{"numero_id": "bm-bmtnabi-1855-06-16-01", "volume": "bmtnabi_1855-06-16_01", "ocr_sha256": "dc5ca32024a225aa164f0e7b84d301ee74a1737a0dfaed89d62e089eeb739e6d", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1855/06/16_01/bmtnabi_1855-06-16_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550616-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1855-06-16-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-06-16_01#c001", "volume": "bmtnabi_1855-06-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "185", "page_fin": "187", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550616-01.2.1", "titre_corps": "Das dreiunddreissigste niederrheinische Musikfest.", "titre_sommaire": "Das dreiunddreissigste niederrheinische Musikfest.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "185", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550616-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3650, "texte": "Das dreiunddreissigste niederrheinische Musikfest.\nI.\nWir haben uns über die Wieder-Aufnahme der nieder-\nrheinischen Musikfeste nach ihrer Unterbrechung in den\nJahren 1848—1850 schon öfter ausgesprochen und sie\nals eines der erfreulichsten Ereignisse für die Kunst be-\ngrüsst. Es gab eine Zeit, wo diese Ansicht einer Recht-\nfertigung bedurfte, indem von einer Seite her die Musik-\nfeste überhaupt als nicht mehr zeitgemäss und als über-\nflüssig angegriffen, von anderer Seite ihre Existenz durch\ndas Ueberhandnehmen der Männergesang-Feste bedroht\nwurde.\nWir haben diese Rechtfertigung in Beziehung auf den\nersten Punkt in den Artikeln , lieber das niederrheinische\nFest\" in Nr. 50, 51 und 52 der Rheinischen Musik-Zei-\ntung vom Jahre 1851, und in Nr. 151 —154 vom Jahre\n1853, vom Standpunkte der Kunstgeschichte und des prak-\ntischen Einflusses solcher Vereinigungen von musicalischen\nKräften auf die Kunst der Gegenwart aus, zu geben ver-\nsucht. Wir wollen uns hier nicht wiederholen, sondern\nnur erwähnen, dass wir dort nachgewiesen, welch eine\ngrosse und ruhmwürdige Vergangenheit das niederrheinische\nMusikfest habe als eine Kunst-Anstalt, welche die Namen\nvon Männern, wie F. Ries, Fr. Schneider, ß. Klein,\nF. Mendelssohn, C. Kreutzer, G. Spontini, G.\nOnslow, L. Spohr, C. G. Reissiger. J. Rietz, H.\nDorn, P. v. Lindpaintner, Rob. Schumann und\nF. Hill er als Dirigenten zieren, und welche auf 29\nFesten, vom Jahre 1818 bis 1847, im Ganzen 151\narosse Gesang- und Orchester-Werke durch ein ausführen-,\no O\ndes Personal von 300 800 Mitwirkenden aufgeführt hat.\nZur Vervollständigung der historischen Uebersicht\n(Rheinische Musik-Zeitung, 1851, Nr. 50 u. s. w.) tragen\nwir hier die Aufführungen in der neuesten Periode nach.\nFest 30. 1851, in Aachen. Judas Maccabäus\nvon Händel Drei Psalmen von BenedettoMar-\ncello (Beides mitlnstrumentirung von Lintpaintner) Sin-\nfonie Nr. 111. von Beethoven Ouvertüre zu Faust\nvon Lindpaintner Mozart's Idomeneus. Dirigent\nP. von Lindpaintner. Solisten: Louise Köster und\nA. Bochkoltz-Falconi Soprane, S. Sc bloss Alt,\nTh. Form es und C. T. Widemann Tenöre, J. Krause\nBass. Th. Pixis Violinist.\nFest 31. 1853, in Düsseldorf. (Köln hatte für\ndas Jahr 1852 die Feier des Festes wegen Mangels eines\ngeeigneten Locals abgelehnt. Der damals schon projectirte\nUmbau und Anbau des Gürzenich-Gebäudes ist gegenwär-\ntig mit Eifer in Angriff genommen.) Sinfonie Nr. IV.,\nD-moll,von R. Schumann Der Messias von Hän-\ndel— Ouvertüre zu Euryanthe von C. M. VonWeber\nDer 125. Psalm von F. Hill er—Der erste Act der\nAlceste von Gluck Die IX. Sinfonie von Beet-\nil oven—Ou verture von J. Tausch Fest-Ouver-\ntu re mit Schluss-Chor über das Rheinweinlied von Rob.\nSchumann. Dirigenten: R. Schumann, F. Hill er,\nJ.Tausch. Solisten: Clara Novello, Math. Hart-\nmann Soprane, Soph. Schloss Alt, E.Koch und von\nder Osten Tenöre, Salomon Bass. Clara Schu-\nmann, Pianistin, J. Joachim, Violinist.\nFest 32. 1854, in Aachen. Ouvertüre zu\nIphigenie in Aulis von Gluck Israel in Aegypten\nvon Händel Ouvertüre zur „Genueserin\" und Fi-\nnale aus der Oper „Der Vampyr\" von Lindpaintner\nSinfonie Nr. VII. in Avon Beethoven Ouver-\ntüre zu Anakreon von Cherubini—\nvon Mozart Ouvertüre zum Sommernachtstraum\nvon F. Mendelssohn. Dirigent P. v. Lindpaintner.\nSolisten: Frau A. Caradori, Frau S. Förster Soprane,\nFrau J oh. Finndorf Alt, J. Schlösser Tenor, J.B.\nPischek und Jos. Büssel Bässe. Vieuxtemps Vio-\nlinist, von Turanyi Pianist.\nSo wie von den 151 bis ins Jahr 1847 aufgeführten\nCompositionen 59 lebenden Meistern angehörten, so kom-\nmen auch an den vier Festen der neuesten Periode (das\ndiesjährige mitgerechnet) auf 19 Werke von verstorbenen"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "186", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550616-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5026, "texte": "-11 von lebenden Componisten. Wir lühren dies aus-\ndrücklich an, weil unter den Vorwürfen, die man nach\n1848 unseren Musikfesten gemacht hat, auch die Vernach-\nlässigung der Zeitgenossen figurirte, und man neuerdings\nVersuche gemacht hat, fortschrittliche Musikfeste zu aus-\nschliesslicher Verherrlichung des Neuen und Neuesten ins\nWerk zu setzen. Die vorstehenden Angaben beweisen, dass\ndie Zeitgenossen reichlich berücksichtigt worden sind; al-\nlein dass Musikfeste gehalten, d. h. eine Zahl von vielen\nHundert Künstlern und Dilettanten, und unter ihnen viele\nder tüchtigsten und ausgezeichnetsten unserer Zeit, mit\ngrossen Kosten vereinigt werden sollen, um entweder mit\nneuen Compositionen, die sich nicht einmal für die Gegen-\nwart, sondern erst für die Zukunft als verständlich ankün-\ndigen, oder gar mit neuen Directions-Manieren zu expe-\nrimentiren, dagegen werden wir uns hier stets mit\nHand und Fuss wehren. Unsere Musikfeste sind bisher dazu\nda gewesen und sollen es auch fortan bleiben, um die Ver-\nsammlung eines zahlreichen und tüchtigen Sängerchors al-\nler Stimmen und die Zusammenstellung eines massenhaften\nund vortrefflichen Orchesters zu möglichst vollendeten Auf-\nlührungen anerkannt schöner Werke von classischen Mei-\nstern zu benutzen. Und weil solche Auflührungen nur dann\ndem Ideal nahe kommen können, welches ihren Schöpfern\nvorschwebte, wenn das Verhältniss der Singstimmen zum\nOrchester, und im Orchester der Saiten-Instrumente zu\nden Holzblase-, und namentlich zu den Blech-Instrumenten,\nein richtiges ist, dieses aber nur bei Musikfesten zu errei-\nchen ist, da kein einzelner Gesang-Verein in der Welt\n4—500 Sänger stellen und keine Capelle auf der Welt\n60 Violinen und «14— 16 Contrabässe u. s. w. gegen ihre\nPosaunen, Trompeten und Hörner ins Feld führen kann,\num nicht von diesen erdrückt zu werden desswegen müs-\nsen wir in Deutschland, dem eigentlichen Musiklande, an\nden Musikfesten festhalten. Und dass sie sich nicht überlebt\nhaben, dass Künstler und Kunstfreunde ihnen mit Freuden\nvon nah und fern zuströmen, das haben die überfüllten Säle\nin den Jahren 1851, 1853, 1854 bewiesen, und jetzt\nvollends wieder das Fest in Düsseldorf, in dessen Tonhalle\nweit über zweitausend Zuhörer an jedem Tage versam-\nmelt waren.\nDass der Männergesang die Musikfeste verdrängen\nwürde, konnte man eine Zeit lang allerdings befürchten,\nwiewohl diejenigen Beobachter, welche sich nicht von dem\npolitischen und geselligen Schimmer der Sängerfeste blen-\nden liessen, niemals daran glaubten, dass ein abgezweigtes\nStück, wenn auch in noch so günstigen Boden gepflanzt,\nkräftigere Wurzeln schlagen könne, als der Stamm selber,\ndass Leistungen, welche nur einen abgesonderten Theil\nder Musik zur Erscheinung bringen, seien sie auch noch\nso vortrefflich, die Sehnsucht nach Darstellung von Wer-\nken, welche die Herrlichkeit der ganzen Tonkunst offen-\nbaren, ersticken würden. WTir erinnern uns besonders des\nJahres 1846, in welchem an den Pfingsttagen das Musik-\nfest in Aachen, und etwa vierzehn Tage nachher das grosse\ndeutsch-vlaemische Sängerfest in Köln Statt fand. Niemals\nwaren die Eindrücke näher an einander gerückt und die\nBeobachtung derselben interessanter. Mit Wehmuth denken\nwir dabei an Felix Mendelssohn, dem wir damals zur Er-\ninnerung an jene Tage folgende improvisirte Verse auf-\nschrieben :\n„Genug mit dem ewigen Nachligallenflöten,\nDen Lerchentrillern und all dem süssen Klang:\nWeg mit den Armiden, Sirenen es ist zum Errölhcn\nAuf! retten wir uns durch kräftiger Männer Gesang!\"\nNun strömten die deutschen Sänger daher,\nSie sandten die Berge, sie sandte das Meer.\nEs braus'tc Gesang aus zweitausend Kehlen,\nDer alte Gürzenich bebet und dröhnt;\nDoch Zwei sah man still aus der Menge sich stehlen,\nDer Eine seufzte: „Wie bin ich verwöhnt!\"\nDer Andre: „Ach freilich! die Lerchen fehlen!-'\nDann lügte er noch mit dem eigentümlichen Lächeln, wel-\nches bei seiner humanen Bildung nie zum deutlichen Aus-\ndruck des Spottes kam, hinzu: „Das kann den Musikfesten\nkeinen Schaden thun!\"—Und die Zeit hat den Ausspruch\ngar bald bewahrheitet, zumal da nur wenige Männerge-\nsang-Vereine, unter ihnen vor allen der kölner und der\nwiener, sich zu künstlerischer Höhe erhoben haben.\nDie Anzahl der Mitwirkenden bei dem diesjährigen\nFeste haben wir schon in Nr. 22, S. 175, angegeben.\nUnter den 65 Violinisten finden wir David, Pixis, von\nRönigslöw, Gulomy, Gleichauf, Seiss, Derckum,\nvon Wasielewski, F. und W. Wenigmann, Wipp-\nlinger u. s. w., bei den Bratschen Musik-Director F.\nWeber, Peters, M eck um, Kochner, H.Reimers\nu.s.w., bei den Violoncells Grützmacher, Grabau,\nB. Breuer, Chr. Reimers, Höcke, Suhr, J. We-\nnigmann u.s.w., bei den Contrabässen A. Breuer aus\nKöln, Sachar aus Frankfurt a. M. u. s. w. Die Blas-In-\nstrumente waren zwar im Ganzen nicht schlecht und wirk-\nten in den Tuttis recht gut; im Vortrag von Solostellen\nfehlte es aber oft an Weiche und Ausdruck, ja, einige Mal\nsogar an Präcision und richtigem Tacte. Trotzdem machte\ndie zahlreiche und treffliche Besetzung der Saiten-Instru-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "187", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550616-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2866, "texte": "mente das diesjährige Orchester zu einem der glanz-\nvollsten, die man hören kann. Eben so war auch der Chor\nvon herrlicher Kraft und Frische und wusste den alten\nRuhm Rheinlands in dieser Beziehung aufrecht zu halten.