{"numero_id": "bm-bmtnabi-1855-05-19-01", "volume": "bmtnabi_1855-05-19_01", "ocr_sha256": "d46b52c828005a62d7c0ae35175f69a627e031885c6db0ecd2351bd0fe5682f5", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1855/05/19_01/bmtnabi_1855-05-19_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550519-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1855-05-19-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-05-19_01#c001", "volume": "bmtnabi_1855-05-19_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "153", "page_fin": "156", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550519-01.2.1", "titre_corps": "Ein Wort über die Wirksamkeit der Musikschulen in Beziehung auf den Gesang-Unterricht und die Oper.", "titre_sommaire": "Ein Wort über die Wirksamkeit der Musikschulen in Beziehung auf den Gesang-Unterricht und die Oper.", "signature_source": "A. Schindler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "153", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550519-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4041, "texte": "Ein Wort über die Wirksamkeit der Musikschulen in\nBeziehung auf den Gesang-Unterricht und die Oper.\n\nJe grösser und empfindlicher der Mangel an guten\nOpernsängern von Tag zu Tag sich zeigt, desto schärfere\nBlicke werden von Theater-Directoren und Anderen, welche\ndie Zeichen der Zeit zu beobachten verstehen, nach den\nMusikschulen entsandt, von denen man Abhülfe erwartet.\nAls nach Gründung des prager Conservatoriums (1810)\nschon wenige Jahre darauf noch drei andere derlei Kunst-\nschulen zu Wien, Laibach und Gratz (hier unter Anselm\nHüttenbrenner's Leitung) errichtet wurden, mussten die\nHoffnungen der Theater in hohem Grade gesteigert wer-\nden. Vor Allem erwartete man von dem Zusammenwirken\ndieser vier Institute viele und wohlgeschulte Talente für\ndie Oper. Dahin verwiesen ja die Versprechungen der För-\nderer zunächst. Zu diesen Instituten kamen in späteren\nJahren noch andere, nämlich zu Pressburg und Pesth, und\nauch in Wien that sich noch eine Gesangschule unter\nWeinkopPs Leitung auf, nebst einer Unzahl von Privat-Ge-\nsanglehrern und Lehrerinnen.\nIn wie fern vornehmlich diese Conservatorien in Be-\nziehung auf den fraglichen Punkt den Erwartungen ent-\nsprochen haben, ward bei Gelegenheit der Wiederaufrich-\ntung des wiener Instituts vor einigen Jahren in österreichi-\nschen und anderen Blättern des Weiteren erwähnt. Schwere\nAnschuldigungen hat man dabei vernommen. Nach den\ndreissig Jahre hindurch gemachten Beobachtungen stellte\nman die Erfolge dieser Musikschulen in Hinsicht auf allsei-\ntige Wirksamkeit auf gleiche Linie mit dem pariser und\ndembrüsseler Conservatorium, die in letzter Zeit fast durch-\nweg nur Proletariat erzeugt haben, das Wort im Sinne\nder neueren Cultur-Historiker verstanden. Den österreichi-\nschen Instituten ward nachgesagt, dass sie hauptsächlich\nnur den instrumentalen Theil zu cultiviren bestrebt seien,\nden vocalen jedoch vernachlässigten. Darunter dürfte wohl\nder Solo-Gesang gemeint sein. Man sagte ferner, dass aus\ndem instrumentalen Theile sich die Theater- und Garten-\nOrchester, wie auch die Militär-Musiken ergänzen, wäh-\nrend aus den Gesang-Classen nur die Theater-Chöre Vor-\ntheil zögen; dies seien die oft gerühmten Erfolge der Con-\nservatorien. Daneben ward ein flüchtiger Blick auf die\nalte wiener Gesangschule und ihre grossen Erfolge gewor-\nfen und die drei Decennien ihrer Wirksamkeit dießlüthe-\nzeit der deutschen Oper in ganz Deutschland genannt.\nSie war es in der That, wenn auch nicht bis zu ihrem völ-\nligen Erlöschen.\nEs dürfte die Leser wohl interessiren, etwas Näheres\nüber die alte wiener Gesangschule zu vernehmen, von de-\nren Existenz Viele wahrscheinlich niemals gehört haben.\nOhne Zweifel denkt man sich unter dieser Benennung ein\nwohl organisirtes Institut mit einem Director und mehre-\nren Lehrern, nach Maass und Form unserer Musikschulen.\nKeineswegs. Was man alte wiener Gesangschule\nnennt, beruhte lediglich auf Heranbildung einzelner Talente\nfür die Oper durch gemeinschaftliches Zusammenwirken\neiniger Sänger am kaiserlichen Operntheater und am Theater\nan der Wien. Die unmittelbar dabei betheiligten Männer\nwaren der Bass Weinmüller, der Bariton Vogel, die\nTenoristen Gottdank und Rockel*) und der Chor-Di-\nrector Schwarzböck, Letzterer der Auffinder fast aller\nweiter unten genannten Tenoristen auf Kirchen-Chören\nund bei Processionen auf dem Lande. Diesen Bund ver-\nmehrten noch die Capellmeister Umlauf, Weigl und\nSeyfried. Der Hof-Schauspieler Dupr£ besorgte das\nBildungsgeschäft in Sprache, Declamation und Schauspiel-\nkunst. Sein Andenken wird von allen aus dieser Schule\nHervorgegangenen vorzugsweise hoch in Ehren gehalten.\nNur auf einen ausserhalb dieses Kreises stehenden Mit-\nFactor ist hinzuweisen, auf den italiänischen Gesanglehrer\n\n*) Von allen den Hauptsäulen der berühmten alten wiener Ge-\nsangschule wandelt nur noch Herr Rockel, Beethoven's\nerster Florestan, unter den Lebenden. Der rüstige Greis,\nnachdem er viele Jahre als Professor des Gesanges in Lon-\ndon und in York gewirkt, befindet sich im Augenblicke für\nkurze Zeit zu Wiesbaden."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "154", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550519-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4986, "texte": "Mozatti, bis zum Jahre 1824 den einzigen in Wien an-\nsässigen.\nDass der Unterricht nicht classenweise, sondern indi-\nviduel Statt gefunden, darf wohl kaum bemerkt werden.\nAber nicht zu übersehen ist, welche wesentliche Hülfs-\nmittel dabei angewandt worden. Weinmüller und Vogel\nleiteten ihre künstlerische Ausbildung in der Hauptsache\nvon den grossen Sängern Marchesi, Crescentini und\nanderen Gesangs-Celebritäten her, welche im ersten De-\ncennium nach einander in Wien gelebt. Durch diese erfuhr\nman die zweckmässigsten Bildüngsmittel. Als theoretisches\nLehrbuch diente demnach die Schule des pariser Conser-\nvatoires— heutzutage als veraltet perhorrescirt—, zum\nStudium im Solfeggiö aber benutzte man Crescentini und\nDanzi. Weniger geeignet tür Eleven fand man Righini we-\ngen der vielen unschönen Verbrämungen in der Cantilene.\nErst zu Anfang der zwanziger Jahre wurden auf Anrathen\nvon Rubini und der Mad. Fodor dieüebungen Von Aprile\n(Rubini's Lehrer) hinzugelügt. Diese Uebungen, in stufen-\nweiser Ordnung vorgelegt, genügten vollkommen, um den\ndramatischen mit dem Concert-Stil zu verbinden. Wer\ngreift noch gegenwärtig bei dem ungeheuren Wüste von\nStimmverrenkUngs-Gurgeleien moderner Singmeister nach\njenen in der Gesanges-Literatur wahrhaft classischen Mei-\nstern? Wiederum aber sehen wir bei Anwendung dieser\ngeringen Zahl von Bildungsmitteln, wie bei den Compo-\nnisten der früheren Epoche, dass es zur Ausbildung ausge-\nzeichneter Talente nicht grosser Bibliotheken bedarf.\nIm schroffen Gegensatze zu dem in unseren Tagen\nüblichen Verfahren hatte der Bildungsgang im alten Wien\ndas Absonderliche, dass er auf sehr kurze Zeitdauer einge-\nschränktwar. Selten hatte man mehr als ein Jahr auf Stimm-\nbildung allein verwandt, als schon der Kunstjünger in den\nChor gereiht und nach und nach in einactigen Operetten\nvor die Lampen gestellt wurde. Zu dieser praktischen\nUebung bot der im Operntheater herrschende Brauch,\nbei der Aufführung von Balletten eine Operette voraus-\ngehen zu lassen,- die ungelähr eine Stunde Zeit auslüllt, die\nbeste Gelegenheit. In der langen Reihenfolge der Zöglinge\nhaben kaum sechs ihre Laufbahn in ersten Partieen begon-\nnen ; die meisten dienten von der Pike auf, den strengen Dupr6\nstets zur Seite. Von ihm zumeist rührte die an Allen be-\nwunderte Deutlichkeit in der Aussprache beim Gesänge\nher—eine Tugend, gegenwärtig nur wenig Sängern eigen.\nDieser Schule verdankte die deutsche Oper folgende\nSänger und Sängerinnen, von denen die Mehrzahl eine hohe\nKunststufe erreicht und in allen Theilen Deutschlands An-\nErkennung gefunden hat. Wohl die Hälfte davon ist bis\nheute noch in ihrem Berufe thätig.\nAus dem ersten Decennium sind namhaft zu machen\ndie Damen Buch wieser, vermählte von Laczny, Mil-\nder-Hauptmann, Wranitzkv-Seidler, Kilitsch-\nky-Schulz*) und der Tenor Rockel.\nAus dem zweiten Decennium die Damen Wranitzky-\nKraus, Yio-Spitzeder und Bondra, der Bariton\nForti und die Tenoristen Wild, Jäger, Heitzinger\nund Rauscher.\nAus dem dritten Decennium die Damen Unger-Sa-\nbatier, Schröder-Devrient, Schröder-Schmidt,\nSophie Löwe (alle vier Schülerinnen in Stimmbildung\nvon Mozatti), die Fischer-Schwarzböck, Fischer-\nAchten und Greis-Hoffmann; dann die Tenoristen\nCramolini, Schuster, Binder, Eichberger,Hoff-\nmann (der gewesene Director des frankfurter Theaters)\nund Tichatschek; ferner der Bariton Pöck und die\nBassisten Borschitzky, Fischer und Staudigl.\nMit S. Löwe, Pöck und Staudigl schliessen sich die Pfor-\nten dieser hochachtbaren Schule; das war zu Anfang der\ndreissiger Jahre. Kurz vorher waren zwei Haupt-Factoren\nzur ewigen Ruhe eingegangen: Weinmüller und Dupre,\ndie anderen aber meist alt und durch die widrigen Schick-\nsale, die mittlerweile beide genannte Theater getroffen,\nmuthlos geworden. Durch das ganze dritte Decennium hin-\ndurch war Rockel als Gesanglehrer, Gottdank als Regisseur\nam kaiserlichen Operntheater angestellt. Aber auch die\nSontag-Rossi kann lüglich dieser Schule zugezählt wer-\nden; denn die genannten Meister alle, Weinmüller ausge-\nnommen, übten unmittelbaren Einfluss auf ihre Leistungen,\nund Dupre insbesondere war ein unerbittlicher Cor,rector\nihres Vortrages. Henriette Sontag kam im sechszehnten\nLebensjahre von Prag an das Operntheater nach Wien\n(18*20) und hatte noch viel zu lernen. Was sie an Gesangs-\nbildung mitgebracht, war das Werk der Frau Czegka in\nPräs, nicht des Conservatoriums, wie hier und da zu lesen\nO'\nsteht. Diese Schule musste die Elevin schon nach kurzem\nBesuche der Ciasse ausschliessen, weil ihre Mutter, unge-\nachtet mehrerer Ermahnungen Seitens der Direction, nicht\nabliess, sie in Kinder-Rollen auf die Bühne zu stellen, wo-\ndurch gegen die bestehenden Satzungen des Instituts Ver-\nstössen wurde. Damit widerlegt sich auch das übelwollende\nGerücht, Henriette Sontag sei aus dem Conservatorium ent-\nfernt worden, weil die Lehrer kein Talent in ihr entdeckt\n\n*) Bekanntlich waren die letztgenannten drei Künstlerinnen lange\nJahre die Zierden der königlichen Oper in Berlin."