{"numero_id": "bm-bmtnabi-1855-07-14-01", "volume": "bmtnabi_1855-07-14_01", "ocr_sha256": "012e15d824af16cd1dd4fbac7b14179c5125a458065434bf8bc7e21ec21c8eb4", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1855/07/14_01/bmtnabi_1855-07-14_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550714-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1855-07-14-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-07-14_01#c001", "volume": "bmtnabi_1855-07-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "217", "page_fin": "221", "image_debut": 1, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550714-01.2.1", "titre_corps": "Correspondenten-Unfug.", "titre_sommaire": "Correspondenten-Unfug.", "signature_source": "L. Bischoff", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "217", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550714-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3909, "texte": "Correspondenten-Unfug.\n\n(Schluss. S. Nr. 26 und 27.) *\n3.\nWir kommen mit unserem Crispinus (wir wollen ihm\nder Kürze halber einen Namen geben nach dem Vorgange\nsi parva licet componere mag—des Horaz:\nEcce iterum Crispinus et\nAd partes!—)\nnach Düsseldorf, welches „eine Reihe namhafter, so-\ngar bedeutender Männer\" (ei, wie gütig!) im musicalischen\nWirken gehabt hat, dem jetzt aber auch „der Stern des\nGlückes untergegangen zu sein scheint\". Mendelssohn hat\nnach Crispinus „unverhohlen und das mit vollem\nRechte (Crispinus kennt also aus eigener Erfahrung den\ndüsseldorfer Boden?) erklärt, dass der düsseldorfer Boden\nin musicalischer Hinsicht ein sehr steriler sei\".\nWir wissen sehr wohl, dass Mendelssohn an dem ge-\nwöhnlichen Musicanten-Dünkel Anfangs einige unange-\nnehme Erfahrungen in Düsseldorf machte; dass er aber so\numfassend, wie Crispinus es angibt, über den Sinn für Ton-\nkunst u. s. w. in Düsseldorf abgesprochen haben solle,\nglauben wir kaum; sollte Crispinus eine ähnliche Aeusse-\nrung von ihm irgendwo aufgeschnappt haben, so ist es je-\ndenfalls eine Indiseretion, sie in die Oeffentlichkeit zu brin-\ngen. Die Verantwortung dafür fällt einzig und allein auf\nihn selbst, zumal da er das darin enthaltene Urtheil aus-\ndrücklich bestätigt*).\nEs ist nicht unsere Sache, über die allerdings „be-\ndauerlichen Conflicte\", welche in letzter Zeit in Düsseldorf\nStatt gefunden haben, ins Einzelne zu gehen und die Vor-\nwürfe zu widerlegen, welche Crispinus den Düsseldorfern\nmacht. Zu seiner Charakterisirung wollen wir nur bemer-\nken, dass seine Behauptung, „dass diese Conflicte weniger\nSchumann zur Last zu legen sind als denjenigen, welche\nsie durch seine Berufung mittelbar hervorge-\nrufen haben\" (S. 182), durch ihre Naivetät stark, wie-\nwohl im umgekehrten Falle, an den berliner Jungen erin-\nnert, der die-Finger verfror und ausrief: „Es geschieht\nmeinem Vater schon recht: warum koft er mir keene\nHandschuh.\" Den Düsseldorfern selbst müssen wir es über-\nlassen, sich gegen „ die hämische, unzarte, ja, gröbliche (?)\nManier, welche von jeher einen Theil des so genannten ge-\nbildeten Publicums (in Düsseldorf oder auf der ganzen\nErde?) höchst vortheilhaft ausgezeichnet hat\", gegen „den\nMangel an gutem Willen\", gegen die „Ungeschicklichkeit\",\ngegen „den Contractbruch\", gegen „den Gewaltstreich\",\nmit welchem sie dem „in Düsseldorf lebenden Herrn\nTausch*) die Functionen als Dirigent übertrugen\", u.s.w.\nzu rechtfertigen.\nNach Allem dem scheint für Crispinus am Niederrheine\nja wohl gar keine Musik vorhanden zu sein? O nein! Aus-\nserdem, dass in Bonn gegenwärtig endlich seit der Säcula-\nrisation ein regeres Treiben erwacht, „geschieht in Köln,\nnamentlich aber in der letzten Zeit, sehr viel für Hebung\nder Kunst und mit Erfolg\". Es wird die „Musikschule\",\nes werden die „Gesellschafts-Concerte\" hervorgehoben.\nMan sollte nach dem bisher Erwähnten und aus dem Be-\nrichte Angeführten erwarten, dass es auch hier scharf her-\ngehen würde, wenigstens, dass vielleicht einige Unvollkom-\nmenheiten und Mängel, die bis jetzt bei dem besten Willen,\nwie wir hier in Köln selbst sehr wohl einsehen, noch nicht\nganz zu beseitigen waren, gerügt werden würden. Keines-\nwegs. Beide Institute werden auf ihrem jetzigen Stand-\npunkte sehr gerühmt, besonders werden die von auswärts\nherbeigezogenen Lehrkräfte ausgezeichnet, und von Ferdi-\n\n*) Auffallend bleibt es denn doch, dass bei dem „so sterilen\nmusicalischen Boden\" Düsseldorfs sich zur Bewerbung um die\ndort erledigte Müsik-Director-Stelle zwischen 40 bis 50 Mu-\nsiker gemeldet haben, und noch auffallender, dass sogar un-\nseres Crispinus Name auf der Liste stehen soll! Das halten\nwir aber für Verleumdung; er ist jedenfalls zu bescheiden,\num der Nachfolger „sogar bedeutender\" Männer werden zu\nwollen.\n*) Wenn wir uns nicht sehr irren, ist Xrispinus mit Herrn\nTausch, von dem er nur eben weiss, dass er in Düsseldorf\nlebt, auf Du und Du befreundet»"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "218", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550714-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5075, "texte": "nand Hiller wird behauptet, dass „nur unter seinem Pro-\ntectorate\" die Musikschule so wie bisher habe gedeihen\nkönnen. Das alles ist stark aufgetragen; man merkt die\nAbsicht, und man wird verstimmt. Niemand ist weiter da-\nvon entfernt, als wir, Hiller'n sein unbestrittenes Verdienst\num die Musikschule verkürzen zu wollen; aber ein Mann,\nder das Directorat einer Schule annimmt, mag er dalür\nreichlich oder kärglich bonorirt werden, weiss, was seine\nPflicht ist, und wird sich vor dem Titel eines „ Protectors\"\nbedanken, in welchem er nur eine verächtliche Schmeichelei\nsehen kann.\nEben so wenig bestreiten wir den wackeren Künstlern\nund Lehrern, welche unsere Mitbürger geworden sind und\nim schönsten Verein mit den bereits früher hier angesesse-\nnen Musikern an der Musikschule wirken, ihre Tüchtigkeit.\nAllein lür wahrheitswidrig, ungerecht und erbärmlich halten\nwir es, wenn die letzteren nur so nebenbei genannt werden,\nund wenn, wo von niederrheinischen Musik-Zuständen die\nRede ist, von einem Künstler, wie Franz Hartmann\nwar, eben nur in Parenthese gesagt wird: „(ein hier mit\nRecht sehr beliebter Künstler)\" ! Diese einzige Aeusserung\ncharakterisirt den Berichterstatter völlig ihn, dem vor\nRespect vor dem für Köln unersetzlichen Hartmann die\nFeder hätte aus der Hand fallen müssen, wenn er nur an die\nvielen Concerte gedacht hätte, in welchen er das Glück hatte,\nvon ihm lernen zu können. Eben so obenhin werden kaum\nerwähnt Derckum, der mehr Musik in seinem kleinen\nFinger besitzt, als Crispinus im ganzen Leibe, und We-\nber, der als Gesang-, Ciavier- und Orgel-Lehrer, als Diri-\ngent der Sing-Akademie und des Männergesang-Vereins\neine langjährige, erfolgreiche Wirksamkeit hinter sich hat\nund in ungeschwächter Kraft fortarbeitet. Ja, Crispinus\nentblödet sich auch nicht, zu sagen: „namentlich fehlte\nes an tüchtigen Lehrern lür Pianoforte und Violon-\ncell\", während das „kölner Quartett\", dessen Violoncellist\nB. Breuer seit seiner Gründung gewesen ist, längst einen\nbedeutenden Ruf hatte, ehe Crispinus zum ersten Male die\nUfer des Rheines gesehen.\nLies't man dann ferner bei ihm, dass in Köln „meh-\nrere Männergesang-Vereine existiren, von denen einer so-\ngar Berühmtheit erlangt hat\", so kann man natürlich dazu\nnur lächeln, weil die Aeusserung zu dsimm ist. Ernstere\nZurechtweisung verdient dagegen die Behauptung, dass die\nsämmtlichen Gesang-Vereine, auch die lür gemischten Chor,\nkeinen Einlluss auf die Gestaltung des öffentlichen Musik-\nlebens üben! Die sehr besuchten Concerte des Männerge-\nsang-Vereins, die öffentlichen Versammlungen der Weber'-\nsehen Sing-Akademie werden natürlich mit Stillschweigen\nübergangen, und von dem städtischen Sing-Vereine, über\ndessen wechselnde Zu- und Abnahme Manches, was aber\nnicht in den Kram des Herrn passte, der Sache wegen\nhätte gesagt werden können, ist so gut wie gar nicht die\nRede.\nDass in Köln zwei Musik-Zeitungen erscheinen und\nausserdem die Kölnische Zeitung ihr Feuilleton sehr häufig\nauch der musicalischen Kritik widmet, sind Dinge, welche\nnach Crispinus wahrscheinlich nicht zu den Musik-Zustän-\nden einer Stadt gehören. Doch wir irren uns: er spricht\nvon der Tages-Kritik und ihrem verderblichen Einflüsse\nauf das niederrheinische Publicum zwar nur in einer An-\nmerkung, allein wir müssen die betreffende Stölle doch her-\nvorziehen, sie ist gar zu charakteristisch.\nCrispinus beginnt nämlich seine Schilderung mit einem\nUeberblick der „Musik-Zustände am Niederrheine, wie sie\nsich im grossen Ganzen während langer Jahre zeigten\".\nDieses reiche Thema wird auf zwei und einer halben Spalte\nabgethan, welche nichts als eine höchst oberflächliche Bespre-\nchung der „so genannten Pfingstfeste\", soll heissen niederrhei-\nnischen Musikfeste, enthalten. Wenn man die Dürftigkeit und\nDürre dieser Besprechung mit dem Reichthume der Quel-\nlen vergleicht, die dem Verfasser hier zu Gebote standen,\nund gewahrt, wie er nirgends nur einiger Maassen warm\nfür die Sache wird, nirgends auch nur eine Spur von rich-\ntiger Auffassung des Schönen und Grossen und von Wür-\ndigung des bedeutenden Einflusses der Musikfeste auf das\nKunstleben am Rheine verräth, wie er zu einem freien\nBlicke in das innere Wesen der Sache sich nirgends be-\nfähigt oder gewillt zeigt, sondern sich an Aeusserlichkeiten\nhält und stets nur scheel sieht: so kommt man zu derVermu-\nthung, dass es ihm nur um Gunstbuhlerei bei einer gewis-\nsen Propaganda zu thun gewesen, und dass der Zweck die-\nses ganzen Artikels kein anderer sei, als sich durch ein\nProbestück bei, den Häuptern derselben um den Posten\neines vorgeschobenen Wächters am Rheine zu bewerben.\nDaher sind ihm denn unsere Musikfeste nicht aus der\nFreude am Gesänge und dem Sinne für das Hohe und\nEdle in der Tonkunst entstanden, sondern „das Unterneh-\nmen wurde besonders und wohl zuvörderst dadurch be-\ngünstigt, dass die betheiligten Städte nur in geringer Ent-\nfernung liegen\" !\nWie anders spricht sich darüber ein Aufsatz über das\ndiesjährige Fest in den Grenzboten (Nr. 27 vom 29. Juni)\naus! Der Verfasser (wahrscheinlich Prof. O. Jahn in Bonn)\nsagt gleich von vorn herein:"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "219", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550714-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5084, "texte": "„Die musicalischen Leistungen eines Musikfesles be-\nruhen wesentlich auf der Grundlage eines starken und vol-\nlen Chors—und der Chorgesang ist die Stärke der Rhein-\nlande. Schöne, klingende Stimmen sind dort häufig, und\neine frische, fröhliche Lust am Singen ist allgemein verbrei-\ntet, und seit Jahren wird allenthalben, selbst in kleinen Or-\nten, durch Gesang-Vereine der Chorgesang geübt und ge-\npflegt. Diese günstige Disposition mag wohl dazu beigetra-\ngen haben, die Musikfeste ins Leben zu rufen und zu er-\nhalten; allein nicht geringer ist gewiss auch der Einfluss,\nden ihre regelmässige Wiederkehr auf die Wirksamkeit\nder Gesang-Vereine geübt hat.