{"numero_id": "bm-bmtnabi-1855-05-26-01", "volume": "bmtnabi_1855-05-26_01", "ocr_sha256": "eb7ead74a73c9de8f925759d1e1c35b9491672a8d40b63c3198e061105262736", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1855/05/26_01/bmtnabi_1855-05-26_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550526-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1855-05-26-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-05-26_01#c001", "volume": "bmtnabi_1855-05-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "161", "page_fin": "165", "image_debut": 1, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550526-01.2.1", "titre_corps": "Jephta und seine Tochter.", "titre_sommaire": "Jephta und seine Tochter.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "161", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550526-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3993, "texte": "Jephta und seine Tochter.\nOratorium von Karl Reinthaler.\nI.\nIndem wir über ein neues Oratorium zu berichten im\nBegriffe stehen, müssen wir beinahe um Entschuldigung bitten,\ndass wir eine solche Composition besprechen, und vollends,\ndass wir der Besprechung einige Vorbetrachtungen über\ndie Kunstgattung der Oratorien überhaupt voranschicken,\nweil wir nämlich in einer Zeit leben, in welcher es sich\ngar Viele zur Aufgabe machen, die Welt gegen alles Schöne\nin der Tonkunst, das innerhalb der alten Formen zur Erschei-\nnung kommt, grundsätzlich von vorn herein einzunehmen.\nZu den Kunstgattungen, welche sich nach der Meinung\nder jungdeutschen musicalischen Aesthetiker überlebt ha-\nben und in die Rumpelkammer des Monumentalen gehören,\ndie sie lieber auf ewig hermetisch verschliessen möchten,\nda die Geister, die man hineinbannt, wenn sie dann und\nwann wieder erscheinen, ihnen sehr unbequem, ja, unheim-\nlich, weil erdrückend, werden zu diesen Kunstgattungen\ngehört vor allen das biblische oder, noch allgemeiner ge-\nfasst, das christliche Oratorium. Eine Abtheilung der neue-\nren Schule, diejenige nämlich, welche in der Vocalmusik\nder Dichtkunst und nicht der Tonkunst, dem Worte und\nnicht dem Tone die Hauptrolle zutheilt, verwirft die christ-\nlichen und im Besonderen die biblischen Stoffe ganz und\ngar und will, entweder dass die Oper oder das musicali-\nsche Drama die einzige Kunstform für die Vocalmusik sei,\noder dass die Stoffe für grössere Gesangswerke aus dem\nLeben gegriffen werden sollen (was eines der beliebten\nSchlagwörter ist), aus der Poesie der Gegenwart oder we-\nnigstens doch aus der modernen Weltanschauung.\nWir wollen dieser Umwälzungs-Theorie keineswegs\nihre Berechtigung absprechen; auch besitzen wir bekannt-\nlich bereits einige Werke, welche ihren Grundsätzen ent-\nsprechen und ehrenwerthe Anerkennung verdienen. Auch\nwird kein Mensch behaupten wollen, dass das Oratorium\nzu einer vollendeten Form durchgedrungen sei, ja nur, dass\nder oratorische Stil sich als ein feststehender, über dessen\nWesen und Erfordernisse wir ganz im Riaren wären, ge-\nbildet habe. Es ist unter den Händen der grössten Com-\nponisten doch nur eine Zwitterform geblieben, in welcher\nsich Episches, Lyrisches und Dramatisches in einander\nmischen. Sehr richtig zeigt Chrysander in seiner kleinen\nSchrift „Ueber die Moll-Tonart und über das Oratorium\",\ndass das Oratorium nicht eine aus kleinen Anfängen her-\nvorgegangene und sich allmählich entwickelnde Form sei,\nderen lebendiges Fortwachsen irgendwie nachzuweisen,\ndass es keine Geschichte habe, sondern mit jedem neuen\nOratorium, mit jedem neuen Componisten von vorn an-\nfange; daher die bunte Vielheit seiner Form und eine bloss\nnegative Gatlungs-Einheit.\nEben so richtig ist es, dass die Dramatik im Ora-\ntorium eine blosse Ideal-Dramatik ist; ihr Haltpunkt liegt\nnur in der Phantasie des Zuhörers, nicht in der sinnlichen\nLebendigkeit einer vor unseren Augen sich entwickelnden\nzusammenhangenden Handlung, und noch weniger in der\nCharakteristik von Persönlichkeiten. Gehen wir auf Hän-\ndel, den eigentlichen Begründer der Gattung zurück\ndenn alles Frühere, was aus den Mysterien und Passions-\nspielen im Mittelalter hervorgegangen sein mag, kann nicht\nin Betracht kommen—, so ist es sicher, dass er das wirk-\nliche Drama, die scenische Darstellung als das Vollkom-\nmenere im Auge hatte, und ihn äussere Gründe veran-\nlassten, sich in die oratorische Form, als Ersatzmittel\njener, zurückzuziehen. Das thut der Hoheit seines Genius\neben so wenig Abbruch, als wenn Ilaydn auf die Frage,\nwarum er so viele Quartette und kein Quintett geschrie-\nben, ganz unbefangen antwortete: „'s isch mir halt keins\nbestellt worden.\"\nWir geben also alles dieses zu. Will man uns aber\ndaraus die Verwerflichkeit des Oratoriums überhaupt be-\nweisen, will man daraus folgern, dass Oratorien gar nicht\nmehr geschrieben werden dürften» so sind wir der ganz\nentgegengesetzten Meinung und stellen die Behauptung auf:\nSo lange die Musik noch als eine selbststän-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "162", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550526-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5065, "texte": "dige Kunst gelten soll und mit dem Aufgeben die-\nses Standpunktes beginnt nicht nur ihre Herabsetzung und\nEntwürdigung, sondern ihre gänzliche Auflösung—, so\nlange muss auch das Oratorium als eine der\nallerwesentlichsten Formen, in denen sich\ndiese Kunst offenbaren kann, bewahrt, ge-\npflegt und mit Anwendung der Mittel, welche der Fort-\nschritt im Materiellen und im Intellectuellen darbietet, an-\ngebaut werden.\nUnsere Zeit ist viel zu sehr geneigt, zu theoretisiren,\nund namentlich in der Kunstlehre allgemeine Normen auf-\nzustellen, welche für alle Künste gelten sollen. Wir sind\nentschiedene Gegner dieser Art des Philosophirens; sie hat\nihren Werth für die Wissenschaft der Kunst überhaupt,\ndas ist keine Frage: aber sie verführt schwache Geister\nund besonders auch die Jugend gar zu leicht, allgemeine,\nblendende Kategorieen auf eine besondere Kunst zu über-\ntragen, auf welche sie keine Anwendung finden können.\nMan suche, so lange man will, eine erschöpfende Definition\ndes Schönen: wir sind so dreist, zu behaupten, dass nicht nur\ndas Plastisch-Schöne und das Musicalisch-Schöne, sondern\nauch das Poetisch-Schöne—d. h. im besonderen Sinne,\nwie es sich durch das Mittel der Sprache offenbart—und\ndas Musicalisch-Schöne ewig verschieden sein werden.\nWir müssen daher nochmals die Ueberzeugung aus-\nsprechen, über welche unsere Zeitschrift von Anfang an\nbis jetzt als ein erläuternder Commentar zu betrachten ist:\ndass die Künste, wenn sie wahrhaft gedeihen sollen, ge-\nsondert gehalten werden müssen, und dass sowohl In-\nhalt als Form der Musik aus ihrem eigenen Wesen, aus\ndem Wesen und den ästhetischen Gesetzen der Tonkunst,\nnicht aus denen der Poesie oder Malerei oder irgend einer\nanderen Kunst zu erläutern und zu würdigen sind.\nWohl verstanden, auch die Form. Kommen wir auf\ndas Oratorium zurück. Da schreien die Raben im Walde\njungdeutscher Musik-Philosophie: „Weg, weg mit ihm!\nkreuziget es!\" Und warum? Weil es kein Drama, oder\nkein Epos, oder kein lyrisches Gedicht ist! Das heisst also\nnichts Anderes, als weil seine dichterische Form mangel-\nhaft ist. Wir behaupten aber, die Form des Oratoriums\nsei eben so, wie die Form des Liedes, der Cantate, der\nOper u. s. w., der Musik und nicht der Poesie wegen\nerlunden, und desswegen müsse sie nach ihren musica-\nlischen Eigenschaften, nicht nach den dichterischen, ge-\nwürdigt werden. Was wurde man von dem Kritiker eines\nGedichtes, von dem Beurtheiier eines Gemäldes, einer Bild-\nj\nsäule oder eines Architekturwerkes sagen, wenn er sein\nverwerfendes Urtheil etwa so formulirte: „Ich finde recht\nviel Schönes darin; allein ich vermisse die Einheit der mu-\nsicalischen Rondo-Form, und desshalb kann dieses Kunstwerk\nvor dem Richterstuhle der Aesthetik nicht bestehen\" ?\nNun fragen wir jeden Vernünftigen, ob er nicht dem\nDichter, Maler, Bildhauer oder Architekten Recht geben\nwürde, welcher diesen Kritiker für etwas Weniges verrückt\nerklärte? Und wir Musiker? wir allein sollen uns lür\nunsere Kunst fremde Regeln aufdringen lassen, und ge-\nduldig den Nacken beugen und den Mund halten, wenn\nuns ein Poet, ein Bildhauer, ein Architekt, ein Philosoph\nnach seinen Systemen meistert? Werden wir nicht end-\nlich den Muth fassen, einen gelehrten Herrn, der in einem\nWerke der Tonkunst die poetische oder architektonische\nEinheit vermisst, mit dem Hut in der Hand wenigstens\nschüchtern zu fragen: „ Gnädiger Herr, was meinen Dero\nGestrengen denn zu der musicalischen Einheit des\nWerkes?\" Stutzt der Mann darauf und erwidert etwas\nverblüfft: „Musicalische Einheit? was wollen Sie damit sa-\ngen ?\" und ihr stülpt dann den Hut nicht urplötzlich auf den\nKopf und kehrt ihm den Rücken zu, so ist euch freilich\nnicht zu helfen. Leider aber gibt es Musiker (d. h. Leute,\nwelche die Musik zu ihrem Berufe gewählt haben), die ge-\ngen ihr eigenes Fleisch wüthen und ihre Kunst nach der\nSchnur und Schablone einer anderen zu messen beflissen\nsind.\nSo allgemein diese Bemerkungen scheinen, so stehen\nsie doch mit dem besonderen Zwecke dieses Aufsatzes in\ngenauer Verbindung. Jede musicalische Kunstgattung und\nKunstform muss nach ihrem Werthe für die Musik ge-\nwürdigt werden; wenn die Vocal-Musik eine andere Kunst,\ndie Dichtkunst, zu Hülfe nimmt, um sich auszusprechen,\nso thut sie dies offenbar nicht, um das sprachliche Wort\nverständlich zu machen, denn das wird durch Vorlesen un-\nstreitig besser erreicht, als durch den Gesang, sondern um\ndurch das Gedicht eine Grundlage lür die Entwicklung\nmusicalischer Gedanken zu erhalten. So prosaisch\ndieses nun auch klingen mag, so bleibt es doch ewig wahr,\ndass bei der angewandten Musik eben so, wie bei der rei-\nnen, der musicalische Gedanke und nicht der poetische,\nwelcher ihn veranlasst hat, die Hauptsache ist; wo die mu-\nsicalische Phantasie nicht selbstschöpferisch wirkt, wo die\nComposition eines Gedichtes nur eine nach Höhe und Tiefe,\nStärke und Schwäche modulirte Uebertragung der Decla-\nmation aus der Wort- in die Ton-Sprache ist, da kann von\neinem musicalischen Kunstwerke nicht die Rede sein. Dies\nist so einfach und so sehr durch die Erfahrung bestätigt"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "163", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550526-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5164, "texte": "(indem wir in der Literatur der Vocal-Musik Tausende von\nBeispielen haben, dass ein sehr schöner und hochpoetischer\nText auf triviale Weise componirt ist, und ein anderer,\nder keineswegs ein dichterisches Kunstwerk ist, einem mu-\nsicalischen Genie Veranlassung zu den herrlichsten Gesän-\ngen gegeben hat), dass es als ein Zeichen der Verirrungen\nunserer Zeit in der Lehre vom Musicalisch-Schönen betrach-\ntet werden kann, dass man einen solchen Salz, der sich,\nim Grunde von selbst versteht, noch besonders aufstellen\nund so oft wiederholen muss.