{"numero_id": "bm-bmtnabi-1855-07-28-01", "volume": "bmtnabi_1855-07-28_01", "ocr_sha256": "6cc734a7dc61fb5d6b0ba0bb9a36b2829a4ac71e36b845534de94c70f0352c11", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1855/07/28_01/bmtnabi_1855-07-28_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550728-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1855-07-28-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-07-28_01#c001", "volume": "bmtnabi_1855-07-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "233", "page_fin": "238", "image_debut": 1, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550728-01.2.1", "titre_corps": "Pariser Briefe.", "titre_sommaire": "Pariser Briefe.", "signature_source": "B. P", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "233", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550728-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3897, "texte": "Pariser Briefe.\n\n[Musicalische Instrumente auf der Ausstellung\n„Jenny Bell\", komische Oper von Auber „Die sici-\nlianische Vesper\", grosse Oper von Scribe\nund Verdi.]\nDen 15. Juli 1855.\nWer hätte geglaubt, dass der Sommer einem Bericht-\nerstatter über Musik in Paris reichen Stoff darbieten\nkönnte? Der diesjährige bringt so viel Neues, so viel Merk-\nwürdiges, ja, so viel Bedeutendes in dem Reiche der Künste,\ndass es zum Erstaunen ist, um so mehr, da die Gewerb-\nthätigkeit doch eigentlich in ihm die Herrschaft hat. Aber\nauch diese hat für die Tonkunst in solchem Umfange gear-\nbeitet, dass die Sammlung von musicalischen Instrumenten\nauf der Ausstellung unabsehbar ist und die Jury in grosse\nVerlegenheit kommen dürfte.\nDiese Sammlung ist in acht Sectionen getheilt. 1) Holz-\nBlase-Instrumente—auch in Horn, Elfenbein, Knochen, Glas\nu. s. w. gearbeitet. 2) Blase-Instrumsnte von Metall. 3)\nOrgeln und orgelartige Instrumente, als Accordeon, Melo-\ndium u. s. w. 4) Saiten-Instrumente ohne Claviatur:\nAeolsharfen; b.Harfen, Lyren, Guitarren u. s. w.; c. Bo-\ngen-Instrumente —die ganze Geigen-Familie. 5) Saiten-In-\nstrumente mit Claviatur—das ganze Heer von Pianoforte's\nund Ciavieren in allen möglichen Gestalten. 6) Schlag-In-\nstrumente: Pauken, Trommeln, Becken u. s. w. 7) Auto-\nmatische Instrumente, als Drehorgeln, Spieluhren, Glocken-\nspiele. 8) Einzelne Bestandtheile lür Instrumentenbau\nSaiten, Bogen, Clavier-Theile u. s. w.— Es ist ein wahres\nGlück, dass alle diese Tonmaschinen an und für sich stumm\nsind; das Haar sträubt sich, und kalter Schauer überläuft\neinen, wenn man sich einbildet, in dunkler Nacht in dem\nKrystall-Palaste allein zu sein, wann plötzlich alle Stimmen\nder aufgestellten Instrumente lebendig würden und Meyer-\nbeer's Höllenwalzer spielten! Das wäre ein Hintergrund\nfür Phantasiestücke in Hoffmann's Manier, wie er noch nicht\nda gewesen. Eine kleine Vorstellung kann man sich indess\ndavon machen, wenn man unvorsichtiger Weise in die Re-\ngion der Claviere geräth, während einige vierzig bis fünfzig\nDilettantiein paar Hundert Fortepiano's nach einander und\nzugleich probiren. Nur die von preussisehen Ciavierbauern\nhieher gesandten sind an dem Lärm unschuldig; denn bis\njetzt sind sie so zweck- oder vielmehr eckmässig gestellt,\ndass man ihre Deckel gar nicht öffnen kann.\nLassen wir jedoch für jetzt die todten Ton-Werkzeuge\nauf den elysäischen Feldern in Ruhe und begeben uns\nin die Tempel der lebendig gewordenen Tonkunst.\nEs gibt Leute, die in ihrer Jugend ganz vortreffliche\nBeine hatten und mit Erfolg mit Anderen um die Wette\nliefen; aber die Muskeln erschlaffen im Alter, und es ist\nwenigstens nicht klug, in späteren Jahren immer wieder\nund wieder in die Arena hinabzusteigen. Auber hat kei-\nneswegs Lust, Rossini's Beispiele zu folgen, und das macht\nseine Freunde für seinen wohlerworbenen Ruhm bange;\nsie meinen mit Voltaire:\nUn diseau peut se faire entendre\nApres la saison des\nMais sa voix rCa plus rien de tendre,\nII ne chante plus ses amours.\nDie neue Oper, die er geschrieben, heisst Jenny\nBell (drei Acte) und bewegt sich auf dem Felde der Ko-\nmik, auf welchem der Componist der Stummen von Por-\ntici früher manchen blühenden Lorber gepflückt hat. Sie\nwurde am 2. Juni zum ersten Male gegeben. Das Buch\nist von Scribe, das heisst, es hat einen alten Stoff, aber in\nhübschem Zuschnitt, oft da gewesene, jedoch jetzt anders\nCostumirte Figuren, verbrauchte, aber stets musicalisch\nleicht zu behandelnde und durch witzigen Dialog immer\nwieder spannende Situationen. Vor der Aufführung ver-\nbreitete sich das Gerücht denn hier zu Lande wird kein\nReizmittel irgend einer Art zur Spannung der Neugierde\nverschmäht—, eine Episode aus dem Leben der berühm-\nten Jenny Lind sei darin auf die Bühne gebracht; die Auf-\nführung zeigte jedoch klar, dass hier nur von einer neuen\nAuflage der Ambassadrice, der Sirene, des Concertes am\nHofe u. s. w. die Rede sei."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "234", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550728-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5029, "texte": "Eine Sängerin, diesmal eine Engländerin, entzückt die\nlondoner Weit (etwa vor hundert Jahren) und findet in\neinem Admiral und Minister ihren Wohlthäter wieder\ndenn der Herzog von Greenwich hat die Waise erziehen\nund ausbilden lassen. Durch Scribe'sches geheimes Natur-\nwalten wendet Jenny Bell ihr Herz einem unbekannten\njungen Componisten zu, der sich um ihren begünstigenden\nEinfluss bewirbt; dieser ist aber durch Scribe'sche Schick-\nsals-Verknüpfung kein Anderer, als Mortimer, der legitime\nSohn und einzige Erbe des Herzogs! Jenny ist aber die\nTugend selbst folglich kein anderes Ende möglich, als\nVermählung.\nEs fehlt natürlich nicht an Kritiken, welche laut rüh-\nmen, Auber habe nie mehr Jugendfrische und Schwung\ngezeigt, als in der Musik dieser Oper; man kennt das und\nweiss es zu würdigen. Das Zeugniss wird man dem\nalten Meister indess nicht versagen können, dass seine Par-\ntitur immerhin weit mehr melodische Factur, mehr Reiz,\nmehr warme Empfindung, überhaupt mehr Musik enthält,\nals die meisten Operetten seiner Collegen. Das ist aber\nfreilich nur ein sehr relatives Lob; die Composition reicht\nauch nicht von Weitem an „Maurer und Schlosser\", „Fra\nDiavolo\", „Der Schnee\" u. s. w., und ich kann den Di-\nrectionen deutscher Theater nicht rathen, sie auf ihre Büh-\nnen zu bringen, es müsste denn gar grosse Dürre an ko-\nmischen Opern in Deutschland herrschen, wass leider wirk-\nlich der Fall zu sein scheint, da ja sogar Herr von Flotow\nso viel wir hier wissen schweigt. Zu bedauern ist,\ndass Auber, welcher denn doch wahrhaftig eine unbestrit-\ntene Autorität in Frankreich ist, folglich den Geschmack\nSeiten, nicht dem Verderbniss desselben fröhnen sollte, so\nwenig seine Stellung erkennt und diejenige Haltung be-\nhauptet, die ihrer allein würdig wäre. Wie anders dage-\ngen sein grosser Vorgänger in der Leitung des Conserva-\ntoires! Nie würde Cherubini sich so tief zu dem grossen\nHaufen herabgelassen haben, ihm zu Liebe z. B. solch ein\nFinale zu schreiben, wie dasjenige des ersten Actes dieser\nOper, welches nichts weiter ist, als ein Wettstreit der\nKehlfertigkeit zweier Sopranstimmen mit Tonica- und Do-\nminanten-Begleitung des Chors!\nMan begreift in der That nicht, was Auber hindert,\nsich als Componist freiwillig in Ruhestand zu setzen. Alles,\nwas man vom günstigsten Geschick erßehen kann, besitzt\ner: eine hohe Stellung an der Spitze der französischen\nSchule, eine ehrenvolle und einträgliche Stelle im Staate,\neinen unbestrittenen Ruhm, einen weit greifenden Einfluss,\nVermögen, alles, was man sich nur wüaschen kann. Was\ntreibt ihn denn nun noch zum Schreiben ? Der Genius? die\neigene Lust am Schäften? Allen Respect davor, wenn es\nso ist; aber wer kann daran glauben, wenn man die Re-\nsultate sieht? Sind LEnfant pro ,\nges und Jenny Bell Vorwürfe für ein Genie, und ist die\nBearbeitung derselben genial? Ist es eines Mannes wie\nAuber würdig, in einem Kunstwerke die Zeilstimmung so\nauszubeuten, wie es in Jenny Bell durch eine bei den Haa-\nren herbeigezogene Anbringung des\nund des Rule Britannia geschieht ?\nGehen wir zu einem anderen Componisten über, den\nItalien hieher gesandt hat, um die pariser Weihe der Be-\nrühmtheit zu erlangen. Wie einst Rossini, so hat bekannt-\nlich die kaiserliche grosse Oper vor einiger Zeit Verdi,\nden jetzigen Stern von Italien, veranlasst, seinen Glanz in\nParis leuchten zu lassen, um von da ganz Europa in Stau-\nnen zu setzen. An und für sich muss man sich freuen, dass\nes doch noch eine Kunst-Anstalt gibt, welche ihre Auf-\nmerksamkeit nicht bloss auf das Locale und Einheimische\nbeschränkt, sondern mit grossen Opfern das Ausgezeich-\nnete der Fremde dem Publicum zum Genüsse und zur\nPrüfung vorführt. Das Verdienst, welches Paris in dieser\nHinsicht um die Tonkunst hat, ist ihm seit Gluck's Zeiten\nnicht streitig zu machen, und wenn die Franzosen die\nEitelkeit haben, sich bei den Erfolgen der fremden Com-\nponisten damit zu brüsten oder zu trösten, dass diese bei\nihnen erst gelernt hätten, wie man es machen müsse, um\nein vollendetes dramatisch-musicalisches Kunstwerk zu\nschaffen, so kann man ihnen das immerhin nachsehen\nzumal da früher etwas Wahres daran war —, wenn man\ndaran denkt, wie sie Männern wie Gluck, Rossini, Meyer-\nbeer ihre reichen Mittel zu Gebote gestellt haben, um deren\nWerke würdig auf die Bühne zu bringen.\nMan würde mich aber sehr missverstehen, wenn man\nnach diesem Eingange glaubte, ich wolle Verdi auch nach\nseinem inneren Werthe in die Reihe der genannten Mei-\nster stellen; davon kann nicht die Rede sein, auch nach\ndem Erfolge seines neuesten Werkes nicht, wenngleich\ndieser Erfolg, bei der Menge für den Augenblick wenig-\nstens, Thatsache ist.\nAls man Verdi berief, war man bereits mit Herrn\nScribe einig, dass er ihm den Stoff zu musicalischer Be-\ngeisterung liefern würde. Scribe kam auf den sonderbaren\nEinfall, für einen Italiäner und für die erste Bühne der\nFranzosen diesen StofF aus dem blutigen Born der sici-\nlianischen Vesper zu schöpfen! Indess man weiss, was ihm\ndie Geschichte bedeutet und wie er sie zu seinen Bühnen-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "235", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550728-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5033, "texte": "zwecken handhabt. Spasshaft ist aber die Rechtfertigung\nseines Verfahrens, die er dieses Mal in einem Vorworte\nzum Textbuche gibt:\n„Denjenigen, die uns wie gewöhnlich Ünkenntniss der\nGeschichte vorwerfen werden, diene zur Nachricht, dass die\nallgemeine Ermordung, die unter dem Namen der siciliani-\nschen Vesper bekannt ist, niemals existirt hat. Hat man\nsich einmal auf diesen historischen Standpunkt gestellt, so\ndürfte es wohl Jedem erlaubt sein, diesen Stoff so zu be-\nhandeln, wie er ihn auffasst\" u. s. w.