\" Nachdem er diesen Ein-\nfluss auf die Richtung des „ Sinnes lür das Grosse und Be-\ndeutende beim Publicum und vorzüglich auch bei den\nMitwirkenden\" näher erläutert, bemerkt er schliesslich:\n„Je mehr dieser Sinn befestigt und allgemein wird, um so\nmehr werden die Musikfeste zu einer naturgemässen und\nwahrhaft festlichen Aeusserung des musicalischen Sinnes,\nder im Volke Wurzel gefasst hat und Blüthen und Früchte\ntreibt.\"\nKehren wir dagegen zu unserem Crispinus zurück, so er-\nfahren wir, dass die niederrheinischen Musikfeste „ für einen\ngrossen Theil des Publicums den Reiz der Neuheit\nverloren haben mochten\"—(dies ist wieder ein Gegenstück\nzu dem Schlafe der Musik in Bonn seit der „Säcularisation\";\nvon 1818 bis 1848 waren neunundzwanzig, von 1850\nbis 1854 drei Feste stets zahlreich besucht - etwas\nNeues waren sie seit einem Menschenalter wahrlich nicht\nmehr, aber ihren Reiz verdankten sie freilich auch etwas\nganz Anderem, als dem Neuen!)— „und dass das allgemei-\nnere Interesse für dieselben abzunehmen anfing\". Zu wel-\ncher Zeit denn? Sie sind ja bloss in den Jahren 1848\nund 1849 unterbrochen worden; wesshalb, weiss ein Je-\nder, und im Jahre 1852 fehlte es in Köln an einem Lo-\ncäle, welches bekanntlich jetzt, und zwar hauptsächlich zum\nZwecke der Musikfeste, gebaut wird. Verräth das ein Ab-\nnehmen des Interesses lür sie? und sind die Zuhörer nicht\nin diesem Jahre so zahlreich nach Düsseldorf geströmt, wie\nfast nie? Sollte man da nicht versucht sein, dem Correspon-\ndenten auch das Horazische Beiwort des Crispinus*) zu\ngeben, da er offenbar blind lür Thatsachen ist?\nDoch hören wir ihn weiter. Er erkennt an, dass „jede\nirgendwie bedeutendere Stadt am Niederrheine\nMittel und Wege gefunden hatte, eine der Tonkunst ge-\nweihte Stätte zu eröffnen\". Wie? lesen wir auch recht?\nWie reimt sich das mit dem Todtenschlafe der Musik in\nBonn „seit der Säcularisation\", mit der „Halbschürigkeit\nund den unerquicklichen und erfolglosen Zuständen\" in\nAachen, mit den „Nachtheilen, welche in Düsseldorf mit\ndem Werken Schumann's für das Musikleben verbunden\"\nwaren, und der „gegenwärtigen desolaten Verfassung\"\ndesselben in gedachter Stadt?\nEi nun! Crispinus schrieb diese unwillkürliche Aner-\nkennung allein des folgenden Passus wegen hin: „Nichts\ndesto weniger bot man vielleicht aus hergebrachter Ge-\nwohnheit, vielleicht aus Pietät (also nicht einmal vielleicht\nauch aus Liebe zur Kunst und aus Bereitwilligkeit, selbst\nmaterielle Opfer dalür zu bringen?) Alles auf, um die all-\njährlichen grossen Reunions (!) fortbestehen zu lassen.\"\nUnd nun ergeht er sich in eine durch den Tadel der Her-\nbeiziehung musicalischer Celebritäten schlecht verhüllte all-\ngemeine Herabsetzung der Musikfeste und kommt zu dem\nSchlüsse: „ Man muss abwarten, wie lange sich die Pfingst-\nfeste auf solche Weise zu halten im Stande sind. Das\nPrognostikon, welches man ihrer Fortdauer stellt, ist im\nAllgemeinen nicht günstig.\"\nWir haben schon in unserem Artikel IV. über das\ndiesjährige Fest (in der vorigen Nummer) die übrigens sehr\nwohlfeilen Vorwürfe, welche man den Concert-Aufführun-\ngen am dritten Tage zuweilen macht, widerlegt. Ueber die\nBerufung berühmter Künstler, namentlich Sänger und Sän-\ngerinnen, zur Mitwirkung an dem Feste ist nur das noch\nzu sagen, dass der allgemeine Fortschritt in der musicali-\nschen Technik und die unläugbar gesteigerten Ansprüche\ndes Publicums sie nöthig machten, was lür jeden verstän-\ndigen Beobachter der Geschichte der Tonkunst keines Be-\nweises bedarf. Das „Prognostikon\", nicht das allgemeine,\nsondern das sehr absonderliche des Herrn Berichterstatters,\nist durch die fast beispiellose Theilnahme der Männer von\nFach und des grossen Publicums an den Aufführungen in\nDüsseldorf bereits sattsam Lügen gestraft. Aber auch di e\nThatsache, dass das gesammte Publicum den Aufführungen\ndes ersten Tages den Preis zuerkannte, worüber nur\nEine Stimme herrscht, schlägt die Bemerkung Crispinus'\ndarnieder, dass „das Publicum (also in Bausch und Bogen!)\nsich nicht mehr einfindet, um des Genusses der gebotenen\nKunstwerke als solcher theilhaftig zu werden, sondern um\ndiese oder jene renommirte Prima- oder Secunda-Donna\nund den einen oder anderen Virtuosen zu hören\". Das\narme rheinische Publicum! Wie kann es aber auch so thö-\nricht sein, Werke wie die Schöpfung von Haydn noch zu\nbewundern? Denn nun kommen wir eigentlich auf den\nPunkt, wo der Hase im Pfeffer liegt.\n\n*) Horat. Sermon. I. 1, am Ende."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "220", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550714-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5026, "texte": "Crispinus hat nämlich gefunden, dass „die Richtung\nin Bezug auf die Wahl der aufzuführenden Werke das nie-\nderrheinische Musikfest lange Zeit hindurch in gewisser\nHinsicht (!) vorlheilhaft ausgezeichnet, aber auch gleichzei-\ntig allmählich eine s t a g n i r e n d e T.e n d e n z (?) er-\nzeugt hat\" (S. 138).\nDer aufmerksame Leser wird bereits mit uns bemerkt\nhaben, dass Crispinus sich gern einer etwas unverständli-\nchen Ausdrucksweise bedient, zu deren Schraubenwindun-\ngen ihm theils die deutsche Sprache mit „ sogenannt, sogar,\nvielleicht, deslallsig, theilweise, halbschürig, gröblich\" und\ndergl., namentlich aber die fremden Zungen mit „Ressour-\ncen, Reunions, steril, desolat, distinguirt, honnet, im Gesang\nlungirend, Retention\" u.s.w. herhalten müssen, besonders\nwenn er etwas Verletzendes nicht gerade heraus zu sagen\nwagt, sondern das Gesicht erst in allerlei Falten legt, um\ndie am wenigsten verrätherische Stellung des Mundes zu\ngewinnen. Diesmal aber klärt er uns über das, was er mit\nder „ stagnirenden Tendenz\" meint, durch eine Anmer-\nkung auf, in welcher er ausruft: „dass man sich leider\nnicht oft genug davon überzeugen könne, dass es auf der\nWelt einmal kein wahrhaft kunstgebildetes, urteilsfähiges\nPublicum gibt\"; denn hört! hört! auch „das nieder-\nrheinische Publicum, lange Zeit hindurch mit den Geistes-\nProducten grosser Kunst-Epochen genährt, begegnet Kunst-\nErscheinungen wie Wagner, Schumann und Berlioz\nmit Misstrauen und Vorurtheil, ohne sich über dieselben\ngehörig orienlirt zu haben\" und zwar „trotzdem, dass\nes im Laufe von mehr als dreissig Jahren daran gewohnt\nwar, hauptsächlich solche Musik zu hören, die man nach\nhergebrachten Begriffen classisch nennt!\"\nNun, diese Phrasen Werden in Weimar hoch und der\nVerfasser selbst noch besser als neulich dort aufgenommen\nwerden! Freilich könnten wir ihm den Empfang verderben,\nwenn wir Nr. 7 unserer Niederrheinischen Musik-\nZeitung, einen Artikel aus B onn über Wagner's Lohen-\ngrin enthaltend, in erneuten Abdrücken dort hin schickten.\nIn diesem Artikel wird dem Richard Wagner als „Refor-\nmator, der das Panier der Weisheit ergriffen\" hat, der Text\ngelesen, ihm „hyperromantische Richtung kindische Un-\nterredung Lohengrin's mit dem schwänlichen Freunde in\nweibischen Tönen Erscheinungen aus den längst hinter\nuns liegenden Zauber-Opern Anziehen der Rinderschuhe\"\nvorgeworfen; der König Heinrich ist „ein Staats-Procu-\nrator\", Elsa „wird plötzlich ein neugieriges Weib von der\ngewöhnlichsten Sorte\"—und das Gesammt-Urtheil lautet:\n„Dass die vielfach gepriesene dichterische Behandlung\ndes Stoffes bei Weitem nicht den Anforderungen an ein\nKunstwerk genügt, brauchen wir nicht auslührlich darzu-\nthun, da jeder nur einiger Maassen Gebildete sich hierüber\nohne Kopfzerbrechen wird ins Klare setzen können. Doch\nist darin immer noch bei Weitem mehr gelei-\n'stety als in musica 1 ischer Hinsicht. In letzterer\nBeziehung vermissen wir jede überwiegende schö-\npferische Kraft. Wagner beschränkt sich darauf, Musik\nzu machen, vielleicht einfach desshalb, weil er unfähig\nsein dürfte, musicalisch zu empfinden, zu denken und sich\nalso auszudrücken. Man hat zwar vielfach versichert, er\nwolle das gar nicht; es ist aber doch zu wohlfeil, etwas\nnicht zu wollen, was man nicht kann; denn von dem\nKönnen hat Wagner uns bis jetzt noch keine stichhalti-\ngen Beweise gegeben. Was man durchgängig vermisst, ist\ndie musicalische Idee.\"—Ferner ist die Rede von „seltsa-\nmen, mühsam zusammengeleimten musicalischen Faseleien\",\nvon „immer wiederkehrenden Instrumental-Effecten, welche\nden Charakter des Orchesters entstellen\" u. s. w. Das\neinzige und doch wieder in einer Weise, welche der oben\ngeschilderten unseres Crispinus täuschend ähnlich ist, be-\ndingte Lob lautet: „Dass Wagner in seiner Instrumentation\nsich öfters ungewöhnlich und sogar interessant zeigt, wird\ngewiss Niemand in Abrede stellen.\"\nDieser Aufsatz datirt vom 17. Februar 1855,\nund des Crispinus Correspondenz in der Neuen Leipz. Zeit-\nschrift beginnt in der Nummer vom 23.März; beide sind\nalso ungelähr zu der gleichen Zeit, oder wenigstens ganz\nkurz nach einander, geschrieben.\nWie nun, wenn sie beide Einen und denselben\nVerfasser hätten? 0 nein, nein! DieZweizüngigkeit, die\nUnverschämtheit wäre ja unerhört, wenn Ein und derselbe\nMann in der niederrheinischen Musik-Zeitung Wag-\nner auf die angeführte Weise behandelte, und ein paar\nWTochen darauf in der leipziger nicht nur dem nie-\nderrheinischen Publicum im Allgemeinen den Vorwurf\nmachte, „eine Kunst-Erscheinung wie Wagner\" nicht zu\nwürdigen zu wissen, sondern sogar der „Tages -Kritik\"\nam Niederrheine Schuld gäbe, dass sie, „theils um die Gunst\ndes Publicums buhlend, theils des guten Willens entbeh-\nrend, dieses Gebahren des Publicums begünstige, anstatt\nes nachdrücklich zu bekämpfen\"!! —Ja wohl! unerhört al-\nlerdings, auch charakterlos und perfid wäre das; und den-\nnoch nehme ich kein Wort von dem, was ich gesagt habe,\nzurück und unterschreibe diesen Aufsatz mit meinem Na-\nmen : denn es wird Zeit, ernsthaft zu werden."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "221", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550714-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1351, "texte": "Wenn derselbe Mann nämlich in jener Anmerkung, unter\nwelche die Redaction der leipziger Zeitschrift in richtigem\nGefühl lür die Wahrung ihrer Ehre die Unterschrift „A n-\nmerkung des Referenten\" mit grossen Buchstaben\ngesetzt hat, gar fortfährt: „Es gilt der Wahlspruch (näm-\nlich für die Tages-Kritik am Niederrheine): Das Schlechte\nlässt man laufen, das Mittelmüssige lobt man— besonders\nwenn sich milde Hände aufthun—, das Gute reisst man\nherunter\" (S. 138 unten), so habe ich für eine solche\nHandlungsweise keinen Namen, und würde, wiewohl der\nboshafte Ausfall mich, als Vertreter der Kritik am Nieder-\nrheine in zwei Haupt-Organen, in dem Feuilleton der Köl-\nnischen Zeitung und in meiner Musik-Zeitung, hauptsäch-\nlich trifft, mich selbst herabwürdigen, wenn ich irgend an-\nders darauf antwortete, als durch Hinweisung auf meine\nganze musicalisch-schriftstellerische Thätigkeit, welche seit\nJahren offen da liegt und vollkommen hinreicht, eine so in-\nfame Nichtswürdigkeit zu widerlegen. Die persönliche Un-\ndankbarkeit verzeihe ich, und beruhige mich dabei, dass\nauch Herr von W. nach Lesung dieses meines Aufsatzes\nwohl einsehen wird, dass auch jene erste Aeusserung: „Das\nSchlechte lässt man laufen\" auf einem Irrthume beruht;\nsobald es die Sache erfordert, nimmt man das Schlechte\njeder Art gehörig her und warnt die Welt davor.