{"numero_id": "bm-bmtnabi-1855-11-03-01", "volume": "bmtnabi_1855-11-03_01", "ocr_sha256": "0d01d086ae49effc74379c78d9502feb3f84c1e56a8edebc012ffcbebe57445a", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1855/11/03_01/bmtnabi_1855-11-03_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551103-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1855-11-03-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-11-03_01#c001", "volume": "bmtnabi_1855-11-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "345", "page_fin": "349", "image_debut": 1, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551103-01.2.1", "titre_corps": "Marx und Brendel.", "titre_sommaire": "Marx und Brendel.", "signature_source": "A E K", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "345", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551103-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3938, "texte": "Marx und Brendel.\n\nII.\n(S. Nr. 43.)\nAm meisten tritt in Marx' Buche die Zukunfts-\nlehre und was dran hängt hervor. Diese ist das geheime\nBand, das Marx mit der Wagner-Brendel-Liszt'schen Schule\nverbindet, obwohl sich die wissenschaftliche Methode unse-\nres Marx von der leipziger Schule denn doch erheblich un-\nterscheidet. Sprechen wir uns hier einmal offen darüber\naus, um diese Fragen, wo nicht abzuschliessen, doch der\nEntscheidung näher zu bringen. Die Lehre, dass die Ge-\ngenwart ungenügend sei, dass sie auf Vergangenheit sich\nerbaue und auf eine Zukunft deute, ist nicht neu, sondern\nvon tausend Jahren her bekannt. Ferner, dass eben diese\nheutige Gegenwart besonders ungenügend und dass sie\neine ganz absonderliche Zukunft vorbedeute, scheint zwar\nneu, ist aber auch schon mehrmals da gewesen. Aus bei-\nden Gründen bedarf es nicht der gelehrten Auseinander-\nsetzung, was Gegenwart sei (142) und wie alles Leben\nvorwärts strebe, und dass man Ahnungen von Zukunft\nhege, wie jenes prahlerische L'avenir est ä nous (143\n145) besagt. Denn kein Lebender steht still; die Zukunft\nist dunkel, Jeder deutet sie für seine Wünsche, menschliche\nPropheten haben allen Credit verloren. Wie wär's, wenn\nwir nach Göthe's Rathe auf eine Weile uns einmal aller\nzeitläufigen Phrasen enthielten und uns entschlössen, ein-\nfältig aufrichtig zu sprechen von Sachen, nicht von Zeiten?\nDann würde das klare Was (104) uns beschäftigen und,\nso Gott will, ein lebendes Was erzeugt werden, was Phra-\nsen und Standpuncte nicht vermögen. Dann würden sich\ndie nicht mehr entsetzen vor blassen Ge-\nspenstern, \"cht mehr die „Umkehr der Wissenschaft\"\nfürchten, da dieses ohne Blödsinn und Heuchelei (143)\ngesprochene Wort nichts Zeitliches besagt, sondern die\newige Ueberzeugung, dass alle pantheistisch gewordene\nWissenschaft am Abgrunde des Unterganges stehe, von wo\nsie zur allein wahren, lebenskräftigen Wissenschaft des per-\nsönlichen Gottes umkehren müsse, um nicht zu versin-\nken. Wer nun dagegen den Siindenfall einen blossen Fort-\nschritt der Erkenntniss nennt (476), der kennt nicht das\nElend der Zeit, also auch nicht die wahre Bedeutung von\nGegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Wer aber weiss,\ndass das Beste, was wir thun, aus höherer Quelle begabt\nwird, dass unsere besten Gedanken und Stimmungen von\neinem verborgenen Saitenstimmer so und so gestimmt wer-\nden (147): nun, der muss auch inne werden, dass zwi-\nschen Vorwärts und Umkehr etwas liegt, was nicht mit\nRennen und Laufen zu erwerben ist (Rom. 9, 16.).\nUnd wäre es noch ein relativ Wirkliches, ein relativ\nklar Geschautes, dieses Zukünftige: wir wollten uns ja gern\nein Bisschen Phantasterei daneben gefallen lassen. Aber\nhier—Alles läuft auf ein luftiges Wenn hinaus! „Wenn\ndie neue Idee ins Leben tritt, so ist der Fort-\nschritt da!!\" (182). Ja, wenn! Wenn wir dann noch\nleben, so werden wir uns wieder sprechen. Bis dahin wird\ndas formelle Gerede von der Zukunfts-Frage (173), der\nNotwendigkeit des Fortschrittes (165), der Geist-Kunst-\nSchöpfung (201) u. s. w. uns auch nicht um eines Maul-\nwurfes Schritt vorwärts bringen; ja, ich fürchte fast, es\ngibt Rückschritte, Flucht treuer Seelen in die Einöden, um\nallen „berechtigten Standpunkten\" (238) zu entrinnen,\num dem „All und Nichts\" (62) der Philosophen aus dem\nWege zu gehen und alles speculative Geschwätz, das so\nhohl ist wie der Dotter eines Fliegen-Eies, gründlich ab-\nzuschwören.\nWie ist's gegangen zu Bach's und Beethoven's Zeit?\nNiemand hat auf dem Markte gestanden, zu weissagen,\nNiemand die Zukunfts-Frage zum Stichblatt tendentiöser\nPolemik gemacht; und siehe da: das Alte ist vergangen,\ndas Neue gekommen ohne prophetische Geburtshelfer, die\nauch sicherlich damals wie heute die Geburt der Zeiten\nweder gezeugt noch gezeitigt hätten. Dass Fortschritt ge-\nschehe, Zukunft komme, läugnet Niemand, und Niemand\nbedarf eines Beweises für beide (143); auf der Stelle ste-\nhen bleiben, wo er steht, will Niemand, kaum scheinend"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "346", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551103-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5037, "texte": "einige hochmüthige Narren zu wollen; aber dass diese\nZukunft, welche diese heutige Prophetenschule postu-\nlirt, nicht die wahrhaftige sei, das sagen viele Besonnene,\ndie doch nicht weissagen wollen.\nDarum fürchten wir uns nicht, wenn am Schlüsse des\nBuches (566) gewissen Zweiflern am neuen Evangelium,\nzu denen wir uns auch rechnen, zugerufen wird: „Behar-\nren beim Bestehenden, weil es besteht, u. s. W.ist\ndie Losung derer, die schneckengleich in ihrer verhärteten\nHaut alle Interessen und Aussichten enthalten finden\" u.\ns. w. Denn wir dürfen mit gleichem Rechte den Satz um-\nkehren und sagen: »Lechzen und geilen nach der Zukunft,\nweil sie zukünftig ist, ist die Losung derer, die infusorien-\ngleich wie dießäderthiere in ihrer schwabbeligen Haut alle\nHerrlichkeit des Daseins erblicken\" u. s. w. Niemand\nvon keiner Partei erkennt jenes Weil an. Dagegen hat es\ndoch wohl Sinn, zu fragen, ob die Vorboten der Zukunft,\ndie uns bisher gekommen Berlioz, Liszt, Wagner—, ob\nsie wirklich Schöneres als die Vorzeit, wahre Schön-\nheit, die zur Seele geht und Geist spendet, ge-\nbracht haben, ob ihr bisheriges Wirken denn wirklich ein\nAlikunslhaftes, Tiefvolksthümliches gegeben und gegründet.\nIst die Historie wirklich eine Lehrerin (100), so lehre sie\ndenn die Zeiten wirklich schauen. So würde einer inne\nwerden, dass in unserem Uebermaass des technischen For-\nmalismus allerdings ein Versinken der Tonkunst angedeu-\ntet sei, und dass die aus jener Allkunst ausgeborenen Son-\nderkünste einander ablösen mit Ebben und Fluten, gleich\nanderen Geistesschwüngen. Wie, wenn einer behaupten\nwollte, es zeige sich augenblicklich ein Abblühen der Wort-\ndichtung und der Tondichtung, dagegen ein Emporstreben\nder Baukunst und Sculptur neben absinkender Malerei?\nEs wäre nicht gewisser und nicht gewagter, als ähnliche\nProphetieen des vorliegenden Buches (147 u. s. w.).\nJene wunderliche „Allkunst\" selber, was ist sie\ndenn? Nach S. 48 zunächst ein „Inbegriff\", d. h. ein\nlogischer Real-Index, ein abstracter Collectiv-Name, gleich\n„Obst\", das erst concret wird in wirklichen Birnen und\nAepfeln. Auch spätere Erörterungen, z. B. S. 54, 62,\n124, helfen nicht weiter. Ist aber Allkunst jene Wirklich-\nkeit aller Künste, die einst den Griechen gegeben war, so\nhat hierüber Brendel schon das Richtige gesagt: sie war\nein niederer Standpunkt, und unsere Sonderkünste sind ein\nhöherer, der nicht überwunden wird, indem man zum nie-\nderen wiederkehrt.\nAus jenen vorgefassten zeitthümlichen Hauptsätzen\nfliessen andere, die eben so auffallend wie unbeweisbar,\nzum Theil auch lieblos und kränkend sind. So das Urtheil\nüber Deutschland, S. 84; als wenn nicht auch Frankreich\nden Hoch-Conservativen faule Ruhestätten geboten von Ra-\ncine bis Auber, die Genien wie Rousseau darben Hesse! Und\nin dem demokratisch freien America ist Fulton, der Erfin-\nder des social beglückenden Dampfschiffes, in bitterer Ar-\nmuth gestorben. Wenn den wahren Künstler „nicht Vor-\ntheil und Ruhm an den Altar lockt\" (147), so wird sich\nja auch „das Brod der Verbannung\" (179) von einer freien\nSeele verdauen lassen, falls es ehrlich Brodist; und so ist\n„ anspruchslose Treue mit kargem Entgelt\" zufrieden (98);\ndenn kein Staat „kann bezahlen\" (240), was Bach und\nMozart leisten. „Das muss also sein\" (284), weil der\nKünstler „Höheres gibt, als was bezahlt werden kann\"\n(478). Deutschland ist im vorigen Jahrhundert nicht\nschlechter gewesen als Frankreich, und ist's heute auch\nnicht.\nDer Kern und Quell der philosophischen Ueberzeu-\ngungen unseres Verfassers ist der Hegel'sche Pantheismus.\nDamit ist vielen Streitfragen hier der Weg abgeschnitten;\ndenn ihr Kampfplatz ist nicht die Kunstlehre, sondern die\nReligions-Philosophie. Dass nur „die Menschheit un-\nsterblich, nicht der einzelne Mensch\" (145); dass der\nGott nach dem „Werde das Gewordene bei Seite schiebt\"\n(252); dass der „Geist\", dieses ewigehysteron proteron\nder allerneuesten Scholastik, bald negativ ist, indem er\nnicht schafft, sondern zerstört (40, 251), bald\nwieder schöpferisch, je nachdem (201); dass er abso-\nlute Nothwendigkeiten dichtet, wo der einfältige Verstand\nhistorischeThatsachen sieht (Em. Bach 73, Beethoven 160,\n162, 163, 164), und doch wieder ein ander Mal die ge-\nniale Willenskraft über alle Notwendigkeit des Fatums\nerhebt (82, 168) diese Zeugnisse hin und her fah-\nrenden Hegelthums sind reichlicher, als wir sie aufzählen\nmögen, und geben Urkunde von einem Standpunkte, den\nmanche Leute heutzutage zu den „überwundenen\" zu\nzählen wagen, wie denn auch der Verfasser selbst stellen-\nweise unpantheistisch sich äussert (210) und damit be-\nzeugt, dass das Gebiet der Philosophie ihm oder der\nKunst?—ein fremdes sei (61).\nDem absoluten Standpunkte gebührt auch, sein Ich\nnicht unter den Scheffel zu stecken; und so geschieht es\nhäufig in diesem Buche, nach dem Grundsatze: Nur die\nLumpe sind bescheiden. Die Anführungen aus dem Moses,\nden Männerchören, der Compositionslehre u. s. w. wird\nder geneigte Leser so zahlreich verstreut finden, wie in\nkeinem ähnlichen Werke (76,92, 126,162, 170, 190,"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "347", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551103-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5055, "texte": "240, 271, 440, 446, 539). An einigen Stellen ging's\nfür unser eins um ein Kleines über die Gränzen der Grazie\nhinaus, z. B. 170, wo es heisst: „Ich muss jeder Form\nihr Recht u. s. w. .. . gewährleisten\", wo man sich kaum\nenthält, gegen zu flüstern, was gesagt ist Hiob 12, 2.