{"numero_id": "bm-bmtnabi-1855-07-07-01", "volume": "bmtnabi_1855-07-07_01", "ocr_sha256": "6100b40ecd394c2451de75ce613b509ddd6835c4e905ef62271b9e45ffd90633", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1855/07/07_01/bmtnabi_1855-07-07_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550707-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1855-07-07-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-07-07_01#c001", "volume": "bmtnabi_1855-07-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "209", "page_fin": "212", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550707-01.2.1", "titre_corps": "Das dreiunddreissigste niederrheinische Musikfest.", "titre_sommaire": "Das dreiunddreissigste niederrheinische Musikfest.", "signature_source": "L. 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Nr. 26), der denn auch nicht erman-\ngeln kann, sie als ein „in vielfacher Hinsicht nicht zu bil-\nligendes, oft unwürdiges Supplement\" zu bezeichnen, bei\nwelchem „die vorhandenen Solokräfte meist im buntchecki-\ngen Gemisch ihre Kunststücke produciren\"—wie\nz. B. Spohr, Mendelssohn, Clara Schumann, Gebrüder Mül-\nler, Franz Hartmann, David, Joachim, Clara Novello, So-\nphie Schloss, Jenny Lind u. s. w, gethan, nicht wahr?\nNur ein paar Worte gegen all dieses Geschwätz, wo-\ndurch sich die Herren das Ansehen gar gestrenger Kunst-\nwächter geben, zuweilen aber dabei wie angehende Nacht-\nwächter den aufgehenden Mond für Feuer ansehen und mit\nvollen Backen ins Horn stossen.\nEs ist keineswegs eines Musikfestes unwürdig, künst-\nlerische Einzel-Vorträge in ihren Kreis zu ziehen, sondern\nvielmehr eine Einseitigkeit, wenn die Ausschliessung dersel-\nben grundsätzlich geschähe. Dadurch würde nämlich eine\nganze Compositions-Gattung und eine wesentliche\nErscheinungs-Form der Tonkunst von den Festen\nhinweg gewiesen, und doch ist es die Aufgabe dieser, die\nTonkunst in allen ihren Hauptrichtungen und Auslührungs-\nWeisen, mit Ausnahme der Oper, zu umfassen.\nUnsere Zeit, namentlich unsere Jugend, liebt es, das\nKind mit dem Bade zugleich auszuschütten, zumal, wenn\nsie nicht selbst dabei Gevatter stehen kann. So ist es denn\nauch der vollendeten technischen Fertigkeit ergangen,\nwelche man mit dem Namen Virtuosenthum belegt; man\nverwechselte die Ausartung desselben in Virtuoserei mit\ndem echten Wesen der Virtuosität, d. h. der höchsten Aus-\nbildung des musicalischen Vortrags; man vergass, dass es\nkeineswegs bloss Sache des Fleisses und der Methode ist,\neine hohe Stufe als ausübender Künstler zu erreichen, son-\ndern dass auch dazu eine grosse Natur-Anlage, Geist und\nGenie gehört, und dass auf der anderen Seite die Geltend-\nmachung der blossen Natur-Anlage (wie das leider so\noft besonders von Sängern geschieht) eine weit stärkere\nGeisselung durch die Kunstrichter verdient, als der über-\ntriebene Werth, den man auf die Schule der Technik legt.\nWie wollen wir denn der überhand nehmenden Pfuscherei\nsteuern, wenn wir dem Publicum nicht Gelegenheit geben,\nvollendete Muster der Ausführung kennen und schätzen zu\nlernen? Wo lande sich nun dazu eine bessere, als an Mu-\nsikfesten, wo erstens nur wirkliche Berühmtheiten zu Ein-\nzel-Vorträgen gelangen können, und zweitens selbst dieje-\nnigen Virtuosen, welche etwa hier und da ein-böses Gelüst\nzur Buhlerei um die Gunst des grossen Haufens in sich\nspüren sollten, sich wohl hüten werden, es hier befriedi-\ngen zu wollen, wo stets ein ganz anderes Publicum ver-\nsammelt ist, als in den Theatern und Concertsälen der\nResidenzen?\nWas soll man aber vollends dazu sagen, dass, nach\nden Gegnern des dritten Concertes, an den Musikfesten,\neine ganze Gattung von Compositionen, unter denen wir\nden genialen Erzeugnissen der grössten Meister begegnen,\nvon dem Rechte ausgeschlossen werden soll, auf Musik-\nfesten zur Erscheinung zu kommen? Daran denken freilich\ndiese Gemeinplätzler nicht, dass es einen ganz eigentüm-\nlichen Kunst-Inhalt gibt, der nur in so genannten Solo-\nCompositionen sich offenbaren und gar nicht in die ande-\nren Formen gebracht werden kann. Sollen wir zum Be-\nweise auf die Concerte von Mozart, Beethoven, Spohr,\nWeber u. s. w. verweisen? Haben etwa —um nur der\nletzten Jahre zu gedenken—Clara Schumann mit dem\nVortrage des Concertes von Rob. Schumann und F.\nHill er mit seiner freien Phantasie 1853 in Düsseldorf"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "210", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550707-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5063, "texte": "Vieuxtemps mit seinem neuesten Concerte 1854 in\nAachen, Joachim mit dem allen Zuhörern unvergesslichen\nVortrage des Violin-Concertes von Beethoven 1853\nin Düsseldorf „Kunststücke producirt\", oder Erzeugnissen\nedler Begeisterung für wahre Kunst in vollendeter Dar-\nstellung Leben gegeben?\nWorauf kommt es denn also bei den Concerten am\ndritten Tage der Musikfeste an? Darauf, dass sie das sind,\nwas sie heissen: Concerte von Künstlern. Nicht dass\nsie gegeben werden, sondern wie sie gegeben werden,\nbedingt den Maassstab, den die Kritik daran zu legen hat.\nSie sind an und für sich sehr wohl mit einem Musikfeste\nvereinbarlich; allein durch den Charakter der vorzutragenden\nCompositionen und durch die künstlerische Vollendung der\nAusführung müssen sie einer Festfeier der Tonkunst\nwürdig sein.\nDas diesjährige dritte Concert brachte ausser den Ein-\nzel-Vorträgen noch eine Wiederholung des glänzenden Fi-\nnales des ersten Theiles der Schöpfung: „Die Himmel er-\nzählen\", und das Halleluja von Händel, gleichsam als\nErinnerungen an die Leistungen der gesammten Vocal- und\nInstrumental-Kräfte an den beiden ersten Tagen; ferner\ndrei Ouvertüren für Orchester (von C. M. von We-\nber, Gade, Beethoven), zwei grosse Concerte (für\nPiano von Beethoven, lür Violine von J. Rietz) und\nfünf Gesangstücke von Mozart (2), Spohr, Mendels-\nsohn und—Bellini. Mit Ausnahme des letzteren, einer\nBravour-Arie lür Sopran aus jßeatrice di Tenda, war also\ndie Auswahl der Stücke vollständig im Einklang mit der\nWürde eines Musikfestes.\nDas Concert wurde mit Weber's Ouvertüre zu\nOberon eröffnet; sie wurde dermaassen sicher und genau,\nund auch in den schwierigsten Stellen mit einer solchen\nDeutlichkeit und so schwungvoll ausgeführt, dass sie als\ndie beste Leistung des Orchesters an dem Feste und auch\nohne diese Beziehung als eine vollendete anerkannt werden\nmuss. Bei dem herrlichen Inhalt musste demnach der Ein-\ndruck ein ganz ausserordentlicher sein, wie das sich denn\nauch durch den rauschendsten Beifall offenbarte.\nWeber hat bekanntlich jene Gattung von Opern-Ouver-\nturen, welche aus den bedeutendsten Motiven der Oper\nselbst zusammengestellt sind, geschaffen und in Schwung\ngebracht; im Grunde sind seine Arbeiten die ersten Proben\nder neuen Reflexions-Musik, aber freilich—das Genie kann\nAlles und ist nicht dafür verantwortlich, dass das Volk der\nNacht reter einen Irrthum zum Grundsatz annimmt, ohne\ndie geistige Kraft zu besitzen, ihn durch die Art der An-\nWendung und Durchführung zu einem Vorzuge zu machen.\nWir halten den Grundsatz, nicht bloss der schlimmen Fol-\ngen wegen, welche er späterhin bis auf die Fabrik der\nPotpourri-Ouverturen der Franzosen und einiger Deutschen\nin neuester Zeit gehabt hat, sondern an und für sich für\neinen falschen, indem er durch zu materielle, gleichsam\nhandgreifliche Mittel in so weit man dieses Beiwort auf\nHörbares anwenden kann—den Zweck der Ouvertüre er-\nreichen will. Allerdings haben Mozart und Beethoven eine\neinzelne Stelle aus der Oper selbst, welche für den Inhalt\nder Handlung bezeichnend ist, auch bereits in ihren Ouver-\ntüren angewandt; allein wenn Mozart in der Ouvertüre\nzur Entführung die Melodie der Arie Belmonte's als An-\ndante benutzt, wenn er in der Einleitung zur Don-Juan-\nOuverture die Accorde erklingen lässt, unter welchen spä-\nter das Gespenst von Stein auftritt; wenn Beethoven in die\ngrosse Leonoren-Ouverture ein Motiv aus der Arie des\nFlorestan und den Trompetenstoss verwebt —so ist dies\ndoch noch himmelweit von der Art und Weise Weber's\nentfernt, der gewisse Stellen seiner Opern zu Ilaupt-The-\nma's seiner Ouvertüren, andere zu Neben-Thema's nimmt,\nund selbst bei der Durchführung derselben und zur Schluss-\nPeriode wiederum nur Motive aus der Oper benutzt.\nDas Genie Weber's bestand nun aber eben darin, dass\nes die Reflexion nun und nimmermehr Herrin über sich\nwerden liess, sondern dass es die Mittel, welche die Ueber-\nlegung (und es lässt sich nicht läugnen sogar ein ge-\nwisses Raffinement) ihm an die Hand gab, zu einem künst-\nlerischen Ganzen, zu einem Musikstücke, in welchem den-\nnoch Einheit des Charakters und der Farbe und Correct-\nheit der Form herrschte, verarbeitete. Diese Erfahrung\nführt uns auf den Standpunkt, von welchem aus die Kritik\nden Werth einer Ouvertüre dieser Gattung zu würdigen\nhat, wie denn überhaupt die wahre Kunstlehre ihre Regeln\naus den vorhandenen Kunstwerken zu entwickeln, nicht\naber Systeme aufzustellen hat, nach-welchen das Genie\nschaffen soll. Der Grundsatz nämlich, welcher dabei die\nKritik zu leiten hat, kann kein anderer sein, als folgender:\nDie Ouvertüre, welche in der gedachten Weise gearbeitet\nist, wird um so mehr ein schönes Kunstwerk sein, je mehr sie\nnicht durch die, sondern trotz der gewählten Mittel dem\nWesen der Ouvertüre überhaupt entspricht, deren Bestim-\nmung ist, durch einen Sinfonie-Satz den Charakter des fol-\ngenden Drama's im Allgemeinen anzudeuten, auch wohl\neinzelne entscheidende Momente der Handlung, so weit die\nMusik es im Stande ist, ahnen zu lassen, hauptsächlich\naber den Zuhörer in diejenige Stimmung zu versetzen,"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "211", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550707-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4850, "texte": "welche ihn für die Auffassung des Gedichtes und seines\nGegenstandes empfänglich macht.\nWenn daher die Behauptung, dass die Ouvertüren der\ngedachten Gattung eigentlich keine Prologe, sondern Epi-\nloge wären, die man erst nach der Oper hören müsse, und\njedenfalls erst verstehen könne, wenn man die Oper schon\ndurch und durch kenne wenn diese Behauptung auf eine\nOuvertüre wirklich mit Grund Anwendung findet, so ist\ndies ein Beweis, dass die fragliche Composilion nicht auf\nder künstlerischen Höhe steht. Es ist alsdann dem Com-\nponisten nicht gelungen, durch Einheit des Charak-\nters seiner Ouvertüre eine bestimmte einheitliche\nStimmung und eine Ahnung des dramatischen Inhalts\nin dem Gemüthe des Hörers hervorzurufen. So ist z. B.