{"numero_id": "bm-bmtnabi-1855-08-18-01", "volume": "bmtnabi_1855-08-18_01", "ocr_sha256": "29e424ca3e391716ef66a8103b86591beeb497cc63d90894858efc4b71236a08", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1855/08/18_01/bmtnabi_1855-08-18_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550818-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1855-08-18-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-08-18_01#c001", "volume": "bmtnabi_1855-08-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "257", "page_fin": "261", "image_debut": 1, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550818-01.2.1", "titre_corps": "Die Choräle in J. S. Bach’s Passions-Musiken.", "titre_sommaire": "Die Choräle in J. S. Bach’s Passions-Musiken.", "signature_source": "J. T. Mosewius", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "257", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550818-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3988, "texte": "Die Choräle in J. S. Bach’s Passions-Musiken.\n\nDie Passions-Musiken von Joh. Seb. Bach schliessen\neine Menge von Choral-Bearbeitungen in sich, die wir in\ndessen gesammelten Choral-Gesängen aufgenommen finden.\nIhr Verhältniss zum Gemeinde-Gesänge ist in einer Reihe\nvon Aufsätzen im sechsundvierzigsten Jahrgange der Allge-\nmeinen Musicalischen Zeitung zu Leipzig darzustellen ver-\nsucht und in einem Büchlein: „Joh. Seb. Bach in seinen\nKirchen-Cantaten und Choral-Gesängen\" (Berlin, bei Traut-\nwein, 1845), ausführlicher von mir besprochen worden.\nDie Untersuchung wünschte zu beweisen, dass die in\nRede stehenden Choral-Bearbeitungen weder\nzur Begleitung des Gemeinde-Gesanges be-\nstimmt waren, noch überhaupt dazu benutzt\nworden sind, und begründete dieses Urtheil vorzugs-\nweise durch nähere Betrachtung der in der Matthäus-Pas-\nsion enthaltenen Choral-Strophen.\nv. Winterfeld geht im dritten Theile seines evangeli-\nschen Kirchen-Gesanges in gewohnter Art und Weise tie-\nfer darauf ein und stellt einen Vergleich an zwischen Joh.\nEccard's und Seb. Bach's Choral-Auslührungen (Band 111.,\nS. 310). Er findet, dass, wenngleich Eccard auch die alten\nkirchlichen Weisen seinen Tonsätzen zum Grunde gelegt\nund sie deutlich hörbar der Oberstimme zugetheilt habe,\nauch die Gemeinde an den Gesang des diese Sätze vor-\ntragenden Chors sich mit dem ihrigen nicht habe anlehnen\nsollen, doch so viel gewiss sei, dass dieselben ohne\nAusnahme in dem Sinne des allgemeinen Kir-\nchengesanges aufgefasst waren. Wie die durch\ndiese Tonsätze verklärten Melodieen den Geist jedes ihrer\nLieder als eines Ganzen abspiegelten, keineswegs aber\nnur einzelnen Strophen oder gar Wendungen derselben\nnachgingen, so, in ganz gleichem Sinne, sollten die Ton-\nsätze des älteren Meisters auch wiederum diese deuten.\nVöllig anders stehe Bach den von ihm gesetzten Kir-\nchenweisen gegenüber. Sie sind zum grössten Theile, viel-\nleicht alle, mit besonderer Beziehung auf dasEin-\nzelnste der Liederstrophen entstanden, denen sie sich\nanschliessen, wie diese wieder in genauem Verhält-\nnisse stehen zu den Arien und Chören, die in den Kir-\nchen-Cantaten, deren Theile sie bilden, ihnen vorangehen\nund folgen. Bei specieller Betrachtung der Passions-Musik\nnach dem Evangelisten Matthäus findet sich bei v. Winter-\nfeld (B. 111., S. 373) Nachstehendes: „Der That gegen-\nüber, die wir geschehen sehen, steht freilich zuweilen, wie\nin vielen Sonntags- und Fest-Musiken jener Zeit, nur die.\nempfindsame, grüblerische Betrachtung Einzelner; neben\nihr aber noch, und eben für dieses Werk bezeich-\nnend, eine doppelte Gemeinde. Zuerst jene dem\nauf Erden wandelnden Erlöser anhangende unsichtbare, die\nihn auf seinen Leidenswegen in unmittelbarer Theilnahme\nbegleitet, bald als Zion bezeichnet, bald als die gläubigen\nSeelen, auch wohl bei getrennten Chören mit beiden Na-\nmen; eine Gemeinde, die eben hier nicht im Einzelnen,\nsondern als solche hervortritt. Sodann die aus des Heilan-\ndes Blute entsprossene Kirche, in Strophen heiliger Lie-\nder die ewige Bedeutung seines erlösenden Opfers aus-\nsprechend; beide einander gegenüberstehend, an\nhervorragender Stelle aber auch zu vereintem Ge-\nsänge einander gesellt.\"\nMeine Darstellung der Matthäus-Passion (Berlin, bei\nTrautwein, 1852) wendet sich (S. 29, Spalte 2) zu den\nin ihr aufgenommenen Chorälen, unter der Ueberschrift:\n„Die Gemeinde\", wie folgt: Der Meister hat sich ne-\nben der Exegese des Evangeliums noch eine andere, nicht\nminder schwierige Aufgabe gestellt. Er wollte in dem\nKunstwerke der Leidensgeschichte Jesu gegenüber zu-\ngleich die christliche Gemeinde darstellen, sie\nselbst den Eindruck aussprechen lassen, den sie bei der\nDarstellung des grössten Drama's der Welt empfindet,\neine ideale Gemeinde, welche der das Kunstwerk ge-\nniessenden gegenüber tritt, die in ihr angeregten Gefühle\njener vorzeichnet, sie im eigenen Herzen in jene einzustim-\nmen, an den sich entwickelnden Empfindungen vollständig\ninnerlich Theil zu nehmen auffordert. Zu desto sichererer"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "258", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550818-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5168, "texte": "Erreichung dieser Theilnahme der hörenden Gemeinde legte\ner der dargestellten den gewöhnlichen kirchlich gemeinsa-\nmen Ausdruck jener in den Mund, den Volksgesang, den\nChoral. Strophen allgemein bekannter Lieder, in allge-\nmein bekannten Melodieen, schliessen sich an geeigneten\nStellen der Erzählung aus der Gemeinde heraus an, theils\nin Betrachtung, theils im Ausdruck des durch sie angereg-\nten Gefühls. In Lied und dessen Melodie kann somit\njeder Zuhörer einstimmen. Doch wäre dies wider die Ab-\nsicht des Meisters; er will der wirklichen gegenüber auch\nseine eigene künstlerisch gestalten, und übergibt ihr\nnun in der Hauptstimme den Volksgesang, sich da-\ndurch jener wohl und verständlich bemerkbar zu machen,\n„damit ihr\", wie Eccard in der Vorrede seiner Choral-\nBearbeitungen sagt, „die christliche Gemeinde bei sich\nselbst nach ihrer Andacht singend imitiren kann\",\nbei sich selbst, innerlich, indess die fingirte Gemeinde den\nKirchengesang in künstlerischer Gestaltung vor-\nträgt.\nDiesen Ansichten entgegen stellt die Vorrede zum\nvierten Jahrgange der von der Bach-Gesellschaft herausge-\ngebenen Werke Seb. Bach's, welche dessen Matthäus-Pas-\nsion enthält, die lebendige Betheiligung der Kirchen-Ge-\nmeinde durch Mitsingen der Choräle als ganz\nselbstständiges, ihnen zuerst an gehöriges Moment\nder Passionen Bach's auf, ein Nichtvorhandensein\njener idealen, durch den Singchor vertretenen Gemeinde.\nEine Reihe schätzenswerther Aufsätze, welche Rochlitz\nzur Beurtheilung des im Jahre 1831 erschienenen Ciavier-\nAuszuges der Passion nach dem Evangelium Johannes ent-\nworfen, enthält auch den Versuch einer Geschichte der\nPassions-Musiken, namentlich in Leipzig, und eine Conjectur\nder Entstehung der Bach'schen Passionen, in welcher als\neine Vorschrift Deyling's, Superintendenten zu Leipzig, ge-\nsetzt wird, „in die biblische Erzählung der Leidensgeschichte\ndes Herrn auch wohl gewählte Verse alter, bekannter Kir-\nchenlieder einzullechten, in welche die Gemeinde\nmit einstimmen kann\". Wir dürfen diese Annahme\nals blosse Conjectur bezeichnen, weil jeder weitere Nach-\nweis jener Vorschrift fehlt. Auch macht Rochlitz, indem er\nauf die eingestreuten Choral-Verse in den Passionen ein-\ngeht, die Bemerkung, „ dass sie in Hinsicht auf Harmonie\nso melodisch künstlich durch alle Stimmen und zuweilen\nsonderbar geführt sind, und wohl über der Popularität\nauch seiner Zeit, wie vieles Andere in diesen Werken, ge-\nstanden haben mögen\". In jener Zeit aber habe die Ge-\nmeinde durchgehends nur die Melodie des Soprans all uni-\nsono gesungen, ohne alle Einmischung in die Harmonie\nselbst bei den Schlussfällen der Zeilen. „Da konnten ja die\nOrganisten bei der freien, oder die Chorsänger mit der Or-\ngel und den Instrumenten bei der vorgeschriebenen Beglei-\ntung ohne alle Störung ihre eigenen Wege neben\nder feststehenden Melodie hinwandeln\" u. s. w.\nDiese Annahme des aufmerksamen und gewandten\nKritikers wird dadurch erklärlich, dass ihm nur die Johan-\nnes-Passion unseres Meisters vorlag; ein prüfender Blick in\ndie Matthäus-Passion würde ihn eines Anderen belehrt ha-\nben, wie ein Vergleichen der damals noch ziemlich in Ver-\ngessenheit ruhenden Cantaten Bach's mit dessen Passions-\nMusiken ihn finden lassen musste, dass die in diesen, wie\nin jenen eingeschalteten Choral-Verse eben so integrirende\nTheile seiner geschaffenen Kunstwerke wären, als die von\nihm in seinen Arien, Duetten und Chören bearbeiteten Me-\nlodieen bekannter Kirchenlieder, die ihm nicht allein zur\nGrundlage seiner Tonstücke dienen musslen, sondern die\ner selbst herbeizog, mittels ihrer an analoge Texte zu er-\ninnern, als einen besonderen Schmuck, als eine das Ver-\nständniss fördernde genauere Erklärung einer einzelnen\nStelle, als eine Verstärkung ihres Eindruckes. Man be-\ntrachte in dieser Beziehung die bekannte Cantale: „Gottes\nZeit, ist die allerbeste Zeit\", in der sich zwei solcher sinnig\nherangezogenen Choral-Melodieen vorfinden. Nachdem der\nChor in den tieferen Stimmen das strenge Gesetz ausge-\nsprochen hat: „Es ist der alte Bund: Mensch, du musst\nsterben!\" und der Sopran sich ihm mit den Worten: „Ja,\nkomm, Herr Jesu, komm!\" angeschlossen hat, tönen ganz\nunerwartet die Flöten die Melodie des Liedes: „Warum\nbetrübst du dich, mein Herz?\" und später, nach Ueber-\ngehung der folgenden Choral-Zeilen durch Nachbildung der\nMelodie der vierten und fünften Zeile, an ihre tröstenden\nTextesworte: „Vertrau' du deinem Herre Gott, der alle\nDing' erschaffen hat\", erinnernd, hinein. In ähnlicher Weise\nhat Bach nach dem Solo des Alts: „In Deine Händ', o\nHerr, befehl' ich meinen Geist!