{"numero_id": "bm-bmtnabi-1855-06-30-01", "volume": "bmtnabi_1855-06-30_01", "ocr_sha256": "209e09e3e374bad0cb690561f8ea9e61916aa095bb4f1922160dcd3d9a8f28be", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1855/06/30_01/bmtnabi_1855-06-30_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550630-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1855-06-30-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-06-30_01#c001", "volume": "bmtnabi_1855-06-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "201", "page_fin": "205", "image_debut": 1, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550630-01.2.1", "titre_corps": "Das dreiunddreissigste niederrheinische Musikfest.", "titre_sommaire": "Das dreiunddreissigste niederrheinische Musikfest.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "201", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550630-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3958, "texte": "Das dreiunddreissigste niederrheinische Musikfest.\nIII.\nDer zweite Tag des Festes brachte F. Mendels-\nsohn's Ouvertüre „Meeresstille und glückliche Fahrt\" ;\ndarauf „Das Paradies und die Peri\" von Robert\nSchumann und zum Schluss die //-Sinfonie\nvon Beethoven.\nSchumann stellte sich bekanntlich vor zwölf bis fünf-\nzehn Jahren an die Spitze derjenigen jüngeren Tonkünstler\nin Deutschland, welche, von den auch auf anderen Gebieten\nals dem Reiche der Kunst gährenden Ideen ergriffen, aus\ninnerem Drange dem Alten und Hergebrachten entgegen-\ntraten, um eine Erstarrung im Kunstleben zu verhüten und\nder Erschlaffung durch Heraufführen frischer Kräfte, welche\ndem Fortschritte Bahn brechen könnten, vorzubeugen. Es\nist hier nicht der Ort, weder die Berechtigung dieses bei\nSchumann gewiss reinen und edeln Strebens, noch den un-\nläugbaren Einttuss desselben auf die neueste Entwicklung\nder Tonkunst, noch seine Ausartung in Manier und Partei\nzu besprechen. Nur das Eine erwähnen wir, dass der Er-\nfolg unabweisbar gezeigt hat, dass Robert Schumann der\nEinzige von den Anhängern der neueren Schule ist, den\neine reiche Natur-Anlage befähigt hat, durch musicalische\nThaten, durch künstlerische Schöpfungen seine Ueberzeu-\ngung auf dem Gebiete der Kunstlehre auf geniale Weise\nzu vertreten.\nZu den damals in Gang gebrachten Ansichten gehörte\nv auch die, dass sich die Gattung der Oratorien überlebt\nhabe, dass Stoff und Form und Stil derselben veraltet sei,\ndass die Theilnahme der gegenwärtigen Menschheit und\nnamentlich des deutschen Volkes sich anderen Gegenstän-\nden zuwende, als denen, welche bisher den Stoff zu Ora-\ntorien hergegeben, und dass die neuere Poesie, namentlich\ndie romantische, weit geeigneter sei, die Grundlage für\ngrosse Gesang-Compositionen zu bilden, als biblische Ge-\nschichte, welche man der Kirchenmusik überlassen müsse.\nWir haben uns über diese Ansicht erst vor Kurzem (in Nr.\n21 vom 26. Mai d. J.) bei Gelegenheit von Reinthaler's\nOratorium ausgesprochen; wir untersuchen hier nicht wei-\nter, ob sie haltbar sei oder nicht, und halten uns nur an\nein Resultat derselben, an ein musicalisches Kunstwerk,\nwelches ihr seine Entstehung verdankt, und das wir zu\nden bedeutendsten zählen, welche unsere Zeit erzeugt hat.\nSchumann's r Paradies und die Peri\" ist nicht nur in Form\nund Stil neu, sondern auch schön, was man bekanntlich\nkeineswegs von allem Neuen sagen kann. Es war das erste\nWerk in dieser Gattung (Mendelssohn's Walpurgisnacht ist\nzwar schon 1830 geschrieben, aber erst 1843 zum er-\nsten Male aufgeführt worden) und zugleich Muster dersel-\nben,, und es ist bis jetzt noch von keinem ähnlichen, deren\nmehrere, wenn auch in kleinerem Maassstabe, gefolgt sind,\naber auch von dem Componislen selbst nicht in späteren\nArbeiten dieser Art übertroffen worden.\nDas Gedicht ist bekanntlich eine Episode aus La lla\nRookh von Th. Moore. Der Kern desselben beruht auf\nder Sage von den Peris, elfenartigen Geschöpfen der\nmorgenländischen Phantasie, welche als gefallene Engel oder\nSprösslinge gefallener Geister so lange von dem Paradiese\nausgeschlossen sind, bis ihre Sühne sich vollendet.\nEiner solchen Peri wird in unserem Gedichte der\nSchicksalsspruch durch den Engel, der die Pforten des Pa-\nradieses hütet, verkündet, dass sie entsündigt sei, sobald\nsie „die Gabe darbringe, welche dem Himmel die liebste\nsei\". Die Peri schwingt ihre Flügel, um dieses räthsel-\nhafte Kleinod zu suchen, und schwebt nach Indien, dessen\nparadiesischen Duft ein Gesang von vier Stimmen in Tönen\naushaucht. Aber verheerend wälzt sich in Völkermassen\nder Mord heran, Eroberer und Vertheidiger brausen in\nKriegs- und Waffenklang daher ein einziger Jüngling\nsteht, aus vielen Wunden blutend; sein Leben verbürgt\nihm der siegende Tyrann: er aber schnellt den letzten Pfeil\nauf ihn vom Bogen und sinkt unter Feindes Streichen zu\nBoden. Die Peri fängt den letzten Tropfen Blut aus dem\nedeln Herzen auf; denn „heilig ist das Blut, lür die Frei-\nheit verspritzt!\""}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "202", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550630-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4961, "texte": "Sie trägt ihn zum Himmel. Aber „heiliger muss die\nGabe sein!\"\nTraurig schwebt die Peri nach den Gefilden Africa's\nhinab und „badet ihr mattes Gefieder in den Quellen des\nNils\". Es steigen die Nymphen des Flusses empor und be-\nlauschen das liebliche Kind. Es schwingt sich wieder auf\nund fliegt Aegypten hinab bis zum Thale Rosetta's; aber\nach, seine Thräne fliesst um die Menschen, welche eine\nböse Seuche dahinrafft. In Waldesgrün stirbt einsam und\nverlassen ein Jüngling dahin; sein einziger Trost ist, dass\ndie Geliebte in den fest abgeschlossenen Fürstenhallen vor\ndem Herantritt des Todes sicher sei. Da nahet sie selbst,\ntrinkt den Tod vom Hauche seines Mundes—die Peri\n„strahlt mildes Licht in ihre Todesnacht, bis ihre Seele\nauferwacht.\"\nSie fliegt empor zum Paradiese, wo die Chöre der\nHouris den Wonnegruss ihres Daseins singen; aber, ach!\nauch „der reinsten Liebe Seufzer\", den sie dem Engel an\nder Pforte bringt, ist die liebste Gabe nicht, die Einlass\nverschafft.\nFast der Verzweiflung verfallen, rafft sie sich auf und\nlässt sich auf Svriens Fluren am Libanon nieder. Verstos-\n•)\nsene Schwestern, die dort weilen, umdüstern ihre Seele\nnur noch mehr. Da erblickt sie einen rosigen Knaben, un-\nter Rosenbüschen gelagert. Ein rauher Geselle steigt vom\nRosse und löscht den Durst am Quell— „Meineid, erschla-\ngener Gast, betrogene Braut stehn mit blutiger Schrift auf\nseinem Antlitz geschrieben\". Da erschallt von den Minarets\nder Ruf zum Abendgebet das Kind kniet hin und ruft\nden Namen Gottes an und sieh, es bricht das wilde Herz\ndes Sünders zusammen: er kniet zur Seite des Knaben\nnieder, die Thräne der Reue quillt aus seinem Auge.\nDiese Thräne trägt die Peri zum Himmel, und die\nChöre der Seligen empfangen die Entsündigte als Genossin\ndes Paradieses.\n\\ ,\nDas Gedicht gilt für schön besonders denen, die ein\nSchwelgen in orientalischen Bildern und ein Verschwim-\nmen in Dingen, von denen man eigentlich keine klare Vor-\nstellung hat, für Poesie nehmen. Wir halten, bei vielen\neinzelnen Schönheiten, für einen Hauptfehler, dass es keine\nbestimmte Empfindung in uns anregt, und das ist für die\nAnwendung der Musik auf dasselbe schon schlimm. Die\nVerschmelzung der christlichen Idee der Versöhnung mit\nGott durch Reue und Busse mit der unchristlichen, orien-\ntalischen und rein sinnlichen Vorstellung vom Paradiese,\nwelches letztere hier noch dazu bloss duftsinnlich durch\n„Blumen, Tropfen, Stündlein des Himmels\" in nebelige\nZerflossenheit gestellt ist, lässt keine entschiedene Stim-\nmung in uns aufkommen. Wir verstehen sonst wohl das „ Pa ra-\ndies\" und den „Engel\" vor demselben; aber die „Peri\" begrei-\nfen wir nicht, weil ihre Vorstellung vom Paradiese und\ndas, was ihre Sehnsucht danach hervorruft, unserem Ideen-\nund Gefühlskreise ganz fremd sind. Da nun auch auf der\nanderen Seite eine eigentliche Handlung, die spannen und\nanziehen könnte, fast ganz fehlt, so stehen wir vor dem\nGedichte wie vor einem Gemälde, das nichts als Farbe\nund Licht-Effect zeigt, aber weder Gegenstände noch Ge-\nstalten. Selbst die Schilderungen haben kein Leben, son-\ndern bloss Colorit. Wir können in dieser Art von Poesie\nnichts Gesundes finden, es ist zu viel Raffinement der\nPhantasie darin.\nDas alles macht die musicalische Composition sehr\nschwierig; denn die Musik kann da nicht, wie sonst bei\nVocal-Compositionen, Farbe und Licht auftragen: Beides\nist schon im öebermaass da, ja, fast allein, d. h. nichts als\ndas, durch die Poesie gegeben, und soll nun durch die\nTöne von Neuem gefärbt und beleuchtet werden!\nNehmen wir nun, abgesehen von dem allgemeinen\nCharakter dieser Poesie, dazu, dass das von Schumann\ncomponirte Gedicht auf 463 Verse deren nur 66 hat,\nwelche Handlung, und nur 182, welche ausgesprochene\nEmpfindung und Seelen-Zustände enthalten, dass dagegen\nErzählung und Beschreibung 215 Verse füllen, und dass\nobenein der Seelenzustand der Peri, die Sehnsucht, welche\nsie ausspricht, fast immer derselbe bleibt und die Empfin-\ndung also sich wiederholt, ausserdem aber nicht einmal\nüberall reine Empfindung, sondern oft auch wieder mit\nSchilderung vermischt ist: so werden wir unsere Bewun-\nderung dem Genie eines Componisten nicht versagen, der\ntrotz alledem ein musicalisches Werk von so grossen Vor-\nzügen aus diesem Gedichte geschaffen hat, wie Robert\nSchumann es gethan.