\nWagner an dieser Klippe gescheitert; eine Einheit der\nStimmung ist durch seine Tannhäuser-Ouverture nicht er-\nzielt: er hat die gewählten Opern-Motive nicht zu einem\nGanzen zu verschmelzen gewusst, hat sich begnügt, ein\nStück Venusberg-Musik aus dem Fleische der Oper heraus\nzu schneiden und es so, wie es ist, in den Körper der\nPilger-Musik hinein zu setzen; das bringt einen Zwiespalt\nin der Seele des Hörers hervor, welchen alle Verlängerung\nund Verbreitung und Posaunen-Verstärkung der Pilger-\nMusik am Ende weder zu füllen noch zu schliessen vermag.\nMan vergleiche die beiden Meisterstücke Weber's in\ndieser Gattung, die Ouvertüren zum Freischütz und zum\nOberon (auch die zur Euryanthe, welche, wiewohl nicht\nso gelungen, wie jene beiden, doch immer durch Form und\nArbeit unendlich höher steht, als die neueren Versuche in\nderselben Art), man rufe sich den oft empfundenen Ein-\ndruck beider als reiner Musikstücke in die Erinnerung,\ndann prüfe man die so eben ausgesprochene Ansicht über\ndie künstlerischen Erfordernisse eines Opern-Prologs, und\nman wird uns schwerlich Unrecht geben können.\nAusser der Oberon-Ouverture brachte das Programm\nnoch zwei Orchester-Werke. Gade's Ouvertüre „Im\nHochlande\", die in der schönen Einleitung eine rei-\nzende Eigentümlichkeit zeigt, im Allegro aber die Erwar-\ntungen, welche der langsame Satz erregt, nicht ganz er-\nfüllt, indem es zwar frische Motive hat, allein durch das\nanhaltende Geräusch eintönig wird; denn das regt nicht\nauf, sondern ermüdet—wurde mit Feuer ausgeführt. Beet-\nhoven's Leonore ging im Ganzen auch recht gut, stellen-\nweise vortrefflich (besonders in den Saiten-Instrumenten),\nund machte, wie immer, einen gewaltigen Eindruck, ja,\neinen solchen, dass man, wiewohl das grosse Halleluja von\nHändel darauf folgte, dennoch vielseitig die Ansicht aussprechen\nhörte, das Concert möchte mit der Ouvertüre seinen Ab-\nschluss gefunden haben.\nAber welch ein Dämon mochte dem Trompeter, der\nden Ruf vom Thurme blies, die kleine Bosheit eingegeben\nhaben, durch den Zusatz eines fünften Viertels im letzten\nTacte seines Signals:\neine so treffende Ironie gegen die Naturwahrheits-Musiker\nund die Subjectiv-Auffassungs-Berechtigungs-Vertheidiger\nin die Welt hinein zu blasen? Unseren Hiller verfolgt bei\ndieser Stelle wirklich eine wahre Fatalität oder zu Deutsch:\nPech; in Paris verlor einmal der Trompeter die Fassung\ndergestalt, dass ihm der Ansatz unmöglich wurde, und der\nClarinettist auf Hiller's Wink, dem das Schweigen vom\nThurme bedenklich schien, ihn ergänzen musste, und jetzt\ngibt der Repräsentant der Trompete umgekehrt mehr, als\nverlangt wird! Man könnte nun freilich glauben, der Düs-\nseldorfer habe wieder gut machen wollen, was der Pariser\nversäumt hat; aber wir sind ganz anderer Meinung. Es ist\nuns nämlich gesagt worden, der Trompeter des Musikfestes\nlese die leipziger Neue Zeitschrift für Musik und gehöre\nauch zu denjenigen, denen Hoplit's Schrift über das karls-\nruher Musikfest zu beliebigem Gebrauche zugesandt wor-\nden sei. Natürlich habe er letztere studirt und daraus sich\ndie Lehre vom „individuellen Vortrage im Orchester\" zu\nHerzen genommen, und aus einem geistreichen Aufsatze in\nersterer habe er gelernt, dass Mendelssohn einst die un-\nglaubliche Erfindung gemacht, dass bei dieser Stelle der\nOuvertüre der Dirigent nicht zu dirigiren brauche, woraus\ndenn die Neu-Musiker, und er mit ihnen, folgerten, dass\ndie Naturwahrheit erfordere, den Trompeter sich selbst zu\nüberlassen. Er habe desshalb seinem Nebenmanne anver-\ntraut, dass er bei der Aufführung statt der 2?-Trompete\ndie schärfere C-Trompete zu nehmen gesonnen sei, um\ndurch den Schrei der Dissonanz die Natur der Situation\ndesto besser auszudrücken; auch glaube er, dass die histo-\nrische Wahrheit die C-Trompete erfordere, da zu der Zeit,\nals der Minister in Spanien die Gefängnisse revidirte, in de-\nnen Florestan schmachtete, die in Spanien\nnoch nicht gebräuchlich war, und die verschiedenen Trom-\npeten erst zu König Heinrich's des Voglers Zeiten erfunden\nseien, wie er aus Wagner's Lohengrin wisse. Glücklicher\nWeise redete ihm sein Secundo diesen Vorsatz noch kurz\n/ <"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "212", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550707-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4493, "texte": "vor dem Anfange des Stückes aus; allein die Freiheit, ein\npaar Achtel hinzu zu fügen, liess er sich wenigstens nicht\nnehmen.\nDen Spass bei Seite, welcher die Lehre vom indivi-\nduellen Vortrage und von der Wahrheits-Musik bis zu\nihrer lächerlichsten Consequenz zeigt denn quid vetat,\nridendo dicere verum?—, ist es uns doch kaum begreiflich,\nwie man die Absicht des Componisten bei dieser Stelle so\nsehr verkennen kann, dass man glaubt, den Trompeter sich\nselbst überlassen zu müssen! Ein Trompeten-Signal ist\nkein Recitativ, und mit ad li ist es auch nicht be-\nzeichnet, sondern Beethoven schreibt beim ersten Eintritt\ndesselben ausdrücklich darüber: Un poco sostenuto, be-\nstimmt also dem Bläser, während die Saiten-Instrumente\ndas j? Aushalten, ausdrücklich das Tempo und folglich\nauch den Tact; und durch Aenderung beider, namentlich\ndurch Verschnellerung und willkürliche Maass-Bestimmung,\ngeht die ganze unbeschreiblich schöne Wirkung der plötz-\nlichen Ruhe mitten in dem Sturme der Leidenschaft verlo-\nren. Alles könnte man hier eher gestatten, als Drängen\nund Treiben; im Gegenlheil wird .ein unmerkliches Ri-\ntardiren bei den letzten vier Achteln und ein längeres Ver-\nweilen auf der Schlussnote, die ja auch desshalb eine Fer-\nmate hat, an der Stelle sein. Es ist Beethoven's Absicht,\ndass das Signal das erste Mal nur wie ein Ruf der Vor-\nsehung erklinge, der die Rettung ahnen lässt; nach dem\nSchlüsse desselben tritt das Tempo primo, nämlich die\nschnellere Bewegung, zwar wieder ein, aber jene Ahnung\ndrückt sich im Piano der nächsten acht Tacte aus —: da\ntritt die Trompete zum zweiten Male ein, nun aber nicht\nsoslenuto, sondern in demselben\npiü moto und mit schmetterndem Rhythmus, mit der Fer-\nmate erst auf dem Bdes zweiten Tactes, was den Un-\nterschied der Absicht Beethoven's schon charakterisirt, und\nvor Allem „stärker\", was er ebenfalls wieder ausdrück-\nlich vorgeschrieben hat—denn nun ist die Gewissheit\nder Rettung da, und Jaquino's unmittelbar derauf folgende\nWorte bestätigen sie. Weit entfernt von Zugeständnissen\nan irgend eine Willkür, zeichnet Beethoven vielmehr sehr\ngenau seinen Willen in Tact- und Ausdrucks-Art vor. Muss\naber die Stelle in der Oper selbst so, wie wir aus einander\ngesetzt haben, aufgefasst und ausgeführt werden, so muss\nsich ihr Vortrag in der Ouvertüre natürlich danach richten;\nob der Dirigent alsdann dabei tactirt oder nicht, ist höchst\ngleichgültig. Man wird uns diese Abschweifung nicht\nzum Vorwurf machen; bei Beethoven ist jeder Tact ein\nDenkmal seines Geistes, und die Erforschung seiner Inten-\ntionen dabei bis ins Einzelnste für jeden wahren Musiker\neine heilige Pflicht.\nHerr Otto Goldschmidt spielte das G-dur-\nConcert für Piano und Orchester von Beethoven.\nSchon die Wahl dieser herrlichen Composition erweckte\nein günstiges Vorurtheil für den Künstler, und dieses stei-\ngerte sich durch sein würdiges, geschmackvolles, deutliches\nund glattes Spiel zur vollsten und lautesten Anerkennung;\nbesonders verdient der einfache und edle Vortrag des Ada-\ngio Auszeichnung, während wir das Thema des letzten\nSatzes etwas kecker und rhythmisch bestimmter gewünscht\nhätten.\nHerr Concertmeister David trug ein sehr schwieriges\nViolin-Concert, eine der neuesten Compositionen von J u I.\nRietz, mit glänzender Bravour vor. Das Concert dürfte\nnicht gerade zu den so genannt dankbaren für den Spieler\ngehören, allein es ist ein sehr tüchtiges, in grossem Stil\nangelegtes und durchgeführtes Werk, welches die edle\nRichtung und das grosse Talent des Componisten bekundet.\nDer mittlere und der letzte Satz sprachen uns vorzüglich an.\nDie Gesang-Vorträge der Herren Schneider (Mo-\nzart's „Dies Bildnissist bezaubernd schön\") und Mitter-\nwurzer-(Spohr's „Der Kriegeslust ergeben\" aus Jes-\nsonda) fanden verdienten Beifall, konnten aber freilich nicht\nin Vergleich kommen mit den bewundernswerthen Leistun-\ngen der Frau Goldschmidt-Lind, welche durch den\nVortrag von noch drei Gesangslücken (Mozart's „Deh vieni,\nnon tardar\" aus Figaro's Hochzeit Mendelssohn's „Die\nSterne schau'n in stiller Nacht\" —Bellini's Arie aus Beatrice\ndi Tenda), trotz der angreifenden Partieen der zwei ersten\nAbende, entzückte und den vollsten Dank aller Festgenos-\nsen um so mehr dafür verdient, als die grosse Künstlerin\naus reiner Liebe zur Kunst und zu dem niederrheinischen\nMusikfeste und aus Achtung für den Dirigenten Ferdinand\nHiller der Einladung desselben, das Fest zu verherrlichen,\nauf die freundlichste nnd uneigennützigste Weise entspro-\nchen hatte.\n\nL. B."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-07-07-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-07-07_01#c003", "volume": "bmtnabi_1855-07-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "212", "page_fin": "214", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550707-01.2.2", "titre_corps": "Correspondenten-Unfug.", "titre_sommaire": "Correspondenten-Unfug.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "212", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550707-01.1.4", "debut_caractere": 4495, "fin_caractere_exclue": 4888, "texte": "Correspondenten-Unfug.\n(S. Nr. 26.)\n2.\nHerr Prof. Breidenstein hat in der früher gedachten\n„Entgegnung\"*) die wahrheitswidrigen Angaben des Cor-\n\n*) Der Abdruck des Artikels von Herrn Prof. Breidenstein in\nder Beilage zu Nr. 2ü der leipziger Neuen Zeitschrift f. Musik\nwimmelt übrigens von Druckfehlern; so muss auch der Name\ndes jungen Componisten aus Köln überall Max Bruch ge-\nlesen werden."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "213", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550707-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5101, "texte": "respondenten über die Musik-Zustände in Bonn berichtigt;\nwir kennen Bonn ebenfalls ganz gut, unterschreiben alles,\nwas die „Entgegnung\" darüber sagt, und bedauern nur,\ndass Herr Prof. Breidenstein nicht geradezu und unumwun-\nden ausgesprochen hat, dass in dem fraglichen Aufsatze\neine absichtliche Verläugnung und Entstellung der\nWahrheit ganz offenbar zu Tage tritt. In einem solchen\nFalle, wie der vorliegende ist, wird Schonung zum Unrecht.