\nKein Vernünftiger wird aus dem Gesagten folgern\nwollen, dass wir dadurch einer Vocal-Musik, welche sich\num Inhalt, Charakter und Geist des Textes nicht kümmere\nund ihn nur wie ein Gewebe zum Auftrage von musicali-\nscher Stickerei betrachte, das Wort reden wollten. Der\nIrrthum Wagner's und Genossen liegt eben darin, dass sie\ndie fehlerhafte Anwendung des Grundsatzes für einen\nFehler des Grundsatzes selbst halten. Wenn sie gegen jene\neifern, so sind wir natürlich auch dabei; aber ein Vocal-\nMusikstück, heisse es nun Oper oder sonst wie, in wel-\nchem die Musik nur als Mittel des Wort-Ausdrucks ge-\nbraucht wird und keine selbstständige Schönheit entfalten\ndarf, ist ein musicalisches Unding. Davon kann man sich\nauf der Stelle überzeugen, wenn man auf dergleichen De-\nclamations-Exempel die Probe macht, das heisst, sie ohne\nText vorträgt; was alsdann keine Musik ist, wird es auch\nmit den Textesworten zugleich nicht sein. Man lasse aber\neinmal Mozart's Finales oderHändel's Halleluja ohne Worte\nspielen, welch eine herrliche Musik wird es bleiben! Und\nwer könnte es wagen, zu behaupten, dass diese Musik nicht\nmit ihrem Texte in vollstem Einklang stehe, oder auch nur,\ndass sie falsch declamire? Da ist vollständiger Ausdruck\nder Stimmung, des Charakters, ja, des Wortes, und den-\nnoch über alles das hinweg Musik, selbstständig schöne\nMusik! Man sage nicht etwa vorwerfend: „Du führst\naber auch gleich die vollendeten Muster der grössten Ge-\nnie's an!\" Wir verlangen keineswegs, dass jeder Com-\nponist ein Händel oder Mozart sein solle; aber wenn wir\ndie Lehre vom Schönen einer Kunst nicht aus den voll-\nendeten Mustern in derselben ziehen sollen, woher sollen\nwir sie dann nehmen? War etwa der Canon des Praxiteles\neher vorhanden, als seine Bildsäulen, oder Horatius' Ars\npoetica früher, als Homer und Sophokles? Es kann in der\nThat, wenn man der Sache auf den Grund geht, nichts\nVerkehrteres geben, als die Lehre vom Wesen des Schö-\nnen in einer Kunst, von ihrer Bestimmung und ihrer\nWirksamkeit, nicht aus den mustergültigen Schöpfungen\nderselben, sondern aus dem von allem wirklich Vorhande-\nnen absehenden Denken construiren zu wollen!\nWenden wir nun das Gesagte auf das Oratorium an,\nund beurtheilen v/ir den Werth dieser musicalischen Kunst-\ngattung vor Allem als Musiker, so werden wir gestehen\nmüssen, dass die Tonkunst keine andere Gattung hat, in\nwelcher sich ihre grossartigsten und wirksamsten Erschei-\nnungen in so breiten und vollendeten Formen entfalten\nkönnen, als gerade in dieser. Der Chorgesang, diese Krone\nder deutschen Musik, dieser Triumph der Polyphonie und,\näusserlich genommen, dieser einzige Halt und Kitt der\ndeutschen Gesang-Vereine und Sing-Akademieen, und folg-\nlich die wirksamste Vermittlung zwischen Kunst und Leben\nund zwischen Kunst und Religion, wodurch ist er das ge-\nworden. was er ist? wodurch ist er zu der Grösse und\nMacht entwickelt und emporgebracht worden, die wir an\nihm bewundern, wenn nicht durch die Oratorien? Wo las-\nsen sich diejenigen Formen, welche für die Selbstständig-\nkeit der Tonkunst am wichtigsten und lür das Wissen und\nKönnen in ihr am entscheidendsten sind, nämlich die con-\ntrapunktischen jeglicher Art, besser zur Geltung bringen,\nals in den Oratorien? Wo finden wir ausserhalb derselben\neine Gelegenheit, die Gewalt der Zusammenwirkung der\nso unendlich gesteigerten Instrumental-Mittel mit der Kraft\nder menschlichen Stimmen in Massen auf gleiche Weise zu\noffenbaren? Wo ist endlich eine Form, aus welcher die\nMuse der Tonkunst reiner und keuscher sich emporhebt?\nWo ist eine Gattung von Vocal-Musik, in welcher die Wir-\nkung so einzig und allein auf dem inneren musicalischen\nGehalte beruht, in welcher die Tonkunst so frei von allen\nFesseln, aber auch so nackt und bloss von allem äusseren\nblendenden Schimmer, von aller sinnlichen Umgebung sich\nin geistiger Verklärung zum Himmel schwingt? Ohne die\nBezauberung der Sinne durch Pracht der Malerei, ohne den\nReiz und die Theilnahme, welche eine persönliche Darstel-\nlung erregt, ohne Ueberraschung durch theatralische Effecte,\nohne elektrische Sonne und Feuerregen, ohne Samiel und\nVenus, ohne Pferde und ohne Schwan, ohne Vesuv und\nohne Hörselberg, ist es nur die Macht der Töne, die uns\nergreift, und wenn die Musik im Oratorium einen Sieg\nfeiert, so hat sie ihn durch sich selbst errungen, und bei\nihrem Triumphzuge schaut die Welt dann auf sie, nicht\nauf die Löwen oder feuerspeienden Drachen, die ihren Wa-\ngen ziehen.\nUnd eine Kunstgattung, die solche Vorzüge in sich\nvereinigt, soll sich überlebt haben, soll aufgegeben werden ?\nWesshalb? Chrysander (der übrigens bei Leibe nicht mit"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "164", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550526-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5147, "texte": "den modernen Bilderstürmern in Eine Classe zu werfen ist,\ndenn er geht auf etwas ganz Anderes, das gerade diesen\nin weitester Ferne liegt, aus, nämlich auf die Berechtigung\nder Tonkunst als nothwendigen Gliedes des Gottesdienstes)\nmeint, weil im Oratorium der Inhalt es nicht zu einer ent-\nsprechenden Form gebracht habe; denn alles Grosse, was\ndie Kunst im Oratorium geschaffen, habe seinen Grund im\nGeiste, nicht in der Form. Unser geschätzter Mitarbei-\nter scheint hier auch den musicalischen Standpunkt nicht\nganz festgehalten zu haben, sonst würde er gesehen haben,\ndass gerade sein Ausspruch, dass alles Grosse im Oratorium\ndem Geiste, d. h. dem musicalischen Genie, zu verdanken\nsei, der oratorischen Form eine gar starke Berechtigung\nzur Fortdauer gibt. Wenn er nun vollends an anderer\nStelle sagt: „Beim Oratorium ist Alles in die Hand\ndes Componisten gegeben, von ihm hängt der Werth\neines Oratoriums, die Möglichkeit, es als Ganzes erfassen\nzu können, in einer Weise ab, wie bei keinem anderen\npoetisch-musicalisehen Kunstwerke\" so ist\ndies gerade das, was wir brauchen, nämlich, dass die Mu-\nsik die Hauptsache dabei sei, und dass eben desswegen\neine Form, welche der Musik als selbstständiger Kunst\neinen Spielraum gibt, wie keine andere (in der Vocal-Mu-\nsik), dem Untergange keineswegs geweiht werden dürfe,\nwenn man nicht den Untergang der Musik als selbstständi-\nger Kunst beschleunigen wolle. Wenn Chrysander dann\nfortfährt: „Hieraus erklärt sich die besondere Hochach-\ntung, deren wir den Componisten eines bedeutenden Ora-\ntoriums für würdig halten; ist es ihm gelungen, einen er-\nhabenen Inhalt zu bewältigen, so ist dies das beste Zeug-\nniss der Kraft und Tiefe seines Innern, und mit Ehrfurcht\nnahen wir uns dem Denkmale seines hohen Geistes\" so\nsind wir zufrieden; weiter wollen wir nichts zur Empfeh-\nlung der Festhaltung am Oratorium; denn eine Kunstgat-\ntung zu wahren und hoch zu halfen, welche am besten die\nKraft und Tiefe eines musicalischen Genius offenbart, das\ndürfte denn doch wohl zu jeder Zeit, also auch noch heut-\nzutage, gar sehr der Mühe werth sein.\nSo wie es nun aber auf der einen Seite thöricht wäre,\ndie Benutzung der Fortschritte, welche die Musik bis zu\nunserer Zeit in Rücksicht auf Klang- und Ausdrucks-Mittel,\nso wie auf abgerundetere und vollkommenere Formen (z.\nB. der Arie) gemacht hat, aus dem Oratorium zu verwei-\nsen, eben so erheischt auf der anderen Seite auch die Be-\nhandlung des Textes die strengere Beachtung der Forde-\nrungen der Poetik. Das heutige Oratorium wird sich also\ndurch den Reichthum und Glanz des Orchesters und durch\ndie gewandle Behandlung des Formellen, ferner durch In-\nhalt und Form des Gedichtes als ein Kind der Gegenwart\nzu legitimiren haben.\nEs entsteht nun die Frage, ob der Inhalt des Textes\nchristliche Poesie bleiben solle. Wir antworten unbedingt:\nJa. Man hat besonders gegen die Stoffe aus der biblischen\nGeschichte geeifert, als nicht gemäss der Wellanschauung\nunserer Zeit, nicht volksthümlich, nicht mit dem Leben\nverwachsen. Dem ist aber in der Wirklichkeit durchaus\nnicht so; wir haben nun einmal leider keine volkstümliche\nErziehung, und die Bildung aller der Individuen, welche\nvereint den Begriff Volk ausmachen, nimmt die allerver-\nschiedensten Wege, indem sie den Einen durch den Orient,\nden Anderen durch Griechenland und Italien, den Dritten\ndurch Frankreich und England u. s. w. zum Ziele oder we-\nnigstens dem Ziele entgegen führt. Das Christenthum aber\nist neben der Muttersprache das Einzige, was Allen ge-\nmeinsam ist; die christliche Weltanschauung ist die herr-\nschende, in ihr und auf der historischen Grundlage dersel-\nben wachsen wir auf, und die Geschichte des Evangeliums,\nso wie die Geschichten des alten Testamentes sind uns viel\nbekannter, und wir fühlen uns in ihnen viel heimischer, als\nin den Phantasieen der Indier, oder den Sagen der Helle-\nnen, oder selbst unter den Gestalten der Nibelungen und\nder deutschen Romantik des Mittelalters.\nWenn wir also darauf bestehen, dass der Stoff des\nOratoriums fort und fort aus der biblischen Geschichte, der\nchristlichen Lehre, Legende und Sage genommen werde, so\nfordern wir eben so dringend, dass dieser Stoff künstle-\nrisch gestaltet und nicht bloss als hölzernes Gerüst für\nden Aufbau der Musik, das man wegräumt, sobald die mu-\nsicalischen Bogen darüber gewölbt sind, aufgestellt und be-\nhandelt werde. Das Gedicht des Oratoriums sei ein wirk-\nliches Gedicht, bei welchem Einheit und Steigerung\nder Handlung Hauptsache ist, während es im Zuschnitt des\nGanzen und in der Form des Einzelnen sich den Forde-\nrungen, welche für die musicalische Composition unerläss-\nlich sind, fügt. In dieser Hinsicht ist noch viel zu thun und\nein Fortschritt nöthig, auf dass das Oratorium ein poetisch-\nmusicalisches Kunstwerk werde. Natürlich wird und muss\nan der Gestaltung desselben zu einem solchen die Musik\nimmer das Meiste thun; allein die Poesie, wenn auch un-\ntergeordnet, kann zu grossem Theil verhindern, dass das\nOratorium in seiner zweiten Abtheilung, welche bei so vie-\nlen sonst trefflichen Werken oft gar sehr gegen die erste\nabfällt, entweder durch Wiederholung oder durch gezwun-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "165", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550526-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 809, "texte": "Gene Ausdehnung Einer und derselben Situation und Einer\nund derselben Empfindung langweilig werde.