{"numero_id": "bm-bmtnabi-1855-08-11-01", "volume": "bmtnabi_1855-08-11_01", "ocr_sha256": "21b68265a03d311adfc6fa96a2d47c12935db7ba685d0736f171855a4bf98afb", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1855/08/11_01/bmtnabi_1855-08-11_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550811-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1855-08-11-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-08-11_01#c001", "volume": "bmtnabi_1855-08-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "249", "page_fin": "252", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550811-01.2.1", "titre_corps": "Friedrich Chopin’s nachgelassene Werke.", "titre_sommaire": "Friedrich Chopin’s nachgelassene Werke.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "249", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550811-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4214, "texte": "Friedrich Chopin’s nachgelassene Werke.\nNachdem man allgemein geglaubt, dass Chopin keine\nManuscripte hinterlassen, welche nicht schon durch den\nDruck veröffentlicht wären*), erhalten wir jetzt, im sechs-\nten Jahre nach seinem Tode (den 17. October 1849),\neine werthvolle Sammlung von bisher ungedruckten Com-\npositionen, an deren Echtheit sowohl nach den äusseren\nZeugnissen und den Umständen, unter welchen die Heraus-\ngabe erfolgt, als nach dem Inhalte der Musikstücke nicht\nzu zweifeln ist. Der Titel ist folgender:\nOeuvres posthumes pour le Piano de Fred. Cho-\npin, publies sur Manuscrits originaux, avec auto-\nrisation de sa famille,\nBerlin, chez A. M.\nsonnier filsj.\nDie Sammlung, deren acht Lieferungen auch einzeln\nzu haben sind, ist mit dem von Waldow nach Ary Schef-\nfer lithographirten Portrait Chopin's (nebst dessen Hand-\nschrift in Noten und Buchstaben) geziert und kostet voll-\nständig 5 Thaler netto. Die Ausstattung ist in jeder Hin-\nsicht eine würdige. Die Vorrede ist besonders durch ihre\nhistorischen Angaben und theilweisen Berichtigungen wich-\ntig, wesshalb wir sie hier folgen lassen.\n„Einige Verleger haben in letzter Zeit es gewagt, ohne\nAutorisation und nach ungenauen Abschriften einige von\nFr. Chopin's hinterlassenen Werken herauszugeben. Seine\nFamilie würde sich darauf beschränkt haben, dieses unge-\nsetzliche Verfahren mit dem Gefühle der Verachtung zu\nbehandeln, das es einflössen muss, wenn diese uncorrecten\nAusgaben nicht die Conceptionen des Meisters entstellten\nund sein Andenken beschimpften. Sie glaubte daher eine\nheilige Pflicht zu erfüllen, wenn sie eine genaue Ausgabe\nnach den eigenhändigen Manuscripten des Componisten\nveranstaltete, und dies ist diese im rechtmässigen Verlage\nder Schlesinger'schen Buch- und Musikhandlung für alle\nLänder, ausser Frankreich und Belgien, erschienene.\n„ Warschau, wo Chopin's Familie ihren Wohnsitz hatte,\nbesass bis 1830 ein Conservatorium der Musik unter Jos.\nElsner's Leitung. Unter diesem gelehrten Componisten\nmachte der junge Chopin bereits als Pianist ausgezeich-\nnet einen vollständigen Cursus des Contrapunktes und\nder Composition. Wir hatten dort den Vortheil, sein Mit-\nschüler zu sein, und genossen von jener Zeit an das Glück\nseiner künstlerischen Einwirkung. Die langen Jahre unse-\nres gemeinschaftlichen Aufenthaltes in Paris knüpften die\nFreundschaft der Knaben nur noch enger und gewannen\nuns die Zuneigung und das Vertrauen des Künstlers. Einen\nBeweis hiervon gab er uns dadurch, dass er bei Publication\nseiner Werke gewöhnlich unsere Mitwirkung in Anspruch\nnahm, ja, sie uns oft gänzlich überliess, wenn er, fern von\nParis, uns seine Manuscripte zuschickte. Seine Familie, mit\ndiesen freundschaftlichen Verhältnissen bekannt, gab uns\nden ehrenvollen Auftrag, die von ihm hinterlassenen musi-\ncalischen Schätze zu sammeln, eine Auswahl zu treffen und\nsie zu veröffentlichen. Ob Chopin selbst in seiner letzten\nStunde uns seine noch ungedruckten Compositionen anver-\ntraut hätte, wie er es früher gethan, können wir nicht ent-\nscheiden. Zur Zeit seines Todes waren wir fern von Frank-\nreich. Wie dem auch sei,—wir hörten von ihm selbst, dass\ner die Absicht hatte, ein oder das andere Stück der gegen-\nwärtigen Sammlung herauszugeben. Da jedoch einige dieser\nCompositionen nur als Souvenirs für Freunde geschrieben\nwaren, so wollte er sie aus Zartgefühl nicht erscheinen las-\n\n*) Auch Franz Liszt sagte in seiner bekannten geist- und\nphantasiereichen Charakteristik Chopin's und seiner Werke:\n„Er hat von vollendeten Manuscripten nichts hinterlassen, als\nein letztes Notturno und einen sehr kurzen Walzer.\"\nIm Jahre 1851 wurde in einer pariser musicalischen Zeitung\neine Sonate posthume von Chopin angekündigt; ob sie erschie-\nnen sei, ist uns unbekannt. In der gegenwärtigen Sammlung\nbefindet sich nichts dergleichen. Liszt äusserte uns damals\ndie Yermuthung, dass, wenn eine solche wirklich vorhan-\nden, es wahrscheinlich eine Sonate sei, die Chopin in frühe-\nren Jahren während seines Aufenthaltes zu Wien geschrieben\nhabe. Das Notturno, welches in der siebenten Lieferung der\njetzigen Sammlung erscheint und die einzige Composition\ndieser Art aus dem Nachlasse ist, hat Chopin auch schon im\nJahre 1827 geschrieben."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "250", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550811-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5257, "texte": "sen. Andere liess er bei seiner Gewohnheit, seine Manu-\nscripte bisweilen lange aufzubewahren, ehe er sie der Oef-\nfentlichkeit übergab, aus Laune oder Nachlässigkeit im Por-\ntefeuille liegen. Heute wird diese Veröffentlichung um so\nunerlässlicher, als einerseits Speculanten aus Gewinnsucht\ndas Andenken des Cornponisten mit neuen Angriffen be-\ndrohen, andererseits aber Freunde aus Verehrung für sei-\nnen Namen sich Copieen seiner hinterlassenen Werke mit-\ntheilen und den wahren Charakter mehr und mehr entstel-\nlen. So bewirken reine Gewinnsucht und der Eifer seiner\nFreunde dasselbe Resultat*). Um diesen Unannehmlichkei-\nten zuvor zu kommen, musste man zu den Originäl-Manu-\nscripten seine Zuflucht nehmen, und wir fügen noch hinzu,\ndass wir fast alle Musikstücke dieser Sammlung nicht nur\nvon dem Cornponisten zu wiederholten Malen spielen ge-\nhört, sondern dass auch wir sie in seinem Beisein vorge-\ntragen und so in unserem Gedächtnisse behalten haben,\nwie er sie geschaffen, und wie wir sie hier geben. Dieser\nletzte Umstand war uns eine grosse Hülfe, wenn wir zwi-\nschen zwei oder drei Lesarten, alle von der Hand Chopin's,\nzu wählen oder eine oft unlesbare Schrift zu entziffern\nhatten.\n„Es sei uns erlaubt, hier einige Details über die Jugend\ndes Künstlers beizufügen. Chopin hat nie mehr als Einen\nLehrer auf dem Piano gehabt, nämlich Herrn Zywny, der\nihm die ersten Anfangsgründe beibrachte. Die Fortschritte\ndes Knaben waren so ausserordentlich, dass seine Eltern\nund sein Meister es für das Zweckmässigste hielten, ihn im\nAlter von zwölf Jahren seinen eigenen Instincten zu über-\nlassen und ihm zu folgen, anstatt ihn zu leiten. Die dama-\nlige Schule konnte ihm nicht mehr genügen; er strebte\nnach Höherem und fühlte sich zu einem Ideal hingedrängt,\ndas ihm zwar damals noch dunkel vorschwebte, sich aber\nbald in bestimmten Umrissen kund gab. So seine Kräfte\nversuchend, erwarb er sich jenen Anschlag und jenen Stil,\nder sich von allem, was vor ihm da war, unterschied, und\nso gelang es ihm endlich, sich jene Art des Vortrages an-\nzueignen, welche seitdem die Bewunderung der Kunstwelt\nerregte.\n„ Schon im zartesten Alter setzte er durch den Reich-\nthum seiner Improvisation in Erstaunen. Jedoch hütete er\nsich wohl, damit zu prunken; allein einige Auserwählte,\ndie ihn stundenlang auf die bewunderungswürdigste Weise\nimprovisiren hörten, ohne dass er irgend eine Phrase eines\nanderen Cornponisten oder einen Gedanken aus seinen\neigenen Werken mit untermischte, werden uns nicht wi-\ndersprechen, wenn wir behaupten, dass seine schönsten\nCompositionen nur Reflexe und Echo's seiner Improvisation\nsind. Diese ihn unwillkürlich überkommende Inspiration\nglich einem unaufhörlichen Strome sprudelnder köstlicher\nIdeen. Von Zeit zu Zeit brachte er einige davon in gere-\ngelte Form, und es fand sich, dass sie voll Perlen und Ru-\nbinen waren.\n„Was kann es in dem ungeheuren Bereiche des Ge-\ndankens Schöneres geben, als eine bevorzugte, mit dem\ngöttlichen Siegel bezeichnete Intelligenz, die, kaum in das\nLeben getreten, ihre Mission erfüllt, indem sie in ihrer\nSphäre eine neue Welt schafft! So haben wir Chopin ge-\nkannt und geliebt. Mit der Gluth der Begeisterung und\nder Heiterkeit des Blickes, aus dem trotz seiner ausseror-\ndentlichen Bescheidenheit ein Strahl edler Selbstzufrieden-\nheit glänzte, liess er uns bei unseren häufigen Zusammen-\nkünften die ersten Erzeugnisse seiner fruchtbaren Feder\nsehen und hören. Im Alter von neunzehn Jahren, 1828*),\ncomponirte er für uns das Rondo ä 2 Pianos, welches die\nachte Lieferung dieser Sammlung bildet. Bald nachher ha-\nben wir ihn, in weniger als einem Jahre (1829), La ci\ndarern, den Krakowiak, das Concerto in F-moll, die Airs\npolonais und das Concerto in schreiben sehen, lau-\nter Stücke mit grossem Orchester, ohne das Trio mit Vio-\nline und Violoncello und andere minder bedeutende Com-\npositionen zu rechnen. Dies war sein Debüt; und wenn\nman annimmt, dass die Wissenschaft seit jener Zeit neue\nHilfsquellen in ihm entwickelte, so hat sich, wie uns dünkt,\nseine Begeisterung nie höher emporgeschwungen und war\nnie reiner und origineller, als in einigen dieser Compositio-\nnen, namentlich im Concerto in [Op. 21] **).\n„Die Stücke dieser Sammlung umfassen seine ganze\nLaufbahn bis zu seinem Schmerzenslager, auf welchem er\ndas letzte in Noten setzte. Sie kommen grösstenteils aus\nden Papieren, welche die Familie nach seinem Tode gesam-\nmelt hat, einige aus den Albums seiner Freunde, und die\nübrigen wurden uns von dem Cornponisten zu verschiede-\n\n*) Wir haben Abschriften gesehen und einige Musikstücke der\ngegenwärtigen Sammlung gehört, die auf das erbärmlichste\nverstümmelt waren, und immer durch Enthusiasten für Cho-\npin. Wir könnten sogar ein in Paris 1854 gegebenes öffent-\nliches Concert anführen, wo man sich die abscheulichste Ver-\nstümmelung erlaubte, bloss um des Vergnügens willen, etwas\nvon Chopin's hinterlassenen Wrerken zu geben.\n*) Chopin ist am 1. Marz 1809 und nicht 1810 geboren, wie es\nfast alle seine Biographieen irrthümlich sagen.\n**) Wir wollen hier bemerken, dass das Concerto in F-moll (Op.\n21) einige Monate vor jenem in E-moll (Op. 11 seiner\nWerke) geschrieben wurde, welches letztere für das frühere\ngilt, obschon es in der That erst später componirt wurde."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "251", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550811-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5309, "texte": "nen Epochen geschenkt. Bei unserer Auswahl liessen wir\nuns gewissenhaft von der Idee leiten, die Chopin selbst\nvon seinen Compositionen hegte, indem wir alles bei Seite\nlegten, was er für werthlos hielt, hielten aber alles von\nihm Bevorzugte in Ehren, bis auf seine Künstler-Launen,\ndie eine fünfundzwanzigjährige Freundschaft uns schätzen\ngelehrt hat. Wir hielten es für nützlich, die respectiven\nDaten stehen zu lassen, um diejenigen in ihren Nachfor-\nschungen zu unterstützen, welche die verschiedenen Phasen\ndes Talentes dieses grossen Künstlers zu studiren beab-\nsichtigen.