{"numero_id": "bm-bmtnabi-1855-04-28-01", "volume": "bmtnabi_1855-04-28_01", "ocr_sha256": "9b7bc3f4ab177c2c974ea510ab243228436b20493f6c36e3d089d375346f9b17", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1855/04/28_01/bmtnabi_1855-04-28_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550428-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1855-04-28-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-04-28_01#c001", "volume": "bmtnabi_1855-04-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "129", "page_fin": "130", "image_debut": 1, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550428-01.2.1", "titre_corps": "Neuere Literatur über mittelalterliche Musik.", "titre_sommaire": "Neuere Literatur über mittelalterliche Musik.", "signature_source": "J. Ch", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "129", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550428-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3914, "texte": "Neuere Literatur über mittelalterliche Musik.\n\nBekanntlich ist das Mittelalter in musicalischer Hin-\nsicht noch sehr wenig untersucht. Nur selten macht ein\nGelehrter darüber eine Bemerkung, die denn gewöhnlich\nauch wieder keinen Werth hat, weil die nöthige Einsicht\nfehlte. Um so mehr muss man das wenige Bessere, welches\nüber diesen Gegenstand herauskommt, bekannt zu machen\nbestrebt sein. Zu diesem gehören mehr oder weniger fol-\ngende Werke:\n1. Les D ans es des Morts. Dissertations et re-\ncherches historiques, philosophiques, litteraires et\nmusicales sur les div\nqui existent et qui ont existe tanten France qu'ä\nl'etranger. Par G 20\nplanches et la Danse\nroles $ Ed. Thierry, musique de G. Kastner. Roy.-\n4. Paris, Brandus et 1853.\nDas umfassende Buch behandelt in zwei Abtheilungen\nalle Seiten, welche nur äslhetisch und literar-geschichtlich\nan den Todtentänzen hervorgehoben werden können. Die\nerste Abtheilung beschäftigt sich vorzüglich mit den Denk-\nmälern aus dem Bereiche der bildenden Künste und geht\nuns hier weniger an, wird den Liebhabern aber sehr be-\nlehrend und unterhaltend sein; die zweite Abtheilung da-\ngegen befasst sich mit der musicalischen Seite. Hierzu\no ö\ngehört auch die auf dem Titel genannte musicalische Bei-\nlage, La Danse Maeabre,eine Composition Kastner's auf\nein altes Gedicht, das aber von Thierry in neu-französische\nVerse gebracht ist. Der Composition ist absichtlich ein mit-\ntelalterliches Ansehen verliehen, einfache Psalmodie, dünne\nInstrumentation, die alten Formen und dergleichen. Wir\nläugnen nicht, dass ein solches Experiment immerhin eini-\nges Interesse gewährt, aber so werthvoll ist es für die\nSache nie, als die Verfasser sich gemeinhin einzubilden\npflegen; die Renntniss alter Musik könnte dadurch nur\nauf eine sehr ungründliche Weise gefördert werden. In\nFrankreich, wo seit Jahren in Didron's archäologischen Jahr-\nBüchern manche werthvolle Rarität aus dem Mittelalter,\naber auch manche wunderliche Grille darüber publicirt\nworden, scheint dergleichen in gewissen Kreisen Modesache\ngeworden zu sein. Hat man doch schon in allem Ernst an\nein Erneuern des musicalischen Stiles aus dem zwölften\nund dreizehnten Jahrhundert, den Zeiten der Troubadoure,\ngedacht!\nSehr werthvoll ist aber die zweite Abtheilung selber\nsammt den beigefügten Kupfertafeln mit Bildern alter mu-\nsicalischer Instrumente. Ein bald nach der Erfindung der\nBuchdruckerkunst, in der zweiten Hälfte des fünfzehnten\nJahrhunderts, gedruckter „Doten-Dantz\" („Dantz\" war\nauch noch im späteren Hochdeutsch viel gebräuchlich) zeigt\nuns eine Sammlung zum Theil sehr seltener und aus an-\nderen gleichzeitigen Quellen fast gar nicht bekannter In-\nstrumente. Herr Kastner beschreibt nun, mit Zuhülfenahme\naller erreichbaren Quellen, jedes einzelne derselben in be-\nsonderen Abschnitten nach seinem Ursprünge, seinem Ge-\nbrauche, seiner Art und Eigentümlichkeit. (Fast auf allen\nBildern nämlich spielt der Tod, das Gerippe, ein gewisses\nInstrument.) Auf diese Weise ist in viele Dinge Licht ge-\nbracht und durch fleissige Special-Untersuchungen Anderen\nvorgearbeitet. Es muss dies um so mehr anerkannt werden,\nals der Verfasser sich ein Gebiet wählte, welches schein-\nbar so unergiebig ist. Aber gerade solche gewöhnlich um-\ngangene Trümmerfelder lieferten nicht selten Ergebnisse, die\nbei aller Kleinheit doch allein im Stande waren, alte grosse\nIrrthümer zu beseitigen. Und ein sicheres Urtheil wird erst\nmöglich, nachdem alle noch erreichbaren Ueberbleibsel un-\ntersucht und beschrieben sind.\nZu gleicher Zeit, aber ganz unabhängig von Kastner,\nveröffentlichte einer unserer ersten Gelehrten auf dem\nFelde der deutschen Philologie, nämlich:\n2. Wilh. Wacker nagel, eine Abhandlung über den\nTodtentanz im Mittelalter, gedruckt in M. Haupt's\nZeitschrift für deutsches Alterthum. 1853. Gr. 8.\nDiese Abhandlung, so klein sie ist, ist in der Haupt-\nsache erschöpfend und übertrifft Kastner's Leistung, was"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "130", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550428-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2795, "texte": "sich so ziemlich von selbst versteht. Doch dies geht auf\nden philologischen und geschichtlichen Theil, der uns hier\nlerner liegt; es muss genügen, auf Wackernagel verwiesen\nzu haben. Ueber die Musik zu den Todtentänzen macht er\nnur einige wenige, aber, wie immer, feine Bemerkungen.\nNoch empfehle ich unseren Musicanten Wackernagel's\ndeutsche Literaturgeschichte; sie werden dort über ältere\nMusik einige Belehrungen empfangen, denen sie weder bei\nKiesewetter noch in sonstigen Geschichten der Musik be-\ngegnen dürften.\nAuf ein anderes Gebiet führen uns\n3. Prof. v. Liliencron und Musik-Director Stade:\nMinnelieder aus dem dreizehnten und vierzehnten\nJahrhundert. Weimar, Böhlau. 1854. in 4.\nDie ursprünglichen Weisen aus der letzten Zeit des\nMinnegesanges sind hier in unser Tonsystem übertragen\nund mit vierstimmiger Harmonie, gleichsam zur Ausführung\nfür Männergesang-Vereine, versehen. Auch die Worte sind\nin Neudeutsch gegeben. Das hier Gebotene ist empfehlens-\nwerth; aber wir haben doch einige Bedenken. Zunächst\nmüssen die Herausgeber nicht glauben, die Harmonie sei\ndas wechselnde Gewand, die Melodie das Bleibende, den\nZeiten nach verschiedener Harmonie Fähige. Denn Beides\nlässt sich nicht trennen, und die Melodie ist nur der aus-\nzudrückenden Sache entsprechend eben im Verein der be-\ngleitenden Instrumente und anderer mitwirkender Umstände;\nAlles zusammen gibt erst das, was man Harmonie nennt.\nDaher ist auch eine geschichtlich vergangene Kunstweise\nnie wieder unmittelbar, wie hier geschehen, sondern nur\ndurch das Hülfsmittel historischer Beschreibung zu demon-\nstriren. Das ist an sich so klar und wird doch nicht be-\nachtet. Sodann hätten die Poesieen auch in mittelalterlicher\nSprache und die Melodieen in ihrer ursprünglichen Auf-\nzeichnung beigefügt werden sollen. Raum war hinreichend\nvorhanden; auf dem Papier, welches jetzt unbedruckt ge-\nlassen ist, hätte Alles bequem stehen können. Dann wäre\nStade's Musik als Uebersetzung zu betrachten, und als\nsolche würde sie Jeder mit Dank hinnehmen, da eine Prü-\nfung ihrer Treue jederzeit vorgenommen werden könnte.\nAber so ohne die Quelle und mit dem Anspruch auftre-\ntend, selbst Quelle zu sein, dürfte sie etwas weniger Werth\nhaben.\nDiese Bemerkungen wollen nur in Erinnerung brin-\ngen, dass bei dem Verständniss alter Musik und der Heraus-\ngabe der Denkmale hauptsächlich geschichtlicher Sinn\nin Betracht kommt. Wir werden dies ohne Ansehen der\nPerson so lange wiederholen, bis man einmal anfängt, ver-\nständiger, d. h. geschichtlich-treuer, zu verfahren. Der be-\nregte Gegenstand ist interessant genug; aber Referent will\nerst Weiteres abwarten und selbst noch gewisse hand-\nschriftliche Quellen untersuchen, bevor er es unternimmt,\nden Lesern dieses Blattes davon eine eingehendere populäre\nDarstellung zu geben.\n\nJ. Ch."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-04-28-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-04-28_01#c002", "volume": "bmtnabi_1855-04-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "130", "page_fin": "132", "image_debut": 2, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550428-01.2.2", "titre_corps": "Pariser Briefe.", "titre_sommaire": "Pariser Briefe.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "130", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550428-01.1.2", "debut_caractere": 2797, "fin_caractere_exclue": 4805, "texte": "Pariser Briefe.\n(Schluss. Siehe Nr. 16.)\nVon den Wohlthätigkeits-Concerten waren auch für\nden Zuhörer wohlthuend das Concert der „Deutschen\nGesellschaft\" unter J. Rosenhain's Leitung und das\nConcert des Vereins der Madeleine, welcher die Reste der\nSing-Akademie enthält, die der Fürst von der Moskowa\nfür geistliche Musik gegründet hat. In dem letzteren wur-\nden Bruchstücke aus Mendelssöhn's Paulus aufge-\nführt, auch die Elfenlieder aus dem Sommernachtstraum\nund Chöre aus Gluck's Armide. Daneben mussten aber\nauch Chöre aus der Stummen von Portici und aus der\nJüdin Figur machen! Das Doppel-Concert für zwei Claviere\nund Orchester von Mozart war hingegen eine treffliche\nWahl: es wiegte mich einmal wieder recht in jene Zeit\nder Unschuld und Keuschheit der Muse der Tonkunst zu-\nrück, wo sie nichts geben wollte als Musik, und weder mit\nder Kunstfertigkeit kokettirte, noch mit der Galvanoplastik\nim Abdruck des Gegenständlichen wetteifern wollte!\nDie vier bis fünf Vereine für Kammermusik haben\nauch diesen Winter fortgeblüht und manche schöne Frucht\ngetragen. Der jüngste von ihnen, erst dieses Jahr von dem\nVioloncellisten Lebouc und dem Sänger Paulin mit der\nBestimmung gegründet, vorzugsweise nur Musik der älteren\nMeister vorzuführen (man geht jedoch bis Mendelssohn),\nhat in seinen vier Sitzungen meist Vorzügliches geleistet,\nbesonders was die Instrumental-Musik betrifft. Die Gesang-\nVorträge des Herrn Paulin waren mehr interessant als\nschön, indem er mehrere theils ganz unbekannte Melodieen\nälterer französischer Componisten, theils selten noch ge-\nhörte Arien von Sacchini, Gluck, Cimarosa und selbst Scar-\nlatti und Marcello zum Besten gab. Die Sitzungen finden\nim Pleyel'schen Saale Statt. Die letzte (am 9. März) brachte\nBeethoven's grosses B-dur-Tr\\o, Op. 97 (Mad. Matt-\nmann, Alard, Lebouc), Mendelssohn's Variationen in\nD-moll für Piano und Violoncell, Mozart's Violin-Quartett\nin D alle drei Werke in ganz vortrefflicher Ausfüh-\nrung. Ein besonderes Interesse verliehen der Matinee die"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "131", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550428-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5014, "texte": "Vorträge der Mad. Viardot; sie sang zwei Arien von\nHändel und F. Schubert's Erlkönig.