{"numero_id": "bm-bmtnabi-1855-09-15-01", "volume": "bmtnabi_1855-09-15_01", "ocr_sha256": "e4fb224572a2b27c2e094c302a62c984d441697118a6d6a406b6cdfc719ee988", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1855/09/15_01/bmtnabi_1855-09-15_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550915-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1855-09-15-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-09-15_01#c001", "volume": "bmtnabi_1855-09-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "289", "page_fin": "291", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550915-01.2.1", "titre_corps": "Friedrich Chopin.", "titre_sommaire": "Friedrich Chopin.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "289", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550915-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3866, "texte": "Friedrich Chopin.\nI.\nGeorges Sand hat einige Blätter ihrer Memoiren\nder Darstellung ihres Verhältnisses zu Friedrich Chopin\ngewidmet, deren Inhalt lür unsere Leser sowohl wegen\nder Berühmlheit dieser beiden aussergewöhnlichen Persön-\nlichkeiten, als wegen der Streiflichter, die dadurch auf Cho-\npin's Ausnahme-Natur als Mensch und schaffender Künst-\nler geworfen werden, anziehend sein dürften.\nNach Georges Sand's Darstellung unternahm die geist-\nreiche Schriftstellerin im Jahre 1838 aus Sorge für die\nGesundheit eines ihrer Kinder eine Reise. Chopin wünschte\ndaran Theil zu nehmen, und Georges Sand willigte ein.\nDie Reisenden trafen sich in Perpignan und gingen nach\nder Insel Majorca, wo sie in einem verlassenen und halb\nin Trümmern liegenden Kloster eine gesunde und durch\nihre Lage höchst reizende Wohnung fanden. Wir lassen\nnun die Dichterin selbst sprechen:\n„Der arme grosse Künstler war ein unausstehlicher\nKranker. Was ich, unglücklicher Weise nicht genug, ge-\nfürchtet hatte, traf ein. Er verlor alle moralische Kraft.\nWenn er auch die Schmerzen mit ziemlichem Mulhe er-\ntrug, so konnte er doch nicht Herr werden über die Un-\nruhe seiner Einbildungskraft. Das Kloster war für ihn voll\nSchrecken und Gespenster, selbst wenn er sich körper-\nlich wohl fühlte. Er sagte es nicht, ich musste es errathen.\nWenn ich Abends mit meinen Kindern von unserem Um-\nherstöbern in den Ruinen zurück kam, fand ich ihn, um\n10 Uhr Nachts, todtenbleich vor seinem Flügel, mit stie-\nren Augen und die Haare wie emporgesträubt. Er brauchte\neinige Augenblicke, um uns zu erkennen.\n„Dann zwang er sich zum Lachen und spielte uns\nwundervolle Sachen vor, die er eben componirt hatte, oder,\nrichtiger gesagt, schreckliche und herzzerreissende Ideen,\ndie sich seiner unbewusst bemächtigt hatten in dieser ein-\nsamen und düsteren Schreckensstunde.\n„Dort hat er die schönsten von jenen Kleinodien ge-\ndichtet, die er bescheidener Weise Präludien genannt\nhat. Es sind Meisterstücke. Mehrere von ihnen führen uns\nErscheinungen von längst dahingegangenen Mönchen vor\ndie Sinne und Töne von Grabgesängen, die ihn um-\nlagerten ; andere sind wehmüthig und sanft, sie fielen ihm\nwährend der Sonnenblicke der Gesundheit ein, bei dem\nLachen der Kinder unter seinen Fenstern, beim fernen\nKlange der Guitarren, beim Gesänge der Vögel unter dem\nfeuchten Laube, beim Anblicke der kleinen bleichen Rosen,\ndie sich über dem Schnee entfalteten.\n„Andere wieder sind düster und traurig, und wenn\nihre Töne auch das Ohr entzücken, so bohren sie sich doch\nins Herz. Eines von diesen trat ihm an einem trüben Re-\ngen-Abende, der die Seele furchtbar umdüstert, vor die\nPhantasie. An jenem Tage hatten wir, Moriz und ich, ihn\nganz wohl verlassen, um in Palma einige Bedürfnisse für\nunsere ländliche Einrichtung einzukaufen. Da kam der Re-\ngen guss, die Bergströrr.e schwollen an und traten aus; wir\nhatten sechs Stunden auf anderthalb Meile zugebracht, um\nmitten durch die Ueberschwemmung nach Hause zu ge-\nlangen, und wir kamen erst bei tiefer Nacht an, verlassen\nvon unserem Vetturino, ohne Schuhe und unter unerhörten\nGefahren. Wir eilten, so sehr wir konnten, um der voraus-\ngesehenen Angst und Unruhe unseres Kranken daheim\nwillen. Gewiss war diese Angst gross gewesen; sie hatte\nsich aber wie zu einer ruhigen Hoffnungslosigkeit verstei-\nnert, und er spielte unter Thränen sein bewundernswürdi-\nges Präludium. Bei unserem Eintritte sprang er auf, stiess\neinen gellenden Schrei aus und sagte dann mit irrem Blicke\nund in seltsamem Tone: „ „Ich wusste es wohl, dass ihr\ntodt wäret!\"8\n„Als er wieder zu sich gekommen war und unseren\nZustand sah, wurde ihm unwohl durch die Gedanken an\nunsere überstandene Gefahr; aber er gestand mir nachher,\ndass er im Harren auf unsere Rückkehr das alles im\nTraume gesehen, dass am Ende Traum und Wirklichkeit\nin einander geflossen und er sich gleichsam in Schlaf ge-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "290", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550915-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5204, "texte": "spielt habe mit dem Gelühle, als sei er selbst gestorben.\nEs war ihm, als sei er in einem See ertrunken; schwere,\neiskalte Tropfen fielen ihm in regelmässiger Folge auf die\nBrust, und als ich ihn nun darauf aufmerksam machte, dass\ndie Tropfen wirklich wie im Tacte auf das Dach fielen, be-\nhauptete er, das nicht gehört zu haben. Er wurde sogar\närgerlich, als ich von nachahmender Tonmalerei sprach. Er\neiferte in vollem Zorne, und mit Recht, gegen das Kindi-\nsche jener Nachahmungen. Sein Geist war erfüllt von der\ngeheimnissvollen Harmonie der Natur, allein er stellte sie\ndurch erhabene Gleichbilder in musicalischen Gedanken dar,\nnicht durch eine sclavische Wiederholung äusserer Klänge*).\nWohl war die Composition, welche diesem Abende ihr Da-\nsein verdankte, voll von jenen Regentropfen, die auf das\nhallende Dach der Carthause niederfielen, aber seine Phan-\ntasie und seine Melodie hatten sie zu Thränen vergeistigt,\ndie vom Himmel herab auf sein Herz fielen.\n„ Chopin's Genie war das tiefste und gefühl- und er-\nregungsvollste, das jemals da gewesen ist. Er lässt ein ein-\nziges Instrument die Sprache der Unendlichkeit reden; er\nhat oft in zehn Linien, die ein Kind spielen könnte [?], Ge-\ndichte von erhabenem Schwung, Dramen von beispiellos\nergreifender Gewalt gebannt. Niemals hat er die grossen\nmateriellen Mittel nöthig gehabt, um sein Genie zu offen-\nbaren. Er brauchte weder Saxophone noch Ophikleiden,\num die Seele des Hörers mit Schrecken zu durchschauern,\nkeine Orgel noch Chöre von Menschenstimmen, um sie für\nGlauben und Begeisterung empfänglich zu machen. Die\ngrosse Menge hat ihn nicht erkannt und erkennt ihn noch\nnicht. Es bedarf eines grossen Fortschrittes im Geschmack\nund in der Einsicht in das Kunstschöne, bevor seine\nWerke populär werden. Es wird eine Zeit kommen, wo\nman seine Musik für das Orchester einrichten wird, ohne\nan dem, was für das Ciavier geschrieben steht, irgend\netwas zu ändern, und alle Welt wird einsehen, dass dieser\nGeist, der eben so gross, eben so umfassend, eben so ge-\nlehrt ist, als der Geist der grössten Meister, denen er sich\ngleich gestellt hat, eine noch unterscheidendere Eigenthüm-\nlichkeit besitzt als Sebastian Bach, eine gewaltigere als\nBeethoven, eine dramatischere als Weber. Er ist alle Drei\nzusammen und bleibt dennoch er selbst, das heisst freier\nim Geschmack, schroffer im Grossartigen und herzzerreis-\nsender im Schmerz. Mozart allein steht über ihm, weil\nMozart obenein zu dem Genie die Ruhe der Gesundheit,\nfolglich die Fülle des Lebens besass.\n„Chopin fühlte seine Stärke und seine Schwäche. Seine\nSchwäche bestand in dem Uebermaass der Stärke, die er\nnicht bändigen konnte. Er konnte nicht wie Mozart und\nMozart allein konnte es ein Meisterstück mit Einer Farbe\nmachen. Seine Musik war voll Schattirungen und Ueber-\nraschungen. Manchmal, jedoch selten, war sie seltsam, my-\nstisch und geschraubt. Wiewohl er einen wahren Abscheu\nvor allem Unverständlichen hegte, so trug ihn doch maass-\nlose Aufregung ihm selbst unbewusst in Regionen empor,\ndie er allein kannte. Ich war vielleicht für ihn ein schlech-\nter Richter denn er zog mich so zu Rathe, wie Moliere\nseine Köchin—, weil ich, da ich ihn so genau kannte, es\ndahin gebracht hatte, mich mit allen Fasern seiner Orga-\nnisation vertraut zu machen. Acht Jahre lang, wo er mich\ntagtäglich in die Geheimnisse seiner schöpferischen Phan-\ntasie und seiner musicalischen Gedankenfülle einweihte, of-\nfenbarte mir sein Flügel den hinreissenden Flug, die Ver-\nwicklung, die Siege oder die Qualen seiner Gedanken. Ich\nverstand ihn also eben so gut, wie er sich selbst verstand;\nein Richter, der ihm selbst fremder gewesen wäre, würde\nihn gezwungen haben, verständlicher für Alle zu werden.\n„In seiner Jugend hatte er manchmal heitere und völ-\nlig abgerundete Ideen gehabt. Er hat polnische Lieder und\nGesänge gemacht, die nicht gedruckt worden sind, welche\neine reizende Gutmüthigkeit und eine äusserst liebenswür-\ndige Milde athmen. Einige seiner späteren Compositionen\nsind auch noch Krystall-Quellen, in denen sich die helle\nSonne spiegelt. Allein wie selten und kurz sind diese ruhi-\ngen Ergüsse seiner dichterischen Anschauung! Der Gesang\nder Lerche in der Himmelsluft und das weiche Sichwiegen\ndes Schwans auf dem stillen See sind für ihn wie Blitze\ndes Schönen bei heiterem Himmel. Das hungrige Ge-\nkrächze des Adlers auf den Felsen von Majorca, das herbe\nPfeifen des Seewindes und die düstere Trostlosigkeit der\nbeschneiten Stechpalme stimmten ihn viel tiefer und nach-\nhaltiger traurig, als ihn der Duft der Orangenblüthe, der\nanmuthige Reiz des Weinlaubes und der maurische Gesang\nder Landleute erheiterten.\n„Und so war sein Charakter in allen Dingen. Einen\nAugenblick lang empfänglich und dankbar für das Wohl- i\nwollen der Liebe und das Lächeln des Geschickes, konnte j\ner durch die Tactlosigkeit eines ganz gleichgültigen Men- |\nsehen oder durch kleine Widrigkeiten des praktischen Le-'\nbens Tage, ja, ganze Wochen lang verstimmt werden. Und,\nsonderbar! ein wirklicher Schmerz brach ihn nicht so zu-\n\n*) „Ich habe in dem Roman Consuelo eine Erklärung~dieses\nmusicaliscben Unterschiedes gegeben, welche ihn vollständig\nbefriedigt hat, folglich klar und richtig sein muss.\""}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "291", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550915-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2278, "texte": "sammen, als ein kleiner. Es schien, als hätte er nicht die\nKraft, ihn gleich zu begreifen und ihn nachher zu fühlen.\nDie Tiefe seiner Aufregung stand also in gar keinem Ver-\nhältnisse zu ihren Gründen. Den bedauernswerthen Zu-\nstand seiner Gesundheit trug er bei wirklicher Gefahr mit\nheldenmüthiger Entsagung, und bei unbedeutenden Störun-\ngen derselben quälte er sich auf klägliche Weise damit ab.