{"numero_id": "bm-bmtnabi-1855-09-01-01", "volume": "bmtnabi_1855-09-01_01", "ocr_sha256": "4d2733411d259419bce080dc81b04f6527db216a75f526151749a5b1d80420de", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1855/09/01_01/bmtnabi_1855-09-01_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550901-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1855-09-01-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-09-01_01#c001", "volume": "bmtnabi_1855-09-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "273", "page_fin": "276", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550901-01.2.1", "titre_corps": "Zur Geschichte des Männergesanges.", "titre_sommaire": "Zur Geschichte des Männergesanges.", "signature_source": "L. 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Gute Anfänge dazu haben die Deutschen in neue-\nren Zeiten gemacht, meist in Bezug auf den Gesang in der\nKirche, namentlich auf das evangelische Kirchenlied (H.\nHoffmann, Häuser, Säemann, v. Winterfeld); auch C. F.\nBecker's Geschichte der Haus-Musik gehört dahin und man-\nches Frühere, z. B. Rochütz' Geschichte der Oper, obwohl\nfreilich nur eine dürftige Skizze, ferner Kiesewetter's Schick-\nsale des weltlichen Gesanges bis zur Entstehung der Oper\nu. s. w. Wie grossen Einfluss dergleichen Special-Geschich-\nten auf die richtige Beurtheilung der historischen Entwick-\nlung der Tonkunst überhaupt haben, ist durch einige Ar-\ntikel über die Geschichte der komischen Oper (Rhei-\nnische Musik-Zeitung, 11. Jahrg., 1851, Nr. 23 und 24)\nin Bezug auf die Gluck'sche Periode von uns zu zeigen\nversucht worden. So würden eine Geschichte des Orchesters,\nder Sinfonie, des Geigen-Quartettes, des Clavierspiels und\nseines Einflusses auf Composition in guter und böser Hin-\nsicht, u. s. w. gar sehr interessante und belehrende Mono-\ngraphieen geben.\nEine solche liegt uns für einen Zweig der Vocal-Mu-\nsik in folgendem Werke vor:\nDr. Otto Elben, der volksthümliche deutsche\nM ännergesang, seine Geschichte, seine gesell-\nschaftliche und nationale Bedeutung. Tübingen,\n1855.8v0. Verlag derLaupp'schen Buchhandlung.\nDass der Männergesang und seine merkwürdig schnelle\nVerbreitung ein Stück deutschen Lebens und Wesens sind,\nLässt sich nicht läugnen, und darin liegt ihre Berechtigung,\neinen Platz in der Culturgeschichte des deutschen Volkes,\nfast mehr noch als in der Geschichte der Tonkunst, zu fin-\nden. Von dieser Ansicht scheint auch der Verfasser dieses\nzeitgemässen Buches auszugehen; denn er betrachtet den\nMännergesang vorzugsweise von seiner nationalen Seite,\nwenngleich er die musicalische allerdings auch nicht ver-\nnachlässiget; ja> es ist lobenswerth, dass sein Enthusiasmus\nfür die volksthümliche Bedeutung des Männergesanges ihn\nnicht für die musicalischen Schwächen desselben verblendet.\nEine zweite Vorliebe, welche wohl mit der ersten zusam-\nmenhängt, nämlich für die Gestaltung des Sängerwesens in\nSüddeutschland und in der Schweiz, blickt überall durch,\nund gegen den Norden ist der Verfasser zuweilen fast\nungerecht, weil er die eigentlich künstlerische Entwicklung\ndes Männergesanges zu wenig berücksichtigt.\nEines Rückblickes auf die Uranfänge des deutschen\nMännergesanges und auf das Mittelalter (denn ohne derglei-\nchen kann es der deutsche Schriftsteller nun einmal nicht\nthun) enthält sich auch unser Verfasser nicht, obschon er\ngleich Anfangs sehr richtig sagt: „Der deutsche Männer-\ngesang wurzelt in dem Leben und den Kunst-Anschauun-\ngen unserer Zeit.\" Indess enthält dieser Rückblick\ndoch auch manche interessante Notiz, z. B. die Nachricht\nvon der Sing-Gesellschaft zum Antlitz in St.\nGallen, aus Prof. P. S cheitl in's Vorlesungen überdiese\nuralte Sing-Gesellschaft u. s. w. St. Gallen, 1838.\nDieser Verein wurde im Jahre 1620 gestiftet von\n„etlichen ehrlichen Bürgersöhnen, so zu der Musik eine\nsonderbare Anmuthung getragen und sich täglich in Zach.\nBünglers seiner Behausung darine exerciren\" wie es im\nStiflungs-Protocoll heisst. Im Jahre 1655 wurde ein Ves-\npertrunk von jedesmal drei Maass Wein für die ganze Ge-\nsellschaft gesetzlich festgestellt, also der echte Anfang einer\nLiedertafel. 1659 bewilligte der Rath der Stadt dem Ver-\neine „zum Antlitze\" 50 Gulden jährlich (und 1855\nschreit man wegen Ueber-Besteuerung der Bürger, wenn\neine KunstanstaU irgendwo aus dem „ Stadtseckel\", wie"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "274", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550901-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5024, "texte": "es dort heisst, unterstützt werden soll!). 1666 wurde das\n„Singerhäusli\" als eigenthümliches Gesellschaftshaus lür\n1200 Gulden erworben. Am 29. August 1820 feierte\nder Verein sein zweihunderljähriges Bestehen. Sämmtliche\nProtocolle sind noch vorhanden.\nDie eigentliche Geschichte des Männergesanges beginnt\nder Verfasser ganz richtig mit der Stiftung der (älteren) ber-\nliner Liedertafel durch Zelter (den 28.December 1808 ;\nals Stiftungstag wurde jedoch der 24. Januar 1809 ge-\nfeiert), nach welcher zunächst die jüngere, ebenfalls in Ber-\nlin, unter L. Berger, die zu Frankfurt an der Oder\nund zu Leipzig (Limburger und Fr. Schneider)\nentstanden; bald folgten Königsberg, Breslau (M ose wi u s),\nMagdeburg, Dessau, Göltingen, Hamburg (erst 1825 durch\nA. Met hfe sse 1) u. s. w.\nSodann geht der Verfasser auf die Schweiz über,\nbespricht den Volksgesang besonders in den Cantonen Ap-\npenzell und Zürich und die Verdienste des Pfarrers Weis-\nbau pt (seit 1853 in America) um das erste appen-\nzeller Sängerfest (1818, 1819?) und handelt dann\nbesonders ausführlich von Hans Georg Nägeli. Ich\nschätze allerdings mit dem Verfasser Nägeli's Wirken für\ndie Gesangbildung des Volkes hoch, um so mehr, da ich\nes nicht bloss vom Hörensagen kenne, sondern in den Jah-\nren 1818 —1822 in der Schweiz in pädagogischer Thä-\ntigkeit gelebt, Pestalozzi, Nägeli und Pfeiffer persönlich ge-\nkannt und an ihren Bestrebungen warmen und zum Theil\npraktischen Antheil genommen habe. Aber eben so genau\nwie jene schweizerischen Anfänge des Männergesanges\nkenne ich die norddeutschen, da ich 1812 in Berlin,\n1813 und 1814 bei dem preussischen Heere und von\nEnde 1814 bis 1818 wieder in Berlin war. Ich muss\ndaher dem Herrn Verfasser, wenn er H. G. Nägeli als\n„Schöpfer und ersten Begründer des Männer-\nchor-Gesanges\" aufstellt, aus dreifacher Erfahrung,\ndie ich als Soldat, als Student und als Musiker gemacht,\nund zwar früher als 1817, wo Nägeli's Gesangbildungs-\nLehre lür den Männerchor erschien, widersprechen.\nDer Verfasser hat sich durch Nägeli's eigene, etwas\nselbstgefällige Bemerkungen (die man dem sonst verdienst-\nvollen Manne wohl nachsehen kann, aber nicht zur Auto-\nrität lür geschichtliche Thatsachen machen darf) verleiten\nlassen. Nägeli sagt nämlich in der Vorrede zu dem oben\nerwähnten Werke: „Erst in den letzten Jahren (1817)\nhaben es auch in der Auswahl der (männlicheren) Texte\nsüdliche Componisten, wie z. B. Krufft, den nördlicheren,\nwie z. B. drei verschiedenen Componisten We-\nber, gleich gethan, so wie überhaupt Ehrenmeldung des-\nsen gebührt, was in dieser aufblühenden Kunstgattung wäh-\nrend der entscheidenden, Jahre iür Krieg und Sieg in dem\nneu aufblühenden Deutschland geleistet worden ist. Uebri-\ngens war es mit sehr wenigen Ausnahmen das Männer-\nQuartett, vier Solostimmen, worauf auch jene besseren\nCompositionen berechnet wurden.\" (S. 265.)\nDas ist historisch unrichtig, und der gute Nägeli über-\nhebt sich doch etwas stark, wenn er den nordischen Com-\nponisten und Sängern eine „Ehrenmeldung\",\nhonorable, grossmüthig zuerkennt; denn nur derjenige, der\ndurch seine Compositionen eine neue musicalische Gat-\ntung ins Leben ruft, ist der Schöpfer derselben, und dess-\nhalb ist der Schöpfer des volksthümlichen deutschen Ge-\nsanges für Männerchor nicht Nägeli, sondern einer von den\n„drei Webern\", die er in Bausch und Bogen abthut, der\nunsterbliche Carl Maria von Weber, und vor und mit\nihm die Z e i t, die grosse Zeit der Erhebung Deutschlands,\nderen Träger wahrlich aus der damals abgestorbenen und\nneutralen Schweiz weder Männer zum Streite, noch Sän-\nger zum Chor holen konnten.\nJene Compositionen Weber's (und auch Anderer schon\nim Jahre 1813) waren keineswegs lür ein Solo-Quartett\ngeschrieben, man müsste denn behaupten, die Abtheilungen\nfreiwilliger Jäger bei allen preussischen Regimentern hätten\naus lauter Solosängern bestanden. Freilich nimmt man es\nim Felde mit dem vierstimmigen Gesänge nicht sehr genau;\nallein im Chor, und bei manchen Regimentern auch in ganz\nhübschem Chor, wurde gesungen. Führt doch der Verfasser\nselbst (S. 31) einen Brief von Jahn an, in welchem es\nheisst: „Das dritte Bataillon Lützow, das jetzige (1846)\nFüsilier-Bataillon vom 25. Linien-Infanterie-Regimente,\nhatte zuerst von allen Truppen einen Sängerchor (nicht\nein Sänger-Quartett!). Zelter hatte für mich Arndt's „ „Was\nist des Deutschen Vaterland\"\" gesetzt\" u. s. w. Natür-\nlich liefen, wie das bei Soldaten nicht anders möglich ist,\nauch manche rohe Lieder mit unter.\nAls aber die Freiwilligen wieder Studenten geworden,\ndie Landwehrmänner wieder zu ihrem bürgerlichen Berufe\nzurückgekehrt waren, da erklang sehr bald in Deutschland\nder eigentliche Männergesang im Chor, ehe man von den\nBestrebungen Nägeli's, welche übrigens erst 1817 ins\nLicht traten, etwas wusste. Und kann irgend ein Mensch\nglauben, die Freiheitslieder von Th. Körner, E. M. Arndt,\nMax von Schenkendorf u. A. seien lür Einzelne gedichtet?\nAuch der schlechteste Componist der damaligen Zeit sah\nein, dass hier nur der Gesang von einem ganzen Chor"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "275", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550901-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5118, "texte": "wirksam sein könne. Und vollends C. M. von Weber!\nMan denke sich „Lützow's wilde Jagd\" als Solo-Quartett!\nWeber bat diese Körner'schen Lieder aber schon 1814\ncomponirt, was der Verfasser selbst recht gut weiss, indem\ner S. 220 folgende interessante „Mitteilung des Herrn\nMusik-Directors Jähns in Berlin\" abdrucken lässt, in\ndessen Besitz Weber's Original-Manuscript der „Lieder aus\nLeier und Schwert\" ist, wie er sagt, worin die genaueren\nZeit-Angaben also bestimmt werden: „Lützow's Jagd und\ndas Schwertlied am 13. September 1814 auf dem herzog-\nlich gothaischen Luslschlosse Tonna; Männer und Buben\nam 23. September zu Altenburg; Trinklied vor der Schlacht\nam 19. October zu Prag; Reiterlied am 20. October;\nHör' uns, Allmächtiger, am 21. October; Vater, ich rufe\nDich, am 19. November; Abschied vom Leben am 20. No-\nvember ; ohne Datum: „ „Herz, lass' dich nicht zerspalten\"\"\nund „ „Mein Vaterland\" \" —alle zu Prag.