\n\nL. Bischoff."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-07-14-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-07-14_01#c002", "volume": "bmtnabi_1855-07-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "221", "page_fin": "222", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550714-01.2.2", "titre_corps": "Berliner Briefe.", "titre_sommaire": "Berliner Briefe.", "signature_source": "G. E", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "221", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550714-01.1.5", "debut_caractere": 1353, "fin_caractere_exclue": 5104, "texte": "Berliner Briefe.\n\n[M ilitär-Con certe Fräulein T i e t j c n s Herr und\nFrau Hardlmutb Rüekblick auf die Saison.]\nDen 9. Juli 1855.\nDie musicalische Saison ist jetzt vollständig beendigt.\nSeit der Einrichtung der Opern-Ferien haben die Fremden,\ndie Berlin im Sommer besuchen, wenig zu sehen und zu\nhören und müssen mit ihren Abenden, besonders bei un-\ngünstigem Wetter, in einige Verlegenheit gerathen, zumal\nda auch das Ballet auf einige Wochen aufhört. Im Interesse\nder Sache ist aber die jetzige Einrichtung zu billigen; nicht\nbloss der Sänger, sondern auch das Publicum bedarf der\nRuhe; Musik und Poesie dürfen nicht zum täglichen Brode\nwerden, wenn sie über der Alltäglichkeit, im Reiche des\nIdeals bleiben sollen. Inzwischen haben die grossen Mili-\ntär-Concerte im Freien begonnen, die, obschon nur\ntheilweise der Kunst angehörig, dennoch kein schlechter\nBeweis von der musicalischen Leistungsfähigkeit Berlins\nsind. Es wird den Blech-Instrumenten gar Vieles zugemu-\nthet, was ihrer Natur zuwider ist, und dies ist die schlechte\nSeite davon; mit welchem Geschicke sie aber selbst das\nI ihnen Widerstrebende oft zu überwinden wissen, und welche\n| Sicherheit und Festigkeit in dem Ensemble liegt, dies ver-\ndient Anerkennung.\nNoch habe ich über den Schluss der Opern-Saison,\nnamentlich über das Gastspiel von Fräul. Tietjens, zu\nberichten. Dass ihr so glänzende Anträge von Seiten der\nGeneral-Intendantur gemacht worden sind, als einige musi-\ncalische Blätter berichtet haben, ist wohl zu bezweifeln; so\nwünschensweHh ein Engagement dieser Sängerin, die sich\ndurch schöne natürliche Mittel auszeichnet und glücklicher\nWeise noch nicht verbildet ist, auch wäre, so stehen ihre\nLeistungen doch in keinem Verhältnisse zu den Summen,\ndie ihr angeblich angetragen sind. Ueberdies lässt sich noch\nnicht absehen, ob sie das Publicum in Begeisterung zu ver-\nsetzen im Stande sein, ob sie zu mehr als einer bloss an-\ngenehmen, lieblichen Erscheinung sich entwickeln wird; sie\nhat bei ihrem Gastspiele gefallen, aber nicht solches Auf-\nsehen gemacht, dass das Haus sich gefüllt hätte, obschon\nkurze Zeit darauf das Gastspiel Dawison's bewies, dass\nunser Theater-Publicum sich durch die schönsten und\nwärmsten Sommer-Abende nicht abschrecken lässt, wenn\n. •\neine wirklich bedeutende Künstler-Grösse die Aufmerksam-\nkeit auf sich lenkt. Fräul. Tietjens hat eine umfangreiche,\nin der Höhe sehr leicht ansprechende und gut ausgeglichene\nStimme, von nicht hervortretender Stärke, aber voll, weich\nund klar; das Organ ist in seinem jetzigen Zustande nicht\nso weich und duftig, dass es sich ausschliesslich lür den\nColoratur-Gesang eignete, aber auch nicht durch den häu-\nfigen Gebrauch starker, dramatischer Accente der wohl-\nthuenden Milde, jenes flockigen Hauches beraubt, der an\njugendlichen Stimmen uns so sympathisch erfasst. Fräul,\nTietjens befindet sich auf einer Uebergangs-Stufe; wir hö-\nren sie oft nach stärkeren, leidenschaftlichen Accenten rin-\ngen, theils weil die Natur der von ihr dargestellten Rollen,\nz. B. Donna Anna, Valentine, sie dazu treibt, theils weil\nsie wohl fühlen mag, dass die glänzenden Erfolge beim\nPublicum doch immer durch diese Spitzen der Darstellung\nerrungen werden. Es misslingen ihr Versuche dieser Art\nnicht gänzlich, dennoch bleibt noch immer etwas zurück,\nsei es in der Energie des einzelnen Tones, sei es in dem\nFesthalten des energischen Ton-Ansatzes für eine zusam-\nmenhangende melodische Phrase; auf der anderen Seite hat\nsie sich aber auch der graziösen Richtung nicht so hinge-\ngeben, dass sie durch hervortretende Feinheit der Ausfüh-\nrung, durch die kleinen Kunstmittel liebenswürdiger weib-\nlicher Coquetterie das Publicum hinreissen könnte. Fräul.\nTietjens ist mit dem, was sie jetzt leistet, sehr vielseitig zu"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "222", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550714-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4111, "texte": "verwenden, sie wird aber selten oder nie eine Leistung\nersten Ranges hinstellen können, es müssten denn Rollen\nvon mittlerem, elegischem Charakter sein, in denen sich die\nEmpfindung weder zu dramatischer Leidenschaft erhebt,\nnoch in die Formen feinster Anmuth, spielender Grazie\nkleidet. In Rollen dieser Art, z. B. der Gräfin im Figaro,\nder Rezia im Oberon, leistet Fräul. Tietjens oft Vorzüg-\nliches ; in anderen Aufgaben, wie der Valentine, der Donna\nAnna, nach der entgegengesetzten Seite hin in der Martha\nleider können wir kein besseres Beispiel anführen er-\nreicht sie die Höhe der Aufgabe nicht, obschon ihr Einzel-\nheiten auch hier schon gelingen. Was ihr vorzugsweise\nfehlt, ist die Beherrschung des sinnlichen Organs durch\neine feurige, künstlerische Phantasie; die Grundlage, die\nStimme selbst, die Tonbildung, selbst die Stimmfertigkeit\nsind höchst anerkennungswerth; auch Aussprache und In-\ntonation sind sehr zu rühmen. Da Fräul. Tieljens noch\nnicht lange als erste Sängerin fungirt, so glaubevn wir gern,\ndass ihr Talent noch nicht den Höhepunkt erreicht hat; es\nzeigt sich dies auch im Spiel und in der körperlichen Hal-\ntung, die noch einen Mangel an Bühnen-Routine verräth.\nAusser Fräul. Tietjens gastirten noch Herr und Frau\nHardtmuth aus Frankfurt am Main, von denen der Er-\nstere eine klangvolle, weiche und noch nicht verbildete Ba-\nriton-Stimme hat; auch bewies er in Vortrag und Spiel\nnatürliche Empfindung; doch ist noch viel Naturalistisches\nin ihm. Wir wünschen, dass er gute Sänger hören und\nsich nach ihnen bilden möge; denn das Talent, schön zu\nsingen, besitzt er, wie uns scheint. Frau Hardtmuth (geb.\nHofmann) zeigte viel mehr Schule, aber ihre für grosse Büh-\nnen zu schwache Stimme wird durch das Forciren der\nhohen Töne oft unangenehm.\nWerfen wir noch einen kurzen Rückblick auf den letz-\nten Winter, so finden wir, dass er in der Aufführung\nneuer Werke sowohl, als in dem Auftreten fremder Künst-\nler von Bedeutung ausserordentlich reich war. Die blossen\nVirtuosen-Concerte fanden nur geringe Theilnahme, ausser\ndenen Bazzini's, die durch die Benutzung des Kroll'-\nschen Etablissements einen so günstigen Erfolg hatten. Um\nso mehr drängte man sich nach Billets zu den Concerten\nvon Joachim und Clara Schumann, trotz ihres mit-\nunter fast abschreckend ernsten Inhalts. Diese Concerte\nmachten das Publicum mit manchem neueren Werke von\nSchumann und Brahms bekannt; auch Compositionen von\nBach, Mendelssohn und Beethoven, die hier noch nicht öf-\nfentlich gespielt waren, kamen theils in diesen Concerten,\ntheils durch Hans v. Bülow, Rad ecke, Vi er 1 in g zur\nAufführung. Dass das Publicum bis jetzt grosse Theiinahme\nfür die letzten Werke Beethoven's, für die Compositionen\nBach's und für die modernste Musik zeigte, lässt sich nicht\nsagen; aber das Bedürfniss, dem musicalischen Leben ir-\ngendwie frische Anregungen zu geben, ist ein zu natür-\nliches, und so zweifeln wir denn keinen Augenblick, dass\nsich das Repertoire unserer öffentlichen musicalischen Un-\nterhaltungen im Laufe einiger Winter etwas umgestaltet\nhaben wird. Auch der Stern'sche Verein und die Sing-\nAkademie haben diesem Zuge nachgegeben; die Domchor-\nConcerte waren von vorn herein eigentlich darauf begrün-\ndet, wenn auch nicht Neues, so doch Vergessenes wieder\nins Leben zu führen; am meisten halten die Symphonie-\nConcerte an dem Alten fest, und zwar, wie man nicht\nläugnen kann, in Uebereinstimmung mit den Wünschen\nihres Publicums. Von den kleineren Concert-Unternehmun-\ngen haben sich namentlich die Concerte der Herren Ra-\ndecke, Grün wald und v. d. Osten durch ein Verlassen\nder bisherigen Bahnen hervorgethan, und es ist dies um so\nmehr anzuerkennen, als die Concertgeber mit neuen Wer-\nken einen weit schlimmeren Stand dem Publicum gegen-\nö O\nüber haben. So sehr es aber zu billigen ist, dass man nicht\nvon Jahr zu Jahr immer wieder dasselbe aufführe denn\nin der Musik hat man von jeher Abwechslung verlangt —,\nso müssen wir doch auch vor einem blossen Experimenti-\nren warnen und vor der Urtheilslosigkeit, die jedes Ab-\nweichende schon darum, weil es abweicht, für ein Kunst-\nwerk hält.\n\nG. E."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-07-14-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-07-14_01#c003", "volume": "bmtnabi_1855-07-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "222", "page_fin": "223", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550714-01.2.3", "titre_corps": "Aus Düsseldorf.", "titre_sommaire": "Aus Düsseldorf.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "222", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550714-01.1.6", "debut_caractere": 4113, "fin_caractere_exclue": 4791, "texte": "Aus Düsseldorf.\nVor einigen Tagen beschäftigte unseren Gemeinderath\ndie Wahl des städtischen Musik-Directors, und ernannte der-\nselbe als solchen unter den vielen Bewerbern Herrn Ju-\nlius Tausch.\nDie Direction des allgemeinen Musik-Vereins hatte\nHerrn Julius Stern in Berlin,\n„ Reinthaler in Köln,\n„ Reinecke in Barmen,\ndas Comite für Theater- und Musik-Angelegenheiten, wel-\nches aus Mitgliedern des Gemeinderathes und einigen aus\nder Bürgerschaft zugezogenen geeigneten Persönlichkeiten\nzusammengesetzt und dem Gemeinderathe als begutachtende\nSpecial-Commission beigeordnet ist,\nden Herrn Reinthaler in Köln,\n„ Frank ebendaselbst,\n„ Dr. H. in Düsseldorf\nin Vorschlag gebracht."