\nDas ist die Geschichte und das Schicksal aller Wesen, bei\ndenen das Nerven-System übermässig entwickelt ist.\n„Bei der übertriebenen Empfindlichkeit über Kleinig-\nkeiten, dem Grauen vor Leiden und den Bedürfnissen eines\nverfeinerten Lebens wurde ihm Majore® nach einigen kran-\nken Tagen natürlich ganz und gar zuwider. Abzureisen\nwar unmöglich, er war zu schwach dazu. Als er besser\ngeworden, wehten Gegenwinde an der Küste, und drei\nWochen lang konnte das Dampfboot den Hafen nicht ver-\nlassen. Dies war die einzig mögliche Schiffs-Gelegenheit,\nund obenein war sie jetzt unmöglich.\n„Unser Aufenthalt in dem Kloster Valdemosa war\nalso eine Marter für ihn und eine Qual für mich. Chopin\nwar milde, heiter, liebenswürdig in Gesellschaft, aber als\nKranker konnte er seine ausschliessliche Umgebung fast\nzur Verzweiflung bringen. Nie gab es eine edlere, feiner\nfühlende, uneigennützigere Seele; kein Umgang konnte\ntreuer und aufrichtiger, kein Geist glänzender in Munter-\nkeit, kein Verstand ernster und eindringlicher in allem sein,\nwas auf sein Gebiet gehörte; aber zum Ersatz dafür war\nauch leider keine Laune abspringender, keine Einbildung\nmisslrauischer und wahnwitziger, keine Reizbarkeit leichter\nzu verletzen, keine Ansprüche des Herzens unmöglicher zu\nbefriedigen. Und von allem dem lag die Schuld nicht an ihm,\nsondern an seiner Krankheit. Sein Gefühl wurde gleichsam\nlebendig geschunden; der Kniff in einem Rosenblatte, der\nSchatten einer Fliege konnten ihn bis aufs Blut verwunden.\nAusser mir und meinen Kindern war ihm Alles unter dem\nspanischen Himmel zuwider und zum Ekel. Er rieb sich\nmehr auf durch die Ungeduld, wieder iort zu kommen, als\ndurch die Unbequemlichkeiten des Aufenthalts.\n„Endlich konnten wir nach Barcelona und von da,\nwieder zur See, nach Marseille gegen Ende des Winters\ngelangen. Ich verliess das Kloster mit einem Gemisch von\nFreude und Schmerz.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-09-15-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-09-15_01#c002", "volume": "bmtnabi_1855-09-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "291", "page_fin": "294", "image_debut": 3, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550915-01.2.2", "titre_corps": "Das Musikfest zu Birmingham.", "titre_sommaire": "Das Musikfest zu Birmingham.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "291", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550915-01.1.3", "debut_caractere": 2280, "fin_caractere_exclue": 4713, "texte": "Das Musikfest zu Birmingham.\n[Mendelssohn's Elias Eli, Oratorium von Costa\n(zum ersten Male) Händel's Messias Gemischte\nConcerte Mozart's Requiem Beethovens\nChristus Händel's Israel.]\nLondon, den 3. September 1855.\nIch berichte Ihnen über das bedeutendste musicalische\nEreigniss des Augenblickes, über das grossartige Musikfest\nin Birmingham und über die erste Aufführung eines neuen\nOratoriums von Costa.\nVon dem Glänze dieses Festes kann man sich kaum\neine Vorstellung machen, wenn man nicht selbst gesehen\nund gehört hat, was zu sehen und zu hören war. Das Lo-\ncal, in welchem die Musikfeste in Birmingham gehalten\nwerden, ist ein wundervolles; der äussere Bau, nach dem\nModel des Tempels des Jupiter Stator in Rom, ist edel,\nund die innere Ausstattung, theils nach Modellen desselben\nTempels, theils nach Ideen des Malers Ingram, ist ausser-\nordentlich schön, reich, elegant und geschmackvoll. Die\nAkustik des Saales ist die beste, die ich kenne; die Or-\ngel ist ein herrliches Instrument, nach den Rathschlägen\nNeukomm's gebaut. Der Saal ist ein doppelter Cubus\nvon 75 Fuss und fasst ein Auditorium von circa 3000\nPersonen, Orchester und Chor ungerechnet. Die ausführen-\nden Musiker und Sänger bestanden natürlich aus der Elite\nder londoner Künstler; für die Oratorien waren die Damen\nC asteil an und Rudersdorff für den Sopran, Madame\nViardot und Miss Dolby für den Alt, Sims Reeves\nund Reichard für den Tenor, For mes und Mr. Weiss\nfür den Bass engagirt; für die Abend-Concerte traten noch\ndie Grisi und Bosio, Mario, Gardoni und Lablache\nhinzu. Das Orchester bestand aus trefflichen Künstlern,\ndas Streich-Quartett allein zählte 108, und welch ein Quar-\ntett! Der Chor bestand aus 350 Stimmen, darunter ein\nChor von fast 200 aus Birmingham selbst, und die übri-\ngen theils aus dem berühmten Chor der Sacred Harmonie\nSociety in Exeter Hall, theils aus der in\nBradford. Es ist nicht möglich, sich etwas Vollendeteres\nals das Zusammenwirken dieser Massen unter Costa's Lei-\ntung zu denken; es war eine Präcision, eine Klarheit, eine\nNuancirung vom leisesten Piano bis zum stärksten Fortis-\nsimo, wie es bis jetzt vielleicht noch nie gehört worden ist.\nAm ersten Morgen hatten wir Mendelssohn's Elias.\nDer Elias selbst war Mr. Weiss übertragen, da Formes am\nnächsten Morgen die neue Partie des Eli hatte. Weiss hat\neine weiche, angenehme Stimme und eine glatte, verstän-\ndige Manier, zu singen; doch fehlte ihm oft gerade für den"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "292", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550915-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5197, "texte": "Elias die Kraft und Energie von Formes. Im ersten Theile\nsangen Madame Castellan, Miss Dolby und Sims Reeves;\nim zweiten Theile die Rudersdorff, Viardot, Dolby und Sims\nReeves. Die weiche, klangvolle Stimme der Castellan gab\ndie Klagen der trostlosen Mutter herrlich wieder; sie ist\neine höchst anmuthige Sängerin. Die schöne, klangvolle\nStimme der Madame Rudersdorff eignete sich besonders zu\nder herrlichen Arie: „Höre, Israel!\" und ihr Vortrag war\neben so ausdrucksvoll, als edel. Ihre Stimme erhob sich\nklar und hell über den Chor in „Heilig, heilig\", und sie\ngab das letzte Recitaliv mit eben so kraftvollem Tone als\nrührendem Ausdrucke. Die Dolby sang: „0, ruht in\nGott!\" ausserordentlich schön, und die ganze Aufführung\nwar eine wirklich makellose, von der Jeder entzückt und\ngehoben nach Hause ging. Am Abende war ein Miscella-\nneous Concert,welches mit einer Cantate von G. A. Mac-\nfarren begann. Dieser hat sich Bürger's Leonore\nzum Thema genommen und daraus ein höchst schwülstiges,\nmelodieen-armes und wildes Werk geschaffen, dem die ver-\neinten Anstrengungen der Damen Castellan und Viardot,\ndes Herrn Weiss und des Chors doch keinen Anklang bei\ndem Publicum verschaffen konnten. Macfarren hat aber an-\ndere Werke, besonders eine Oper geschrieben, die viel\nGlück gemacht hat, und verdienter Maassen; denn er war\neben so glücklich in der Erfindung lieblicher Melodieen,\nals er ein tüchtiger und gelehrter Musiker ist. Diesmal\naber scheint ihn sein Thema irre geführt zu haben, und\nseine Leonore wird wohl in Birmingham zum ersten und\nletzten Male gegeben worden sein. Das Orchester gab die\nOuvertüren zur Fingalshöhle, zum Freischütz und zu der\nStummen von Portici meisterhaft; die letztere musste wie-\nderholt werden. Die Bosio erkrankte, und zwar so bedeu-\ntend, dass sie alle für die nächste Zeit geschlossenen Enga-\ngements aulgeben musste. Die Castellan und die Ruders-\ndorff mussten für sie übernehmen, was nicht fortgelassen\nwerden konnte. Die Grisi, Mario und Lablache wurden mit\ndem gewöhnlichen Jubel empfangen. Die Grisi nimmt sehr\nab, ihre Stimme ist fast klanglos und auf wenige Töne be-\nschränkt; dazu leidet sie an kurzem Athem, so dass ihr\nGesang jetzt wirklich mittelmässig zu nennen ist. Den Eng-\nländern gilt aber über Alles der xName, und die alte An-\nhänglichkeit ist noch so mächtig, dass die Künstlerin heute\nnoch mehr jede Arie da caposingen muss als vor 10 —ls\nJahren, wo sie wirklich eine Diva war und mit ihrer mäch-\ntigen, herrlichen Stimme, der Leidenschaft des Ausdruckes,\nder Vollendung des Vortrages alle Herzen und alle Neben-\nbuhlerinnen besiegte. Mario hingegen singt noch bezaubernd\nschön, und es ist ein wirklicher Genuss, von ihm das\ngiol d'amar\"aus derFavorita zu hören. Lablache ist ein\nPhänomen; der alte, fast siebenzigjährige Mann donnert\nnoch mit seiner Stimme über alle Orchester hinweg, und\nim Versammlungs-Zimmer ist er es, der die ganze Gesell-\nschaft belebt und erheitert. Es war erquickend, unter all\nden siisslichen ilaliänischen Melodieen Spohr's grosse Scene\nans Faust zu hören, welche Madame Rüdersdorf mit gros-\nser Vollendung des Vortrages und künstlerischem Ver-\nständnisse sang und dafür einen stürmischen Beifall ärn-\ntete. Formes sang die herrliche Arie mit Chor aus der\nZauberflöte ausserordentlich schön und musste sie, obgleich\nes schon fast am Ende des langen Abends und gegen\n12 Uhr war, wiederholen.\nAm zweiten Tage, Mittwoch Morgens, fand die Auf-\nführung des Eli Statt. Das Werk wurde mit einer unge-\nmeinen Spannung erwartet. Costa ist als Dirigent längst\nbekannt und berühmt, und man weiss, dass hauptsächlich\nseiner Thätigkeit, Energie und Kenntniss der grosse Auf-\nschwung der Sacred Harmonie Society in London seit sechs\nJahren zu danken ist; als Componist aber wusste man we-\nnig oder nichts von ihm. Eine Oper, kurz vor dem Falle\nLumley's gegeben, hatte kein Aufsehen erregt, und als\nComponist geistlicher Musik war er gänzlich unbekannt.\nSchon die Proben seines Werkes, das bei dem weltbe-\nrühmten birminghamer Musikfeste zum ersten Male vor die\nWelt treten sollte, waren von wissbegierigen oder neugie-\nrigen und vielleicht neidischen Künstlern, Kritikern und\nDilettanten besucht, und man hörte eine Menge Urtheile,\naus denen allen, bei allem Widerspruche, man doch ent-\nnehmen konnte, dass etwas Ungewöhnliches zu erwarten\nstand. Das Gedicht, von Bartholomeo, dem Uebersetzer\naller Mendelssohn'schen Werke, geschickt und effectvoll\naus der heiligen Schrift den Büchern Samuel's— zusam-\nmengestellt, bot dem Componisten reichen Stoff und hat\nsogar poetische Schönheiten. Der erste Chor gleich, fugirt,\nzeigte den Meister und fesselte die Aufmerksamkeit Aller.\nVon Nummer zu Nummer steigerte sich das Interesse, und\nbald war wohl kein unparteiischer Zuhörer im ganzen eng-\ngelüllten Räume, der nicht gestehen musste, dass er vor\neinem grossen, bewunderungswürdigen Werke stand. Der\nApplaus ist in England bei geistlicher Musik ganz gegen\ndie Sitte und wird sogar auf den Zetteln untersagt, und\nhei Musikfesten hat nur der Präsident diesmal Sir Wil-\nloughby de Brohe das Recht, ein Stück da capo zu\nverlangen. Bei der ersten Arie der Hannah: „Zu Dir, o\nGott!