\nDer Verfasser will keine Autorität, keinen blinden\nGlauben für sich in Anspruch nehmen (225, 266, 429),\nbedarf aber doch, wie jeder Lehrer, des Glaubens, der Pie-\ntät, des jugendlichen Vertrauens (30, 445). Die Art und\nWeise, wie dieses wirken soll, ist aber nicht die echte,\nsondern eine sehr rationalistische, wenn der Schüler\nJünger, 249) erst einmal versuchen soll, ob die Lehre\nrichtig sei. Nein! der echte Lehrer wirbt und fordert Au-\ntorität, und der Schüler ist wohl berathen, der einen\nwackeren findet und sich nicht scheut, eine Weile\nin verba magistri, wie auch Marx' Schüler thun; in solcher\nZucht ist der alte Fritze erwachsen, und da er erwachsen\nwar, zeigte sich, dass ihn die strenge Lehre frei gemacht\nund nun erst überflüssig geworden (550).\nWann die Mündigkeit eintrete, ist eine sehr über-\nflüssige Frage, wie überhaupt alle Frage nach der Gränze\nim Gränzenlosen (28, 29, 61, 69, 140, 319, 430,\n455, 494). Die vielen Fragezeichen sind zuweilen lästig,\nda der Verfasser oft versichern muss, sie gar nicht beant-\nworten zu können. Und das ist gut. Fragen und Antwor-\nten, Disponiren, Demonstriren undDefmiren ist nicht Kunst-\nlehre, kaum Kunst-Wissenschaft (81, 89, 226). Nicht\ndas Wissen ist der Kern des Kunstlebens; es ist mög-\nlich, durch tiefe Schönheitsliebe ohne alle Gelehrsamkeit\n*ur wahren Anschauung des Schönen zu gelangen, wohin\nweder Kenntniss (91) nochErkenntniss (206,436) führt.\nVielmehr ist das „Erkennen, wie ich erkannt bin\"\n(1. Cor. 13,12), ein Vor- und Urbild des hier Gesuchten,\nd. h. jene Geistleiblichkeit, die in sich selber eins geworden,\ndie schöpferische Lust, das selige Sein; jenes „Erkennen\"\nder Offenbarung ist, wie Genes. 4, 1 beweist, etwas ganz\nAnderes, als das Wissen von der Erkenntniss, die\nErbschaft aus Hegel's Zeitalter.\nGenug von der Philosophie. Schöner ist, zu verweilen\nbei den didaktischen und kritischen Theilen des\nBuches, welche, obwohl mit manchen Wiederholungen und\nOftgehörtem durchzogen, doch im Ganzen belebend, wirk-\nsam sind. Wollte sich der hochverehrte Verfasser entschlies-\nsen, seiner unendlich redseligen Breite nur ein Weniges ab-\nzuschneiden: es würden nicht bloss die Gegner dankbar\nsein. Wozu das unzählige „wie wir bereits erkannt haben\"\nn. s. w. (217, 501, 504, 509, 536, 546 u. s. w.)—\nund „wie viel sonst noch\" (440, 497 u.s.w.), das zehn-\nmal repelirte „Emplängniss, Verständniss, Befähigung\"\n(489,492,496, 521 u. s.w.)? Die eingeständliche Ent-\nschuldigung: „Vielleicht bin ich zu ausführlich gewesen\"\n(409, 416,441, 469), macht's nicht gut. So auch man-\nche philosophische Breite der vorbereitenden Didaxis,\nwie die alte kursächsische Lehre von „Schall,Klang,Ton\"\n(56), nebst der speculativen Frage: „Was ist Musik?\"\n(54)—manch schiefen Seitenblick in andere Wissenschaf-\nten, z. B. die Sprachlehre (247) dergleichen hätten wir\ngern gemisst zum Besten des Buches und des Verfassers.\nDie in das ganze Buch zerstreuten pädagogischen Leh-\nren und Winke sind theilvveise neu (z. B. 477, 483,\n488, 534,544, 550;—501 —509 u.s.w.), zumTheil\naber Wiederholungen aus früheren Werken. Ueberflüssig\nscheint die Lehre von den Kreuzen und Been (309), die,\nso abgezählt, als sollte man dafür bezahlt werden, mecha-\nnisch, nicht lebendig ist. Sehr gut ausgeführt sind dagegen\ndie Rathschläge über Gehör-Uebungen (334), Ge-\ndächtniss (299), zusammenhangendes, ununterbroche-\nnes Spiel (384), Tonleiter-CJebungen (416), Moll\nund Dur(344). Bei dem letztgenannten Thema jedoch\nwidersprechen wir, indem die Entwicklung der\nart genetisch nicht aus dem Um singen (345) eines ge-\ngebenen Dur-Accordes abzuleiten, sondern lediglich aus\ndem Versuche, von jeder Stufe der Tonleiter einen lei-\ntereigenen Dreiklang anzuheben, entstanden sein muss,\nwie die Geschichte der Kirchentöne zeigt.\nUeber die harmonischen Grundlagen (338) ist\nbereits früher polemisirt, seit der Recension der Compo-\nsitions-Lehre in den berliner Jahrbüchern von 1842. In\nder Kürze wiederholen wir, jener Recension im Wesent-\nlichen uns anschliessend, dass uns wohl aus der Harmonie\neine Melodie zu entwickeln möglich scheint—jede Fanfare\nbeweis't das —, aber nie aus einer unbestimmten Tonleiter\ndie Harmonie. Es liegt aber tief im Marx'schen Systeme\nverborgen, dieses Paradoxon von der Melodie, als\nwäre sie gleichsam ein auf selbsteigenen Füssen stehendes\nMenschenwerk des bewussten Willens, während doch die\nwahrhaft logische Kunstlehre darthun würde, wie auf dem\nvorhandenen Naturgrunde erst des Menschen Er-\nfindung sich erbaut; also gleichwie die Bildkunst die kos-\nmische Gestalt ethisch verwendet, desselbigen Gleichen die\nTonkunst den klingenden Grund-Accord vernimmt und\ndas Vernommene frei gestaltet; das ist die Vernunft\nder Sache. Der Grund-Accord wird vernommen, nachgesun-\ngen: c e g;die freibildende Vernunft umsingt ihn und"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "348", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551103-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5178, "texte": "findet Mitteltöne: das ist die Erfindung der Tonleiter. Ich\nhabe minderbegabte Gesangschüler kaum mit äusserster\nMühe dahin bringen können, sogleich Tonleitern zu singen,\ndagegen die Mindestbegabten, scheinbar Tonlosen, durch\nVorsingen eines Grund-Accordes (Dwr-Dreiklangs) sogleich\nzum richtigen Nachsingen veranlasst. Diesem natürlichen\nEntwicklungsgange widerspricht, wenn immerfort das Con-\nsonanzen- und Dissonanzen-Wesen u. s. w. ver-\nspottet wird (65), während man denn doch „Widrigklin-\ngendes\" anerkennen muss (414). Nicht besser als der\nHarmonie ist's dem Rhythmus ergangen, welcher eben-\nfalls nach einer hartnäckig festgehaltenen Vorstellung als\nreine Ver Standes gefasst wird (57, 63,\n294, 360, 365), während die Naturseite und Naturmacht\ndes Rhythmus, die sich in Pendelschwingung, Wellenschlag\nund Saiten-Vibration offenbart, gänzlich übergangen wird.\nUnd doch ist hier eine mystisch-dämonische Macht, die aus\nder Natur in die Natur wirkt ohne menschliche Willens-\nthat; dieses bezeugt im niedersten Gebiete schon die Wir-\nkung der Rhythmen auf Thiere, deren mehrere und geist-\nlosere vom Rhythmus ergriffen werden, als vom harmoni-\nschen Tone; höher hinauf, bei Menschen, ereignet sich's,\ndass mancher Kaltverständige, Willenskräftige doch im\nRhythmischen schwach ist; im höchsten Gebiete aber, im\ngrossen Tongebilde, zeigt sich das rhythmische Wesen oft\nals gestaltende Macht über dem Verstände, indem z. B.\ndas Princip der (notwendigen) Wiederholung, der Reper-\ncussion, der Eurhythmie der Haupt- und Neben-Glieder\nwie sie Marx in seiner Compositions-Lehre so schön darge-\nstellt—, keineswegs abstracte Verstandes-Zählungen oder\näusserliche Ordnungs Merkmale sind, sondern innerlich dem\nLeben verflochten in wundervoller, unbegreiflicher Schönheit.\nEs ruhen hier Natur-Mysterien, geheimnissvoll und of-\nfenbar (61,69), gleich der Wellenlinie (372, 532 ), was\nuns noch viel zu sprechen gäbe, wenn wir nicht eilen müss-\nten zum Ende. Desshalb weilen wir nicht mehr bei der\nVerurtheilung eitlen Virtuosenthums (406), der Empfeh-\nlung wahren künstlerischen Gehaltes (104) u. s. w., weil\nwir hier völlig beistimmen. Nur über die Concerte (448)\nmit ihrer sogenannten Zerrissenheit wäre doch ausser Men-\ndelssohn's Vorschlag (448) noch zu erwägen, ob es nicht\nSchuld der Directoren sei, wo die Mannigfalt eine stö-\nrende geworden. Freilich, wenn in continuo drei Liedchen\ngesungen, oft mit schreiend verschiedener Tonart, dessglei-\nchen ein paar Piecen aus ein paar Salonstückchen abgedu-\ndelt und alles dieses ohne Rücksicht auf Inhalt, Tonart,\nPoesie vermengt wird, da ist kein vernünftiges Concert.\nAber eine vernünftige Zusammenstellung ist möglich, ist\nauch hier und da wirklich geworden. Wäre sie (ausser in\ngrossen Ton werken, Motetten, Oratorien u.s.w.) an sich\nunmöglich, dann würde auch die durch Marx in ihrer\nvollen Bedeutung anerkannte Sinfonie, die Ouvertüre\nu. s. w. ebenfalls unmöglich sein; denn Niemand gibt oder\nhört eine Tonübung von grossen Massen, um eine Viertel-,\nhöchstens eine halbe Stunde beisammen zu sein!\nDie kritischen Bemerkungen über Lebende und\nTodte sind wohl das Gelungenste in dem Buche; mit sel-\ntener Schärfe und Rücksichtslosigkeit ausgesprochen, wecken\nsie das Urtheil und fördern die Kunst-Wissenschaft. Stim-\nmen wir auch nicht überall bei, z. B. über Richard\nWagner, der freilich bald gepriesen, bald für ungenügend\nerklärt wird (175, 157, 179), über Berlioz (160),\nVictor Hugo und Grabbe (184), so sind dagegen die\nKern-Urtheile über Beethoven, Mendelssohn, Meyerbeer,\nBach u. s. w. Grossentheils von objectivem, bleibendem\nWerthe. Mendelssohn ist an mehreren Stellen in seiner\nGrösse und seinen Mängeln deutlich gezeichnet (102, 106,\n119, 265), wogegen ihm anderswo ein ungerechter Vor-\nwurf daraus gemacht wird, dass er nicht an den Fortschritt\nim neu-hegePschen Sinne glaubt (93,193). Meyerbeer\nist mit allem Grunde um seine „Ehrlichkeit\" gefragt (116);\nauch S trauss, der Walzerkönig, kommt zu seinem Rechte\n(227), wobei es denn freilich Wunder nimmt, bei so gü-\ntiger Anerkennung mannigfacher Zeitrichtungen die from-\nmen Gesänge der Vorzeit so constant verurtheilen zu hö-\nren (446), als läse man zwischen den Zeilen: „Thul nichts,\nder Jude wird gehängt!\"\nBeethoven wird im Ganzen und Einzelnen sehr\ngründlich erläutert. Die Betrachtungen der neunten Sinfo-\nnie im Sinne der leipziger Schule (153, 163) lassen wir\nauf sich beruhen. Ein paar Mal aber müssen wir einspre-\nchen und uns weitere Belehrung erbitten. Das Allegretto\nder Cis-wo//-(Mondschein-)Sonate (467) ist, meinen wir,\nnicht tänzermässig und doch richtig bezeichnet. Die Kühle\nnach der Schwüle des ersten Satzes, in Thränen lächelnd,\ntritt so klar hervor, wie es die Töne nur sagen können. Be-\nweisbar und worlbeschreiblich (467) ist dergleichen aller-\ndings nicht; der logische Gang ist heimlich, doch wirksam,\nwie in Bach's Präludien und Fugen, die auch oft in G e-\ngensätzen reden, nicht allzeit sagen, gleich dem\nfranzösischen Philosophen. Das grosse F-dwr-Präludium des\ntemperirten Claviers, %, ist von tiefernstem Inhalt, feier-\nlich singend, orgeltonig, und seine Fuge 3 8 ein heiteres,\nneckisches Spiel, voll jugendlichen Muthwillens; wie sollte"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "349", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551103-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2901, "texte": "Bach Unrecht gethan haben, Mann und Kind mitsammen\nreden zu lassen? Diese schönste Dramatik lassen wir uns\nnicht rauben. So auch die As-dur-Somte, Op. 26, worüber\nviel Schönes gesagt ist (S. 514); ihre Variationen sind\nvoll feiner Empfindung, sangreich, schwärmerisch, schwei-\nfend, in sich wiederkehrend wie kommt da nun der\nTrauermarsch hinein, dem doch wieder das verzwei-\nfelte Menuett folgt? und das kühn muthwillige, zweistim-\nmige Fugatomacht den Beschluss? Ich weiss keine Ant-\nwort, finde sie aber hier eben so überflüssig, wie bei der\nFrage, ob Geige und Ciavier zusammen passen da doch\nalle Tage Gesang und Ciavier selbst bei Marx einträchtig\nmitsammen gehen. Es ist dieselbe Frage, wie die nach der\nVersöhnung der Temperatur und Mixtur, nach der Ver-\neinigung des (temperirten) Claviers mit (untemperirten)\nWaldhörnern und (akustisch in reine Quinten gestimmten)\nGeigen u. s. w.; und wenn ich die Antwort nicht weiss, so\nberuhigt mich der Anblick einer grossen Reihe erhabener\nWerke und Künstler, wo alles das geschehen ist, was\nüber mein Denken hinaus geht.