{"numero_id": "bm-bmtnabi-1855-11-10-01", "volume": "bmtnabi_1855-11-10_01", "ocr_sha256": "b226a20b50c8bcc11e4685df5bd68c9fa75c1bd122c5ed35e15b7a59d755240d", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1855/11/10_01/bmtnabi_1855-11-10_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551110-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1855-11-10-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-11-10_01#c001", "volume": "bmtnabi_1855-11-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "253", "page_fin": "256", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551110-01.2.1", "titre_corps": "Englische, französische und deutsche Musicanten im siebenzehnten Jahrhundert am Hofe des Herzogs zu Mecklenburg-Güstrow.", "titre_sommaire": "Englische, französische und deutsche Musicanten im siebenzehnten Jahrhundert am Hofe des Herzogs zu Mecklenburg-Güstrow.", "signature_source": "Chrysander", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "253", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551110-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4064, "texte": "Englische, französische und deutsche Musicanten im\nsiebenzehnten Jahrhundert am Hofe des Herzogs\nzu Mecklenburg-Güstrow.\nVon Dr. Chrysander.\nI.\nNachfolgende Mittheilungen bilden eine Ergänzung des\nauch in Nr. 39 und 40 dieser Zeitung abgedruckten Auf-\nsatzes über englische Komödien und über die ersten Opern\nin Norddeutschland, und vervollständigen besonders in mu-\nsicalischer Hinsicht das dort flüchtig gezeichnete Bild. Als\nurkundliche Mittheilungen aus einer noch so wenig erhell-\nten Zeit dürften sie ein etwas allgemeineres Interesse erre-\ngen und daher in einer Musik-Zeitung nicht am unrechten\nOrte stehen. Sämmtliche Acten befinden sich in dem „ Ge-\nheimen Haupt- und Staats-Archiv\" zu Schwerin.\nZwar sind es blosse Acten, Anstellungs- und Streit-\nGeschichten ; die Noten, die eigentliche Quelle für die Ge-\nschichte der Musik, fehlen gänzlich. Doch es ist gewiss,\nwenn auch noch viel zu wenig beherzigt, dass von vergan-\ngenen, abgeschlossenen Perioden der Tonkunst für uns\nnicht bloss die Compositionen Bedeutung haben, sondern\nebenfalls die damalige Musiklehre, wie auch die gesellschaft-\nliche Stellung der Tonkünstler, und dass Andeutungen über\nsolche Musik-Verhältnisse uns oft willkommener sein kön-\nnen, als ganze Stösse von alten Noten. Ich will meinen\nActen diesen Werth nun eben nicht beilegen; denn auch\ndie gedruckten und handschriftlichen Musicalien aus dieser\nZeit sind aus drei Ursachen sehr bedeutsam. Einmal konn-\nten der trübseligen Zeiten wegen wenige Sachen gedruckt\nwerden, und diese wenigen in nicht beneidenswerther Aus-\nstattung. Der Zustand war so arg, dass der grösste deut-\nsche Componist dieses ganzen Jahrhunderts, Heinrich\nSchütz, für seine besten Werke keinen Verleger fand\nund nur durch Unterstützung seines Fürsten (Georg 11. in\nDresden) und durch Beihülfe verschiedener Organisten als\nColporteure den Druck wagen konnte. „Erbärmlich und\nder Music nicht weniger als sonst andern freyen Künsten\nwiedrieg\" nennt er im Vorworte zum zweiten Theile sei-\nner Symphoniae Sacrae (Dresden, 1647) die Zeiten, und\nschon 1636, im Vorworte zum ersten Theile seiner Klei-\nnen Geistlichen Concerten, klagt er: „WElcher gestalt vn-\nter andern freyen Künsten, auch die löbliche Music, von\nden noch anhaltenden gefährlichen Kriegs-Läuflten in vn-\nserm lieben Vater-Lande, Teutscher Nation, nicht allein in\ngrosses Abnehmen gerathen, sondern an manchem Ort\ngantz niedergeleget worden, stehet neben andern allgemei-\nnen Ruinen vnd eingerissenen Unordnungen, so der vnse-\nlige Krieg mit sich zu bringen pfleget, vor männigliches\nAugen, ich erfahre auch solches wegen etzlicher meiner\ncomponirten Musicalischen Operselber, mit welchen ich\naus Mangel der Verlegere biss anhero, wie auch noch an-\njetzo, zurückstehen müssen, biss vielleicht der Allerhöchste\nbessere Zeiten förderlichst gnädig verleyhen wolle.