\nDenn wenn man auch die Dummheit der Aeusserung, dass\nein Gesang-Verein, welcher d r ei s s i g J a h r e lang ununter-\nbrochen bestanden hat und vor anderthalb Jahr mit einem Be-\nstände von 88 Mitgliedern von dem Gründer und Dirigenten\ndesselben selbst geschlossen worden ist, „den Keim des Ver-\nfalls von Hause aus in sich getragen habe\" ! verzeihen kann,\nso verdient doch die Bosheit, welche diesen Keim in der\n„Unfähigkeit des Dirigenten und dessen schiefer Stellung in\nder Gesellschaft, welche letztere namentlich zu man-\nnigfacher Retention Veranlassung geben mochte\" —-\neine schonungslose Brandmarkung. Dass ferner der Cor-\nrespondent das Beethoven-Fest, welches doch welt-\nbekannt ist und gewiss zu den grossartigsten musicalischen\nEreignissen am Niederrheine gehört, gar nicht erwähnt,\ndass er den bonner Männergesang-Verein Concordia\nignorirt, der unter seinem wackeren Dirigenten Fritz\nWenigmann sehr rühmlich bekannt war und manchen\nschönen Preis errungen hat, jetzt aber trotz der Leitung\ndes Herrn v. Wasielewski, unter welchem sich „gegen-\nwärtig ein regeres Treiben für die Kunst zu entwickeln\nscheint\" (Hört! hört! da steckt des Pudels Kern!), factisch\ntodt ist, wenn auch dem Namen nach noch vorhanden;\ndass er ferner so thut, als wären „regelmässige Abonne-\nments-Concerte in Bonn erst seit zwei Wintern\" eingerich-\ntet u. s. w. das alles verrälh so arge Blossen, dass wir\nbedauern, dass der Correspondent sich dadurch in eine\nmehr als schiefe Stellung zu der musicalischen Welt\ngebracht hat.\nSeine Bemerkungen über Aachen zeigen leider den-\nselben Geist und Charakter, wie diejenigen über Bonn.\nUnsere Leser kennen die Musik-Zustände von Aachen aus\nden Berichten unseres Correspondenten (vergl. Nr.\n20 vom 19. Mai d. J.). Aus der leipziger Zeitung aber\nerfahren wir: „Aachen zeichnete sich seither durch eine\ngewisse Mittelmässigkeit und Halbschürigkeit aus —es\nkommt dort das musicalische Leben zu keiner ordentlichen\nBlüthe seit vierzig Jahren keine geeignete Persönlichkeit\nan der Spitze [so wie in Bonn seit der Säcularisation! Und\ndoch ist der Herr Correspondent selbst noch sehr jung am\nRheine, und nach einem derartigen Auftreten dürfte er\nschwerlich alt daselbst werden!] Parteien, deren Inten-\ntionen gleich unerquicklich sind von bemerkenswerthen\nErfolgen kann nicht die Rede sein.\"\nUnd wer ist daran schuld? Ei, wer anders, als wie-\nderum der Musik-Director! Herr von Turanyi „soll\nden Anforderungen an einen guten Dirigenten keineswegs\nentsprechen [der Correspondent urtheilt also vom Hören-\nsagen!]— man wünschte ihn zu entfernen, was jedoch un-\nausführbar war, da ein Conlract ihm seine Stellung noch\nauf die nächsten Jahre sicherte.\" Dies ist eben so ma-\nliciös als unwahr: denn Herr von Turanyi ist erst vor Kur-\nzem wieder durch einen erneuten Contract auf sechs\nJahre als städtischer Musik-Director angestellt worden.\nDarauf folgt Herr F. Wenigmann in der Musterung,\nwelche der leipziger Correspondent über die niederrheini-\nschen Musiker hält. Jener Künstler heisst ihm „ein Herr\nWenigmann\", so ein Dings da, der „als Vorgeiger\nnach Aachen berufen worden ist\". Der Correspondent thut,\nals kenne er Herrn Wenigmann kaum, und doch ist es\nderselbe Wenigmann, welcher die Concordia in Bonn\nJahre lang dirigirt hat, dieselbe Concordia, welche der Cor-\nrespondent ignorirt, weil sie unter „einem Herrn\" We-\nnigmann in Blüthe stand und jetzt unter dem viel genann-\nten Herrn v. Wasielewski des Todes verblichen ist—; der-\nselbe Wenigmann, der zugleich mit L. BischofF an der\nSpitze des Beethoven-Vereins in Bonn stand, wie der Cor-\nrespondent selbst sagt desselben Beethoven-Vereins, für\nwelchen Herr v. Wasielewski als „Vorgeiger\" durch den Ein-\nfluss von Prof. Heimsoeth und L. Bischoff engagirt wurde.\nAllein dem Correspondenten ist Herr Wenigmann nicht\n„ein distinguirter Künstler\", sondern „eben nur ein hon-\nneter Routinier\", der „eben so wenig wie Herr von\nTuranyi für den Dirigenten-Posten in Aachen taugt\".\nNun, das ist richtig: honnet, d. h. ehrlich, ist Fritz\nWenigmann; er ist allen Ränken und Schlichen, um sich\nempor zu bringen, vollkommen fremd, er versteht seine\nPartitur und hat offenbares Directions-Talent, stellt sich\naber aus Liebe zur Sache bei einem Dirigenten, den er\nachtet, ohne alle persönliche Eitelkeit eben so gern an das\nerste Violinpult und ist dann ein Anführer des Orchesters,\nwie man ihn nur wünschen kann. Als Wenigmann und\nseine Brüder noch in Bonn waren, hatte man dort doch\nauch Quartett-Soireen, wie sie auch jetzt in Aachen von\nihnen veranstaltet worden sind. Was hat man denn „ge-\ngenwärtig, wo ein regeres Treiben lür die Kunst in\nBonn beginnt\", dort von Kammermusik aufzuweisen? und"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "214", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550707-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1025, "texte": "warum erwähnt der Correspondent weder jener bonn'schen,\nnoch der aachen'schen, noch der kölnischen Soireen? Ge-\nhört bei ihm die Cultur dieser Gattung der reinen Musik\nnicht zu den Gegenständen eines Berichtes über die musi-\ncalischen Zustände eines Landes? oder ist desshalb nicht\ndie Rede davon, weil gegenwärtig in Bonn nichts da-\nvon vorhanden ist?\nEs erregen denn auch in Aachen „die Winter-Con-\ncerte kein sonderliches Interesse\"—vom dortigen, sehr\nwirksamen Inslrumental-Vereine und dessen Sinfonie-Soireen\nkennt der Correspondent nur den Namen, weiter nichts,\ndie Concordia unter C. F. Ackens ignorirt er— und\n„die Musik-Director-Frage ist eine Klippe, über welche\nman kaum anders hinwegkommen wird, als wenn man auf\nbeiden Seiten reinen Weg macht, sich einigt und einen\nim Berufsleben erfahrenen, bereits bewährten Künstler her-\nbeizieht\" d. h. Herrn von Turanyi und Herrn Wenig-\nmann in Gnaden enllässt und etwa Herrn von Wasielewski\nberuft, um endlich auch dort ein „regeres Treiben lür die\nKunst\" hervor zu rufen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-07-07-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-07-07_01#c004", "volume": "bmtnabi_1855-07-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "214", "page_fin": "215", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550707-01.2.3", "titre_corps": "Aus Braunschweig.", "titre_sommaire": "Aus Braunschweig.", "signature_source": "Bh", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "214", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550707-01.1.6", "debut_caractere": 1027, "fin_caractere_exclue": 5047, "texte": "Aus Braunschweig.\n\nDie Leistungen Braunschweigs in musicalischer Hin-\nsicht während der verflossenen Saison gingen hauptsäch-\nlich von vier Factoren aus: der Sing-Akademie, der\nherzoglichen Hof-Capelle, den Gebrüdern Müller\nund dem Capellmeister Abt. Vertraten die drei Erstge-\nnannten hauptsächlich die classische Richtung in der Musik,\nso huldigte Letzterer in seinen Concerten fast nur der Mo-\ndernität. Die Theilnahme des Publicums wandte sich Allen\nin gleichem Maasse zu. So wünschenswerth es ist, dass\nkünstlerische Autoritäten sich der Gegenwart nicht ver-\nschliessen, und wie willkommen sie einem grossen Theile\nder musikliebenden Welt mit den neuesten Artikeln ihres\nFaches sein mögen, so glauben wir doch von dem Ge-\nschmacke der Braunschweiger mit Sicherheit annehmen zu\nkönnen, dass der lebhaften Theilnahme an den Winter-\nConcerten unseres jungen Orchesterlührers zum grössten\nTheile persönliches Interesse zum Grunde lag, und dass der\njunge Meister in dieser Theilnahme durchaus keine Billigung\nseiner, auch in den von ihm einstudirten Opern zu Tage\ntretenden hypermodernen Richtung erkennen darf. Verfol-\ngen wir den Bildungsgang der Braunschweiger in musica-\nlischer Beziehung, so finden wir, dass ihr Geschmack doch\nzu sehr an Gehaltvolles und Gediegenes gewohnt ist, um\nvon dem bloss Neuen und Pikanten lange in Anspruch ge-\nnommen zu werden, und wir könnnn Herrn Franz Abt\nnur rathen, diese Theilnahme zu einem ernsteren Streben\nnach Classicität zu benutzen, wenn er nicht Gefahr laufen\nwill, demnächst vielleicht in einem Wettstreite mit rivalisi-\nrenden Kräften in der Gunst des Publicums zu unterliegeu.\nDie Sing-Akademie brachte im Verlaufe des Win-\nters zwei grössere Aufführungen: den Tod Jesu von Graun\nund das Paradies und die Peri von Robert Schumann.\nUnserer eben ausgesprochenen Meinung über den Ge-\nschmack des braunschweiger Publicums entsprechend, war\ndie Theilnahme bei dem Schumann'schen Werke, obgleich\ndasselbe den Reiz der Neuheit für sich hatte, gering und\nder Beifall bei der Aufführung lau, wohingegen die Graun'-\nsche Schöpfung den schönen Saal des altstädter Rathhauses\nmit einer zahlreichen und theilnehmenden Zuhörerschaft\nlullte. Schumann's Arbeit leidet ungeachtet vieler fein em-\npfundenen, originellen Einzelheiten an einer gewissen Ge-\nsuchtheit, an einem absichtlichen Haschen nach instrumen-\ntaler und rhythmischer Ursprünglichkeit, die weder Hörer\nnoch Mitwirkende sehr befriedigt und zu der Begeisterung\nanregt, welche die alten Meister hervorzurufen lähig sind.\nDas Graun'sche Werk, jetzt volle hundert Jahre alt, trug\nhingegen in den meisten Partieen die unverkennbaren Zei-\nchen jener ewigen Jugend, die das Genie charaklerisirt; es\nredete zu uns die Sprache, welche die Natur in musicali-\nschen Gemüthern stets reden wird, und stärkte uns durch\ndie kräftige Bestimmtheit seiner Gedanken. Dass Vieles in\ndem Oratorium, dem man ausserdem den Vorwurf einer\nzu weltlichen Auffassung machen könnte, veraltet ist, dür-\nfen wir uns gleichwohl nicht verhehlen; es kommt dieses\njedoch auf Rechnung des Geschmacks der damaligen Zeit,\nwie denn wohl noch nie ein Kunstwerk eine so absolute\nIdealität erreichte, dass es sich von dem Charakter der Zeit,\nin welcher es entstand, durchaus frei erhalten hätte; wir\nrechnen hierhin namentlich die stereotype Behandlung der\nRecitative und Arien. Die Chöre hingegen sind vorzüglich\nund in Bezug auf Sangbarkeit und Wirkung der Stimmen\nüber alle Productionen der Neuzeit, die Mendelssohn'schen\nWerke ausgenommen, erhaben, wodurch aufs Neue der\nBeweis geliefert wurde, dass die alten Meister das Tech-\nnische,, das eigentlich Handwerksmässige ihres Faches für\nweit wichtiger hielten, als manche neuere Genie's zugeben\nwollen, die über Mangel an Verständniss klagen, wenn Nie-\nmand ihre Productionen executiren kann.