideen arm; seine\nmelodischen Spenden sind karg, haben kein Gepräge der Ursprüng-\nlichkeit und sind oft trivial. Dieser Art ist namentlich das Grund-\nThema des letzten Satzes des Clavier-Concertes. In der Sinfonie\nmehr als im Concerte zeigte der Componist ein schönes Streben\nnach Ebenmaass und wirksamer Benutzung der orchestralen Hülfs-\nmittel der Gegenwart zum Ausdrucke verschiedener Seelenstimmun-\ngen. Die Verarbeitung der Motive ist freilich meistens noch eine\nungenügende, sie stehen oft noch zu isolirt neben einander, anstatt\nin einander zu fliessen. Im dritten und letzten Satze der Sinfonie\nschien mir die Durchführung am klarsten und befriedigendsten zu\nsein. Namentlich machte das Scherzo einen recht guten Eindruck.\"\nMöln. Beim Schlüsse des Blattes geht uns so eben die tief\nbetrübende Nachricht von dem Tode des Concertmeisters Franz\nHartmann zu; er ist heute (den 6. April) Morgens um halb acht\nUhr dem Nervenfieber erlegen."}]}