\"\nZweitens ist Vieles verloren gegangen, und das Meiste\nhöchst selten geworden. Es ist das gewöhnliche Schicksal\naller Uebergangs-Perioden, dass man ihre Erzeugnisse nicht\nmehr achtet, sobald das Bessere da ist. Für die Geschichte\nist solches aber ein grosser Verlust, und man sollte end-\nlich einmal statt des in die Mode gekommenen sechszehn-\nten das siebenzehnte Jahrhundert ins Auge fassen und ret-\nten, was noch zu retten ist. Denn drittens sind die Com-\npositionen dieser Zeit eben desshalb so wichtig, weil in\nihnen alle wirklichen Anfänge unserer neuen Tonkunst ver-\nborgen liegen. Dieses zur Andeutung und, wär's möglich,\nzur Anregung; an einem anderen Orte werde ich bald Ge-\nlegenheit haben, ausführlicher darauf einzugehen.\nUm 1700, so viel ist schon aus den vorhergegange-\nnen Aufsätzen zu entnehmen gewesen, blühte auch in\nDeutschland allgemein die Oper, die „theatralische\" Com-\npositionsweise. Die Oper als ein aus gar verschiedenen Be-\nstandtheilen bestehendes Kunstwerk erfordert aber nicht\nbloss zu ihrer jedesmaligen Hervorbringung das Zusammen-\nwirken Mehrerer, sondern ihre erste Entstehung setzt noth-\nwendig schon eine bedeutende Ausbildung der einzelnen zü\nihr gehörenden Kunstzweige voraus. Man hat nun bisher"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "254", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551110-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5118, "texte": "nicht einmal die Vermuthung gewagt, dass solche Ausbil-\ndung in erheblichem Maasse schon im siebenzehnten Jahr-\nhundert in Deutschland Statt gefunden, und doch lässt es\nsich allenthalben urkundlich nachweisen und dadurch lür\ndiese erste Oper eine weit bessere Ansicht, als jetzt herr-\nschend ist, begründen. Was man schon in der Zeit be-\nmerkt hat, welche unmittelbar Mozart voraufging, die Aus-\nbildung einzelner Zweige, ist in ähnlicher Weise schon im\nsiebenzehnten Jahrhundert nachweisbar. Von diesem Ge-\nsichtspunkte aus betrachtet, gewinnen dürftige Notizen Le-\nben und Bedeutung.\n1. Engländer.\nDie ausgestorbene Linie Güstrow hatte in dieser Zeit\nin Mecklenburg die beste Capelle und that dafür, was die\nUmstände nur irgend erlaubten. In Güstrow waren zu\nAnfange des dreissigjährigen Krieges und früher auch M u-\nsicanten aus England, nämlich aus London, theils be-\nsuchsweise, theils im wirklichen Dienste anwesend. Wahr-\nscheinlich sind auch die englischen Komödianten dort\ngewesen, da sie in dem nahen Rostock waren; doch fehlen\ngewisse Zeugnisse. Während die Italiäner anfingen, den\nSüden Deutschlands sich zu Nutze zu machen, durchstreif-\nten die Engländer den Norden, und merkwürdig bleibt,\ndass sich diese fremdländischen Kunstbanden in unserem\nVaterlande herumtrieben unmittelbar vor den Kriegsban-\nden her. Hat denn Piaton nicht Recht, wenn er lehrt, dass\nmusicalische Umwälzungen auch immer politische im Ge-\nfolge haben ? Wir wollen es dahingestellt sein lassen. Aber\nso viel erhellt: Deutschland war damals ein Land lür Frei-\nbeuter.\nIn England war zu Shakespeare's Zeit besonders die\nInstrumental-Musik in einem blühenden Zustande. Es sind\ndaher auch lauter Instrumentisten, denen wir hier begeg-\nnen. Zuerst, freilich nicht als den Frühesten der Zeit nach,\nnenne ich den Wilhelm Daniel, Musikmeister von Lon-\ndon, welcher dem Herzog für 60 Thaler seinen Lehrjun-\ngen abtrat. Die Bescheinigung darüber lautet:\n„Nachdem, dem Hochwürdigen, Durchlauchtigen, Hoch-\ngebornen Fürsten und Herren, Herrn Hans Albrech-\nten, Coadjutoren des Stifllts Ratzeburgk, Hertzog zu Me-\nchelburgk etc. Meinem gnädigsten Fürsten und Herren, uff\ndero Fürstl. gnaden Begehren, ich unten benanler Wil-\nhelm Daniel von London den Richart Qvicken Musi-\ncant Jungen, welcher mir uff N e u n Jahr in die Lehre ver-\nschrieben und also noch Viertehalb Jahr, von dato an zu\nrechnen, bey mir hatte zu lernen gehabt, gegen 60 Rthlr.,\nwelche ich auch auss I. F. G. Durchl. Rent-Kammer alhier\nrichtig empfangen, mit sein des Richart Qvicken Bewilli-\ngung uff solche Vierte halb Jahr in Vnterthenigkeit Über-\nlassen und abgetretten habe, als haben I. F. G. Durchl.