\n„In Kurzem werden auch sechszehn Melodieen zu pol-\nnischen Worten erscheinen, welche die zweite und Setzte\nAbtheilung seiner Oeuvres Poslhumes bilden.\n„Paris, Mai 1855. Jules Fontana.\n„Anmerkung. Da Fr. Chopin's Familie beschlossen\nhat, die hinterlassenen Compositionen Chopin's nur durch\nVermittlung und nach Wahl des Herrn J. Fontana zum\nDrucke zu befördern, so wird sie jede andere Veröffent-\nlichung ausser dieser Sammlung der hinterlassenen Com-\npositionen des Meisters als dem Nachdruck gleich betrach-\nten und den Landesgesetzen gemäss als strafbar verfolgen.8\nAls ganz besonders lobenswerthe Eigenschaft dieser\nAusgabe müssen wir es hervorheben, dass der Herausge-\nber das Jahr der Entstehung einer jeden Compositum\nderselben vorgesetzt hat. Wann werden wir endlich beim\nMusik-Verlage dahin kommen, dass, wie bei den Büchern,\nauch bei den Musikstücken das Jahr, in welchem sie\nerscheinen, auf den Titel gesetzt wird? Der ge-\nringe und im Grunde genommen eines ordentlichen Verle-\ngers, weil auf Täuschung beruhend, ganz unwürdige Vor-\ntheil, durch Verschweigung der Jahreszahl auf dem Titel\nhier und da Altes für Neues verkaufen zu können, kann\ndoch wahrlich die Verwirrung, die dadurch in die Geschichte\nder Tonkunst und besonders in die Entwicklungs-Geschichte\ndes Talentes einzelner Künstler gebracht wird, nicht ent-\nschuldigen! Bei der gegenwärtig herrschenden Sitte oder\nvielmehr Unsitte bedarf es für den Kritiker und Historiker\nstets erst besonderer Untersuchungen, um festzusetzen, in\nwelchem Verhältnisse die gedruckte Reihe der Opus-Zahl\nzu der wirklichen Entstehungsfolge der Werke stehe, und\noft ist es geradezu unmöglich, dass diese Untersuchung zu\neinem sicheren Resultate führe. Man denke nur an Hum-\nmers, Beethoven's und Mendelssohn's Werke; da erschei-\nnen die ersten oder wenigstens die früheren oft als die\nletzten! Denn sobald ein Componist einen Namen erlangt\nhat, so werden die Erzeugnisse seiner früheren und frühe-\nsten Periode, die noch im Pulte liegen, hervorgesucht und\nmit Opus-Zahlen in die Welt geschickt, welche geradezu\neine Täuschung sind. Vollends bei Herausgabe von nach-\ngelassenen Werken erreicht diese Täuschung ihren Höhe-\npunkt. Sehr rühmlich ist daher das Verfahren der Verlags-\nhandlung, welches sie bei der vorliegenden Sammlung be-\nobachtet hat; sie bezeichnet zwar jede Lieferung mit einer\nOpus-Zahl (Op. 66 73), allein sie bemerkt dabei: „\n66 etc. indique I'ordre clironologiqu\nde l'Editeur\", und fügt den Musikstücken die vom\nHerausgeber ermittelte Jahreszahl ihrer Entstehung hinzu.\nDamit ist denn endlich einmal ein Anfang zu einer ordent-\nlichen Verlagsweise gemacht*).\nDer Inhalt der acht Lieferungen ist folgender :\nDie I. Lieferung enthält ein\nAllegro agitato in Cis-moll, aus dem Jahre 1834, neun\nFolioseiten lang, ein ganz vortreffliches Stück.\nDie 11. vier Ma z u r ka' s aus den Jahren 1835, 1849,\ndem Todesjahre (G-moll, einfach, aber sehr originel), 1835\nund 1846 (man sieht, dass sie nicht chronologisch geord-\nnet sind— es scheint mehr die Folge der Tonarten berück-\nsichtigt worden zu sein; jedoch ist auch das nicht überall\nder Fall, so dass wir das eigentliche Princip der gewählten\nReihenfolge nicht zu erkennen vermögen); die 111. eben-\nfalls vier Mazurka's aus 1830, 1827 (im achtzehnten\nLebensjahre), 1830 und 1849. Die letzte Mazurka, ein\nwunderliches chromatisches Gewinde, vierzig Tacte lang,\nohne Schluss (da Capo al Segno senza fine), wird vom\nHerausgeber als der letzte musicalische Gedanke Chopin's\nbezeichnet, den er kurz vor seinem Tode aufs Papier ge-\nworfen habe, aber bereits zu schwach gewesen sei, um\nseine Production auf dem Piano zu versuchen. So hätten\nwir denn in ihr eine wirkliche derniere pensee eines gros-\n\n*) Wir wünschten sehr, dass diese Angelegenheit (die Angabe\nder Jahreszahl auf den Musicalien-Titeln) allge-\nmein besprochen würde, und zwar so lange, bis die öffentliche\nStimme den so nothwcndigen Fortschritt gebieterisch fordert.\nDer Musik-Verlag hat sich in den letzten Jahren in so vieler\nHinsicht so erfreulich vervollkommnet, dass es uns eine Eh-\nrensache der Herren Verleger zu sein scheint, nun auch\nnoch den gerügten Uebelstand zu beseitigen. Jedoch sind wir\nnicht so tief in das Geschäft eingeweiht, um zu wissen, was\nfür Gründe für die Festhaltung an dem bisherigen Systeme\nsprechen dürften, und werden desshalb der etwaigen Mitthei-\nlung derselben gern unsere Spalten öffnen. Wir sollten den-\nken, dass, wenn sich ein halbes Dutzend der bedeutendsten\nMusik-Verleger zur Befolgung des Grundsatzes der Verlags-\nBuchhändler vereinigte, die übrigen gewiss folgen würden.\nSind aber die Componisten ganz ohne Schuld? Warum ver-\nlangen sie nicht von den Verlegern den Druck der Jahres-\nzahl? Oder speculiren sie auch?"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "252", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550811-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3367, "texte": "sen Meisters als eine um so merkwürdigere Reliquie, als\nsie der letzte Athemzug jenes nationalen slawischen Geistes\nund jener Liebe zum Vaterlande ist, welche das eigentliche\nElement der originelsten Compositionen Chopin's sind, wie\ndies Liszt in der oben angeführten Schrift in wahren und\nschönen Schilderungen nachgewiesen hat.\nDie IV. und V. Lieferung bringen fünf Walzer aus\nden Jahren 1836, 1829, 1835, 1843, 1830.\nDie VI. Lieferung ist die stärkste und dürfte auch\nwohl, mit Ausnahme der 1., die inhaltschwerste sein. Sie\nenthält drei grosse Polonaisen, Nr. I,aus acht\nSeiten, Nr. 2, aus B-dur, acht Seiten, Nr. 3, aus F-mott,\nebenfalls acht Seiten lang. Sie sind aus den Jahren 1827\n1829, also aus dem 18. bis 20. Lebensjahre Chopin's,\nechte Jünglings- und Künstler-Gluth; von ihnen gilt noch\nfast in höherem Grade, was wir oben von der eigen-\ntümlich nationalen Farbe der Mazurka's gesagt haben.\nIn der VII. Lieferung finden wir ein Notturno in\nE-moll, eine liebliche Kleinigkeit, ebenfalls aus 1827. Die\nbeiden übrigen Nummern, ein Trauermarsch in\n(1829), und drei Ecossaisen (1830), wären vielleicht\nbesser ungedruckt geblieben.\nDie VIII. Lieferung enthält das Rondo in C-dur für\nzwei Pianoforte's, von welchem Herr Fontana in der Vor-\nrede spricht.\nJedenfalls dürfte die neuere Literatur für Pianoforte\nseit vielen Jahren nichts Interessanteres geliefert haben, als\ndiese Musikstücke von Chopin. Ueber ihren ästhetischen\nWerth werden in Bezug auf einige von denselben die Mei-\nnungen vielleicht getheilt sein; in uns aber haben die mei-\nsten ein Gefühl erregt, welches wir bei der Durchsicht\ngrosser Stösse von neuen Musicalien heutzutage nur selten\nempfinden, das Gefühl der Verehrung und Liebe zu dem\nGenius der Kunst, dessen, wenn auch nur vereinzelte, Fun-\nken in unserem Innern augenblicklich zünden, während\ndas durch Menschenwitz gemachte Fackellicht kaum äusser-\nlich wärmt.\nAuf die versprochene Ausgabe der polnischen Me-\nlodieen sind wir sehr gespannt; es ist sicher, dass Chopin\nLieder geschrieben hat, bisher aber ist kein einziges da-\nvon in Druck erschienen. Liszt berichtet darüber folgender\nMaassen: „Er blieb in einer Art von musicalischer Cor-\nrespondenz mit seinem Vaterlande; man brachte ihm neue\nLieder und Gedichte nach Paris, und mit seinen Melodieen\nversehen flogen sie nach der Heimat zurück und wurden\nschnell allgemein bekannt und beliebt, ohne dass Jemand\nden Namen des Componisten wusste. Da die Zahl dieser\nMelodieen ziemlich angewachsen war, so dachte er in der\nletzten Zeit daran, sie zu sammeln und zu veröffentlichen.\nAllein es war ihm nicht gegönnt, diesen Gedanken auszu-\nführen, und so sind seine Lieder verlorene und zerstreute\nBlumen geblieben, deren Duft nur hier und da einen Wan-\nderer umwallt, den der Zufall in die fernen Gegenden\nführt, wo sie noch wachsen. Wir haben in Polen einige\nLieder gehört, die ihm zugeschrieben werden und auch\nseiner würdig sind; allein wer kann es wagen, eine sichere\nSonderung der Erzeugnisse seiner Muse von denen des\nVolksgeistes zu unternehmen?\" Hiernach ist es kaum\nzu bezweifeln, dass seine Familie, und namentlich seine\nSchwester Louise, mit welcher er in fortwährendem Brief-\nwechsel stand, jene Lieder sorgsam aufbewahrt hat, und\ndass demnach Herr Fontana glücklicher Weise gar nicht\nin den Fall kommt, jene missliche Sonderung den echten\nManuscripten gegenüber vorzunehmen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-08-11-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-08-11_01#c002", "volume": "bmtnabi_1855-08-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "252", "page_fin": "253", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550811-01.2.2", "titre_corps": "Aus London.", "titre_sommaire": "Aus London.", "signature_source": "C. A", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "252", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550811-01.1.4", "debut_caractere": 3369, "fin_caractere_exclue": 4905, "texte": "Aus London.\n\nMeyerbeer hat London wieder verlassen, nachdem\ner bei den ersten drei Vorstellungen seiner Oper „ VEtoile\ndu Nord\"alle die Huldigungen empfangen hat, welche\nvielleicht mehr seinem Namen und seinen früheren Leistun-\ngen gebühren, als dem letzten dramatischen Erzeugnisse\nseiner musicalischen Erinnerungen, einer kunstgewandten\nReflexion und einer vertrauten Bekanntschaft mit allen\nEffectmitteln auf der Bühne. Er hat durch hinzugefügte\nRecitative die Oper für die Italiäner in Coventgarden zu-\nrecht machen müssen, und es lässt sich nicht läugnen, dass\ner sich dieser Verpflichtung mit Eifer unterzogen und die\nAufgabe mit Geschick gelös't hat, so dass die Zugaben je-\ndenfalls nicht als hors d'oeuvre erscheinen. Sie haben über-\ndies eine gewisse Eigenthümlichkeit der Form, indem sie\nweniger im Parlando-Stil der komischen Oper der Italiäner\ngeschrieben sind, als vielmehr einzelne kurze melodische\nPhrasen an einander reihen. Die einzige eigentlich komische\nRolle in dem Stern des Nordens, Grizenko, der Typus eines\nrussischen Corporals (freilich russisch äla frangaise), ist\ndabei vorzugsweise vom Componisten bedacht worden, und\nLablache hat die Gelegenheit, welche er ihm dadurch zu sei-\nnen bekannten Lazzi,die er übrigens in England bis zum\nPlumpburlesken treibt, gegeben, reichlich benutzt.\nDen Czaar Peter stellte F ormes auf eine imposante\nWeise in Auffassung, Charakter, äusserer Erscheinung und\nSpiel dar; er ist wieder ganz vortrefflich bei Stimme, und\nGesang und Spiel machten besonders im zweiten Acte einen"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "253", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550811-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4474, "texte": "ausserordentlichen Eindruck. Ausser ihm trugen noch zwei\ndeutsche Damen, Fräul. Bauer und Frau Rudersdorff,\nwelche das Duett der beiden Marketenderinnen aufführten,\nzum Erfolge des Ganzen bei. Madame B o s i o entfaltete als\nKatharina die ganze Anmuth ihrer echten italiänischen Ge-\nsangschule. Die Ausstattung der Oper war natürlich gross-\nartig; allein der wahre Kunstfreund kann doch nur be-\ndauern, wenn die Bühne, welche der Tonkunst den\nTriumph durch die Oper bereiten soll, sich mit Trommlern\nund Pfeifern, Horn- und Trompeten-Bläsern wie ein Parade-\nplatz füllt, und statt der charakteristischen Chqre durch\nSänger Aufmärsche und Schwenkungen durch Soldaten\nausgeführt werden, nebst Pferdegetrappel und Auffahren\nvon vollständig bespannten Kanonen!