\nDiese Vorzüge genauer zu bezeichnen, dürfte bei der\nallgemeinen Anerkennung, die das Werk bei allen Musikern\nlängst gefunden hat, überflüssig sein; wir erwähnen nur,\ndass dieselben durch die Aufführung in Düsseldorf, welche\nsehr sorgfältig in den Chören durch Tausch, im Ganzen\nin den drei General-Proben durch Hiller vorbereitet war,\naufs Neue herrlich hervortraten, und dass der Componist\nselbst wohl keine trefflichere Auffassung und Ausführung\nder Partie der Peri sich habe denken können, als dieje-\nnige, welche ihr durch Frau Goldschmidt-Lind geworden.\nEher dürfte die Thatsache, welche, wie sich durchaus\nnicht läugnen lässt, auch durch die im Ganzen genommen"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "203", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550630-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4288, "texte": "vortreffliche Aufführung in Düsseldorf bestätigt worden\nist, die Thatsache, dass die Wirkung des Werkes als Gan-\nzes, dass der Gesammt-Eindruck desselben nicht durchgrei-\nfend, nicht schlagend, nicht begeisternd war, die Frage\nnach den Gründen derselben hervorrufen und deren Erör-\nterung vom Standpunkte der Erfahrung und der Aesthetik\naus rechtfertigen.\nZunächst liegt der Druck von allem dem, was wir an\ndem Texte gerügt haben, wie ein Alp auf der Brust des\nZuhörers und lässt sie nicht zum freien Aufathmen kom-\nmen. Dann ist nicht nur der Mangel an Steigerung, son-\ndern das gerade Gegentheil derselben, indem der erste Theil\neinige Handlung, der zweite und dritte aber nichts als Be-\nschreibung und Bilder enthalten, Veranlassung einer Erlah-\nmung der Theilnahme, zumal da es an Abwechslung und\nContrasten fast ganz fehlt, welche die durch das Einerlei\nder Situation und der Empfindung ermüdete Seele, die erst\ndurch das Finale von jenem Drucke frei wird, der auf ihr\nliegt, dann und wann wieder aufregten, stärkten und er-\nhöhten.\nDarin aber, dass Schumann's Musik nicht nur nichts\ngethan hat, um diese unläugbare Einförmigkeit zu brechen,\nsie durch diejenigen Mittel, welche die Tonkunst dazu dar-\nbietet, durch Verschiedenheit der Formen, durch Abschnitte\nund Ruhepunkte, durch Mannigfaltigkeit der Ausdrucks-\nweise, Wechsel des Rhythmus u. s. w. zu verdecken und\nden Zuhörer gleichsam darüber zu täuschen, sondern dass\nder Componist grundsätzlich und mit einer Art von Vor-\nliebe im Gegentheil alles thut, was die Eintönigkeit\nrecht fühlbar macht, das scheint uns der Hauptgrund\nzu sein, wesshalb bei aller Schönheit und Feinheit des\nEinzelnen das Ganze dennoch keinen befriedigenden Ein-\ndruck macht.\nIm Bau des Ganzen ist keine Sonderung der Er-\nzählung, weder von der Handlung noch von dem lyrischen\nErguss der individuellen Empfindung, vorhanden, weder\ndurch die Form, noch durch den Charakter der Musik;\nes geht Alles von der ersten Note bis zur letzten eines je-\nden Theiles in Einer und derselben Form, in regelrechtem,\nstreng gemessenem Tact, fast ohne allen Abschnitt und oft\nsogar ohne vollkommenen Schluss, und mit wenigen Ausnah-\nmen in Einem und demselben Charakter der melodischen\nErfindung fort. Da nun die Erzählung einen so grossen\nund wesentlichen Theil des Gedichtes einnimmt, so ist es\noffenbar ein Fehler, dass sie sich nicht durch eine be-\nstimmte Form vor der übrigen Musik hervorhebt. Warum\nSchumann die von den Meistern der Tonkunst für das Er-\nzählen, das „ Recitiren\", gefundene und vervollkommnete\nForm, eben die recitativische, verschmäht hat, darüber ha-\nben wir schon oft vergebens nach zureichenden Gründen\ngesucht. Was würden Bach's Passionen sein, wenn er nicht\nschon durch die Form so scharf wie möglich die Erzäh-\nlung des Evangelisten von den übrigen Musikstücken ge-\nsondert hätte? Wir haben nie begreifen können, wie in\ndem Aufgeben des Recitativs und in der Rückkehr zu\nder psalmodirenden Leierweise Lulli's u. s. w. Schumann\nund Wagner einen Fortschritt haben suchen können;\nund bei dem besten Willen, einen vernünftigen Grund da-\nfür aufzufinden, sind wir nie zu einem anderen Ergebnisse\ngekommen, als zu der Annahme, dass diese unglückliche\nNeuerung ihren Ursprung in nichts als in der Grille oder\nSchrulle habe, es eben anders machen zu wollen, als bisher.\nDieser Grundsatz, eine grössere Vocalmusik durchaus\nohne Recitative zu schreiben, mag auch das Dramatische\nder Handlung oder auf der anderen Seite die declamatori-\nsche Erzählung noch so sehr dazu drängen, muss theils\neinen falschen Ausdruck des Wortes und des Gefühls,\ntheils eine unerträgliche Monotonie hervorbringen. Zu Bei-\ndem mangeln die Beispiele nicht in „Paradies und Peri\",\nund am auffallendsten ist uns stets auch in Schumann's\nGenovefa und in Wagner's Tannhäuser und Lohengrin die\nInconsequenz gewesen, durch welche beide Componisten\neine ihrer Hauptlehren, „das Wort zur Geltung zu brin-\ngen\", dadurch verläugnen und vernichten, dass sie dieje-\nnige Form, welche diesen Zweck am sichersten erreicht,\naus ihren Werken verbannen! Man betrachte z. B. in „Pa-\nradies und Peri\" die einzige dramatische Stelle im ganzen\nWerke in Nr. 7, S. 43 —45 der Partitur, die Scene zwi-\nschen dem Eroberer Gazna und dem Helden-Jüngling, der\nseinen letzten Pfeil auf ihn abschiesst:"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "204", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550630-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3663, "texte": "ist das der Ausdruck eines Hasses, der mit der letzten\nKraft des Lebens sich zusammenrafft, um, des eigenen To-\ndes gewiss, den Feind zu tödten? Wenn dieses drei Mal\nwiederholte Her ab steigen in gleichen Intervallen der Stim-\nmung angemessen, wenn das Dehnen der kurzen Sylben\nin „Landes\" und „Brüder\" und „letzt en\" zu Längen,\nund das Auseinanderzerren der ersten Sylben von „Bür-\nger\" und \"Würger\" durch zwei Tacte hindurch, um\neiner zu dem Momente, der nicht die geringste Zögerung\nduldet, gar nicht passenden Instrumental-Imitation der Sing-\nstimme durch Bässe und Bassposaune Raum zu lassen, und\nwenn das darauf folgende Hinaufschnellen der letzten Sylbe\nderselben Wörter, wenn das alles richtige Declamation und\nim gemessenen Tacte richtiger Ausdruck der Leidenschaft,\ndie sich in den Worten und in der Lage ausspricht, ist:\nnun, dann ist freilich auch der Ausruf Gazna's, gleichsam\nein Solo-Fagott unter den Schluss-Accorden des Orchesters:\nebenfalls dramatische Wahrheit! Man denke sich einmal\nirgend eine ähnliche Scene in einer Tragödie auf diese\nWeise auf der Bühne declamirt, oder das Recitativ der\nDonna Anna: „Don Ottavio, auf ähnliche\nArt componirt!\nWie einförmig die Erzählung und Beschreibung durch\ndiese Recitativ-Scheu wird, wie man jene oft gar nicht von\ndem Auftreten der Personen unterscheiden kann, dafür\nbraucht man kaum Einzelnes anzuführen, weil es sich an\nso vielen Stellen von selbst zeigt. Eines der auffallendsten\nBeispiele ist das Adagio in Fislür Bariton (Nr. 21):\n„Jetzt sank des Abends goldner Schein\" ; es wird durch\ndie grundsätzliche Behandlung der beschreibenden Erzäh-\nlung nicht nur monoton, sondern geradezu langweilig. Wie\nSchumann bei diesem Stücke, welches „Zauber-Auen\nreges Leben der Gärten Pracht—tausendstimmiges Ru-\nfen\" u. s. w. schildert, zu der Tonart gekommen\nist und zu dem T(jmpo und Charakter eines weinerlichen\nAdagio, können wir nicht begreifen. DerSchiuss: „Jordan,\ndein beglückter Strand und deine nachtigallenreichen Wäl-\nder\", wird geradezu zu einem Wehmuthsruf! Aehnliche\nWidersprüche zwischen Text und Musik finden sich auch\nsonst noch, ■/,. ß. in dem Schlüsse der Schilderung von\nAegypten (S. 108) auf die Worte: „Kein sterblich Aug'\nhat je ein Land geseh'n voll höh'rer Pracht!\" Freilich\nist die Aufgabe schwer, erst Indien, dann Aegypten, dann\nSyrien musicalisch verschieden zu lärben; aber der weich-\nliche, fast melancholische Farbenton, den. der Componist\ngewählt hat, ist doch der am wenigsten passende.\nDas eben erwähnte Adagio des Baritons zeigt auch\neine andere Ursache, welche dem Eindruck des Werkes im\nGanzen schadet, sehr deutlich, nämlich diejenige Monotonie,\nwelche sich durch das schulmässige, fast scandirende An-\nschliessen des musicalischen Rhythmus an den metrischen\nerzeugt. Von etwa hundert Tacten Gesang sind hier 54\nTacte reine Trochäen f die übrigen aufgelös'te f •\noder ff f: das ist kaum auszuhalten. Da man bei Schu-\nmann nicht diejenige Urigewandtheit voraussetzen kann,\nwelche so oft Lieder componirende Dilettanten mit der mu-\nsicalischen Phrase nicht aus dem metrischen Geleise heraus\nkommen lässt, so scheint jene Behandlung des Versmaasses\nebenfalls wieder auf Grundsatz zu beruhen, den aber die Ton-\nkunst keineswegs, namentlich bei so pedantischer Ausfüh-\nrung, selbst nicht einmal iür das Lied, als richtig anerken-\nnen kann, geschweige denn für grössere Gesangstücke,\nwelche wir gewöhnlichen Musiker sonst Arien zu nennen\npflegen. Dieser Grundsatz das Anschmiegen des musica-\nlischen Rhythmus an den Vers verleitet Schumann sogar\nzu ganz falscher Declamation, indem er zuweilen den logi-\nschen Zusammenhang dem metrischen Schema aufopfert,\nz. B. S. 159 unten:"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "205", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550630-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2856, "texte": "„noch der Seraph gern\", wo die Pausen im zw,eitenTacte\nnoch dazu von einer Imitation der Melodie des ersten in\nder Clarinette ausgefüllt werden, was dann vollends den\nfalschen Sinn: „treu war die Geschichte\", für den Hörer\nabschliesst. So S. 116:\n„enden seine Qual\" wird hier nicht ein Jeder „den\nStahl der Seuche\", folglich Unsinn, hören? Ferner auf\nS. 129 (in dem wunderschönen Gesänge der Jungfrau) die\nVerbindung von „Leben nein\" :\n„Ith, leben ohne dich—allein, Du meines Lebens Leben\nnein!\" Ferner S. 185: „Sie sieht vom Rosse steigen\ni\ndarauf folgen zwei Halbetact-Pauseri und dann: „sich\nan einem Quell zum Trünke beugen\"! Wir machen\nsonst wahrlich nicht Jagd auf falsche Declamation und wis-\nsen sehr wohl die Rechte der musicalischen Periode gegen\nden Text zu schützen: allein solche Fehler, wie die obi-\ngen, dürfen doch nicht ungerügt bleiben, zumal, wenn sie\nso auffallende Beweise gegen einen falschen Grundsatz\ndarbieten.