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "155", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550519-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5153, "texte": "hätten. Den wahren Hergang des Vorfalls habe ich aus\ndem Munde der Künstlerin selbst, Specielles aber darüber\nvon Prof. Pixis in Prag erhalten. Durch Mitwirkung der\ngrossen Fodor-Mainville verliess die Sontag Ende 1824\ndie Kaiserstadt als vollendete Sängerin. Als nicht unwichtig\nzu bemerken ist noch, dass die Sontag während ihres vier-\njährigen Engagements am wiener Operntheater zwei Con-\ntracte mit der Administration abgeschlossen und, obwohl\nder Liebling des Publicums, dennoch keine 4000 Gulden\nGage bezogen hat. Auf wie hoch taxirt sich wohl heutzu-\ntage eine mittelmässige Sängerin?\nAusser dieser gewiss ansehnlichen Zahl von tüchtigen\nSängern und Sängerinnen, die aus jener Schule hervorge-\ngangen, wäre noch eine fast gleiche Anzahl von minde-\nrem Gehalte anzuführen, die sich zu Provinz-Theatern ge-\nwandt oder ins Ausland gegangen und sich daselbst nach\nund nach verloren hat. Diese glänzenden Erfolge der Schule\nerzeugten das Sprüchwort: „In Wien wachsen die Sänger\nauf den Bäumen.\" In der That haben alle guten Theater\nDeutschlands fast alle benöthigten Künstler dort gefunden,\nund Wien war für alle Bühnen-Directoren ein Mekka—bis\num die vierziger Jahre. Seit dieser Zeit haben sich die\nDinge in beklagenswerther Weise geändert; denn weder in\nWien noch in anderen Städten Oesterreichs sind gut ge-\nschulte Talente aufzufinden; imGegentheil suchen die öster-\nreichischen grossen Bühnen tüchtige Sänger jetzt „im Aus-\nland\". Und dies geschieht trotz der bedeutenden Anzahl\nvon Schulen im Lande, in denen gegen 500 Zöglinge Un-\nterricht im Gesänge erhalten sollen.—Man honorirt dermal\nam wiener Operntheater einen lyrischen Tenor mit 10,000\nGulden und drei Monaten Urlaub, während im dritten De-\ncennium ein solcher von gleicher Qualität, wie Herr Ander,\nmit 3000 Gulden und noch weniger honorirt worden.\nDarum die erschreckenden Gegensätze zwischen Einnahme\nund Ausgabe gegenwärtig bei fast allen stehenden Theatern.\nSo stellt sich z. B. die Summe der jetzt zu Frankfurt am\nMain bloss an die Solo-Sänger zu zahlenden Hono-\nrare auf 48,000 Gulden fürs Jahr. Noch vor lünfzehn\nJahren auf nur 30,000 Gulden; und aus wie vielen treff-\nlichen Künstlern bestand die frankfurter Oper damals, aus\nwie wenigen jetzt! Kaum die Hälfte davon reicht an die\nMittelmässigkeit. Die ungeheuren Summen, die allein die\nOper verschlingt, müssen über kurz oder lang allen Büh-\nnen, selbst den reich subventionirten, gelährlich werden\nund deren Existenz bedrohen. Küstner's Buch: „Theater-\nStatistik\", woraus Nr. 18 dieser Blätter eine kleine Probe\ngegeben, dient als Spiegel der Zukunft.\nEs ist daher nicht zu verdenken, wenn bei der allge-\nmein herrschenden Opern-Calamität die Leistungen der\nMusikschulen, vornehmlich nach dieser Richtung hin, schär-\nfer denn je ins Auge gefasst werden, zumal auch durch\nPrivat-Unterricht so wenig gefördert wird bei all der Menge\nvon Lehrern, die überall zu finden. Mit vollem Rechte wird\nnach den Gründen der Erfolglosigkeit des Gesang-Unter-\nrichtes in den Schulen gefragt. Dass dieses auch eine bren-\nnende Frage ist, wird wohl Niemand läugnen. Darum wäre\nes wahrlich kein müssiges Geschäft, wenn sachkundige\nBeobachter, die den seit vierzig Jahren bestehenden Musik-\nschulen nahe sind, es nicht verschmähen wollten, diesen\nGründen nachzuspüren. Resultirte auch kein positiver Ge-\nwinn, so doch ein negativer. Es würde sich vielleicht\nals sicher herausstellen, dass dieser Calamität durch die\nMusikschulen nicht abgeholfen werden könne, demnach sich\ndie Blicke um Abhülfe nach anderen Seiten wenden und\ndie Vorwürfe verstummen würden.\nRein Verständiger erwartet von der Schule ausgebil-\ndete Specialitäten, schon fertig in Allem; sie vermag nur\nguteVorbegriffe beizubringen, die bei angemessener prak-\ntischer Uebung erst zu künstlerischer Bedeutsamkeit sich\ngestalten lassen. Die alte wiener Gesangschule, die vielleicht\nmancher Moderne nur eine Abrichtungs-Methode\nnennen dürfte, dient als Beweis. Es würde sich beim Auf-\nsuchen der Gründe der vierzigjährigen Erfolglosigkeit in\nden Schulen auch ergeben, ob es wahr sei, dass man durch\nzu lange ausgedehnten Lehrgang die jungen Talente er-\nmüde, sie daher die Geduld verlieren und der Schule ent-\nlaufen. Nur zu wahr ist es* dass der wissenschaftliche, wie\nauch der mechanische Musik-Unterricht in unserer egoisti-\nschen Zeit oft in echt rabulistischer Advocaten-Manier aus-\ngedehnt wird, um nur möglichst viel zu verdienen. Da\nsehen wir z. B. einen solchen docirenden Rabulisten, der\nnicht weniger als drei Jahre braucht, um seinen Schüler\nbloss durch den Generalbass zu bringen. Beim letzten Pa-\nragraphen angekommen, hat der Lernende immer noch\nnichts Anderes als Regeln auf Regeln schreiben dürfen.\nNichts wird der eigenen Erfahrung überlassen. Kaleidosko-\npisch werden alle möglichen Accorde aufgesucht und in\nBeispielen verarbeitet. In diesem Regelwusteist die Phan-\ntasie des Schülers schon längst vertrocknet, bevor er noch\nans erste Capitel vom doppelten Contrapunkt gekommen.\nIn gleicher Weise verfährt man noch häufiger beim Cla-\nvier-Unterrichte.\nDa sich der Unterzeichnete nachgerade ausser Stande\nfühlt, nach Saphir's und Anderer Beispiele Mantelreden in"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "156", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550519-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 569, "texte": "den Wind zu halten, so war es ihm in diesen Zeilen Haupt-\nzweck, auf die alte wiener Gesangschule und ihre Erfolge\naufmerksam zu machen. Dass dieses nicht geschehen kann,\nohne den wackeren Männern, die im Vereine so Vieles zum\nBesten der deutschen Oper geleistet, ein kleines Erinnerungs-\nzeichen zu setzen, gereicht mir noch zu besonderem Ver-\ngnügen, weil ich beim Niederschreiben ein Stück eigener\nLebensgeschichte von mehr denn zwanzig Jahren durch-\nblätternkonnte; denn ich stand den Vorgängen durch diese\nJange Zeit ganz nahe, so auch den Personen.\n\nA. Schindler."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-05-19-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-05-19_01#c002", "volume": "bmtnabi_1855-05-19_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "156", "page_fin": "159", "image_debut": 4, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550519-01.2.2", "titre_corps": "Aus Aachen.", "titre_sommaire": "Aus Aachen.", "signature_source": "Severus", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "156", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550519-01.1.4", "debut_caractere": 571, "fin_caractere_exclue": 4874, "texte": "Aus Aachen.\n\nWenn es mir auch die Zeit nicht gestattet, Ihnen häu-\nfiger und regelmässiger über das aachener Musikleben zu\nberichten, so wird es doch, damit unsere Stadt nach aussen\nhin in rebus musicisnicht zu den todten gezählt werde,\nnöthig sein, wenigstens einmal des Jahres Ihnen einen kur-\nzen Abriss desselben mitzutheilen, damit Sie und Ihre Le-\nser die Ueberzeugung gewinnen, dass wir doch nicht so\nganz am Ende der musicalischen Welt wohnen, wenn wir\nauch weniger von uns hören lassen.\nWill ich nun das ganze Jahr in diesem Berichte zusam-\nmenfassen, so muss ich wohl, da mein vorjähriger Bericht\nsich ungefähr aus der gleichen Zeit datirt, mit dem Som-\nmer beginnen. Im Sommer aber haben wir in Aachen\nBade-Saison und daher zweimal des Tages Gartenmusik\ndes städtischen Orchesters für die Curgäste, fast täglich\nOper für die Curgäste, zuweilen auch ein Concert fahren-\nder Kunstler, und dieses dann vollends ausschliesslich für\ndie Curgäste, indem ein Aachener sich im Sommer nie im\nConcerte erblicken lässt, es sei denn eines ä la Strauss und\nim Freien mit obligater Kaffee- und Maiwein-Begleitung.\nHiernach wird es Ihnen einleuchtend sein, dass ich den\nSommer ohne Weiteres überspringen kann, und mich an\ndas Ende des September-Monates versetze, um Ihnen über\neine bedeutendere musicalische Leistung, ein Benefiz-\nConcert unseres städtischen Musik-Directors von Tu-\nranyi, zu berichten. Wir hörten in demselben: Ouvertüre\nzu Fierabras von F. Schubert, Motetten für Frauenchor\nvon Mendelssohn, den Nonnen zu de ge-\nwidmet, Clavier-Concert mit Orchester in von T ur anyi,\nvom Componisten selbst vorgetragen, ein sehr verdienst-\nliches Werk in Hummel'schem Stil, und dann die neunte\nSinfonie mit Soli und Chören von Beethoven. Letzterem\nWerke merkte man es sehr an, dass die Zeit zum Winter-\nStudium noch nicht da war, dass nur wenige, schlecht be-\nsuchte Proben zu demselben Statt gefunden hatten und\ndie Frucht daher noch nicht reif zum Pflücken war. Der\nConcertgeber hätte ein anderes, leichteres Werk wählen\nkönnen; indess halte die Aufführung doch in so fern ihr\nGutes, als dadurch der Sinn für diese hier in langen Jahren\nnicht aufgeführte Sinfonie wieder geweckt und eine Wie-\nderholung im Instrumental-Verein, wie wir später sehen\nwerden, hervorgerufen wurde, welche, besser vorbereitet,\ndas grossartige Werk in ziemlich gelungener Weise, sowohl\nwas den orchestralen als Chorälen Theil betrifft, zur An-\nschauung brachte.\nAm 27. October begann dann der Reigen der sechs\nAbonn ements-Concerte (wie Sie sehen, sind wir in\nder musicalischen Cultur vorangeschritten), zu deren vocaler\nAusstattung sich kurz vorher ein neuer Gesang-Verein für\ngemischten Chor aus den vorhandenen Kräften gebildet\nhatte, indem alle früheren dahin zielenden Institutionen zer-\nfallen waren. Zwar hat auch der neue Verein im abgelau-\nfenen Winter noch keine Wunder gewirkt; da jedoch die\nGrundlage nunmehr eine solidere ist, so steht für künftigen\nWinter Grösseres zu erwarten, um so mehr, als man auch\nin diesem Augenblicke mit einer Chorgesang-Schule für\nDamen vorgeht, welche dem weiblichen Chorden erwünsch-\nten Zuwachs bringen wird. —Um Ihnen und Ihren Lesern\neinen Ueberblick der Abonnements-Concerte zu geben, will\nich deren Programme hier kurz folgen lassen.\nDas erste war zusammengestellt aus den Ouvertüren\nzu Rosamunde von F. Schubert und zu Egmont von Beet-\nhoven, einer Hymne für Sopran mit obligater Oboe (Herr\nSchwarz) von 0. Nicolai, einem Vocal-Quartett aus dem\nbefreiten Jerusalem von Righini, dem Clavier-Concert in\nC-moll von Mozart, vorgetragen von Musik-Director von\nTuranyi mit eingelegten Cadenzen, und schliesslich der\nSinfonie in D-moll von R. Schumann.— Das zweite\nbrachte: Pastoral-Ouverture von Kalliwoda, drei Gesänge\nitaliänischer Componisten verschiedener Zeiten: „Lux per-\npetua\", Chor von Stradella, Psalm 112 von Jomelli und\nTenor-Solo mit Chor von Gordigiani, Violin-Concert von\nF. David (Herr Fr. Wenigmann) und die Sinfonie Nr. 3,\nEroica, von Beethoven.\ndie Ouvertüre zur schönen Melusina von Mendelssohn, Con-\ncert für Clarinette von Mozart (Herr Schädler), Sinfonie\nin Es-durvon Haydn und das dettinger Te von Hän-\ndel.