{"numero_id": "bm-bmtnabi-1855-09-29-01", "volume": "bmtnabi_1855-09-29_01", "ocr_sha256": "a343f78c54e470a11a081be01faffbb409324f843ae13f7189104f63faa3466a", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1855/09/29_01/bmtnabi_1855-09-29_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550929-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1855-09-29-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-09-29_01#c001", "volume": "bmtnabi_1855-09-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "305", "page_fin": "307", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550929-01.2.1", "titre_corps": "Die Orgel in der Reinoldi-Kirche zu Dortmund.", "titre_sommaire": "Die Orgel in der Reinoldi-Kirche zu Dortmund.", "signature_source": "Breidenstein", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "305", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550929-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2525, "texte": "Die Orgel in der Reinoldi-Kirche zu Dortmund.\n\nDortmund, den 10. September 1855.\nAls ich Ihnen vor drei Jahren meine Gedanken über\ndie Werke des Orgel-Baumeisters Cavallie Coli in Paris\nmittheilte, konnte ich nicht hoffen, so bald und so umfas-\nsend von dem Gebrauch zu machen, was ich dort gesehen\nund geprüft und in weiterem Verfolg desselben mir noch\nselbst zusammengestellt hatte. Allein wie das so oft der\nFall ist, dass „Unverhofft oft kommt\", so war es auch\nhiermit, indem mir durch den Beschluss des Presbyteriums\nder Beinoldi-Kirche hier, welches die Nothwendigkeit der\nVerbesserung der Kirchen-Orgel erkannte, die Leitung der\nReparatur-Arbeiten übertragen und so hinlängliche Gele-\ngenheit wurde, die in dieser Hinsicht gesammelten Erfah-\nrungen praktisch zu verwerlhen. Wenn nun auch der vor-\nhandene Raum lür das Orgelwerk, noch mehr aber die für\ndie Reparatur bewilligte Summe leider noch immer enge\nGränzen für die Verbesserung des Werkes setzten, so blieb\nmir doch noch Spielraum genug, um die in jenem Aufsatze\nmitgetheilten Principien der Arbeit zum Grunde zu legen\nund ausserdem noch so manches im lieben Vaterlande ge-\nsammelte Gute lür das Werk zu verwenden. So steht denn\nnun das Instrument, ein aus der Asche erstandener Phö-\nnix, wieder fertig da und erinnert nur noch durch das\nAeussere an die vor circa fünfzig Jahren von Trampeii aus\nAdorf in Sachsen erbaute Orgel von 39 klingen sollenden\nStimmen, von denen jedoch, als ich vor zehn Jahren hie-\nher kam, nur die grössere Hälfte etwa noch zu brauchen\nwar. Das jetzige Werk hat 47 klingende Stimmen, die auf\ndie verschiedenen Manuale und das Pedal in folgender\nWeise vertheilt sind:\nI. Haupt-Manual\n1. Principal ..... 16 Fusston\n2. Bordun ..... 16 »\n3. Principal 8 „\n4. Schweizerflöte . , 8 „\n5. Flauto maggiore . 8 „\n6. Rohrflöte 8 Fusston\n7. Octave 8 „\n8. Quinte 6 „\n9. Octave 4 „\n10. Gemshorn .... 4 „\n11. Quinte ...... 3 „\n12. Octave 2 „\n13. Mixtur sfach\n14. Cymbel 3 „\nII. Neben-Manual.\n1. Principal 8 Fusston\n2. Quintaten 16 „\n3. Viola di Gamba. . 8 „\n4. Gedact 8 „\n5. Quintaten 8 „\n6. Octave 4 „\n7. Salicet 4 „\n8. Octave ...... 2 „\n9. Mixtur 4Jaeh\n10. Scharf ...... 3 „\n11. Oboe 8 Fusston\nIII. Positiv.\n1. Principal .. . . 4 Fusston\n2. Geigen-Principa! . . 8 „\n3. Viole (Tamour . . 8 ~ -\n4. Flauto traverso. . 8 „\n5. Gedact 8 »\n6. Flauto dolce. ... 4 »\n7. Octave 2 „\n8. Voce humana... 8 „\nIV. Trompetwerk.\n1. Trompete 8 Fusston\n2. Trompete 4 „\n3. Progressiv-Cornett bis 8 „\nV. Pedal.\n1. Posaune 32 Fusston.\n2. Posaune 16 „\n3. Trompete .... 8 „"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "306", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550929-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4921, "texte": "4. Clarine 4 Fusston\n5. Principal-Bass ... 16 „\n6. Violon-Bass .... 16 „\n7. Sub-Bass 16 „\n8. Quinte ...... 12 „\n9. Octave 8 „\n10. Violonceii .... 8. „\n11. Octave 4 ,\nObgleich diese Disposition der Stimmen an und für\nsich nichts Ausserordentliches bietet, so ist doch in Folge\neiner vortrefflichen Intonation und guter Mensuren der\nEffect der einzelnen Stimmen, wie des ganzen Werkes, ein\nnicht gewöhnlicher, indem er in jeder Zusammenstellung\nder verschiedenen Register und selbst bei Entfaltung der\nhöchsten Kraft des Werkes stets ein edler, wohlthuender\nbleibt und eben so wenig durch rauhe Kraft den Hörer\nerdrückt, als durch Mangel an Frische und charakteristi-\nscher Tonfärbung das Interesse des Zuhörers abstumpft.\nUnter den verschiedenen Stimmen des Werkes zeichnen\nsich durch ihre Eigentümlichkeit zunächst die Manual-\nTrompeten aus, die nach Cavallie's System verschiedenen\nWinddruck und damit einen Discant haben, der dem Basse\nan Fülle und Markigkeit des Tones in keiner Weise nach-\nsteht. Gerade in der Region, wo die Manual-Trompete als\nstimmlührendes Register gebraucht wird, ist hier der Ton\nrund und durchdringend, während er sonst in der Regel\nda matt und klanglos wird. Nicht selten sucht man einem\nsolchen Mangel durch Einsetzen von Gamben-Pfeifen zu\nbegegnen, die, scharf intonirt, kräftiger ansprechen als die\ndahin gehörenden Zungen-Pfeifen; allein der Abstand zwi-\nschen dem Klange der Zungen-Pfeife und dem der Labial-\nPieife bleibt immer fühlbar, und eine vollkommene Gleich-\nheit der Töne ist nur auf die oben angegebene Weise zu\nermöglichen. Von ganz ausgezeichneter Wirkung ist ferner\ndie durchschlagende Posaune 32 Fuss, die bis zum Con-\ntra- C rein und deutlich und, was selten erreicht wird, zu-\ngleich präcis anspricht. Der Ton derselben verschmilzt eben\nso wohlklingend mit den übrigen Labial-Bässen, als er\ndurch seine Dicke den Pedal-Trompeten eine vollwichtige\nUnterlage bietet. Die Vereinigung der vier Zungen-Stimmen\ndes Pedals lässt weder an Kraft und Wohllaut, noch an\nSchärfe und guter Ansprache etwas zu wünschen übrig.\nDie Oboe des Neben-Manuals und die Vox humana des\nPositivs sind nach Mensuren aus dem berühmten Werke\ndes Dom Bedos construirt. Erstere hat bereits den Ver-\ngleich mit dem Instrumente dieses Namens siegreich be-\nstanden, und wenn letztere nicht ihre ganze Vollkommen-\nheit erreichen, d. h. die menschliche Stimme täuschend\nnachahmen konnte, so lag dies nur darin, dass dem Re-\ngister nicht verschiedener Winddruck zugeführt werden\nkonnte. Von wunderbarem Reize ist die Schweizerflöte des\nHaupt-Manuals, die in Verbindung mit der Rohrflöte den\nschmelzendsten Cello-Ton hören lässt, den je die gute alte\nZeit (die noch nicht wusste, dass die Töne der zehnten\nLage schöner sind, als die der ersten) dem Instrumente\nentlockte. Nicht minder schön, nur von noch viel zarterem\nKlange ist die Viole (Tamour des Positivs, die mich immer\nsehr lebhaft an eine Aufführung der Hugenotten in der\ngrossen Oper in Paris erinnert, wo die Romanze für Te-\nnor „Ihr Wangen-Paar\" u. s. w. wirklich mit diesem In-\nstrumente begleitet wurde, das wohl durch eine Viola er-\nsetzt, aber nimmer von dieser in Schmelz und eigentüm-\nlichem Wohlklange erreicht werden kann. Die Construction\nder Pfeifen dieses Registers ist in so fern von der gewöhn-\nlichen abweichend, als die Pfeifenkörper an der Mündung\nvon engerer, am oberen Ende dagegen von etwas weiterer\nMensur sind, als die gewöhnlichen Gamben-Pfeifen. Ausser-\ndem ist die Lage der Bärte der gewöhnlichen gerade ent-\ngegengesetzt, indem die Seitenbärte nur am Unterlabium\nliegen und bloss dazu dienen, das Querstück so vor die\nLichtspalte zu stellen, dass es von der ausströmenden Luft\nmit getroffen wird, wodurch der Ton den feinen Strich und\nzugleich etwas näselnden Ton der annimmt.\nSämmtliche Principale der Orgel (mit ganz kleinen, kaum\nzu bemerkenden Seitenbärtchen versehen) haben den reinen\nMetallklang, die milde Kraft, die Rundung und doch den\nGlanz des Tones, wodurch sich dieses Register als vor-\nnehmstes vor den anderen auszeichnen soll. Endlich ist\ndas Verhältniss der Füllstimmen und Mixturen ein\nsehr glückliches, indem diese sich nicht unangenehm gel-\ntend machen, sondern nur zur Nuancirung des Tones bei-\ntragen. Es ist desshalb auch im polyphonen und fugirten\nSatze jede Stimme mit grösster Klarheit und Deutlichkeit\nneben der anderen zu hören, wozu indess auch die Stel-\nlung des Werkes und die günstigen akustischen Verhält-\nnisse der Kirche einen Theil beitragen mögen.\nDiese beträchtliche Anzahl von Stimmen nun ist durch\nmechanische Vorrichtungen dem Willen des Spielers in\neiner Weise dienstbar gemacht, dass jede Stimmen-Verbin-\ndung und damit die überraschendsten Effecte ohne die min-\ndeste Anstrengung hervorgerufen werden können. Unter\ndiesen mechanischen Vorrichtungen nimmt die pneumatische\nSpiel-Maschine den ersten Platz ein. Durch einen Druck\nvon 6—B Loth auf die Taste wird mit derselben eine"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "307", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550929-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3621, "texte": "Kraft-Entwicklung von eben so vielen Pfunden hervorge-\nbracht— eine Kraft, die hinreicht, den Widerstand sämmt-\nlicher vier Manuale zu überwinden. Drei Pedal-Tritte, in\nder Art, wie sie am Pianoforte vorkommen, stehen in un-\nmittelbarer Verbindung mit dem Mechanismus der Ma-\nschine und bringen durch einen leisen Tritt des Fusses auf\nden einen oder den anderen sofort das eine oder andere\nder Manuale zum Erklingen, sobald die zur Maschine ge-\nhörige Claviatur gespielt wird. Und dieser Mechanismus\nwirkt mit einer solchen Sicherheit und Präcision, dass das\nEinfallen irgend eines Manuals in der Zeit, die das kürzeste\nStaccato hinwegnimmt, erfolgen kann. Ein vierter Pedal-\nTritt setzt eine unter den Claviaturen liegende Hebel-Reihe\nin Rapport mit der Maschine und bewirkt, dass dieselbe\ndie tiefe Octave jedes gegriffenen Tones in dem angekop-\npelten Werke mit aufzieht—eine Einrichtung, die nach ein-\nfacher Berechnung die 36 Stimmen der Manuale auf 72\nvermehrt und aus dem sechszehnfüssigen Haupt- und Ne-\nben-Manual zweiunddreissigfüssige und aus dem achtfüssi-\ngen Positiv und Trompet-Werk sechszehnfüssige Werke\nmacht. Es lässt sich leicht überschauen, wie viel der Ton\nder Orgel dadurch an Kraft, Tiefe und Majestät gewinnt.\nGleichzeitig mit dem Gebrauche der Pedal-Tritte lässt sich\nnoch jedes Manual besonders spielen, ohne dass dadurch\nim Mechanismus irgend welche Störung entstehen könnte.