\nDas berühmte Quartett der Gebrüder Müller ist\njetzt leider durch den Tod des jüngsten der Brüder, des\nCapellmeisters Georg Müller, zerrissen. Es ist dieser\nTodesfall in so fern eija unersetzlicher Verlust, als die Welt"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "215", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550707-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2497, "texte": "schwerlich ein solches Quartett wiedersehen wird.. Gleiche\nSchule von Jugend auf, das stete Zusammenleben an Einem\nOrte, wie unausgesetzte Hebungen machten es den Brüdern\nmöglich, ihr Streich-Quartett in solcher Vollkommenheit\nzu geben, dass die Täuschung lür den Hörer, als ob alle\nvier Bogen sich in Einer Hand bewegten, vollkommen er-\nreicht wurde. Eine grössere Einheit in den Nuancirungen,\nüberhaupt ein trefflicheres Zusammenspiel lässt sich nicht\ndenken. Der Zuhörerkreis, vor welchem die Gebrüder Müller\nsich seit einer langen Reihe von Jahren hindurch hören\nliessen, war fast stets derselbe; er bestand aus der Elite\nder Musik-Liebhabar Braunschweigs, welche sich gleichfalls\nim Altstadt-Ralhhaussaale, diesem für Instrumental-Musik\ngünstigsten und bezüglich der Ausstattung würdigsten\nRunst-Locale Braunschweigs, zusammenfand, und auch im\nverflossenen Winter-Halbjahre durch eine Reihenfolge haupt-\nsächlich Beethoven'scher und Haydn'scher Quartette er-\nfreut wurde.\nWas nun schliesslich den vierten Pfeiler unseres mu-\nsicalischen Kunsttempels, die Concerte unserer Hofcapelle,\nanbelangt, so ist auch in ihren Leistungen die classische\nRichtung vorwiegend gewesen, und heben wir zum Beweise\nnur die Aufführung von Mozart's und Beethoven's\nC-moll-Sinfonie hervor, welche uns der letzte dieser Con-\ncert-Abende brachte. Ueber beide Werke ist schon zu viel\ngesagt worden, als dass wir uns nicht darauf beschränken\nsollten, nur anzuführen, dass die vollendete Ausführung das\nCharakteristische beider Schöpfungen, die Vollendung der\nForm, die abgerundete Fassung der Gedanken, das Flies-\nsende der Modulation der Mozart'schen Sinfonie im Gegen-\nsatze zu den barocken, aber heldenhaften Umrissen des Beet-\nhoven'schen Werkes, der Kühnheit seiner Harmonie-Füh-\nrung, der überreichen Fülle an Thematen, die fast das\nGleichmaass der Sätze in sich und gegen einander gefähr-\ndet, ohne dass jedem das Gepräge des höchsten Schwun-\nges mangelt, aufs genaueste und dem Hörer zum höchsten\nGenüsse gereichend hervorhob.\nAus welchem Grunde Henry Littolf seine neu vollen-\ndete Sinfonie bisher der Oeffentlichkeit vorenthalten und\nüberhaupt sich seit längerer Zeit schweigend verhalten hat,\nvermögen wir nicht anzugeben; hoffen wir, im nächsten\nWinter, für welchen auch die Aufführung der Freuden-\nthal'schen Oper „Die Barden\" auf dem hiesigen Hoftheater\nbevorsteht, mit diesem neuesten Werke seiner Muse be-\nkannt gemacht zu werden und ihn selbst wieder als aus-\no\nübenden Künstler thätig zu sehen.\n\nBh."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-07-07-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-07-07_01#c005", "volume": "bmtnabi_1855-07-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "215", "page_fin": "215", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550707-01.2.4", "titre_corps": "Aus Gotha.", "titre_sommaire": "Aus Gotha.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "215", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550707-01.1.7", "debut_caractere": 2499, "fin_caractere_exclue": 5525, "texte": "Aus Gotha.\nIm Juni 1855.\nMit dem Schiasse unserer Theater-Saison, ''der in der Regel zu\nOstern erfolg!, tritt hier eine gewisse Ruhe im Musikleben ein, die\nnur dann und wann durch das Erscheinen eines fremden Musik-\ncorps oder durch eine öffentliche Production von unseren unter\nLeitung des Herrn Musik-Directors Wandersieb stehenden Vo-\ncal-Vereinen unterbrochen wird. Zwar fehlt es nicht an Garten-\nConcerten, deren Programme auch manche interessante Nummer\nenthalten; doch gehört eine Besprechung solcher nicht in dieses\nBl itt. Aufführungen von grösseren Musikwerken, wie solche in frü-\nheren Jahren von Herrn Wandersieb veranstaltet wurden, können\nhier nur mit ausserordentlichen Geldopfern zu Stande gebracht\nwerden, da Gotha gegenwärtig sehr arm an Instrumentalkräften ist\nund nicht einmal einen Stadt-Musicus aufzuweisen hat, während in\nanderen, zum Theil viel kleineren Städten Thüringens, z. B. in\nWeimar, Arnstadt, Jena etc., ganz respektable Instrumentalkräfte\nsich vorfinden. Es ist sehr zu bedauern, dass in Gotha, welches in\nwissenschaftlicher Beziehung, wie auch in mehreren Kunstzweigen\neinen so wohlverdienten Ruf geniesst, gerade für Musik, wenigstens\nfür Beschaffung eines den Anforderungen der Zeit genügenden Or-\nchesters, bis jetzt äusseret wenig gethan werden konnte. Das Be-\ndürfnis s nach einem tüchtigen Orchester ist zwar von den betreffen-\nden Behörden sowohl, als auch vom Publicum schon längst aner-\nkannt, und ist diese Angelegenheit auch früher in unseren Local-\nblättern vielseitig erörtert worden; aber die Finanz-Verhältnisse der\nhiesigen Commune gestatten keine aussergewöhnlichen Opfer, in\nFolge dessen die seit Jahren vacante Stadt-Musicus-Stelle bis jetzt\nnoch nicht besetzt ist. Welches Resultat die jüngsten Bemühungen\neiner Anzahl hiesiger Musikfreunde für Beschaffung eines erheb-\nlichen Capitals zu musicalischen Zwecken erzielen werden, ist noch\nnicht bestimmt voraus zu sehen. Jedenfalls verdient das Unterneh-\nmen von Seiten der Behörden und der Bürgerschaft die wärmste\nUnterstützung.\nUnter den seit Ostern von auswärtigen Musikern gegebenen\nConcerten verdient das am 20. Mai von Herrn Stadt-Musicus Har-\nras aus Arnstadt im Verein mit Herrn Concertmeister Uhlrich\naus Sondershausen veranstaltete besonderer Erwähnung. Die Ouver-\ntüren zu Ruy-Blas, zu Oberon, so wie auch das erste Finale aus\nLohengrin wurden mit ausgezeichneter Präcision und auch in son-\nstiger Hinsicht fast tadellos durchgeführt. Ganz besonders gelang\nes Herrn Concertmeister Uhlrich, durch sein herrliches Violinspiel\nunser sonst ziemlich kaltes Concert-Publicum zu enthusiastischem\nBeifall hinzureissen.\nHerr Capellmeister Drouet ist auf höchsten Befehl von hier\nnach Paris abgereis't, um die Aufführung der Oper unseres Her-\nzogs, „Santa Chiarau, vorzubereiten. Dem Herrn Concertmeister\nLampert, der schon seit geraumer Zeit die Oper unseres Hof-\ntheaters dirigirt, wurde das Prädicat „Capellmeister\" officiel er-\ntheilt, so wie dem Herrn Kammer-Musicus Krämer das Prädicat\n„Concertmeister\",\n1 3\nI «**\n/"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-07-07-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-07-07_01#c006", "volume": "bmtnabi_1855-07-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "216", "page_fin": "216", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550707-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "216", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550707-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5421, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMolsi« Der hiesige Männer gesang-Verein hat am 30.\nJuni unter Leitung seines Dirigenten F. WTeber in Neuwied\nein Concert gegeben, dessen vollständiger Ertrag ohne Abzug der\nKosten für das dortige neue Krankenhaus, welches unter dem Pro-\ntectorate Ihrer Durchlaucht der Frau Fürstin Marie von Wied\nsteht, bestimmt war. Die fröhliche Stimmung, welche schon bei der\nRheinfahrt auf dem festlich geschmückten Dampfboote der nieder-\nländischen Gesellschaft herrschte, vor Allem aber die ehrenvolle\nAufnahme des Vereins durch die fürstliche Familie auf dem rei-\nzenden Lustschlosse Monrepos, wohin die Sänger zu einem De-\njeuner dinatoire unter dem Laubdache der hochragenden Buchen des\nherrlichen Parks eingeladen waren, dann der gedrängt volle Con-\ncertsaal in der Stadt und der lebhafte Beifall, die zuvorkommende\nAufmerksamkeit der Anordner des Concertes, die herzliche Gast-\nfreundschaft der Neuwieder, welche dem Vereine ein glänzendes\nSouper von 130 Gedecken gaben und ihre Wohnungen zur Auf-\nnahme der Sänger zur Verfügung stellten: alles das machte diesen\nTag zu einem schönen Feste, welches in den Annalen des Männer-\ngesang-Vereins und in der Erinnerung aller Theilnehmer einen\nvorzüglichen Platz einnehmen wird.\nHerr Hof-Capellmeister Kücken aus Stuttgart hielt sich bei\nseiner Durchreise einen Tag hier auf.\nIn Leipzig wird Riccius die Musik-Director-Stelle am Thea-\nter übernehmen, da J. Rietz seine Thätigkeit ausschliesslich den\nGewandhaus-Concerten zu widmen hat.\nDie Wiener Monatsschrift für Theater und Musik\nzeigt an, dass eine Original-Handschrift von Mozart, enthaltend\ndie Partitur einer Messe (einer ungedruckten?), 20 Blätter in Folio,\nfür 1200 Gulden zu kaufen ist.\nRoger ist bei der grossen Oper in Paris vom 1. Juli an auf\nvier Monate angestellt worden. Er tritt zuerst im Propheten wie-\nder auf und wird die Haupt-Partie in der Oper Santa Chiara\nvom Herzog von Gotha singen.\nRossini wohnt keinen öffentlichen musicalischen Productionen\nbei; er hat nur Einmal einige italiänische Sänger und Sängerinnen\nin kleinerem Cirkel bei sich gesehen, wo indess auch wenig Musik\ngemacht und nur einige Romanzen u. dgl. gesungen wurden. Das\nGeräusch der grossen Stadt ist ihm bereits zuwider geworden, und\ner ist aufs Land gezogen.\n■ i v\nDie Preis-Jurv für musicalische Instrumente auf der\nAusstellung in Paris besteht aus den Herren Helmesberg er\nvon Wien, Halevy und Berlioz von Paris.\nEin Musikfest in Frankreich. Die Grande Association\nmusicale de I'Ouest, einer der wenigen grossen Musik-Vereine, wel-\nche in Frankreich nach deutschem Muster sich organisirt ha-\nben, und der schon seit vielen Jahren besteht (nur 1848 und 1849\nfand eine Unterbrechung seiner Feste Statt), hat dieses Jahr seine\nVersammlung in Poitiers gehalten. Am ersten Tage wurde die\nMesse von Haydn in D in der Kirche aufgeführt; die Soli\nsangen FräuJ. Cinti-D am oreau und eine Dilettantin, und die\nHerren Lyon und Stockhausen. Am zweiten Tage wurde ge-\ngeben die Sinfonie in B-dur (Nr. 4) von Beethoven, drei\nChöre aus Samson von Händel (zum ersten Male in Frank-\nreich !), zum Schlüsse Allegro appassionato, Elfenchor und Hochzeits-\nmarsch aus Mendelssohn's Musik zum Sommernachtstraum.\nFest Dirigent \"war Herr Chaine, von dem auch eine Ouvertüre\n„Rübezahl44 aufgeführt wurde. Unter den Solisten ragte Alard aus\nParis hervor, welcher ausser seinen Variationen über ein Thema\naus der Regimentstochter, den ersten Satz des Violin-Concer-\ntes in D von Beethoven mit einer glänzenden Cadenz spielte.\nDas bekundet einen anerkennungswerthen Fortschritt bei unse-\nren Nachbarn; Paris lässt sich von der Provinz überflügeln! Der-\nselbe musical ische Vereintes Westens hat auch im Jahre\n1839 Men dclssoh n's Paulus zuerst in Frankreich aufgeführt;\nallein zu uns kommt nur die pariser Presse herüber, und diese\nhält es selten für der Mühe werth, künstlerische Leistungen in der\nProvinz zu erwähnen.