— Zum vierten Concerte hatte man ausgewählt:\nOuvertüre zu Alphons von F. Schubert, Tenor-Arie aus\nHaydn's Schöpfung, Violin-Concert von Beethoven (Herr"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "157", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550519-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4980, "texte": "Ferd. Laub aus Weimar, der im Verlauf des Abends\nauch noch die Ernst'sche Othello-Phantasie zum Besten\ngab), Ouvertüre zu den Abenceragen von Cherubini, Ter-\nzett aus dem zweiten Stabat von Rossini, Sinfonie in\nG-moll von Mozart.\nOuvertüre „Meeresstille und glückliche Fahrt\" von Men-\ndelssohn, Sopran-Arie mit Chor von Abt. Vogler, Violon-\neell-Concert von Kummer (Herr Suhr), Ouvertüre zum\nVampyr von Marschner, Chor aus den Jahreszeiten von\nHaydn, Concert für vier Violinen mit Orchester von Mau-\nrer und die Freischütz-Ouverture von Weber. Das\nsechste Concert endlich (am 29. März) brachte zu Ge-\nhör die vierte Sinfonie, B-dur, von Beethoven und den er-\nsten Theil des Oratoriums Paulus von Mendelssohn.\nSie ersehen aus dieser Zusammenstellung, dass man dem\nClassischen vorzugsweise huldigte und dass Werke neuerer\nComponisten nur vereinzelt zum Vorschein kamen. Neu\nwaren hier unter Anderem die Schubert'schen Ouvertüren,\nwelche des Interessanten und Schönen viel enthalten und\nvon dem kräftigen, productiven Geiste des für die Kunst\nleider zu früh gestorbenen Componisten, so wie von dessen\nGewandtheit in der Behandlung des Orchesters neues Zeug-\nniss ablegten.\nAusser diesen sechs Abonnements-Concerten habe ich\nIhnen nun noch über eine Reihe von musicalischen Auf-\nführungen und Concerten anderer Kreise Bericht zu erstat-\nten, um das Bild unseres Musiktreibens zu vervollständigen.\nDahin gehören vor Allem die Sinfonie-Soireen des\nInstrumental-Vereins, welcher mit dem Orchester-\nPersonale auch die keineswegs unbedeutenden dilettantischen\nKräfte in den Streich-Instrumenten vereinigt und daher\nüber ein imposantes Orchester verfügt. Technischer Leiter\nist hier, wie bei den Abonnements-Concerten, der städtische\nMusik-Director von Turanyi. Der Verein kommt wöchent-\nlich zusammen zum Ueben und veranstaltet einige Mal des\nJahres so genannte Ausführungen des Geübten, welche\nin Präcision mit den Concerten wetteifern und sich von\ndiesen nur dadurch unterscheiden, dass bloss Mitglieder\ndes Vereins (Damen sowohl als Herren) Zutritt haben. Da\naber so ziemlich alles, was zur fashionabeln Welt mit zählt,\nauch zum Instrumental-Vereine mittels eines nicht hohen\njährlichen Beitrages gehört, so sind die Ausführungen, ja,\nselbst die Proben jedesmal stark besucht. Im Winter\n1853\nBeethoven'schen Sinfonieen der Reihe nach vorzunehmen,\nund brachte es in sieben Ausführungen bis zur -\nfonie, so dass ihm für den eben abgelaufenen Winter noch\ndie achte und neunte verblieben. Die erste diesmalige\nSoiree brachte demnach die Ouvertüren zum Wasserträger\nvon Cherubini und zu Don Carlos von Ries, ein Rondo für\nFlöte von Kalliwoda (Herr A. Schmidt), ein Quintett für\nvier Violoncelli und Bass von C. Schuberth (ausgeführt von\nden Herren Suhr, J. Wenigmann, zwei Dilettanten,\nHerren Pre ut z und Blees, und unserem tüchtigen Con-\ntrabassisten Herrn John) und endlich die achte Sinfonie,\nF-dur, von Beethoven.\nVortrage die Ouvertüren zur Entführung von Mozart und\nzu Iphigenie von Gluck, zwischen denselben die Sopran-\nArie „Ah perfido\" von Beethoven und zum Schlüsse die\nneunte Sinfonie desselben Meisters, welche besonders reif-\nlich studirt worden war, unter Hinzuziehung des Gesang-\nchors, und daher vortreffliche Wirkung machte. Die\ndritte Soiree wurde bei Anwesenheit des Violin-Virtuosen\nFerd. Laub gegeben und bestand aus der Ouvertüre zur\nVestalin von Spontini, der Sonate für Ciavier und Violine\neines einheimischen Componisten, des Herrn Beaufort,\neiner recht verdienstlichen Arbeit, vorgetragen von ihm\nselbst und Herrn Laub, dann dem Mendelssohn'schen Vio-\nlin-Concert und der Ciaconna von Bach für Violine, Beides\nmit bewunderungswürdiger Schönheit durch Herrn Laub\nvorgetragen, der überhaupt durch die gediegenen Eigen-\nschaften seines kunstdurchdrungenen Spiels hier einen mäch-\ntigen Eindruck zurückgelassen hat. DenSchluss des Abends\nbildete die Eroica.\nwir die Ouvertüren zum Beherrscher der Geister von C. M.\nvon Weber und zu Prometheus von Beethoven, zwischen\nbeiden ein Concertstück für zwei Violinen mit Orchester\nvon Wassermann, in welchem unser einheimischer talent-\nvoller Violinist Herr Wipplinger uns einen seiner Schü-\nler, Otto Jokisch, vorführte und grossen Beifall mit ihm\närntete. Geschlossen wurde mit F. Schubert's grandioser\nC-dur-Sinfonie. Die fünfte Soiree endlich war combinirt\naus der Ouvertüre zu Idomeneus von Mozart, einem hüb-\nschen, melodiösen Ave Maria für Sopran mit obligater Vio-\nline (Herr F. Wenig mann) vonM.-D. vonTuranyi, dann\neiner sehr charakteristischen Zwischenacts-Musik zu Rosa-\nmunde von F. Schubert, einem höchst werthvollen Ton-\nstücke, und schliesslich der .Es-dwr-Sinfonie von Spohr.\nDiese fünf Concert-Abende mögen Ihnen bezeugen, dass\nauch im Instrumental-Vereine nach Ernstem gestrebt wird.\nEs darf dieser Verein, der schon seit 1844 besteht, es\nsich aber auch zum nicht geringen Verdienste anrechnen,\nden Sinn für die reine Musik, die Instrumental-Musik, in\nunserer Mitte neu geweckt und gefördert zu haben, indem"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "158", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550519-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5162, "texte": "er wöchentlich in seinen Proben, besonders aber in seinen\nAufführungen, den zahlreichen Mitgliedern Gelegenheit gibt,\ngute Werke zu hören und sogar mehrmals hinter einander\nzu hören, wodurch das Verständniss besser angebahnt wird.\nFerner gab unser auch in weiteren Kreisen rühmlichst\nbekannter, am verflossenen Sonntage von der Stadt Aachen\nmit einer prachtvollen Fahne beschenkter Männergesang-\nVerein Concordia (Dirigent Herr C. F. Ackens) ein\nConcert zum Besten der Armen, in welchem nebst einer\nAnzahl trefflich ausgeführter Männerchöre, unter anderen\ndes höchst schwierigen Chores „Der Jäger\" von Kücken,\nauch zwei Instrumentalwerke gegeben wurden, und zwar\ndas wundervolle Septuor, Op. 20, für Streich- und Blas-\ninstrumente von Beethoven, so wie dessen Sonate, Op. 47,\nfür Ciavier und Violine. In beiden Werken trug Herr W i p p-\nlinger die Violinstimme mit grosser Fertigkeit, Geschmack\nund Pietät vor; die Clavier-Partie der Sonate war in den\nHänden der Frau Hast enrath-St ürtz, einer Dilettantin\nvon seltener Befähigung, auf welche Aachen nicht wenig\nstolz sein darf, und die es ihrer echt künstlerischen Eigen-\nschaften wegen wohl verdient, in Ihrem Blatte mit Aus-\nzeichnung genannt zu v/erden. Sie gab ausserdem noch\nein paar kleinere Stücke zum Besten, worunter ein Notturno\nihres Lehrers Chopin.\nEin Benefiz-Concert der beiden Künstler W i p p-\nlinger und Suhr, welches am 19. April vom Stapel lief,\nwill ich Ihnen ebenfalls hier aufzeichnen. Es war zusam-\nmengestellt aus der Ouvertüre Op. 124 von Beethoven,\nViolin-Concert in A von David (Herr Wipplinger), Männer-\nchöre der Concordia, Clavier-Concert in von Hum-\nmel (Herr von Turanyi), Sopran-Arie aus Spohr's Faust\nund Cantilena e Allegro alla für Violoncello von\nKummer (Herr Suhr). So wie Herr Wipplinger in dem schö-\nnen, effectvollen David'schen Concertstücke, so erregte Herr\nSuhr, unser trefflicher erster Cellist, in dem Kummer'schen\ndurch seinen vollen, markigen Ton, Gewandtheit und voll-\nkommene Reinheit des Vortrages einen wahren Beifalls-\nsturm; nicht minder grossen Anklang fand Herr von Tu-\nranyi mit dem Hnmmel'schen Concerte, welches so ganz\nseiner leichten und graziösen Spielweise angemessen ist.\nDie Herren Gebr. Wenig mann (drei) und Nütten\nhaben durch drei Streich-Quartett-Soireen zur\nmusicalischen Ausstattung des Winters beigetragen. Sie\nspielten Haydn D-moll und D-dur, Mozart C-dur, Beetho-\nven E-moll,Nr. 8, und Es-dur,Nr. 10, Onslow\nSchubert G-dur, Mendelssohn E-moll und Schumann A-moll,\nund lös'ten ihre Aufgabe mit vielem Fleiss und Geschick,\nwenngleich die im vorjährigen Berichte angedeuteten Män-\ngel auch jetzt noch nicht ganz beseitigt waren. In den\nschwierigeren Passagen und Figuren immer noch etwas Un-\nklares, Vortrag zuweilen manierirt und gesucht, dabei Man-\ngel an Tonlülle in der führenden Violine. Manche Sätze ge-\nlangen aber auch vorzüglich schön, und jedenfalls ist das\nkünstlerische Streben jener Herren sehr anerkennenswerth.\nSoireen für sonstige Kammermusik waren Seitens der\nHerren von Turanyi, Wipplinger, Suhr und anderer Künst-\nler projectirt, sind aber bis jetzt nicht zustande gekommen;\nhoffentlich gewinnt man nächsten Winter Zeit dazu.—Um\nso mehr Clavier-Trios, Sonaten und Quartette etc. werden\naber den Winter hindurch in Privatcirkeln gespielt, und sehr\nanzuerkennen ist es, dass die hiesige clavierspielende Damen-\nwelt sich lieber mit solcher soliden Musik und derben Kost,\nals mit dem modernen, süsslichen Salon-Genre unterhält.\nAuch existiren privatim mehrere Streich-Quartett-Cirkel\nhier, meistens von Liebhabern gebildet.\nAls Charfreitags-Kirchenmusik hörten wir\nvon der Concordia ein Miserere von Orlando Lasso aus-\ngezeichnet vortragen; zwischen den Strophen sang man die\nKlagelieder des Propheten Jeremias, nach der alten gre-\ngorianischen Choral-Melodie für vier Männerstimmen (Solo-\nQuartett) harmonisirt von dem hiesigen Organisten und\nMusiklehrer Bohlen, welche in dieser Gestalt einen unbe-\nschreiblich schönen und heiligen Eindruck machten und das\nGemüth zu frommen Gefühlen stimmten.\nDas ist es, was ich Ihnen über das musicalische Leben\nder alten Kaiserstadt während des verflossenen Winters\nmitzutheilen habe, und ich hoffe, Sie werden Sich mit mir\nob des vielen Guten freuen, was zu Tage gefördert worden\nist. Diese Resultate sind die Frucht einer verständigen und\numsichtigen Führung der Geschäfte Seitens der leitenden\nComite's, der unverdrossenen Bemühungen des technischen\nLeiters Herrn von Turanyi, endlich der Eintracht und des\nfreundschaftlichen Verhältnisses zwischen den Ausführenden,\nwelches dem früheren leidigen Parteiwesen gefolgt ist, wenn\nauch ein Theil der Widerstrebenden noch immer nicht sich\nder allgemeinen Fahne angeschlossen hat, sondern vor wie\nnach dem Parteirufe: „Liedertafel über Alles!