\nNun, ich habe nicht Lust, diesem kühnen Läugner des\nblutigen Sühnopfers für Conradin's Tod mit meinem histo-\nrischen Wissen entgegen zu treten; aber ästhetisch genom-\nmen ist das Drama der Herren Scribe und Duveyrier ein\nAneinander vonScenen, deren Inhalt eben so wenig Wahr-\nscheinlichkeit als Interesse hat, da die Autoren keinen ein-\nzigen Charakter hinzustellen verstanden haben, der einiger\nMaassen Theilnahme erregte und als Träger der Handlung\ndie Aufmerksamkeit spannte. Da nun Verdi von allen Eigen-\nschaften eines dramatischen Componisten gerade das Ta-\nlent, musicalisch zu individualisiren und zu charakterisiren,\nam allerwenigsten besitzt, so war er nicht im Stande, die-\nsem Mangel abzuhelfen, und es ergibt sich daraus schon\ndie Schwachheit der Oper als Kunstwerk. Den Dichtern\nscheint es nur darum zu thun gewesen zu sein, die wun-\n. i\nderlichsten moralischen Conllicte recht derb aufzutragen\nund dem Zuschauer so oft als möglich das Henkerbeil nur\nan einem Faden über dem Nacken des Opfers hangend zu\nzeigen. Verdi kann sich darüber wenigstens nicht bekla-\ngen, dass die Herren seinen' schauerlichen Gelüsten nicht\nin die Hände gearbeitet hätten; nur wird freilich das\nSchauerliche hier gar zu oft—lächerlich, und die Verfasser\nbeleidigen wahrhaftig das Publicum und den Dichter Casi-\nmir Delavigne, wenn sie in dem obengedachten Vorworte\nerklären, dass ihr Werk keinen mit dessen Drama\nLes Vepres sicilienneshabe.\nDie Handlung beginnt damit, dass auf dem Markte von\nPalermo die französischen Soldaten die belle France prei-\nsen und die Sicilianer die maudite France verwünschen.\nDie Herzogin Helene, Schwester Friedrich's von Oester-\nreich, erscheint in Trauerkleidern, die Franzosen muthen\nihr auf sehr unverschämte Weise zu, ein Lied zu singen;\ndie Fürstin thut es; sie hat wahrscheinlich Masaniello's\nScene in der Stummen einmal auf dem Theater gesehen\nund copirt sie, indem sie durch ihre Cavatine die Matrosen\nauf einem Schiffe, dem der Untergang droht, zu Muth und\nKraftanstrengung auffordert. Das Volk der Sicilianer be-\ngreift den Sinn und „stürzt mit blanken Dolchen auf die\nFranzosen los\" vor der Caserne der Franzosen und dem\nPalaste des Gouverneurs! Aber die blosse Erscheinung\nGuy de Montfort' s auf den Vorstufen des Palastes ver-\nsteinert die Freiheits-Helden. Er winkt mit der Hand, und\nsie laufen alle davon (wörtlich!). Hierauf singt er mit\nHelene und ihrer Begleiterin ein Terzett, welches durch\nden Zutritt Henri's, eines jungen Sicilianers, zum Quar-\ntett wird.\nDieser Henri, der seinen Vater nie gekannt und seine\nMutter vor einem Jahre verloren hat, ist ein wüthender\nSicilianer, der, obwohl so eben erst der Haft entlassen,\ndennoch in zwei grossen Duetten (denn Helene ist, nach-\ndem sie Henri freudig begrüsst, abgetreten) dem Gouver-\nneur die grössten Grobheiten ins Gesicht sagt. Montfort\naber, der Henker Conradin's und der Tyrann von Sicilicn,\nhat seinen Spass an der Frechheit des jungen Mannes und\nraunt ihm nur ins Ohr, er solle von seiner „unsinnigen\nLiebe\" zu Helenen ablassen. Der Gouverneur weiss also\nmehr als das Publicum, ist aber so gut, es diesem auch zu\nsagen. Henri, etwas verblüfft, ermannt sich bald, schleudert\ndem Tyrannen noch einige Impertinenzen ins Gesicht, und\nals dieser ihm bei Todesstrafe verbietet, Helenens Palast\nzu betreten, geht er erst recht hinein, und Montfort—\nsieht ihm nach, zwar avec emotion, aber sans colere. Der\nVorhang fällt.\nDas ist die Exposition; sie ist eines Puppentheaters\nvollkommen würdig.\nIm zweiten Acte tritt Procida auf. Dieser edle ge-\nschichtliche Charakter erscheint bei Scribe als ein gemeiner\nAufwiegler, der sogar den Agent provocateur spielt und bei\ndem Brautzuge am Feste der heiligen Rosalia die Franzo-\nsen aufmuntert, sich der hübschen Mädchen, „wie die\nRömer einst der Sabinerinnen\" (!), zu bemächtigen. Dies\ngeschieht denn auch wirklich auf der Scene, und zwar in\nGegenwart der Herzogin Helene und Henri's, welche eben\nvorher in einem Duett einig geworden sind; Helene liebt\nplötzlich den vaterlosen Soldaten\nsere\"; denn wenn er, wie er geschworen, ihren Bruder\ndurch den Tod Montfort's rächt, so ist er für sie „plus\nnoble que le roi!\" für eine österreichische Herzogin im\nJahre 1282 gar nicht übel! Auf einmal lässt der Gouver-\nneur Henri festnehmen und nach seinem Palaste abführen.\nDas sicilianische Volk, welches bis jetzt alles das ruhig mit\nangesehen hat, die zwölf Bräutigame einschliesslich, wird\nnun von Helene und Procida aufgestachelt und meint end-\nlich doch, das sei zu arg, und ruft in Masse:"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "236", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550728-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4931, "texte": "Je m'eveille et je sens, dans\nDe VElna qui mugit, eclater\nwas zugleich ein Pröbchen der poetischen Ausdrucksweise\nsein mag. Ein Prunkschiff fährt, gelullt mit französischen\nOf'ficieren und Damen, in vollem Staat vorüber wohin?\nZum Balle beim Gouverneur, wie die Herzogin sagt. A la\nbonne heure,meint der pfiffige Procida, da wollen wir als\nMasken auch hin und Montfort ermorden.\nDu hast wahrscheinlich, und wohl auch die Leser, be-\nreits genug an dem Gesagten, aber ich darf Euch doch\nnoch nicht entlassen; die Dichter könnten mir sonst vor-\nwerfen, ich habe das Beste verschwiegen. Und das ist\nwahr, es kommt wirklich immer besser, und zwar so toll,\ndass ein ehrliches Dichterherz darüber brechen muss. Ich\nwill mich indess so kurz wie möglich fassen.\nIm dritten Acte sehen wir den Gouverneur in tiefer\nRührung—er hat so eben einen Brief von seiner ehemali-\ngen Geliebten, einer Sicilianerin, erhalten, welche seit acht-\nzehn Jahren nichts von sich hören liess, auf ihrem Todten-\nbette aber ihm geschrieben. Freilich ist sie schon vor län-\nger als einem Jahre gestorben, aber die Post-Anstalten\nwaren im dreizehnten Jahrhundert bekanntlich sehr schlecht,\nund hätte Montfort den Brief früher als diesen Abend, am\nOstermontage, erhalten, so wäre das Publicum um die\nUeberraschung gekommen, dass Henri der Sohn Monlfort's\nvon jener Sicilianerin sei, die ihn im Hasse gegen die Fran-\nzosen erzogen. Wer aber noch mehr überrascht ist als das\nPublicum, ist der Officier, welcher Henri verhaftet hat und\nauf seine Frage:\nQuel chdtiment subira-t-il ?\nvom Gouverneur die Antwort erhält:\nQu'il soit, en ce palais, tr\nEs lebe die Antithese, das Oxymoron, der Contrast!\nWeiler! Grosse Enthüllungs-Scene zwischen Henri und\nMontfort; furchtbarer Conflict zwischen französischer Kin-\ndesliebe und sicilianischem Tyrannenhass. Henri stürzt fort,\nMontfort sieht ihm wiederum nach und drückt sich dann\nauch in die Coulissen, weil sich das Theater in den Ball-\nsaal verwandeln muss. Sobald dies geschehen, erscheint er\nwieder, setzt sich auf einen Thronsessel und sieht (wie dies\ndas unabweisbare LooS der Könige und Königinnen und\nihrer Statthalter in der französischen Oper ist) einem Ballet\nzu, welches die vier Jahreszeiten, an und für sich reizend\ngenug, darstellt. Die Gäste zerstreuen sich, Montfort hat\ngeruht, als Zuschauer seine Schuldigkeit zu thun, und trollt\nsich auch, damit die Scene leer bleibe, um Henri und zwei\nMasken Baum zu gönnen, welche, wie der verständige Zu-\nschauer schon merken wird, wenn er auch nicht die impo-\nsante Gestalt der Cruvelli wieder erkennt, Niemand anders\nsind, als Helene und Procida. Sie heften Henri eine Band-\nschleife als Erkennungszeichen der Verschworenen an, er-\nöffnen ihm, dass sie, um ihn zu befreien und nebenbei Si-\ncilien zu retten, alle Patrioten hier versammelt hätten, und\ndass Montfort, wie Gustav auf dem Maskenballe, zwar\nnicht erschossen werden, weil das Pulver noch selten oder\nam Ende noch gar nicht erfunden war, aber unter ihren\nDolchen fallen solle.\nHenri geräth dadurch in nicht geringe Verlegenheit;\ner versichert Beiden, dass es ihm hier ganz gut gehe, sie\nselber aber möchten sich vorsehen (wörtlich!) vergebens;\nsie entfernen sich in Wuth gegen den Tyrannen. Montfort\nkommt, Henri beschwört ihn, sich zu retten, es gelte sein\nLeben—jener widersteht, reisst seinem Sohne die Schleife\nvon der Brust, wobei Henri zwar einen Geste d'indignation\nmacht, aber dennoch, als die Verschworenen anrücken und\nHelene mit blankem Dolche auf Montfort zustürzt, sich\nzwischen sie und den Gouverneur wirft und seine Brust\ndem Stosse darbietet! O, welch eine Scene, wo der Ghi-\nbelline sich der Rache der Ghibellinen gegen den Guelphen\nentgegenwirft, wo der Liebende den Dolchstoss der heiss\nGeliebten zur Rettung des verhassten Vaters mit seiner\nBrust auffängt! Wen das nicht packt, der hat keinen Sinn\nfür den Contrast von Himmel und Hölle in Einer Brust!\nFurchtbares Finale—Helene und Procida verhaftet—Henri,\ndort als Verrälher, hier als piu kann nichts Bes-\nseres für einen Helden von 1282 thun, als in Montfort's\nArme und in Ohnmacht fallen.\nIm vierten Acte hat er sich erholt, besucht die Her-\nzogin in ihrem Gefängnisse, wo sich ihm alle Thüren öff-\nnen, entdeckt ihr, dass Montfort sein Vater sei, hört das\nGeständniss ihrer Liebe (Duett ä la Raoul und Valentine)\nu. s. w. Montfort erscheint und befiehlt, Helene und Pro-\ncida zum Tode zu führen grosse Schauerscene. Doch\nwill er verzeihen, wenn Henri zu ihm sagt :\n—Hinter der Scene De profundis—Helene verbietet dem\nGeliebten, Papa zu sagen ein Gitter öffnet sich, man sieht\nMönche, den Henker mit dem Beil und alles, was zum\nSchaffot-Apparate gehört. Steigerung der Marter des Publi-\ncums und Henri's, der von Einem zu dem Anderen läuft\nund schreit: „ Mon Dieu! que faire ?\"\nDie Mönche steigen herab Sterbeclior De profundis\nsie führen Helene die Treppe zum Schaffot hinauf\nder Henker streckt den Arm nach ihr aus: da fällt endlich"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "237", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550728-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5137, "texte": "Henri dem Tyrannen zu Füssen und sagt: „Bitte! bitte!\"\nd. h. „ Mon pere ! mon pere !\"\nUnd dieser? 0, der gute Papa wird dich überraschen.\nEr ruft auf der Stelle: „Gnade und Hochzeit!! Mein\nSohn heirathe die Herzogin von Oesterreich!\" —Jubelndes\nFinale, Glück der Liebenden, in welches nur Procida dann\nund wann heimlich hineinknurrt, wahrscheinlich weil er\neine solche Charakterlosigkeit nicht fassen kann. Henri\naber fragt den Teufel nach Siciliens Freiheit und bittet, die\nHochzeit auf morgen zu setzen. Papa begreift seine Unge-\nduld und erwidert: „Diesen Abend noch sobald es kühl\nwird (!) und man zur Vesper läutet!\" Merkst Du\nwas? Wo nicht, so schaue nur Procida an, der Pietro\nin der Stummen seine Freunde um sich schart und dem\nabgehenden Brautvater ein Fäustchen macht.