\nF. Hiller leitete das Ganze mit bekannter Meisterschaft,\nbefeuerte die Massen durch Geist und hielt sie mit Energie\nzusammen.\nSeine Sinfonie in E-moll eröffnete das Fest am\nersten Tage. Wir haben schon nach früheren Anhörungen\nderselben wiederholt ausgesprochen, dass wir diese Com-\nposition unter den Orcheslerwerken der neuesten Zeit sehr\nhoch stellen, und ihre gegenwärtige vortreffliche Auffüh-\nrung zu Düsseldorf hat nicht nur uns selbst in dieser An-\nsicht bestärkt, sondern sie auch durch das Urlheil der gros-\nsen Menge von Männern von Fach, die hier versammelt\nwaren, und durch den lebhaften Beifall des ganzen Publi-\ncums bestätigt. Die Sinfonie enthält in ihren vier Sätzen\neinen Schatz von musicalischen Gedanken, welche nicht\nnur mit grosser Kunst, sondern auch mit reicher, vielleicht\nhier und da allzu üppig wuchernder Phantasie verbreitet\nund in einander geflochten sind, so dass dadurch allerdings\nSchwierigkeiten für die Ausführung entstehen, welche je-\ndoch durch unsere jetzigen Orchester nichts weniger als\nunüberwindbar sind. Uebrigens sind diese Schwierigkeiten\nweder der Natur der Instrumente zuwider, noch erscheinen\nsie irgendwo als gesucht und affectirt, sondern gehen aus\nder Art und Weise der Arbeit hervor. Diese ist nament-\nlich im ersten Allegro, welches hauptsächlich, nicht eine\nmalende Darstellung, sondern ein begeisterter Ausfluss des\nGedankens: „Es muss doch Frühling werden\", ist—d.h.\nFrühling überall im Leben, wo der Winter ihn hemmt\ndiese Arbeit, sagen wir, ist wahrhaft bewundernswerth,\nweil die Phantasie stets die Herrschaft über die combinato-\nrische Kunst behauptet und dennoch diese nicht zu Zan-\ngengeburten harmonischer Wechselbälge zwingt. Wir fin-\nden eben hierin, nämlich dass das Neue nicht auf Kosten\ndes Schönen und des theoretisch Gesetzlichen gesucht wird,\ndas Charakteristische von Hiller's neuesten Compositionen,\nnamentlich dieser Sinfonie in E- und der Clavier-Sonate\nOp. 47. Aber auch das Geistreiche in Erfindung und Aus-\nführung, welches sich schon in seinen früheren Compo-\nsitionen zeigt, z. B. in den Capriccien und Etüden für Piano-\nforte, finden wir hier im dritten Satze, einem Allegro vivace\nin 2/4-Tact (statt des Scherzo), in noch höherem Grade\nwieder, während das Adagio ein tiefes, schwärmerisches Ge-\nfühl, eine Sehnsucht des Herzens nach dem Frühling athmet\nund gleich von vorn herein wunderbar ergreift, das Finale\naber durch Leben und Feuer uns mit sich fortreisst. Ge-\nschichtlich müssen wir noch berichten, dass jeder Satz\nvom Publicum mit rauschendem Beifall aufgenommen und\nder Componist am Schlüsse gerufen und mit Tusch von Pau-\nken und Trompeten begrüsst wurde."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-06-16-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-06-16_01#c002", "volume": "bmtnabi_1855-06-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "187", "page_fin": "189", "image_debut": 3, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550616-01.2.2", "titre_corps": "Zwei neue und sehr schöne Geschichten der Musik.", "titre_sommaire": "Zwei neue und sehr schöne Geschichten der Musik.", "signature_source": "Ch", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "187", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550616-01.1.3", "debut_caractere": 2868, "fin_caractere_exclue": 4972, "texte": "Zwei neue und sehr schöne Geschichten der Musik.\n\n1.\nSeit 1854 gibt Hoffmann von Fallersleben in Weimar\nein „Weimar-Jahrbuch\", hauptsächlich für die Aufnahme\nder deutschen Literatur, heraus, von dem bisher drei Hefte\nerschienen. Weil nun in Weimar sich so viele schöne Gei-\nster zusammen gefunden, die alle poetisch-musicalische Luft\nathmen, so konnte auch Hoffmann's Jahrbuch diesem Dunst-\nkreise nicht entgehen, und so brachten die drei Hefte uns\nschon zwei längere Ergüsse über Musik im Allgemeinen,\nderen einer noch schöner als der andere. Folgende Pro-\nben werden es zeigen.\nVoran ging Herr Joachim Raff, indem er in\neiner bahnbrechenden Abhandlung „ die Stellung der Deut-\nschen in der Geschichte der Musik\" in einer „kunsthisto-\nrischen Skizze\" (S. 171 ff.) untersuchte. Raff ist bekannt-\nlich ein Philosoph, dessen Ideen Hegel in Schwingung\nbrachte, wie gleichfalls die des berühmten Brendel, ohne\nder Selbstständigkeit Beider irgendwie Abbruch zu thun.\nSo wird denn hier natürlich zunächst vom „ classischen\" Ideal,\nGriechenthum, das sich im „Tempelbau\" aussprach, gere-\ndet, nicht etwa so in zwei oder drei Sätzen, sondern sei-\ntenlang hin, mit Anführung von allerlei neuen Büchern, die\ngar nicht dahin gehören und dem Sachkundigen die ge-\nwisse Ueberzeugung geben, dass er es hier mit einem blü-\nhenden Dilettanten zu thun hat.\nLassen wir uns denn sagen, dass die Griechen eine\n„bruchlose\", die nachfolgenden Christen aber eine „zwie-\nspältige\" Seele halten. Man denke den Unsinn im Munde\neines Nachschwätzers von Hegel und Vischer, und höre ein\nPröbchen, durch welches nebenbei Hauptpunkte der Ton-\nkunst geschichts-philosophisch begründet werden sollen:\n„Die bruchlose menschliche Seele erzeugt in der Sehn-\nsucht [in der Sehnsucht zum Bruch ?], eine bestimmte Em-\npfindung musicalisch erklingen zu lassen, die Melodie\nund beruhigt sich (acquiescirt) in derselben. Allein das\nzwiespältige Gemüth bedarf zu jener Melodie eines Ge-\ngensatzes. Da es aber in der entstandenen Entzweiung\nnicht verharren kann, hebt es sodann die Melodie und den\nGegensatz in einem Dritten, dem Rhythmus, auf, wel-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "188", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550616-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5188, "texte": "eher die Einheit wieder herstellt, indem er den Satz und\nGegensatz in geordnetem Zusammenklange und harmoni-\nscher Gliederung zur Total-Erscheinung bringt. Je tiefer\nsich nun die Seele jenes Gegensatzes bewusst wird, je mehr\nsie sich mit demselben durchdrungen hat, desto organischer\ngestaltet sie ihn. Ist jenes Bewusstwerden ein dunkeles, un-\nbestimmtes, so wird der Gegensatz als unorganische Masse\nerscheinen, welche der bestimmt ausgesprochenen Melodie\nnicht das Gleichgewicht hält und daher untergeordnet wird;\nist es aber ein klares, distinetes, so gestaltet sich der Ge-\ngensatz selbst als Melodie oder Complex mehrerer Melo-\ndieen, welche der ersten Melodie selbstständig gegenüber\ntreten, d. h. ihr rhythmisch coordinirt werden. (Im ersteren\nFalle hat man als Techniker zu reden—harmonische\nBegleitung, im anderen Gegensatze Contrapunkt\neiner oder mehrerer Melodieen oder mindestens melodisch\nausgebildeter Harmonie-Bestandtheile gegen die Melodie.)\nDer Grieche nun, vermöge des bruchlosen Wesens seiner\ninnersten Natur, konnte das Bedürfniss eines mehr oder\nminder selbstständigen Gegensatzes gegen die Melodie we-\nnig oder gar nicht empfinden.\" 174. Der „römische\nMensch\" war „schon weniger bruchlos angelegt als der\n♦ Grieche\". 175. Hier fehlen bloss noch „subjectiv\" und\n„objectiv\", um das philosophische Schul-Exercitium voll-\nkommen zu machen; die hat der Verfasser sich indess bis\nspäter zu Bach und Händel aufgespart. Es gibt gewisse\nPhrasen, die man den Verständigen nur vorzulegen braucht,\num sie kritisch abzuthun; so auch die angeführten. Von\nmusicalischer Weisheit ist in allem dem keine Spur;\nman erschrickt ordentlich über den erstaunlichen Grad\nkunstloser Verniichterung und Selbstentleerung, zu welcher\nes Jemand gebracht hat. der doch über Hals und Kopf\ncomponirt und also ein Musiker sein will.\nIm dunkeln Mittelalter stümpert er so an der Baukunst\neinher (selbst über die Bildung eines neuen Baustyls in der\nJetztzeit werden ganze Paragraphen voll geschrieben! Hier\nhat er nur zu citiren vergessen: Vischer, Aesthetik, §. 595,\nBd. 3, S. 329 ff.) und schlägt sich denn richtig bis Lu-\nther's Zeit hin durch. Da treten aber zum Glück Malerei\nund Poesie für die ersterbende Baukunst ein, die nun mit\ndemselben Wortschwall bedacht werden. So muss man die\nmusicalische Unwissenheit verstecken! Es geht auch recht\nI schön; denn wer versteht die Dinge gerade, und wer küm-\nI mert sich darum? So kommt er denn auch richtig über\nij diese Jahrhunderte hinweg, ohne von dem schönsten Er-\nzeugnisse, welches die Deutschen in dieser Zeit zur Reife\n1 brachten, nur das Geringste gewahr zu werden. Ich meine\nden deutschen Volksgesang. Es gibt in der That kaum\neine ansprechendere, und für uns keine nationalere Erschei-\nnung, als die Hervorbildung des deutschen Volksliedes aus\nder abblühenden Minnedichtung und aus Keimen alter Hel-\ndensage ; ja, man kann wahrnehmen, wie durch seine Me-\nlodieen an Verfeinerung und Gewinnung innerer Fülle die\nMusik einen grossen Schritt weiter that, wie der deutsche\nVolksgesang das Beste von den Weisen aller umwohnen-\nden Völker aufnahm, abklärte, weiter durchsang, dadurch\ndie Oberhand gewann und endlich im fünfzehnten Jahrhun-\ndert im weltlichen, im sechszehnten im geistlichen Liede\nseine Vollendung erreichte. Mit dem Hervorkeimen dieses\nGesanges längt die Geschichte der deutschen Musik an, iür\nden wenigstens, der vernünftig zu Werke gehen will. Auch\nist gleich diesen Anfang zu beschreiben, eine schöne Auf-\ngabe, die gewiss dankbare Leser findet. Aber es will un-\ntersucht sein; Niemand wird die Kenntniss dieser Dinge\naus den Fingern saugen können.\nWeiterhin gelangt Herr Raff an die Oper, und hier\nregnet es Einfälle über Einfälle. Einmal, bei Gelegenheit\nder alten hamburger Oper, wird er sogar quellengelehrt;\ndenn er theilt aus dem Operntexte Simson, den Barthold\nFeind 1708 verfertigte, etwas mit, und danach „scheint\"\nihm denn Dieses so und Jenes so gewesen zu sein. In\nWahrheit ist der Feind'sche Simson für die Art der ham-\nburger Oper so gut wie gar nicht entscheidend; Herr Raff\nverfiel auf ihn auch nur, weil er jetzt selber einen Simson\nin Poesie-Musik setzt (laut eigener Berichte in den leipzi-\nger Blättern und Signalen.)