\" —Diese Lieder\nwurden auf dem Theater zu Prag noch in demselben\nJahre 1814, und zwar, wie natürlich, im Chor, aufge-\nführt; in Berlin öffentlich zuerst 1815 in einem Stu-\ndenten-Concerte, welches die unter dem Namen „Akade-\nmischer Verein\" zu einem Ganzen verbundenen Landsmann-\nschaften den sämmtlichen Professoren, ihren Familien und\nanderen Eingeladenen im alten Saale der Sing-Akademie\ngaben. Hier wurden drei bis vier der Weber'schen Lieder\nvon einem Chor von 48 Studenten gesungen, den ich\nselbst eingeübt hatte, wesshalb mir denn auch die Ehre\nwurde, das Concert zu dirigiren, bei dessen Orchester\nübrigens noch das merkwürdig war, dass alle Instrumente,\nsogar zwei Contrabässe, von Studenten besetzt waren. Bald\ndarauf wurden jene Chorgesänge in allen grösseren geselli-\ngen Vereinen in Berlin und auch auf der Bühne gesungen,\nund 1815 war beim Heere „Lützow's wilde Jagd\" be-\nreits zum Volksliede geworden. Es bildeten sich in vielen\nStädten Deutschlands Vereine für Männergesang, und zwar\nvorzüglich, um die Weber'schen Chöre zu singen. Das sind\nThatsachen; und dass diese weit tiefer in das deutsche Leben\neingriffen und dem nationalen Männergesange Bahn brachen,\nals die vereinzelten und keineswegs vom gehobenen Geiste\ndes deutschen Volksthumes getragenen, sondern mehr pä-\ndagogischen Bestrebungen Nägeli's, kann keine Frage sein.\nDass diese letzteren, welche wir vorzugsweise päda-\ngogisch nennen, das Wort im höheren Sinne, als die Er-\nziehung des Volkes umfassend, genommen, ihr grosses\nVerdienst haben, ist schon oben von uns anerkannt worden.\nDurch das Gesagte wollten wir nur den historischen Stand-\npunkt in das richtige Licht stellen.\nWas nun den künstlerischen betrifft, so können wir die\nS. 41 ausgesprochene Ansicht des Verfassers, welche auf\nNägeli'schen Grundsätzen beruht, die auch bei R. Wag-\nner wieder spuken, dass „die warme Durchdringung des\nVolkes durch die musicalische Kunst erst dann erfolgt\nist, wenn es s e 1 b s t die wesentliche Stellung bei\nHervorbringung des Kunstwerkes einnimmt,\"\nkeineswegs unterschreiben. Ein Volk von so musicali-\nscher Bildungsgabe, dass es selbst Kunstwerke schafft, ist\nein Ideal oder vielmehr ein Hirngespinnst, und vor den\nKunstwerken des Volkes, wie es in der That ist, möge uns\nder Himmel bewahren ! Wie gefährlich lür die Kunst, auch\nnur in der Reproduction, selbst nur in Bezug auf den Män-\nnergesang, jener Grundsatz sei, haben wir kürzlich in zwei\nArtikeln „Ueber den deutschen Männergesang\" in Nr.\n232 und 233 der Kölnischen Zeitung zu zeigen versucht.\nAuch haben wir dort Stellen aus dem Buche des Herrn\nDr. Elben selbst (aus dem Abschnitte „Ueber den Männer-\ngesang als musicalische Kunstform\") angeführt, die be-\nweisen, dass er die Gefahr einer gewissen Popularität,\nwelche das Seichte begünstigt, eben so gut kennt und\nfürchtet, wie wir.\nDer Verfasser verfolgt sodann die Ausbreitung des\nMännerchors in der Schweiz, in Schwaben Stuttgarter\nLiederkranz und die Schillerfeste —, in Baden, Baiern,\nOesterreich, am Rheine, in Thüringen, Norddeutschland\n(Schleswig-Holstein) u. s. w. und -berichtet über die gros-\nsen Sängerfeste in den dreissiger und vierziger Jahren. Bei\ndem Mangel an Vorarbeiten auf diesem Gebiete ist der\nFleiss, mit welchem die einzelnen Nachrichten zusammen-\ngetragen sind, anzuerkennen; die Ordnung des reichhalti-\ngen Stoffes hätte jedoch vielleicht etwas logischer sein kön-\nnen; sie ist jetzt mehr aphoristisch, wesshalb denn auch\nWiederholungen nicht zu vermeiden waren. Wenn der\nVerfasser den norddeutschen Festen auch in der histori-\nschen Uebersicht zuweilen noch den Vorwurf der „Abge-\nschlossenheit\" macht, so erregt dies die Vermuthung, dass\ner den meisten derselben nicht beigewohnt habe. Dass aber\ndie norddeutschen Feste neben dem volkstümlichen auch\nden künstlerischen Charakter stets zu wahren gesucht\nhaben, das rechnen wir ihnen nicht zum Vorwurfe, son-\ndern zum Verdienste an. Auch hätte, meinen wir, die Ge-\nwissenhaftigkeit des Geschichtschreibers erfordert, der Ab-\nwege zu gedenken, auf welche die alleinige Berück-\nsichtigung des volkstümlichen Elementes im Männerge-\nsange geführt hat, indem sie bei manchen Vereinen und\nfestlichen Zusammenkünften das künstlerische ganz und"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "276", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550901-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3180, "texte": "gar in den Hintergrund drängte und den Gesang zu einer\nblossen Zugabe zu Volksfesten machte*).\nDen internationalen Festen (deutsch-vlaemischen, nie-\nderrheinisch-niederländischen) wird vom Verfasser noch eine\nzu grosse Bedeutung beigelegt; thatsächlich existiren die\nSänger-Bündnisse, welche sie veranlassten, gar nicht mehr,\nwas nicht unerwähnt bleiben durfte, wahrscheinlich aber\ndem Verfasser unbekannt geblieben ist. Die Wettstreite\noder Concours,welche die Belgier dann und wann noch\nausschreiben, werden von dem kölner Männergesang-\nVereine grundsätzlich nicht mehr besucht, und der nie-\nderrheinisch-niederländische Bund ist seit 1852 aufgelöst,\nwo von sämmtlichen holländischen Liedertäflern nicht\nnur das Fest, sondern auch mit ihm der einzige anwesende\nNiederländer, der zum zweiten Fest-Dirigenten statutmässig\nim vorigen Jahre gewählte wackere Director der Lieder-\ntafel in Utrecht, Herr Crayvanger, auf schmähliche Weise\nim Stich gelassen wurde. Seitdem sind die nie der rhei-\nnischen Sängerfeste (in Cleve, Crefeld u. s. w.) gegrün-\ndet, worüber Nr. 33 dieses Jahrganges unserer Zeitschrift\nzu vergleichen. Als besonders charakteristisch für jene ein-\ngegangenen niederrheinisch-niederländischen Feste hätten\ndie zwei Bestimmungen der Statuten erwähnt werden sol-\nlen, dass der undeutsche Gesang-Wettstreit um Preise nie\nStatt finden und kein Lied da gesungen werden dürfe.\nVon letzterer wurde nur Einmal zu Arnheim in Holland\nim Jahre 1848 eine Ausnahme gemacht, und zwar, merk-\nwürdig genug auf diesem Boden, zu Gunsten von Arndt's\nund Reichhard's „Was ist des Deutschen Vaterland\". Dem\nstürmischen Rufe nach Wiederholung musste ich als Diri-\ngent nachgeben, forderte aber die Zuhörerschaft auf, beim\nletzten Verse in den Chor der Sänger einzustimmen; und\nals nun mit dem bis dahin versparten Einfallen des vollen\nOrchesters der Vers begann: „Das ganze Deutschland soll\nes sein\", da erhoben sich die Tausende von Zuhörern\nes waren 4800 und einige numerirte Plätze vergeben\nalle von ihren Sitzen und sangen in allen Stimmen vom\nSopran bis zum Bass mit darein, während draussen die\nKanonen donnerten und sämmlliche Bannerträger der Ge-\nsang-Vereine an die Brüstung der Tonbühne traten und\ndie Fahnen schwenkten. Es dürfte dies ein Beweis sein,\ndass auch im Norden der volkstümliche Charakter der\nSängerfeste, und zwar mit dem künstlerischen zugleich\ndenn wir sangen damals auch sehr schwierige polyphone\nCompositionen —, sich auf eine erhebende Weise geltend\nmachte.\nEin umfangreicher und sehr werthvoüer Abschnitt des\nBuches bespricht von S. 206 bis S. 258 die bisherigen\nCompositionen für Männergesang; wie das Buch über-\nhaupt, so verdient dieser Abschnitt insbesondere allen Lie-\ndertafeln und Männergesang-Vereinen empfohlen zu werden.\nMit den Urtheilen des Verfassers stimmen wir, mit weni-\ngen Ausnahmen über einige Zeitgenossen, überein. Seite\n252 sind noch G. Flügel, Erfurt und besonders Wilhelm\nTschirch hinzuzufügen.\n*) Vergl. den Aufsatz von H. W. „Ueber rnusica tische\nZeilfragen, mit besonderer Berücksichtigung\nder badischen Männergesang-Vereine,\" in der\nfrüher von uns herausgegebenen „Rheinischen Musik-ZeitungI',\nJahrg. 1850, Nr. 16 und 17.\n\nL. 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Nr. 11 und Nr. 12.)\nWir reihen den Urtheilen von Prof. Jahn (Jahrg. 11.,\n1854, Nr. 5 u. 6), Julian Schmidt und Ed. Hanslick über\nWagner den Auszug eines Berichtes über die Aufführung\ndes Tannhäuser zu München in der augsb. „Allg. Zei-\ntung\", Nr. 236 u. 237, gezeichnet A. (Prof. Riehl?), an.\nDer geist- und urtheilsvolle Verfasser verbreitet sich\nim ersten Artikel hauptsächlich über die Poesie Wagner's\nund zeigt ausführlich, dass Wagner den schönen Stoff der\ndeutschen Sage, wie er in der einzigen Quelle derselben,\ndem Volksliede vom Tannhäuser (nämlich dem echten, nicht\ndem von neueren Dichtern entstellten), liegt, sehr unpoetisch\naufgefasst und unkünstlerisch auch in Bezug auf die Form\nbehandelt habe. Wir theilen daraus Folgendes mit:\n„So haben wir denn auf unserer Hofbühne zum drit-\nten Male Gelegenheit gehabt, das hervorragendste Product\nder Zukunfts-Musik an uns vorüber gehen zu sehen den\nTannhäuser. Das Publicum hat auch diesmal wieder hier\nund da Beifall geklatscht, wie wir es bei jeder Bühnen-\nNovität gewohnt sind, mögen nun Pepita-Beine auf den\nBrettern herumspringen oder uns Proben aus der komi-\nschen und traurigen Schauspiel-Dichtung der Gegenwart\nvorgeführt werden. Gab es doch für das schaulustige Auge\ngenug Nochniegesehenes, für das gespitzte Ohr Nochnie-\ngehörtes, für das nach ästhetischem Genüsse, nach poeti-\nscher Wahrheit begierige Herz aber was denn eigent-\nlich? In den Intentionen Richard Wagner's liegt es, durch\n„ „ das innige Zusammenwirken aller Künste für Einen\nZweck\" \" uns den Genuss des höchsten und umfassendsten"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "277", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550901-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5249, "texte": "Kunstwerkes zu geben, und das sei das musicalische Drama,\nwie er es in seinem fliegenden Holländer, Tannhäuser, Lo-\nhengrin u. s. w. mustergültig angebaut zu haben glaubt.\nEs wäre freilich der höchste Triumph des Geistes, wenn in\nEinem und demselben Menschen sich zu der musicalischen\nSchöpferkraft Mozart's und Beethoven's die poetische Fülle\nund Grösse der hellenischen Tragiker, Göthe's und Shake-\nspeare's, sammt der plastischen Gestaltungskraft eines Phi-\ndias und Raphael gesellte; aber eine solche Vereinigung in\neiner einzigen Individualität gehört eben so gut in das\nLand der Träume, als hundert andere idealistische Pbantas-\nmagorieen, welchen Richard Wagner sich rücksichtslos\nüberlässt. Wollen wir einstweilen froh sein, dass es einen\nMozart, einen Shakespeare, einen Raphael gegeben, wollen\nwir wünschen, dass es auch für die Zukunft noch solcher\narmen Schlucker mehr gebe, welche gleich den Genannten\nnur in einer einzigen Kunst sich bestreben, ihre Gedanken\nin künstlerischer Klarheit und mit der heiligen Begeisterung\nwiederzugeben, die über alle Verstandes-Capricen eingebil-\ndeter Universal-Genie's hinausreicht und in ihrer geheiligten\nEinfalt allen Anforderungen der wahren Kunst entspre-\nchende Werke schafft.