\nAus diesem Grunde sind wir denn auch gegen die Zu-\nsammenstellung des oratorischen Textes aus Bibelstellen und\nmit biblischen Worten. Die Benutzung der biblischen\nSprache bei der dichterischen Bearbeitung eines Oratorien-\nstoffes ist gewiss zu empfehlen, und wir sind darin mit\nMendelssohn ganz einverstanden, der uns bei Gelegenheit\nder Stelle in seinem Lobgesang: „Hüter, ist die Nacht\nbald hin?\" u. s. w. einmal schrieb: „Was doch in jenen\nMenschen alles schon geruht und sich so herrlich ausge-\nsprochen hat!\" Aber wir glauben trotzdem für die Bele-\nbung und Vervollkommnung des Oratoriums eine zeit- und\nvolksgemässe poetische Form in Sprache, Rhythmus, Reim\nund allem, was dazu gehört, fordern zu müssen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-05-26-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-05-26_01#c002", "volume": "bmtnabi_1855-05-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "165", "page_fin": "166", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550526-01.2.2", "titre_corps": "Aus London.", "titre_sommaire": "Aus London.", "signature_source": "C. 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Mai ging Verdi's\nTrovatore zum ersten Male in Scene, also endlich einmal\neine neue Erscheinung; allein ich iürchte sehr, dass ihres\nBleibens keine lange Zeit sein wird. Die Ausstattung, na-\nmentlich an Decorationen, Zigeuner-Lager u. s. w. war\nsehr schön, die Besetzung vortrefflich durch Madame Viar-\ndot (Zigeunermutter), Fräul. Ney (GräfinLeonore), Tam-\nberlik (Manrico), Graziani und Tagliafico. Aber der\nInhalt der Handlung und die Musik? Diese sind leider\nbeide so verzerrt, geschraubt, ja, verrückt, dass man über\nsolche Caricatur der wahren Kunst zugleich lachen und\nweinen möchte. Eine unerquicklichere, abgeschmacktere\nund aus allerlei schon dagewesenen Effectscenen wider-\nlicher zusammengeschvveisste Geschichte, als dieser Trouba-\ndour-Graf-Zigeuner in Einer Person, ist wohl noch nie auf\ndie Bühne gekommen und durch vier Acte hingezerrt\nworden! *)\nSignor Verdi hat diesen grausigen Stoff durch seine\nMusik eben nicht veredelt und verschönert. Die drei ersten\nActe sind nicht viel mehr, als ein langweiliger Prolog zum\nvierten. Gesang und Instrumentation sind in einem solchen\nGrade ärmlich und monoton, dass sie selbst dem, der von\ndiesem phantasielosen Componisten nichts Anderes erwar-\ntete, auffallend sind. Die zwei Lieblingsbronnen desselben,\naus denen seine musicalischen Effecte quellen, sind das Uni-\nsono und die Octave. Der Chor brüllt im Unisono, die So-\nlisten singen im Unisono, die Saiten- und Blas-Instrumente\nstreichen und flöten im Unisono. Wem das nicht durch\ngrossartige Einfalt imponirt, der hat keinen Sinn für Natur-\nschönheit in der Kunst! Diesen abgetragenen, fadenschei-\nnigen Mantel wirft Verdi stets seinen Gestalten um, sobald\ner bange ist, dass ihr klapperiges Skelett allzu sichtbar\nwerde, und durch ein riesig wachsendes Crescendo, gegen\nwelches die Erfinder desselben, Spontini und Rossini, wahre\nKinder sind, hüllt er sie am Ende durch das Feuer der\nPosaunen und Trompeten und Metallglocken in einen ben-\ngalischen Flammenglanz, vor dem der Liebhaber einer\nFeuersbrunst mit Staunen den Mund aufsperrt, dem der\nGenius der Tonkunst aber mit Verachtung den Rücken\nkehrt. In der Instrumentation haben wir übrigens an vielen\nStellen eine merkwürdige Aehnlichkeit mit einem gegen-\nwärtig berühmten, zukünftig erst ganz zu erkennenden,\ndeutschen Componisten gefunden, die sich namentlich in\ndem Geschwirre auf der höchsten Applicatur der Quinte\nder Geigen, in Verbindung mit dem Unisono der Flöten,\nso wie in der Vorliebe für die Wirkung durch Blech be-\nkundet.\nIm Drurvlane-Theater hat neulich der kleine Pianist\nj\nArthur Napoleon einen grossen Erfolg gehabt; sein\nvollendeter Vortrag der Phantasie von Thalberg über The-\nmata aus Moses von Rossini erregte einen ungeheuren Bei-\nfall. Nach dem Hervorruf spielte er eine Concert-Polka von\nWallace, welche das Publicum vollends zu rauschendem\nApplaus und wiederholtem Hervorruf anregte. Es scheint\nallerdings ein geniales Auffassungs- und Reproductions-Ta-\nlent in dem Knaben zu liegen.\n\n*) Wir lassen die Analyse des Inhalts dieses wunderlichen Dra-\nma's durch unseren Herrn Correspondenten desswegen nicht\nabdrucken, weil unsere Leser bereits eine ausführliche Dar-\nstellung desselben aus den Briefen unseres pariser Bericht-\nerstatters (Nr. 6 dieses Jahrgangs vom 10. Febr.) kennen.\nDie Redaction."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "166", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550526-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3376, "texte": "In den philharmonischen Concerten unter R.\nWagner's Leitung sind Beethoven's neunte Sinfonie und des-\nsen Pastoral-Sinfonie, und von Wagner's eigener Compo-\nsition einige Stücke aus Lohengrin und die Ouvertüre zum\nTannhäuser vorgekommen. Auf die Zusammenstellung der\nProgramme hat Wagner sehr wenig Einfluss, und er muss\nsich schon bequemen, weil der Vorstand des Vereins auch\nseinen Kopf hat, Mozart und Weber (Ouvertüre zu Pre-\nziosa), ja, Paer, Meyerbeer und Ricci zu dirigiren. Zur neun-\nten Sinfonie war sein bekanntes Programm in mehreren\nBlättern in englischer Uebersetzung abgedruckt. Es fand\nBeifall, und da die Engländer nicht wussten, dass das, was\nes enthält, in deutschen Blättern schon oft gesagt war, so\nerwarb es ihm Freunde, wie es denn auch wohl das Beste\nist, was er in dieser Art geschrieben hat. Dagegen fiel man\nüber seine Deutung der Sinfoni namentlich über\ndie Verherrlichung des „Weiblichen\" im letzten Satze,\nganz unbarmherzig her. Ich war leider verhindert, der Auf-\nführung der neunten Sinfonie beizuwohnen, ich habe sie\njedoch fast überall rühmen hören. Dagegen sollen die Sa-\nchen aus Lohengrin, welche in demselben Concerte aufge-\nführt wurden, sehr wenig angesprochen haben; es mag das\nfreilich auch an ihrer Vereinzelung, an dem Herausreissen\naus dem Ganzen gelegen haben, und ich begreife überhaupt\nnicht, wie Wagner zu einem solchen Zerstückeln, das ja\nseinem System vom musicalischen Drama ganz; und gar wi-\nderspricht, seine Einwilligung geben kann! Und sollte er\nwirklich nicht wissen, dass seiner Musik überhaupt nichts\nnachtheiliger sein kann, als die Aufführung im Concertsaale?\nDas wäre eine grosse Verblendung über den absoluten\nWerth derselben.\nIm letzten Concerte wurde die Mozart'sche Sinfonie\nin Es geradezu gemisshandelt, und ich habe entweder nie\neinen grösseren Mangel an Verständniss einer Composition,\noder einen grösseren Vorrath von einer Eitelkeit gesehen,\nwelcher die Pietät ein Götze und die eigene Persönlichkeit\nein Gott ist, nämlich ein solcher, der durch „Neues um\njeden Preis\" Wunder thun will. Mit Recht sagt die Musi-\ncal World:„0, wie neu! o, wie herrlich! murmelten die\nErwählten— 0 Jemine! riefen die Uneingeweihten, deren\nFluch ewige Finsternissist!\" Dann fährt sie fort:\n„Durch die Tannhäuser-Ouverture wurde lür das ge-\ngenwärtige Geschlecht der Londoner ein Genuss anticipirt,\nder eigentlich erst den zukünftigen bestimmt ist.\" Dann\nspricht sie vom „ Boreas der Harmonie, der darein blies,\nund von dem Verblüfftsein des Publicums, welches (mit\nAusnahme der Erwählten) sein Urlheil auf die Zukunft ver-\ntagte.\"—Ich lüge die historische Notiz hinzu, dass der\nversuchte Dacapo-Ruf keinen Anklang fand.\nDie Pastoral-Sinfonie wurde, im Ganzen genommen,\ngut gespielt. Im Allgemeinen ist mir bei Wagners Auffas-\nsung der Tempi, nicht bloss in dieser Sinfonie, sondern in\nallem, was er bis jetzt hier dirigirt hat, etwas aufgefallen,\nwas man sonst nur bei Dilettanten findet, dass sie nämlich\ndie langsamen Zeitmaasse schleppen und die schnellen\nüberstürzen.\nUnsere deutsche Sängerin, welche trotz ihrer Verhei-\nrathung hier immer noch Fräulein Ney heisst, sang die\ngrosse Arie aus Mozart's Entführung aus dem Serail und\ndie Cavatine der Alice aus Meyerbeer's Robert, und regte\nbesonders durch die letztere das Publicum zu lebhaftestem\nBeifalle auf. Halle spielte Chopin's erstes Concert mit\nMeisterschaft.\n\nC. A."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-05-26-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-05-26_01#c003", "volume": "bmtnabi_1855-05-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "166", "page_fin": "167", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550526-01.2.3", "titre_corps": "Nekrologe.", "titre_sommaire": "Nekrologe.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "166", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550526-01.1.6", "debut_caractere": 3378, "fin_caractere_exclue": 4905, "texte": "Nekrologe.\n1. Camille Pleyel.\nAm 4. Mai ist zu Paris Camille Pleyel, ein tüch-\ntiger Musiker und ein grosser Meister im Ciavierbau, ge-\nstorben.\nEr war den 18. December 1788 geboren, ein Sohn\ndes berühmten Ignaz Pleyel, jenes unendlich fruchtbaren\nComponisten, der freilich jetzt vergessen ist, aber lange Zeit\nhindurch der Liebling der Dilettanten war, und dem man\neine gewisse Leichtigkeit und Anmuth der Melodie nicht\nabsprechen kann, wenngleich alle Tiefe fehlte. Der Vater,\nder aus dem Sohne einen Künstler machen wollte, übergab\nihn zum Unterrichte an Dusseck; er bildete sich zu einem\nguten Ciavierspieler aus und componirte auch in seiner Ju-\ngend mehrere Quartette, Trio's, Sonaten und Salonstücke\nin damaliger Art. Kalkbrenner sagt in einem seiner letzten\ntheoretischen Werke, dass Hummel, Chopin und C. Pleyel die\ndrei Pianisten wären, welche die Natur am meisten für die\nfreie Phantasie begabt hätte. Von diesem Talente gab Pleyel\nindess nur in früheren Jahren, und auch dann nur im en-\ngeren Freundes-Cirkel, Beweise.