\nDie Matineen von Alard und Franchomme be-\nhaupten ihren Ruf seit acht Jahren, aber ohne Piano geht\nes auch da nicht mehr; selbst der Verein von Maurin\nund Genossen, welcher vor drei Jahren eigentlich aus-\nschliesslich für Beethoven'sche Violin-Quartette, und na-\nmentlich für die späteren und spätesten Werke des Mei-\nsters gegründet war, sah sich genöthigt, Pianisten-Vorspann\nzu nehmen, um den Triumphwagen der reinsten Kunst-\ngattung nicht stecken zu lassen. Der Cirkel der Mad.\nTardieu de Malleville war von Anfang an vorzugs-\nweise für Clavier-Musik bestimmt.\nIn allen diesen Kreisen hört man gediegene Musik in\nfeiner Auslührung, und die Wahrheit zu sagen, gewähren\nsie die reinsten und edelsten musicalischen Genüsse in Pa-\nris, und ich muss jedem Deutschen, der hieher kommt, um\nMusik zu hören, rathen, diese Sitzungen vorzugsweise zu\nbesuchen, um die Stufe der Kunstbildung, auf welcher\nParis steht, richtig zu würdigen. Er wird alsdann ganz\nandere Vorstellungen von der Höhe derselben mitnehmen,\nals wenn er bloss die Opern und die Orchester-Concerte\ngehört hat. Zu bemerken ist, dass neuerdings auch C. M.\nv. WeberY Ciaviersachen wieder viel gespielt werden, z. ß.\ndas Quartett, das Trio mit Flöte und Cello.\nDaneben steht freilich die Virtuos er ei in echter\nTreibhaus-Blüthe oder vielmehr inünkrauts-Ceppigkeit, und\ndie Muse der wahren Kunst muss gar oft den Schleier vor\nihr Antlitz nehmen, um nicht allzu sichtbar zu erröthen.\nNoch immer strömt Jahr aus, Jahr ein eine Menge von\nSpielern und Sängern aus allen Ländern Europa's hieher\n(und diesen Winter wieder zahlreicher als im vorigen), um\nim besten Fall eine Saison hindurch etwas zu gelten,\ngewöhnlich aber nur, um mit vier Zeilen in den musicali-\nschen Zeitungen erwähnt zu werden! Das nennen die Leute\ndann: einen Ruf von Paris aus mit nach Hause nehmen!\nDa die Redacteure meist sehr gutmiithig und artig und\nnicht unempfindlich gegen die zarten Aufmerksamkeiten\nsind, welche man ihrem Ansehen als pariser Weltgerichts-\nSchöffen bezeigt, so geht dieser bescheidene Wunsch, mit\neinem theuren Aufenthalt und unzähligen Besuchsfahrten\nerkauft, gewöhnlich auch in Erfüllung. Mit wirklichen künst-\nlerischen Leistungen durchzudringen, wird daher bei der\nhohen Flut, wo die folgende Welle den Namen, den die\nerste kaum gehoben, schon wieder hinwegspült, schwer.\nDass die Pianisten die Mehrzahl ausmachen, versteht\nsich heutigen Tages von selbst: zu den sechsundsiebenzig,\nwelche ich Dir voriges Jahr aufzählte *), sind wieder einige\nund dreissig hinzugekommen, darunter die Hällte vom schö-\nnen Geschiechte, das Beiwort übrigens im eigentlichen Sinne\nzu nehmen: denn Zelina Vautbr, Caroline Levy, Cäcilie\nDavid, Louise Salomon, Caroline Beauvais, Julie v. Wocher\naus Wien sind sehr liebliche Erscheinungen und haben alle\nihre Pose vor dem Piano und ihre Gestes gehörig studirt,\nda sie wissen, dass die hiesige Kritik dalür keinesweges\nblind ist, und sowohl den schönen runden Arm des Fräu-\nlein Judith Lion auf die Nachwelt bringt, als den Anstand\ndes Fräulein Lescabanne, welche sich ans Piano setzt, wie\nein Postschreiber an den Arbeitstisch.\nAuszuzeichnen sind Alfred Jaell und besonders\nErnst Lübeck. Jaell war vor mehreren Jahren als Wun-\nderkind bekannt: er ist gesetzter und männlicher im Spiel\ngeworden, inderComposition aber noch so ziemlich ein Kind\ngeblieben, das gern mit bunten Steinen und farbigen Sei-\nfenblasen spielt. Er strebt, wie es scheint, nach dem Ruhm,\nalle Gattungen des Vortrags zu beherrschen, so dass wir\nin seinem Concert neben einer Fuge in C von Bach und\nder Sonate in A für Piano und Violine von Beethoven eine\nganz gewöhnliche Norma-Phantasie, eine englische Ballade,\nmit unendlichen Trillerketten behangen, ein „Charakter-\nstück: An den Ufern des Missisippi\" oder der Seine, und\neine Concert-Polka: „ Waldgesäusel\" (Murmures des Bois)\nAlles von seiner Composition hörten. Aber auch\ndie Neuesten fehlten nicht; eine hübsche Serenade von Ru-\nbinstein und R eminiscences de\nR. Wagner,in JaelPschem Gewände, mussten sie vertreten.\nUeber die letzteren sagt die dass diese\nStücke zu ganz absonderlichen Bemerkungen in Bezug auf\nLiszt's Artikel im Constitutionnel reizten, bedauert aber,\ndass es ihr jetzt an Raum gebricht, zwischen die Weih-\nrauchspender für Wagner und deren Gegner zu treten.\nEine weit bedeutendere Erscheinung ist Ernst\nLübeck. Von deutschen Eltern in Holland geboren\nsein Vater ist der rühmlichst bekannte Capellmeister Hein-\nrich Lübeck im Haag, Director der dortigen Musik-\nschule —, erhielt er eine vortreffliche Erziehung und Bil-\ndung zum Künstler und hat desshalb auch die edel künst-\nlerische Richtung, welcher sein Vater stets gehuldigt und\nwelche er oft unter schweren Kämpfen rücksichtslos ver-\nfolgt hat, schon durch Ueberlieferung erhalten. Möge er\nsie sich im Strudel der pariser Musikwelt bewahren! Er\nhat fast ganz America durchwandert und namentlich in den\n\n*) Siehe Jahrg. 1854, Nr. 18, vom 6. Mai."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "132", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550428-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4674, "texte": "südlichen Provinzen, in Brasilien, Columbien, Venezuela,\nPeru, Chili u. s. w. mit ungeheurem Beifall Concerte ge-\ngeben —jn Carracas z. B. zwölf hinter einander. Nach sei-\nner Rückkehr nach Holland ernannte ihn der König zum\nHofpianisten, und er feierte in Holland und Belgien Triumphe.\nDiesen Winter kam er hieher und erwarb sich sehr bald\ndurch sein Spiel in engeren Künstlerkreisen, dann in den\nMatineen von Marmontel, in dem Be thoven-Quartett-Ver-\nein von Maurin, volle, jedoch nur vereinzelte Anerkennung,\nbis er in einem eigenen Concerte (Ende März) im Herz'-\nschen Saale vor das grosse Publicum trat und einen so\nallgemeinen Beifall davon trug, dass er seitdem, und mit\nRecht, en vogueist. Lübeck besitzt die wesentlichsten Ei-\ngenschaften eines Pianisten, der sich über die Tausende der\nZunftgenossen erheben will, eine ausserordentliche Kraft\nund Ausdauer, eine Elasticität des Anschlags, welche den\nGesang und die Abrundung eben so in der Gewalt hat,\nals den pikanten und bravourmässigen Vortrag, dabei Rein-\nlichkeit und Sicherheit des Stils mit leichter Beherr-\nschung der technischen Schwierigkeiten. Sein Vortrag wird\nnie weder geziert, noch bizarr, er bleibt stets correct und\nklar, und die Leidenschaft des Gelühls reisst den jungen\nKünstler nur selten zu allzu grossem Feuer hin. Selbst\ndie modern geschriebenen Bravoursachen werden nie zum\nZerrbild, sondern es behält Alles Stil in Lübeck's Auf-\nfassung und Vortrag. Die beiden Salonslücke von seiner\nComposition, welche wahre Stürme von Beifall hervorrie-\nfen, nämlich sein Souvenir du in Form eines Bolero\nund La Zambacueca,ein chilisches Volkslied, verrathen ein\nnicht ungewöhnliches Compositions-Talent. Mit Einem\nWorte, er hat hier Aufsehen gemacht, was, wie bekannt,\nnur sehr Wenigen gelingt, und hat sich mit Einem Male\neine hohe Stellung unter den Pianisten erobert.\nAus den Concerlen der hier ansässigen Pianisten will\nich nur das Curiosum erwähnen, dass Tellefsen wagte, den\nFranzosen Robert Schumanns Variationen für zwei\nClaviere vorzuführen (Günsberg spielte die zweite Partie):\ndie Pariser blieben sehr kalt dabei und meinten, das sei\neine scholastische Composition\". Hätte Tellefsen statt\nSchumann aus Versehen Bach auf das Programm gesetzt,\nso würde man die Variationen ganz herrlich gefunden haben.\nB. P.\nNachschrift. Den 15. April. Ich habe den Brief\nbis heute liegen lassen und lüge nun folgende, für den Zu-\nstand der Kunstbildung und der Beförderung derselben\ndurch die höhere Geistlichkeit in Frankreich merkwürdige\n\nNotiz zu, welche mir so eben ein Freund aus einer der\ngrösseren Städte im Norden mittheilt.\nIn dieser Stadt hatte sich ein Gesangverein für geist-\nliche Musik nach dem Muster der Singvereine für gemisch-\nten Chor in Deutschland gebildet. Die angesehensten Fa-\nmilien der Stadt, auch die Autoritäten, begünstigten die\nSache, und sie hatte einen so guten Fortgang, dass man\nbeschloss, in der Osterzeit eine Messe von J. Havdn in der\nKirche aufzuführen. Der Dechant dieser Kirche, von eini-\ngen Damen aus der höheren Gesellschaft, welche Mitglie-\nder des Vereins waren, ersucht, hatte die Erlaubniss dazu\nbewilligt. Das Gerücht davon verbreitete sich wie ein Lauf-\nfeuer, denn dergleichen war noch nicht vorgekommen, und\ndie ganze Stadt sprach davon, wie von einem Ereigniss.\nEs bildete sich ein Comite von acht bis zehn Damen, welche\nes übernahmen, bei dieser Gelegenheit eine Geldsammlung\nfür die Armen persönlich in der Kirche zu veranstalten.\nAm Vorabende der ersten, in der Kirche selbst abzuhal-\ntenden Probe erhielt der Vorstand des Vereins von der\ngesammten Geistlichkeit der Stadt die Weisung, dass eine\nmusicalische Aufführung, bei der Damen und Herren\nmitwirkten, den bestehenden Vorschriften des Erzbi-\nschofs von Cambrai zuwider sei und desshalb nicht\nStatt finden könne. Hierauf wandte man sich von Seiten\ndes Vereinsvorstandes direct an den Herrn Erzbischof und\nhob ausser den künstlerischen und religiösen Zwecken der\nneu errichteten musicalischen Gesellschaft, welche gerade\nden Eindruck der gottesdienstlichen Feier zu erhöhen strebe,\nnoch besonders die mildthätige Absicht der bevorstehenden\nAufführung hervor. Hierauf erhielt man den Bescheid,\n„dass es Frauenzimmern nicht gestattet sei, sich in der\nKirche auf irgend eine Weise bemerkbar zu machen, indem\ndies Zerstreuung der Gläubigen errege und die Aufmerk-\nsamkeit für den Gottesdienst beeinträchtige. * Damit wird\nwahrscheinlich dem Vereine der Todesstoss gegeben sein!\nEs scheint, dass der Herr Erzbischof die alt-italiänische\nSitte, für die Kirchenmusik Sopran- und Altstimmen auf\nandere Weise zu beschaffen, wieder herzustellen wünscht,\nwas jedoch in Frankreich keinen Anklang finden dürfte."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-04-28-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-04-28_01#c003", "volume": "bmtnabi_1855-04-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "132", "page_fin": "134", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550428-01.2.3", "titre_corps": "Berliner Briefe.", "titre_sommaire": "Berliner Briefe.", "signature_source": "G. 