\nNehmen wir dazu den eigenlhümlichen Charakter der\nSchumann'schen Melodie, welchen man einen mehr instru-\nmentalen als gesangmässigen nennen kann, und welcher bei\naller Schönheit doch häufig etwas Psalmodirendes hat, das\nnur lür den sehr aufmerksamen und musicalisch-gebildeten\nZuhörer durch die feine Umspinnung mit schönen Arabes-\nken, ja, oft mit ganz neuen selbstständigen Melodieen im\nOrchester und durch die geniale Instrumentirung zum\ngrossen Theil verdeckt wird; erwägen wir endlich, dass lür\nden wechselnden Charakter des Rhythmus sehr wenig ge-\nsorgt ist, indem von den sämmtlichen 26 Nummern nur\nfünf, und zwar die kleineren, in ungeradem, alle übrigen\naber in geradem Tacte geschrieben sind: so werden wir\nes erklärlich finden, dass das Werk als Ganzes keine\nschlagende Wirkung macht.\nDen Schluss des zweiten Festtages machte eine echte\nFest-Aufführung, die fünfte Sin fonie von Beethoven.\nDer erste Satz ging ganz vortrefflich und machte bei der\nMasse von Saiten-Instrumenten und so tüchtigen Spielern\neinen gewaltigen Eindruck. Im Andante und im letzten\nAllegro fielen zwar ein paar Fehler Einzelner vor, aber die\nAusführung im Ganzen war eine sehr befriedigende und\nerhebende. Das herrliche Werk war vom Dirigenten sehr\nschön aufgefasst und wurde namentlich nirgends überjagt;\nein Beweis aber, wie sehr manche, besonders jüngere,\nMusiker noch im Irrthume über den richtigen Vortrag\nBeethoven'scher Musik sind, war uns der hier und da ver-\nlautende Wunsch nach einem schnelleren Tempo des letz-\nten Satzes! Wer die majestätische Breite dieses Jubellie-\ndes, welches den Triumph der männlichen That feiert,\ni\ndurch Herabhetzen schändet oder auch nur durch ein hasti-\nges, dem erhabenen Stile ganz und gar widersprechendes\nDrängen (eher, als der Componist selbst das Zeichen dazu\ngibt) verletzt, dir versündiget sich an dem Beethoven'schen\nGeiste. Der Adler entfaltet seine Schwingen anders, als\ndie Schwalbe."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-06-30-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-06-30_01#c009", "volume": "bmtnabi_1855-06-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "205", "page_fin": "207", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550630-01.2.2", "titre_corps": "Jephta und seine Tochter.", "titre_sommaire": "Jephta und seine Tochter.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "205", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550630-01.1.5", "debut_caractere": 2858, "fin_caractere_exclue": 3973, "texte": "Jephta und seine Tochter.\nOratorium von Karl Reinthaler.\nIII.\n(S. Nr. 21 und 25.)\nReinthaler hat den Text zu seinem Oratorium selbst\nentworfen. Er folgt dabei grösstentheils der biblischen\nSage und ergänzt dieselbe nur am Schlüsse durch eigene\n✓\ndichterische Schöpfung, gebraucht aber für den Wortlaut\ndes Textes stets nur biblische Worte. Während das Ora-\ntorium den Vortheil der scenischen Darstellung entbehrt\nund sich die Theilnahme an den handelnden Personen nicht\nbis zu der Unmittelbarkeit steigert, wo wir sie sehen und\nhören, bietet es dagegen reiche Veranlassung, die gemein-\nsamen Empfindungen eines ganzen Volkes zu schildern.\nWie daher das Treiben und Handeln Einzelner in der Oper\ndie Hauptsache bildet, so wird im Oratorium, soll es etwas\nAnderes als eine unvollkommene Oper sein, das Glück und\nLeid eines Volkes in seinen Aeusserungen mindestens einen\nwesentlichen Theil des Ganzen ausmachen müssen, aus des-\nsen breiterer Darstellung der Einzelne sich nicht so glän-\nzend abheben darf, wie in der Oper. Diese Intentionen scheint\nuns der Componist des neuen Jephta mit Glück durchge-\nführt zu haben."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "206", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550630-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5129, "texte": "Nach einer kurzen Instrumental-Einleitung führt uns\nder Chor in die Situation ein. Das Volk schmachtet in\nKnechtschaft, es erhebt den Schrei nach Rettung: „Stehe\nauf, Herr!—sie zertreten Dein Volk warum verstossest\nDu uns und lassest uns zu Schanden werden?\" - Der\nProphet verkündet die Antwort Gottes; das Volk fühlt\ndas Gewicht seiner Worte; es ruft: „Herr, wir haben ge-\nsündigt; denn wir haben unsern Gott verlassen!\" Aber in\neinem Wechseigesange zwischen Prophet und Volk kehrt\ndie Hoffnung, den Kampf nach sittlicher Kräftigung wieder\naufzunehmen, zurück; sie beginnt mit demüthiger Bitte und\nsteigert sich in einer reich ausgeführten Fuge zum leben-\ndigen Ausdruck des Muthes und des Vertrauens auf Got-\ntes Hülfe.\nErst jetzt, in Nr. 5 der musicalischen Abschnitte, führt\nuns der Componist zu den Personen, deren Schicksal in\nden Kampf verflochten wird. Jephta ist in der Verban-\nnung; seine einzige Tochter ist eine jener liederreichen\nund durch Charakter ausgezeichneten Naturen, die uns im\nisraelitischen Volke öfter begegnen, wie Mirjam, die Schwe-\nster Moses', Deborah und Andere. Fern von dem Vater-\nlande, bleibt sie in geistigem Zusammenhange mit ihm,\nsingt dem Gott ihrer Väter und hofft auf eine Wendung\ndes Geschickes. Den verbannten Jephta erinnert der Ge-\nsang der Tochter an seine Leiden; er schildert den Hass\nseiner Brüder (Nr. 6), die ihn in die Wüste getrieben, so\ndass er jetzt ein Fremdling unter den Heiden lebe. Aber\ndie Tochter wagt, den bitteren Groll zu bannen, auf dass\nder Held sein Herz wieder zu seinem Volke neige. Die\nAeltesten der Kinder Israel erscheinen, ihn aus der Ver-\nbannung zurück zu rufen; nach einigem Widerstreben und\nwiederholten Vorwürfen sagt Jephta seine Hülfe zu und\ntritt als Richter (Dictator) an die Spitze des Heeres.\nIm folgenden (letzten) Abschnitte des ersten Theiles\nsucht der Componist, den Principien des Oratoriums ge-\nmäss, welches die Lage nicht individualisiren, sondern den\nsittlichen Inhalt derselben hervorheben soll, einen von je-\nnen Völkerkämpfen darzustellen, welche zu verschiedenen\nZeilen zwischen Gewalt und Recht geführt worden sind.\nDie Feinde ziehen heran; an der Gewalt ihres wilden San-\nges (9) fühlt man, dass der Sieg schwere Opfer fordern\nwird. Schon sind Viele gefallen; die Tapfersten durchwan-\ndern das Lager der Israeliten und sprechen ihnen Muth\nund Trost ein (Nr. 10). Die Nacht deckt Alles; so wie\nder Morgen graut, ruft Jephta zum Kampfe. Ein Doppel-\nChor der Heiden und Israeliten versinnlicht uns das Hin-\nund Herwogen der Schlacht. Das Glück schwankt und\nneigt sich auf die Seile der Heiden, im Heere Israels er-\nschallt sogar der Ruf der Flucht; da thut Jephta das Ge-\nlübde, das Erste, was ihm aus der Thür seines Hauses\nentgegen treten werde, dem Herrn zum Opfer zu bringen.\nSeinem Rufe antwortet die Stimme des Herrn im Donner,\nder die Feinde schreckt; die flüchtigen Scharen stehen und\nsammeln sich mit dem Kufe: „Auf, Heer des Herrn!\" und\nunter dem Brausen des Welters stürzen sie sich zum Siege\nauf den Feind.\nIm zweiten Theile finden wir die Daheimgebliebene in\nbanger Erwartung auf den Ausgang des Kampfes; Mirjam,\ndie tragische Verknüpfung ihres eigenen Geschickes mit\ndem Loose des Vaterlandes ahnend, tröstet sich mit den\nWorten des Psalmes: „Was betrübst du dich, meine Seele?\nHarre auf Gott! ich werde ihm noch danken, dass er uns\nhilft!\" und: „Ob ich schon wanderte im finstern Thale,\nfürchte ich doch kein Unglück\" (13). Da überrascht sie die\nfrohe Nachricht des Sieges, und sie fordert auf, „ mit Har-\nfen und Psalter dem Herrn entgegen zu ziehen\" (14). Aus\nder Ferne ertönen die frohen Lieder der heimkehrenden\nKrieger, ihnen entgegen singen die Jungfrauen, bis beide\nChöre zu gemeinsamer Sieges-Hymne sich vereinigen (15).\nMirjam tritt mit der Harfe vor, ihren Vater zu begrüssen,\nund wie die Schwester Moses' einst gethan, beginnt sie den\nLobgesang auf die wunderbare Führung Gottes, „der mit\nBarmherzigkeit sein Volk erlöset und durch die Stärke sei-\nner Macht zu seiner heiligen Wohnung hinführt\" (16).\nDoch kaum ist ihr hohes Lied erklungen, da sinkt der Va-\nter unter der Last seines Schmerzes zusammen; er stösst\ndie klagenden Worte aus: „Ach, meine Tochter, wie beu-\ngest du mich und betrübst mich!\"—und unter Ausbrüchen\ndes Jammers und der Verzweiflung enthüllt er das furcht-\nbare Gelübde, das er im Kampfe gethan. Der Chor sieht\nden gewaltigen Mann von einer höheren Macht gefasst, und\nwährend die leidenschaftliche Klage des Helden noch ertönt,\nerkennt er die richtende Hand Gottes, „der den Fürsten\nden Muth nimmt und erschrecklich ist unter den Königen\nauf Erden\" (IT). Allein Mirjam behält die Klarheit der\nSeele; in der festen Ueberzeugung, dass ihr Opfertod die\nBedingung des Sieges war, ermahnt sie den Vater zur Er-\nfüllung dessen, was er gelobt, und bittet nur „um zwei\nMonde, um noch einmal auf die Berge zu gehen und mit\nihren Gespielen ihre Jugend zu beweinen\" (18). Dorthin\nfolgen wir ihnen. Vom Gebirge her erklingen noch Lieder\ndes Frühlings und der Freude: „Der Lenz ist herbeige-\nkommen, die Blumen blühen auf im Thale\"; sie werden\nvon den Klagen der Mädchen unterbrochen, die sich vom"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "207", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550630-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3012, "texte": "sanften Trauertone bis zum wilden Weheruf steigern; nur\nMirjam bleibt sich treu. „Was weinet ihr so sehr?\"\ntröstet sie die Freundinnen: „ob auch die Schatten des To-\ndes mich umfangen werden, ich bin des Herren Magd, und\nder Tod der Gerechten ist werth gehalten von ihm.