\nEin fünfter Pedal-Tritt bringt die zwei tiefen Octaven des-\njenigen oder derjenigen Manuale, die mit der Maschine ver-\nbunden sind, zugleich in Verbindung mit den Stimmen des\nPedals, und macht es möglich, auch im Pedale alle die fei-\nnen Schattirungen des Tones auszuprägen, die den ver-\nschiedenen Manualen eigen sind. Der sechste Pedal-Tritt\nendlich nuancirt die Stimmen des Positivs durch\nund Decrescendo und macht eine um so schönere Wirkung,\nals dieses Werk unmittelbar unter dem Gewölbe der Kir-\nche liegt. Den nöthigen Wind erhält das Werk durch fünf\nBälge von zehn Fuss Länge und lünf Fuss Breite und\ndurch einen Magazin-Balg von circa siebenzig Cubikfuss\nInhalt, der sich durch ein selbstthätiges Ventil den Luft-\nZugang selbst eröffnet oder abschliesst, und dessen Bewe-\ngung beim Auf- und Niedergehen durch eiserne Parallelo-\ngramme (nach Cavallie's System, wenn auch anderer Con-\nstruction) regulirt wird. Der Orgelbauer Karl Herbst\nvon hier, der die sämmtlichen Arbeiten ausgeführt hat und\ndessen Talent und Geschicklichkeit ich es zu danken habe,\ndass die von mir entworfenen Pläne für die Verbesserung\ndes Orgelwerks eine glückliche Lösung gefunden haben,\nist jetzt beschäftigt, in der hiesigen Marien-Kirche ein ahn-\nliches, wenn auch kleineres, Werk aufzustellen. Die Orgel\ndieser Kirche mag vielleicht die älteste von ganz Westfalen\ngewesen sein; sie halte nämlich noch gebohrte Windladen\nund in der ganzen tiefen Octave keine Obertasten, die alle\nbis auf Cisund Diserst viel später (etwa um 1762) ein-\ngesetzt worden sind, als das Werk neue Claviaturen und\nein Positiv erhielt. Glücklicher Weise bleibt von dem alten\nWerke durch den Beschluss des Presbyteriums der Kirche\nnichts als das Gehäuse, das aber durch seine ausgezeich-\nneten Holz-Schnitzwerke auch von grossem Werthe ist\nund seine Entstehung sicher in der Blüthezeit der Holz-\nschneidekunst gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts zu\nden Zeiten eines Michael Pacher gefunden hat. Sobald das\nWerk, das ebenfalls unter meiner speciellen Leitung con-\nstruirt und aufgestellt wird, vollendet ist, werde ich Ihnen,\nwenn dies anders für die Leser Ihres geschätzten Blattes\nvon Interesse sein kann, auch darüber Bericht erstatten.\n\nBreidenstein."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-09-29-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-09-29_01#c002", "volume": "bmtnabi_1855-09-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "307", "page_fin": "309", "image_debut": 3, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550929-01.2.2", "titre_corps": "Zur Geschichte der Oper in Deutschland", "titre_sommaire": "Zur Geschichte der Oper in Deutschland", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "307", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550929-01.1.3", "debut_caractere": 3623, "fin_caractere_exclue": 4974, "texte": "Zur Geschichte der Oper in Deutschland\nDie Schul-Komödien konnten schon als solche, und\nbesonders in ihrer damaligen Haltung, zu nichts führen;\nein lebendiger Reim lag weder in ihnen noch in den Ver-\nhältnissen verborgen, sie geriethen nur immer mehr auf\ndürren Sand oder in die frühere Fastnachts-Unfläterei. Zur\nselben Zeit vollendete sich aber das Drama in England un-\nter der Königin Elisabeth durch Shakespeare und seine Ge-\nnossen, vollendete sich, kann man sagen, eben sowohl lür\nDeutschland, wie für England, obwohl den Engländern der\nRuhm und der Stolz bleiben; denn so wenig die Franzosen\nvon jeher mit den Shakespeare'schen Wunderwerken anzu-\nfangen wussten, so sehr haben wir sie geschätzt, gehegt\nund gepflegt und uns an ihnen gebildet, schon im sieben-\nzehnten Jahrhundert, besonders aber seit Lessing im acht-\nzehnten, wieder im neunzehnten; und so werden sie immer-\nfort ein Segen für uns sein, trotz der herrschend geworde-\nnen thörichten Erklärungs-Wuth, weil das rein Vollendete\nstets von heilsamer Wirkung ist.\nDie englischen Komödianten um 1600 kamen aus den\nNiederlanden nach Deutschland. Aus den Niederlanden war\nuns schon früher manches dramatische Product zugegangen.\n•).\nI.\nEnglische Komödianten in Deutschland.\n\n*) Aus „Musik und Theater in Mecklenburg\" von Fr. Chry-\nsander. Vergl. Nr. 2 dieser Blätter vom 13. Januar 1855."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "308", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550929-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5203, "texte": "Niederländische Sänger und Musiker waren um die Mitte\ndes sechszehnten Jahrhunderts und schon früher am bran-\ndenburgischen Hofe sehr hoch gehalten, wie sie denn in\nganz Europa verbreitet und berühmt waren. Ins Niederlän-\ndische wurden die englischen Stücke übertragen, hier fass-\nten sie zuerst feste Wurzel.\nDieses alles ist wohl zu bedenken, wenn man vermu-\nthungsweise etwas' Genaueres über die englischen Komö-\ndianten zu Tage fördern will. Man hat sich vielfach den\nKopl zerbrochen, was für Leute dies könnten gewesen sein.\nSollen wir sie für wirkliche Engländer hallen, oder waren\nes junge Deutsche vom Comptoir der Hansa in London,\noder Abenteurer, oder reis'ten Liebhaber des Theaters auf\nSpecuiation nach London und kamen mit einem Vorrathe\nvon Manuscripten und einstudirten Rollen zurück ? so fragt\n1 ieck. Es verhält sich doch wohl viel einfacher. Darüber\nzunächst dürfte kaum noch ein Zweifel sein, dass es wirk-\nlich Engländer waren; die Gesammt-Benennung, wie die\neinzelnen Namen deuten allenthalben darauf hin. Die jetzt\nStatt findenden Forschungen eines Engländers, welche be-\nweisen vvollen, dass auch Shakespeare selbst unter diesen\nsich befunden, haben in so weit wohl nur als Curiosität\nWerth. Hagen sagt: „Es waren wohl nicht Deutsche, die\ndas Englische, sondern Engländer, die das Deutsche ver-\nstanden und in den englischen Handels-Compagnieen in den\nNiederlanden und in Deutschland anlänglich ein Unterkom-\nmen gefunden.\" Hiermit wird man einverstanden sein kön-\nnen; mit dem Folgenden weniger: .Zur eigenen Unterhal-\ntung, so lässt es sich annehmen, führten sie vor ihren Lands-\nieuten die Schauspiele im Auslande auf, die in London ein\nallgemein begeisterndes Interesse erregten. Bei der Neuheit\nder Vorstellungen wird die Zuhörerzahl sich durch Fremde\nvergrössert haben und die Spielenden sich veranlasst gese-\nhen, es mit einer Uebersetzung zu versuchen. Ward ihnen\nBeifall zu Theil, so drängte sich ihnen gewiss bald der Ge- J\ndanke auf, aus dem Spiele Gewinn zu ziehen, eine Wan-\nder-Truppe zu bilden und als fahrende Schüler dem Glücke\nund ihrer Kunst zu vertrauen.\" X., 270. Diese Wahr-\nscheinlichkeits-Rechnung stimmt nicht mit den wirklichen\nVerhältnissen, nicht mit denen der damaligen Schauspieler\nin England, noch mit denen der hier in Deutschland auf-\ntretenden.\nIn England lebten damals sehr viele Männer (Frauen\nspielten noch nicht), welche die Schauspielkunst als Ge-\nwerbe trieben; sehr wohl konnte daher Manchem der Ge-\ndanke kommen, es mit einer Kunst, die augenscheinlich der j\naller übrigen Nationen weit voraus war, zunächst in den I\nNiederlanden zu versuchen. „Die englischen Komödianten\nbetrieben Musik und Tanz wohl nur nebensächlich\", sagt\nHagen. Den Tanz vielleicht, aber die Musik gewiss nicht; denn\ndie am brandenburgischen Hofe in Dienst stehende Gesellschaft\nbestand aus „19 Personen Cound 16 Personen\nMusicanten (Sänger und Instrumentisten)\", und überall he-\nben sie ausdrücklich ihre musicalischen Leistungen mit her-\nvor, auch schon früher, wo die reisende Gesellschaft doch\nwohl etwas kleiner war. Auffallend bleibt diese bis dahin\nin Deutschland sicherlich unerhörte Verbindung so vieler\nSchauspieler und Musicanten. Aber die Thatsache ist nicht\nwegzuläugnen, und sie gibt vielleicht einen besseren Fin-\ngerzeig, als die bisherigen Vermuthungen. Es möchte nicht\nunwahrscheinlich sein, dass unter den Musikern sich viele\nNiederländer befanden, ja, dass die sehr weit und vollendet\nausgebildete musicalische Kunst der letzteren tonangebend\nwar in ihren musicalischen Vorträgen, wie die englischen\nStücke in ihren dramatischen; dass also die englischen\nSchauspieler in einer anderen Verfassung aus den Nieder-\nlanden nach Deutschland gegangen sind, als die war, in\nwelcher sie von England dorthin kamen. Der Kürze wegen\nübergehe ich Anderes, was noch für diese Vereinigung kei-\nneswegs der besten, aber reiselustigen und gewinnsüchtigen\nKünstler zweier Nationen sprechen könnte, da die Meinung\nklar ist und hoffentlich auf den gegebenen Verhältnissen\nsich gründet*).\nDiese Gesellschaft genoss, vornehmlich zuerst, eines\ngrossen Ansehens; „der Magistrat der Städte kam ihnen\nsogar feierlich entgegen\" (Tieck). In Mecklenburg waren\nsie 1606, und zwar in Rostock; denn ihre Bitte an den\nRath um ein Zeugniss ihres Wohlverhaltens daselbst hat\nsich aufgefunden (Bärensprung 11 —l2). Ein E. Rath,\nsagen sie, hat es „grossgunstiglich geduldett\", dass „wir\nvnserm geringem vormugen vnd Kunst nach, mitt vnser\nMusic auch geistlichenn vndt we 1 tlichenn Histo-\nrien, commedienn vnd tragedienn, gemeiner Stadt dienen\nmugen\" u. s. w. Das Zeugniss wird erbeten, „weil wir\nvns ie ohne rühm zumeiden auch allhie still vnd eingezo-\ngenn verhaltten, auch nicht anders dan was leiblich fd. i.\nlieblich] vnd woll anzusehenn vnd zuhören gewesen, agirt\nvnd musicirt.\" Unterschrieben: „Rostogk denn 31. Martv\n1606. E. E. vnd hw. gehorsame, Marggrefen von Bron-\ndenborgk Diener Engeische Gommedianten.\"\n\n*) Bestimmter wird man erst dann hierüber zu urlheilen vermö-\ngen, wenn entscheidendere Urkunden aufgefunden sind. Die\nbisher unbekannten Actenstücke über englische Musicanten\nin Güstrow (im hiesigen Grossherzogl. Geh. Archiv) kommen\nspäter zur .Veröffentlichung."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "309", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550929-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4236, "texte": "Von Shakespeare's Dichtungen sind schon durch diese\nGesellschaften in Deutschland Hamlet, Romeo und Julie\nund andere aufgeführt. Nach späteren Uebertragungen führt\nHagen einige artige Sprachproben an, z. B. von Polonius,\nals er die Komödianten ankündigt: „Da Marius Roscius\nein Komödiant war zu Rom, was war da für eine schöne\nZeit!\" Hamlet (bald darauf]: „0 Jephta, Jephta, was hast\ndu für ein schönes Töchterlein!\" Romeo: „Sie vergönne\ndoch einem schamhaften Pilgram dero Hand zu küssen.\"\nJulia: „Guter Pilgram, ihr entheiligt euch nicht; denn sol-\nche Bilder, wie ich, haben Hände zum Fühlen und Lippen\nzum Küssen.\" Romeo: „Die Kühnheit entschuldigt mich\ndann —und nun bin ich aller Sünden los.\" Julia: „Wie—\nso hab' ich eure Sünden empfangen?