\nFür Bach und Händel hat er eine auserlesene Sonn-\ntags-Phrase zur Hand, diese: „Der Unterschied zwischen\nBach und Händel beruht darauf, dass der Entwicklungs-\nProcess des Ersteren ein mehr innerer, subjectiver, jener\ndes Letzteren ein mehr äusserer, objectiver ist.\" 201. Ist\ndas nicht tief gedacht und herrlich gesagt? Auch die deut-\nsche Erklärung, welche er hier von subjectiv und objectiv\ngibt, zeigt sein tiefes Eindringen in den Sinn dieser Worte\nund hat mir wohl gefallen.\nDas Folgende bis zu dem Schlüsse, „ dass die Aeufnung (sie)\ndieser Kunst in der Gegenwart den Deutschen belassen und\npflichtig bleibt\" (213), mögen die Liebhaber an Ort und\nStelle nachlesen; sie werden finden, dass Herr Raff die Ge-\nschichte der deutschen Musik in sehr schönem Deutsch be-\nschrieben und weder von fremden Ausdrücken noch vom\nseligen Kanzlei-Stil einen lächerlichen Gebrauch gemacht\nhat. Wir wählen zum Beschluss noch einige Confessionen\naus, in denen Herr Raff vom Zustande seines lieben Ich"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "189", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550616-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1951, "texte": "einige Nachricht gegeben. Dahin gehört, wenn er sagt:\n„Bei gänzlichem Abgang eines religiösen oder nationalen\nIdeals in der präsenten Welt stellt sich endlich das Sub-\nject auf sich selber und construirt sich das Ideal auf histo-\nrischem Wege.\" 212. So sollen es schon Mendelssohn,\nSchumann und Wagner gemacht und sich sehr wohl dabei\nbefunden haben: denn „die Musik, welche zur Zeit gleich\nden Schwesterkünsten derjenigen Ausgangspunkte entbehrt,\ndie sie sonst zu einem religiösen oder nationalen Gemein-\ngelühl besass, hat nunmehr einen solchen in der ausgebil-\ndeten Wissenschaft des Schönen, welches gefasst wird als\ndie Idee in unmittelbarer Einheit des Begriffes und seiner\nRealität, jedoch die Idee, in so fern diese ihre Einheit un-\nmittelbar in sinnlichem und realem Scheine da ist. Der\nnach den Anforderungen einer hiervon ausgehenden Aesthe-\ntik erzogene Künstler hebt folgerichtig jeden Bruch seiner\nangeborenen Natur auf und deckt seinen individuellen Ge-\nhalt durch die vollkommene Form. Er hat somit im Grunde\nnur eine äussere und empirische Gesetzlichkeit an eine\ninnere und apriorische vertauscht, welche erst die wahre\nkünstlerische Freiheit ist.\" 213. Hiermit nun „einige bis\njetzt noch nirgends dargelegte Gesichtspunkte eröffnet\" zu\nhaben, „gereicht ihm zur reinsten Befriedigung\". Seine\ngrösste Befriedigung ist doch wohl die, dass er selbst der\nvollfreie moderne Künstler der Gegenwart ist; denn sein\nIdeal passt nicht einmal auf Wagner und Berlioz, es passt\nnur auf Herrn Joachim Raff allein. Diese Menschen kennen\nweder Gott noch Vaterland noch wahre Freundschaft, nur\ndas trostlose eigene Ich — und prahlen noch damit!\nTrostreich war uns in dem ganzen Gerede das sonder-\nbare Bekenntniss, dass die Deutschen schon seit alten Zei-\nten beständig „absolute\" Musik gemacht haben. Wollen\nnur hoffen, dass sie beharrlich diesen Weg verfolgen und\ndurch den Trödel der zukünftigen Poesie-Musik sich gar\nnicht irre machen lassen.\n\nCh."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-06-16-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-06-16_01#c003", "volume": "bmtnabi_1855-06-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "189", "page_fin": "191", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550616-01.2.3", "titre_corps": "Pariser Briefe.", "titre_sommaire": "Pariser Briefe.", "signature_source": "B. 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Der Zwie-\nspalt, der sich in dieser Zusammenstellung auszusprechen\nscheint, wird einiger Maassen dadurch versöhnt, dass auf\nder einen Seite das Te Deumviel Komisches und die ko-\nmische Oper nichts Göttliches hat; jenes ist von Berlioz,\ndiese von Ha I e vy.\nDas Te Deum war, wie es hiess, zur Feier der Eröff-\nnung der Ausstellung geschrieben; leider wurde diese ver-\nschoben. Da aber zu der Ausführung des kolossalen Wer-\nkes bereits eben so kolossale Vorbereitungen getroffen wa-\nren, so liess sie sich nicht aufschieben, fand am 30. April\nin der Kirche St.Eustache Statt und— „durch eine merk-\nwürdige Verknüpfung der Ereignisse fand sich dieser mu-\nsicalische Pomp ganz fertig vorbereitet und im Erstaunen\nerregenden Apropos vor, um Gott auf eine eclatante Weise\nLob und Dank darzubringen, dass er die Tage des Kaisers\nso sichtbar beschützt hat!\" (Wörtlich: Revue Mus. Nr. 18,)\nDie Wahrheit über die Entstehung dieses Te Deum\nist, dass es ursprünglich eben so wenig mit der Ausstel-\nlung zu thun hat, als mit dem „Apropos\". Es ist bereits\nvor sechs bis sieben Jahren geschrieben, hiess damals\nRetour de la Campagne d'ltalieund war bestimmt, den\nkriegerischen Ruhm von Napoleon Bonaparte zu feiern.\nHatte doch Berlioz gelesen, dass Beethoven's\nEroica der Bewunderung für den ersten Consul ihr Dasein.\nverdanke. Grund genug für ihn, eine ähnliche Idee, aber\nnatürlich mit Anwendung aller Mittel des Fortschrittes,\nauszuführen, d. h. mit zwei Chören von je hundert erwach-\nsenen Sängern und Sängerinnen, einem dritten von sechs-\nhundert Kindern, einer Masse alten und neuen Blechs,\nTrompeten, Pauken, Posaunen, Tuba's, Ophyklei'den, Sax-\nhörnern, Becken und Triangeln, grosser und einem Dutzend\nkleiner Trommeln, Pickelflöten, Harfen, Orgel und dem\nsonst gebräuchlichen Orchester.\nDa es nun mit der Hervorsuchung der „Flucht nach\nAegypten\" und ihrer Neugestaltung als Oratorium oder\nMysterium (VEnfance du Christ) so gut gegangen war,\nwarum nicht den grossen Augenblick der Eröffnung einer\nWelt-Ausstellung ergreifen, um eine alte, bestaubte Par-\ntitur, die kein Mensch hatte aufführen, geschweige denn\ndrucken wollen, von dem Notengestell herab zu holen und\ndurch eine Gelegenheits-Aufführung, wenn es auch die ein-\nzige bleiben sollte, die Welt doch wenigstens wieder ein-\nmal in Schrecken zu setzen? Freilich gab es zuerst einige\nBedenken. Wie soll man den kriegerischen Pomp mit einer\nFeierlichkeit in Einklang bringen, welche die Künste des\nFriedens verherrlicht? Der „Hymnus an die Jungfrau Ma-\nria\", welcher sich an das Te Deum reiht, will auch nicht\nrecht passen, da wohl schwerlich einer von den Industriel-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "190", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550616-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4706, "texte": "len unter besonderer Anrufung ihres Beistandes sein Fa-\nbricat vollendet haben möchte. Und was fangen wir vollends\nmit dem gewaltigen Marsche am Schlüsse an, der durch\nseine militärische Wucht alle Fugen der Kirchenmusik aus\neinander sprengt?\nAber ein Genie weiss iür Alles Rath. Der Marsch\nwurde „Fahnenweihe\" betitelt.— „Wie? Fahnenweihe bei\nder Ausstellung?\" —Nun, was ist dabei zu fragen? Man\nstellt sich vor, dass die Aussteller in Bataillone getheilt sind,\nderen jedes seine Fahne hat, oder auch, dass jeder Aus-\nsteller mit einer Fahne in der Hand in den Industrie-Pa-\nlast einzieht nnd dabei Gott dankt, dass er in Paris ist. Da\nnichts natürlicher ist als diese Vorstellung, so schreiben\nwir aufs Programm: „Presentation et benediction des dra-\npeaux des Exposants\",und der Marsch ist gerettet, der\nunerhörte Lärm ist gerechtfertigt!\nDass eine Masse von beinahe 900 Menschen, in dem\nSchiff der Kirche vor und hinter dem Altare stufenweise\naufgestellt, einen grossen Anblick gewährt und, wenn sie\nmit ihrer gesammten Tonlähigkeit losbricht, einen furcht-\nbaren Eindruck macht, ist natürlich; aber dass dieser Ein-\ndruck ein erhabener gewesen sei, müssen wir ganz; und\ngar in Abrede stellen. Dazu fehlte der Geist in diesem rie-\nsigen Tonkörper; sein Athmen erregte das Staunen der\nMenge über den enormen Blasebalg seiner Lunge; auf den\nMusiker und Kunstfreund aber wirkte es nur komisch, so-\nbald er nämlich die Furcht vor dem Zerspringen der Ohren\nüberwunden hatte, welche zumal bei den schroff auf einan-\nder platzenden Harmoniewechseln wahrlich keine eingebil-\ndete war. Das Ganze besteht aus sieben Sätzen (der Marsch\nbildet den achten), lauter Chorgesängen, die nur von einem\neinzigen Tenor-Solo (Je ergo quaesumus) unterbrochen\nwerden. Wenn wir den Ausdruck „Gesänge\" gebrauchen,\nso ist das eigentlich nicht richtig; denn Berlioz' Chöre sind\nOrchestersätze, theils von Instrumenten, theils von mensch-\nlichen Stimmen ausgeführt: von Gesang kann, genau ge-\nnommen, nicht die Rede sein; und wenn der Componist\ngar canonische und fugenartige Führung der Singstimmen\nbeginnt, so wird solch ein Stückchen Procession in zusam-\nmengestoppeltem altem Costume mitten unter der aller-\nneuesten Modulations-, Form- und Lärm-Freiheit geradezu\npossirlich.\nIch habe mit dem besten Willen und aufrichtigsten\nWunsche, etwas zu finden, das musicalisch-schön wäre, in\ndem Gedränge ausgehalten; aber ich muss gestehen, ich\nhabe nichts gehört, das dieses Prädicates würdig wäre.\nDies ist übrigens auch die Meinung der tüchtigsten Kri-\ntiker, z. B. von Scudo, während freilich andere sich nach\npariser Weise wenden und drehen, um zwischen Wahrheit\nund Lüge hindurch zu schlüpfen. Bei ihnen sind dann die\ngrässlichsten Accordfolgen „einiger Maassen überraschend\",\ndie Melodielosigkeit „eine gewisse Kälte, welche von den\ningeniosites des esprit de combinaison herrührt\", die „dum-\npfen, zitternden (!), verschleierten Harmonieen\" bedeuten\n„die Welt auf den Knieen\", und die „Fremissements des\ncymbales\" (der türkischen Becken) vollenden das prächtige\nTutti. Doch ich bescheide mich, zumal wenn ich bedenke,\ndass man wahrscheinlich von Weimar aus, wo das\ndoch sicher auch zur Aufführung kommen wird, ganz an-\ndere Urtheile in die Welt schicken dürfte, als dasjenige\nDeines ungläubigen Correspondenten ist. Denn nach dem\nBerichte aus Weimar in einer der hiesigen Musik-Zeitun-\ngen, der „P. Cornelius\" unterzeichnet ist, wird Berlioz'\nMusik vom dortigen Ilofe nicht nur geliebt, sondern auch\nrichtig begriffen; das Publicum dringt allmählich in das\nVerständniss seiner Compositionen ein, bei der Aufführung\nder Sinfonie fantaslique„folgte ein Jeder mit Eifer den\nUmgestaltungen der fixen Idee der charakteristischen\nMelodie von ihrer Geburt als Hauptmotiv des ersten\nSatzes bis zu dem Augenblicke, wo sie im Finale unter\ndem Uebermaass einer Ironie der Verzweiflung, die der\nReligion und der Liebe spottet, den Gang und Ton einer\nunedlen Tanz-Melodie -annimmt\". Ums Himmels willen,\nwer steckt denn hinter dem grossen Namen des Peter Cor-\nnelius? „Am Ende brach das Publicum in wahnsinnigen\nBeifall aus (desapplaudissementsfrenetiques).