\" dem Einzel-Gesange der\nBass-Stimme: „Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit\nmir im Paradiese sein\", den Choral: „In Fried'und Freud'\nich fahr' dahin\", von den tieferen weiblichen Stimmen allein\nvorgetragen, einverleibt, ihn mit den Worten: „Sanft und\nstille, wie Gott mir verheissen hat\", von dem Einzel-Ge-\nsange gelös't und, mit einer malerischen Begleitung umge-\nben, unter ihrem Ausdruck gänzlichen Ergehens zu den\nWorten: „Der Tod ist mir Schlaf worden\", zu Ende ge-\nführt WTir dürfen ähnliche Beispiele, wie sie sich in gros-\nser Menge in Bach's Cantaten vorfinden, übergehen, um die"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "259", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550818-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5265, "texte": "Behauptung zu rechtfertigen, dass eben der Choral, die Be-\narbeitung von Choral-Melodieen, in allen kirchlichen Wer-\nken Seb. Bach's als eine poetische und küntslerische We-\nsenheit der Darstellung seines religiösen Bewusstseins und\nGefühls heraustritt, und dass die einzelnen von ihm gesetz-\nten Choral-Verse, wie sie sich in seinen Cantaten und Pas-\n' sionen vorfinden, ganz speciel den Sinn, ja, oft sogar den\nAusdruck des einzelnen Wortes zur Anschauung bringen\nund so sehr integrirende Theile der Kunstwerke, in denen\nsie stehen, sind, dass sich in ihnen der kirchliche Charakter\nder Melodie ihres ursprünglichen Textes häufig nicht\nerkennen lässt, ja, dass sie nicht selten nach Maassgabe\nder ihr beigegebenen Lieder-Strophe mit ihm in Wider-\nspruch stehen, wie z. B. die unter Nr. 8 7 der älteren Aus-\ngabe Bach'scher Gesänge stehende Bearbeitung zu: „0\nHaupt voll Blut und Wunden\", und die unter Nr. 338\ndaselbst vorhandene zu: „Wer nur den lieben Gott lässt\nwalten\".\nMan könnte einwenden, die Richtigkeit dieser Anfüh-\nrungen weise noch keineswegs die Betheiligung der Ge-\nmeinde an den Choral-Gesängen der Matthäus-Passion ab;\nfehle doch ihrer ursprünglichen Dichtung jede Andeutung\neiner nun doch vorliegenden Choral-Einschaltung Seitens\ndes Verfassers. Das ist richtig; er schliesst aber auch mit\nder Gefangennehmung des Heilandes, und wie jene Choral-\nVerse, so ist auch der grosse Schluss-Choral des ersten\nTheiles nur eine weitere Ausführung der vom Dichter ge-\ngebenen Anlage, an welche sich Bach überhaupt nicht\nstreng gehalten hat. So findet sich der für ein Duett be-\nstimmte Text: „Ich wilf bei meinem Jesu wachen\", in\neiner Arie ausgeführt, die Arie: „So ist mein Jesu denn\ngefangen\", als Duett gesetzt, das Duett: „Sind Blitze, sind\nDonner\", als ein Chor, das Duett: „Sehet, Jesus hat die\nHand\", im zweiten Theile als eine Arie in der Partitur\nvor. Dagegen enthält die vierte Auflage der Gedichte Pi-\ncander's von 1748 die Texte eines ganzen Jahrganges von\nKirchen-Cantaten lür das Jahr 1729, deren jede mit einem\nChoral-Verse schliesst; es sind deren über siebenzig*). Be-\nschränken wir uns auf Bach allein, so finden wir diese Cho-\nral-Strophen mit sehr wenigen Ausnahmen in fast allen sei-\nnen Cantaten (und von den Ausnahmen ist es fraglich, ob\nihre Abschriften vollständig genommen worden sind), auch\nin den ältesten, und zwar in den ausgedehnteren nicht nur\nam Schlüsse, sondern auch zwischen ihren einzelnen Ton-\nstücken eingeschaltet.\nDiese Lieder-Strophen am Schlüsse und in der Mitle\nder Kirchen-Musiken waren also um das Jahr 1729 keine\nNeuerung. Gemeinhin werden sie von den in den Cantaten\nverwandten Instrumenten begleitet, denen sie beigegeben\nsind; grösstentheils gehen diese mit den Singstimmen im\nUnisono, nur die Grundstimme weicht öfter davon ab;\ndoch findet sich die Begleitung nicht selten auch' selbst-\nständig vor. Bei besonderen Gelegenheiten und an Festta-\ngen ist der sonst in gleicher Weise beibehaltene vierstim-\nmige Choralsatz des Gesanges durch ein Vorspiel eingelei-\ntet, durch Zwischenspiele unterbrochen und schliesst mit\neinem Nachspiele*). Dürfen wir nun wohl annehmen, die\nan das Mitsingen dieser Choral-Verse sonst gewohnte Ge-\nmeinde werde eben nur an hohen Festtagen sich dessen\nenthalten haben? oder sollte sie die Pausen während der\nZwischenspiele beobachten, nach den Pausen dem Kunst-\ngesange ohne Störung nicht nur sich anschliessen, sondern\nsogar einen im geraden Tacte gewohnten Choral ohne Wei-\nteres im ungeraden mitsingen können? Und hätte wohl der\nMeister die begleitenden Instrumental-Stimmen so sorgfäl-\ntig selbstständig ausgearbeitet, ohne alle Rücksicht darauf\nzu nehmen, dass sie bei ihrer zu seiner Zeit noch dazu sehr\nschwachen Besetzung von dem Gemeinde-Gesänge unter\nBegleitung der sie leitenden Orgel übertönt werden müss-\nten? Doch lassen wir das bei Seite und wenden wir uns\nzu den in Rede stehenden Chorälen der Matthäus-Passion.\nFragen wir auch nicht weiter nach der Vernichtung ihres\nGehaltes durch den Gemeinde-Gesang, nicht nach der\ndurch ihn herbeigeführten gänzlichen Zerstörung des in\ndiesen Bearbeitungen liegenden unvergleichlichen, künstle-\nrisch entfalteten Gelühls-Ausdruckes, wie er sich eben in\nden Mittelstimmen, namentlich in der mit grosser und tie-\nfer Kenntniss ihrer Wirkung behandelten Tenorstimme\nzeigt, sondern schauen wir allein die Gemeinde zwischen\nden Musikstücken in die Choräle mit einstimmend an und\nfragen uns ganz einfach, ob eine grosse Versammlung wohl\n\n*) In den mir zugänglich gewesenen Cantaten Bach's habe ich\nnur sechs aus diesen Texten auffinden können. Bemerkens-\nwerth ist, dass in obigem Jahrgange auch alle Advents-Sonn-\ntage, wie die in der Fastenzeit, von bis\nihre Cantaten erhalten haben, dass also an ihnen die Musik\nin den Kirchen Statt finden durfte. Oder doch nicht? Mir\nist niemals eine Cantate Bach's auf einen der letztbezeichne-\nten Sonntage in die Hand gekommen.\n*) Ludwig Erk's sorgfältige und treffliche Ausgabe der Choral-\ngesänge Bach's (Leipzig, bei Peters, 1850), auf deren gründ-\nliche Vorrede wir im Sinne unserer Anschauung zugleich\nverweisen, enthält viele Beispiele zu obigen Andeutungen.\nEinige ausführlichere findet man in meiner kleinen Schrift:\nBach's Choral-Gesänge u. s. w., Berlin, bei Trautwein (1845)."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "260", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550818-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4066, "texte": "im Stande sei, den phrygischen Choral: „Herzlich thut\nmich verlangen\", wie er in der Matthäus-Passion steht,\nzunächst eine Secunde höher (in D), dann eine kleine Terz\nhöher (in Es), dann eine grosse Terz höher (in E), sodann\num eine Quart erhöht (in F), die Oberstimme nach Roch-\nlitz all unisono, mit der Kirche angemessener Würde und\nBuhe zu singen, wenn sich die Tonbegränzung nach der\nHöhe zu von d bis zum g erhebt! Oder welche Ge-\nmeinde in der Welt würde den Choral (S. 151 der Partitur):\n„In Dich hab' ich gehoffet, Herr!\" in dem Umfange vom\neingestrichenen 6 bis zum zweigestrichenen singen können\nund wollen?— Möglich, dass Deyling die Choral-Verse in\nder Passion näher bestimmt haben mag, aber wahrschein-\nlicher ist es, dass Bach selbst, wie wir ihn heimisch in\nChoral-Texten und Melodieen kennen, in seinem Sinne und\nnach seinem eigenen Gefühle sie den passenden Stellen ein-\nverleibt hat. Aber ganz unmöglich kann der ernste und\nstrenggläubige, daher die äussere Würde und den Anstand\ndes Gottesdienstes im Auge haltende Geistliche seiner Ge-\nmeinde eine Anstrengung zugemuthet haben, welche selbst\nim Falle der Möglichkeit ihrer Ausführung, ja, im Falle\njeder hier kaum denkbaren Vermeidung einer Störung,\naugenscheinlich zum mindesten den immanenten Ausdruck\nder Gesänge paralysirt haben müsste. Man stelle sich nur\neine aus vielen Hunderten bestehende Versammlung alter\nund junger Leute beiderlei Geschlechtes vor, wie sie sich\ngemeinschaftlich abquälen, einen Gesang in einer von nur\nWenigen aus ihnen erreichbaren Tonhöhe heraus zu brin-\ngen!— Doch Scherz beiSeite! Hätte Rochlitz die Matthäus-\nPassion vor sich gehabt, so würde er auch den Ausspruch,\n„dass neben dem sich im Unisono bewegenden, feststehen-\nden Gemeinde-Gesänge der Organist, die Kunstsänger und\ndie Instrumentalisten ihre eigenen Wege gehen kön-\nnen\", sicher zurückgehalten haben. Nimmt er doch selbst\nan, die Gemeinde habe die Melodie ihrer Choräle in ge-\nwohnter, feststehender Weise, selbstverständlich also\nauch unverändert, gesungen*). Wie nun aber, wenn die\nMelodie der Begleitung von der feststehenden der Ge-\nmeinde abwiche? Wenn in dem wichtigsten und tief-\nergreifendsten Momente der Passion nach Christi Verschei-\nden am Kreuze die zweite und vierte Zeile des Chorals von\nder Gemeinde unverändert gesungen würde, wie vorher\nviermal geschehen (siehe die Partitur S. 51, Z. 7; S.\n53, Z. 8; S. 186, Z. 1, und S. 214, Z. 1):\ndie Künstsänger, Instrumentalisten und der Organist aber,\nder Vorschrift der Partitur, S. 248, gemäss, sich verneh-\nmen Hessen:\noder die Gemeinde in der zweiten Zeile des zweiten Thei-\nles den feststehenden Gesang beibehielte:\nder Kunstgesang aber die vorgeschriebene Abänderung\nhören Hesse:\nso dürfte sich doch wohl manches Glied der Gemeinde, ver-\nwundert über die eigenen Wege, die der Kirchenchor ein-\nzuschlagen lür gut befunden, nach ihm umsehen, was der\nalte Bach sicher nicht gewünscht, daher auch gewiss keine\nVeranlassung dazu gegeben haben wird.\nWenn dem nun aber so ist, so dürfte das Moment,\naus welchem (nach Rochlitz) die durch Deyling und Bach\neingeführte Betheiligung der Gemeinde an den eingefloch-\ntenen Choral-Gesängen in den Passions-Musiken nachge-\nwiesen werden könnte, in den Chorälen des Werkes selbst\nnicht aufzufinden sein, und bis auf weitere nähere Beweise\nv. Winterfeld's Anschauung, wie sie in dem dritten Theile\nseines evangelischen Kirchengesanges entwickelt ist, un-\nwiderlegte Vollgültigkeit behalten.\nAn und lür sich ist es von wenigem Belange, ob die\nGemeinde in der Bach'schen Passions-Musik die Choräle\nmit gesungen habe oder nicht. Das Werk ist schon seit\nJahren durch den Druck verbreitet, und Jedermann hat\nvollständig die Befugniss, sich sein eigenes Urtheil zu bil-\nden. Wenn jedoch unter der Aegide eines Vereins bekann-\nter Musiker und Verehrer Bach's eine neue Ausgabe seiner\nWerke erscheint, so wird jede mit ihr selbst verbreitete\nAnsicht über den Meister und dessen Werke maassgebend\nfür das Urtheil des Laien und Kunstjüngers; sie ist eine\n\n*) Siehe Leipziger Musik-Zeitung, 33. Jahrgang, S. 294."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "261", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550818-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1004, "texte": "Autorität. Wie hoch nun auch die Verdienste und die\ngrosse Sorgfalt der Redaction bei der Herausgabe des vier-\nten Bandes der Bach'schen Werke anerkannt werden müs-\nsen, so wird es doch unbeschadet ihrer jedem mit obiger\nAnsicht nicht Einverstandenen gestattet sein, dagegen zu\nprotestiren. Ich fühle mich um so mehr dazu veranlasst,\nals ich die Ansichten meines verstorbenen Gönners und\nFreundes nicht nur vollständig theile, sondern selbige in\nmeinen geringen Bemühungen um das Verständniss des\ngrossen Meisters acht Jahre früher ausgesprochen habe, be-\nvor der gewissenhafte Forscher in seinem grossen Werke\nsie tiefer und fester begründete, als ich es vermag,\nüberhaupt aber der Bach häufig gemachte, meines Erach-\ntens längst schon beseitigte Vorwurf der Unkirchlichkeit\nseiner gesammelten Choral-Bearbeitungen nicht von Neuem\nNahrung finden, noch viel weniger durch einen Verein mit\nseinen Werken vertrauter Künstler, wenn auch nur dem\nScheine nach, eine Bestätigung erhalten darf.