\" Das Meiste aber ist\nin rohe, unbeholfene Sprache übertragen. Unter dem Titel\n„englische\" Komödien und Tragödien erschien zuerst\n1620, dann in neuer Auflage 1624 als erster Theil, und\nder zweite 1630, eine Sammlung Dramen in deutscher\nSprache. „Die Bezeichnung dieser Stücke als englische\nist offenbar nur Speculation. Nicht, dass nicht eine Reihe\nderselben, namentlich im ersten Theile, auf englischen Quel-\nlen ruhte, allein doch nicht anders als einige Stücke von\nAyrer (einem damaligen Dramatiker) auch; im zweiten\nTheile ist des Englischen sehr weniges; da ist Tasso's Amyn-\ntas und eine dramatisirte Novelle aus dem Don Quixote\neingegangen, und im ersten Theile hat Sidonia und Thea-\ngenes ganz sichtbar eine lateinische Grundlage, deren über-\nhaupt viele als gemeinsame Quellen der europäischen Büh-\nnenstücke jener Zeiten vorausgesetzt werden müssen.\"\nGervinus d. Dichtung 111., 122.\nDie englische Gesellschaft, die „ersten Schauspieler\nvon Gewerbe\" (Gerv. 111., 105), wirkte für die theatrali-\nsche Kunst in Deutschland noch dadurch, dass sie Inländer\nanreizte, sich auch zu so einer wandernden Truppe zu\n„lormiren\", während bis dahin die Bürger (die Zünfte) und\ndie Schulen die Aufführungen in Händen hatten, an einen\nUmzug desselben Personals von einem Orte zum anderen\ndaher nicht zu denken war. Solche deutsche „Banden\" mit\nihrem „Komödianten-Meister\", besonders im achtzehnten\nJahrhundert zahlreich, kamen schon im siebenzehnten auch\nnach Mecklenburg, wie wir aus dürren Notizen wissen. Der\nZustand damaligen Geschmacks wird einiger Maassen deut-\nlich, wenn man lies't, dass der auch als Kirchenlieder-Dich-\nter berühmte Prediger Rist (Mitte des siebenzehnten Jahr-\nhunderts in Hamburg) seine Judith von Leinwebern auf-\nführen liess, wo die Heldin einem lebenden Kalbe den Kopf\nabsäbelte; das Kalb aber sollte Holofernes im Bette vor-\nsteilen! Von 1500—1700 ist an deutschen Dramen\nnichts entstanden, was sich im Bewusstsein der Nation er-\nhalten hätte, und ein alter Schulmeister in Dessau (um\n1550) hegte zu grosse Hoffnungen, wenn er meinte, ein\n„ Füliklein der Kunst werde unter der Asche in den Spie-\nlen der Schule bewahrt werden1, oder es war ein erlö-\nschender Funken; das wenige Gute, welches sich in die-\nser langen Zeit findet, ist der Kenntniss und Schätzung\nder Gelehrten allein überlassen.\nErst aus der Fremde kam uns ein sicherer Anstoss\nzur Kunst, diese fing damit eigentlich erst an; es zog aber\nauch der Leichtsinn mit dem neuen Leben ein, und wie-\nder und ärger, als je zuvor, erwachte der Hader über die\nZulässigkeit, über den Nutzen oder Schaden des Schau-\nspiels, über die Wirksamkeit, über das ewige Leben oder\ndie ewige Verdammniss der Komödianten. Die Engländer\nbrachten die so genannten weltlichen Sachen in allem\nReize schönster Natur-Wahrheit; dies fehlte uns bis dahin\nfast gänzlich, während wir Geistliches, Moralisches und Ge-\nlehrtes in Ueberfluss hatten.\nAuch noch von anderer Seite drang Aehnliches auf\ndie Deutschen ein. In der Abblüthe der englischen Kunst\nunmittelbar nach Shakespeare bildete sich in Italien die\nOper, in Frankreich die classische Tragödie und Komödie\naus. Zunächst war es die Oper, welche auf Deutschland\neinen grossen Einfluss ausübte, und zwar schon im sieben-\nzehnten Jahrhundert; das französische Drama wirkte dann\nim folgenden. Deutschland halte zuerst eine musicalische,\nsodann eine dramatische Periode, jede gesondert für sich,\nbis beide endlich in Mozart und Schiller gleichzeitig aufs\nNeue zur Blüthe gelangten."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-09-29-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-09-29_01#c003", "volume": "bmtnabi_1855-09-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "309", "page_fin": "310", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550929-01.2.3", "titre_corps": "Aus Mannheim.", "titre_sommaire": "Aus Mannheim.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "309", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550929-01.1.5", "debut_caractere": 4238, "fin_caractere_exclue": 4969, "texte": "Aus Mannheim.\nEs dürfte nicht überflüssig sein, wenn diese Blätter,\ndie schon so Vieles zur Aufklärung über Werth und Un-\nwert h der Richard Wagner'sehen Musik gebracht, auch\nüber das Ergebniss der Aufführung des Tannhäuser auf\nunserer Bühne Act nehmen und nebenbei noch Anderes\nerfahren. Was man auch in der vielbesprochenen Sache\nvorbringen mag, so bleibt es doch von zeitgeschichtlicher\nSeltenheit, das Urtheil des Publicums fast aller Orten in\nschroffem Gegensatze zur unbefangenen Kritik ob ge-\nschrieben oder bloss in mündlichem Ausdrucke über Wag-\nner's Opern zu treffen. In gesteigertem Grade ist dies bei\nuns der Fall. Ja, wäre das Ergebniss nur noch an einigen\nOrten ein gleiches (in München ist es thatsächlich), so wäre"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "310", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550929-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4917, "texte": "die künstlerische Martyrschaft von Rieh. Wagner eine ecla-\ntante. Wenn man aus dem Munde kunstverständig sein\nwollender Musik-Freunde und Freundinnen hören muss:\n„Ein so grosses, von überraschenden Schönheiten strotzen-\ndes Werk, wie dieser Tannhäuser, konnte man uns so lange\nvorenthalten! Und gegen dieses Werk eifert die gestrenge\nKritik, geleitet von alten Musikern?!\" Wenn man ferner\ndie andächtige Aufmerksamkeit und den häufig ausbrechen-\nden Beifall des stets vollen Hauses mit dazu addirt, so dürfte\ndie Proclamirung dieser Martyrschaft nahe bevorstehen und\nWagner der Canonisation noch bei lebendigem Leibe schwer-\nlich entgehen können, wozu unser berühmter Decorirungs-\nVirtuose Mühldorfer unbezweifeltdie Gerüste aufstellen wird.\nUeber die Bedeutung des Urtheils unseres „kunstsin-\nnigen\" Publicums, dem man in öffentlichen Berichten fortan\nWeihrauch streut, kann der aufmerksame Beobachter kei-\nnen Augenblick irre werden. Ein Publicum, dessen Schau-\nlust bei jeder sich darbietenden Gelegenheit auf die Weide\ngeführt wird, wird jegliches Opernwerk nur nach Maass-\ngabe des darin Gesehenen beurtheilen. Das Hören wird in\nder Regel Nebensache, zumal es Anstrengung kostet. Hat\ndoch die musicalische Erziehung die Kunst, zu hören, nie-\nmals zu cultiviren verstanden. Diese Erfahrungssätze gelten\nauch bei uns. Wie es um unsere Urtheilslähigkeit beschaf-\nfen ist und sein kann, ergibt sich einfach aus Thalsachen.\nWir Mannheimer hören fast nur Opern-Musik, umgeben\nvon Mühldorfer'schem Schau-Gepränge. Oder sollen und\nkönnen vier Gesellschafts-Concerte per Jahr, darin die In-\nstrumental-Musik vertreten erscheint, genügen, um den Ho-\nrizont unserer Begriffe zu erweitern und unsere verwöhn-\nten Sinne an das reine Ideal zu fesseln? Der kleine Kreis\nvon Zuhörern, der sich um die Becker'schen Quartette ein-\nfindet, verschwindet in der Masse völlig. Was hören wir\nvon Kirchen-Musik, dem obersten und erhabensten aller\nmusicaiischenZweige? Gar nichts*). Darum etwa, weil un-\nser Capellmeister kein Freund dieser Gattung sein soll ?\nDarüber weiss Einsender nichts Gewisses. Aber das weiss\ner, dass der Trost, die beiden benachbarten grossherzog-\nlichen Residenzstädte beiänden sich in diesem Punkte in\ngleicher Lage mit uns, schon darum zurückgewiesen wer-\nden muss, weil Mannheim vorzugsweise eine katholische\nStadt ist, aus diesem Grunde es doch anzunehmen wäre,\ndass, wenn nicht der Clerus, auch der Theater-Capellmei-\nster nicht, so doch einige einllusshabende Dilettanten, mit\nMusikern im Vereine, als Förderer guter Kirchen-Musik\nsich bemerkbar machen sollten, wie das anderwärts wohl\nzuweilen vorkommt.\nRückblicke auf die erlebten Ergebnisse mit Wagner's\nOpern liefern unumstössliche Beweise, dass das gerühmte\nMusik-Verständniss im deutschen Volke auf arger Täu-\nschung beruht. Die Resultate würden ganz andere sein,\nwenn nur ein Zuhörer auf hundert schwache Begriffe von\nmusicalischen Formen (Zeichnung) besässe. Darf sich der\nwohl rühmen, Musik zu verstehen und beurtheilen zu kön-\nnen, dem diese Kenntniss gänzlich mangelt? Darum er-\nscheint der Beifalls-Jubel bei Wagner's Musik als die ko-\nlossalste Ironie auf unser gepriesenes musicalisches Zeit-\nalter, der nichts Aehnliches in anderen Kunst-Sphären zur\nSeite gestellt werden kann. Und dies ungeachtet so vieler\nMusikschulen in grossem und kleinem Maassstabe und Tau-\nsender von Lehrern! Vergebens bemühen sich musicalische\nZeitschriften und Bücher, diesen leidigen Status der Dinge\nzu verbessern, weil sie von zu Wenigen gelesen werden.\nWürden die Herren Capellmeister und sonstige Musik-Ko-\nryphäen diesfalls mit gutem Beispiele vorgehen und die\nstrebsameren Talente der jüngeren Generation auf das Le-\nsenswerthe hinweisen, es stände mit diesen Dingen ganz\nanders, als wir es fast allenthalben finden. Die Stunden lang\nbeliebten Vergnügungen täglich am Billard, am Domino,\nam langen Puff und am Kartentische dürften nur um etwas\nverkürzt werden. Freilich müssten diese Herren früher sel-\nber um belehrende Lecture, vornehmlich in Bezug auf wich-\ntige Zeitfragen, sich umsehen, und nicht mit der gefälligen\nLocal-Kritik sich begnügen, wenn diese nur die Personen\nnach Wunsch respectirt.\nCelerum censeo, dass hinsichtlich der Wagner'schen\nMusik unser Publicum nur durch rasche Aufeinanderfolge\nmehrerer seiner Opern zu einiger Einsicht in deren wahr-\nhaften oder eingebildeten Kunstwerth zu bringen sei. Soll\ndoch diese Procedur schon an einigen Orten gut gewirkt\nund die erhitzten Köpfe abgekühlt haben.\n★ ★ *\n*) Hierin theilen wir gleiches Loos mit allen Städten Süddeutsch-\nlands, einige baierische ausgenommen. In den Kathedralen\nwird das ganze Jahr hindurch kein musicalisches Hochamt\ncelebrirt. Von den grossen Werken für Kirche kennt man\nnur Bruchtheile aus dem Concertsaale, und diese nur mit Be-\ngleitung des Pianoforte. Was soll es aber mit einer Cherubi-\nnischen Messe mit Clavier-Begleitung ? eben so mit Mozart's\nRequiem u. dgl.?"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-09-29-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-09-29_01#c004", "volume": "bmtnabi_1855-09-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "310", "page_fin": "311", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550929-01.2.4", "titre_corps": "Eduard Seuffert.", "titre_sommaire": "Eduard Seuffert.", "signature_source": "N. W. M. -Z", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "310", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550929-01.1.6", "debut_caractere": 4919, "fin_caractere_exclue": 5110, "texte": "Eduard Seuffert.\n(Nekrolog.)