\nUnd so bleibe denn auch Einiges unerledigt*), damit\nwir uns nicht rühmen, Alles ins Bewusstsein vermauert\noder verflüssigt zu haben, was hehre, heilige Stimmen ge-\nsagt haben, grösser als wir, grösser als die Welt. Auf alle\nFälle nehmen wir auch für uns die Ehre in Anspruch, es\nmit der Kunst ehrlich zu meinen, grämen uns aber durch-\naus nicht, wenn die Fanatiker des Fortschrittes ihre Gegner\nblöde und heuchlerisch schelten (143), sondern nehmen\nhier des Dichters Wort zum Schilde:\nIhr Gläubigen, rühmt nur nicht euren Glauben\nAls einzigen wir glauben auch, wie ihr;\nDer Forscher lässt sich keineswegs berauben\nDes Erbtheils aller Welt gegönnt und mir.\n*) z. B. einiges Sprachliche und Typographische, was wir aus\nkritischem Gewissen und um dem Verfasser zu zeigen, wie\nsorgfältig wir seine immer anregsamen Worte geprüft, allen-\nfalls nachholen dürfen. Auffallend sind folgende Stellen: S.\n62, Z. 8 v. u., bin mich bewusst. 70, 1 ob., immerhin,\nstatt immer. 81, 3 u., festzuhalten hat kein regierendes\nZeitwort. 107, 18, geben, stalt gibt. 117, 11, er anver-\ntraut (beliebte, dem Französisehen nachgebildete, aber un-\ndeutsche Flexion). 138, 7 u., Lehrers, statt Lehrer. 160,\n13, commencdz, statt commencez. 239, 10 U., Einzeln, Statt\nEinzelnen. 276, 4 u., ein Einfluss, statt einen. 362, im\n13. Tacte, hat die dritte Stimme fälschlich a, statt g. 440,\n11 u., so Vielen, statt Vieles. 510, 8. ixiontisch, statt\nixionisch.\nV\nAusserdem beklagen wir eine Anzahl überzähliger Apo-\nstrophe bei abgebrochenen Dativen und dem häufigen war'\n(543, 2), was einen gar zu naiv lyrischen Klang hat in der\nProsa, während wir die Sparsamkeit der Komma's, die unser\nVerfasser nach J. Grimm's Vorgang eingeführt hat, nicht so\nlebhaft anklagen möchten, wie ein anderer einsichts- und\nliebevoller Beurtheiler in der Köln. Zeitung gethan.\n\nA E K."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-11-03-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-11-03_01#c002", "volume": "bmtnabi_1855-11-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "349", "page_fin": "351", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551103-01.2.2", "titre_corps": "Aus London.", "titre_sommaire": "Aus London.", "signature_source": "C. 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Der Zustand des po-\nlitischen Horizonts und das steigende Interesse am Kriege\nhatte die Besorgniss erregt, dass in diesem ganzen Jahre\nkeine Oper Statt finden würde; und sogar als die Ankün-\ndigung schon erfolgt war und die Pforten des Coventgar-\nden-Theaters dem Publicum geöffnet wurden—freilich bei-\nspiellos spät in der musicalischen Saison (am 12. April!)\n—, behielten die düsteren Vorhersagungen die Oberhand.\nEin solcher Zustand für eine Residenz wie London wird\nden Kunstfreunden in Deutschland unbegreiflich sein, und\nin der That tritt das grosse und reiche London dadurch\nganz auf eine Linie mit einer Menge von kleinen und grös-\nseren Städten in Deutschland, in denen die Hoffnung auf\nden Genuss dramatischer Vorstellungen auf der Erschei-\nnung eines Unternehmers beruht, der klug oder thöricht\ngenug ist, sein Bisschen Hab' und Gut aufs Spiel zu setzen.\nHier ist und bleibt die Kunst Sache der Speculation, und\nwenn man alles das, was die deutschen Fürsten für die-\nselbe thun, erst recht schätzen lernen will, so muss man\nnach England gehen. Zwar h eis st hier auch Alles „kö-\nniglich\", allein dies ist für die Theater und noch viele an-\ndere Institute im wahren Sinne des Wortes ein Titel ohne\nMittel.\nEndlich begannen die Vorstellungen. Sie waren, gegen\ndie früheren gehalten, keineswegs schlecht; dennoch fehlte\ndas Publicum, und man erwartete die Schliessung und den\nRuin der Direction. Da führte ein glücklicher Stern—nicht\nder „Nordstern\" in jeglichem Sinne den Kaiser der Fran-\nzosen nach London; die Königin Victoria besuchte mit\nihren hohen Gästen die Oper, und die Unternehmung war\ngerettet!"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "350", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551103-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5207, "texte": "Von da an machte sie mit geringer Unterbrechung gute\nGeschälte, und „gute Geschäfte machen\" gereicht hier stets\nzur Ehre, auch wenn es sich um die Kunst handelt. Frei-\nlich waren die Auflührungen manchmal ganz unverzeihlich\nliederlich, Natur und nationale, wie ästhetische Bildung der\nSänger so verschieden, ja, in offenbarem Widerspruche,\ndass an ein schönes, künstlerisches Ganzes nicht zu denken\nwar, ferner gar manche Grössen, die nicht bloss zu den\nverbleichenden, sondern schon zu den verblichenen Sternen\ngehören. Aber trotz alledem ist es Thatsache, dass der Be-\nsuch trotz Krieg und Theurung meist zahlreich war.\nEin gewisser Vorrath von Vergnügungen ist dem Eng-\nländer in der Saison nothwendig; und wenn er sie nicht\nzu Hause findet, sucht er sie auswärts; je weniger Privat-\nBälle, Lust-Partieen und Reunionen in der fashionablen\nWelt, desto mehr Zudrang zu den öffentlichen Vergnü-\ngungsorten. Mr. Kean hat nie so volle Einnahmen am Prin-\nzess-Theater gehabt, und all das Geld, welches er an das\nprachtvolle Schauspiel Heinrich VIII. gewandt hat, ist mit\nreichen Zinsen in seine Tasche zurückgewandert. Die Con-\ncerte der Sacred Harmonie S in Exeter Hall haben\nnicht aufgehört, eine grosse Menge herbei zu ziehen, um\ndie Oratorien von Händel und Mendelssohn zu hören, wäh-\nrend noch am Ende der Saison die Vorstellungen der Mlle.\nRachel zahlreiche und aufmerksame Zuhörer nach dem\nSt.-James-Theater lockten.\nVon den einzelnen Opern war die Aufführung des\nDon Juan die allerschlechteste, eine wahre Lästerung auf\nMozart. Wenn doch nur diese italiänischen Tageshelden,\nwelche nun einmal Mozart'sche Musik nicht mehr singen\nkönnen, den alten Meister lieber ruhen Hessen, anstatt ihn\nzu misshandeln! Dennoch war das Haus zwei Mal gefüllt;\ndas Publicum ehrte den Schöpfer; die Kritik that dies auch,\nindem sie unbarmherzig über diejenigen herfiel, die seine\nSchöpfungen verunstalteten. Tamburini spielte den Don\nJuan mit seinem früheren Geiste und feinsittlicher Auffas-\nsung; aber da er keine Stimme mehr hat, so musste man\nsich mit der einen Hälfte der Hauptrolle begnügen, wäh-\nrend die Gesammt-Ausführung, da man die Oper ohne\nProbe gab, wie das hier sehr häufig geschieht, höchst\nnachlässig und zu Zeiten, wie im Finale des ersten Actes,\ngeradezu schlecht war. Mit Recht eiferte Davison dagegen,\ndass der Don Juan, welcher seit einem halben Jahrhundert\nmehr gezogen als irgend eine andere Oper, behandelt werde\nwie ein altes Stück Hausgeräth, das man, wenn man es\nbraucht, aus dem Winkel hervorholt und so bestäubt, wie\nes ist, hinstellt; dass das beste Werk des grössten drama-\ntischen Componisten in schmutziger Ausstattung und schlep-\npender und ermattender Ausführung vorgeführt werde. Die\nrettenden Stellen der Vorstellung waren Madame Bosio's\nreiner und vorzüglicher Gesang als Zerline, die Arie „II\nmio tesoro\" von Mario und die Elvira von Fräul. Marai,\nwelche sich durch Intelligenz, wenn auch nicht durch Kraft,\nauszeichnete, da überhaupt tragische Heldinnen ausserhalb\nihres Faches liegen. Lablache's Leporello, noch so ziemlich\nnatürlich und wahr im ersten Acte, war im Ganzen nichts\nweiter, als eine schlecht angebrachte Burleske.\nDon Juan ausgenommen, wurde kein WTerk Mozart's\naufgeführt. Die Zauberflöte ist hier unmöglich ohne Ron-\nconi's Papageno. Die Hochzeit des Figaro scheint zum Ver-\nmodern im Notenschrank verurtheilt zu sein, und doch war\nder Graf eine der besten Rollen Tamburini's, und zum Fi-\ngaro ist die Wahl vorhanden zwischen Lablache und For-\nmes. Cosi fan Tulte ist allem Anschein nach aus der Mode\ngekommen; Idomeneo scheint das ganze Geschlecht der\nTheater-Directoren in Schrecken zu setzen, und La Cle-\nmenza di Tiloist vergessen. Mit deutschen Sängerinnen\nund Sängern bei der italiänischen Oper wie Fräul. Jenny\nNey, Frau Rudersdorff, Fräul. Marai und Herr For-\nme s, wäre das Wiederaufleben der reizenden komischen\nOper „II Seraglio\"nicht nur möglich, sondern auch ge-\nwiss für die Casse und den Geschmack sehr erspriesslich.\nDa wir Fräul. Ney erwähnt haben, so wollen wir zu-\ngleich auf jene Künstler zurückkommen, welche dem eng-\nlischen Publicum neu waren. Unter ihnen waren Fräul.\nNey und Signor Graziani, welche beide einen grossen\nErfolg hatten, die hervorragendsten. Fräul. Ney trat auf in\nFidelio am Abende des hohen Besuches. Ihr Verdienst\nschlug hier noch nicht ganz durch, und die Stimmen über\nihre Leonore waren getheilt. Die Meisten zogen die Cru-\nvelli vor, während unserem Urtheile nach der Fidelio ge-\nrade eine der schlechtesten Rollen der Cruvelli ist. Als eine\nandere und sehr verschiedene Leonore indessen, als Leo-\nnore in Verdi's Trovatore (zuerst gegeben am 10. Mai),\nfeierte Fräul. Ney ungetheilte Anerkennung. In dieser Rolle\nerregte die starke, schöne Sopranstimme der Künstlerin\nmit ihrer reinen und prächtigen Höhe, vereint mit wahrem\ndramatischem Gefühle, grosse und gerechte Bewunderung.\nJede folgende Opern-Vorstellung hob Fräul. Ney in der\nallgemeinen Achtung, und ihr Wieder-Engagement für die\nnächste Saison ist mehr als wahrscheinlich. Signor Graziani,\nwelcher in Ernani debutirte (am 26. April), hatte einen\nErfolg, der mehr dem frischen und schönen Charakter sei-\nner Stimme, als der Entfaltung irgend einer bedeutenden"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "351", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551103-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3975, "texte": "künstlerischen Eigenschaft zugeschrieben werden muss.\nG a r d o n i, und noch mehr Mario, gehören zur alten Garde.