\" —eine herrlich melodiöse, gesangreiche Composition"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "293", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550915-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5090, "texte": "mit anmuthiger Begleitung—, von Madame Castellan sehr\nschön vorgetragen, begann das Murmeln des Beifalls. Ein\nChor, wo die Söhne Eli's vor dem Lager ein Bacchanal be-\ngehen, überraschte durch wilde Originalität und glühende\nPhantasie; das Publicum brach los, wurde aber von dem\nkirchlichen Theile der Zuhörer zur Ruhe gebracht. Eine\nArie des Eli in Es ist eben so reich an Melodie, wie an tie-\nfer Empfindung und geschickter Bearbeitung des Orchesters.\nForm es hat wohl selten so meisterhaft gesungen, wie in\ndieser Arie, und seine volle, markige Stimme slieg auf und\nnieder in den melodiösen Harmonieen, wie ein Orgelton;\nals er mit dem kräftigen tiefen schloss, brach das Bei-\nfall-Murmeln wieder los, und nur die heilige Stimmung die-\nser Arie hielt das Publicum im Zaume. Die darauf folgen-\nden Chöre: „Segnet den Herrn\"\nund der anschliessende Choral: „Wie gross ist Dein Name\"\nstempeln allein Costa zum unsterblichen Meister und\nräumen ihm unbedingt den Platz neben Mendelssohn ein.\nSowohl im fugirten Satze, wie in Erfindung der Melodie,\nBehandlung der Instrumente, überraschenden Effecten, in\nharmonischen Entwicklungen steht er gross da, und sein\nerstes Werk wird hoffentlich nur der Anfang vieler folgen-\nden sein, die ihm einen Sitz unter den ersten Tondichtern\ndieser Gattung für immer zusichern. Dies, glauben Sie mir,\nist nicht zu viel gesagt, und wenn Sie dieses Werk hören,\nwerden Sie mit der Erste sein, welcher dem Componisten\neine Lorberkrone flicht. Den Ausschlag gab an jenem\nMorgen der Aufruf der Philistäer zum Kriege gegen die\nIsraeliten, ein Tenor-Solo mit Männerchor in D-dur. Sims\nReeves sang dieses grossartige Musikstück mit einer Kraft\nund Energie, wie ich mich kaum erinnere, Aehnliches ge-\nhört zu haben; und als zum Schlüsse der dreimalige Auf-\nruf des Tenors: „Kampf, Kampf, Kampf!\" in gehaltenen\nTönen, aufsteigend vom d, fiszum jedesmal beantwortet\nvon einem vollen, wechselnden Accord des Chors, erscholl,\nda brachen alle Bande des alten Herkommens, der from-\nmen Verehrung, und wie mit Einer Stimme stürmte das\nganze Publicum los, gab allem so lange bezwungenen En-\nthusiasmus freien Lauf und tobte unaufhaltsam wohl zehn\nMinuten lang. Die Nummer musste wiederholt werden, und\nnach dem zweiten Male war der laute Beifall noch stürmi-\nscher, und von nun ab war kein Halten mehr, und Alles\nwurde applaudirt, da capo verlangt, \\or Allem die sehr\nschöne Arie der Hannah: „Ich will dich preisen!\" von\nMadame Castellan mit jubelndem Feuer gesungen. Der\nerste Theil schliesst mit einem meisterhaften Chor, und am\nSchlüsse erhob sich fast das ganze Auditorium, um dem\nMeisler zuzujubeln, der so wunderbare Harmonieen ge-\nschaffen.\nDie erste Hälfte des zweiten Theiles ist gross durch\nihre Einfachheit; die rührenden Gebete des Kindes Samuel\nwurden von Madame Viardot meisterhaft wiedergegeben.\nEin melodiöses Quartett: „Wir segnen euch im Namen\ndes Herrn!\" wurde da capo verlangt und eben so das wun-\ndervolle Abendgebet des Knaben Samuel mit darauf fol-\ngendem Chor der Engel. Der Doppelchor: „Lass Gott sich\nerheben!\" ist eine der schönsten Nummern in Auffassung\nund Durchführung, und der ganze dramatische Schluss des\nWerkes bis zum jubelnden Halleluja vollendet schön und\nnoch besonders desshalb zu loben, dass die Entwicklung\nrasch und ohne Längen, bis zur Katastrophe sich steigernd,\nvor sich geht. Der Ausruf des Chors beim Tode des Eli\nist eben so neu, wie überraschend und erschütternd.\nDass das Werk einzelne Schwächen hat, ist nicht zu\nläugnen (z. B. das Duett zwischen den beiden Bässen);\nallein welches Werk der Neueren hätte deren nicht? und\nwo so viele grosse und hervorragende Schönheiten sind,\nhat man kaum das Recht, etwas weniger Gutes zu tadeln.\nGelehrt, ohne schwülstig, original, ohne barock, melodiös,\nohne trivial, effectvoll, ohne gesucht, gefühlvoll, ohne em-\npfindsam zu sein das sind die Eigenschaften, die Costa in\nseinem Eli offenbart hat und welche ihn zu einem der Hohen-\npriester im Tempel der Kunst stempeln. Das Werk ist be-\nreits für das im nächsten Jahre in Bradford Statt findende\nMusikfest besprochen und wird auch im November schon\nin Exeter Hall gegeben werden.\nDer Abend glich dem vorhergegangenen, nur dass\nes so übervoll war, dass man vor Hitze fast umkam. Die\nHaupt-Pieccn des Abends waren die (die so ge-\nnannte italiänische) Sinfonie von Mendelssohn und\nsein Finale aus der Loreley. Die Sinfonie wurde vollen-\ndet gegeben; die Loreley sang Madame Rudersdorff\nmit ungemeiner Kraft, Energie und Ausdruck und wurde\nrauschend applaudirt. Mit Recht sagt ein londoner Blatt:\n„ Wie ein wilder Vogel schwang sich der Gesang der\nKünstlerin empor, und in leidenschaftlichen, herzrührenden\nTönen gab sie den Genius des grossen Meisters wieder\nund machte ihn zu ihrem eigenen.\" Lablache, der\ngrosse Meister des Gesanges, bewies wieder, wie wenig die\nItaliäner fähig sind, deutsche Musik zu singen, und sein\nVortrag der Spohr'schen Arie des Mephisto Hess mehr als\nviel zu wünschen übrig. Die Viardot macht jedoch eine\nrühmliche Ausnahme; wenn ihre Stimme noch in der Höhe\nausreichte, würde ihr Vortrag der grossen Scene aus dem"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "294", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550915-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2786, "texte": "Freischütz nichts zu wünschen übrig gelassen haben. Ma-\nrio und die Grisi sangen Alles da capo, wie gewöhnlich.\nDer Haupt-Glanzpunkt bei jedem englischen Musik-\nfeste ist der Messias. Er war es auch diesmal. Der Saal\nwar übermässig voll, und kein Billet wurde unter einer Guinee\nverkauft, so dass eine Einnahme von 3240 Guineen erzielt\nwurde (über 21 ,000 Thlr.!). Die Aufführung war eine wirk-\nlich wunderbar schöne. Die Anordnung Costa's, den Chor:\n„ Denn uns ist ein Kind geboren\", bis zu den Worten: „ wun-\ndervoll, erhaben\" pianissimo zu halten, war von magischem\nEffect. Die Art und Weise der Frau Rudersdorf f, Händel zu\nsingen, lässt nichts zu wünschen übrig, und ihre Aussprache\ndes Englischen ist vollkommen. Ihr Vortrag des Recitativs:\n„Denn euch ist geboren ein Erlöser!\" war tief ergreifend,\nund die Worte: „Es ist Christus, der Herr!\" elektrisirten\ndas ganze Publicum, während sie in der herrlichen Melo-\ndie: „Kommt hin zu Ihm!\" bis zu Thränen rührte. Den\nletzten Theil sang Madame Castellan, und zwar, wie im-\nmer, schön. Miss Dolby übertraf an diesem Morgen Ma-\ndame Viardot, die nicht gut bei Stimme war. Sims\nReeves ist unübertrefflich in Händel'scher Musik, und\nReichard that nicht klug daran, neben ihm eine der\nArien zu singen.\nDas Abend-Concert glich wieder den vorigen und\nbrachte an Neuem eine Cantate des Prinzen Albert, von\nfast sämmtlichen Solisten gesungen eine echt prinzliche\nMusik. Dann eine Cantate, von Howard Glover compo-\nnirt und von Sims Reeves mit Chor gesungen—ein wilder,\nbarocker Text, dem die Musik entsprach; doch liess sich\nnicht läugnen, dass bei allem Wahnsinn des Gedichtes die\nMusik doch auch Schönes, Melodisches und Originelles ent-\nhielt. Von Instrumentalsachen wurden die Pastoral-Sinfonie\nund die Wilhelm-Tell-Ouverture meisterhaft ausgeführt.\nDer vierte Morgen brachte erst Beethoven's\nChristus am Oelberg e, dann das von Mo-\nzart und zuletzt eine Auswahl aus Israel in Aegyp-\nten. Reichard sang die anstrengende Partie des Chri-\nstus correct, aber auch nichts mehr; denn die Kraft\nseiner Stimme reicht nicht aus, und er hat weder poeti-\nsches Gefühl noch musicalisches Verständniss. Die Partie\ndes Seraphs, besonders die grosse Arie, trug die Ruders-\ndorff .vortrefflich vor. Im Requiem sangen die Castellan\nund Dolby, und Gar doni und Form es; dieses herr-\nliche Werk ging meisterhaft. Der Schluss des Festes war\nein glorreicher; denn man kann sich kaum Vollendeteres\ndenken, als die Auslührung der Chöre aus Israel, deren\nzwei da capo verlangt wurden, eben so die Arie der Ru-\ndersdorff, welche auch das «Singet dem Herrn\" mit\naller Kraft und Energie ihrer schönen Stimme vortrug und\neinen allgemeinen Beifall hervorrief. Zum Schlüsse wurde\nGod save (he Queen von den Damen Rüdersdorf!', Castellan\nund Dolby mit Chor ausgeführt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-09-15-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-09-15_01#c003", "volume": "bmtnabi_1855-09-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "294", "page_fin": "296", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550915-01.2.3", "titre_corps": "Aus New-York.", "titre_sommaire": "Aus New-York.", "signature_source": "E", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "294", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550915-01.1.6", "debut_caractere": 2788, "fin_caractere_exclue": 4939, "texte": "Aus New-York.\n\nIch habe Ihnen lange nicht geschrieben, weil die hie-\nsigen musicalischen Zustände der Art sind, dass sie in Eu-\nropa wenig interessiren können. Es ist nämlich damit eben\nso, wie mit so vielen Dingen in America: die Freiheit wird\nUngebundenheit, Selbstsucht, Gesetzlosigkeit, Faustrecht,\nUnordnung, Verwirrung. Von der Art und Weise der Exi-\nstenz hiesiger Theater-Unternehmungen, ihrem plötzlichen\nAuftauchen und ihrem noch plötzlicheren Verschwinden\nkann man sich jenseit des Oceans gar keine Vorstellung\nmachen. Von Kunst-Instituten ist dabei auch nicht im Ent-\nferntesten die Rede. New-York hat zwar eine\nMusic, die erst in neuester Zeit gegründet ist und von der\nman alles Mögliche erwartete; allein die italiänische Oper,\nwelche in dem kolossalen und prachtvollen Gebäude spielt,\nist nichts als eine auf unverschämte Weise getriebene Spe-\nculation, bei der man schon desswegen nicht abonniren\nkann, weil man—buchstäblich genommen heute Abends\nbeim Herausgehen nicht sicher ist, ob man nicht morgen\nvor geschlossene Thüren kommt. So ist es in der letzten\nSeason ein paar Mal gegangen.\nEs gibt keine Stadt in der Welt, wo ein künstlerischer\nBühnen-Erfolg schwieriger ist, als in New-York. Ein Be-\ndürfnissist die Musik hier durchaus nicht, sondern nur\neine Sache der Mode, des Tones, der Laune, der vorüber-\ngehenden Liebhaberei. Doch das Letzte ist fast schon zu\nviel gesagt; denn eigentliche beständige und treue Theater-\nLiebhaber, wie die alte Garde des Schauspielhauses in Ber-\nlin und die Habitues der Opera in Paris, existiren\nhier gar nicht. Man geht in das Theater, um eine neue\nOper, deren Namen der Posaunen-Ton der europäischen\nJournale übers Meer getragen hat, ein oder zwei Mal zu\nhören, rein aus Neugier und um darüber mitsprechen zu\nkönnen, und eben so hält man es mit den einzelnen Künst-\nlern, wiewohl diese doch noch den Vorzug haben, dass\nman im Grunde überhaupt nur ihretwegen kommt; denn\nder Musik an und lür sich wegen geht Niemand in die Oper.