\n\nWieder haben sie einen trefflichen Mann zu Grabe ge-\ntragen! Eduard Seuffert,Fortepiano-FabricantinWien,\nist am 6. September d. J. im kräftigsten Mannesalter, 38"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "311", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550929-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1617, "texte": "Jahre alt, nach kurzer Krankheit gestorben. Durch uner-\nmüdeten Fleiss und Eifer hatte sich Seuffert zu einem der\nersten Industriellen der Residenz emporgeschwungen und\nsein Geschäft auf eine seltene Stufe der Vollkommenheit zu\nbringen gewusst, so zwar, dass er den berühmten Firmen\ndieses Geschäftszweiges, Bösendorfer und Streicher,\ngleichgestellt werden musste. Die Trefflichkeit seiner In-\nstrumente, im verflossenen Jahre in der münchener Indu-\nstrie-Ausstellung durch Verleihung der ersten Preis-Me-\ndaille anerkannt und gewürdigt, hat sich auf das glänzend-\nste bewährt, und nicht nur nach allen Richtungen Deutsch-\nlands, sondern bis nach America war der gute Ruf seiner\nFirma gedrungen und sicherte ihm zahlreiche Bestellungen.\nSeine Fabrik, von ihm selbst geleitet, ist tüchtig organisirt\nund grossartig angelegt. Die Ausdehnung, die sein Geschäft\nin letzterer Zeit erhalten, bestimmte ihn, eine Erweiterung\ndesselben vorzunehmen; allein der unerbittliche Tod ver-\nnichtete seine Plane, und es muss nun Anderen vorbehal-\nten werden, sein schönes Unternehmen zu Ende zu führen.\nAn seinem Sarge trauert seine Gattin mit vier unmündigen\nKindern. Alle, die Eduard Seuffert kannten, betrauern in\nihm einen wackeren, edeln Mann, dessen Eifer und Fleiss,\nStreben nach Vollkommenheit unermüdlich wär, und der\nnamentlich arme Künstler mit allen ihm zu Gebote stehen-\nden Mitteln unterstützte. Die allgemeinste Theilnahme sprach\nsich bei seinem am 9. d. Mts. Statt gehabten feierlichen\nLeichenbegängnisse aus, und diese mag (ür die trostlosen\nHinterbliebenen eine kleine Linderung ihres Schmerzes sein.\n\n(N. W. M.-Z.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-09-29-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-09-29_01#c005", "volume": "bmtnabi_1855-09-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "311", "page_fin": "311", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550929-01.2.5", "titre_corps": "Aus Hagen.", "titre_sommaire": "Aus Hagen.", "signature_source": "F. B", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "311", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550929-01.1.7", "debut_caractere": 1619, "fin_caractere_exclue": 4747, "texte": "Aus Hagen.\nF. B.\nAuch in diesem Jahre hat der hiesige Musik-Verein seine Auf-\ngabe, das Studium und die Aufführung classischer Tonwerke, in\nerfreulicher Weise gelös't. Durch eine rege Theilnahme an den\nwöchentlichen Uebungen, so wie durch den Umstand, dass diesel-\nben nunmehr auch den Sommer hindurch fortgesetzt werden, ha-\nben die Leistungen des Vereins bedeutend an Sicherheit und Frä-\ncision gewonnen. In den vier Concerten. die im vergangenen Win-\nter gegeben wurden, kamen zur Aufführung: die Egmont-Ouver-\nture von Beethoven, die Ouvertüren zum Freischütz von Weber,\nzu Yelva von Reissiger, Im Hochland von Gade, zu Zampa von\nHerold und zu Maurer und Schlosser von Auber, so wie ein Quin-\ntett von Schümann: ferner die Cantate „Des Staubes eitle Sorgen\"\nvon Haydn, Arie und Finale aus dem Freischütz, der 138. Psalm\nvon Richter, das Finale aus der Loreley von Mendelssohn. Ausser-\ndem Quartette von Mendelssohn, Lachner, Abt, Ries, so wie Solo-\nVorträge in Gesang, Piano, Violine, Clarinette. Den Beschluss der\nConcerte machte eine grosse Aufführung des Oratoriums „Die\nletzten Dinge'*4 von Spohr. Dieselbe fand Statt in der evange-\nlischen Kirche zum Besten des zu erbauenden städtischen Kranken-\nhauses. Der hagener Musik-Verein wurde unterstützt durch die\nGesang-Vereine von Schwelm, Limburg, Breckerfeld, und auch das\nOrchester war durch auswärtige Musiker und Dilettanten verstärkt,\nso dass sich die Zahl der Mitwirkenden auf 130 belief. Die Soli\nbefanden sich in den Händen von Dilettanten, die ihre Aufgabe\nauf befriedigende Weise lös'ten. Namentlich fand der seelenvolle\nVortrag des Sopran-Solo's durch Frau L., eine vom Rheine zu uns\nübergesiedelte Dilettantin, allgemeinen Beifall. Herr Musik-Director\nBreidenstein aus Dortmund leitete die Aufführung mit einer\nFuge auf der Orgel ein, der er eine freie Phantasie über Motive\naus dem Oratorium anschloss. Sein Vortrag, bei dem er seinen\nRuf in der Beherrschung des gewaltigen Instrumentes bewährte,\nschien zwar das Publicum nicht sehr anzusprechen, was zum Theii\nletzterem, zum Theil der mittelmässigen Verfassung der Orgel zu-\nzuschreiben ist. Ueber die Aufführung des Oratoriums bemerken\nwir im Allgemeinen, dass dieselbe eine ganz gelungene war. Bei\nden Mitwirkenden zeigte sich allgemeine Begeisterung, Feuer und\nVerständniss, und waren namentlich das Solo-Quartett mit Chor:\n„Seiig sind die Todten64, so wie die Schluss-Fuge, das Halleluja,\n„Sein ist das Reich\", von ergreifender Wirkung. Die Zuhörer, de-\nren Zahl sich auf 1100 belief, folgten mit der gespanntesten Auf-\nmerksamkeit, und nach dem Schlüsse drängte sich Alles um den\nwackeren Dirigenten, Herrn Balde wein, um ihm mit Wort und\nHändedruck für den Genuss zu danken. Wohl hat er Dank in rei-\nchem Maasse verdient; denn mit unermüdlichem Fleisse hat er\nsich allen Mühen unterzogen, welche das Zustandebringen einer\ngrösseren Musik-Aufführung in einer kleinen Stadt erheischt.\nMöchte sein Beispiel auch in anderen Städten Nachahmung fin-\nden, namentlich aber auch anderwärts das Vorurtheil schwinden,\nwelches noch so häufig die evangelischen Kirchen der Aufführung\ngeistlicher Musik verschliesst."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-09-29-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-09-29_01#c006", "volume": "bmtnabi_1855-09-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "311", "page_fin": "312", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550929-01.2.6", "titre_corps": "Aus Mülheim an der Ruhr.", "titre_sommaire": "Aus Mülheim an der Ruhr.", "signature_source": "ff", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "311", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550929-01.1.7", "debut_caractere": 4749, "fin_caractere_exclue": 6511, "texte": "Aus Mülheim an der Ruhr.\n\nAm 16, September gab der hiesige Gesang-Verein in Verbin-\ndung mit der Liedertafel unter der Leitung des Dirigenten H. En-\ngels ein Concert, in welchem zur Aufführung kamen: „Comalau\nvon Gade, Clavier-Concert von Weber, vorgetragen von A.\nZurNieden aus Duisburg, und die erste Walpurgisnacht\nvon Mendelssohn.\nDen Bemühungen des Herrn Engels, unterstützt von einem Co-\nmite, war es gelungen, recht tüchtige Kräfte zur würdigen Auf-\nführung der grossen Tonwerke zu vereinigen. Das Orchester aus\nDüsseldorf, verstärkt durch die Herren WTalbrül, Reimers,\nGerhard und andere Dilettanten aus Essen und Bonn, bestand\naus 39 Mitgliedern, und der Chor, verstärkt durch viele Mitglieder\ndes duisburger Gesang-Vereins, zählte deren 90. An 500 Zuhörer\nwaren trotz des ungünstigen Wetters versammelt, und hatte über-\nhaupt das Concert eine rege Theilnahme gefunden, die sich na-\nmentlich auch durch die grosse Gastfreundlichkeit der Mülheimer\ngegen die auswärtigen Mitwirkenden bethätigte. Die Aufführung\nselbst fand ungetheilten Beifall, den sie vollkommen verdiente.\nDenn wenn auch in den Männerchören in der Comala im Allge-\nmeinen mehr Kraft zu wünschen gewesen wäre, so schlugen doch\ndie Krieger-Chöre ausserordentlich durch, und der Chor der Jung-\nfrauen mit FingaFs Solo: „Lass ab vom lauten Siegsgesang\", so\nwie der Chor mit Comala's Solo liessen nichts zu wünschen übrig.\nDie Solostimmen waren in den besten Händen, und verdient die\nliebenswürdige Bereitwilligkeit, mit der dieselben übernommen wur-\nden, alle Anerkennung, da nur dadurch das Concert möglich ge-\nmacht worden ist. Die Walpurgisnacht wurde mit Frische und\nBegeisterung gesungen. Ausgezeichnet gelang der grosse Chor:\n„Kommt mit Hacken und mit Gabeln!\" Weniger befriedigte der"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "312", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550929-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 727, "texte": "vorhergehende Chor der Wächter, wo der Tenor, so wie der Bass\ndie Viertel etwas zu kurz nahmen, und so eine Stimme die andere\ndrängte; es hatte das seinen Grund wohl in der durch die Oert-\nlichkeit bedingten, zu weit von einander befindlichen Stellung der\nTenöre und Bässe. Auch hier waren die Soli ausgezeichnet. Herr\nZur Nieden spielte das Weber'sche Concert mit ausserordent-\nlicher Ruhe und schönem Vortrage unter entsprechender Beglei-\ntung des Orchesters, und ward durch herzlichen Beifall des Publi-\neums belohnt. Das ganze Concert war mit dem besten Erfolge\ngekrönt und machte den Mitwirkenden, namentlich aber auch dem\nDirigenten, alle Ehre. Möge derselbe in seinem Kunststreben in\nbegonnener Weise fortschreiten!\n\nff."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-09-29-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-09-29_01#c007", "volume": "bmtnabi_1855-09-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "312", "page_fin": "312", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550929-01.2.7", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "312", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550929-01.1.8", "debut_caractere": 729, "fin_caractere_exclue": 4595, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nEI Hisset, 26. September. Der Männergesang-Verein „Concor-\ndia\" (Dirigent F. Wen ig mann) aus Aachen hat hier in dem\nGesang-Wettstreite der ausländischen Vereine, der zur Feier der\nSeptember-Feste Statt fand, den ersten Preis, bestehend in einer\ngoldenen Medaille (200 Frcs.) und einer Geld-Prämie von 400 Frcs.,\ndavongetragen. Den zweiten Preis (goldene Medaille von 120 Frcs.\nund Geld-Prämie von 200 Frcs.) erhielt der Verein „Orpheus'4\naus Lille.\nfijenraep, 24. September, Fräul. Marie Lindemann, Pia-\nnistin aus Leipzig, gab gestern hierselbst ein Concor!; ihr Spiel\nerwarb ihr grossen Beifall bei den Zuhörern.\nDie Gebrüder Wieniawski haben sich während Juli und\nAugust in Salzbrunn aufgehalten, um die Bäder zu gebrauchen.\nAm 16. August gab Heinrich, der Violinist, im Cursaale ein\nglänzendes Concert. Der Ciavier-Virtuose Jos. Wieniawski, der\nvergangenes Jahr mit grossem Beifalle in Frankfurt am Main und\nUmgegend concertirte, wird im Laufe des nächsten Monats auf sei-\nner Reise nach Holland, wo er den Winter verweilen wird, wieder\ndaselbst eintreffen. Hoffentlich wird er bei dieser Gelegenheit auch\nKöln besuchen.\nWir hören von Mannheim her, dass zwei Preisrichter der\nDeutschen Tonhalle von den 39 eingegangenen vierstim-\nmigen Chören keinem einzigen den Preis zuerkannt haben. An\nSinfonieen sind ebenfalls 39 eingegangen! Welch eine Entsa-\ngung und Aufopferung von Zeit gehört dazu, diese Masse Noten\ndurchzulesen! Wahrlich, die Herren Preisrichter verdienen selbst\neinen Preis dafür.