\" huldigt,\nobgleich das Fundament für diesen Ruf immer schwächer\nwird. Aber, werden Sie sagen, wie stand es denn mit\nder künstlerischen Ausführung all dieser schönen Programme,\ndie Sie mir da hergezählt haben? Hat Frau Musica dabei\ngewonnen, oder wäre vielleicht Manches besser weggeblie-\nben? Auf diese Fragen kann ich indess mit gutem Gewis-\nsen antworten: Die Aufführungen waren im Allgemeinen"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "159", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550519-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1425, "texte": "gut, im Einzelnen vielleicht hin und wieder nicht scharf\ngenug gefeilt, dagegen aber stets mit Geist, mit Lust\nund Liebe zur Sache Seitens der Ausführenden ausgestat-\ntet, was völligen Ersatz für einzelne hin und wieder nicht\nherausgekommene Feinheiten bot. Das Einzige, das wegen\nmangelhafter Vorbereitung zu wünschen liess, war die erste\nAufführung der neunten Sinfonie, was bei der zweiten je-\ndoch wieder gut gemacht wurde/ Sowohl Chor als Or-\nchester thaten überall ihre Schuldigkeit, auffallende Störun-\ngen fielen nirgendwo vor, und was die Gesang-Soli betrifft,\nso muss ich hier nachholen, dass dieselben in allen jenen\nConcerten durch hiesige Dilettanten besetzt waren. Die\nBass-Soli waren bei den Herren Ackens und Van ho u-\ntem in guten Händen, jene des Tenors sang ein noch ju-\ngendlicher Sänger, Herr Göbels, mit schöner, ausdrucks-\nvoller Stimme, für Alt- und Sopran-Soli zumal haben wir\neine ganze Reihe stimmbegabter Damen; welche in jenen\nConcerten abwechselnd gesungen haben, und zwar allge-\nmein befriedigend, wenn auch nicht mit dem Aplomb be-\nwährter Künstlerinnen. Indess da ich nun bei den Damen\nangelangt bin und mein Bericht ohnehin schon einige Aus-\ndehnung gewonnen hat, so lassen Sie mich abbrechen, er-\nstens, um nicht zu viel (oder zu wenig, wie Sie es nehmen\nwollen) zu sagen, zweitens, um Ihre und Ihrer Leser Ge-\nduld nicht noch länger auf die Probe z-u stellen. Also Gott\nbefohlen!\n\nSeverus."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-05-19-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-05-19_01#c003", "volume": "bmtnabi_1855-05-19_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "159", "page_fin": "160", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550519-01.2.3", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "159", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550519-01.1.7", "debut_caractere": 1427, "fin_caractere_exclue": 6469, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. Im dritten Abonnements-Concerte des Männerge-\nsang-Vereins (am 13. Mai) unter Leitung von Franz Weber\n■wurde eine Composition von Max Bruch: „Rinaldo\" von Göthe,\nfür Tenor-Solo, Männerchor und Orchester, leider nur mit Ciavier-\nBegleitung, sonst aber präcis und gut aufgeführt. Die Solo-Partie\n■wurde von Herrn A. Pütz mit frischer Stimme ausdrucksvoll vor-\ngetragen. Die Composition hat in den etwas monotonen Stoff durch\nAbwechselung von Solo, Quartett und Chor so viel dramatisches\nLeben hinein zu bringen gestrebt, als er nur verstattete; die Melo-\ndieen sind ansprechend, die Chöre recht frisch und von natürli-\nchem Fluss, das Ganze bekundet einen gesunden Sinn, der das\nmusicalisch Schöne nicht im Auffallenden und Gezwungenen, son-\ndern in melodischen Gedanken nnd abgerundeten Formen sucht.\nDie zweite Abtheilung des Concertes füllten Lieder, unter denen\nein recht hübsches von Fr. Weber, „Lenzfrage\", und „Das Abend-\nläuten\" von A. Methfessel am meisten gefielen und Mendels-\nsohn's „Liebe und Wein\" am besten gesungen wurde.\nDer Capellmeister A. Methfessel aus Braunschweig wohnte dem\nConcerte bei; der Verein lud ihn ein, den Abend in dessen ge-\nselligem Kreise zuzubringen, und brachte ihm in der Nacht noch\nein Abschieds-Ständchen. Herr Methfessel ist auf einer Reise nach\nder Schweiz, wo bekanntlich zwei Neffen von ihm ehrenvolle mu-\nsicalische Wirkungskreise haben, begriffen, indem die Aerzte Lin-\nderung seines Augenübels durch die Bergluft hoffen.\nAm 16. Mai fand die sechste Soiree für Kammermusik\nim Hotel Disch Statt, welche die Reihe derselben, die uns so man-\nchen schönen Genuss gebracht hat, auf würdige Weise beschlcss.\nWir hörten Mendelssohn's Quintett und das Es-dur-Quartett,\nOp. 74, von Beethoven, eine seiner originellsten Schöpfungen,\nvon den Herren Pixis, Derckum, Peters (und Mekura im\nQuintett) und Reimers ganz vorzüglich vorgetragen. F. Hi 11 e r gab\nGade's „No velle tten\" (?) für Pianoforte, Violine und Violon-\ncell zum Besten, kleine, allerdings feine Musikstückchen, jedoch\nmehr mit Geist, als mit Phantasie gemacht, und namentlich für\nöffentliche Ausführung in einem grossen Saale wirkungslos. Dage-\ngen schlug der über alle Beschreibung herrliche Vortrag Hiller's\nvon seiner Sonate Op. 47, diesem durch und durch genialen,\ngross angelegten und gross und schön durchgeführten Meisterwerke,\nwie elektrisches Feuer ein, und die aufgeregte Zuhörerschaft offen-\nbarte auf alle mögliche Weise ihren freudigen Stolz, einen solchen\nMeister im Schaffen und Darstellen des Geschaffenen in ihrer Mitte\nzu haben und an der Spitze der städtischen musicalischen Institute\nzu wissen.\n** Mannheim, 3. Mai. Um Ihnen wenigstens ein erfreu-\nliches Gegenstück zu den Nachrichten über die traurigen Theater-\nZustände in vielen grossen Städten Deutschlands zu liefern, erlau-\nben Sie mir, Ihnen vom Theater unserer kleinen Stadt zu berich-\nten; denn Mannheim zählt nur 25,000 Einwohner. Das Haus ge-\nhört dem Staate, wird aber dem Theater-Comite unentgeltlich zu\nden Vorstellungen überlassen. Die Stadt ist jetzt gewisser Maassen\nMit-Eigenthümerin desselben geworden, da sie, nachdem sie von\nder grossherzoglichen Regierung die Versicherung erhalten, dass\ndas Gebäude niemals seiner gegenwärtigen Bestimmung entfremdet\nwerden solle, im vorigen Jahre 200,000 Gulden an den gänzlichen\nUmbau des Inneren verwandt hat. Ausserdem gibt die Stadt jähr-\nlich 40,000 Gulden Zuschuss, und für den Kunstsinn und die Theil-\nnahme des Publicums zeugt der Umstand, dass während der gan-\nzen Umbauzeit die Abonnenten sämmtlich ihre Logen und Plätze\nfortbezahlten. Unser wackerer Mühldorfer, welcher den Bau ganz\nselbstständig leitete, hatte aber auch so zweckmässige Einrichtungen\ngetroffen, dass während des Baues die Bühne fast fortwährend be-\nnutzt werden konnte und nur während einer kurzen Zeit die Vor-\nstellungen in dem zum Theater eingerichteten Concertsaale Statt\nzu finden brauchten. Der Umbau ist ganz vorzüglich gelungen, und\nwir besitzen gegenwärtig ein Theater, welches namentlich in Bezug\nauf Akustik gar nicht besser sein kann. Mühldorfer hatte von aus-\nwärts her glänzende Anerbietungen, allein er hat sie alle ausge-\nschlagen. Der Prinz-Regent hat ihn durch persönliche Ueberrei-\nchung des Zähringer-Ordens ausgezeichnet.\nIn Weimar hat Joachim Raff am 20. April in einem Hof-\nconcert mehrere neue Compositionen von sich, welche noch sämmt-\nlich Manuscripte sind, aufgeführt, namentlich eine grosse Sinfo-\nnie in fünf Sätzen, ferner „Liebessee\" (!), ein Charakterstück\nfür Solo-Geige und Orchester, gespielt von Singer, „Traumkönig\nund sein Lieb\" von Geibel, für eine Singstimme mit Orchester, ge-\nsungen von Fräul. Genast; endlich der 121. Psalm für zwei\nSolostimmen, Chor und Orchester. Nach einer Notiz aus Weimar\nin den „Signalen\" wurde Herr Raff nach jedem Stücke gerufen.\n(Bei Hofe?)\nJulius Schul hoff hat vom Könige von Sachsen einen kost-\nbaren Brillantring erhalten. Er ist nach Prag zurückgekehrt und\nwird den Sommer auf dem Lande in der Nähe dieser Stadt zu-\nbringen."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "160", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550519-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4569, "texte": "Franz Liszt's „Symphonische Dichtungen\" werden\nbei Breitkopf & Härtel in Leipzig in Partitur erscheinen, zuerst\n„Orpheus\", dann „Preludes\" nach Lamartine, „Tasso\", „Ma-\nzeppa\", „Fest klänge\". Die anderen vier sind betitelt: „Pro-\nmetheus\", „Ce quon entend sur la montagneu (V. Hugo), „Heroide\nfunehre„HungariaSie sind fast sämmtlich in den Concerten\nzu Weimar aufgeführt worden. Auch die Einrichtungen für das\nPianoforte zu vier Häuden hat Liszt selbst gemacht.\n(N. Zeitschr. f. Musik.)\nDer Capellmeister Drouet in Gotha hat vom Kaiser Napo-\nleon eine goldene Dose mit Brillanten zum Geschenk erhalten,\nals Erinnerung an die Zeit, wo er, im Dienste des Königs Louis\nNapoleon von Holland, den musicajischen Unterricht des gegenwär-\ntigen Kaisers Napoleon 111. leitete.\nff Stuttgart, 3. Mai. Beim Schlüsse unserer Saison haben\nwir noch den Genuss gehabt, Herrn Ad. Köckert aus Prag,\nwelcher hier Concert gab, zu hören. Köckert darf ohne Zweifel zu\nden gegenwärtigen Koryphäen auf der Violine gezählt werden, so-\nwohl seiner technischen Fertigkeit als seinem trefflichen Vortrage\nnach. Besonders fand die „Melancholie\" von Prume und die Va-\nriationen von des Concertgebers eigener Composition über ein\nholländisches Nationallied ausserordentlichen Beifall. Von dem Men-\ndelssohn'schen sprach vornehmlich der vierte Satz,\ndas Presto, ungemein an. Herr Köckert wurde von den Mitgliedern\nunserer Hofbühne und Hofcapelle unterstützt und allgemein aufge-\nfordert, ein zweites Concert zu geben. Das will in der That viel\nsagen; denn es strömt schon bei dem herrlichen Frühlingswetter\nin Massen hinaus ins Freie, und selbst die Räume des Theaters,\nan die man doch durch Gewohnheit gebunden, beginnen, sich zu\nlichten, und kaum vermögen die Gäste es nur halbwegs zu füllen.\nUnter den anwesenden ist Fräul. Mandl von Hamburg, die ein-\nmal aie Nachtwandlerin mit gutem Erfolge sang, und der Affe,\nHerr Klischnigg, der demnächst einem hochverehrten Adel und\ngeehrten Publicum im Hofiheater seine ausserordentlichen Kunst-\nstücke produciren wird. Und so wechseln Poesie und Prosa, Kunst-\nleistungen mit Seiltänzereien. So vortrefflich sonst die Leistungen\ndes Musentempels und seiner Administration in hiesiger Residenz\nsind, so scheint das doch ein Missgriff zu sein, wenn auch nur\nvorübergehender Natur. Im Lauie dieses Monats wird auch Fräul.\nLouise Meyer aus Prag zu Gastspielen erwartet, an deren Erfolge\nbei den bekannten Leistungen dieser vortrefflichen Sängerin nicht\nzu zweifeln ist. ,\nHerr von Flotow hat eine neue Oper, „Albin\", beendigt,\nwelche auf dem Kärnthnerthor-Theater zu Wien demnächst auf-\ngeführt werden wird.\nRubin stein hat in Wien vier Concerte gegeben. Ueber seine\nGompositionen sind die Stimmen sehr getheilt, und es ist eine förm-\nliche kritische Fehde darüber ausgebrochen, Als Virtuose jedoch\nstellt man ihn allgemein sehr hoch.\nDie Geburtsstadt Donizetti's, Bergamo, hat diesem Com-\nponisten ein Denkmal in ihrer Mitte errichtet.\nDie Sängerin Jetty Treffz, bekannt durch die einträgliche\nBegeisterung, in welche sie ganz England durch Kücken's „Trab,\ntrab!\" zu versetzen wusste, ist, nachdem sie einige Jahre auf ihrem\nLandsitze bei Wien ausgeruht, in Paris angekommen, um, wie es\nscheint, einen neuen Kunsttrab zu beginnen.