\nBei dem Sängerfeste zu Lille am 17. und 18. Juni fand\nein Wettstreit von Männergesang-Vereinen und Militär-Musikcorps\nStatt. Es nahmen französische, belgische und deutsche Vereine\n(letztere jedoch nur am Gesang-Wettstreite) Theil; einen zweiten\nPreis erhielten die Orphea von Aachen und der Verein von\nLobberich. Von französischen Vereinen wurden die Orpheonisten\nvon Turcoing, von Douai, die Enfants de Lutece von Paris\ndurch Preise, von Ar ras durch rühmliche Erwähnung ausgezeich-\nnet; von belgischen die Grande Harmonie von Brüssel und die\nMelomanes von Gent. In der Jury sassen unter Anderen Adam\nund Panseron von Paris, Steinkühler und Danel von\nLille, u. s. wr.\nDer Theater-Director zu Nancy, über welche Stadt bekannt-\nlich die Eisenbahn von Paris nach Strassburg führt, kann für die-\nses Jahr keine Mitglieder bekommen, da im vorigen sechs seiner\nBühnenkünstler, von denen noch Keiner das achtundzwanzigste\nJahr erreicht hatte, gestorben sind.\nDie Belagerung von Sebastopol hat unter den vielen anderen\nauch das Opfer eines ausgezeichneten Dilettanten, einer echt künst-\nlerischen Natur, gefordert. Der französische Oberst Hardy war\nein tüchtiger Musiker und Maler; in Algier hat er zwei Opern\nvon seiner Composition aufführen lassen, und als Zeichner war er\nbesonders geschickt im Treffen. Er fiel bei der Eroberung des\n„grünen Hügels44.\nDas Denkmal Donizetti's in Bergamo in der St. Marien-\nkirche ist dem Componisten nicht von der Stadt, sondern von sei-\nnen beiden Brüdern in Marmor errichtet worden."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "209", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550707-01.1.1", "texte": "Das dreiunddreissigste niederrheinische Musikfest.\n\nIV.\nGegen die Concerte am dritten Tage der Musik-\nfeste— bisher gewöhnlich Morgen-Concerte—haben sich\nmanchmal Stimmen erhoben; man wollte sie nicht für eben-\nbürtig und der Aufnahme in so hohe Gesellschaft würdig\nhalten. Hatte das einmal Einer gesagt, so beteten und\ndruckten es die Anderen nach, und so ging das fort bis zu\ndem neuesten Geschichtschreiber der niederrheinischen Mu-\nsikfeste (mit welchem wir es im „Correspondenten-Unfug\"\nzu thun haben—s. Nr. 26), der denn auch nicht erman-\ngeln kann, sie als ein „in vielfacher Hinsicht nicht zu bil-\nligendes, oft unwürdiges Supplement\" zu bezeichnen, bei\nwelchem „die vorhandenen Solokräfte meist im buntchecki-\ngen Gemisch ihre Kunststücke produciren\"—wie\nz. B. Spohr, Mendelssohn, Clara Schumann, Gebrüder Mül-\nler, Franz Hartmann, David, Joachim, Clara Novello, So-\nphie Schloss, Jenny Lind u. s. w, gethan, nicht wahr?\nNur ein paar Worte gegen all dieses Geschwätz, wo-\ndurch sich die Herren das Ansehen gar gestrenger Kunst-\nwächter geben, zuweilen aber dabei wie angehende Nacht-\nwächter den aufgehenden Mond für Feuer ansehen und mit\nvollen Backen ins Horn stossen.\nEs ist keineswegs eines Musikfestes unwürdig, künst-\nlerische Einzel-Vorträge in ihren Kreis zu ziehen, sondern\nvielmehr eine Einseitigkeit, wenn die Ausschliessung dersel-\nben grundsätzlich geschähe. Dadurch würde nämlich eine\nganze Compositions-Gattung und eine wesentliche\nErscheinungs-Form der Tonkunst von den Festen\nhinweg gewiesen, und doch ist es die Aufgabe dieser, die\nTonkunst in allen ihren Hauptrichtungen und Auslührungs-\nWeisen, mit Ausnahme der Oper, zu umfassen.\nUnsere Zeit, namentlich unsere Jugend, liebt es, das\nKind mit dem Bade zugleich auszuschütten, zumal, wenn\nsie nicht selbst dabei Gevatter stehen kann. So ist es denn\nauch der vollendeten technischen Fertigkeit ergangen,\nwelche man mit dem Namen Virtuosenthum belegt; man\nverwechselte die Ausartung desselben in Virtuoserei mit\ndem echten Wesen der Virtuosität, d. h. der höchsten Aus-\nbildung des musicalischen Vortrags; man vergass, dass es\nkeineswegs bloss Sache des Fleisses und der Methode ist,\neine hohe Stufe als ausübender Künstler zu erreichen, son-\ndern dass auch dazu eine grosse Natur-Anlage, Geist und\nGenie gehört, und dass auf der anderen Seite die Geltend-\nmachung der blossen Natur-Anlage (wie das leider so\noft besonders von Sängern geschieht) eine weit stärkere\nGeisselung durch die Kunstrichter verdient, als der über-\ntriebene Werth, den man auf die Schule der Technik legt.\nWie wollen wir denn der überhand nehmenden Pfuscherei\nsteuern, wenn wir dem Publicum nicht Gelegenheit geben,\nvollendete Muster der Ausführung kennen und schätzen zu\nlernen? Wo lande sich nun dazu eine bessere, als an Mu-\nsikfesten, wo erstens nur wirkliche Berühmtheiten zu Ein-\nzel-Vorträgen gelangen können, und zweitens selbst dieje-\nnigen Virtuosen, welche etwa hier und da ein-böses Gelüst\nzur Buhlerei um die Gunst des grossen Haufens in sich\nspüren sollten, sich wohl hüten werden, es hier befriedi-\ngen zu wollen, wo stets ein ganz anderes Publicum ver-\nsammelt ist, als in den Theatern und Concertsälen der\nResidenzen?\nWas soll man aber vollends dazu sagen, dass, nach\nden Gegnern des dritten Concertes, an den Musikfesten,\neine ganze Gattung von Compositionen, unter denen wir\nden genialen Erzeugnissen der grössten Meister begegnen,\nvon dem Rechte ausgeschlossen werden soll, auf Musik-\nfesten zur Erscheinung zu kommen? Daran denken freilich\ndiese Gemeinplätzler nicht, dass es einen ganz eigentüm-\nlichen Kunst-Inhalt gibt, der nur in so genannten Solo-\nCompositionen sich offenbaren und gar nicht in die ande-\nren Formen gebracht werden kann. Sollen wir zum Be-\nweise auf die Concerte von Mozart, Beethoven, Spohr,\nWeber u. s. w. verweisen? Haben etwa —um nur der\nletzten Jahre zu gedenken—Clara Schumann mit dem\nVortrage des Concertes von Rob. Schumann und F.\nHill er mit seiner freien Phantasie 1853 in Düsseldorf"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "210", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550707-01.1.2", "texte": "Vieuxtemps mit seinem neuesten Concerte 1854 in\nAachen, Joachim mit dem allen Zuhörern unvergesslichen\nVortrage des Violin-Concertes von Beethoven 1853\nin Düsseldorf „Kunststücke producirt\", oder Erzeugnissen\nedler Begeisterung für wahre Kunst in vollendeter Dar-\nstellung Leben gegeben?\nWorauf kommt es denn also bei den Concerten am\ndritten Tage der Musikfeste an? Darauf, dass sie das sind,\nwas sie heissen: Concerte von Künstlern. Nicht dass\nsie gegeben werden, sondern wie sie gegeben werden,\nbedingt den Maassstab, den die Kritik daran zu legen hat.\nSie sind an und für sich sehr wohl mit einem Musikfeste\nvereinbarlich; allein durch den Charakter der vorzutragenden\nCompositionen und durch die künstlerische Vollendung der\nAusführung müssen sie einer Festfeier der Tonkunst\nwürdig sein.\nDas diesjährige dritte Concert brachte ausser den Ein-\nzel-Vorträgen noch eine Wiederholung des glänzenden Fi-\nnales des ersten Theiles der Schöpfung: „Die Himmel er-\nzählen\", und das Halleluja von Händel, gleichsam als\nErinnerungen an die Leistungen der gesammten Vocal- und\nInstrumental-Kräfte an den beiden ersten Tagen; ferner\ndrei Ouvertüren für Orchester (von C. M. von We-\nber, Gade, Beethoven), zwei grosse Concerte (für\nPiano von Beethoven, lür Violine von J. Rietz) und\nfünf Gesangstücke von Mozart (2), Spohr, Mendels-\nsohn und—Bellini. Mit Ausnahme des letzteren, einer\nBravour-Arie lür Sopran aus jßeatrice di Tenda, war also\ndie Auswahl der Stücke vollständig im Einklang mit der\nWürde eines Musikfestes.\nDas Concert wurde mit Weber's Ouvertüre zu\nOberon eröffnet; sie wurde dermaassen sicher und genau,\nund auch in den schwierigsten Stellen mit einer solchen\nDeutlichkeit und so schwungvoll ausgeführt, dass sie als\ndie beste Leistung des Orchesters an dem Feste und auch\nohne diese Beziehung als eine vollendete anerkannt werden\nmuss. Bei dem herrlichen Inhalt musste demnach der Ein-\ndruck ein ganz ausserordentlicher sein, wie das sich denn\nauch durch den rauschendsten Beifall offenbarte.\nWeber hat bekanntlich jene Gattung von Opern-Ouver-\nturen, welche aus den bedeutendsten Motiven der Oper\nselbst zusammengestellt sind, geschaffen und in Schwung\ngebracht; im Grunde sind seine Arbeiten die ersten Proben\nder neuen Reflexions-Musik, aber freilich—das Genie kann\nAlles und ist nicht dafür verantwortlich, dass das Volk der\nNacht reter einen Irrthum zum Grundsatz annimmt, ohne\ndie geistige Kraft zu besitzen, ihn durch die Art der An-\nWendung und Durchführung zu einem Vorzuge zu machen.\nWir halten den Grundsatz, nicht bloss der schlimmen Fol-\ngen wegen, welche er späterhin bis auf die Fabrik der\nPotpourri-Ouverturen der Franzosen und einiger Deutschen\nin neuester Zeit gehabt hat, sondern an und für sich für\neinen falschen, indem er durch zu materielle, gleichsam\nhandgreifliche Mittel in so weit man dieses Beiwort auf\nHörbares anwenden kann—den Zweck der Ouvertüre er-\nreichen will. Allerdings haben Mozart und Beethoven eine\neinzelne Stelle aus der Oper selbst, welche für den Inhalt\nder Handlung bezeichnend ist, auch bereits in ihren Ouver-\ntüren angewandt; allein wenn Mozart in der Ouvertüre\nzur Entführung die Melodie der Arie Belmonte's als An-\ndante benutzt, wenn er in der Einleitung zur Don-Juan-\nOuverture die Accorde erklingen lässt, unter welchen spä-\nter das Gespenst von Stein auftritt; wenn Beethoven in die\ngrosse Leonoren-Ouverture ein Motiv aus der Arie des\nFlorestan und den Trompetenstoss verwebt —so ist dies\ndoch noch himmelweit von der Art und Weise Weber's\nentfernt, der gewisse Stellen seiner Opern zu Ilaupt-The-\nma's seiner Ouvertüren, andere zu Neben-Thema's nimmt,\nund selbst bei der Durchführung derselben und zur Schluss-\nPeriode wiederum nur Motive aus der Oper benutzt.\nDas Genie Weber's bestand nun aber eben darin, dass\nes die Reflexion nun und nimmermehr Herrin über sich\nwerden liess, sondern dass es die Mittel, welche die Ueber-\nlegung (und es lässt sich nicht läugnen sogar ein ge-\nwisses Raffinement) ihm an die Hand gab, zu einem künst-\nlerischen Ganzen, zu einem Musikstücke, in welchem den-\nnoch Einheit des Charakters und der Farbe und Correct-\nheit der Form herrschte, verarbeitete. Diese Erfahrung\nführt uns auf den Standpunkt, von welchem aus die Kritik\nden Werth einer Ouvertüre dieser Gattung zu würdigen\nhat, wie denn überhaupt die wahre Kunstlehre ihre Regeln\naus den vorhandenen Kunstwerken zu entwickeln, nicht\naber Systeme aufzustellen hat, nach-welchen das Genie\nschaffen soll. Der Grundsatz nämlich, welcher dabei die\nKritik zu leiten hat, kann kein anderer sein, als folgender:\nDie Ouvertüre, welche in der gedachten Weise gearbeitet\nist, wird um so mehr ein schönes Kunstwerk sein, je mehr sie\nnicht durch die, sondern trotz der gewählten Mittel dem\nWesen der Ouvertüre überhaupt entspricht, deren Bestim-\nmung ist, durch einen Sinfonie-Satz den Charakter des fol-\ngenden Drama's im Allgemeinen anzudeuten, auch wohl\neinzelne entscheidende Momente der Handlung, so weit die\nMusik es im Stande ist, ahnen zu lassen, hauptsächlich\naber den Zuhörer in diejenige Stimmung zu versetzen,"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "211", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550707-01.1.3", "texte": "welche ihn für die Auffassung des Gedichtes und seines\nGegenstandes empfänglich macht.