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "223", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550714-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4108, "texte": "Der Gesang-Verein für gemischten Chor proponirte\ndagegen seinen bisherigen Dirigenten Herrn Tausch, und\nmotivirte seinen Antrag durch die Anerkennung der gros-\nsen Verdienste, welche sich derselbe durch die Leitung des\nVereins und der Winter-Concerte um unsere musicalischen\nZustände erworben habe. In gleichem Sinne glaubte sich\ndie Direction der Künstler-Liedertafel,- so wie die des städti-\nschen Männergesang-Vereins— Vereine, welche in unserem\nMusikleben eine Stellung von sehr geringer Bedeutung ein-\nnehmen, in einer Eingabe an den Gemeinderath ausspre-\nchen zu müssen. Ausserdem wurden noch andere Hebel\nfür Herrn Tausch in Bewegung gesetzt. Man wies auf die\nWinter-Concerte hin, die zum ersten Male einen Ueber-\nschuss, statt eines Deficits, ergaben, obgleich derselbe nur\nvon der zufälligen, aussergewöhn'ichen Gassen-Einnahme im\nfünften Concerte herrührt. Auch die Erfolge des letzten\nMusikfestes schrieb man zum Theil dem durch Herrn\nTausch wieder aufblühenden eigenen Musikleben zu, wäh-\nrend wir sie dem Vertrauen zu verdanken haben, das der\nName „Niederrheinisches Musikfesta einflösst, der Leitung\ndesselben durch den hochbegabten Ferdinand Hiller, der\nMitwirkung der genialen Lind und dem Herbeiströmen\neiner Menge von Künstlern und Kunstfreunden, wie sie\nvom F-este immer angezogen werden.\nDie unparteiische Kritik, welcher wir unsere musicali-\nschen Zustände und Auflührungen in diesen Blättern unter-\nwarfen, suchte man nicht durch Widerlegung, sondern\ndurch Verdächtigung ihrer Tendenz zu entkräften. Kurz,\nes gelang, die Väter der Stadt, bei welchen künstlerische\nElemente eben nicht stark vertreten zu sein scheinen, lür\nTausch zu gewinnen, ja, sie zu bewegen, dem allgemeinen\nMusik-Vereine und der eigenen Commission ein Dementi\nzu geben, die von beiden aufgestellten Candidaten bei Seite\nzu schieben und Herrn Tausch mit grosser Stimmenmehr-\nheit zu erwählen.\nWir müssen dieses Resultat im Interesse der Kunst\naufrichtig bedauern, weil wir die Ansichten, welche wir\nüber die Leitung unserer musicalischen Zustände im Allge-\nmeinen und durch Herrn Tausch im Besonderen in Nr. 19\ndieser Blätter aussprachen, nicht zurücknehmen können\nAnsichten, die längst vom grösseren und besseren Theile\nunseres Publicums getheilt wurden. Tausch und seine\nFreunde, wie wir früher andeuteten, scheinen sich immer\nmehr über jedes Urtheil zu stellen und dem motivirtesten\nRathe, wenn er von einem Dilettanten herkommt oder her-\nzukommen scheint, jede Berechtigung abzusprechen. Wir\nunsererseits erkennen den wahren Künstler in dem, der\nmit gründlicher allgemeiner und fachlicher Bildung ästheti«\nsehe Auffassung und ernstes künstlerisches Streben verbin-\ndet, gleichviel, ob er von der Kunst lebt oder nicht; und\nmancher, der sich Künstler nennt, ist in unseren Augen Di-\nlettant, der sich nur zu zeitweiligem Vergnügen oberfläch-\nlich mit der Kunst befasst, oder gar Handwerker.\nKommen wir daher nochmals auf unsere letzten Win-\nter-Concerte zurück, so müssen wir es wiederholen, dass\ndie höchst ungenügend vorbereiteten Auflührungen, nament-\nlich die, worin der Chor mitwirkte, keineswegs den Geist\nder Tonwerke athmeten, häufig sogar, wir wiesen es nach,\ndemselben geradezu widersprachen. Unserer Ansicht nach\ntrugen sie somit in dieser und jeder anderen Beziehung ein\nvollkommen dilettantisches Gepräge, obgleich wir in dem\nDirigenten derselben, in Tausch, als Pianisten und Compo-\nnislen einen Künstler von grosser Befähigung keineswegs\nverkennen. Wer indess diese Leistungen, wie es geschehen,\nals den Beweis eines erfreulichen Aufschwunges betrachtet,\ndrückt sich dadurch den Stempel eines unverkennbaren Di-\nlettantismus der selbstgefälligsten Art auf. Die einzige Hoff-\nnung auf eine bessere Zukunft besteht darin, dass Herr\nTausch diesen Dilettantismus, der sich gerade in der Reihe\nseiner Freunde breit zu machen scheint, als den Feind er-\nkenne, den er zu bekämpfen hat, und dass er sich einer\nblind verehrenden Coterie entziehe, die schon so manchem\njungen Künstler Unglück gebracht hat. Schwände auch\ndiese Hoffnung, so würden wir ohne Zweifel einer trauri-\ngen Zukunft entgegen gehen! —6"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-07-14-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-07-14_01#c004", "volume": "bmtnabi_1855-07-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "223", "page_fin": "224", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550714-01.2.4", "titre_corps": "Gesangfest in Mainz.", "titre_sommaire": "Gesangfest in Mainz.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "223", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550714-01.1.7", "debut_caractere": 4110, "fin_caractere_exclue": 5469, "texte": "Gesangfest in Mainz.\nAm 1. Juli fand das von der mainzer Liedertafel zum Besten\nder Casse des „Verschönerungs-Vereins\" veranstaltete Gesangfest\nunter der energischen und tüchtigen Leitung des Capellmeisters\nHerrn C. Reiss Statt. Alles hatte sich vereinigt, dasselbe zu einem\nwahren Festtage zu machen, und selbst die unbeständige Witterung\nder letzten Zeit hatte für diesen Tag ihre Launen vergessen. Die\nauswärtigen Vereine, welche der mainzer Liedertafel ihre Mitwir-\nkung freundlichst zugesagt hatten, nämlich der Quartett-Verein von\nWiesbaden, die Liedertafel von Wrürzburg und der Mozart-Verein\nvon Darmstadt, so wie die Deputationen des Gesang-Vereins von\nOffenbach, der „Germania\" von Frankfurt und des Musiii-Vereins\nvon Mannheim langten im Laufe des Vormittags meistens per Eisen-\nbahn in Gastel an und wurden dort von der Liedertafel empfangen.\nIn langem Zuge, mit wehenden Fahnen und Musik, von einer fröh-\nlichen Volksmenge begleitet, zogen die Sänger über die Brücke\ndurch die Stadt nach dem Locale der Liedertafel, wo sie von dem\nPräsidenten der Liedertafel in einer herzlichen Ansprache willkom-\nmen geheissen wurden. Im Namen des Mozart-Vereins wurde die\nAnrede von einem Mitgliede desselben in munterer Weise beant-\nwortet, was in Verbindung mit dem darauf gereichten Ehrentrunk\ndie heiterste Stimmung hervorrief. Die General-Probe, von Herrn"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "224", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550714-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3334, "texte": "C. Reiss geleitet, wurde sofort auf der Bühne des daranstossenden\nTheaters abgehalten.\nNachmittags um 5 Uhr zogen die Sänger in derselben Weise\nwie Vormittags nach der Neuen Anlage, auf deren Plateau das\nGesangfest Statt fand. Eine unzählige Menschenmasse hatte sich hier\nbereits eingefunden und erwartete mit Ungeduld den Beginn der\nGesang-Vorträge.\nBeethoven's herrliche Egmont-Ouverture, von dem Musikcorps\ndes k. k. österreichischen 11. Regiments präcis und feurig geblasen,\nbildete die Einleitung. Ihr folgte Kreutzer-s weltbekanntes und doch\nnie veraltendes Sonntagslied: „Das ist der Tag des Herrn\". Den\nZweifel, ob es gelingen würde, in einer einzigen Probe die vier ver-\nschiedenen Vereine zu einem vollkommenen Ensemble zu vereini-\ngen, wurde gleich damit glänzend gelös't. Der mächtige, aus circa\n250 Sängern bestehende Chor sang mit einer solchen Sicherheit,\ndie Accente und Nuancen von dem zartesten Piano bis zum stärk-\nsten Forte wurden so gelungen ausgeführt, und über dem Ganzen\nschwebte eine so unverkennbare innere Bewegung, dass sich der\nTausende von Zuhörern die innigste Rührung bemächtigte und ein\nrauschender Beifall am Schlüsse den Sängern für den Genuss dankte.\n\"Die folgenden Gesangs-Vorträge bestanden aus „Die Liebe44 von\nCherubini, „Liedesfreiheit44 von Marschner, „Kriegers Gebet\" von\nLachner (mit Instrumental-Begleitung), „Chor aus Euryanthe44, „Lenz-\nfragen44 von Lachner, „Normanns Sang44 von Kücken und als Schluss\nMendelssohn's grossartiger „Festgesang an die Künstler44 mit Inslru-\nmental-Begleitung. Besonders hervorzuheben sind daraus: Kriegers-\nGebet, Chor aus Euryanthe und Lenzfragen, welche den grössten\nBeifall fanden und auch am gelungensten vorgetragen wurden. Von\nMendelssohn's Festgesang machte besonders der erste Satz tiefen\nEindruck.\nVon Instrumentalsachen wurden noch vorgetragen: Duett aus\nIlaydn's Schöpfung für Blas-Jnstrumente von dem k. k. österreichi-\nschen Musikcorps, und die Ouvertüren zu Wagner's Tannhäuscr und\nWebers Oberon von den vereinigten k. preussisehen Musikchören.\nHatte somit das Fest in jeder Beziehung den von ihm gehegten\nErwartungen entsprochen, so verspricht es in anderer Beziehung\neinen weitreichenden Erfolg zu haben. Es hatte sich nämlich von\nvielen Seiten der Wunsch rege gemacht, es möchte gelingen, die\nreichen musicalischen Kräfte der Städte am Mittelrheine in einen\nähnlichen Bund zu vereinen, wie Düsseldorf, Köln, Aachen. Elber-\nfeld, Barmen und Bonn am Niederrheine bilden, mit anderen Wor-\nten: Mittelrheinische Musikfeste zu gründen, an denen\neine würdige Aufführung der grössten Meisterwerke der deutschen\nTonkunst möglich wäre. Die anwesenden Vertreter eines Theiles\nder genannten Städte waren desshalb zu einer Besprechung auf\nMontag Vormittags eingeladen worden, und der ausgesprochene Ge-\ndanke fand so allseitige und freudige Beistimmung, dass schon jetzt\nmit Sicherheit die Ausführung desselben für das Jahr 1856 voraus-\ngesagt werden kann. An der Theilnahme und Unterstützung der\nmusicalischen Kräfte in den genannten Städten, welche nicht ver-\ntreten waren, ist gewiss nicht zu zweifeln. Von mehreren Seiten\nist bereits die briefliche Zusage eingelaufen.\nSomit darf das Gesangfest des Jahres 1855 als der Vorläufer\neiner neuen, für die musicalischen Zustände am Mittelrheine viel-\nversprechenden Aera angesehen werden. (Südd. M.-Z.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-07-14-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-07-14_01#c005", "volume": "bmtnabi_1855-07-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "224", "page_fin": "224", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550714-01.2.5", "titre_corps": "Eingesandt.", "titre_sommaire": "Eingesandt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "224", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550714-01.1.8", "debut_caractere": 3336, "fin_caractere_exclue": 4542, "texte": "Eingesandt.\nIBüsseldtorf. Die Besetzung der Stelle eines städtischen\nMusik-Directors hat denn endlich in der Gemeinderaths-Sitzung\nvom 10. Juli Statt gefunden, und ist Herr Julius Tausch mit\ngrosser Stimmenmehrheit gewählt worden, und zwar auf drei Jahre.\nVon den 46 Mitbewerbern waren Reinthaler, Frank und Dr,\nHa send ever in die engere Wahl von Seiten der Commission\ngestellt worden. Im Gemeinderathe indessen Wurde, besonders auf\nmehrere Adressen der hiesigen Vereine hin, Herr Tausch dringend\nmit empfohlen, und fand sonach nur noch eine Abstimmung über\nTausch und Hasenclever Statt. Bei der Heftigkeit, mit welcher die\nVorwahlen Statt fanden, steht wohl kaum zu erwarten, dass sich\njetzt alle Parteien einigen werden, wenigstens nicht gleich; es ist\ndie getroffene Wahl aber den Vereinen gegenüber eine versöhnliche\nzu nennen, bei denen eine grosse Gereiztheit gegen eine Wahl ge-\nblieben sein würde, die etwa einen Dirigenten gebracht hätte, wel-\ncher in musicalischer Befähigung den bisherigen Dirigenten Tausch\nnicht unbedingt übertroffen hätte. So ist einem grossen Zerwürf-\nnisse unserer Musik-Verhältnisse vorgebeugt, und hoffentlich wer-\nden sich bald alle Parteien zu einem Ganzen vereinigen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-07-14-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-07-14_01#c006", "volume": "bmtnabi_1855-07-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "224", "page_fin": "224", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550714-01.2.6", "titre_corps": "Nachschrift der Redaction.", "titre_sommaire": "Nachschrift der Redaction.