\nGibt es etwas Abgeschmackteres, Lächerlicheres, das\nje unter der Form eines lyrischen Drama's auf die Bühne\ngebracht worden, als diesen Act? 0 ja! den folgenden,\nden fünften. Nach einer Gratulations-Cour, bei welcher He-\nlene einen Bolero singt, vertraut ihr Procida an, dass Alles\nzum Untergange der Franzosen vorbereitet sei und dass,\nsobald die Braut ihr Ja spreche und die Glocken läuten,\ndas Morden losgehen werde (Je massacre commencera). Diese\nMittheilung war freilich sehr dumm von ihm, da er ohne\ndieselbe seinen Zweck viel sicherer erreicht hätte; allein\nohne sie wären wir um ein grosses Terzett gekommen, in\nwelchem Helene die Alice, Procida der Bertram und Henri\nder Robert ist, und wir hätten den neuen Conflict, den\nSeelenkampf der Helene nicht geschaut; denn jetzt ist es\nan ihr, zu rufen: Que faire? que dire? Montfort schnei-\ndet jedoch den Knoten entzwei, legt die Hände seiner Kin-\nder in einander und lässt läuten. Da stürzen die Sicilianer\nmit Dolchen und Feuerbränden herbei, Henri wirft sich in\ndie Arme seines Vaters, Helene stellt sich vor Beide (Mar-\ncel, Raoul und Valentine), und so erwarten sie den Tod.\nDen zögernden Mördern ruft Procida, wahrscheinlich ein\nSchüler des heiligen Dominicus, zu:\nDieu choisira les siens! Der Vorhang fällt.— Aber wie\nkommen denn die Verschworenen in den Palast des Gou-\nverneurs? Wo sind denn die Wachen und Soldaten? wo\ndie Ritter und Hauptleute! Naseweise Fragen! Uebrigens\nsind Franzosen genug auf der Bühne, aber sie kämpfen\nnicht; der alte Löwe Montfort wehrt sich nicht, Henri zieht\ndas Schwert nicht für die Geliebte, weil —es Herrn\nScribe beliebt hat, vorzuschreiben: Francais\nsont sans armes!Ah! nun wird die Sache allerdings wahr-\nscheinlich !!\nIch habe mich absichtlich dabei aufgehalten, den Le-\nsern dieses so genannte historische Opernbuch mit seinen\nlängst abgenutzten Effecten und Zusammenstoppelungen\naus Robert, der Stummen, den Hugenotten, dem Prophe-\nten, dem Maskenballe, Don Sebastian u. s. w. nach seinen\nHaupt-Umrissen zu charakterisiren, weil es leider, wie ich\nmich täglich überzeuge, noch eine Menge von deutschen\nBlättern gibt, welche ohne alles Urtheil die Lobhudeleien\nhiesiger Coterie-Blätter oder auf irgend eine Weise ge-\nwonnener, wenn ich nicht sagen will: gedungener,Feuille-\ntonisten übersetzen und nachdrucken, und den deutschen\nBühnen noch immer zumuthen, auf die grosse Oper in Pa-\nris als eine Muster-Anstalt zu blicken. Wer meine Berichte\nin dieser Musik-Zeitung seit Jahren verfolgt hat, der wird\nwissen, dass ich kein Franzosen-Hasser bin und vorurtheils-\nfrei die hiesigen Kunst-Zustände bespreche; zugleich wird\ner aber auch wenn er meine Schilderungen der Opern\nVEnfant prodigue, La Corbeille d'Orange, Sappho, LeJuif\nerrant, Le Nabob, La Nonne L'Etoile\nII Trovatoreu. s. w. gelesen hat überzeugt sein, dass\nvon Paris aus, so wie die Zustände jetzt sind, niemals eine\nReform, sondern nur der Verderb, der gänzliche Ruin der\nOper und der dramatischen Musik überhaupt ausgehen\nkann *).\nUeber die Musik Verdi's bin ich zwar mit mir selbst\nvollkommen einig, doch möchte ich mir nicht anmaassen,\nmein Urtheil als absolut oder rein objectiv hinzustellen,\nund werde fast bange, es auszusprechen, wenn ich auf die\nMenge von Lobpreisungen sehe, weiche in hiesigen Blät-\ntern erschienen sind und wenigstens zum Theil sehr\nachtungswerthe Unterschriften tragen.\nDie Hauptsache scheint mir zu sein, denen entschieden\nzu widersprechen, welche aus den Vepres Siciliennes gern\neinen zweiten Guillaume Teil machen möchten und von\neinem ungeheuren Fortschritte Verdi's, von einer Revolution\nin seinem dramatischen Stil sprechen. Das ist eitel franzö-\n\n*) Wenn C. Kossäk in Nr. 29 (16. Juli) seiner „Berliner Mon-\ntagspost\" sagt, dass „die pariser Oper ihr Ansehen im Aus-\nlande den dienstwilligen Federn der pariser Journalisten und\nihren knechtischen deutschen Uebersetzern verdanke\", so hat\ner darin zwar zum Theil Recht; allein es dürfte doch gut\nsein, wenn Herr Kossak zuweilen noch etwas Anderes läse\nals die Correctur seiner eigenen Feuilletons; das würde ihn\nwenigstens vor der Ungerechtigkeit bewahren, über seine\nsämmtlichen Schriftgenossen den Stab zu brechen, und ihn\nhier und da in Deutschland doch noch mit Journalisten be-\nkannt machen, denen die Sache der Kunst mehr am Herzen\nliegt, als das witzige Raisonnement über dieselbe.\nAnmerkung der Redaction."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "238", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550728-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3777, "texte": "sische Grossthuerei, weil der Text französisch ist und Verdi\nihn in Paris componirt hat. Der einzige Einfluss, welcher\nin Verdi's Partitur sichtbar ist, strömt von Meyerbeer aus,\nund auch dieser zeigt sich meist nur in declamirenden Stel-\nlen, in denen sich überhaupt bei Verdi nicht nur ein Man-\ngel an Selbstständigkeit des Talentes, sondern auch sehr\nhäufig eine grosse Unbeholfenheit offenbart. Mir hat die\nwiederholte Anhörung der Oper die Ueberzeugung gege-\nben, dass Verdi aus seiner Manier nicht mehr\nheraus kann, dass er bei unverkennbarem musicalischem\nTalente ein reines Product der Gährung, die in seinem\nVaterlande kocht, ist und bleibt und sich nicht zu einer\nselbstständigen künstlerischen Höhe, von welcher ans der\nGenius seine Flügel entfaltet und die irdische Heimat ver-\ngisst, erheben kann.\nIch finde keine Originalität überhaupt, von melodischer\nErfindung im Verhältniss zu dem, was er bereits geliefert,\ndurchaus nichts Neues in der sicilianischen Vesper, wohl\naber oft eine grosse Verlegenheit, sich in die dialogischen\nEinzelheiten des Textes zu finden, und daneben eine Wie-\nderholung jener bei ihm stereotyp gewordenen Facturen\nder Cavatinen, Duette u. s. w., und vor Allem des Miss-\nbrauchs des Unisono, das er von Bellini und Donizetti ge-\nerbt, aber zur Caricatur gesteigert hat. Die neue Oper\nbietet uns nichts dar als eine Reihe Verdi'scher Bilder,\nwelche in eine französische Zauber-Laterne geschoben wer-\nden, eine musicalische Procession, welche durch seine\nsämmtlichen Werke hindurch schreitet, überall ein Fähn-\nlein aus ihnen mitnimmt und dabei sogar einige alte Zie-\nrathen und Cadenzen aus Ernaniund die der\nComponist selbst bereits vergessen zu haben schien, wieder\nauf den Markt bringt.\nFreilich macht es einen materiellen Effect, eben so\ngut, als wenn man erst mit einem, dann mit drei und dann\nmit zehn Hämmern auf einen Amboss schlägt wenn im\nFinale des dritten Actes erst die durch Henri verrathenen\nFührer der Verschworenen eine Phrase singen,\ndann Montfort, Henri und die französischen Ritter sie wie-\nderholen und endlich der Chor und das Orchester sie noch-\nmals— sempre unisono!—anstimmen; aber ist das Musik?\nist das dramatische Wahrheit da, wo ganz entgegengesetzte\nStimmungen der Parteien obwalten?— Eben so ist im Fi-\nnale des vierten Actes das kirchliche auf eine\nso ungeschickte Weise mit der Musik auf der Scene ver-\nbunden, dass es fast lächerlich wird und selbst von seihem\nVerdi'schen Vorbilde, dem Mis im nur ein\nwiderlich blasser Abklatsch ist.\nIn den Einzelgesängen findet sich zuweilen eine Me-\nlodie, selten jedoch eine längere, welche Eindruck macht;\noft ist einem aber dabei zu Muthe, als hätte man sie schon\ngehört, üeberhaupt zeigt sich das wirkliche Talent Verdi's\nnur als auf die Extreme beschränkt: entweder elegisch-\nsentimentaler Ausdruck oder wüthende Leidenschaft. Ueber-\ngänge aus einer Stimmung in die andere vermag er nicht\ndarzustellen, und von Stil kann in seiner Musik gar nicht\ndie Rede sein. Dabei ist er, wenn man es streng nehmen\nwill, eigentlich nur ein Naturalist, wiewohl ein talentvoller;\nvon musicalischem Wissen, von gründlichen Studien, von\ncontrapunktischer Gewandtheit, ja, nur Kenntniss, habe ich\nnoch keine Spur in seinen Werken entdecken können. Die\nInstrumentirung Verdi's würde eben so wenig wie die\nWagner'sche existiren, wenn Meyerbeer nicht da gewesen\nwäre; Letzterer hat wenigstens den Ruhm für sich ich\nweiss nicht, ob auch das Verdienst —, einestheils jene mas-\nsenhaften Wirkungen und anderenteils jene Raffinements\nim Zusammenstellen heterogener Instrumente und im Um-\nkehren der Functionen der Saiten- und Blas-Instrumente,\nso dass jene in den höchsten Regionen umherfahren und\nschwirren, während diese die lieferen Harmonieen füllen,\nzuerst angewandt zu haben.\n\nB. P."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-07-28-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-07-28_01#c002", "volume": "bmtnabi_1855-07-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "238", "page_fin": "239", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550728-01.2.2", "titre_corps": "Palestrina’s „Missa brevis“ und „Sicut cervus“.", "titre_sommaire": "Palestrina’s „Missa brevis“ und „Sicut cervus“.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "238", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550728-01.1.6", "debut_caractere": 3779, "fin_caractere_exclue": 5223, "texte": "Palestrina’s\n„Missa brevis“ und „Sicut cervus“.\nKöln, den 26. Juli 1855.\nAm vergangenen Samstage kam in der hiesigen Cäcilienkirehe\nwährend des Gottesdienstes die Mi von Palestrina, so wie\ndas Motett „Stentcervus\" von demselben zur Aufführung. Wenn\nes dem Menschen überhaupt im spateren Entwicklungsgänge des\nLebens nützlich ist, nach dem Anfange der durchlaufenen Bahn\nzurück zu sehen, und diejenigen nicht die Schlechtesten sind, wel-\nche der ursprünglichen Empfindung der ersten Jugendzeit treu\nblieben, so frommt es auch der Kunst, wenn man ihrer ersten Pe-\nrioden nicht ganz vergisst und sich ihrer Betrachtung mit derjeni-\ngen Liebe zuwendet, die man zu seiner beschränkten, aber from-\nmen und unschuldvollen Kinderzeit zu hegen pflegt.\nWer die Kunstgebilde des sechszehnten Jahrhunderts für das\nEinzige hält, was des katholischen Gottesdienstes würdig sei, der\nverkennt freilich das innere Gesetz der Kunst, welches schon in\njener Zeit mit grosser Energie erwachte nnd in schnellem Wachse\nthum über die damaligen engen Gränzen hinausführte; er verkennt\nin der That, dass auch die kirchlichen Gedanken, ohne ihr eigenes\nWesen zu verlieren, einer reicheren und tiefsinnigen Ausiührung\nfähig sind. Doch liegt bei dem Zurückgreifen zur ersten Periode\ndas richtige Gefühl zum Grunde, dass während der späteren Ent-\nwicklung die Treue der Empfindung über äusserer Pracht sehr oft\nverloren ging und dass man vor Allem zu ihr zurückkehren müsse."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "239", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550728-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5127, "texte": "wenn man den reellen Boden nicht unter den Füssen verlieren wolle.