\nDesto grösser und umfassender war seine Thätigkeit\nals Ciavierbauer und Vorsteher einer der bedeutendsten\nund berühmtesten Instrumenten-Fabriken in Europa. Im\nJahre 1825 gründete er mit Kalkbrenner das Haus Pleyel\n& Comp, und hat ihm dreissig Jahre lang mit verständiger\nUmsicht, ausgezeichneter Thätigkeit und mit Glück vorge-\nstanden. Dieses grossartige Etablissement, in dessen weit-\nläufigen Räumen\" sich auch ein schöner Concertsaal befin-\ndet, liefert jährlich 14—1500 Instrumente jeglicher"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "167", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550526-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3455, "texte": "Form, Flügel, Pianino's, Tafel-Claviere u. s. w., und be-\nschäftigt durchschnittlich 350 360 Arbeiter. Das Wohl\ndieser war ein beständiges Ziel der Fürsorge Pleyel's, der\nnicht nur Verstand, sondern auch ein Herz hatte, das lür\ndie Menschheit und für alles Gute schlug. Ein Beweis der all-\ngemeinen Achtung, die man ihm zollte, war auch sein Begräb-\nniss, bei dem mehr als 2000 Menschen aus allen Classen der\nGesellschaft der Leiche folgten. Er war Ritter der Ehrenlegion\nund erhielt vier Mal Preis-Medaillen bei Ausstellungen.\nDie Fabrik wird wahrscheinlich von dem als Clavier-\nspieler und Componist bekannten August Wolff, den\nPleyel in den letzten Jahren zum Geschäftsgenossen genom-\nmen hatte, fortgeführt werden.\n2. Henri Bishop.\nHenri Bishop war der fruchtbarste, bekannteste und\nnationalste Componist, den England gehabt hat. Seit Pur-\ncell hat sich bekanntlich kein bedeutendes Genie auf dem\nFelde der Compositum in Grossbritannien aufgethan; allein\nBishop hatte es, und nicht ohne Grund, doch zu einem gros-\nsen Rufe in seinem Vaterlande und auch zum Bekanntwer-\nden im Auslande gebracht.\nEr war in London im Jahre 1782 geboren und stu-\ndirte die Composition bei dem Italiännr Bianchü Im Jahre\n1806 schrieb er zuerst die Musik zu einem Ballet, welches\nbei Hofe aufgeführt wurde. Seine erste Oper, „ Die Braut\nvon Circassien\", wurde 1809 auf dem Drurylane-Theater\ngegeben; in derselben Nacht entstand Brand, und die Flam-\nmen verzehrten das Theater und Bishop's Partitur.\nDie Directoren von Coventgarden schlössen mit ihm\neinen Vertrag auf fünf Jahre, vermöge dessen er sich ver-\npflichtete, alles Musicalische für diese Bühne zu „ compöni-\nren, arrangiren und dirigiren\". Er trat diese Stelle 1810\nan und brachte die Oper „Der Ritter vonSnowdown\", de-\nren Text nach Walter Scott's „Frau vom See\" bearbeitet\nwar, mit Erfolg auf die Bühne. Er behielt die Direction in\nCoventgarden zehn Jahre, stellte sich dann, erst mit einem\nGeschäftsgenossen, später allein, an die Spitze der Unter-\nnehmung zur Aufführung von Oratorien, wurde Professor\nan der Akademie der Tonkunst zu London und Mit-Director\nder philharmonischen Gesellschaft.\nEr hat viel dramatische Musik geschrieben, allein sei-\nnen hauptsächlichen Ruf und seine Popularität im britischen\nReiche verdankt er seinen Liedern; er hat eine unzählige\nMenge von Gesängen, Balladen, Glees u. s. w. componirt\nund in den meisten den nationalen Charakter und den Volks-\nton vorzüglich gut getroffen. Auch als Sammler hat er Ver-\ndienst, indem er die musicalische Literatur mit einem Bande\n„Melodieen verschiedener Nationen\" und drei Bänden „Na-\ntional-Melodieen\" bereichert hat.\nUnd trotz seines Rufes und seiner Popularität und sei-\nner wirklichen Verdienste ist dieser Mann, einst zu den\nersten Notabilitäten Londons gehörig, vor wenigen Wochen,\nim Anfange dieses Monats Mai, in Sorgen und Elend ge-\nstorben! Es scheint, dass seine drückende Lage lange Zeit un-\nbekannt geblieben, oder dass im Geräusche der Weltstadt die\nschwache Stimme, welche sie beklagte, überhört worden\nist; denn erst Ende April dieses Jahres setzten seine Freunde,\nHerr John Mitchell an der Spitze, eine Subscriptionsliste zu\nseinen Gunsten in Umlauf und bildeten ein Comite, um zu\nseiner Unterstützung Concerte in London und anderen\nStädten zu veranstalten. Hoffentlich werden sie jetzt seinen\nzwei Kindern, welche ganz hülflos dastehen, das Gute zu-\nkommen lassen, was sie -für ihn selbst leider zu spät be-\nstimmt hatten."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-05-26-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-05-26_01#c004", "volume": "bmtnabi_1855-05-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "167", "page_fin": "168", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550526-01.2.4", "titre_corps": "Vorschlag zu einer Verbesserang am Violoncellbogen.", "titre_sommaire": "Vorschlag zu einer Verbesserang am Violoncellbogen.", "signature_source": "L. Rindscher", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "167", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550526-01.1.7", "debut_caractere": 3457, "fin_caractere_exclue": 4957, "texte": "Vorschlag zu einer Verbesserang am Violoncellbogen.\n\nEs ist eine bekannte Thatsache, dass bei der gewöhn-\nlichen Haltung des Violoncellbogens, resp. beim Beginn so-\nwohl des Auf- als des Abstrichs, etwa nur die Hälfte\nder ganzen Haar fläche, vielleicht auch gar noch ein\ngeringerer Theil, in Wirksamkeit tritt. So ganz unwichtig\nist dieser Umstand keineswegs, indem der Erscheinung des\nTones hiedurch nothwendig Eintrag geschieht dadurch,\ndass 1) schon der Ansatz entweder schwächer oder auch\nrauher (vielleicht auch kratziger), überhaupt unentwickel-\nter als nachher unter dem vollen Striche klingt, und 2) auch\ndie Länge des Bogenzuges dadurfh nothwendig Beschrän-\nkung erleidet, wodurch nicht minder als im vorigen Falle\nauch die Egalität des Tones im Forte und Piano, so wie\ndes Crescendo und Diminuendo Anstoss erhält und der freie,\nvolle Gebrauch des ganzen Bogens gehindert wird. Diesen\nUebelständen könnte nun mit Einem Male, und zwar ganz\nentschieden, cfarch eine Veränderung der Haar flä-\nchen-Lage, mit Einem W orte: durch einen bloss schräg\ngeschnittenen Kopf und Frosch, entgegengewirkt werden.\nDer an einem Cellobogen durch Ansetzen zweier schräg\neingerichteten Extremitäten gemachte Versuch bestätigte\nnicht nur vollkommen die Verbesserung dieser Mängel, son-\ndern schien sogar auch noch eine grössere Kraft im Bo-\ngenstrich, ohne den im Forte oft damit verbundenen „nä-\nselnden\" Ton, zu zeigen (z. B. im Trio des Scherzo aus\nBeethoven's C-moll-Sinfonie etc.) und sich verhältnismässig"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "168", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550526-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1253, "texte": "dem kräftigen, unbelegten Forte-Strich des Violinspie-\nlers zu nähern. Es würde jedenfalls dem Referenten höchst\nerwünscht sein, durch diesen ganz einfachen Vorschlag, den\ner schon seit Jahren mit sich herumgetragen, der leichte-\nren, vielleicht erhöhten Tonentwicklung dieses so schönen,\numfangreichen Instrumentes förderlich zu werden, und er\nlegt desshalb denselben nach seinem Wunsche zur Beach-\ntung und Prüfung den Violoncellspielern hiermit vor. Als\nein zweckmässig anzuwendendes Gegenmittel erschien ihm\nAnfangs ein Doppelfrosch in einem Winkel von etwa 45\nGraden; allein die Besorgniss, dass hiedurch der untere\nTheil des Bogens auch schwerer ins Gewicht fallen möchte\nwas sich vielleicht immernoch hätte beseitigen lassen —,\nmachte diese Ansicht wieder fallen. Noch muss erwähnt\nwerden, dass die Bogenstange nach wie vor ihren elasti-\nschen Druck senkrecht, d. h. von oben herab, zu-\nnächst auf die breite Haarfläche und somit auf die Saite\nausübt, gerade wie dies auf der Violine eben so zweck-\nmässig erscheint, obwohl noch immer die alte Schule nach\ngewohntem Schlendrian wie ohne allen Grund die Stange\nseitwärts nach dem Griffbrett zu wenden lässt. Es liegt\nauf der Hand, dass die Kraft hiedurch auch gebrochen\nwerden muss.\n\nL. Rindscher."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-05-26-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-05-26_01#c005", "volume": "bmtnabi_1855-05-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "168", "page_fin": "168", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550526-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "168", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550526-01.1.8", "debut_caractere": 1255, "fin_caractere_exclue": 4701, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nISerlin» Das J. Sehn eid er'sehe Gesang-Institut führte am\nMittwoch den 16. Mai in der Garnisonkirche Haydn's Schöpfung\nauf. Die Kirche war mit Zuhörenden fast überfüllt, was um so er-\nfreulicher, als der Ertrag den hülfsbedürftigen Weichsel-Ueber-\nschwemmten zugewandt werden soll, Die Schluss-Chöre des zwei-\nten und dritten Theiles waren als die gelungensten Theile des Chor-\ngesanges zu betrachten. Von den Solo-Partieen sei zunächst des\ntrefflichen Gesanges von Früh Tr i ets ch erwähnt, die in der Bolle\ndes Gabriel zarten, wohlklingenden und ganz besonders weit aus-\ngebenden Ton entwickelte. Letzteres zeigte sich von entschiedener\nWirkung in der Beherrschung des Chors „Und laut ertönt\"; die\nArie „Auf starkem Fittiche\" enthielt so gar viele Einzelheiten, welche\ndie Stimme weich und anmuthig erscheinen und geschmackvolle\nAuffassung hervortreten liessen. Von demUriel des Herrn Formes\nberichten wir ebenfalls nur Günstiges. Der Sänger wusste seine\nStimme zu massigen und an vielen Stellen sogar den Guttural-Ton,\nder die Klangwirkung nicht selten schwächt, zurück zu halten. In\nder berühmten grossen Arie wurde die Sorgfalt, mit der er an seine\nAufgabe gegangen, besonders bemerkbar. Der Raphael des Herrn\nZschiesche bewegte sich in der bekannten kräftigen Sicherheit\nund kam im Schlüsse des zweiten Theiles zu schönster Geltung.\nDass Herrn Krause's Stimme für die breite, fromme Melodik des\nAdam sich glücklich eignet, bedarf keines Beweises. Eben so ent-\nwickelte Fräul. Geisler als Eva einen schönen, weichen Ton und\nliess besonders den anmuthigen Klang ihres Organs erfolgreich wir-\nken, wenn auch an einzelnen Stellen eine gewisse Schwankung des\nTones bemerkbar wurde. Der Total-Eindruck der Aufführung war\njedenfalls ein sehr günstiger.\nISSIII aiover. Am 28. April veranstalteten die Herren J.