\nNun, mit dem Spectakel auf der Bühne und in dem\nSaale hatte Meyerbeer alle Ursache zufrieden zu sein: ob\neben so mit der Aufführung in musicalischer Hinsicht, so-\nwohl auf den Brettern als im Orchester? Man sagt, er habe\nsich darüber lobend ausgesprochen auch rief das Publi-\ncum den Dirigenten Costa am Schlüsse ebenfalls heraus,\nwobei ich bemerken muss, dass die Londoner in dieser Sai-\nson jede Gelegenheit benutzt haben, um diesem allerdings\ntüchtigen Dirigenten eine Auszeichnung zu Theil werden\nzu lassen was er grösstentheils dem absonderlichen Auf-\ntreten Wagner's zu verdanken hat. Wenn es aber Meyer-\nbeer Ernst mit seinem Lobe gewesen ist, so möge er daraus\nlernen, dass eine Oper mit nur drei grossen Proben\nmanchmal eben so gut gehen kann, als mit vierundzwan-\nzig; denn mehr als drei sind hier nicht vom Stern des Nor-\ndens gehalten worden.\nEin sonderbares Volk übrigens, diese Engländer!\nHeute begrüssen sie die allermodernsten Gesanges-Faxen\nund den Decorations- und Kleider-Luxus mit Cheers, Hip!\nHip! Hurrah's und morgen gehen sie nach den Mu-\nsikfesten, um drei bis vier Oratorien hinter einander mit\nunzerstörbarer Ruhe anzuhören! Binnen Kurzem werden\ndiese Feste zu Birmingham (den 28. August) und zu\nHereford (den 21. August) wiederum Statt finden, und\nzwar am letzteren Orte die einhundert zweiund-\ndreissigste Versammlung der drei Musik-Vereine von\nHereford, Gloucester und Worcester zum Besten der Wit-\nwen und Waisen von Geistlichen aus den genannten drei\nSprengein. Das Fest wird vier Tage dauern, wie immer;\nHändel's Messias, Mendelssohn's Elias und die Sin-\nfonie-Cantate „LobgesangMozart's zwölfte Messe u.\ns. w. kommen zur Aufführung in den Haupt-Concerten,\nwelche, wie Ihnen bekannt ist, des Mittags Statt finden.\nAusserdem werden noch an jedem Abende gemischte\nConcerte YOU Instrumental- und Vocal-Musik gegeben, so\ndass man acht Concerte zu hören bekommt, wenn man\nes aushält.\nWer diese acht nun hinter sich hat, kann sich das\nVergnügen machen, drei Tage darauf nach Birmingham\nzu reisen, um sieben andere zu gemessen. In den vier\nMittags-Concerten hört er dann wiederum den Messias,\nwiederum den Elias, dann ein ganz neues Oratorium E1 i\nvon Costa, dann Beethoven's Christus am Oelberge, Mo-\nzart's Requiem und eine Auswahl aus Händel's Israel in\nAegypten! Zur Erholung kann er sich Abends an einigen\nKleinigkeiten, z. B. Beethoven's Pastoral-Sinfonie und Leo-\nnoren-Ouverture, Mendelssohn's .4-dMr-Sinfonie, Lorelei und\nRuy Blas, Weber's Freischütz und Beherrscher der Geister,\nMacfarren's Lenora, Stumme, Wilhelm Teil, Prophet, Hu-\ngenotten, Stern des Nordens u. s. w. ergötzen.\nIch frage meine deutschen Orchesterbrüder, welche\nihre Arme und Lungen nach einem niederrheinischen Mu-\nsikfeste kaum noch zu fühlen vermeinen, wie ihnen zu\nMuthe wird, wenn sie daran denken, dass wir bei solchen\nGelegenheiten sieben bis acht Tage (die Proben mit einbe-\ngriffen) 6 8 Stunden täglich den musicalischen Karren\nziehen. Denn, wahrhaftig! wenn einem die Musik in sol-\ncher Ueberthürmung auf den Hals gewälzt wird, da geht\naller Enthusiasmus für die Kunst zum Teufel, und nur ein\nEnglischer Magen kann nach Roastbeef und Rehbraten und\nSchinken in Champagner gekocht noch Plumpudding ver-\ntragen. Wir Deutsche aber—ujid die Orchester bestehen\nin der Regel wenigstens zur Hälfte aus Deutschen sind\njedesmal froh, wenn's vorbei ist.\n„ Warum geht Ihr denn aber hin?\" —Ei, verehrtester\nHerr Redacteur! können Sie denn mit Ihren kölner Freun-\nden vom Männergesang-Vereine aus irgend einem anderen\nLande der Welt, als aus England, in drei Wochen tausend\nPfund für Ihren herrlichen Dom holen? Also! Verstehen\nSie mich*)? Ihr ganz ergebener\nLondon, den 1. August 1855.\n*) Vollkommen! Die Red.\n\nC. A."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-08-11-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-08-11_01#c003", "volume": "bmtnabi_1855-08-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "253", "page_fin": "254", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550811-01.2.3", "titre_corps": "Aus Breslau.", "titre_sommaire": "Aus Breslau.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "253", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550811-01.1.5", "debut_caractere": 4476, "fin_caractere_exclue": 4717, "texte": "Aus Breslau.\nIch sende Ihnen hierbei die Uebersicht der öffentlichen\nAufführungen, veranstaltet von unserer Sing-Akademie.\nDieses Verzeichniss wird Ihnen den Beweis liefern, in wie\nvoller Blüthe diese Kunstanstalt, welche in ihr dreis s i g-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "254", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550811-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2475, "texte": "stes Lebensjahr getreten ist, unter der Leitung ihres wür-\ndigen Directors Mosevius steht. Ich füge dem Verzeich-\nnisse auch eine Notiz über die Aufführungen in dem Cir-\nkel für Kammermusik hinzu.\n1. Am 8. Juli 1854, zum Stiftungsfeste: Messe\nNr. 2in D-mollvon Cherubini, mit Orchester.\n2. Am 28. October 1854, zum Besten der durch\nUeberschwemmung Verunglückten, in der Aula Leopoldina\ngrossem Orchester: a. Ky und der\nMesse von Cherubini; b. Die erste Walpurgisnacht von F.\nMendelssohn-Bartholdy.\n3. Am 16. December 1854, zur Weihnachtsfeier,\nmit Orchester: a.Cantate zum zweiten Weihnachts-Fest-\ntage von Seb. Bach: „Und es waren Hirten in derselben\nGegend auf dem Felde\"; b.Cantate zum dritten Weih-\nnachts-Festtage von Seb. Bach: „Herrscher des Himmels\";\nc. Cantate zum Fest e Circumscissionis von Seb. Bach: „Fallt\nmit Danken, fallt mit Loben\".\n4. Am 24. Januar 1855, Trauer-Feierlichkeit Tür\nzwei verstorbene Mitglieder der Sing-Akademie: a. „Mitten\nwir im Leben sind\", Choral: „Gottes Zeit\", Cantate\nvon Seb. Bach; c. Requiem von Mozart bis (inclus.)\nmosa.\n5. Am 24. Marz 1855, in der Aula Leopoldina mit\ngrossem Orchester: a. Ouvertüre zur Medea von Cheru-\nbini; b. Phantasie für Fortepiano, Orchester und Chor von\nBeethoven; c. Faust von Radziwill. Theil I.\n6. Am 6. April 1855, Charfreitag, mit Orchester:\na. Oratio Jeremias Proplietae von Durante; b. Die sieben\nWorte des Erlösers am Kreuze von Jos. Haydn.\n7. Am 5. Mai 1855, zur Gedächtnissfeier eines ver-\nstorbenen Vorstehers der Sing-Akademfe, mit Orchester:\na. „Mitten wir im Leben sind\", achtstimmig, von Mendels-\nsohn-Bartholdy; b. Requiem von Mozart.\n8. Zur Feier des dreissigjährigen Bestehens der Sing-\nAkademie, mit Orchester: a. „Du Hirte Israels, höre\",\nCantate von Seb. Bach; b. „Wer nur den lieben Gott lässt\nwalten\", Cantate von Seb. Bach; c. Utrechter Te Deum\nvon G. F. Händel.\nAufführungen des musicalischen Ci rkels für\nKammermusik.\n1. Am 8. November 1854: a. Vierstimmige Gesänge\nvon Mendelssohn-Bartholdy: 1) Entsagung, 2) Gruss, 3)\nWartend, 4) Im Herbst, 5) Altdeutsches Minnelied; Ein-\nstimmige Lieder von Dannström, Hugo Ulrich, Molique und\nThiesen; c. Idomcneus von Mozart, Act 2 und 3 (abge-\nkürzt).\n2. Am 23.Februar 1855: a. Vierstimmige Gesänge\nvon Mendelssohn-Bartholdy: 1) Herbstlied, 2) Reiselied;\nb. Einstimmige Lieder von Beethoven, Kücken, Lindner\nund Mendelssohn; c. Terzett aus der weissen Dame von\nBoieldieu; d.„ Das Paradies und die Peri\" von Rob. Schu-\nmann. Theil I. und 11."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-08-11-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-08-11_01#c004", "volume": "bmtnabi_1855-08-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "254", "page_fin": "255", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550811-01.2.4", "titre_corps": "Johann Vogt.", "titre_sommaire": "Johann Vogt.", "signature_source": "L. 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Ferner findet man auch vorzugsweise nur in Deutsch-\nland noch viele Individuen, welche mit ein-er solchen Beharrlich-\nkeit dem angeborenen Triebe ihrer rausicalischen Natur folgen,\ndass sie alle äusseren Hindernisse besiegen, die ihnen bei der Ver-\nfolgung der Laufbahn, wozu sie die innere Neigung drängt, in den\nWeg treten.\nEin neues Beispiel zu Beidem liefert uns Herr Johann Vogt,\nwelcher, in Schlesien geboren, in Petersburg sich niedergelassen\nhat, gegenwärtig aber, nach gebrauchter Badecur in Aachen, auf\neiner Reise durch Frankreich und Deutschland begriffen ist, und\nin welchem wir einen durch Wissen und Können sehr tüchtigen\nund durch die gewählte Richtung sehr ehrenwerthen Musiker ken-\nnen gelernt haben. Herr Vogt ist bereits über 30 Jahre alt (geb.\nden 17. Januar 1823 zu Gross-Tinz bei Liegnitz) und hat eine\nstrenge Schule des Lebens durchgemacht. Sein Vater, Mühlenbe-\nsilzer in dem genannten Dorfe, hegte keinen anderen Wunsch, als\ndass seine acht Söhne sämintlich Müller werden möchten; nur bei\nJohann, dein siebenten in der langen Reihe, fand dieser Wunsch\nin dessen Anlagen und Neigungen und glücklicher Weise auch in\nder Autorität des Dorf-Gantors Widerstand. Da jedoch zum Stu-\ndium der Theologie die Mittel nicht ausreichten, so wurde das\nLehrfach gewählt, und Johann besuchte das Lehrer-Seminarium zu\nBunzlau. Es folgten darauf mehrere Jahre amtlicher Thätigkeit,\njedoch ohne feste Anstellung, welcher bei verschiedenen Anträgen\ndie Jugend des Bewerbers entgegen stand.\nDa entsehloss sich Vogt, auf eigene Hand nach Berlin zu gehen,\nder Lehrer-Laufbahn, die eben keine glänzenden Aussichten bot,\nzu entsagen und sich der Musik zu widmen, zu der ihn eine un-\nwiderstehliche Neigung seit seinen Kinderjahren gezogen hatte. Die\nersten Eindrücke hatte er durch die Kirchengesänge in seiner Hei-\nmat und durch böhmische Musikbanden, welche damals besonders\nhäufig in Schlesien umherzogen, empfangen, und seit seinem zehn-\nten Jahre Unterricht auf dem Ciavier, der Orgel und Violine er-\nhalten, so gut oder schlecht, wie ihn die Verhältnisse gestatteten.\nIn Berlin musste er sich freilich schmal behelfen und sich auf\nallerlei Weise durchschlagen; denn daheim war man mit dem ge-\nfassten Entschlüsse sehr unzufrieden, und statt der Unterstützung\ngab es Vorwürfe. Indess arbeitete er vom Jahre 1845 an rüstig\nund unverdrossen fort. Seine Lehrer im ' Orgelspiel und in der\nComposition waren Bach, der Director des königlichen Musik-In-\nstituts, Grell, später auch A. B. Marx, im Glavierspiel Ki-\nlitschgy. Das Jahr 1848 vertrieb ihn von Berlin; er lebte bei\nverschiedenen Verwandten in Schlesien, wurde aber, da er land-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "255", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550811-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2534, "texte": "wehrpflichtig war, häufig einberufen und musste auf ganz andere\nWeise exerciren, als auf der Orgel und dem Pianoforte. Doch\nhatte diese Rückkehr nach Schlesien auch ihr Gutes. Er lernte bei\nGelegenheit der Einweihung einer neuen Orgel in seinem Geburts-\norte Hesse und Seydel aus Breslau kennen, und diese veran-\nlassten ihn, als sie ihn auf der Orgel gehört, sich in Breslau nie-\nderzulassen.\nEr folgte ihrem Rathe und hielt sich darauf einige Jahre in\nder Hauptstadt von Schlesien auf. Hier machte er die Bekannt-\nschaft von Ad. Henseit, der ihn veranlasste, nach Russland zu\nkommen. Nach langen Mühen erhielt Vogt endlich im Jahre 1852\neinen Pass nach dem Auslande und wählte nun Petersburg zu\nseinem Aufenthalte, wo er seitdem sich eine geachtete Stellung als\nComponist und Lehrer im Generalbass, im Orgel- und Ciavierspiel,\nauch an kaiserlichen Instituten, erworben hat, und wohin er im\nHerbste zurückkehren wird.