\n\nJ. T. Mosewius."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-08-18-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-08-18_01#c006", "volume": "bmtnabi_1855-08-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "261", "page_fin": "262", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550818-01.2.2", "titre_corps": "Das zweite niederrheinische Sängerfest.", "titre_sommaire": "Das zweite niederrheinische Sängerfest.", "signature_source": "L. B", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "261", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550818-01.1.5", "debut_caractere": 1006, "fin_caractere_exclue": 4879, "texte": "Das zweite niederrheinische Sängerfest.\n\nDie niederrheinischen Sängerfeste, welche, vor drei\nJahren in ihrer jetzigen Gestalt begründet, die Liedertafeln\nund sonstigen Männergesang-Vereine aus den Städten,\nwelche von Bonn abwärts bis zur holländischen und belgi-\nschen Gränze liegen, umfassen, bilden eine Fortsetzung der\nniederrheinisch-niederländischen Feste, welche vom Jahre\n1845 an abwechselnd in Cleve und in Arnheim ge-\nfeiert wurden. Da die holländischen Sänger-Vereine im\nJahre 1852, wo das Fest in Cleve Statt fand, plötzlich\nausblieben, nan weiss nicht, aus welchem Grunde viel-\nleicht, weil sie bereits genug von den Deutschen gelernt zu\nhaben vermeinten, denn der musicalische Nationalitäts-\nRaptus zeigte sich ja sogar auch bei dem grossen Musik-\nfeste in Rotterdam im vorigen Jahre —, so gründeten die\ndort versammelten deutschen Vereine das niederrhei-\nnische Sängerfest, d. h. sie strichen das Beiwort\n„niederländisch\" aus und luden die holländischen Sänger\nnicht mehr ein. Das erste Fest in dieser neuen Gestalt\nwurde wieder in Cleve, das zweite in diesen Tagen, am\n12. und 13. August, in Crefeld gefeiert.\nVon den Bestimmungen der früheren Feste ist eine\nder wesentlichsten beibehalten worden, nämlich die, dass\nkein Gesang-Wettstreit Statt finden dürfe, d. h. kein Wett-\nstreit um Preise nach dem Urtheile eines Künstler-Gerich-\ntes; jedoch ist das Auftreten einzelner Vereine, mithin ein\nWettstreit um den Beifall des Publicums und der Kenner,\nnicht ausgeschlossen. Die Einrichtung, dass gegenwärtig\ndie Vorträge einzelner Vereine mit den Gesammt-Chören\nabwechseln, ist lobenswerth und zweifelsohne der früheren,\nwo die Einzel-Vorlräge den einen, die Gesammt—Vorträge\nden anderen Abend ausfüllten, der Abwechslung wegen\nvorzuziehen. Die diesjährigen Dirigenten waren Herr Karl\nWilhelm aus Crefeld und Herr W. A. Knappe aus\nDüsseldorf.\nEs waren im Ganzen zwanzig Sänger-Vereine bei dem\nFeste vertreten, und zwar Crefeld mit einem Stamme\nvon 209 Sängern in fünf Vereinen (Liedertafel—Dirigent\nK.Wilhelm—mit 70, Männergesang-Verein mit 40, Sän-\ngerbund mit 40, Liederhalle mit 37,Concordia mit 25\nMitgliedern), ferner Aachen (Concordia), Barmen, Cal-\ncar, Cleve, Düsseldorf (Männergesang-Verein—Diri-\ngent W. A. Knappe), Elberfeld (Liedertafel Dirigent\nA. Weinbrenner; Orpheus—Dirigent G. Steinhaus), Em-\nmerich, Essen, München-Gladbach,Neuss, Rees,\nRheydt, Viersen, Xanten. Das Textbuch zählt 671\nSänger auf; anwesend und mitwirkend mochten 500 und\neinige sein.\nDie Vorträge des ersten Tages begannen mit einem\nGrusse der crefelder Liedertafel an die Sänger, einer sehr\nhübschen Composition von K. Wilhelm, Chor mit ab-\nwechselndem Solo-Quartett, welche auch recht gut gesun-\ngen wurde. Es ist zu bedauern, dass Herr Wilhelm, von\ndem wir so manches schöne Lied für Männergesang be-\nsitzen, dieses Fach, zu welchem er so viel Talent hat, bei\nder Armuth an guten Componisten für dasselbe, nicht\nmehr cultivirt. Denn leider haben wir auch bei diesem\nFeste wieder die Erfahrung machen müssen, dass die Wahl\nder einzelnen Vereine lür ihre Vorträge mit wenigen Aus-\nnahmen auf triviale Compositionen gefallen war, wie man\ndies so oft erlebt. Wenn wir uns gefreut haben, zu gewah-\nren, wie der Gesang beim rheinischen Volke immer mehr\nWurzel schlägt, indem Liedertafeln nicht nur aus kleineren\nStädten, sondern auch aus denjenigen Ständen, welche sich\nsonst mit der Musik wenig befassten, im Technischen sehr\nGutes leisteten (z. B. der „Sängerbund, und der „Män-\nnergesang-Verein \" von Crefeld, beide grösstentheils aus\nArbeitnehmern bestehend und von Dilettanten geleitet, der\n„Orpheus\" von Elberfeld eben so, ferner die Vereine von\nNeuss, München-Gladbach, Viersen), so mussten wir um so\nmehr bedauern, dass die Herren Dirigenten die vielen schö-\nnen Gesänge von Weber, Kreutzer, Schneider, Methfessel,\nSpohr, Mendelssohn, Hiller u. s. w. um des meist jämmer-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "262", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550818-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4737, "texte": "liehen Zeugs ephemerer Notenschreiber willen vernachlässi-\ngen. Wir wiederholen, dass Neuss, Gladbach, Elberfeld\n(Orpheus) und besonders Düsseldorf sehr gut sangen, dass\nalle Einzel-Vorträge das Prädicat gut mit vollem Rechte\nverdienten; aber können solche Gedichte und Gesänge, wie\ndie gewählten, das Volk erheben? können sie den Funken\nder Kunstliebe zur Flamme anblasen? Liegt denn nicht\neine grosse Kluft zwischen den Liedern bei W ein und Bier\nund zwischen den Gesängen an öffentlichen Musikfesten?\nWo blieben die kräftigen Vaterlands- und Freiheits-Lieder\nund so mancher schöne Gesang, der Herz und Gemüth zu\nGott und der Natur empor trägt? Wo blieb endlich das\nedle und den tiefsten Eindruck nie verfehlende deutsche\nVolkslied? Wenn nun vollends neben manchem Trivialen\nSachen zum Vortrage kamen, wie „Pepita\" (durch den\nO. von E.) und „Hahnemann, geh' du voran\" (durch die\nL. von V.), so können wir das nur als einen hässlichen\nFlecken auf dem sonst so schönen Gemälde, welches das\nFest im Ganzen darbot, bezeichnen und müssen sehr darauf\ndringen, dass das alte Gesetz, nach welchem jeder Verein\nden Text seiner Gesänge dem Comite einsenden musste,\nstreng aufrecht gehalten werde.\n„Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben\nBewahret sie 1\"\nEine gute Wahl hatten, wenigstens zum Theil, die Vereine\nvon Düsseldorf und Gladbach getroffen, jene mit zwei Lie-\ndern von Niels Gade, von denen besonders die „Gondel-\nfahrt\" sehr ansprach, diese mit einer recht hübschen Com-\nposition von W. A. Knappe.\nJetzt aber noch eine Bemerkung an die Herren Diri-\ngenten der meisten einzelnen Vereine. Sie heisst: Ist die\nArt und Weise des Vortrags, welche nur auf Contraste\nberechnet ist, die richtige? Keineswegs; das dicht neben\ndas Fortissimogestellte Pianissund deren Wechsel\nohne vermittelnde Schattirung wird sehr oft zur Caricatur,\nzumal wenn das Pianissimo in Bezug auf den Text gera-\ndezu Unsinn ist, wie z. B. einmal auch in dem Gesammt-\nGesange „Schlachtlied\" von Kreutzer (dirigirt von Herrn\nKappe) auf die Worte: „Das ist unser Schlachtgesang\"!!\noder wenn in dem „Gruss an Deutschland\" (Gladbach)\nein Bursch fortissimo auszieht, plötzlich aber die Maid ihn\npianissimo kos't und eben so urplötzlich ihn an-\nschreit: „Bring' uns, Gesell, dein schönstes Lied!\"— Das\nStreben nach Virtuosität des Vortrages ist für den Män-\nnergesang überhaupt ein gefährliches, wird aber geradezu\nverderblich, wenn es auf falscher Auffassung und aufEffect-\nhascherei beruht.\nWenden wir uns zu den Gesaramt-Vorträgen und zu\ndem Charakter des Festes überhaupt, so haben wir da nur\nErfreuliches und Ri'ihmenswerlhes zu berichten, sowohl in\nkünstlerischer als in geselliger Beziehung. Die Motetten\nvon B. Klein: „Wie lieblich ist Deine Wohnung, o Herr\"\nund „Herrlich ist Gott\", Mendelssohn's Doppelchor\naus „Oedipus in Kolonos\", „An die Künstler\" und „Ab-\nschiedstafel\", Hauptmanns „Ehre sei Gott in der\nHöhe\" waren würdig gewählt; ihnen schlössen sich Zöll-\nner's Gebet der Erde (das bei manchen Schönheiten einen\ngar zu gedehnten, ins Triviale fallenden Schluss hat),\nKreutzer's Schlachtgesang (eine seiner schwächeren\nCompositionen, hier noch dazu durch eine gewiss nicht von\nihm selbst herrührende Instrumentirung mehr entstellt als\ngehoben), Kücken's „Normannssang\" und Panny's\n„Rhein\" an.\nAlle diese Sachen wurden von dem vollen Chor der\n500 Sänger präcis und gut ausgeführt bis auf einige Klei-\nnigkeiten, z.B. ein augenblickliches Schwanken im Gesänge\n„An die Künstler\" und die Ungenauigkeit des Wechsels\nzwischen cesund cin Kücken's Normannssang u. s. w.\nEinige Stücke, z. B. „Wie lieblich\", und vor Allem der\nDoppelchor aus Oedipus gingen vortrefflich und machten\neinen grossen Eindruck.\nDie Ouvertüren zur Zauberflöte und zu Egmont wur-\nden Yon der vereinigten Viereck'schen Capelle aus Crefeld\nund der Capelle des 33. Infanterie-Regiments aus Köln\n(Director Laudenbach), durch Dilettanten verstärkt,\nganz gut ausgeführt.\nAlles, was Anordnung, Festlichkeit und Geselligkeit\nbetrifft, war im höchsten Grade rühmenswerth, und die\nGastfreundschaft der Crefelder hat sich glänzend gezeigt\nund verdient den vollsten Dank aller Festgenossen. Die\nTheilnahme von Seiten des Publicums war ausserordentlich\ngross; in den Pausen wogte es in den geschmackvoll be-\nleuchteten Gartenwegen in gedrängten Zügen auf und ab;\ndenn ausser den 5—600 Sängern waren die 1638 nu-\nmerirten Plätze in der Tonhalle an beiden Tagen vollständig\nbesetzt, und wenn man dazu die im Saale Stehenden und\ndie draussen Zuhörenden zusammenfasst, so waren sicher\njeden Abend an 3000 Menschen in den Festräumen ver-\nsammelt.\nDer Nachfeier am Dinstag den 14, bei welcher ein\ndrittes Concert von Instrumental- und Vocal-Musikstücken\nStatt fand, waren wir verhindert beizuwohnen.\n\nL. B."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-08-18-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-08-18_01#c007", "volume": "bmtnabi_1855-08-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "263", "page_fin": "263", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550818-01.2.3", "titre_corps": "Max Bruch.", "titre_sommaire": "Max Bruch.", "signature_source": "L. B", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "263", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550818-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5107, "texte": "Max Bruch.\nL. B.