\nIn Paris ist in dieser Woche eine neue Oper von Halevy:\n„Jaquaritta l'lndienneund zwar auf dem Theätre lyrique, gegeben\nworden, während die grosse Oper durch sein bestes Werk, „Die\nJüdin\", mit der Cruvelli und Gueymard (Eleazar) gute Ein-\nnahmen macht. Mit Scribe's und Verdi's „Vepres Siciliennes\"\nist man noch immer am Probiren. Die Sängerin Labor de ist\nzur Erfüllung ihres Contractes mit der kaiserlichen Opern-Direction,\nden sie ohne Einwilligung ihres Mannes unterzeichnet hatte, trotz\ndes Protestes desselben verurtheilt worden, im Weigerungsfälle zu\n50,0Üt) Frcs. Entschädigung.\nZu den Städten in Frankreich, welche beginnen, die deut-\nschen Musikfeste nachzuahmen oder wenigstens etwas diesen\nAehnliches ins Werk zu setzen, gehört auch Bordeaux, bisher\nmehr durch ein ganz anderes, auch keineswegs gering zu schätzen-\ndes, Wachsthum, als das der Tonkunst, rühmlichst bekannt. Seit\neinigen Jahren veranstaltet der dortige St.-Cäcilien-Verein jährlich\nein musicalisches Festival; das diesjährige, am 4. Mai, brachte\nBeethoven's Pastoral-Sinfonie und das Finale aus Spontini's\nVestalin; daneben aber freilich auch den „römischen Carneval\" von\nBerlioz und ein Finale aus Verdi's Ernani. Mademoiselle\nSherrington aus Brüssel sang neben dem Ave Maria von F.\nSchubert eine Arie aus Auber's Schwur und eine aus den Puri-\ntanern."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "153", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550519-01.1.1", "texte": "Ein Wort über die Wirksamkeit der Musikschulen in\nBeziehung auf den Gesang-Unterricht und die Oper.\n\nJe grösser und empfindlicher der Mangel an guten\nOpernsängern von Tag zu Tag sich zeigt, desto schärfere\nBlicke werden von Theater-Directoren und Anderen, welche\ndie Zeichen der Zeit zu beobachten verstehen, nach den\nMusikschulen entsandt, von denen man Abhülfe erwartet.\nAls nach Gründung des prager Conservatoriums (1810)\nschon wenige Jahre darauf noch drei andere derlei Kunst-\nschulen zu Wien, Laibach und Gratz (hier unter Anselm\nHüttenbrenner's Leitung) errichtet wurden, mussten die\nHoffnungen der Theater in hohem Grade gesteigert wer-\nden. Vor Allem erwartete man von dem Zusammenwirken\ndieser vier Institute viele und wohlgeschulte Talente für\ndie Oper. Dahin verwiesen ja die Versprechungen der För-\nderer zunächst. Zu diesen Instituten kamen in späteren\nJahren noch andere, nämlich zu Pressburg und Pesth, und\nauch in Wien that sich noch eine Gesangschule unter\nWeinkopPs Leitung auf, nebst einer Unzahl von Privat-Ge-\nsanglehrern und Lehrerinnen.\nIn wie fern vornehmlich diese Conservatorien in Be-\nziehung auf den fraglichen Punkt den Erwartungen ent-\nsprochen haben, ward bei Gelegenheit der Wiederaufrich-\ntung des wiener Instituts vor einigen Jahren in österreichi-\nschen und anderen Blättern des Weiteren erwähnt. Schwere\nAnschuldigungen hat man dabei vernommen. Nach den\ndreissig Jahre hindurch gemachten Beobachtungen stellte\nman die Erfolge dieser Musikschulen in Hinsicht auf allsei-\ntige Wirksamkeit auf gleiche Linie mit dem pariser und\ndembrüsseler Conservatorium, die in letzter Zeit fast durch-\nweg nur Proletariat erzeugt haben, das Wort im Sinne\nder neueren Cultur-Historiker verstanden. Den österreichi-\nschen Instituten ward nachgesagt, dass sie hauptsächlich\nnur den instrumentalen Theil zu cultiviren bestrebt seien,\nden vocalen jedoch vernachlässigten. Darunter dürfte wohl\nder Solo-Gesang gemeint sein. Man sagte ferner, dass aus\ndem instrumentalen Theile sich die Theater- und Garten-\nOrchester, wie auch die Militär-Musiken ergänzen, wäh-\nrend aus den Gesang-Classen nur die Theater-Chöre Vor-\ntheil zögen; dies seien die oft gerühmten Erfolge der Con-\nservatorien. Daneben ward ein flüchtiger Blick auf die\nalte wiener Gesangschule und ihre grossen Erfolge gewor-\nfen und die drei Decennien ihrer Wirksamkeit dießlüthe-\nzeit der deutschen Oper in ganz Deutschland genannt.\nSie war es in der That, wenn auch nicht bis zu ihrem völ-\nligen Erlöschen.\nEs dürfte die Leser wohl interessiren, etwas Näheres\nüber die alte wiener Gesangschule zu vernehmen, von de-\nren Existenz Viele wahrscheinlich niemals gehört haben.\nOhne Zweifel denkt man sich unter dieser Benennung ein\nwohl organisirtes Institut mit einem Director und mehre-\nren Lehrern, nach Maass und Form unserer Musikschulen.\nKeineswegs. Was man alte wiener Gesangschule\nnennt, beruhte lediglich auf Heranbildung einzelner Talente\nfür die Oper durch gemeinschaftliches Zusammenwirken\neiniger Sänger am kaiserlichen Operntheater und am Theater\nan der Wien. Die unmittelbar dabei betheiligten Männer\nwaren der Bass Weinmüller, der Bariton Vogel, die\nTenoristen Gottdank und Rockel*) und der Chor-Di-\nrector Schwarzböck, Letzterer der Auffinder fast aller\nweiter unten genannten Tenoristen auf Kirchen-Chören\nund bei Processionen auf dem Lande. Diesen Bund ver-\nmehrten noch die Capellmeister Umlauf, Weigl und\nSeyfried. Der Hof-Schauspieler Dupr£ besorgte das\nBildungsgeschäft in Sprache, Declamation und Schauspiel-\nkunst. Sein Andenken wird von allen aus dieser Schule\nHervorgegangenen vorzugsweise hoch in Ehren gehalten.\nNur auf einen ausserhalb dieses Kreises stehenden Mit-\nFactor ist hinzuweisen, auf den italiänischen Gesanglehrer\n\n*) Von allen den Hauptsäulen der berühmten alten wiener Ge-\nsangschule wandelt nur noch Herr Rockel, Beethoven's\nerster Florestan, unter den Lebenden. Der rüstige Greis,\nnachdem er viele Jahre als Professor des Gesanges in Lon-\ndon und in York gewirkt, befindet sich im Augenblicke für\nkurze Zeit zu Wiesbaden."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "154", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550519-01.1.2", "texte": "Mozatti, bis zum Jahre 1824 den einzigen in Wien an-\nsässigen.\nDass der Unterricht nicht classenweise, sondern indi-\nviduel Statt gefunden, darf wohl kaum bemerkt werden.\nAber nicht zu übersehen ist, welche wesentliche Hülfs-\nmittel dabei angewandt worden. Weinmüller und Vogel\nleiteten ihre künstlerische Ausbildung in der Hauptsache\nvon den grossen Sängern Marchesi, Crescentini und\nanderen Gesangs-Celebritäten her, welche im ersten De-\ncennium nach einander in Wien gelebt. Durch diese erfuhr\nman die zweckmässigsten Bildüngsmittel. Als theoretisches\nLehrbuch diente demnach die Schule des pariser Conser-\nvatoires— heutzutage als veraltet perhorrescirt—, zum\nStudium im Solfeggiö aber benutzte man Crescentini und\nDanzi. Weniger geeignet tür Eleven fand man Righini we-\ngen der vielen unschönen Verbrämungen in der Cantilene.\nErst zu Anfang der zwanziger Jahre wurden auf Anrathen\nvon Rubini und der Mad. Fodor dieüebungen Von Aprile\n(Rubini's Lehrer) hinzugelügt. Diese Uebungen, in stufen-\nweiser Ordnung vorgelegt, genügten vollkommen, um den\ndramatischen mit dem Concert-Stil zu verbinden. Wer\ngreift noch gegenwärtig bei dem ungeheuren Wüste von\nStimmverrenkUngs-Gurgeleien moderner Singmeister nach\njenen in der Gesanges-Literatur wahrhaft classischen Mei-\nstern? Wiederum aber sehen wir bei Anwendung dieser\ngeringen Zahl von Bildungsmitteln, wie bei den Compo-\nnisten der früheren Epoche, dass es zur Ausbildung ausge-\nzeichneter Talente nicht grosser Bibliotheken bedarf.\nIm schroffen Gegensatze zu dem in unseren Tagen\nüblichen Verfahren hatte der Bildungsgang im alten Wien\ndas Absonderliche, dass er auf sehr kurze Zeitdauer einge-\nschränktwar. Selten hatte man mehr als ein Jahr auf Stimm-\nbildung allein verwandt, als schon der Kunstjünger in den\nChor gereiht und nach und nach in einactigen Operetten\nvor die Lampen gestellt wurde. Zu dieser praktischen\nUebung bot der im Operntheater herrschende Brauch,\nbei der Aufführung von Balletten eine Operette voraus-\ngehen zu lassen,- die ungelähr eine Stunde Zeit auslüllt, die\nbeste Gelegenheit. In der langen Reihenfolge der Zöglinge\nhaben kaum sechs ihre Laufbahn in ersten Partieen begon-\nnen ; die meisten dienten von der Pike auf, den strengen Dupr6\nstets zur Seite. Von ihm zumeist rührte die an Allen be-\nwunderte Deutlichkeit in der Aussprache beim Gesänge\nher—eine Tugend, gegenwärtig nur wenig Sängern eigen.\nDieser Schule verdankte die deutsche Oper folgende\nSänger und Sängerinnen, von denen die Mehrzahl eine hohe\nKunststufe erreicht und in allen Theilen Deutschlands An-\nErkennung gefunden hat. Wohl die Hälfte davon ist bis\nheute noch in ihrem Berufe thätig.\nAus dem ersten Decennium sind namhaft zu machen\ndie Damen Buch wieser, vermählte von Laczny, Mil-\nder-Hauptmann, Wranitzkv-Seidler, Kilitsch-\nky-Schulz*) und der Tenor Rockel.\nAus dem zweiten Decennium die Damen Wranitzky-\nKraus, Yio-Spitzeder und Bondra, der Bariton\nForti und die Tenoristen Wild, Jäger, Heitzinger\nund Rauscher.\nAus dem dritten Decennium die Damen Unger-Sa-\nbatier, Schröder-Devrient, Schröder-Schmidt,\nSophie Löwe (alle vier Schülerinnen in Stimmbildung\nvon Mozatti), die Fischer-Schwarzböck, Fischer-\nAchten und Greis-Hoffmann; dann die Tenoristen\nCramolini, Schuster, Binder, Eichberger,Hoff-\nmann (der gewesene Director des frankfurter Theaters)\nund Tichatschek; ferner der Bariton Pöck und die\nBassisten Borschitzky, Fischer und Staudigl.\nMit S. Löwe, Pöck und Staudigl schliessen sich die Pfor-\nten dieser hochachtbaren Schule; das war zu Anfang der\ndreissiger Jahre. Kurz vorher waren zwei Haupt-Factoren\nzur ewigen Ruhe eingegangen: Weinmüller und Dupre,\ndie anderen aber meist alt und durch die widrigen Schick-\nsale, die mittlerweile beide genannte Theater getroffen,\nmuthlos geworden. Durch das ganze dritte Decennium hin-\ndurch war Rockel als Gesanglehrer, Gottdank als Regisseur\nam kaiserlichen Operntheater angestellt. Aber auch die\nSontag-Rossi kann lüglich dieser Schule zugezählt wer-\nden; denn die genannten Meister alle, Weinmüller ausge-\nnommen, übten unmittelbaren Einfluss auf ihre Leistungen,\nund Dupre insbesondere war ein unerbittlicher Cor,rector\nihres Vortrages. Henriette Sontag kam im sechszehnten\nLebensjahre von Prag an das Operntheater nach Wien\n(18*20) und hatte noch viel zu lernen. Was sie an Gesangs-\nbildung mitgebracht, war das Werk der Frau Czegka in\nPräs, nicht des Conservatoriums, wie hier und da zu lesen\nO'\nsteht. Diese Schule musste die Elevin schon nach kurzem\nBesuche der Ciasse ausschliessen, weil ihre Mutter, unge-\nachtet mehrerer Ermahnungen Seitens der Direction, nicht\nabliess, sie in Kinder-Rollen auf die Bühne zu stellen, wo-\ndurch gegen die bestehenden Satzungen des Instituts Ver-\nstössen wurde. Damit widerlegt sich auch das übelwollende\nGerücht, Henriette Sontag sei aus dem Conservatorium ent-\nfernt worden, weil die Lehrer kein Talent in ihr entdeckt\n\n*) Bekanntlich waren die letztgenannten drei Künstlerinnen lange\nJahre die Zierden der königlichen Oper in Berlin."