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Am Rhein, wo das ganze Werk schon mehr-\nfach und noch in diesem Winter wiederholt öffentlich gehört\nwurde, wird dies wenig Auffälliges haben; in Berlin ist es\nindess zum ersten Male, dass man sich auch nur an einen\nTheil des Riesenwerkes gewagt hat. Die Sing-Akademie\nhat bestimmte Traditionen, an denen sie festhält, und die,\nwie ihre Leiter glauben, sich mit dem Geiste der\nsolemnis nicht vereinigen lassen; der Stern'sche Verein\nkommt erst im Laufe der Zeit dahin, sich mit Grösserem,\nSchwierigerem ernst zu beschäftigen. Was das Publicum\nbetrifft, so ist es doch auch hier nur ein kleinerer Theil,\nauf dessen Dankbarkeit sich rechnen lässt; überall, wo die\nMacht, Werke dieser Art zu verbreiten und zu beleben,\nvorhanden wäre, regt sich eine zum mindesten etwas matte\nTheilnahme dafür. Dass die kolossalen Dimensionen des\nWerkes das Verständniss und die Lust daran erschweren,\nwer wollte das läugnen? Dem minder Begabten mag Man-\nches darin, wenigstens für den Anfang, als eine drückende\nLast erscheinen. Aber in der Hingabe an einen Starken wach-\nsen allmählich auch die Kräfte des Schwachen; man ringt und\narbeitet sich empor, und die künstlerische Befriedigung ist\neine um so höhere, je mehr wir sie durch eigene Arbeit\nerrungen haben. Was den kirchlichen und ästhetischen\nWerth der Messe betrifft, so finden wir wenigstens nicht,\ndass der Ausdruck darin irgend etwas Weltliches an sich\nhabe; er entfernt sich nur von derjenigen Art der Fröm-\nmigkeit, die vielleicht darum am populärsten ist, weil sie\ndie meisten irdischen Bestandtheile in sich enthält; in der\nMesse lebt der Geist des Erhabenen, von dem die Meisten\nauch in ihren frommen Stimmungen nichts wissen wol-\nlen. In ästhetischer Hinsicht liesse sich vielleicht eine\nReihe von Bemerkungen daran knüpfen, dass der Wort-\nausdruck mehr zur deutlichsten Ausprägung des Einzelnen,\nals zur Verschmelzung, zur Einheit hinneigt, wie denn\nüberhaupt die Gründlichkeit, die Vertiefung des deutschen\nGeistes auf allen Gebieten diese vom Idealen abführende\nRichtung leicht einzuschlagen geneigt ist; damit hangen\nHärten und Schroffheiten von allerlei Art zusammen; Werke\ndieser Art, von so grossartiger Erfindung, von solcher\nKraft und Reinheit des Ausdrucks, muss man indess genau\nkennen, selbst wenn sie nicht den Stempel idealster Schön-\nheit tragen. Wir haben Grund, zu hoffen, dass der Stern'-\nsche Verein das Studium der Messe fortsetzen und sie im\nnächsten Winter ganz zur Aufführung bringen wird. Die\nbeiden ersten Sätze gelangen, namentlich was die Chöre\nbetrifft, in vorzüglicher Weise. In demselben Concerte\nspielte Frau Clara Schumann die Phantasie vonßeet-\nhoven für Ciavier, Orchester und Chor, die ebenfalls nur\nwenig hier bekannt war*), obschon sie nur Blüthen der\nreizendsten, lieblichsten Erfindung trägt. Herr Joachim\nspielte das Violin-Concert von Mendelssohn und die\nF-dur-Romanze von Beethoven.\nDie Sing-Akademie führte am 26. März den Tod\nJesu von Graun in der Domkirche auf, an demselben\nOrte, wo das vielbeliebte Werk vor hundert Jahren zum\nersten Mal erklungen war. So viel Begründetes sich auch\ngegen den Cultus, den diese Passions-Cantate in Berlin\nund überhaupt in Norddeutschland findet, sagen lässt, da\nsie in ihrem musicalischen Inhalte nicht sonderlich reich,\nin den Arien sehr breit, im Ausdruck und in der Empfin-\ndung etwas oberflächlich ist, so würden wir doch einer\ngänzlichen Zurücklegung derselben widersprechen müssen.\nDer Tod Jesu' hat gewisser Maassen einen pädagogischen\nWerth; für eine gewisse Stufe der musicalischen Bildung\nist er von grossem Belang; wie es Bücher gibt, die dem\ngereiften Geiste keine Befriedigung gewähren, aber für das\njugendliche Gemüth unersetzlich sind, so gibt es auch Com-\npositionen dieser Art, die man, indem man sich in die Seele\ndes der Musik weniger nahe stehenden Publicums versetzt,\nnicht geringschätzen wird. Dazu kommt, dass Graun's Tod\nJesu wohl das einzige jetzt noch zur Aufführung kommende\nWerk ist, das, wenngleich nicht durchweg, so doch in vie-\nlen Theilen, die italiänische Schule aus dem Anfange des\nvorigen Jahrhunderts (Graun hatte sich namentlich nach\nVinci gebildet) unter uns vertritt. Schon aus historischem\nInteresse wäre also die Beibehaltung des Werkes zu wün-\nschen (Händel hat sich, namentlich in seinen Oratorien,\nvon dem Einflüsse dieser Schule bei Weitem freier ge-\nmacht). Die Musiker aus den sechziger und siebenziger\nJahren des vorigen Jahrhunderts, wie Hiller, Reichardt,\nselbst der strenge Forkel, haben eine grosse, fast über-\ngrosse Verehrung für Graun, und zwar vorzugsweise für\n\n*) Diese Phantasie wurde in Berlin zum ersten Male im Jahre\n1816 in dem Concert eines Vereins von Studirenden un-\nter Leitung des Unterzeichnelen im Saale der Sing-Akademie\naufgeführt und gefiel damals schon; seitdem scheint sie wie-\nder vergessen worden zu sein. In demselben Concert wurden\nauch drei von C. M. v. Weber im Jahre 1814 componirte\nKörner'sche Lieder: Lützow's wilde Jagd, das Schwertlied\nund das Reiterlied „Frisch auf mit raschem Flug\", gesungen;\nder ziemlich starke Männerchor bestand nur aus Studenten,\nund zwar mit geringer Ausnahme aus solchen, welche die\nFeldzüge mitgemacht hatten."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "134", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550428-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3945, "texte": "den Tod Jesu; er scheint den Neigungen seiner Zeit, die\nzwischen dem melodischen Geschmack der Italiener und\ndem ernsten, auf harmonischen und contrapunktischen\nReichthum dringenden deutschen Sinn schwankte, nach\nallen Seiten genügt zu haben; der Tod Jesu erscheint für\nNorddeutschland als das Hauptwerk in dem ganzen mittle-\nren Zeiträume des vorigen Jahrhunderts, wenigstens in so\nfern dabei die Wirkung auf die Zeitgenossen selbst im\nAuge behalten wird. In Berlin wurde der Tod Jesu seit\n1763 alljährlich, oft mehrmals in Einem und demselben\nJahre, aufgeführt, nicht bloss in Kirchen, sondern auch\nschon in jener frühen Zeit im Concertsaale. Die Theilnahme\ndafür hat sich noch bis jetzt so rege erhalten, wie kaum\nfür ein anderes geistliches Werk. Aber der Geist der Zeit\nist dennoch ernster, kräftiger und tiefer geworden.\nDas Publicum, das sich für Bach's Matthäus-Pas-\nsion interessirt, wird ebenfalls von Jahr zu Jahr grösser.\nDiesmal mochte freilich der Umstand dazu beitragen, dass\ndie Sing-Akademie, abweichend von ihrer früheren Sitte,\ndie Matthäus-Passion am Charfreitag selbst aufführte; aber\nes war erfreulich, zu sehen, dass der Saal bis auf den letz-\nten Platz gefüllt war, und der zufällige Umstand wird dem\nWerke gewiss manchen neuen Freund erworben haben.\nDenn es ist so mächtig, dass es selbst denjenigen, der es\nauch nicht sofort versteht, wenigstens reizt und gleichsam\ndazu auffordert, nähere Bekanntschaft mit ihm zu machen;\ndie Vertraulichkeit findet sich dann schon mit der Zeit.\nDie diesmalige Aufführung war hinsichtlich der Chöre die\nbeste, die wir bis jetzt gehört haben; Präcision und Leben-\ndigkeit des Ausdrucks trat überall wohlthuend hervor.\nHerr Mantius singt den Evangelisten mit meisterhafter\nVollendung.\nDie Oper hat in letzter Zeit nichts Neues gebracht,\nausgenommen das Gastspiel Roger's im Fra Diavolo.\nRoger hat diese seinem Talent sehr zusagende Rolle noch\nniemals früher, auch in Frankreich nicht, gegeben. Dies\nmochte wohl der Grund sein, wesshalb nicht das Ganze\neinen befriedigenden Eindruck machte. In Einzelheiten er-\nkannte man die Feinheit und Bestimmtheit seiner Auf-\nfassung. Anderes aber erschien unbedeutend oder eckig.\nEine kleine Heiserkeit, die er überhaupt während seines\nletzten Gastspiels hatte, hinderte ihn nicht, den Edgardo\neinige Tage darauf fast ergreifender zu singen, als wir je-\nmals diese Rolle von ihm gehört haben. Wir erwarten ihn\nim Mai zu einem neuen Gastspiele, das uns auch den Ma-\nsaniello bringen soll. Fräulein Wagner hat ihren Urlaub\nbereits angetreten. Sie ist noch immer in gleichem Grade,\nwie früher, der Liebling des Publicums, das sich durch\neinzelne Mängel und Ueberschreitungen wenig beirren lässt.\nDie letzte Sinfonie-Soiree brachte eine neue Sin-\nfonie ( C-mollJvon Taub e r t, von der sich wenigstens\nnicht sagen lässt, dass sie ohne Eigenthümlichkeit der Ge-\ndanken sei und keine feinen Züge der Ausführung enthalte.\nAber Taubert's Natur neigt zu dem Zarten, Leichten, fein\nGezeichneten hin, und aus dem Streben, der Richtung sei-\nnes Talentes zum Trotz, ein Werk von grossen Dimensio-\nnen hinzustellen, gehen Gewaltsamkeiten und Gezwungen-\nheiten hervor, die namentlich in dem vierten Satze einen\nunbefriedigenden Eindruck machen; es ist ein Aufgebot\näusserer Mittel, das nicht durch musicalische Ideen von\nentsprechendem Charakter getragen wird. Der erste Satz\nist sehr ansprechend, gut gearbeitet und abgerundet. Das\nAndante ist zu süsslich, das Scherzo etwas grämlich.\nDas Quintett von Schubert wurde in den\nZimmermann'schen Quartett-Soireen, das Octett von Schu-\nbert (für Streich- und Blas-Instrumente) in den Soireen der\nHerren Radecke, Grünwald und v. d. Osten aufge-\nführt. Miss Goddard spielte Beethoven's Sonate für das\nHammer-Clavier, Op. 106, mit meisterhafter Technik und\nedler Ruhe. HerrKotzolt und Frau Zimmermann\nveranstalteten wohlgelungene Gesang-Aufführungen, die ih-\nrem Gesangunterricht ein günstiges Zeugniss ausstellten.\n\nG. E."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-04-28-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-04-28_01#c004", "volume": "bmtnabi_1855-04-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "134", "page_fin": "135", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550428-01.2.4", "titre_corps": "Hamburgische Theaterwirren.", "titre_sommaire": "Hamburgische Theaterwirren.", "signature_source": "gr", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "134", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550428-01.1.6", "debut_caractere": 3947, "fin_caractere_exclue": 5477, "texte": "Hamburgische Theaterwirren.\n\nDas hamburgische sogenannte „S tadt-Theater\" schwankt nun\nschon gegen acht Monate hülf- und steuerlos hin und her. Zuerst\nhatte man an der Börse und in den Zeitungen ein grosses Wort,\ndie Stadt sollte durchaus etwas thun, sollte Hülfsgelder zahlen, sich\nder brodlos Gewordenen annehmen u. s. w. Es kam privatim auch\nEiniges zusammen, doch dann ward es wieder still, und man liess\nJeden für sich selber sorgen. Wie dabei die Kunst fahrt, lässt sich\nleicht denken. Man lese nur, durch welche Sachen eben jetzt um\nOstern das Haus zu füllen gesucht wird: „Sonntag den 8. April:\n1} Ouvertüre und erster Act vom Freischütz; Herr Hurnbser: Max.\n2) Ouvertüre zur Oper Die lustigen Weiber von Windsor (neu).\n3) Die Dienstboten, Lustspiel von Benedix. 4) Ouvertüre, Arie und\nTerzett aus der Oper Jessonda; Frl. Kass (Schülerin der Mad.\nCornet): Jessonda (erster theatralischer Versuch); Frl. Holm: Ama-\nzili; Hr. Humbser: Nadori. 