\" Auch ein Ge-\ndicht hat man uns von dorther geschickt, noch dazu ein\nlateinisches, von Hoffmann von Fallersleben, eine Grabmal-,\nnicht doch, eine Gastmahl-Inschrift, vulgo Toast auf Berlioz:\nNostrum desideriutn\nTandem implevisti,\nVenit nobis gaudium,\nQuia Tu venisti.\nSicuti coloribus\nPingit nobis pictor,\nPictor es exirnius,\nHarmoniae Victor.\nVivas, crescas, floreas,\nHospes Germanorum,\nEt amicus maneas\nNeo-Wimarorum!\nNun, ich lasse mir so etwas gefallen,\njuvenes dum sumus;\naber wenn man so alt wie Hoffmann geworden ist und\nsolch ein Leben und Wirken hinter sich hat, wie er, in"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "191", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550616-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3781, "texte": "welchem in Wissenschaft und Kunst der laute Schlag des\nwarmen deutschen Herzens immer hörbar durchtönte,\nso Du verstehst mich.\nWenn ich H. Berlioz etwas scharf beurtheile in dem,\nwas er als Componist leistet, so muss ich doch in Einer\nRücksicht ihn hoch stellen: er schreibt nicht, um Geld zu\nmachen und das will in Paris viel sagen. Mag sein Stre-\nben nach Ruhm durch „Neues um jeden Preis\" nicht das\nrichtige, keineswegs das echt künstlerische sein: er bekun-\ndet doch dadurch eine Gesinnung, es scheint doch seine\nUeberzeugung zu sein, welche ihn auf diesen Weg geführt\nhat und darauf festhält; denn dass er damit keine Seide\nspinnt, wie man zu sagen pflegt, und namentlich keine pa-\nriser Seide, davon muss er sich längst vergewissert haben.\nWie sehr treten in dieser Beziehung die Opern-Com-\nponisten en voguegegen ihn zurück! Diesen Leuten ist die\nKunst nichts mehr als eine Kupplerin, um die Sinnlichkeit\nder grossen Menge zu ihrem Gewinn auszubeuten. Dem\nbesten, d. h. dem geldschwersten, Besteller wird zugesagt;\nDichter und Componisten verdingen sich auf bestimmte\nLieferungszeit; an ein Kunstwerk, selbst nur an ein einiger\nMaassen kunslgemässes Ganzes wird nicht gedacht—man\nschreibt lür ein paar Sänger oder Sängerinnen, meist nur\nlür Eine, und nächstdem für den Maler und den Ma-\nschinisten.\nDas Haupt dieser Opern-Eabricanten, an deren Musik\nauf sehr bezeichnende Weise stets die „Factur\" besonders\ngelobt wird, bleibt zwar A. Adam; allein neuerdings scheint\nihm ein Tonkünstler den Rang ablaufen zu wollen, der zu\netwas Besserem Anlage und Beruf hat. Ich meine den\nComponisten der Jüdin. Haie v v hat dem Thedtre lyrique\neine so genannte komische Oper in drei Acten und vier\nTableaux geliefert, welche weder den Musikern noch dem\ngrossen Publicum gelällt und nur die etwas passirte, aber\nimmer noch hübsche und coloraturfertige Mad. Cabel bei\nden ersten Vorstellungen befriedigte, jetzt aber auch selbst\nvon dieser gehasst wird, weil an den folgenden Abenden\ndas Haus immer leerer wurde. Die Oper heisst Jagua-\nrita, ist aus der Text-Manufactur der Herren St. Georges\nund de Leuven hervorgegangen, spielt im holländischen\nGuiana, zeigt Urwälder und Meer, Wilde in Feder-Toilette\nä la Papagena, holländische Uniformen, Liebe und Hass,\nFurcht und Heldenmuth, und endlich eine kosmopolitische\nHochzeit, indem ein europäischer Hauptmann zum Häupt-\nling der Wilden avancirt und die Königin der Anacotas\nheirathet. Diese ist von Geburt eine Tigerin (Jaguar); ein\nrothhäutiger Karaibe, der trotz seiner ästhetischen Bildung\nfür Gesang und Tanz, auch zuweilen einen unwidersteh-\nlichen Appetit auf Menschenfleisch spürt, hat ihre Erziehung\ngeleitet, sie selbst verfolgt die Weisshäute mit Feuer und\nSchwert, Gift und Dolch aber, ach! wer kann einem hol-\nländischen Lieutenant widerstehen? Bei seinem Anblicke\nzieht die Tigerin die Krallen ein und Glace-Handschuhe\nan, und die Sache macht sich trotz „Mamajauibo\" und\n„Samsam\", den anacotanischen Nussknackern.\nHai evy's Musik ist nicht einmal pikant, trotz allerlei\nKunststückchen, wozu auch der Wechsel von %- und '*/$-\nTact in einer Arie der Mad. Cabel gehört; denn überall\nselbst wo hier und da ein hübscher musicalischer Gedanke\nauftaucht tritt das Absichtliche, das Gemachte, ja, das\nTriviale ihn wieder breit. Dabei ist der Unsinn der Colo-\nratur aufs Aeusserste getrieben. Das hindert jedoch alles\nHerrn de Rovray nicht, im Moniteur zu sagen, dass „die\nPartitur überreich an neuen, packenden, originellen Ideen\nsei, und dass der Beifall, den Meyerbeer's Stern des Nor-\ndens fortwährend erhält, Herrn Halevy angefeuert habe,\ndurch sein Werk auch das dritte Opern-Theater zum\nersten Range zu erheben!\"\nan Berichten, zwischen deren Zeilen man wenigstens lesen\nkann, dass man sich in der Tigerita gelangweilt habe.\n\nB. P."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-06-16-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-06-16_01#c004", "volume": "bmtnabi_1855-06-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "191", "page_fin": "192", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550616-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "191", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550616-01.1.7", "debut_caractere": 3783, "fin_caractere_exclue": 5407, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nFür eine Sr. Majestät dem Kaiser Napoleon zugeeignete\nsolemnis von Concertmeister Späth in Coburg erhielt dieser von\ndem Minister des kaiserlichen Hauses, Herrn Achille Fould, ein\nsehr verbindliches Dankschreiben im Namen des Kaisers mit einem\nreichen Geschenke. Se. Majestät haben befohlen, dass diese „ausge-\nzeichnete\" Composition in dem kaiserlichen Musik-Archiv aufbe-\nwahrt werde.\n(Aus einem Briefe.) Auf H. Berlioz' Ouvertüre zu Cellini\nfolgte irgendwo in einem Concerte eine Suite von S. Bach in\ndur. Diese Zusammenstellung machte einen ziemlich drolligen\nEffect; es war, als ob Nord- und Südpol zusammengezwängt wä-\nren, als ob ein taumelnder Bepublicaner von 1848 mit irgend\neinem Gesetzgeber der Vorzeit wandeln sollte. Berlioz ist das\nfür die Sinfonie und Ouvertüre, was Wagner für die Oper ist\nkein sonderlicher Gewinn für die Kunst, wenn das so fort geht —,\ndas Charakteristische überwiegt das Schöne, ja, der Charakter\nwird Fratze, Caricatur. Die oben genannte Ouvertüre repräsentirte\nweiter nichts als infernalische Musik, ein teuflisches Jauchzen, eine\nPhantasie der Hölle. Und darein ist man vernarrt; auch findet\nnoch der Dirigent in der Ausführung einen Triumph, weil hier\ndas Orchester alle möglichen Unmöglichkeiten des Tactes und un-\nvorhergesehenen Bewegungen des Rhythmus exact darzustellen hat.\nWenn das Kunstmusik ist, dann haben die Wilden auch das Pri-\nvilegium, Künstler zu heissen.\nIn italiänischen Blättern finden wir die Nachricht, dass der be-\nrühmte Pianist „Baron\" Theodor Döhler Ende Mai von Flo-\nrenz abgereis't ist, um im Wildbad eine Cur zu gebrauchen."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "192", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550616-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3751, "texte": "Am 17. Juni wird zu Lille ein grosser Ges an g-Wet tstrei t\nvon Liedertafeln u. s. w. Statt finden. Aus der Rheinprovinz wer-\nden dem Vernehmen nach der Männergesang-Verein von Aachen\nund der von Lobberich, welcher schon einige Mal am Rheine\nPreise erhalten hat, daran Theil nehmen.\nDie berühmte Sängerin Stoltz, welche am 31. Mai in Paris\neinen Contract für Rio de Janeiro unterzeichnet hat, welcher ihr\nfür ein Jahr 400,000 Frcs. Gehalt, ein Haus und Pferde und Wa-\ngen sichert, hat sich mit siedendem Wasser den Fuss verbrannt.\nSeit einigen Tagen hat das Uebel einen beunruhigenden Charakter\nangenommen, indem sich eine stets weiter um sich greifende Ent-\nzündung eingestellt hat.\nRoger ist gegenwärtig wieder in Paris, wo er jedoch nur\neinige Wochen zu bleiben gedenkt.\nKarl Wehle hat eine fünfmonatliche Concertreise durch Por-\ntugal gemacht, von der er jetzt in Paris zurück ist.\nLoaidon. Der junge Pianist Arthur Napoleon ist für eine\nReihe von acht Concerten im Glaspalaste zu Sydenham engagirt worden.\nDie musicalische Kritik in Nordamerica beschämt dem Compo-\nnisten Verdi gegenüber die pariser und londoner Journale. Die\nMusical Gazette von New- Y o r k sagt über die Oper II Trovatore\nunter Anderem:\n„Endlich haben wir diese neue Inspiration von Verdi's Muse\ngesehen und gehört, diese Oper, welche nach dem örtheile von\nganz Italien und jenem der pariser Kritik einen neuen Stil entfal-\ntet, der den Componisten berechtigt, der italiänische Meyerbeer ge-\nnannt zu werden. Meyerbeer allein ist eine schöne Studie für den\nBeobachter, den Philosophen; aber ein italiänischer Meyerbeer\nwürde so unprmesslich neu und interessant sein, dass wir uns\nhöchst wahrscheinlich nie eines solchen Anblicks erfreuen werden.