\n„Richard Wagner schweben die altenUeberlieferungen,\nnach welchen die Griechen unter Musik vorzüglich Ton-\nkunst, Dichtkunst und Redekunst verstanden, vor, und er\nunterfangt sich, was sich mit der Zeit auf ganz natürliche\nWeise abgelös't und getheilt und als nunmehriges Ganzes\nselbstständig entwickelt hat, wieder in ein Einziges zu ver-\nschmelzen und so dem historischen und natürlichen Rechte\nvorzugreifen.\n* „Er glaubt, die Musik zu etwas nöthigen zu können,\nwas ihr nun einmal widerstrebt, und verfällt in Ungeheuer-\nlichkeiten und Absurditäten, wie in der Theorie, so in der\nPraxis. Hier wie dort scheint gar Vieles nur neu und\noriginel durch die Uebertreibung und Verzerrung manches\nschon Dagewesenen, und Manches ist neu und originel, aber\ndesswegen noch nicht schön und wahr. Freilich finden wir\nauch wahrhaft Empfundenes und Gutes, und wir würden\nden Tannhäuser immerhin als das Product eines Talentes\ngelten lassen, ob auch eines Talentes auf Irrwegen, wir\nwürden ihn gern gelten lassen, wenn er uns nicht mit die-\nser Prätention geboten würde, und wenn uns nicht tag-\ntäglich seine harmlosen Schildträger versichern zu müssen\nglaubten, dass hier die Poesie und Musik in innigem Ver-\neine das schönste Triumphfest feierten und nach langer\nBarbarei eine neue Aera für die holden Geschwisterkünste\nj:\nerblühe. Es ist der Kritik somit eben sowohl geboten, auf\nText und Musik einzeln, als auf die Gesammt-Wirkung ge-\ngenüber der ästhetischen Anforderung einzugehen.\n„Was die Dichtung anbelangt, so sind wir mit Wagner\nvollkommen einverstanden, dass man zu unseren nationalen\nSagen zurückgreifen müsse. Aber was seine Behand-\nlung der schönen Tannhäuser-Sage betrifft, so müssen wir\neine entschiedene Missbilligung aussprechen, und wir be-\ngreifen >nur nicht, wie man seither diese dilettantische Ar-\nbeit, welche allen Zauber von der Sage gestreift hat, nur\npassiren lassen wollte. Wäre uns die Arbeit als ein gewöhn-\nlicher Operntext gegeben, nun, so fände er schon seine\nEntschuldigung in der seitherigen Behandlung, wie man sie\ngewohnt war. Aber er wird uns ja als freie, selbstständige\nund mit der Musik gleichberechtigte poetische Schöpfung\ngeboten. Hat Richard Wagner je das alte, herrliche Volks-\nlied vom Tannhäuser gelesen? Wir glauben nach seinem\nTexte nicht, dass er sich je darum gekümmert habe, ob\nein solches existire, und die hochgelahrten, gestrengen Re-\ndactionen gewisser leipziger kritischer Zeitschriften schei-\nnen, nach ihrem Geplauder über Tannhäuser zu schliessen,\nauch von dessen Existenz keine Ahnung zu haben, obgleich\ndas Lied beinahe in allen Volkslieder-Sammlungen figurirt.\nMan scheint in gewissen Kreisen der literarischen Welt die\ndeutschen Sagen nur nach den unerträglich seichten, ab-\nschwächenden und geradezu verwerflichen Behandlungen,\nwelche sie eine Zeit lang selbst von unseren bekanntesten\nLyrikern erfuhren, zu beurtheilen, und es ist wirklich ein\nGraus, in welche sentimentale Brühe unter Anderen beson-\nders auch der arme Tannhäuser von einigen modernen\ndeutschen Dichtern getaucht worden ist. Wir müssen selbst\nder originellen Bearbeitung dieses Stoffes von Heine die\nwahre Bedeutung absprechen; was aber sollen wir von\neiner Arbeit sagen, wie sie Richard Wagner seiner Musik\nunterlegt? Der Stil salopp, der Vers meistens holperig und\nstammelnd, die Diction ohne allen poetischen Hauch. Was\ndie Wagner'sche Auffassung betrifft, so ist sie bei Weitem\noberflächlicher, gedankenleerer, als der Sinn der Sage\nselbst; und wenn Gutzkow in den Unterhaltungen am häus-\nlichen Heerde einmal die Vermuthung aussprach, dass un-\nter der Frau Holle des Hörseiberges doch wohl noch etwas\nAnderes gemeint sein könne, als die Repräsentantin einer\nVenus-Wirthschaft ä laParis, so wird ihm wohl jeder\ngern beistimmen, der, unserem Grimm folgend, ein wenig\nweiter in die Geheimnisse unserer Mythenwelt gedrungen\nist, als bis an die äussere Pforte. Die ganze schöne Sage,\nwie sie das Volkslied in so drastischer, poetischer Weise\nbringt, und besonders der Schluss desselben, welcher sie"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "278", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550901-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5031, "texte": "eben so bedeutungsvoll erscheinen lässt, als die von Bar-\nbarossa, ist in dem pedantisch steifen Opern-Texte ihres\nwunderbaren Zaubers und ihres prophetischen Geistes ent-\nkleidet.\n„Frau Holle im Hörseiberge ist nichts Anderes, als jene\naltgermanische Göttin der Natur selbst, welcher zu nahen\ndas Christenthum warnt, und deren Treiben sie als der\nHölle Lust schildert. Aber Viele gehen dennoch hin und\nsind dann verdammt. Es ist nur zufällig und verräth ge-\nlehrten Einfluss, dass Frau Holle im Liede Venus heisst;\ndenn in der eigentlichen Volkssage wird sie nirgends so\ngenannt. Wir verübeln es darum Richard Wagner sehr,\ndass er bei einer deutschen Dichtung, wie er sie doch lie-\nfern wollte, nicht nur den Namen, sondern auch den Be-\ngriff der Venus beibehielt, sie statt mit den in der germa-\nnischen Natur-Anschauung bedingten Nixen und Elfen,\nwelche Göthe und Shakespeare, die von ihm verachteten\nDichter, mit so zauberhafter Feder gezeichnet, alberner\nWeise mit Najaden, Bacchantinnen, Nymphen und Sirenen,\nvon denen die deutsche Sage nichts weiss, umgibt. Ueber-\nhaupt zeigt er sich in der ganzen Behandlung des Stoffes\nals ein vollkommen Uneingeweihter. Fenelon's Calypso hat\nihm, seheint es, vorgeschwebt—wir sagen absichtlich: Fe-\nnelon's Calypso— ; denn die ganze Behandlung der Sage\nerinnert augenblicklich an die Auffassung und Bearbeitung\nantiker und romantischer Sagenstoffe im Jahrhundert der\nPerrücken, und wir werden auf jeder Seite des Textbuches\nan die Lohensteine, Hofimannswaldau, die Pegnitzschäfer\nund andere barocke Dichter-Exemplare jener Zeit erinnert,\nnicht allein was den Mangel an historischem Sinne betrifft,\nsondern auch in dem unnatürlichen Gange des Versbaues\nund dem Schwulst des Ausdruckes.\n„Von einer individualisirenden Charakteristik, mit wel-\ncher der Sage sowohl als dem poetischen Bedürfniss eine\nGenüge geleistet worden wäre, ist durch den ganzen Opern-\nText hindurch nichts zu finden; denn Wagner hat es für\ngut befunden, nur das Moment der sinnlichen Liebe her-\nvorzuheben und zu behandeln, während er nicht einmal,\nwie er es doch hätte nach dieser Auffassung thun müssen,\ndie demselben gegenüber stehenden Momente der sittlichen\nNatur des Menschen fest und bestimmt gezeichnet hat.\nDarum finden wir weder eine Entwicklung des Streites\ncontrastirender Principien, wie es doch die tragische An-\nforderung bedingt, noch zuletzt eine versöhnende und süh-\nnende Lösung, die unserem ästhetischen Gefühle genügen\nkönnte. Wohl aber sehen wir oft genug durch die ganze\nHandlung hindureh psychologische Widersprüche der ärger-\nliebsten Art. Nachdem einmal Wagner die Liebe zu Elisa-\nbeth ex abrupto hereingebracht hat, hätte er sie auch mo-\ntiviren sollen, da wir nicht begreifen, wie sein Tannhäu-\nser, der lüsterne Don Juan, Elisabeth's Herz erobern\nkonnte, wie es auch nicht klar ist, warum er, der Frau\nVenus absagend, von reiner Liebe singt, und im Gegen-\nsatze dann vor Elisabeth Preislieder von der Frau Venus\nvorträgt. Eben so wenig wissen wir, wie Tannhäuser mit\nEinem Male zu dem Rufe:\n„Mein Heil, mein Heil ruht in Maria!\"\nkommt. Ferner wissen wir nicht, warum er überhaupt\nnach Rom zieht, da er doch keine Reue fühlt und nach der\nVerweigerung der Absolution Ekel äussert vor den christ-\nlichen rituellen Gebräuchen. Wie poetisch schön und ein-\nfach und wie psychologisch richtig gibt das Volkslied die\nEmpfindungen des nicht erlös'ten Tannhäuser gegen die\nexaltirte und affectirte Verzweiflung desselben bei Wag-\nner! Zuletzt muss nach Wagner Elisabeth sterben, und nur\nauf ihre Fürbitte erhält der sterbende Tannhäuser Erhö-\nrung bei Gott und Seligkeit. Das heisst doch der ganzen\nBedeutung, dem besten Werthe der Sage die Spitze ab-\nbrechen! Was hilft da alle Decorations-Nachhülfe mit Son-\nnenaufgang und Rosenschimmer! Sie geben uns die poeti-\nsche Befriedigung nicht, die wir in der Dichtung selbst zu\nfinden glaubten.\n„Um aber zu zeigen, dass diese „dramatische Dichtung\"\nWagner's auch in anderer Hinsicht nichts weiter ist als ein\nOpern-Text, wie wir schon manche andere halten, dürfen\nwir nur die beliebten Sirenen, Bacchantinnen, Najaden und\nNymphen im deutschen Hörseiberge, daneben Pilger-\nscharen mit Rosenkränzen, Hirten-Schalmeien, schmucke\nPagen, Jäger, Ritter u. s. w. beschauen. Also vollkommen,\nwie seither in der Oper, oder noch schlimmer; denn einer\nsolchen Vermischung antiker und mittelalterlicher Namen\nund Begriffe begegnen wir doch in keinem unserer besse-\nren Opern-Texte. Das ist freilich romantisch, und\nzwar sehr romantisch; aber ob germanisch, ob deutsch,\nwie er selbst und noch mehr seine Bewunderer glauben,\ndas ist eine Frage, die wir, um einer Begriffs-Verwir-\nrung zu begegnen, welche auch das gebildete Publicum\nzu beherrschen scheint, entschieden mit „Nein\" beantwor-\nten müssen.\n„Wagner hat, wenn auch Sympathie lür den Stoff,\ndoch durchaus kein Verständniss der deutschen Sage und\ndes deutschen Wesens; er gehört ganz und gar zu der\nneu-romantischen, französischen Schule und weiss seine\nStoffe durchaus nur mit der Intention eines begabteren"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "279", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550901-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1366, "texte": "Dilettanten zu behandeln. Wenn selbst so genannte Gebil-\ndete diese Arbeit als eine berechtigte Dichtung gelten las-\nsen wollen, so charakterisirt dies immerhin die niederen\nBegriffe, welche unser Geschlecht, durch so viele geschmack-\nlose Genialitäten an das Skizzenhafte, Unreife, Halbfertige\ngewöhnt, noch vom wahren Kunstwerke hat. Und es ist\nvon Wagner selbst eine unbegreifliche Verblendung und\nAnmaassung, seine dürftigen Texte als Kunstschöpfungen,\nund zwar als sehr hohe, geltend machen zu wollen. Wenn\ner, wie es scheint, diese pedantischen Arbeiten für das ein-\nzig Gute in unserer Poesie hält, so ist dann wenigstens\nsein kühner Ausspruch über die Unfähigkeit unserer Spra-\nche, sich poetisch auszudrücken, einiger Maassen gerecht-\nfertigt; denn man kann sich doch kaum eines milden Lä-\nchelns beim Lesen dieser aufgeblasen einherschreitenden\nund bei jedem Schritte über ihre eigenen Beine stolpern-\nden Jamben erwehren.