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "224", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550714-01.1.8", "debut_caractere": 4544, "fin_caractere_exclue": 6041, "texte": "Nachschrift der Redaction.\nWir sind weit entfernt, die Wahl selbst kritisiren zu wollen,\nund wünschen den Bestrebungen des Herrn Tausch, der gewiss mit\nvollem Bewusstsein dessen, was die grossen Namen seiner Vorgän-\nger von ihm fordern, in seine neue Stellung tritt, den besten Er-\nfolg. Allein die Bemerkung können und dürfen wir, weil ähnliche\nFälle vorkommen könnten, nicht unterdrücken, dass, wenn der Ge-\nmeinderath am Ende doch nur über zwei in Düsseldorf einheimi-\nsche Candidaten, deren Fähigkeiten und persönliche Eigenschaften\ndort längst bekannt waren, abstimmen wollte, wenn die Wahl nichts\nweiter als eine Entscheidung zwischen den Weifen und Waiblin-\ngen im Orte sein sollte, die öffentliche Ausschreibung der Stelle\nwie eine Art von Mystification erscheint, durch welche sich in der\nThat sehr bedeutende Künstler, unter ihnen Componisten von Ora-\ntorien, Messen, Opern, Sinfonieen u. s. w. haben zur Meldung ver-\nleiten lassen*\nZur Charakteristik einer blinden Parteisucht können wir nicht\nverschweigen, dass unmittelbar nach der Wahl ein anonymer\nBrief an eine hiesige musicalische Notabilität eingegangen ist, un-\nterzeichnet „Düsseldorf Viele Dilettanten44. Wir wol-\nlen annehmen, dass hinter dieser Firma sich nur ein einzelnes In-\ndividuum birgt, sonst müsste man nach Inhalt und Form dieses\nBriefes jeden Künstler glücklich preisen, der nicht gezwungen ist,\nmit derartigem „süssem Pöbel44 zu verkehren, und der Gewählte\nmüsste ausrufen: Gott schütze mich vor solchen Freunden!"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "217", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550714-01.1.1", "texte": "Correspondenten-Unfug.\n\n(Schluss. S. Nr. 26 und 27.) *\n3.\nWir kommen mit unserem Crispinus (wir wollen ihm\nder Kürze halber einen Namen geben nach dem Vorgange\nsi parva licet componere mag—des Horaz:\nEcce iterum Crispinus et\nAd partes!—)\nnach Düsseldorf, welches „eine Reihe namhafter, so-\ngar bedeutender Männer\" (ei, wie gütig!) im musicalischen\nWirken gehabt hat, dem jetzt aber auch „der Stern des\nGlückes untergegangen zu sein scheint\". Mendelssohn hat\nnach Crispinus „unverhohlen und das mit vollem\nRechte (Crispinus kennt also aus eigener Erfahrung den\ndüsseldorfer Boden?) erklärt, dass der düsseldorfer Boden\nin musicalischer Hinsicht ein sehr steriler sei\".\nWir wissen sehr wohl, dass Mendelssohn an dem ge-\nwöhnlichen Musicanten-Dünkel Anfangs einige unange-\nnehme Erfahrungen in Düsseldorf machte; dass er aber so\numfassend, wie Crispinus es angibt, über den Sinn für Ton-\nkunst u. s. w. in Düsseldorf abgesprochen haben solle,\nglauben wir kaum; sollte Crispinus eine ähnliche Aeusse-\nrung von ihm irgendwo aufgeschnappt haben, so ist es je-\ndenfalls eine Indiseretion, sie in die Oeffentlichkeit zu brin-\ngen. Die Verantwortung dafür fällt einzig und allein auf\nihn selbst, zumal da er das darin enthaltene Urtheil aus-\ndrücklich bestätigt*).\nEs ist nicht unsere Sache, über die allerdings „be-\ndauerlichen Conflicte\", welche in letzter Zeit in Düsseldorf\nStatt gefunden haben, ins Einzelne zu gehen und die Vor-\nwürfe zu widerlegen, welche Crispinus den Düsseldorfern\nmacht. Zu seiner Charakterisirung wollen wir nur bemer-\nken, dass seine Behauptung, „dass diese Conflicte weniger\nSchumann zur Last zu legen sind als denjenigen, welche\nsie durch seine Berufung mittelbar hervorge-\nrufen haben\" (S. 182), durch ihre Naivetät stark, wie-\nwohl im umgekehrten Falle, an den berliner Jungen erin-\nnert, der die-Finger verfror und ausrief: „Es geschieht\nmeinem Vater schon recht: warum koft er mir keene\nHandschuh.\" Den Düsseldorfern selbst müssen wir es über-\nlassen, sich gegen „ die hämische, unzarte, ja, gröbliche (?)\nManier, welche von jeher einen Theil des so genannten ge-\nbildeten Publicums (in Düsseldorf oder auf der ganzen\nErde?) höchst vortheilhaft ausgezeichnet hat\", gegen „den\nMangel an gutem Willen\", gegen die „Ungeschicklichkeit\",\ngegen „den Contractbruch\", gegen „den Gewaltstreich\",\nmit welchem sie dem „in Düsseldorf lebenden Herrn\nTausch*) die Functionen als Dirigent übertrugen\", u.s.w.\nzu rechtfertigen.\nNach Allem dem scheint für Crispinus am Niederrheine\nja wohl gar keine Musik vorhanden zu sein? O nein! Aus-\nserdem, dass in Bonn gegenwärtig endlich seit der Säcula-\nrisation ein regeres Treiben erwacht, „geschieht in Köln,\nnamentlich aber in der letzten Zeit, sehr viel für Hebung\nder Kunst und mit Erfolg\". Es wird die „Musikschule\",\nes werden die „Gesellschafts-Concerte\" hervorgehoben.\nMan sollte nach dem bisher Erwähnten und aus dem Be-\nrichte Angeführten erwarten, dass es auch hier scharf her-\ngehen würde, wenigstens, dass vielleicht einige Unvollkom-\nmenheiten und Mängel, die bis jetzt bei dem besten Willen,\nwie wir hier in Köln selbst sehr wohl einsehen, noch nicht\nganz zu beseitigen waren, gerügt werden würden. Keines-\nwegs. Beide Institute werden auf ihrem jetzigen Stand-\npunkte sehr gerühmt, besonders werden die von auswärts\nherbeigezogenen Lehrkräfte ausgezeichnet, und von Ferdi-\n\n*) Auffallend bleibt es denn doch, dass bei dem „so sterilen\nmusicalischen Boden\" Düsseldorfs sich zur Bewerbung um die\ndort erledigte Müsik-Director-Stelle zwischen 40 bis 50 Mu-\nsiker gemeldet haben, und noch auffallender, dass sogar un-\nseres Crispinus Name auf der Liste stehen soll! Das halten\nwir aber für Verleumdung; er ist jedenfalls zu bescheiden,\num der Nachfolger „sogar bedeutender\" Männer werden zu\nwollen.\n*) Wenn wir uns nicht sehr irren, ist Xrispinus mit Herrn\nTausch, von dem er nur eben weiss, dass er in Düsseldorf\nlebt, auf Du und Du befreundet»"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "218", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550714-01.1.2", "texte": "nand Hiller wird behauptet, dass „nur unter seinem Pro-\ntectorate\" die Musikschule so wie bisher habe gedeihen\nkönnen. Das alles ist stark aufgetragen; man merkt die\nAbsicht, und man wird verstimmt. Niemand ist weiter da-\nvon entfernt, als wir, Hiller'n sein unbestrittenes Verdienst\num die Musikschule verkürzen zu wollen; aber ein Mann,\nder das Directorat einer Schule annimmt, mag er dalür\nreichlich oder kärglich bonorirt werden, weiss, was seine\nPflicht ist, und wird sich vor dem Titel eines „ Protectors\"\nbedanken, in welchem er nur eine verächtliche Schmeichelei\nsehen kann.\nEben so wenig bestreiten wir den wackeren Künstlern\nund Lehrern, welche unsere Mitbürger geworden sind und\nim schönsten Verein mit den bereits früher hier angesesse-\nnen Musikern an der Musikschule wirken, ihre Tüchtigkeit.\nAllein lür wahrheitswidrig, ungerecht und erbärmlich halten\nwir es, wenn die letzteren nur so nebenbei genannt werden,\nund wenn, wo von niederrheinischen Musik-Zuständen die\nRede ist, von einem Künstler, wie Franz Hartmann\nwar, eben nur in Parenthese gesagt wird: „(ein hier mit\nRecht sehr beliebter Künstler)\" ! Diese einzige Aeusserung\ncharakterisirt den Berichterstatter völlig ihn, dem vor\nRespect vor dem für Köln unersetzlichen Hartmann die\nFeder hätte aus der Hand fallen müssen, wenn er nur an die\nvielen Concerte gedacht hätte, in welchen er das Glück hatte,\nvon ihm lernen zu können. Eben so obenhin werden kaum\nerwähnt Derckum, der mehr Musik in seinem kleinen\nFinger besitzt, als Crispinus im ganzen Leibe, und We-\nber, der als Gesang-, Ciavier- und Orgel-Lehrer, als Diri-\ngent der Sing-Akademie und des Männergesang-Vereins\neine langjährige, erfolgreiche Wirksamkeit hinter sich hat\nund in ungeschwächter Kraft fortarbeitet. Ja, Crispinus\nentblödet sich auch nicht, zu sagen: „namentlich fehlte\nes an tüchtigen Lehrern lür Pianoforte und Violon-\ncell\", während das „kölner Quartett\", dessen Violoncellist\nB. Breuer seit seiner Gründung gewesen ist, längst einen\nbedeutenden Ruf hatte, ehe Crispinus zum ersten Male die\nUfer des Rheines gesehen.\nLies't man dann ferner bei ihm, dass in Köln „meh-\nrere Männergesang-Vereine existiren, von denen einer so-\ngar Berühmtheit erlangt hat\", so kann man natürlich dazu\nnur lächeln, weil die Aeusserung zu dsimm ist. Ernstere\nZurechtweisung verdient dagegen die Behauptung, dass die\nsämmtlichen Gesang-Vereine, auch die lür gemischten Chor,\nkeinen Einlluss auf die Gestaltung des öffentlichen Musik-\nlebens üben! Die sehr besuchten Concerte des Männerge-\nsang-Vereins, die öffentlichen Versammlungen der Weber'-\nsehen Sing-Akademie werden natürlich mit Stillschweigen\nübergangen, und von dem städtischen Sing-Vereine, über\ndessen wechselnde Zu- und Abnahme Manches, was aber\nnicht in den Kram des Herrn passte, der Sache wegen\nhätte gesagt werden können, ist so gut wie gar nicht die\nRede.\nDass in Köln zwei Musik-Zeitungen erscheinen und\nausserdem die Kölnische Zeitung ihr Feuilleton sehr häufig\nauch der musicalischen Kritik widmet, sind Dinge, welche\nnach Crispinus wahrscheinlich nicht zu den Musik-Zustän-\nden einer Stadt gehören. Doch wir irren uns: er spricht\nvon der Tages-Kritik und ihrem verderblichen Einflüsse\nauf das niederrheinische Publicum zwar nur in einer An-\nmerkung, allein wir müssen die betreffende Stölle doch her-\nvorziehen, sie ist gar zu charakteristisch.\nCrispinus beginnt nämlich seine Schilderung mit einem\nUeberblick der „Musik-Zustände am Niederrheine, wie sie\nsich im grossen Ganzen während langer Jahre zeigten\".\nDieses reiche Thema wird auf zwei und einer halben Spalte\nabgethan, welche nichts als eine höchst oberflächliche Bespre-\nchung der „so genannten Pfingstfeste\", soll heissen niederrhei-\nnischen Musikfeste, enthalten. Wenn man die Dürftigkeit und\nDürre dieser Besprechung mit dem Reichthume der Quel-\nlen vergleicht, die dem Verfasser hier zu Gebote standen,\nund gewahrt, wie er nirgends nur einiger Maassen warm\nfür die Sache wird, nirgends auch nur eine Spur von rich-\ntiger Auffassung des Schönen und Grossen und von Wür-\ndigung des bedeutenden Einflusses der Musikfeste auf das\nKunstleben am Rheine verräth, wie er zu einem freien\nBlicke in das innere Wesen der Sache sich nirgends be-\nfähigt oder gewillt zeigt, sondern sich an Aeusserlichkeiten\nhält und stets nur scheel sieht: so kommt man zu derVermu-\nthung, dass es ihm nur um Gunstbuhlerei bei einer gewis-\nsen Propaganda zu thun gewesen, und dass der Zweck die-\nses ganzen Artikels kein anderer sei, als sich durch ein\nProbestück bei, den Häuptern derselben um den Posten\neines vorgeschobenen Wächters am Rheine zu bewerben.