\nJoachim, A. Lindner und Gebrüder Eyertt im Concertsaale\ndes k. Hofiheaters eine Quartett-Soiree zu milden Zwecken,\nin welcher wir drei Quartette von Beethoven aus dessen ver-\nschiedenen Lebens-Perioden, Werk 18 in A, Werk 59 in F-moll,\nWerk 131 in Cis-moll, hörten. Bei keinem Componisten ist eine\nsolche Zusammenstellung, welche den Entwicklungsgang desselben\ndurch Beispiele aus der höchsten Gattung der Instrumental-Musik\nveranschaulicht, anziehender und lehrreicher, als bei Beethoven,\nund sie verdient mehrfache Nachahmung. Neben dem Danke, den\nwir den genannten Künstlern für die treffliche Ausführung schul-\nden, dürfen wir auch die Anerkennung ihrer edlen Absicht nicht\nverschweigen, da sie die Einnahme, wie wir hören, für die Hinter-\nbliebenen des zu Köln verstorbenen Concertmeisters Franz Hart-\nmann bestimmt haben.\nDass sich unser Capellmeister Marschner mit der Sängerin\nFräul. Jan da verlobt hat, werden Sie wohl schon wissen.\nRotterdam« Herr A. C. G. Vermeiden, Stifter und Ge-\nneral-Secretär der niederländischen Gesellschaft zur Beförderung\nder Tonkunst, die im vorigen Jahre durch ein grosses Musik-\nfest, über welches die Niederrheinische Musik-Zeitung ausführlich\nberichtet hat, ihr fünfundzwanzigjähriges Jubiläum feierte, ist von\nder k. Akademie der Künste zu Berlin zum Ehren-Mit-\ngliede ernannt worden.\nMan schreibt aus Paris: Der eminente Pianist Herr Ernst\nLübeck aus dem Haag ist wieder abgereis't, hat uns aber in der\nErinnerung an die glänzenden Erfolge, welche er diesen Winter\nhier in allen Coneerten und Salons errungen, ein Pfand seiner bal-\ndigen Rückkehr hinterlassen."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "161", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550526-01.1.1", "texte": "Jephta und seine Tochter.\nOratorium von Karl Reinthaler.\nI.\nIndem wir über ein neues Oratorium zu berichten im\nBegriffe stehen, müssen wir beinahe um Entschuldigung bitten,\ndass wir eine solche Composition besprechen, und vollends,\ndass wir der Besprechung einige Vorbetrachtungen über\ndie Kunstgattung der Oratorien überhaupt voranschicken,\nweil wir nämlich in einer Zeit leben, in welcher es sich\ngar Viele zur Aufgabe machen, die Welt gegen alles Schöne\nin der Tonkunst, das innerhalb der alten Formen zur Erschei-\nnung kommt, grundsätzlich von vorn herein einzunehmen.\nZu den Kunstgattungen, welche sich nach der Meinung\nder jungdeutschen musicalischen Aesthetiker überlebt ha-\nben und in die Rumpelkammer des Monumentalen gehören,\ndie sie lieber auf ewig hermetisch verschliessen möchten,\nda die Geister, die man hineinbannt, wenn sie dann und\nwann wieder erscheinen, ihnen sehr unbequem, ja, unheim-\nlich, weil erdrückend, werden zu diesen Kunstgattungen\ngehört vor allen das biblische oder, noch allgemeiner ge-\nfasst, das christliche Oratorium. Eine Abtheilung der neue-\nren Schule, diejenige nämlich, welche in der Vocalmusik\nder Dichtkunst und nicht der Tonkunst, dem Worte und\nnicht dem Tone die Hauptrolle zutheilt, verwirft die christ-\nlichen und im Besonderen die biblischen Stoffe ganz und\ngar und will, entweder dass die Oper oder das musicali-\nsche Drama die einzige Kunstform für die Vocalmusik sei,\noder dass die Stoffe für grössere Gesangswerke aus dem\nLeben gegriffen werden sollen (was eines der beliebten\nSchlagwörter ist), aus der Poesie der Gegenwart oder we-\nnigstens doch aus der modernen Weltanschauung.\nWir wollen dieser Umwälzungs-Theorie keineswegs\nihre Berechtigung absprechen; auch besitzen wir bekannt-\nlich bereits einige Werke, welche ihren Grundsätzen ent-\nsprechen und ehrenwerthe Anerkennung verdienen. Auch\nwird kein Mensch behaupten wollen, dass das Oratorium\nzu einer vollendeten Form durchgedrungen sei, ja nur, dass\nder oratorische Stil sich als ein feststehender, über dessen\nWesen und Erfordernisse wir ganz im Riaren wären, ge-\nbildet habe. Es ist unter den Händen der grössten Com-\nponisten doch nur eine Zwitterform geblieben, in welcher\nsich Episches, Lyrisches und Dramatisches in einander\nmischen. Sehr richtig zeigt Chrysander in seiner kleinen\nSchrift „Ueber die Moll-Tonart und über das Oratorium\",\ndass das Oratorium nicht eine aus kleinen Anfängen her-\nvorgegangene und sich allmählich entwickelnde Form sei,\nderen lebendiges Fortwachsen irgendwie nachzuweisen,\ndass es keine Geschichte habe, sondern mit jedem neuen\nOratorium, mit jedem neuen Componisten von vorn an-\nfange; daher die bunte Vielheit seiner Form und eine bloss\nnegative Gatlungs-Einheit.\nEben so richtig ist es, dass die Dramatik im Ora-\ntorium eine blosse Ideal-Dramatik ist; ihr Haltpunkt liegt\nnur in der Phantasie des Zuhörers, nicht in der sinnlichen\nLebendigkeit einer vor unseren Augen sich entwickelnden\nzusammenhangenden Handlung, und noch weniger in der\nCharakteristik von Persönlichkeiten. Gehen wir auf Hän-\ndel, den eigentlichen Begründer der Gattung zurück\ndenn alles Frühere, was aus den Mysterien und Passions-\nspielen im Mittelalter hervorgegangen sein mag, kann nicht\nin Betracht kommen—, so ist es sicher, dass er das wirk-\nliche Drama, die scenische Darstellung als das Vollkom-\nmenere im Auge hatte, und ihn äussere Gründe veran-\nlassten, sich in die oratorische Form, als Ersatzmittel\njener, zurückzuziehen. Das thut der Hoheit seines Genius\neben so wenig Abbruch, als wenn Ilaydn auf die Frage,\nwarum er so viele Quartette und kein Quintett geschrie-\nben, ganz unbefangen antwortete: „'s isch mir halt keins\nbestellt worden.\"\nWir geben also alles dieses zu. Will man uns aber\ndaraus die Verwerflichkeit des Oratoriums überhaupt be-\nweisen, will man daraus folgern, dass Oratorien gar nicht\nmehr geschrieben werden dürften» so sind wir der ganz\nentgegengesetzten Meinung und stellen die Behauptung auf:\nSo lange die Musik noch als eine selbststän-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "162", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550526-01.1.2", "texte": "dige Kunst gelten soll und mit dem Aufgeben die-\nses Standpunktes beginnt nicht nur ihre Herabsetzung und\nEntwürdigung, sondern ihre gänzliche Auflösung—, so\nlange muss auch das Oratorium als eine der\nallerwesentlichsten Formen, in denen sich\ndiese Kunst offenbaren kann, bewahrt, ge-\npflegt und mit Anwendung der Mittel, welche der Fort-\nschritt im Materiellen und im Intellectuellen darbietet, an-\ngebaut werden.\nUnsere Zeit ist viel zu sehr geneigt, zu theoretisiren,\nund namentlich in der Kunstlehre allgemeine Normen auf-\nzustellen, welche für alle Künste gelten sollen. Wir sind\nentschiedene Gegner dieser Art des Philosophirens; sie hat\nihren Werth für die Wissenschaft der Kunst überhaupt,\ndas ist keine Frage: aber sie verführt schwache Geister\nund besonders auch die Jugend gar zu leicht, allgemeine,\nblendende Kategorieen auf eine besondere Kunst zu über-\ntragen, auf welche sie keine Anwendung finden können.\nMan suche, so lange man will, eine erschöpfende Definition\ndes Schönen: wir sind so dreist, zu behaupten, dass nicht nur\ndas Plastisch-Schöne und das Musicalisch-Schöne, sondern\nauch das Poetisch-Schöne—d. h. im besonderen Sinne,\nwie es sich durch das Mittel der Sprache offenbart—und\ndas Musicalisch-Schöne ewig verschieden sein werden.\nWir müssen daher nochmals die Ueberzeugung aus-\nsprechen, über welche unsere Zeitschrift von Anfang an\nbis jetzt als ein erläuternder Commentar zu betrachten ist:\ndass die Künste, wenn sie wahrhaft gedeihen sollen, ge-\nsondert gehalten werden müssen, und dass sowohl In-\nhalt als Form der Musik aus ihrem eigenen Wesen, aus\ndem Wesen und den ästhetischen Gesetzen der Tonkunst,\nnicht aus denen der Poesie oder Malerei oder irgend einer\nanderen Kunst zu erläutern und zu würdigen sind.\nWohl verstanden, auch die Form. Kommen wir auf\ndas Oratorium zurück. Da schreien die Raben im Walde\njungdeutscher Musik-Philosophie: „Weg, weg mit ihm!\nkreuziget es!\" Und warum? Weil es kein Drama, oder\nkein Epos, oder kein lyrisches Gedicht ist! Das heisst also\nnichts Anderes, als weil seine dichterische Form mangel-\nhaft ist. Wir behaupten aber, die Form des Oratoriums\nsei eben so, wie die Form des Liedes, der Cantate, der\nOper u. s. w., der Musik und nicht der Poesie wegen\nerlunden, und desswegen müsse sie nach ihren musica-\nlischen Eigenschaften, nicht nach den dichterischen, ge-\nwürdigt werden. Was wurde man von dem Kritiker eines\nGedichtes, von dem Beurtheiier eines Gemäldes, einer Bild-\nj\nsäule oder eines Architekturwerkes sagen, wenn er sein\nverwerfendes Urtheil etwa so formulirte: „Ich finde recht\nviel Schönes darin; allein ich vermisse die Einheit der mu-\nsicalischen Rondo-Form, und desshalb kann dieses Kunstwerk\nvor dem Richterstuhle der Aesthetik nicht bestehen\" ?\nNun fragen wir jeden Vernünftigen, ob er nicht dem\nDichter, Maler, Bildhauer oder Architekten Recht geben\nwürde, welcher diesen Kritiker für etwas Weniges verrückt\nerklärte? Und wir Musiker? wir allein sollen uns lür\nunsere Kunst fremde Regeln aufdringen lassen, und ge-\nduldig den Nacken beugen und den Mund halten, wenn\nuns ein Poet, ein Bildhauer, ein Architekt, ein Philosoph\nnach seinen Systemen meistert? Werden wir nicht end-\nlich den Muth fassen, einen gelehrten Herrn, der in einem\nWerke der Tonkunst die poetische oder architektonische\nEinheit vermisst, mit dem Hut in der Hand wenigstens\nschüchtern zu fragen: „ Gnädiger Herr, was meinen Dero\nGestrengen denn zu der musicalischen Einheit des\nWerkes?\" Stutzt der Mann darauf und erwidert etwas\nverblüfft: „Musicalische Einheit? was wollen Sie damit sa-\ngen ?\" und ihr stülpt dann den Hut nicht urplötzlich auf den\nKopf und kehrt ihm den Rücken zu, so ist euch freilich\nnicht zu helfen. Leider aber gibt es Musiker (d. h. Leute,\nwelche die Musik zu ihrem Berufe gewählt haben), die ge-\ngen ihr eigenes Fleisch wüthen und ihre Kunst nach der\nSchnur und Schablone einer anderen zu messen beflissen\nsind.