\nMario, obgleich nur für einige Abende angekündigt, sang\n8 —lO Mal gegen Ende der Saison, und wir müssen ge-\nstehen, dass dieser vortreffliche Sänger noch weit besser\nbei Stimme ist, als wir denken konnten. Sein erstes Auf-\ntreten in den Puritanern (am 17. Mai) überzeugte das\nPublicum, dass seine Reise nach den Vereinigten Staaten,\nanstatt seine Stimme zu verderben, sie verbessert hatte.\nIn der Favorita, Don Juan, Lucrezia Borgia, den Hugenot-\nten, dem Barbier und in Don Pasquale sang Mario so gut\nwie je, und ganz des Rufes würdig, den er als einer der\nbewunderungswürdigsten Sänger und Schauspieler am ita-\nliänischen Theater geniesst. Dasselbe können wir nun\neben nicht von der Grisi sagen; aber das londoner Opern-\nPublicum ist so conservativ und loyal gegen seine Künst-\nler, dass es nicht leicht einen entthront, der ihm einst Ver-\ngnügen gemacht, wenn er sich selbst nur auch passa-\nbel conservirt hat. Erst stutzte man, war sogar etwas con-\nfus, indem man sich des berüchtigten Abschiedes auf ewige\nZeiten im vorigen Jahre nicht ganz genau erinnerte, bis\nman sich endlich darin einigte, den populärsten Liebling\nund den ältesten—freilich in letzterer Hinsicht nicht\nceque, sondern quoique—einstimmig zu bewillkommen.\nAber auch Madame Viardot-Garcia nahm dasselbe\nRecht der Anciennetät in Anspruch, und unserem Urtheile\nnach mit mehr Fug. Ihre Zigeunermutter in Verdi's grau-\nsigem Trovatore und ihre Fides im Propheten waren Ge-\nstalten, die stets noch die Ueberzeugung bei jedem gebil-\ndeten Zuschauer hervorriefen, dass er eine grosse Künst-\nlerin vor sich habe.\nTamberlik, welcher weniger oft in dieser Saison\nauftrat als sonst, hielt seinen Ruf aufrecht. Sein Florestan\nin Fidelio wird nicht leicht übertroffen werden, und seiner\nsehr guten Darstellung des Manrico verdankt\ngrossentheils die Gunst, die ihm zu Theil wurde. Gegen\ndas Ende der Saison trat er mit frischer Energie als Jo-\nhann von Leyden im Propheten auf, und zuletzt zeigte er\nals Othello in Rossini's bekannter Oper (am 8. August) sich\nals grosser und vollkommener Künstler, an dem besonders\ndas zu loben ist, dass er von allen Italiänern am gewissen-\nhaftesten gegen den Componisten handelt.\nDas Wieder-Engagement des Herrn Formes nach\nVerlauf eines Jahres, während dessen er dieser Bühne un-\ntreu geworden war, setzte die Direction in Stand, die\nneueste Oper Meyerbeer's aufzuführen, der ausdrücklich\nverlangt hatte, dass der grosse deutsche Bassist den Peter\ndarstellen sollte. Hiervon abgesehen, waren die Hugenotten\ndoch endlich auch auf würdige Weise durch einen malerisch\nschönen und kräftigen Marcel, der zugleich Sänger und\nSchauspieler ist, wieder möglich geworden, ohne der übri-\ngen Rollen, in denen Formes auftrat, zu gedenken.\nWas nun den „ Nordsterna selbst betrifft, so war er\nnatürlich, wie man zu sagen pflegt, das Ereigniss der Sai-\nson, zumal, da der Componist selbst anwesend war. Die\nOper wurde zur grossen Verwunderung desselben, der an\ndas sorgfältige Einstudiren in Paris, Berlin, Wien u. s. w.\ngewohnt ist, hier zu Lande, wo man schneller mit Allem\nfertig werden muss, weil die Leute keine Zeit haben, mit\nnur drei grossen Proben gegeben. Der Aufwand auf De-\ncorationen, Scenerie, Statisten u. s. w. war kolossal. Die\nBosio gab die Katharine, die Marai die Prescovia, For-\nmes, wie gesagt, den Czaar Peter, L a b 1 a c h e den Gritzenko\nu. s. w. Das englische Publicum war entzückt, d. h. die\ngrosse Menge; die gebildeten Kunstfreunde und vollends\ndie Musiker keineswegs. Die Deutschen unter den Zuschau-\nern bedauerten, dass Meyerbeer ein solches Textbuch habe\ncomponiren können und dass die Musik nicht besser sei als\nder Text. Die Oper wurde neun Mal gegeben —es war\nschon gegen Ende der Saison —, aber merkwürdiger Weise\nwar jede folgende Vorstellung mangelhafter, als die vor-\nhergehende ! Sollte dabei die Nemesis der Kunst gewaltet\nhaben?\n\nC. A."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-11-03-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-11-03_01#c003", "volume": "bmtnabi_1855-11-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "351", "page_fin": "352", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551103-01.2.3", "titre_corps": "Aus Barmen.", "titre_sommaire": "Aus Barmen.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "351", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551103-01.1.7", "debut_caractere": 3977, "fin_caractere_exclue": 5426, "texte": "Aus Barmen.\n** Die hiesigen Abonnements-Concerte unter der Lei-\ntung des städtischen Musik-Directors Herrn C. Ii ei necke haben\nam 20. October wieder begonnen und versprechen, nach dem Er-\nfolg des ersten zu urtheilen, manchen schönen Kunstgenuss.\nDas Programm war durch Mannigfaltigkeit ausgezeichnet, was\nsehr zu loben ist, da man hier - und wohl überall ein Publi-\ncum zu befriedigen hat, welches nicht aus lauter Kunstverständigen\nbesteht. In der ersten Abtheilung hörte man Mendelssohn's\nOuvertüre zu Ruy Blas, welche hier neu war und mit Feuer und\nfeinem Ausdruck gespielt wurde, dann drei Lieder für Bariton\nvon F. Schubert und R. Schumann, ganz vortrefflich von\neinem künstlerisch gebildeten Dilettanten, Herrn P. aus Düsseldorf,\ngesungen; ferner Beethoven's herrliche Phantasie für Clavier,\nOrchester und Chor, Op. 80, und das erste Finale aus Euryanihe\nvon C. M. v. Weber. In der zweiten Abtheilung die vollständige\nMusik zu den „Ruinen von Athen\" von Beethoven, mit verbin-\ndendem Texte von R. Benedix.\nDas Orchester, die so genannte Johannisberger Capelle, ist sehr\nbrav; man wird nicht häufig einen so wackeren Anführer finden\nals Herrn Langenbach; sehr wohlklingend und in jeder Bezie-\nhung trefflich sind die Blech-Instrumente, was um so mehr zu\nschätzen, da gerade daran die meisten kleinen Orchester laboriren.\nBei den Holz-Blasinstrumenten war die Flöte im vorigen Jahre\nausgezeichnet; wir hören, dass ein Herr Klausnitzer, der sie"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "352", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551103-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1222, "texte": "blies, seitdem eine Stelle am Gewandhaus-Orchester in Leipzig an-\ngenommen hat. Die schwierige Begleitung in der Beethoven'schen\nPhantasie gelang ganz gut; nur in der Musik zu den ,|Ruinen von\nAthen\" kam einmal ein Verstoss durch die Blas-Instrumente vor,\nden jedoch die Gewandtheit und sichere Haltung des Herrn Diri-\ngenten unschädlich machte. Die Partie der Griechin in den „Rui-\nnen von Athen\", so wie die der Euryanthe in dem Finale der\ngleichnamigen Oper sang Fräul. Hermine Mann (eine frühere\nSchülerin des Herrn Koch und der Rheinischen Musikschule) mit\neiner Auffassung, welche bewies, dass sie die jedesmalige Stimmung\ndes Tonstückes und den Charakter der vom Dichter und Compo-\nnisten gezeichneten Figur sehr wohl zu treffen weiss. Dabei besitzt\nsie eine vortreffliche Technik. Würde es ihr gelingen, den etwas\nscharfen Klang ihrer Stimme etwas zu dämpfen, so würde ihr Ge-\nsang noch weit mehr Freunde erwerben, als er sich ohnedies\nschon, zumal bei allen Kennern, erworben; denn die Mehrzahl im\nPublicum fragt leider meistens nur nach der Stimme und kümmert\nsich nicht um die anderen, weit schwerer zu erlangenden Vorzüge.\nDer Chor leistete in den anstrengenden Chören der Beethoven'schen\nMusik Vortreffliches."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-11-03-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-11-03_01#c004", "volume": "bmtnabi_1855-11-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "352", "page_fin": "352", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551103-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "352", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551103-01.1.8", "debut_caractere": 1224, "fin_caractere_exclue": 5152, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln* In der philharmonischen Gesellschaft, deren\nOrchester unter der Leitung des königlichen Musik-Directors Fr.\nWeber steht und die sich allwöchentlich versammelt (neuer-\ndings werden auch Männerchöre in derselben aufgeführt) —, hör-\nten wir am vergangenen Sonnabend eine Sinfonie in A-moll von\nG. (Ältermann, welche allgemein gefiel, und mit Recht. Die\nMotive, namentlich des ersten Allegro's, sind zwar nicht überra-\nschend neu, aber man merkt ihnen dagegen auch nicht an, dass\nsie um jeden Preis neu sein sollen, wie denn überhaupt das ganze\nWerk das sehr erfreuliche Zeugniss von einer wahren Künstler-\nGesinnung gibt, welcher es nicht um Aufsehen und Effect, sondern\num Musik zu thun ist. Daher begegnen wir bei talentvoller Erfin-\ndung, die besonders in dem vortrefflichen Scherzo und im Finale\nhervortritt, überall einer soliden, klaren und doch durchaus nicht\nnüchternen Arbeit und Durchführung. Dabei hat die Sinfonie noch\ndas vor so vielen Werken der neuesten Zeit voraus, die gar häufig\nam Finale scheitern oder doch wenigstens ermalten, dass sie die\nTheilnahme und Spannung der Zuhörer bis zum Ende steigert.\nDass Herr Goltermann nach den besten Mustern, besonders nach\nHaydn und Beethoven, gearbeitet hat, wollen wir ihm wahrlich\nnicht zum Vorwurfe, sondern zur Ehre anrechnen, indem er ge-\nzeigt hat, dass auch jetzt noch auf diesem Wege, ohne das neu-\nromantische Flügelross zu reiten und über Stock und Stein zu ja-\ngen, Schönes zu erzielen ist.\nFerdinand Hiller hat eine Reihe von sechs öffentlichen\nVorträgen über das Wesen und die Formen der Vocal-Musik\nbegonnen.\nRossini's Stabat Mater. F. Hill er berührt in Nr. 11 seiner\ninteressanten „Plaudereien mit Rossini\", die er im Feuilleton der\nKölnischen Zeitung veröffentlicht hat (unsere Leser werden sich er-\ninnern, dass Beide einige Wochen zusammen im Seebade zu Trou-\nville zugebracht haben), auch die Entstehung des Stabat Mater. Wir\nhaben die Geschichte desselben ausführlich im Jahrgang 1854, Nr.\n17 (vom 20. April) dieser Blätter erzählt und dort zugleich den\nBrief Rossini's an den Musicalienhändler Troupenas in Paris, wor-\nin von dem Verlage des Werkes und dem dadurch veranlassten\nProcesse die Rede ist, in wortgetreuer Uebersetzung wiedergegeben.\nIn diesem Briefe sagt Rossini, dass „die meisten Nummern\" des\nStabat, so wie er es an den Pater Varela, den Freund Aguado's?\ngeschickt, gar nicht von ihm wären. Zugleich bemerkt er aber\nauch: „Sie erhalten hierbei noch drei Stücke, die ich in Partitur\ngesetzt habe; es fehlt nun nur noch der Schluss-Chor, den ich\nIhnen in nächster Woche schicke.