\nHerr Vogt ist im Componiren, wie man in Deutschland zu sa-\ngen pflegt, rasend fleissig gewesen; wir haben von ihm ein Ora-\ntorium, Sinfonieen, Ouvertüren, Quintette und Quartette für Streich-\nInstrumente, Sonaten, Etüden, Fugen u. s. w. für Ciavier oder Or-\ngel u. s. wr. gesehen, und was wir davon gehört oder genauer ein-\ngesehen haben, hat uns mit grosser Achtung vor dem Talente und\ndem gründlichen Streben desselben erfüllt. Namentlich sind die\nFugen des Herrn Vogt ganz vortrefflich und bekunden eine con-\ntrapunktische Sicherheit und Gewandtheit, wie man sie heutzutage\nnur selten findet. Indess sind die im freien Stil geschriebenen Sa-\nchen nichts weniger als steif und schulmässig, wie z. B. das Vio-\nlin-Quartett in F-dur, welches sogar etwas mehr polyphon gearbei-\ntet sein könnte, beweis't; dasselbe wurde in der musicalischen Ge-\nsellschaft hier in Köln mit allgemeinem Beifalle aufgeführt und\ngab namentlich Herrn Pixis Gelegenheit, durch den schönen\nVortrag der ersten Violinstimme zu glänzen. Eine andere Schö-\npfung derselben Gattung ist ein Quintett in C-moll, welches eine\nsehr anerkennungswerthe Erfindungsgabe (in beiden Werken sind\nbesonders die Scherzo's ganz originei) zeigt und melodischen Fluss\nmit gründlicher Arbeit verbindet.\nEs verdient desshalb die Thätigkeit des Herrn Vogt als Compo-\nnisten in weiteren Kreisen, als bisher, bekannt zu werden. Bis jetzt\nist noch .wenig von den erwähnten Sachen gedruckt, was nur zu\nbedauern ist; sobald einige von den genannten Werken erscheinen,\nwird ihnen die allgemeine Anerkennung von Seiten der Verehrer\nder soliden Schule nicht fehlen.\n\nL. B."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-08-11-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-08-11_01#c005", "volume": "bmtnabi_1855-08-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "255", "page_fin": "256", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550811-01.2.5", "titre_corps": "Aufführung der Passions-Musik von Joh. Seb. Bach zu Lüneburg.", "titre_sommaire": "Aufführung der Passions-Musik von Joh. Seb. 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Seb.Bach nach\ndem Evangelium des Matthäus unter der Leitung des Herrn L.\nAnger zur Aufführung.\nEs war nicht anders zu erwarten, als dass ein in seinen Aus-\ndrucksformen unserem Zeitgeschmacke so fern liegendes und dazu\nin seiner Ausführung so schwieriges Werk zuerst lau oder gar mit\nAbneigung aufgenommen wurde; und nur dem Eifer des Herrn\nDirigenten, so wie der Beharrlichkeit derer, weiche von Anfang an\ntreu ausgehalten haben, ist es zu danken, dass nicht das Werk\nwiederum von dem Repertoire entfernt worden und somit Viele\num ein musicalisches Erlebniss ärmer geblieben sind. Doch das\nsollte nicht also geschehen. Das grossartige Werk hat auch bei uns,\nwie aller Orten, mit dem zunehmenden Verständnisse immer mehr\nFeld gewonnen und selbst den entschiedenen Gegpern Anerken-\nnung und Bewunderung abgenöthigt.\nFragt man nun bei dem vielen Schönen, woran dieses W'erk\nso reich ist, was denn eigentlich das Schönste sei, so weiss man\nnicht, ob man die Tiefe des Gefühls und die Wahrheit in den Re-\ncitativen des Evangelisten und des Heilandes, oder die überwälti-\ngende Kraft und das dramatische Leben in den Chören, oder die\nwunderbar ergreifende Modulation und Stimmführung in den Cho-\nrälen mehr bewundern soll. Selbst die lyrischen Theiie der Soli,\ntrotz ihrer instrumentalen Bescheidung, sprachen sehr an. Eine\nVorahnung dessen, was man von dem Werke zu erwarten hatte,\nerweckte gleich der Eingangs-Chor: „Kommt, ihr Töchter, helft\nmir klagen\", in seiner breiten Entfaltung und kunstvollen Ver-\nschlingung mit den grossartigen Orgeipunkten; von imposanter\nWirkung war der Chor: „Sind Blitze, sind Donner\"; die Glanz-\nnummer aber des Ganzen war unstreitig der Schluss-Chor des er-\nsten Theiles: „0 Mensch, bewein' dein' Sünde gross\", in welchem\num den Cantus firmus des Soprans die anderen drei Stimmen ein\nüberaus edles Motiv mit gewaltigen Einschnitten ausführen mit\neiner wahrhaft grandiosen Führung des Grundbasses. Von mächti-\nger Wirkung war auch das fanatische Durcheinanderschreien des\n„Lass ihn kreuzigen\", so wie das höhnende „Andern hat er gehol-\nfen\"; ganz besonders aber die instrumentale Malerei zu dem Reci-\ntaiiv des Evangelisten: „Und siehe da, der Vorhang im Tempei\nzerriss io zwei Stück von oben bis unten.\" Von den eingeflochte-\nnen Chorälen, welche gleichsam der Passions-Stimmung der Ge-\nmeinde während der Darstellung der heiligen Handlung Ausdruck\ngeben, brachte ein jeder an seiner Stelle die durch ihn beabsich-\ntigte Wirkung hervor. Einen besonders tiefen Eindruck machte\nauch die Frage der Jünger: „Herr, 4jin ich's?\" gleichsam als\nSchuldbekenntniss der wundersam harmonisirte Choral: „Ich bin?s,\nich sollte büssen\"; so sprach in dem auf die Worte des Heilandes:\n„so geschehe Dein Wille\", folgenden Chorale: „Was mein Gott will,\ngescheh' allzeit\", die von H-moll ausgehende und in D-dur schlies-\nsende erste Strophe mit dem hohen Fis des Tenors das freudige\nGottvertrauen auf eine erhebende Weise aus; so lässt in dem auf\nPetrus' Reue folgenden Chorale : „Bin ich gleich von Dir gewichen\",\nnach der düsteren Färbung der fünften Strophe zu den Worten:\n„Ich verläugne nicht die Schuld\", die sechste Strophe in der von\nH-moll ausgehenden und endlich in D-dur sich aufhellenden Modu-\nlation zu den WTorten: „aber Deine Gnad' und Huld\", gleichsam\neinen Gnadenblick in die reuige Seele fallen. Von besonders tiefer\nWirkung ist der an das Verscheiden des Heilandes sich anschlies-\nsende Choral: „Wenn ich einmal soll scheiden\", der in seiner tie-\nfen Lage und grösstenteils chromatischen Stimmführung ergreifend\ndie Todesbangigkeit der geängsteten Seele ausdrückt, bis in der\nsiebenten Strophe zu den Worten: „so reiss' mich aus den Aeng-\nsten\", die sich lichtende Harmonie die Hoffnung auf das erlösende\nVerdienst des Heilandes gleichsam als einen Sonnenstrahl durch-\nscheinen lässt. Eine wunderbar beseligende Ruhe ist über den\nSchluss des Ganzen ausgegossen, wo der Bass mit den Worten:\n„Nun ist der Herr zur Ruh' gebracht\", die von den anderen drei\nStimmen nach einander aufgenommenen und von kleinen Chor-\nsätzen durchflochtenen kurzen Recitative einführt, woran sich dann\nin breitester Haltung der von beiden Chören ausgeführte Schluss-\nchor: „Wir setzen uns mit Thränen nieder\", anschliesst. Die über-\naus weichen und rührenden Motive finden in einer edlen und wür-\ndevollen Aufführung einen kräftigen Halt, um welchen sich die\nklagenden Figuren der Singstimmen gleichsam schmiegen. Es war\nsehr zu bedauern, dass diese Nummer mit dem ersten Satze ge-\nschlossen wurde; man fühlte es, dass bei dem zweiten Einsätze des\nMotivs eine breitere Ausführung angedeutet wurde, worauf der\nAbschiuss zu rasch erfolgte; und überdies ging damit zugleich eine"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "256", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550811-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 902, "texte": "wundersam beruhigende Figur verloren, welche der zweite Chor\ndreimal, zuerst in tiefer Lage, dann bei jedem neuen Einsätze um\neine Quart höher auf die Worte „ruhet sanft44 zwischen den Ge-\nsang des ersten Chors einwebt. Im Uebrigen waren die Kürzungen\ndes überaus umfangreichen Werkes mit vielem Tacte vorgenom-\nmen. Zur Correctheit der Aufführung hat der Umstand wesentlich\nbeigetragen, dass dabei die Benutzung der durch königliche Huld\nunserem Johanneum geschenkten Partitur zu Gebote stand.\nFragen wir nun zum Beschlüsse noch nach den Gründen, welche\ndiesem Werke nach beinahe anderthalb Jahrhundert eine so mäch-\ntige Wirkung sichern, so glauben wir nicht zu irren, wenn wir\ndiese einestheils in der Grossartigkeit der Motive und des ganzen\nStils, anderenteils in der Wahrheit der Charakteristik finden,\nwozu freilich noch ein Etwas kommt, was der Mensch von dem\nSeinigen nicht hinzuthun kann.\n\nJ."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-08-11-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-08-11_01#c006", "volume": "bmtnabi_1855-08-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "256", "page_fin": "256", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550811-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "256", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550811-01.1.8", "debut_caractere": 904, "fin_caractere_exclue": 5209, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nHerr Musik-Director Wieprecht in Berlin, rühmlichst be-\nkannt durch seine ausserordentlichen Verdienste um die Verbesse-\nrung der Militär-Musik, ist der einzige Dirigent in Deutschland,\nwelcher durch Vereinigung der zahlreichen Kräfte, die ihm in den\nRegiments-Musikcorps zur Verfügung stehen, Monster-Concerte zu\nStande bringt. So hat er z. B. Ende Juni in Breslau ein solches\nzum Besten der Ueberschwemmten im Weichsel- und Oder-Gebiete\ngegeben, wobei 2500 Thaler eingingen und an 15,000 Zuhörer ge-\ngenwärtig waren. Am 31. Juli veranstaltete er ein ähnliches in\nBerlin zu demselben Zwecke. An 200 Bläser wirken bei solchen\nGelegenheiten zusammen; von Saiten-Instrumenten nimmt Wie-\nprecht bloss Contrabässe hinzu, und dieses auch dann, wenn er\nMusik nur mit Metall-Instrumenten ausführt. Seine Arrangements\nfür diese Massen sind vortrefflich; das Schönste der Art mochte\nwohl die Einrichtung des Beethoven'sehen Trauermarsches aus\nder As-dur-Sonate für Blechmusik sein, mit welchem er einst bei\nder feierlichen Beisetzung der Leiche Mendelssohns den Sarg bei\nder Ankunft des Zuges am Halle'schen Thore in Empfang nahm.\nEin so reines und so wundervoll klingendes Piano und von 70\nbis 80 Instrumenten zugleich hatte man noch nie gehört.\nMan erzählt sich von ihm, dass er bei der Aufführung von\nBerlioz' Te Beum im Opernhause zu Berlin (mit 16 Posaunen, 8\nPaar Pauken u. s. w.), welche Berlioz selbst dirigirte, lächelnd zu\neinem Freunde gesagt habe: ~Der meint, er könne Lärm machen?\nNa, warte man!'4 Kurz darauf lud er Berlioz zu einem von seinen\nCöncerten ein. Ein Orchester von etwa 200 Militär-Musikern war\nversammelt, im Hintergründe desselben bildete ein Halbkreis von\ndreissig Trommlern den Schluss. Wieprecht dirigirte mit einer\ntannenen Latte von ziemlichem Maasse, welche er wie ein Thor\noder Wodan spielend hin und her schwang. Der Triumphsatz in\nC-dur aus der von Beethoven begann, und als beim\ndritten Accord: Tra, Tra, Trrrra! die dreissig Trommler drein\nschlugen und sich dies bei den Sforzando's im fünften und sechs-\nten Tacte wiederholte, da fühlte sich Berlioz überwunden, und von\nBegeisterung für eine Massenwirkung, die er selbst in seinen kühn-\nsten Träumen kaum geahnt, ergriffen, stürzte er am Schlüsse auf\nWieprecht los und ihm an die Brust. Der aber, selber von dem\nMoment ergriffen, vergass die zerbrechliche Natur des französischen\nKünstlers, schloss ihn in seine riesigen Arme und drückte ihn der-\nmaassen an die eherne preussische Brust, dass Jenem noch lange\nnachher die Glieder weh thaten, wenn er nur daran dachte.\nHerr Adolf Gollmick von London hat in Frankfurt\na. M. einige Matineen für seine Freunde und die Elite der Künst-\nlerschaft gegeben. Man lobt die Anspruchslosigkeit, das innere Ge-\nmüthsleben und die gesunde Natur seiner Compositionen bei cor-\nrectem Satze und die solide Schule seines Spiels, die es verschmäht,\nbloss excelliren zu wollen. Besonders gab ein Quartett für Piano\nund Streich-Instrumente (G-moll) zu dieser Bemerkung Anlass.