\nDie grosse Oper in Paris hat während des Monats August\ndie fabelhafte Einnahme von 168,858 Francs gehabt! Im Juli war\ndie Summe übrigens auch nur um 7320 Francs geringer. Die Ge-\nsammt-Einnahme der Schauspiele, Concerte u. s. w. betrug\n1,462,504 Frcs. 50 Cent.\nDer junge Pianist Arthur Napoleon ist einige Wochen in\nParis gewesen. Bei dem grossen Musikfeste zu Hereford in\nEngland hat er durch sein geniales Spiel ausserordentliches Auf-\nsehen erregt.\nBei der Feier der Einnahme von Sebastopol in der Kirche\nNotre Dame zu Paris ist unter Auber's Direction aufgeführt wor-\nden ein Te Deiim von Lesueur, eine Hymne von Spontini,\nzwei Märsche von Schmitzhöffer und ein Domine salvum fac\nImperatoren* von A u b er.\nBei Anwesenheit der Königin Victoria und des Prinzen Al-\nbert in Paris wünschten Höchstdieselben ein Concert von dem\nberühmten Orchester des Conservatoires zu hören. Es fand\nim Orangerie-Saale zu St. Cloud Statt. Aufgeführt wurden: 1.\nvon Beethoven: 2. Plftisir d'amour, Chor von\nMartini; 3. Bruchstücke aus den „Ruinen von Athen'4 von Beet-\nhoven; 4. Atta Trinüa, aus dem sechszehnten Jahrhundert; 5.\nAndante aus der F-Jw-Sinfonie von Beethoven. Im zweiten\nTheile: 1. Scherzo aus dem Sommernachtstraum von Mendels-\nsohn; 2. Chor aus Castor und Pollux von Rameau; 3. Die\nzweite Hälfte des Septetts von Beethoven; 4. Ein Psalm von\nMarcello. Die Allerhöchsten Herrschaften verweilten bis zu Ende,\nund die Königin und Prinz Albert, der bekanntlich sehr musica-\nlisch ist, machten dem Orchester und den Herren Auber und\nGirard als Directoren die schmeichelhaftesten Complimente. Der\nKaiser Napoleon ging mit den genannten Herren in die Details\nder Einrichtung des Conservatoires ein, was vielleicht von Folgen\nsein dürfte. Die Kaiserin versprach Herrn Girard, diesen Winter\ndie Concerte der Anstalt zu besuchen.\nDie Eröffnung der italiänischen Oper unter Leitung des\nHavaririesen Calcado in Paris wird am 2. October Statt haben.\nMan findet auf dem Programme 7 Mal Rossini, 1 Mal Mozart,\n4 Mal Bellini, 2 Mal Donizetti, 2 Mal Verdi (II Trovatore\nund Emani). Die Direction verspricht drei neue Opern: Leo-\nnora von Mer cadante, Fiorina von Pedrotti, L'Assedio di\nFirenze (Belagerung von Florenz), für diese Saison eigens compo-\nnirt von Bottesini; ausserdem zwei Opern von Rossipi,\nwelche noch nie in Paris aufgeführt worden sind."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "305", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550929-01.1.1", "texte": "Die Orgel in der Reinoldi-Kirche zu Dortmund.\n\nDortmund, den 10. September 1855.\nAls ich Ihnen vor drei Jahren meine Gedanken über\ndie Werke des Orgel-Baumeisters Cavallie Coli in Paris\nmittheilte, konnte ich nicht hoffen, so bald und so umfas-\nsend von dem Gebrauch zu machen, was ich dort gesehen\nund geprüft und in weiterem Verfolg desselben mir noch\nselbst zusammengestellt hatte. Allein wie das so oft der\nFall ist, dass „Unverhofft oft kommt\", so war es auch\nhiermit, indem mir durch den Beschluss des Presbyteriums\nder Beinoldi-Kirche hier, welches die Nothwendigkeit der\nVerbesserung der Kirchen-Orgel erkannte, die Leitung der\nReparatur-Arbeiten übertragen und so hinlängliche Gele-\ngenheit wurde, die in dieser Hinsicht gesammelten Erfah-\nrungen praktisch zu verwerlhen. Wenn nun auch der vor-\nhandene Raum lür das Orgelwerk, noch mehr aber die für\ndie Reparatur bewilligte Summe leider noch immer enge\nGränzen für die Verbesserung des Werkes setzten, so blieb\nmir doch noch Spielraum genug, um die in jenem Aufsatze\nmitgetheilten Principien der Arbeit zum Grunde zu legen\nund ausserdem noch so manches im lieben Vaterlande ge-\nsammelte Gute lür das Werk zu verwenden. So steht denn\nnun das Instrument, ein aus der Asche erstandener Phö-\nnix, wieder fertig da und erinnert nur noch durch das\nAeussere an die vor circa fünfzig Jahren von Trampeii aus\nAdorf in Sachsen erbaute Orgel von 39 klingen sollenden\nStimmen, von denen jedoch, als ich vor zehn Jahren hie-\nher kam, nur die grössere Hälfte etwa noch zu brauchen\nwar. Das jetzige Werk hat 47 klingende Stimmen, die auf\ndie verschiedenen Manuale und das Pedal in folgender\nWeise vertheilt sind:\nI. Haupt-Manual\n1. Principal ..... 16 Fusston\n2. Bordun ..... 16 »\n3. Principal 8 „\n4. Schweizerflöte . , 8 „\n5. Flauto maggiore . 8 „\n6. Rohrflöte 8 Fusston\n7. Octave 8 „\n8. Quinte 6 „\n9. Octave 4 „\n10. Gemshorn .... 4 „\n11. Quinte ...... 3 „\n12. Octave 2 „\n13. Mixtur sfach\n14. Cymbel 3 „\nII. Neben-Manual.\n1. Principal 8 Fusston\n2. Quintaten 16 „\n3. Viola di Gamba. . 8 „\n4. Gedact 8 „\n5. Quintaten 8 „\n6. Octave 4 „\n7. Salicet 4 „\n8. Octave ...... 2 „\n9. Mixtur 4Jaeh\n10. Scharf ...... 3 „\n11. Oboe 8 Fusston\nIII. Positiv.\n1. Principal .. . . 4 Fusston\n2. Geigen-Principa! . . 8 „\n3. Viole (Tamour . . 8 ~ -\n4. Flauto traverso. . 8 „\n5. Gedact 8 »\n6. Flauto dolce. ... 4 »\n7. Octave 2 „\n8. Voce humana... 8 „\nIV. Trompetwerk.\n1. Trompete 8 Fusston\n2. Trompete 4 „\n3. Progressiv-Cornett bis 8 „\nV. Pedal.\n1. Posaune 32 Fusston.\n2. Posaune 16 „\n3. Trompete .... 8 „"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "306", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550929-01.1.2", "texte": "4. Clarine 4 Fusston\n5. Principal-Bass ... 16 „\n6. Violon-Bass .... 16 „\n7. Sub-Bass 16 „\n8. Quinte ...... 12 „\n9. Octave 8 „\n10. Violonceii .... 8. „\n11. Octave 4 ,\nObgleich diese Disposition der Stimmen an und für\nsich nichts Ausserordentliches bietet, so ist doch in Folge\neiner vortrefflichen Intonation und guter Mensuren der\nEffect der einzelnen Stimmen, wie des ganzen Werkes, ein\nnicht gewöhnlicher, indem er in jeder Zusammenstellung\nder verschiedenen Register und selbst bei Entfaltung der\nhöchsten Kraft des Werkes stets ein edler, wohlthuender\nbleibt und eben so wenig durch rauhe Kraft den Hörer\nerdrückt, als durch Mangel an Frische und charakteristi-\nscher Tonfärbung das Interesse des Zuhörers abstumpft.\nUnter den verschiedenen Stimmen des Werkes zeichnen\nsich durch ihre Eigentümlichkeit zunächst die Manual-\nTrompeten aus, die nach Cavallie's System verschiedenen\nWinddruck und damit einen Discant haben, der dem Basse\nan Fülle und Markigkeit des Tones in keiner Weise nach-\nsteht. Gerade in der Region, wo die Manual-Trompete als\nstimmlührendes Register gebraucht wird, ist hier der Ton\nrund und durchdringend, während er sonst in der Regel\nda matt und klanglos wird. Nicht selten sucht man einem\nsolchen Mangel durch Einsetzen von Gamben-Pfeifen zu\nbegegnen, die, scharf intonirt, kräftiger ansprechen als die\ndahin gehörenden Zungen-Pfeifen; allein der Abstand zwi-\nschen dem Klange der Zungen-Pfeife und dem der Labial-\nPieife bleibt immer fühlbar, und eine vollkommene Gleich-\nheit der Töne ist nur auf die oben angegebene Weise zu\nermöglichen. Von ganz ausgezeichneter Wirkung ist ferner\ndie durchschlagende Posaune 32 Fuss, die bis zum Con-\ntra- C rein und deutlich und, was selten erreicht wird, zu-\ngleich präcis anspricht. Der Ton derselben verschmilzt eben\nso wohlklingend mit den übrigen Labial-Bässen, als er\ndurch seine Dicke den Pedal-Trompeten eine vollwichtige\nUnterlage bietet. Die Vereinigung der vier Zungen-Stimmen\ndes Pedals lässt weder an Kraft und Wohllaut, noch an\nSchärfe und guter Ansprache etwas zu wünschen übrig.\nDie Oboe des Neben-Manuals und die Vox humana des\nPositivs sind nach Mensuren aus dem berühmten Werke\ndes Dom Bedos construirt. Erstere hat bereits den Ver-\ngleich mit dem Instrumente dieses Namens siegreich be-\nstanden, und wenn letztere nicht ihre ganze Vollkommen-\nheit erreichen, d. h. die menschliche Stimme täuschend\nnachahmen konnte, so lag dies nur darin, dass dem Re-\ngister nicht verschiedener Winddruck zugeführt werden\nkonnte. Von wunderbarem Reize ist die Schweizerflöte des\nHaupt-Manuals, die in Verbindung mit der Rohrflöte den\nschmelzendsten Cello-Ton hören lässt, den je die gute alte\nZeit (die noch nicht wusste, dass die Töne der zehnten\nLage schöner sind, als die der ersten) dem Instrumente\nentlockte. Nicht minder schön, nur von noch viel zarterem\nKlange ist die Viole (Tamour des Positivs, die mich immer\nsehr lebhaft an eine Aufführung der Hugenotten in der\ngrossen Oper in Paris erinnert, wo die Romanze für Te-\nnor „Ihr Wangen-Paar\" u. s. w. wirklich mit diesem In-\nstrumente begleitet wurde, das wohl durch eine Viola er-\nsetzt, aber nimmer von dieser in Schmelz und eigentüm-\nlichem Wohlklange erreicht werden kann. Die Construction\nder Pfeifen dieses Registers ist in so fern von der gewöhn-\nlichen abweichend, als die Pfeifenkörper an der Mündung\nvon engerer, am oberen Ende dagegen von etwas weiterer\nMensur sind, als die gewöhnlichen Gamben-Pfeifen. Ausser-\ndem ist die Lage der Bärte der gewöhnlichen gerade ent-\ngegengesetzt, indem die Seitenbärte nur am Unterlabium\nliegen und bloss dazu dienen, das Querstück so vor die\nLichtspalte zu stellen, dass es von der ausströmenden Luft\nmit getroffen wird, wodurch der Ton den feinen Strich und\nzugleich etwas näselnden Ton der annimmt.\nSämmtliche Principale der Orgel (mit ganz kleinen, kaum\nzu bemerkenden Seitenbärtchen versehen) haben den reinen\nMetallklang, die milde Kraft, die Rundung und doch den\nGlanz des Tones, wodurch sich dieses Register als vor-\nnehmstes vor den anderen auszeichnen soll. Endlich ist\ndas Verhältniss der Füllstimmen und Mixturen ein\nsehr glückliches, indem diese sich nicht unangenehm gel-\ntend machen, sondern nur zur Nuancirung des Tones bei-\ntragen. Es ist desshalb auch im polyphonen und fugirten\nSatze jede Stimme mit grösster Klarheit und Deutlichkeit\nneben der anderen zu hören, wozu indess auch die Stel-\nlung des Werkes und die günstigen akustischen Verhält-\nnisse der Kirche einen Theil beitragen mögen.\nDiese beträchtliche Anzahl von Stimmen nun ist durch\nmechanische Vorrichtungen dem Willen des Spielers in\neiner Weise dienstbar gemacht, dass jede Stimmen-Verbin-\ndung und damit die überraschendsten Effecte ohne die min-\ndeste Anstrengung hervorgerufen werden können. Unter\ndiesen mechanischen Vorrichtungen nimmt die pneumatische\nSpiel-Maschine den ersten Platz ein. Durch einen Druck\nvon 6—B Loth auf die Taste wird mit derselben eine"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "307", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550929-01.1.3", "texte": "Kraft-Entwicklung von eben so vielen Pfunden hervorge-\nbracht— eine Kraft, die hinreicht, den Widerstand sämmt-\nlicher vier Manuale zu überwinden. Drei Pedal-Tritte, in\nder Art, wie sie am Pianoforte vorkommen, stehen in un-\nmittelbarer Verbindung mit dem Mechanismus der Ma-\nschine und bringen durch einen leisen Tritt des Fusses auf\nden einen oder den anderen sofort das eine oder andere\nder Manuale zum Erklingen, sobald die zur Maschine ge-\nhörige Claviatur gespielt wird. Und dieser Mechanismus\nwirkt mit einer solchen Sicherheit und Präcision, dass das\nEinfallen irgend eines Manuals in der Zeit, die das kürzeste\nStaccato hinwegnimmt, erfolgen kann. Ein vierter Pedal-\nTritt setzt eine unter den Claviaturen liegende Hebel-Reihe\nin Rapport mit der Maschine und bewirkt, dass dieselbe\ndie tiefe Octave jedes gegriffenen Tones in dem angekop-\npelten Werke mit aufzieht—eine Einrichtung, die nach ein-\nfacher Berechnung die 36 Stimmen der Manuale auf 72\nvermehrt und aus dem sechszehnfüssigen Haupt- und Ne-\nben-Manual zweiunddreissigfüssige und aus dem achtfüssi-\ngen Positiv und Trompet-Werk sechszehnfüssige Werke\nmacht. Es lässt sich leicht überschauen, wie viel der Ton\nder Orgel dadurch an Kraft, Tiefe und Majestät gewinnt.