\"\nHieraus geht indess nicht mit Gewissheit hervor, ob der Maestro\nalle Nummern, welche er durch Tadolini (damaligen 1832\nChor-Director der italiänischen Oper in Paris) hatte machen\nlassen, neu componirt oder nur verbessert und die Instrumentirung\nvervollständigt und geändert habe. Eben so wenig klärt Rossini's\nAntwort auf Hillers Frage über das Stabat überhaupt die Sache\nauf. Jene Antwort lautet nämlich: „Ich habe es für einen Freund\nAguado's, einen geistlichen Herrn, componirt; es war rein eine\nSache der Gefälligkeit, und ich hatte nicht daran gedacht, es zu\nveröffentlichen. Es ist ja auch eigentlich nur mezzo serio gehalten,\nund ich liess ursprünglich drei Stücke von Tadolini hinein\ncomponiren, da ich krank wurde und nicht zur rechten Zeit damit\nfertig geworden wäre.\" In dieser Aeusserung deutet nur das\nWort „ursprünglich\" auf eine spätere Umarbeitung hin; wir blei-\nben aber fort und fort in Zweifel, welches die sechs Nummern\nsind, die auch schon in der ersten Partitur von Rossini herrührten,\nund ob in den übrigen, so wie sie jetzt vorliegen, jede Spur von\nTadolini vertilgt sei oder nicht.\nIn Berlin wird nun doch diesen Winter Rieh. Wagners\nTannhäuser zur Aufführung kommen; Capellmeister H. Dorn,\nder die Oper dirigiren wird, ist bereits seit einigen Wochen mit\ndem Einstudiren derselben beschäftigt."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "345", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551103-01.1.1", "texte": "Marx und Brendel.\n\nII.\n(S. Nr. 43.)\nAm meisten tritt in Marx' Buche die Zukunfts-\nlehre und was dran hängt hervor. Diese ist das geheime\nBand, das Marx mit der Wagner-Brendel-Liszt'schen Schule\nverbindet, obwohl sich die wissenschaftliche Methode unse-\nres Marx von der leipziger Schule denn doch erheblich un-\nterscheidet. Sprechen wir uns hier einmal offen darüber\naus, um diese Fragen, wo nicht abzuschliessen, doch der\nEntscheidung näher zu bringen. Die Lehre, dass die Ge-\ngenwart ungenügend sei, dass sie auf Vergangenheit sich\nerbaue und auf eine Zukunft deute, ist nicht neu, sondern\nvon tausend Jahren her bekannt. Ferner, dass eben diese\nheutige Gegenwart besonders ungenügend und dass sie\neine ganz absonderliche Zukunft vorbedeute, scheint zwar\nneu, ist aber auch schon mehrmals da gewesen. Aus bei-\nden Gründen bedarf es nicht der gelehrten Auseinander-\nsetzung, was Gegenwart sei (142) und wie alles Leben\nvorwärts strebe, und dass man Ahnungen von Zukunft\nhege, wie jenes prahlerische L'avenir est ä nous (143\n145) besagt. Denn kein Lebender steht still; die Zukunft\nist dunkel, Jeder deutet sie für seine Wünsche, menschliche\nPropheten haben allen Credit verloren. Wie wär's, wenn\nwir nach Göthe's Rathe auf eine Weile uns einmal aller\nzeitläufigen Phrasen enthielten und uns entschlössen, ein-\nfältig aufrichtig zu sprechen von Sachen, nicht von Zeiten?\nDann würde das klare Was (104) uns beschäftigen und,\nso Gott will, ein lebendes Was erzeugt werden, was Phra-\nsen und Standpuncte nicht vermögen. Dann würden sich\ndie nicht mehr entsetzen vor blassen Ge-\nspenstern, \"cht mehr die „Umkehr der Wissenschaft\"\nfürchten, da dieses ohne Blödsinn und Heuchelei (143)\ngesprochene Wort nichts Zeitliches besagt, sondern die\newige Ueberzeugung, dass alle pantheistisch gewordene\nWissenschaft am Abgrunde des Unterganges stehe, von wo\nsie zur allein wahren, lebenskräftigen Wissenschaft des per-\nsönlichen Gottes umkehren müsse, um nicht zu versin-\nken. Wer nun dagegen den Siindenfall einen blossen Fort-\nschritt der Erkenntniss nennt (476), der kennt nicht das\nElend der Zeit, also auch nicht die wahre Bedeutung von\nGegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Wer aber weiss,\ndass das Beste, was wir thun, aus höherer Quelle begabt\nwird, dass unsere besten Gedanken und Stimmungen von\neinem verborgenen Saitenstimmer so und so gestimmt wer-\nden (147): nun, der muss auch inne werden, dass zwi-\nschen Vorwärts und Umkehr etwas liegt, was nicht mit\nRennen und Laufen zu erwerben ist (Rom. 9, 16.).\nUnd wäre es noch ein relativ Wirkliches, ein relativ\nklar Geschautes, dieses Zukünftige: wir wollten uns ja gern\nein Bisschen Phantasterei daneben gefallen lassen. Aber\nhier—Alles läuft auf ein luftiges Wenn hinaus! „Wenn\ndie neue Idee ins Leben tritt, so ist der Fort-\nschritt da!!\" (182). Ja, wenn! Wenn wir dann noch\nleben, so werden wir uns wieder sprechen. Bis dahin wird\ndas formelle Gerede von der Zukunfts-Frage (173), der\nNotwendigkeit des Fortschrittes (165), der Geist-Kunst-\nSchöpfung (201) u. s. w. uns auch nicht um eines Maul-\nwurfes Schritt vorwärts bringen; ja, ich fürchte fast, es\ngibt Rückschritte, Flucht treuer Seelen in die Einöden, um\nallen „berechtigten Standpunkten\" (238) zu entrinnen,\num dem „All und Nichts\" (62) der Philosophen aus dem\nWege zu gehen und alles speculative Geschwätz, das so\nhohl ist wie der Dotter eines Fliegen-Eies, gründlich ab-\nzuschwören.\nWie ist's gegangen zu Bach's und Beethoven's Zeit?\nNiemand hat auf dem Markte gestanden, zu weissagen,\nNiemand die Zukunfts-Frage zum Stichblatt tendentiöser\nPolemik gemacht; und siehe da: das Alte ist vergangen,\ndas Neue gekommen ohne prophetische Geburtshelfer, die\nauch sicherlich damals wie heute die Geburt der Zeiten\nweder gezeugt noch gezeitigt hätten. Dass Fortschritt ge-\nschehe, Zukunft komme, läugnet Niemand, und Niemand\nbedarf eines Beweises für beide (143); auf der Stelle ste-\nhen bleiben, wo er steht, will Niemand, kaum scheinend"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "346", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551103-01.1.2", "texte": "einige hochmüthige Narren zu wollen; aber dass diese\nZukunft, welche diese heutige Prophetenschule postu-\nlirt, nicht die wahrhaftige sei, das sagen viele Besonnene,\ndie doch nicht weissagen wollen.\nDarum fürchten wir uns nicht, wenn am Schlüsse des\nBuches (566) gewissen Zweiflern am neuen Evangelium,\nzu denen wir uns auch rechnen, zugerufen wird: „Behar-\nren beim Bestehenden, weil es besteht, u. s. W.ist\ndie Losung derer, die schneckengleich in ihrer verhärteten\nHaut alle Interessen und Aussichten enthalten finden\" u.\ns. w. Denn wir dürfen mit gleichem Rechte den Satz um-\nkehren und sagen: »Lechzen und geilen nach der Zukunft,\nweil sie zukünftig ist, ist die Losung derer, die infusorien-\ngleich wie dießäderthiere in ihrer schwabbeligen Haut alle\nHerrlichkeit des Daseins erblicken\" u. s. w. Niemand\nvon keiner Partei erkennt jenes Weil an. Dagegen hat es\ndoch wohl Sinn, zu fragen, ob die Vorboten der Zukunft,\ndie uns bisher gekommen Berlioz, Liszt, Wagner—, ob\nsie wirklich Schöneres als die Vorzeit, wahre Schön-\nheit, die zur Seele geht und Geist spendet, ge-\nbracht haben, ob ihr bisheriges Wirken denn wirklich ein\nAlikunslhaftes, Tiefvolksthümliches gegeben und gegründet.\nIst die Historie wirklich eine Lehrerin (100), so lehre sie\ndenn die Zeiten wirklich schauen. So würde einer inne\nwerden, dass in unserem Uebermaass des technischen For-\nmalismus allerdings ein Versinken der Tonkunst angedeu-\ntet sei, und dass die aus jener Allkunst ausgeborenen Son-\nderkünste einander ablösen mit Ebben und Fluten, gleich\nanderen Geistesschwüngen. Wie, wenn einer behaupten\nwollte, es zeige sich augenblicklich ein Abblühen der Wort-\ndichtung und der Tondichtung, dagegen ein Emporstreben\nder Baukunst und Sculptur neben absinkender Malerei?\nEs wäre nicht gewisser und nicht gewagter, als ähnliche\nProphetieen des vorliegenden Buches (147 u. s. w.).\nJene wunderliche „Allkunst\" selber, was ist sie\ndenn? Nach S. 48 zunächst ein „Inbegriff\", d. h. ein\nlogischer Real-Index, ein abstracter Collectiv-Name, gleich\n„Obst\", das erst concret wird in wirklichen Birnen und\nAepfeln. Auch spätere Erörterungen, z. B. S. 54, 62,\n124, helfen nicht weiter. Ist aber Allkunst jene Wirklich-\nkeit aller Künste, die einst den Griechen gegeben war, so\nhat hierüber Brendel schon das Richtige gesagt: sie war\nein niederer Standpunkt, und unsere Sonderkünste sind ein\nhöherer, der nicht überwunden wird, indem man zum nie-\nderen wiederkehrt.\nAus jenen vorgefassten zeitthümlichen Hauptsätzen\nfliessen andere, die eben so auffallend wie unbeweisbar,\nzum Theil auch lieblos und kränkend sind. So das Urtheil\nüber Deutschland, S. 84; als wenn nicht auch Frankreich\nden Hoch-Conservativen faule Ruhestätten geboten von Ra-\ncine bis Auber, die Genien wie Rousseau darben Hesse! Und\nin dem demokratisch freien America ist Fulton, der Erfin-\nder des social beglückenden Dampfschiffes, in bitterer Ar-\nmuth gestorben. Wenn den wahren Künstler „nicht Vor-\ntheil und Ruhm an den Altar lockt\" (147), so wird sich\nja auch „das Brod der Verbannung\" (179) von einer freien\nSeele verdauen lassen, falls es ehrlich Brodist; und so ist\n„ anspruchslose Treue mit kargem Entgelt\" zufrieden (98);\ndenn kein Staat „kann bezahlen\" (240), was Bach und\nMozart leisten. „Das muss also sein\" (284), weil der\nKünstler „Höheres gibt, als was bezahlt werden kann\"\n(478). Deutschland ist im vorigen Jahrhundert nicht\nschlechter gewesen als Frankreich, und ist's heute auch\nnicht.\nDer Kern und Quell der philosophischen Ueberzeu-\ngungen unseres Verfassers ist der Hegel'sche Pantheismus.\nDamit ist vielen Streitfragen hier der Weg abgeschnitten;\ndenn ihr Kampfplatz ist nicht die Kunstlehre, sondern die\nReligions-Philosophie. Dass nur „die Menschheit un-\nsterblich, nicht der einzelne Mensch\" (145); dass der\nGott nach dem „Werde das Gewordene bei Seite schiebt\"\n(252); dass der „Geist\", dieses ewigehysteron proteron\nder allerneuesten Scholastik, bald negativ ist, indem er\nnicht schafft, sondern zerstört (40, 251), bald\nwieder schöpferisch, je nachdem (201); dass er abso-\nlute Nothwendigkeiten dichtet, wo der einfältige Verstand\nhistorischeThatsachen sieht (Em. Bach 73, Beethoven 160,\n162, 163, 164), und doch wieder ein ander Mal die ge-\nniale Willenskraft über alle Notwendigkeit des Fatums\nerhebt (82, 168) diese Zeugnisse hin und her fah-\nrenden Hegelthums sind reichlicher, als wir sie aufzählen\nmögen, und geben Urkunde von einem Standpunkte, den\nmanche Leute heutzutage zu den „überwundenen\" zu\nzählen wagen, wie denn auch der Verfasser selbst stellen-\nweise unpantheistisch sich äussert (210) und damit be-\nzeugt, dass das Gebiet der Philosophie ihm oder der\nKunst?—ein fremdes sei (61).\nDem absoluten Standpunkte gebührt auch, sein Ich\nnicht unter den Scheffel zu stecken; und so geschieht es\nhäufig in diesem Buche, nach dem Grundsatze: Nur die\nLumpe sind bescheiden. Die Anführungen aus dem Moses,\nden Männerchören, der Compositionslehre u. s. w. wird\nder geneigte Leser so zahlreich verstreut finden, wie in\nkeinem ähnlichen Werke (76,92, 126,162, 170, 190,"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "347", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551103-01.1.3", "texte": "240, 271, 440, 446, 539). An einigen Stellen ging's\nfür unser eins um ein Kleines über die Gränzen der Grazie\nhinaus, z. B. 170, wo es heisst: „Ich muss jeder Form\nihr Recht u. s. w. .. . gewährleisten\", wo man sich kaum\nenthält, gegen zu flüstern, was gesagt ist Hiob 12, 2.