\nSo allgemein diese Bemerkungen scheinen, so stehen\nsie doch mit dem besonderen Zwecke dieses Aufsatzes in\ngenauer Verbindung. Jede musicalische Kunstgattung und\nKunstform muss nach ihrem Werthe für die Musik ge-\nwürdigt werden; wenn die Vocal-Musik eine andere Kunst,\ndie Dichtkunst, zu Hülfe nimmt, um sich auszusprechen,\nso thut sie dies offenbar nicht, um das sprachliche Wort\nverständlich zu machen, denn das wird durch Vorlesen un-\nstreitig besser erreicht, als durch den Gesang, sondern um\ndurch das Gedicht eine Grundlage lür die Entwicklung\nmusicalischer Gedanken zu erhalten. So prosaisch\ndieses nun auch klingen mag, so bleibt es doch ewig wahr,\ndass bei der angewandten Musik eben so, wie bei der rei-\nnen, der musicalische Gedanke und nicht der poetische,\nwelcher ihn veranlasst hat, die Hauptsache ist; wo die mu-\nsicalische Phantasie nicht selbstschöpferisch wirkt, wo die\nComposition eines Gedichtes nur eine nach Höhe und Tiefe,\nStärke und Schwäche modulirte Uebertragung der Decla-\nmation aus der Wort- in die Ton-Sprache ist, da kann von\neinem musicalischen Kunstwerke nicht die Rede sein. Dies\nist so einfach und so sehr durch die Erfahrung bestätigt"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "163", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550526-01.1.3", "texte": "(indem wir in der Literatur der Vocal-Musik Tausende von\nBeispielen haben, dass ein sehr schöner und hochpoetischer\nText auf triviale Weise componirt ist, und ein anderer,\nder keineswegs ein dichterisches Kunstwerk ist, einem mu-\nsicalischen Genie Veranlassung zu den herrlichsten Gesän-\ngen gegeben hat), dass es als ein Zeichen der Verirrungen\nunserer Zeit in der Lehre vom Musicalisch-Schönen betrach-\ntet werden kann, dass man einen solchen Salz, der sich,\nim Grunde von selbst versteht, noch besonders aufstellen\nund so oft wiederholen muss.\nKein Vernünftiger wird aus dem Gesagten folgern\nwollen, dass wir dadurch einer Vocal-Musik, welche sich\num Inhalt, Charakter und Geist des Textes nicht kümmere\nund ihn nur wie ein Gewebe zum Auftrage von musicali-\nscher Stickerei betrachte, das Wort reden wollten. Der\nIrrthum Wagner's und Genossen liegt eben darin, dass sie\ndie fehlerhafte Anwendung des Grundsatzes für einen\nFehler des Grundsatzes selbst halten. Wenn sie gegen jene\neifern, so sind wir natürlich auch dabei; aber ein Vocal-\nMusikstück, heisse es nun Oper oder sonst wie, in wel-\nchem die Musik nur als Mittel des Wort-Ausdrucks ge-\nbraucht wird und keine selbstständige Schönheit entfalten\ndarf, ist ein musicalisches Unding. Davon kann man sich\nauf der Stelle überzeugen, wenn man auf dergleichen De-\nclamations-Exempel die Probe macht, das heisst, sie ohne\nText vorträgt; was alsdann keine Musik ist, wird es auch\nmit den Textesworten zugleich nicht sein. Man lasse aber\neinmal Mozart's Finales oderHändel's Halleluja ohne Worte\nspielen, welch eine herrliche Musik wird es bleiben! Und\nwer könnte es wagen, zu behaupten, dass diese Musik nicht\nmit ihrem Texte in vollstem Einklang stehe, oder auch nur,\ndass sie falsch declamire? Da ist vollständiger Ausdruck\nder Stimmung, des Charakters, ja, des Wortes, und den-\nnoch über alles das hinweg Musik, selbstständig schöne\nMusik! Man sage nicht etwa vorwerfend: „Du führst\naber auch gleich die vollendeten Muster der grössten Ge-\nnie's an!\" Wir verlangen keineswegs, dass jeder Com-\nponist ein Händel oder Mozart sein solle; aber wenn wir\ndie Lehre vom Schönen einer Kunst nicht aus den voll-\nendeten Mustern in derselben ziehen sollen, woher sollen\nwir sie dann nehmen? War etwa der Canon des Praxiteles\neher vorhanden, als seine Bildsäulen, oder Horatius' Ars\npoetica früher, als Homer und Sophokles? Es kann in der\nThat, wenn man der Sache auf den Grund geht, nichts\nVerkehrteres geben, als die Lehre vom Wesen des Schö-\nnen in einer Kunst, von ihrer Bestimmung und ihrer\nWirksamkeit, nicht aus den mustergültigen Schöpfungen\nderselben, sondern aus dem von allem wirklich Vorhande-\nnen absehenden Denken construiren zu wollen!\nWenden wir nun das Gesagte auf das Oratorium an,\nund beurtheilen v/ir den Werth dieser musicalischen Kunst-\ngattung vor Allem als Musiker, so werden wir gestehen\nmüssen, dass die Tonkunst keine andere Gattung hat, in\nwelcher sich ihre grossartigsten und wirksamsten Erschei-\nnungen in so breiten und vollendeten Formen entfalten\nkönnen, als gerade in dieser. Der Chorgesang, diese Krone\nder deutschen Musik, dieser Triumph der Polyphonie und,\näusserlich genommen, dieser einzige Halt und Kitt der\ndeutschen Gesang-Vereine und Sing-Akademieen, und folg-\nlich die wirksamste Vermittlung zwischen Kunst und Leben\nund zwischen Kunst und Religion, wodurch ist er das ge-\nworden. was er ist? wodurch ist er zu der Grösse und\nMacht entwickelt und emporgebracht worden, die wir an\nihm bewundern, wenn nicht durch die Oratorien? Wo las-\nsen sich diejenigen Formen, welche für die Selbstständig-\nkeit der Tonkunst am wichtigsten und lür das Wissen und\nKönnen in ihr am entscheidendsten sind, nämlich die con-\ntrapunktischen jeglicher Art, besser zur Geltung bringen,\nals in den Oratorien? Wo finden wir ausserhalb derselben\neine Gelegenheit, die Gewalt der Zusammenwirkung der\nso unendlich gesteigerten Instrumental-Mittel mit der Kraft\nder menschlichen Stimmen in Massen auf gleiche Weise zu\noffenbaren? Wo ist endlich eine Form, aus welcher die\nMuse der Tonkunst reiner und keuscher sich emporhebt?\nWo ist eine Gattung von Vocal-Musik, in welcher die Wir-\nkung so einzig und allein auf dem inneren musicalischen\nGehalte beruht, in welcher die Tonkunst so frei von allen\nFesseln, aber auch so nackt und bloss von allem äusseren\nblendenden Schimmer, von aller sinnlichen Umgebung sich\nin geistiger Verklärung zum Himmel schwingt? Ohne die\nBezauberung der Sinne durch Pracht der Malerei, ohne den\nReiz und die Theilnahme, welche eine persönliche Darstel-\nlung erregt, ohne Ueberraschung durch theatralische Effecte,\nohne elektrische Sonne und Feuerregen, ohne Samiel und\nVenus, ohne Pferde und ohne Schwan, ohne Vesuv und\nohne Hörselberg, ist es nur die Macht der Töne, die uns\nergreift, und wenn die Musik im Oratorium einen Sieg\nfeiert, so hat sie ihn durch sich selbst errungen, und bei\nihrem Triumphzuge schaut die Welt dann auf sie, nicht\nauf die Löwen oder feuerspeienden Drachen, die ihren Wa-\ngen ziehen.\nUnd eine Kunstgattung, die solche Vorzüge in sich\nvereinigt, soll sich überlebt haben, soll aufgegeben werden ?\nWesshalb? Chrysander (der übrigens bei Leibe nicht mit"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "164", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550526-01.1.4", "texte": "den modernen Bilderstürmern in Eine Classe zu werfen ist,\ndenn er geht auf etwas ganz Anderes, das gerade diesen\nin weitester Ferne liegt, aus, nämlich auf die Berechtigung\nder Tonkunst als nothwendigen Gliedes des Gottesdienstes)\nmeint, weil im Oratorium der Inhalt es nicht zu einer ent-\nsprechenden Form gebracht habe; denn alles Grosse, was\ndie Kunst im Oratorium geschaffen, habe seinen Grund im\nGeiste, nicht in der Form. Unser geschätzter Mitarbei-\nter scheint hier auch den musicalischen Standpunkt nicht\nganz festgehalten zu haben, sonst würde er gesehen haben,\ndass gerade sein Ausspruch, dass alles Grosse im Oratorium\ndem Geiste, d. h. dem musicalischen Genie, zu verdanken\nsei, der oratorischen Form eine gar starke Berechtigung\nzur Fortdauer gibt. Wenn er nun vollends an anderer\nStelle sagt: „Beim Oratorium ist Alles in die Hand\ndes Componisten gegeben, von ihm hängt der Werth\neines Oratoriums, die Möglichkeit, es als Ganzes erfassen\nzu können, in einer Weise ab, wie bei keinem anderen\npoetisch-musicalisehen Kunstwerke\" so ist\ndies gerade das, was wir brauchen, nämlich, dass die Mu-\nsik die Hauptsache dabei sei, und dass eben desswegen\neine Form, welche der Musik als selbstständiger Kunst\neinen Spielraum gibt, wie keine andere (in der Vocal-Mu-\nsik), dem Untergange keineswegs geweiht werden dürfe,\nwenn man nicht den Untergang der Musik als selbstständi-\nger Kunst beschleunigen wolle. Wenn Chrysander dann\nfortfährt: „Hieraus erklärt sich die besondere Hochach-\ntung, deren wir den Componisten eines bedeutenden Ora-\ntoriums für würdig halten; ist es ihm gelungen, einen er-\nhabenen Inhalt zu bewältigen, so ist dies das beste Zeug-\nniss der Kraft und Tiefe seines Innern, und mit Ehrfurcht\nnahen wir uns dem Denkmale seines hohen Geistes\" so\nsind wir zufrieden; weiter wollen wir nichts zur Empfeh-\nlung der Festhaltung am Oratorium; denn eine Kunstgat-\ntung zu wahren und hoch zu halfen, welche am besten die\nKraft und Tiefe eines musicalischen Genius offenbart, das\ndürfte denn doch wohl zu jeder Zeit, also auch noch heut-\nzutage, gar sehr der Mühe werth sein.\nSo wie es nun aber auf der einen Seite thöricht wäre,\ndie Benutzung der Fortschritte, welche die Musik bis zu\nunserer Zeit in Rücksicht auf Klang- und Ausdrucks-Mittel,\nso wie auf abgerundetere und vollkommenere Formen (z.\nB. der Arie) gemacht hat, aus dem Oratorium zu verwei-\nsen, eben so erheischt auf der anderen Seite auch die Be-\nhandlung des Textes die strengere Beachtung der Forde-\nrungen der Poetik. Das heutige Oratorium wird sich also\ndurch den Reichthum und Glanz des Orchesters und durch\ndie gewandle Behandlung des Formellen, ferner durch In-\nhalt und Form des Gedichtes als ein Kind der Gegenwart\nzu legitimiren haben.\nEs entsteht nun die Frage, ob der Inhalt des Textes\nchristliche Poesie bleiben solle. Wir antworten unbedingt:\nJa. Man hat besonders gegen die Stoffe aus der biblischen\nGeschichte geeifert, als nicht gemäss der Wellanschauung\nunserer Zeit, nicht volksthümlich, nicht mit dem Leben\nverwachsen. Dem ist aber in der Wirklichkeit durchaus\nnicht so; wir haben nun einmal leider keine volkstümliche\nErziehung, und die Bildung aller der Individuen, welche\nvereint den Begriff Volk ausmachen, nimmt die allerver-\nschiedensten Wege, indem sie den Einen durch den Orient,\nden Anderen durch Griechenland und Italien, den Dritten\ndurch Frankreich und England u. s. w. zum Ziele oder we-\nnigstens dem Ziele entgegen führt. Das Christenthum aber\nist neben der Muttersprache das Einzige, was Allen ge-\nmeinsam ist; die christliche Weltanschauung ist die herr-\nschende, in ihr und auf der historischen Grundlage dersel-\nben wachsen wir auf, und die Geschichte des Evangeliums,\nso wie die Geschichten des alten Testamentes sind uns viel\nbekannter, und wir fühlen uns in ihnen viel heimischer, als\nin den Phantasieen der Indier, oder den Sagen der Helle-\nnen, oder selbst unter den Gestalten der Nibelungen und\nder deutschen Romantik des Mittelalters.