\" Die\nAnderen aber wollen sich nicht trösten lassen, wie auch\ndie Sage von ihnen erzählt, dass sie noch später hingingen\nvier Tage des Jahres, ihre Klaggesänge zu erneuern (19).\nDie leidenschaftlichenTrauerscenen erhalten einen Abschluss\ndurch den Chor, der sich vom Wechsel irdischen Geschicks\nzu dem, was ewig ist, erhebt: „Gott, Du bist mein Gott;\nDeine Güte ist besser denn Leben!\" (20.)\nBis hieher führt die biblische Erzählung. Die dunkele\nAndeutung des Ausganges, welche die verschiedenartigsten\nErklärungen erfahren hat, gab dem Componisten Veranlas-\nsung zu freier dichterischer Behandlung. In den Kriegern,\ndie mit Jephta zum Streite auszogen, und welche nur die\nNoth unter seinen Oberbefehl vereinigen mochte, erwacht\ndie alte Eifersucht gegen seine Macht. An ihre Spitze tritt\nein Jüngling, den neben dem Eifer für das Gesetz auch\nmenschliche Regung für das Mädchen leitet, „die unter\nden Töchtern Israels hervortrat, herrlich wie die Sonne\nund schön wie die Morgenrot he\", und sie verabreden sich,\nJephta zu stürzen (21). Jephta dagegen erkennt die Ver-\nmessenheit jenes unseligen Gelübdes, die Folge seines stol-\nzen Sinnes, der, unbewegt von der Noth des Vaterlandes,\nnur dann zur Hülle sich veranlasst sah, als sie Ehre und\nHerrschaft ihm einbrachte; er beugt sich in Dernuth und\nhofft „in der Nacht, die um ihn ist\", von oben Erleuch-\ntung und Rettung (22). So kommt der Tag der Entschei-\ndung heran; man vereinigt sich zum Gebete, während die\nJungfrauen zurückkehren, Mirjam an ihrer Spitze, und sie\nunter Klagen von einander Abschied nehmen. Da bricht\ndie Schar der Empörer herein, und es entsteht ein wildes\nGetümmel (23). Bald jedoch verstummt die menschliche\nLeidenschaft vor dem Donner des Herrn, der sich verneh-\nmen lässt. „Seine Stimme ergehet mit Brausen, Dampf\nfähret auf von seinem Odem und zehrendes Feuer von sei-\nnem Munde; die Erde bebet und wird bewegt, der Berge\nFesten regen sich\" (24). Mit diesen Worten begleitet der\nChor in angstvollem Zagen eine jener Bewegungen der Na-\ntur, in denen die Menschen des Herrn Stimme zu verneh-\nmen glauben, und deren erschütternde Gewalt die Gemüther\nempfänglicher für die sittlichen Wahrheiten macht; noch\nunter dem Toben des Sturmes verkündigt der Prophet die\ngöttliche Entscheidung: „Wer sind, die so fehlen in der\nWeisheit, und reden so mit Unverstand? Jephta, lege deine\nHand nicht an die Tochter, heilige sie dem Herrn!\" Das\nWetter ist vorüber, ihm folgt die Stille der Natur, in wel-\ncher einst „die Herrlichkeit Gottes vorüberzog\". Jephta\nund mit ihm alles Volk neigt sich zur Erde und betet an.\nMirjam aber, einem Gott geweihten Leben zurückgege-\nben, erhebt sich zum begeisterten Preise der Gnade des\nHerrn, in welchen der Chor in freudiger Erregung einstimmt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-06-30-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-06-30_01#c010", "volume": "bmtnabi_1855-06-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "207", "page_fin": "208", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550630-01.2.3", "titre_corps": "Correspondenten-Unfug.", "titre_sommaire": "Correspondenten-Unfug.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "207", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550630-01.1.7", "debut_caractere": 3014, "fin_caractere_exclue": 5027, "texte": "Correspondenten-Unfug.\nDie „Neue Zeitschrift für Musik\", welche unter F.\nBrendel's Redaction in Leipzig erscheint, enthält einen Auf-\nsatz eines ihrer Correspondenten vom Rheine, weicher un-\nter derUeberschrift: „DieMusik-ZuständedesNie-\nderrheines\", sich durch die Nummern 13, 14, 17 und\n19 zieht und zunächst unsere niederrheinischen Musikfeste,\ndann die Musik-Zustände „derjenigen Städte, welche auf\nBeachtung Anspruch machen\", wozu der Verfasser Köln,\nDüsseldorf, Aachen und Bonn zählt, im Einzelnen\nbespricht. Ob er Elberfeld und Barmen nicht zum Nieder-\nrheine rechnet oder sie ignorirt, können wir nicht wissen,\nLetzteres jedoch kaum von ihm glauben, da er als Abon-\nnent der Niederrheinischen Musik-Zeitung, ja, sogar als\nMitarbeiter an derselben, doch öfter gelesen haben musste,\ndass diese Städte in musicalischer Hinsicht ebenfalls\nexistiren.\nDieser Aufsatz nun ist mit einer so argen Unkenntniss\nder gewesenen, gewordenen und wirklichen musicalischen\nZustände am Niederrheine geschrieben und verräth eine so\nmaasslose Dreistigkeit im Aburtheilen über Sachen und\nPersonen und eine so „distinguirte\" Charakterlosigkeit,\ndass wir ihn leider nicht unbeachtet lassen können und uns\nverpflichtet fühlen, wahrlich mehr im Interesse der verletz-\nten Wahrheit, als in unserem eigenen, wiewohl wir auch\npersönlich durch einen zwar verdeckten, aber desto bos-\nhafteren Ausfall auf die rheinische Kritik dabei betheiligt\nsind, die eben ausgesprochenen schweren Anklagen gegen\nden Verfasser wahr zu machen und dadurch zugleich un-\nserer Collegin in Leipzig einen Wink zu geben, gegen der-\ngleichen Correspondenten auf der Hut zu sein.\nIndess hat die Redaction derselben in Bezug auf den\nfraglichen Artikel bereits in einer Anmerkung in der Bei-\nlage zu Nr. 26 erklärt: „Wir können natürlich nicht\nüber alle Details, die unsere Correspondenten mittheilen,\nunterrichtet sein, sind aber darum jederzeit gern bereit,\nBerichtigungen aufzunehmen, wenn dieselben, wie im vor-\nliegendenFalle,sich als nothwendig erweisen.\""}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "208", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550630-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1568, "texte": "Diese Anmerkung befindet sich unter einer „Entgeg-\nnung\" aus Bonn vom 1. Juni, welche von Herrn Prof.\nDr. Breidenstei n eingesandt und in der gedachten Bei-\nlage abgedruckt ist.\nIn der guten Stadt Bonn „hat nämlich bis auf den ge-\ngenwärtigen Berichterstatter und den Dirigenten Herrn\nvon Wasielewski die Musik seit der Säcularisation des\ngeistlichen Rurfürstenthums nicht aufkommen können. Und\ndaran ist allein der derzeitige Universitäts-Musik-Director\nHerr Breidenstein schuld!\" Nun, das heisst einem doch\neine kolossale Verantwortlichkeit aufbürden! Welch eine\nübermenschliche Kraft gehört dazu, nicht nur ein Viertel-\nJahrhundert vorwärts, sondern auch ein Viertel-Jahrhundert\nrückwärts alle Blüthen des Geistes zu vernichten! Alba\nin Flandern ist nichts dagegen denn Prof. Breidenstein\nkam 1823 oder 1824 nach Bonn und hinderte reagirend\ndas Gedeihen der Musik bis auf 1800 zurück, wo die Sä-\ncularisation Statt fand!\nNun, die Naivetät dieser Aeusserung würde Herrn Prof.\nBreidenstein schwerlich zu einer Entgegnung bewogen ha-\nben; allein den ferneren theils plumpen Ausfällen gegen\nseine Befähigung, theils hämischen gegen seine Person und\ndie Art seiner Wirksamkeit war er in seiner öffentlichen\nStellung eine Erwiderung schuldig, und er hat in ruhigem\nund würdigem Tone über das Thatsächliche seines musica-\nlischen Wirkens in Bonn, über die Ungenauigkeiten der\nAngaben über den gegenwärtigen Wasielewski'schen Zu-\nstand und über die Gesinnung, aus welcher der ganze Ar-\ntikel geflossen, diese in der oben angeführten „Entgeg-\nnung\" gegeben.\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-06-30-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-06-30_01#c011", "volume": "bmtnabi_1855-06-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "208", "page_fin": "208", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550630-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "208", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550630-01.1.8", "debut_caractere": 1570, "fin_caractere_exclue": 5102, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\n»arinstadt S chi nd elme is serist zum grossherzoglichen\nHof-Ca pell meist er ernannt worden\nEinem Gerüchte zufolge soll der von Frankfurt am Main\nabgegangene oder abgelassene Theater-Dircctor Hoffmann das\nJ osephstädtcr Theater in Wien für 123,000 Gulden gekauft\n'haben. Dan ich zu urtheilcn, muss das Geschäft in Frankfurt doch\nziemlich einträglich gewesen sein!\nParts. Es sollen, wie es heisst, während der Ausstellung fort\nund fort fünf Vorstellungen wöchentlich in der grossen Oper ge-\ngeben werden. Mad.Alboni soll desshalb wieder angestellt werden.\nDie italienische Schauspielerin Signora Ristori fährt fort, die\nPariser zu entzücken, und droht selbst die Rachel zn verdunkeln.\nIhre Hauptrollen waren bis jetzt die Francesca di Rimini im gleich-\nnamigen Drama von Silvio Pellico, und die Mirra in Alfieris lra-\n|södie. Neben ihr glänzt der Schauspieler Rossi, welcher jedoch\nfrieuerdings Paris, wie es heisst, aus Verdruss, dass man ihn zu\nwenig würdige, verlassen haben soll.\nIm Saale Sie. Cecile hat man eine alte Oper von Dalayrac:\nUne Soiree orageuse, im Costume wieder einmal aufgelührt. Sie da-\ntirt von 1790.\nDer Jardin d'hiver hat sich durch einen Sommergarten er-\nweitert und vergrössert, und es finden dort grossartige Nacht-\nfeste Statt, bei denen Musard mit seinem 120 Personen starken\n• Orchester im Saale und das Musikcorps des 53. Linien-Regiments\nin den Grotten der neuen Anlagen spielen.\nMännergesang in Paris. Kürzlich fand die jährliche Pro-\nduetion des „Orpheon\" Statt. Alle Sectionen desselben waren in\ndem weitläufigen Saale des Cirque-Napoleon auf dem Boulevard des\nFilles du Calvaire vereinigt. Der Saal bot ein glänzendes Schauspiel\ndar. Alle Räume von oben bis unten waren besetzt, und die Da-\nmen ragten durch ihre Anzahl und die Pracht der Toiletten her-\nvor. Auf das Zeichen des Directors Karl Gounod, welcher diese\nArmee von 2000 Stimmen leitete, entstand die tiefste Stille. Der\ngrösstc Theil der vorgetragenen Stücke brachte eine unermessliche\nWirkung hervor. Mehrere derselben mussten wiederholt werden,\nnamentlich der Chor ~Aux armes\" von Clapisson, „Le Vin des Gau-\nloisu von Gounod, der Chor der „Gardes Chassesis von Ambroise\nThomas. Der berühmte Chor von Händel: „Chantons victoireein\nKyi *ie von Palestrina und der Chor aus der „Muelte de Portici\" er-\nregten Enthusiasmus. Das Orpheon ist eine wahrhaft nützliche\nInstitution lür das Land, es ist eine Erholung für die arbeitenden\nClassen und hält sie von bösen Leidenschaften ab. Wilhelm,\ndessen Büste, von Immortellen bekränzt, in der Mitte der Sänger\nauf einem Sockel stand, hat in Gounod-einen seines Genie'*\nund Ruhmes würdigen Nachfolger gefunden.