\nWie wir desshalb für Künstler das Studium der Palestrina'schen Pe-\nriode als letzte feste Basis ihrer Bildung für überaus wichtig halten,\nso freuen wir uns an dem Interesse, welches in letzter Zeit an den\nAusführungen der alten Sachen von Kunstfreunden und Publicum\ngenommen wird. Es ist noch nicht allzu lange, dass man mit aber-\ngläubischer Furcht gegen den Palestrina'schen Stil eingenommen\nwar und ihm wenig mehr als langweilige Folgen von dürren Drei-\nklängen und trockene contrapunktische Versuche zugestehen wollte;\ndas tiefe musicalische Leben in demselben erkannte man nicht und\nhielt es für kein geringes Verdienst unserer grossen Classiker, dass\nsie, während viele Talente im subjectiven Bilden verkamen, nicht\nnur an der eigenen Flamme des in ihnen liegenden göttlichen Ele-\nmentes unablässig schürten, sondern dieselbe zu gleicher Zeit durch\nverständiges Studium der Werke nährten, welche die vor ihnen\nliegenden Zeiten hervorgebracht hatten.\nDie Missa brevis gehört nicht zu den tiefsinnigsten Compositio-\nnen Palestrina's. Da sie nicht für ein besonderes Fest, sondern für\ndie gewöhnliche Messe bestimmt war, so hat der Componist sie so\nkurz als möglich gehalten und ihr kein anderes Gepräge gegeben\nals das der einfachen, heiteren Frömmigkeit. Die Themen dersel-\nben sind klar und verständlich, und würden von dem Hörer noch\nleichter aufgefasst werden, hinderten nicht die Engführungen, den\nmelodischen Gehalt herauszufinden, und widerstrebte es dem mo-\ndernen Gefühle nicht zu sehr, dass im ununterbrochenen contra-\npunktischen Gewebe die melodischen Schlussfälle der Stimme wäh-\nrend des Stückes, so wie ein gleichmässiger Rhythmus sorgfältig\nverdeckt werden. Verfolgt man die melodische Bildung indessen\ngenauer, so bemerkt man nicht nur ein inniges Anschmiegen an\nden Gedanken selbst, sondern auch eine verständige und treue,\nobwohl äusserst zurückhaltende Declamation der Worte, welcher\nder Sänger nur mit Unbefangenheit und Bescheidenheit zu folgen\nbraucht, um sie in ihrem Wesen auszudrücken; in derselben ist\nnichts Gemachtes und nichts sich Hervordrängendes. So unbestrit-\nten noch der Glaube und so kindlich das Hingeben des Gemüthes\nan das Mysterium der heiligen Handlung war, so einfach und ohne\njedes Gepränge äusserlich bemerkbaren Ausdruckes, ich möchte\nsagen: ohne jede Verwunderung über den Inhalt der Sache, folgen\ndie Melodieen den Textesworten, so dass das Einzelne im grossen\nGanzen untertaucht. Musicalisch bedeutender als die Messe erscheint\nuns das „Sicut cervusDas Verlangen der Seele nach dem Ewigen,\nwelches in dem 42. Psalme sich eigentümlich ausspricht, hat zu\nvielfachen musicalischen Darstellungen Veranlassung gegeben; es\nwäre nicht uninteressant, alle die Compositionen neben einander\nzu besitzen, die auf diese Worte geschrieben worden sind. Zu un-\nmittelbarer Vergleichung fordert der 42. Psalm Mendelssohn's auf,\nund man bemerkt, abgesehen vom verschiedenen Gewände, in wel-\nches das Thema eingekleidet ist, in seinem Kern eine entschiedene\nVerwandtschaft des musicalischen Gedankens. Während Mendels-\nsohn mit den reicheren Mitteln der Bewegung das sehnende Ver-\nlangen schildert, das die Ruhe noch sucht, tritt in der Auffassung\ndes alten Italiäners die Versöhnung hervor, welche der gläubige\nSinn in der Religion findet; ihm ist die Sehnsucht gestillt, er be-\nsitzt das geliebte Gut, „den Frieden, den die Welt nicht hat\". Die\nliebliche Anmuth des Thema's wird jedem klar werden, der ver-\nsucht, dasselbe mit einfacher Aceord-Begleitung am Ciavier in der\nschlichten Weise eines Liedes zu singen.\nDie Aufführung, die von dem hiesigen Lehrer-Vereine, unter\nder Leitung des Herrn Collen, ausging, verdient alle Anerken-\nnung; die Chöre waren sorgfältig einstudirt und gingen präcis und\nrein. Der Vortrag dieser Kirchenmusik ist für einen wohlgeübten\nSängerchor nicht schwierig, wenn er die äusseren Mittel von Licht\nund Schatten nur mässig anwendet und die Melodie mit der Frei-\nheit singt, die sich aus ihrem völligen Verständnisse von selbst er-\ngibt. Bei Dilettanten indessen, namentlich bei so jungen Kräften,\nwie die hier verwendbaren, Knaben und Mädchen von 14—16 Jah-\nren, denen die Sachen mit Mühe eingeübt werden, bleibt etwas\nGezwungenes und Steifes leicht zurück, welches dem harmonischen\nEindrucke nicht günstig ist. Zudem fehlt es den höheren Stimmen\nnicht an Reinheit, aber an der nöthigen Rundung des Klanges, die\nnur den gebildeten Frauenstimmen eigen ist. Dass sich die letzte-\nren bei den vielfachen Ansprüchen an ihre Bereitwilligkeit nicht\nleicht für diese Aufführungen gewinnen lassen dürften, bringt in-\ndessen den Vortheil, dass man zur Heranziehung neuer Kräfte für\ndie ernste Tonkunst sich genöthigt sieht, und verdienen daher die\nBemühungen in dieser Angelegenheit den doppelten Dank der\nKunstfreunde. Die Orgelstücke von Pachelbel und am Schlüsse der\nMesse Präludium und Fuge von Fr. W. Zachau, dem Lehrer Hän-\ndel's, wurden von Herrn Hompesch, der auf der Rheinischen\nMusikschule seine Bildung empfangen hat und jetzt als Hülfslehrer\ndort angestellt ist, vortrefflich vorgetragen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-07-28-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-07-28_01#c003", "volume": "bmtnabi_1855-07-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "239", "page_fin": "240", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550728-01.2.3", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "239", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550728-01.1.7", "debut_caractere": 5129, "fin_caractere_exclue": 6695, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nDas zweite niederrheinische Sängerfest wird am 12.\nund 13. August zu Crefeld gefeiert werden. Es haben sich be-\nreits über 700 Sänger zur Theilnahme gemeldet. Das Programm\nist folgendes:\n1. Tag. I. Abtheilung. Gruss der crefelder Liedertafel an die\nSänger. 1. Ouvertüre zur Oper „Die Zauberflöte\" von Mozart. 2.\n„Gebet der Erde'4 von A. Zöllner. Vorträge der einzelnen Vereine.\n3. „Wie lieblich ist Deine Wohnung4', Motette von B. Klein. 4.\nDoppelchor Nr. 3 mit Orchester aus „Oedipus in Kolonos\" von\nF. Mendelssohn-Bartholdy.\n11. Abtheilung. 5. „Herrlich ist Gott\". Motette von B. Klein.\nVorträge der einzelnen Vereine. 6. „Festgesang an die Künstler\",\nChor mit Orchester von F. Mendelssohn-Bartholdy.\n2. Tag. I. Abtheilung. 1. Ouvertüre zu „Egmont\" von Beetho-\nven. 2. „Ehre sei Gott in der Höh'44, Motette von M. Hauptmann.\nVorträge der einzelnen Vereine. 3. „Schlachtgesang\", Chor mit\nOrchester von C. Kreutzer.\n11. Abtheilung. 4. „Normannssang\" von F. Kücken. Vorträge\nder einzelnen Vereine. 5. „Abschiedstafel44 von F. Mendelssohn-\nBartholdy. 6. „Der Rhein44, Chor mit Orchester von J. Panny.\nWir freuen uns, dass von keinem Wettstreite, Concurs und\nSängerkriege bei diesem Feste die Rede ist; die Tonkunst soll\nFrieden und Freude verherrlichen, und die Sängerfeste sollen durch\nHerzlichkeit und Liebe die Eintracht, nicht durch Eitelkeit und\nEifersucht die Zwietracht befördern.\nThalberg hat sich nach Brasilien eingeschifft. Dagegen\nwiderspricht Liszt öffentlich dem Gerüchte, dass er eine Reise\nnach Nordamerica machen werde."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "240", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550728-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4528, "texte": "Mamburg* Dr. Wollheim's Broschüre: „Bühne, Staat und\nKirche\", gibt Aufschluss über die Ansichten und Tendenzen, von\nwelchen er als Leiter unseres Stadttheaters ausgegangen wäre, hätte\nman ihm die Direction anvertraut. Diese 14 Abhandlungen sind:\nHeber den Beruf der Bühne. Die Bühne der alten Völker. Die\nBühne des christlichen Europa. Die Bühne der neuesten Zeit. Das\nhöhere Drama, Lustspiel, Posse, Oper. Die Coterieen. Die Theater-\nKritik. Die Bühnen-Vorstände. Die Schauspieler. Kirche und Bühne.\nStaat und Bühne. Die Zustände der Hauptbühnen Deutschlands.\nVorschläge zur Reformation der Bühnenwesen. Des Verfassers Be-\nwerbung um die Direction des hamburger Stadttheaters.\nHremsmünster, am 2. Juli 1855. Der gestrige Tag brachte\nden Musikfreunden unserer Gegend einen Hochgenuss seltener Art.\nEs war nämlich den Bemühungen des hiesigen Chorregenten ge-\nlungen, das mächtige Ton werk des leider zu früh heimgegangenen\nFelix Mendelsso hn-Bartholdy, das Oratorium „Elias\", im\nschönen Stifts-Sommersaale zur Aufführung zu bringen. Das ganze,\naus 90 Mitgliedern bestehende Orchester Singchöre, wie Instru-\nmente that seine Schuldigkeit mit Lust und Liebe, wozu gewiss\ndie Haltung der zahlreichen, gewählten Versammlung, die mit im-\nmer wachsender Theilnahme und Begeisterung dem Gange der\nProduction folgte, das Ihrige wesentlich beitrug. Namentlich war\nes ein dreistimmiger Engelchor, von zwanzig frischen Knabenstim-\nmen ohne Begleitung vortrefflich gesungen, der wenige Augen\ntrocken liess. Ich habe von der „Musik der Zukunft'* keinen klaren\nBegriff; dass aber diese Musik, die wit am letzten Sonntage hör-\nten, eine Zukunft haben wird in der dankbaren Erinnerung der\nZuhörer, glauben wir mit Zuversicht behaupten zu dürfen. Ja, der\n1. Juli war ein Ehrentag für das Benedictinerstift Kremsmünster\nund wohl auch für unser liebes, schönes Ober-Oesterreich.\n(N. W. M.-Z.)\nParis* Die Oper des Herzogs von Gotha, Santa Chiara,\nwird bestimmt zwischen dem 15.-20. August gegeben; Roger\nund Sophie Cruvejli werden die Haupt-Partieen singen. Man\nerwartet in den genannten Tagen die Anwesenheit der Königin\nVictoria und des Prinzen Albert.— In der Opera comique hält\nsich Meverbeer's Etoile du Nord noch immer; Mad. Ugalde singt\njetzt darin die Katharina.\nDie Jury der Gesellschaft Ste. Cecile zu Bordeaux hat den\nersten Preis ihrer vorigjährigen Ausschreibung einer dreistim-\nmigen Messe mit Orchester Herrn H. Elwart in Paris,\nden zweiten einem fremden Gomponisten, dessen Namen man noch\nnicht weiss, zuerkannt.\nlioncioii« Die Musical World schreibt: „Herr Richard Wagner\nhat London gleich den Tag nach dem letzten philharmonischen\nConcerte verlassen, ohne Zweifel herzlich froh, einer Stadt so\nschnell wie möglich den Rücken zu kehren, welche noch so tief in\ndem undurchdringlichen Dunkel der Vergangenheit und Gegenwart\nsteckt und sich so taub gegen die Propheten-Stimme der Zukunft\nzeigt.\"\nS. M. der Kaiser hat den rühmlichst bekannten\nGomponisten General Alexis Lvoff am 28. Mai d. J. beauftragt,\nein Musik-Conservatorium zu organisiren, das alle Lehrfächer (Ge-\nsang, das Spiel auf Streich- und Blase-Instrumenten, Piano, Com-\nposition, Militärmusik) umfassen und vom Januar k. J. an als Na-\ntional-Institut ins Leben treten soll. Diese kaiserliche Lehr-\nanstalt bezweckt vornehmlich, mit ausgebildeten, gut geschulten Zög-\nlingen aus ihrer Mitte die verschiedenen musicalischen Stellen in\nKron-Instituten, darunter hauptsächlich die Theater, zu besetzen.