\nGleichzeitig mit dem Gebrauche der Pedal-Tritte lässt sich\nnoch jedes Manual besonders spielen, ohne dass dadurch\nim Mechanismus irgend welche Störung entstehen könnte.\nEin fünfter Pedal-Tritt bringt die zwei tiefen Octaven des-\njenigen oder derjenigen Manuale, die mit der Maschine ver-\nbunden sind, zugleich in Verbindung mit den Stimmen des\nPedals, und macht es möglich, auch im Pedale alle die fei-\nnen Schattirungen des Tones auszuprägen, die den ver-\nschiedenen Manualen eigen sind. Der sechste Pedal-Tritt\nendlich nuancirt die Stimmen des Positivs durch\nund Decrescendo und macht eine um so schönere Wirkung,\nals dieses Werk unmittelbar unter dem Gewölbe der Kir-\nche liegt. Den nöthigen Wind erhält das Werk durch fünf\nBälge von zehn Fuss Länge und lünf Fuss Breite und\ndurch einen Magazin-Balg von circa siebenzig Cubikfuss\nInhalt, der sich durch ein selbstthätiges Ventil den Luft-\nZugang selbst eröffnet oder abschliesst, und dessen Bewe-\ngung beim Auf- und Niedergehen durch eiserne Parallelo-\ngramme (nach Cavallie's System, wenn auch anderer Con-\nstruction) regulirt wird. Der Orgelbauer Karl Herbst\nvon hier, der die sämmtlichen Arbeiten ausgeführt hat und\ndessen Talent und Geschicklichkeit ich es zu danken habe,\ndass die von mir entworfenen Pläne für die Verbesserung\ndes Orgelwerks eine glückliche Lösung gefunden haben,\nist jetzt beschäftigt, in der hiesigen Marien-Kirche ein ahn-\nliches, wenn auch kleineres, Werk aufzustellen. Die Orgel\ndieser Kirche mag vielleicht die älteste von ganz Westfalen\ngewesen sein; sie halte nämlich noch gebohrte Windladen\nund in der ganzen tiefen Octave keine Obertasten, die alle\nbis auf Cisund Diserst viel später (etwa um 1762) ein-\ngesetzt worden sind, als das Werk neue Claviaturen und\nein Positiv erhielt. Glücklicher Weise bleibt von dem alten\nWerke durch den Beschluss des Presbyteriums der Kirche\nnichts als das Gehäuse, das aber durch seine ausgezeich-\nneten Holz-Schnitzwerke auch von grossem Werthe ist\nund seine Entstehung sicher in der Blüthezeit der Holz-\nschneidekunst gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts zu\nden Zeiten eines Michael Pacher gefunden hat. Sobald das\nWerk, das ebenfalls unter meiner speciellen Leitung con-\nstruirt und aufgestellt wird, vollendet ist, werde ich Ihnen,\nwenn dies anders für die Leser Ihres geschätzten Blattes\nvon Interesse sein kann, auch darüber Bericht erstatten.\n\nBreidenstein.\n\nZur Geschichte der Oper in Deutschland\nDie Schul-Komödien konnten schon als solche, und\nbesonders in ihrer damaligen Haltung, zu nichts führen;\nein lebendiger Reim lag weder in ihnen noch in den Ver-\nhältnissen verborgen, sie geriethen nur immer mehr auf\ndürren Sand oder in die frühere Fastnachts-Unfläterei. Zur\nselben Zeit vollendete sich aber das Drama in England un-\nter der Königin Elisabeth durch Shakespeare und seine Ge-\nnossen, vollendete sich, kann man sagen, eben sowohl lür\nDeutschland, wie für England, obwohl den Engländern der\nRuhm und der Stolz bleiben; denn so wenig die Franzosen\nvon jeher mit den Shakespeare'schen Wunderwerken anzu-\nfangen wussten, so sehr haben wir sie geschätzt, gehegt\nund gepflegt und uns an ihnen gebildet, schon im sieben-\nzehnten Jahrhundert, besonders aber seit Lessing im acht-\nzehnten, wieder im neunzehnten; und so werden sie immer-\nfort ein Segen für uns sein, trotz der herrschend geworde-\nnen thörichten Erklärungs-Wuth, weil das rein Vollendete\nstets von heilsamer Wirkung ist.\nDie englischen Komödianten um 1600 kamen aus den\nNiederlanden nach Deutschland. Aus den Niederlanden war\nuns schon früher manches dramatische Product zugegangen.\n•).\nI.\nEnglische Komödianten in Deutschland.\n\n*) Aus „Musik und Theater in Mecklenburg\" von Fr. Chry-\nsander. Vergl. Nr. 2 dieser Blätter vom 13. Januar 1855."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "308", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550929-01.1.4", "texte": "Niederländische Sänger und Musiker waren um die Mitte\ndes sechszehnten Jahrhunderts und schon früher am bran-\ndenburgischen Hofe sehr hoch gehalten, wie sie denn in\nganz Europa verbreitet und berühmt waren. Ins Niederlän-\ndische wurden die englischen Stücke übertragen, hier fass-\nten sie zuerst feste Wurzel.\nDieses alles ist wohl zu bedenken, wenn man vermu-\nthungsweise etwas' Genaueres über die englischen Komö-\ndianten zu Tage fördern will. Man hat sich vielfach den\nKopl zerbrochen, was für Leute dies könnten gewesen sein.\nSollen wir sie für wirkliche Engländer hallen, oder waren\nes junge Deutsche vom Comptoir der Hansa in London,\noder Abenteurer, oder reis'ten Liebhaber des Theaters auf\nSpecuiation nach London und kamen mit einem Vorrathe\nvon Manuscripten und einstudirten Rollen zurück ? so fragt\n1 ieck. Es verhält sich doch wohl viel einfacher. Darüber\nzunächst dürfte kaum noch ein Zweifel sein, dass es wirk-\nlich Engländer waren; die Gesammt-Benennung, wie die\neinzelnen Namen deuten allenthalben darauf hin. Die jetzt\nStatt findenden Forschungen eines Engländers, welche be-\nweisen vvollen, dass auch Shakespeare selbst unter diesen\nsich befunden, haben in so weit wohl nur als Curiosität\nWerth. Hagen sagt: „Es waren wohl nicht Deutsche, die\ndas Englische, sondern Engländer, die das Deutsche ver-\nstanden und in den englischen Handels-Compagnieen in den\nNiederlanden und in Deutschland anlänglich ein Unterkom-\nmen gefunden.\" Hiermit wird man einverstanden sein kön-\nnen; mit dem Folgenden weniger: .Zur eigenen Unterhal-\ntung, so lässt es sich annehmen, führten sie vor ihren Lands-\nieuten die Schauspiele im Auslande auf, die in London ein\nallgemein begeisterndes Interesse erregten. Bei der Neuheit\nder Vorstellungen wird die Zuhörerzahl sich durch Fremde\nvergrössert haben und die Spielenden sich veranlasst gese-\nhen, es mit einer Uebersetzung zu versuchen. Ward ihnen\nBeifall zu Theil, so drängte sich ihnen gewiss bald der Ge- J\ndanke auf, aus dem Spiele Gewinn zu ziehen, eine Wan-\nder-Truppe zu bilden und als fahrende Schüler dem Glücke\nund ihrer Kunst zu vertrauen.\" X., 270. Diese Wahr-\nscheinlichkeits-Rechnung stimmt nicht mit den wirklichen\nVerhältnissen, nicht mit denen der damaligen Schauspieler\nin England, noch mit denen der hier in Deutschland auf-\ntretenden.\nIn England lebten damals sehr viele Männer (Frauen\nspielten noch nicht), welche die Schauspielkunst als Ge-\nwerbe trieben; sehr wohl konnte daher Manchem der Ge-\ndanke kommen, es mit einer Kunst, die augenscheinlich der j\naller übrigen Nationen weit voraus war, zunächst in den I\nNiederlanden zu versuchen. „Die englischen Komödianten\nbetrieben Musik und Tanz wohl nur nebensächlich\", sagt\nHagen. Den Tanz vielleicht, aber die Musik gewiss nicht; denn\ndie am brandenburgischen Hofe in Dienst stehende Gesellschaft\nbestand aus „19 Personen Cound 16 Personen\nMusicanten (Sänger und Instrumentisten)\", und überall he-\nben sie ausdrücklich ihre musicalischen Leistungen mit her-\nvor, auch schon früher, wo die reisende Gesellschaft doch\nwohl etwas kleiner war. Auffallend bleibt diese bis dahin\nin Deutschland sicherlich unerhörte Verbindung so vieler\nSchauspieler und Musicanten. Aber die Thatsache ist nicht\nwegzuläugnen, und sie gibt vielleicht einen besseren Fin-\ngerzeig, als die bisherigen Vermuthungen. Es möchte nicht\nunwahrscheinlich sein, dass unter den Musikern sich viele\nNiederländer befanden, ja, dass die sehr weit und vollendet\nausgebildete musicalische Kunst der letzteren tonangebend\nwar in ihren musicalischen Vorträgen, wie die englischen\nStücke in ihren dramatischen; dass also die englischen\nSchauspieler in einer anderen Verfassung aus den Nieder-\nlanden nach Deutschland gegangen sind, als die war, in\nwelcher sie von England dorthin kamen. Der Kürze wegen\nübergehe ich Anderes, was noch für diese Vereinigung kei-\nneswegs der besten, aber reiselustigen und gewinnsüchtigen\nKünstler zweier Nationen sprechen könnte, da die Meinung\nklar ist und hoffentlich auf den gegebenen Verhältnissen\nsich gründet*).\nDiese Gesellschaft genoss, vornehmlich zuerst, eines\ngrossen Ansehens; „der Magistrat der Städte kam ihnen\nsogar feierlich entgegen\" (Tieck). In Mecklenburg waren\nsie 1606, und zwar in Rostock; denn ihre Bitte an den\nRath um ein Zeugniss ihres Wohlverhaltens daselbst hat\nsich aufgefunden (Bärensprung 11 —l2). Ein E. Rath,\nsagen sie, hat es „grossgunstiglich geduldett\", dass „wir\nvnserm geringem vormugen vnd Kunst nach, mitt vnser\nMusic auch geistlichenn vndt we 1 tlichenn Histo-\nrien, commedienn vnd tragedienn, gemeiner Stadt dienen\nmugen\" u. s. w. Das Zeugniss wird erbeten, „weil wir\nvns ie ohne rühm zumeiden auch allhie still vnd eingezo-\ngenn verhaltten, auch nicht anders dan was leiblich fd. i.\nlieblich] vnd woll anzusehenn vnd zuhören gewesen, agirt\nvnd musicirt.\" Unterschrieben: „Rostogk denn 31. Martv\n1606. E. E. vnd hw. gehorsame, Marggrefen von Bron-\ndenborgk Diener Engeische Gommedianten.\"\n\n*) Bestimmter wird man erst dann hierüber zu urlheilen vermö-\ngen, wenn entscheidendere Urkunden aufgefunden sind. Die\nbisher unbekannten Actenstücke über englische Musicanten\nin Güstrow (im hiesigen Grossherzogl. Geh. Archiv) kommen\nspäter zur .Veröffentlichung."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "309", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550929-01.1.5", "texte": "Von Shakespeare's Dichtungen sind schon durch diese\nGesellschaften in Deutschland Hamlet, Romeo und Julie\nund andere aufgeführt. Nach späteren Uebertragungen führt\nHagen einige artige Sprachproben an, z. B. von Polonius,\nals er die Komödianten ankündigt: „Da Marius Roscius\nein Komödiant war zu Rom, was war da für eine schöne\nZeit!\" Hamlet (bald darauf]: „0 Jephta, Jephta, was hast\ndu für ein schönes Töchterlein!\" Romeo: „Sie vergönne\ndoch einem schamhaften Pilgram dero Hand zu küssen.