\nEbenfalls wurde von diesem jugendlichen und bescheidenen Künst-\nler im Schauspielhause eine Concert-Ouverture (E-moll) von dem\nOrchester-Personale unter Schmidt's Leitung executirt, die sich\ndurch ein frisches, glückliches Temperament und einen eleganten\nFluss auszeichnet. Herr Gollmick ist bereits wieder nach London\nzurückgekehrt.\n© e ii < § c U e T on h a 1 } e.\nDie im Lenz-Monate d. J. den verehrlichen Vereins-Mitgliedern\nzur Genehmigung vorgelegten neuen Zusätze (a—i) zu den Vereins-\nSatzungen haben durch Einstimmigkeit derjenigen Theilnehmer,\nwelche darüber abstimmten, Geltung erhalten, und die grosse Mehr-\nheit derselben hat die Vorsteher K. F. Meckel und A. Schüss-\nler wieder als solche gewählt, welche diese Wahl ehrend\ndieselbe angenommen haben.\nZugleich zeigen wir an, dass auf das erlassene Ausschreiben\neines Preises für den Männergesang „Gott, Vaterland, Liebe\" uns\n39 Compositionen desselben zugekommen sind, welche wir bereits\neinem der satzungsmässig erwählten drei Herren Preisrichter zur\nBeurtheilung zugesandt haben. Nach der Beurtheilung durch sämmt-\nliche drei werden wir das Ergebniss sogleich anzeigen, wie auch\nseiner Zeit dasjenige wegen der vorliegenden 39 Sinfonieen, wann\nuns solches zugekommen sein wird.\nMannheim, den 3. August 1855.\nDer Vorstand."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "249", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550811-01.1.1", "texte": "Friedrich Chopin’s nachgelassene Werke.\nNachdem man allgemein geglaubt, dass Chopin keine\nManuscripte hinterlassen, welche nicht schon durch den\nDruck veröffentlicht wären*), erhalten wir jetzt, im sechs-\nten Jahre nach seinem Tode (den 17. October 1849),\neine werthvolle Sammlung von bisher ungedruckten Com-\npositionen, an deren Echtheit sowohl nach den äusseren\nZeugnissen und den Umständen, unter welchen die Heraus-\ngabe erfolgt, als nach dem Inhalte der Musikstücke nicht\nzu zweifeln ist. Der Titel ist folgender:\nOeuvres posthumes pour le Piano de Fred. Cho-\npin, publies sur Manuscrits originaux, avec auto-\nrisation de sa famille,\nBerlin, chez A. M.\nsonnier filsj.\nDie Sammlung, deren acht Lieferungen auch einzeln\nzu haben sind, ist mit dem von Waldow nach Ary Schef-\nfer lithographirten Portrait Chopin's (nebst dessen Hand-\nschrift in Noten und Buchstaben) geziert und kostet voll-\nständig 5 Thaler netto. Die Ausstattung ist in jeder Hin-\nsicht eine würdige. Die Vorrede ist besonders durch ihre\nhistorischen Angaben und theilweisen Berichtigungen wich-\ntig, wesshalb wir sie hier folgen lassen.\n„Einige Verleger haben in letzter Zeit es gewagt, ohne\nAutorisation und nach ungenauen Abschriften einige von\nFr. Chopin's hinterlassenen Werken herauszugeben. Seine\nFamilie würde sich darauf beschränkt haben, dieses unge-\nsetzliche Verfahren mit dem Gefühle der Verachtung zu\nbehandeln, das es einflössen muss, wenn diese uncorrecten\nAusgaben nicht die Conceptionen des Meisters entstellten\nund sein Andenken beschimpften. Sie glaubte daher eine\nheilige Pflicht zu erfüllen, wenn sie eine genaue Ausgabe\nnach den eigenhändigen Manuscripten des Componisten\nveranstaltete, und dies ist diese im rechtmässigen Verlage\nder Schlesinger'schen Buch- und Musikhandlung für alle\nLänder, ausser Frankreich und Belgien, erschienene.\n„ Warschau, wo Chopin's Familie ihren Wohnsitz hatte,\nbesass bis 1830 ein Conservatorium der Musik unter Jos.\nElsner's Leitung. Unter diesem gelehrten Componisten\nmachte der junge Chopin bereits als Pianist ausgezeich-\nnet einen vollständigen Cursus des Contrapunktes und\nder Composition. Wir hatten dort den Vortheil, sein Mit-\nschüler zu sein, und genossen von jener Zeit an das Glück\nseiner künstlerischen Einwirkung. Die langen Jahre unse-\nres gemeinschaftlichen Aufenthaltes in Paris knüpften die\nFreundschaft der Knaben nur noch enger und gewannen\nuns die Zuneigung und das Vertrauen des Künstlers. Einen\nBeweis hiervon gab er uns dadurch, dass er bei Publication\nseiner Werke gewöhnlich unsere Mitwirkung in Anspruch\nnahm, ja, sie uns oft gänzlich überliess, wenn er, fern von\nParis, uns seine Manuscripte zuschickte. Seine Familie, mit\ndiesen freundschaftlichen Verhältnissen bekannt, gab uns\nden ehrenvollen Auftrag, die von ihm hinterlassenen musi-\ncalischen Schätze zu sammeln, eine Auswahl zu treffen und\nsie zu veröffentlichen. Ob Chopin selbst in seiner letzten\nStunde uns seine noch ungedruckten Compositionen anver-\ntraut hätte, wie er es früher gethan, können wir nicht ent-\nscheiden. Zur Zeit seines Todes waren wir fern von Frank-\nreich. Wie dem auch sei,—wir hörten von ihm selbst, dass\ner die Absicht hatte, ein oder das andere Stück der gegen-\nwärtigen Sammlung herauszugeben. Da jedoch einige dieser\nCompositionen nur als Souvenirs für Freunde geschrieben\nwaren, so wollte er sie aus Zartgefühl nicht erscheinen las-\n\n*) Auch Franz Liszt sagte in seiner bekannten geist- und\nphantasiereichen Charakteristik Chopin's und seiner Werke:\n„Er hat von vollendeten Manuscripten nichts hinterlassen, als\nein letztes Notturno und einen sehr kurzen Walzer.\"\nIm Jahre 1851 wurde in einer pariser musicalischen Zeitung\neine Sonate posthume von Chopin angekündigt; ob sie erschie-\nnen sei, ist uns unbekannt. In der gegenwärtigen Sammlung\nbefindet sich nichts dergleichen. Liszt äusserte uns damals\ndie Yermuthung, dass, wenn eine solche wirklich vorhan-\nden, es wahrscheinlich eine Sonate sei, die Chopin in frühe-\nren Jahren während seines Aufenthaltes zu Wien geschrieben\nhabe. Das Notturno, welches in der siebenten Lieferung der\njetzigen Sammlung erscheint und die einzige Composition\ndieser Art aus dem Nachlasse ist, hat Chopin auch schon im\nJahre 1827 geschrieben."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "250", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550811-01.1.2", "texte": "sen. Andere liess er bei seiner Gewohnheit, seine Manu-\nscripte bisweilen lange aufzubewahren, ehe er sie der Oef-\nfentlichkeit übergab, aus Laune oder Nachlässigkeit im Por-\ntefeuille liegen. Heute wird diese Veröffentlichung um so\nunerlässlicher, als einerseits Speculanten aus Gewinnsucht\ndas Andenken des Cornponisten mit neuen Angriffen be-\ndrohen, andererseits aber Freunde aus Verehrung für sei-\nnen Namen sich Copieen seiner hinterlassenen Werke mit-\ntheilen und den wahren Charakter mehr und mehr entstel-\nlen. So bewirken reine Gewinnsucht und der Eifer seiner\nFreunde dasselbe Resultat*). Um diesen Unannehmlichkei-\nten zuvor zu kommen, musste man zu den Originäl-Manu-\nscripten seine Zuflucht nehmen, und wir fügen noch hinzu,\ndass wir fast alle Musikstücke dieser Sammlung nicht nur\nvon dem Cornponisten zu wiederholten Malen spielen ge-\nhört, sondern dass auch wir sie in seinem Beisein vorge-\ntragen und so in unserem Gedächtnisse behalten haben,\nwie er sie geschaffen, und wie wir sie hier geben. Dieser\nletzte Umstand war uns eine grosse Hülfe, wenn wir zwi-\nschen zwei oder drei Lesarten, alle von der Hand Chopin's,\nzu wählen oder eine oft unlesbare Schrift zu entziffern\nhatten.\n„Es sei uns erlaubt, hier einige Details über die Jugend\ndes Künstlers beizufügen. Chopin hat nie mehr als Einen\nLehrer auf dem Piano gehabt, nämlich Herrn Zywny, der\nihm die ersten Anfangsgründe beibrachte. Die Fortschritte\ndes Knaben waren so ausserordentlich, dass seine Eltern\nund sein Meister es für das Zweckmässigste hielten, ihn im\nAlter von zwölf Jahren seinen eigenen Instincten zu über-\nlassen und ihm zu folgen, anstatt ihn zu leiten. Die dama-\nlige Schule konnte ihm nicht mehr genügen; er strebte\nnach Höherem und fühlte sich zu einem Ideal hingedrängt,\ndas ihm zwar damals noch dunkel vorschwebte, sich aber\nbald in bestimmten Umrissen kund gab. So seine Kräfte\nversuchend, erwarb er sich jenen Anschlag und jenen Stil,\nder sich von allem, was vor ihm da war, unterschied, und\nso gelang es ihm endlich, sich jene Art des Vortrages an-\nzueignen, welche seitdem die Bewunderung der Kunstwelt\nerregte.\n„ Schon im zartesten Alter setzte er durch den Reich-\nthum seiner Improvisation in Erstaunen. Jedoch hütete er\nsich wohl, damit zu prunken; allein einige Auserwählte,\ndie ihn stundenlang auf die bewunderungswürdigste Weise\nimprovisiren hörten, ohne dass er irgend eine Phrase eines\nanderen Cornponisten oder einen Gedanken aus seinen\neigenen Werken mit untermischte, werden uns nicht wi-\ndersprechen, wenn wir behaupten, dass seine schönsten\nCompositionen nur Reflexe und Echo's seiner Improvisation\nsind. Diese ihn unwillkürlich überkommende Inspiration\nglich einem unaufhörlichen Strome sprudelnder köstlicher\nIdeen. Von Zeit zu Zeit brachte er einige davon in gere-\ngelte Form, und es fand sich, dass sie voll Perlen und Ru-\nbinen waren.\n„Was kann es in dem ungeheuren Bereiche des Ge-\ndankens Schöneres geben, als eine bevorzugte, mit dem\ngöttlichen Siegel bezeichnete Intelligenz, die, kaum in das\nLeben getreten, ihre Mission erfüllt, indem sie in ihrer\nSphäre eine neue Welt schafft! So haben wir Chopin ge-\nkannt und geliebt. Mit der Gluth der Begeisterung und\nder Heiterkeit des Blickes, aus dem trotz seiner ausseror-\ndentlichen Bescheidenheit ein Strahl edler Selbstzufrieden-\nheit glänzte, liess er uns bei unseren häufigen Zusammen-\nkünften die ersten Erzeugnisse seiner fruchtbaren Feder\nsehen und hören. Im Alter von neunzehn Jahren, 1828*),\ncomponirte er für uns das Rondo ä 2 Pianos, welches die\nachte Lieferung dieser Sammlung bildet. Bald nachher ha-\nben wir ihn, in weniger als einem Jahre (1829), La ci\ndarern, den Krakowiak, das Concerto in F-moll, die Airs\npolonais und das Concerto in schreiben sehen, lau-\nter Stücke mit grossem Orchester, ohne das Trio mit Vio-\nline und Violoncello und andere minder bedeutende Com-\npositionen zu rechnen. Dies war sein Debüt; und wenn\nman annimmt, dass die Wissenschaft seit jener Zeit neue\nHilfsquellen in ihm entwickelte, so hat sich, wie uns dünkt,\nseine Begeisterung nie höher emporgeschwungen und war\nnie reiner und origineller, als in einigen dieser Compositio-\nnen, namentlich im Concerto in [Op. 21] **).\n„Die Stücke dieser Sammlung umfassen seine ganze\nLaufbahn bis zu seinem Schmerzenslager, auf welchem er\ndas letzte in Noten setzte. Sie kommen grösstenteils aus\nden Papieren, welche die Familie nach seinem Tode gesam-\nmelt hat, einige aus den Albums seiner Freunde, und die\nübrigen wurden uns von dem Cornponisten zu verschiede-\n\n*) Wir haben Abschriften gesehen und einige Musikstücke der\ngegenwärtigen Sammlung gehört, die auf das erbärmlichste\nverstümmelt waren, und immer durch Enthusiasten für Cho-\npin. Wir könnten sogar ein in Paris 1854 gegebenes öffent-\nliches Concert anführen, wo man sich die abscheulichste Ver-\nstümmelung erlaubte, bloss um des Vergnügens willen, etwas\nvon Chopin's hinterlassenen Wrerken zu geben.\n*) Chopin ist am 1. Marz 1809 und nicht 1810 geboren, wie es\nfast alle seine Biographieen irrthümlich sagen.\n**) Wir wollen hier bemerken, dass das Concerto in F-moll (Op.\n21) einige Monate vor jenem in E-moll (Op. 11 seiner\nWerke) geschrieben wurde, welches letztere für das frühere\ngilt, obschon es in der That erst später componirt wurde."