\nDer Verfasser will keine Autorität, keinen blinden\nGlauben für sich in Anspruch nehmen (225, 266, 429),\nbedarf aber doch, wie jeder Lehrer, des Glaubens, der Pie-\ntät, des jugendlichen Vertrauens (30, 445). Die Art und\nWeise, wie dieses wirken soll, ist aber nicht die echte,\nsondern eine sehr rationalistische, wenn der Schüler\nJünger, 249) erst einmal versuchen soll, ob die Lehre\nrichtig sei. Nein! der echte Lehrer wirbt und fordert Au-\ntorität, und der Schüler ist wohl berathen, der einen\nwackeren findet und sich nicht scheut, eine Weile\nin verba magistri, wie auch Marx' Schüler thun; in solcher\nZucht ist der alte Fritze erwachsen, und da er erwachsen\nwar, zeigte sich, dass ihn die strenge Lehre frei gemacht\nund nun erst überflüssig geworden (550).\nWann die Mündigkeit eintrete, ist eine sehr über-\nflüssige Frage, wie überhaupt alle Frage nach der Gränze\nim Gränzenlosen (28, 29, 61, 69, 140, 319, 430,\n455, 494). Die vielen Fragezeichen sind zuweilen lästig,\nda der Verfasser oft versichern muss, sie gar nicht beant-\nworten zu können. Und das ist gut. Fragen und Antwor-\nten, Disponiren, Demonstriren undDefmiren ist nicht Kunst-\nlehre, kaum Kunst-Wissenschaft (81, 89, 226). Nicht\ndas Wissen ist der Kern des Kunstlebens; es ist mög-\nlich, durch tiefe Schönheitsliebe ohne alle Gelehrsamkeit\n*ur wahren Anschauung des Schönen zu gelangen, wohin\nweder Kenntniss (91) nochErkenntniss (206,436) führt.\nVielmehr ist das „Erkennen, wie ich erkannt bin\"\n(1. Cor. 13,12), ein Vor- und Urbild des hier Gesuchten,\nd. h. jene Geistleiblichkeit, die in sich selber eins geworden,\ndie schöpferische Lust, das selige Sein; jenes „Erkennen\"\nder Offenbarung ist, wie Genes. 4, 1 beweist, etwas ganz\nAnderes, als das Wissen von der Erkenntniss, die\nErbschaft aus Hegel's Zeitalter.\nGenug von der Philosophie. Schöner ist, zu verweilen\nbei den didaktischen und kritischen Theilen des\nBuches, welche, obwohl mit manchen Wiederholungen und\nOftgehörtem durchzogen, doch im Ganzen belebend, wirk-\nsam sind. Wollte sich der hochverehrte Verfasser entschlies-\nsen, seiner unendlich redseligen Breite nur ein Weniges ab-\nzuschneiden: es würden nicht bloss die Gegner dankbar\nsein. Wozu das unzählige „wie wir bereits erkannt haben\"\nn. s. w. (217, 501, 504, 509, 536, 546 u. s. w.)—\nund „wie viel sonst noch\" (440, 497 u.s.w.), das zehn-\nmal repelirte „Emplängniss, Verständniss, Befähigung\"\n(489,492,496, 521 u. s.w.)? Die eingeständliche Ent-\nschuldigung: „Vielleicht bin ich zu ausführlich gewesen\"\n(409, 416,441, 469), macht's nicht gut. So auch man-\nche philosophische Breite der vorbereitenden Didaxis,\nwie die alte kursächsische Lehre von „Schall,Klang,Ton\"\n(56), nebst der speculativen Frage: „Was ist Musik?\"\n(54)—manch schiefen Seitenblick in andere Wissenschaf-\nten, z. B. die Sprachlehre (247) dergleichen hätten wir\ngern gemisst zum Besten des Buches und des Verfassers.\nDie in das ganze Buch zerstreuten pädagogischen Leh-\nren und Winke sind theilvveise neu (z. B. 477, 483,\n488, 534,544, 550;—501 —509 u.s.w.), zumTheil\naber Wiederholungen aus früheren Werken. Ueberflüssig\nscheint die Lehre von den Kreuzen und Been (309), die,\nso abgezählt, als sollte man dafür bezahlt werden, mecha-\nnisch, nicht lebendig ist. Sehr gut ausgeführt sind dagegen\ndie Rathschläge über Gehör-Uebungen (334), Ge-\ndächtniss (299), zusammenhangendes, ununterbroche-\nnes Spiel (384), Tonleiter-CJebungen (416), Moll\nund Dur(344). Bei dem letztgenannten Thema jedoch\nwidersprechen wir, indem die Entwicklung der\nart genetisch nicht aus dem Um singen (345) eines ge-\ngebenen Dur-Accordes abzuleiten, sondern lediglich aus\ndem Versuche, von jeder Stufe der Tonleiter einen lei-\ntereigenen Dreiklang anzuheben, entstanden sein muss,\nwie die Geschichte der Kirchentöne zeigt.\nUeber die harmonischen Grundlagen (338) ist\nbereits früher polemisirt, seit der Recension der Compo-\nsitions-Lehre in den berliner Jahrbüchern von 1842. In\nder Kürze wiederholen wir, jener Recension im Wesent-\nlichen uns anschliessend, dass uns wohl aus der Harmonie\neine Melodie zu entwickeln möglich scheint—jede Fanfare\nbeweis't das —, aber nie aus einer unbestimmten Tonleiter\ndie Harmonie. Es liegt aber tief im Marx'schen Systeme\nverborgen, dieses Paradoxon von der Melodie, als\nwäre sie gleichsam ein auf selbsteigenen Füssen stehendes\nMenschenwerk des bewussten Willens, während doch die\nwahrhaft logische Kunstlehre darthun würde, wie auf dem\nvorhandenen Naturgrunde erst des Menschen Er-\nfindung sich erbaut; also gleichwie die Bildkunst die kos-\nmische Gestalt ethisch verwendet, desselbigen Gleichen die\nTonkunst den klingenden Grund-Accord vernimmt und\ndas Vernommene frei gestaltet; das ist die Vernunft\nder Sache. Der Grund-Accord wird vernommen, nachgesun-\ngen: c e g;die freibildende Vernunft umsingt ihn und"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "348", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551103-01.1.4", "texte": "findet Mitteltöne: das ist die Erfindung der Tonleiter. Ich\nhabe minderbegabte Gesangschüler kaum mit äusserster\nMühe dahin bringen können, sogleich Tonleitern zu singen,\ndagegen die Mindestbegabten, scheinbar Tonlosen, durch\nVorsingen eines Grund-Accordes (Dwr-Dreiklangs) sogleich\nzum richtigen Nachsingen veranlasst. Diesem natürlichen\nEntwicklungsgange widerspricht, wenn immerfort das Con-\nsonanzen- und Dissonanzen-Wesen u. s. w. ver-\nspottet wird (65), während man denn doch „Widrigklin-\ngendes\" anerkennen muss (414). Nicht besser als der\nHarmonie ist's dem Rhythmus ergangen, welcher eben-\nfalls nach einer hartnäckig festgehaltenen Vorstellung als\nreine Ver Standes gefasst wird (57, 63,\n294, 360, 365), während die Naturseite und Naturmacht\ndes Rhythmus, die sich in Pendelschwingung, Wellenschlag\nund Saiten-Vibration offenbart, gänzlich übergangen wird.\nUnd doch ist hier eine mystisch-dämonische Macht, die aus\nder Natur in die Natur wirkt ohne menschliche Willens-\nthat; dieses bezeugt im niedersten Gebiete schon die Wir-\nkung der Rhythmen auf Thiere, deren mehrere und geist-\nlosere vom Rhythmus ergriffen werden, als vom harmoni-\nschen Tone; höher hinauf, bei Menschen, ereignet sich's,\ndass mancher Kaltverständige, Willenskräftige doch im\nRhythmischen schwach ist; im höchsten Gebiete aber, im\ngrossen Tongebilde, zeigt sich das rhythmische Wesen oft\nals gestaltende Macht über dem Verstände, indem z. B.\ndas Princip der (notwendigen) Wiederholung, der Reper-\ncussion, der Eurhythmie der Haupt- und Neben-Glieder\nwie sie Marx in seiner Compositions-Lehre so schön darge-\nstellt—, keineswegs abstracte Verstandes-Zählungen oder\näusserliche Ordnungs Merkmale sind, sondern innerlich dem\nLeben verflochten in wundervoller, unbegreiflicher Schönheit.\nEs ruhen hier Natur-Mysterien, geheimnissvoll und of-\nfenbar (61,69), gleich der Wellenlinie (372, 532 ), was\nuns noch viel zu sprechen gäbe, wenn wir nicht eilen müss-\nten zum Ende. Desshalb weilen wir nicht mehr bei der\nVerurtheilung eitlen Virtuosenthums (406), der Empfeh-\nlung wahren künstlerischen Gehaltes (104) u. s. w., weil\nwir hier völlig beistimmen. Nur über die Concerte (448)\nmit ihrer sogenannten Zerrissenheit wäre doch ausser Men-\ndelssohn's Vorschlag (448) noch zu erwägen, ob es nicht\nSchuld der Directoren sei, wo die Mannigfalt eine stö-\nrende geworden. Freilich, wenn in continuo drei Liedchen\ngesungen, oft mit schreiend verschiedener Tonart, dessglei-\nchen ein paar Piecen aus ein paar Salonstückchen abgedu-\ndelt und alles dieses ohne Rücksicht auf Inhalt, Tonart,\nPoesie vermengt wird, da ist kein vernünftiges Concert.\nAber eine vernünftige Zusammenstellung ist möglich, ist\nauch hier und da wirklich geworden. Wäre sie (ausser in\ngrossen Ton werken, Motetten, Oratorien u.s.w.) an sich\nunmöglich, dann würde auch die durch Marx in ihrer\nvollen Bedeutung anerkannte Sinfonie, die Ouvertüre\nu. s. w. ebenfalls unmöglich sein; denn Niemand gibt oder\nhört eine Tonübung von grossen Massen, um eine Viertel-,\nhöchstens eine halbe Stunde beisammen zu sein!\nDie kritischen Bemerkungen über Lebende und\nTodte sind wohl das Gelungenste in dem Buche; mit sel-\ntener Schärfe und Rücksichtslosigkeit ausgesprochen, wecken\nsie das Urtheil und fördern die Kunst-Wissenschaft. Stim-\nmen wir auch nicht überall bei, z. B. über Richard\nWagner, der freilich bald gepriesen, bald für ungenügend\nerklärt wird (175, 157, 179), über Berlioz (160),\nVictor Hugo und Grabbe (184), so sind dagegen die\nKern-Urtheile über Beethoven, Mendelssohn, Meyerbeer,\nBach u. s. w. Grossentheils von objectivem, bleibendem\nWerthe. Mendelssohn ist an mehreren Stellen in seiner\nGrösse und seinen Mängeln deutlich gezeichnet (102, 106,\n119, 265), wogegen ihm anderswo ein ungerechter Vor-\nwurf daraus gemacht wird, dass er nicht an den Fortschritt\nim neu-hegePschen Sinne glaubt (93,193). Meyerbeer\nist mit allem Grunde um seine „Ehrlichkeit\" gefragt (116);\nauch S trauss, der Walzerkönig, kommt zu seinem Rechte\n(227), wobei es denn freilich Wunder nimmt, bei so gü-\ntiger Anerkennung mannigfacher Zeitrichtungen die from-\nmen Gesänge der Vorzeit so constant verurtheilen zu hö-\nren (446), als läse man zwischen den Zeilen: „Thul nichts,\nder Jude wird gehängt!\"\nBeethoven wird im Ganzen und Einzelnen sehr\ngründlich erläutert. Die Betrachtungen der neunten Sinfo-\nnie im Sinne der leipziger Schule (153, 163) lassen wir\nauf sich beruhen. Ein paar Mal aber müssen wir einspre-\nchen und uns weitere Belehrung erbitten. Das Allegretto\nder Cis-wo//-(Mondschein-)Sonate (467) ist, meinen wir,\nnicht tänzermässig und doch richtig bezeichnet. Die Kühle\nnach der Schwüle des ersten Satzes, in Thränen lächelnd,\ntritt so klar hervor, wie es die Töne nur sagen können. Be-\nweisbar und worlbeschreiblich (467) ist dergleichen aller-\ndings nicht; der logische Gang ist heimlich, doch wirksam,\nwie in Bach's Präludien und Fugen, die auch oft in G e-\ngensätzen reden, nicht allzeit sagen, gleich dem\nfranzösischen Philosophen. Das grosse F-dwr-Präludium des\ntemperirten Claviers, %, ist von tiefernstem Inhalt, feier-\nlich singend, orgeltonig, und seine Fuge 3 8 ein heiteres,\nneckisches Spiel, voll jugendlichen Muthwillens; wie sollte"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "349", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551103-01.1.5", "texte": "Bach Unrecht gethan haben, Mann und Kind mitsammen\nreden zu lassen? Diese schönste Dramatik lassen wir uns\nnicht rauben. So auch die As-dur-Somte, Op. 26, worüber\nviel Schönes gesagt ist (S. 514); ihre Variationen sind\nvoll feiner Empfindung, sangreich, schwärmerisch, schwei-\nfend, in sich wiederkehrend wie kommt da nun der\nTrauermarsch hinein, dem doch wieder das verzwei-\nfelte Menuett folgt? und das kühn muthwillige, zweistim-\nmige Fugatomacht den Beschluss? Ich weiss keine Ant-\nwort, finde sie aber hier eben so überflüssig, wie bei der\nFrage, ob Geige und Ciavier zusammen passen da doch\nalle Tage Gesang und Ciavier selbst bei Marx einträchtig\nmitsammen gehen. Es ist dieselbe Frage, wie die nach der\nVersöhnung der Temperatur und Mixtur, nach der Ver-\neinigung des (temperirten) Claviers mit (untemperirten)\nWaldhörnern und (akustisch in reine Quinten gestimmten)\nGeigen u. s. w.; und wenn ich die Antwort nicht weiss, so\nberuhigt mich der Anblick einer grossen Reihe erhabener\nWerke und Künstler, wo alles das geschehen ist, was\nüber mein Denken hinaus geht.