\nWenn wir also darauf bestehen, dass der Stoff des\nOratoriums fort und fort aus der biblischen Geschichte, der\nchristlichen Lehre, Legende und Sage genommen werde, so\nfordern wir eben so dringend, dass dieser Stoff künstle-\nrisch gestaltet und nicht bloss als hölzernes Gerüst für\nden Aufbau der Musik, das man wegräumt, sobald die mu-\nsicalischen Bogen darüber gewölbt sind, aufgestellt und be-\nhandelt werde. Das Gedicht des Oratoriums sei ein wirk-\nliches Gedicht, bei welchem Einheit und Steigerung\nder Handlung Hauptsache ist, während es im Zuschnitt des\nGanzen und in der Form des Einzelnen sich den Forde-\nrungen, welche für die musicalische Composition unerläss-\nlich sind, fügt. In dieser Hinsicht ist noch viel zu thun und\nein Fortschritt nöthig, auf dass das Oratorium ein poetisch-\nmusicalisches Kunstwerk werde. Natürlich wird und muss\nan der Gestaltung desselben zu einem solchen die Musik\nimmer das Meiste thun; allein die Poesie, wenn auch un-\ntergeordnet, kann zu grossem Theil verhindern, dass das\nOratorium in seiner zweiten Abtheilung, welche bei so vie-\nlen sonst trefflichen Werken oft gar sehr gegen die erste\nabfällt, entweder durch Wiederholung oder durch gezwun-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "165", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550526-01.1.5", "texte": "Gene Ausdehnung Einer und derselben Situation und Einer\nund derselben Empfindung langweilig werde.\nAus diesem Grunde sind wir denn auch gegen die Zu-\nsammenstellung des oratorischen Textes aus Bibelstellen und\nmit biblischen Worten. Die Benutzung der biblischen\nSprache bei der dichterischen Bearbeitung eines Oratorien-\nstoffes ist gewiss zu empfehlen, und wir sind darin mit\nMendelssohn ganz einverstanden, der uns bei Gelegenheit\nder Stelle in seinem Lobgesang: „Hüter, ist die Nacht\nbald hin?\" u. s. w. einmal schrieb: „Was doch in jenen\nMenschen alles schon geruht und sich so herrlich ausge-\nsprochen hat!\" Aber wir glauben trotzdem für die Bele-\nbung und Vervollkommnung des Oratoriums eine zeit- und\nvolksgemässe poetische Form in Sprache, Rhythmus, Reim\nund allem, was dazu gehört, fordern zu müssen.\n\nAus London.\n\n[Oper Fidelio H Trovatore von Verdi Arthur\nNapoleon Philharmonische Concerte.]\nDie Oper in Coventgarden wechselt mit der wunder-\nlichen Zusammenstellung von Beethoven's Fidelio und eini-\ngen der flachsten Opern-Compositionen der Italiäner ab.\nAuch im Fidelio muss man sich an den italiänischen Text\nerst gewöhnen, der leider an manchen Stellen sehr schlecht\nist und der Musik geradezu widerspricht. Jenny Ney\nsteigt immer höher in der Gunst des Publicums und der\nKenner; sie hat jedoch bis diese Woche noch weiter keine\nRolle gesungen als den Fidelio hoffentlich wird dieNorma\ndoch auch daran kommen.\nLetzten Donnerstag den 10. Mai ging Verdi's\nTrovatore zum ersten Male in Scene, also endlich einmal\neine neue Erscheinung; allein ich iürchte sehr, dass ihres\nBleibens keine lange Zeit sein wird. Die Ausstattung, na-\nmentlich an Decorationen, Zigeuner-Lager u. s. w. war\nsehr schön, die Besetzung vortrefflich durch Madame Viar-\ndot (Zigeunermutter), Fräul. Ney (GräfinLeonore), Tam-\nberlik (Manrico), Graziani und Tagliafico. Aber der\nInhalt der Handlung und die Musik? Diese sind leider\nbeide so verzerrt, geschraubt, ja, verrückt, dass man über\nsolche Caricatur der wahren Kunst zugleich lachen und\nweinen möchte. Eine unerquicklichere, abgeschmacktere\nund aus allerlei schon dagewesenen Effectscenen wider-\nlicher zusammengeschvveisste Geschichte, als dieser Trouba-\ndour-Graf-Zigeuner in Einer Person, ist wohl noch nie auf\ndie Bühne gekommen und durch vier Acte hingezerrt\nworden! *)\nSignor Verdi hat diesen grausigen Stoff durch seine\nMusik eben nicht veredelt und verschönert. Die drei ersten\nActe sind nicht viel mehr, als ein langweiliger Prolog zum\nvierten. Gesang und Instrumentation sind in einem solchen\nGrade ärmlich und monoton, dass sie selbst dem, der von\ndiesem phantasielosen Componisten nichts Anderes erwar-\ntete, auffallend sind. Die zwei Lieblingsbronnen desselben,\naus denen seine musicalischen Effecte quellen, sind das Uni-\nsono und die Octave. Der Chor brüllt im Unisono, die So-\nlisten singen im Unisono, die Saiten- und Blas-Instrumente\nstreichen und flöten im Unisono. Wem das nicht durch\ngrossartige Einfalt imponirt, der hat keinen Sinn für Natur-\nschönheit in der Kunst! Diesen abgetragenen, fadenschei-\nnigen Mantel wirft Verdi stets seinen Gestalten um, sobald\ner bange ist, dass ihr klapperiges Skelett allzu sichtbar\nwerde, und durch ein riesig wachsendes Crescendo, gegen\nwelches die Erfinder desselben, Spontini und Rossini, wahre\nKinder sind, hüllt er sie am Ende durch das Feuer der\nPosaunen und Trompeten und Metallglocken in einen ben-\ngalischen Flammenglanz, vor dem der Liebhaber einer\nFeuersbrunst mit Staunen den Mund aufsperrt, dem der\nGenius der Tonkunst aber mit Verachtung den Rücken\nkehrt. In der Instrumentation haben wir übrigens an vielen\nStellen eine merkwürdige Aehnlichkeit mit einem gegen-\nwärtig berühmten, zukünftig erst ganz zu erkennenden,\ndeutschen Componisten gefunden, die sich namentlich in\ndem Geschwirre auf der höchsten Applicatur der Quinte\nder Geigen, in Verbindung mit dem Unisono der Flöten,\nso wie in der Vorliebe für die Wirkung durch Blech be-\nkundet.\nIm Drurvlane-Theater hat neulich der kleine Pianist\nj\nArthur Napoleon einen grossen Erfolg gehabt; sein\nvollendeter Vortrag der Phantasie von Thalberg über The-\nmata aus Moses von Rossini erregte einen ungeheuren Bei-\nfall. Nach dem Hervorruf spielte er eine Concert-Polka von\nWallace, welche das Publicum vollends zu rauschendem\nApplaus und wiederholtem Hervorruf anregte. Es scheint\nallerdings ein geniales Auffassungs- und Reproductions-Ta-\nlent in dem Knaben zu liegen.\n\n*) Wir lassen die Analyse des Inhalts dieses wunderlichen Dra-\nma's durch unseren Herrn Correspondenten desswegen nicht\nabdrucken, weil unsere Leser bereits eine ausführliche Dar-\nstellung desselben aus den Briefen unseres pariser Bericht-\nerstatters (Nr. 6 dieses Jahrgangs vom 10. Febr.) kennen.\nDie Redaction."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "166", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550526-01.1.6", "texte": "In den philharmonischen Concerten unter R.\nWagner's Leitung sind Beethoven's neunte Sinfonie und des-\nsen Pastoral-Sinfonie, und von Wagner's eigener Compo-\nsition einige Stücke aus Lohengrin und die Ouvertüre zum\nTannhäuser vorgekommen. Auf die Zusammenstellung der\nProgramme hat Wagner sehr wenig Einfluss, und er muss\nsich schon bequemen, weil der Vorstand des Vereins auch\nseinen Kopf hat, Mozart und Weber (Ouvertüre zu Pre-\nziosa), ja, Paer, Meyerbeer und Ricci zu dirigiren. Zur neun-\nten Sinfonie war sein bekanntes Programm in mehreren\nBlättern in englischer Uebersetzung abgedruckt. Es fand\nBeifall, und da die Engländer nicht wussten, dass das, was\nes enthält, in deutschen Blättern schon oft gesagt war, so\nerwarb es ihm Freunde, wie es denn auch wohl das Beste\nist, was er in dieser Art geschrieben hat. Dagegen fiel man\nüber seine Deutung der Sinfoni namentlich über\ndie Verherrlichung des „Weiblichen\" im letzten Satze,\nganz unbarmherzig her. Ich war leider verhindert, der Auf-\nführung der neunten Sinfonie beizuwohnen, ich habe sie\njedoch fast überall rühmen hören. Dagegen sollen die Sa-\nchen aus Lohengrin, welche in demselben Concerte aufge-\nführt wurden, sehr wenig angesprochen haben; es mag das\nfreilich auch an ihrer Vereinzelung, an dem Herausreissen\naus dem Ganzen gelegen haben, und ich begreife überhaupt\nnicht, wie Wagner zu einem solchen Zerstückeln, das ja\nseinem System vom musicalischen Drama ganz; und gar wi-\nderspricht, seine Einwilligung geben kann! Und sollte er\nwirklich nicht wissen, dass seiner Musik überhaupt nichts\nnachtheiliger sein kann, als die Aufführung im Concertsaale?\nDas wäre eine grosse Verblendung über den absoluten\nWerth derselben.\nIm letzten Concerte wurde die Mozart'sche Sinfonie\nin Es geradezu gemisshandelt, und ich habe entweder nie\neinen grösseren Mangel an Verständniss einer Composition,\noder einen grösseren Vorrath von einer Eitelkeit gesehen,\nwelcher die Pietät ein Götze und die eigene Persönlichkeit\nein Gott ist, nämlich ein solcher, der durch „Neues um\njeden Preis\" Wunder thun will. Mit Recht sagt die Musi-\ncal World:„0, wie neu! o, wie herrlich! murmelten die\nErwählten— 0 Jemine! riefen die Uneingeweihten, deren\nFluch ewige Finsternissist!\" Dann fährt sie fort:\n„Durch die Tannhäuser-Ouverture wurde lür das ge-\ngenwärtige Geschlecht der Londoner ein Genuss anticipirt,\nder eigentlich erst den zukünftigen bestimmt ist.\" Dann\nspricht sie vom „ Boreas der Harmonie, der darein blies,\nund von dem Verblüfftsein des Publicums, welches (mit\nAusnahme der Erwählten) sein Urlheil auf die Zukunft ver-\ntagte.\"—Ich lüge die historische Notiz hinzu, dass der\nversuchte Dacapo-Ruf keinen Anklang fand.\nDie Pastoral-Sinfonie wurde, im Ganzen genommen,\ngut gespielt. Im Allgemeinen ist mir bei Wagners Auffas-\nsung der Tempi, nicht bloss in dieser Sinfonie, sondern in\nallem, was er bis jetzt hier dirigirt hat, etwas aufgefallen,\nwas man sonst nur bei Dilettanten findet, dass sie nämlich\ndie langsamen Zeitmaasse schleppen und die schnellen\nüberstürzen.\nUnsere deutsche Sängerin, welche trotz ihrer Verhei-\nrathung hier immer noch Fräulein Ney heisst, sang die\ngrosse Arie aus Mozart's Entführung aus dem Serail und\ndie Cavatine der Alice aus Meyerbeer's Robert, und regte\nbesonders durch die letztere das Publicum zu lebhaftestem\nBeifalle auf. Halle spielte Chopin's erstes Concert mit\nMeisterschaft.\n\nC. A.\n\nNekrologe.\n1. Camille Pleyel.\nAm 4. Mai ist zu Paris Camille Pleyel, ein tüch-\ntiger Musiker und ein grosser Meister im Ciavierbau, ge-\nstorben.\nEr war den 18. December 1788 geboren, ein Sohn\ndes berühmten Ignaz Pleyel, jenes unendlich fruchtbaren\nComponisten, der freilich jetzt vergessen ist, aber lange Zeit\nhindurch der Liebling der Dilettanten war, und dem man\neine gewisse Leichtigkeit und Anmuth der Melodie nicht\nabsprechen kann, wenngleich alle Tiefe fehlte. Der Vater,\nder aus dem Sohne einen Künstler machen wollte, übergab\nihn zum Unterrichte an Dusseck; er bildete sich zu einem\nguten Ciavierspieler aus und componirte auch in seiner Ju-\ngend mehrere Quartette, Trio's, Sonaten und Salonstücke\nin damaliger Art. Kalkbrenner sagt in einem seiner letzten\ntheoretischen Werke, dass Hummel, Chopin und C. Pleyel die\ndrei Pianisten wären, welche die Natur am meisten für die\nfreie Phantasie begabt hätte. Von diesem Talente gab Pleyel\nindess nur in früheren Jahren, und auch dann nur im en-\ngeren Freundes-Cirkel, Beweise.