\nDie Lehrfächer sind bereits besetzt, z. B. für das des Pianospiels\nProf. Promberger etc.\nliissaboii« (Brief eines Reisenden.) Ich habe mit unbedeuten-\nden Ausnahmen in Portugal wenige Bilder gesehen; man zieht es\nvor, sich mit altem Porcellan, scheusslichen chinesischen Götzen,\nplumpen Vasen u. dgl. zu umgeben. Dagegen fehlt ein Piano fast\nnie, und ich kann die Verehrer Verdi's versichern, dass ich mich\nvor den Melodieen des „Trovatore\" zuweilen nicht zu retten wusste.\nIn den portugiesischen Gesellschaften herrscht die ungeheuerste\nLangeweile. Die schönen Theater der Residenz hatten wenig An-\nziehendes lür mich; die italiänische Oper von San Carlos begeistert\ndie Lissaboner mit Verdi'schem Geklimper, und die Aufführungen\nportugiesischer Dramen im Donna-Maria-Theater sind so unter aller\nKritik, dass man nicht weiss, ob man mehr Aerger oder Lange-\nweile dabei empfindet. Der Clavier-Virtuose Ch. Wehle ist\nnach Paris abgereis t, nachdem er namentlich mit seinen Compo-\nsitionen: Un songe d Vaucluse, Fete danubienne, Marche cosaque,\nFurore gemacht hatte\n(Echo.)"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "233", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550728-01.1.1", "texte": "Pariser Briefe.\n\n[Musicalische Instrumente auf der Ausstellung\n„Jenny Bell\", komische Oper von Auber „Die sici-\nlianische Vesper\", grosse Oper von Scribe\nund Verdi.]\nDen 15. Juli 1855.\nWer hätte geglaubt, dass der Sommer einem Bericht-\nerstatter über Musik in Paris reichen Stoff darbieten\nkönnte? Der diesjährige bringt so viel Neues, so viel Merk-\nwürdiges, ja, so viel Bedeutendes in dem Reiche der Künste,\ndass es zum Erstaunen ist, um so mehr, da die Gewerb-\nthätigkeit doch eigentlich in ihm die Herrschaft hat. Aber\nauch diese hat für die Tonkunst in solchem Umfange gear-\nbeitet, dass die Sammlung von musicalischen Instrumenten\nauf der Ausstellung unabsehbar ist und die Jury in grosse\nVerlegenheit kommen dürfte.\nDiese Sammlung ist in acht Sectionen getheilt. 1) Holz-\nBlase-Instrumente—auch in Horn, Elfenbein, Knochen, Glas\nu. s. w. gearbeitet. 2) Blase-Instrumsnte von Metall. 3)\nOrgeln und orgelartige Instrumente, als Accordeon, Melo-\ndium u. s. w. 4) Saiten-Instrumente ohne Claviatur:\nAeolsharfen; b.Harfen, Lyren, Guitarren u. s. w.; c. Bo-\ngen-Instrumente —die ganze Geigen-Familie. 5) Saiten-In-\nstrumente mit Claviatur—das ganze Heer von Pianoforte's\nund Ciavieren in allen möglichen Gestalten. 6) Schlag-In-\nstrumente: Pauken, Trommeln, Becken u. s. w. 7) Auto-\nmatische Instrumente, als Drehorgeln, Spieluhren, Glocken-\nspiele. 8) Einzelne Bestandtheile lür Instrumentenbau\nSaiten, Bogen, Clavier-Theile u. s. w.— Es ist ein wahres\nGlück, dass alle diese Tonmaschinen an und für sich stumm\nsind; das Haar sträubt sich, und kalter Schauer überläuft\neinen, wenn man sich einbildet, in dunkler Nacht in dem\nKrystall-Palaste allein zu sein, wann plötzlich alle Stimmen\nder aufgestellten Instrumente lebendig würden und Meyer-\nbeer's Höllenwalzer spielten! Das wäre ein Hintergrund\nfür Phantasiestücke in Hoffmann's Manier, wie er noch nicht\nda gewesen. Eine kleine Vorstellung kann man sich indess\ndavon machen, wenn man unvorsichtiger Weise in die Re-\ngion der Claviere geräth, während einige vierzig bis fünfzig\nDilettantiein paar Hundert Fortepiano's nach einander und\nzugleich probiren. Nur die von preussisehen Ciavierbauern\nhieher gesandten sind an dem Lärm unschuldig; denn bis\njetzt sind sie so zweck- oder vielmehr eckmässig gestellt,\ndass man ihre Deckel gar nicht öffnen kann.\nLassen wir jedoch für jetzt die todten Ton-Werkzeuge\nauf den elysäischen Feldern in Ruhe und begeben uns\nin die Tempel der lebendig gewordenen Tonkunst.\nEs gibt Leute, die in ihrer Jugend ganz vortreffliche\nBeine hatten und mit Erfolg mit Anderen um die Wette\nliefen; aber die Muskeln erschlaffen im Alter, und es ist\nwenigstens nicht klug, in späteren Jahren immer wieder\nund wieder in die Arena hinabzusteigen. Auber hat kei-\nneswegs Lust, Rossini's Beispiele zu folgen, und das macht\nseine Freunde für seinen wohlerworbenen Ruhm bange;\nsie meinen mit Voltaire:\nUn diseau peut se faire entendre\nApres la saison des\nMais sa voix rCa plus rien de tendre,\nII ne chante plus ses amours.\nDie neue Oper, die er geschrieben, heisst Jenny\nBell (drei Acte) und bewegt sich auf dem Felde der Ko-\nmik, auf welchem der Componist der Stummen von Por-\ntici früher manchen blühenden Lorber gepflückt hat. Sie\nwurde am 2. Juni zum ersten Male gegeben. Das Buch\nist von Scribe, das heisst, es hat einen alten Stoff, aber in\nhübschem Zuschnitt, oft da gewesene, jedoch jetzt anders\nCostumirte Figuren, verbrauchte, aber stets musicalisch\nleicht zu behandelnde und durch witzigen Dialog immer\nwieder spannende Situationen. Vor der Aufführung ver-\nbreitete sich das Gerücht denn hier zu Lande wird kein\nReizmittel irgend einer Art zur Spannung der Neugierde\nverschmäht—, eine Episode aus dem Leben der berühm-\nten Jenny Lind sei darin auf die Bühne gebracht; die Auf-\nführung zeigte jedoch klar, dass hier nur von einer neuen\nAuflage der Ambassadrice, der Sirene, des Concertes am\nHofe u. s. w. die Rede sei."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "234", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550728-01.1.2", "texte": "Eine Sängerin, diesmal eine Engländerin, entzückt die\nlondoner Weit (etwa vor hundert Jahren) und findet in\neinem Admiral und Minister ihren Wohlthäter wieder\ndenn der Herzog von Greenwich hat die Waise erziehen\nund ausbilden lassen. Durch Scribe'sches geheimes Natur-\nwalten wendet Jenny Bell ihr Herz einem unbekannten\njungen Componisten zu, der sich um ihren begünstigenden\nEinfluss bewirbt; dieser ist aber durch Scribe'sche Schick-\nsals-Verknüpfung kein Anderer, als Mortimer, der legitime\nSohn und einzige Erbe des Herzogs! Jenny ist aber die\nTugend selbst folglich kein anderes Ende möglich, als\nVermählung.\nEs fehlt natürlich nicht an Kritiken, welche laut rüh-\nmen, Auber habe nie mehr Jugendfrische und Schwung\ngezeigt, als in der Musik dieser Oper; man kennt das und\nweiss es zu würdigen. Das Zeugniss wird man dem\nalten Meister indess nicht versagen können, dass seine Par-\ntitur immerhin weit mehr melodische Factur, mehr Reiz,\nmehr warme Empfindung, überhaupt mehr Musik enthält,\nals die meisten Operetten seiner Collegen. Das ist aber\nfreilich nur ein sehr relatives Lob; die Composition reicht\nauch nicht von Weitem an „Maurer und Schlosser\", „Fra\nDiavolo\", „Der Schnee\" u. s. w., und ich kann den Di-\nrectionen deutscher Theater nicht rathen, sie auf ihre Büh-\nnen zu bringen, es müsste denn gar grosse Dürre an ko-\nmischen Opern in Deutschland herrschen, wass leider wirk-\nlich der Fall zu sein scheint, da ja sogar Herr von Flotow\nso viel wir hier wissen schweigt. Zu bedauern ist,\ndass Auber, welcher denn doch wahrhaftig eine unbestrit-\ntene Autorität in Frankreich ist, folglich den Geschmack\nSeiten, nicht dem Verderbniss desselben fröhnen sollte, so\nwenig seine Stellung erkennt und diejenige Haltung be-\nhauptet, die ihrer allein würdig wäre. Wie anders dage-\ngen sein grosser Vorgänger in der Leitung des Conserva-\ntoires! Nie würde Cherubini sich so tief zu dem grossen\nHaufen herabgelassen haben, ihm zu Liebe z. B. solch ein\nFinale zu schreiben, wie dasjenige des ersten Actes dieser\nOper, welches nichts weiter ist, als ein Wettstreit der\nKehlfertigkeit zweier Sopranstimmen mit Tonica- und Do-\nminanten-Begleitung des Chors!\nMan begreift in der That nicht, was Auber hindert,\nsich als Componist freiwillig in Ruhestand zu setzen. Alles,\nwas man vom günstigsten Geschick erßehen kann, besitzt\ner: eine hohe Stellung an der Spitze der französischen\nSchule, eine ehrenvolle und einträgliche Stelle im Staate,\neinen unbestrittenen Ruhm, einen weit greifenden Einfluss,\nVermögen, alles, was man sich nur wüaschen kann. Was\ntreibt ihn denn nun noch zum Schreiben ? Der Genius? die\neigene Lust am Schäften? Allen Respect davor, wenn es\nso ist; aber wer kann daran glauben, wenn man die Re-\nsultate sieht? Sind LEnfant pro ,\nges und Jenny Bell Vorwürfe für ein Genie, und ist die\nBearbeitung derselben genial? Ist es eines Mannes wie\nAuber würdig, in einem Kunstwerke die Zeilstimmung so\nauszubeuten, wie es in Jenny Bell durch eine bei den Haa-\nren herbeigezogene Anbringung des\nund des Rule Britannia geschieht ?\nGehen wir zu einem anderen Componisten über, den\nItalien hieher gesandt hat, um die pariser Weihe der Be-\nrühmtheit zu erlangen. Wie einst Rossini, so hat bekannt-\nlich die kaiserliche grosse Oper vor einiger Zeit Verdi,\nden jetzigen Stern von Italien, veranlasst, seinen Glanz in\nParis leuchten zu lassen, um von da ganz Europa in Stau-\nnen zu setzen. An und für sich muss man sich freuen, dass\nes doch noch eine Kunst-Anstalt gibt, welche ihre Auf-\nmerksamkeit nicht bloss auf das Locale und Einheimische\nbeschränkt, sondern mit grossen Opfern das Ausgezeich-\nnete der Fremde dem Publicum zum Genüsse und zur\nPrüfung vorführt. Das Verdienst, welches Paris in dieser\nHinsicht um die Tonkunst hat, ist ihm seit Gluck's Zeiten\nnicht streitig zu machen, und wenn die Franzosen die\nEitelkeit haben, sich bei den Erfolgen der fremden Com-\nponisten damit zu brüsten oder zu trösten, dass diese bei\nihnen erst gelernt hätten, wie man es machen müsse, um\nein vollendetes dramatisch-musicalisches Kunstwerk zu\nschaffen, so kann man ihnen das immerhin nachsehen\nzumal da früher etwas Wahres daran war —, wenn man\ndaran denkt, wie sie Männern wie Gluck, Rossini, Meyer-\nbeer ihre reichen Mittel zu Gebote gestellt haben, um deren\nWerke würdig auf die Bühne zu bringen.\nMan würde mich aber sehr missverstehen, wenn man\nnach diesem Eingange glaubte, ich wolle Verdi auch nach\nseinem inneren Werthe in die Reihe der genannten Mei-\nster stellen; davon kann nicht die Rede sein, auch nach\ndem Erfolge seines neuesten Werkes nicht, wenngleich\ndieser Erfolg, bei der Menge für den Augenblick wenig-\nstens, Thatsache ist.\nAls man Verdi berief, war man bereits mit Herrn\nScribe einig, dass er ihm den Stoff zu musicalischer Be-\ngeisterung liefern würde. Scribe kam auf den sonderbaren\nEinfall, für einen Italiäner und für die erste Bühne der\nFranzosen diesen StofF aus dem blutigen Born der sici-\nlianischen Vesper zu schöpfen! Indess man weiss, was ihm\ndie Geschichte bedeutet und wie er sie zu seinen Bühnen-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "235", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550728-01.1.3", "texte": "zwecken handhabt. Spasshaft ist aber die Rechtfertigung\nseines Verfahrens, die er dieses Mal in einem Vorworte\nzum Textbuche gibt:\n„Denjenigen, die uns wie gewöhnlich Ünkenntniss der\nGeschichte vorwerfen werden, diene zur Nachricht, dass die\nallgemeine Ermordung, die unter dem Namen der siciliani-\nschen Vesper bekannt ist, niemals existirt hat. Hat man\nsich einmal auf diesen historischen Standpunkt gestellt, so\ndürfte es wohl Jedem erlaubt sein, diesen Stoff so zu be-\nhandeln, wie er ihn auffasst\" u. s. w.