\"\nJulia: „Guter Pilgram, ihr entheiligt euch nicht; denn sol-\nche Bilder, wie ich, haben Hände zum Fühlen und Lippen\nzum Küssen.\" Romeo: „Die Kühnheit entschuldigt mich\ndann —und nun bin ich aller Sünden los.\" Julia: „Wie—\nso hab' ich eure Sünden empfangen?\" Das Meiste aber ist\nin rohe, unbeholfene Sprache übertragen. Unter dem Titel\n„englische\" Komödien und Tragödien erschien zuerst\n1620, dann in neuer Auflage 1624 als erster Theil, und\nder zweite 1630, eine Sammlung Dramen in deutscher\nSprache. „Die Bezeichnung dieser Stücke als englische\nist offenbar nur Speculation. Nicht, dass nicht eine Reihe\nderselben, namentlich im ersten Theile, auf englischen Quel-\nlen ruhte, allein doch nicht anders als einige Stücke von\nAyrer (einem damaligen Dramatiker) auch; im zweiten\nTheile ist des Englischen sehr weniges; da ist Tasso's Amyn-\ntas und eine dramatisirte Novelle aus dem Don Quixote\neingegangen, und im ersten Theile hat Sidonia und Thea-\ngenes ganz sichtbar eine lateinische Grundlage, deren über-\nhaupt viele als gemeinsame Quellen der europäischen Büh-\nnenstücke jener Zeiten vorausgesetzt werden müssen.\"\nGervinus d. Dichtung 111., 122.\nDie englische Gesellschaft, die „ersten Schauspieler\nvon Gewerbe\" (Gerv. 111., 105), wirkte für die theatrali-\nsche Kunst in Deutschland noch dadurch, dass sie Inländer\nanreizte, sich auch zu so einer wandernden Truppe zu\n„lormiren\", während bis dahin die Bürger (die Zünfte) und\ndie Schulen die Aufführungen in Händen hatten, an einen\nUmzug desselben Personals von einem Orte zum anderen\ndaher nicht zu denken war. Solche deutsche „Banden\" mit\nihrem „Komödianten-Meister\", besonders im achtzehnten\nJahrhundert zahlreich, kamen schon im siebenzehnten auch\nnach Mecklenburg, wie wir aus dürren Notizen wissen. Der\nZustand damaligen Geschmacks wird einiger Maassen deut-\nlich, wenn man lies't, dass der auch als Kirchenlieder-Dich-\nter berühmte Prediger Rist (Mitte des siebenzehnten Jahr-\nhunderts in Hamburg) seine Judith von Leinwebern auf-\nführen liess, wo die Heldin einem lebenden Kalbe den Kopf\nabsäbelte; das Kalb aber sollte Holofernes im Bette vor-\nsteilen! Von 1500—1700 ist an deutschen Dramen\nnichts entstanden, was sich im Bewusstsein der Nation er-\nhalten hätte, und ein alter Schulmeister in Dessau (um\n1550) hegte zu grosse Hoffnungen, wenn er meinte, ein\n„ Füliklein der Kunst werde unter der Asche in den Spie-\nlen der Schule bewahrt werden1, oder es war ein erlö-\nschender Funken; das wenige Gute, welches sich in die-\nser langen Zeit findet, ist der Kenntniss und Schätzung\nder Gelehrten allein überlassen.\nErst aus der Fremde kam uns ein sicherer Anstoss\nzur Kunst, diese fing damit eigentlich erst an; es zog aber\nauch der Leichtsinn mit dem neuen Leben ein, und wie-\nder und ärger, als je zuvor, erwachte der Hader über die\nZulässigkeit, über den Nutzen oder Schaden des Schau-\nspiels, über die Wirksamkeit, über das ewige Leben oder\ndie ewige Verdammniss der Komödianten. Die Engländer\nbrachten die so genannten weltlichen Sachen in allem\nReize schönster Natur-Wahrheit; dies fehlte uns bis dahin\nfast gänzlich, während wir Geistliches, Moralisches und Ge-\nlehrtes in Ueberfluss hatten.\nAuch noch von anderer Seite drang Aehnliches auf\ndie Deutschen ein. In der Abblüthe der englischen Kunst\nunmittelbar nach Shakespeare bildete sich in Italien die\nOper, in Frankreich die classische Tragödie und Komödie\naus. Zunächst war es die Oper, welche auf Deutschland\neinen grossen Einfluss ausübte, und zwar schon im sieben-\nzehnten Jahrhundert; das französische Drama wirkte dann\nim folgenden. Deutschland halte zuerst eine musicalische,\nsodann eine dramatische Periode, jede gesondert für sich,\nbis beide endlich in Mozart und Schiller gleichzeitig aufs\nNeue zur Blüthe gelangten.\n\nAus Mannheim.\nEs dürfte nicht überflüssig sein, wenn diese Blätter,\ndie schon so Vieles zur Aufklärung über Werth und Un-\nwert h der Richard Wagner'sehen Musik gebracht, auch\nüber das Ergebniss der Aufführung des Tannhäuser auf\nunserer Bühne Act nehmen und nebenbei noch Anderes\nerfahren. Was man auch in der vielbesprochenen Sache\nvorbringen mag, so bleibt es doch von zeitgeschichtlicher\nSeltenheit, das Urtheil des Publicums fast aller Orten in\nschroffem Gegensatze zur unbefangenen Kritik ob ge-\nschrieben oder bloss in mündlichem Ausdrucke über Wag-\nner's Opern zu treffen. In gesteigertem Grade ist dies bei\nuns der Fall. Ja, wäre das Ergebniss nur noch an einigen\nOrten ein gleiches (in München ist es thatsächlich), so wäre"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "310", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550929-01.1.6", "texte": "die künstlerische Martyrschaft von Rieh. Wagner eine ecla-\ntante. Wenn man aus dem Munde kunstverständig sein\nwollender Musik-Freunde und Freundinnen hören muss:\n„Ein so grosses, von überraschenden Schönheiten strotzen-\ndes Werk, wie dieser Tannhäuser, konnte man uns so lange\nvorenthalten! Und gegen dieses Werk eifert die gestrenge\nKritik, geleitet von alten Musikern?!\" Wenn man ferner\ndie andächtige Aufmerksamkeit und den häufig ausbrechen-\nden Beifall des stets vollen Hauses mit dazu addirt, so dürfte\ndie Proclamirung dieser Martyrschaft nahe bevorstehen und\nWagner der Canonisation noch bei lebendigem Leibe schwer-\nlich entgehen können, wozu unser berühmter Decorirungs-\nVirtuose Mühldorfer unbezweifeltdie Gerüste aufstellen wird.\nUeber die Bedeutung des Urtheils unseres „kunstsin-\nnigen\" Publicums, dem man in öffentlichen Berichten fortan\nWeihrauch streut, kann der aufmerksame Beobachter kei-\nnen Augenblick irre werden. Ein Publicum, dessen Schau-\nlust bei jeder sich darbietenden Gelegenheit auf die Weide\ngeführt wird, wird jegliches Opernwerk nur nach Maass-\ngabe des darin Gesehenen beurtheilen. Das Hören wird in\nder Regel Nebensache, zumal es Anstrengung kostet. Hat\ndoch die musicalische Erziehung die Kunst, zu hören, nie-\nmals zu cultiviren verstanden. Diese Erfahrungssätze gelten\nauch bei uns. Wie es um unsere Urtheilslähigkeit beschaf-\nfen ist und sein kann, ergibt sich einfach aus Thalsachen.\nWir Mannheimer hören fast nur Opern-Musik, umgeben\nvon Mühldorfer'schem Schau-Gepränge. Oder sollen und\nkönnen vier Gesellschafts-Concerte per Jahr, darin die In-\nstrumental-Musik vertreten erscheint, genügen, um den Ho-\nrizont unserer Begriffe zu erweitern und unsere verwöhn-\nten Sinne an das reine Ideal zu fesseln? Der kleine Kreis\nvon Zuhörern, der sich um die Becker'schen Quartette ein-\nfindet, verschwindet in der Masse völlig. Was hören wir\nvon Kirchen-Musik, dem obersten und erhabensten aller\nmusicaiischenZweige? Gar nichts*). Darum etwa, weil un-\nser Capellmeister kein Freund dieser Gattung sein soll ?\nDarüber weiss Einsender nichts Gewisses. Aber das weiss\ner, dass der Trost, die beiden benachbarten grossherzog-\nlichen Residenzstädte beiänden sich in diesem Punkte in\ngleicher Lage mit uns, schon darum zurückgewiesen wer-\nden muss, weil Mannheim vorzugsweise eine katholische\nStadt ist, aus diesem Grunde es doch anzunehmen wäre,\ndass, wenn nicht der Clerus, auch der Theater-Capellmei-\nster nicht, so doch einige einllusshabende Dilettanten, mit\nMusikern im Vereine, als Förderer guter Kirchen-Musik\nsich bemerkbar machen sollten, wie das anderwärts wohl\nzuweilen vorkommt.\nRückblicke auf die erlebten Ergebnisse mit Wagner's\nOpern liefern unumstössliche Beweise, dass das gerühmte\nMusik-Verständniss im deutschen Volke auf arger Täu-\nschung beruht. Die Resultate würden ganz andere sein,\nwenn nur ein Zuhörer auf hundert schwache Begriffe von\nmusicalischen Formen (Zeichnung) besässe. Darf sich der\nwohl rühmen, Musik zu verstehen und beurtheilen zu kön-\nnen, dem diese Kenntniss gänzlich mangelt? Darum er-\nscheint der Beifalls-Jubel bei Wagner's Musik als die ko-\nlossalste Ironie auf unser gepriesenes musicalisches Zeit-\nalter, der nichts Aehnliches in anderen Kunst-Sphären zur\nSeite gestellt werden kann. Und dies ungeachtet so vieler\nMusikschulen in grossem und kleinem Maassstabe und Tau-\nsender von Lehrern! Vergebens bemühen sich musicalische\nZeitschriften und Bücher, diesen leidigen Status der Dinge\nzu verbessern, weil sie von zu Wenigen gelesen werden.\nWürden die Herren Capellmeister und sonstige Musik-Ko-\nryphäen diesfalls mit gutem Beispiele vorgehen und die\nstrebsameren Talente der jüngeren Generation auf das Le-\nsenswerthe hinweisen, es stände mit diesen Dingen ganz\nanders, als wir es fast allenthalben finden. Die Stunden lang\nbeliebten Vergnügungen täglich am Billard, am Domino,\nam langen Puff und am Kartentische dürften nur um etwas\nverkürzt werden. Freilich müssten diese Herren früher sel-\nber um belehrende Lecture, vornehmlich in Bezug auf wich-\ntige Zeitfragen, sich umsehen, und nicht mit der gefälligen\nLocal-Kritik sich begnügen, wenn diese nur die Personen\nnach Wunsch respectirt.\nCelerum censeo, dass hinsichtlich der Wagner'schen\nMusik unser Publicum nur durch rasche Aufeinanderfolge\nmehrerer seiner Opern zu einiger Einsicht in deren wahr-\nhaften oder eingebildeten Kunstwerth zu bringen sei. Soll\ndoch diese Procedur schon an einigen Orten gut gewirkt\nund die erhitzten Köpfe abgekühlt haben.\n★ ★ *\n*) Hierin theilen wir gleiches Loos mit allen Städten Süddeutsch-\nlands, einige baierische ausgenommen. In den Kathedralen\nwird das ganze Jahr hindurch kein musicalisches Hochamt\ncelebrirt. Von den grossen Werken für Kirche kennt man\nnur Bruchtheile aus dem Concertsaale, und diese nur mit Be-\ngleitung des Pianoforte. Was soll es aber mit einer Cherubi-\nnischen Messe mit Clavier-Begleitung ? eben so mit Mozart's\nRequiem u. dgl.?\n\nEduard Seuffert.\n(Nekrolog.)\n\nWieder haben sie einen trefflichen Mann zu Grabe ge-\ntragen! Eduard Seuffert,Fortepiano-FabricantinWien,\nist am 6. September d. J. im kräftigsten Mannesalter, 38"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "311", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550929-01.1.7", "texte": "Jahre alt, nach kurzer Krankheit gestorben. Durch uner-\nmüdeten Fleiss und Eifer hatte sich Seuffert zu einem der\nersten Industriellen der Residenz emporgeschwungen und\nsein Geschäft auf eine seltene Stufe der Vollkommenheit zu\nbringen gewusst, so zwar, dass er den berühmten Firmen\ndieses Geschäftszweiges, Bösendorfer und Streicher,\ngleichgestellt werden musste. Die Trefflichkeit seiner In-\nstrumente, im verflossenen Jahre in der münchener Indu-\nstrie-Ausstellung durch Verleihung der ersten Preis-Me-\ndaille anerkannt und gewürdigt, hat sich auf das glänzend-\nste bewährt, und nicht nur nach allen Richtungen Deutsch-\nlands, sondern bis nach America war der gute Ruf seiner\nFirma gedrungen und sicherte ihm zahlreiche Bestellungen.