\nDabei ist das Publicum, obschon aus nichts weniger\nals Kennern zusammengesetzt, doch äusserst anspruchsvoll ;\nes verlangt nicht nur das Gute, sondern das Beste, das"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "295", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550915-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5115, "texte": "Heisst dasjenige, was als das Beste in Europa gepriesen wird.\nWeil es Jenny Lind, weil es Henriette Sontag gehört,\ndann eine Tedesco, Bosio, zuletzt die Grisi und Mario (zwar\nRuinen, aber doch berühmte Ruinen!), so glaubt es sich\nberechtigt, zu verlangen, dass ihm die ersten Grössen auf\nder Bühne vorgeführt werden, und fordert noch obenein,\ndass die Befriedigung seiner Neugier ihm nicht viel kosten\nsolle. Man irrt sehr, wenn man in Europa glaubt, dass es\ndem Americaner, so wie dem Engländer, auf einige Dollars\nmehr oder weniger für ein Opern- oder Concert-Billet nicht\nankomme; das ist keineswegs der Fall, und eben desshalb\ngehen jetzt alle Unternehmer, welche europäische Berühmt-\nheiten mit grossen Opfern engagiren, zu Grunde. 01 e Bull\nkann davon erzählen; er gründete hier eine Oper in der\nAcademy of Music, aber die Actionäre schlössen ihm nach\neiniger Zeit das Theater vor der Nase zu, und er war um\n12—15,000 Dollars ärmer.\nNun sahen sich die Herren gezwungen, die Verwaltung\nihrer Bühne selbst in die Hand zu nehmen. Hilf Himmel!\nda ging die Verwirrung erst los! Es handelte sich darum,\ndie Nebenbuhlerschaft des Theaters aus dem Felde\nzu schlagen. Rossini's Teil, nachher Verdi's schauderhafter\nTrovalore, der aber hier eben so zog, wie die grellfarbigen\nBilder am liebsten gekauft werden, machten einige Einnah-\nmen. Da fährt es wie ein Blitzstrahl aus heiterem Himmel,\nals man im Theater Niblo den „Barbier\" und Frau Anna\nde Lagrange als Rosine ankündigt. Die Directoren der\nAkademie hofften auf ein Fiasco; aber der Unternehmer in\nNiblo theilte für die General-Probe auf sehr freundliche\nWeise an jeden, der Billets verlangte, deren aus und vergass\naus Höflichkeit, Geld dafür zu fordern. Bald war natürlich\nder Zudrang ungeheuer, und die Lagrange sang vor einem\nüberfüllten Hause, welches seine Dankbarkeit für die Sän-\ngerin und den Director in unauslöschlichem Beifallklatschen\nund Hurrahrufen bewährte. Am anderen Tage waren alle\nBlätter voll überströmenden Lobes, voll Begeisterung, voll\nEntzücken; Lind, Sontag, Grisi, Alles war vergessen und\nalle Welt auf den nächsten Montag gespannt, wo die La-\ngrange in Niblo auftreten sollte.\nDer Montag kommt, und Niblo ist geschlossen! Da-\ngegen singt die neue Diva in der Akademie am Dinstag.\nDie Directoren hatten mittels ungeheurer Opfer den Unter-\nnehmer in Niblo zum Abtreten der Künstlerin an ihr Theater\nvermocht; er griff nach dem sicheren Gewinn und lachte\nsich ins Fäustchen, als bei der Aufführung des Barbiers in\nder Akademie kaum tausend Menschen im Theater waren;\ndenn dort musste bezahlt werden. Die Akademiker kamen\nins Gedränge, schlössen ihrerseits ebenfalls die Oper und\nschickten ihre Gesellschaft auf Gastspiele nach Boston. Und\nnun die Journale! wie fielen sie über die ganze Geschichte\nher! Das ist so ein Pröbchen aus der Kunstgeschichte von\nNew-York.\nDie Akademie beruht auf Actien, was sich hier zu Lande\nschon von selbst versteht. In Ole Bull glaubte sie ihren\nMann gefunden zu haben und stellte ihn aber auf seine\nRechnung an die Spitze. Er begann damit, einen Preis\nvon 1000 Dollars für eine americanische Oper auszuschrei-\nben. Als nach vierzehn Tagen keine Partitur eingegangen\nwar, erklärte er sich bankerott. Ole Bull versteht zwar den\nHumbug, aber nur auf der Violine; der musicalische Hum-\nbug reicht nicht aus in America, der Barnum'sche muss\ndazu kommen.\nJetzt spricht man davon, dass zwei neue Directoren\nder Anarchie ein Ende zu machen gedenken. Der Eine soll\nein alter, gewandter Bärenführer sein —so nennt man hier\ndie Unternehmer in Kunstsachen —, der früher die göttliche\nFanny Eisler hier tanzen Hess; er nennt sich jetzt Chevalier\nWickoff. Der Andere soll ein Barbier sein, der zwar nicht\nselbst rasirt, aber sich doch auch von dem Chevalier nicht\nbarbiren lassen will. Am Ende wird wohl der Bart des Pu-\nblicums herhalten müssen. Da sehen Sie, dass der Theater-\nJammer, worüber die Zeitungen in Deutschland klagen, ein\nparadiesischer Zustand gegen die hiesigen Zustände ist;\nhier fängt die Cultur-Periode damit an, womit sie in Eu-\nropa aufhört.\nNach Ole Bull hatten die Actionäre ihr Auge auf Balfe\ngeworfen; wenigstens machte eine gewisse Partei ihm An-\nträge. Der englische Componist war so bescheiden, folgende\nuneigennützige Vorschläge zu thun: Er machte sich anhei-\nschig, drei Aufführungen einer neuen Oper von seiner Com-\nposition in New-York zu leiten (ob er die zuletzt in Italien\ndurchgefallene meinte, weiss ich nicht sicher): dafür ver-\nlangte er 1000 Pf. St. Honorar, freie Hin- und Zurück-\nreise und Ersatz der Aufenthaltskosten für sich, seine Fa-\nmilie und drei Domestiquen. Das Eigenthumsrecht der Par-\ntitur behielt er sich ausserdem vor. Das ist Thatsache. Na-\ntürlich brach man die Unterhandlungen auf der Stelle ab.\nMadame de Lagrange hat, um die Zeit bis zur Er-\nöffnung der Akademie unter der neuen Direction zu be-\nnutzen, mit einer Gesellschaft von fünf Personen (Mad. Al-\ndini, 2 Tenören, 1 Bariton und 1 Bass) eine Kunstreise\nnach dem Westen angetreten; sie wird über Boston nach\nAlbany, Utica, Buffalo, Chicago bis St. Louis gehen. Glück\nzu der Ausbeutung des Binnenlandes!"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "296", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550915-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3809, "texte": "Dagegen ist die Rachel mit Gefolge auf dem Pacific\nhier angekommen und wird am 10. September zum ersten\nMale im Metropolitan-Theater auftreten. Auch ist bereits\nein Bildniss von ihr erschienen, welches durch die Anwen-\ndung einer neuen Erfindung interessant ist; diese soll näm-\nlich in einer eigenthümlichen Verbindung der Daguerreoty-\npie mit dem Stahlstich bestehen. Man hat dieser Kunst den\nNamen „Heliographie\" gegeben, und sie soll die Photogra-\nphie verdunkeln. Die Rachelist auf diesem Bildnisse in der\nRolle der Phädra dargestellt.\nDie beiden hiesigen musicalischen Blätter haben sich zu\nEiner Zeitschrift verschmolzen, welche unter dem Titel\nNew-York Musical Review and Gazette im Verlag von Ma-\nson Brothers-erscheint. Die Redaction wird mit verständi-\nger Umsicht geleitet, und die Tendenz ist lobenswerth, in-\ndem stets auf das Solide in der Musik hingewiesen wird,\nwenigstens in den Original-Aufsätzen, während freilich in\nden Correspondenzen aus den Vereinigten Staaten manche\nCuriosa vorkommen, was jedoch gar nicht zu vermeiden ist.\nDie Verleger haben in ihrer letzten Nummer auch Preis-\nCompositionen ausgeschrieben und 200 Dollars für das\nbeste Lied (aufenglischen Text) und 100 Dollars lür das\nzweitbeste ausgesetzt. Die Art der Entscheidung über die\nPreiswürdigkeit ist charakteristisch lür das Land. EinComite\nwird von den eingesandten Liedern acht auswählen; diese\nwerden in der Musical Review abgedruckt, und sämmtliche\nAbonnenten werden ersucht, ihr Urtheil an die Redaction\neinzuschicken; wer die meisten Stimmen hat, ist Sieger.\nNächst dieser Zeitschrift vertreten die philharmoni-\nsche Gesellschaft in Orchester-Aufführungen und die\nAbonnements-Soireen in Bezug auf Kammermusik\ndie wahren Interessen der Tonkunst. Ueber die Leistungen\nbeider Institute im nächsten Winter werde ich Ihnen be-\nrichten. Eine eigentümliche Landessitte ist der Besuch der\nProben der philharmonischen Gesellschaft; ein Musik-Di-\nrector in Deutschland würde über den Lärm des Publicums\nin diesen Proben in Verzweiflung gerathen; hier aber keh-\nren sich Dirigent und Orchester eben so wenig an das\nPublicum, als dieses an das Orchester. Ich erinnere mich\nnoch recht gut daran, dass Sie mir einmal sagten: „ Wenn\nSie Ihren Sing-Verein in *** erhalten wollen, so machen Sie\njedesmal eine recht lange Pause zwischen der ersten und\nzweiten Abtheilnng der Uebungsstunden.\" Seitdem ich die\nhiesigen Proben der philharmonischen Gesellschaft kennen\ngelernt, habe ich Sie erst ganz verstanden. Wahrlich, die\nGesellschaft würde nicht halb so viele Mitglieder haben,\nwenn nicht alle das Recht hätten, die Proben zu besuchen.\nJetzt sind diese Abende der Sammelplatz der fashionablen\nWelt. Hier sehen Sie die liebenswürdigen Dilettantinnen\nund ihre Anbeter, einige Hundert Stück Ciavierlehrer und\nihre Schülerinnen, die Componisten von New-York, die\nschönsten Toiletten, die neuesten Moden, und das alles in\neinem ewigen Heraus und Herein, einem wogenden Durch-\neinander, einem schwirrenden Gesumme und Geflüster, wel-\nches desto lauter wird, je weisser die Zähne sind, durch\ndie es schlüpft, und je reicher die Dandies, welche es her-\nvorrufen und sich darin neben den göttlichen Tönen Mo-\nzart's und Beethoven's berauschen.\nDie meisten Mitglieder des Orchesters sind Deutsche.\nEine Menge von deutschen Auswanderern, die mit ganz\nanderen Planen hieher gekommen, fangen mit Musik ihre\nneue Laufbahn an. Wohl dem, der etwas Ciavier spielen\nkann und den berliner Grundsatz mitbringt: „Bange ma-\nchen gilt nicht!\" Clavier-Unterricht ist in America die\nerste Stufe zu allen möglichen Grössen. Wehe dem aber,\nder Clavierlehrer bleibt!\nZum Schlüsse theile ich Ihnen noch mit, dass Herr\nSchreiber von Köln sich hier einen bedeutenden Ruf\nerworben hat; man nennt ihn nur the celebraled Trompeter.\nNew-York, 25. August 1855.\n\nE."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-09-15-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-09-15_01#c004", "volume": "bmtnabi_1855-09-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "296", "page_fin": "296", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550915-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs- Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs- Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "296", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550915-01.1.8", "debut_caractere": 3811, "fin_caractere_exclue": 5709, "texte": "Tages- und Unterhaltungs- Blatt.\nMöln. Unser Männergesang-Verein wird am 21. Sep-\ntember die Fahrt nach Paris antreten. Herr John Mitchell\naus London, welcher seit drei Jahren mit dem Vereine in Verbin-\ndung steht und in jeder Hinsicht das volle Vertrauen desselben ver-\ndient, hat auch für diese Sängerfahrt nach Frankreich die Geschäfts-\nführung übernommen, und nach allen Erfahrungen auf den frühe-\nren Reisen kann sie in gar keinen besseren Händen sein. Der köl-\nner Männergesang-Verein wird in Paris eine Reihe von Concerten\ngeben, und wir zweifeln keinen Augenblick, dass er aus der Haupt-\nstadt der civilisirten Welt neue Lorbern mit nach Hause bringen\nwird. Bei der musicalischen Bedeutung von Paris ist diese dritte\ngrosse Sängerfahrt der Kölner (die siegreichen Leistungen in Bel-\ngien ungerechnet) von grosser Wichtigkeit für die Verbreitung des\ndeutschen Chorgesanges im Auslande.