\nNun, ich habe nicht Lust, diesem kühnen Läugner des\nblutigen Sühnopfers für Conradin's Tod mit meinem histo-\nrischen Wissen entgegen zu treten; aber ästhetisch genom-\nmen ist das Drama der Herren Scribe und Duveyrier ein\nAneinander vonScenen, deren Inhalt eben so wenig Wahr-\nscheinlichkeit als Interesse hat, da die Autoren keinen ein-\nzigen Charakter hinzustellen verstanden haben, der einiger\nMaassen Theilnahme erregte und als Träger der Handlung\ndie Aufmerksamkeit spannte. Da nun Verdi von allen Eigen-\nschaften eines dramatischen Componisten gerade das Ta-\nlent, musicalisch zu individualisiren und zu charakterisiren,\nam allerwenigsten besitzt, so war er nicht im Stande, die-\nsem Mangel abzuhelfen, und es ergibt sich daraus schon\ndie Schwachheit der Oper als Kunstwerk. Den Dichtern\nscheint es nur darum zu thun gewesen zu sein, die wun-\n. i\nderlichsten moralischen Conllicte recht derb aufzutragen\nund dem Zuschauer so oft als möglich das Henkerbeil nur\nan einem Faden über dem Nacken des Opfers hangend zu\nzeigen. Verdi kann sich darüber wenigstens nicht bekla-\ngen, dass die Herren seinen' schauerlichen Gelüsten nicht\nin die Hände gearbeitet hätten; nur wird freilich das\nSchauerliche hier gar zu oft—lächerlich, und die Verfasser\nbeleidigen wahrhaftig das Publicum und den Dichter Casi-\nmir Delavigne, wenn sie in dem obengedachten Vorworte\nerklären, dass ihr Werk keinen mit dessen Drama\nLes Vepres sicilienneshabe.\nDie Handlung beginnt damit, dass auf dem Markte von\nPalermo die französischen Soldaten die belle France prei-\nsen und die Sicilianer die maudite France verwünschen.\nDie Herzogin Helene, Schwester Friedrich's von Oester-\nreich, erscheint in Trauerkleidern, die Franzosen muthen\nihr auf sehr unverschämte Weise zu, ein Lied zu singen;\ndie Fürstin thut es; sie hat wahrscheinlich Masaniello's\nScene in der Stummen einmal auf dem Theater gesehen\nund copirt sie, indem sie durch ihre Cavatine die Matrosen\nauf einem Schiffe, dem der Untergang droht, zu Muth und\nKraftanstrengung auffordert. Das Volk der Sicilianer be-\ngreift den Sinn und „stürzt mit blanken Dolchen auf die\nFranzosen los\" vor der Caserne der Franzosen und dem\nPalaste des Gouverneurs! Aber die blosse Erscheinung\nGuy de Montfort' s auf den Vorstufen des Palastes ver-\nsteinert die Freiheits-Helden. Er winkt mit der Hand, und\nsie laufen alle davon (wörtlich!). Hierauf singt er mit\nHelene und ihrer Begleiterin ein Terzett, welches durch\nden Zutritt Henri's, eines jungen Sicilianers, zum Quar-\ntett wird.\nDieser Henri, der seinen Vater nie gekannt und seine\nMutter vor einem Jahre verloren hat, ist ein wüthender\nSicilianer, der, obwohl so eben erst der Haft entlassen,\ndennoch in zwei grossen Duetten (denn Helene ist, nach-\ndem sie Henri freudig begrüsst, abgetreten) dem Gouver-\nneur die grössten Grobheiten ins Gesicht sagt. Montfort\naber, der Henker Conradin's und der Tyrann von Sicilicn,\nhat seinen Spass an der Frechheit des jungen Mannes und\nraunt ihm nur ins Ohr, er solle von seiner „unsinnigen\nLiebe\" zu Helenen ablassen. Der Gouverneur weiss also\nmehr als das Publicum, ist aber so gut, es diesem auch zu\nsagen. Henri, etwas verblüfft, ermannt sich bald, schleudert\ndem Tyrannen noch einige Impertinenzen ins Gesicht, und\nals dieser ihm bei Todesstrafe verbietet, Helenens Palast\nzu betreten, geht er erst recht hinein, und Montfort—\nsieht ihm nach, zwar avec emotion, aber sans colere. Der\nVorhang fällt.\nDas ist die Exposition; sie ist eines Puppentheaters\nvollkommen würdig.\nIm zweiten Acte tritt Procida auf. Dieser edle ge-\nschichtliche Charakter erscheint bei Scribe als ein gemeiner\nAufwiegler, der sogar den Agent provocateur spielt und bei\ndem Brautzuge am Feste der heiligen Rosalia die Franzo-\nsen aufmuntert, sich der hübschen Mädchen, „wie die\nRömer einst der Sabinerinnen\" (!), zu bemächtigen. Dies\ngeschieht denn auch wirklich auf der Scene, und zwar in\nGegenwart der Herzogin Helene und Henri's, welche eben\nvorher in einem Duett einig geworden sind; Helene liebt\nplötzlich den vaterlosen Soldaten\nsere\"; denn wenn er, wie er geschworen, ihren Bruder\ndurch den Tod Montfort's rächt, so ist er für sie „plus\nnoble que le roi!\" für eine österreichische Herzogin im\nJahre 1282 gar nicht übel! Auf einmal lässt der Gouver-\nneur Henri festnehmen und nach seinem Palaste abführen.\nDas sicilianische Volk, welches bis jetzt alles das ruhig mit\nangesehen hat, die zwölf Bräutigame einschliesslich, wird\nnun von Helene und Procida aufgestachelt und meint end-\nlich doch, das sei zu arg, und ruft in Masse:"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "236", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550728-01.1.4", "texte": "Je m'eveille et je sens, dans\nDe VElna qui mugit, eclater\nwas zugleich ein Pröbchen der poetischen Ausdrucksweise\nsein mag. Ein Prunkschiff fährt, gelullt mit französischen\nOf'ficieren und Damen, in vollem Staat vorüber wohin?\nZum Balle beim Gouverneur, wie die Herzogin sagt. A la\nbonne heure,meint der pfiffige Procida, da wollen wir als\nMasken auch hin und Montfort ermorden.\nDu hast wahrscheinlich, und wohl auch die Leser, be-\nreits genug an dem Gesagten, aber ich darf Euch doch\nnoch nicht entlassen; die Dichter könnten mir sonst vor-\nwerfen, ich habe das Beste verschwiegen. Und das ist\nwahr, es kommt wirklich immer besser, und zwar so toll,\ndass ein ehrliches Dichterherz darüber brechen muss. Ich\nwill mich indess so kurz wie möglich fassen.\nIm dritten Acte sehen wir den Gouverneur in tiefer\nRührung—er hat so eben einen Brief von seiner ehemali-\ngen Geliebten, einer Sicilianerin, erhalten, welche seit acht-\nzehn Jahren nichts von sich hören liess, auf ihrem Todten-\nbette aber ihm geschrieben. Freilich ist sie schon vor län-\nger als einem Jahre gestorben, aber die Post-Anstalten\nwaren im dreizehnten Jahrhundert bekanntlich sehr schlecht,\nund hätte Montfort den Brief früher als diesen Abend, am\nOstermontage, erhalten, so wäre das Publicum um die\nUeberraschung gekommen, dass Henri der Sohn Monlfort's\nvon jener Sicilianerin sei, die ihn im Hasse gegen die Fran-\nzosen erzogen. Wer aber noch mehr überrascht ist als das\nPublicum, ist der Officier, welcher Henri verhaftet hat und\nauf seine Frage:\nQuel chdtiment subira-t-il ?\nvom Gouverneur die Antwort erhält:\nQu'il soit, en ce palais, tr\nEs lebe die Antithese, das Oxymoron, der Contrast!\nWeiler! Grosse Enthüllungs-Scene zwischen Henri und\nMontfort; furchtbarer Conflict zwischen französischer Kin-\ndesliebe und sicilianischem Tyrannenhass. Henri stürzt fort,\nMontfort sieht ihm wiederum nach und drückt sich dann\nauch in die Coulissen, weil sich das Theater in den Ball-\nsaal verwandeln muss. Sobald dies geschehen, erscheint er\nwieder, setzt sich auf einen Thronsessel und sieht (wie dies\ndas unabweisbare LooS der Könige und Königinnen und\nihrer Statthalter in der französischen Oper ist) einem Ballet\nzu, welches die vier Jahreszeiten, an und für sich reizend\ngenug, darstellt. Die Gäste zerstreuen sich, Montfort hat\ngeruht, als Zuschauer seine Schuldigkeit zu thun, und trollt\nsich auch, damit die Scene leer bleibe, um Henri und zwei\nMasken Baum zu gönnen, welche, wie der verständige Zu-\nschauer schon merken wird, wenn er auch nicht die impo-\nsante Gestalt der Cruvelli wieder erkennt, Niemand anders\nsind, als Helene und Procida. Sie heften Henri eine Band-\nschleife als Erkennungszeichen der Verschworenen an, er-\nöffnen ihm, dass sie, um ihn zu befreien und nebenbei Si-\ncilien zu retten, alle Patrioten hier versammelt hätten, und\ndass Montfort, wie Gustav auf dem Maskenballe, zwar\nnicht erschossen werden, weil das Pulver noch selten oder\nam Ende noch gar nicht erfunden war, aber unter ihren\nDolchen fallen solle.\nHenri geräth dadurch in nicht geringe Verlegenheit;\ner versichert Beiden, dass es ihm hier ganz gut gehe, sie\nselber aber möchten sich vorsehen (wörtlich!) vergebens;\nsie entfernen sich in Wuth gegen den Tyrannen. Montfort\nkommt, Henri beschwört ihn, sich zu retten, es gelte sein\nLeben—jener widersteht, reisst seinem Sohne die Schleife\nvon der Brust, wobei Henri zwar einen Geste d'indignation\nmacht, aber dennoch, als die Verschworenen anrücken und\nHelene mit blankem Dolche auf Montfort zustürzt, sich\nzwischen sie und den Gouverneur wirft und seine Brust\ndem Stosse darbietet! O, welch eine Scene, wo der Ghi-\nbelline sich der Rache der Ghibellinen gegen den Guelphen\nentgegenwirft, wo der Liebende den Dolchstoss der heiss\nGeliebten zur Rettung des verhassten Vaters mit seiner\nBrust auffängt! Wen das nicht packt, der hat keinen Sinn\nfür den Contrast von Himmel und Hölle in Einer Brust!\nFurchtbares Finale—Helene und Procida verhaftet—Henri,\ndort als Verrälher, hier als piu kann nichts Bes-\nseres für einen Helden von 1282 thun, als in Montfort's\nArme und in Ohnmacht fallen.\nIm vierten Acte hat er sich erholt, besucht die Her-\nzogin in ihrem Gefängnisse, wo sich ihm alle Thüren öff-\nnen, entdeckt ihr, dass Montfort sein Vater sei, hört das\nGeständniss ihrer Liebe (Duett ä la Raoul und Valentine)\nu. s. w. Montfort erscheint und befiehlt, Helene und Pro-\ncida zum Tode zu führen grosse Schauerscene. Doch\nwill er verzeihen, wenn Henri zu ihm sagt :\n—Hinter der Scene De profundis—Helene verbietet dem\nGeliebten, Papa zu sagen ein Gitter öffnet sich, man sieht\nMönche, den Henker mit dem Beil und alles, was zum\nSchaffot-Apparate gehört. Steigerung der Marter des Publi-\ncums und Henri's, der von Einem zu dem Anderen läuft\nund schreit: „ Mon Dieu! que faire ?\"\nDie Mönche steigen herab Sterbeclior De profundis\nsie führen Helene die Treppe zum Schaffot hinauf\nder Henker streckt den Arm nach ihr aus: da fällt endlich"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "237", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550728-01.1.5", "texte": "Henri dem Tyrannen zu Füssen und sagt: „Bitte! bitte!\"\nd. h. „ Mon pere ! mon pere !\"\nUnd dieser? 0, der gute Papa wird dich überraschen.\nEr ruft auf der Stelle: „Gnade und Hochzeit!! Mein\nSohn heirathe die Herzogin von Oesterreich!\" —Jubelndes\nFinale, Glück der Liebenden, in welches nur Procida dann\nund wann heimlich hineinknurrt, wahrscheinlich weil er\neine solche Charakterlosigkeit nicht fassen kann. Henri\naber fragt den Teufel nach Siciliens Freiheit und bittet, die\nHochzeit auf morgen zu setzen. Papa begreift seine Unge-\nduld und erwidert: „Diesen Abend noch sobald es kühl\nwird (!) und man zur Vesper läutet!