\nWenn daher die Behauptung, dass die Ouvertüren der\ngedachten Gattung eigentlich keine Prologe, sondern Epi-\nloge wären, die man erst nach der Oper hören müsse, und\njedenfalls erst verstehen könne, wenn man die Oper schon\ndurch und durch kenne wenn diese Behauptung auf eine\nOuvertüre wirklich mit Grund Anwendung findet, so ist\ndies ein Beweis, dass die fragliche Composilion nicht auf\nder künstlerischen Höhe steht. Es ist alsdann dem Com-\nponisten nicht gelungen, durch Einheit des Charak-\nters seiner Ouvertüre eine bestimmte einheitliche\nStimmung und eine Ahnung des dramatischen Inhalts\nin dem Gemüthe des Hörers hervorzurufen. So ist z. B.\nWagner an dieser Klippe gescheitert; eine Einheit der\nStimmung ist durch seine Tannhäuser-Ouverture nicht er-\nzielt: er hat die gewählten Opern-Motive nicht zu einem\nGanzen zu verschmelzen gewusst, hat sich begnügt, ein\nStück Venusberg-Musik aus dem Fleische der Oper heraus\nzu schneiden und es so, wie es ist, in den Körper der\nPilger-Musik hinein zu setzen; das bringt einen Zwiespalt\nin der Seele des Hörers hervor, welchen alle Verlängerung\nund Verbreitung und Posaunen-Verstärkung der Pilger-\nMusik am Ende weder zu füllen noch zu schliessen vermag.\nMan vergleiche die beiden Meisterstücke Weber's in\ndieser Gattung, die Ouvertüren zum Freischütz und zum\nOberon (auch die zur Euryanthe, welche, wiewohl nicht\nso gelungen, wie jene beiden, doch immer durch Form und\nArbeit unendlich höher steht, als die neueren Versuche in\nderselben Art), man rufe sich den oft empfundenen Ein-\ndruck beider als reiner Musikstücke in die Erinnerung,\ndann prüfe man die so eben ausgesprochene Ansicht über\ndie künstlerischen Erfordernisse eines Opern-Prologs, und\nman wird uns schwerlich Unrecht geben können.\nAusser der Oberon-Ouverture brachte das Programm\nnoch zwei Orchester-Werke. Gade's Ouvertüre „Im\nHochlande\", die in der schönen Einleitung eine rei-\nzende Eigentümlichkeit zeigt, im Allegro aber die Erwar-\ntungen, welche der langsame Satz erregt, nicht ganz er-\nfüllt, indem es zwar frische Motive hat, allein durch das\nanhaltende Geräusch eintönig wird; denn das regt nicht\nauf, sondern ermüdet—wurde mit Feuer ausgeführt. Beet-\nhoven's Leonore ging im Ganzen auch recht gut, stellen-\nweise vortrefflich (besonders in den Saiten-Instrumenten),\nund machte, wie immer, einen gewaltigen Eindruck, ja,\neinen solchen, dass man, wiewohl das grosse Halleluja von\nHändel darauf folgte, dennoch vielseitig die Ansicht aussprechen\nhörte, das Concert möchte mit der Ouvertüre seinen Ab-\nschluss gefunden haben.\nAber welch ein Dämon mochte dem Trompeter, der\nden Ruf vom Thurme blies, die kleine Bosheit eingegeben\nhaben, durch den Zusatz eines fünften Viertels im letzten\nTacte seines Signals:\neine so treffende Ironie gegen die Naturwahrheits-Musiker\nund die Subjectiv-Auffassungs-Berechtigungs-Vertheidiger\nin die Welt hinein zu blasen? Unseren Hiller verfolgt bei\ndieser Stelle wirklich eine wahre Fatalität oder zu Deutsch:\nPech; in Paris verlor einmal der Trompeter die Fassung\ndergestalt, dass ihm der Ansatz unmöglich wurde, und der\nClarinettist auf Hiller's Wink, dem das Schweigen vom\nThurme bedenklich schien, ihn ergänzen musste, und jetzt\ngibt der Repräsentant der Trompete umgekehrt mehr, als\nverlangt wird! Man könnte nun freilich glauben, der Düs-\nseldorfer habe wieder gut machen wollen, was der Pariser\nversäumt hat; aber wir sind ganz anderer Meinung. Es ist\nuns nämlich gesagt worden, der Trompeter des Musikfestes\nlese die leipziger Neue Zeitschrift für Musik und gehöre\nauch zu denjenigen, denen Hoplit's Schrift über das karls-\nruher Musikfest zu beliebigem Gebrauche zugesandt wor-\nden sei. Natürlich habe er letztere studirt und daraus sich\ndie Lehre vom „individuellen Vortrage im Orchester\" zu\nHerzen genommen, und aus einem geistreichen Aufsatze in\nersterer habe er gelernt, dass Mendelssohn einst die un-\nglaubliche Erfindung gemacht, dass bei dieser Stelle der\nOuvertüre der Dirigent nicht zu dirigiren brauche, woraus\ndenn die Neu-Musiker, und er mit ihnen, folgerten, dass\ndie Naturwahrheit erfordere, den Trompeter sich selbst zu\nüberlassen. Er habe desshalb seinem Nebenmanne anver-\ntraut, dass er bei der Aufführung statt der 2?-Trompete\ndie schärfere C-Trompete zu nehmen gesonnen sei, um\ndurch den Schrei der Dissonanz die Natur der Situation\ndesto besser auszudrücken; auch glaube er, dass die histo-\nrische Wahrheit die C-Trompete erfordere, da zu der Zeit,\nals der Minister in Spanien die Gefängnisse revidirte, in de-\nnen Florestan schmachtete, die in Spanien\nnoch nicht gebräuchlich war, und die verschiedenen Trom-\npeten erst zu König Heinrich's des Voglers Zeiten erfunden\nseien, wie er aus Wagner's Lohengrin wisse. Glücklicher\nWeise redete ihm sein Secundo diesen Vorsatz noch kurz\n/ <"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "212", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550707-01.1.4", "texte": "vor dem Anfange des Stückes aus; allein die Freiheit, ein\npaar Achtel hinzu zu fügen, liess er sich wenigstens nicht\nnehmen.\nDen Spass bei Seite, welcher die Lehre vom indivi-\nduellen Vortrage und von der Wahrheits-Musik bis zu\nihrer lächerlichsten Consequenz zeigt denn quid vetat,\nridendo dicere verum?—, ist es uns doch kaum begreiflich,\nwie man die Absicht des Componisten bei dieser Stelle so\nsehr verkennen kann, dass man glaubt, den Trompeter sich\nselbst überlassen zu müssen! Ein Trompeten-Signal ist\nkein Recitativ, und mit ad li ist es auch nicht be-\nzeichnet, sondern Beethoven schreibt beim ersten Eintritt\ndesselben ausdrücklich darüber: Un poco sostenuto, be-\nstimmt also dem Bläser, während die Saiten-Instrumente\ndas j? Aushalten, ausdrücklich das Tempo und folglich\nauch den Tact; und durch Aenderung beider, namentlich\ndurch Verschnellerung und willkürliche Maass-Bestimmung,\ngeht die ganze unbeschreiblich schöne Wirkung der plötz-\nlichen Ruhe mitten in dem Sturme der Leidenschaft verlo-\nren. Alles könnte man hier eher gestatten, als Drängen\nund Treiben; im Gegenlheil wird .ein unmerkliches Ri-\ntardiren bei den letzten vier Achteln und ein längeres Ver-\nweilen auf der Schlussnote, die ja auch desshalb eine Fer-\nmate hat, an der Stelle sein. Es ist Beethoven's Absicht,\ndass das Signal das erste Mal nur wie ein Ruf der Vor-\nsehung erklinge, der die Rettung ahnen lässt; nach dem\nSchlüsse desselben tritt das Tempo primo, nämlich die\nschnellere Bewegung, zwar wieder ein, aber jene Ahnung\ndrückt sich im Piano der nächsten acht Tacte aus —: da\ntritt die Trompete zum zweiten Male ein, nun aber nicht\nsoslenuto, sondern in demselben\npiü moto und mit schmetterndem Rhythmus, mit der Fer-\nmate erst auf dem Bdes zweiten Tactes, was den Un-\nterschied der Absicht Beethoven's schon charakterisirt, und\nvor Allem „stärker\", was er ebenfalls wieder ausdrück-\nlich vorgeschrieben hat—denn nun ist die Gewissheit\nder Rettung da, und Jaquino's unmittelbar derauf folgende\nWorte bestätigen sie. Weit entfernt von Zugeständnissen\nan irgend eine Willkür, zeichnet Beethoven vielmehr sehr\ngenau seinen Willen in Tact- und Ausdrucks-Art vor. Muss\naber die Stelle in der Oper selbst so, wie wir aus einander\ngesetzt haben, aufgefasst und ausgeführt werden, so muss\nsich ihr Vortrag in der Ouvertüre natürlich danach richten;\nob der Dirigent alsdann dabei tactirt oder nicht, ist höchst\ngleichgültig. Man wird uns diese Abschweifung nicht\nzum Vorwurf machen; bei Beethoven ist jeder Tact ein\nDenkmal seines Geistes, und die Erforschung seiner Inten-\ntionen dabei bis ins Einzelnste für jeden wahren Musiker\neine heilige Pflicht.\nHerr Otto Goldschmidt spielte das G-dur-\nConcert für Piano und Orchester von Beethoven.\nSchon die Wahl dieser herrlichen Composition erweckte\nein günstiges Vorurtheil für den Künstler, und dieses stei-\ngerte sich durch sein würdiges, geschmackvolles, deutliches\nund glattes Spiel zur vollsten und lautesten Anerkennung;\nbesonders verdient der einfache und edle Vortrag des Ada-\ngio Auszeichnung, während wir das Thema des letzten\nSatzes etwas kecker und rhythmisch bestimmter gewünscht\nhätten.\nHerr Concertmeister David trug ein sehr schwieriges\nViolin-Concert, eine der neuesten Compositionen von J u I.\nRietz, mit glänzender Bravour vor. Das Concert dürfte\nnicht gerade zu den so genannt dankbaren für den Spieler\ngehören, allein es ist ein sehr tüchtiges, in grossem Stil\nangelegtes und durchgeführtes Werk, welches die edle\nRichtung und das grosse Talent des Componisten bekundet.\nDer mittlere und der letzte Satz sprachen uns vorzüglich an.\nDie Gesang-Vorträge der Herren Schneider (Mo-\nzart's „Dies Bildnissist bezaubernd schön\") und Mitter-\nwurzer-(Spohr's „Der Kriegeslust ergeben\" aus Jes-\nsonda) fanden verdienten Beifall, konnten aber freilich nicht\nin Vergleich kommen mit den bewundernswerthen Leistun-\ngen der Frau Goldschmidt-Lind, welche durch den\nVortrag von noch drei Gesangslücken (Mozart's „Deh vieni,\nnon tardar\" aus Figaro's Hochzeit Mendelssohn's „Die\nSterne schau'n in stiller Nacht\" —Bellini's Arie aus Beatrice\ndi Tenda), trotz der angreifenden Partieen der zwei ersten\nAbende, entzückte und den vollsten Dank aller Festgenos-\nsen um so mehr dafür verdient, als die grosse Künstlerin\naus reiner Liebe zur Kunst und zu dem niederrheinischen\nMusikfeste und aus Achtung für den Dirigenten Ferdinand\nHiller der Einladung desselben, das Fest zu verherrlichen,\nauf die freundlichste nnd uneigennützigste Weise entspro-\nchen hatte.\n\nL. B.\n\nCorrespondenten-Unfug.\n(S. Nr. 26.)\n2.\nHerr Prof. Breidenstein hat in der früher gedachten\n„Entgegnung\"*) die wahrheitswidrigen Angaben des Cor-\n\n*) Der Abdruck des Artikels von Herrn Prof. Breidenstein in\nder Beilage zu Nr. 2ü der leipziger Neuen Zeitschrift f. Musik\nwimmelt übrigens von Druckfehlern; so muss auch der Name\ndes jungen Componisten aus Köln überall Max Bruch ge-\nlesen werden."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "213", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550707-01.1.5", "texte": "respondenten über die Musik-Zustände in Bonn berichtigt;\nwir kennen Bonn ebenfalls ganz gut, unterschreiben alles,\nwas die „Entgegnung\" darüber sagt, und bedauern nur,\ndass Herr Prof. Breidenstein nicht geradezu und unumwun-\nden ausgesprochen hat, dass in dem fraglichen Aufsatze\neine absichtliche Verläugnung und Entstellung der\nWahrheit ganz offenbar zu Tage tritt. In einem solchen\nFalle, wie der vorliegende ist, wird Schonung zum Unrecht.