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "155", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550519-01.1.3", "texte": "hätten. Den wahren Hergang des Vorfalls habe ich aus\ndem Munde der Künstlerin selbst, Specielles aber darüber\nvon Prof. Pixis in Prag erhalten. Durch Mitwirkung der\ngrossen Fodor-Mainville verliess die Sontag Ende 1824\ndie Kaiserstadt als vollendete Sängerin. Als nicht unwichtig\nzu bemerken ist noch, dass die Sontag während ihres vier-\njährigen Engagements am wiener Operntheater zwei Con-\ntracte mit der Administration abgeschlossen und, obwohl\nder Liebling des Publicums, dennoch keine 4000 Gulden\nGage bezogen hat. Auf wie hoch taxirt sich wohl heutzu-\ntage eine mittelmässige Sängerin?\nAusser dieser gewiss ansehnlichen Zahl von tüchtigen\nSängern und Sängerinnen, die aus jener Schule hervorge-\ngangen, wäre noch eine fast gleiche Anzahl von minde-\nrem Gehalte anzuführen, die sich zu Provinz-Theatern ge-\nwandt oder ins Ausland gegangen und sich daselbst nach\nund nach verloren hat. Diese glänzenden Erfolge der Schule\nerzeugten das Sprüchwort: „In Wien wachsen die Sänger\nauf den Bäumen.\" In der That haben alle guten Theater\nDeutschlands fast alle benöthigten Künstler dort gefunden,\nund Wien war für alle Bühnen-Directoren ein Mekka—bis\num die vierziger Jahre. Seit dieser Zeit haben sich die\nDinge in beklagenswerther Weise geändert; denn weder in\nWien noch in anderen Städten Oesterreichs sind gut ge-\nschulte Talente aufzufinden; imGegentheil suchen die öster-\nreichischen grossen Bühnen tüchtige Sänger jetzt „im Aus-\nland\". Und dies geschieht trotz der bedeutenden Anzahl\nvon Schulen im Lande, in denen gegen 500 Zöglinge Un-\nterricht im Gesänge erhalten sollen.—Man honorirt dermal\nam wiener Operntheater einen lyrischen Tenor mit 10,000\nGulden und drei Monaten Urlaub, während im dritten De-\ncennium ein solcher von gleicher Qualität, wie Herr Ander,\nmit 3000 Gulden und noch weniger honorirt worden.\nDarum die erschreckenden Gegensätze zwischen Einnahme\nund Ausgabe gegenwärtig bei fast allen stehenden Theatern.\nSo stellt sich z. B. die Summe der jetzt zu Frankfurt am\nMain bloss an die Solo-Sänger zu zahlenden Hono-\nrare auf 48,000 Gulden fürs Jahr. Noch vor lünfzehn\nJahren auf nur 30,000 Gulden; und aus wie vielen treff-\nlichen Künstlern bestand die frankfurter Oper damals, aus\nwie wenigen jetzt! Kaum die Hälfte davon reicht an die\nMittelmässigkeit. Die ungeheuren Summen, die allein die\nOper verschlingt, müssen über kurz oder lang allen Büh-\nnen, selbst den reich subventionirten, gelährlich werden\nund deren Existenz bedrohen. Küstner's Buch: „Theater-\nStatistik\", woraus Nr. 18 dieser Blätter eine kleine Probe\ngegeben, dient als Spiegel der Zukunft.\nEs ist daher nicht zu verdenken, wenn bei der allge-\nmein herrschenden Opern-Calamität die Leistungen der\nMusikschulen, vornehmlich nach dieser Richtung hin, schär-\nfer denn je ins Auge gefasst werden, zumal auch durch\nPrivat-Unterricht so wenig gefördert wird bei all der Menge\nvon Lehrern, die überall zu finden. Mit vollem Rechte wird\nnach den Gründen der Erfolglosigkeit des Gesang-Unter-\nrichtes in den Schulen gefragt. Dass dieses auch eine bren-\nnende Frage ist, wird wohl Niemand läugnen. Darum wäre\nes wahrlich kein müssiges Geschäft, wenn sachkundige\nBeobachter, die den seit vierzig Jahren bestehenden Musik-\nschulen nahe sind, es nicht verschmähen wollten, diesen\nGründen nachzuspüren. Resultirte auch kein positiver Ge-\nwinn, so doch ein negativer. Es würde sich vielleicht\nals sicher herausstellen, dass dieser Calamität durch die\nMusikschulen nicht abgeholfen werden könne, demnach sich\ndie Blicke um Abhülfe nach anderen Seiten wenden und\ndie Vorwürfe verstummen würden.\nRein Verständiger erwartet von der Schule ausgebil-\ndete Specialitäten, schon fertig in Allem; sie vermag nur\nguteVorbegriffe beizubringen, die bei angemessener prak-\ntischer Uebung erst zu künstlerischer Bedeutsamkeit sich\ngestalten lassen. Die alte wiener Gesangschule, die vielleicht\nmancher Moderne nur eine Abrichtungs-Methode\nnennen dürfte, dient als Beweis. Es würde sich beim Auf-\nsuchen der Gründe der vierzigjährigen Erfolglosigkeit in\nden Schulen auch ergeben, ob es wahr sei, dass man durch\nzu lange ausgedehnten Lehrgang die jungen Talente er-\nmüde, sie daher die Geduld verlieren und der Schule ent-\nlaufen. Nur zu wahr ist es* dass der wissenschaftliche, wie\nauch der mechanische Musik-Unterricht in unserer egoisti-\nschen Zeit oft in echt rabulistischer Advocaten-Manier aus-\ngedehnt wird, um nur möglichst viel zu verdienen. Da\nsehen wir z. B. einen solchen docirenden Rabulisten, der\nnicht weniger als drei Jahre braucht, um seinen Schüler\nbloss durch den Generalbass zu bringen. Beim letzten Pa-\nragraphen angekommen, hat der Lernende immer noch\nnichts Anderes als Regeln auf Regeln schreiben dürfen.\nNichts wird der eigenen Erfahrung überlassen. Kaleidosko-\npisch werden alle möglichen Accorde aufgesucht und in\nBeispielen verarbeitet. In diesem Regelwusteist die Phan-\ntasie des Schülers schon längst vertrocknet, bevor er noch\nans erste Capitel vom doppelten Contrapunkt gekommen.\nIn gleicher Weise verfährt man noch häufiger beim Cla-\nvier-Unterrichte.\nDa sich der Unterzeichnete nachgerade ausser Stande\nfühlt, nach Saphir's und Anderer Beispiele Mantelreden in"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "156", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550519-01.1.4", "texte": "den Wind zu halten, so war es ihm in diesen Zeilen Haupt-\nzweck, auf die alte wiener Gesangschule und ihre Erfolge\naufmerksam zu machen. Dass dieses nicht geschehen kann,\nohne den wackeren Männern, die im Vereine so Vieles zum\nBesten der deutschen Oper geleistet, ein kleines Erinnerungs-\nzeichen zu setzen, gereicht mir noch zu besonderem Ver-\ngnügen, weil ich beim Niederschreiben ein Stück eigener\nLebensgeschichte von mehr denn zwanzig Jahren durch-\nblätternkonnte; denn ich stand den Vorgängen durch diese\nJange Zeit ganz nahe, so auch den Personen.\n\nA. Schindler.\n\nAus Aachen.\n\nWenn es mir auch die Zeit nicht gestattet, Ihnen häu-\nfiger und regelmässiger über das aachener Musikleben zu\nberichten, so wird es doch, damit unsere Stadt nach aussen\nhin in rebus musicisnicht zu den todten gezählt werde,\nnöthig sein, wenigstens einmal des Jahres Ihnen einen kur-\nzen Abriss desselben mitzutheilen, damit Sie und Ihre Le-\nser die Ueberzeugung gewinnen, dass wir doch nicht so\nganz am Ende der musicalischen Welt wohnen, wenn wir\nauch weniger von uns hören lassen.\nWill ich nun das ganze Jahr in diesem Berichte zusam-\nmenfassen, so muss ich wohl, da mein vorjähriger Bericht\nsich ungefähr aus der gleichen Zeit datirt, mit dem Som-\nmer beginnen. Im Sommer aber haben wir in Aachen\nBade-Saison und daher zweimal des Tages Gartenmusik\ndes städtischen Orchesters für die Curgäste, fast täglich\nOper für die Curgäste, zuweilen auch ein Concert fahren-\nder Kunstler, und dieses dann vollends ausschliesslich für\ndie Curgäste, indem ein Aachener sich im Sommer nie im\nConcerte erblicken lässt, es sei denn eines ä la Strauss und\nim Freien mit obligater Kaffee- und Maiwein-Begleitung.\nHiernach wird es Ihnen einleuchtend sein, dass ich den\nSommer ohne Weiteres überspringen kann, und mich an\ndas Ende des September-Monates versetze, um Ihnen über\neine bedeutendere musicalische Leistung, ein Benefiz-\nConcert unseres städtischen Musik-Directors von Tu-\nranyi, zu berichten. Wir hörten in demselben: Ouvertüre\nzu Fierabras von F. Schubert, Motetten für Frauenchor\nvon Mendelssohn, den Nonnen zu de ge-\nwidmet, Clavier-Concert mit Orchester in von T ur anyi,\nvom Componisten selbst vorgetragen, ein sehr verdienst-\nliches Werk in Hummel'schem Stil, und dann die neunte\nSinfonie mit Soli und Chören von Beethoven. Letzterem\nWerke merkte man es sehr an, dass die Zeit zum Winter-\nStudium noch nicht da war, dass nur wenige, schlecht be-\nsuchte Proben zu demselben Statt gefunden hatten und\ndie Frucht daher noch nicht reif zum Pflücken war. Der\nConcertgeber hätte ein anderes, leichteres Werk wählen\nkönnen; indess halte die Aufführung doch in so fern ihr\nGutes, als dadurch der Sinn für diese hier in langen Jahren\nnicht aufgeführte Sinfonie wieder geweckt und eine Wie-\nderholung im Instrumental-Verein, wie wir später sehen\nwerden, hervorgerufen wurde, welche, besser vorbereitet,\ndas grossartige Werk in ziemlich gelungener Weise, sowohl\nwas den orchestralen als Chorälen Theil betrifft, zur An-\nschauung brachte.\nAm 27. October begann dann der Reigen der sechs\nAbonn ements-Concerte (wie Sie sehen, sind wir in\nder musicalischen Cultur vorangeschritten), zu deren vocaler\nAusstattung sich kurz vorher ein neuer Gesang-Verein für\ngemischten Chor aus den vorhandenen Kräften gebildet\nhatte, indem alle früheren dahin zielenden Institutionen zer-\nfallen waren. Zwar hat auch der neue Verein im abgelau-\nfenen Winter noch keine Wunder gewirkt; da jedoch die\nGrundlage nunmehr eine solidere ist, so steht für künftigen\nWinter Grösseres zu erwarten, um so mehr, als man auch\nin diesem Augenblicke mit einer Chorgesang-Schule für\nDamen vorgeht, welche dem weiblichen Chorden erwünsch-\nten Zuwachs bringen wird. —Um Ihnen und Ihren Lesern\neinen Ueberblick der Abonnements-Concerte zu geben, will\nich deren Programme hier kurz folgen lassen.\nDas erste war zusammengestellt aus den Ouvertüren\nzu Rosamunde von F. Schubert und zu Egmont von Beet-\nhoven, einer Hymne für Sopran mit obligater Oboe (Herr\nSchwarz) von 0. Nicolai, einem Vocal-Quartett aus dem\nbefreiten Jerusalem von Righini, dem Clavier-Concert in\nC-moll von Mozart, vorgetragen von Musik-Director von\nTuranyi mit eingelegten Cadenzen, und schliesslich der\nSinfonie in D-moll von R. Schumann.— Das zweite\nbrachte: Pastoral-Ouverture von Kalliwoda, drei Gesänge\nitaliänischer Componisten verschiedener Zeiten: „Lux per-\npetua\", Chor von Stradella, Psalm 112 von Jomelli und\nTenor-Solo mit Chor von Gordigiani, Violin-Concert von\nF. David (Herr Fr. Wenigmann) und die Sinfonie Nr. 3,\nEroica, von Beethoven.\ndie Ouvertüre zur schönen Melusina von Mendelssohn, Con-\ncert für Clarinette von Mozart (Herr Schädler), Sinfonie\nin Es-durvon Haydn und das dettinger Te von Hän-\ndel.— Zum vierten Concerte hatte man ausgewählt:\nOuvertüre zu Alphons von F. Schubert, Tenor-Arie aus\nHaydn's Schöpfung, Violin-Concert von Beethoven (Herr"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "157", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550519-01.1.5", "texte": "Ferd. Laub aus Weimar, der im Verlauf des Abends\nauch noch die Ernst'sche Othello-Phantasie zum Besten\ngab), Ouvertüre zu den Abenceragen von Cherubini, Ter-\nzett aus dem zweiten Stabat von Rossini, Sinfonie in\nG-moll von Mozart.