\nUnd so bleibe denn auch Einiges unerledigt*), damit\nwir uns nicht rühmen, Alles ins Bewusstsein vermauert\noder verflüssigt zu haben, was hehre, heilige Stimmen ge-\nsagt haben, grösser als wir, grösser als die Welt. Auf alle\nFälle nehmen wir auch für uns die Ehre in Anspruch, es\nmit der Kunst ehrlich zu meinen, grämen uns aber durch-\naus nicht, wenn die Fanatiker des Fortschrittes ihre Gegner\nblöde und heuchlerisch schelten (143), sondern nehmen\nhier des Dichters Wort zum Schilde:\nIhr Gläubigen, rühmt nur nicht euren Glauben\nAls einzigen wir glauben auch, wie ihr;\nDer Forscher lässt sich keineswegs berauben\nDes Erbtheils aller Welt gegönnt und mir.\n*) z. B. einiges Sprachliche und Typographische, was wir aus\nkritischem Gewissen und um dem Verfasser zu zeigen, wie\nsorgfältig wir seine immer anregsamen Worte geprüft, allen-\nfalls nachholen dürfen. Auffallend sind folgende Stellen: S.\n62, Z. 8 v. u., bin mich bewusst. 70, 1 ob., immerhin,\nstatt immer. 81, 3 u., festzuhalten hat kein regierendes\nZeitwort. 107, 18, geben, stalt gibt. 117, 11, er anver-\ntraut (beliebte, dem Französisehen nachgebildete, aber un-\ndeutsche Flexion). 138, 7 u., Lehrers, statt Lehrer. 160,\n13, commencdz, statt commencez. 239, 10 U., Einzeln, Statt\nEinzelnen. 276, 4 u., ein Einfluss, statt einen. 362, im\n13. Tacte, hat die dritte Stimme fälschlich a, statt g. 440,\n11 u., so Vielen, statt Vieles. 510, 8. ixiontisch, statt\nixionisch.\nV\nAusserdem beklagen wir eine Anzahl überzähliger Apo-\nstrophe bei abgebrochenen Dativen und dem häufigen war'\n(543, 2), was einen gar zu naiv lyrischen Klang hat in der\nProsa, während wir die Sparsamkeit der Komma's, die unser\nVerfasser nach J. Grimm's Vorgang eingeführt hat, nicht so\nlebhaft anklagen möchten, wie ein anderer einsichts- und\nliebevoller Beurtheiler in der Köln. Zeitung gethan.\n\nA E K.\n\nAus London.\n\nIhrem Wunsche gemäss habe ich Ihnen nicht über die\nEinzelheiten der Saison von 1855 in London berichtet,\nund glaube gern, dass das ewige musicalische Einerlei, in\nwelchem sich unser hiesiges Opernwesen ein Jahr wie das\nandere fortschiebt, wenig Interesse für Ihre Leser hat. Ich\nfasse desshalb das Ganze der Season mehr historisch als\nkritisch zusammen.\nDie Saison von 1855 ist die kürzeste der italiänischen\nOper gewesen, welche wir je gehabt. Der Zustand des po-\nlitischen Horizonts und das steigende Interesse am Kriege\nhatte die Besorgniss erregt, dass in diesem ganzen Jahre\nkeine Oper Statt finden würde; und sogar als die Ankün-\ndigung schon erfolgt war und die Pforten des Coventgar-\nden-Theaters dem Publicum geöffnet wurden—freilich bei-\nspiellos spät in der musicalischen Saison (am 12. April!)\n—, behielten die düsteren Vorhersagungen die Oberhand.\nEin solcher Zustand für eine Residenz wie London wird\nden Kunstfreunden in Deutschland unbegreiflich sein, und\nin der That tritt das grosse und reiche London dadurch\nganz auf eine Linie mit einer Menge von kleinen und grös-\nseren Städten in Deutschland, in denen die Hoffnung auf\nden Genuss dramatischer Vorstellungen auf der Erschei-\nnung eines Unternehmers beruht, der klug oder thöricht\ngenug ist, sein Bisschen Hab' und Gut aufs Spiel zu setzen.\nHier ist und bleibt die Kunst Sache der Speculation, und\nwenn man alles das, was die deutschen Fürsten für die-\nselbe thun, erst recht schätzen lernen will, so muss man\nnach England gehen. Zwar h eis st hier auch Alles „kö-\nniglich\", allein dies ist für die Theater und noch viele an-\ndere Institute im wahren Sinne des Wortes ein Titel ohne\nMittel.\nEndlich begannen die Vorstellungen. Sie waren, gegen\ndie früheren gehalten, keineswegs schlecht; dennoch fehlte\ndas Publicum, und man erwartete die Schliessung und den\nRuin der Direction. Da führte ein glücklicher Stern—nicht\nder „Nordstern\" in jeglichem Sinne den Kaiser der Fran-\nzosen nach London; die Königin Victoria besuchte mit\nihren hohen Gästen die Oper, und die Unternehmung war\ngerettet!"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "350", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551103-01.1.6", "texte": "Von da an machte sie mit geringer Unterbrechung gute\nGeschälte, und „gute Geschäfte machen\" gereicht hier stets\nzur Ehre, auch wenn es sich um die Kunst handelt. Frei-\nlich waren die Auflührungen manchmal ganz unverzeihlich\nliederlich, Natur und nationale, wie ästhetische Bildung der\nSänger so verschieden, ja, in offenbarem Widerspruche,\ndass an ein schönes, künstlerisches Ganzes nicht zu denken\nwar, ferner gar manche Grössen, die nicht bloss zu den\nverbleichenden, sondern schon zu den verblichenen Sternen\ngehören. Aber trotz alledem ist es Thatsache, dass der Be-\nsuch trotz Krieg und Theurung meist zahlreich war.\nEin gewisser Vorrath von Vergnügungen ist dem Eng-\nländer in der Saison nothwendig; und wenn er sie nicht\nzu Hause findet, sucht er sie auswärts; je weniger Privat-\nBälle, Lust-Partieen und Reunionen in der fashionablen\nWelt, desto mehr Zudrang zu den öffentlichen Vergnü-\ngungsorten. Mr. Kean hat nie so volle Einnahmen am Prin-\nzess-Theater gehabt, und all das Geld, welches er an das\nprachtvolle Schauspiel Heinrich VIII. gewandt hat, ist mit\nreichen Zinsen in seine Tasche zurückgewandert. Die Con-\ncerte der Sacred Harmonie S in Exeter Hall haben\nnicht aufgehört, eine grosse Menge herbei zu ziehen, um\ndie Oratorien von Händel und Mendelssohn zu hören, wäh-\nrend noch am Ende der Saison die Vorstellungen der Mlle.\nRachel zahlreiche und aufmerksame Zuhörer nach dem\nSt.-James-Theater lockten.\nVon den einzelnen Opern war die Aufführung des\nDon Juan die allerschlechteste, eine wahre Lästerung auf\nMozart. Wenn doch nur diese italiänischen Tageshelden,\nwelche nun einmal Mozart'sche Musik nicht mehr singen\nkönnen, den alten Meister lieber ruhen Hessen, anstatt ihn\nzu misshandeln! Dennoch war das Haus zwei Mal gefüllt;\ndas Publicum ehrte den Schöpfer; die Kritik that dies auch,\nindem sie unbarmherzig über diejenigen herfiel, die seine\nSchöpfungen verunstalteten. Tamburini spielte den Don\nJuan mit seinem früheren Geiste und feinsittlicher Auffas-\nsung; aber da er keine Stimme mehr hat, so musste man\nsich mit der einen Hälfte der Hauptrolle begnügen, wäh-\nrend die Gesammt-Ausführung, da man die Oper ohne\nProbe gab, wie das hier sehr häufig geschieht, höchst\nnachlässig und zu Zeiten, wie im Finale des ersten Actes,\ngeradezu schlecht war. Mit Recht eiferte Davison dagegen,\ndass der Don Juan, welcher seit einem halben Jahrhundert\nmehr gezogen als irgend eine andere Oper, behandelt werde\nwie ein altes Stück Hausgeräth, das man, wenn man es\nbraucht, aus dem Winkel hervorholt und so bestäubt, wie\nes ist, hinstellt; dass das beste Werk des grössten drama-\ntischen Componisten in schmutziger Ausstattung und schlep-\npender und ermattender Ausführung vorgeführt werde. Die\nrettenden Stellen der Vorstellung waren Madame Bosio's\nreiner und vorzüglicher Gesang als Zerline, die Arie „II\nmio tesoro\" von Mario und die Elvira von Fräul. Marai,\nwelche sich durch Intelligenz, wenn auch nicht durch Kraft,\nauszeichnete, da überhaupt tragische Heldinnen ausserhalb\nihres Faches liegen. Lablache's Leporello, noch so ziemlich\nnatürlich und wahr im ersten Acte, war im Ganzen nichts\nweiter, als eine schlecht angebrachte Burleske.\nDon Juan ausgenommen, wurde kein WTerk Mozart's\naufgeführt. Die Zauberflöte ist hier unmöglich ohne Ron-\nconi's Papageno. Die Hochzeit des Figaro scheint zum Ver-\nmodern im Notenschrank verurtheilt zu sein, und doch war\nder Graf eine der besten Rollen Tamburini's, und zum Fi-\ngaro ist die Wahl vorhanden zwischen Lablache und For-\nmes. Cosi fan Tulte ist allem Anschein nach aus der Mode\ngekommen; Idomeneo scheint das ganze Geschlecht der\nTheater-Directoren in Schrecken zu setzen, und La Cle-\nmenza di Tiloist vergessen. Mit deutschen Sängerinnen\nund Sängern bei der italiänischen Oper wie Fräul. Jenny\nNey, Frau Rudersdorff, Fräul. Marai und Herr For-\nme s, wäre das Wiederaufleben der reizenden komischen\nOper „II Seraglio\"nicht nur möglich, sondern auch ge-\nwiss für die Casse und den Geschmack sehr erspriesslich.\nDa wir Fräul. Ney erwähnt haben, so wollen wir zu-\ngleich auf jene Künstler zurückkommen, welche dem eng-\nlischen Publicum neu waren. Unter ihnen waren Fräul.\nNey und Signor Graziani, welche beide einen grossen\nErfolg hatten, die hervorragendsten. Fräul. Ney trat auf in\nFidelio am Abende des hohen Besuches. Ihr Verdienst\nschlug hier noch nicht ganz durch, und die Stimmen über\nihre Leonore waren getheilt. Die Meisten zogen die Cru-\nvelli vor, während unserem Urtheile nach der Fidelio ge-\nrade eine der schlechtesten Rollen der Cruvelli ist. Als eine\nandere und sehr verschiedene Leonore indessen, als Leo-\nnore in Verdi's Trovatore (zuerst gegeben am 10. Mai),\nfeierte Fräul. Ney ungetheilte Anerkennung. In dieser Rolle\nerregte die starke, schöne Sopranstimme der Künstlerin\nmit ihrer reinen und prächtigen Höhe, vereint mit wahrem\ndramatischem Gefühle, grosse und gerechte Bewunderung.\nJede folgende Opern-Vorstellung hob Fräul. Ney in der\nallgemeinen Achtung, und ihr Wieder-Engagement für die\nnächste Saison ist mehr als wahrscheinlich. Signor Graziani,\nwelcher in Ernani debutirte (am 26. April), hatte einen\nErfolg, der mehr dem frischen und schönen Charakter sei-\nner Stimme, als der Entfaltung irgend einer bedeutenden"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "351", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551103-01.1.7", "texte": "künstlerischen Eigenschaft zugeschrieben werden muss.\nG a r d o n i, und noch mehr Mario, gehören zur alten Garde.