\n„ Wir entdeckten nur bei dem Hirtenliede und\ndem (bis zum Uebermaasse wiederkehrenden) Pilgersange\neinen leisen Anhauch des Volkstones, welcher diesem gan-\nzen Stoffe so angemessen gewesen wäre, während jetzt be-\nsonders die Lieder der Sänger im zweiten Acte alles lyri-\nschen Schwunges, alles natürlichen Klanges entbehren, von\nSangbarkeit nichts an sich haben und kalt, gespreizt, steif\nrhetorisch gehalten sind.'4\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-09-01-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-09-01_01#c003", "volume": "bmtnabi_1855-09-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "279", "page_fin": "279", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550901-01.2.3", "titre_corps": "Biographische Notizen.", "titre_sommaire": "Biographische Notizen.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "279", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550901-01.1.7", "debut_caractere": 1368, "fin_caractere_exclue": 2903, "texte": "Biographische Notizen.\n1. Christoph Rudolph Breidenstein, Sohn des Orga-\nnisten und Musiklehrers Johannes Breidenstein, wurde am 20. April\n1821 in Erfurt geboren. Musik-Unterricht empfing er zunächst von\nseinem Vater und einem Onkel, der auch Organist war. Nach\ndem Tode seines Vaters genoss er den Unterricht des Musik-Di-\nrectors Ketschau und im doppelten Contrapunkte den des Orga-\nnisten Gebhardi. Im Jahre 1832 (also in seinem zwölften Jahre)\nübernahm er die Stelle seines verstorbenen Vaters als Organist an\nder Allerheiligen-Kirche in Erfurt; 1845 wurde er nach Dortmund\nberufen als Musik-Director des Musik-Vereins. Er hat bisher, wie\nbekannt, sechs Männergesang-Feste des Märkisch-Westfälischen Sän-\nger-Vereins, so wie das 1852 in Hamm und 1855 in Dortmund\ngefeierte westfälische Musikfest geleitet.\n2. Bischoff, Georg Friedr., geboren den 21. September\n1780 zu Ellrich, gestorben den 7. September 1841 in Hildesheim.\nGassner gibt den 7. April als Sterbetag an; ich habe jedoch diese\nNotiz nicht nur aus dem Kirchenbuche, sondern auch von Bischoff's\nTochter eingeholt.\n3. Flügel, Gustav, geboren den 2. Juli 1812 zu Nienburg\nan der Saale, studirte von 1827—1830 bei Dr. Friedr. Schneider\nzu Dessau Theorie der Musik, prakticirte dann bis 1840 zu Nien-\nburg, Bernburg, Cöthen und Magdeburg, von 1840—1850 zu Stet-\ntin, wo er auch mit seinen Sonaten hervortrat. 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In der letzten Sitzung der philharmonischen Ge-\nsellschaft hörten wir zwei Compositionen für grosses Orchester\nvon Friedr. Wil h. Vo i gt, eine Ouvertüre zu Shakespeare's\nOthello und einen grossen Triumph-Marsch. Beide bekun-\nden ein schönes Talent und beweisen, dass der noch sehr junge\nComponist bereits eine lobenswerthe Gewandtheit in der Handha-\nbung der Instrumental-Massen erlangt hat. Die Ouvertüre (D-moll)\nist auf gut erfundenen Motiven, von denen das Haupt-Thema das\nam meisten charakteristische ist, gebaut und entspricht der düste-\nren Farbe des Drama's; der rasende Mohr ist vollständig darin,\nallein die sanfte Desdemona dürfte man vermissen; wenigstens hal-\nten die melodiösen Stellen den Vergleich mit den aufregenden und\nleidenschaftlichen nicht aus, welche letztere oft ganz vorzüglich\ngelungen sind. Die Ouvertüre ist von der Intendantur der könig-\nlichen Schauspiele zu Berlin zur jedesmaligen Aufführung des\ngenannten Trauerspiels angenommen worden.\nHerr Voigt ist aus Köln, Sohn des Capellmeisters des Musik-\ncorps vom k. 30. Infanterie-Regimente. Er hat die Rheinische\nMusikschule hierselbst zwei Jahre lang besucht; seine in den\nPrüfungs-Concerten aufgeführten Compositionen (ein Ave Maria für\nChor und Orchester und eine Ouvertüre) erhielten schon damals\nverdienten Beifall. Se. Maj. der König bewilligte ihm ein Stipen-\ndium, und er ist von da ab Schüler der k. Akademie der Künste\nund Accessist der k. Capelle in Berlin. In der öffentlichen\nSitzung der Akademie vom 17. Juli d. J. erhielt er den ersten\nPreis in der musicalischen Compositum für eine Ouvertüre im\nstrengen Stil und eine Arie mit Chor und Orchester auf Textes-\nworte aus dem 139. Psalme. Beide Werke sind in den berliner\nBlättern sehr günstig beurtheilt worden.\nMotu. Ferdinand Hiller hat uns gestern verlassen, um\ndie Ferienzeit der Musikschule im Seebade zu Trouville im\nnördlichen Frankreich zuzubringen, wohin er von Rossini zu\neinem Besuche in sehr freundlichen Zeilen eingeladen worden ist.\nVorgestern, am 30. August, hatten sich auf Veranlassung des\nVorstandes und des Lehrer-Collegiums der Rheinischen Musikschule\ndie zahlreichen Freunde von Rod er ich Benedix im grossen\nSaale des Hotel Disch zu einem Ehrenmahle für den deutschen\nDichter, der dreizehn Jahre in Köln gelebt und gewirkt hat und\njetzt als Intendant des Stadttheaters nach Frankfurt am Main geht,\nversammelt. Benedix, der nicht bloss als Dichter, sondern auch als\nLehrer, Bürger und Mensch sich hier nicht nur die allgemeine\nAchtung, sondern, man kann im vollen Sinne des Wortes sagen,\ndie Liebe aller, die ihn kennen, erworben hat, wurde auf die\nmannigfaltigste Weise durch Gedichte (von Wolfgang Müller,\nInk er mann- Stern au, A. Pütz), Compositionen (Männer-Quar-\ntett von F. Hiller, achtstimmiger Canon von A. Pütz). Anreden\n(von Hill er, Dombaumeister Zwirner, Prof. Bischoff, Alb.\nHeim ann) u. s. w. gefeiert, wobei neben dem Ernste und der\nWehmuth auch der Humor waltete, jener echte kölnische Humor,\nden Benedix selbst, der einige Male, obwohl sehr bewegt, vortreff-\nlich sprach, mit Recht eine Blüthe der Humanität, weil er aus Ge-\nmülh und Herzen stamme, nannte. Aber auch an einem bleiben-\nden Denkmale dieses Tages sollte es dem Gefeierten nicht fehlen;\nCapellmeister Hiller überreichte ihm im Namen der Direction der"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "280", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550901-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5070, "texte": "Musikschule und seiner Amtsgenossen an derselben einen kostba-\nren Kelch in Form eines kolossalen Römers von schwer vergolde-\ntem Silber und trefflicher Kunstarbeit, am breiten oberen Rande\nmit einer Inschrift und Widmung geziert.\nICms, 24. August. De Beriot weilt gegenwärtig hier, aber\nnicht in der Absicht, Concerte zu geben, sondern zur Wiederher-\nstellung seiner Gesundheit. Leider ist der grosse Künstler, der einst\nals erster Violinist Frankreichs und an der Seite einer Malibran\nglänzte, fast gänzlich des Augenlichtes beraubt und kann in diesem\nbeklagenswerthen Zustande nicht einen Augenblick fremder Stütze\nund Führung entbehren. Wenn wir nicht irren, war es im Herbste\n1839, als er Süddcutschland zum letzten Male auf seinen Kunst-\nreisen besuchte. Auch Henri Herz wird in einigen Tagen er-\nwartet. Schon seit einigen Jahren kommt er im Spätsommer her,\nsobald die Ferien des pariser Gonservatoriums beginnen, und pflegt\nsich neben dem Gebrauche der Heilquellen sehr eifrig mit Com-\npositionen zu beschäftigen.\nEmling-* Das ostpreussische Sängerfest vom 29.—31. Juli er-\nfreute sich der grössten Theilnahme. Die Leitung der 600 Sänger\nhatten abwechselnd Musik-Director Pabst aus Königsberg, Dr.\nBrandstätter aus Danzig und Musik-Director Förster aus El-\nbing übernommen. Gesang-Gompositionen von Abt, C. M.V.Weber,\nSchäffer, Kücken, Reissiger, Genee, Zöllner etc. wurden theils im\nvereinten Chor, theils von den einzelnen Vereinen im edlen Wett-\nstreite aufgeführt. Eines nachhaltigen Eindruckes und Beifalles er-\nfreute sich Edw. Schulz' Waldlied (Doppelchor und Solo), das wie-\nderholt werden musste. Das nächste ostpreussische Sängerfest wird\nin drei Jahren in Danzig gefeiert.\nIBresdera.» G. M. von Webers „Silvana\", der früheren\nEpoche des Tonsetzers angehörig, wurde Ende Juli aufgeführt\neine fromme Pflicht gegen den Meister, dem wir Euryanthe, Obe-\nron, Freischütz, Preciosa verdanken. Es ist eine gesunde Musik,\ntrotz mancher kleinen Auswüchse, die auf die frühe Zeit ihrer Ent-\nstehung deuten; und wenn die späteren, weltdurchwandernden Mei-\nsterwerke des genialen Tonschöpfers fast das Andenken an sie bei\nunseren Zeitgenossen verdrängt haben, so ist es um so ehrenwer-\nther und interessanter, sie wieder durch eine in der That sehr ge-\nlungene Aufführung ins Gedächtniss zurück gerufen zu sehen. Das\nEx uncjue leonein bewährt sich auch hier. Wenn auch die klar aus-\ngeprägte Genialität der späteren Werke in diesem nicht so prägnant\nund scharf hervortritt, so begegnet uns doch schon die reiche, un-\nversiegliche Fülle der Melodieen, die charakteristische Wahrheit\nund Eigenheit der harmonischen Behandlung, die leichte, gefällige\nund anmuthige Gestaltung der Form, die Weber's vollendetere Er-\nzeugnisse charakterisiren und sie zu Lieblingen nicht nur der\nKunstfreunde, sondern im besten Sinne des Wortes zu Lieblingen\nganzer Völker gemacht haben. Vorzugsweise sind die Lieder und\ndie Musik zur Pantomime von hohem Werthe. Dagegen iriuss man\nzugestehen, dass die Singstimmen, namentlich in den Haupt-Par-\ntieen, nicht gerade nachahmungswerth behandelt sind. Ein wieder-\nholtes Ueberschreiten des gewöhnlichen Umfanges, eine Häufung\nvon Coloraturen u. s. w. machen die Partieen schwierig. Bekannt-\nlich schrieb Weber schon in seinem vierzehnten Jahre die vom\nRitter v. Steinsberg gedichtete Oper „Das W'aldmädchen\", zuerst\nim November 1800 in Freiberg, dann in Wien 14 Mal gegeben,\nin Prag ins Böhmische übersetzt und in Petersburg mit Beifall ge-\ngeben, dessen zweiten Act er in zehn Tagen geschrieben hatte. Als\nWeber 1809 im Hause des Herzogs Louis von Würtemberg in\nStuttgart sich aufhielt, erinnerte er sich des vergessenen Werkes\nwieder. Der Text ward von Hiemer neu bearbeitet, und Weber\nschrieb, namentlich auf Anregung des wackeren Danzi, die heroisch-\nkomische Oper „Silvana\", welche bei ihren damaligen Aufführun-\ngen an verschiedenen Bühnen beifällig aufgenommen wurde, so\nunter anderen in Berlin, wo sie am 10. Juli 1812 die erste Auf-\nführung erlebte und dann noch 10 Mal gegeben wurde, und wo\nauch der Clavier-Auszug derselben gedruckt erschien. (Echo.)\nILeijizig» Der am 20. Juli verstorbene Musikhändler Böhme\n(Firma Bureau de Musiqne von C. F. Peters) ist als Dritter zu den\nMännern hinzugetreten, welche in den letzteren Jahren ihren Na-\nmen zur Ehre und zum Wohle der Stadt gross gemacht haben.