\nOuvertüre „Meeresstille und glückliche Fahrt\" von Men-\ndelssohn, Sopran-Arie mit Chor von Abt. Vogler, Violon-\neell-Concert von Kummer (Herr Suhr), Ouvertüre zum\nVampyr von Marschner, Chor aus den Jahreszeiten von\nHaydn, Concert für vier Violinen mit Orchester von Mau-\nrer und die Freischütz-Ouverture von Weber. Das\nsechste Concert endlich (am 29. März) brachte zu Ge-\nhör die vierte Sinfonie, B-dur, von Beethoven und den er-\nsten Theil des Oratoriums Paulus von Mendelssohn.\nSie ersehen aus dieser Zusammenstellung, dass man dem\nClassischen vorzugsweise huldigte und dass Werke neuerer\nComponisten nur vereinzelt zum Vorschein kamen. Neu\nwaren hier unter Anderem die Schubert'schen Ouvertüren,\nwelche des Interessanten und Schönen viel enthalten und\nvon dem kräftigen, productiven Geiste des für die Kunst\nleider zu früh gestorbenen Componisten, so wie von dessen\nGewandtheit in der Behandlung des Orchesters neues Zeug-\nniss ablegten.\nAusser diesen sechs Abonnements-Concerten habe ich\nIhnen nun noch über eine Reihe von musicalischen Auf-\nführungen und Concerten anderer Kreise Bericht zu erstat-\nten, um das Bild unseres Musiktreibens zu vervollständigen.\nDahin gehören vor Allem die Sinfonie-Soireen des\nInstrumental-Vereins, welcher mit dem Orchester-\nPersonale auch die keineswegs unbedeutenden dilettantischen\nKräfte in den Streich-Instrumenten vereinigt und daher\nüber ein imposantes Orchester verfügt. Technischer Leiter\nist hier, wie bei den Abonnements-Concerten, der städtische\nMusik-Director von Turanyi. Der Verein kommt wöchent-\nlich zusammen zum Ueben und veranstaltet einige Mal des\nJahres so genannte Ausführungen des Geübten, welche\nin Präcision mit den Concerten wetteifern und sich von\ndiesen nur dadurch unterscheiden, dass bloss Mitglieder\ndes Vereins (Damen sowohl als Herren) Zutritt haben. Da\naber so ziemlich alles, was zur fashionabeln Welt mit zählt,\nauch zum Instrumental-Vereine mittels eines nicht hohen\njährlichen Beitrages gehört, so sind die Ausführungen, ja,\nselbst die Proben jedesmal stark besucht. Im Winter\n1853\nBeethoven'schen Sinfonieen der Reihe nach vorzunehmen,\nund brachte es in sieben Ausführungen bis zur -\nfonie, so dass ihm für den eben abgelaufenen Winter noch\ndie achte und neunte verblieben. Die erste diesmalige\nSoiree brachte demnach die Ouvertüren zum Wasserträger\nvon Cherubini und zu Don Carlos von Ries, ein Rondo für\nFlöte von Kalliwoda (Herr A. Schmidt), ein Quintett für\nvier Violoncelli und Bass von C. Schuberth (ausgeführt von\nden Herren Suhr, J. Wenigmann, zwei Dilettanten,\nHerren Pre ut z und Blees, und unserem tüchtigen Con-\ntrabassisten Herrn John) und endlich die achte Sinfonie,\nF-dur, von Beethoven.\nVortrage die Ouvertüren zur Entführung von Mozart und\nzu Iphigenie von Gluck, zwischen denselben die Sopran-\nArie „Ah perfido\" von Beethoven und zum Schlüsse die\nneunte Sinfonie desselben Meisters, welche besonders reif-\nlich studirt worden war, unter Hinzuziehung des Gesang-\nchors, und daher vortreffliche Wirkung machte. Die\ndritte Soiree wurde bei Anwesenheit des Violin-Virtuosen\nFerd. Laub gegeben und bestand aus der Ouvertüre zur\nVestalin von Spontini, der Sonate für Ciavier und Violine\neines einheimischen Componisten, des Herrn Beaufort,\neiner recht verdienstlichen Arbeit, vorgetragen von ihm\nselbst und Herrn Laub, dann dem Mendelssohn'schen Vio-\nlin-Concert und der Ciaconna von Bach für Violine, Beides\nmit bewunderungswürdiger Schönheit durch Herrn Laub\nvorgetragen, der überhaupt durch die gediegenen Eigen-\nschaften seines kunstdurchdrungenen Spiels hier einen mäch-\ntigen Eindruck zurückgelassen hat. DenSchluss des Abends\nbildete die Eroica.\nwir die Ouvertüren zum Beherrscher der Geister von C. M.\nvon Weber und zu Prometheus von Beethoven, zwischen\nbeiden ein Concertstück für zwei Violinen mit Orchester\nvon Wassermann, in welchem unser einheimischer talent-\nvoller Violinist Herr Wipplinger uns einen seiner Schü-\nler, Otto Jokisch, vorführte und grossen Beifall mit ihm\närntete. Geschlossen wurde mit F. Schubert's grandioser\nC-dur-Sinfonie. Die fünfte Soiree endlich war combinirt\naus der Ouvertüre zu Idomeneus von Mozart, einem hüb-\nschen, melodiösen Ave Maria für Sopran mit obligater Vio-\nline (Herr F. Wenig mann) vonM.-D. vonTuranyi, dann\neiner sehr charakteristischen Zwischenacts-Musik zu Rosa-\nmunde von F. Schubert, einem höchst werthvollen Ton-\nstücke, und schliesslich der .Es-dwr-Sinfonie von Spohr.\nDiese fünf Concert-Abende mögen Ihnen bezeugen, dass\nauch im Instrumental-Vereine nach Ernstem gestrebt wird.\nEs darf dieser Verein, der schon seit 1844 besteht, es\nsich aber auch zum nicht geringen Verdienste anrechnen,\nden Sinn für die reine Musik, die Instrumental-Musik, in\nunserer Mitte neu geweckt und gefördert zu haben, indem"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "158", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550519-01.1.6", "texte": "er wöchentlich in seinen Proben, besonders aber in seinen\nAufführungen, den zahlreichen Mitgliedern Gelegenheit gibt,\ngute Werke zu hören und sogar mehrmals hinter einander\nzu hören, wodurch das Verständniss besser angebahnt wird.\nFerner gab unser auch in weiteren Kreisen rühmlichst\nbekannter, am verflossenen Sonntage von der Stadt Aachen\nmit einer prachtvollen Fahne beschenkter Männergesang-\nVerein Concordia (Dirigent Herr C. F. Ackens) ein\nConcert zum Besten der Armen, in welchem nebst einer\nAnzahl trefflich ausgeführter Männerchöre, unter anderen\ndes höchst schwierigen Chores „Der Jäger\" von Kücken,\nauch zwei Instrumentalwerke gegeben wurden, und zwar\ndas wundervolle Septuor, Op. 20, für Streich- und Blas-\ninstrumente von Beethoven, so wie dessen Sonate, Op. 47,\nfür Ciavier und Violine. In beiden Werken trug Herr W i p p-\nlinger die Violinstimme mit grosser Fertigkeit, Geschmack\nund Pietät vor; die Clavier-Partie der Sonate war in den\nHänden der Frau Hast enrath-St ürtz, einer Dilettantin\nvon seltener Befähigung, auf welche Aachen nicht wenig\nstolz sein darf, und die es ihrer echt künstlerischen Eigen-\nschaften wegen wohl verdient, in Ihrem Blatte mit Aus-\nzeichnung genannt zu v/erden. Sie gab ausserdem noch\nein paar kleinere Stücke zum Besten, worunter ein Notturno\nihres Lehrers Chopin.\nEin Benefiz-Concert der beiden Künstler W i p p-\nlinger und Suhr, welches am 19. April vom Stapel lief,\nwill ich Ihnen ebenfalls hier aufzeichnen. Es war zusam-\nmengestellt aus der Ouvertüre Op. 124 von Beethoven,\nViolin-Concert in A von David (Herr Wipplinger), Männer-\nchöre der Concordia, Clavier-Concert in von Hum-\nmel (Herr von Turanyi), Sopran-Arie aus Spohr's Faust\nund Cantilena e Allegro alla für Violoncello von\nKummer (Herr Suhr). So wie Herr Wipplinger in dem schö-\nnen, effectvollen David'schen Concertstücke, so erregte Herr\nSuhr, unser trefflicher erster Cellist, in dem Kummer'schen\ndurch seinen vollen, markigen Ton, Gewandtheit und voll-\nkommene Reinheit des Vortrages einen wahren Beifalls-\nsturm; nicht minder grossen Anklang fand Herr von Tu-\nranyi mit dem Hnmmel'schen Concerte, welches so ganz\nseiner leichten und graziösen Spielweise angemessen ist.\nDie Herren Gebr. Wenig mann (drei) und Nütten\nhaben durch drei Streich-Quartett-Soireen zur\nmusicalischen Ausstattung des Winters beigetragen. Sie\nspielten Haydn D-moll und D-dur, Mozart C-dur, Beetho-\nven E-moll,Nr. 8, und Es-dur,Nr. 10, Onslow\nSchubert G-dur, Mendelssohn E-moll und Schumann A-moll,\nund lös'ten ihre Aufgabe mit vielem Fleiss und Geschick,\nwenngleich die im vorjährigen Berichte angedeuteten Män-\ngel auch jetzt noch nicht ganz beseitigt waren. In den\nschwierigeren Passagen und Figuren immer noch etwas Un-\nklares, Vortrag zuweilen manierirt und gesucht, dabei Man-\ngel an Tonlülle in der führenden Violine. Manche Sätze ge-\nlangen aber auch vorzüglich schön, und jedenfalls ist das\nkünstlerische Streben jener Herren sehr anerkennenswerth.\nSoireen für sonstige Kammermusik waren Seitens der\nHerren von Turanyi, Wipplinger, Suhr und anderer Künst-\nler projectirt, sind aber bis jetzt nicht zustande gekommen;\nhoffentlich gewinnt man nächsten Winter Zeit dazu.—Um\nso mehr Clavier-Trios, Sonaten und Quartette etc. werden\naber den Winter hindurch in Privatcirkeln gespielt, und sehr\nanzuerkennen ist es, dass die hiesige clavierspielende Damen-\nwelt sich lieber mit solcher soliden Musik und derben Kost,\nals mit dem modernen, süsslichen Salon-Genre unterhält.\nAuch existiren privatim mehrere Streich-Quartett-Cirkel\nhier, meistens von Liebhabern gebildet.\nAls Charfreitags-Kirchenmusik hörten wir\nvon der Concordia ein Miserere von Orlando Lasso aus-\ngezeichnet vortragen; zwischen den Strophen sang man die\nKlagelieder des Propheten Jeremias, nach der alten gre-\ngorianischen Choral-Melodie für vier Männerstimmen (Solo-\nQuartett) harmonisirt von dem hiesigen Organisten und\nMusiklehrer Bohlen, welche in dieser Gestalt einen unbe-\nschreiblich schönen und heiligen Eindruck machten und das\nGemüth zu frommen Gefühlen stimmten.\nDas ist es, was ich Ihnen über das musicalische Leben\nder alten Kaiserstadt während des verflossenen Winters\nmitzutheilen habe, und ich hoffe, Sie werden Sich mit mir\nob des vielen Guten freuen, was zu Tage gefördert worden\nist. Diese Resultate sind die Frucht einer verständigen und\numsichtigen Führung der Geschäfte Seitens der leitenden\nComite's, der unverdrossenen Bemühungen des technischen\nLeiters Herrn von Turanyi, endlich der Eintracht und des\nfreundschaftlichen Verhältnisses zwischen den Ausführenden,\nwelches dem früheren leidigen Parteiwesen gefolgt ist, wenn\nauch ein Theil der Widerstrebenden noch immer nicht sich\nder allgemeinen Fahne angeschlossen hat, sondern vor wie\nnach dem Parteirufe: „Liedertafel über Alles!\" huldigt,\nobgleich das Fundament für diesen Ruf immer schwächer\nwird. Aber, werden Sie sagen, wie stand es denn mit\nder künstlerischen Ausführung all dieser schönen Programme,\ndie Sie mir da hergezählt haben? Hat Frau Musica dabei\ngewonnen, oder wäre vielleicht Manches besser weggeblie-\nben? Auf diese Fragen kann ich indess mit gutem Gewis-\nsen antworten: Die Aufführungen waren im Allgemeinen"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "159", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550519-01.1.7", "texte": "gut, im Einzelnen vielleicht hin und wieder nicht scharf\ngenug gefeilt, dagegen aber stets mit Geist, mit Lust\nund Liebe zur Sache Seitens der Ausführenden ausgestat-\ntet, was völligen Ersatz für einzelne hin und wieder nicht\nherausgekommene Feinheiten bot. Das Einzige, das wegen\nmangelhafter Vorbereitung zu wünschen liess, war die erste\nAufführung der neunten Sinfonie, was bei der zweiten je-\ndoch wieder gut gemacht wurde/ Sowohl Chor als Or-\nchester thaten überall ihre Schuldigkeit, auffallende Störun-\ngen fielen nirgendwo vor, und was die Gesang-Soli betrifft,\nso muss ich hier nachholen, dass dieselben in allen jenen\nConcerten durch hiesige Dilettanten besetzt waren. Die\nBass-Soli waren bei den Herren Ackens und Van ho u-\ntem in guten Händen, jene des Tenors sang ein noch ju-\ngendlicher Sänger, Herr Göbels, mit schöner, ausdrucks-\nvoller Stimme, für Alt- und Sopran-Soli zumal haben wir\neine ganze Reihe stimmbegabter Damen; welche in jenen\nConcerten abwechselnd gesungen haben, und zwar allge-\nmein befriedigend, wenn auch nicht mit dem Aplomb be-\nwährter Künstlerinnen. Indess da ich nun bei den Damen\nangelangt bin und mein Bericht ohnehin schon einige Aus-\ndehnung gewonnen hat, so lassen Sie mich abbrechen, er-\nstens, um nicht zu viel (oder zu wenig, wie Sie es nehmen\nwollen) zu sagen, zweitens, um Ihre und Ihrer Leser Ge-\nduld nicht noch länger auf die Probe z-u stellen. Also Gott\nbefohlen!