\nWir müssen gestehen, dass wir nie in allen unseren Erwartungen\nso sehr getäuscht wurden, als bei der Anhörung des Trovatore;\nder vorgebliche neue Stil ist ganz jener des Rigoletto, der, unter\nuns gesagt, ein wenig alt ist, und was die Gegenwart Meyerbeer s\nin dieser Musik anbelangt, so ist sie in der That für jedes mensch-\nliche Wesen zu tief verborgen, um sie heraus zu finden. Leider ist\nauch dieser Trovatore nur ein Schritt weiter vorwärts auf dem blu-\ntigen Pfade des modernen Romanticismus, dieser so genannten\nneuen Schule, welche in der Musik der vorausgesetzten in der\nNation schlummernden Energie (vigor) durch Mord, Selbstmord und\nandere Schauerscenen gerecht zu werden vermeint, Als die Ita-\nliener Bellini hatten, schienen sie ihre männliche Kraft, ihren\nNationalstolz, ihre traditionelle Grösse gegen die reizende, wollüstige\ni Liebes-Cantilene aufgegeben zu haben, sie waren nur mehr bezau-\nbert von den Spenden einer echt musicalischen Natur, gerade so,\nwie zuweilen ein ernster, kraftvoller Mann von den Reizen eines\nzarten, jungen Mädchens gefesselt wird. Aber Bellini konnte nicht\newig leben, und die Italiäner erwachten endlich aus ihrem „dolce far\nniente\", aus ihren Träumen und Täuschungen zu der ernsten Wirk-\nlichkeit, die sich mit ihren peremtorischen Forderungen zuerst\nbei Donizetti, dann bei Verdi geltend machte, welche die\nNation zur Ueberlegung und That aufriefen. Aber dieser Thalen-\ndrang hatte zu seinem Sporn nicht das Machtvolle, sondern das\nSchreckliche, nicht gesunden Muth, sondern rasende Wuth, nicht\ndas Erhabene, sondern das Lächerliche. In der That, solche Be-\ngebenheiten, wie jene des Trovatore, mit einer solchen Musik, brin-\ngen auf uns denselben Eindruck hervor, als wenn wir Frederic\nLemaitre den „Robert Macaireu ausführen sehen; wir müssen zu\ndem Entsetzlichen, das er vollbringt, nur lachen. Wir haben uns\noft selbst gefragt, ob Verdi's letzte Opern auch wirklich ernst ge-\nmeint seien, oder ob sie als Parodieen der Schwäche des Zeitalters\nund der Nation hingestellt seien ?\""}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "185", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550616-01.1.1", "texte": "Das dreiunddreissigste niederrheinische Musikfest.\nI.\nWir haben uns über die Wieder-Aufnahme der nieder-\nrheinischen Musikfeste nach ihrer Unterbrechung in den\nJahren 1848—1850 schon öfter ausgesprochen und sie\nals eines der erfreulichsten Ereignisse für die Kunst be-\ngrüsst. Es gab eine Zeit, wo diese Ansicht einer Recht-\nfertigung bedurfte, indem von einer Seite her die Musik-\nfeste überhaupt als nicht mehr zeitgemäss und als über-\nflüssig angegriffen, von anderer Seite ihre Existenz durch\ndas Ueberhandnehmen der Männergesang-Feste bedroht\nwurde.\nWir haben diese Rechtfertigung in Beziehung auf den\nersten Punkt in den Artikeln , lieber das niederrheinische\nFest\" in Nr. 50, 51 und 52 der Rheinischen Musik-Zei-\ntung vom Jahre 1851, und in Nr. 151 —154 vom Jahre\n1853, vom Standpunkte der Kunstgeschichte und des prak-\ntischen Einflusses solcher Vereinigungen von musicalischen\nKräften auf die Kunst der Gegenwart aus, zu geben ver-\nsucht. Wir wollen uns hier nicht wiederholen, sondern\nnur erwähnen, dass wir dort nachgewiesen, welch eine\ngrosse und ruhmwürdige Vergangenheit das niederrheinische\nMusikfest habe als eine Kunst-Anstalt, welche die Namen\nvon Männern, wie F. Ries, Fr. Schneider, ß. Klein,\nF. Mendelssohn, C. Kreutzer, G. Spontini, G.\nOnslow, L. Spohr, C. G. Reissiger. J. Rietz, H.\nDorn, P. v. Lindpaintner, Rob. Schumann und\nF. Hill er als Dirigenten zieren, und welche auf 29\nFesten, vom Jahre 1818 bis 1847, im Ganzen 151\narosse Gesang- und Orchester-Werke durch ein ausführen-,\no O\ndes Personal von 300 800 Mitwirkenden aufgeführt hat.\nZur Vervollständigung der historischen Uebersicht\n(Rheinische Musik-Zeitung, 1851, Nr. 50 u. s. w.) tragen\nwir hier die Aufführungen in der neuesten Periode nach.\nFest 30. 1851, in Aachen. Judas Maccabäus\nvon Händel Drei Psalmen von BenedettoMar-\ncello (Beides mitlnstrumentirung von Lintpaintner) Sin-\nfonie Nr. 111. von Beethoven Ouvertüre zu Faust\nvon Lindpaintner Mozart's Idomeneus. Dirigent\nP. von Lindpaintner. Solisten: Louise Köster und\nA. Bochkoltz-Falconi Soprane, S. Sc bloss Alt,\nTh. Form es und C. T. Widemann Tenöre, J. Krause\nBass. Th. Pixis Violinist.\nFest 31. 1853, in Düsseldorf. (Köln hatte für\ndas Jahr 1852 die Feier des Festes wegen Mangels eines\ngeeigneten Locals abgelehnt. Der damals schon projectirte\nUmbau und Anbau des Gürzenich-Gebäudes ist gegenwär-\ntig mit Eifer in Angriff genommen.) Sinfonie Nr. IV.,\nD-moll,von R. Schumann Der Messias von Hän-\ndel— Ouvertüre zu Euryanthe von C. M. VonWeber\nDer 125. Psalm von F. Hill er—Der erste Act der\nAlceste von Gluck Die IX. Sinfonie von Beet-\nil oven—Ou verture von J. Tausch Fest-Ouver-\ntu re mit Schluss-Chor über das Rheinweinlied von Rob.\nSchumann. Dirigenten: R. Schumann, F. Hill er,\nJ.Tausch. Solisten: Clara Novello, Math. Hart-\nmann Soprane, Soph. Schloss Alt, E.Koch und von\nder Osten Tenöre, Salomon Bass. Clara Schu-\nmann, Pianistin, J. Joachim, Violinist.\nFest 32. 1854, in Aachen. Ouvertüre zu\nIphigenie in Aulis von Gluck Israel in Aegypten\nvon Händel Ouvertüre zur „Genueserin\" und Fi-\nnale aus der Oper „Der Vampyr\" von Lindpaintner\nSinfonie Nr. VII. in Avon Beethoven Ouver-\ntüre zu Anakreon von Cherubini—\nvon Mozart Ouvertüre zum Sommernachtstraum\nvon F. Mendelssohn. Dirigent P. v. Lindpaintner.\nSolisten: Frau A. Caradori, Frau S. Förster Soprane,\nFrau J oh. Finndorf Alt, J. Schlösser Tenor, J.B.\nPischek und Jos. Büssel Bässe. Vieuxtemps Vio-\nlinist, von Turanyi Pianist.\nSo wie von den 151 bis ins Jahr 1847 aufgeführten\nCompositionen 59 lebenden Meistern angehörten, so kom-\nmen auch an den vier Festen der neuesten Periode (das\ndiesjährige mitgerechnet) auf 19 Werke von verstorbenen"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "186", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550616-01.1.2", "texte": "-11 von lebenden Componisten. Wir lühren dies aus-\ndrücklich an, weil unter den Vorwürfen, die man nach\n1848 unseren Musikfesten gemacht hat, auch die Vernach-\nlässigung der Zeitgenossen figurirte, und man neuerdings\nVersuche gemacht hat, fortschrittliche Musikfeste zu aus-\nschliesslicher Verherrlichung des Neuen und Neuesten ins\nWerk zu setzen. Die vorstehenden Angaben beweisen, dass\ndie Zeitgenossen reichlich berücksichtigt worden sind; al-\nlein dass Musikfeste gehalten, d. h. eine Zahl von vielen\nHundert Künstlern und Dilettanten, und unter ihnen viele\nder tüchtigsten und ausgezeichnetsten unserer Zeit, mit\ngrossen Kosten vereinigt werden sollen, um entweder mit\nneuen Compositionen, die sich nicht einmal für die Gegen-\nwart, sondern erst für die Zukunft als verständlich ankün-\ndigen, oder gar mit neuen Directions-Manieren zu expe-\nrimentiren, dagegen werden wir uns hier stets mit\nHand und Fuss wehren. Unsere Musikfeste sind bisher dazu\nda gewesen und sollen es auch fortan bleiben, um die Ver-\nsammlung eines zahlreichen und tüchtigen Sängerchors al-\nler Stimmen und die Zusammenstellung eines massenhaften\nund vortrefflichen Orchesters zu möglichst vollendeten Auf-\nlührungen anerkannt schöner Werke von classischen Mei-\nstern zu benutzen. Und weil solche Auflührungen nur dann\ndem Ideal nahe kommen können, welches ihren Schöpfern\nvorschwebte, wenn das Verhältniss der Singstimmen zum\nOrchester, und im Orchester der Saiten-Instrumente zu\nden Holzblase-, und namentlich zu den Blech-Instrumenten,\nein richtiges ist, dieses aber nur bei Musikfesten zu errei-\nchen ist, da kein einzelner Gesang-Verein in der Welt\n4—500 Sänger stellen und keine Capelle auf der Welt\n60 Violinen und «14— 16 Contrabässe u. s. w. gegen ihre\nPosaunen, Trompeten und Hörner ins Feld führen kann,\num nicht von diesen erdrückt zu werden desswegen müs-\nsen wir in Deutschland, dem eigentlichen Musiklande, an\nden Musikfesten festhalten. Und dass sie sich nicht überlebt\nhaben, dass Künstler und Kunstfreunde ihnen mit Freuden\nvon nah und fern zuströmen, das haben die überfüllten Säle\nin den Jahren 1851, 1853, 1854 bewiesen, und jetzt\nvollends wieder das Fest in Düsseldorf, in dessen Tonhalle\nweit über zweitausend Zuhörer an jedem Tage versam-\nmelt waren.\nDass der Männergesang die Musikfeste verdrängen\nwürde, konnte man eine Zeit lang allerdings befürchten,\nwiewohl diejenigen Beobachter, welche sich nicht von dem\npolitischen und geselligen Schimmer der Sängerfeste blen-\nden liessen, niemals daran glaubten, dass ein abgezweigtes\nStück, wenn auch in noch so günstigen Boden gepflanzt,\nkräftigere Wurzeln schlagen könne, als der Stamm selber,\ndass Leistungen, welche nur einen abgesonderten Theil\nder Musik zur Erscheinung bringen, seien sie auch noch\nso vortrefflich, die Sehnsucht nach Darstellung von Wer-\nken, welche die Herrlichkeit der ganzen Tonkunst offen-\nbaren, ersticken würden. WTir erinnern uns besonders des\nJahres 1846, in welchem an den Pfingsttagen das Musik-\nfest in Aachen, und etwa vierzehn Tage nachher das grosse\ndeutsch-vlaemische Sängerfest in Köln Statt fand. Niemals\nwaren die Eindrücke näher an einander gerückt und die\nBeobachtung derselben interessanter. Mit Wehmuth denken\nwir dabei an Felix Mendelssohn, dem wir damals zur Er-\ninnerung an jene Tage folgende improvisirte Verse auf-\nschrieben :\n„Genug mit dem ewigen Nachligallenflöten,\nDen Lerchentrillern und all dem süssen Klang:\nWeg mit den Armiden, Sirenen es ist zum Errölhcn\nAuf! retten wir uns durch kräftiger Männer Gesang!\"\nNun strömten die deutschen Sänger daher,\nSie sandten die Berge, sie sandte das Meer.\nEs braus'tc Gesang aus zweitausend Kehlen,\nDer alte Gürzenich bebet und dröhnt;\nDoch Zwei sah man still aus der Menge sich stehlen,\nDer Eine seufzte: „Wie bin ich verwöhnt!\"\nDer Andre: „Ach freilich! die Lerchen fehlen!-'\nDann lügte er noch mit dem eigentümlichen Lächeln, wel-\nches bei seiner humanen Bildung nie zum deutlichen Aus-\ndruck des Spottes kam, hinzu: „Das kann den Musikfesten\nkeinen Schaden thun!\"—Und die Zeit hat den Ausspruch\ngar bald bewahrheitet, zumal da nur wenige Männerge-\nsang-Vereine, unter ihnen vor allen der kölner und der\nwiener, sich zu künstlerischer Höhe erhoben haben.\nDie Anzahl der Mitwirkenden bei dem diesjährigen\nFeste haben wir schon in Nr. 22, S. 175, angegeben.\nUnter den 65 Violinisten finden wir David, Pixis, von\nRönigslöw, Gulomy, Gleichauf, Seiss, Derckum,\nvon Wasielewski, F. und W. Wenigmann, Wipp-\nlinger u. s. w., bei den Bratschen Musik-Director F.