\nDesto grösser und umfassender war seine Thätigkeit\nals Ciavierbauer und Vorsteher einer der bedeutendsten\nund berühmtesten Instrumenten-Fabriken in Europa. Im\nJahre 1825 gründete er mit Kalkbrenner das Haus Pleyel\n& Comp, und hat ihm dreissig Jahre lang mit verständiger\nUmsicht, ausgezeichneter Thätigkeit und mit Glück vorge-\nstanden. Dieses grossartige Etablissement, in dessen weit-\nläufigen Räumen\" sich auch ein schöner Concertsaal befin-\ndet, liefert jährlich 14—1500 Instrumente jeglicher"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "167", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550526-01.1.7", "texte": "Form, Flügel, Pianino's, Tafel-Claviere u. s. w., und be-\nschäftigt durchschnittlich 350 360 Arbeiter. Das Wohl\ndieser war ein beständiges Ziel der Fürsorge Pleyel's, der\nnicht nur Verstand, sondern auch ein Herz hatte, das lür\ndie Menschheit und für alles Gute schlug. Ein Beweis der all-\ngemeinen Achtung, die man ihm zollte, war auch sein Begräb-\nniss, bei dem mehr als 2000 Menschen aus allen Classen der\nGesellschaft der Leiche folgten. Er war Ritter der Ehrenlegion\nund erhielt vier Mal Preis-Medaillen bei Ausstellungen.\nDie Fabrik wird wahrscheinlich von dem als Clavier-\nspieler und Componist bekannten August Wolff, den\nPleyel in den letzten Jahren zum Geschäftsgenossen genom-\nmen hatte, fortgeführt werden.\n2. Henri Bishop.\nHenri Bishop war der fruchtbarste, bekannteste und\nnationalste Componist, den England gehabt hat. Seit Pur-\ncell hat sich bekanntlich kein bedeutendes Genie auf dem\nFelde der Compositum in Grossbritannien aufgethan; allein\nBishop hatte es, und nicht ohne Grund, doch zu einem gros-\nsen Rufe in seinem Vaterlande und auch zum Bekanntwer-\nden im Auslande gebracht.\nEr war in London im Jahre 1782 geboren und stu-\ndirte die Composition bei dem Italiännr Bianchü Im Jahre\n1806 schrieb er zuerst die Musik zu einem Ballet, welches\nbei Hofe aufgeführt wurde. Seine erste Oper, „ Die Braut\nvon Circassien\", wurde 1809 auf dem Drurylane-Theater\ngegeben; in derselben Nacht entstand Brand, und die Flam-\nmen verzehrten das Theater und Bishop's Partitur.\nDie Directoren von Coventgarden schlössen mit ihm\neinen Vertrag auf fünf Jahre, vermöge dessen er sich ver-\npflichtete, alles Musicalische für diese Bühne zu „ compöni-\nren, arrangiren und dirigiren\". Er trat diese Stelle 1810\nan und brachte die Oper „Der Ritter vonSnowdown\", de-\nren Text nach Walter Scott's „Frau vom See\" bearbeitet\nwar, mit Erfolg auf die Bühne. Er behielt die Direction in\nCoventgarden zehn Jahre, stellte sich dann, erst mit einem\nGeschäftsgenossen, später allein, an die Spitze der Unter-\nnehmung zur Aufführung von Oratorien, wurde Professor\nan der Akademie der Tonkunst zu London und Mit-Director\nder philharmonischen Gesellschaft.\nEr hat viel dramatische Musik geschrieben, allein sei-\nnen hauptsächlichen Ruf und seine Popularität im britischen\nReiche verdankt er seinen Liedern; er hat eine unzählige\nMenge von Gesängen, Balladen, Glees u. s. w. componirt\nund in den meisten den nationalen Charakter und den Volks-\nton vorzüglich gut getroffen. Auch als Sammler hat er Ver-\ndienst, indem er die musicalische Literatur mit einem Bande\n„Melodieen verschiedener Nationen\" und drei Bänden „Na-\ntional-Melodieen\" bereichert hat.\nUnd trotz seines Rufes und seiner Popularität und sei-\nner wirklichen Verdienste ist dieser Mann, einst zu den\nersten Notabilitäten Londons gehörig, vor wenigen Wochen,\nim Anfange dieses Monats Mai, in Sorgen und Elend ge-\nstorben! Es scheint, dass seine drückende Lage lange Zeit un-\nbekannt geblieben, oder dass im Geräusche der Weltstadt die\nschwache Stimme, welche sie beklagte, überhört worden\nist; denn erst Ende April dieses Jahres setzten seine Freunde,\nHerr John Mitchell an der Spitze, eine Subscriptionsliste zu\nseinen Gunsten in Umlauf und bildeten ein Comite, um zu\nseiner Unterstützung Concerte in London und anderen\nStädten zu veranstalten. Hoffentlich werden sie jetzt seinen\nzwei Kindern, welche ganz hülflos dastehen, das Gute zu-\nkommen lassen, was sie -für ihn selbst leider zu spät be-\nstimmt hatten.\n\nVorschlag zu einer Verbesserang am Violoncellbogen.\n\nEs ist eine bekannte Thatsache, dass bei der gewöhn-\nlichen Haltung des Violoncellbogens, resp. beim Beginn so-\nwohl des Auf- als des Abstrichs, etwa nur die Hälfte\nder ganzen Haar fläche, vielleicht auch gar noch ein\ngeringerer Theil, in Wirksamkeit tritt. So ganz unwichtig\nist dieser Umstand keineswegs, indem der Erscheinung des\nTones hiedurch nothwendig Eintrag geschieht dadurch,\ndass 1) schon der Ansatz entweder schwächer oder auch\nrauher (vielleicht auch kratziger), überhaupt unentwickel-\nter als nachher unter dem vollen Striche klingt, und 2) auch\ndie Länge des Bogenzuges dadurfh nothwendig Beschrän-\nkung erleidet, wodurch nicht minder als im vorigen Falle\nauch die Egalität des Tones im Forte und Piano, so wie\ndes Crescendo und Diminuendo Anstoss erhält und der freie,\nvolle Gebrauch des ganzen Bogens gehindert wird. Diesen\nUebelständen könnte nun mit Einem Male, und zwar ganz\nentschieden, cfarch eine Veränderung der Haar flä-\nchen-Lage, mit Einem W orte: durch einen bloss schräg\ngeschnittenen Kopf und Frosch, entgegengewirkt werden.\nDer an einem Cellobogen durch Ansetzen zweier schräg\neingerichteten Extremitäten gemachte Versuch bestätigte\nnicht nur vollkommen die Verbesserung dieser Mängel, son-\ndern schien sogar auch noch eine grössere Kraft im Bo-\ngenstrich, ohne den im Forte oft damit verbundenen „nä-\nselnden\" Ton, zu zeigen (z. B. im Trio des Scherzo aus\nBeethoven's C-moll-Sinfonie etc.) und sich verhältnismässig"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "168", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550526-01.1.8", "texte": "dem kräftigen, unbelegten Forte-Strich des Violinspie-\nlers zu nähern. Es würde jedenfalls dem Referenten höchst\nerwünscht sein, durch diesen ganz einfachen Vorschlag, den\ner schon seit Jahren mit sich herumgetragen, der leichte-\nren, vielleicht erhöhten Tonentwicklung dieses so schönen,\numfangreichen Instrumentes förderlich zu werden, und er\nlegt desshalb denselben nach seinem Wunsche zur Beach-\ntung und Prüfung den Violoncellspielern hiermit vor. Als\nein zweckmässig anzuwendendes Gegenmittel erschien ihm\nAnfangs ein Doppelfrosch in einem Winkel von etwa 45\nGraden; allein die Besorgniss, dass hiedurch der untere\nTheil des Bogens auch schwerer ins Gewicht fallen möchte\nwas sich vielleicht immernoch hätte beseitigen lassen —,\nmachte diese Ansicht wieder fallen. Noch muss erwähnt\nwerden, dass die Bogenstange nach wie vor ihren elasti-\nschen Druck senkrecht, d. h. von oben herab, zu-\nnächst auf die breite Haarfläche und somit auf die Saite\nausübt, gerade wie dies auf der Violine eben so zweck-\nmässig erscheint, obwohl noch immer die alte Schule nach\ngewohntem Schlendrian wie ohne allen Grund die Stange\nseitwärts nach dem Griffbrett zu wenden lässt. Es liegt\nauf der Hand, dass die Kraft hiedurch auch gebrochen\nwerden muss.\n\nL. Rindscher.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nISerlin» Das J. Sehn eid er'sehe Gesang-Institut führte am\nMittwoch den 16. Mai in der Garnisonkirche Haydn's Schöpfung\nauf. Die Kirche war mit Zuhörenden fast überfüllt, was um so er-\nfreulicher, als der Ertrag den hülfsbedürftigen Weichsel-Ueber-\nschwemmten zugewandt werden soll, Die Schluss-Chöre des zwei-\nten und dritten Theiles waren als die gelungensten Theile des Chor-\ngesanges zu betrachten. Von den Solo-Partieen sei zunächst des\ntrefflichen Gesanges von Früh Tr i ets ch erwähnt, die in der Bolle\ndes Gabriel zarten, wohlklingenden und ganz besonders weit aus-\ngebenden Ton entwickelte. Letzteres zeigte sich von entschiedener\nWirkung in der Beherrschung des Chors „Und laut ertönt\"; die\nArie „Auf starkem Fittiche\" enthielt so gar viele Einzelheiten, welche\ndie Stimme weich und anmuthig erscheinen und geschmackvolle\nAuffassung hervortreten liessen. Von demUriel des Herrn Formes\nberichten wir ebenfalls nur Günstiges. Der Sänger wusste seine\nStimme zu massigen und an vielen Stellen sogar den Guttural-Ton,\nder die Klangwirkung nicht selten schwächt, zurück zu halten. In\nder berühmten grossen Arie wurde die Sorgfalt, mit der er an seine\nAufgabe gegangen, besonders bemerkbar. Der Raphael des Herrn\nZschiesche bewegte sich in der bekannten kräftigen Sicherheit\nund kam im Schlüsse des zweiten Theiles zu schönster Geltung.\nDass Herrn Krause's Stimme für die breite, fromme Melodik des\nAdam sich glücklich eignet, bedarf keines Beweises. Eben so ent-\nwickelte Fräul. Geisler als Eva einen schönen, weichen Ton und\nliess besonders den anmuthigen Klang ihres Organs erfolgreich wir-\nken, wenn auch an einzelnen Stellen eine gewisse Schwankung des\nTones bemerkbar wurde. Der Total-Eindruck der Aufführung war\njedenfalls ein sehr günstiger.\nISSIII aiover. Am 28. April veranstalteten die Herren J.\nJoachim, A. Lindner und Gebrüder Eyertt im Concertsaale\ndes k. Hofiheaters eine Quartett-Soiree zu milden Zwecken,\nin welcher wir drei Quartette von Beethoven aus dessen ver-\nschiedenen Lebens-Perioden, Werk 18 in A, Werk 59 in F-moll,\nWerk 131 in Cis-moll, hörten. Bei keinem Componisten ist eine\nsolche Zusammenstellung, welche den Entwicklungsgang desselben\ndurch Beispiele aus der höchsten Gattung der Instrumental-Musik\nveranschaulicht, anziehender und lehrreicher, als bei Beethoven,\nund sie verdient mehrfache Nachahmung. Neben dem Danke, den\nwir den genannten Künstlern für die treffliche Ausführung schul-\nden, dürfen wir auch die Anerkennung ihrer edlen Absicht nicht\nverschweigen, da sie die Einnahme, wie wir hören, für die Hinter-\nbliebenen des zu Köln verstorbenen Concertmeisters Franz Hart-\nmann bestimmt haben.\nDass sich unser Capellmeister Marschner mit der Sängerin\nFräul. Jan da verlobt hat, werden Sie wohl schon wissen.\nRotterdam« Herr A. C. G. Vermeiden, Stifter und Ge-\nneral-Secretär der niederländischen Gesellschaft zur Beförderung\nder Tonkunst, die im vorigen Jahre durch ein grosses Musik-\nfest, über welches die Niederrheinische Musik-Zeitung ausführlich\nberichtet hat, ihr fünfundzwanzigjähriges Jubiläum feierte, ist von\nder k. Akademie der Künste zu Berlin zum Ehren-Mit-\ngliede ernannt worden.\nMan schreibt aus Paris: Der eminente Pianist Herr Ernst\nLübeck aus dem Haag ist wieder abgereis't, hat uns aber in der\nErinnerung an die glänzenden Erfolge, welche er diesen Winter\nhier in allen Coneerten und Salons errungen, ein Pfand seiner bal-\ndigen Rückkehr hinterlassen."}]}