\nSc hl et t er, ein reicher Seidenhändler, dessen Vater mit leeren\nHänden angefangen, vermachte der Stadt sein Haus und seine Ge-\nmälde-Galerie, 100,000 Thlr. an Werth; Dr. Becker, ein Arzt\nund Privatgelehrter, dotirte in seinem Testamente eine Augen-Heil-\nanstalt; der Musikhändler Böhme nun schenkte seine Handlung,\ndie er seit 1828 besessen, der Stadt, damit davon ebenfalls eine\n„Böhme-Wohlthätigkeits-Anstalt\" gegründet werde. Ein F'ünfer-\nAusschuss, bestehend in einer Dame, der Witwe des Testators,\neinem Doctor, einem Juristen, einem Stadtrathe und einem Kauf-\nmanne, verwaltet die Fonds. —An die Stelle von Riccius, als\nDirigenten der „Euterpe\", ist der Organist Langer gewählt wror-\nden und hat es angenommen,\n(S.-D. M.-Z.)"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "273", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550901-01.1.1", "texte": "Zur Geschichte des Männergesanges.\n\nWir haben schon einige Male in diesen Blättern die\nAnsicht ausgesprochen, dass an eine gute Geschichte der\nTonkunst ohne Monographien der einzelnen Gattungen der-\nselben nicht zu denken sei; und nicht bloss die Gattungen\n(Vocal-Musik, Instrumental-Musik, Kirchen-Musik, Oper\nu. s. w.) im Allgemeinen, sondern deren besondere Arten\nmüssen in ihrer Entwicklung von den Ursprüngen bis zur\nGegenwart verfolgt und betrachtet werden, wenn eine be-\nfriedigende Geschichte der Musik ein mögliches Werk wer-\nden soll. Gute Anfänge dazu haben die Deutschen in neue-\nren Zeiten gemacht, meist in Bezug auf den Gesang in der\nKirche, namentlich auf das evangelische Kirchenlied (H.\nHoffmann, Häuser, Säemann, v. Winterfeld); auch C. F.\nBecker's Geschichte der Haus-Musik gehört dahin und man-\nches Frühere, z. B. Rochütz' Geschichte der Oper, obwohl\nfreilich nur eine dürftige Skizze, ferner Kiesewetter's Schick-\nsale des weltlichen Gesanges bis zur Entstehung der Oper\nu. s. w. Wie grossen Einfluss dergleichen Special-Geschich-\nten auf die richtige Beurtheilung der historischen Entwick-\nlung der Tonkunst überhaupt haben, ist durch einige Ar-\ntikel über die Geschichte der komischen Oper (Rhei-\nnische Musik-Zeitung, 11. Jahrg., 1851, Nr. 23 und 24)\nin Bezug auf die Gluck'sche Periode von uns zu zeigen\nversucht worden. So würden eine Geschichte des Orchesters,\nder Sinfonie, des Geigen-Quartettes, des Clavierspiels und\nseines Einflusses auf Composition in guter und böser Hin-\nsicht, u. s. w. gar sehr interessante und belehrende Mono-\ngraphieen geben.\nEine solche liegt uns für einen Zweig der Vocal-Mu-\nsik in folgendem Werke vor:\nDr. Otto Elben, der volksthümliche deutsche\nM ännergesang, seine Geschichte, seine gesell-\nschaftliche und nationale Bedeutung. Tübingen,\n1855.8v0. Verlag derLaupp'schen Buchhandlung.\nDass der Männergesang und seine merkwürdig schnelle\nVerbreitung ein Stück deutschen Lebens und Wesens sind,\nLässt sich nicht läugnen, und darin liegt ihre Berechtigung,\neinen Platz in der Culturgeschichte des deutschen Volkes,\nfast mehr noch als in der Geschichte der Tonkunst, zu fin-\nden. Von dieser Ansicht scheint auch der Verfasser dieses\nzeitgemässen Buches auszugehen; denn er betrachtet den\nMännergesang vorzugsweise von seiner nationalen Seite,\nwenngleich er die musicalische allerdings auch nicht ver-\nnachlässiget; ja> es ist lobenswerth, dass sein Enthusiasmus\nfür die volksthümliche Bedeutung des Männergesanges ihn\nnicht für die musicalischen Schwächen desselben verblendet.\nEine zweite Vorliebe, welche wohl mit der ersten zusam-\nmenhängt, nämlich für die Gestaltung des Sängerwesens in\nSüddeutschland und in der Schweiz, blickt überall durch,\nund gegen den Norden ist der Verfasser zuweilen fast\nungerecht, weil er die eigentlich künstlerische Entwicklung\ndes Männergesanges zu wenig berücksichtigt.\nEines Rückblickes auf die Uranfänge des deutschen\nMännergesanges und auf das Mittelalter (denn ohne derglei-\nchen kann es der deutsche Schriftsteller nun einmal nicht\nthun) enthält sich auch unser Verfasser nicht, obschon er\ngleich Anfangs sehr richtig sagt: „Der deutsche Männer-\ngesang wurzelt in dem Leben und den Kunst-Anschauun-\ngen unserer Zeit.\" Indess enthält dieser Rückblick\ndoch auch manche interessante Notiz, z. B. die Nachricht\nvon der Sing-Gesellschaft zum Antlitz in St.\nGallen, aus Prof. P. S cheitl in's Vorlesungen überdiese\nuralte Sing-Gesellschaft u. s. w. St. Gallen, 1838.\nDieser Verein wurde im Jahre 1620 gestiftet von\n„etlichen ehrlichen Bürgersöhnen, so zu der Musik eine\nsonderbare Anmuthung getragen und sich täglich in Zach.\nBünglers seiner Behausung darine exerciren\" wie es im\nStiflungs-Protocoll heisst. Im Jahre 1655 wurde ein Ves-\npertrunk von jedesmal drei Maass Wein für die ganze Ge-\nsellschaft gesetzlich festgestellt, also der echte Anfang einer\nLiedertafel. 1659 bewilligte der Rath der Stadt dem Ver-\neine „zum Antlitze\" 50 Gulden jährlich (und 1855\nschreit man wegen Ueber-Besteuerung der Bürger, wenn\neine KunstanstaU irgendwo aus dem „ Stadtseckel\", wie"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "274", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550901-01.1.2", "texte": "es dort heisst, unterstützt werden soll!). 1666 wurde das\n„Singerhäusli\" als eigenthümliches Gesellschaftshaus lür\n1200 Gulden erworben. Am 29. August 1820 feierte\nder Verein sein zweihunderljähriges Bestehen. Sämmtliche\nProtocolle sind noch vorhanden.\nDie eigentliche Geschichte des Männergesanges beginnt\nder Verfasser ganz richtig mit der Stiftung der (älteren) ber-\nliner Liedertafel durch Zelter (den 28.December 1808 ;\nals Stiftungstag wurde jedoch der 24. Januar 1809 ge-\nfeiert), nach welcher zunächst die jüngere, ebenfalls in Ber-\nlin, unter L. Berger, die zu Frankfurt an der Oder\nund zu Leipzig (Limburger und Fr. Schneider)\nentstanden; bald folgten Königsberg, Breslau (M ose wi u s),\nMagdeburg, Dessau, Göltingen, Hamburg (erst 1825 durch\nA. Met hfe sse 1) u. s. w.\nSodann geht der Verfasser auf die Schweiz über,\nbespricht den Volksgesang besonders in den Cantonen Ap-\npenzell und Zürich und die Verdienste des Pfarrers Weis-\nbau pt (seit 1853 in America) um das erste appen-\nzeller Sängerfest (1818, 1819?) und handelt dann\nbesonders ausführlich von Hans Georg Nägeli. Ich\nschätze allerdings mit dem Verfasser Nägeli's Wirken für\ndie Gesangbildung des Volkes hoch, um so mehr, da ich\nes nicht bloss vom Hörensagen kenne, sondern in den Jah-\nren 1818 —1822 in der Schweiz in pädagogischer Thä-\ntigkeit gelebt, Pestalozzi, Nägeli und Pfeiffer persönlich ge-\nkannt und an ihren Bestrebungen warmen und zum Theil\npraktischen Antheil genommen habe. Aber eben so genau\nwie jene schweizerischen Anfänge des Männergesanges\nkenne ich die norddeutschen, da ich 1812 in Berlin,\n1813 und 1814 bei dem preussischen Heere und von\nEnde 1814 bis 1818 wieder in Berlin war. Ich muss\ndaher dem Herrn Verfasser, wenn er H. G. Nägeli als\n„Schöpfer und ersten Begründer des Männer-\nchor-Gesanges\" aufstellt, aus dreifacher Erfahrung,\ndie ich als Soldat, als Student und als Musiker gemacht,\nund zwar früher als 1817, wo Nägeli's Gesangbildungs-\nLehre lür den Männerchor erschien, widersprechen.\nDer Verfasser hat sich durch Nägeli's eigene, etwas\nselbstgefällige Bemerkungen (die man dem sonst verdienst-\nvollen Manne wohl nachsehen kann, aber nicht zur Auto-\nrität lür geschichtliche Thatsachen machen darf) verleiten\nlassen. Nägeli sagt nämlich in der Vorrede zu dem oben\nerwähnten Werke: „Erst in den letzten Jahren (1817)\nhaben es auch in der Auswahl der (männlicheren) Texte\nsüdliche Componisten, wie z. B. Krufft, den nördlicheren,\nwie z. B. drei verschiedenen Componisten We-\nber, gleich gethan, so wie überhaupt Ehrenmeldung des-\nsen gebührt, was in dieser aufblühenden Kunstgattung wäh-\nrend der entscheidenden, Jahre iür Krieg und Sieg in dem\nneu aufblühenden Deutschland geleistet worden ist. Uebri-\ngens war es mit sehr wenigen Ausnahmen das Männer-\nQuartett, vier Solostimmen, worauf auch jene besseren\nCompositionen berechnet wurden.\" (S. 265.)\nDas ist historisch unrichtig, und der gute Nägeli über-\nhebt sich doch etwas stark, wenn er den nordischen Com-\nponisten und Sängern eine „Ehrenmeldung\",\nhonorable, grossmüthig zuerkennt; denn nur derjenige, der\ndurch seine Compositionen eine neue musicalische Gat-\ntung ins Leben ruft, ist der Schöpfer derselben, und dess-\nhalb ist der Schöpfer des volksthümlichen deutschen Ge-\nsanges für Männerchor nicht Nägeli, sondern einer von den\n„drei Webern\", die er in Bausch und Bogen abthut, der\nunsterbliche Carl Maria von Weber, und vor und mit\nihm die Z e i t, die grosse Zeit der Erhebung Deutschlands,\nderen Träger wahrlich aus der damals abgestorbenen und\nneutralen Schweiz weder Männer zum Streite, noch Sän-\nger zum Chor holen konnten.\nJene Compositionen Weber's (und auch Anderer schon\nim Jahre 1813) waren keineswegs lür ein Solo-Quartett\ngeschrieben, man müsste denn behaupten, die Abtheilungen\nfreiwilliger Jäger bei allen preussischen Regimentern hätten\naus lauter Solosängern bestanden. Freilich nimmt man es\nim Felde mit dem vierstimmigen Gesänge nicht sehr genau;\nallein im Chor, und bei manchen Regimentern auch in ganz\nhübschem Chor, wurde gesungen. Führt doch der Verfasser\nselbst (S. 31) einen Brief von Jahn an, in welchem es\nheisst: „Das dritte Bataillon Lützow, das jetzige (1846)\nFüsilier-Bataillon vom 25. Linien-Infanterie-Regimente,\nhatte zuerst von allen Truppen einen Sängerchor (nicht\nein Sänger-Quartett!). Zelter hatte für mich Arndt's „ „Was\nist des Deutschen Vaterland\"\" gesetzt\" u. s. w. Natür-\nlich liefen, wie das bei Soldaten nicht anders möglich ist,\nauch manche rohe Lieder mit unter.\nAls aber die Freiwilligen wieder Studenten geworden,\ndie Landwehrmänner wieder zu ihrem bürgerlichen Berufe\nzurückgekehrt waren, da erklang sehr bald in Deutschland\nder eigentliche Männergesang im Chor, ehe man von den\nBestrebungen Nägeli's, welche übrigens erst 1817 ins\nLicht traten, etwas wusste. Und kann irgend ein Mensch\nglauben, die Freiheitslieder von Th. Körner, E. M. Arndt,\nMax von Schenkendorf u. A. seien lür Einzelne gedichtet?\nAuch der schlechteste Componist der damaligen Zeit sah\nein, dass hier nur der Gesang von einem ganzen Chor"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "275", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550901-01.1.3", "texte": "wirksam sein könne. Und vollends C. M. von Weber!\nMan denke sich „Lützow's wilde Jagd\" als Solo-Quartett!\nWeber bat diese Körner'schen Lieder aber schon 1814\ncomponirt, was der Verfasser selbst recht gut weiss, indem\ner S. 220 folgende interessante „Mitteilung des Herrn\nMusik-Directors Jähns in Berlin\" abdrucken lässt, in\ndessen Besitz Weber's Original-Manuscript der „Lieder aus\nLeier und Schwert\" ist, wie er sagt, worin die genaueren\nZeit-Angaben also bestimmt werden: „Lützow's Jagd und\ndas Schwertlied am 13. September 1814 auf dem herzog-\nlich gothaischen Luslschlosse Tonna; Männer und Buben\nam 23. September zu Altenburg; Trinklied vor der Schlacht\nam 19. October zu Prag; Reiterlied am 20. October;\nHör' uns, Allmächtiger, am 21. October; Vater, ich rufe\nDich, am 19. November; Abschied vom Leben am 20. No-\nvember ; ohne Datum: „ „Herz, lass' dich nicht zerspalten\"\"\nund „ „Mein Vaterland\" \" —alle zu Prag.