\nWeber, Peters, M eck um, Kochner, H.Reimers\nu.s.w., bei den Violoncells Grützmacher, Grabau,\nB. Breuer, Chr. Reimers, Höcke, Suhr, J. We-\nnigmann u.s.w., bei den Contrabässen A. Breuer aus\nKöln, Sachar aus Frankfurt a. M. u. s. w. Die Blas-In-\nstrumente waren zwar im Ganzen nicht schlecht und wirk-\nten in den Tuttis recht gut; im Vortrag von Solostellen\nfehlte es aber oft an Weiche und Ausdruck, ja, einige Mal\nsogar an Präcision und richtigem Tacte. Trotzdem machte\ndie zahlreiche und treffliche Besetzung der Saiten-Instru-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "187", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550616-01.1.3", "texte": "mente das diesjährige Orchester zu einem der glanz-\nvollsten, die man hören kann. Eben so war auch der Chor\nvon herrlicher Kraft und Frische und wusste den alten\nRuhm Rheinlands in dieser Beziehung aufrecht zu halten.\nF. Hiller leitete das Ganze mit bekannter Meisterschaft,\nbefeuerte die Massen durch Geist und hielt sie mit Energie\nzusammen.\nSeine Sinfonie in E-moll eröffnete das Fest am\nersten Tage. Wir haben schon nach früheren Anhörungen\nderselben wiederholt ausgesprochen, dass wir diese Com-\nposition unter den Orcheslerwerken der neuesten Zeit sehr\nhoch stellen, und ihre gegenwärtige vortreffliche Auffüh-\nrung zu Düsseldorf hat nicht nur uns selbst in dieser An-\nsicht bestärkt, sondern sie auch durch das Urlheil der gros-\nsen Menge von Männern von Fach, die hier versammelt\nwaren, und durch den lebhaften Beifall des ganzen Publi-\ncums bestätigt. Die Sinfonie enthält in ihren vier Sätzen\neinen Schatz von musicalischen Gedanken, welche nicht\nnur mit grosser Kunst, sondern auch mit reicher, vielleicht\nhier und da allzu üppig wuchernder Phantasie verbreitet\nund in einander geflochten sind, so dass dadurch allerdings\nSchwierigkeiten für die Ausführung entstehen, welche je-\ndoch durch unsere jetzigen Orchester nichts weniger als\nunüberwindbar sind. Uebrigens sind diese Schwierigkeiten\nweder der Natur der Instrumente zuwider, noch erscheinen\nsie irgendwo als gesucht und affectirt, sondern gehen aus\nder Art und Weise der Arbeit hervor. Diese ist nament-\nlich im ersten Allegro, welches hauptsächlich, nicht eine\nmalende Darstellung, sondern ein begeisterter Ausfluss des\nGedankens: „Es muss doch Frühling werden\", ist—d.h.\nFrühling überall im Leben, wo der Winter ihn hemmt\ndiese Arbeit, sagen wir, ist wahrhaft bewundernswerth,\nweil die Phantasie stets die Herrschaft über die combinato-\nrische Kunst behauptet und dennoch diese nicht zu Zan-\ngengeburten harmonischer Wechselbälge zwingt. Wir fin-\nden eben hierin, nämlich dass das Neue nicht auf Kosten\ndes Schönen und des theoretisch Gesetzlichen gesucht wird,\ndas Charakteristische von Hiller's neuesten Compositionen,\nnamentlich dieser Sinfonie in E- und der Clavier-Sonate\nOp. 47. Aber auch das Geistreiche in Erfindung und Aus-\nführung, welches sich schon in seinen früheren Compo-\nsitionen zeigt, z. B. in den Capriccien und Etüden für Piano-\nforte, finden wir hier im dritten Satze, einem Allegro vivace\nin 2/4-Tact (statt des Scherzo), in noch höherem Grade\nwieder, während das Adagio ein tiefes, schwärmerisches Ge-\nfühl, eine Sehnsucht des Herzens nach dem Frühling athmet\nund gleich von vorn herein wunderbar ergreift, das Finale\naber durch Leben und Feuer uns mit sich fortreisst. Ge-\nschichtlich müssen wir noch berichten, dass jeder Satz\nvom Publicum mit rauschendem Beifall aufgenommen und\nder Componist am Schlüsse gerufen und mit Tusch von Pau-\nken und Trompeten begrüsst wurde.\n\nZwei neue und sehr schöne Geschichten der Musik.\n\n1.\nSeit 1854 gibt Hoffmann von Fallersleben in Weimar\nein „Weimar-Jahrbuch\", hauptsächlich für die Aufnahme\nder deutschen Literatur, heraus, von dem bisher drei Hefte\nerschienen. Weil nun in Weimar sich so viele schöne Gei-\nster zusammen gefunden, die alle poetisch-musicalische Luft\nathmen, so konnte auch Hoffmann's Jahrbuch diesem Dunst-\nkreise nicht entgehen, und so brachten die drei Hefte uns\nschon zwei längere Ergüsse über Musik im Allgemeinen,\nderen einer noch schöner als der andere. Folgende Pro-\nben werden es zeigen.\nVoran ging Herr Joachim Raff, indem er in\neiner bahnbrechenden Abhandlung „ die Stellung der Deut-\nschen in der Geschichte der Musik\" in einer „kunsthisto-\nrischen Skizze\" (S. 171 ff.) untersuchte. Raff ist bekannt-\nlich ein Philosoph, dessen Ideen Hegel in Schwingung\nbrachte, wie gleichfalls die des berühmten Brendel, ohne\nder Selbstständigkeit Beider irgendwie Abbruch zu thun.\nSo wird denn hier natürlich zunächst vom „ classischen\" Ideal,\nGriechenthum, das sich im „Tempelbau\" aussprach, gere-\ndet, nicht etwa so in zwei oder drei Sätzen, sondern sei-\ntenlang hin, mit Anführung von allerlei neuen Büchern, die\ngar nicht dahin gehören und dem Sachkundigen die ge-\nwisse Ueberzeugung geben, dass er es hier mit einem blü-\nhenden Dilettanten zu thun hat.\nLassen wir uns denn sagen, dass die Griechen eine\n„bruchlose\", die nachfolgenden Christen aber eine „zwie-\nspältige\" Seele halten. Man denke den Unsinn im Munde\neines Nachschwätzers von Hegel und Vischer, und höre ein\nPröbchen, durch welches nebenbei Hauptpunkte der Ton-\nkunst geschichts-philosophisch begründet werden sollen:\n„Die bruchlose menschliche Seele erzeugt in der Sehn-\nsucht [in der Sehnsucht zum Bruch ?], eine bestimmte Em-\npfindung musicalisch erklingen zu lassen, die Melodie\nund beruhigt sich (acquiescirt) in derselben. Allein das\nzwiespältige Gemüth bedarf zu jener Melodie eines Ge-\ngensatzes. Da es aber in der entstandenen Entzweiung\nnicht verharren kann, hebt es sodann die Melodie und den\nGegensatz in einem Dritten, dem Rhythmus, auf, wel-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "188", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550616-01.1.4", "texte": "eher die Einheit wieder herstellt, indem er den Satz und\nGegensatz in geordnetem Zusammenklange und harmoni-\nscher Gliederung zur Total-Erscheinung bringt. Je tiefer\nsich nun die Seele jenes Gegensatzes bewusst wird, je mehr\nsie sich mit demselben durchdrungen hat, desto organischer\ngestaltet sie ihn. Ist jenes Bewusstwerden ein dunkeles, un-\nbestimmtes, so wird der Gegensatz als unorganische Masse\nerscheinen, welche der bestimmt ausgesprochenen Melodie\nnicht das Gleichgewicht hält und daher untergeordnet wird;\nist es aber ein klares, distinetes, so gestaltet sich der Ge-\ngensatz selbst als Melodie oder Complex mehrerer Melo-\ndieen, welche der ersten Melodie selbstständig gegenüber\ntreten, d. h. ihr rhythmisch coordinirt werden. (Im ersteren\nFalle hat man als Techniker zu reden—harmonische\nBegleitung, im anderen Gegensatze Contrapunkt\neiner oder mehrerer Melodieen oder mindestens melodisch\nausgebildeter Harmonie-Bestandtheile gegen die Melodie.)\nDer Grieche nun, vermöge des bruchlosen Wesens seiner\ninnersten Natur, konnte das Bedürfniss eines mehr oder\nminder selbstständigen Gegensatzes gegen die Melodie we-\nnig oder gar nicht empfinden.\" 174. Der „römische\nMensch\" war „schon weniger bruchlos angelegt als der\n♦ Grieche\". 175. Hier fehlen bloss noch „subjectiv\" und\n„objectiv\", um das philosophische Schul-Exercitium voll-\nkommen zu machen; die hat der Verfasser sich indess bis\nspäter zu Bach und Händel aufgespart. Es gibt gewisse\nPhrasen, die man den Verständigen nur vorzulegen braucht,\num sie kritisch abzuthun; so auch die angeführten. Von\nmusicalischer Weisheit ist in allem dem keine Spur;\nman erschrickt ordentlich über den erstaunlichen Grad\nkunstloser Verniichterung und Selbstentleerung, zu welcher\nes Jemand gebracht hat. der doch über Hals und Kopf\ncomponirt und also ein Musiker sein will.\nIm dunkeln Mittelalter stümpert er so an der Baukunst\neinher (selbst über die Bildung eines neuen Baustyls in der\nJetztzeit werden ganze Paragraphen voll geschrieben! Hier\nhat er nur zu citiren vergessen: Vischer, Aesthetik, §. 595,\nBd. 3, S. 329 ff.) und schlägt sich denn richtig bis Lu-\nther's Zeit hin durch. Da treten aber zum Glück Malerei\nund Poesie für die ersterbende Baukunst ein, die nun mit\ndemselben Wortschwall bedacht werden. So muss man die\nmusicalische Unwissenheit verstecken! Es geht auch recht\nI schön; denn wer versteht die Dinge gerade, und wer küm-\nI mert sich darum? So kommt er denn auch richtig über\nij diese Jahrhunderte hinweg, ohne von dem schönsten Er-\nzeugnisse, welches die Deutschen in dieser Zeit zur Reife\n1 brachten, nur das Geringste gewahr zu werden. Ich meine\nden deutschen Volksgesang. Es gibt in der That kaum\neine ansprechendere, und für uns keine nationalere Erschei-\nnung, als die Hervorbildung des deutschen Volksliedes aus\nder abblühenden Minnedichtung und aus Keimen alter Hel-\ndensage ; ja, man kann wahrnehmen, wie durch seine Me-\nlodieen an Verfeinerung und Gewinnung innerer Fülle die\nMusik einen grossen Schritt weiter that, wie der deutsche\nVolksgesang das Beste von den Weisen aller umwohnen-\nden Völker aufnahm, abklärte, weiter durchsang, dadurch\ndie Oberhand gewann und endlich im fünfzehnten Jahrhun-\ndert im weltlichen, im sechszehnten im geistlichen Liede\nseine Vollendung erreichte. Mit dem Hervorkeimen dieses\nGesanges längt die Geschichte der deutschen Musik an, iür\nden wenigstens, der vernünftig zu Werke gehen will. Auch\nist gleich diesen Anfang zu beschreiben, eine schöne Auf-\ngabe, die gewiss dankbare Leser findet. Aber es will un-\ntersucht sein; Niemand wird die Kenntniss dieser Dinge\naus den Fingern saugen können.\nWeiterhin gelangt Herr Raff an die Oper, und hier\nregnet es Einfälle über Einfälle. Einmal, bei Gelegenheit\nder alten hamburger Oper, wird er sogar quellengelehrt;\ndenn er theilt aus dem Operntexte Simson, den Barthold\nFeind 1708 verfertigte, etwas mit, und danach „scheint\"\nihm denn Dieses so und Jenes so gewesen zu sein. In\nWahrheit ist der Feind'sche Simson für die Art der ham-\nburger Oper so gut wie gar nicht entscheidend; Herr Raff\nverfiel auf ihn auch nur, weil er jetzt selber einen Simson\nin Poesie-Musik setzt (laut eigener Berichte in den leipzi-\nger Blättern und Signalen.)\nFür Bach und Händel hat er eine auserlesene Sonn-\ntags-Phrase zur Hand, diese: „Der Unterschied zwischen\nBach und Händel beruht darauf, dass der Entwicklungs-\nProcess des Ersteren ein mehr innerer, subjectiver, jener\ndes Letzteren ein mehr äusserer, objectiver ist.\" 201. Ist\ndas nicht tief gedacht und herrlich gesagt? Auch die deut-\nsche Erklärung, welche er hier von subjectiv und objectiv\ngibt, zeigt sein tiefes Eindringen in den Sinn dieser Worte\nund hat mir wohl gefallen.