\nGroilia, Am 24. August fand im halbrunden Saale des hiesi-\ngen Hoftheaters die von ungefähr 20 Personen besuchte General-\nVersammlung deutscher Tonkünstler zur Bildung eines „Mozart-\nVereins\" unter Vorsitz des Herrn Rechts-Anwaltes Haushalter aus\nWernigerode Statt. In dem von Herrn Stadtmusicus Harras\nam 29. August im Schiesshaus-Saale veranstalteten Concerte ärntete\nnamentlich Herr Concertmeister Uhlrich aus Sondershausen in drei\nViolin-Piecen enthusiastischen Beifall. Die Orchester-Vorträge be-\nfriedigten fast durchweg. Den Schluss bildete die Ouvertüre zu\n„Lanval\" von Wandersieb unter Leitung des Componisten zur gros-\nsen Freude seiner zahlreichen Freunde. Es war das letzte öffent-\nliche Auftreten des allgemein beliebten Wandersieb vor seiner Reise\nnach America, welche er nun bereits am 3. September angetreten\nhat. Herr Hof-Capellmeister Drouet, der gegenwärtig noch in\nParis weilt Behufs der Aufführung von „Santa Chiarahat die\nUebernahme der Direction unseres Gesang-Vereins zugesagt. 12."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "289", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550915-01.1.1", "texte": "Friedrich Chopin.\nI.\nGeorges Sand hat einige Blätter ihrer Memoiren\nder Darstellung ihres Verhältnisses zu Friedrich Chopin\ngewidmet, deren Inhalt lür unsere Leser sowohl wegen\nder Berühmlheit dieser beiden aussergewöhnlichen Persön-\nlichkeiten, als wegen der Streiflichter, die dadurch auf Cho-\npin's Ausnahme-Natur als Mensch und schaffender Künst-\nler geworfen werden, anziehend sein dürften.\nNach Georges Sand's Darstellung unternahm die geist-\nreiche Schriftstellerin im Jahre 1838 aus Sorge für die\nGesundheit eines ihrer Kinder eine Reise. Chopin wünschte\ndaran Theil zu nehmen, und Georges Sand willigte ein.\nDie Reisenden trafen sich in Perpignan und gingen nach\nder Insel Majorca, wo sie in einem verlassenen und halb\nin Trümmern liegenden Kloster eine gesunde und durch\nihre Lage höchst reizende Wohnung fanden. Wir lassen\nnun die Dichterin selbst sprechen:\n„Der arme grosse Künstler war ein unausstehlicher\nKranker. Was ich, unglücklicher Weise nicht genug, ge-\nfürchtet hatte, traf ein. Er verlor alle moralische Kraft.\nWenn er auch die Schmerzen mit ziemlichem Mulhe er-\ntrug, so konnte er doch nicht Herr werden über die Un-\nruhe seiner Einbildungskraft. Das Kloster war für ihn voll\nSchrecken und Gespenster, selbst wenn er sich körper-\nlich wohl fühlte. Er sagte es nicht, ich musste es errathen.\nWenn ich Abends mit meinen Kindern von unserem Um-\nherstöbern in den Ruinen zurück kam, fand ich ihn, um\n10 Uhr Nachts, todtenbleich vor seinem Flügel, mit stie-\nren Augen und die Haare wie emporgesträubt. Er brauchte\neinige Augenblicke, um uns zu erkennen.\n„Dann zwang er sich zum Lachen und spielte uns\nwundervolle Sachen vor, die er eben componirt hatte, oder,\nrichtiger gesagt, schreckliche und herzzerreissende Ideen,\ndie sich seiner unbewusst bemächtigt hatten in dieser ein-\nsamen und düsteren Schreckensstunde.\n„Dort hat er die schönsten von jenen Kleinodien ge-\ndichtet, die er bescheidener Weise Präludien genannt\nhat. Es sind Meisterstücke. Mehrere von ihnen führen uns\nErscheinungen von längst dahingegangenen Mönchen vor\ndie Sinne und Töne von Grabgesängen, die ihn um-\nlagerten ; andere sind wehmüthig und sanft, sie fielen ihm\nwährend der Sonnenblicke der Gesundheit ein, bei dem\nLachen der Kinder unter seinen Fenstern, beim fernen\nKlange der Guitarren, beim Gesänge der Vögel unter dem\nfeuchten Laube, beim Anblicke der kleinen bleichen Rosen,\ndie sich über dem Schnee entfalteten.\n„Andere wieder sind düster und traurig, und wenn\nihre Töne auch das Ohr entzücken, so bohren sie sich doch\nins Herz. Eines von diesen trat ihm an einem trüben Re-\ngen-Abende, der die Seele furchtbar umdüstert, vor die\nPhantasie. An jenem Tage hatten wir, Moriz und ich, ihn\nganz wohl verlassen, um in Palma einige Bedürfnisse für\nunsere ländliche Einrichtung einzukaufen. Da kam der Re-\ngen guss, die Bergströrr.e schwollen an und traten aus; wir\nhatten sechs Stunden auf anderthalb Meile zugebracht, um\nmitten durch die Ueberschwemmung nach Hause zu ge-\nlangen, und wir kamen erst bei tiefer Nacht an, verlassen\nvon unserem Vetturino, ohne Schuhe und unter unerhörten\nGefahren. Wir eilten, so sehr wir konnten, um der voraus-\ngesehenen Angst und Unruhe unseres Kranken daheim\nwillen. Gewiss war diese Angst gross gewesen; sie hatte\nsich aber wie zu einer ruhigen Hoffnungslosigkeit verstei-\nnert, und er spielte unter Thränen sein bewundernswürdi-\nges Präludium. Bei unserem Eintritte sprang er auf, stiess\neinen gellenden Schrei aus und sagte dann mit irrem Blicke\nund in seltsamem Tone: „ „Ich wusste es wohl, dass ihr\ntodt wäret!\"8\n„Als er wieder zu sich gekommen war und unseren\nZustand sah, wurde ihm unwohl durch die Gedanken an\nunsere überstandene Gefahr; aber er gestand mir nachher,\ndass er im Harren auf unsere Rückkehr das alles im\nTraume gesehen, dass am Ende Traum und Wirklichkeit\nin einander geflossen und er sich gleichsam in Schlaf ge-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "290", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550915-01.1.2", "texte": "spielt habe mit dem Gelühle, als sei er selbst gestorben.\nEs war ihm, als sei er in einem See ertrunken; schwere,\neiskalte Tropfen fielen ihm in regelmässiger Folge auf die\nBrust, und als ich ihn nun darauf aufmerksam machte, dass\ndie Tropfen wirklich wie im Tacte auf das Dach fielen, be-\nhauptete er, das nicht gehört zu haben. Er wurde sogar\närgerlich, als ich von nachahmender Tonmalerei sprach. Er\neiferte in vollem Zorne, und mit Recht, gegen das Kindi-\nsche jener Nachahmungen. Sein Geist war erfüllt von der\ngeheimnissvollen Harmonie der Natur, allein er stellte sie\ndurch erhabene Gleichbilder in musicalischen Gedanken dar,\nnicht durch eine sclavische Wiederholung äusserer Klänge*).\nWohl war die Composition, welche diesem Abende ihr Da-\nsein verdankte, voll von jenen Regentropfen, die auf das\nhallende Dach der Carthause niederfielen, aber seine Phan-\ntasie und seine Melodie hatten sie zu Thränen vergeistigt,\ndie vom Himmel herab auf sein Herz fielen.\n„ Chopin's Genie war das tiefste und gefühl- und er-\nregungsvollste, das jemals da gewesen ist. Er lässt ein ein-\nziges Instrument die Sprache der Unendlichkeit reden; er\nhat oft in zehn Linien, die ein Kind spielen könnte [?], Ge-\ndichte von erhabenem Schwung, Dramen von beispiellos\nergreifender Gewalt gebannt. Niemals hat er die grossen\nmateriellen Mittel nöthig gehabt, um sein Genie zu offen-\nbaren. Er brauchte weder Saxophone noch Ophikleiden,\num die Seele des Hörers mit Schrecken zu durchschauern,\nkeine Orgel noch Chöre von Menschenstimmen, um sie für\nGlauben und Begeisterung empfänglich zu machen. Die\ngrosse Menge hat ihn nicht erkannt und erkennt ihn noch\nnicht. Es bedarf eines grossen Fortschrittes im Geschmack\nund in der Einsicht in das Kunstschöne, bevor seine\nWerke populär werden. Es wird eine Zeit kommen, wo\nman seine Musik für das Orchester einrichten wird, ohne\nan dem, was für das Ciavier geschrieben steht, irgend\netwas zu ändern, und alle Welt wird einsehen, dass dieser\nGeist, der eben so gross, eben so umfassend, eben so ge-\nlehrt ist, als der Geist der grössten Meister, denen er sich\ngleich gestellt hat, eine noch unterscheidendere Eigenthüm-\nlichkeit besitzt als Sebastian Bach, eine gewaltigere als\nBeethoven, eine dramatischere als Weber. Er ist alle Drei\nzusammen und bleibt dennoch er selbst, das heisst freier\nim Geschmack, schroffer im Grossartigen und herzzerreis-\nsender im Schmerz. Mozart allein steht über ihm, weil\nMozart obenein zu dem Genie die Ruhe der Gesundheit,\nfolglich die Fülle des Lebens besass.\n„Chopin fühlte seine Stärke und seine Schwäche. Seine\nSchwäche bestand in dem Uebermaass der Stärke, die er\nnicht bändigen konnte. Er konnte nicht wie Mozart und\nMozart allein konnte es ein Meisterstück mit Einer Farbe\nmachen. Seine Musik war voll Schattirungen und Ueber-\nraschungen. Manchmal, jedoch selten, war sie seltsam, my-\nstisch und geschraubt. Wiewohl er einen wahren Abscheu\nvor allem Unverständlichen hegte, so trug ihn doch maass-\nlose Aufregung ihm selbst unbewusst in Regionen empor,\ndie er allein kannte. Ich war vielleicht für ihn ein schlech-\nter Richter denn er zog mich so zu Rathe, wie Moliere\nseine Köchin—, weil ich, da ich ihn so genau kannte, es\ndahin gebracht hatte, mich mit allen Fasern seiner Orga-\nnisation vertraut zu machen. Acht Jahre lang, wo er mich\ntagtäglich in die Geheimnisse seiner schöpferischen Phan-\ntasie und seiner musicalischen Gedankenfülle einweihte, of-\nfenbarte mir sein Flügel den hinreissenden Flug, die Ver-\nwicklung, die Siege oder die Qualen seiner Gedanken. Ich\nverstand ihn also eben so gut, wie er sich selbst verstand;\nein Richter, der ihm selbst fremder gewesen wäre, würde\nihn gezwungen haben, verständlicher für Alle zu werden.\n„In seiner Jugend hatte er manchmal heitere und völ-\nlig abgerundete Ideen gehabt. Er hat polnische Lieder und\nGesänge gemacht, die nicht gedruckt worden sind, welche\neine reizende Gutmüthigkeit und eine äusserst liebenswür-\ndige Milde athmen. Einige seiner späteren Compositionen\nsind auch noch Krystall-Quellen, in denen sich die helle\nSonne spiegelt. Allein wie selten und kurz sind diese ruhi-\ngen Ergüsse seiner dichterischen Anschauung! Der Gesang\nder Lerche in der Himmelsluft und das weiche Sichwiegen\ndes Schwans auf dem stillen See sind für ihn wie Blitze\ndes Schönen bei heiterem Himmel. Das hungrige Ge-\nkrächze des Adlers auf den Felsen von Majorca, das herbe\nPfeifen des Seewindes und die düstere Trostlosigkeit der\nbeschneiten Stechpalme stimmten ihn viel tiefer und nach-\nhaltiger traurig, als ihn der Duft der Orangenblüthe, der\nanmuthige Reiz des Weinlaubes und der maurische Gesang\nder Landleute erheiterten.\n„Und so war sein Charakter in allen Dingen. Einen\nAugenblick lang empfänglich und dankbar für das Wohl- i\nwollen der Liebe und das Lächeln des Geschickes, konnte j\ner durch die Tactlosigkeit eines ganz gleichgültigen Men- |\nsehen oder durch kleine Widrigkeiten des praktischen Le-'\nbens Tage, ja, ganze Wochen lang verstimmt werden. Und,\nsonderbar! ein wirklicher Schmerz brach ihn nicht so zu-\n\n*) „Ich habe in dem Roman Consuelo eine Erklärung~dieses\nmusicaliscben Unterschiedes gegeben, welche ihn vollständig\nbefriedigt hat, folglich klar und richtig sein muss.