\nDaher sind ihm denn unsere Musikfeste nicht aus der\nFreude am Gesänge und dem Sinne für das Hohe und\nEdle in der Tonkunst entstanden, sondern „das Unterneh-\nmen wurde besonders und wohl zuvörderst dadurch be-\ngünstigt, dass die betheiligten Städte nur in geringer Ent-\nfernung liegen\" !\nWie anders spricht sich darüber ein Aufsatz über das\ndiesjährige Fest in den Grenzboten (Nr. 27 vom 29. Juni)\naus! Der Verfasser (wahrscheinlich Prof. O. Jahn in Bonn)\nsagt gleich von vorn herein:"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "219", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550714-01.1.3", "texte": "„Die musicalischen Leistungen eines Musikfesles be-\nruhen wesentlich auf der Grundlage eines starken und vol-\nlen Chors—und der Chorgesang ist die Stärke der Rhein-\nlande. Schöne, klingende Stimmen sind dort häufig, und\neine frische, fröhliche Lust am Singen ist allgemein verbrei-\ntet, und seit Jahren wird allenthalben, selbst in kleinen Or-\nten, durch Gesang-Vereine der Chorgesang geübt und ge-\npflegt. Diese günstige Disposition mag wohl dazu beigetra-\ngen haben, die Musikfeste ins Leben zu rufen und zu er-\nhalten; allein nicht geringer ist gewiss auch der Einfluss,\nden ihre regelmässige Wiederkehr auf die Wirksamkeit\nder Gesang-Vereine geübt hat.\" Nachdem er diesen Ein-\nfluss auf die Richtung des „ Sinnes lür das Grosse und Be-\ndeutende beim Publicum und vorzüglich auch bei den\nMitwirkenden\" näher erläutert, bemerkt er schliesslich:\n„Je mehr dieser Sinn befestigt und allgemein wird, um so\nmehr werden die Musikfeste zu einer naturgemässen und\nwahrhaft festlichen Aeusserung des musicalischen Sinnes,\nder im Volke Wurzel gefasst hat und Blüthen und Früchte\ntreibt.\"\nKehren wir dagegen zu unserem Crispinus zurück, so er-\nfahren wir, dass die niederrheinischen Musikfeste „ für einen\ngrossen Theil des Publicums den Reiz der Neuheit\nverloren haben mochten\"—(dies ist wieder ein Gegenstück\nzu dem Schlafe der Musik in Bonn seit der „Säcularisation\";\nvon 1818 bis 1848 waren neunundzwanzig, von 1850\nbis 1854 drei Feste stets zahlreich besucht - etwas\nNeues waren sie seit einem Menschenalter wahrlich nicht\nmehr, aber ihren Reiz verdankten sie freilich auch etwas\nganz Anderem, als dem Neuen!)— „und dass das allgemei-\nnere Interesse für dieselben abzunehmen anfing\". Zu wel-\ncher Zeit denn? Sie sind ja bloss in den Jahren 1848\nund 1849 unterbrochen worden; wesshalb, weiss ein Je-\nder, und im Jahre 1852 fehlte es in Köln an einem Lo-\ncäle, welches bekanntlich jetzt, und zwar hauptsächlich zum\nZwecke der Musikfeste, gebaut wird. Verräth das ein Ab-\nnehmen des Interesses lür sie? und sind die Zuhörer nicht\nin diesem Jahre so zahlreich nach Düsseldorf geströmt, wie\nfast nie? Sollte man da nicht versucht sein, dem Correspon-\ndenten auch das Horazische Beiwort des Crispinus*) zu\ngeben, da er offenbar blind lür Thatsachen ist?\nDoch hören wir ihn weiter. Er erkennt an, dass „jede\nirgendwie bedeutendere Stadt am Niederrheine\nMittel und Wege gefunden hatte, eine der Tonkunst ge-\nweihte Stätte zu eröffnen\". Wie? lesen wir auch recht?\nWie reimt sich das mit dem Todtenschlafe der Musik in\nBonn „seit der Säcularisation\", mit der „Halbschürigkeit\nund den unerquicklichen und erfolglosen Zuständen\" in\nAachen, mit den „Nachtheilen, welche in Düsseldorf mit\ndem Werken Schumann's für das Musikleben verbunden\"\nwaren, und der „gegenwärtigen desolaten Verfassung\"\ndesselben in gedachter Stadt?\nEi nun! Crispinus schrieb diese unwillkürliche Aner-\nkennung allein des folgenden Passus wegen hin: „Nichts\ndesto weniger bot man vielleicht aus hergebrachter Ge-\nwohnheit, vielleicht aus Pietät (also nicht einmal vielleicht\nauch aus Liebe zur Kunst und aus Bereitwilligkeit, selbst\nmaterielle Opfer dalür zu bringen?) Alles auf, um die all-\njährlichen grossen Reunions (!) fortbestehen zu lassen.\"\nUnd nun ergeht er sich in eine durch den Tadel der Her-\nbeiziehung musicalischer Celebritäten schlecht verhüllte all-\ngemeine Herabsetzung der Musikfeste und kommt zu dem\nSchlüsse: „ Man muss abwarten, wie lange sich die Pfingst-\nfeste auf solche Weise zu halten im Stande sind. Das\nPrognostikon, welches man ihrer Fortdauer stellt, ist im\nAllgemeinen nicht günstig.\"\nWir haben schon in unserem Artikel IV. über das\ndiesjährige Fest (in der vorigen Nummer) die übrigens sehr\nwohlfeilen Vorwürfe, welche man den Concert-Aufführun-\ngen am dritten Tage zuweilen macht, widerlegt. Ueber die\nBerufung berühmter Künstler, namentlich Sänger und Sän-\ngerinnen, zur Mitwirkung an dem Feste ist nur das noch\nzu sagen, dass der allgemeine Fortschritt in der musicali-\nschen Technik und die unläugbar gesteigerten Ansprüche\ndes Publicums sie nöthig machten, was lür jeden verstän-\ndigen Beobachter der Geschichte der Tonkunst keines Be-\nweises bedarf. Das „Prognostikon\", nicht das allgemeine,\nsondern das sehr absonderliche des Herrn Berichterstatters,\nist durch die fast beispiellose Theilnahme der Männer von\nFach und des grossen Publicums an den Aufführungen in\nDüsseldorf bereits sattsam Lügen gestraft. Aber auch di e\nThatsache, dass das gesammte Publicum den Aufführungen\ndes ersten Tages den Preis zuerkannte, worüber nur\nEine Stimme herrscht, schlägt die Bemerkung Crispinus'\ndarnieder, dass „das Publicum (also in Bausch und Bogen!)\nsich nicht mehr einfindet, um des Genusses der gebotenen\nKunstwerke als solcher theilhaftig zu werden, sondern um\ndiese oder jene renommirte Prima- oder Secunda-Donna\nund den einen oder anderen Virtuosen zu hören\". Das\narme rheinische Publicum! Wie kann es aber auch so thö-\nricht sein, Werke wie die Schöpfung von Haydn noch zu\nbewundern? Denn nun kommen wir eigentlich auf den\nPunkt, wo der Hase im Pfeffer liegt.\n\n*) Horat. Sermon. I. 1, am Ende."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "220", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550714-01.1.4", "texte": "Crispinus hat nämlich gefunden, dass „die Richtung\nin Bezug auf die Wahl der aufzuführenden Werke das nie-\nderrheinische Musikfest lange Zeit hindurch in gewisser\nHinsicht (!) vorlheilhaft ausgezeichnet, aber auch gleichzei-\ntig allmählich eine s t a g n i r e n d e T.e n d e n z (?) er-\nzeugt hat\" (S. 138).\nDer aufmerksame Leser wird bereits mit uns bemerkt\nhaben, dass Crispinus sich gern einer etwas unverständli-\nchen Ausdrucksweise bedient, zu deren Schraubenwindun-\ngen ihm theils die deutsche Sprache mit „ sogenannt, sogar,\nvielleicht, deslallsig, theilweise, halbschürig, gröblich\" und\ndergl., namentlich aber die fremden Zungen mit „Ressour-\ncen, Reunions, steril, desolat, distinguirt, honnet, im Gesang\nlungirend, Retention\" u.s.w. herhalten müssen, besonders\nwenn er etwas Verletzendes nicht gerade heraus zu sagen\nwagt, sondern das Gesicht erst in allerlei Falten legt, um\ndie am wenigsten verrätherische Stellung des Mundes zu\ngewinnen. Diesmal aber klärt er uns über das, was er mit\nder „ stagnirenden Tendenz\" meint, durch eine Anmer-\nkung auf, in welcher er ausruft: „dass man sich leider\nnicht oft genug davon überzeugen könne, dass es auf der\nWelt einmal kein wahrhaft kunstgebildetes, urteilsfähiges\nPublicum gibt\"; denn hört! hört! auch „das nieder-\nrheinische Publicum, lange Zeit hindurch mit den Geistes-\nProducten grosser Kunst-Epochen genährt, begegnet Kunst-\nErscheinungen wie Wagner, Schumann und Berlioz\nmit Misstrauen und Vorurtheil, ohne sich über dieselben\ngehörig orienlirt zu haben\" und zwar „trotzdem, dass\nes im Laufe von mehr als dreissig Jahren daran gewohnt\nwar, hauptsächlich solche Musik zu hören, die man nach\nhergebrachten Begriffen classisch nennt!\"\nNun, diese Phrasen Werden in Weimar hoch und der\nVerfasser selbst noch besser als neulich dort aufgenommen\nwerden! Freilich könnten wir ihm den Empfang verderben,\nwenn wir Nr. 7 unserer Niederrheinischen Musik-\nZeitung, einen Artikel aus B onn über Wagner's Lohen-\ngrin enthaltend, in erneuten Abdrücken dort hin schickten.\nIn diesem Artikel wird dem Richard Wagner als „Refor-\nmator, der das Panier der Weisheit ergriffen\" hat, der Text\ngelesen, ihm „hyperromantische Richtung kindische Un-\nterredung Lohengrin's mit dem schwänlichen Freunde in\nweibischen Tönen Erscheinungen aus den längst hinter\nuns liegenden Zauber-Opern Anziehen der Rinderschuhe\"\nvorgeworfen; der König Heinrich ist „ein Staats-Procu-\nrator\", Elsa „wird plötzlich ein neugieriges Weib von der\ngewöhnlichsten Sorte\"—und das Gesammt-Urtheil lautet:\n„Dass die vielfach gepriesene dichterische Behandlung\ndes Stoffes bei Weitem nicht den Anforderungen an ein\nKunstwerk genügt, brauchen wir nicht auslührlich darzu-\nthun, da jeder nur einiger Maassen Gebildete sich hierüber\nohne Kopfzerbrechen wird ins Klare setzen können. Doch\nist darin immer noch bei Weitem mehr gelei-\n'stety als in musica 1 ischer Hinsicht. In letzterer\nBeziehung vermissen wir jede überwiegende schö-\npferische Kraft. Wagner beschränkt sich darauf, Musik\nzu machen, vielleicht einfach desshalb, weil er unfähig\nsein dürfte, musicalisch zu empfinden, zu denken und sich\nalso auszudrücken. Man hat zwar vielfach versichert, er\nwolle das gar nicht; es ist aber doch zu wohlfeil, etwas\nnicht zu wollen, was man nicht kann; denn von dem\nKönnen hat Wagner uns bis jetzt noch keine stichhalti-\ngen Beweise gegeben. Was man durchgängig vermisst, ist\ndie musicalische Idee.\"—Ferner ist die Rede von „seltsa-\nmen, mühsam zusammengeleimten musicalischen Faseleien\",\nvon „immer wiederkehrenden Instrumental-Effecten, welche\nden Charakter des Orchesters entstellen\" u. s. w. Das\neinzige und doch wieder in einer Weise, welche der oben\ngeschilderten unseres Crispinus täuschend ähnlich ist, be-\ndingte Lob lautet: „Dass Wagner in seiner Instrumentation\nsich öfters ungewöhnlich und sogar interessant zeigt, wird\ngewiss Niemand in Abrede stellen.\"\nDieser Aufsatz datirt vom 17. Februar 1855,\nund des Crispinus Correspondenz in der Neuen Leipz. Zeit-\nschrift beginnt in der Nummer vom 23.März; beide sind\nalso ungelähr zu der gleichen Zeit, oder wenigstens ganz\nkurz nach einander, geschrieben.\nWie nun, wenn sie beide Einen und denselben\nVerfasser hätten? 0 nein, nein! DieZweizüngigkeit, die\nUnverschämtheit wäre ja unerhört, wenn Ein und derselbe\nMann in der niederrheinischen Musik-Zeitung Wag-\nner auf die angeführte Weise behandelte, und ein paar\nWTochen darauf in der leipziger nicht nur dem nie-\nderrheinischen Publicum im Allgemeinen den Vorwurf\nmachte, „eine Kunst-Erscheinung wie Wagner\" nicht zu\nwürdigen zu wissen, sondern sogar der „Tages -Kritik\"\nam Niederrheine Schuld gäbe, dass sie, „theils um die Gunst\ndes Publicums buhlend, theils des guten Willens entbeh-\nrend, dieses Gebahren des Publicums begünstige, anstatt\nes nachdrücklich zu bekämpfen\"!! —Ja wohl! unerhört al-\nlerdings, auch charakterlos und perfid wäre das; und den-\nnoch nehme ich kein Wort von dem, was ich gesagt habe,\nzurück und unterschreibe diesen Aufsatz mit meinem Na-\nmen : denn es wird Zeit, ernsthaft zu werden."