\nDas Folgende bis zu dem Schlüsse, „ dass die Aeufnung (sie)\ndieser Kunst in der Gegenwart den Deutschen belassen und\npflichtig bleibt\" (213), mögen die Liebhaber an Ort und\nStelle nachlesen; sie werden finden, dass Herr Raff die Ge-\nschichte der deutschen Musik in sehr schönem Deutsch be-\nschrieben und weder von fremden Ausdrücken noch vom\nseligen Kanzlei-Stil einen lächerlichen Gebrauch gemacht\nhat. Wir wählen zum Beschluss noch einige Confessionen\naus, in denen Herr Raff vom Zustande seines lieben Ich"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "189", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550616-01.1.5", "texte": "einige Nachricht gegeben. Dahin gehört, wenn er sagt:\n„Bei gänzlichem Abgang eines religiösen oder nationalen\nIdeals in der präsenten Welt stellt sich endlich das Sub-\nject auf sich selber und construirt sich das Ideal auf histo-\nrischem Wege.\" 212. So sollen es schon Mendelssohn,\nSchumann und Wagner gemacht und sich sehr wohl dabei\nbefunden haben: denn „die Musik, welche zur Zeit gleich\nden Schwesterkünsten derjenigen Ausgangspunkte entbehrt,\ndie sie sonst zu einem religiösen oder nationalen Gemein-\ngelühl besass, hat nunmehr einen solchen in der ausgebil-\ndeten Wissenschaft des Schönen, welches gefasst wird als\ndie Idee in unmittelbarer Einheit des Begriffes und seiner\nRealität, jedoch die Idee, in so fern diese ihre Einheit un-\nmittelbar in sinnlichem und realem Scheine da ist. Der\nnach den Anforderungen einer hiervon ausgehenden Aesthe-\ntik erzogene Künstler hebt folgerichtig jeden Bruch seiner\nangeborenen Natur auf und deckt seinen individuellen Ge-\nhalt durch die vollkommene Form. Er hat somit im Grunde\nnur eine äussere und empirische Gesetzlichkeit an eine\ninnere und apriorische vertauscht, welche erst die wahre\nkünstlerische Freiheit ist.\" 213. Hiermit nun „einige bis\njetzt noch nirgends dargelegte Gesichtspunkte eröffnet\" zu\nhaben, „gereicht ihm zur reinsten Befriedigung\". Seine\ngrösste Befriedigung ist doch wohl die, dass er selbst der\nvollfreie moderne Künstler der Gegenwart ist; denn sein\nIdeal passt nicht einmal auf Wagner und Berlioz, es passt\nnur auf Herrn Joachim Raff allein. Diese Menschen kennen\nweder Gott noch Vaterland noch wahre Freundschaft, nur\ndas trostlose eigene Ich — und prahlen noch damit!\nTrostreich war uns in dem ganzen Gerede das sonder-\nbare Bekenntniss, dass die Deutschen schon seit alten Zei-\nten beständig „absolute\" Musik gemacht haben. Wollen\nnur hoffen, dass sie beharrlich diesen Weg verfolgen und\ndurch den Trödel der zukünftigen Poesie-Musik sich gar\nnicht irre machen lassen.\n\nCh.\n\nPariser Briefe.\n\n[Te Deum von H. Berlioz Berlioz in Weimar\nJaguarita, die Indianerin, Oper von Halevy.]\nDen 4. Juni 1855.\nDie letzten vier Wochen haben uns ausser mehreren\nConcerten von Nachzüglern des Winters, welche eben nicht\nals Vorboten eines neuen Frühlings gelten konnten, zwei\ngrosse neue Werke von zwei grossen Componisten ge-\nbracht, ein Te Deum und eine komische Oper. Der Zwie-\nspalt, der sich in dieser Zusammenstellung auszusprechen\nscheint, wird einiger Maassen dadurch versöhnt, dass auf\nder einen Seite das Te Deumviel Komisches und die ko-\nmische Oper nichts Göttliches hat; jenes ist von Berlioz,\ndiese von Ha I e vy.\nDas Te Deum war, wie es hiess, zur Feier der Eröff-\nnung der Ausstellung geschrieben; leider wurde diese ver-\nschoben. Da aber zu der Ausführung des kolossalen Wer-\nkes bereits eben so kolossale Vorbereitungen getroffen wa-\nren, so liess sie sich nicht aufschieben, fand am 30. April\nin der Kirche St.Eustache Statt und— „durch eine merk-\nwürdige Verknüpfung der Ereignisse fand sich dieser mu-\nsicalische Pomp ganz fertig vorbereitet und im Erstaunen\nerregenden Apropos vor, um Gott auf eine eclatante Weise\nLob und Dank darzubringen, dass er die Tage des Kaisers\nso sichtbar beschützt hat!\" (Wörtlich: Revue Mus. Nr. 18,)\nDie Wahrheit über die Entstehung dieses Te Deum\nist, dass es ursprünglich eben so wenig mit der Ausstel-\nlung zu thun hat, als mit dem „Apropos\". Es ist bereits\nvor sechs bis sieben Jahren geschrieben, hiess damals\nRetour de la Campagne d'ltalieund war bestimmt, den\nkriegerischen Ruhm von Napoleon Bonaparte zu feiern.\nHatte doch Berlioz gelesen, dass Beethoven's\nEroica der Bewunderung für den ersten Consul ihr Dasein.\nverdanke. Grund genug für ihn, eine ähnliche Idee, aber\nnatürlich mit Anwendung aller Mittel des Fortschrittes,\nauszuführen, d. h. mit zwei Chören von je hundert erwach-\nsenen Sängern und Sängerinnen, einem dritten von sechs-\nhundert Kindern, einer Masse alten und neuen Blechs,\nTrompeten, Pauken, Posaunen, Tuba's, Ophyklei'den, Sax-\nhörnern, Becken und Triangeln, grosser und einem Dutzend\nkleiner Trommeln, Pickelflöten, Harfen, Orgel und dem\nsonst gebräuchlichen Orchester.\nDa es nun mit der Hervorsuchung der „Flucht nach\nAegypten\" und ihrer Neugestaltung als Oratorium oder\nMysterium (VEnfance du Christ) so gut gegangen war,\nwarum nicht den grossen Augenblick der Eröffnung einer\nWelt-Ausstellung ergreifen, um eine alte, bestaubte Par-\ntitur, die kein Mensch hatte aufführen, geschweige denn\ndrucken wollen, von dem Notengestell herab zu holen und\ndurch eine Gelegenheits-Aufführung, wenn es auch die ein-\nzige bleiben sollte, die Welt doch wenigstens wieder ein-\nmal in Schrecken zu setzen? Freilich gab es zuerst einige\nBedenken. Wie soll man den kriegerischen Pomp mit einer\nFeierlichkeit in Einklang bringen, welche die Künste des\nFriedens verherrlicht? Der „Hymnus an die Jungfrau Ma-\nria\", welcher sich an das Te Deum reiht, will auch nicht\nrecht passen, da wohl schwerlich einer von den Industriel-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "190", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550616-01.1.6", "texte": "len unter besonderer Anrufung ihres Beistandes sein Fa-\nbricat vollendet haben möchte. Und was fangen wir vollends\nmit dem gewaltigen Marsche am Schlüsse an, der durch\nseine militärische Wucht alle Fugen der Kirchenmusik aus\neinander sprengt?\nAber ein Genie weiss iür Alles Rath. Der Marsch\nwurde „Fahnenweihe\" betitelt.— „Wie? Fahnenweihe bei\nder Ausstellung?\" —Nun, was ist dabei zu fragen? Man\nstellt sich vor, dass die Aussteller in Bataillone getheilt sind,\nderen jedes seine Fahne hat, oder auch, dass jeder Aus-\nsteller mit einer Fahne in der Hand in den Industrie-Pa-\nlast einzieht nnd dabei Gott dankt, dass er in Paris ist. Da\nnichts natürlicher ist als diese Vorstellung, so schreiben\nwir aufs Programm: „Presentation et benediction des dra-\npeaux des Exposants\",und der Marsch ist gerettet, der\nunerhörte Lärm ist gerechtfertigt!\nDass eine Masse von beinahe 900 Menschen, in dem\nSchiff der Kirche vor und hinter dem Altare stufenweise\naufgestellt, einen grossen Anblick gewährt und, wenn sie\nmit ihrer gesammten Tonlähigkeit losbricht, einen furcht-\nbaren Eindruck macht, ist natürlich; aber dass dieser Ein-\ndruck ein erhabener gewesen sei, müssen wir ganz; und\ngar in Abrede stellen. Dazu fehlte der Geist in diesem rie-\nsigen Tonkörper; sein Athmen erregte das Staunen der\nMenge über den enormen Blasebalg seiner Lunge; auf den\nMusiker und Kunstfreund aber wirkte es nur komisch, so-\nbald er nämlich die Furcht vor dem Zerspringen der Ohren\nüberwunden hatte, welche zumal bei den schroff auf einan-\nder platzenden Harmoniewechseln wahrlich keine eingebil-\ndete war. Das Ganze besteht aus sieben Sätzen (der Marsch\nbildet den achten), lauter Chorgesängen, die nur von einem\neinzigen Tenor-Solo (Je ergo quaesumus) unterbrochen\nwerden. Wenn wir den Ausdruck „Gesänge\" gebrauchen,\nso ist das eigentlich nicht richtig; denn Berlioz' Chöre sind\nOrchestersätze, theils von Instrumenten, theils von mensch-\nlichen Stimmen ausgeführt: von Gesang kann, genau ge-\nnommen, nicht die Rede sein; und wenn der Componist\ngar canonische und fugenartige Führung der Singstimmen\nbeginnt, so wird solch ein Stückchen Procession in zusam-\nmengestoppeltem altem Costume mitten unter der aller-\nneuesten Modulations-, Form- und Lärm-Freiheit geradezu\npossirlich.\nIch habe mit dem besten Willen und aufrichtigsten\nWunsche, etwas zu finden, das musicalisch-schön wäre, in\ndem Gedränge ausgehalten; aber ich muss gestehen, ich\nhabe nichts gehört, das dieses Prädicates würdig wäre.\nDies ist übrigens auch die Meinung der tüchtigsten Kri-\ntiker, z. B. von Scudo, während freilich andere sich nach\npariser Weise wenden und drehen, um zwischen Wahrheit\nund Lüge hindurch zu schlüpfen. Bei ihnen sind dann die\ngrässlichsten Accordfolgen „einiger Maassen überraschend\",\ndie Melodielosigkeit „eine gewisse Kälte, welche von den\ningeniosites des esprit de combinaison herrührt\", die „dum-\npfen, zitternden (!), verschleierten Harmonieen\" bedeuten\n„die Welt auf den Knieen\", und die „Fremissements des\ncymbales\" (der türkischen Becken) vollenden das prächtige\nTutti. Doch ich bescheide mich, zumal wenn ich bedenke,\ndass man wahrscheinlich von Weimar aus, wo das\ndoch sicher auch zur Aufführung kommen wird, ganz an-\ndere Urtheile in die Welt schicken dürfte, als dasjenige\nDeines ungläubigen Correspondenten ist. Denn nach dem\nBerichte aus Weimar in einer der hiesigen Musik-Zeitun-\ngen, der „P. Cornelius\" unterzeichnet ist, wird Berlioz'\nMusik vom dortigen Ilofe nicht nur geliebt, sondern auch\nrichtig begriffen; das Publicum dringt allmählich in das\nVerständniss seiner Compositionen ein, bei der Aufführung\nder Sinfonie fantaslique„folgte ein Jeder mit Eifer den\nUmgestaltungen der fixen Idee der charakteristischen\nMelodie von ihrer Geburt als Hauptmotiv des ersten\nSatzes bis zu dem Augenblicke, wo sie im Finale unter\ndem Uebermaass einer Ironie der Verzweiflung, die der\nReligion und der Liebe spottet, den Gang und Ton einer\nunedlen Tanz-Melodie -annimmt\". Ums Himmels willen,\nwer steckt denn hinter dem grossen Namen des Peter Cor-\nnelius? „Am Ende brach das Publicum in wahnsinnigen\nBeifall aus (desapplaudissementsfrenetiques).