\""}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "291", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550915-01.1.3", "texte": "sammen, als ein kleiner. Es schien, als hätte er nicht die\nKraft, ihn gleich zu begreifen und ihn nachher zu fühlen.\nDie Tiefe seiner Aufregung stand also in gar keinem Ver-\nhältnisse zu ihren Gründen. Den bedauernswerthen Zu-\nstand seiner Gesundheit trug er bei wirklicher Gefahr mit\nheldenmüthiger Entsagung, und bei unbedeutenden Störun-\ngen derselben quälte er sich auf klägliche Weise damit ab.\nDas ist die Geschichte und das Schicksal aller Wesen, bei\ndenen das Nerven-System übermässig entwickelt ist.\n„Bei der übertriebenen Empfindlichkeit über Kleinig-\nkeiten, dem Grauen vor Leiden und den Bedürfnissen eines\nverfeinerten Lebens wurde ihm Majore® nach einigen kran-\nken Tagen natürlich ganz und gar zuwider. Abzureisen\nwar unmöglich, er war zu schwach dazu. Als er besser\ngeworden, wehten Gegenwinde an der Küste, und drei\nWochen lang konnte das Dampfboot den Hafen nicht ver-\nlassen. Dies war die einzig mögliche Schiffs-Gelegenheit,\nund obenein war sie jetzt unmöglich.\n„Unser Aufenthalt in dem Kloster Valdemosa war\nalso eine Marter für ihn und eine Qual für mich. Chopin\nwar milde, heiter, liebenswürdig in Gesellschaft, aber als\nKranker konnte er seine ausschliessliche Umgebung fast\nzur Verzweiflung bringen. Nie gab es eine edlere, feiner\nfühlende, uneigennützigere Seele; kein Umgang konnte\ntreuer und aufrichtiger, kein Geist glänzender in Munter-\nkeit, kein Verstand ernster und eindringlicher in allem sein,\nwas auf sein Gebiet gehörte; aber zum Ersatz dafür war\nauch leider keine Laune abspringender, keine Einbildung\nmisslrauischer und wahnwitziger, keine Reizbarkeit leichter\nzu verletzen, keine Ansprüche des Herzens unmöglicher zu\nbefriedigen. Und von allem dem lag die Schuld nicht an ihm,\nsondern an seiner Krankheit. Sein Gefühl wurde gleichsam\nlebendig geschunden; der Kniff in einem Rosenblatte, der\nSchatten einer Fliege konnten ihn bis aufs Blut verwunden.\nAusser mir und meinen Kindern war ihm Alles unter dem\nspanischen Himmel zuwider und zum Ekel. Er rieb sich\nmehr auf durch die Ungeduld, wieder iort zu kommen, als\ndurch die Unbequemlichkeiten des Aufenthalts.\n„Endlich konnten wir nach Barcelona und von da,\nwieder zur See, nach Marseille gegen Ende des Winters\ngelangen. Ich verliess das Kloster mit einem Gemisch von\nFreude und Schmerz.\"\n\nDas Musikfest zu Birmingham.\n[Mendelssohn's Elias Eli, Oratorium von Costa\n(zum ersten Male) Händel's Messias Gemischte\nConcerte Mozart's Requiem Beethovens\nChristus Händel's Israel.]\nLondon, den 3. September 1855.\nIch berichte Ihnen über das bedeutendste musicalische\nEreigniss des Augenblickes, über das grossartige Musikfest\nin Birmingham und über die erste Aufführung eines neuen\nOratoriums von Costa.\nVon dem Glänze dieses Festes kann man sich kaum\neine Vorstellung machen, wenn man nicht selbst gesehen\nund gehört hat, was zu sehen und zu hören war. Das Lo-\ncal, in welchem die Musikfeste in Birmingham gehalten\nwerden, ist ein wundervolles; der äussere Bau, nach dem\nModel des Tempels des Jupiter Stator in Rom, ist edel,\nund die innere Ausstattung, theils nach Modellen desselben\nTempels, theils nach Ideen des Malers Ingram, ist ausser-\nordentlich schön, reich, elegant und geschmackvoll. Die\nAkustik des Saales ist die beste, die ich kenne; die Or-\ngel ist ein herrliches Instrument, nach den Rathschlägen\nNeukomm's gebaut. Der Saal ist ein doppelter Cubus\nvon 75 Fuss und fasst ein Auditorium von circa 3000\nPersonen, Orchester und Chor ungerechnet. Die ausführen-\nden Musiker und Sänger bestanden natürlich aus der Elite\nder londoner Künstler; für die Oratorien waren die Damen\nC asteil an und Rudersdorff für den Sopran, Madame\nViardot und Miss Dolby für den Alt, Sims Reeves\nund Reichard für den Tenor, For mes und Mr. Weiss\nfür den Bass engagirt; für die Abend-Concerte traten noch\ndie Grisi und Bosio, Mario, Gardoni und Lablache\nhinzu. Das Orchester bestand aus trefflichen Künstlern,\ndas Streich-Quartett allein zählte 108, und welch ein Quar-\ntett! Der Chor bestand aus 350 Stimmen, darunter ein\nChor von fast 200 aus Birmingham selbst, und die übri-\ngen theils aus dem berühmten Chor der Sacred Harmonie\nSociety in Exeter Hall, theils aus der in\nBradford. Es ist nicht möglich, sich etwas Vollendeteres\nals das Zusammenwirken dieser Massen unter Costa's Lei-\ntung zu denken; es war eine Präcision, eine Klarheit, eine\nNuancirung vom leisesten Piano bis zum stärksten Fortis-\nsimo, wie es bis jetzt vielleicht noch nie gehört worden ist.\nAm ersten Morgen hatten wir Mendelssohn's Elias.\nDer Elias selbst war Mr. Weiss übertragen, da Formes am\nnächsten Morgen die neue Partie des Eli hatte. Weiss hat\neine weiche, angenehme Stimme und eine glatte, verstän-\ndige Manier, zu singen; doch fehlte ihm oft gerade für den"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "292", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550915-01.1.4", "texte": "Elias die Kraft und Energie von Formes. Im ersten Theile\nsangen Madame Castellan, Miss Dolby und Sims Reeves;\nim zweiten Theile die Rudersdorff, Viardot, Dolby und Sims\nReeves. Die weiche, klangvolle Stimme der Castellan gab\ndie Klagen der trostlosen Mutter herrlich wieder; sie ist\neine höchst anmuthige Sängerin. Die schöne, klangvolle\nStimme der Madame Rudersdorff eignete sich besonders zu\nder herrlichen Arie: „Höre, Israel!\" und ihr Vortrag war\neben so ausdrucksvoll, als edel. Ihre Stimme erhob sich\nklar und hell über den Chor in „Heilig, heilig\", und sie\ngab das letzte Recitaliv mit eben so kraftvollem Tone als\nrührendem Ausdrucke. Die Dolby sang: „0, ruht in\nGott!\" ausserordentlich schön, und die ganze Aufführung\nwar eine wirklich makellose, von der Jeder entzückt und\ngehoben nach Hause ging. Am Abende war ein Miscella-\nneous Concert,welches mit einer Cantate von G. A. Mac-\nfarren begann. Dieser hat sich Bürger's Leonore\nzum Thema genommen und daraus ein höchst schwülstiges,\nmelodieen-armes und wildes Werk geschaffen, dem die ver-\neinten Anstrengungen der Damen Castellan und Viardot,\ndes Herrn Weiss und des Chors doch keinen Anklang bei\ndem Publicum verschaffen konnten. Macfarren hat aber an-\ndere Werke, besonders eine Oper geschrieben, die viel\nGlück gemacht hat, und verdienter Maassen; denn er war\neben so glücklich in der Erfindung lieblicher Melodieen,\nals er ein tüchtiger und gelehrter Musiker ist. Diesmal\naber scheint ihn sein Thema irre geführt zu haben, und\nseine Leonore wird wohl in Birmingham zum ersten und\nletzten Male gegeben worden sein. Das Orchester gab die\nOuvertüren zur Fingalshöhle, zum Freischütz und zu der\nStummen von Portici meisterhaft; die letztere musste wie-\nderholt werden. Die Bosio erkrankte, und zwar so bedeu-\ntend, dass sie alle für die nächste Zeit geschlossenen Enga-\ngements aulgeben musste. Die Castellan und die Ruders-\ndorff mussten für sie übernehmen, was nicht fortgelassen\nwerden konnte. Die Grisi, Mario und Lablache wurden mit\ndem gewöhnlichen Jubel empfangen. Die Grisi nimmt sehr\nab, ihre Stimme ist fast klanglos und auf wenige Töne be-\nschränkt; dazu leidet sie an kurzem Athem, so dass ihr\nGesang jetzt wirklich mittelmässig zu nennen ist. Den Eng-\nländern gilt aber über Alles der xName, und die alte An-\nhänglichkeit ist noch so mächtig, dass die Künstlerin heute\nnoch mehr jede Arie da caposingen muss als vor 10 —ls\nJahren, wo sie wirklich eine Diva war und mit ihrer mäch-\ntigen, herrlichen Stimme, der Leidenschaft des Ausdruckes,\nder Vollendung des Vortrages alle Herzen und alle Neben-\nbuhlerinnen besiegte. Mario hingegen singt noch bezaubernd\nschön, und es ist ein wirklicher Genuss, von ihm das\ngiol d'amar\"aus derFavorita zu hören. Lablache ist ein\nPhänomen; der alte, fast siebenzigjährige Mann donnert\nnoch mit seiner Stimme über alle Orchester hinweg, und\nim Versammlungs-Zimmer ist er es, der die ganze Gesell-\nschaft belebt und erheitert. Es war erquickend, unter all\nden siisslichen ilaliänischen Melodieen Spohr's grosse Scene\nans Faust zu hören, welche Madame Rüdersdorf mit gros-\nser Vollendung des Vortrages und künstlerischem Ver-\nständnisse sang und dafür einen stürmischen Beifall ärn-\ntete. Formes sang die herrliche Arie mit Chor aus der\nZauberflöte ausserordentlich schön und musste sie, obgleich\nes schon fast am Ende des langen Abends und gegen\n12 Uhr war, wiederholen.\nAm zweiten Tage, Mittwoch Morgens, fand die Auf-\nführung des Eli Statt. Das Werk wurde mit einer unge-\nmeinen Spannung erwartet. Costa ist als Dirigent längst\nbekannt und berühmt, und man weiss, dass hauptsächlich\nseiner Thätigkeit, Energie und Kenntniss der grosse Auf-\nschwung der Sacred Harmonie Society in London seit sechs\nJahren zu danken ist; als Componist aber wusste man we-\nnig oder nichts von ihm. Eine Oper, kurz vor dem Falle\nLumley's gegeben, hatte kein Aufsehen erregt, und als\nComponist geistlicher Musik war er gänzlich unbekannt.\nSchon die Proben seines Werkes, das bei dem weltbe-\nrühmten birminghamer Musikfeste zum ersten Male vor die\nWelt treten sollte, waren von wissbegierigen oder neugie-\nrigen und vielleicht neidischen Künstlern, Kritikern und\nDilettanten besucht, und man hörte eine Menge Urtheile,\naus denen allen, bei allem Widerspruche, man doch ent-\nnehmen konnte, dass etwas Ungewöhnliches zu erwarten\nstand. Das Gedicht, von Bartholomeo, dem Uebersetzer\naller Mendelssohn'schen Werke, geschickt und effectvoll\naus der heiligen Schrift den Büchern Samuel's— zusam-\nmengestellt, bot dem Componisten reichen Stoff und hat\nsogar poetische Schönheiten. Der erste Chor gleich, fugirt,\nzeigte den Meister und fesselte die Aufmerksamkeit Aller.\nVon Nummer zu Nummer steigerte sich das Interesse, und\nbald war wohl kein unparteiischer Zuhörer im ganzen eng-\ngelüllten Räume, der nicht gestehen musste, dass er vor\neinem grossen, bewunderungswürdigen Werke stand. Der\nApplaus ist in England bei geistlicher Musik ganz gegen\ndie Sitte und wird sogar auf den Zetteln untersagt, und\nhei Musikfesten hat nur der Präsident diesmal Sir Wil-\nloughby de Brohe das Recht, ein Stück da capo zu\nverlangen. Bei der ersten Arie der Hannah: „Zu Dir, o\nGott!