5) Pas aus Esmeralda; Frl.\nStarcke: Esmeralda. 6) Ouvertüre und grosse Scene mit Chor aus\nNabucco. Montag, den 9. April: Das Nachtlager von Granada;\nFrl. Holm: Gabriele; Hr. Jansen: Jäger; Hr. Humbser: Gomez.\nHierauf: Das Fest der Handwerker. Dinslag, den 10. April:\nHamlet, Prinz von Dänemark.\" So vegetirt das „Hamburger Stadt-\nTheater\". „Auf diese Ostervorstellungen im Stadt-Theater\" sagt\nein dortiges Localblatt „dürfen wir unsere Leser bestens auf-\nmerksam machen, da sie zum Besten des Chor-, Orchester- und\ntechnischen Personals Statt finden und also einer grossen Zahl von"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "135", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550428-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2957, "texte": "plötzlich brodlos gewordenen Familien einen augenblicklichen Er-\nsatz gewähren sollen. Die Vorstellungen sind schon an sich in-\nteressant genug (!), durch den Zweck aber werden sie noch\nempfehlenswerther. Wie verlautet, wird mit Ende dieses Monats\nauch das Thalia-Theater vorläufig geschlossen werden. Das Deficit\ndes Stadt-Theaters während der letzten acht Monate soll 11,000 Mark\nCourant betragen, und ward solches durch die Zeichnungen humaner\nMänner schon im Voraus vollständig gedeckt. Hoffentlich wird sich in\neinigen Monaten von Seiten des Senates ein Arrangement tref-\nfen lassen, bei welchem sowohl das Stadt- als Thalia-Theater ohne\nfortwährende Existenzsorgen bestehen können. Es mag das schwer\nsein, doch nicht unmöglich.\" Gewiss unmöglich genug. Es wäre\nein halbes Wunder, wenn der hamburger Senat, nachdem er im\nLaufe von mehr als 150 Jahren das dortige Theater so oft und so\nruhig hat verfallen lassen, jetzt sich zu einer solchen Hülfsleistung\nermannte. Aber er wird es wohl bleiben lassen. Wer die hambur-\ngischen Verhältnisse kennt und auch über die traurige Lage der\ndeutschen Kunst der Gegenwart und deren Ursachen etwas 'näher\nunterrichtet ist, wird nicht so blaue Redensarten machen, noch\nsolchen Glauben schenken. Im Gegentheil, es werden noch mehrere\nBühnen zu Ende gehen, Stadttheater und Hoftheater und reisende\nTheater, es ist recht eine Zeit danach. Nach etwa dreissig Jahren\nvoll Trägheit und Ausschweifung, in denen wrenig Gutes zu Tage\ngekommen ist, kommt die. Bühne jetzt mehr oder weniger in Zeiten,\nwo sie genöthigt sein wird, „die Wissenschaft des Fastens und die\ngesammte Hungerlehre zu studiren,\" wie Calderon sagt. Dass Ham-\nburg vorangeht, ist kein Wunder, denn dieses Theater wird von\nder volk- und geldreichen Stadt selbst unglaublich wenig gehalten,\nes ist grösstentheils auf die Schaulust des reisenden Publicums an-\ngewiesen und dadurch jedem Winde Preis gegeben. Das Unglück\ntrifft vornehmlich diejenigen Personen, welche am Theater eine\nuntergeordnete Rolle spielten. Für die nächsten vier Wochen, d. h.\nvom 15. April bis zum 15. Mai, ist das Chorpersonal von dem\nTheater-Agenten E. A. Sachse hierselbst engagirt zu Vorstellungen\nim Stadt-Theater, die er mit einigen renomrnirten Gästen zu unter-\nnehmen im Begriff ist (Anfang am 15. April: Don Juan). Dies ist\nderselbe Herr, der neulich durch den Streit mit Roger ein wenig\nan den Pranger kam, der natürlich auch eine Theater-Zeitung, und\nzwrar für die Hebung der „Kunst\", herausgibt, und bei dem ich\nselbst einmal vernahm, auf die Urtheile der Theater-Zeitungen wäre\nnichts zu geben! Dass das Theater in solchen Händen vortreff-\nlich aufgehoben ist, versteht sich von selbst; eben so, dass Herr\nSachse gewiss auch dann seinen Verpflichtungen nachkommen wird,\nwenn er keine guten „Geschäfte\" machen sollte. Die Zeitungen sind\nschon gehörig bearbeitet. Der Spass dauert indess nur vier Wochen,\nund die Zeit lässt sich abwarten.\nHamburg, den 14. April 1855.\n\ngr."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-04-28-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-04-28_01#c005", "volume": "bmtnabi_1855-04-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "135", "page_fin": "135", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550428-01.2.5", "titre_corps": "Prüfungs-Concert der Rheinischen Musikschule.", "titre_sommaire": "Prüfungs-Concert der Rheinischen Musikschule.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "135", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550428-01.1.7", "debut_caractere": 2959, "fin_caractere_exclue": 6765, "texte": "Prüfungs-Concert der Rheinischen\nMusikschule.\nDas Concert am Dinstag den 24. d. M. hat uns in Verbindung\nmit den vor Ostern bereits abgehaltenen Prüfungen in den einzel-\nnen Unterrichtsfächern der Rheinischen Musikschule die erfreuliche\nUeberzeugung gegeben, dass diese Anstalt unter der Leitung ih-\nres Directors Herrn F. Hill er und durch das eifrige Zusam-\nmenwirken sämmtlicher Lehrer die eingeschlagene Richtung fest\nund unablässig verfolgt und sehr befriedigende Resultate erzielt.\nDiese Richtung bezweckt nicht bloss die Ausarbeitung von Specia-\nlitäten des Talents, wenngleich, sobald sich eine solche entschieden\noffenbart, ihr alle Bedingungen, sich mit Freiheit zu entwickeln,\ngestattet werden, sondern auch vorzüglich die harmonische Ausbil-\ndung aller Eigenschaften und Fähigkeiten, welche zu Erfüllung des\nBerufes als Künstler gehören. Ob bei Verfolgung dieses Weges\ndie Schule bedeutende Künstler bildet oder nicht, hängt natürlich\nvon dem Talent der Schüler ab; dass sie aber dadurch nicht, wie\nso manche ähnliche Anstalt, das Proletariat der Musikmacher und\nMusiklehrer befördert, sondern im Gegentheil jeden ihrer Zöglinge\nwenigstens mit dem Streben nach dem wahren Ideale der Kunst\nzu erfüllen sucht, das rechnen wir ihr zu einem Hauptvorzug an,\num so mehr, da schon viele der von ihr entlassenen Schüler neben\nder technischen Tüchtigkeit den guten Erfolg jener Richtung be-\nwährt haben. Möge daher die Anstalt durch fortgesetztes planmässig\neinheitliches Wirken und immer mehr in einander greifende Thä-\ntigkeit der einzelnen Lehrkräfte ihr Ziel beharrlich verfolgen! Hof-\nfentlich werden sich dann auch auf irgend eine Weise die äusse-\nren Mittel finden, das Unterrichts-System durch eine historische und\nphilosophische Uebersicht des Gebietes der Tonkunst und der Lehre\nvom Kunstschönen zu vervollständigen, was freilich bei der gegen-\nwärtigen Begriffsverwirrung in der musicalischen Aesthetik doppelt\nnoth thut, und was durch die dann und wann gegebenen trefflichen\nAnalysen einzelner Meisterwerke nicht erschöpfend ersetzt wer-\nden kann.\nDas Concert zeigte in 18 Nummern, was auf der Schule in\ndem letzten Jahrescursus gelernt worden sei, nicht etwa bloss,\nwie weit einzelne hervorragende Talente es gebracht haben. Ein\nJeder weiss, dass die Schule diese nicht schaffen kann; will sie\nalso ein Bild ihres Wirkens geben, so muss sie der Eitelkeit ent-\nsagen, durch wenige glänzende Erscheinungen zu blenden, und an\nder Mehrzahl der Schüler zeigen, was sie zu leisten vermag.\nDies ist geschehen und gereicht der Anstalt, so wie dem Fleisse\nder Zöglinge derselben zu grosser Ehre. Beweise dafür waren die\nCompositions-Versuche von C. Barry aus Cambridge (Lieder), von\nFrl. Hermine Mann aus Luxemburg (zwei sehr hübsche Lie-\nder), von Gerh. Trier aus Urbach (Scherzo für Ciavier), und be-\nsonders von Wilh. Schauseil aus Düsseldorf (Andante und Me-\nnuett für Violin-Quartett, Impromptu für Pianoforte); ferner die\nGesangvorträge der Frl. Ida Dannemann aus Elberfeld, Chri-\nstina Sausset aus Köln, H. Mann, Garthe aus Köln, Pels-\nLeusten aus Duisburg: über die schöne Altstimme der letzte-\nren haben wir uns schon öfter ausgesprochen; endlich die In-\nstrumental-Vorträge von Trier, Frl. Garthe und vorzüglich von\nW. Schauseil und Wilh. Weingärtner (aus Köln) auf dem\nPiano, von dem kleinen Oskar Jockel aus Schweidnitz, Nestor\nHagen (Concert von De Beriot), und vor allen Ferdin. Bach\n(Fantaisie-Caprice von Vieuxtemps), beide aus Bonn, auf der Violine.\nAuch im Zusammenspiel leisteten die betreffenden Schüler in\nder Ouvertüre zur Zauberflöte und einigen Quartettsätzen recht Er-\nfreuliches. Hervorheben müssen wir noch die grossen Fortschritte\nim Orgel spiel und die Verbreitung der Lust an demselben,\nwelche der treffliche Unterricht des königl. Musik-Directors Herrn\nF. erzeugt hat."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-04-28-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-04-28_01#c006", "volume": "bmtnabi_1855-04-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "136", "page_fin": "136", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550428-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "136", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550428-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3554, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln.'» Herr Adolf Kroll mann, grossherzoglich olden-\nburgischer Kammer-Virtuose, ein trefflicher Violinspieler, ist hier\ndurchgereis't, um sich einige Monate in Brüssel bei Vieuxtemps\naufzuhalten.\nElfoerfeld, 23. April. Am vorigen Mittwoch fand das alljähr-\nliche Concert des Directors der Liedertafel, Herrn Weinbrenner,\nStatt, welches stets eine zahlreiche und gewählte Gesellschaft ver-\nsammelt und auch dieses Mal seine Anziehungskraft bewährte. Die\nLiedertafel gab glänzende Beweise ihrer unausgesetzt gebliebenen\nThätigkeit und führte mehrere Chöre ganz vortrefflich aus; beson-\nders hatten des Weines Hofstaat von Rietz, Frühlingsnahen von\nKreutzer und Zöllners Doppelständchen sich eines lebhaften Bei-\nfalles zu erfreuen. Die Gebrüder Steinhaus sangen nach ge-\nwohnter Wreise zwei Soloquartette ganz hübsch. !. Langenbach\nerfreute uns mit einer Violin-Solo-Reverie von Vieuxtemps. Eine\njunge Schülerin des Directors Weinbrenner, welche zum ersten\nMale öffentlich auftrat, sang einige Lieder von Schubert und die\nCavatine aus Euryanthe zwar schüchtern, aber recht brav, und ver-\nspricht bei stetem Fleisse eine wackere Sängerin zu werden. Im\ninstrumentalen Theile des Concertes hatte uns früher Herr Wrein-\nbrenner dadurch vorzugsweise verpflichtet, dass er jedes Mal irgend\nein neues bedeutendes Werk zur Aufführung brachte; im vorigen\nJahre hörten wir z. B. die Sinfonie von Hiller: „Es muss doch Früh-\nling werden\", welche in diesem Jahre auf dem niederrheinischen\nMusikfeste aufgeführt wird. Dieses Jahr war dies nicht der Fall,\ndagegen hörten wir zwei bedeutende ältere Werke, von welchen\ndas eine seit einer Jangen Reihe von Jahren hier nicht zur Auf-\nführung gekommen war, nämlich die imposante Coriolan-Ouverture\nvon Beethoven ein Werk von so wunderbarer Charakteristik,\ndass ihr nur die noch gewaltigere Egmont-Ouverture an die Seite\nzu setzen ist. Zuletzt wurden wir durch Beethoven's achte\nSinfonie erfreut, jene köstliche, wenn auch nicht strahlende, Perle\nin dem Diademe seiner Sinfonieen. die durch ihren tiefen Humor\nganz einzig unter des Meisters Schöpfungen dasteht. Die Ausfüh-\nrung dieser Instrumentalwerke war gut, die Sinfonie namentlich\nwurde mit Präcision und Begeisterung vorgetragen.