\nEs ist in diesen Blättern schon einige Male von dem\nStipendiaten der Mozart-Stiftung in Frankfurt am Main,\nMax Bruch, die Bede gewesen, welcher das Glück hat, hier\nan seinem Geburtorte unter der trefflichen Leitung von\nFerdinand II iiier, der eben so fern von pedantischer\nSteifheit als von Vorliebe für die Zukunfts-Phantasmogf)-\nrieen ist, seine Studien fortzusetzen; allein noch niemals\nhat die Kritik eine so unabweisbare Verpflichtung gegen\ndieses hervorragende jugendliche Talent zu erlüllen gehabt,\nals jetzt, wo uns eine der neuesten Schöpfungen desselben,\nein Trio für Pianoforte, Violine und Violoncell,\nin der letzten Versammlung der musicalischen Gesellschaft\ndurch ihn selbst und die Herren Pixis und Breuer in\nvortrefflicher Ausführung zu Gehör gebracht worden ist,\nwelches wir für das beste Werk des jungen Componisten\nunter allen, die er bisher geschrieben hat, halten und darin\neinen Werth erkennen, der nicht etwa im Verhältnisse zu\nder Jugend des Verfassers zu beurtheilen, sondern in abso-\nluter Würdigung eines musicalischen Kunstwerkes sehr\nhoch zu schätzen ist.\nWenn wir sagen: „ unter allen seinen bisherigen Wer-\nken\", so dürfte das bei einem siebenzehnjährigen\nJünglinge denen, welche ihn und seine Leistungen nicht\nkennen, vielleicht unangemessen klingen. Max Bruch ver-\nbindet aber, wie das bei wirklichen musicalischen Genie's\nstets der Fall ist, mit der wunderbaren natürlichen Bega-\nbung eine so ungeheure Thätigkeit, dass man nicht weiss,\nob man mehr über seine Productivität oder über seinen\nFleiss erstaunen soll. Er hat bereits weit über hundert\nWerke geschrieben, darunter Ouvertüren, Sinfonieen, meh-\nrere Violin-Quartette, Sonaten u. s. w. für Ciavier allein\noder mit Begleitung, Motetten, Psalmen, Hymnen, Canlaten,\nGesänge zu einer komischen Oper u. s. w., welche meist\nin Privatkreisen, mehrere aber auch öffentlich aufgeführt\nworden sind. Der bei Weitem grösste Theil dieser Sachen\nsticht gegen die Erzeugnisse einer gewöhnlichen Uebungs-\nund Versuchs-Periode gar sehr ab und verräth nicht nur\nin Einzelheiten, sondern sehr häufig auch schon in ganzen\nMusikstücken eine von jenen musicalischen Ausnahme-Na-\nturen, welche das Meiste, was sie brauchen, als Himmels-\ngabe mitgebracht haben, so dass Lehre und Anleitung nur\nüber die Art der Entwicklung des Talentes wie eine zweite\nVorsehung zu wachen haben, zu dem Weesen desselben\naber wenig hinzufügen können.\nSo offenbart denn der junge Componist auch namentlich in\ndiesem letzten Clavier-Trio eine reiche Phantasie und dabei\neine so bewundernswerthe Herrschaft über alles, was ihrem\nStrome ein Bett gräbt und Schranken setzt, damit er nicht\nüberbrause und in der flachen Breite versiege, dass man\nvor der Kraft eines jugendlichen Geistes, der so kühn und\ndoch so sicher mit den schwierigsten Formen der musicali-\nschen Durchführung spielt, in derThat bange werden kann,\nwie ein Fussgänger im Thale, der auf der Steinstrasse am\nBergabhange einen Wagen von schäumenden Bossen gezo-\ngen daher rollen sieht. Allein diese Bangigkeit verschwindet,\nwenn man gewahrt, wie Max Bruch diese ganz ausserge-\nwöhnliche Gewandtheit keineswegs dazu missbraucht, fraz-\nzenhafte Gebilde aus Sucht nach Unerhörtem in die Kähmen\nzu zwängen. Nein, bisher haben ihn sein Genius und die\nleitende Hand des erfahrenen Meisters und die Umgebun-\ngen, in denen sein Talent herangereift ist, vor dem Irrsal\nbewahrt, im Grellen das Schöne, im Absonderlichen und\nUngeheuerlichen das Charakteristische und das Neue zu\nsuchen; und wir können mit Sicherheit voraussehen, dass\nauf der von ihm bereits erreichten Stufe zum Tempel des\nwahren musicalisch Schönen jene Gefahr für ihn vorüber ist.\nDies beweis't denn vor Allem auch sein letztes Werk;\ndas grosse Trio in Es-dur,welches uns unmittelbare Ver-\nanlassung zu diesen Zeilen gibt; es beweis't es trotz des\noder vielmehr durch das besonders im ersten AHegro sprü-\nhende Feuer, das hier und da fast vulcanisch ausbricht,\naber doch nie einem verheerenden Lavastrome die Schran-\nken öffnet. Das Ganze ist ein wirkliches Trio, d. h. ein\npolyphones Tongewebe von drei Solo-Instrumenten, von\ndenen das Pianoforte natürlich nach seinem mehrstimmigen\nCharakter behandelt ist, ohne indess in den orchestralen\noder symphonistischen Stil zu verfallen. Das Andante ist\nein vollendet schönes Stück; der dritte Satz, ohne beson-\ndere Bezeichnung (bewegtes Tempo in 3/V-Tact), ein Zwi-\nschenspiel zwischen dem Andante und dem Finale, ist von\ngrossem Beiz und hoher Originalität, indem es weder den\nCharakter der Beethoven'schen Scherzo's, noch der Men-\ndelssohn'schen Humoresken hat. Ueberhaupt zeigt das ganze\nTrio, trotzdem dass es den Stempel der neueren Zeit trägt,\neine unverkennbare Eigentümlichkeit und durchaus nichts\nGemachtes, und nichts, was an eine bestimmte Manier,\netwa Mendelssohn's oder Schumann's U.A., erinnerte. Und\ndas ist es denn gerade, worauf wir die Ueberzeugung\nstützen, dass sich für Max Bruch eine grosse Laufbahn öff-\nnet, dass er die Mission, die ihm im Beiche der Tonkunst\nvom Himmel übertragen ist, mit voller Liebe und Treue\nund mit schönem Erfolg erfüllen wird."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-08-18-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-08-18_01#c008", "volume": "bmtnabi_1855-08-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "264", "page_fin": "264", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550818-01.2.4", "titre_corps": "Bängertag in Coburg.", "titre_sommaire": "Bängertag in Coburg.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "264", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550818-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4885, "texte": "Bängertag in Coburg.\nCoburg, den 10. August 1855.\nDer vom coburger „Sän gerkranz\" am 29. und 30. Juli da-\nhier abgehaltene, von 28 Sänger-Vereinen mit circa 900 Sängern\nbesuchte zweite „Sängertag\" hat eine in jeder Hinsicht so leb-\nhafte Sensation hervorgerufen und bot in musicalischer Beziehung\nso vieles Ausgezeichnete dar, dass eine nähere Besprechung dieses\nschönen Festes wohl auch Ihren Lesern nicht unwillkommen sein\ndürfte.\nDas herzogliche Reithaus hatte man zur blumen- und fahnen-\ngeschmückten Sängerhalle umgeschaffen, im Hoftheater war ein\nglänzender Festball veranstaltet, und auf unserer altehrwürdigen\nYeste Coburg, von welcher man die reizendste Fernsicht geniesst\nund die in ihren inneren, neu hergestellten Räumlichkeiten zu\neinem derartigen Feste so ganz geeignet erscheint, fanden die un-\nten genannten Gesammt-Productionen der versammelten Sänger\nStatt. Dass bei allen diesen Festlichkeiten Se. Hoheit der Herzog\nvon Coburg in Person anwesend war, dass selbst eine Composition\ndieses kunstgebildeten Fürsten aufgeführt wurde, dass die einzelnen\nSänger-Yereine ihm so manchen herrlichen Chor vorzutragen Ge-\nlegenheit fanden, so wie die hohe Anerkennung, welche diesen\nOvationen zu Theil wurde alles dies trug nicht wenig zur He-\nbung des Ganzen und zur allgemeinen freudigen Begeisterung bei.\nUnter den Einzel-Vorträgen auf der Veste und später in der Sän-\ngerhalle zeichneten sich die Vereine von Hildburghausen, Würz-\nburg, Nürnberg, Erlangen, Gotha und Meiningen ganz besonders\naus. Anwesend waren die Directoren und Componisten Zöllner,\nGrabe, Brand, V. Becker, Wandersieb, Remmel, Kiesner und An-\ndere. Von hiesigen Vorständen hatten Stadt-Cantor Böhm und\nConcertmeister Späth, welcher letztere vor Jahren schon sich\num die Belebung grossartiger Sängerfeste in der französischen\nSchweiz einen verdienten Namen gemacht, die Leitung einiger Ge-\nsänge übernommen. Die Gesammt-Vorträge bestanden in 1. Cho-\nral aus der Can täte „Aller Seelen\" von E. H. z. S., nach\nwelchem dein hohen Componisten ein begeistertes Hoch von sämmt-\njichen Sängern ausgebracht wurde; 2) Fest-Motette von A.\nSpäth ein tüchtiges Werk, eigens für dieses Fest componirt\nund vom Componisten dirigirt; 3) Chor („0 Isis\") aus Mo zart's\nZauberflöte mit unterlegtem anderem Texte (0 Eintracht etc.)\nMozart's Zauberklänge, hier neunhundertstimmig ertönend, übten\neine hinreissende Gewalt auf die versammelte Menge ; 4) Schot-\ntischer Barden-Chor von Silcher; ö) Der frohe Wan-\ndersmann von Mendelssohn; 6) Liedesfreiheit von\nMarschner. Diese bekannten und mit Recht beliebten Compo-\nsitionen wurden vorzüglich ausgeführt. Den Sehluss der Gesammt-\nVorträge bildete 7) der schöne Hymnus von J. Otto. Dieser\nHymnus war, wie auch die Nrn. 1, 2, 3, sehr zweckentsprechend\nmit Blech-Instrumenten begleitet. Die Solo-Partieen hatte der Sän-\ngerkranz von Würzburg, die Direction V. Becker von dort über-\nnommen. Die Ausführung war eine treffliche. Die Composition\nanbelangend, so ist dieser Hymnus unstreitig eines der gelungen-\nsten Werke für Männergesang, welche aus der fruchtbaren Feder\nJ. Otto's geflossen. Er bekundet eine ausserordentliche Gewandt-\nheit in der Verwendung der vier, einen so engen Spielraum von\nkaum zwei Octaven bietenden Männerstimmen, ist massig in der\nModulation, weiss durch die abwechselnden Tact- und Ton-Arten\nSänger und Zuhörer zu fesseln und schliesst auf die würdigste\nWeise mit einem Fugensatze voll Kraft und Klarheit ab. Den\nSchluss der Gesänge auf der Veste bildete ein Lied „Vergissmein-\nnicht\", welches der coburger „Sängerkranz\" anstimmte, während\nJungfrauen der Stadt, welche, schön geschmückt, auch an dem\nfestlichen Zuge zur Veste Theil genommen hatten, die Fahnen der\nSänger-Vereine mit Kränzen und Erinnerungs-Bändern zierten. —\nAm Abende wurden die Einzelgesänge der Vereine im Beisein des\nherzoglichen Hofes in der Sängerhalle, wo bis zur Nacht die ge-\nmüthlichste Heiterkeit waltete, fortgesetzt.\nDer 30. Juli war zu Sängerfahrten nach den herzoglichen\nSchlössern Callenberg und Rosenau bestimmt- Beckers „Frisch,\nganze Compagnie\" wurde früh 6 Uhr als Sängerruf von dem Mu-\nsikcorps durch die Strassen der Stadt geblasen. Auch auf diesen\nLust-Partieen wurde manch erhebendes Lied angestimmt, dem Her-\nzoge (auf Rosenau) ein Festgesang von V. Becker gewidmet und\nzahlreiche harmonische Lebehochs Coburgs Fürsten und seinen\ngastfreundlichen Bewohnern ausgebracht. Die poetischen „Sänger-\ngrüsse\", sieben an der Zahl, welche bei diesem Feste vertheilt wur-\nden, sind grossentheils sehr sinnig und schön. Ein demnächst er-\nscheinendes Fest-Album mit Abbildungen wird sie bringen. Ein\nglänzender Ball beschloss das für Coburg und seine Sängergäste\nunvergessliche Fest, das sich durch musterhafte Anordnung, durch\ndie ungezwungenste Heiterkeit und durch das grossartige Zusam-\nmenwirken der vereinten Gesangeskräfte auf das vorteilhafteste\nauszeichnete.