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "221", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550714-01.1.5", "texte": "Wenn derselbe Mann nämlich in jener Anmerkung, unter\nwelche die Redaction der leipziger Zeitschrift in richtigem\nGefühl lür die Wahrung ihrer Ehre die Unterschrift „A n-\nmerkung des Referenten\" mit grossen Buchstaben\ngesetzt hat, gar fortfährt: „Es gilt der Wahlspruch (näm-\nlich für die Tages-Kritik am Niederrheine): Das Schlechte\nlässt man laufen, das Mittelmüssige lobt man— besonders\nwenn sich milde Hände aufthun—, das Gute reisst man\nherunter\" (S. 138 unten), so habe ich für eine solche\nHandlungsweise keinen Namen, und würde, wiewohl der\nboshafte Ausfall mich, als Vertreter der Kritik am Nieder-\nrheine in zwei Haupt-Organen, in dem Feuilleton der Köl-\nnischen Zeitung und in meiner Musik-Zeitung, hauptsäch-\nlich trifft, mich selbst herabwürdigen, wenn ich irgend an-\nders darauf antwortete, als durch Hinweisung auf meine\nganze musicalisch-schriftstellerische Thätigkeit, welche seit\nJahren offen da liegt und vollkommen hinreicht, eine so in-\nfame Nichtswürdigkeit zu widerlegen. Die persönliche Un-\ndankbarkeit verzeihe ich, und beruhige mich dabei, dass\nauch Herr von W. nach Lesung dieses meines Aufsatzes\nwohl einsehen wird, dass auch jene erste Aeusserung: „Das\nSchlechte lässt man laufen\" auf einem Irrthume beruht;\nsobald es die Sache erfordert, nimmt man das Schlechte\njeder Art gehörig her und warnt die Welt davor.\n\nL. Bischoff.\n\nBerliner Briefe.\n\n[M ilitär-Con certe Fräulein T i e t j c n s Herr und\nFrau Hardlmutb Rüekblick auf die Saison.]\nDen 9. Juli 1855.\nDie musicalische Saison ist jetzt vollständig beendigt.\nSeit der Einrichtung der Opern-Ferien haben die Fremden,\ndie Berlin im Sommer besuchen, wenig zu sehen und zu\nhören und müssen mit ihren Abenden, besonders bei un-\ngünstigem Wetter, in einige Verlegenheit gerathen, zumal\nda auch das Ballet auf einige Wochen aufhört. Im Interesse\nder Sache ist aber die jetzige Einrichtung zu billigen; nicht\nbloss der Sänger, sondern auch das Publicum bedarf der\nRuhe; Musik und Poesie dürfen nicht zum täglichen Brode\nwerden, wenn sie über der Alltäglichkeit, im Reiche des\nIdeals bleiben sollen. Inzwischen haben die grossen Mili-\ntär-Concerte im Freien begonnen, die, obschon nur\ntheilweise der Kunst angehörig, dennoch kein schlechter\nBeweis von der musicalischen Leistungsfähigkeit Berlins\nsind. Es wird den Blech-Instrumenten gar Vieles zugemu-\nthet, was ihrer Natur zuwider ist, und dies ist die schlechte\nSeite davon; mit welchem Geschicke sie aber selbst das\nI ihnen Widerstrebende oft zu überwinden wissen, und welche\n| Sicherheit und Festigkeit in dem Ensemble liegt, dies ver-\ndient Anerkennung.\nNoch habe ich über den Schluss der Opern-Saison,\nnamentlich über das Gastspiel von Fräul. Tietjens, zu\nberichten. Dass ihr so glänzende Anträge von Seiten der\nGeneral-Intendantur gemacht worden sind, als einige musi-\ncalische Blätter berichtet haben, ist wohl zu bezweifeln; so\nwünschensweHh ein Engagement dieser Sängerin, die sich\ndurch schöne natürliche Mittel auszeichnet und glücklicher\nWeise noch nicht verbildet ist, auch wäre, so stehen ihre\nLeistungen doch in keinem Verhältnisse zu den Summen,\ndie ihr angeblich angetragen sind. Ueberdies lässt sich noch\nnicht absehen, ob sie das Publicum in Begeisterung zu ver-\nsetzen im Stande sein, ob sie zu mehr als einer bloss an-\ngenehmen, lieblichen Erscheinung sich entwickeln wird; sie\nhat bei ihrem Gastspiele gefallen, aber nicht solches Auf-\nsehen gemacht, dass das Haus sich gefüllt hätte, obschon\nkurze Zeit darauf das Gastspiel Dawison's bewies, dass\nunser Theater-Publicum sich durch die schönsten und\nwärmsten Sommer-Abende nicht abschrecken lässt, wenn\n. •\neine wirklich bedeutende Künstler-Grösse die Aufmerksam-\nkeit auf sich lenkt. Fräul. Tietjens hat eine umfangreiche,\nin der Höhe sehr leicht ansprechende und gut ausgeglichene\nStimme, von nicht hervortretender Stärke, aber voll, weich\nund klar; das Organ ist in seinem jetzigen Zustande nicht\nso weich und duftig, dass es sich ausschliesslich lür den\nColoratur-Gesang eignete, aber auch nicht durch den häu-\nfigen Gebrauch starker, dramatischer Accente der wohl-\nthuenden Milde, jenes flockigen Hauches beraubt, der an\njugendlichen Stimmen uns so sympathisch erfasst. Fräul,\nTietjens befindet sich auf einer Uebergangs-Stufe; wir hö-\nren sie oft nach stärkeren, leidenschaftlichen Accenten rin-\ngen, theils weil die Natur der von ihr dargestellten Rollen,\nz. B. Donna Anna, Valentine, sie dazu treibt, theils weil\nsie wohl fühlen mag, dass die glänzenden Erfolge beim\nPublicum doch immer durch diese Spitzen der Darstellung\nerrungen werden. Es misslingen ihr Versuche dieser Art\nnicht gänzlich, dennoch bleibt noch immer etwas zurück,\nsei es in der Energie des einzelnen Tones, sei es in dem\nFesthalten des energischen Ton-Ansatzes für eine zusam-\nmenhangende melodische Phrase; auf der anderen Seite hat\nsie sich aber auch der graziösen Richtung nicht so hinge-\ngeben, dass sie durch hervortretende Feinheit der Ausfüh-\nrung, durch die kleinen Kunstmittel liebenswürdiger weib-\nlicher Coquetterie das Publicum hinreissen könnte. Fräul.\nTietjens ist mit dem, was sie jetzt leistet, sehr vielseitig zu"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "222", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550714-01.1.6", "texte": "verwenden, sie wird aber selten oder nie eine Leistung\nersten Ranges hinstellen können, es müssten denn Rollen\nvon mittlerem, elegischem Charakter sein, in denen sich die\nEmpfindung weder zu dramatischer Leidenschaft erhebt,\nnoch in die Formen feinster Anmuth, spielender Grazie\nkleidet. In Rollen dieser Art, z. B. der Gräfin im Figaro,\nder Rezia im Oberon, leistet Fräul. Tietjens oft Vorzüg-\nliches ; in anderen Aufgaben, wie der Valentine, der Donna\nAnna, nach der entgegengesetzten Seite hin in der Martha\nleider können wir kein besseres Beispiel anführen er-\nreicht sie die Höhe der Aufgabe nicht, obschon ihr Einzel-\nheiten auch hier schon gelingen. Was ihr vorzugsweise\nfehlt, ist die Beherrschung des sinnlichen Organs durch\neine feurige, künstlerische Phantasie; die Grundlage, die\nStimme selbst, die Tonbildung, selbst die Stimmfertigkeit\nsind höchst anerkennungswerth; auch Aussprache und In-\ntonation sind sehr zu rühmen. Da Fräul. Tieljens noch\nnicht lange als erste Sängerin fungirt, so glaubevn wir gern,\ndass ihr Talent noch nicht den Höhepunkt erreicht hat; es\nzeigt sich dies auch im Spiel und in der körperlichen Hal-\ntung, die noch einen Mangel an Bühnen-Routine verräth.\nAusser Fräul. Tietjens gastirten noch Herr und Frau\nHardtmuth aus Frankfurt am Main, von denen der Er-\nstere eine klangvolle, weiche und noch nicht verbildete Ba-\nriton-Stimme hat; auch bewies er in Vortrag und Spiel\nnatürliche Empfindung; doch ist noch viel Naturalistisches\nin ihm. Wir wünschen, dass er gute Sänger hören und\nsich nach ihnen bilden möge; denn das Talent, schön zu\nsingen, besitzt er, wie uns scheint. Frau Hardtmuth (geb.\nHofmann) zeigte viel mehr Schule, aber ihre für grosse Büh-\nnen zu schwache Stimme wird durch das Forciren der\nhohen Töne oft unangenehm.\nWerfen wir noch einen kurzen Rückblick auf den letz-\nten Winter, so finden wir, dass er in der Aufführung\nneuer Werke sowohl, als in dem Auftreten fremder Künst-\nler von Bedeutung ausserordentlich reich war. Die blossen\nVirtuosen-Concerte fanden nur geringe Theilnahme, ausser\ndenen Bazzini's, die durch die Benutzung des Kroll'-\nschen Etablissements einen so günstigen Erfolg hatten. Um\nso mehr drängte man sich nach Billets zu den Concerten\nvon Joachim und Clara Schumann, trotz ihres mit-\nunter fast abschreckend ernsten Inhalts. Diese Concerte\nmachten das Publicum mit manchem neueren Werke von\nSchumann und Brahms bekannt; auch Compositionen von\nBach, Mendelssohn und Beethoven, die hier noch nicht öf-\nfentlich gespielt waren, kamen theils in diesen Concerten,\ntheils durch Hans v. Bülow, Rad ecke, Vi er 1 in g zur\nAufführung. Dass das Publicum bis jetzt grosse Theiinahme\nfür die letzten Werke Beethoven's, für die Compositionen\nBach's und für die modernste Musik zeigte, lässt sich nicht\nsagen; aber das Bedürfniss, dem musicalischen Leben ir-\ngendwie frische Anregungen zu geben, ist ein zu natür-\nliches, und so zweifeln wir denn keinen Augenblick, dass\nsich das Repertoire unserer öffentlichen musicalischen Un-\nterhaltungen im Laufe einiger Winter etwas umgestaltet\nhaben wird. Auch der Stern'sche Verein und die Sing-\nAkademie haben diesem Zuge nachgegeben; die Domchor-\nConcerte waren von vorn herein eigentlich darauf begrün-\ndet, wenn auch nicht Neues, so doch Vergessenes wieder\nins Leben zu führen; am meisten halten die Symphonie-\nConcerte an dem Alten fest, und zwar, wie man nicht\nläugnen kann, in Uebereinstimmung mit den Wünschen\nihres Publicums. Von den kleineren Concert-Unternehmun-\ngen haben sich namentlich die Concerte der Herren Ra-\ndecke, Grün wald und v. d. Osten durch ein Verlassen\nder bisherigen Bahnen hervorgethan, und es ist dies um so\nmehr anzuerkennen, als die Concertgeber mit neuen Wer-\nken einen weit schlimmeren Stand dem Publicum gegen-\nö O\nüber haben. So sehr es aber zu billigen ist, dass man nicht\nvon Jahr zu Jahr immer wieder dasselbe aufführe denn\nin der Musik hat man von jeher Abwechslung verlangt —,\nso müssen wir doch auch vor einem blossen Experimenti-\nren warnen und vor der Urtheilslosigkeit, die jedes Ab-\nweichende schon darum, weil es abweicht, für ein Kunst-\nwerk hält.\n\nG. E.\n\nAus Düsseldorf.\nVor einigen Tagen beschäftigte unseren Gemeinderath\ndie Wahl des städtischen Musik-Directors, und ernannte der-\nselbe als solchen unter den vielen Bewerbern Herrn Ju-\nlius Tausch.\nDie Direction des allgemeinen Musik-Vereins hatte\nHerrn Julius Stern in Berlin,\n„ Reinthaler in Köln,\n„ Reinecke in Barmen,\ndas Comite für Theater- und Musik-Angelegenheiten, wel-\nches aus Mitgliedern des Gemeinderathes und einigen aus\nder Bürgerschaft zugezogenen geeigneten Persönlichkeiten\nzusammengesetzt und dem Gemeinderathe als begutachtende\nSpecial-Commission beigeordnet ist,\nden Herrn Reinthaler in Köln,\n„ Frank ebendaselbst,\n„ Dr. H. in Düsseldorf\nin Vorschlag gebracht."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "223", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550714-01.1.7", "texte": "Der Gesang-Verein für gemischten Chor proponirte\ndagegen seinen bisherigen Dirigenten Herrn Tausch, und\nmotivirte seinen Antrag durch die Anerkennung der gros-\nsen Verdienste, welche sich derselbe durch die Leitung des\nVereins und der Winter-Concerte um unsere musicalischen\nZustände erworben habe. In gleichem Sinne glaubte sich\ndie Direction der Künstler-Liedertafel,- so wie die des städti-\nschen Männergesang-Vereins— Vereine, welche in unserem\nMusikleben eine Stellung von sehr geringer Bedeutung ein-\nnehmen, in einer Eingabe an den Gemeinderath ausspre-\nchen zu müssen. Ausserdem wurden noch andere Hebel\nfür Herrn Tausch in Bewegung gesetzt. Man wies auf die\nWinter-Concerte hin, die zum ersten Male einen Ueber-\nschuss, statt eines Deficits, ergaben, obgleich derselbe nur\nvon der zufälligen, aussergewöhn'ichen Gassen-Einnahme im\nfünften Concerte herrührt. Auch die Erfolge des letzten\nMusikfestes schrieb man zum Theil dem durch Herrn\nTausch wieder aufblühenden eigenen Musikleben zu, wäh-\nrend wir sie dem Vertrauen zu verdanken haben, das der\nName „Niederrheinisches Musikfesta einflösst, der Leitung\ndesselben durch den hochbegabten Ferdinand Hiller, der\nMitwirkung der genialen Lind und dem Herbeiströmen\neiner Menge von Künstlern und Kunstfreunden, wie sie\nvom F-este immer angezogen werden.