\" —eine herrlich melodiöse, gesangreiche Composition"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "293", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550915-01.1.5", "texte": "mit anmuthiger Begleitung—, von Madame Castellan sehr\nschön vorgetragen, begann das Murmeln des Beifalls. Ein\nChor, wo die Söhne Eli's vor dem Lager ein Bacchanal be-\ngehen, überraschte durch wilde Originalität und glühende\nPhantasie; das Publicum brach los, wurde aber von dem\nkirchlichen Theile der Zuhörer zur Ruhe gebracht. Eine\nArie des Eli in Es ist eben so reich an Melodie, wie an tie-\nfer Empfindung und geschickter Bearbeitung des Orchesters.\nForm es hat wohl selten so meisterhaft gesungen, wie in\ndieser Arie, und seine volle, markige Stimme slieg auf und\nnieder in den melodiösen Harmonieen, wie ein Orgelton;\nals er mit dem kräftigen tiefen schloss, brach das Bei-\nfall-Murmeln wieder los, und nur die heilige Stimmung die-\nser Arie hielt das Publicum im Zaume. Die darauf folgen-\nden Chöre: „Segnet den Herrn\"\nund der anschliessende Choral: „Wie gross ist Dein Name\"\nstempeln allein Costa zum unsterblichen Meister und\nräumen ihm unbedingt den Platz neben Mendelssohn ein.\nSowohl im fugirten Satze, wie in Erfindung der Melodie,\nBehandlung der Instrumente, überraschenden Effecten, in\nharmonischen Entwicklungen steht er gross da, und sein\nerstes Werk wird hoffentlich nur der Anfang vieler folgen-\nden sein, die ihm einen Sitz unter den ersten Tondichtern\ndieser Gattung für immer zusichern. Dies, glauben Sie mir,\nist nicht zu viel gesagt, und wenn Sie dieses Werk hören,\nwerden Sie mit der Erste sein, welcher dem Componisten\neine Lorberkrone flicht. Den Ausschlag gab an jenem\nMorgen der Aufruf der Philistäer zum Kriege gegen die\nIsraeliten, ein Tenor-Solo mit Männerchor in D-dur. Sims\nReeves sang dieses grossartige Musikstück mit einer Kraft\nund Energie, wie ich mich kaum erinnere, Aehnliches ge-\nhört zu haben; und als zum Schlüsse der dreimalige Auf-\nruf des Tenors: „Kampf, Kampf, Kampf!\" in gehaltenen\nTönen, aufsteigend vom d, fiszum jedesmal beantwortet\nvon einem vollen, wechselnden Accord des Chors, erscholl,\nda brachen alle Bande des alten Herkommens, der from-\nmen Verehrung, und wie mit Einer Stimme stürmte das\nganze Publicum los, gab allem so lange bezwungenen En-\nthusiasmus freien Lauf und tobte unaufhaltsam wohl zehn\nMinuten lang. Die Nummer musste wiederholt werden, und\nnach dem zweiten Male war der laute Beifall noch stürmi-\nscher, und von nun ab war kein Halten mehr, und Alles\nwurde applaudirt, da capo verlangt, \\or Allem die sehr\nschöne Arie der Hannah: „Ich will dich preisen!\" von\nMadame Castellan mit jubelndem Feuer gesungen. Der\nerste Theil schliesst mit einem meisterhaften Chor, und am\nSchlüsse erhob sich fast das ganze Auditorium, um dem\nMeisler zuzujubeln, der so wunderbare Harmonieen ge-\nschaffen.\nDie erste Hälfte des zweiten Theiles ist gross durch\nihre Einfachheit; die rührenden Gebete des Kindes Samuel\nwurden von Madame Viardot meisterhaft wiedergegeben.\nEin melodiöses Quartett: „Wir segnen euch im Namen\ndes Herrn!\" wurde da capo verlangt und eben so das wun-\ndervolle Abendgebet des Knaben Samuel mit darauf fol-\ngendem Chor der Engel. Der Doppelchor: „Lass Gott sich\nerheben!\" ist eine der schönsten Nummern in Auffassung\nund Durchführung, und der ganze dramatische Schluss des\nWerkes bis zum jubelnden Halleluja vollendet schön und\nnoch besonders desshalb zu loben, dass die Entwicklung\nrasch und ohne Längen, bis zur Katastrophe sich steigernd,\nvor sich geht. Der Ausruf des Chors beim Tode des Eli\nist eben so neu, wie überraschend und erschütternd.\nDass das Werk einzelne Schwächen hat, ist nicht zu\nläugnen (z. B. das Duett zwischen den beiden Bässen);\nallein welches Werk der Neueren hätte deren nicht? und\nwo so viele grosse und hervorragende Schönheiten sind,\nhat man kaum das Recht, etwas weniger Gutes zu tadeln.\nGelehrt, ohne schwülstig, original, ohne barock, melodiös,\nohne trivial, effectvoll, ohne gesucht, gefühlvoll, ohne em-\npfindsam zu sein das sind die Eigenschaften, die Costa in\nseinem Eli offenbart hat und welche ihn zu einem der Hohen-\npriester im Tempel der Kunst stempeln. Das Werk ist be-\nreits für das im nächsten Jahre in Bradford Statt findende\nMusikfest besprochen und wird auch im November schon\nin Exeter Hall gegeben werden.\nDer Abend glich dem vorhergegangenen, nur dass\nes so übervoll war, dass man vor Hitze fast umkam. Die\nHaupt-Pieccn des Abends waren die (die so ge-\nnannte italiänische) Sinfonie von Mendelssohn und\nsein Finale aus der Loreley. Die Sinfonie wurde vollen-\ndet gegeben; die Loreley sang Madame Rudersdorff\nmit ungemeiner Kraft, Energie und Ausdruck und wurde\nrauschend applaudirt. Mit Recht sagt ein londoner Blatt:\n„ Wie ein wilder Vogel schwang sich der Gesang der\nKünstlerin empor, und in leidenschaftlichen, herzrührenden\nTönen gab sie den Genius des grossen Meisters wieder\nund machte ihn zu ihrem eigenen.\" Lablache, der\ngrosse Meister des Gesanges, bewies wieder, wie wenig die\nItaliäner fähig sind, deutsche Musik zu singen, und sein\nVortrag der Spohr'schen Arie des Mephisto Hess mehr als\nviel zu wünschen übrig. Die Viardot macht jedoch eine\nrühmliche Ausnahme; wenn ihre Stimme noch in der Höhe\nausreichte, würde ihr Vortrag der grossen Scene aus dem"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "294", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550915-01.1.6", "texte": "Freischütz nichts zu wünschen übrig gelassen haben. Ma-\nrio und die Grisi sangen Alles da capo, wie gewöhnlich.\nDer Haupt-Glanzpunkt bei jedem englischen Musik-\nfeste ist der Messias. Er war es auch diesmal. Der Saal\nwar übermässig voll, und kein Billet wurde unter einer Guinee\nverkauft, so dass eine Einnahme von 3240 Guineen erzielt\nwurde (über 21 ,000 Thlr.!). Die Aufführung war eine wirk-\nlich wunderbar schöne. Die Anordnung Costa's, den Chor:\n„ Denn uns ist ein Kind geboren\", bis zu den Worten: „ wun-\ndervoll, erhaben\" pianissimo zu halten, war von magischem\nEffect. Die Art und Weise der Frau Rudersdorf f, Händel zu\nsingen, lässt nichts zu wünschen übrig, und ihre Aussprache\ndes Englischen ist vollkommen. Ihr Vortrag des Recitativs:\n„Denn euch ist geboren ein Erlöser!\" war tief ergreifend,\nund die Worte: „Es ist Christus, der Herr!\" elektrisirten\ndas ganze Publicum, während sie in der herrlichen Melo-\ndie: „Kommt hin zu Ihm!\" bis zu Thränen rührte. Den\nletzten Theil sang Madame Castellan, und zwar, wie im-\nmer, schön. Miss Dolby übertraf an diesem Morgen Ma-\ndame Viardot, die nicht gut bei Stimme war. Sims\nReeves ist unübertrefflich in Händel'scher Musik, und\nReichard that nicht klug daran, neben ihm eine der\nArien zu singen.\nDas Abend-Concert glich wieder den vorigen und\nbrachte an Neuem eine Cantate des Prinzen Albert, von\nfast sämmtlichen Solisten gesungen eine echt prinzliche\nMusik. Dann eine Cantate, von Howard Glover compo-\nnirt und von Sims Reeves mit Chor gesungen—ein wilder,\nbarocker Text, dem die Musik entsprach; doch liess sich\nnicht läugnen, dass bei allem Wahnsinn des Gedichtes die\nMusik doch auch Schönes, Melodisches und Originelles ent-\nhielt. Von Instrumentalsachen wurden die Pastoral-Sinfonie\nund die Wilhelm-Tell-Ouverture meisterhaft ausgeführt.\nDer vierte Morgen brachte erst Beethoven's\nChristus am Oelberg e, dann das von Mo-\nzart und zuletzt eine Auswahl aus Israel in Aegyp-\nten. Reichard sang die anstrengende Partie des Chri-\nstus correct, aber auch nichts mehr; denn die Kraft\nseiner Stimme reicht nicht aus, und er hat weder poeti-\nsches Gefühl noch musicalisches Verständniss. Die Partie\ndes Seraphs, besonders die grosse Arie, trug die Ruders-\ndorff .vortrefflich vor. Im Requiem sangen die Castellan\nund Dolby, und Gar doni und Form es; dieses herr-\nliche Werk ging meisterhaft. Der Schluss des Festes war\nein glorreicher; denn man kann sich kaum Vollendeteres\ndenken, als die Auslührung der Chöre aus Israel, deren\nzwei da capo verlangt wurden, eben so die Arie der Ru-\ndersdorff, welche auch das «Singet dem Herrn\" mit\naller Kraft und Energie ihrer schönen Stimme vortrug und\neinen allgemeinen Beifall hervorrief. Zum Schlüsse wurde\nGod save (he Queen von den Damen Rüdersdorf!', Castellan\nund Dolby mit Chor ausgeführt.\n\nAus New-York.\n\nIch habe Ihnen lange nicht geschrieben, weil die hie-\nsigen musicalischen Zustände der Art sind, dass sie in Eu-\nropa wenig interessiren können. Es ist nämlich damit eben\nso, wie mit so vielen Dingen in America: die Freiheit wird\nUngebundenheit, Selbstsucht, Gesetzlosigkeit, Faustrecht,\nUnordnung, Verwirrung. Von der Art und Weise der Exi-\nstenz hiesiger Theater-Unternehmungen, ihrem plötzlichen\nAuftauchen und ihrem noch plötzlicheren Verschwinden\nkann man sich jenseit des Oceans gar keine Vorstellung\nmachen. Von Kunst-Instituten ist dabei auch nicht im Ent-\nferntesten die Rede. New-York hat zwar eine\nMusic, die erst in neuester Zeit gegründet ist und von der\nman alles Mögliche erwartete; allein die italiänische Oper,\nwelche in dem kolossalen und prachtvollen Gebäude spielt,\nist nichts als eine auf unverschämte Weise getriebene Spe-\nculation, bei der man schon desswegen nicht abonniren\nkann, weil man—buchstäblich genommen heute Abends\nbeim Herausgehen nicht sicher ist, ob man nicht morgen\nvor geschlossene Thüren kommt. So ist es in der letzten\nSeason ein paar Mal gegangen.\nEs gibt keine Stadt in der Welt, wo ein künstlerischer\nBühnen-Erfolg schwieriger ist, als in New-York. Ein Be-\ndürfnissist die Musik hier durchaus nicht, sondern nur\neine Sache der Mode, des Tones, der Laune, der vorüber-\ngehenden Liebhaberei. Doch das Letzte ist fast schon zu\nviel gesagt; denn eigentliche beständige und treue Theater-\nLiebhaber, wie die alte Garde des Schauspielhauses in Ber-\nlin und die Habitues der Opera in Paris, existiren\nhier gar nicht. Man geht in das Theater, um eine neue\nOper, deren Namen der Posaunen-Ton der europäischen\nJournale übers Meer getragen hat, ein oder zwei Mal zu\nhören, rein aus Neugier und um darüber mitsprechen zu\nkönnen, und eben so hält man es mit den einzelnen Künst-\nlern, wiewohl diese doch noch den Vorzug haben, dass\nman im Grunde überhaupt nur ihretwegen kommt; denn\nder Musik an und lür sich wegen geht Niemand in die Oper.\nDabei ist das Publicum, obschon aus nichts weniger\nals Kennern zusammengesetzt, doch äusserst anspruchsvoll ;\nes verlangt nicht nur das Gute, sondern das Beste, das"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "295", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550915-01.1.7", "texte": "Heisst dasjenige, was als das Beste in Europa gepriesen wird.