\nL. Spohr hat die letzten Tage des März in Hannover unter\ngrossen Ehrenbezeugungen und Beweisen huldigender Liebe, die\ner von allen Seiten empfangen, zugebracht: bei seiner Ankunft\nStändchen der Gardemusik und der Vaas'schen Liedertafel, den fol-\ngenden Tag Diner bei dem Intendanten Grafen von Platen, Abends\nmusicalische Soiree bei Hofe, wo Spohr mit Joachim Quartette\nu. s. w. spielte. Am anderen Tage Soiree im Concertsaale des Hof-\ntheaters; am 31. März Concert, Spohr's Sinfonie „Irdisches und\nGöttliches\", von ihm selbst dirigirt; Joachim spielte Beethoven's\nViolin-Concert. Jubelnder Hervorruf Spohr's. Am anderen Tage\nFestessen und Ueberreichung eines goldenen, mit Edelsteinen ver-\nzierten Tactstockes von Seiten der Hofcapelle.\nMario und Grisi sind aus America zurückgekehrt und wollen\nvon nun an ihre prachtvolle Villa bei Florenz bewohnen. So\nschlechte Geschäfte der Unternehmer Hackert inNew-York\nAnfangs mit dem invaliden Sängerpaare machte, so hat er ihnen\ndoch ihre 17,000 Pfund Sterl. (an 105,000 Thlr.) richtig ausgezahlt\nund soll noch 12,000 Pf. St. gewonnen haben so hat er wenig-\nstens selbst beim Abschiedsmahle öffentlich erklärt. Zu dieser Er-\nklärung kann er aber seine americanischen Gründe gehabt haben\n—■ siehe Barnum's auf seiner Humbug-Villa geschriebene Selbst-\nBiographie."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "129", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550428-01.1.1", "texte": "Neuere Literatur über mittelalterliche Musik.\n\nBekanntlich ist das Mittelalter in musicalischer Hin-\nsicht noch sehr wenig untersucht. Nur selten macht ein\nGelehrter darüber eine Bemerkung, die denn gewöhnlich\nauch wieder keinen Werth hat, weil die nöthige Einsicht\nfehlte. Um so mehr muss man das wenige Bessere, welches\nüber diesen Gegenstand herauskommt, bekannt zu machen\nbestrebt sein. Zu diesem gehören mehr oder weniger fol-\ngende Werke:\n1. Les D ans es des Morts. Dissertations et re-\ncherches historiques, philosophiques, litteraires et\nmusicales sur les div\nqui existent et qui ont existe tanten France qu'ä\nl'etranger. Par G 20\nplanches et la Danse\nroles $ Ed. Thierry, musique de G. Kastner. Roy.-\n4. Paris, Brandus et 1853.\nDas umfassende Buch behandelt in zwei Abtheilungen\nalle Seiten, welche nur äslhetisch und literar-geschichtlich\nan den Todtentänzen hervorgehoben werden können. Die\nerste Abtheilung beschäftigt sich vorzüglich mit den Denk-\nmälern aus dem Bereiche der bildenden Künste und geht\nuns hier weniger an, wird den Liebhabern aber sehr be-\nlehrend und unterhaltend sein; die zweite Abtheilung da-\ngegen befasst sich mit der musicalischen Seite. Hierzu\no ö\ngehört auch die auf dem Titel genannte musicalische Bei-\nlage, La Danse Maeabre,eine Composition Kastner's auf\nein altes Gedicht, das aber von Thierry in neu-französische\nVerse gebracht ist. Der Composition ist absichtlich ein mit-\ntelalterliches Ansehen verliehen, einfache Psalmodie, dünne\nInstrumentation, die alten Formen und dergleichen. Wir\nläugnen nicht, dass ein solches Experiment immerhin eini-\nges Interesse gewährt, aber so werthvoll ist es für die\nSache nie, als die Verfasser sich gemeinhin einzubilden\npflegen; die Renntniss alter Musik könnte dadurch nur\nauf eine sehr ungründliche Weise gefördert werden. In\nFrankreich, wo seit Jahren in Didron's archäologischen Jahr-\nBüchern manche werthvolle Rarität aus dem Mittelalter,\naber auch manche wunderliche Grille darüber publicirt\nworden, scheint dergleichen in gewissen Kreisen Modesache\ngeworden zu sein. Hat man doch schon in allem Ernst an\nein Erneuern des musicalischen Stiles aus dem zwölften\nund dreizehnten Jahrhundert, den Zeiten der Troubadoure,\ngedacht!\nSehr werthvoll ist aber die zweite Abtheilung selber\nsammt den beigefügten Kupfertafeln mit Bildern alter mu-\nsicalischer Instrumente. Ein bald nach der Erfindung der\nBuchdruckerkunst, in der zweiten Hälfte des fünfzehnten\nJahrhunderts, gedruckter „Doten-Dantz\" („Dantz\" war\nauch noch im späteren Hochdeutsch viel gebräuchlich) zeigt\nuns eine Sammlung zum Theil sehr seltener und aus an-\nderen gleichzeitigen Quellen fast gar nicht bekannter In-\nstrumente. Herr Kastner beschreibt nun, mit Zuhülfenahme\naller erreichbaren Quellen, jedes einzelne derselben in be-\nsonderen Abschnitten nach seinem Ursprünge, seinem Ge-\nbrauche, seiner Art und Eigentümlichkeit. (Fast auf allen\nBildern nämlich spielt der Tod, das Gerippe, ein gewisses\nInstrument.) Auf diese Weise ist in viele Dinge Licht ge-\nbracht und durch fleissige Special-Untersuchungen Anderen\nvorgearbeitet. Es muss dies um so mehr anerkannt werden,\nals der Verfasser sich ein Gebiet wählte, welches schein-\nbar so unergiebig ist. Aber gerade solche gewöhnlich um-\ngangene Trümmerfelder lieferten nicht selten Ergebnisse, die\nbei aller Kleinheit doch allein im Stande waren, alte grosse\nIrrthümer zu beseitigen. Und ein sicheres Urtheil wird erst\nmöglich, nachdem alle noch erreichbaren Ueberbleibsel un-\ntersucht und beschrieben sind.\nZu gleicher Zeit, aber ganz unabhängig von Kastner,\nveröffentlichte einer unserer ersten Gelehrten auf dem\nFelde der deutschen Philologie, nämlich:\n2. Wilh. Wacker nagel, eine Abhandlung über den\nTodtentanz im Mittelalter, gedruckt in M. Haupt's\nZeitschrift für deutsches Alterthum. 1853. Gr. 8.\nDiese Abhandlung, so klein sie ist, ist in der Haupt-\nsache erschöpfend und übertrifft Kastner's Leistung, was"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "130", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550428-01.1.2", "texte": "sich so ziemlich von selbst versteht. Doch dies geht auf\nden philologischen und geschichtlichen Theil, der uns hier\nlerner liegt; es muss genügen, auf Wackernagel verwiesen\nzu haben. Ueber die Musik zu den Todtentänzen macht er\nnur einige wenige, aber, wie immer, feine Bemerkungen.\nNoch empfehle ich unseren Musicanten Wackernagel's\ndeutsche Literaturgeschichte; sie werden dort über ältere\nMusik einige Belehrungen empfangen, denen sie weder bei\nKiesewetter noch in sonstigen Geschichten der Musik be-\ngegnen dürften.\nAuf ein anderes Gebiet führen uns\n3. Prof. v. Liliencron und Musik-Director Stade:\nMinnelieder aus dem dreizehnten und vierzehnten\nJahrhundert. Weimar, Böhlau. 1854. in 4.\nDie ursprünglichen Weisen aus der letzten Zeit des\nMinnegesanges sind hier in unser Tonsystem übertragen\nund mit vierstimmiger Harmonie, gleichsam zur Ausführung\nfür Männergesang-Vereine, versehen. Auch die Worte sind\nin Neudeutsch gegeben. Das hier Gebotene ist empfehlens-\nwerth; aber wir haben doch einige Bedenken. Zunächst\nmüssen die Herausgeber nicht glauben, die Harmonie sei\ndas wechselnde Gewand, die Melodie das Bleibende, den\nZeiten nach verschiedener Harmonie Fähige. Denn Beides\nlässt sich nicht trennen, und die Melodie ist nur der aus-\nzudrückenden Sache entsprechend eben im Verein der be-\ngleitenden Instrumente und anderer mitwirkender Umstände;\nAlles zusammen gibt erst das, was man Harmonie nennt.\nDaher ist auch eine geschichtlich vergangene Kunstweise\nnie wieder unmittelbar, wie hier geschehen, sondern nur\ndurch das Hülfsmittel historischer Beschreibung zu demon-\nstriren. Das ist an sich so klar und wird doch nicht be-\nachtet. Sodann hätten die Poesieen auch in mittelalterlicher\nSprache und die Melodieen in ihrer ursprünglichen Auf-\nzeichnung beigefügt werden sollen. Raum war hinreichend\nvorhanden; auf dem Papier, welches jetzt unbedruckt ge-\nlassen ist, hätte Alles bequem stehen können. Dann wäre\nStade's Musik als Uebersetzung zu betrachten, und als\nsolche würde sie Jeder mit Dank hinnehmen, da eine Prü-\nfung ihrer Treue jederzeit vorgenommen werden könnte.\nAber so ohne die Quelle und mit dem Anspruch auftre-\ntend, selbst Quelle zu sein, dürfte sie etwas weniger Werth\nhaben.\nDiese Bemerkungen wollen nur in Erinnerung brin-\ngen, dass bei dem Verständniss alter Musik und der Heraus-\ngabe der Denkmale hauptsächlich geschichtlicher Sinn\nin Betracht kommt. Wir werden dies ohne Ansehen der\nPerson so lange wiederholen, bis man einmal anfängt, ver-\nständiger, d. h. geschichtlich-treuer, zu verfahren. Der be-\nregte Gegenstand ist interessant genug; aber Referent will\nerst Weiteres abwarten und selbst noch gewisse hand-\nschriftliche Quellen untersuchen, bevor er es unternimmt,\nden Lesern dieses Blattes davon eine eingehendere populäre\nDarstellung zu geben.\n\nJ. Ch.\n\nPariser Briefe.\n(Schluss. Siehe Nr. 16.)\nVon den Wohlthätigkeits-Concerten waren auch für\nden Zuhörer wohlthuend das Concert der „Deutschen\nGesellschaft\" unter J. Rosenhain's Leitung und das\nConcert des Vereins der Madeleine, welcher die Reste der\nSing-Akademie enthält, die der Fürst von der Moskowa\nfür geistliche Musik gegründet hat. In dem letzteren wur-\nden Bruchstücke aus Mendelssöhn's Paulus aufge-\nführt, auch die Elfenlieder aus dem Sommernachtstraum\nund Chöre aus Gluck's Armide. Daneben mussten aber\nauch Chöre aus der Stummen von Portici und aus der\nJüdin Figur machen! Das Doppel-Concert für zwei Claviere\nund Orchester von Mozart war hingegen eine treffliche\nWahl: es wiegte mich einmal wieder recht in jene Zeit\nder Unschuld und Keuschheit der Muse der Tonkunst zu-\nrück, wo sie nichts geben wollte als Musik, und weder mit\nder Kunstfertigkeit kokettirte, noch mit der Galvanoplastik\nim Abdruck des Gegenständlichen wetteifern wollte!\nDie vier bis fünf Vereine für Kammermusik haben\nauch diesen Winter fortgeblüht und manche schöne Frucht\ngetragen. Der jüngste von ihnen, erst dieses Jahr von dem\nVioloncellisten Lebouc und dem Sänger Paulin mit der\nBestimmung gegründet, vorzugsweise nur Musik der älteren\nMeister vorzuführen (man geht jedoch bis Mendelssohn),\nhat in seinen vier Sitzungen meist Vorzügliches geleistet,\nbesonders was die Instrumental-Musik betrifft. Die Gesang-\nVorträge des Herrn Paulin waren mehr interessant als\nschön, indem er mehrere theils ganz unbekannte Melodieen\nälterer französischer Componisten, theils selten noch ge-\nhörte Arien von Sacchini, Gluck, Cimarosa und selbst Scar-\nlatti und Marcello zum Besten gab. Die Sitzungen finden\nim Pleyel'schen Saale Statt. Die letzte (am 9. März) brachte\nBeethoven's grosses B-dur-Tr\\o, Op. 97 (Mad. Matt-\nmann, Alard, Lebouc), Mendelssohn's Variationen in\nD-moll für Piano und Violoncell, Mozart's Violin-Quartett\nin D alle drei Werke in ganz vortrefflicher Ausfüh-\nrung. Ein besonderes Interesse verliehen der Matinee die"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "131", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550428-01.1.3", "texte": "Vorträge der Mad. Viardot; sie sang zwei Arien von\nHändel und F. Schubert's Erlkönig.