\nDenn wenn man auch die Dummheit der Aeusserung, dass\nein Gesang-Verein, welcher d r ei s s i g J a h r e lang ununter-\nbrochen bestanden hat und vor anderthalb Jahr mit einem Be-\nstände von 88 Mitgliedern von dem Gründer und Dirigenten\ndesselben selbst geschlossen worden ist, „den Keim des Ver-\nfalls von Hause aus in sich getragen habe\" ! verzeihen kann,\nso verdient doch die Bosheit, welche diesen Keim in der\n„Unfähigkeit des Dirigenten und dessen schiefer Stellung in\nder Gesellschaft, welche letztere namentlich zu man-\nnigfacher Retention Veranlassung geben mochte\" —-\neine schonungslose Brandmarkung. Dass ferner der Cor-\nrespondent das Beethoven-Fest, welches doch welt-\nbekannt ist und gewiss zu den grossartigsten musicalischen\nEreignissen am Niederrheine gehört, gar nicht erwähnt,\ndass er den bonner Männergesang-Verein Concordia\nignorirt, der unter seinem wackeren Dirigenten Fritz\nWenigmann sehr rühmlich bekannt war und manchen\nschönen Preis errungen hat, jetzt aber trotz der Leitung\ndes Herrn v. Wasielewski, unter welchem sich „gegen-\nwärtig ein regeres Treiben für die Kunst zu entwickeln\nscheint\" (Hört! hört! da steckt des Pudels Kern!), factisch\ntodt ist, wenn auch dem Namen nach noch vorhanden;\ndass er ferner so thut, als wären „regelmässige Abonne-\nments-Concerte in Bonn erst seit zwei Wintern\" eingerich-\ntet u. s. w. das alles verrälh so arge Blossen, dass wir\nbedauern, dass der Correspondent sich dadurch in eine\nmehr als schiefe Stellung zu der musicalischen Welt\ngebracht hat.\nSeine Bemerkungen über Aachen zeigen leider den-\nselben Geist und Charakter, wie diejenigen über Bonn.\nUnsere Leser kennen die Musik-Zustände von Aachen aus\nden Berichten unseres Correspondenten (vergl. Nr.\n20 vom 19. Mai d. J.). Aus der leipziger Zeitung aber\nerfahren wir: „Aachen zeichnete sich seither durch eine\ngewisse Mittelmässigkeit und Halbschürigkeit aus —es\nkommt dort das musicalische Leben zu keiner ordentlichen\nBlüthe seit vierzig Jahren keine geeignete Persönlichkeit\nan der Spitze [so wie in Bonn seit der Säcularisation! Und\ndoch ist der Herr Correspondent selbst noch sehr jung am\nRheine, und nach einem derartigen Auftreten dürfte er\nschwerlich alt daselbst werden!] Parteien, deren Inten-\ntionen gleich unerquicklich sind von bemerkenswerthen\nErfolgen kann nicht die Rede sein.\"\nUnd wer ist daran schuld? Ei, wer anders, als wie-\nderum der Musik-Director! Herr von Turanyi „soll\nden Anforderungen an einen guten Dirigenten keineswegs\nentsprechen [der Correspondent urtheilt also vom Hören-\nsagen!]— man wünschte ihn zu entfernen, was jedoch un-\nausführbar war, da ein Conlract ihm seine Stellung noch\nauf die nächsten Jahre sicherte.\" Dies ist eben so ma-\nliciös als unwahr: denn Herr von Turanyi ist erst vor Kur-\nzem wieder durch einen erneuten Contract auf sechs\nJahre als städtischer Musik-Director angestellt worden.\nDarauf folgt Herr F. Wenigmann in der Musterung,\nwelche der leipziger Correspondent über die niederrheini-\nschen Musiker hält. Jener Künstler heisst ihm „ein Herr\nWenigmann\", so ein Dings da, der „als Vorgeiger\nnach Aachen berufen worden ist\". Der Correspondent thut,\nals kenne er Herrn Wenigmann kaum, und doch ist es\nderselbe Wenigmann, welcher die Concordia in Bonn\nJahre lang dirigirt hat, dieselbe Concordia, welche der Cor-\nrespondent ignorirt, weil sie unter „einem Herrn\" We-\nnigmann in Blüthe stand und jetzt unter dem viel genann-\nten Herrn v. Wasielewski des Todes verblichen ist—; der-\nselbe Wenigmann, der zugleich mit L. BischofF an der\nSpitze des Beethoven-Vereins in Bonn stand, wie der Cor-\nrespondent selbst sagt desselben Beethoven-Vereins, für\nwelchen Herr v. Wasielewski als „Vorgeiger\" durch den Ein-\nfluss von Prof. Heimsoeth und L. Bischoff engagirt wurde.\nAllein dem Correspondenten ist Herr Wenigmann nicht\n„ein distinguirter Künstler\", sondern „eben nur ein hon-\nneter Routinier\", der „eben so wenig wie Herr von\nTuranyi für den Dirigenten-Posten in Aachen taugt\".\nNun, das ist richtig: honnet, d. h. ehrlich, ist Fritz\nWenigmann; er ist allen Ränken und Schlichen, um sich\nempor zu bringen, vollkommen fremd, er versteht seine\nPartitur und hat offenbares Directions-Talent, stellt sich\naber aus Liebe zur Sache bei einem Dirigenten, den er\nachtet, ohne alle persönliche Eitelkeit eben so gern an das\nerste Violinpult und ist dann ein Anführer des Orchesters,\nwie man ihn nur wünschen kann. Als Wenigmann und\nseine Brüder noch in Bonn waren, hatte man dort doch\nauch Quartett-Soireen, wie sie auch jetzt in Aachen von\nihnen veranstaltet worden sind. Was hat man denn „ge-\ngenwärtig, wo ein regeres Treiben lür die Kunst in\nBonn beginnt\", dort von Kammermusik aufzuweisen? und"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "214", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550707-01.1.6", "texte": "warum erwähnt der Correspondent weder jener bonn'schen,\nnoch der aachen'schen, noch der kölnischen Soireen? Ge-\nhört bei ihm die Cultur dieser Gattung der reinen Musik\nnicht zu den Gegenständen eines Berichtes über die musi-\ncalischen Zustände eines Landes? oder ist desshalb nicht\ndie Rede davon, weil gegenwärtig in Bonn nichts da-\nvon vorhanden ist?\nEs erregen denn auch in Aachen „die Winter-Con-\ncerte kein sonderliches Interesse\"—vom dortigen, sehr\nwirksamen Inslrumental-Vereine und dessen Sinfonie-Soireen\nkennt der Correspondent nur den Namen, weiter nichts,\ndie Concordia unter C. F. Ackens ignorirt er— und\n„die Musik-Director-Frage ist eine Klippe, über welche\nman kaum anders hinwegkommen wird, als wenn man auf\nbeiden Seiten reinen Weg macht, sich einigt und einen\nim Berufsleben erfahrenen, bereits bewährten Künstler her-\nbeizieht\" d. h. Herrn von Turanyi und Herrn Wenig-\nmann in Gnaden enllässt und etwa Herrn von Wasielewski\nberuft, um endlich auch dort ein „regeres Treiben lür die\nKunst\" hervor zu rufen.\n\nAus Braunschweig.\n\nDie Leistungen Braunschweigs in musicalischer Hin-\nsicht während der verflossenen Saison gingen hauptsäch-\nlich von vier Factoren aus: der Sing-Akademie, der\nherzoglichen Hof-Capelle, den Gebrüdern Müller\nund dem Capellmeister Abt. Vertraten die drei Erstge-\nnannten hauptsächlich die classische Richtung in der Musik,\nso huldigte Letzterer in seinen Concerten fast nur der Mo-\ndernität. Die Theilnahme des Publicums wandte sich Allen\nin gleichem Maasse zu. So wünschenswerth es ist, dass\nkünstlerische Autoritäten sich der Gegenwart nicht ver-\nschliessen, und wie willkommen sie einem grossen Theile\nder musikliebenden Welt mit den neuesten Artikeln ihres\nFaches sein mögen, so glauben wir doch von dem Ge-\nschmacke der Braunschweiger mit Sicherheit annehmen zu\nkönnen, dass der lebhaften Theilnahme an den Winter-\nConcerten unseres jungen Orchesterlührers zum grössten\nTheile persönliches Interesse zum Grunde lag, und dass der\njunge Meister in dieser Theilnahme durchaus keine Billigung\nseiner, auch in den von ihm einstudirten Opern zu Tage\ntretenden hypermodernen Richtung erkennen darf. Verfol-\ngen wir den Bildungsgang der Braunschweiger in musica-\nlischer Beziehung, so finden wir, dass ihr Geschmack doch\nzu sehr an Gehaltvolles und Gediegenes gewohnt ist, um\nvon dem bloss Neuen und Pikanten lange in Anspruch ge-\nnommen zu werden, und wir könnnn Herrn Franz Abt\nnur rathen, diese Theilnahme zu einem ernsteren Streben\nnach Classicität zu benutzen, wenn er nicht Gefahr laufen\nwill, demnächst vielleicht in einem Wettstreite mit rivalisi-\nrenden Kräften in der Gunst des Publicums zu unterliegeu.\nDie Sing-Akademie brachte im Verlaufe des Win-\nters zwei grössere Aufführungen: den Tod Jesu von Graun\nund das Paradies und die Peri von Robert Schumann.\nUnserer eben ausgesprochenen Meinung über den Ge-\nschmack des braunschweiger Publicums entsprechend, war\ndie Theilnahme bei dem Schumann'schen Werke, obgleich\ndasselbe den Reiz der Neuheit für sich hatte, gering und\nder Beifall bei der Aufführung lau, wohingegen die Graun'-\nsche Schöpfung den schönen Saal des altstädter Rathhauses\nmit einer zahlreichen und theilnehmenden Zuhörerschaft\nlullte. Schumann's Arbeit leidet ungeachtet vieler fein em-\npfundenen, originellen Einzelheiten an einer gewissen Ge-\nsuchtheit, an einem absichtlichen Haschen nach instrumen-\ntaler und rhythmischer Ursprünglichkeit, die weder Hörer\nnoch Mitwirkende sehr befriedigt und zu der Begeisterung\nanregt, welche die alten Meister hervorzurufen lähig sind.\nDas Graun'sche Werk, jetzt volle hundert Jahre alt, trug\nhingegen in den meisten Partieen die unverkennbaren Zei-\nchen jener ewigen Jugend, die das Genie charaklerisirt; es\nredete zu uns die Sprache, welche die Natur in musicali-\nschen Gemüthern stets reden wird, und stärkte uns durch\ndie kräftige Bestimmtheit seiner Gedanken. Dass Vieles in\ndem Oratorium, dem man ausserdem den Vorwurf einer\nzu weltlichen Auffassung machen könnte, veraltet ist, dür-\nfen wir uns gleichwohl nicht verhehlen; es kommt dieses\njedoch auf Rechnung des Geschmacks der damaligen Zeit,\nwie denn wohl noch nie ein Kunstwerk eine so absolute\nIdealität erreichte, dass es sich von dem Charakter der Zeit,\nin welcher es entstand, durchaus frei erhalten hätte; wir\nrechnen hierhin namentlich die stereotype Behandlung der\nRecitative und Arien. Die Chöre hingegen sind vorzüglich\nund in Bezug auf Sangbarkeit und Wirkung der Stimmen\nüber alle Productionen der Neuzeit, die Mendelssohn'schen\nWerke ausgenommen, erhaben, wodurch aufs Neue der\nBeweis geliefert wurde, dass die alten Meister das Tech-\nnische,, das eigentlich Handwerksmässige ihres Faches für\nweit wichtiger hielten, als manche neuere Genie's zugeben\nwollen, die über Mangel an Verständniss klagen, wenn Nie-\nmand ihre Productionen executiren kann.\nDas berühmte Quartett der Gebrüder Müller ist\njetzt leider durch den Tod des jüngsten der Brüder, des\nCapellmeisters Georg Müller, zerrissen. Es ist dieser\nTodesfall in so fern eija unersetzlicher Verlust, als die Welt"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "215", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550707-01.1.7", "texte": "schwerlich ein solches Quartett wiedersehen wird.. Gleiche\nSchule von Jugend auf, das stete Zusammenleben an Einem\nOrte, wie unausgesetzte Hebungen machten es den Brüdern\nmöglich, ihr Streich-Quartett in solcher Vollkommenheit\nzu geben, dass die Täuschung lür den Hörer, als ob alle\nvier Bogen sich in Einer Hand bewegten, vollkommen er-\nreicht wurde. Eine grössere Einheit in den Nuancirungen,\nüberhaupt ein trefflicheres Zusammenspiel lässt sich nicht\ndenken. Der Zuhörerkreis, vor welchem die Gebrüder Müller\nsich seit einer langen Reihe von Jahren hindurch hören\nliessen, war fast stets derselbe; er bestand aus der Elite\nder Musik-Liebhabar Braunschweigs, welche sich gleichfalls\nim Altstadt-Ralhhaussaale, diesem für Instrumental-Musik\ngünstigsten und bezüglich der Ausstattung würdigsten\nRunst-Locale Braunschweigs, zusammenfand, und auch im\nverflossenen Winter-Halbjahre durch eine Reihenfolge haupt-\nsächlich Beethoven'scher und Haydn'scher Quartette er-\nfreut wurde.