\nDie erste Vorstellung von den Vepres SicUiennes von Scribe\nund Verdi hat zu Paris im grossen Opernhause am 13. Juni\nStatt gefunden.\nDie Herren Merkl in und Schütze in Brüssel haben im\npariser Krystallpalaste ein Orchestrium von ihrer Erfindung,\nüber welches wir im vorigen Jahrgange ausführlich berichtet ha-\nben, aufgestellt; es zieht die Aufmerksamkeit aller Musiker auf\nsich. Es steht der Hauptthür, die in den Raum „Belgien'4 führt,\ngerade gegenüber auf der oberen Galerie.\nAugust Morel, Director des Conservatoires zu Marseille,\ngehört zu den wenigen französischen Cornponisten, welche Violin-\nQuartette schreiben. Sein neuestes Quintett hat Aufsehen erregt.\nIn Rio de Janeiro ist eine Gesellschaft des reichsten Adels\nmit einem Capital von 2,400,000 Francs zusammen getreten, um in\ndem neu erbauten Theater Dom Pedro's 11. Grosse Opern zu geben."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "201", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550630-01.1.1", "texte": "Das dreiunddreissigste niederrheinische Musikfest.\nIII.\nDer zweite Tag des Festes brachte F. Mendels-\nsohn's Ouvertüre „Meeresstille und glückliche Fahrt\" ;\ndarauf „Das Paradies und die Peri\" von Robert\nSchumann und zum Schluss die //-Sinfonie\nvon Beethoven.\nSchumann stellte sich bekanntlich vor zwölf bis fünf-\nzehn Jahren an die Spitze derjenigen jüngeren Tonkünstler\nin Deutschland, welche, von den auch auf anderen Gebieten\nals dem Reiche der Kunst gährenden Ideen ergriffen, aus\ninnerem Drange dem Alten und Hergebrachten entgegen-\ntraten, um eine Erstarrung im Kunstleben zu verhüten und\nder Erschlaffung durch Heraufführen frischer Kräfte, welche\ndem Fortschritte Bahn brechen könnten, vorzubeugen. Es\nist hier nicht der Ort, weder die Berechtigung dieses bei\nSchumann gewiss reinen und edeln Strebens, noch den un-\nläugbaren Einttuss desselben auf die neueste Entwicklung\nder Tonkunst, noch seine Ausartung in Manier und Partei\nzu besprechen. Nur das Eine erwähnen wir, dass der Er-\nfolg unabweisbar gezeigt hat, dass Robert Schumann der\nEinzige von den Anhängern der neueren Schule ist, den\neine reiche Natur-Anlage befähigt hat, durch musicalische\nThaten, durch künstlerische Schöpfungen seine Ueberzeu-\ngung auf dem Gebiete der Kunstlehre auf geniale Weise\nzu vertreten.\nZu den damals in Gang gebrachten Ansichten gehörte\nv auch die, dass sich die Gattung der Oratorien überlebt\nhabe, dass Stoff und Form und Stil derselben veraltet sei,\ndass die Theilnahme der gegenwärtigen Menschheit und\nnamentlich des deutschen Volkes sich anderen Gegenstän-\nden zuwende, als denen, welche bisher den Stoff zu Ora-\ntorien hergegeben, und dass die neuere Poesie, namentlich\ndie romantische, weit geeigneter sei, die Grundlage für\ngrosse Gesang-Compositionen zu bilden, als biblische Ge-\nschichte, welche man der Kirchenmusik überlassen müsse.\nWir haben uns über diese Ansicht erst vor Kurzem (in Nr.\n21 vom 26. Mai d. J.) bei Gelegenheit von Reinthaler's\nOratorium ausgesprochen; wir untersuchen hier nicht wei-\nter, ob sie haltbar sei oder nicht, und halten uns nur an\nein Resultat derselben, an ein musicalisches Kunstwerk,\nwelches ihr seine Entstehung verdankt, und das wir zu\nden bedeutendsten zählen, welche unsere Zeit erzeugt hat.\nSchumann's r Paradies und die Peri\" ist nicht nur in Form\nund Stil neu, sondern auch schön, was man bekanntlich\nkeineswegs von allem Neuen sagen kann. Es war das erste\nWerk in dieser Gattung (Mendelssohn's Walpurgisnacht ist\nzwar schon 1830 geschrieben, aber erst 1843 zum er-\nsten Male aufgeführt worden) und zugleich Muster dersel-\nben,, und es ist bis jetzt noch von keinem ähnlichen, deren\nmehrere, wenn auch in kleinerem Maassstabe, gefolgt sind,\naber auch von dem Componislen selbst nicht in späteren\nArbeiten dieser Art übertroffen worden.\nDas Gedicht ist bekanntlich eine Episode aus La lla\nRookh von Th. Moore. Der Kern desselben beruht auf\nder Sage von den Peris, elfenartigen Geschöpfen der\nmorgenländischen Phantasie, welche als gefallene Engel oder\nSprösslinge gefallener Geister so lange von dem Paradiese\nausgeschlossen sind, bis ihre Sühne sich vollendet.\nEiner solchen Peri wird in unserem Gedichte der\nSchicksalsspruch durch den Engel, der die Pforten des Pa-\nradieses hütet, verkündet, dass sie entsündigt sei, sobald\nsie „die Gabe darbringe, welche dem Himmel die liebste\nsei\". Die Peri schwingt ihre Flügel, um dieses räthsel-\nhafte Kleinod zu suchen, und schwebt nach Indien, dessen\nparadiesischen Duft ein Gesang von vier Stimmen in Tönen\naushaucht. Aber verheerend wälzt sich in Völkermassen\nder Mord heran, Eroberer und Vertheidiger brausen in\nKriegs- und Waffenklang daher ein einziger Jüngling\nsteht, aus vielen Wunden blutend; sein Leben verbürgt\nihm der siegende Tyrann: er aber schnellt den letzten Pfeil\nauf ihn vom Bogen und sinkt unter Feindes Streichen zu\nBoden. Die Peri fängt den letzten Tropfen Blut aus dem\nedeln Herzen auf; denn „heilig ist das Blut, lür die Frei-\nheit verspritzt!\""}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "202", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550630-01.1.2", "texte": "Sie trägt ihn zum Himmel. Aber „heiliger muss die\nGabe sein!\"\nTraurig schwebt die Peri nach den Gefilden Africa's\nhinab und „badet ihr mattes Gefieder in den Quellen des\nNils\". Es steigen die Nymphen des Flusses empor und be-\nlauschen das liebliche Kind. Es schwingt sich wieder auf\nund fliegt Aegypten hinab bis zum Thale Rosetta's; aber\nach, seine Thräne fliesst um die Menschen, welche eine\nböse Seuche dahinrafft. In Waldesgrün stirbt einsam und\nverlassen ein Jüngling dahin; sein einziger Trost ist, dass\ndie Geliebte in den fest abgeschlossenen Fürstenhallen vor\ndem Herantritt des Todes sicher sei. Da nahet sie selbst,\ntrinkt den Tod vom Hauche seines Mundes—die Peri\n„strahlt mildes Licht in ihre Todesnacht, bis ihre Seele\nauferwacht.\"\nSie fliegt empor zum Paradiese, wo die Chöre der\nHouris den Wonnegruss ihres Daseins singen; aber, ach!\nauch „der reinsten Liebe Seufzer\", den sie dem Engel an\nder Pforte bringt, ist die liebste Gabe nicht, die Einlass\nverschafft.\nFast der Verzweiflung verfallen, rafft sie sich auf und\nlässt sich auf Svriens Fluren am Libanon nieder. Verstos-\n•)\nsene Schwestern, die dort weilen, umdüstern ihre Seele\nnur noch mehr. Da erblickt sie einen rosigen Knaben, un-\nter Rosenbüschen gelagert. Ein rauher Geselle steigt vom\nRosse und löscht den Durst am Quell— „Meineid, erschla-\ngener Gast, betrogene Braut stehn mit blutiger Schrift auf\nseinem Antlitz geschrieben\". Da erschallt von den Minarets\nder Ruf zum Abendgebet das Kind kniet hin und ruft\nden Namen Gottes an und sieh, es bricht das wilde Herz\ndes Sünders zusammen: er kniet zur Seite des Knaben\nnieder, die Thräne der Reue quillt aus seinem Auge.\nDiese Thräne trägt die Peri zum Himmel, und die\nChöre der Seligen empfangen die Entsündigte als Genossin\ndes Paradieses.\n\\ ,\nDas Gedicht gilt für schön besonders denen, die ein\nSchwelgen in orientalischen Bildern und ein Verschwim-\nmen in Dingen, von denen man eigentlich keine klare Vor-\nstellung hat, für Poesie nehmen. Wir halten, bei vielen\neinzelnen Schönheiten, für einen Hauptfehler, dass es keine\nbestimmte Empfindung in uns anregt, und das ist für die\nAnwendung der Musik auf dasselbe schon schlimm. Die\nVerschmelzung der christlichen Idee der Versöhnung mit\nGott durch Reue und Busse mit der unchristlichen, orien-\ntalischen und rein sinnlichen Vorstellung vom Paradiese,\nwelches letztere hier noch dazu bloss duftsinnlich durch\n„Blumen, Tropfen, Stündlein des Himmels\" in nebelige\nZerflossenheit gestellt ist, lässt keine entschiedene Stim-\nmung in uns aufkommen. Wir verstehen sonst wohl das „ Pa ra-\ndies\" und den „Engel\" vor demselben; aber die „Peri\" begrei-\nfen wir nicht, weil ihre Vorstellung vom Paradiese und\ndas, was ihre Sehnsucht danach hervorruft, unserem Ideen-\nund Gefühlskreise ganz fremd sind. Da nun auch auf der\nanderen Seite eine eigentliche Handlung, die spannen und\nanziehen könnte, fast ganz fehlt, so stehen wir vor dem\nGedichte wie vor einem Gemälde, das nichts als Farbe\nund Licht-Effect zeigt, aber weder Gegenstände noch Ge-\nstalten. Selbst die Schilderungen haben kein Leben, son-\ndern bloss Colorit. Wir können in dieser Art von Poesie\nnichts Gesundes finden, es ist zu viel Raffinement der\nPhantasie darin.\nDas alles macht die musicalische Composition sehr\nschwierig; denn die Musik kann da nicht, wie sonst bei\nVocal-Compositionen, Farbe und Licht auftragen: Beides\nist schon im öebermaass da, ja, fast allein, d. h. nichts als\ndas, durch die Poesie gegeben, und soll nun durch die\nTöne von Neuem gefärbt und beleuchtet werden!\nNehmen wir nun, abgesehen von dem allgemeinen\nCharakter dieser Poesie, dazu, dass das von Schumann\ncomponirte Gedicht auf 463 Verse deren nur 66 hat,\nwelche Handlung, und nur 182, welche ausgesprochene\nEmpfindung und Seelen-Zustände enthalten, dass dagegen\nErzählung und Beschreibung 215 Verse füllen, und dass\nobenein der Seelenzustand der Peri, die Sehnsucht, welche\nsie ausspricht, fast immer derselbe bleibt und die Empfin-\ndung also sich wiederholt, ausserdem aber nicht einmal\nüberall reine Empfindung, sondern oft auch wieder mit\nSchilderung vermischt ist: so werden wir unsere Bewun-\nderung dem Genie eines Componisten nicht versagen, der\ntrotz alledem ein musicalisches Werk von so grossen Vor-\nzügen aus diesem Gedichte geschaffen hat, wie Robert\nSchumann es gethan.