\nDie Matineen von Alard und Franchomme be-\nhaupten ihren Ruf seit acht Jahren, aber ohne Piano geht\nes auch da nicht mehr; selbst der Verein von Maurin\nund Genossen, welcher vor drei Jahren eigentlich aus-\nschliesslich für Beethoven'sche Violin-Quartette, und na-\nmentlich für die späteren und spätesten Werke des Mei-\nsters gegründet war, sah sich genöthigt, Pianisten-Vorspann\nzu nehmen, um den Triumphwagen der reinsten Kunst-\ngattung nicht stecken zu lassen. Der Cirkel der Mad.\nTardieu de Malleville war von Anfang an vorzugs-\nweise für Clavier-Musik bestimmt.\nIn allen diesen Kreisen hört man gediegene Musik in\nfeiner Auslührung, und die Wahrheit zu sagen, gewähren\nsie die reinsten und edelsten musicalischen Genüsse in Pa-\nris, und ich muss jedem Deutschen, der hieher kommt, um\nMusik zu hören, rathen, diese Sitzungen vorzugsweise zu\nbesuchen, um die Stufe der Kunstbildung, auf welcher\nParis steht, richtig zu würdigen. Er wird alsdann ganz\nandere Vorstellungen von der Höhe derselben mitnehmen,\nals wenn er bloss die Opern und die Orchester-Concerte\ngehört hat. Zu bemerken ist, dass neuerdings auch C. M.\nv. WeberY Ciaviersachen wieder viel gespielt werden, z. ß.\ndas Quartett, das Trio mit Flöte und Cello.\nDaneben steht freilich die Virtuos er ei in echter\nTreibhaus-Blüthe oder vielmehr inünkrauts-Ceppigkeit, und\ndie Muse der wahren Kunst muss gar oft den Schleier vor\nihr Antlitz nehmen, um nicht allzu sichtbar zu erröthen.\nNoch immer strömt Jahr aus, Jahr ein eine Menge von\nSpielern und Sängern aus allen Ländern Europa's hieher\n(und diesen Winter wieder zahlreicher als im vorigen), um\nim besten Fall eine Saison hindurch etwas zu gelten,\ngewöhnlich aber nur, um mit vier Zeilen in den musicali-\nschen Zeitungen erwähnt zu werden! Das nennen die Leute\ndann: einen Ruf von Paris aus mit nach Hause nehmen!\nDa die Redacteure meist sehr gutmiithig und artig und\nnicht unempfindlich gegen die zarten Aufmerksamkeiten\nsind, welche man ihrem Ansehen als pariser Weltgerichts-\nSchöffen bezeigt, so geht dieser bescheidene Wunsch, mit\neinem theuren Aufenthalt und unzähligen Besuchsfahrten\nerkauft, gewöhnlich auch in Erfüllung. Mit wirklichen künst-\nlerischen Leistungen durchzudringen, wird daher bei der\nhohen Flut, wo die folgende Welle den Namen, den die\nerste kaum gehoben, schon wieder hinwegspült, schwer.\nDass die Pianisten die Mehrzahl ausmachen, versteht\nsich heutigen Tages von selbst: zu den sechsundsiebenzig,\nwelche ich Dir voriges Jahr aufzählte *), sind wieder einige\nund dreissig hinzugekommen, darunter die Hällte vom schö-\nnen Geschiechte, das Beiwort übrigens im eigentlichen Sinne\nzu nehmen: denn Zelina Vautbr, Caroline Levy, Cäcilie\nDavid, Louise Salomon, Caroline Beauvais, Julie v. Wocher\naus Wien sind sehr liebliche Erscheinungen und haben alle\nihre Pose vor dem Piano und ihre Gestes gehörig studirt,\nda sie wissen, dass die hiesige Kritik dalür keinesweges\nblind ist, und sowohl den schönen runden Arm des Fräu-\nlein Judith Lion auf die Nachwelt bringt, als den Anstand\ndes Fräulein Lescabanne, welche sich ans Piano setzt, wie\nein Postschreiber an den Arbeitstisch.\nAuszuzeichnen sind Alfred Jaell und besonders\nErnst Lübeck. Jaell war vor mehreren Jahren als Wun-\nderkind bekannt: er ist gesetzter und männlicher im Spiel\ngeworden, inderComposition aber noch so ziemlich ein Kind\ngeblieben, das gern mit bunten Steinen und farbigen Sei-\nfenblasen spielt. Er strebt, wie es scheint, nach dem Ruhm,\nalle Gattungen des Vortrags zu beherrschen, so dass wir\nin seinem Concert neben einer Fuge in C von Bach und\nder Sonate in A für Piano und Violine von Beethoven eine\nganz gewöhnliche Norma-Phantasie, eine englische Ballade,\nmit unendlichen Trillerketten behangen, ein „Charakter-\nstück: An den Ufern des Missisippi\" oder der Seine, und\neine Concert-Polka: „ Waldgesäusel\" (Murmures des Bois)\nAlles von seiner Composition hörten. Aber auch\ndie Neuesten fehlten nicht; eine hübsche Serenade von Ru-\nbinstein und R eminiscences de\nR. Wagner,in JaelPschem Gewände, mussten sie vertreten.\nUeber die letzteren sagt die dass diese\nStücke zu ganz absonderlichen Bemerkungen in Bezug auf\nLiszt's Artikel im Constitutionnel reizten, bedauert aber,\ndass es ihr jetzt an Raum gebricht, zwischen die Weih-\nrauchspender für Wagner und deren Gegner zu treten.\nEine weit bedeutendere Erscheinung ist Ernst\nLübeck. Von deutschen Eltern in Holland geboren\nsein Vater ist der rühmlichst bekannte Capellmeister Hein-\nrich Lübeck im Haag, Director der dortigen Musik-\nschule —, erhielt er eine vortreffliche Erziehung und Bil-\ndung zum Künstler und hat desshalb auch die edel künst-\nlerische Richtung, welcher sein Vater stets gehuldigt und\nwelche er oft unter schweren Kämpfen rücksichtslos ver-\nfolgt hat, schon durch Ueberlieferung erhalten. Möge er\nsie sich im Strudel der pariser Musikwelt bewahren! Er\nhat fast ganz America durchwandert und namentlich in den\n\n*) Siehe Jahrg. 1854, Nr. 18, vom 6. Mai."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "132", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550428-01.1.4", "texte": "südlichen Provinzen, in Brasilien, Columbien, Venezuela,\nPeru, Chili u. s. w. mit ungeheurem Beifall Concerte ge-\ngeben —jn Carracas z. B. zwölf hinter einander. Nach sei-\nner Rückkehr nach Holland ernannte ihn der König zum\nHofpianisten, und er feierte in Holland und Belgien Triumphe.\nDiesen Winter kam er hieher und erwarb sich sehr bald\ndurch sein Spiel in engeren Künstlerkreisen, dann in den\nMatineen von Marmontel, in dem Be thoven-Quartett-Ver-\nein von Maurin, volle, jedoch nur vereinzelte Anerkennung,\nbis er in einem eigenen Concerte (Ende März) im Herz'-\nschen Saale vor das grosse Publicum trat und einen so\nallgemeinen Beifall davon trug, dass er seitdem, und mit\nRecht, en vogueist. Lübeck besitzt die wesentlichsten Ei-\ngenschaften eines Pianisten, der sich über die Tausende der\nZunftgenossen erheben will, eine ausserordentliche Kraft\nund Ausdauer, eine Elasticität des Anschlags, welche den\nGesang und die Abrundung eben so in der Gewalt hat,\nals den pikanten und bravourmässigen Vortrag, dabei Rein-\nlichkeit und Sicherheit des Stils mit leichter Beherr-\nschung der technischen Schwierigkeiten. Sein Vortrag wird\nnie weder geziert, noch bizarr, er bleibt stets correct und\nklar, und die Leidenschaft des Gelühls reisst den jungen\nKünstler nur selten zu allzu grossem Feuer hin. Selbst\ndie modern geschriebenen Bravoursachen werden nie zum\nZerrbild, sondern es behält Alles Stil in Lübeck's Auf-\nfassung und Vortrag. Die beiden Salonslücke von seiner\nComposition, welche wahre Stürme von Beifall hervorrie-\nfen, nämlich sein Souvenir du in Form eines Bolero\nund La Zambacueca,ein chilisches Volkslied, verrathen ein\nnicht ungewöhnliches Compositions-Talent. Mit Einem\nWorte, er hat hier Aufsehen gemacht, was, wie bekannt,\nnur sehr Wenigen gelingt, und hat sich mit Einem Male\neine hohe Stellung unter den Pianisten erobert.\nAus den Concerlen der hier ansässigen Pianisten will\nich nur das Curiosum erwähnen, dass Tellefsen wagte, den\nFranzosen Robert Schumanns Variationen für zwei\nClaviere vorzuführen (Günsberg spielte die zweite Partie):\ndie Pariser blieben sehr kalt dabei und meinten, das sei\neine scholastische Composition\". Hätte Tellefsen statt\nSchumann aus Versehen Bach auf das Programm gesetzt,\nso würde man die Variationen ganz herrlich gefunden haben.\nB. P.\nNachschrift. Den 15. April. Ich habe den Brief\nbis heute liegen lassen und lüge nun folgende, für den Zu-\nstand der Kunstbildung und der Beförderung derselben\ndurch die höhere Geistlichkeit in Frankreich merkwürdige\n\nNotiz zu, welche mir so eben ein Freund aus einer der\ngrösseren Städte im Norden mittheilt.\nIn dieser Stadt hatte sich ein Gesangverein für geist-\nliche Musik nach dem Muster der Singvereine für gemisch-\nten Chor in Deutschland gebildet. Die angesehensten Fa-\nmilien der Stadt, auch die Autoritäten, begünstigten die\nSache, und sie hatte einen so guten Fortgang, dass man\nbeschloss, in der Osterzeit eine Messe von J. Havdn in der\nKirche aufzuführen. Der Dechant dieser Kirche, von eini-\ngen Damen aus der höheren Gesellschaft, welche Mitglie-\nder des Vereins waren, ersucht, hatte die Erlaubniss dazu\nbewilligt. Das Gerücht davon verbreitete sich wie ein Lauf-\nfeuer, denn dergleichen war noch nicht vorgekommen, und\ndie ganze Stadt sprach davon, wie von einem Ereigniss.\nEs bildete sich ein Comite von acht bis zehn Damen, welche\nes übernahmen, bei dieser Gelegenheit eine Geldsammlung\nfür die Armen persönlich in der Kirche zu veranstalten.\nAm Vorabende der ersten, in der Kirche selbst abzuhal-\ntenden Probe erhielt der Vorstand des Vereins von der\ngesammten Geistlichkeit der Stadt die Weisung, dass eine\nmusicalische Aufführung, bei der Damen und Herren\nmitwirkten, den bestehenden Vorschriften des Erzbi-\nschofs von Cambrai zuwider sei und desshalb nicht\nStatt finden könne. Hierauf wandte man sich von Seiten\ndes Vereinsvorstandes direct an den Herrn Erzbischof und\nhob ausser den künstlerischen und religiösen Zwecken der\nneu errichteten musicalischen Gesellschaft, welche gerade\nden Eindruck der gottesdienstlichen Feier zu erhöhen strebe,\nnoch besonders die mildthätige Absicht der bevorstehenden\nAufführung hervor. Hierauf erhielt man den Bescheid,\n„dass es Frauenzimmern nicht gestattet sei, sich in der\nKirche auf irgend eine Weise bemerkbar zu machen, indem\ndies Zerstreuung der Gläubigen errege und die Aufmerk-\nsamkeit für den Gottesdienst beeinträchtige. * Damit wird\nwahrscheinlich dem Vereine der Todesstoss gegeben sein!\nEs scheint, dass der Herr Erzbischof die alt-italiänische\nSitte, für die Kirchenmusik Sopran- und Altstimmen auf\nandere Weise zu beschaffen, wieder herzustellen wünscht,\nwas jedoch in Frankreich keinen Anklang finden dürfte.\n\nBerliner Briefe.\n\n[Die D-iur-Messe von Beethoven Graun's Tod Jesu\ndie Matthäus -Passion Oper Concerte.]\nDen 19. April 1855.