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "251", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550811-01.1.3", "texte": "nen Epochen geschenkt. Bei unserer Auswahl liessen wir\nuns gewissenhaft von der Idee leiten, die Chopin selbst\nvon seinen Compositionen hegte, indem wir alles bei Seite\nlegten, was er für werthlos hielt, hielten aber alles von\nihm Bevorzugte in Ehren, bis auf seine Künstler-Launen,\ndie eine fünfundzwanzigjährige Freundschaft uns schätzen\ngelehrt hat. Wir hielten es für nützlich, die respectiven\nDaten stehen zu lassen, um diejenigen in ihren Nachfor-\nschungen zu unterstützen, welche die verschiedenen Phasen\ndes Talentes dieses grossen Künstlers zu studiren beab-\nsichtigen.\n„In Kurzem werden auch sechszehn Melodieen zu pol-\nnischen Worten erscheinen, welche die zweite und Setzte\nAbtheilung seiner Oeuvres Poslhumes bilden.\n„Paris, Mai 1855. Jules Fontana.\n„Anmerkung. Da Fr. Chopin's Familie beschlossen\nhat, die hinterlassenen Compositionen Chopin's nur durch\nVermittlung und nach Wahl des Herrn J. Fontana zum\nDrucke zu befördern, so wird sie jede andere Veröffent-\nlichung ausser dieser Sammlung der hinterlassenen Com-\npositionen des Meisters als dem Nachdruck gleich betrach-\nten und den Landesgesetzen gemäss als strafbar verfolgen.8\nAls ganz besonders lobenswerthe Eigenschaft dieser\nAusgabe müssen wir es hervorheben, dass der Herausge-\nber das Jahr der Entstehung einer jeden Compositum\nderselben vorgesetzt hat. Wann werden wir endlich beim\nMusik-Verlage dahin kommen, dass, wie bei den Büchern,\nauch bei den Musikstücken das Jahr, in welchem sie\nerscheinen, auf den Titel gesetzt wird? Der ge-\nringe und im Grunde genommen eines ordentlichen Verle-\ngers, weil auf Täuschung beruhend, ganz unwürdige Vor-\ntheil, durch Verschweigung der Jahreszahl auf dem Titel\nhier und da Altes für Neues verkaufen zu können, kann\ndoch wahrlich die Verwirrung, die dadurch in die Geschichte\nder Tonkunst und besonders in die Entwicklungs-Geschichte\ndes Talentes einzelner Künstler gebracht wird, nicht ent-\nschuldigen! Bei der gegenwärtig herrschenden Sitte oder\nvielmehr Unsitte bedarf es für den Kritiker und Historiker\nstets erst besonderer Untersuchungen, um festzusetzen, in\nwelchem Verhältnisse die gedruckte Reihe der Opus-Zahl\nzu der wirklichen Entstehungsfolge der Werke stehe, und\noft ist es geradezu unmöglich, dass diese Untersuchung zu\neinem sicheren Resultate führe. Man denke nur an Hum-\nmers, Beethoven's und Mendelssohn's Werke; da erschei-\nnen die ersten oder wenigstens die früheren oft als die\nletzten! Denn sobald ein Componist einen Namen erlangt\nhat, so werden die Erzeugnisse seiner früheren und frühe-\nsten Periode, die noch im Pulte liegen, hervorgesucht und\nmit Opus-Zahlen in die Welt geschickt, welche geradezu\neine Täuschung sind. Vollends bei Herausgabe von nach-\ngelassenen Werken erreicht diese Täuschung ihren Höhe-\npunkt. Sehr rühmlich ist daher das Verfahren der Verlags-\nhandlung, welches sie bei der vorliegenden Sammlung be-\nobachtet hat; sie bezeichnet zwar jede Lieferung mit einer\nOpus-Zahl (Op. 66 73), allein sie bemerkt dabei: „\n66 etc. indique I'ordre clironologiqu\nde l'Editeur\", und fügt den Musikstücken die vom\nHerausgeber ermittelte Jahreszahl ihrer Entstehung hinzu.\nDamit ist denn endlich einmal ein Anfang zu einer ordent-\nlichen Verlagsweise gemacht*).\nDer Inhalt der acht Lieferungen ist folgender :\nDie I. Lieferung enthält ein\nAllegro agitato in Cis-moll, aus dem Jahre 1834, neun\nFolioseiten lang, ein ganz vortreffliches Stück.\nDie 11. vier Ma z u r ka' s aus den Jahren 1835, 1849,\ndem Todesjahre (G-moll, einfach, aber sehr originel), 1835\nund 1846 (man sieht, dass sie nicht chronologisch geord-\nnet sind— es scheint mehr die Folge der Tonarten berück-\nsichtigt worden zu sein; jedoch ist auch das nicht überall\nder Fall, so dass wir das eigentliche Princip der gewählten\nReihenfolge nicht zu erkennen vermögen); die 111. eben-\nfalls vier Mazurka's aus 1830, 1827 (im achtzehnten\nLebensjahre), 1830 und 1849. Die letzte Mazurka, ein\nwunderliches chromatisches Gewinde, vierzig Tacte lang,\nohne Schluss (da Capo al Segno senza fine), wird vom\nHerausgeber als der letzte musicalische Gedanke Chopin's\nbezeichnet, den er kurz vor seinem Tode aufs Papier ge-\nworfen habe, aber bereits zu schwach gewesen sei, um\nseine Production auf dem Piano zu versuchen. So hätten\nwir denn in ihr eine wirkliche derniere pensee eines gros-\n\n*) Wir wünschten sehr, dass diese Angelegenheit (die Angabe\nder Jahreszahl auf den Musicalien-Titeln) allge-\nmein besprochen würde, und zwar so lange, bis die öffentliche\nStimme den so nothwcndigen Fortschritt gebieterisch fordert.\nDer Musik-Verlag hat sich in den letzten Jahren in so vieler\nHinsicht so erfreulich vervollkommnet, dass es uns eine Eh-\nrensache der Herren Verleger zu sein scheint, nun auch\nnoch den gerügten Uebelstand zu beseitigen. Jedoch sind wir\nnicht so tief in das Geschäft eingeweiht, um zu wissen, was\nfür Gründe für die Festhaltung an dem bisherigen Systeme\nsprechen dürften, und werden desshalb der etwaigen Mitthei-\nlung derselben gern unsere Spalten öffnen. Wir sollten den-\nken, dass, wenn sich ein halbes Dutzend der bedeutendsten\nMusik-Verleger zur Befolgung des Grundsatzes der Verlags-\nBuchhändler vereinigte, die übrigen gewiss folgen würden.\nSind aber die Componisten ganz ohne Schuld? Warum ver-\nlangen sie nicht von den Verlegern den Druck der Jahres-\nzahl? Oder speculiren sie auch?"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "252", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550811-01.1.4", "texte": "sen Meisters als eine um so merkwürdigere Reliquie, als\nsie der letzte Athemzug jenes nationalen slawischen Geistes\nund jener Liebe zum Vaterlande ist, welche das eigentliche\nElement der originelsten Compositionen Chopin's sind, wie\ndies Liszt in der oben angeführten Schrift in wahren und\nschönen Schilderungen nachgewiesen hat.\nDie IV. und V. Lieferung bringen fünf Walzer aus\nden Jahren 1836, 1829, 1835, 1843, 1830.\nDie VI. Lieferung ist die stärkste und dürfte auch\nwohl, mit Ausnahme der 1., die inhaltschwerste sein. Sie\nenthält drei grosse Polonaisen, Nr. I,aus acht\nSeiten, Nr. 2, aus B-dur, acht Seiten, Nr. 3, aus F-mott,\nebenfalls acht Seiten lang. Sie sind aus den Jahren 1827\n1829, also aus dem 18. bis 20. Lebensjahre Chopin's,\nechte Jünglings- und Künstler-Gluth; von ihnen gilt noch\nfast in höherem Grade, was wir oben von der eigen-\ntümlich nationalen Farbe der Mazurka's gesagt haben.\nIn der VII. Lieferung finden wir ein Notturno in\nE-moll, eine liebliche Kleinigkeit, ebenfalls aus 1827. Die\nbeiden übrigen Nummern, ein Trauermarsch in\n(1829), und drei Ecossaisen (1830), wären vielleicht\nbesser ungedruckt geblieben.\nDie VIII. Lieferung enthält das Rondo in C-dur für\nzwei Pianoforte's, von welchem Herr Fontana in der Vor-\nrede spricht.\nJedenfalls dürfte die neuere Literatur für Pianoforte\nseit vielen Jahren nichts Interessanteres geliefert haben, als\ndiese Musikstücke von Chopin. Ueber ihren ästhetischen\nWerth werden in Bezug auf einige von denselben die Mei-\nnungen vielleicht getheilt sein; in uns aber haben die mei-\nsten ein Gefühl erregt, welches wir bei der Durchsicht\ngrosser Stösse von neuen Musicalien heutzutage nur selten\nempfinden, das Gefühl der Verehrung und Liebe zu dem\nGenius der Kunst, dessen, wenn auch nur vereinzelte, Fun-\nken in unserem Innern augenblicklich zünden, während\ndas durch Menschenwitz gemachte Fackellicht kaum äusser-\nlich wärmt.\nAuf die versprochene Ausgabe der polnischen Me-\nlodieen sind wir sehr gespannt; es ist sicher, dass Chopin\nLieder geschrieben hat, bisher aber ist kein einziges da-\nvon in Druck erschienen. Liszt berichtet darüber folgender\nMaassen: „Er blieb in einer Art von musicalischer Cor-\nrespondenz mit seinem Vaterlande; man brachte ihm neue\nLieder und Gedichte nach Paris, und mit seinen Melodieen\nversehen flogen sie nach der Heimat zurück und wurden\nschnell allgemein bekannt und beliebt, ohne dass Jemand\nden Namen des Componisten wusste. Da die Zahl dieser\nMelodieen ziemlich angewachsen war, so dachte er in der\nletzten Zeit daran, sie zu sammeln und zu veröffentlichen.\nAllein es war ihm nicht gegönnt, diesen Gedanken auszu-\nführen, und so sind seine Lieder verlorene und zerstreute\nBlumen geblieben, deren Duft nur hier und da einen Wan-\nderer umwallt, den der Zufall in die fernen Gegenden\nführt, wo sie noch wachsen. Wir haben in Polen einige\nLieder gehört, die ihm zugeschrieben werden und auch\nseiner würdig sind; allein wer kann es wagen, eine sichere\nSonderung der Erzeugnisse seiner Muse von denen des\nVolksgeistes zu unternehmen?\" Hiernach ist es kaum\nzu bezweifeln, dass seine Familie, und namentlich seine\nSchwester Louise, mit welcher er in fortwährendem Brief-\nwechsel stand, jene Lieder sorgsam aufbewahrt hat, und\ndass demnach Herr Fontana glücklicher Weise gar nicht\nin den Fall kommt, jene missliche Sonderung den echten\nManuscripten gegenüber vorzunehmen.\n\nAus London.\n\nMeyerbeer hat London wieder verlassen, nachdem\ner bei den ersten drei Vorstellungen seiner Oper „ VEtoile\ndu Nord\"alle die Huldigungen empfangen hat, welche\nvielleicht mehr seinem Namen und seinen früheren Leistun-\ngen gebühren, als dem letzten dramatischen Erzeugnisse\nseiner musicalischen Erinnerungen, einer kunstgewandten\nReflexion und einer vertrauten Bekanntschaft mit allen\nEffectmitteln auf der Bühne. Er hat durch hinzugefügte\nRecitative die Oper für die Italiäner in Coventgarden zu-\nrecht machen müssen, und es lässt sich nicht läugnen, dass\ner sich dieser Verpflichtung mit Eifer unterzogen und die\nAufgabe mit Geschick gelös't hat, so dass die Zugaben je-\ndenfalls nicht als hors d'oeuvre erscheinen. Sie haben über-\ndies eine gewisse Eigenthümlichkeit der Form, indem sie\nweniger im Parlando-Stil der komischen Oper der Italiäner\ngeschrieben sind, als vielmehr einzelne kurze melodische\nPhrasen an einander reihen. Die einzige eigentlich komische\nRolle in dem Stern des Nordens, Grizenko, der Typus eines\nrussischen Corporals (freilich russisch äla frangaise), ist\ndabei vorzugsweise vom Componisten bedacht worden, und\nLablache hat die Gelegenheit, welche er ihm dadurch zu sei-\nnen bekannten Lazzi,die er übrigens in England bis zum\nPlumpburlesken treibt, gegeben, reichlich benutzt.\nDen Czaar Peter stellte F ormes auf eine imposante\nWeise in Auffassung, Charakter, äusserer Erscheinung und\nSpiel dar; er ist wieder ganz vortrefflich bei Stimme, und\nGesang und Spiel machten besonders im zweiten Acte einen"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "253", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550811-01.1.5", "texte": "ausserordentlichen Eindruck. Ausser ihm trugen noch zwei\ndeutsche Damen, Fräul. Bauer und Frau Rudersdorff,\nwelche das Duett der beiden Marketenderinnen aufführten,\nzum Erfolge des Ganzen bei. Madame B o s i o entfaltete als\nKatharina die ganze Anmuth ihrer echten italiänischen Ge-\nsangschule. Die Ausstattung der Oper war natürlich gross-\nartig; allein der wahre Kunstfreund kann doch nur be-\ndauern, wenn die Bühne, welche der Tonkunst den\nTriumph durch die Oper bereiten soll, sich mit Trommlern\nund Pfeifern, Horn- und Trompeten-Bläsern wie ein Parade-\nplatz füllt, und statt der charakteristischen Chqre durch\nSänger Aufmärsche und Schwenkungen durch Soldaten\nausgeführt werden, nebst Pferdegetrappel und Auffahren\nvon vollständig bespannten Kanonen!