\nSeine Fabrik, von ihm selbst geleitet, ist tüchtig organisirt\nund grossartig angelegt. Die Ausdehnung, die sein Geschäft\nin letzterer Zeit erhalten, bestimmte ihn, eine Erweiterung\ndesselben vorzunehmen; allein der unerbittliche Tod ver-\nnichtete seine Plane, und es muss nun Anderen vorbehal-\nten werden, sein schönes Unternehmen zu Ende zu führen.\nAn seinem Sarge trauert seine Gattin mit vier unmündigen\nKindern. Alle, die Eduard Seuffert kannten, betrauern in\nihm einen wackeren, edeln Mann, dessen Eifer und Fleiss,\nStreben nach Vollkommenheit unermüdlich wär, und der\nnamentlich arme Künstler mit allen ihm zu Gebote stehen-\nden Mitteln unterstützte. Die allgemeinste Theilnahme sprach\nsich bei seinem am 9. d. Mts. Statt gehabten feierlichen\nLeichenbegängnisse aus, und diese mag (ür die trostlosen\nHinterbliebenen eine kleine Linderung ihres Schmerzes sein.\n\n(N. W. M.-Z.)\n\nAus Hagen.\nF. B.\nAuch in diesem Jahre hat der hiesige Musik-Verein seine Auf-\ngabe, das Studium und die Aufführung classischer Tonwerke, in\nerfreulicher Weise gelös't. Durch eine rege Theilnahme an den\nwöchentlichen Uebungen, so wie durch den Umstand, dass diesel-\nben nunmehr auch den Sommer hindurch fortgesetzt werden, ha-\nben die Leistungen des Vereins bedeutend an Sicherheit und Frä-\ncision gewonnen. In den vier Concerten. die im vergangenen Win-\nter gegeben wurden, kamen zur Aufführung: die Egmont-Ouver-\nture von Beethoven, die Ouvertüren zum Freischütz von Weber,\nzu Yelva von Reissiger, Im Hochland von Gade, zu Zampa von\nHerold und zu Maurer und Schlosser von Auber, so wie ein Quin-\ntett von Schümann: ferner die Cantate „Des Staubes eitle Sorgen\"\nvon Haydn, Arie und Finale aus dem Freischütz, der 138. Psalm\nvon Richter, das Finale aus der Loreley von Mendelssohn. Ausser-\ndem Quartette von Mendelssohn, Lachner, Abt, Ries, so wie Solo-\nVorträge in Gesang, Piano, Violine, Clarinette. Den Beschluss der\nConcerte machte eine grosse Aufführung des Oratoriums „Die\nletzten Dinge'*4 von Spohr. Dieselbe fand Statt in der evange-\nlischen Kirche zum Besten des zu erbauenden städtischen Kranken-\nhauses. Der hagener Musik-Verein wurde unterstützt durch die\nGesang-Vereine von Schwelm, Limburg, Breckerfeld, und auch das\nOrchester war durch auswärtige Musiker und Dilettanten verstärkt,\nso dass sich die Zahl der Mitwirkenden auf 130 belief. Die Soli\nbefanden sich in den Händen von Dilettanten, die ihre Aufgabe\nauf befriedigende Weise lös'ten. Namentlich fand der seelenvolle\nVortrag des Sopran-Solo's durch Frau L., eine vom Rheine zu uns\nübergesiedelte Dilettantin, allgemeinen Beifall. Herr Musik-Director\nBreidenstein aus Dortmund leitete die Aufführung mit einer\nFuge auf der Orgel ein, der er eine freie Phantasie über Motive\naus dem Oratorium anschloss. Sein Vortrag, bei dem er seinen\nRuf in der Beherrschung des gewaltigen Instrumentes bewährte,\nschien zwar das Publicum nicht sehr anzusprechen, was zum Theii\nletzterem, zum Theil der mittelmässigen Verfassung der Orgel zu-\nzuschreiben ist. Ueber die Aufführung des Oratoriums bemerken\nwir im Allgemeinen, dass dieselbe eine ganz gelungene war. Bei\nden Mitwirkenden zeigte sich allgemeine Begeisterung, Feuer und\nVerständniss, und waren namentlich das Solo-Quartett mit Chor:\n„Seiig sind die Todten64, so wie die Schluss-Fuge, das Halleluja,\n„Sein ist das Reich\", von ergreifender Wirkung. Die Zuhörer, de-\nren Zahl sich auf 1100 belief, folgten mit der gespanntesten Auf-\nmerksamkeit, und nach dem Schlüsse drängte sich Alles um den\nwackeren Dirigenten, Herrn Balde wein, um ihm mit Wort und\nHändedruck für den Genuss zu danken. Wohl hat er Dank in rei-\nchem Maasse verdient; denn mit unermüdlichem Fleisse hat er\nsich allen Mühen unterzogen, welche das Zustandebringen einer\ngrösseren Musik-Aufführung in einer kleinen Stadt erheischt.\nMöchte sein Beispiel auch in anderen Städten Nachahmung fin-\nden, namentlich aber auch anderwärts das Vorurtheil schwinden,\nwelches noch so häufig die evangelischen Kirchen der Aufführung\ngeistlicher Musik verschliesst.\n\nAus Mülheim an der Ruhr.\n\nAm 16, September gab der hiesige Gesang-Verein in Verbin-\ndung mit der Liedertafel unter der Leitung des Dirigenten H. En-\ngels ein Concert, in welchem zur Aufführung kamen: „Comalau\nvon Gade, Clavier-Concert von Weber, vorgetragen von A.\nZurNieden aus Duisburg, und die erste Walpurgisnacht\nvon Mendelssohn.\nDen Bemühungen des Herrn Engels, unterstützt von einem Co-\nmite, war es gelungen, recht tüchtige Kräfte zur würdigen Auf-\nführung der grossen Tonwerke zu vereinigen. Das Orchester aus\nDüsseldorf, verstärkt durch die Herren WTalbrül, Reimers,\nGerhard und andere Dilettanten aus Essen und Bonn, bestand\naus 39 Mitgliedern, und der Chor, verstärkt durch viele Mitglieder\ndes duisburger Gesang-Vereins, zählte deren 90. An 500 Zuhörer\nwaren trotz des ungünstigen Wetters versammelt, und hatte über-\nhaupt das Concert eine rege Theilnahme gefunden, die sich na-\nmentlich auch durch die grosse Gastfreundlichkeit der Mülheimer\ngegen die auswärtigen Mitwirkenden bethätigte. Die Aufführung\nselbst fand ungetheilten Beifall, den sie vollkommen verdiente.\nDenn wenn auch in den Männerchören in der Comala im Allge-\nmeinen mehr Kraft zu wünschen gewesen wäre, so schlugen doch\ndie Krieger-Chöre ausserordentlich durch, und der Chor der Jung-\nfrauen mit FingaFs Solo: „Lass ab vom lauten Siegsgesang\", so\nwie der Chor mit Comala's Solo liessen nichts zu wünschen übrig.\nDie Solostimmen waren in den besten Händen, und verdient die\nliebenswürdige Bereitwilligkeit, mit der dieselben übernommen wur-\nden, alle Anerkennung, da nur dadurch das Concert möglich ge-\nmacht worden ist. Die Walpurgisnacht wurde mit Frische und\nBegeisterung gesungen. Ausgezeichnet gelang der grosse Chor:\n„Kommt mit Hacken und mit Gabeln!\" Weniger befriedigte der"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "312", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18550929-01.1.8", "texte": "vorhergehende Chor der Wächter, wo der Tenor, so wie der Bass\ndie Viertel etwas zu kurz nahmen, und so eine Stimme die andere\ndrängte; es hatte das seinen Grund wohl in der durch die Oert-\nlichkeit bedingten, zu weit von einander befindlichen Stellung der\nTenöre und Bässe. Auch hier waren die Soli ausgezeichnet. Herr\nZur Nieden spielte das Weber'sche Concert mit ausserordent-\nlicher Ruhe und schönem Vortrage unter entsprechender Beglei-\ntung des Orchesters, und ward durch herzlichen Beifall des Publi-\neums belohnt. Das ganze Concert war mit dem besten Erfolge\ngekrönt und machte den Mitwirkenden, namentlich aber auch dem\nDirigenten, alle Ehre. Möge derselbe in seinem Kunststreben in\nbegonnener Weise fortschreiten!\n\nff.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nEI Hisset, 26. September. Der Männergesang-Verein „Concor-\ndia\" (Dirigent F. Wen ig mann) aus Aachen hat hier in dem\nGesang-Wettstreite der ausländischen Vereine, der zur Feier der\nSeptember-Feste Statt fand, den ersten Preis, bestehend in einer\ngoldenen Medaille (200 Frcs.) und einer Geld-Prämie von 400 Frcs.,\ndavongetragen. Den zweiten Preis (goldene Medaille von 120 Frcs.\nund Geld-Prämie von 200 Frcs.) erhielt der Verein „Orpheus'4\naus Lille.\nfijenraep, 24. September, Fräul. Marie Lindemann, Pia-\nnistin aus Leipzig, gab gestern hierselbst ein Concor!; ihr Spiel\nerwarb ihr grossen Beifall bei den Zuhörern.\nDie Gebrüder Wieniawski haben sich während Juli und\nAugust in Salzbrunn aufgehalten, um die Bäder zu gebrauchen.\nAm 16. August gab Heinrich, der Violinist, im Cursaale ein\nglänzendes Concert. Der Ciavier-Virtuose Jos. Wieniawski, der\nvergangenes Jahr mit grossem Beifalle in Frankfurt am Main und\nUmgegend concertirte, wird im Laufe des nächsten Monats auf sei-\nner Reise nach Holland, wo er den Winter verweilen wird, wieder\ndaselbst eintreffen. Hoffentlich wird er bei dieser Gelegenheit auch\nKöln besuchen.\nWir hören von Mannheim her, dass zwei Preisrichter der\nDeutschen Tonhalle von den 39 eingegangenen vierstim-\nmigen Chören keinem einzigen den Preis zuerkannt haben. An\nSinfonieen sind ebenfalls 39 eingegangen! Welch eine Entsa-\ngung und Aufopferung von Zeit gehört dazu, diese Masse Noten\ndurchzulesen! Wahrlich, die Herren Preisrichter verdienen selbst\neinen Preis dafür.\nDie grosse Oper in Paris hat während des Monats August\ndie fabelhafte Einnahme von 168,858 Francs gehabt! Im Juli war\ndie Summe übrigens auch nur um 7320 Francs geringer. Die Ge-\nsammt-Einnahme der Schauspiele, Concerte u. s. w. betrug\n1,462,504 Frcs. 50 Cent.\nDer junge Pianist Arthur Napoleon ist einige Wochen in\nParis gewesen. Bei dem grossen Musikfeste zu Hereford in\nEngland hat er durch sein geniales Spiel ausserordentliches Auf-\nsehen erregt.\nBei der Feier der Einnahme von Sebastopol in der Kirche\nNotre Dame zu Paris ist unter Auber's Direction aufgeführt wor-\nden ein Te Deiim von Lesueur, eine Hymne von Spontini,\nzwei Märsche von Schmitzhöffer und ein Domine salvum fac\nImperatoren* von A u b er.\nBei Anwesenheit der Königin Victoria und des Prinzen Al-\nbert in Paris wünschten Höchstdieselben ein Concert von dem\nberühmten Orchester des Conservatoires zu hören. Es fand\nim Orangerie-Saale zu St. Cloud Statt. Aufgeführt wurden: 1.\nvon Beethoven: 2. Plftisir d'amour, Chor von\nMartini; 3. Bruchstücke aus den „Ruinen von Athen'4 von Beet-\nhoven; 4. Atta Trinüa, aus dem sechszehnten Jahrhundert; 5.\nAndante aus der F-Jw-Sinfonie von Beethoven. Im zweiten\nTheile: 1. Scherzo aus dem Sommernachtstraum von Mendels-\nsohn; 2. Chor aus Castor und Pollux von Rameau; 3. Die\nzweite Hälfte des Septetts von Beethoven; 4. Ein Psalm von\nMarcello. Die Allerhöchsten Herrschaften verweilten bis zu Ende,\nund die Königin und Prinz Albert, der bekanntlich sehr musica-\nlisch ist, machten dem Orchester und den Herren Auber und\nGirard als Directoren die schmeichelhaftesten Complimente. Der\nKaiser Napoleon ging mit den genannten Herren in die Details\nder Einrichtung des Conservatoires ein, was vielleicht von Folgen\nsein dürfte. Die Kaiserin versprach Herrn Girard, diesen Winter\ndie Concerte der Anstalt zu besuchen.\nDie Eröffnung der italiänischen Oper unter Leitung des\nHavaririesen Calcado in Paris wird am 2. October Statt haben.\nMan findet auf dem Programme 7 Mal Rossini, 1 Mal Mozart,\n4 Mal Bellini, 2 Mal Donizetti, 2 Mal Verdi (II Trovatore\nund Emani). Die Direction verspricht drei neue Opern: Leo-\nnora von Mer cadante, Fiorina von Pedrotti, L'Assedio di\nFirenze (Belagerung von Florenz), für diese Saison eigens compo-\nnirt von Bottesini; ausserdem zwei Opern von Rossipi,\nwelche noch nie in Paris aufgeführt worden sind."}]}