\" Merkst Du\nwas? Wo nicht, so schaue nur Procida an, der Pietro\nin der Stummen seine Freunde um sich schart und dem\nabgehenden Brautvater ein Fäustchen macht.\nGibt es etwas Abgeschmackteres, Lächerlicheres, das\nje unter der Form eines lyrischen Drama's auf die Bühne\ngebracht worden, als diesen Act? 0 ja! den folgenden,\nden fünften. Nach einer Gratulations-Cour, bei welcher He-\nlene einen Bolero singt, vertraut ihr Procida an, dass Alles\nzum Untergange der Franzosen vorbereitet sei und dass,\nsobald die Braut ihr Ja spreche und die Glocken läuten,\ndas Morden losgehen werde (Je massacre commencera). Diese\nMittheilung war freilich sehr dumm von ihm, da er ohne\ndieselbe seinen Zweck viel sicherer erreicht hätte; allein\nohne sie wären wir um ein grosses Terzett gekommen, in\nwelchem Helene die Alice, Procida der Bertram und Henri\nder Robert ist, und wir hätten den neuen Conflict, den\nSeelenkampf der Helene nicht geschaut; denn jetzt ist es\nan ihr, zu rufen: Que faire? que dire? Montfort schnei-\ndet jedoch den Knoten entzwei, legt die Hände seiner Kin-\nder in einander und lässt läuten. Da stürzen die Sicilianer\nmit Dolchen und Feuerbränden herbei, Henri wirft sich in\ndie Arme seines Vaters, Helene stellt sich vor Beide (Mar-\ncel, Raoul und Valentine), und so erwarten sie den Tod.\nDen zögernden Mördern ruft Procida, wahrscheinlich ein\nSchüler des heiligen Dominicus, zu:\nDieu choisira les siens! Der Vorhang fällt.— Aber wie\nkommen denn die Verschworenen in den Palast des Gou-\nverneurs? Wo sind denn die Wachen und Soldaten? wo\ndie Ritter und Hauptleute! Naseweise Fragen! Uebrigens\nsind Franzosen genug auf der Bühne, aber sie kämpfen\nnicht; der alte Löwe Montfort wehrt sich nicht, Henri zieht\ndas Schwert nicht für die Geliebte, weil —es Herrn\nScribe beliebt hat, vorzuschreiben: Francais\nsont sans armes!Ah! nun wird die Sache allerdings wahr-\nscheinlich !!\nIch habe mich absichtlich dabei aufgehalten, den Le-\nsern dieses so genannte historische Opernbuch mit seinen\nlängst abgenutzten Effecten und Zusammenstoppelungen\naus Robert, der Stummen, den Hugenotten, dem Prophe-\nten, dem Maskenballe, Don Sebastian u. s. w. nach seinen\nHaupt-Umrissen zu charakterisiren, weil es leider, wie ich\nmich täglich überzeuge, noch eine Menge von deutschen\nBlättern gibt, welche ohne alles Urtheil die Lobhudeleien\nhiesiger Coterie-Blätter oder auf irgend eine Weise ge-\nwonnener, wenn ich nicht sagen will: gedungener,Feuille-\ntonisten übersetzen und nachdrucken, und den deutschen\nBühnen noch immer zumuthen, auf die grosse Oper in Pa-\nris als eine Muster-Anstalt zu blicken. Wer meine Berichte\nin dieser Musik-Zeitung seit Jahren verfolgt hat, der wird\nwissen, dass ich kein Franzosen-Hasser bin und vorurtheils-\nfrei die hiesigen Kunst-Zustände bespreche; zugleich wird\ner aber auch wenn er meine Schilderungen der Opern\nVEnfant prodigue, La Corbeille d'Orange, Sappho, LeJuif\nerrant, Le Nabob, La Nonne L'Etoile\nII Trovatoreu. s. w. gelesen hat überzeugt sein, dass\nvon Paris aus, so wie die Zustände jetzt sind, niemals eine\nReform, sondern nur der Verderb, der gänzliche Ruin der\nOper und der dramatischen Musik überhaupt ausgehen\nkann *).\nUeber die Musik Verdi's bin ich zwar mit mir selbst\nvollkommen einig, doch möchte ich mir nicht anmaassen,\nmein Urtheil als absolut oder rein objectiv hinzustellen,\nund werde fast bange, es auszusprechen, wenn ich auf die\nMenge von Lobpreisungen sehe, weiche in hiesigen Blät-\ntern erschienen sind und wenigstens zum Theil sehr\nachtungswerthe Unterschriften tragen.\nDie Hauptsache scheint mir zu sein, denen entschieden\nzu widersprechen, welche aus den Vepres Siciliennes gern\neinen zweiten Guillaume Teil machen möchten und von\neinem ungeheuren Fortschritte Verdi's, von einer Revolution\nin seinem dramatischen Stil sprechen. Das ist eitel franzö-\n\n*) Wenn C. Kossäk in Nr. 29 (16. Juli) seiner „Berliner Mon-\ntagspost\" sagt, dass „die pariser Oper ihr Ansehen im Aus-\nlande den dienstwilligen Federn der pariser Journalisten und\nihren knechtischen deutschen Uebersetzern verdanke\", so hat\ner darin zwar zum Theil Recht; allein es dürfte doch gut\nsein, wenn Herr Kossak zuweilen noch etwas Anderes läse\nals die Correctur seiner eigenen Feuilletons; das würde ihn\nwenigstens vor der Ungerechtigkeit bewahren, über seine\nsämmtlichen Schriftgenossen den Stab zu brechen, und ihn\nhier und da in Deutschland doch noch mit Journalisten be-\nkannt machen, denen die Sache der Kunst mehr am Herzen\nliegt, als das witzige Raisonnement über dieselbe.\nAnmerkung der Redaction."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "238", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550728-01.1.6", "texte": "sische Grossthuerei, weil der Text französisch ist und Verdi\nihn in Paris componirt hat. Der einzige Einfluss, welcher\nin Verdi's Partitur sichtbar ist, strömt von Meyerbeer aus,\nund auch dieser zeigt sich meist nur in declamirenden Stel-\nlen, in denen sich überhaupt bei Verdi nicht nur ein Man-\ngel an Selbstständigkeit des Talentes, sondern auch sehr\nhäufig eine grosse Unbeholfenheit offenbart. Mir hat die\nwiederholte Anhörung der Oper die Ueberzeugung gege-\nben, dass Verdi aus seiner Manier nicht mehr\nheraus kann, dass er bei unverkennbarem musicalischem\nTalente ein reines Product der Gährung, die in seinem\nVaterlande kocht, ist und bleibt und sich nicht zu einer\nselbstständigen künstlerischen Höhe, von welcher ans der\nGenius seine Flügel entfaltet und die irdische Heimat ver-\ngisst, erheben kann.\nIch finde keine Originalität überhaupt, von melodischer\nErfindung im Verhältniss zu dem, was er bereits geliefert,\ndurchaus nichts Neues in der sicilianischen Vesper, wohl\naber oft eine grosse Verlegenheit, sich in die dialogischen\nEinzelheiten des Textes zu finden, und daneben eine Wie-\nderholung jener bei ihm stereotyp gewordenen Facturen\nder Cavatinen, Duette u. s. w., und vor Allem des Miss-\nbrauchs des Unisono, das er von Bellini und Donizetti ge-\nerbt, aber zur Caricatur gesteigert hat. Die neue Oper\nbietet uns nichts dar als eine Reihe Verdi'scher Bilder,\nwelche in eine französische Zauber-Laterne geschoben wer-\nden, eine musicalische Procession, welche durch seine\nsämmtlichen Werke hindurch schreitet, überall ein Fähn-\nlein aus ihnen mitnimmt und dabei sogar einige alte Zie-\nrathen und Cadenzen aus Ernaniund die der\nComponist selbst bereits vergessen zu haben schien, wieder\nauf den Markt bringt.\nFreilich macht es einen materiellen Effect, eben so\ngut, als wenn man erst mit einem, dann mit drei und dann\nmit zehn Hämmern auf einen Amboss schlägt wenn im\nFinale des dritten Actes erst die durch Henri verrathenen\nFührer der Verschworenen eine Phrase singen,\ndann Montfort, Henri und die französischen Ritter sie wie-\nderholen und endlich der Chor und das Orchester sie noch-\nmals— sempre unisono!—anstimmen; aber ist das Musik?\nist das dramatische Wahrheit da, wo ganz entgegengesetzte\nStimmungen der Parteien obwalten?— Eben so ist im Fi-\nnale des vierten Actes das kirchliche auf eine\nso ungeschickte Weise mit der Musik auf der Scene ver-\nbunden, dass es fast lächerlich wird und selbst von seihem\nVerdi'schen Vorbilde, dem Mis im nur ein\nwiderlich blasser Abklatsch ist.\nIn den Einzelgesängen findet sich zuweilen eine Me-\nlodie, selten jedoch eine längere, welche Eindruck macht;\noft ist einem aber dabei zu Muthe, als hätte man sie schon\ngehört, üeberhaupt zeigt sich das wirkliche Talent Verdi's\nnur als auf die Extreme beschränkt: entweder elegisch-\nsentimentaler Ausdruck oder wüthende Leidenschaft. Ueber-\ngänge aus einer Stimmung in die andere vermag er nicht\ndarzustellen, und von Stil kann in seiner Musik gar nicht\ndie Rede sein. Dabei ist er, wenn man es streng nehmen\nwill, eigentlich nur ein Naturalist, wiewohl ein talentvoller;\nvon musicalischem Wissen, von gründlichen Studien, von\ncontrapunktischer Gewandtheit, ja, nur Kenntniss, habe ich\nnoch keine Spur in seinen Werken entdecken können. Die\nInstrumentirung Verdi's würde eben so wenig wie die\nWagner'sche existiren, wenn Meyerbeer nicht da gewesen\nwäre; Letzterer hat wenigstens den Ruhm für sich ich\nweiss nicht, ob auch das Verdienst —, einestheils jene mas-\nsenhaften Wirkungen und anderenteils jene Raffinements\nim Zusammenstellen heterogener Instrumente und im Um-\nkehren der Functionen der Saiten- und Blas-Instrumente,\nso dass jene in den höchsten Regionen umherfahren und\nschwirren, während diese die lieferen Harmonieen füllen,\nzuerst angewandt zu haben.\n\nB. P.\n\nPalestrina’s\n„Missa brevis“ und „Sicut cervus“.\nKöln, den 26. Juli 1855.\nAm vergangenen Samstage kam in der hiesigen Cäcilienkirehe\nwährend des Gottesdienstes die Mi von Palestrina, so wie\ndas Motett „Stentcervus\" von demselben zur Aufführung. Wenn\nes dem Menschen überhaupt im spateren Entwicklungsgänge des\nLebens nützlich ist, nach dem Anfange der durchlaufenen Bahn\nzurück zu sehen, und diejenigen nicht die Schlechtesten sind, wel-\nche der ursprünglichen Empfindung der ersten Jugendzeit treu\nblieben, so frommt es auch der Kunst, wenn man ihrer ersten Pe-\nrioden nicht ganz vergisst und sich ihrer Betrachtung mit derjeni-\ngen Liebe zuwendet, die man zu seiner beschränkten, aber from-\nmen und unschuldvollen Kinderzeit zu hegen pflegt.\nWer die Kunstgebilde des sechszehnten Jahrhunderts für das\nEinzige hält, was des katholischen Gottesdienstes würdig sei, der\nverkennt freilich das innere Gesetz der Kunst, welches schon in\njener Zeit mit grosser Energie erwachte nnd in schnellem Wachse\nthum über die damaligen engen Gränzen hinausführte; er verkennt\nin der That, dass auch die kirchlichen Gedanken, ohne ihr eigenes\nWesen zu verlieren, einer reicheren und tiefsinnigen Ausiührung\nfähig sind. Doch liegt bei dem Zurückgreifen zur ersten Periode\ndas richtige Gefühl zum Grunde, dass während der späteren Ent-\nwicklung die Treue der Empfindung über äusserer Pracht sehr oft\nverloren ging und dass man vor Allem zu ihr zurückkehren müsse."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "239", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550728-01.1.7", "texte": "wenn man den reellen Boden nicht unter den Füssen verlieren wolle.\nWie wir desshalb für Künstler das Studium der Palestrina'schen Pe-\nriode als letzte feste Basis ihrer Bildung für überaus wichtig halten,\nso freuen wir uns an dem Interesse, welches in letzter Zeit an den\nAusführungen der alten Sachen von Kunstfreunden und Publicum\ngenommen wird. Es ist noch nicht allzu lange, dass man mit aber-\ngläubischer Furcht gegen den Palestrina'schen Stil eingenommen\nwar und ihm wenig mehr als langweilige Folgen von dürren Drei-\nklängen und trockene contrapunktische Versuche zugestehen wollte;\ndas tiefe musicalische Leben in demselben erkannte man nicht und\nhielt es für kein geringes Verdienst unserer grossen Classiker, dass\nsie, während viele Talente im subjectiven Bilden verkamen, nicht\nnur an der eigenen Flamme des in ihnen liegenden göttlichen Ele-\nmentes unablässig schürten, sondern dieselbe zu gleicher Zeit durch\nverständiges Studium der Werke nährten, welche die vor ihnen\nliegenden Zeiten hervorgebracht hatten.