\nit\n#"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-08-18-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-08-18_01#c009", "volume": "bmtnabi_1855-08-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "264", "page_fin": "264", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550818-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "264", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550818-01.1.8", "debut_caractere": 4887, "fin_caractere_exclue": 5935, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln« Unserer Stadt steht, und das sehr bald, ein Verlust\nbevor, der alle literarischen, künstlerischen und geselligen Kreise\ntief betrübt: Roderich Benedix vertauscht Köln, wo er fünf-\nzehn Jahre lang in den schönsten Verhältnissen gelebt hat und als\nDichter, Bürger und Mensch allgemein geschätzt und geliebt ist,\nmit Frankfurt a. M. Die dortige Actien-Theater-Gesellschaft hat\nihn zum Intendanten des Theaters der Stadt Frankfurt\nunter glänzenden Bedingungen berufen.\nWien. Fräul. Mayer hat bei ihrem fortgesetzten Gastspiele\nbesonders auch noch als Donna Anna im Don Juan Aufsehen er-\nregt. Sie gastirt jetzt in Pesth.\nDer berühmte Pianoforte-Virtuose Herr Alexander Drey-\nschock veranstaltete am 20. d. Mts. in Teplitz ein Concert, wei-\nches von der Creme des dort versammelten Adels und Publicums\nüberaus zahlreich besucht war.\nMeyerbeer ist in Spaa; bei seiner Ankunft am 31. Juli\nbrachte man ihm eine glänzende Abendmusik. Ob er der Einla-\ndung zu dem Musikfeste in Birmingham folgen wird, ist noch\nungewiss."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "257", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550818-01.1.1", "texte": "Die Choräle in J. S. Bach’s Passions-Musiken.\n\nDie Passions-Musiken von Joh. Seb. Bach schliessen\neine Menge von Choral-Bearbeitungen in sich, die wir in\ndessen gesammelten Choral-Gesängen aufgenommen finden.\nIhr Verhältniss zum Gemeinde-Gesänge ist in einer Reihe\nvon Aufsätzen im sechsundvierzigsten Jahrgange der Allge-\nmeinen Musicalischen Zeitung zu Leipzig darzustellen ver-\nsucht und in einem Büchlein: „Joh. Seb. Bach in seinen\nKirchen-Cantaten und Choral-Gesängen\" (Berlin, bei Traut-\nwein, 1845), ausführlicher von mir besprochen worden.\nDie Untersuchung wünschte zu beweisen, dass die in\nRede stehenden Choral-Bearbeitungen weder\nzur Begleitung des Gemeinde-Gesanges be-\nstimmt waren, noch überhaupt dazu benutzt\nworden sind, und begründete dieses Urtheil vorzugs-\nweise durch nähere Betrachtung der in der Matthäus-Pas-\nsion enthaltenen Choral-Strophen.\nv. Winterfeld geht im dritten Theile seines evangeli-\nschen Kirchen-Gesanges in gewohnter Art und Weise tie-\nfer darauf ein und stellt einen Vergleich an zwischen Joh.\nEccard's und Seb. Bach's Choral-Auslührungen (Band 111.,\nS. 310). Er findet, dass, wenngleich Eccard auch die alten\nkirchlichen Weisen seinen Tonsätzen zum Grunde gelegt\nund sie deutlich hörbar der Oberstimme zugetheilt habe,\nauch die Gemeinde an den Gesang des diese Sätze vor-\ntragenden Chors sich mit dem ihrigen nicht habe anlehnen\nsollen, doch so viel gewiss sei, dass dieselben ohne\nAusnahme in dem Sinne des allgemeinen Kir-\nchengesanges aufgefasst waren. Wie die durch\ndiese Tonsätze verklärten Melodieen den Geist jedes ihrer\nLieder als eines Ganzen abspiegelten, keineswegs aber\nnur einzelnen Strophen oder gar Wendungen derselben\nnachgingen, so, in ganz gleichem Sinne, sollten die Ton-\nsätze des älteren Meisters auch wiederum diese deuten.\nVöllig anders stehe Bach den von ihm gesetzten Kir-\nchenweisen gegenüber. Sie sind zum grössten Theile, viel-\nleicht alle, mit besonderer Beziehung auf dasEin-\nzelnste der Liederstrophen entstanden, denen sie sich\nanschliessen, wie diese wieder in genauem Verhält-\nnisse stehen zu den Arien und Chören, die in den Kir-\nchen-Cantaten, deren Theile sie bilden, ihnen vorangehen\nund folgen. Bei specieller Betrachtung der Passions-Musik\nnach dem Evangelisten Matthäus findet sich bei v. Winter-\nfeld (B. 111., S. 373) Nachstehendes: „Der That gegen-\nüber, die wir geschehen sehen, steht freilich zuweilen, wie\nin vielen Sonntags- und Fest-Musiken jener Zeit, nur die.\nempfindsame, grüblerische Betrachtung Einzelner; neben\nihr aber noch, und eben für dieses Werk bezeich-\nnend, eine doppelte Gemeinde. Zuerst jene dem\nauf Erden wandelnden Erlöser anhangende unsichtbare, die\nihn auf seinen Leidenswegen in unmittelbarer Theilnahme\nbegleitet, bald als Zion bezeichnet, bald als die gläubigen\nSeelen, auch wohl bei getrennten Chören mit beiden Na-\nmen; eine Gemeinde, die eben hier nicht im Einzelnen,\nsondern als solche hervortritt. Sodann die aus des Heilan-\ndes Blute entsprossene Kirche, in Strophen heiliger Lie-\nder die ewige Bedeutung seines erlösenden Opfers aus-\nsprechend; beide einander gegenüberstehend, an\nhervorragender Stelle aber auch zu vereintem Ge-\nsänge einander gesellt.\"\nMeine Darstellung der Matthäus-Passion (Berlin, bei\nTrautwein, 1852) wendet sich (S. 29, Spalte 2) zu den\nin ihr aufgenommenen Chorälen, unter der Ueberschrift:\n„Die Gemeinde\", wie folgt: Der Meister hat sich ne-\nben der Exegese des Evangeliums noch eine andere, nicht\nminder schwierige Aufgabe gestellt. Er wollte in dem\nKunstwerke der Leidensgeschichte Jesu gegenüber zu-\ngleich die christliche Gemeinde darstellen, sie\nselbst den Eindruck aussprechen lassen, den sie bei der\nDarstellung des grössten Drama's der Welt empfindet,\neine ideale Gemeinde, welche der das Kunstwerk ge-\nniessenden gegenüber tritt, die in ihr angeregten Gefühle\njener vorzeichnet, sie im eigenen Herzen in jene einzustim-\nmen, an den sich entwickelnden Empfindungen vollständig\ninnerlich Theil zu nehmen auffordert. Zu desto sichererer"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "258", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550818-01.1.2", "texte": "Erreichung dieser Theilnahme der hörenden Gemeinde legte\ner der dargestellten den gewöhnlichen kirchlich gemeinsa-\nmen Ausdruck jener in den Mund, den Volksgesang, den\nChoral. Strophen allgemein bekannter Lieder, in allge-\nmein bekannten Melodieen, schliessen sich an geeigneten\nStellen der Erzählung aus der Gemeinde heraus an, theils\nin Betrachtung, theils im Ausdruck des durch sie angereg-\nten Gefühls. In Lied und dessen Melodie kann somit\njeder Zuhörer einstimmen. Doch wäre dies wider die Ab-\nsicht des Meisters; er will der wirklichen gegenüber auch\nseine eigene künstlerisch gestalten, und übergibt ihr\nnun in der Hauptstimme den Volksgesang, sich da-\ndurch jener wohl und verständlich bemerkbar zu machen,\n„damit ihr\", wie Eccard in der Vorrede seiner Choral-\nBearbeitungen sagt, „die christliche Gemeinde bei sich\nselbst nach ihrer Andacht singend imitiren kann\",\nbei sich selbst, innerlich, indess die fingirte Gemeinde den\nKirchengesang in künstlerischer Gestaltung vor-\nträgt.\nDiesen Ansichten entgegen stellt die Vorrede zum\nvierten Jahrgange der von der Bach-Gesellschaft herausge-\ngebenen Werke Seb. Bach's, welche dessen Matthäus-Pas-\nsion enthält, die lebendige Betheiligung der Kirchen-Ge-\nmeinde durch Mitsingen der Choräle als ganz\nselbstständiges, ihnen zuerst an gehöriges Moment\nder Passionen Bach's auf, ein Nichtvorhandensein\njener idealen, durch den Singchor vertretenen Gemeinde.\nEine Reihe schätzenswerther Aufsätze, welche Rochlitz\nzur Beurtheilung des im Jahre 1831 erschienenen Ciavier-\nAuszuges der Passion nach dem Evangelium Johannes ent-\nworfen, enthält auch den Versuch einer Geschichte der\nPassions-Musiken, namentlich in Leipzig, und eine Conjectur\nder Entstehung der Bach'schen Passionen, in welcher als\neine Vorschrift Deyling's, Superintendenten zu Leipzig, ge-\nsetzt wird, „in die biblische Erzählung der Leidensgeschichte\ndes Herrn auch wohl gewählte Verse alter, bekannter Kir-\nchenlieder einzullechten, in welche die Gemeinde\nmit einstimmen kann\". Wir dürfen diese Annahme\nals blosse Conjectur bezeichnen, weil jeder weitere Nach-\nweis jener Vorschrift fehlt. Auch macht Rochlitz, indem er\nauf die eingestreuten Choral-Verse in den Passionen ein-\ngeht, die Bemerkung, „ dass sie in Hinsicht auf Harmonie\nso melodisch künstlich durch alle Stimmen und zuweilen\nsonderbar geführt sind, und wohl über der Popularität\nauch seiner Zeit, wie vieles Andere in diesen Werken, ge-\nstanden haben mögen\". In jener Zeit aber habe die Ge-\nmeinde durchgehends nur die Melodie des Soprans all uni-\nsono gesungen, ohne alle Einmischung in die Harmonie\nselbst bei den Schlussfällen der Zeilen. „Da konnten ja die\nOrganisten bei der freien, oder die Chorsänger mit der Or-\ngel und den Instrumenten bei der vorgeschriebenen Beglei-\ntung ohne alle Störung ihre eigenen Wege neben\nder feststehenden Melodie hinwandeln\" u. s. w.\nDiese Annahme des aufmerksamen und gewandten\nKritikers wird dadurch erklärlich, dass ihm nur die Johan-\nnes-Passion unseres Meisters vorlag; ein prüfender Blick in\ndie Matthäus-Passion würde ihn eines Anderen belehrt ha-\nben, wie ein Vergleichen der damals noch ziemlich in Ver-\ngessenheit ruhenden Cantaten Bach's mit dessen Passions-\nMusiken ihn finden lassen musste, dass die in diesen, wie\nin jenen eingeschalteten Choral-Verse eben so integrirende\nTheile seiner geschaffenen Kunstwerke wären, als die von\nihm in seinen Arien, Duetten und Chören bearbeiteten Me-\nlodieen bekannter Kirchenlieder, die ihm nicht allein zur\nGrundlage seiner Tonstücke dienen musslen, sondern die\ner selbst herbeizog, mittels ihrer an analoge Texte zu er-\ninnern, als einen besonderen Schmuck, als eine das Ver-\nständniss fördernde genauere Erklärung einer einzelnen\nStelle, als eine Verstärkung ihres Eindruckes. Man be-\ntrachte in dieser Beziehung die bekannte Cantale: „Gottes\nZeit, ist die allerbeste Zeit\", in der sich zwei solcher sinnig\nherangezogenen Choral-Melodieen vorfinden. Nachdem der\nChor in den tieferen Stimmen das strenge Gesetz ausge-\nsprochen hat: „Es ist der alte Bund: Mensch, du musst\nsterben!\" und der Sopran sich ihm mit den Worten: „Ja,\nkomm, Herr Jesu, komm!\" angeschlossen hat, tönen ganz\nunerwartet die Flöten die Melodie des Liedes: „Warum\nbetrübst du dich, mein Herz?\" und später, nach Ueber-\ngehung der folgenden Choral-Zeilen durch Nachbildung der\nMelodie der vierten und fünften Zeile, an ihre tröstenden\nTextesworte: „Vertrau' du deinem Herre Gott, der alle\nDing' erschaffen hat\", erinnernd, hinein. In ähnlicher Weise\nhat Bach nach dem Solo des Alts: „In Deine Händ', o\nHerr, befehl' ich meinen Geist!