\" —Diese Lieder\nwurden auf dem Theater zu Prag noch in demselben\nJahre 1814, und zwar, wie natürlich, im Chor, aufge-\nführt; in Berlin öffentlich zuerst 1815 in einem Stu-\ndenten-Concerte, welches die unter dem Namen „Akade-\nmischer Verein\" zu einem Ganzen verbundenen Landsmann-\nschaften den sämmtlichen Professoren, ihren Familien und\nanderen Eingeladenen im alten Saale der Sing-Akademie\ngaben. Hier wurden drei bis vier der Weber'schen Lieder\nvon einem Chor von 48 Studenten gesungen, den ich\nselbst eingeübt hatte, wesshalb mir denn auch die Ehre\nwurde, das Concert zu dirigiren, bei dessen Orchester\nübrigens noch das merkwürdig war, dass alle Instrumente,\nsogar zwei Contrabässe, von Studenten besetzt waren. Bald\ndarauf wurden jene Chorgesänge in allen grösseren geselli-\ngen Vereinen in Berlin und auch auf der Bühne gesungen,\nund 1815 war beim Heere „Lützow's wilde Jagd\" be-\nreits zum Volksliede geworden. Es bildeten sich in vielen\nStädten Deutschlands Vereine für Männergesang, und zwar\nvorzüglich, um die Weber'schen Chöre zu singen. Das sind\nThatsachen; und dass diese weit tiefer in das deutsche Leben\neingriffen und dem nationalen Männergesange Bahn brachen,\nals die vereinzelten und keineswegs vom gehobenen Geiste\ndes deutschen Volksthumes getragenen, sondern mehr pä-\ndagogischen Bestrebungen Nägeli's, kann keine Frage sein.\nDass diese letzteren, welche wir vorzugsweise päda-\ngogisch nennen, das Wort im höheren Sinne, als die Er-\nziehung des Volkes umfassend, genommen, ihr grosses\nVerdienst haben, ist schon oben von uns anerkannt worden.\nDurch das Gesagte wollten wir nur den historischen Stand-\npunkt in das richtige Licht stellen.\nWas nun den künstlerischen betrifft, so können wir die\nS. 41 ausgesprochene Ansicht des Verfassers, welche auf\nNägeli'schen Grundsätzen beruht, die auch bei R. Wag-\nner wieder spuken, dass „die warme Durchdringung des\nVolkes durch die musicalische Kunst erst dann erfolgt\nist, wenn es s e 1 b s t die wesentliche Stellung bei\nHervorbringung des Kunstwerkes einnimmt,\"\nkeineswegs unterschreiben. Ein Volk von so musicali-\nscher Bildungsgabe, dass es selbst Kunstwerke schafft, ist\nein Ideal oder vielmehr ein Hirngespinnst, und vor den\nKunstwerken des Volkes, wie es in der That ist, möge uns\nder Himmel bewahren ! Wie gefährlich lür die Kunst, auch\nnur in der Reproduction, selbst nur in Bezug auf den Män-\nnergesang, jener Grundsatz sei, haben wir kürzlich in zwei\nArtikeln „Ueber den deutschen Männergesang\" in Nr.\n232 und 233 der Kölnischen Zeitung zu zeigen versucht.\nAuch haben wir dort Stellen aus dem Buche des Herrn\nDr. Elben selbst (aus dem Abschnitte „Ueber den Männer-\ngesang als musicalische Kunstform\") angeführt, die be-\nweisen, dass er die Gefahr einer gewissen Popularität,\nwelche das Seichte begünstigt, eben so gut kennt und\nfürchtet, wie wir.\nDer Verfasser verfolgt sodann die Ausbreitung des\nMännerchors in der Schweiz, in Schwaben Stuttgarter\nLiederkranz und die Schillerfeste —, in Baden, Baiern,\nOesterreich, am Rheine, in Thüringen, Norddeutschland\n(Schleswig-Holstein) u. s. w. und -berichtet über die gros-\nsen Sängerfeste in den dreissiger und vierziger Jahren. Bei\ndem Mangel an Vorarbeiten auf diesem Gebiete ist der\nFleiss, mit welchem die einzelnen Nachrichten zusammen-\ngetragen sind, anzuerkennen; die Ordnung des reichhalti-\ngen Stoffes hätte jedoch vielleicht etwas logischer sein kön-\nnen; sie ist jetzt mehr aphoristisch, wesshalb denn auch\nWiederholungen nicht zu vermeiden waren. Wenn der\nVerfasser den norddeutschen Festen auch in der histori-\nschen Uebersicht zuweilen noch den Vorwurf der „Abge-\nschlossenheit\" macht, so erregt dies die Vermuthung, dass\ner den meisten derselben nicht beigewohnt habe. Dass aber\ndie norddeutschen Feste neben dem volkstümlichen auch\nden künstlerischen Charakter stets zu wahren gesucht\nhaben, das rechnen wir ihnen nicht zum Vorwurfe, son-\ndern zum Verdienste an. Auch hätte, meinen wir, die Ge-\nwissenhaftigkeit des Geschichtschreibers erfordert, der Ab-\nwege zu gedenken, auf welche die alleinige Berück-\nsichtigung des volkstümlichen Elementes im Männerge-\nsange geführt hat, indem sie bei manchen Vereinen und\nfestlichen Zusammenkünften das künstlerische ganz und"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "276", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550901-01.1.4", "texte": "gar in den Hintergrund drängte und den Gesang zu einer\nblossen Zugabe zu Volksfesten machte*).\nDen internationalen Festen (deutsch-vlaemischen, nie-\nderrheinisch-niederländischen) wird vom Verfasser noch eine\nzu grosse Bedeutung beigelegt; thatsächlich existiren die\nSänger-Bündnisse, welche sie veranlassten, gar nicht mehr,\nwas nicht unerwähnt bleiben durfte, wahrscheinlich aber\ndem Verfasser unbekannt geblieben ist. Die Wettstreite\noder Concours,welche die Belgier dann und wann noch\nausschreiben, werden von dem kölner Männergesang-\nVereine grundsätzlich nicht mehr besucht, und der nie-\nderrheinisch-niederländische Bund ist seit 1852 aufgelöst,\nwo von sämmtlichen holländischen Liedertäflern nicht\nnur das Fest, sondern auch mit ihm der einzige anwesende\nNiederländer, der zum zweiten Fest-Dirigenten statutmässig\nim vorigen Jahre gewählte wackere Director der Lieder-\ntafel in Utrecht, Herr Crayvanger, auf schmähliche Weise\nim Stich gelassen wurde. Seitdem sind die nie der rhei-\nnischen Sängerfeste (in Cleve, Crefeld u. s. w.) gegrün-\ndet, worüber Nr. 33 dieses Jahrganges unserer Zeitschrift\nzu vergleichen. Als besonders charakteristisch für jene ein-\ngegangenen niederrheinisch-niederländischen Feste hätten\ndie zwei Bestimmungen der Statuten erwähnt werden sol-\nlen, dass der undeutsche Gesang-Wettstreit um Preise nie\nStatt finden und kein Lied da gesungen werden dürfe.\nVon letzterer wurde nur Einmal zu Arnheim in Holland\nim Jahre 1848 eine Ausnahme gemacht, und zwar, merk-\nwürdig genug auf diesem Boden, zu Gunsten von Arndt's\nund Reichhard's „Was ist des Deutschen Vaterland\". Dem\nstürmischen Rufe nach Wiederholung musste ich als Diri-\ngent nachgeben, forderte aber die Zuhörerschaft auf, beim\nletzten Verse in den Chor der Sänger einzustimmen; und\nals nun mit dem bis dahin versparten Einfallen des vollen\nOrchesters der Vers begann: „Das ganze Deutschland soll\nes sein\", da erhoben sich die Tausende von Zuhörern\nes waren 4800 und einige numerirte Plätze vergeben\nalle von ihren Sitzen und sangen in allen Stimmen vom\nSopran bis zum Bass mit darein, während draussen die\nKanonen donnerten und sämmlliche Bannerträger der Ge-\nsang-Vereine an die Brüstung der Tonbühne traten und\ndie Fahnen schwenkten. Es dürfte dies ein Beweis sein,\ndass auch im Norden der volkstümliche Charakter der\nSängerfeste, und zwar mit dem künstlerischen zugleich\ndenn wir sangen damals auch sehr schwierige polyphone\nCompositionen —, sich auf eine erhebende Weise geltend\nmachte.\nEin umfangreicher und sehr werthvoüer Abschnitt des\nBuches bespricht von S. 206 bis S. 258 die bisherigen\nCompositionen für Männergesang; wie das Buch über-\nhaupt, so verdient dieser Abschnitt insbesondere allen Lie-\ndertafeln und Männergesang-Vereinen empfohlen zu werden.\nMit den Urtheilen des Verfassers stimmen wir, mit weni-\ngen Ausnahmen über einige Zeitgenossen, überein. Seite\n252 sind noch G. Flügel, Erfurt und besonders Wilhelm\nTschirch hinzuzufügen.\n*) Vergl. den Aufsatz von H. W. „Ueber rnusica tische\nZeilfragen, mit besonderer Berücksichtigung\nder badischen Männergesang-Vereine,\" in der\nfrüher von uns herausgegebenen „Rheinischen Musik-ZeitungI',\nJahrg. 1850, Nr. 16 und 17.\n\nL. B.\n\nStimmen der Kritik über Richard Wagner.\nIII.\n(Yergl. Nr. 11 und Nr. 12.)\nWir reihen den Urtheilen von Prof. Jahn (Jahrg. 11.,\n1854, Nr. 5 u. 6), Julian Schmidt und Ed. Hanslick über\nWagner den Auszug eines Berichtes über die Aufführung\ndes Tannhäuser zu München in der augsb. „Allg. Zei-\ntung\", Nr. 236 u. 237, gezeichnet A. (Prof. Riehl?), an.\nDer geist- und urtheilsvolle Verfasser verbreitet sich\nim ersten Artikel hauptsächlich über die Poesie Wagner's\nund zeigt ausführlich, dass Wagner den schönen Stoff der\ndeutschen Sage, wie er in der einzigen Quelle derselben,\ndem Volksliede vom Tannhäuser (nämlich dem echten, nicht\ndem von neueren Dichtern entstellten), liegt, sehr unpoetisch\naufgefasst und unkünstlerisch auch in Bezug auf die Form\nbehandelt habe. Wir theilen daraus Folgendes mit:\n„So haben wir denn auf unserer Hofbühne zum drit-\nten Male Gelegenheit gehabt, das hervorragendste Product\nder Zukunfts-Musik an uns vorüber gehen zu sehen den\nTannhäuser. Das Publicum hat auch diesmal wieder hier\nund da Beifall geklatscht, wie wir es bei jeder Bühnen-\nNovität gewohnt sind, mögen nun Pepita-Beine auf den\nBrettern herumspringen oder uns Proben aus der komi-\nschen und traurigen Schauspiel-Dichtung der Gegenwart\nvorgeführt werden. Gab es doch für das schaulustige Auge\ngenug Nochniegesehenes, für das gespitzte Ohr Nochnie-\ngehörtes, für das nach ästhetischem Genüsse, nach poeti-\nscher Wahrheit begierige Herz aber was denn eigent-\nlich? In den Intentionen Richard Wagner's liegt es, durch\n„ „ das innige Zusammenwirken aller Künste für Einen\nZweck\" \" uns den Genuss des höchsten und umfassendsten"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "277", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550901-01.1.5", "texte": "Kunstwerkes zu geben, und das sei das musicalische Drama,\nwie er es in seinem fliegenden Holländer, Tannhäuser, Lo-\nhengrin u. s. w. mustergültig angebaut zu haben glaubt.\nEs wäre freilich der höchste Triumph des Geistes, wenn in\nEinem und demselben Menschen sich zu der musicalischen\nSchöpferkraft Mozart's und Beethoven's die poetische Fülle\nund Grösse der hellenischen Tragiker, Göthe's und Shake-\nspeare's, sammt der plastischen Gestaltungskraft eines Phi-\ndias und Raphael gesellte; aber eine solche Vereinigung in\neiner einzigen Individualität gehört eben so gut in das\nLand der Träume, als hundert andere idealistische Pbantas-\nmagorieen, welchen Richard Wagner sich rücksichtslos\nüberlässt. Wollen wir einstweilen froh sein, dass es einen\nMozart, einen Shakespeare, einen Raphael gegeben, wollen\nwir wünschen, dass es auch für die Zukunft noch solcher\narmen Schlucker mehr gebe, welche gleich den Genannten\nnur in einer einzigen Kunst sich bestreben, ihre Gedanken\nin künstlerischer Klarheit und mit der heiligen Begeisterung\nwiederzugeben, die über alle Verstandes-Capricen eingebil-\ndeter Universal-Genie's hinausreicht und in ihrer geheiligten\nEinfalt allen Anforderungen der wahren Kunst entspre-\nchende Werke schafft.