\nDie Missa brevis gehört nicht zu den tiefsinnigsten Compositio-\nnen Palestrina's. Da sie nicht für ein besonderes Fest, sondern für\ndie gewöhnliche Messe bestimmt war, so hat der Componist sie so\nkurz als möglich gehalten und ihr kein anderes Gepräge gegeben\nals das der einfachen, heiteren Frömmigkeit. Die Themen dersel-\nben sind klar und verständlich, und würden von dem Hörer noch\nleichter aufgefasst werden, hinderten nicht die Engführungen, den\nmelodischen Gehalt herauszufinden, und widerstrebte es dem mo-\ndernen Gefühle nicht zu sehr, dass im ununterbrochenen contra-\npunktischen Gewebe die melodischen Schlussfälle der Stimme wäh-\nrend des Stückes, so wie ein gleichmässiger Rhythmus sorgfältig\nverdeckt werden. Verfolgt man die melodische Bildung indessen\ngenauer, so bemerkt man nicht nur ein inniges Anschmiegen an\nden Gedanken selbst, sondern auch eine verständige und treue,\nobwohl äusserst zurückhaltende Declamation der Worte, welcher\nder Sänger nur mit Unbefangenheit und Bescheidenheit zu folgen\nbraucht, um sie in ihrem Wesen auszudrücken; in derselben ist\nnichts Gemachtes und nichts sich Hervordrängendes. So unbestrit-\nten noch der Glaube und so kindlich das Hingeben des Gemüthes\nan das Mysterium der heiligen Handlung war, so einfach und ohne\njedes Gepränge äusserlich bemerkbaren Ausdruckes, ich möchte\nsagen: ohne jede Verwunderung über den Inhalt der Sache, folgen\ndie Melodieen den Textesworten, so dass das Einzelne im grossen\nGanzen untertaucht. Musicalisch bedeutender als die Messe erscheint\nuns das „Sicut cervusDas Verlangen der Seele nach dem Ewigen,\nwelches in dem 42. Psalme sich eigentümlich ausspricht, hat zu\nvielfachen musicalischen Darstellungen Veranlassung gegeben; es\nwäre nicht uninteressant, alle die Compositionen neben einander\nzu besitzen, die auf diese Worte geschrieben worden sind. Zu un-\nmittelbarer Vergleichung fordert der 42. Psalm Mendelssohn's auf,\nund man bemerkt, abgesehen vom verschiedenen Gewände, in wel-\nches das Thema eingekleidet ist, in seinem Kern eine entschiedene\nVerwandtschaft des musicalischen Gedankens. Während Mendels-\nsohn mit den reicheren Mitteln der Bewegung das sehnende Ver-\nlangen schildert, das die Ruhe noch sucht, tritt in der Auffassung\ndes alten Italiäners die Versöhnung hervor, welche der gläubige\nSinn in der Religion findet; ihm ist die Sehnsucht gestillt, er be-\nsitzt das geliebte Gut, „den Frieden, den die Welt nicht hat\". Die\nliebliche Anmuth des Thema's wird jedem klar werden, der ver-\nsucht, dasselbe mit einfacher Aceord-Begleitung am Ciavier in der\nschlichten Weise eines Liedes zu singen.\nDie Aufführung, die von dem hiesigen Lehrer-Vereine, unter\nder Leitung des Herrn Collen, ausging, verdient alle Anerken-\nnung; die Chöre waren sorgfältig einstudirt und gingen präcis und\nrein. Der Vortrag dieser Kirchenmusik ist für einen wohlgeübten\nSängerchor nicht schwierig, wenn er die äusseren Mittel von Licht\nund Schatten nur mässig anwendet und die Melodie mit der Frei-\nheit singt, die sich aus ihrem völligen Verständnisse von selbst er-\ngibt. Bei Dilettanten indessen, namentlich bei so jungen Kräften,\nwie die hier verwendbaren, Knaben und Mädchen von 14—16 Jah-\nren, denen die Sachen mit Mühe eingeübt werden, bleibt etwas\nGezwungenes und Steifes leicht zurück, welches dem harmonischen\nEindrucke nicht günstig ist. Zudem fehlt es den höheren Stimmen\nnicht an Reinheit, aber an der nöthigen Rundung des Klanges, die\nnur den gebildeten Frauenstimmen eigen ist. Dass sich die letzte-\nren bei den vielfachen Ansprüchen an ihre Bereitwilligkeit nicht\nleicht für diese Aufführungen gewinnen lassen dürften, bringt in-\ndessen den Vortheil, dass man zur Heranziehung neuer Kräfte für\ndie ernste Tonkunst sich genöthigt sieht, und verdienen daher die\nBemühungen in dieser Angelegenheit den doppelten Dank der\nKunstfreunde. Die Orgelstücke von Pachelbel und am Schlüsse der\nMesse Präludium und Fuge von Fr. W. Zachau, dem Lehrer Hän-\ndel's, wurden von Herrn Hompesch, der auf der Rheinischen\nMusikschule seine Bildung empfangen hat und jetzt als Hülfslehrer\ndort angestellt ist, vortrefflich vorgetragen.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nDas zweite niederrheinische Sängerfest wird am 12.\nund 13. August zu Crefeld gefeiert werden. Es haben sich be-\nreits über 700 Sänger zur Theilnahme gemeldet. Das Programm\nist folgendes:\n1. Tag. I. Abtheilung. Gruss der crefelder Liedertafel an die\nSänger. 1. Ouvertüre zur Oper „Die Zauberflöte\" von Mozart. 2.\n„Gebet der Erde'4 von A. Zöllner. Vorträge der einzelnen Vereine.\n3. „Wie lieblich ist Deine Wohnung4', Motette von B. Klein. 4.\nDoppelchor Nr. 3 mit Orchester aus „Oedipus in Kolonos\" von\nF. Mendelssohn-Bartholdy.\n11. Abtheilung. 5. „Herrlich ist Gott\". Motette von B. Klein.\nVorträge der einzelnen Vereine. 6. „Festgesang an die Künstler\",\nChor mit Orchester von F. Mendelssohn-Bartholdy.\n2. Tag. I. Abtheilung. 1. Ouvertüre zu „Egmont\" von Beetho-\nven. 2. „Ehre sei Gott in der Höh'44, Motette von M. Hauptmann.\nVorträge der einzelnen Vereine. 3. „Schlachtgesang\", Chor mit\nOrchester von C. Kreutzer.\n11. Abtheilung. 4. „Normannssang\" von F. Kücken. Vorträge\nder einzelnen Vereine. 5. „Abschiedstafel44 von F. Mendelssohn-\nBartholdy. 6. „Der Rhein44, Chor mit Orchester von J. Panny.\nWir freuen uns, dass von keinem Wettstreite, Concurs und\nSängerkriege bei diesem Feste die Rede ist; die Tonkunst soll\nFrieden und Freude verherrlichen, und die Sängerfeste sollen durch\nHerzlichkeit und Liebe die Eintracht, nicht durch Eitelkeit und\nEifersucht die Zwietracht befördern.\nThalberg hat sich nach Brasilien eingeschifft. Dagegen\nwiderspricht Liszt öffentlich dem Gerüchte, dass er eine Reise\nnach Nordamerica machen werde."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "240", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550728-01.1.8", "texte": "Mamburg* Dr. Wollheim's Broschüre: „Bühne, Staat und\nKirche\", gibt Aufschluss über die Ansichten und Tendenzen, von\nwelchen er als Leiter unseres Stadttheaters ausgegangen wäre, hätte\nman ihm die Direction anvertraut. Diese 14 Abhandlungen sind:\nHeber den Beruf der Bühne. Die Bühne der alten Völker. Die\nBühne des christlichen Europa. Die Bühne der neuesten Zeit. Das\nhöhere Drama, Lustspiel, Posse, Oper. Die Coterieen. Die Theater-\nKritik. Die Bühnen-Vorstände. Die Schauspieler. Kirche und Bühne.\nStaat und Bühne. Die Zustände der Hauptbühnen Deutschlands.\nVorschläge zur Reformation der Bühnenwesen. Des Verfassers Be-\nwerbung um die Direction des hamburger Stadttheaters.\nHremsmünster, am 2. Juli 1855. Der gestrige Tag brachte\nden Musikfreunden unserer Gegend einen Hochgenuss seltener Art.\nEs war nämlich den Bemühungen des hiesigen Chorregenten ge-\nlungen, das mächtige Ton werk des leider zu früh heimgegangenen\nFelix Mendelsso hn-Bartholdy, das Oratorium „Elias\", im\nschönen Stifts-Sommersaale zur Aufführung zu bringen. Das ganze,\naus 90 Mitgliedern bestehende Orchester Singchöre, wie Instru-\nmente that seine Schuldigkeit mit Lust und Liebe, wozu gewiss\ndie Haltung der zahlreichen, gewählten Versammlung, die mit im-\nmer wachsender Theilnahme und Begeisterung dem Gange der\nProduction folgte, das Ihrige wesentlich beitrug. Namentlich war\nes ein dreistimmiger Engelchor, von zwanzig frischen Knabenstim-\nmen ohne Begleitung vortrefflich gesungen, der wenige Augen\ntrocken liess. Ich habe von der „Musik der Zukunft'* keinen klaren\nBegriff; dass aber diese Musik, die wit am letzten Sonntage hör-\nten, eine Zukunft haben wird in der dankbaren Erinnerung der\nZuhörer, glauben wir mit Zuversicht behaupten zu dürfen. Ja, der\n1. Juli war ein Ehrentag für das Benedictinerstift Kremsmünster\nund wohl auch für unser liebes, schönes Ober-Oesterreich.\n(N. W. M.-Z.)\nParis* Die Oper des Herzogs von Gotha, Santa Chiara,\nwird bestimmt zwischen dem 15.-20. August gegeben; Roger\nund Sophie Cruvejli werden die Haupt-Partieen singen. Man\nerwartet in den genannten Tagen die Anwesenheit der Königin\nVictoria und des Prinzen Albert.— In der Opera comique hält\nsich Meverbeer's Etoile du Nord noch immer; Mad. Ugalde singt\njetzt darin die Katharina.\nDie Jury der Gesellschaft Ste. Cecile zu Bordeaux hat den\nersten Preis ihrer vorigjährigen Ausschreibung einer dreistim-\nmigen Messe mit Orchester Herrn H. Elwart in Paris,\nden zweiten einem fremden Gomponisten, dessen Namen man noch\nnicht weiss, zuerkannt.\nlioncioii« Die Musical World schreibt: „Herr Richard Wagner\nhat London gleich den Tag nach dem letzten philharmonischen\nConcerte verlassen, ohne Zweifel herzlich froh, einer Stadt so\nschnell wie möglich den Rücken zu kehren, welche noch so tief in\ndem undurchdringlichen Dunkel der Vergangenheit und Gegenwart\nsteckt und sich so taub gegen die Propheten-Stimme der Zukunft\nzeigt.\"\nS. M. der Kaiser hat den rühmlichst bekannten\nGomponisten General Alexis Lvoff am 28. Mai d. J. beauftragt,\nein Musik-Conservatorium zu organisiren, das alle Lehrfächer (Ge-\nsang, das Spiel auf Streich- und Blase-Instrumenten, Piano, Com-\nposition, Militärmusik) umfassen und vom Januar k. J. an als Na-\ntional-Institut ins Leben treten soll. Diese kaiserliche Lehr-\nanstalt bezweckt vornehmlich, mit ausgebildeten, gut geschulten Zög-\nlingen aus ihrer Mitte die verschiedenen musicalischen Stellen in\nKron-Instituten, darunter hauptsächlich die Theater, zu besetzen.\nDie Lehrfächer sind bereits besetzt, z. B. für das des Pianospiels\nProf. Promberger etc.\nliissaboii« (Brief eines Reisenden.) Ich habe mit unbedeuten-\nden Ausnahmen in Portugal wenige Bilder gesehen; man zieht es\nvor, sich mit altem Porcellan, scheusslichen chinesischen Götzen,\nplumpen Vasen u. dgl. zu umgeben. Dagegen fehlt ein Piano fast\nnie, und ich kann die Verehrer Verdi's versichern, dass ich mich\nvor den Melodieen des „Trovatore\" zuweilen nicht zu retten wusste.\nIn den portugiesischen Gesellschaften herrscht die ungeheuerste\nLangeweile. Die schönen Theater der Residenz hatten wenig An-\nziehendes lür mich; die italiänische Oper von San Carlos begeistert\ndie Lissaboner mit Verdi'schem Geklimper, und die Aufführungen\nportugiesischer Dramen im Donna-Maria-Theater sind so unter aller\nKritik, dass man nicht weiss, ob man mehr Aerger oder Lange-\nweile dabei empfindet. Der Clavier-Virtuose Ch. Wehle ist\nnach Paris abgereis t, nachdem er namentlich mit seinen Compo-\nsitionen: Un songe d Vaucluse, Fete danubienne, Marche cosaque,\nFurore gemacht hatte\n(Echo.)"}]}