\nDie unparteiische Kritik, welcher wir unsere musicali-\nschen Zustände und Auflührungen in diesen Blättern unter-\nwarfen, suchte man nicht durch Widerlegung, sondern\ndurch Verdächtigung ihrer Tendenz zu entkräften. Kurz,\nes gelang, die Väter der Stadt, bei welchen künstlerische\nElemente eben nicht stark vertreten zu sein scheinen, lür\nTausch zu gewinnen, ja, sie zu bewegen, dem allgemeinen\nMusik-Vereine und der eigenen Commission ein Dementi\nzu geben, die von beiden aufgestellten Candidaten bei Seite\nzu schieben und Herrn Tausch mit grosser Stimmenmehr-\nheit zu erwählen.\nWir müssen dieses Resultat im Interesse der Kunst\naufrichtig bedauern, weil wir die Ansichten, welche wir\nüber die Leitung unserer musicalischen Zustände im Allge-\nmeinen und durch Herrn Tausch im Besonderen in Nr. 19\ndieser Blätter aussprachen, nicht zurücknehmen können\nAnsichten, die längst vom grösseren und besseren Theile\nunseres Publicums getheilt wurden. Tausch und seine\nFreunde, wie wir früher andeuteten, scheinen sich immer\nmehr über jedes Urtheil zu stellen und dem motivirtesten\nRathe, wenn er von einem Dilettanten herkommt oder her-\nzukommen scheint, jede Berechtigung abzusprechen. Wir\nunsererseits erkennen den wahren Künstler in dem, der\nmit gründlicher allgemeiner und fachlicher Bildung ästheti«\nsehe Auffassung und ernstes künstlerisches Streben verbin-\ndet, gleichviel, ob er von der Kunst lebt oder nicht; und\nmancher, der sich Künstler nennt, ist in unseren Augen Di-\nlettant, der sich nur zu zeitweiligem Vergnügen oberfläch-\nlich mit der Kunst befasst, oder gar Handwerker.\nKommen wir daher nochmals auf unsere letzten Win-\nter-Concerte zurück, so müssen wir es wiederholen, dass\ndie höchst ungenügend vorbereiteten Auflührungen, nament-\nlich die, worin der Chor mitwirkte, keineswegs den Geist\nder Tonwerke athmeten, häufig sogar, wir wiesen es nach,\ndemselben geradezu widersprachen. Unserer Ansicht nach\ntrugen sie somit in dieser und jeder anderen Beziehung ein\nvollkommen dilettantisches Gepräge, obgleich wir in dem\nDirigenten derselben, in Tausch, als Pianisten und Compo-\nnislen einen Künstler von grosser Befähigung keineswegs\nverkennen. Wer indess diese Leistungen, wie es geschehen,\nals den Beweis eines erfreulichen Aufschwunges betrachtet,\ndrückt sich dadurch den Stempel eines unverkennbaren Di-\nlettantismus der selbstgefälligsten Art auf. Die einzige Hoff-\nnung auf eine bessere Zukunft besteht darin, dass Herr\nTausch diesen Dilettantismus, der sich gerade in der Reihe\nseiner Freunde breit zu machen scheint, als den Feind er-\nkenne, den er zu bekämpfen hat, und dass er sich einer\nblind verehrenden Coterie entziehe, die schon so manchem\njungen Künstler Unglück gebracht hat. Schwände auch\ndiese Hoffnung, so würden wir ohne Zweifel einer trauri-\ngen Zukunft entgegen gehen! —6\n\nGesangfest in Mainz.\nAm 1. Juli fand das von der mainzer Liedertafel zum Besten\nder Casse des „Verschönerungs-Vereins\" veranstaltete Gesangfest\nunter der energischen und tüchtigen Leitung des Capellmeisters\nHerrn C. Reiss Statt. Alles hatte sich vereinigt, dasselbe zu einem\nwahren Festtage zu machen, und selbst die unbeständige Witterung\nder letzten Zeit hatte für diesen Tag ihre Launen vergessen. Die\nauswärtigen Vereine, welche der mainzer Liedertafel ihre Mitwir-\nkung freundlichst zugesagt hatten, nämlich der Quartett-Verein von\nWiesbaden, die Liedertafel von Wrürzburg und der Mozart-Verein\nvon Darmstadt, so wie die Deputationen des Gesang-Vereins von\nOffenbach, der „Germania\" von Frankfurt und des Musiii-Vereins\nvon Mannheim langten im Laufe des Vormittags meistens per Eisen-\nbahn in Gastel an und wurden dort von der Liedertafel empfangen.\nIn langem Zuge, mit wehenden Fahnen und Musik, von einer fröh-\nlichen Volksmenge begleitet, zogen die Sänger über die Brücke\ndurch die Stadt nach dem Locale der Liedertafel, wo sie von dem\nPräsidenten der Liedertafel in einer herzlichen Ansprache willkom-\nmen geheissen wurden. Im Namen des Mozart-Vereins wurde die\nAnrede von einem Mitgliede desselben in munterer Weise beant-\nwortet, was in Verbindung mit dem darauf gereichten Ehrentrunk\ndie heiterste Stimmung hervorrief. Die General-Probe, von Herrn"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "224", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550714-01.1.8", "texte": "C. Reiss geleitet, wurde sofort auf der Bühne des daranstossenden\nTheaters abgehalten.\nNachmittags um 5 Uhr zogen die Sänger in derselben Weise\nwie Vormittags nach der Neuen Anlage, auf deren Plateau das\nGesangfest Statt fand. Eine unzählige Menschenmasse hatte sich hier\nbereits eingefunden und erwartete mit Ungeduld den Beginn der\nGesang-Vorträge.\nBeethoven's herrliche Egmont-Ouverture, von dem Musikcorps\ndes k. k. österreichischen 11. Regiments präcis und feurig geblasen,\nbildete die Einleitung. Ihr folgte Kreutzer-s weltbekanntes und doch\nnie veraltendes Sonntagslied: „Das ist der Tag des Herrn\". Den\nZweifel, ob es gelingen würde, in einer einzigen Probe die vier ver-\nschiedenen Vereine zu einem vollkommenen Ensemble zu vereini-\ngen, wurde gleich damit glänzend gelös't. Der mächtige, aus circa\n250 Sängern bestehende Chor sang mit einer solchen Sicherheit,\ndie Accente und Nuancen von dem zartesten Piano bis zum stärk-\nsten Forte wurden so gelungen ausgeführt, und über dem Ganzen\nschwebte eine so unverkennbare innere Bewegung, dass sich der\nTausende von Zuhörern die innigste Rührung bemächtigte und ein\nrauschender Beifall am Schlüsse den Sängern für den Genuss dankte.\n\"Die folgenden Gesangs-Vorträge bestanden aus „Die Liebe44 von\nCherubini, „Liedesfreiheit44 von Marschner, „Kriegers Gebet\" von\nLachner (mit Instrumental-Begleitung), „Chor aus Euryanthe44, „Lenz-\nfragen44 von Lachner, „Normanns Sang44 von Kücken und als Schluss\nMendelssohn's grossartiger „Festgesang an die Künstler44 mit Inslru-\nmental-Begleitung. Besonders hervorzuheben sind daraus: Kriegers-\nGebet, Chor aus Euryanthe und Lenzfragen, welche den grössten\nBeifall fanden und auch am gelungensten vorgetragen wurden. Von\nMendelssohn's Festgesang machte besonders der erste Satz tiefen\nEindruck.\nVon Instrumentalsachen wurden noch vorgetragen: Duett aus\nIlaydn's Schöpfung für Blas-Jnstrumente von dem k. k. österreichi-\nschen Musikcorps, und die Ouvertüren zu Wagner's Tannhäuscr und\nWebers Oberon von den vereinigten k. preussisehen Musikchören.\nHatte somit das Fest in jeder Beziehung den von ihm gehegten\nErwartungen entsprochen, so verspricht es in anderer Beziehung\neinen weitreichenden Erfolg zu haben. Es hatte sich nämlich von\nvielen Seiten der Wunsch rege gemacht, es möchte gelingen, die\nreichen musicalischen Kräfte der Städte am Mittelrheine in einen\nähnlichen Bund zu vereinen, wie Düsseldorf, Köln, Aachen. Elber-\nfeld, Barmen und Bonn am Niederrheine bilden, mit anderen Wor-\nten: Mittelrheinische Musikfeste zu gründen, an denen\neine würdige Aufführung der grössten Meisterwerke der deutschen\nTonkunst möglich wäre. Die anwesenden Vertreter eines Theiles\nder genannten Städte waren desshalb zu einer Besprechung auf\nMontag Vormittags eingeladen worden, und der ausgesprochene Ge-\ndanke fand so allseitige und freudige Beistimmung, dass schon jetzt\nmit Sicherheit die Ausführung desselben für das Jahr 1856 voraus-\ngesagt werden kann. An der Theilnahme und Unterstützung der\nmusicalischen Kräfte in den genannten Städten, welche nicht ver-\ntreten waren, ist gewiss nicht zu zweifeln. Von mehreren Seiten\nist bereits die briefliche Zusage eingelaufen.\nSomit darf das Gesangfest des Jahres 1855 als der Vorläufer\neiner neuen, für die musicalischen Zustände am Mittelrheine viel-\nversprechenden Aera angesehen werden. (Südd. M.-Z.)\n\nEingesandt.\nIBüsseldtorf. Die Besetzung der Stelle eines städtischen\nMusik-Directors hat denn endlich in der Gemeinderaths-Sitzung\nvom 10. Juli Statt gefunden, und ist Herr Julius Tausch mit\ngrosser Stimmenmehrheit gewählt worden, und zwar auf drei Jahre.\nVon den 46 Mitbewerbern waren Reinthaler, Frank und Dr,\nHa send ever in die engere Wahl von Seiten der Commission\ngestellt worden. Im Gemeinderathe indessen Wurde, besonders auf\nmehrere Adressen der hiesigen Vereine hin, Herr Tausch dringend\nmit empfohlen, und fand sonach nur noch eine Abstimmung über\nTausch und Hasenclever Statt. Bei der Heftigkeit, mit welcher die\nVorwahlen Statt fanden, steht wohl kaum zu erwarten, dass sich\njetzt alle Parteien einigen werden, wenigstens nicht gleich; es ist\ndie getroffene Wahl aber den Vereinen gegenüber eine versöhnliche\nzu nennen, bei denen eine grosse Gereiztheit gegen eine Wahl ge-\nblieben sein würde, die etwa einen Dirigenten gebracht hätte, wel-\ncher in musicalischer Befähigung den bisherigen Dirigenten Tausch\nnicht unbedingt übertroffen hätte. So ist einem grossen Zerwürf-\nnisse unserer Musik-Verhältnisse vorgebeugt, und hoffentlich wer-\nden sich bald alle Parteien zu einem Ganzen vereinigen.\n\nNachschrift der Redaction.\nWir sind weit entfernt, die Wahl selbst kritisiren zu wollen,\nund wünschen den Bestrebungen des Herrn Tausch, der gewiss mit\nvollem Bewusstsein dessen, was die grossen Namen seiner Vorgän-\nger von ihm fordern, in seine neue Stellung tritt, den besten Er-\nfolg. Allein die Bemerkung können und dürfen wir, weil ähnliche\nFälle vorkommen könnten, nicht unterdrücken, dass, wenn der Ge-\nmeinderath am Ende doch nur über zwei in Düsseldorf einheimi-\nsche Candidaten, deren Fähigkeiten und persönliche Eigenschaften\ndort längst bekannt waren, abstimmen wollte, wenn die Wahl nichts\nweiter als eine Entscheidung zwischen den Weifen und Waiblin-\ngen im Orte sein sollte, die öffentliche Ausschreibung der Stelle\nwie eine Art von Mystification erscheint, durch welche sich in der\nThat sehr bedeutende Künstler, unter ihnen Componisten von Ora-\ntorien, Messen, Opern, Sinfonieen u. s. w. haben zur Meldung ver-\nleiten lassen*\nZur Charakteristik einer blinden Parteisucht können wir nicht\nverschweigen, dass unmittelbar nach der Wahl ein anonymer\nBrief an eine hiesige musicalische Notabilität eingegangen ist, un-\nterzeichnet „Düsseldorf Viele Dilettanten44. Wir wol-\nlen annehmen, dass hinter dieser Firma sich nur ein einzelnes In-\ndividuum birgt, sonst müsste man nach Inhalt und Form dieses\nBriefes jeden Künstler glücklich preisen, der nicht gezwungen ist,\nmit derartigem „süssem Pöbel44 zu verkehren, und der Gewählte\nmüsste ausrufen: Gott schütze mich vor solchen Freunden!"}]}