\n„Richard Wagner schweben die altenUeberlieferungen,\nnach welchen die Griechen unter Musik vorzüglich Ton-\nkunst, Dichtkunst und Redekunst verstanden, vor, und er\nunterfangt sich, was sich mit der Zeit auf ganz natürliche\nWeise abgelös't und getheilt und als nunmehriges Ganzes\nselbstständig entwickelt hat, wieder in ein Einziges zu ver-\nschmelzen und so dem historischen und natürlichen Rechte\nvorzugreifen.\n* „Er glaubt, die Musik zu etwas nöthigen zu können,\nwas ihr nun einmal widerstrebt, und verfällt in Ungeheuer-\nlichkeiten und Absurditäten, wie in der Theorie, so in der\nPraxis. Hier wie dort scheint gar Vieles nur neu und\noriginel durch die Uebertreibung und Verzerrung manches\nschon Dagewesenen, und Manches ist neu und originel, aber\ndesswegen noch nicht schön und wahr. Freilich finden wir\nauch wahrhaft Empfundenes und Gutes, und wir würden\nden Tannhäuser immerhin als das Product eines Talentes\ngelten lassen, ob auch eines Talentes auf Irrwegen, wir\nwürden ihn gern gelten lassen, wenn er uns nicht mit die-\nser Prätention geboten würde, und wenn uns nicht tag-\ntäglich seine harmlosen Schildträger versichern zu müssen\nglaubten, dass hier die Poesie und Musik in innigem Ver-\neine das schönste Triumphfest feierten und nach langer\nBarbarei eine neue Aera für die holden Geschwisterkünste\nj:\nerblühe. Es ist der Kritik somit eben sowohl geboten, auf\nText und Musik einzeln, als auf die Gesammt-Wirkung ge-\ngenüber der ästhetischen Anforderung einzugehen.\n„Was die Dichtung anbelangt, so sind wir mit Wagner\nvollkommen einverstanden, dass man zu unseren nationalen\nSagen zurückgreifen müsse. Aber was seine Behand-\nlung der schönen Tannhäuser-Sage betrifft, so müssen wir\neine entschiedene Missbilligung aussprechen, und wir be-\ngreifen >nur nicht, wie man seither diese dilettantische Ar-\nbeit, welche allen Zauber von der Sage gestreift hat, nur\npassiren lassen wollte. Wäre uns die Arbeit als ein gewöhn-\nlicher Operntext gegeben, nun, so fände er schon seine\nEntschuldigung in der seitherigen Behandlung, wie man sie\ngewohnt war. Aber er wird uns ja als freie, selbstständige\nund mit der Musik gleichberechtigte poetische Schöpfung\ngeboten. Hat Richard Wagner je das alte, herrliche Volks-\nlied vom Tannhäuser gelesen? Wir glauben nach seinem\nTexte nicht, dass er sich je darum gekümmert habe, ob\nein solches existire, und die hochgelahrten, gestrengen Re-\ndactionen gewisser leipziger kritischer Zeitschriften schei-\nnen, nach ihrem Geplauder über Tannhäuser zu schliessen,\nauch von dessen Existenz keine Ahnung zu haben, obgleich\ndas Lied beinahe in allen Volkslieder-Sammlungen figurirt.\nMan scheint in gewissen Kreisen der literarischen Welt die\ndeutschen Sagen nur nach den unerträglich seichten, ab-\nschwächenden und geradezu verwerflichen Behandlungen,\nwelche sie eine Zeit lang selbst von unseren bekanntesten\nLyrikern erfuhren, zu beurtheilen, und es ist wirklich ein\nGraus, in welche sentimentale Brühe unter Anderen beson-\nders auch der arme Tannhäuser von einigen modernen\ndeutschen Dichtern getaucht worden ist. Wir müssen selbst\nder originellen Bearbeitung dieses Stoffes von Heine die\nwahre Bedeutung absprechen; was aber sollen wir von\neiner Arbeit sagen, wie sie Richard Wagner seiner Musik\nunterlegt? Der Stil salopp, der Vers meistens holperig und\nstammelnd, die Diction ohne allen poetischen Hauch. Was\ndie Wagner'sche Auffassung betrifft, so ist sie bei Weitem\noberflächlicher, gedankenleerer, als der Sinn der Sage\nselbst; und wenn Gutzkow in den Unterhaltungen am häus-\nlichen Heerde einmal die Vermuthung aussprach, dass un-\nter der Frau Holle des Hörseiberges doch wohl noch etwas\nAnderes gemeint sein könne, als die Repräsentantin einer\nVenus-Wirthschaft ä laParis, so wird ihm wohl jeder\ngern beistimmen, der, unserem Grimm folgend, ein wenig\nweiter in die Geheimnisse unserer Mythenwelt gedrungen\nist, als bis an die äussere Pforte. Die ganze schöne Sage,\nwie sie das Volkslied in so drastischer, poetischer Weise\nbringt, und besonders der Schluss desselben, welcher sie"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "278", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550901-01.1.6", "texte": "eben so bedeutungsvoll erscheinen lässt, als die von Bar-\nbarossa, ist in dem pedantisch steifen Opern-Texte ihres\nwunderbaren Zaubers und ihres prophetischen Geistes ent-\nkleidet.\n„Frau Holle im Hörseiberge ist nichts Anderes, als jene\naltgermanische Göttin der Natur selbst, welcher zu nahen\ndas Christenthum warnt, und deren Treiben sie als der\nHölle Lust schildert. Aber Viele gehen dennoch hin und\nsind dann verdammt. Es ist nur zufällig und verräth ge-\nlehrten Einfluss, dass Frau Holle im Liede Venus heisst;\ndenn in der eigentlichen Volkssage wird sie nirgends so\ngenannt. Wir verübeln es darum Richard Wagner sehr,\ndass er bei einer deutschen Dichtung, wie er sie doch lie-\nfern wollte, nicht nur den Namen, sondern auch den Be-\ngriff der Venus beibehielt, sie statt mit den in der germa-\nnischen Natur-Anschauung bedingten Nixen und Elfen,\nwelche Göthe und Shakespeare, die von ihm verachteten\nDichter, mit so zauberhafter Feder gezeichnet, alberner\nWeise mit Najaden, Bacchantinnen, Nymphen und Sirenen,\nvon denen die deutsche Sage nichts weiss, umgibt. Ueber-\nhaupt zeigt er sich in der ganzen Behandlung des Stoffes\nals ein vollkommen Uneingeweihter. Fenelon's Calypso hat\nihm, seheint es, vorgeschwebt—wir sagen absichtlich: Fe-\nnelon's Calypso— ; denn die ganze Behandlung der Sage\nerinnert augenblicklich an die Auffassung und Bearbeitung\nantiker und romantischer Sagenstoffe im Jahrhundert der\nPerrücken, und wir werden auf jeder Seite des Textbuches\nan die Lohensteine, Hofimannswaldau, die Pegnitzschäfer\nund andere barocke Dichter-Exemplare jener Zeit erinnert,\nnicht allein was den Mangel an historischem Sinne betrifft,\nsondern auch in dem unnatürlichen Gange des Versbaues\nund dem Schwulst des Ausdruckes.\n„Von einer individualisirenden Charakteristik, mit wel-\ncher der Sage sowohl als dem poetischen Bedürfniss eine\nGenüge geleistet worden wäre, ist durch den ganzen Opern-\nText hindurch nichts zu finden; denn Wagner hat es für\ngut befunden, nur das Moment der sinnlichen Liebe her-\nvorzuheben und zu behandeln, während er nicht einmal,\nwie er es doch hätte nach dieser Auffassung thun müssen,\ndie demselben gegenüber stehenden Momente der sittlichen\nNatur des Menschen fest und bestimmt gezeichnet hat.\nDarum finden wir weder eine Entwicklung des Streites\ncontrastirender Principien, wie es doch die tragische An-\nforderung bedingt, noch zuletzt eine versöhnende und süh-\nnende Lösung, die unserem ästhetischen Gefühle genügen\nkönnte. Wohl aber sehen wir oft genug durch die ganze\nHandlung hindureh psychologische Widersprüche der ärger-\nliebsten Art. Nachdem einmal Wagner die Liebe zu Elisa-\nbeth ex abrupto hereingebracht hat, hätte er sie auch mo-\ntiviren sollen, da wir nicht begreifen, wie sein Tannhäu-\nser, der lüsterne Don Juan, Elisabeth's Herz erobern\nkonnte, wie es auch nicht klar ist, warum er, der Frau\nVenus absagend, von reiner Liebe singt, und im Gegen-\nsatze dann vor Elisabeth Preislieder von der Frau Venus\nvorträgt. Eben so wenig wissen wir, wie Tannhäuser mit\nEinem Male zu dem Rufe:\n„Mein Heil, mein Heil ruht in Maria!\"\nkommt. Ferner wissen wir nicht, warum er überhaupt\nnach Rom zieht, da er doch keine Reue fühlt und nach der\nVerweigerung der Absolution Ekel äussert vor den christ-\nlichen rituellen Gebräuchen. Wie poetisch schön und ein-\nfach und wie psychologisch richtig gibt das Volkslied die\nEmpfindungen des nicht erlös'ten Tannhäuser gegen die\nexaltirte und affectirte Verzweiflung desselben bei Wag-\nner! Zuletzt muss nach Wagner Elisabeth sterben, und nur\nauf ihre Fürbitte erhält der sterbende Tannhäuser Erhö-\nrung bei Gott und Seligkeit. Das heisst doch der ganzen\nBedeutung, dem besten Werthe der Sage die Spitze ab-\nbrechen! Was hilft da alle Decorations-Nachhülfe mit Son-\nnenaufgang und Rosenschimmer! Sie geben uns die poeti-\nsche Befriedigung nicht, die wir in der Dichtung selbst zu\nfinden glaubten.\n„Um aber zu zeigen, dass diese „dramatische Dichtung\"\nWagner's auch in anderer Hinsicht nichts weiter ist als ein\nOpern-Text, wie wir schon manche andere halten, dürfen\nwir nur die beliebten Sirenen, Bacchantinnen, Najaden und\nNymphen im deutschen Hörseiberge, daneben Pilger-\nscharen mit Rosenkränzen, Hirten-Schalmeien, schmucke\nPagen, Jäger, Ritter u. s. w. beschauen. Also vollkommen,\nwie seither in der Oper, oder noch schlimmer; denn einer\nsolchen Vermischung antiker und mittelalterlicher Namen\nund Begriffe begegnen wir doch in keinem unserer besse-\nren Opern-Texte. Das ist freilich romantisch, und\nzwar sehr romantisch; aber ob germanisch, ob deutsch,\nwie er selbst und noch mehr seine Bewunderer glauben,\ndas ist eine Frage, die wir, um einer Begriffs-Verwir-\nrung zu begegnen, welche auch das gebildete Publicum\nzu beherrschen scheint, entschieden mit „Nein\" beantwor-\nten müssen.\n„Wagner hat, wenn auch Sympathie lür den Stoff,\ndoch durchaus kein Verständniss der deutschen Sage und\ndes deutschen Wesens; er gehört ganz und gar zu der\nneu-romantischen, französischen Schule und weiss seine\nStoffe durchaus nur mit der Intention eines begabteren"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "279", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550901-01.1.7", "texte": "Dilettanten zu behandeln. Wenn selbst so genannte Gebil-\ndete diese Arbeit als eine berechtigte Dichtung gelten las-\nsen wollen, so charakterisirt dies immerhin die niederen\nBegriffe, welche unser Geschlecht, durch so viele geschmack-\nlose Genialitäten an das Skizzenhafte, Unreife, Halbfertige\ngewöhnt, noch vom wahren Kunstwerke hat. Und es ist\nvon Wagner selbst eine unbegreifliche Verblendung und\nAnmaassung, seine dürftigen Texte als Kunstschöpfungen,\nund zwar als sehr hohe, geltend machen zu wollen. Wenn\ner, wie es scheint, diese pedantischen Arbeiten für das ein-\nzig Gute in unserer Poesie hält, so ist dann wenigstens\nsein kühner Ausspruch über die Unfähigkeit unserer Spra-\nche, sich poetisch auszudrücken, einiger Maassen gerecht-\nfertigt; denn man kann sich doch kaum eines milden Lä-\nchelns beim Lesen dieser aufgeblasen einherschreitenden\nund bei jedem Schritte über ihre eigenen Beine stolpern-\nden Jamben erwehren.