\nNun, mit dem Spectakel auf der Bühne und in dem\nSaale hatte Meyerbeer alle Ursache zufrieden zu sein: ob\neben so mit der Aufführung in musicalischer Hinsicht, so-\nwohl auf den Brettern als im Orchester? Man sagt, er habe\nsich darüber lobend ausgesprochen auch rief das Publi-\ncum den Dirigenten Costa am Schlüsse ebenfalls heraus,\nwobei ich bemerken muss, dass die Londoner in dieser Sai-\nson jede Gelegenheit benutzt haben, um diesem allerdings\ntüchtigen Dirigenten eine Auszeichnung zu Theil werden\nzu lassen was er grösstentheils dem absonderlichen Auf-\ntreten Wagner's zu verdanken hat. Wenn es aber Meyer-\nbeer Ernst mit seinem Lobe gewesen ist, so möge er daraus\nlernen, dass eine Oper mit nur drei grossen Proben\nmanchmal eben so gut gehen kann, als mit vierundzwan-\nzig; denn mehr als drei sind hier nicht vom Stern des Nor-\ndens gehalten worden.\nEin sonderbares Volk übrigens, diese Engländer!\nHeute begrüssen sie die allermodernsten Gesanges-Faxen\nund den Decorations- und Kleider-Luxus mit Cheers, Hip!\nHip! Hurrah's und morgen gehen sie nach den Mu-\nsikfesten, um drei bis vier Oratorien hinter einander mit\nunzerstörbarer Ruhe anzuhören! Binnen Kurzem werden\ndiese Feste zu Birmingham (den 28. August) und zu\nHereford (den 21. August) wiederum Statt finden, und\nzwar am letzteren Orte die einhundert zweiund-\ndreissigste Versammlung der drei Musik-Vereine von\nHereford, Gloucester und Worcester zum Besten der Wit-\nwen und Waisen von Geistlichen aus den genannten drei\nSprengein. Das Fest wird vier Tage dauern, wie immer;\nHändel's Messias, Mendelssohn's Elias und die Sin-\nfonie-Cantate „LobgesangMozart's zwölfte Messe u.\ns. w. kommen zur Aufführung in den Haupt-Concerten,\nwelche, wie Ihnen bekannt ist, des Mittags Statt finden.\nAusserdem werden noch an jedem Abende gemischte\nConcerte YOU Instrumental- und Vocal-Musik gegeben, so\ndass man acht Concerte zu hören bekommt, wenn man\nes aushält.\nWer diese acht nun hinter sich hat, kann sich das\nVergnügen machen, drei Tage darauf nach Birmingham\nzu reisen, um sieben andere zu gemessen. In den vier\nMittags-Concerten hört er dann wiederum den Messias,\nwiederum den Elias, dann ein ganz neues Oratorium E1 i\nvon Costa, dann Beethoven's Christus am Oelberge, Mo-\nzart's Requiem und eine Auswahl aus Händel's Israel in\nAegypten! Zur Erholung kann er sich Abends an einigen\nKleinigkeiten, z. B. Beethoven's Pastoral-Sinfonie und Leo-\nnoren-Ouverture, Mendelssohn's .4-dMr-Sinfonie, Lorelei und\nRuy Blas, Weber's Freischütz und Beherrscher der Geister,\nMacfarren's Lenora, Stumme, Wilhelm Teil, Prophet, Hu-\ngenotten, Stern des Nordens u. s. w. ergötzen.\nIch frage meine deutschen Orchesterbrüder, welche\nihre Arme und Lungen nach einem niederrheinischen Mu-\nsikfeste kaum noch zu fühlen vermeinen, wie ihnen zu\nMuthe wird, wenn sie daran denken, dass wir bei solchen\nGelegenheiten sieben bis acht Tage (die Proben mit einbe-\ngriffen) 6 8 Stunden täglich den musicalischen Karren\nziehen. Denn, wahrhaftig! wenn einem die Musik in sol-\ncher Ueberthürmung auf den Hals gewälzt wird, da geht\naller Enthusiasmus für die Kunst zum Teufel, und nur ein\nEnglischer Magen kann nach Roastbeef und Rehbraten und\nSchinken in Champagner gekocht noch Plumpudding ver-\ntragen. Wir Deutsche aber—ujid die Orchester bestehen\nin der Regel wenigstens zur Hälfte aus Deutschen sind\njedesmal froh, wenn's vorbei ist.\n„ Warum geht Ihr denn aber hin?\" —Ei, verehrtester\nHerr Redacteur! können Sie denn mit Ihren kölner Freun-\nden vom Männergesang-Vereine aus irgend einem anderen\nLande der Welt, als aus England, in drei Wochen tausend\nPfund für Ihren herrlichen Dom holen? Also! Verstehen\nSie mich*)? Ihr ganz ergebener\nLondon, den 1. August 1855.\n*) Vollkommen! Die Red.\n\nC. A.\n\nAus Breslau.\nIch sende Ihnen hierbei die Uebersicht der öffentlichen\nAufführungen, veranstaltet von unserer Sing-Akademie.\nDieses Verzeichniss wird Ihnen den Beweis liefern, in wie\nvoller Blüthe diese Kunstanstalt, welche in ihr dreis s i g-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "254", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550811-01.1.6", "texte": "stes Lebensjahr getreten ist, unter der Leitung ihres wür-\ndigen Directors Mosevius steht. Ich füge dem Verzeich-\nnisse auch eine Notiz über die Aufführungen in dem Cir-\nkel für Kammermusik hinzu.\n1. Am 8. Juli 1854, zum Stiftungsfeste: Messe\nNr. 2in D-mollvon Cherubini, mit Orchester.\n2. Am 28. October 1854, zum Besten der durch\nUeberschwemmung Verunglückten, in der Aula Leopoldina\ngrossem Orchester: a. Ky und der\nMesse von Cherubini; b. Die erste Walpurgisnacht von F.\nMendelssohn-Bartholdy.\n3. Am 16. December 1854, zur Weihnachtsfeier,\nmit Orchester: a.Cantate zum zweiten Weihnachts-Fest-\ntage von Seb. Bach: „Und es waren Hirten in derselben\nGegend auf dem Felde\"; b.Cantate zum dritten Weih-\nnachts-Festtage von Seb. Bach: „Herrscher des Himmels\";\nc. Cantate zum Fest e Circumscissionis von Seb. Bach: „Fallt\nmit Danken, fallt mit Loben\".\n4. Am 24. Januar 1855, Trauer-Feierlichkeit Tür\nzwei verstorbene Mitglieder der Sing-Akademie: a. „Mitten\nwir im Leben sind\", Choral: „Gottes Zeit\", Cantate\nvon Seb. Bach; c. Requiem von Mozart bis (inclus.)\nmosa.\n5. Am 24. Marz 1855, in der Aula Leopoldina mit\ngrossem Orchester: a. Ouvertüre zur Medea von Cheru-\nbini; b. Phantasie für Fortepiano, Orchester und Chor von\nBeethoven; c. Faust von Radziwill. Theil I.\n6. Am 6. April 1855, Charfreitag, mit Orchester:\na. Oratio Jeremias Proplietae von Durante; b. Die sieben\nWorte des Erlösers am Kreuze von Jos. Haydn.\n7. Am 5. Mai 1855, zur Gedächtnissfeier eines ver-\nstorbenen Vorstehers der Sing-Akademfe, mit Orchester:\na. „Mitten wir im Leben sind\", achtstimmig, von Mendels-\nsohn-Bartholdy; b. Requiem von Mozart.\n8. Zur Feier des dreissigjährigen Bestehens der Sing-\nAkademie, mit Orchester: a. „Du Hirte Israels, höre\",\nCantate von Seb. Bach; b. „Wer nur den lieben Gott lässt\nwalten\", Cantate von Seb. Bach; c. Utrechter Te Deum\nvon G. F. Händel.\nAufführungen des musicalischen Ci rkels für\nKammermusik.\n1. Am 8. November 1854: a. Vierstimmige Gesänge\nvon Mendelssohn-Bartholdy: 1) Entsagung, 2) Gruss, 3)\nWartend, 4) Im Herbst, 5) Altdeutsches Minnelied; Ein-\nstimmige Lieder von Dannström, Hugo Ulrich, Molique und\nThiesen; c. Idomcneus von Mozart, Act 2 und 3 (abge-\nkürzt).\n2. Am 23.Februar 1855: a. Vierstimmige Gesänge\nvon Mendelssohn-Bartholdy: 1) Herbstlied, 2) Reiselied;\nb. Einstimmige Lieder von Beethoven, Kücken, Lindner\nund Mendelssohn; c. Terzett aus der weissen Dame von\nBoieldieu; d.„ Das Paradies und die Peri\" von Rob. Schu-\nmann. Theil I. und 11.\n\nJohann Vogt.\n\nDeutschland verdient den Namen des Landes der Musik, ' wel-\nchen ihm jetzt sogar die Franzosen geben, die bekanntlich die\nLetzten sind, fremde Vorzüge anzuerkennen, nicht nur wegen der\ngrossen Compoiiisten der Vergangenheit und Gegenwart und we-\ngen der allgemeinen Empfänglichkeit seines Volkes für das musica-\nlisch Schöne, sondern auch desshalb, weil £S seine Söhne in alle\nLänder der Erde schickt, um Sinn für die Tonkunst zu verbreiten\nund die Früchte der Musen allen denen zu bringen, die Geschmack\ndaran finden. Ferner findet man auch vorzugsweise nur in Deutsch-\nland noch viele Individuen, welche mit ein-er solchen Beharrlich-\nkeit dem angeborenen Triebe ihrer rausicalischen Natur folgen,\ndass sie alle äusseren Hindernisse besiegen, die ihnen bei der Ver-\nfolgung der Laufbahn, wozu sie die innere Neigung drängt, in den\nWeg treten.\nEin neues Beispiel zu Beidem liefert uns Herr Johann Vogt,\nwelcher, in Schlesien geboren, in Petersburg sich niedergelassen\nhat, gegenwärtig aber, nach gebrauchter Badecur in Aachen, auf\neiner Reise durch Frankreich und Deutschland begriffen ist, und\nin welchem wir einen durch Wissen und Können sehr tüchtigen\nund durch die gewählte Richtung sehr ehrenwerthen Musiker ken-\nnen gelernt haben. Herr Vogt ist bereits über 30 Jahre alt (geb.\nden 17. Januar 1823 zu Gross-Tinz bei Liegnitz) und hat eine\nstrenge Schule des Lebens durchgemacht. Sein Vater, Mühlenbe-\nsilzer in dem genannten Dorfe, hegte keinen anderen Wunsch, als\ndass seine acht Söhne sämintlich Müller werden möchten; nur bei\nJohann, dein siebenten in der langen Reihe, fand dieser Wunsch\nin dessen Anlagen und Neigungen und glücklicher Weise auch in\nder Autorität des Dorf-Gantors Widerstand. Da jedoch zum Stu-\ndium der Theologie die Mittel nicht ausreichten, so wurde das\nLehrfach gewählt, und Johann besuchte das Lehrer-Seminarium zu\nBunzlau. Es folgten darauf mehrere Jahre amtlicher Thätigkeit,\njedoch ohne feste Anstellung, welcher bei verschiedenen Anträgen\ndie Jugend des Bewerbers entgegen stand.\nDa entsehloss sich Vogt, auf eigene Hand nach Berlin zu gehen,\nder Lehrer-Laufbahn, die eben keine glänzenden Aussichten bot,\nzu entsagen und sich der Musik zu widmen, zu der ihn eine un-\nwiderstehliche Neigung seit seinen Kinderjahren gezogen hatte. Die\nersten Eindrücke hatte er durch die Kirchengesänge in seiner Hei-\nmat und durch böhmische Musikbanden, welche damals besonders\nhäufig in Schlesien umherzogen, empfangen, und seit seinem zehn-\nten Jahre Unterricht auf dem Ciavier, der Orgel und Violine er-\nhalten, so gut oder schlecht, wie ihn die Verhältnisse gestatteten.\nIn Berlin musste er sich freilich schmal behelfen und sich auf\nallerlei Weise durchschlagen; denn daheim war man mit dem ge-\nfassten Entschlüsse sehr unzufrieden, und statt der Unterstützung\ngab es Vorwürfe. Indess arbeitete er vom Jahre 1845 an rüstig\nund unverdrossen fort. Seine Lehrer im ' Orgelspiel und in der\nComposition waren Bach, der Director des königlichen Musik-In-\nstituts, Grell, später auch A. B. Marx, im Glavierspiel Ki-\nlitschgy. Das Jahr 1848 vertrieb ihn von Berlin; er lebte bei\nverschiedenen Verwandten in Schlesien, wurde aber, da er land-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "255", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550811-01.1.7", "texte": "wehrpflichtig war, häufig einberufen und musste auf ganz andere\nWeise exerciren, als auf der Orgel und dem Pianoforte. Doch\nhatte diese Rückkehr nach Schlesien auch ihr Gutes. Er lernte bei\nGelegenheit der Einweihung einer neuen Orgel in seinem Geburts-\norte Hesse und Seydel aus Breslau kennen, und diese veran-\nlassten ihn, als sie ihn auf der Orgel gehört, sich in Breslau nie-\nderzulassen.\nEr folgte ihrem Rathe und hielt sich darauf einige Jahre in\nder Hauptstadt von Schlesien auf. Hier machte er die Bekannt-\nschaft von Ad. Henseit, der ihn veranlasste, nach Russland zu\nkommen. Nach langen Mühen erhielt Vogt endlich im Jahre 1852\neinen Pass nach dem Auslande und wählte nun Petersburg zu\nseinem Aufenthalte, wo er seitdem sich eine geachtete Stellung als\nComponist und Lehrer im Generalbass, im Orgel- und Ciavierspiel,\nauch an kaiserlichen Instituten, erworben hat, und wohin er im\nHerbste zurückkehren wird.