\" dem Einzel-Gesange der\nBass-Stimme: „Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit\nmir im Paradiese sein\", den Choral: „In Fried'und Freud'\nich fahr' dahin\", von den tieferen weiblichen Stimmen allein\nvorgetragen, einverleibt, ihn mit den Worten: „Sanft und\nstille, wie Gott mir verheissen hat\", von dem Einzel-Ge-\nsange gelös't und, mit einer malerischen Begleitung umge-\nben, unter ihrem Ausdruck gänzlichen Ergehens zu den\nWorten: „Der Tod ist mir Schlaf worden\", zu Ende ge-\nführt WTir dürfen ähnliche Beispiele, wie sie sich in gros-\nser Menge in Bach's Cantaten vorfinden, übergehen, um die"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "259", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550818-01.1.3", "texte": "Behauptung zu rechtfertigen, dass eben der Choral, die Be-\narbeitung von Choral-Melodieen, in allen kirchlichen Wer-\nken Seb. Bach's als eine poetische und küntslerische We-\nsenheit der Darstellung seines religiösen Bewusstseins und\nGefühls heraustritt, und dass die einzelnen von ihm gesetz-\nten Choral-Verse, wie sie sich in seinen Cantaten und Pas-\n' sionen vorfinden, ganz speciel den Sinn, ja, oft sogar den\nAusdruck des einzelnen Wortes zur Anschauung bringen\nund so sehr integrirende Theile der Kunstwerke, in denen\nsie stehen, sind, dass sich in ihnen der kirchliche Charakter\nder Melodie ihres ursprünglichen Textes häufig nicht\nerkennen lässt, ja, dass sie nicht selten nach Maassgabe\nder ihr beigegebenen Lieder-Strophe mit ihm in Wider-\nspruch stehen, wie z. B. die unter Nr. 8 7 der älteren Aus-\ngabe Bach'scher Gesänge stehende Bearbeitung zu: „0\nHaupt voll Blut und Wunden\", und die unter Nr. 338\ndaselbst vorhandene zu: „Wer nur den lieben Gott lässt\nwalten\".\nMan könnte einwenden, die Richtigkeit dieser Anfüh-\nrungen weise noch keineswegs die Betheiligung der Ge-\nmeinde an den Choral-Gesängen der Matthäus-Passion ab;\nfehle doch ihrer ursprünglichen Dichtung jede Andeutung\neiner nun doch vorliegenden Choral-Einschaltung Seitens\ndes Verfassers. Das ist richtig; er schliesst aber auch mit\nder Gefangennehmung des Heilandes, und wie jene Choral-\nVerse, so ist auch der grosse Schluss-Choral des ersten\nTheiles nur eine weitere Ausführung der vom Dichter ge-\ngebenen Anlage, an welche sich Bach überhaupt nicht\nstreng gehalten hat. So findet sich der für ein Duett be-\nstimmte Text: „Ich wilf bei meinem Jesu wachen\", in\neiner Arie ausgeführt, die Arie: „So ist mein Jesu denn\ngefangen\", als Duett gesetzt, das Duett: „Sind Blitze, sind\nDonner\", als ein Chor, das Duett: „Sehet, Jesus hat die\nHand\", im zweiten Theile als eine Arie in der Partitur\nvor. Dagegen enthält die vierte Auflage der Gedichte Pi-\ncander's von 1748 die Texte eines ganzen Jahrganges von\nKirchen-Cantaten lür das Jahr 1729, deren jede mit einem\nChoral-Verse schliesst; es sind deren über siebenzig*). Be-\nschränken wir uns auf Bach allein, so finden wir diese Cho-\nral-Strophen mit sehr wenigen Ausnahmen in fast allen sei-\nnen Cantaten (und von den Ausnahmen ist es fraglich, ob\nihre Abschriften vollständig genommen worden sind), auch\nin den ältesten, und zwar in den ausgedehnteren nicht nur\nam Schlüsse, sondern auch zwischen ihren einzelnen Ton-\nstücken eingeschaltet.\nDiese Lieder-Strophen am Schlüsse und in der Mitle\nder Kirchen-Musiken waren also um das Jahr 1729 keine\nNeuerung. Gemeinhin werden sie von den in den Cantaten\nverwandten Instrumenten begleitet, denen sie beigegeben\nsind; grösstentheils gehen diese mit den Singstimmen im\nUnisono, nur die Grundstimme weicht öfter davon ab;\ndoch findet sich die Begleitung nicht selten auch' selbst-\nständig vor. Bei besonderen Gelegenheiten und an Festta-\ngen ist der sonst in gleicher Weise beibehaltene vierstim-\nmige Choralsatz des Gesanges durch ein Vorspiel eingelei-\ntet, durch Zwischenspiele unterbrochen und schliesst mit\neinem Nachspiele*). Dürfen wir nun wohl annehmen, die\nan das Mitsingen dieser Choral-Verse sonst gewohnte Ge-\nmeinde werde eben nur an hohen Festtagen sich dessen\nenthalten haben? oder sollte sie die Pausen während der\nZwischenspiele beobachten, nach den Pausen dem Kunst-\ngesange ohne Störung nicht nur sich anschliessen, sondern\nsogar einen im geraden Tacte gewohnten Choral ohne Wei-\nteres im ungeraden mitsingen können? Und hätte wohl der\nMeister die begleitenden Instrumental-Stimmen so sorgfäl-\ntig selbstständig ausgearbeitet, ohne alle Rücksicht darauf\nzu nehmen, dass sie bei ihrer zu seiner Zeit noch dazu sehr\nschwachen Besetzung von dem Gemeinde-Gesänge unter\nBegleitung der sie leitenden Orgel übertönt werden müss-\nten? Doch lassen wir das bei Seite und wenden wir uns\nzu den in Rede stehenden Chorälen der Matthäus-Passion.\nFragen wir auch nicht weiter nach der Vernichtung ihres\nGehaltes durch den Gemeinde-Gesang, nicht nach der\ndurch ihn herbeigeführten gänzlichen Zerstörung des in\ndiesen Bearbeitungen liegenden unvergleichlichen, künstle-\nrisch entfalteten Gelühls-Ausdruckes, wie er sich eben in\nden Mittelstimmen, namentlich in der mit grosser und tie-\nfer Kenntniss ihrer Wirkung behandelten Tenorstimme\nzeigt, sondern schauen wir allein die Gemeinde zwischen\nden Musikstücken in die Choräle mit einstimmend an und\nfragen uns ganz einfach, ob eine grosse Versammlung wohl\n\n*) In den mir zugänglich gewesenen Cantaten Bach's habe ich\nnur sechs aus diesen Texten auffinden können. Bemerkens-\nwerth ist, dass in obigem Jahrgange auch alle Advents-Sonn-\ntage, wie die in der Fastenzeit, von bis\nihre Cantaten erhalten haben, dass also an ihnen die Musik\nin den Kirchen Statt finden durfte. Oder doch nicht? Mir\nist niemals eine Cantate Bach's auf einen der letztbezeichne-\nten Sonntage in die Hand gekommen.\n*) Ludwig Erk's sorgfältige und treffliche Ausgabe der Choral-\ngesänge Bach's (Leipzig, bei Peters, 1850), auf deren gründ-\nliche Vorrede wir im Sinne unserer Anschauung zugleich\nverweisen, enthält viele Beispiele zu obigen Andeutungen.\nEinige ausführlichere findet man in meiner kleinen Schrift:\nBach's Choral-Gesänge u. s. w., Berlin, bei Trautwein (1845)."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "260", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550818-01.1.4", "texte": "im Stande sei, den phrygischen Choral: „Herzlich thut\nmich verlangen\", wie er in der Matthäus-Passion steht,\nzunächst eine Secunde höher (in D), dann eine kleine Terz\nhöher (in Es), dann eine grosse Terz höher (in E), sodann\num eine Quart erhöht (in F), die Oberstimme nach Roch-\nlitz all unisono, mit der Kirche angemessener Würde und\nBuhe zu singen, wenn sich die Tonbegränzung nach der\nHöhe zu von d bis zum g erhebt! Oder welche Ge-\nmeinde in der Welt würde den Choral (S. 151 der Partitur):\n„In Dich hab' ich gehoffet, Herr!\" in dem Umfange vom\neingestrichenen 6 bis zum zweigestrichenen singen können\nund wollen?— Möglich, dass Deyling die Choral-Verse in\nder Passion näher bestimmt haben mag, aber wahrschein-\nlicher ist es, dass Bach selbst, wie wir ihn heimisch in\nChoral-Texten und Melodieen kennen, in seinem Sinne und\nnach seinem eigenen Gefühle sie den passenden Stellen ein-\nverleibt hat. Aber ganz unmöglich kann der ernste und\nstrenggläubige, daher die äussere Würde und den Anstand\ndes Gottesdienstes im Auge haltende Geistliche seiner Ge-\nmeinde eine Anstrengung zugemuthet haben, welche selbst\nim Falle der Möglichkeit ihrer Ausführung, ja, im Falle\njeder hier kaum denkbaren Vermeidung einer Störung,\naugenscheinlich zum mindesten den immanenten Ausdruck\nder Gesänge paralysirt haben müsste. Man stelle sich nur\neine aus vielen Hunderten bestehende Versammlung alter\nund junger Leute beiderlei Geschlechtes vor, wie sie sich\ngemeinschaftlich abquälen, einen Gesang in einer von nur\nWenigen aus ihnen erreichbaren Tonhöhe heraus zu brin-\ngen!— Doch Scherz beiSeite! Hätte Rochlitz die Matthäus-\nPassion vor sich gehabt, so würde er auch den Ausspruch,\n„dass neben dem sich im Unisono bewegenden, feststehen-\nden Gemeinde-Gesänge der Organist, die Kunstsänger und\ndie Instrumentalisten ihre eigenen Wege gehen kön-\nnen\", sicher zurückgehalten haben. Nimmt er doch selbst\nan, die Gemeinde habe die Melodie ihrer Choräle in ge-\nwohnter, feststehender Weise, selbstverständlich also\nauch unverändert, gesungen*). Wie nun aber, wenn die\nMelodie der Begleitung von der feststehenden der Ge-\nmeinde abwiche? Wenn in dem wichtigsten und tief-\nergreifendsten Momente der Passion nach Christi Verschei-\nden am Kreuze die zweite und vierte Zeile des Chorals von\nder Gemeinde unverändert gesungen würde, wie vorher\nviermal geschehen (siehe die Partitur S. 51, Z. 7; S.\n53, Z. 8; S. 186, Z. 1, und S. 214, Z. 1):\ndie Künstsänger, Instrumentalisten und der Organist aber,\nder Vorschrift der Partitur, S. 248, gemäss, sich verneh-\nmen Hessen:\noder die Gemeinde in der zweiten Zeile des zweiten Thei-\nles den feststehenden Gesang beibehielte:\nder Kunstgesang aber die vorgeschriebene Abänderung\nhören Hesse:\nso dürfte sich doch wohl manches Glied der Gemeinde, ver-\nwundert über die eigenen Wege, die der Kirchenchor ein-\nzuschlagen lür gut befunden, nach ihm umsehen, was der\nalte Bach sicher nicht gewünscht, daher auch gewiss keine\nVeranlassung dazu gegeben haben wird.\nWenn dem nun aber so ist, so dürfte das Moment,\naus welchem (nach Rochlitz) die durch Deyling und Bach\neingeführte Betheiligung der Gemeinde an den eingefloch-\ntenen Choral-Gesängen in den Passions-Musiken nachge-\nwiesen werden könnte, in den Chorälen des Werkes selbst\nnicht aufzufinden sein, und bis auf weitere nähere Beweise\nv. Winterfeld's Anschauung, wie sie in dem dritten Theile\nseines evangelischen Kirchengesanges entwickelt ist, un-\nwiderlegte Vollgültigkeit behalten.\nAn und lür sich ist es von wenigem Belange, ob die\nGemeinde in der Bach'schen Passions-Musik die Choräle\nmit gesungen habe oder nicht. Das Werk ist schon seit\nJahren durch den Druck verbreitet, und Jedermann hat\nvollständig die Befugniss, sich sein eigenes Urtheil zu bil-\nden. Wenn jedoch unter der Aegide eines Vereins bekann-\nter Musiker und Verehrer Bach's eine neue Ausgabe seiner\nWerke erscheint, so wird jede mit ihr selbst verbreitete\nAnsicht über den Meister und dessen Werke maassgebend\nfür das Urtheil des Laien und Kunstjüngers; sie ist eine\n\n*) Siehe Leipziger Musik-Zeitung, 33. Jahrgang, S. 294."