\nMario, obgleich nur für einige Abende angekündigt, sang\n8 —lO Mal gegen Ende der Saison, und wir müssen ge-\nstehen, dass dieser vortreffliche Sänger noch weit besser\nbei Stimme ist, als wir denken konnten. Sein erstes Auf-\ntreten in den Puritanern (am 17. Mai) überzeugte das\nPublicum, dass seine Reise nach den Vereinigten Staaten,\nanstatt seine Stimme zu verderben, sie verbessert hatte.\nIn der Favorita, Don Juan, Lucrezia Borgia, den Hugenot-\nten, dem Barbier und in Don Pasquale sang Mario so gut\nwie je, und ganz des Rufes würdig, den er als einer der\nbewunderungswürdigsten Sänger und Schauspieler am ita-\nliänischen Theater geniesst. Dasselbe können wir nun\neben nicht von der Grisi sagen; aber das londoner Opern-\nPublicum ist so conservativ und loyal gegen seine Künst-\nler, dass es nicht leicht einen entthront, der ihm einst Ver-\ngnügen gemacht, wenn er sich selbst nur auch passa-\nbel conservirt hat. Erst stutzte man, war sogar etwas con-\nfus, indem man sich des berüchtigten Abschiedes auf ewige\nZeiten im vorigen Jahre nicht ganz genau erinnerte, bis\nman sich endlich darin einigte, den populärsten Liebling\nund den ältesten—freilich in letzterer Hinsicht nicht\nceque, sondern quoique—einstimmig zu bewillkommen.\nAber auch Madame Viardot-Garcia nahm dasselbe\nRecht der Anciennetät in Anspruch, und unserem Urtheile\nnach mit mehr Fug. Ihre Zigeunermutter in Verdi's grau-\nsigem Trovatore und ihre Fides im Propheten waren Ge-\nstalten, die stets noch die Ueberzeugung bei jedem gebil-\ndeten Zuschauer hervorriefen, dass er eine grosse Künst-\nlerin vor sich habe.\nTamberlik, welcher weniger oft in dieser Saison\nauftrat als sonst, hielt seinen Ruf aufrecht. Sein Florestan\nin Fidelio wird nicht leicht übertroffen werden, und seiner\nsehr guten Darstellung des Manrico verdankt\ngrossentheils die Gunst, die ihm zu Theil wurde. Gegen\ndas Ende der Saison trat er mit frischer Energie als Jo-\nhann von Leyden im Propheten auf, und zuletzt zeigte er\nals Othello in Rossini's bekannter Oper (am 8. August) sich\nals grosser und vollkommener Künstler, an dem besonders\ndas zu loben ist, dass er von allen Italiänern am gewissen-\nhaftesten gegen den Componisten handelt.\nDas Wieder-Engagement des Herrn Formes nach\nVerlauf eines Jahres, während dessen er dieser Bühne un-\ntreu geworden war, setzte die Direction in Stand, die\nneueste Oper Meyerbeer's aufzuführen, der ausdrücklich\nverlangt hatte, dass der grosse deutsche Bassist den Peter\ndarstellen sollte. Hiervon abgesehen, waren die Hugenotten\ndoch endlich auch auf würdige Weise durch einen malerisch\nschönen und kräftigen Marcel, der zugleich Sänger und\nSchauspieler ist, wieder möglich geworden, ohne der übri-\ngen Rollen, in denen Formes auftrat, zu gedenken.\nWas nun den „ Nordsterna selbst betrifft, so war er\nnatürlich, wie man zu sagen pflegt, das Ereigniss der Sai-\nson, zumal, da der Componist selbst anwesend war. Die\nOper wurde zur grossen Verwunderung desselben, der an\ndas sorgfältige Einstudiren in Paris, Berlin, Wien u. s. w.\ngewohnt ist, hier zu Lande, wo man schneller mit Allem\nfertig werden muss, weil die Leute keine Zeit haben, mit\nnur drei grossen Proben gegeben. Der Aufwand auf De-\ncorationen, Scenerie, Statisten u. s. w. war kolossal. Die\nBosio gab die Katharine, die Marai die Prescovia, For-\nmes, wie gesagt, den Czaar Peter, L a b 1 a c h e den Gritzenko\nu. s. w. Das englische Publicum war entzückt, d. h. die\ngrosse Menge; die gebildeten Kunstfreunde und vollends\ndie Musiker keineswegs. Die Deutschen unter den Zuschau-\nern bedauerten, dass Meyerbeer ein solches Textbuch habe\ncomponiren können und dass die Musik nicht besser sei als\nder Text. Die Oper wurde neun Mal gegeben —es war\nschon gegen Ende der Saison —, aber merkwürdiger Weise\nwar jede folgende Vorstellung mangelhafter, als die vor-\nhergehende ! Sollte dabei die Nemesis der Kunst gewaltet\nhaben?\n\nC. A.\n\nAus Barmen.\n** Die hiesigen Abonnements-Concerte unter der Lei-\ntung des städtischen Musik-Directors Herrn C. Ii ei necke haben\nam 20. October wieder begonnen und versprechen, nach dem Er-\nfolg des ersten zu urtheilen, manchen schönen Kunstgenuss.\nDas Programm war durch Mannigfaltigkeit ausgezeichnet, was\nsehr zu loben ist, da man hier - und wohl überall ein Publi-\ncum zu befriedigen hat, welches nicht aus lauter Kunstverständigen\nbesteht. In der ersten Abtheilung hörte man Mendelssohn's\nOuvertüre zu Ruy Blas, welche hier neu war und mit Feuer und\nfeinem Ausdruck gespielt wurde, dann drei Lieder für Bariton\nvon F. Schubert und R. Schumann, ganz vortrefflich von\neinem künstlerisch gebildeten Dilettanten, Herrn P. aus Düsseldorf,\ngesungen; ferner Beethoven's herrliche Phantasie für Clavier,\nOrchester und Chor, Op. 80, und das erste Finale aus Euryanihe\nvon C. M. v. Weber. In der zweiten Abtheilung die vollständige\nMusik zu den „Ruinen von Athen\" von Beethoven, mit verbin-\ndendem Texte von R. Benedix.\nDas Orchester, die so genannte Johannisberger Capelle, ist sehr\nbrav; man wird nicht häufig einen so wackeren Anführer finden\nals Herrn Langenbach; sehr wohlklingend und in jeder Bezie-\nhung trefflich sind die Blech-Instrumente, was um so mehr zu\nschätzen, da gerade daran die meisten kleinen Orchester laboriren.\nBei den Holz-Blasinstrumenten war die Flöte im vorigen Jahre\nausgezeichnet; wir hören, dass ein Herr Klausnitzer, der sie"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "352", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551103-01.1.8", "texte": "blies, seitdem eine Stelle am Gewandhaus-Orchester in Leipzig an-\ngenommen hat. Die schwierige Begleitung in der Beethoven'schen\nPhantasie gelang ganz gut; nur in der Musik zu den ,|Ruinen von\nAthen\" kam einmal ein Verstoss durch die Blas-Instrumente vor,\nden jedoch die Gewandtheit und sichere Haltung des Herrn Diri-\ngenten unschädlich machte. Die Partie der Griechin in den „Rui-\nnen von Athen\", so wie die der Euryanthe in dem Finale der\ngleichnamigen Oper sang Fräul. Hermine Mann (eine frühere\nSchülerin des Herrn Koch und der Rheinischen Musikschule) mit\neiner Auffassung, welche bewies, dass sie die jedesmalige Stimmung\ndes Tonstückes und den Charakter der vom Dichter und Compo-\nnisten gezeichneten Figur sehr wohl zu treffen weiss. Dabei besitzt\nsie eine vortreffliche Technik. Würde es ihr gelingen, den etwas\nscharfen Klang ihrer Stimme etwas zu dämpfen, so würde ihr Ge-\nsang noch weit mehr Freunde erwerben, als er sich ohnedies\nschon, zumal bei allen Kennern, erworben; denn die Mehrzahl im\nPublicum fragt leider meistens nur nach der Stimme und kümmert\nsich nicht um die anderen, weit schwerer zu erlangenden Vorzüge.\nDer Chor leistete in den anstrengenden Chören der Beethoven'schen\nMusik Vortreffliches.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln* In der philharmonischen Gesellschaft, deren\nOrchester unter der Leitung des königlichen Musik-Directors Fr.\nWeber steht und die sich allwöchentlich versammelt (neuer-\ndings werden auch Männerchöre in derselben aufgeführt) —, hör-\nten wir am vergangenen Sonnabend eine Sinfonie in A-moll von\nG. (Ältermann, welche allgemein gefiel, und mit Recht. Die\nMotive, namentlich des ersten Allegro's, sind zwar nicht überra-\nschend neu, aber man merkt ihnen dagegen auch nicht an, dass\nsie um jeden Preis neu sein sollen, wie denn überhaupt das ganze\nWerk das sehr erfreuliche Zeugniss von einer wahren Künstler-\nGesinnung gibt, welcher es nicht um Aufsehen und Effect, sondern\num Musik zu thun ist. Daher begegnen wir bei talentvoller Erfin-\ndung, die besonders in dem vortrefflichen Scherzo und im Finale\nhervortritt, überall einer soliden, klaren und doch durchaus nicht\nnüchternen Arbeit und Durchführung. Dabei hat die Sinfonie noch\ndas vor so vielen Werken der neuesten Zeit voraus, die gar häufig\nam Finale scheitern oder doch wenigstens ermalten, dass sie die\nTheilnahme und Spannung der Zuhörer bis zum Ende steigert.\nDass Herr Goltermann nach den besten Mustern, besonders nach\nHaydn und Beethoven, gearbeitet hat, wollen wir ihm wahrlich\nnicht zum Vorwurfe, sondern zur Ehre anrechnen, indem er ge-\nzeigt hat, dass auch jetzt noch auf diesem Wege, ohne das neu-\nromantische Flügelross zu reiten und über Stock und Stein zu ja-\ngen, Schönes zu erzielen ist.\nFerdinand Hiller hat eine Reihe von sechs öffentlichen\nVorträgen über das Wesen und die Formen der Vocal-Musik\nbegonnen.\nRossini's Stabat Mater. F. Hill er berührt in Nr. 11 seiner\ninteressanten „Plaudereien mit Rossini\", die er im Feuilleton der\nKölnischen Zeitung veröffentlicht hat (unsere Leser werden sich er-\ninnern, dass Beide einige Wochen zusammen im Seebade zu Trou-\nville zugebracht haben), auch die Entstehung des Stabat Mater. Wir\nhaben die Geschichte desselben ausführlich im Jahrgang 1854, Nr.\n17 (vom 20. April) dieser Blätter erzählt und dort zugleich den\nBrief Rossini's an den Musicalienhändler Troupenas in Paris, wor-\nin von dem Verlage des Werkes und dem dadurch veranlassten\nProcesse die Rede ist, in wortgetreuer Uebersetzung wiedergegeben.\nIn diesem Briefe sagt Rossini, dass „die meisten Nummern\" des\nStabat, so wie er es an den Pater Varela, den Freund Aguado's?\ngeschickt, gar nicht von ihm wären. Zugleich bemerkt er aber\nauch: „Sie erhalten hierbei noch drei Stücke, die ich in Partitur\ngesetzt habe; es fehlt nun nur noch der Schluss-Chor, den ich\nIhnen in nächster Woche schicke.\"\nHieraus geht indess nicht mit Gewissheit hervor, ob der Maestro\nalle Nummern, welche er durch Tadolini (damaligen 1832\nChor-Director der italiänischen Oper in Paris) hatte machen\nlassen, neu componirt oder nur verbessert und die Instrumentirung\nvervollständigt und geändert habe. Eben so wenig klärt Rossini's\nAntwort auf Hillers Frage über das Stabat überhaupt die Sache\nauf. Jene Antwort lautet nämlich: „Ich habe es für einen Freund\nAguado's, einen geistlichen Herrn, componirt; es war rein eine\nSache der Gefälligkeit, und ich hatte nicht daran gedacht, es zu\nveröffentlichen. Es ist ja auch eigentlich nur mezzo serio gehalten,\nund ich liess ursprünglich drei Stücke von Tadolini hinein\ncomponiren, da ich krank wurde und nicht zur rechten Zeit damit\nfertig geworden wäre.\" In dieser Aeusserung deutet nur das\nWort „ursprünglich\" auf eine spätere Umarbeitung hin; wir blei-\nben aber fort und fort in Zweifel, welches die sechs Nummern\nsind, die auch schon in der ersten Partitur von Rossini herrührten,\nund ob in den übrigen, so wie sie jetzt vorliegen, jede Spur von\nTadolini vertilgt sei oder nicht.\nIn Berlin wird nun doch diesen Winter Rieh. Wagners\nTannhäuser zur Aufführung kommen; Capellmeister H. Dorn,\nder die Oper dirigiren wird, ist bereits seit einigen Wochen mit\ndem Einstudiren derselben beschäftigt."}]}