\nUnter den musicalischen Aufführungen der letzten Zeit\nwaren die von unseren Gesang-Instituten veranstalteten am"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "133", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550428-01.1.5", "texte": "interessantesten. So brachte der Stern'sche Verein das\nKyrie und Gloria aus der grossen Messe von Beethoven\nzur Aufführung. Am Rhein, wo das ganze Werk schon mehr-\nfach und noch in diesem Winter wiederholt öffentlich gehört\nwurde, wird dies wenig Auffälliges haben; in Berlin ist es\nindess zum ersten Male, dass man sich auch nur an einen\nTheil des Riesenwerkes gewagt hat. Die Sing-Akademie\nhat bestimmte Traditionen, an denen sie festhält, und die,\nwie ihre Leiter glauben, sich mit dem Geiste der\nsolemnis nicht vereinigen lassen; der Stern'sche Verein\nkommt erst im Laufe der Zeit dahin, sich mit Grösserem,\nSchwierigerem ernst zu beschäftigen. Was das Publicum\nbetrifft, so ist es doch auch hier nur ein kleinerer Theil,\nauf dessen Dankbarkeit sich rechnen lässt; überall, wo die\nMacht, Werke dieser Art zu verbreiten und zu beleben,\nvorhanden wäre, regt sich eine zum mindesten etwas matte\nTheilnahme dafür. Dass die kolossalen Dimensionen des\nWerkes das Verständniss und die Lust daran erschweren,\nwer wollte das läugnen? Dem minder Begabten mag Man-\nches darin, wenigstens für den Anfang, als eine drückende\nLast erscheinen. Aber in der Hingabe an einen Starken wach-\nsen allmählich auch die Kräfte des Schwachen; man ringt und\narbeitet sich empor, und die künstlerische Befriedigung ist\neine um so höhere, je mehr wir sie durch eigene Arbeit\nerrungen haben. Was den kirchlichen und ästhetischen\nWerth der Messe betrifft, so finden wir wenigstens nicht,\ndass der Ausdruck darin irgend etwas Weltliches an sich\nhabe; er entfernt sich nur von derjenigen Art der Fröm-\nmigkeit, die vielleicht darum am populärsten ist, weil sie\ndie meisten irdischen Bestandtheile in sich enthält; in der\nMesse lebt der Geist des Erhabenen, von dem die Meisten\nauch in ihren frommen Stimmungen nichts wissen wol-\nlen. In ästhetischer Hinsicht liesse sich vielleicht eine\nReihe von Bemerkungen daran knüpfen, dass der Wort-\nausdruck mehr zur deutlichsten Ausprägung des Einzelnen,\nals zur Verschmelzung, zur Einheit hinneigt, wie denn\nüberhaupt die Gründlichkeit, die Vertiefung des deutschen\nGeistes auf allen Gebieten diese vom Idealen abführende\nRichtung leicht einzuschlagen geneigt ist; damit hangen\nHärten und Schroffheiten von allerlei Art zusammen; Werke\ndieser Art, von so grossartiger Erfindung, von solcher\nKraft und Reinheit des Ausdrucks, muss man indess genau\nkennen, selbst wenn sie nicht den Stempel idealster Schön-\nheit tragen. Wir haben Grund, zu hoffen, dass der Stern'-\nsche Verein das Studium der Messe fortsetzen und sie im\nnächsten Winter ganz zur Aufführung bringen wird. Die\nbeiden ersten Sätze gelangen, namentlich was die Chöre\nbetrifft, in vorzüglicher Weise. In demselben Concerte\nspielte Frau Clara Schumann die Phantasie vonßeet-\nhoven für Ciavier, Orchester und Chor, die ebenfalls nur\nwenig hier bekannt war*), obschon sie nur Blüthen der\nreizendsten, lieblichsten Erfindung trägt. Herr Joachim\nspielte das Violin-Concert von Mendelssohn und die\nF-dur-Romanze von Beethoven.\nDie Sing-Akademie führte am 26. März den Tod\nJesu von Graun in der Domkirche auf, an demselben\nOrte, wo das vielbeliebte Werk vor hundert Jahren zum\nersten Mal erklungen war. So viel Begründetes sich auch\ngegen den Cultus, den diese Passions-Cantate in Berlin\nund überhaupt in Norddeutschland findet, sagen lässt, da\nsie in ihrem musicalischen Inhalte nicht sonderlich reich,\nin den Arien sehr breit, im Ausdruck und in der Empfin-\ndung etwas oberflächlich ist, so würden wir doch einer\ngänzlichen Zurücklegung derselben widersprechen müssen.\nDer Tod Jesu' hat gewisser Maassen einen pädagogischen\nWerth; für eine gewisse Stufe der musicalischen Bildung\nist er von grossem Belang; wie es Bücher gibt, die dem\ngereiften Geiste keine Befriedigung gewähren, aber für das\njugendliche Gemüth unersetzlich sind, so gibt es auch Com-\npositionen dieser Art, die man, indem man sich in die Seele\ndes der Musik weniger nahe stehenden Publicums versetzt,\nnicht geringschätzen wird. Dazu kommt, dass Graun's Tod\nJesu wohl das einzige jetzt noch zur Aufführung kommende\nWerk ist, das, wenngleich nicht durchweg, so doch in vie-\nlen Theilen, die italiänische Schule aus dem Anfange des\nvorigen Jahrhunderts (Graun hatte sich namentlich nach\nVinci gebildet) unter uns vertritt. Schon aus historischem\nInteresse wäre also die Beibehaltung des Werkes zu wün-\nschen (Händel hat sich, namentlich in seinen Oratorien,\nvon dem Einflüsse dieser Schule bei Weitem freier ge-\nmacht). Die Musiker aus den sechziger und siebenziger\nJahren des vorigen Jahrhunderts, wie Hiller, Reichardt,\nselbst der strenge Forkel, haben eine grosse, fast über-\ngrosse Verehrung für Graun, und zwar vorzugsweise für\n\n*) Diese Phantasie wurde in Berlin zum ersten Male im Jahre\n1816 in dem Concert eines Vereins von Studirenden un-\nter Leitung des Unterzeichnelen im Saale der Sing-Akademie\naufgeführt und gefiel damals schon; seitdem scheint sie wie-\nder vergessen worden zu sein. In demselben Concert wurden\nauch drei von C. M. v. Weber im Jahre 1814 componirte\nKörner'sche Lieder: Lützow's wilde Jagd, das Schwertlied\nund das Reiterlied „Frisch auf mit raschem Flug\", gesungen;\nder ziemlich starke Männerchor bestand nur aus Studenten,\nund zwar mit geringer Ausnahme aus solchen, welche die\nFeldzüge mitgemacht hatten."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "134", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550428-01.1.6", "texte": "den Tod Jesu; er scheint den Neigungen seiner Zeit, die\nzwischen dem melodischen Geschmack der Italiener und\ndem ernsten, auf harmonischen und contrapunktischen\nReichthum dringenden deutschen Sinn schwankte, nach\nallen Seiten genügt zu haben; der Tod Jesu erscheint für\nNorddeutschland als das Hauptwerk in dem ganzen mittle-\nren Zeiträume des vorigen Jahrhunderts, wenigstens in so\nfern dabei die Wirkung auf die Zeitgenossen selbst im\nAuge behalten wird. In Berlin wurde der Tod Jesu seit\n1763 alljährlich, oft mehrmals in Einem und demselben\nJahre, aufgeführt, nicht bloss in Kirchen, sondern auch\nschon in jener frühen Zeit im Concertsaale. Die Theilnahme\ndafür hat sich noch bis jetzt so rege erhalten, wie kaum\nfür ein anderes geistliches Werk. Aber der Geist der Zeit\nist dennoch ernster, kräftiger und tiefer geworden.\nDas Publicum, das sich für Bach's Matthäus-Pas-\nsion interessirt, wird ebenfalls von Jahr zu Jahr grösser.\nDiesmal mochte freilich der Umstand dazu beitragen, dass\ndie Sing-Akademie, abweichend von ihrer früheren Sitte,\ndie Matthäus-Passion am Charfreitag selbst aufführte; aber\nes war erfreulich, zu sehen, dass der Saal bis auf den letz-\nten Platz gefüllt war, und der zufällige Umstand wird dem\nWerke gewiss manchen neuen Freund erworben haben.\nDenn es ist so mächtig, dass es selbst denjenigen, der es\nauch nicht sofort versteht, wenigstens reizt und gleichsam\ndazu auffordert, nähere Bekanntschaft mit ihm zu machen;\ndie Vertraulichkeit findet sich dann schon mit der Zeit.\nDie diesmalige Aufführung war hinsichtlich der Chöre die\nbeste, die wir bis jetzt gehört haben; Präcision und Leben-\ndigkeit des Ausdrucks trat überall wohlthuend hervor.\nHerr Mantius singt den Evangelisten mit meisterhafter\nVollendung.\nDie Oper hat in letzter Zeit nichts Neues gebracht,\nausgenommen das Gastspiel Roger's im Fra Diavolo.\nRoger hat diese seinem Talent sehr zusagende Rolle noch\nniemals früher, auch in Frankreich nicht, gegeben. Dies\nmochte wohl der Grund sein, wesshalb nicht das Ganze\neinen befriedigenden Eindruck machte. In Einzelheiten er-\nkannte man die Feinheit und Bestimmtheit seiner Auf-\nfassung. Anderes aber erschien unbedeutend oder eckig.\nEine kleine Heiserkeit, die er überhaupt während seines\nletzten Gastspiels hatte, hinderte ihn nicht, den Edgardo\neinige Tage darauf fast ergreifender zu singen, als wir je-\nmals diese Rolle von ihm gehört haben. Wir erwarten ihn\nim Mai zu einem neuen Gastspiele, das uns auch den Ma-\nsaniello bringen soll. Fräulein Wagner hat ihren Urlaub\nbereits angetreten. Sie ist noch immer in gleichem Grade,\nwie früher, der Liebling des Publicums, das sich durch\neinzelne Mängel und Ueberschreitungen wenig beirren lässt.\nDie letzte Sinfonie-Soiree brachte eine neue Sin-\nfonie ( C-mollJvon Taub e r t, von der sich wenigstens\nnicht sagen lässt, dass sie ohne Eigenthümlichkeit der Ge-\ndanken sei und keine feinen Züge der Ausführung enthalte.\nAber Taubert's Natur neigt zu dem Zarten, Leichten, fein\nGezeichneten hin, und aus dem Streben, der Richtung sei-\nnes Talentes zum Trotz, ein Werk von grossen Dimensio-\nnen hinzustellen, gehen Gewaltsamkeiten und Gezwungen-\nheiten hervor, die namentlich in dem vierten Satze einen\nunbefriedigenden Eindruck machen; es ist ein Aufgebot\näusserer Mittel, das nicht durch musicalische Ideen von\nentsprechendem Charakter getragen wird. Der erste Satz\nist sehr ansprechend, gut gearbeitet und abgerundet. Das\nAndante ist zu süsslich, das Scherzo etwas grämlich.\nDas Quintett von Schubert wurde in den\nZimmermann'schen Quartett-Soireen, das Octett von Schu-\nbert (für Streich- und Blas-Instrumente) in den Soireen der\nHerren Radecke, Grünwald und v. d. Osten aufge-\nführt. Miss Goddard spielte Beethoven's Sonate für das\nHammer-Clavier, Op. 106, mit meisterhafter Technik und\nedler Ruhe. HerrKotzolt und Frau Zimmermann\nveranstalteten wohlgelungene Gesang-Aufführungen, die ih-\nrem Gesangunterricht ein günstiges Zeugniss ausstellten.\n\nG. E.\n\nHamburgische Theaterwirren.\n\nDas hamburgische sogenannte „S tadt-Theater\" schwankt nun\nschon gegen acht Monate hülf- und steuerlos hin und her. Zuerst\nhatte man an der Börse und in den Zeitungen ein grosses Wort,\ndie Stadt sollte durchaus etwas thun, sollte Hülfsgelder zahlen, sich\nder brodlos Gewordenen annehmen u. s. w. Es kam privatim auch\nEiniges zusammen, doch dann ward es wieder still, und man liess\nJeden für sich selber sorgen. Wie dabei die Kunst fahrt, lässt sich\nleicht denken. Man lese nur, durch welche Sachen eben jetzt um\nOstern das Haus zu füllen gesucht wird: „Sonntag den 8. April:\n1} Ouvertüre und erster Act vom Freischütz; Herr Hurnbser: Max.\n2) Ouvertüre zur Oper Die lustigen Weiber von Windsor (neu).\n3) Die Dienstboten, Lustspiel von Benedix. 4) Ouvertüre, Arie und\nTerzett aus der Oper Jessonda; Frl. Kass (Schülerin der Mad.\nCornet): Jessonda (erster theatralischer Versuch); Frl. Holm: Ama-\nzili; Hr. Humbser: Nadori. 5) Pas aus Esmeralda; Frl.\nStarcke: Esmeralda. 6) Ouvertüre und grosse Scene mit Chor aus\nNabucco. Montag, den 9. April: Das Nachtlager von Granada;\nFrl. Holm: Gabriele; Hr. Jansen: Jäger; Hr. Humbser: Gomez.\nHierauf: Das Fest der Handwerker. Dinslag, den 10. April:\nHamlet, Prinz von Dänemark.