\nDiese Vorzüge genauer zu bezeichnen, dürfte bei der\nallgemeinen Anerkennung, die das Werk bei allen Musikern\nlängst gefunden hat, überflüssig sein; wir erwähnen nur,\ndass dieselben durch die Aufführung in Düsseldorf, welche\nsehr sorgfältig in den Chören durch Tausch, im Ganzen\nin den drei General-Proben durch Hiller vorbereitet war,\naufs Neue herrlich hervortraten, und dass der Componist\nselbst wohl keine trefflichere Auffassung und Ausführung\nder Partie der Peri sich habe denken können, als dieje-\nnige, welche ihr durch Frau Goldschmidt-Lind geworden.\nEher dürfte die Thatsache, welche, wie sich durchaus\nnicht läugnen lässt, auch durch die im Ganzen genommen"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "203", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550630-01.1.3", "texte": "vortreffliche Aufführung in Düsseldorf bestätigt worden\nist, die Thatsache, dass die Wirkung des Werkes als Gan-\nzes, dass der Gesammt-Eindruck desselben nicht durchgrei-\nfend, nicht schlagend, nicht begeisternd war, die Frage\nnach den Gründen derselben hervorrufen und deren Erör-\nterung vom Standpunkte der Erfahrung und der Aesthetik\naus rechtfertigen.\nZunächst liegt der Druck von allem dem, was wir an\ndem Texte gerügt haben, wie ein Alp auf der Brust des\nZuhörers und lässt sie nicht zum freien Aufathmen kom-\nmen. Dann ist nicht nur der Mangel an Steigerung, son-\ndern das gerade Gegentheil derselben, indem der erste Theil\neinige Handlung, der zweite und dritte aber nichts als Be-\nschreibung und Bilder enthalten, Veranlassung einer Erlah-\nmung der Theilnahme, zumal da es an Abwechslung und\nContrasten fast ganz fehlt, welche die durch das Einerlei\nder Situation und der Empfindung ermüdete Seele, die erst\ndurch das Finale von jenem Drucke frei wird, der auf ihr\nliegt, dann und wann wieder aufregten, stärkten und er-\nhöhten.\nDarin aber, dass Schumann's Musik nicht nur nichts\ngethan hat, um diese unläugbare Einförmigkeit zu brechen,\nsie durch diejenigen Mittel, welche die Tonkunst dazu dar-\nbietet, durch Verschiedenheit der Formen, durch Abschnitte\nund Ruhepunkte, durch Mannigfaltigkeit der Ausdrucks-\nweise, Wechsel des Rhythmus u. s. w. zu verdecken und\nden Zuhörer gleichsam darüber zu täuschen, sondern dass\nder Componist grundsätzlich und mit einer Art von Vor-\nliebe im Gegentheil alles thut, was die Eintönigkeit\nrecht fühlbar macht, das scheint uns der Hauptgrund\nzu sein, wesshalb bei aller Schönheit und Feinheit des\nEinzelnen das Ganze dennoch keinen befriedigenden Ein-\ndruck macht.\nIm Bau des Ganzen ist keine Sonderung der Er-\nzählung, weder von der Handlung noch von dem lyrischen\nErguss der individuellen Empfindung, vorhanden, weder\ndurch die Form, noch durch den Charakter der Musik;\nes geht Alles von der ersten Note bis zur letzten eines je-\nden Theiles in Einer und derselben Form, in regelrechtem,\nstreng gemessenem Tact, fast ohne allen Abschnitt und oft\nsogar ohne vollkommenen Schluss, und mit wenigen Ausnah-\nmen in Einem und demselben Charakter der melodischen\nErfindung fort. Da nun die Erzählung einen so grossen\nund wesentlichen Theil des Gedichtes einnimmt, so ist es\noffenbar ein Fehler, dass sie sich nicht durch eine be-\nstimmte Form vor der übrigen Musik hervorhebt. Warum\nSchumann die von den Meistern der Tonkunst für das Er-\nzählen, das „ Recitiren\", gefundene und vervollkommnete\nForm, eben die recitativische, verschmäht hat, darüber ha-\nben wir schon oft vergebens nach zureichenden Gründen\ngesucht. Was würden Bach's Passionen sein, wenn er nicht\nschon durch die Form so scharf wie möglich die Erzäh-\nlung des Evangelisten von den übrigen Musikstücken ge-\nsondert hätte? Wir haben nie begreifen können, wie in\ndem Aufgeben des Recitativs und in der Rückkehr zu\nder psalmodirenden Leierweise Lulli's u. s. w. Schumann\nund Wagner einen Fortschritt haben suchen können;\nund bei dem besten Willen, einen vernünftigen Grund da-\nfür aufzufinden, sind wir nie zu einem anderen Ergebnisse\ngekommen, als zu der Annahme, dass diese unglückliche\nNeuerung ihren Ursprung in nichts als in der Grille oder\nSchrulle habe, es eben anders machen zu wollen, als bisher.\nDieser Grundsatz, eine grössere Vocalmusik durchaus\nohne Recitative zu schreiben, mag auch das Dramatische\nder Handlung oder auf der anderen Seite die declamatori-\nsche Erzählung noch so sehr dazu drängen, muss theils\neinen falschen Ausdruck des Wortes und des Gefühls,\ntheils eine unerträgliche Monotonie hervorbringen. Zu Bei-\ndem mangeln die Beispiele nicht in „Paradies und Peri\",\nund am auffallendsten ist uns stets auch in Schumann's\nGenovefa und in Wagner's Tannhäuser und Lohengrin die\nInconsequenz gewesen, durch welche beide Componisten\neine ihrer Hauptlehren, „das Wort zur Geltung zu brin-\ngen\", dadurch verläugnen und vernichten, dass sie dieje-\nnige Form, welche diesen Zweck am sichersten erreicht,\naus ihren Werken verbannen! Man betrachte z. B. in „Pa-\nradies und Peri\" die einzige dramatische Stelle im ganzen\nWerke in Nr. 7, S. 43 —45 der Partitur, die Scene zwi-\nschen dem Eroberer Gazna und dem Helden-Jüngling, der\nseinen letzten Pfeil auf ihn abschiesst:"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "204", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550630-01.1.4", "texte": "ist das der Ausdruck eines Hasses, der mit der letzten\nKraft des Lebens sich zusammenrafft, um, des eigenen To-\ndes gewiss, den Feind zu tödten? Wenn dieses drei Mal\nwiederholte Her ab steigen in gleichen Intervallen der Stim-\nmung angemessen, wenn das Dehnen der kurzen Sylben\nin „Landes\" und „Brüder\" und „letzt en\" zu Längen,\nund das Auseinanderzerren der ersten Sylben von „Bür-\nger\" und \"Würger\" durch zwei Tacte hindurch, um\neiner zu dem Momente, der nicht die geringste Zögerung\nduldet, gar nicht passenden Instrumental-Imitation der Sing-\nstimme durch Bässe und Bassposaune Raum zu lassen, und\nwenn das darauf folgende Hinaufschnellen der letzten Sylbe\nderselben Wörter, wenn das alles richtige Declamation und\nim gemessenen Tacte richtiger Ausdruck der Leidenschaft,\ndie sich in den Worten und in der Lage ausspricht, ist:\nnun, dann ist freilich auch der Ausruf Gazna's, gleichsam\nein Solo-Fagott unter den Schluss-Accorden des Orchesters:\nebenfalls dramatische Wahrheit! Man denke sich einmal\nirgend eine ähnliche Scene in einer Tragödie auf diese\nWeise auf der Bühne declamirt, oder das Recitativ der\nDonna Anna: „Don Ottavio, auf ähnliche\nArt componirt!\nWie einförmig die Erzählung und Beschreibung durch\ndiese Recitativ-Scheu wird, wie man jene oft gar nicht von\ndem Auftreten der Personen unterscheiden kann, dafür\nbraucht man kaum Einzelnes anzuführen, weil es sich an\nso vielen Stellen von selbst zeigt. Eines der auffallendsten\nBeispiele ist das Adagio in Fislür Bariton (Nr. 21):\n„Jetzt sank des Abends goldner Schein\" ; es wird durch\ndie grundsätzliche Behandlung der beschreibenden Erzäh-\nlung nicht nur monoton, sondern geradezu langweilig. Wie\nSchumann bei diesem Stücke, welches „Zauber-Auen\nreges Leben der Gärten Pracht—tausendstimmiges Ru-\nfen\" u. s. w. schildert, zu der Tonart gekommen\nist und zu dem T(jmpo und Charakter eines weinerlichen\nAdagio, können wir nicht begreifen. DerSchiuss: „Jordan,\ndein beglückter Strand und deine nachtigallenreichen Wäl-\nder\", wird geradezu zu einem Wehmuthsruf! Aehnliche\nWidersprüche zwischen Text und Musik finden sich auch\nsonst noch, ■/,. ß. in dem Schlüsse der Schilderung von\nAegypten (S. 108) auf die Worte: „Kein sterblich Aug'\nhat je ein Land geseh'n voll höh'rer Pracht!\" Freilich\nist die Aufgabe schwer, erst Indien, dann Aegypten, dann\nSyrien musicalisch verschieden zu lärben; aber der weich-\nliche, fast melancholische Farbenton, den. der Componist\ngewählt hat, ist doch der am wenigsten passende.\nDas eben erwähnte Adagio des Baritons zeigt auch\neine andere Ursache, welche dem Eindruck des Werkes im\nGanzen schadet, sehr deutlich, nämlich diejenige Monotonie,\nwelche sich durch das schulmässige, fast scandirende An-\nschliessen des musicalischen Rhythmus an den metrischen\nerzeugt. Von etwa hundert Tacten Gesang sind hier 54\nTacte reine Trochäen f die übrigen aufgelös'te f •\noder ff f: das ist kaum auszuhalten. Da man bei Schu-\nmann nicht diejenige Urigewandtheit voraussetzen kann,\nwelche so oft Lieder componirende Dilettanten mit der mu-\nsicalischen Phrase nicht aus dem metrischen Geleise heraus\nkommen lässt, so scheint jene Behandlung des Versmaasses\nebenfalls wieder auf Grundsatz zu beruhen, den aber die Ton-\nkunst keineswegs, namentlich bei so pedantischer Ausfüh-\nrung, selbst nicht einmal iür das Lied, als richtig anerken-\nnen kann, geschweige denn für grössere Gesangstücke,\nwelche wir gewöhnlichen Musiker sonst Arien zu nennen\npflegen. Dieser Grundsatz das Anschmiegen des musica-\nlischen Rhythmus an den Vers verleitet Schumann sogar\nzu ganz falscher Declamation, indem er zuweilen den logi-\nschen Zusammenhang dem metrischen Schema aufopfert,\nz. B. S. 159 unten:"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "205", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550630-01.1.5", "texte": "„noch der Seraph gern\", wo die Pausen im zw,eitenTacte\nnoch dazu von einer Imitation der Melodie des ersten in\nder Clarinette ausgefüllt werden, was dann vollends den\nfalschen Sinn: „treu war die Geschichte\", für den Hörer\nabschliesst. So S. 116:\n„enden seine Qual\" wird hier nicht ein Jeder „den\nStahl der Seuche\", folglich Unsinn, hören? Ferner auf\nS. 129 (in dem wunderschönen Gesänge der Jungfrau) die\nVerbindung von „Leben nein\" :\n„Ith, leben ohne dich—allein, Du meines Lebens Leben\nnein!