\n„ Wir entdeckten nur bei dem Hirtenliede und\ndem (bis zum Uebermaasse wiederkehrenden) Pilgersange\neinen leisen Anhauch des Volkstones, welcher diesem gan-\nzen Stoffe so angemessen gewesen wäre, während jetzt be-\nsonders die Lieder der Sänger im zweiten Acte alles lyri-\nschen Schwunges, alles natürlichen Klanges entbehren, von\nSangbarkeit nichts an sich haben und kalt, gespreizt, steif\nrhetorisch gehalten sind.'4\n(Schluss folgt.)\n\nBiographische Notizen.\n1. Christoph Rudolph Breidenstein, Sohn des Orga-\nnisten und Musiklehrers Johannes Breidenstein, wurde am 20. April\n1821 in Erfurt geboren. Musik-Unterricht empfing er zunächst von\nseinem Vater und einem Onkel, der auch Organist war. Nach\ndem Tode seines Vaters genoss er den Unterricht des Musik-Di-\nrectors Ketschau und im doppelten Contrapunkte den des Orga-\nnisten Gebhardi. Im Jahre 1832 (also in seinem zwölften Jahre)\nübernahm er die Stelle seines verstorbenen Vaters als Organist an\nder Allerheiligen-Kirche in Erfurt; 1845 wurde er nach Dortmund\nberufen als Musik-Director des Musik-Vereins. Er hat bisher, wie\nbekannt, sechs Männergesang-Feste des Märkisch-Westfälischen Sän-\nger-Vereins, so wie das 1852 in Hamm und 1855 in Dortmund\ngefeierte westfälische Musikfest geleitet.\n2. Bischoff, Georg Friedr., geboren den 21. September\n1780 zu Ellrich, gestorben den 7. September 1841 in Hildesheim.\nGassner gibt den 7. April als Sterbetag an; ich habe jedoch diese\nNotiz nicht nur aus dem Kirchenbuche, sondern auch von Bischoff's\nTochter eingeholt.\n3. Flügel, Gustav, geboren den 2. Juli 1812 zu Nienburg\nan der Saale, studirte von 1827—1830 bei Dr. Friedr. Schneider\nzu Dessau Theorie der Musik, prakticirte dann bis 1840 zu Nien-\nburg, Bernburg, Cöthen und Magdeburg, von 1840—1850 zu Stet-\ntin, wo er auch mit seinen Sonaten hervortrat. Seit Mai 1850 kö-\nniglicher Seminar-Musiklehrer zu Neuwied; seit 1854 correspondi-\nrendes Ehren-Mitglied des Niederländischen Vereins zur Beförde-\nrung der Tonkunst.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMölns. In der letzten Sitzung der philharmonischen Ge-\nsellschaft hörten wir zwei Compositionen für grosses Orchester\nvon Friedr. Wil h. Vo i gt, eine Ouvertüre zu Shakespeare's\nOthello und einen grossen Triumph-Marsch. Beide bekun-\nden ein schönes Talent und beweisen, dass der noch sehr junge\nComponist bereits eine lobenswerthe Gewandtheit in der Handha-\nbung der Instrumental-Massen erlangt hat. Die Ouvertüre (D-moll)\nist auf gut erfundenen Motiven, von denen das Haupt-Thema das\nam meisten charakteristische ist, gebaut und entspricht der düste-\nren Farbe des Drama's; der rasende Mohr ist vollständig darin,\nallein die sanfte Desdemona dürfte man vermissen; wenigstens hal-\nten die melodiösen Stellen den Vergleich mit den aufregenden und\nleidenschaftlichen nicht aus, welche letztere oft ganz vorzüglich\ngelungen sind. Die Ouvertüre ist von der Intendantur der könig-\nlichen Schauspiele zu Berlin zur jedesmaligen Aufführung des\ngenannten Trauerspiels angenommen worden.\nHerr Voigt ist aus Köln, Sohn des Capellmeisters des Musik-\ncorps vom k. 30. Infanterie-Regimente. Er hat die Rheinische\nMusikschule hierselbst zwei Jahre lang besucht; seine in den\nPrüfungs-Concerten aufgeführten Compositionen (ein Ave Maria für\nChor und Orchester und eine Ouvertüre) erhielten schon damals\nverdienten Beifall. Se. Maj. der König bewilligte ihm ein Stipen-\ndium, und er ist von da ab Schüler der k. Akademie der Künste\nund Accessist der k. Capelle in Berlin. In der öffentlichen\nSitzung der Akademie vom 17. Juli d. J. erhielt er den ersten\nPreis in der musicalischen Compositum für eine Ouvertüre im\nstrengen Stil und eine Arie mit Chor und Orchester auf Textes-\nworte aus dem 139. Psalme. Beide Werke sind in den berliner\nBlättern sehr günstig beurtheilt worden.\nMotu. Ferdinand Hiller hat uns gestern verlassen, um\ndie Ferienzeit der Musikschule im Seebade zu Trouville im\nnördlichen Frankreich zuzubringen, wohin er von Rossini zu\neinem Besuche in sehr freundlichen Zeilen eingeladen worden ist.\nVorgestern, am 30. August, hatten sich auf Veranlassung des\nVorstandes und des Lehrer-Collegiums der Rheinischen Musikschule\ndie zahlreichen Freunde von Rod er ich Benedix im grossen\nSaale des Hotel Disch zu einem Ehrenmahle für den deutschen\nDichter, der dreizehn Jahre in Köln gelebt und gewirkt hat und\njetzt als Intendant des Stadttheaters nach Frankfurt am Main geht,\nversammelt. Benedix, der nicht bloss als Dichter, sondern auch als\nLehrer, Bürger und Mensch sich hier nicht nur die allgemeine\nAchtung, sondern, man kann im vollen Sinne des Wortes sagen,\ndie Liebe aller, die ihn kennen, erworben hat, wurde auf die\nmannigfaltigste Weise durch Gedichte (von Wolfgang Müller,\nInk er mann- Stern au, A. Pütz), Compositionen (Männer-Quar-\ntett von F. Hiller, achtstimmiger Canon von A. Pütz). Anreden\n(von Hill er, Dombaumeister Zwirner, Prof. Bischoff, Alb.\nHeim ann) u. s. w. gefeiert, wobei neben dem Ernste und der\nWehmuth auch der Humor waltete, jener echte kölnische Humor,\nden Benedix selbst, der einige Male, obwohl sehr bewegt, vortreff-\nlich sprach, mit Recht eine Blüthe der Humanität, weil er aus Ge-\nmülh und Herzen stamme, nannte. Aber auch an einem bleiben-\nden Denkmale dieses Tages sollte es dem Gefeierten nicht fehlen;\nCapellmeister Hiller überreichte ihm im Namen der Direction der"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "280", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550901-01.1.8", "texte": "Musikschule und seiner Amtsgenossen an derselben einen kostba-\nren Kelch in Form eines kolossalen Römers von schwer vergolde-\ntem Silber und trefflicher Kunstarbeit, am breiten oberen Rande\nmit einer Inschrift und Widmung geziert.\nICms, 24. August. De Beriot weilt gegenwärtig hier, aber\nnicht in der Absicht, Concerte zu geben, sondern zur Wiederher-\nstellung seiner Gesundheit. Leider ist der grosse Künstler, der einst\nals erster Violinist Frankreichs und an der Seite einer Malibran\nglänzte, fast gänzlich des Augenlichtes beraubt und kann in diesem\nbeklagenswerthen Zustande nicht einen Augenblick fremder Stütze\nund Führung entbehren. Wenn wir nicht irren, war es im Herbste\n1839, als er Süddcutschland zum letzten Male auf seinen Kunst-\nreisen besuchte. Auch Henri Herz wird in einigen Tagen er-\nwartet. Schon seit einigen Jahren kommt er im Spätsommer her,\nsobald die Ferien des pariser Gonservatoriums beginnen, und pflegt\nsich neben dem Gebrauche der Heilquellen sehr eifrig mit Com-\npositionen zu beschäftigen.\nEmling-* Das ostpreussische Sängerfest vom 29.—31. Juli er-\nfreute sich der grössten Theilnahme. Die Leitung der 600 Sänger\nhatten abwechselnd Musik-Director Pabst aus Königsberg, Dr.\nBrandstätter aus Danzig und Musik-Director Förster aus El-\nbing übernommen. Gesang-Gompositionen von Abt, C. M.V.Weber,\nSchäffer, Kücken, Reissiger, Genee, Zöllner etc. wurden theils im\nvereinten Chor, theils von den einzelnen Vereinen im edlen Wett-\nstreite aufgeführt. Eines nachhaltigen Eindruckes und Beifalles er-\nfreute sich Edw. Schulz' Waldlied (Doppelchor und Solo), das wie-\nderholt werden musste. Das nächste ostpreussische Sängerfest wird\nin drei Jahren in Danzig gefeiert.\nIBresdera.» G. M. von Webers „Silvana\", der früheren\nEpoche des Tonsetzers angehörig, wurde Ende Juli aufgeführt\neine fromme Pflicht gegen den Meister, dem wir Euryanthe, Obe-\nron, Freischütz, Preciosa verdanken. Es ist eine gesunde Musik,\ntrotz mancher kleinen Auswüchse, die auf die frühe Zeit ihrer Ent-\nstehung deuten; und wenn die späteren, weltdurchwandernden Mei-\nsterwerke des genialen Tonschöpfers fast das Andenken an sie bei\nunseren Zeitgenossen verdrängt haben, so ist es um so ehrenwer-\nther und interessanter, sie wieder durch eine in der That sehr ge-\nlungene Aufführung ins Gedächtniss zurück gerufen zu sehen. Das\nEx uncjue leonein bewährt sich auch hier. Wenn auch die klar aus-\ngeprägte Genialität der späteren Werke in diesem nicht so prägnant\nund scharf hervortritt, so begegnet uns doch schon die reiche, un-\nversiegliche Fülle der Melodieen, die charakteristische Wahrheit\nund Eigenheit der harmonischen Behandlung, die leichte, gefällige\nund anmuthige Gestaltung der Form, die Weber's vollendetere Er-\nzeugnisse charakterisiren und sie zu Lieblingen nicht nur der\nKunstfreunde, sondern im besten Sinne des Wortes zu Lieblingen\nganzer Völker gemacht haben. Vorzugsweise sind die Lieder und\ndie Musik zur Pantomime von hohem Werthe. Dagegen iriuss man\nzugestehen, dass die Singstimmen, namentlich in den Haupt-Par-\ntieen, nicht gerade nachahmungswerth behandelt sind. Ein wieder-\nholtes Ueberschreiten des gewöhnlichen Umfanges, eine Häufung\nvon Coloraturen u. s. w. machen die Partieen schwierig. Bekannt-\nlich schrieb Weber schon in seinem vierzehnten Jahre die vom\nRitter v. Steinsberg gedichtete Oper „Das W'aldmädchen\", zuerst\nim November 1800 in Freiberg, dann in Wien 14 Mal gegeben,\nin Prag ins Böhmische übersetzt und in Petersburg mit Beifall ge-\ngeben, dessen zweiten Act er in zehn Tagen geschrieben hatte. Als\nWeber 1809 im Hause des Herzogs Louis von Würtemberg in\nStuttgart sich aufhielt, erinnerte er sich des vergessenen Werkes\nwieder. Der Text ward von Hiemer neu bearbeitet, und Weber\nschrieb, namentlich auf Anregung des wackeren Danzi, die heroisch-\nkomische Oper „Silvana\", welche bei ihren damaligen Aufführun-\ngen an verschiedenen Bühnen beifällig aufgenommen wurde, so\nunter anderen in Berlin, wo sie am 10. Juli 1812 die erste Auf-\nführung erlebte und dann noch 10 Mal gegeben wurde, und wo\nauch der Clavier-Auszug derselben gedruckt erschien. (Echo.)\nILeijizig» Der am 20. Juli verstorbene Musikhändler Böhme\n(Firma Bureau de Musiqne von C. F. Peters) ist als Dritter zu den\nMännern hinzugetreten, welche in den letzteren Jahren ihren Na-\nmen zur Ehre und zum Wohle der Stadt gross gemacht haben.\nSc hl et t er, ein reicher Seidenhändler, dessen Vater mit leeren\nHänden angefangen, vermachte der Stadt sein Haus und seine Ge-\nmälde-Galerie, 100,000 Thlr. an Werth; Dr. Becker, ein Arzt\nund Privatgelehrter, dotirte in seinem Testamente eine Augen-Heil-\nanstalt; der Musikhändler Böhme nun schenkte seine Handlung,\ndie er seit 1828 besessen, der Stadt, damit davon ebenfalls eine\n„Böhme-Wohlthätigkeits-Anstalt\" gegründet werde. Ein F'ünfer-\nAusschuss, bestehend in einer Dame, der Witwe des Testators,\neinem Doctor, einem Juristen, einem Stadtrathe und einem Kauf-\nmanne, verwaltet die Fonds. —An die Stelle von Riccius, als\nDirigenten der „Euterpe\", ist der Organist Langer gewählt wror-\nden und hat es angenommen,\n(S.-D. M.-Z.)"}]}