\" So vegetirt das „Hamburger Stadt-\nTheater\". „Auf diese Ostervorstellungen im Stadt-Theater\" sagt\nein dortiges Localblatt „dürfen wir unsere Leser bestens auf-\nmerksam machen, da sie zum Besten des Chor-, Orchester- und\ntechnischen Personals Statt finden und also einer grossen Zahl von"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "135", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550428-01.1.7", "texte": "plötzlich brodlos gewordenen Familien einen augenblicklichen Er-\nsatz gewähren sollen. Die Vorstellungen sind schon an sich in-\nteressant genug (!), durch den Zweck aber werden sie noch\nempfehlenswerther. Wie verlautet, wird mit Ende dieses Monats\nauch das Thalia-Theater vorläufig geschlossen werden. Das Deficit\ndes Stadt-Theaters während der letzten acht Monate soll 11,000 Mark\nCourant betragen, und ward solches durch die Zeichnungen humaner\nMänner schon im Voraus vollständig gedeckt. Hoffentlich wird sich in\neinigen Monaten von Seiten des Senates ein Arrangement tref-\nfen lassen, bei welchem sowohl das Stadt- als Thalia-Theater ohne\nfortwährende Existenzsorgen bestehen können. Es mag das schwer\nsein, doch nicht unmöglich.\" Gewiss unmöglich genug. Es wäre\nein halbes Wunder, wenn der hamburger Senat, nachdem er im\nLaufe von mehr als 150 Jahren das dortige Theater so oft und so\nruhig hat verfallen lassen, jetzt sich zu einer solchen Hülfsleistung\nermannte. Aber er wird es wohl bleiben lassen. Wer die hambur-\ngischen Verhältnisse kennt und auch über die traurige Lage der\ndeutschen Kunst der Gegenwart und deren Ursachen etwas 'näher\nunterrichtet ist, wird nicht so blaue Redensarten machen, noch\nsolchen Glauben schenken. Im Gegentheil, es werden noch mehrere\nBühnen zu Ende gehen, Stadttheater und Hoftheater und reisende\nTheater, es ist recht eine Zeit danach. Nach etwa dreissig Jahren\nvoll Trägheit und Ausschweifung, in denen wrenig Gutes zu Tage\ngekommen ist, kommt die. Bühne jetzt mehr oder weniger in Zeiten,\nwo sie genöthigt sein wird, „die Wissenschaft des Fastens und die\ngesammte Hungerlehre zu studiren,\" wie Calderon sagt. Dass Ham-\nburg vorangeht, ist kein Wunder, denn dieses Theater wird von\nder volk- und geldreichen Stadt selbst unglaublich wenig gehalten,\nes ist grösstentheils auf die Schaulust des reisenden Publicums an-\ngewiesen und dadurch jedem Winde Preis gegeben. Das Unglück\ntrifft vornehmlich diejenigen Personen, welche am Theater eine\nuntergeordnete Rolle spielten. Für die nächsten vier Wochen, d. h.\nvom 15. April bis zum 15. Mai, ist das Chorpersonal von dem\nTheater-Agenten E. A. Sachse hierselbst engagirt zu Vorstellungen\nim Stadt-Theater, die er mit einigen renomrnirten Gästen zu unter-\nnehmen im Begriff ist (Anfang am 15. April: Don Juan). Dies ist\nderselbe Herr, der neulich durch den Streit mit Roger ein wenig\nan den Pranger kam, der natürlich auch eine Theater-Zeitung, und\nzwrar für die Hebung der „Kunst\", herausgibt, und bei dem ich\nselbst einmal vernahm, auf die Urtheile der Theater-Zeitungen wäre\nnichts zu geben! Dass das Theater in solchen Händen vortreff-\nlich aufgehoben ist, versteht sich von selbst; eben so, dass Herr\nSachse gewiss auch dann seinen Verpflichtungen nachkommen wird,\nwenn er keine guten „Geschäfte\" machen sollte. Die Zeitungen sind\nschon gehörig bearbeitet. Der Spass dauert indess nur vier Wochen,\nund die Zeit lässt sich abwarten.\nHamburg, den 14. April 1855.\n\ngr.\n\nPrüfungs-Concert der Rheinischen\nMusikschule.\nDas Concert am Dinstag den 24. d. M. hat uns in Verbindung\nmit den vor Ostern bereits abgehaltenen Prüfungen in den einzel-\nnen Unterrichtsfächern der Rheinischen Musikschule die erfreuliche\nUeberzeugung gegeben, dass diese Anstalt unter der Leitung ih-\nres Directors Herrn F. Hill er und durch das eifrige Zusam-\nmenwirken sämmtlicher Lehrer die eingeschlagene Richtung fest\nund unablässig verfolgt und sehr befriedigende Resultate erzielt.\nDiese Richtung bezweckt nicht bloss die Ausarbeitung von Specia-\nlitäten des Talents, wenngleich, sobald sich eine solche entschieden\noffenbart, ihr alle Bedingungen, sich mit Freiheit zu entwickeln,\ngestattet werden, sondern auch vorzüglich die harmonische Ausbil-\ndung aller Eigenschaften und Fähigkeiten, welche zu Erfüllung des\nBerufes als Künstler gehören. Ob bei Verfolgung dieses Weges\ndie Schule bedeutende Künstler bildet oder nicht, hängt natürlich\nvon dem Talent der Schüler ab; dass sie aber dadurch nicht, wie\nso manche ähnliche Anstalt, das Proletariat der Musikmacher und\nMusiklehrer befördert, sondern im Gegentheil jeden ihrer Zöglinge\nwenigstens mit dem Streben nach dem wahren Ideale der Kunst\nzu erfüllen sucht, das rechnen wir ihr zu einem Hauptvorzug an,\num so mehr, da schon viele der von ihr entlassenen Schüler neben\nder technischen Tüchtigkeit den guten Erfolg jener Richtung be-\nwährt haben. Möge daher die Anstalt durch fortgesetztes planmässig\neinheitliches Wirken und immer mehr in einander greifende Thä-\ntigkeit der einzelnen Lehrkräfte ihr Ziel beharrlich verfolgen! Hof-\nfentlich werden sich dann auch auf irgend eine Weise die äusse-\nren Mittel finden, das Unterrichts-System durch eine historische und\nphilosophische Uebersicht des Gebietes der Tonkunst und der Lehre\nvom Kunstschönen zu vervollständigen, was freilich bei der gegen-\nwärtigen Begriffsverwirrung in der musicalischen Aesthetik doppelt\nnoth thut, und was durch die dann und wann gegebenen trefflichen\nAnalysen einzelner Meisterwerke nicht erschöpfend ersetzt wer-\nden kann.\nDas Concert zeigte in 18 Nummern, was auf der Schule in\ndem letzten Jahrescursus gelernt worden sei, nicht etwa bloss,\nwie weit einzelne hervorragende Talente es gebracht haben. Ein\nJeder weiss, dass die Schule diese nicht schaffen kann; will sie\nalso ein Bild ihres Wirkens geben, so muss sie der Eitelkeit ent-\nsagen, durch wenige glänzende Erscheinungen zu blenden, und an\nder Mehrzahl der Schüler zeigen, was sie zu leisten vermag.\nDies ist geschehen und gereicht der Anstalt, so wie dem Fleisse\nder Zöglinge derselben zu grosser Ehre. Beweise dafür waren die\nCompositions-Versuche von C. Barry aus Cambridge (Lieder), von\nFrl. Hermine Mann aus Luxemburg (zwei sehr hübsche Lie-\nder), von Gerh. Trier aus Urbach (Scherzo für Ciavier), und be-\nsonders von Wilh. Schauseil aus Düsseldorf (Andante und Me-\nnuett für Violin-Quartett, Impromptu für Pianoforte); ferner die\nGesangvorträge der Frl. Ida Dannemann aus Elberfeld, Chri-\nstina Sausset aus Köln, H. Mann, Garthe aus Köln, Pels-\nLeusten aus Duisburg: über die schöne Altstimme der letzte-\nren haben wir uns schon öfter ausgesprochen; endlich die In-\nstrumental-Vorträge von Trier, Frl. Garthe und vorzüglich von\nW. Schauseil und Wilh. Weingärtner (aus Köln) auf dem\nPiano, von dem kleinen Oskar Jockel aus Schweidnitz, Nestor\nHagen (Concert von De Beriot), und vor allen Ferdin. Bach\n(Fantaisie-Caprice von Vieuxtemps), beide aus Bonn, auf der Violine.\nAuch im Zusammenspiel leisteten die betreffenden Schüler in\nder Ouvertüre zur Zauberflöte und einigen Quartettsätzen recht Er-\nfreuliches. Hervorheben müssen wir noch die grossen Fortschritte\nim Orgel spiel und die Verbreitung der Lust an demselben,\nwelche der treffliche Unterricht des königl. Musik-Directors Herrn\nF. erzeugt hat."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "136", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550428-01.1.8", "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln.'» Herr Adolf Kroll mann, grossherzoglich olden-\nburgischer Kammer-Virtuose, ein trefflicher Violinspieler, ist hier\ndurchgereis't, um sich einige Monate in Brüssel bei Vieuxtemps\naufzuhalten.\nElfoerfeld, 23. April. Am vorigen Mittwoch fand das alljähr-\nliche Concert des Directors der Liedertafel, Herrn Weinbrenner,\nStatt, welches stets eine zahlreiche und gewählte Gesellschaft ver-\nsammelt und auch dieses Mal seine Anziehungskraft bewährte. Die\nLiedertafel gab glänzende Beweise ihrer unausgesetzt gebliebenen\nThätigkeit und führte mehrere Chöre ganz vortrefflich aus; beson-\nders hatten des Weines Hofstaat von Rietz, Frühlingsnahen von\nKreutzer und Zöllners Doppelständchen sich eines lebhaften Bei-\nfalles zu erfreuen. Die Gebrüder Steinhaus sangen nach ge-\nwohnter Wreise zwei Soloquartette ganz hübsch. !. Langenbach\nerfreute uns mit einer Violin-Solo-Reverie von Vieuxtemps. Eine\njunge Schülerin des Directors Weinbrenner, welche zum ersten\nMale öffentlich auftrat, sang einige Lieder von Schubert und die\nCavatine aus Euryanthe zwar schüchtern, aber recht brav, und ver-\nspricht bei stetem Fleisse eine wackere Sängerin zu werden. Im\ninstrumentalen Theile des Concertes hatte uns früher Herr Wrein-\nbrenner dadurch vorzugsweise verpflichtet, dass er jedes Mal irgend\nein neues bedeutendes Werk zur Aufführung brachte; im vorigen\nJahre hörten wir z. B. die Sinfonie von Hiller: „Es muss doch Früh-\nling werden\", welche in diesem Jahre auf dem niederrheinischen\nMusikfeste aufgeführt wird. Dieses Jahr war dies nicht der Fall,\ndagegen hörten wir zwei bedeutende ältere Werke, von welchen\ndas eine seit einer Jangen Reihe von Jahren hier nicht zur Auf-\nführung gekommen war, nämlich die imposante Coriolan-Ouverture\nvon Beethoven ein Werk von so wunderbarer Charakteristik,\ndass ihr nur die noch gewaltigere Egmont-Ouverture an die Seite\nzu setzen ist. Zuletzt wurden wir durch Beethoven's achte\nSinfonie erfreut, jene köstliche, wenn auch nicht strahlende, Perle\nin dem Diademe seiner Sinfonieen. die durch ihren tiefen Humor\nganz einzig unter des Meisters Schöpfungen dasteht. Die Ausfüh-\nrung dieser Instrumentalwerke war gut, die Sinfonie namentlich\nwurde mit Präcision und Begeisterung vorgetragen.\nL. Spohr hat die letzten Tage des März in Hannover unter\ngrossen Ehrenbezeugungen und Beweisen huldigender Liebe, die\ner von allen Seiten empfangen, zugebracht: bei seiner Ankunft\nStändchen der Gardemusik und der Vaas'schen Liedertafel, den fol-\ngenden Tag Diner bei dem Intendanten Grafen von Platen, Abends\nmusicalische Soiree bei Hofe, wo Spohr mit Joachim Quartette\nu. s. w. spielte. Am anderen Tage Soiree im Concertsaale des Hof-\ntheaters; am 31. März Concert, Spohr's Sinfonie „Irdisches und\nGöttliches\", von ihm selbst dirigirt; Joachim spielte Beethoven's\nViolin-Concert. Jubelnder Hervorruf Spohr's. Am anderen Tage\nFestessen und Ueberreichung eines goldenen, mit Edelsteinen ver-\nzierten Tactstockes von Seiten der Hofcapelle.\nMario und Grisi sind aus America zurückgekehrt und wollen\nvon nun an ihre prachtvolle Villa bei Florenz bewohnen. So\nschlechte Geschäfte der Unternehmer Hackert inNew-York\nAnfangs mit dem invaliden Sängerpaare machte, so hat er ihnen\ndoch ihre 17,000 Pfund Sterl. (an 105,000 Thlr.) richtig ausgezahlt\nund soll noch 12,000 Pf. St. gewonnen haben so hat er wenig-\nstens selbst beim Abschiedsmahle öffentlich erklärt. Zu dieser Er-\nklärung kann er aber seine americanischen Gründe gehabt haben\n—■ siehe Barnum's auf seiner Humbug-Villa geschriebene Selbst-\nBiographie."}]}