\nWeil es Jenny Lind, weil es Henriette Sontag gehört,\ndann eine Tedesco, Bosio, zuletzt die Grisi und Mario (zwar\nRuinen, aber doch berühmte Ruinen!), so glaubt es sich\nberechtigt, zu verlangen, dass ihm die ersten Grössen auf\nder Bühne vorgeführt werden, und fordert noch obenein,\ndass die Befriedigung seiner Neugier ihm nicht viel kosten\nsolle. Man irrt sehr, wenn man in Europa glaubt, dass es\ndem Americaner, so wie dem Engländer, auf einige Dollars\nmehr oder weniger für ein Opern- oder Concert-Billet nicht\nankomme; das ist keineswegs der Fall, und eben desshalb\ngehen jetzt alle Unternehmer, welche europäische Berühmt-\nheiten mit grossen Opfern engagiren, zu Grunde. 01 e Bull\nkann davon erzählen; er gründete hier eine Oper in der\nAcademy of Music, aber die Actionäre schlössen ihm nach\neiniger Zeit das Theater vor der Nase zu, und er war um\n12—15,000 Dollars ärmer.\nNun sahen sich die Herren gezwungen, die Verwaltung\nihrer Bühne selbst in die Hand zu nehmen. Hilf Himmel!\nda ging die Verwirrung erst los! Es handelte sich darum,\ndie Nebenbuhlerschaft des Theaters aus dem Felde\nzu schlagen. Rossini's Teil, nachher Verdi's schauderhafter\nTrovalore, der aber hier eben so zog, wie die grellfarbigen\nBilder am liebsten gekauft werden, machten einige Einnah-\nmen. Da fährt es wie ein Blitzstrahl aus heiterem Himmel,\nals man im Theater Niblo den „Barbier\" und Frau Anna\nde Lagrange als Rosine ankündigt. Die Directoren der\nAkademie hofften auf ein Fiasco; aber der Unternehmer in\nNiblo theilte für die General-Probe auf sehr freundliche\nWeise an jeden, der Billets verlangte, deren aus und vergass\naus Höflichkeit, Geld dafür zu fordern. Bald war natürlich\nder Zudrang ungeheuer, und die Lagrange sang vor einem\nüberfüllten Hause, welches seine Dankbarkeit für die Sän-\ngerin und den Director in unauslöschlichem Beifallklatschen\nund Hurrahrufen bewährte. Am anderen Tage waren alle\nBlätter voll überströmenden Lobes, voll Begeisterung, voll\nEntzücken; Lind, Sontag, Grisi, Alles war vergessen und\nalle Welt auf den nächsten Montag gespannt, wo die La-\ngrange in Niblo auftreten sollte.\nDer Montag kommt, und Niblo ist geschlossen! Da-\ngegen singt die neue Diva in der Akademie am Dinstag.\nDie Directoren hatten mittels ungeheurer Opfer den Unter-\nnehmer in Niblo zum Abtreten der Künstlerin an ihr Theater\nvermocht; er griff nach dem sicheren Gewinn und lachte\nsich ins Fäustchen, als bei der Aufführung des Barbiers in\nder Akademie kaum tausend Menschen im Theater waren;\ndenn dort musste bezahlt werden. Die Akademiker kamen\nins Gedränge, schlössen ihrerseits ebenfalls die Oper und\nschickten ihre Gesellschaft auf Gastspiele nach Boston. Und\nnun die Journale! wie fielen sie über die ganze Geschichte\nher! Das ist so ein Pröbchen aus der Kunstgeschichte von\nNew-York.\nDie Akademie beruht auf Actien, was sich hier zu Lande\nschon von selbst versteht. In Ole Bull glaubte sie ihren\nMann gefunden zu haben und stellte ihn aber auf seine\nRechnung an die Spitze. Er begann damit, einen Preis\nvon 1000 Dollars für eine americanische Oper auszuschrei-\nben. Als nach vierzehn Tagen keine Partitur eingegangen\nwar, erklärte er sich bankerott. Ole Bull versteht zwar den\nHumbug, aber nur auf der Violine; der musicalische Hum-\nbug reicht nicht aus in America, der Barnum'sche muss\ndazu kommen.\nJetzt spricht man davon, dass zwei neue Directoren\nder Anarchie ein Ende zu machen gedenken. Der Eine soll\nein alter, gewandter Bärenführer sein —so nennt man hier\ndie Unternehmer in Kunstsachen —, der früher die göttliche\nFanny Eisler hier tanzen Hess; er nennt sich jetzt Chevalier\nWickoff. Der Andere soll ein Barbier sein, der zwar nicht\nselbst rasirt, aber sich doch auch von dem Chevalier nicht\nbarbiren lassen will. Am Ende wird wohl der Bart des Pu-\nblicums herhalten müssen. Da sehen Sie, dass der Theater-\nJammer, worüber die Zeitungen in Deutschland klagen, ein\nparadiesischer Zustand gegen die hiesigen Zustände ist;\nhier fängt die Cultur-Periode damit an, womit sie in Eu-\nropa aufhört.\nNach Ole Bull hatten die Actionäre ihr Auge auf Balfe\ngeworfen; wenigstens machte eine gewisse Partei ihm An-\nträge. Der englische Componist war so bescheiden, folgende\nuneigennützige Vorschläge zu thun: Er machte sich anhei-\nschig, drei Aufführungen einer neuen Oper von seiner Com-\nposition in New-York zu leiten (ob er die zuletzt in Italien\ndurchgefallene meinte, weiss ich nicht sicher): dafür ver-\nlangte er 1000 Pf. St. Honorar, freie Hin- und Zurück-\nreise und Ersatz der Aufenthaltskosten für sich, seine Fa-\nmilie und drei Domestiquen. Das Eigenthumsrecht der Par-\ntitur behielt er sich ausserdem vor. Das ist Thatsache. Na-\ntürlich brach man die Unterhandlungen auf der Stelle ab.\nMadame de Lagrange hat, um die Zeit bis zur Er-\nöffnung der Akademie unter der neuen Direction zu be-\nnutzen, mit einer Gesellschaft von fünf Personen (Mad. Al-\ndini, 2 Tenören, 1 Bariton und 1 Bass) eine Kunstreise\nnach dem Westen angetreten; sie wird über Boston nach\nAlbany, Utica, Buffalo, Chicago bis St. Louis gehen. Glück\nzu der Ausbeutung des Binnenlandes!"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "296", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550915-01.1.8", "texte": "Dagegen ist die Rachel mit Gefolge auf dem Pacific\nhier angekommen und wird am 10. September zum ersten\nMale im Metropolitan-Theater auftreten. Auch ist bereits\nein Bildniss von ihr erschienen, welches durch die Anwen-\ndung einer neuen Erfindung interessant ist; diese soll näm-\nlich in einer eigenthümlichen Verbindung der Daguerreoty-\npie mit dem Stahlstich bestehen. Man hat dieser Kunst den\nNamen „Heliographie\" gegeben, und sie soll die Photogra-\nphie verdunkeln. Die Rachelist auf diesem Bildnisse in der\nRolle der Phädra dargestellt.\nDie beiden hiesigen musicalischen Blätter haben sich zu\nEiner Zeitschrift verschmolzen, welche unter dem Titel\nNew-York Musical Review and Gazette im Verlag von Ma-\nson Brothers-erscheint. Die Redaction wird mit verständi-\nger Umsicht geleitet, und die Tendenz ist lobenswerth, in-\ndem stets auf das Solide in der Musik hingewiesen wird,\nwenigstens in den Original-Aufsätzen, während freilich in\nden Correspondenzen aus den Vereinigten Staaten manche\nCuriosa vorkommen, was jedoch gar nicht zu vermeiden ist.\nDie Verleger haben in ihrer letzten Nummer auch Preis-\nCompositionen ausgeschrieben und 200 Dollars für das\nbeste Lied (aufenglischen Text) und 100 Dollars lür das\nzweitbeste ausgesetzt. Die Art der Entscheidung über die\nPreiswürdigkeit ist charakteristisch lür das Land. EinComite\nwird von den eingesandten Liedern acht auswählen; diese\nwerden in der Musical Review abgedruckt, und sämmtliche\nAbonnenten werden ersucht, ihr Urtheil an die Redaction\neinzuschicken; wer die meisten Stimmen hat, ist Sieger.\nNächst dieser Zeitschrift vertreten die philharmoni-\nsche Gesellschaft in Orchester-Aufführungen und die\nAbonnements-Soireen in Bezug auf Kammermusik\ndie wahren Interessen der Tonkunst. Ueber die Leistungen\nbeider Institute im nächsten Winter werde ich Ihnen be-\nrichten. Eine eigentümliche Landessitte ist der Besuch der\nProben der philharmonischen Gesellschaft; ein Musik-Di-\nrector in Deutschland würde über den Lärm des Publicums\nin diesen Proben in Verzweiflung gerathen; hier aber keh-\nren sich Dirigent und Orchester eben so wenig an das\nPublicum, als dieses an das Orchester. Ich erinnere mich\nnoch recht gut daran, dass Sie mir einmal sagten: „ Wenn\nSie Ihren Sing-Verein in *** erhalten wollen, so machen Sie\njedesmal eine recht lange Pause zwischen der ersten und\nzweiten Abtheilnng der Uebungsstunden.\" Seitdem ich die\nhiesigen Proben der philharmonischen Gesellschaft kennen\ngelernt, habe ich Sie erst ganz verstanden. Wahrlich, die\nGesellschaft würde nicht halb so viele Mitglieder haben,\nwenn nicht alle das Recht hätten, die Proben zu besuchen.\nJetzt sind diese Abende der Sammelplatz der fashionablen\nWelt. Hier sehen Sie die liebenswürdigen Dilettantinnen\nund ihre Anbeter, einige Hundert Stück Ciavierlehrer und\nihre Schülerinnen, die Componisten von New-York, die\nschönsten Toiletten, die neuesten Moden, und das alles in\neinem ewigen Heraus und Herein, einem wogenden Durch-\neinander, einem schwirrenden Gesumme und Geflüster, wel-\nches desto lauter wird, je weisser die Zähne sind, durch\ndie es schlüpft, und je reicher die Dandies, welche es her-\nvorrufen und sich darin neben den göttlichen Tönen Mo-\nzart's und Beethoven's berauschen.\nDie meisten Mitglieder des Orchesters sind Deutsche.\nEine Menge von deutschen Auswanderern, die mit ganz\nanderen Planen hieher gekommen, fangen mit Musik ihre\nneue Laufbahn an. Wohl dem, der etwas Ciavier spielen\nkann und den berliner Grundsatz mitbringt: „Bange ma-\nchen gilt nicht!\" Clavier-Unterricht ist in America die\nerste Stufe zu allen möglichen Grössen. Wehe dem aber,\nder Clavierlehrer bleibt!\nZum Schlüsse theile ich Ihnen noch mit, dass Herr\nSchreiber von Köln sich hier einen bedeutenden Ruf\nerworben hat; man nennt ihn nur the celebraled Trompeter.\nNew-York, 25. August 1855.\n\nE.\n\nTages- und Unterhaltungs- Blatt.\nMöln. Unser Männergesang-Verein wird am 21. Sep-\ntember die Fahrt nach Paris antreten. Herr John Mitchell\naus London, welcher seit drei Jahren mit dem Vereine in Verbin-\ndung steht und in jeder Hinsicht das volle Vertrauen desselben ver-\ndient, hat auch für diese Sängerfahrt nach Frankreich die Geschäfts-\nführung übernommen, und nach allen Erfahrungen auf den frühe-\nren Reisen kann sie in gar keinen besseren Händen sein. Der köl-\nner Männergesang-Verein wird in Paris eine Reihe von Concerten\ngeben, und wir zweifeln keinen Augenblick, dass er aus der Haupt-\nstadt der civilisirten Welt neue Lorbern mit nach Hause bringen\nwird. Bei der musicalischen Bedeutung von Paris ist diese dritte\ngrosse Sängerfahrt der Kölner (die siegreichen Leistungen in Bel-\ngien ungerechnet) von grosser Wichtigkeit für die Verbreitung des\ndeutschen Chorgesanges im Auslande.\nGroilia, Am 24. August fand im halbrunden Saale des hiesi-\ngen Hoftheaters die von ungefähr 20 Personen besuchte General-\nVersammlung deutscher Tonkünstler zur Bildung eines „Mozart-\nVereins\" unter Vorsitz des Herrn Rechts-Anwaltes Haushalter aus\nWernigerode Statt. In dem von Herrn Stadtmusicus Harras\nam 29. August im Schiesshaus-Saale veranstalteten Concerte ärntete\nnamentlich Herr Concertmeister Uhlrich aus Sondershausen in drei\nViolin-Piecen enthusiastischen Beifall. Die Orchester-Vorträge be-\nfriedigten fast durchweg. Den Schluss bildete die Ouvertüre zu\n„Lanval\" von Wandersieb unter Leitung des Componisten zur gros-\nsen Freude seiner zahlreichen Freunde. Es war das letzte öffent-\nliche Auftreten des allgemein beliebten Wandersieb vor seiner Reise\nnach America, welche er nun bereits am 3. September angetreten\nhat. Herr Hof-Capellmeister Drouet, der gegenwärtig noch in\nParis weilt Behufs der Aufführung von „Santa Chiarahat die\nUebernahme der Direction unseres Gesang-Vereins zugesagt. 12."}]}