\" Ferner S. 185: „Sie sieht vom Rosse steigen\ni\ndarauf folgen zwei Halbetact-Pauseri und dann: „sich\nan einem Quell zum Trünke beugen\"! Wir machen\nsonst wahrlich nicht Jagd auf falsche Declamation und wis-\nsen sehr wohl die Rechte der musicalischen Periode gegen\nden Text zu schützen: allein solche Fehler, wie die obi-\ngen, dürfen doch nicht ungerügt bleiben, zumal, wenn sie\nso auffallende Beweise gegen einen falschen Grundsatz\ndarbieten.\nNehmen wir dazu den eigenlhümlichen Charakter der\nSchumann'schen Melodie, welchen man einen mehr instru-\nmentalen als gesangmässigen nennen kann, und welcher bei\naller Schönheit doch häufig etwas Psalmodirendes hat, das\nnur lür den sehr aufmerksamen und musicalisch-gebildeten\nZuhörer durch die feine Umspinnung mit schönen Arabes-\nken, ja, oft mit ganz neuen selbstständigen Melodieen im\nOrchester und durch die geniale Instrumentirung zum\ngrossen Theil verdeckt wird; erwägen wir endlich, dass lür\nden wechselnden Charakter des Rhythmus sehr wenig ge-\nsorgt ist, indem von den sämmtlichen 26 Nummern nur\nfünf, und zwar die kleineren, in ungeradem, alle übrigen\naber in geradem Tacte geschrieben sind: so werden wir\nes erklärlich finden, dass das Werk als Ganzes keine\nschlagende Wirkung macht.\nDen Schluss des zweiten Festtages machte eine echte\nFest-Aufführung, die fünfte Sin fonie von Beethoven.\nDer erste Satz ging ganz vortrefflich und machte bei der\nMasse von Saiten-Instrumenten und so tüchtigen Spielern\neinen gewaltigen Eindruck. Im Andante und im letzten\nAllegro fielen zwar ein paar Fehler Einzelner vor, aber die\nAusführung im Ganzen war eine sehr befriedigende und\nerhebende. Das herrliche Werk war vom Dirigenten sehr\nschön aufgefasst und wurde namentlich nirgends überjagt;\nein Beweis aber, wie sehr manche, besonders jüngere,\nMusiker noch im Irrthume über den richtigen Vortrag\nBeethoven'scher Musik sind, war uns der hier und da ver-\nlautende Wunsch nach einem schnelleren Tempo des letz-\nten Satzes! Wer die majestätische Breite dieses Jubellie-\ndes, welches den Triumph der männlichen That feiert,\ni\ndurch Herabhetzen schändet oder auch nur durch ein hasti-\nges, dem erhabenen Stile ganz und gar widersprechendes\nDrängen (eher, als der Componist selbst das Zeichen dazu\ngibt) verletzt, dir versündiget sich an dem Beethoven'schen\nGeiste. Der Adler entfaltet seine Schwingen anders, als\ndie Schwalbe.\n\nJephta und seine Tochter.\nOratorium von Karl Reinthaler.\nIII.\n(S. Nr. 21 und 25.)\nReinthaler hat den Text zu seinem Oratorium selbst\nentworfen. Er folgt dabei grösstentheils der biblischen\nSage und ergänzt dieselbe nur am Schlüsse durch eigene\n✓\ndichterische Schöpfung, gebraucht aber für den Wortlaut\ndes Textes stets nur biblische Worte. Während das Ora-\ntorium den Vortheil der scenischen Darstellung entbehrt\nund sich die Theilnahme an den handelnden Personen nicht\nbis zu der Unmittelbarkeit steigert, wo wir sie sehen und\nhören, bietet es dagegen reiche Veranlassung, die gemein-\nsamen Empfindungen eines ganzen Volkes zu schildern.\nWie daher das Treiben und Handeln Einzelner in der Oper\ndie Hauptsache bildet, so wird im Oratorium, soll es etwas\nAnderes als eine unvollkommene Oper sein, das Glück und\nLeid eines Volkes in seinen Aeusserungen mindestens einen\nwesentlichen Theil des Ganzen ausmachen müssen, aus des-\nsen breiterer Darstellung der Einzelne sich nicht so glän-\nzend abheben darf, wie in der Oper. Diese Intentionen scheint\nuns der Componist des neuen Jephta mit Glück durchge-\nführt zu haben."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "206", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550630-01.1.6", "texte": "Nach einer kurzen Instrumental-Einleitung führt uns\nder Chor in die Situation ein. Das Volk schmachtet in\nKnechtschaft, es erhebt den Schrei nach Rettung: „Stehe\nauf, Herr!—sie zertreten Dein Volk warum verstossest\nDu uns und lassest uns zu Schanden werden?\" - Der\nProphet verkündet die Antwort Gottes; das Volk fühlt\ndas Gewicht seiner Worte; es ruft: „Herr, wir haben ge-\nsündigt; denn wir haben unsern Gott verlassen!\" Aber in\neinem Wechseigesange zwischen Prophet und Volk kehrt\ndie Hoffnung, den Kampf nach sittlicher Kräftigung wieder\naufzunehmen, zurück; sie beginnt mit demüthiger Bitte und\nsteigert sich in einer reich ausgeführten Fuge zum leben-\ndigen Ausdruck des Muthes und des Vertrauens auf Got-\ntes Hülfe.\nErst jetzt, in Nr. 5 der musicalischen Abschnitte, führt\nuns der Componist zu den Personen, deren Schicksal in\nden Kampf verflochten wird. Jephta ist in der Verban-\nnung; seine einzige Tochter ist eine jener liederreichen\nund durch Charakter ausgezeichneten Naturen, die uns im\nisraelitischen Volke öfter begegnen, wie Mirjam, die Schwe-\nster Moses', Deborah und Andere. Fern von dem Vater-\nlande, bleibt sie in geistigem Zusammenhange mit ihm,\nsingt dem Gott ihrer Väter und hofft auf eine Wendung\ndes Geschickes. Den verbannten Jephta erinnert der Ge-\nsang der Tochter an seine Leiden; er schildert den Hass\nseiner Brüder (Nr. 6), die ihn in die Wüste getrieben, so\ndass er jetzt ein Fremdling unter den Heiden lebe. Aber\ndie Tochter wagt, den bitteren Groll zu bannen, auf dass\nder Held sein Herz wieder zu seinem Volke neige. Die\nAeltesten der Kinder Israel erscheinen, ihn aus der Ver-\nbannung zurück zu rufen; nach einigem Widerstreben und\nwiederholten Vorwürfen sagt Jephta seine Hülfe zu und\ntritt als Richter (Dictator) an die Spitze des Heeres.\nIm folgenden (letzten) Abschnitte des ersten Theiles\nsucht der Componist, den Principien des Oratoriums ge-\nmäss, welches die Lage nicht individualisiren, sondern den\nsittlichen Inhalt derselben hervorheben soll, einen von je-\nnen Völkerkämpfen darzustellen, welche zu verschiedenen\nZeilen zwischen Gewalt und Recht geführt worden sind.\nDie Feinde ziehen heran; an der Gewalt ihres wilden San-\nges (9) fühlt man, dass der Sieg schwere Opfer fordern\nwird. Schon sind Viele gefallen; die Tapfersten durchwan-\ndern das Lager der Israeliten und sprechen ihnen Muth\nund Trost ein (Nr. 10). Die Nacht deckt Alles; so wie\nder Morgen graut, ruft Jephta zum Kampfe. Ein Doppel-\nChor der Heiden und Israeliten versinnlicht uns das Hin-\nund Herwogen der Schlacht. Das Glück schwankt und\nneigt sich auf die Seile der Heiden, im Heere Israels er-\nschallt sogar der Ruf der Flucht; da thut Jephta das Ge-\nlübde, das Erste, was ihm aus der Thür seines Hauses\nentgegen treten werde, dem Herrn zum Opfer zu bringen.\nSeinem Rufe antwortet die Stimme des Herrn im Donner,\nder die Feinde schreckt; die flüchtigen Scharen stehen und\nsammeln sich mit dem Kufe: „Auf, Heer des Herrn!\" und\nunter dem Brausen des Welters stürzen sie sich zum Siege\nauf den Feind.\nIm zweiten Theile finden wir die Daheimgebliebene in\nbanger Erwartung auf den Ausgang des Kampfes; Mirjam,\ndie tragische Verknüpfung ihres eigenen Geschickes mit\ndem Loose des Vaterlandes ahnend, tröstet sich mit den\nWorten des Psalmes: „Was betrübst du dich, meine Seele?\nHarre auf Gott! ich werde ihm noch danken, dass er uns\nhilft!\" und: „Ob ich schon wanderte im finstern Thale,\nfürchte ich doch kein Unglück\" (13). Da überrascht sie die\nfrohe Nachricht des Sieges, und sie fordert auf, „ mit Har-\nfen und Psalter dem Herrn entgegen zu ziehen\" (14). Aus\nder Ferne ertönen die frohen Lieder der heimkehrenden\nKrieger, ihnen entgegen singen die Jungfrauen, bis beide\nChöre zu gemeinsamer Sieges-Hymne sich vereinigen (15).\nMirjam tritt mit der Harfe vor, ihren Vater zu begrüssen,\nund wie die Schwester Moses' einst gethan, beginnt sie den\nLobgesang auf die wunderbare Führung Gottes, „der mit\nBarmherzigkeit sein Volk erlöset und durch die Stärke sei-\nner Macht zu seiner heiligen Wohnung hinführt\" (16).\nDoch kaum ist ihr hohes Lied erklungen, da sinkt der Va-\nter unter der Last seines Schmerzes zusammen; er stösst\ndie klagenden Worte aus: „Ach, meine Tochter, wie beu-\ngest du mich und betrübst mich!\"—und unter Ausbrüchen\ndes Jammers und der Verzweiflung enthüllt er das furcht-\nbare Gelübde, das er im Kampfe gethan. Der Chor sieht\nden gewaltigen Mann von einer höheren Macht gefasst, und\nwährend die leidenschaftliche Klage des Helden noch ertönt,\nerkennt er die richtende Hand Gottes, „der den Fürsten\nden Muth nimmt und erschrecklich ist unter den Königen\nauf Erden\" (IT). Allein Mirjam behält die Klarheit der\nSeele; in der festen Ueberzeugung, dass ihr Opfertod die\nBedingung des Sieges war, ermahnt sie den Vater zur Er-\nfüllung dessen, was er gelobt, und bittet nur „um zwei\nMonde, um noch einmal auf die Berge zu gehen und mit\nihren Gespielen ihre Jugend zu beweinen\" (18). Dorthin\nfolgen wir ihnen. Vom Gebirge her erklingen noch Lieder\ndes Frühlings und der Freude: „Der Lenz ist herbeige-\nkommen, die Blumen blühen auf im Thale\"; sie werden\nvon den Klagen der Mädchen unterbrochen, die sich vom"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "207", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550630-01.1.7", "texte": "sanften Trauertone bis zum wilden Weheruf steigern; nur\nMirjam bleibt sich treu. „Was weinet ihr so sehr?\"\ntröstet sie die Freundinnen: „ob auch die Schatten des To-\ndes mich umfangen werden, ich bin des Herren Magd, und\nder Tod der Gerechten ist werth gehalten von ihm.\" Die\nAnderen aber wollen sich nicht trösten lassen, wie auch\ndie Sage von ihnen erzählt, dass sie noch später hingingen\nvier Tage des Jahres, ihre Klaggesänge zu erneuern (19).\nDie leidenschaftlichenTrauerscenen erhalten einen Abschluss\ndurch den Chor, der sich vom Wechsel irdischen Geschicks\nzu dem, was ewig ist, erhebt: „Gott, Du bist mein Gott;\nDeine Güte ist besser denn Leben!