\" Auch ein Ge-\ndicht hat man uns von dorther geschickt, noch dazu ein\nlateinisches, von Hoffmann von Fallersleben, eine Grabmal-,\nnicht doch, eine Gastmahl-Inschrift, vulgo Toast auf Berlioz:\nNostrum desideriutn\nTandem implevisti,\nVenit nobis gaudium,\nQuia Tu venisti.\nSicuti coloribus\nPingit nobis pictor,\nPictor es exirnius,\nHarmoniae Victor.\nVivas, crescas, floreas,\nHospes Germanorum,\nEt amicus maneas\nNeo-Wimarorum!\nNun, ich lasse mir so etwas gefallen,\njuvenes dum sumus;\naber wenn man so alt wie Hoffmann geworden ist und\nsolch ein Leben und Wirken hinter sich hat, wie er, in"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "191", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550616-01.1.7", "texte": "welchem in Wissenschaft und Kunst der laute Schlag des\nwarmen deutschen Herzens immer hörbar durchtönte,\nso Du verstehst mich.\nWenn ich H. Berlioz etwas scharf beurtheile in dem,\nwas er als Componist leistet, so muss ich doch in Einer\nRücksicht ihn hoch stellen: er schreibt nicht, um Geld zu\nmachen und das will in Paris viel sagen. Mag sein Stre-\nben nach Ruhm durch „Neues um jeden Preis\" nicht das\nrichtige, keineswegs das echt künstlerische sein: er bekun-\ndet doch dadurch eine Gesinnung, es scheint doch seine\nUeberzeugung zu sein, welche ihn auf diesen Weg geführt\nhat und darauf festhält; denn dass er damit keine Seide\nspinnt, wie man zu sagen pflegt, und namentlich keine pa-\nriser Seide, davon muss er sich längst vergewissert haben.\nWie sehr treten in dieser Beziehung die Opern-Com-\nponisten en voguegegen ihn zurück! Diesen Leuten ist die\nKunst nichts mehr als eine Kupplerin, um die Sinnlichkeit\nder grossen Menge zu ihrem Gewinn auszubeuten. Dem\nbesten, d. h. dem geldschwersten, Besteller wird zugesagt;\nDichter und Componisten verdingen sich auf bestimmte\nLieferungszeit; an ein Kunstwerk, selbst nur an ein einiger\nMaassen kunslgemässes Ganzes wird nicht gedacht—man\nschreibt lür ein paar Sänger oder Sängerinnen, meist nur\nlür Eine, und nächstdem für den Maler und den Ma-\nschinisten.\nDas Haupt dieser Opern-Eabricanten, an deren Musik\nauf sehr bezeichnende Weise stets die „Factur\" besonders\ngelobt wird, bleibt zwar A. Adam; allein neuerdings scheint\nihm ein Tonkünstler den Rang ablaufen zu wollen, der zu\netwas Besserem Anlage und Beruf hat. Ich meine den\nComponisten der Jüdin. Haie v v hat dem Thedtre lyrique\neine so genannte komische Oper in drei Acten und vier\nTableaux geliefert, welche weder den Musikern noch dem\ngrossen Publicum gelällt und nur die etwas passirte, aber\nimmer noch hübsche und coloraturfertige Mad. Cabel bei\nden ersten Vorstellungen befriedigte, jetzt aber auch selbst\nvon dieser gehasst wird, weil an den folgenden Abenden\ndas Haus immer leerer wurde. Die Oper heisst Jagua-\nrita, ist aus der Text-Manufactur der Herren St. Georges\nund de Leuven hervorgegangen, spielt im holländischen\nGuiana, zeigt Urwälder und Meer, Wilde in Feder-Toilette\nä la Papagena, holländische Uniformen, Liebe und Hass,\nFurcht und Heldenmuth, und endlich eine kosmopolitische\nHochzeit, indem ein europäischer Hauptmann zum Häupt-\nling der Wilden avancirt und die Königin der Anacotas\nheirathet. Diese ist von Geburt eine Tigerin (Jaguar); ein\nrothhäutiger Karaibe, der trotz seiner ästhetischen Bildung\nfür Gesang und Tanz, auch zuweilen einen unwidersteh-\nlichen Appetit auf Menschenfleisch spürt, hat ihre Erziehung\ngeleitet, sie selbst verfolgt die Weisshäute mit Feuer und\nSchwert, Gift und Dolch aber, ach! wer kann einem hol-\nländischen Lieutenant widerstehen? Bei seinem Anblicke\nzieht die Tigerin die Krallen ein und Glace-Handschuhe\nan, und die Sache macht sich trotz „Mamajauibo\" und\n„Samsam\", den anacotanischen Nussknackern.\nHai evy's Musik ist nicht einmal pikant, trotz allerlei\nKunststückchen, wozu auch der Wechsel von %- und '*/$-\nTact in einer Arie der Mad. Cabel gehört; denn überall\nselbst wo hier und da ein hübscher musicalischer Gedanke\nauftaucht tritt das Absichtliche, das Gemachte, ja, das\nTriviale ihn wieder breit. Dabei ist der Unsinn der Colo-\nratur aufs Aeusserste getrieben. Das hindert jedoch alles\nHerrn de Rovray nicht, im Moniteur zu sagen, dass „die\nPartitur überreich an neuen, packenden, originellen Ideen\nsei, und dass der Beifall, den Meyerbeer's Stern des Nor-\ndens fortwährend erhält, Herrn Halevy angefeuert habe,\ndurch sein Werk auch das dritte Opern-Theater zum\nersten Range zu erheben!\"\nan Berichten, zwischen deren Zeilen man wenigstens lesen\nkann, dass man sich in der Tigerita gelangweilt habe.\n\nB. P.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nFür eine Sr. Majestät dem Kaiser Napoleon zugeeignete\nsolemnis von Concertmeister Späth in Coburg erhielt dieser von\ndem Minister des kaiserlichen Hauses, Herrn Achille Fould, ein\nsehr verbindliches Dankschreiben im Namen des Kaisers mit einem\nreichen Geschenke. Se. Majestät haben befohlen, dass diese „ausge-\nzeichnete\" Composition in dem kaiserlichen Musik-Archiv aufbe-\nwahrt werde.\n(Aus einem Briefe.) Auf H. Berlioz' Ouvertüre zu Cellini\nfolgte irgendwo in einem Concerte eine Suite von S. Bach in\ndur. Diese Zusammenstellung machte einen ziemlich drolligen\nEffect; es war, als ob Nord- und Südpol zusammengezwängt wä-\nren, als ob ein taumelnder Bepublicaner von 1848 mit irgend\neinem Gesetzgeber der Vorzeit wandeln sollte. Berlioz ist das\nfür die Sinfonie und Ouvertüre, was Wagner für die Oper ist\nkein sonderlicher Gewinn für die Kunst, wenn das so fort geht —,\ndas Charakteristische überwiegt das Schöne, ja, der Charakter\nwird Fratze, Caricatur. Die oben genannte Ouvertüre repräsentirte\nweiter nichts als infernalische Musik, ein teuflisches Jauchzen, eine\nPhantasie der Hölle. Und darein ist man vernarrt; auch findet\nnoch der Dirigent in der Ausführung einen Triumph, weil hier\ndas Orchester alle möglichen Unmöglichkeiten des Tactes und un-\nvorhergesehenen Bewegungen des Rhythmus exact darzustellen hat.\nWenn das Kunstmusik ist, dann haben die Wilden auch das Pri-\nvilegium, Künstler zu heissen.\nIn italiänischen Blättern finden wir die Nachricht, dass der be-\nrühmte Pianist „Baron\" Theodor Döhler Ende Mai von Flo-\nrenz abgereis't ist, um im Wildbad eine Cur zu gebrauchen."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "192", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550616-01.1.8", "texte": "Am 17. Juni wird zu Lille ein grosser Ges an g-Wet tstrei t\nvon Liedertafeln u. s. w. Statt finden. Aus der Rheinprovinz wer-\nden dem Vernehmen nach der Männergesang-Verein von Aachen\nund der von Lobberich, welcher schon einige Mal am Rheine\nPreise erhalten hat, daran Theil nehmen.\nDie berühmte Sängerin Stoltz, welche am 31. Mai in Paris\neinen Contract für Rio de Janeiro unterzeichnet hat, welcher ihr\nfür ein Jahr 400,000 Frcs. Gehalt, ein Haus und Pferde und Wa-\ngen sichert, hat sich mit siedendem Wasser den Fuss verbrannt.\nSeit einigen Tagen hat das Uebel einen beunruhigenden Charakter\nangenommen, indem sich eine stets weiter um sich greifende Ent-\nzündung eingestellt hat.\nRoger ist gegenwärtig wieder in Paris, wo er jedoch nur\neinige Wochen zu bleiben gedenkt.\nKarl Wehle hat eine fünfmonatliche Concertreise durch Por-\ntugal gemacht, von der er jetzt in Paris zurück ist.\nLoaidon. Der junge Pianist Arthur Napoleon ist für eine\nReihe von acht Concerten im Glaspalaste zu Sydenham engagirt worden.\nDie musicalische Kritik in Nordamerica beschämt dem Compo-\nnisten Verdi gegenüber die pariser und londoner Journale. Die\nMusical Gazette von New- Y o r k sagt über die Oper II Trovatore\nunter Anderem:\n„Endlich haben wir diese neue Inspiration von Verdi's Muse\ngesehen und gehört, diese Oper, welche nach dem örtheile von\nganz Italien und jenem der pariser Kritik einen neuen Stil entfal-\ntet, der den Componisten berechtigt, der italiänische Meyerbeer ge-\nnannt zu werden. Meyerbeer allein ist eine schöne Studie für den\nBeobachter, den Philosophen; aber ein italiänischer Meyerbeer\nwürde so unprmesslich neu und interessant sein, dass wir uns\nhöchst wahrscheinlich nie eines solchen Anblicks erfreuen werden.\nWir müssen gestehen, dass wir nie in allen unseren Erwartungen\nso sehr getäuscht wurden, als bei der Anhörung des Trovatore;\nder vorgebliche neue Stil ist ganz jener des Rigoletto, der, unter\nuns gesagt, ein wenig alt ist, und was die Gegenwart Meyerbeer s\nin dieser Musik anbelangt, so ist sie in der That für jedes mensch-\nliche Wesen zu tief verborgen, um sie heraus zu finden. Leider ist\nauch dieser Trovatore nur ein Schritt weiter vorwärts auf dem blu-\ntigen Pfade des modernen Romanticismus, dieser so genannten\nneuen Schule, welche in der Musik der vorausgesetzten in der\nNation schlummernden Energie (vigor) durch Mord, Selbstmord und\nandere Schauerscenen gerecht zu werden vermeint, Als die Ita-\nliener Bellini hatten, schienen sie ihre männliche Kraft, ihren\nNationalstolz, ihre traditionelle Grösse gegen die reizende, wollüstige\ni Liebes-Cantilene aufgegeben zu haben, sie waren nur mehr bezau-\nbert von den Spenden einer echt musicalischen Natur, gerade so,\nwie zuweilen ein ernster, kraftvoller Mann von den Reizen eines\nzarten, jungen Mädchens gefesselt wird. Aber Bellini konnte nicht\newig leben, und die Italiäner erwachten endlich aus ihrem „dolce far\nniente\", aus ihren Träumen und Täuschungen zu der ernsten Wirk-\nlichkeit, die sich mit ihren peremtorischen Forderungen zuerst\nbei Donizetti, dann bei Verdi geltend machte, welche die\nNation zur Ueberlegung und That aufriefen. Aber dieser Thalen-\ndrang hatte zu seinem Sporn nicht das Machtvolle, sondern das\nSchreckliche, nicht gesunden Muth, sondern rasende Wuth, nicht\ndas Erhabene, sondern das Lächerliche. In der That, solche Be-\ngebenheiten, wie jene des Trovatore, mit einer solchen Musik, brin-\ngen auf uns denselben Eindruck hervor, als wenn wir Frederic\nLemaitre den „Robert Macaireu ausführen sehen; wir müssen zu\ndem Entsetzlichen, das er vollbringt, nur lachen. Wir haben uns\noft selbst gefragt, ob Verdi's letzte Opern auch wirklich ernst ge-\nmeint seien, oder ob sie als Parodieen der Schwäche des Zeitalters\nund der Nation hingestellt seien ?\""}]}