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "261", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550818-01.1.5", "texte": "Autorität. Wie hoch nun auch die Verdienste und die\ngrosse Sorgfalt der Redaction bei der Herausgabe des vier-\nten Bandes der Bach'schen Werke anerkannt werden müs-\nsen, so wird es doch unbeschadet ihrer jedem mit obiger\nAnsicht nicht Einverstandenen gestattet sein, dagegen zu\nprotestiren. Ich fühle mich um so mehr dazu veranlasst,\nals ich die Ansichten meines verstorbenen Gönners und\nFreundes nicht nur vollständig theile, sondern selbige in\nmeinen geringen Bemühungen um das Verständniss des\ngrossen Meisters acht Jahre früher ausgesprochen habe, be-\nvor der gewissenhafte Forscher in seinem grossen Werke\nsie tiefer und fester begründete, als ich es vermag,\nüberhaupt aber der Bach häufig gemachte, meines Erach-\ntens längst schon beseitigte Vorwurf der Unkirchlichkeit\nseiner gesammelten Choral-Bearbeitungen nicht von Neuem\nNahrung finden, noch viel weniger durch einen Verein mit\nseinen Werken vertrauter Künstler, wenn auch nur dem\nScheine nach, eine Bestätigung erhalten darf.\n\nJ. T. Mosewius.\n\nDas zweite niederrheinische Sängerfest.\n\nDie niederrheinischen Sängerfeste, welche, vor drei\nJahren in ihrer jetzigen Gestalt begründet, die Liedertafeln\nund sonstigen Männergesang-Vereine aus den Städten,\nwelche von Bonn abwärts bis zur holländischen und belgi-\nschen Gränze liegen, umfassen, bilden eine Fortsetzung der\nniederrheinisch-niederländischen Feste, welche vom Jahre\n1845 an abwechselnd in Cleve und in Arnheim ge-\nfeiert wurden. Da die holländischen Sänger-Vereine im\nJahre 1852, wo das Fest in Cleve Statt fand, plötzlich\nausblieben, nan weiss nicht, aus welchem Grunde viel-\nleicht, weil sie bereits genug von den Deutschen gelernt zu\nhaben vermeinten, denn der musicalische Nationalitäts-\nRaptus zeigte sich ja sogar auch bei dem grossen Musik-\nfeste in Rotterdam im vorigen Jahre —, so gründeten die\ndort versammelten deutschen Vereine das niederrhei-\nnische Sängerfest, d. h. sie strichen das Beiwort\n„niederländisch\" aus und luden die holländischen Sänger\nnicht mehr ein. Das erste Fest in dieser neuen Gestalt\nwurde wieder in Cleve, das zweite in diesen Tagen, am\n12. und 13. August, in Crefeld gefeiert.\nVon den Bestimmungen der früheren Feste ist eine\nder wesentlichsten beibehalten worden, nämlich die, dass\nkein Gesang-Wettstreit Statt finden dürfe, d. h. kein Wett-\nstreit um Preise nach dem Urtheile eines Künstler-Gerich-\ntes; jedoch ist das Auftreten einzelner Vereine, mithin ein\nWettstreit um den Beifall des Publicums und der Kenner,\nnicht ausgeschlossen. Die Einrichtung, dass gegenwärtig\ndie Vorträge einzelner Vereine mit den Gesammt-Chören\nabwechseln, ist lobenswerth und zweifelsohne der früheren,\nwo die Einzel-Vorlräge den einen, die Gesammt—Vorträge\nden anderen Abend ausfüllten, der Abwechslung wegen\nvorzuziehen. Die diesjährigen Dirigenten waren Herr Karl\nWilhelm aus Crefeld und Herr W. A. Knappe aus\nDüsseldorf.\nEs waren im Ganzen zwanzig Sänger-Vereine bei dem\nFeste vertreten, und zwar Crefeld mit einem Stamme\nvon 209 Sängern in fünf Vereinen (Liedertafel—Dirigent\nK.Wilhelm—mit 70, Männergesang-Verein mit 40, Sän-\ngerbund mit 40, Liederhalle mit 37,Concordia mit 25\nMitgliedern), ferner Aachen (Concordia), Barmen, Cal-\ncar, Cleve, Düsseldorf (Männergesang-Verein—Diri-\ngent W. A. Knappe), Elberfeld (Liedertafel Dirigent\nA. Weinbrenner; Orpheus—Dirigent G. Steinhaus), Em-\nmerich, Essen, München-Gladbach,Neuss, Rees,\nRheydt, Viersen, Xanten. Das Textbuch zählt 671\nSänger auf; anwesend und mitwirkend mochten 500 und\neinige sein.\nDie Vorträge des ersten Tages begannen mit einem\nGrusse der crefelder Liedertafel an die Sänger, einer sehr\nhübschen Composition von K. Wilhelm, Chor mit ab-\nwechselndem Solo-Quartett, welche auch recht gut gesun-\ngen wurde. Es ist zu bedauern, dass Herr Wilhelm, von\ndem wir so manches schöne Lied für Männergesang be-\nsitzen, dieses Fach, zu welchem er so viel Talent hat, bei\nder Armuth an guten Componisten für dasselbe, nicht\nmehr cultivirt. Denn leider haben wir auch bei diesem\nFeste wieder die Erfahrung machen müssen, dass die Wahl\nder einzelnen Vereine lür ihre Vorträge mit wenigen Aus-\nnahmen auf triviale Compositionen gefallen war, wie man\ndies so oft erlebt. Wenn wir uns gefreut haben, zu gewah-\nren, wie der Gesang beim rheinischen Volke immer mehr\nWurzel schlägt, indem Liedertafeln nicht nur aus kleineren\nStädten, sondern auch aus denjenigen Ständen, welche sich\nsonst mit der Musik wenig befassten, im Technischen sehr\nGutes leisteten (z. B. der „Sängerbund, und der „Män-\nnergesang-Verein \" von Crefeld, beide grösstentheils aus\nArbeitnehmern bestehend und von Dilettanten geleitet, der\n„Orpheus\" von Elberfeld eben so, ferner die Vereine von\nNeuss, München-Gladbach, Viersen), so mussten wir um so\nmehr bedauern, dass die Herren Dirigenten die vielen schö-\nnen Gesänge von Weber, Kreutzer, Schneider, Methfessel,\nSpohr, Mendelssohn, Hiller u. s. w. um des meist jämmer-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "262", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550818-01.1.6", "texte": "liehen Zeugs ephemerer Notenschreiber willen vernachlässi-\ngen. Wir wiederholen, dass Neuss, Gladbach, Elberfeld\n(Orpheus) und besonders Düsseldorf sehr gut sangen, dass\nalle Einzel-Vorträge das Prädicat gut mit vollem Rechte\nverdienten; aber können solche Gedichte und Gesänge, wie\ndie gewählten, das Volk erheben? können sie den Funken\nder Kunstliebe zur Flamme anblasen? Liegt denn nicht\neine grosse Kluft zwischen den Liedern bei W ein und Bier\nund zwischen den Gesängen an öffentlichen Musikfesten?\nWo blieben die kräftigen Vaterlands- und Freiheits-Lieder\nund so mancher schöne Gesang, der Herz und Gemüth zu\nGott und der Natur empor trägt? Wo blieb endlich das\nedle und den tiefsten Eindruck nie verfehlende deutsche\nVolkslied? Wenn nun vollends neben manchem Trivialen\nSachen zum Vortrage kamen, wie „Pepita\" (durch den\nO. von E.) und „Hahnemann, geh' du voran\" (durch die\nL. von V.), so können wir das nur als einen hässlichen\nFlecken auf dem sonst so schönen Gemälde, welches das\nFest im Ganzen darbot, bezeichnen und müssen sehr darauf\ndringen, dass das alte Gesetz, nach welchem jeder Verein\nden Text seiner Gesänge dem Comite einsenden musste,\nstreng aufrecht gehalten werde.\n„Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben\nBewahret sie 1\"\nEine gute Wahl hatten, wenigstens zum Theil, die Vereine\nvon Düsseldorf und Gladbach getroffen, jene mit zwei Lie-\ndern von Niels Gade, von denen besonders die „Gondel-\nfahrt\" sehr ansprach, diese mit einer recht hübschen Com-\nposition von W. A. Knappe.\nJetzt aber noch eine Bemerkung an die Herren Diri-\ngenten der meisten einzelnen Vereine. Sie heisst: Ist die\nArt und Weise des Vortrags, welche nur auf Contraste\nberechnet ist, die richtige? Keineswegs; das dicht neben\ndas Fortissimogestellte Pianissund deren Wechsel\nohne vermittelnde Schattirung wird sehr oft zur Caricatur,\nzumal wenn das Pianissimo in Bezug auf den Text gera-\ndezu Unsinn ist, wie z. B. einmal auch in dem Gesammt-\nGesange „Schlachtlied\" von Kreutzer (dirigirt von Herrn\nKappe) auf die Worte: „Das ist unser Schlachtgesang\"!!\noder wenn in dem „Gruss an Deutschland\" (Gladbach)\nein Bursch fortissimo auszieht, plötzlich aber die Maid ihn\npianissimo kos't und eben so urplötzlich ihn an-\nschreit: „Bring' uns, Gesell, dein schönstes Lied!\"— Das\nStreben nach Virtuosität des Vortrages ist für den Män-\nnergesang überhaupt ein gefährliches, wird aber geradezu\nverderblich, wenn es auf falscher Auffassung und aufEffect-\nhascherei beruht.\nWenden wir uns zu den Gesaramt-Vorträgen und zu\ndem Charakter des Festes überhaupt, so haben wir da nur\nErfreuliches und Ri'ihmenswerlhes zu berichten, sowohl in\nkünstlerischer als in geselliger Beziehung. Die Motetten\nvon B. Klein: „Wie lieblich ist Deine Wohnung, o Herr\"\nund „Herrlich ist Gott\", Mendelssohn's Doppelchor\naus „Oedipus in Kolonos\", „An die Künstler\" und „Ab-\nschiedstafel\", Hauptmanns „Ehre sei Gott in der\nHöhe\" waren würdig gewählt; ihnen schlössen sich Zöll-\nner's Gebet der Erde (das bei manchen Schönheiten einen\ngar zu gedehnten, ins Triviale fallenden Schluss hat),\nKreutzer's Schlachtgesang (eine seiner schwächeren\nCompositionen, hier noch dazu durch eine gewiss nicht von\nihm selbst herrührende Instrumentirung mehr entstellt als\ngehoben), Kücken's „Normannssang\" und Panny's\n„Rhein\" an.\nAlle diese Sachen wurden von dem vollen Chor der\n500 Sänger präcis und gut ausgeführt bis auf einige Klei-\nnigkeiten, z.B. ein augenblickliches Schwanken im Gesänge\n„An die Künstler\" und die Ungenauigkeit des Wechsels\nzwischen cesund cin Kücken's Normannssang u. s. w.\nEinige Stücke, z. B. „Wie lieblich\", und vor Allem der\nDoppelchor aus Oedipus gingen vortrefflich und machten\neinen grossen Eindruck.\nDie Ouvertüren zur Zauberflöte und zu Egmont wur-\nden Yon der vereinigten Viereck'schen Capelle aus Crefeld\nund der Capelle des 33. Infanterie-Regiments aus Köln\n(Director Laudenbach), durch Dilettanten verstärkt,\nganz gut ausgeführt.\nAlles, was Anordnung, Festlichkeit und Geselligkeit\nbetrifft, war im höchsten Grade rühmenswerth, und die\nGastfreundschaft der Crefelder hat sich glänzend gezeigt\nund verdient den vollsten Dank aller Festgenossen. Die\nTheilnahme von Seiten des Publicums war ausserordentlich\ngross; in den Pausen wogte es in den geschmackvoll be-\nleuchteten Gartenwegen in gedrängten Zügen auf und ab;\ndenn ausser den 5—600 Sängern waren die 1638 nu-\nmerirten Plätze in der Tonhalle an beiden Tagen vollständig\nbesetzt, und wenn man dazu die im Saale Stehenden und\ndie draussen Zuhörenden zusammenfasst, so waren sicher\njeden Abend an 3000 Menschen in den Festräumen ver-\nsammelt.\nDer Nachfeier am Dinstag den 14, bei welcher ein\ndrittes Concert von Instrumental- und Vocal-Musikstücken\nStatt fand, waren wir verhindert beizuwohnen.\n\nL. B."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "263", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550818-01.1.7", "texte": "Max Bruch.\nL. B.\nEs ist in diesen Blättern schon einige Male von dem\nStipendiaten der Mozart-Stiftung in Frankfurt am Main,\nMax Bruch, die Bede gewesen, welcher das Glück hat, hier\nan seinem Geburtorte unter der trefflichen Leitung von\nFerdinand II iiier, der eben so fern von pedantischer\nSteifheit als von Vorliebe für die Zukunfts-Phantasmogf)-\nrieen ist, seine Studien fortzusetzen; allein noch niemals\nhat die Kritik eine so unabweisbare Verpflichtung gegen\ndieses hervorragende jugendliche Talent zu erlüllen gehabt,\nals jetzt, wo uns eine der neuesten Schöpfungen desselben,\nein Trio für Pianoforte, Violine und Violoncell,\nin der letzten Versammlung der musicalischen Gesellschaft\ndurch ihn selbst und die Herren Pixis und Breuer in\nvortrefflicher Ausführung zu Gehör gebracht worden ist,\nwelches wir für das beste Werk des jungen Componisten\nunter allen, die er bisher geschrieben hat, halten und darin\neinen Werth erkennen, der nicht etwa im Verhältnisse zu\nder Jugend des Verfassers zu beurtheilen, sondern in abso-\nluter Würdigung eines musicalischen Kunstwerkes sehr\nhoch zu schätzen ist.