\nHerr Vogt ist im Componiren, wie man in Deutschland zu sa-\ngen pflegt, rasend fleissig gewesen; wir haben von ihm ein Ora-\ntorium, Sinfonieen, Ouvertüren, Quintette und Quartette für Streich-\nInstrumente, Sonaten, Etüden, Fugen u. s. w. für Ciavier oder Or-\ngel u. s. wr. gesehen, und was wir davon gehört oder genauer ein-\ngesehen haben, hat uns mit grosser Achtung vor dem Talente und\ndem gründlichen Streben desselben erfüllt. Namentlich sind die\nFugen des Herrn Vogt ganz vortrefflich und bekunden eine con-\ntrapunktische Sicherheit und Gewandtheit, wie man sie heutzutage\nnur selten findet. Indess sind die im freien Stil geschriebenen Sa-\nchen nichts weniger als steif und schulmässig, wie z. B. das Vio-\nlin-Quartett in F-dur, welches sogar etwas mehr polyphon gearbei-\ntet sein könnte, beweis't; dasselbe wurde in der musicalischen Ge-\nsellschaft hier in Köln mit allgemeinem Beifalle aufgeführt und\ngab namentlich Herrn Pixis Gelegenheit, durch den schönen\nVortrag der ersten Violinstimme zu glänzen. Eine andere Schö-\npfung derselben Gattung ist ein Quintett in C-moll, welches eine\nsehr anerkennungswerthe Erfindungsgabe (in beiden Werken sind\nbesonders die Scherzo's ganz originei) zeigt und melodischen Fluss\nmit gründlicher Arbeit verbindet.\nEs verdient desshalb die Thätigkeit des Herrn Vogt als Compo-\nnisten in weiteren Kreisen, als bisher, bekannt zu werden. Bis jetzt\nist noch .wenig von den erwähnten Sachen gedruckt, was nur zu\nbedauern ist; sobald einige von den genannten Werken erscheinen,\nwird ihnen die allgemeine Anerkennung von Seiten der Verehrer\nder soliden Schule nicht fehlen.\n\nL. B.\n\nAufführung der Passions-Musik von Joh.\nSeb. Bach zu Lüneburg.\n\nAm 10. Mai brachte der hiesige Musik-Verein in der St. Jo-\nhannis-Kirche die P assious-Musik von Joh. Seb.Bach nach\ndem Evangelium des Matthäus unter der Leitung des Herrn L.\nAnger zur Aufführung.\nEs war nicht anders zu erwarten, als dass ein in seinen Aus-\ndrucksformen unserem Zeitgeschmacke so fern liegendes und dazu\nin seiner Ausführung so schwieriges Werk zuerst lau oder gar mit\nAbneigung aufgenommen wurde; und nur dem Eifer des Herrn\nDirigenten, so wie der Beharrlichkeit derer, weiche von Anfang an\ntreu ausgehalten haben, ist es zu danken, dass nicht das Werk\nwiederum von dem Repertoire entfernt worden und somit Viele\num ein musicalisches Erlebniss ärmer geblieben sind. Doch das\nsollte nicht also geschehen. Das grossartige Werk hat auch bei uns,\nwie aller Orten, mit dem zunehmenden Verständnisse immer mehr\nFeld gewonnen und selbst den entschiedenen Gegpern Anerken-\nnung und Bewunderung abgenöthigt.\nFragt man nun bei dem vielen Schönen, woran dieses W'erk\nso reich ist, was denn eigentlich das Schönste sei, so weiss man\nnicht, ob man die Tiefe des Gefühls und die Wahrheit in den Re-\ncitativen des Evangelisten und des Heilandes, oder die überwälti-\ngende Kraft und das dramatische Leben in den Chören, oder die\nwunderbar ergreifende Modulation und Stimmführung in den Cho-\nrälen mehr bewundern soll. Selbst die lyrischen Theiie der Soli,\ntrotz ihrer instrumentalen Bescheidung, sprachen sehr an. Eine\nVorahnung dessen, was man von dem Werke zu erwarten hatte,\nerweckte gleich der Eingangs-Chor: „Kommt, ihr Töchter, helft\nmir klagen\", in seiner breiten Entfaltung und kunstvollen Ver-\nschlingung mit den grossartigen Orgeipunkten; von imposanter\nWirkung war der Chor: „Sind Blitze, sind Donner\"; die Glanz-\nnummer aber des Ganzen war unstreitig der Schluss-Chor des er-\nsten Theiles: „0 Mensch, bewein' dein' Sünde gross\", in welchem\num den Cantus firmus des Soprans die anderen drei Stimmen ein\nüberaus edles Motiv mit gewaltigen Einschnitten ausführen mit\neiner wahrhaft grandiosen Führung des Grundbasses. Von mächti-\nger Wirkung war auch das fanatische Durcheinanderschreien des\n„Lass ihn kreuzigen\", so wie das höhnende „Andern hat er gehol-\nfen\"; ganz besonders aber die instrumentale Malerei zu dem Reci-\ntaiiv des Evangelisten: „Und siehe da, der Vorhang im Tempei\nzerriss io zwei Stück von oben bis unten.\" Von den eingeflochte-\nnen Chorälen, welche gleichsam der Passions-Stimmung der Ge-\nmeinde während der Darstellung der heiligen Handlung Ausdruck\ngeben, brachte ein jeder an seiner Stelle die durch ihn beabsich-\ntigte Wirkung hervor. Einen besonders tiefen Eindruck machte\nauch die Frage der Jünger: „Herr, 4jin ich's?\" gleichsam als\nSchuldbekenntniss der wundersam harmonisirte Choral: „Ich bin?s,\nich sollte büssen\"; so sprach in dem auf die Worte des Heilandes:\n„so geschehe Dein Wille\", folgenden Chorale: „Was mein Gott will,\ngescheh' allzeit\", die von H-moll ausgehende und in D-dur schlies-\nsende erste Strophe mit dem hohen Fis des Tenors das freudige\nGottvertrauen auf eine erhebende Weise aus; so lässt in dem auf\nPetrus' Reue folgenden Chorale : „Bin ich gleich von Dir gewichen\",\nnach der düsteren Färbung der fünften Strophe zu den Worten:\n„Ich verläugne nicht die Schuld\", die sechste Strophe in der von\nH-moll ausgehenden und endlich in D-dur sich aufhellenden Modu-\nlation zu den WTorten: „aber Deine Gnad' und Huld\", gleichsam\neinen Gnadenblick in die reuige Seele fallen. Von besonders tiefer\nWirkung ist der an das Verscheiden des Heilandes sich anschlies-\nsende Choral: „Wenn ich einmal soll scheiden\", der in seiner tie-\nfen Lage und grösstenteils chromatischen Stimmführung ergreifend\ndie Todesbangigkeit der geängsteten Seele ausdrückt, bis in der\nsiebenten Strophe zu den Worten: „so reiss' mich aus den Aeng-\nsten\", die sich lichtende Harmonie die Hoffnung auf das erlösende\nVerdienst des Heilandes gleichsam als einen Sonnenstrahl durch-\nscheinen lässt. Eine wunderbar beseligende Ruhe ist über den\nSchluss des Ganzen ausgegossen, wo der Bass mit den Worten:\n„Nun ist der Herr zur Ruh' gebracht\", die von den anderen drei\nStimmen nach einander aufgenommenen und von kleinen Chor-\nsätzen durchflochtenen kurzen Recitative einführt, woran sich dann\nin breitester Haltung der von beiden Chören ausgeführte Schluss-\nchor: „Wir setzen uns mit Thränen nieder\", anschliesst. Die über-\naus weichen und rührenden Motive finden in einer edlen und wür-\ndevollen Aufführung einen kräftigen Halt, um welchen sich die\nklagenden Figuren der Singstimmen gleichsam schmiegen. Es war\nsehr zu bedauern, dass diese Nummer mit dem ersten Satze ge-\nschlossen wurde; man fühlte es, dass bei dem zweiten Einsätze des\nMotivs eine breitere Ausführung angedeutet wurde, worauf der\nAbschiuss zu rasch erfolgte; und überdies ging damit zugleich eine"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "256", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550811-01.1.8", "texte": "wundersam beruhigende Figur verloren, welche der zweite Chor\ndreimal, zuerst in tiefer Lage, dann bei jedem neuen Einsätze um\neine Quart höher auf die Worte „ruhet sanft44 zwischen den Ge-\nsang des ersten Chors einwebt. Im Uebrigen waren die Kürzungen\ndes überaus umfangreichen Werkes mit vielem Tacte vorgenom-\nmen. Zur Correctheit der Aufführung hat der Umstand wesentlich\nbeigetragen, dass dabei die Benutzung der durch königliche Huld\nunserem Johanneum geschenkten Partitur zu Gebote stand.\nFragen wir nun zum Beschlüsse noch nach den Gründen, welche\ndiesem Werke nach beinahe anderthalb Jahrhundert eine so mäch-\ntige Wirkung sichern, so glauben wir nicht zu irren, wenn wir\ndiese einestheils in der Grossartigkeit der Motive und des ganzen\nStils, anderenteils in der Wahrheit der Charakteristik finden,\nwozu freilich noch ein Etwas kommt, was der Mensch von dem\nSeinigen nicht hinzuthun kann.\n\nJ.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nHerr Musik-Director Wieprecht in Berlin, rühmlichst be-\nkannt durch seine ausserordentlichen Verdienste um die Verbesse-\nrung der Militär-Musik, ist der einzige Dirigent in Deutschland,\nwelcher durch Vereinigung der zahlreichen Kräfte, die ihm in den\nRegiments-Musikcorps zur Verfügung stehen, Monster-Concerte zu\nStande bringt. So hat er z. B. Ende Juni in Breslau ein solches\nzum Besten der Ueberschwemmten im Weichsel- und Oder-Gebiete\ngegeben, wobei 2500 Thaler eingingen und an 15,000 Zuhörer ge-\ngenwärtig waren. Am 31. Juli veranstaltete er ein ähnliches in\nBerlin zu demselben Zwecke. An 200 Bläser wirken bei solchen\nGelegenheiten zusammen; von Saiten-Instrumenten nimmt Wie-\nprecht bloss Contrabässe hinzu, und dieses auch dann, wenn er\nMusik nur mit Metall-Instrumenten ausführt. Seine Arrangements\nfür diese Massen sind vortrefflich; das Schönste der Art mochte\nwohl die Einrichtung des Beethoven'sehen Trauermarsches aus\nder As-dur-Sonate für Blechmusik sein, mit welchem er einst bei\nder feierlichen Beisetzung der Leiche Mendelssohns den Sarg bei\nder Ankunft des Zuges am Halle'schen Thore in Empfang nahm.\nEin so reines und so wundervoll klingendes Piano und von 70\nbis 80 Instrumenten zugleich hatte man noch nie gehört.\nMan erzählt sich von ihm, dass er bei der Aufführung von\nBerlioz' Te Beum im Opernhause zu Berlin (mit 16 Posaunen, 8\nPaar Pauken u. s. w.), welche Berlioz selbst dirigirte, lächelnd zu\neinem Freunde gesagt habe: ~Der meint, er könne Lärm machen?\nNa, warte man!'4 Kurz darauf lud er Berlioz zu einem von seinen\nCöncerten ein. Ein Orchester von etwa 200 Militär-Musikern war\nversammelt, im Hintergründe desselben bildete ein Halbkreis von\ndreissig Trommlern den Schluss. Wieprecht dirigirte mit einer\ntannenen Latte von ziemlichem Maasse, welche er wie ein Thor\noder Wodan spielend hin und her schwang. Der Triumphsatz in\nC-dur aus der von Beethoven begann, und als beim\ndritten Accord: Tra, Tra, Trrrra! die dreissig Trommler drein\nschlugen und sich dies bei den Sforzando's im fünften und sechs-\nten Tacte wiederholte, da fühlte sich Berlioz überwunden, und von\nBegeisterung für eine Massenwirkung, die er selbst in seinen kühn-\nsten Träumen kaum geahnt, ergriffen, stürzte er am Schlüsse auf\nWieprecht los und ihm an die Brust. Der aber, selber von dem\nMoment ergriffen, vergass die zerbrechliche Natur des französischen\nKünstlers, schloss ihn in seine riesigen Arme und drückte ihn der-\nmaassen an die eherne preussische Brust, dass Jenem noch lange\nnachher die Glieder weh thaten, wenn er nur daran dachte.\nHerr Adolf Gollmick von London hat in Frankfurt\na. M. einige Matineen für seine Freunde und die Elite der Künst-\nlerschaft gegeben. Man lobt die Anspruchslosigkeit, das innere Ge-\nmüthsleben und die gesunde Natur seiner Compositionen bei cor-\nrectem Satze und die solide Schule seines Spiels, die es verschmäht,\nbloss excelliren zu wollen. Besonders gab ein Quartett für Piano\nund Streich-Instrumente (G-moll) zu dieser Bemerkung Anlass.\nEbenfalls wurde von diesem jugendlichen und bescheidenen Künst-\nler im Schauspielhause eine Concert-Ouverture (E-moll) von dem\nOrchester-Personale unter Schmidt's Leitung executirt, die sich\ndurch ein frisches, glückliches Temperament und einen eleganten\nFluss auszeichnet. Herr Gollmick ist bereits wieder nach London\nzurückgekehrt.\n© e ii < § c U e T on h a 1 } e.\nDie im Lenz-Monate d. J. den verehrlichen Vereins-Mitgliedern\nzur Genehmigung vorgelegten neuen Zusätze (a—i) zu den Vereins-\nSatzungen haben durch Einstimmigkeit derjenigen Theilnehmer,\nwelche darüber abstimmten, Geltung erhalten, und die grosse Mehr-\nheit derselben hat die Vorsteher K. F. Meckel und A. Schüss-\nler wieder als solche gewählt, welche diese Wahl ehrend\ndieselbe angenommen haben.\nZugleich zeigen wir an, dass auf das erlassene Ausschreiben\neines Preises für den Männergesang „Gott, Vaterland, Liebe\" uns\n39 Compositionen desselben zugekommen sind, welche wir bereits\neinem der satzungsmässig erwählten drei Herren Preisrichter zur\nBeurtheilung zugesandt haben. Nach der Beurtheilung durch sämmt-\nliche drei werden wir das Ergebniss sogleich anzeigen, wie auch\nseiner Zeit dasjenige wegen der vorliegenden 39 Sinfonieen, wann\nuns solches zugekommen sein wird.\nMannheim, den 3. August 1855.\nDer Vorstand."}]}