\" (20.)\nBis hieher führt die biblische Erzählung. Die dunkele\nAndeutung des Ausganges, welche die verschiedenartigsten\nErklärungen erfahren hat, gab dem Componisten Veranlas-\nsung zu freier dichterischer Behandlung. In den Kriegern,\ndie mit Jephta zum Streite auszogen, und welche nur die\nNoth unter seinen Oberbefehl vereinigen mochte, erwacht\ndie alte Eifersucht gegen seine Macht. An ihre Spitze tritt\nein Jüngling, den neben dem Eifer für das Gesetz auch\nmenschliche Regung für das Mädchen leitet, „die unter\nden Töchtern Israels hervortrat, herrlich wie die Sonne\nund schön wie die Morgenrot he\", und sie verabreden sich,\nJephta zu stürzen (21). Jephta dagegen erkennt die Ver-\nmessenheit jenes unseligen Gelübdes, die Folge seines stol-\nzen Sinnes, der, unbewegt von der Noth des Vaterlandes,\nnur dann zur Hülle sich veranlasst sah, als sie Ehre und\nHerrschaft ihm einbrachte; er beugt sich in Dernuth und\nhofft „in der Nacht, die um ihn ist\", von oben Erleuch-\ntung und Rettung (22). So kommt der Tag der Entschei-\ndung heran; man vereinigt sich zum Gebete, während die\nJungfrauen zurückkehren, Mirjam an ihrer Spitze, und sie\nunter Klagen von einander Abschied nehmen. Da bricht\ndie Schar der Empörer herein, und es entsteht ein wildes\nGetümmel (23). Bald jedoch verstummt die menschliche\nLeidenschaft vor dem Donner des Herrn, der sich verneh-\nmen lässt. „Seine Stimme ergehet mit Brausen, Dampf\nfähret auf von seinem Odem und zehrendes Feuer von sei-\nnem Munde; die Erde bebet und wird bewegt, der Berge\nFesten regen sich\" (24). Mit diesen Worten begleitet der\nChor in angstvollem Zagen eine jener Bewegungen der Na-\ntur, in denen die Menschen des Herrn Stimme zu verneh-\nmen glauben, und deren erschütternde Gewalt die Gemüther\nempfänglicher für die sittlichen Wahrheiten macht; noch\nunter dem Toben des Sturmes verkündigt der Prophet die\ngöttliche Entscheidung: „Wer sind, die so fehlen in der\nWeisheit, und reden so mit Unverstand? Jephta, lege deine\nHand nicht an die Tochter, heilige sie dem Herrn!\" Das\nWetter ist vorüber, ihm folgt die Stille der Natur, in wel-\ncher einst „die Herrlichkeit Gottes vorüberzog\". Jephta\nund mit ihm alles Volk neigt sich zur Erde und betet an.\nMirjam aber, einem Gott geweihten Leben zurückgege-\nben, erhebt sich zum begeisterten Preise der Gnade des\nHerrn, in welchen der Chor in freudiger Erregung einstimmt.\n\nCorrespondenten-Unfug.\nDie „Neue Zeitschrift für Musik\", welche unter F.\nBrendel's Redaction in Leipzig erscheint, enthält einen Auf-\nsatz eines ihrer Correspondenten vom Rheine, weicher un-\nter derUeberschrift: „DieMusik-ZuständedesNie-\nderrheines\", sich durch die Nummern 13, 14, 17 und\n19 zieht und zunächst unsere niederrheinischen Musikfeste,\ndann die Musik-Zustände „derjenigen Städte, welche auf\nBeachtung Anspruch machen\", wozu der Verfasser Köln,\nDüsseldorf, Aachen und Bonn zählt, im Einzelnen\nbespricht. Ob er Elberfeld und Barmen nicht zum Nieder-\nrheine rechnet oder sie ignorirt, können wir nicht wissen,\nLetzteres jedoch kaum von ihm glauben, da er als Abon-\nnent der Niederrheinischen Musik-Zeitung, ja, sogar als\nMitarbeiter an derselben, doch öfter gelesen haben musste,\ndass diese Städte in musicalischer Hinsicht ebenfalls\nexistiren.\nDieser Aufsatz nun ist mit einer so argen Unkenntniss\nder gewesenen, gewordenen und wirklichen musicalischen\nZustände am Niederrheine geschrieben und verräth eine so\nmaasslose Dreistigkeit im Aburtheilen über Sachen und\nPersonen und eine so „distinguirte\" Charakterlosigkeit,\ndass wir ihn leider nicht unbeachtet lassen können und uns\nverpflichtet fühlen, wahrlich mehr im Interesse der verletz-\nten Wahrheit, als in unserem eigenen, wiewohl wir auch\npersönlich durch einen zwar verdeckten, aber desto bos-\nhafteren Ausfall auf die rheinische Kritik dabei betheiligt\nsind, die eben ausgesprochenen schweren Anklagen gegen\nden Verfasser wahr zu machen und dadurch zugleich un-\nserer Collegin in Leipzig einen Wink zu geben, gegen der-\ngleichen Correspondenten auf der Hut zu sein.\nIndess hat die Redaction derselben in Bezug auf den\nfraglichen Artikel bereits in einer Anmerkung in der Bei-\nlage zu Nr. 26 erklärt: „Wir können natürlich nicht\nüber alle Details, die unsere Correspondenten mittheilen,\nunterrichtet sein, sind aber darum jederzeit gern bereit,\nBerichtigungen aufzunehmen, wenn dieselben, wie im vor-\nliegendenFalle,sich als nothwendig erweisen.\""}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "208", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550630-01.1.8", "texte": "Diese Anmerkung befindet sich unter einer „Entgeg-\nnung\" aus Bonn vom 1. Juni, welche von Herrn Prof.\nDr. Breidenstei n eingesandt und in der gedachten Bei-\nlage abgedruckt ist.\nIn der guten Stadt Bonn „hat nämlich bis auf den ge-\ngenwärtigen Berichterstatter und den Dirigenten Herrn\nvon Wasielewski die Musik seit der Säcularisation des\ngeistlichen Rurfürstenthums nicht aufkommen können. Und\ndaran ist allein der derzeitige Universitäts-Musik-Director\nHerr Breidenstein schuld!\" Nun, das heisst einem doch\neine kolossale Verantwortlichkeit aufbürden! Welch eine\nübermenschliche Kraft gehört dazu, nicht nur ein Viertel-\nJahrhundert vorwärts, sondern auch ein Viertel-Jahrhundert\nrückwärts alle Blüthen des Geistes zu vernichten! Alba\nin Flandern ist nichts dagegen denn Prof. Breidenstein\nkam 1823 oder 1824 nach Bonn und hinderte reagirend\ndas Gedeihen der Musik bis auf 1800 zurück, wo die Sä-\ncularisation Statt fand!\nNun, die Naivetät dieser Aeusserung würde Herrn Prof.\nBreidenstein schwerlich zu einer Entgegnung bewogen ha-\nben; allein den ferneren theils plumpen Ausfällen gegen\nseine Befähigung, theils hämischen gegen seine Person und\ndie Art seiner Wirksamkeit war er in seiner öffentlichen\nStellung eine Erwiderung schuldig, und er hat in ruhigem\nund würdigem Tone über das Thatsächliche seines musica-\nlischen Wirkens in Bonn, über die Ungenauigkeiten der\nAngaben über den gegenwärtigen Wasielewski'schen Zu-\nstand und über die Gesinnung, aus welcher der ganze Ar-\ntikel geflossen, diese in der oben angeführten „Entgeg-\nnung\" gegeben.\n(Schluss folgt.)\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\n»arinstadt S chi nd elme is serist zum grossherzoglichen\nHof-Ca pell meist er ernannt worden\nEinem Gerüchte zufolge soll der von Frankfurt am Main\nabgegangene oder abgelassene Theater-Dircctor Hoffmann das\nJ osephstädtcr Theater in Wien für 123,000 Gulden gekauft\n'haben. Dan ich zu urtheilcn, muss das Geschäft in Frankfurt doch\nziemlich einträglich gewesen sein!\nParts. Es sollen, wie es heisst, während der Ausstellung fort\nund fort fünf Vorstellungen wöchentlich in der grossen Oper ge-\ngeben werden. Mad.Alboni soll desshalb wieder angestellt werden.\nDie italienische Schauspielerin Signora Ristori fährt fort, die\nPariser zu entzücken, und droht selbst die Rachel zn verdunkeln.\nIhre Hauptrollen waren bis jetzt die Francesca di Rimini im gleich-\nnamigen Drama von Silvio Pellico, und die Mirra in Alfieris lra-\n|södie. Neben ihr glänzt der Schauspieler Rossi, welcher jedoch\nfrieuerdings Paris, wie es heisst, aus Verdruss, dass man ihn zu\nwenig würdige, verlassen haben soll.\nIm Saale Sie. Cecile hat man eine alte Oper von Dalayrac:\nUne Soiree orageuse, im Costume wieder einmal aufgelührt. Sie da-\ntirt von 1790.\nDer Jardin d'hiver hat sich durch einen Sommergarten er-\nweitert und vergrössert, und es finden dort grossartige Nacht-\nfeste Statt, bei denen Musard mit seinem 120 Personen starken\n• Orchester im Saale und das Musikcorps des 53. Linien-Regiments\nin den Grotten der neuen Anlagen spielen.\nMännergesang in Paris. Kürzlich fand die jährliche Pro-\nduetion des „Orpheon\" Statt. Alle Sectionen desselben waren in\ndem weitläufigen Saale des Cirque-Napoleon auf dem Boulevard des\nFilles du Calvaire vereinigt. Der Saal bot ein glänzendes Schauspiel\ndar. Alle Räume von oben bis unten waren besetzt, und die Da-\nmen ragten durch ihre Anzahl und die Pracht der Toiletten her-\nvor. Auf das Zeichen des Directors Karl Gounod, welcher diese\nArmee von 2000 Stimmen leitete, entstand die tiefste Stille. Der\ngrösstc Theil der vorgetragenen Stücke brachte eine unermessliche\nWirkung hervor. Mehrere derselben mussten wiederholt werden,\nnamentlich der Chor ~Aux armes\" von Clapisson, „Le Vin des Gau-\nloisu von Gounod, der Chor der „Gardes Chassesis von Ambroise\nThomas. Der berühmte Chor von Händel: „Chantons victoireein\nKyi *ie von Palestrina und der Chor aus der „Muelte de Portici\" er-\nregten Enthusiasmus. Das Orpheon ist eine wahrhaft nützliche\nInstitution lür das Land, es ist eine Erholung für die arbeitenden\nClassen und hält sie von bösen Leidenschaften ab. Wilhelm,\ndessen Büste, von Immortellen bekränzt, in der Mitte der Sänger\nauf einem Sockel stand, hat in Gounod-einen seines Genie'*\nund Ruhmes würdigen Nachfolger gefunden.\nDie erste Vorstellung von den Vepres SicUiennes von Scribe\nund Verdi hat zu Paris im grossen Opernhause am 13. Juni\nStatt gefunden.\nDie Herren Merkl in und Schütze in Brüssel haben im\npariser Krystallpalaste ein Orchestrium von ihrer Erfindung,\nüber welches wir im vorigen Jahrgange ausführlich berichtet ha-\nben, aufgestellt; es zieht die Aufmerksamkeit aller Musiker auf\nsich. Es steht der Hauptthür, die in den Raum „Belgien'4 führt,\ngerade gegenüber auf der oberen Galerie.\nAugust Morel, Director des Conservatoires zu Marseille,\ngehört zu den wenigen französischen Cornponisten, welche Violin-\nQuartette schreiben. Sein neuestes Quintett hat Aufsehen erregt.\nIn Rio de Janeiro ist eine Gesellschaft des reichsten Adels\nmit einem Capital von 2,400,000 Francs zusammen getreten, um in\ndem neu erbauten Theater Dom Pedro's 11. Grosse Opern zu geben."}]}