\nWas nun schliesslich den vierten Pfeiler unseres mu-\nsicalischen Kunsttempels, die Concerte unserer Hofcapelle,\nanbelangt, so ist auch in ihren Leistungen die classische\nRichtung vorwiegend gewesen, und heben wir zum Beweise\nnur die Aufführung von Mozart's und Beethoven's\nC-moll-Sinfonie hervor, welche uns der letzte dieser Con-\ncert-Abende brachte. Ueber beide Werke ist schon zu viel\ngesagt worden, als dass wir uns nicht darauf beschränken\nsollten, nur anzuführen, dass die vollendete Ausführung das\nCharakteristische beider Schöpfungen, die Vollendung der\nForm, die abgerundete Fassung der Gedanken, das Flies-\nsende der Modulation der Mozart'schen Sinfonie im Gegen-\nsatze zu den barocken, aber heldenhaften Umrissen des Beet-\nhoven'schen Werkes, der Kühnheit seiner Harmonie-Füh-\nrung, der überreichen Fülle an Thematen, die fast das\nGleichmaass der Sätze in sich und gegen einander gefähr-\ndet, ohne dass jedem das Gepräge des höchsten Schwun-\nges mangelt, aufs genaueste und dem Hörer zum höchsten\nGenüsse gereichend hervorhob.\nAus welchem Grunde Henry Littolf seine neu vollen-\ndete Sinfonie bisher der Oeffentlichkeit vorenthalten und\nüberhaupt sich seit längerer Zeit schweigend verhalten hat,\nvermögen wir nicht anzugeben; hoffen wir, im nächsten\nWinter, für welchen auch die Aufführung der Freuden-\nthal'schen Oper „Die Barden\" auf dem hiesigen Hoftheater\nbevorsteht, mit diesem neuesten Werke seiner Muse be-\nkannt gemacht zu werden und ihn selbst wieder als aus-\no\nübenden Künstler thätig zu sehen.\n\nBh.\n\nAus Gotha.\nIm Juni 1855.\nMit dem Schiasse unserer Theater-Saison, ''der in der Regel zu\nOstern erfolg!, tritt hier eine gewisse Ruhe im Musikleben ein, die\nnur dann und wann durch das Erscheinen eines fremden Musik-\ncorps oder durch eine öffentliche Production von unseren unter\nLeitung des Herrn Musik-Directors Wandersieb stehenden Vo-\ncal-Vereinen unterbrochen wird. Zwar fehlt es nicht an Garten-\nConcerten, deren Programme auch manche interessante Nummer\nenthalten; doch gehört eine Besprechung solcher nicht in dieses\nBl itt. Aufführungen von grösseren Musikwerken, wie solche in frü-\nheren Jahren von Herrn Wandersieb veranstaltet wurden, können\nhier nur mit ausserordentlichen Geldopfern zu Stande gebracht\nwerden, da Gotha gegenwärtig sehr arm an Instrumentalkräften ist\nund nicht einmal einen Stadt-Musicus aufzuweisen hat, während in\nanderen, zum Theil viel kleineren Städten Thüringens, z. B. in\nWeimar, Arnstadt, Jena etc., ganz respektable Instrumentalkräfte\nsich vorfinden. Es ist sehr zu bedauern, dass in Gotha, welches in\nwissenschaftlicher Beziehung, wie auch in mehreren Kunstzweigen\neinen so wohlverdienten Ruf geniesst, gerade für Musik, wenigstens\nfür Beschaffung eines den Anforderungen der Zeit genügenden Or-\nchesters, bis jetzt äusseret wenig gethan werden konnte. Das Be-\ndürfnis s nach einem tüchtigen Orchester ist zwar von den betreffen-\nden Behörden sowohl, als auch vom Publicum schon längst aner-\nkannt, und ist diese Angelegenheit auch früher in unseren Local-\nblättern vielseitig erörtert worden; aber die Finanz-Verhältnisse der\nhiesigen Commune gestatten keine aussergewöhnlichen Opfer, in\nFolge dessen die seit Jahren vacante Stadt-Musicus-Stelle bis jetzt\nnoch nicht besetzt ist. Welches Resultat die jüngsten Bemühungen\neiner Anzahl hiesiger Musikfreunde für Beschaffung eines erheb-\nlichen Capitals zu musicalischen Zwecken erzielen werden, ist noch\nnicht bestimmt voraus zu sehen. Jedenfalls verdient das Unterneh-\nmen von Seiten der Behörden und der Bürgerschaft die wärmste\nUnterstützung.\nUnter den seit Ostern von auswärtigen Musikern gegebenen\nConcerten verdient das am 20. Mai von Herrn Stadt-Musicus Har-\nras aus Arnstadt im Verein mit Herrn Concertmeister Uhlrich\naus Sondershausen veranstaltete besonderer Erwähnung. Die Ouver-\ntüren zu Ruy-Blas, zu Oberon, so wie auch das erste Finale aus\nLohengrin wurden mit ausgezeichneter Präcision und auch in son-\nstiger Hinsicht fast tadellos durchgeführt. Ganz besonders gelang\nes Herrn Concertmeister Uhlrich, durch sein herrliches Violinspiel\nunser sonst ziemlich kaltes Concert-Publicum zu enthusiastischem\nBeifall hinzureissen.\nHerr Capellmeister Drouet ist auf höchsten Befehl von hier\nnach Paris abgereis't, um die Aufführung der Oper unseres Her-\nzogs, „Santa Chiarau, vorzubereiten. Dem Herrn Concertmeister\nLampert, der schon seit geraumer Zeit die Oper unseres Hof-\ntheaters dirigirt, wurde das Prädicat „Capellmeister\" officiel er-\ntheilt, so wie dem Herrn Kammer-Musicus Krämer das Prädicat\n„Concertmeister\",\n1 3\nI «**\n/"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "216", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550707-01.1.8", "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMolsi« Der hiesige Männer gesang-Verein hat am 30.\nJuni unter Leitung seines Dirigenten F. WTeber in Neuwied\nein Concert gegeben, dessen vollständiger Ertrag ohne Abzug der\nKosten für das dortige neue Krankenhaus, welches unter dem Pro-\ntectorate Ihrer Durchlaucht der Frau Fürstin Marie von Wied\nsteht, bestimmt war. Die fröhliche Stimmung, welche schon bei der\nRheinfahrt auf dem festlich geschmückten Dampfboote der nieder-\nländischen Gesellschaft herrschte, vor Allem aber die ehrenvolle\nAufnahme des Vereins durch die fürstliche Familie auf dem rei-\nzenden Lustschlosse Monrepos, wohin die Sänger zu einem De-\njeuner dinatoire unter dem Laubdache der hochragenden Buchen des\nherrlichen Parks eingeladen waren, dann der gedrängt volle Con-\ncertsaal in der Stadt und der lebhafte Beifall, die zuvorkommende\nAufmerksamkeit der Anordner des Concertes, die herzliche Gast-\nfreundschaft der Neuwieder, welche dem Vereine ein glänzendes\nSouper von 130 Gedecken gaben und ihre Wohnungen zur Auf-\nnahme der Sänger zur Verfügung stellten: alles das machte diesen\nTag zu einem schönen Feste, welches in den Annalen des Männer-\ngesang-Vereins und in der Erinnerung aller Theilnehmer einen\nvorzüglichen Platz einnehmen wird.\nHerr Hof-Capellmeister Kücken aus Stuttgart hielt sich bei\nseiner Durchreise einen Tag hier auf.\nIn Leipzig wird Riccius die Musik-Director-Stelle am Thea-\nter übernehmen, da J. Rietz seine Thätigkeit ausschliesslich den\nGewandhaus-Concerten zu widmen hat.\nDie Wiener Monatsschrift für Theater und Musik\nzeigt an, dass eine Original-Handschrift von Mozart, enthaltend\ndie Partitur einer Messe (einer ungedruckten?), 20 Blätter in Folio,\nfür 1200 Gulden zu kaufen ist.\nRoger ist bei der grossen Oper in Paris vom 1. Juli an auf\nvier Monate angestellt worden. Er tritt zuerst im Propheten wie-\nder auf und wird die Haupt-Partie in der Oper Santa Chiara\nvom Herzog von Gotha singen.\nRossini wohnt keinen öffentlichen musicalischen Productionen\nbei; er hat nur Einmal einige italiänische Sänger und Sängerinnen\nin kleinerem Cirkel bei sich gesehen, wo indess auch wenig Musik\ngemacht und nur einige Romanzen u. dgl. gesungen wurden. Das\nGeräusch der grossen Stadt ist ihm bereits zuwider geworden, und\ner ist aufs Land gezogen.\n■ i v\nDie Preis-Jurv für musicalische Instrumente auf der\nAusstellung in Paris besteht aus den Herren Helmesberg er\nvon Wien, Halevy und Berlioz von Paris.\nEin Musikfest in Frankreich. Die Grande Association\nmusicale de I'Ouest, einer der wenigen grossen Musik-Vereine, wel-\nche in Frankreich nach deutschem Muster sich organisirt ha-\nben, und der schon seit vielen Jahren besteht (nur 1848 und 1849\nfand eine Unterbrechung seiner Feste Statt), hat dieses Jahr seine\nVersammlung in Poitiers gehalten. Am ersten Tage wurde die\nMesse von Haydn in D in der Kirche aufgeführt; die Soli\nsangen FräuJ. Cinti-D am oreau und eine Dilettantin, und die\nHerren Lyon und Stockhausen. Am zweiten Tage wurde ge-\ngeben die Sinfonie in B-dur (Nr. 4) von Beethoven, drei\nChöre aus Samson von Händel (zum ersten Male in Frank-\nreich !), zum Schlüsse Allegro appassionato, Elfenchor und Hochzeits-\nmarsch aus Mendelssohn's Musik zum Sommernachtstraum.\nFest Dirigent \"war Herr Chaine, von dem auch eine Ouvertüre\n„Rübezahl44 aufgeführt wurde. Unter den Solisten ragte Alard aus\nParis hervor, welcher ausser seinen Variationen über ein Thema\naus der Regimentstochter, den ersten Satz des Violin-Concer-\ntes in D von Beethoven mit einer glänzenden Cadenz spielte.\nDas bekundet einen anerkennungswerthen Fortschritt bei unse-\nren Nachbarn; Paris lässt sich von der Provinz überflügeln! Der-\nselbe musical ische Vereintes Westens hat auch im Jahre\n1839 Men dclssoh n's Paulus zuerst in Frankreich aufgeführt;\nallein zu uns kommt nur die pariser Presse herüber, und diese\nhält es selten für der Mühe werth, künstlerische Leistungen in der\nProvinz zu erwähnen.\nBei dem Sängerfeste zu Lille am 17. und 18. Juni fand\nein Wettstreit von Männergesang-Vereinen und Militär-Musikcorps\nStatt. Es nahmen französische, belgische und deutsche Vereine\n(letztere jedoch nur am Gesang-Wettstreite) Theil; einen zweiten\nPreis erhielten die Orphea von Aachen und der Verein von\nLobberich. Von französischen Vereinen wurden die Orpheonisten\nvon Turcoing, von Douai, die Enfants de Lutece von Paris\ndurch Preise, von Ar ras durch rühmliche Erwähnung ausgezeich-\nnet; von belgischen die Grande Harmonie von Brüssel und die\nMelomanes von Gent. In der Jury sassen unter Anderen Adam\nund Panseron von Paris, Steinkühler und Danel von\nLille, u. s. wr.\nDer Theater-Director zu Nancy, über welche Stadt bekannt-\nlich die Eisenbahn von Paris nach Strassburg führt, kann für die-\nses Jahr keine Mitglieder bekommen, da im vorigen sechs seiner\nBühnenkünstler, von denen noch Keiner das achtundzwanzigste\nJahr erreicht hatte, gestorben sind.\nDie Belagerung von Sebastopol hat unter den vielen anderen\nauch das Opfer eines ausgezeichneten Dilettanten, einer echt künst-\nlerischen Natur, gefordert. Der französische Oberst Hardy war\nein tüchtiger Musiker und Maler; in Algier hat er zwei Opern\nvon seiner Composition aufführen lassen, und als Zeichner war er\nbesonders geschickt im Treffen. Er fiel bei der Eroberung des\n„grünen Hügels44.\nDas Denkmal Donizetti's in Bergamo in der St. Marien-\nkirche ist dem Componisten nicht von der Stadt, sondern von sei-\nnen beiden Brüdern in Marmor errichtet worden."}]}