\nWenn wir sagen: „ unter allen seinen bisherigen Wer-\nken\", so dürfte das bei einem siebenzehnjährigen\nJünglinge denen, welche ihn und seine Leistungen nicht\nkennen, vielleicht unangemessen klingen. Max Bruch ver-\nbindet aber, wie das bei wirklichen musicalischen Genie's\nstets der Fall ist, mit der wunderbaren natürlichen Bega-\nbung eine so ungeheure Thätigkeit, dass man nicht weiss,\nob man mehr über seine Productivität oder über seinen\nFleiss erstaunen soll. Er hat bereits weit über hundert\nWerke geschrieben, darunter Ouvertüren, Sinfonieen, meh-\nrere Violin-Quartette, Sonaten u. s. w. für Ciavier allein\noder mit Begleitung, Motetten, Psalmen, Hymnen, Canlaten,\nGesänge zu einer komischen Oper u. s. w., welche meist\nin Privatkreisen, mehrere aber auch öffentlich aufgeführt\nworden sind. Der bei Weitem grösste Theil dieser Sachen\nsticht gegen die Erzeugnisse einer gewöhnlichen Uebungs-\nund Versuchs-Periode gar sehr ab und verräth nicht nur\nin Einzelheiten, sondern sehr häufig auch schon in ganzen\nMusikstücken eine von jenen musicalischen Ausnahme-Na-\nturen, welche das Meiste, was sie brauchen, als Himmels-\ngabe mitgebracht haben, so dass Lehre und Anleitung nur\nüber die Art der Entwicklung des Talentes wie eine zweite\nVorsehung zu wachen haben, zu dem Weesen desselben\naber wenig hinzufügen können.\nSo offenbart denn der junge Componist auch namentlich in\ndiesem letzten Clavier-Trio eine reiche Phantasie und dabei\neine so bewundernswerthe Herrschaft über alles, was ihrem\nStrome ein Bett gräbt und Schranken setzt, damit er nicht\nüberbrause und in der flachen Breite versiege, dass man\nvor der Kraft eines jugendlichen Geistes, der so kühn und\ndoch so sicher mit den schwierigsten Formen der musicali-\nschen Durchführung spielt, in derThat bange werden kann,\nwie ein Fussgänger im Thale, der auf der Steinstrasse am\nBergabhange einen Wagen von schäumenden Bossen gezo-\ngen daher rollen sieht. Allein diese Bangigkeit verschwindet,\nwenn man gewahrt, wie Max Bruch diese ganz ausserge-\nwöhnliche Gewandtheit keineswegs dazu missbraucht, fraz-\nzenhafte Gebilde aus Sucht nach Unerhörtem in die Kähmen\nzu zwängen. Nein, bisher haben ihn sein Genius und die\nleitende Hand des erfahrenen Meisters und die Umgebun-\ngen, in denen sein Talent herangereift ist, vor dem Irrsal\nbewahrt, im Grellen das Schöne, im Absonderlichen und\nUngeheuerlichen das Charakteristische und das Neue zu\nsuchen; und wir können mit Sicherheit voraussehen, dass\nauf der von ihm bereits erreichten Stufe zum Tempel des\nwahren musicalisch Schönen jene Gefahr für ihn vorüber ist.\nDies beweis't denn vor Allem auch sein letztes Werk;\ndas grosse Trio in Es-dur,welches uns unmittelbare Ver-\nanlassung zu diesen Zeilen gibt; es beweis't es trotz des\noder vielmehr durch das besonders im ersten AHegro sprü-\nhende Feuer, das hier und da fast vulcanisch ausbricht,\naber doch nie einem verheerenden Lavastrome die Schran-\nken öffnet. Das Ganze ist ein wirkliches Trio, d. h. ein\npolyphones Tongewebe von drei Solo-Instrumenten, von\ndenen das Pianoforte natürlich nach seinem mehrstimmigen\nCharakter behandelt ist, ohne indess in den orchestralen\noder symphonistischen Stil zu verfallen. Das Andante ist\nein vollendet schönes Stück; der dritte Satz, ohne beson-\ndere Bezeichnung (bewegtes Tempo in 3/V-Tact), ein Zwi-\nschenspiel zwischen dem Andante und dem Finale, ist von\ngrossem Beiz und hoher Originalität, indem es weder den\nCharakter der Beethoven'schen Scherzo's, noch der Men-\ndelssohn'schen Humoresken hat. Ueberhaupt zeigt das ganze\nTrio, trotzdem dass es den Stempel der neueren Zeit trägt,\neine unverkennbare Eigentümlichkeit und durchaus nichts\nGemachtes, und nichts, was an eine bestimmte Manier,\netwa Mendelssohn's oder Schumann's U.A., erinnerte. Und\ndas ist es denn gerade, worauf wir die Ueberzeugung\nstützen, dass sich für Max Bruch eine grosse Laufbahn öff-\nnet, dass er die Mission, die ihm im Beiche der Tonkunst\nvom Himmel übertragen ist, mit voller Liebe und Treue\nund mit schönem Erfolg erfüllen wird."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "264", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550818-01.1.8", "texte": "Bängertag in Coburg.\nCoburg, den 10. August 1855.\nDer vom coburger „Sän gerkranz\" am 29. und 30. Juli da-\nhier abgehaltene, von 28 Sänger-Vereinen mit circa 900 Sängern\nbesuchte zweite „Sängertag\" hat eine in jeder Hinsicht so leb-\nhafte Sensation hervorgerufen und bot in musicalischer Beziehung\nso vieles Ausgezeichnete dar, dass eine nähere Besprechung dieses\nschönen Festes wohl auch Ihren Lesern nicht unwillkommen sein\ndürfte.\nDas herzogliche Reithaus hatte man zur blumen- und fahnen-\ngeschmückten Sängerhalle umgeschaffen, im Hoftheater war ein\nglänzender Festball veranstaltet, und auf unserer altehrwürdigen\nYeste Coburg, von welcher man die reizendste Fernsicht geniesst\nund die in ihren inneren, neu hergestellten Räumlichkeiten zu\neinem derartigen Feste so ganz geeignet erscheint, fanden die un-\nten genannten Gesammt-Productionen der versammelten Sänger\nStatt. Dass bei allen diesen Festlichkeiten Se. Hoheit der Herzog\nvon Coburg in Person anwesend war, dass selbst eine Composition\ndieses kunstgebildeten Fürsten aufgeführt wurde, dass die einzelnen\nSänger-Yereine ihm so manchen herrlichen Chor vorzutragen Ge-\nlegenheit fanden, so wie die hohe Anerkennung, welche diesen\nOvationen zu Theil wurde alles dies trug nicht wenig zur He-\nbung des Ganzen und zur allgemeinen freudigen Begeisterung bei.\nUnter den Einzel-Vorträgen auf der Veste und später in der Sän-\ngerhalle zeichneten sich die Vereine von Hildburghausen, Würz-\nburg, Nürnberg, Erlangen, Gotha und Meiningen ganz besonders\naus. Anwesend waren die Directoren und Componisten Zöllner,\nGrabe, Brand, V. Becker, Wandersieb, Remmel, Kiesner und An-\ndere. Von hiesigen Vorständen hatten Stadt-Cantor Böhm und\nConcertmeister Späth, welcher letztere vor Jahren schon sich\num die Belebung grossartiger Sängerfeste in der französischen\nSchweiz einen verdienten Namen gemacht, die Leitung einiger Ge-\nsänge übernommen. Die Gesammt-Vorträge bestanden in 1. Cho-\nral aus der Can täte „Aller Seelen\" von E. H. z. S., nach\nwelchem dein hohen Componisten ein begeistertes Hoch von sämmt-\njichen Sängern ausgebracht wurde; 2) Fest-Motette von A.\nSpäth ein tüchtiges Werk, eigens für dieses Fest componirt\nund vom Componisten dirigirt; 3) Chor („0 Isis\") aus Mo zart's\nZauberflöte mit unterlegtem anderem Texte (0 Eintracht etc.)\nMozart's Zauberklänge, hier neunhundertstimmig ertönend, übten\neine hinreissende Gewalt auf die versammelte Menge ; 4) Schot-\ntischer Barden-Chor von Silcher; ö) Der frohe Wan-\ndersmann von Mendelssohn; 6) Liedesfreiheit von\nMarschner. Diese bekannten und mit Recht beliebten Compo-\nsitionen wurden vorzüglich ausgeführt. Den Sehluss der Gesammt-\nVorträge bildete 7) der schöne Hymnus von J. Otto. Dieser\nHymnus war, wie auch die Nrn. 1, 2, 3, sehr zweckentsprechend\nmit Blech-Instrumenten begleitet. Die Solo-Partieen hatte der Sän-\ngerkranz von Würzburg, die Direction V. Becker von dort über-\nnommen. Die Ausführung war eine treffliche. Die Composition\nanbelangend, so ist dieser Hymnus unstreitig eines der gelungen-\nsten Werke für Männergesang, welche aus der fruchtbaren Feder\nJ. Otto's geflossen. Er bekundet eine ausserordentliche Gewandt-\nheit in der Verwendung der vier, einen so engen Spielraum von\nkaum zwei Octaven bietenden Männerstimmen, ist massig in der\nModulation, weiss durch die abwechselnden Tact- und Ton-Arten\nSänger und Zuhörer zu fesseln und schliesst auf die würdigste\nWeise mit einem Fugensatze voll Kraft und Klarheit ab. Den\nSchluss der Gesänge auf der Veste bildete ein Lied „Vergissmein-\nnicht\", welches der coburger „Sängerkranz\" anstimmte, während\nJungfrauen der Stadt, welche, schön geschmückt, auch an dem\nfestlichen Zuge zur Veste Theil genommen hatten, die Fahnen der\nSänger-Vereine mit Kränzen und Erinnerungs-Bändern zierten. —\nAm Abende wurden die Einzelgesänge der Vereine im Beisein des\nherzoglichen Hofes in der Sängerhalle, wo bis zur Nacht die ge-\nmüthlichste Heiterkeit waltete, fortgesetzt.\nDer 30. Juli war zu Sängerfahrten nach den herzoglichen\nSchlössern Callenberg und Rosenau bestimmt- Beckers „Frisch,\nganze Compagnie\" wurde früh 6 Uhr als Sängerruf von dem Mu-\nsikcorps durch die Strassen der Stadt geblasen. Auch auf diesen\nLust-Partieen wurde manch erhebendes Lied angestimmt, dem Her-\nzoge (auf Rosenau) ein Festgesang von V. Becker gewidmet und\nzahlreiche harmonische Lebehochs Coburgs Fürsten und seinen\ngastfreundlichen Bewohnern ausgebracht. Die poetischen „Sänger-\ngrüsse\", sieben an der Zahl, welche bei diesem Feste vertheilt wur-\nden, sind grossentheils sehr sinnig und schön. Ein demnächst er-\nscheinendes Fest-Album mit Abbildungen wird sie bringen. Ein\nglänzender Ball beschloss das für Coburg und seine Sängergäste\nunvergessliche Fest, das sich durch musterhafte Anordnung, durch\ndie ungezwungenste Heiterkeit und durch das grossartige Zusam-\nmenwirken der vereinten Gesangeskräfte auf das vorteilhafteste\nauszeichnete.\nit\n#\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln« Unserer Stadt steht, und das sehr bald, ein Verlust\nbevor, der alle literarischen, künstlerischen und geselligen Kreise\ntief betrübt: Roderich Benedix vertauscht Köln, wo er fünf-\nzehn Jahre lang in den schönsten Verhältnissen gelebt hat und als\nDichter, Bürger und Mensch allgemein geschätzt und geliebt ist,\nmit Frankfurt a. M. Die dortige Actien-Theater-Gesellschaft hat\nihn zum Intendanten des Theaters der Stadt Frankfurt\nunter glänzenden Bedingungen berufen.\nWien. Fräul. Mayer hat bei ihrem fortgesetzten Gastspiele\nbesonders auch noch als Donna Anna im Don Juan Aufsehen er-\nregt. Sie gastirt jetzt in Pesth.\nDer berühmte Pianoforte-Virtuose Herr Alexander Drey-\nschock veranstaltete am 20. d. Mts. in Teplitz ein Concert, wei-\nches von der Creme des dort versammelten Adels und Publicums\nüberaus zahlreich besucht war.\nMeyerbeer ist in Spaa; bei seiner Ankunft am 31. Juli\nbrachte man ihm eine glänzende Abendmusik. Ob er der Einla-\ndung zu dem Musikfeste in Birmingham folgen wird, ist noch\nungewiss."}]}