\n\nSeverus.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. Im dritten Abonnements-Concerte des Männerge-\nsang-Vereins (am 13. Mai) unter Leitung von Franz Weber\n■wurde eine Composition von Max Bruch: „Rinaldo\" von Göthe,\nfür Tenor-Solo, Männerchor und Orchester, leider nur mit Ciavier-\nBegleitung, sonst aber präcis und gut aufgeführt. Die Solo-Partie\n■wurde von Herrn A. Pütz mit frischer Stimme ausdrucksvoll vor-\ngetragen. Die Composition hat in den etwas monotonen Stoff durch\nAbwechselung von Solo, Quartett und Chor so viel dramatisches\nLeben hinein zu bringen gestrebt, als er nur verstattete; die Melo-\ndieen sind ansprechend, die Chöre recht frisch und von natürli-\nchem Fluss, das Ganze bekundet einen gesunden Sinn, der das\nmusicalisch Schöne nicht im Auffallenden und Gezwungenen, son-\ndern in melodischen Gedanken nnd abgerundeten Formen sucht.\nDie zweite Abtheilung des Concertes füllten Lieder, unter denen\nein recht hübsches von Fr. Weber, „Lenzfrage\", und „Das Abend-\nläuten\" von A. Methfessel am meisten gefielen und Mendels-\nsohn's „Liebe und Wein\" am besten gesungen wurde.\nDer Capellmeister A. Methfessel aus Braunschweig wohnte dem\nConcerte bei; der Verein lud ihn ein, den Abend in dessen ge-\nselligem Kreise zuzubringen, und brachte ihm in der Nacht noch\nein Abschieds-Ständchen. Herr Methfessel ist auf einer Reise nach\nder Schweiz, wo bekanntlich zwei Neffen von ihm ehrenvolle mu-\nsicalische Wirkungskreise haben, begriffen, indem die Aerzte Lin-\nderung seines Augenübels durch die Bergluft hoffen.\nAm 16. Mai fand die sechste Soiree für Kammermusik\nim Hotel Disch Statt, welche die Reihe derselben, die uns so man-\nchen schönen Genuss gebracht hat, auf würdige Weise beschlcss.\nWir hörten Mendelssohn's Quintett und das Es-dur-Quartett,\nOp. 74, von Beethoven, eine seiner originellsten Schöpfungen,\nvon den Herren Pixis, Derckum, Peters (und Mekura im\nQuintett) und Reimers ganz vorzüglich vorgetragen. F. Hi 11 e r gab\nGade's „No velle tten\" (?) für Pianoforte, Violine und Violon-\ncell zum Besten, kleine, allerdings feine Musikstückchen, jedoch\nmehr mit Geist, als mit Phantasie gemacht, und namentlich für\nöffentliche Ausführung in einem grossen Saale wirkungslos. Dage-\ngen schlug der über alle Beschreibung herrliche Vortrag Hiller's\nvon seiner Sonate Op. 47, diesem durch und durch genialen,\ngross angelegten und gross und schön durchgeführten Meisterwerke,\nwie elektrisches Feuer ein, und die aufgeregte Zuhörerschaft offen-\nbarte auf alle mögliche Weise ihren freudigen Stolz, einen solchen\nMeister im Schaffen und Darstellen des Geschaffenen in ihrer Mitte\nzu haben und an der Spitze der städtischen musicalischen Institute\nzu wissen.\n** Mannheim, 3. Mai. Um Ihnen wenigstens ein erfreu-\nliches Gegenstück zu den Nachrichten über die traurigen Theater-\nZustände in vielen grossen Städten Deutschlands zu liefern, erlau-\nben Sie mir, Ihnen vom Theater unserer kleinen Stadt zu berich-\nten; denn Mannheim zählt nur 25,000 Einwohner. Das Haus ge-\nhört dem Staate, wird aber dem Theater-Comite unentgeltlich zu\nden Vorstellungen überlassen. Die Stadt ist jetzt gewisser Maassen\nMit-Eigenthümerin desselben geworden, da sie, nachdem sie von\nder grossherzoglichen Regierung die Versicherung erhalten, dass\ndas Gebäude niemals seiner gegenwärtigen Bestimmung entfremdet\nwerden solle, im vorigen Jahre 200,000 Gulden an den gänzlichen\nUmbau des Inneren verwandt hat. Ausserdem gibt die Stadt jähr-\nlich 40,000 Gulden Zuschuss, und für den Kunstsinn und die Theil-\nnahme des Publicums zeugt der Umstand, dass während der gan-\nzen Umbauzeit die Abonnenten sämmtlich ihre Logen und Plätze\nfortbezahlten. Unser wackerer Mühldorfer, welcher den Bau ganz\nselbstständig leitete, hatte aber auch so zweckmässige Einrichtungen\ngetroffen, dass während des Baues die Bühne fast fortwährend be-\nnutzt werden konnte und nur während einer kurzen Zeit die Vor-\nstellungen in dem zum Theater eingerichteten Concertsaale Statt\nzu finden brauchten. Der Umbau ist ganz vorzüglich gelungen, und\nwir besitzen gegenwärtig ein Theater, welches namentlich in Bezug\nauf Akustik gar nicht besser sein kann. Mühldorfer hatte von aus-\nwärts her glänzende Anerbietungen, allein er hat sie alle ausge-\nschlagen. Der Prinz-Regent hat ihn durch persönliche Ueberrei-\nchung des Zähringer-Ordens ausgezeichnet.\nIn Weimar hat Joachim Raff am 20. April in einem Hof-\nconcert mehrere neue Compositionen von sich, welche noch sämmt-\nlich Manuscripte sind, aufgeführt, namentlich eine grosse Sinfo-\nnie in fünf Sätzen, ferner „Liebessee\" (!), ein Charakterstück\nfür Solo-Geige und Orchester, gespielt von Singer, „Traumkönig\nund sein Lieb\" von Geibel, für eine Singstimme mit Orchester, ge-\nsungen von Fräul. Genast; endlich der 121. Psalm für zwei\nSolostimmen, Chor und Orchester. Nach einer Notiz aus Weimar\nin den „Signalen\" wurde Herr Raff nach jedem Stücke gerufen.\n(Bei Hofe?)\nJulius Schul hoff hat vom Könige von Sachsen einen kost-\nbaren Brillantring erhalten. Er ist nach Prag zurückgekehrt und\nwird den Sommer auf dem Lande in der Nähe dieser Stadt zu-\nbringen."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "160", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550519-01.1.8", "texte": "Franz Liszt's „Symphonische Dichtungen\" werden\nbei Breitkopf & Härtel in Leipzig in Partitur erscheinen, zuerst\n„Orpheus\", dann „Preludes\" nach Lamartine, „Tasso\", „Ma-\nzeppa\", „Fest klänge\". Die anderen vier sind betitelt: „Pro-\nmetheus\", „Ce quon entend sur la montagneu (V. Hugo), „Heroide\nfunehre„HungariaSie sind fast sämmtlich in den Concerten\nzu Weimar aufgeführt worden. Auch die Einrichtungen für das\nPianoforte zu vier Häuden hat Liszt selbst gemacht.\n(N. Zeitschr. f. Musik.)\nDer Capellmeister Drouet in Gotha hat vom Kaiser Napo-\nleon eine goldene Dose mit Brillanten zum Geschenk erhalten,\nals Erinnerung an die Zeit, wo er, im Dienste des Königs Louis\nNapoleon von Holland, den musicajischen Unterricht des gegenwär-\ntigen Kaisers Napoleon 111. leitete.\nff Stuttgart, 3. Mai. Beim Schlüsse unserer Saison haben\nwir noch den Genuss gehabt, Herrn Ad. Köckert aus Prag,\nwelcher hier Concert gab, zu hören. Köckert darf ohne Zweifel zu\nden gegenwärtigen Koryphäen auf der Violine gezählt werden, so-\nwohl seiner technischen Fertigkeit als seinem trefflichen Vortrage\nnach. Besonders fand die „Melancholie\" von Prume und die Va-\nriationen von des Concertgebers eigener Composition über ein\nholländisches Nationallied ausserordentlichen Beifall. Von dem Men-\ndelssohn'schen sprach vornehmlich der vierte Satz,\ndas Presto, ungemein an. Herr Köckert wurde von den Mitgliedern\nunserer Hofbühne und Hofcapelle unterstützt und allgemein aufge-\nfordert, ein zweites Concert zu geben. Das will in der That viel\nsagen; denn es strömt schon bei dem herrlichen Frühlingswetter\nin Massen hinaus ins Freie, und selbst die Räume des Theaters,\nan die man doch durch Gewohnheit gebunden, beginnen, sich zu\nlichten, und kaum vermögen die Gäste es nur halbwegs zu füllen.\nUnter den anwesenden ist Fräul. Mandl von Hamburg, die ein-\nmal aie Nachtwandlerin mit gutem Erfolge sang, und der Affe,\nHerr Klischnigg, der demnächst einem hochverehrten Adel und\ngeehrten Publicum im Hofiheater seine ausserordentlichen Kunst-\nstücke produciren wird. Und so wechseln Poesie und Prosa, Kunst-\nleistungen mit Seiltänzereien. So vortrefflich sonst die Leistungen\ndes Musentempels und seiner Administration in hiesiger Residenz\nsind, so scheint das doch ein Missgriff zu sein, wenn auch nur\nvorübergehender Natur. Im Lauie dieses Monats wird auch Fräul.\nLouise Meyer aus Prag zu Gastspielen erwartet, an deren Erfolge\nbei den bekannten Leistungen dieser vortrefflichen Sängerin nicht\nzu zweifeln ist. ,\nHerr von Flotow hat eine neue Oper, „Albin\", beendigt,\nwelche auf dem Kärnthnerthor-Theater zu Wien demnächst auf-\ngeführt werden wird.\nRubin stein hat in Wien vier Concerte gegeben. Ueber seine\nGompositionen sind die Stimmen sehr getheilt, und es ist eine förm-\nliche kritische Fehde darüber ausgebrochen, Als Virtuose jedoch\nstellt man ihn allgemein sehr hoch.\nDie Geburtsstadt Donizetti's, Bergamo, hat diesem Com-\nponisten ein Denkmal in ihrer Mitte errichtet.\nDie Sängerin Jetty Treffz, bekannt durch die einträgliche\nBegeisterung, in welche sie ganz England durch Kücken's „Trab,\ntrab!\" zu versetzen wusste, ist, nachdem sie einige Jahre auf ihrem\nLandsitze bei Wien ausgeruht, in Paris angekommen, um, wie es\nscheint, einen neuen Kunsttrab zu beginnen.\nIn Paris ist in dieser Woche eine neue Oper von Halevy:\n„Jaquaritta l'lndienneund zwar auf dem Theätre lyrique, gegeben\nworden, während die grosse Oper durch sein bestes Werk, „Die\nJüdin\", mit der Cruvelli und Gueymard (Eleazar) gute Ein-\nnahmen macht. Mit Scribe's und Verdi's „Vepres Siciliennes\"\nist man noch immer am Probiren. Die Sängerin Labor de ist\nzur Erfüllung ihres Contractes mit der kaiserlichen Opern-Direction,\nden sie ohne Einwilligung ihres Mannes unterzeichnet hatte, trotz\ndes Protestes desselben verurtheilt worden, im Weigerungsfälle zu\n50,0Üt) Frcs. Entschädigung.\nZu den Städten in Frankreich, welche beginnen, die deut-\nschen Musikfeste nachzuahmen oder wenigstens etwas diesen\nAehnliches ins Werk zu setzen, gehört auch Bordeaux, bisher\nmehr durch ein ganz anderes, auch keineswegs gering zu schätzen-\ndes, Wachsthum, als das der Tonkunst, rühmlichst bekannt. Seit\neinigen Jahren veranstaltet der dortige St.-Cäcilien-Verein jährlich\nein musicalisches Festival; das diesjährige, am 4. Mai, brachte\nBeethoven's Pastoral-Sinfonie und das Finale aus Spontini's\nVestalin; daneben aber freilich auch den „römischen Carneval\" von\nBerlioz und ein Finale aus Verdi's Ernani. Mademoiselle\nSherrington aus Brüssel sang neben dem Ave Maria von F.\nSchubert eine Arie aus Auber's Schwur und eine aus den Puri-\ntanern."}]}