\ndahero vollenkommen macht und gewaldt, Sich desselbigen\nMusicant Jungens Richart Qvicken und seiner Dienste sol-\nche Zeit über Ihres gefallens zu gebrauchen, In massen\ndan auch derselbige dess Unterthenigen erbietens I. F. G.\nD. nach Verflossenen mehrgedachten Viertehalb Jahren\nwan I. F. G. D. seiner begehren werden, gegen bil liehen\nUnterhalt vor andern herren als ein Musicant weiters zu\ndienen und auff zu warten. Zu mehren Urkundt habe ich\ndieses Bekentnis nebenst gedachten Richart Qvicken, mit\neigenen banden wohl bedechtlich und freywillig Unterschrie-\nben. Datum Güstrow, den 11. January Anno 1623.\"\nDieser Verschreibung ist eine deutsche Uebersetzung\ndes in London wegen dieses Burschen gemachten Lehr-\nContractes beigelügt. Derselbe folgt hier vollständig, und\nersieht man aus diesem merkwürdigen und drolligen Acten-\nstücke, unter welchen Bedingungen damals jemand in Lon-\ndon das musicalische Handwerk ergreifen konnte.\n„Dises Zeugnus gibet zuerkennen, dass sich Richardt\nQuikh, Hanss Quikhen Burgers und Gewandschneiders in\nLondon Sohn, zu einem leer Jungen, bey Wilhelm Danie-\nlen Burgern und Musicanten zu London Selbsten eingestel-\nlet hat, desselben Kunst zu erlehrnen: und bey ihm (nach\naart der lehriungen) zu dienen von dem Fest Tag ahn [an]\nder Geburt unsers Erlösers jüngsthin, bis zu dem vollen\nend und termin neüner Jahr lang, welliche von der Zeit\nahn volkömlichen bis zu ende gehalten werden sollen;\nwelliche Zeit über gemelter Lehriung seinen Lehr Meister\ntreulich dienen solle, seine [d. i. des Meisters] heimligkheit\nverschweigen, seinen gebührlichen begehren in allem willig\nnachkommen. Seinem lehr-Meister keinen schaden zulügen,\nnoch zu sehen daz ihm sollicher von andern zugelügt werde,\nsondern daz er solliches eüsserst seines vermügens unter-\nlasse, oder seinen Meister hierinn gewarne; Er solle seine«\nLehr Meisters gut nit verwahrlosen, oder ungebührlicher\nweis einem andern aussleihen; Er solle keinen Diebstal be-\ngehen, noch sich in wehrender Zeit in Heurat einlassen. Er\nsoll nit mit Karten, würfllen oder im Bredt-spilen, oder\nsich einigerley unzulessüchen spiles gebrauchen, wardurch\nsein Meister einiges weges verlustigk werden möchte: Er\nsolle auch weder ömb sein eigen gelt oder anderer inner-\nhalb gemelter Zeit ohne erlaubnis seines Lehr Meisters\netwas kauffen noch verkauften; Er solle die Schenkhhäuser\nnit besuchen, noch sich unrechtmassiger weise weder bey\nTag noch bey Nacht von seines Meisters Diensten absentiren,"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "255", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551110-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5025, "texte": "Sonder er solle sich in allem und jedem als einem getrewen\nlehriungen wol anstehet, gegen seinem lehrmeister und der\nseinigen, so lang die Zeit seiner lehr Jahr wehret, verhal-\nten. Entgegen solle sein lehr Meister in obgemelter seiner\nKunst ihme nach all seinem besten vermugen [Vermögen]\nmit gebürlicher instruct- und correction unterweisen und\nlehren, beynebenst ihn auch mit Essen, Drinkhen, Klei-\ndung, Losierung, und aller anderen nothwendigkheit, nach\ngebrauch der Stadt London, gemelter Zeit über versehen.\nSolliches allens in gemein und besonders festigklich zu hal-\nten, haben sich obgemelte beide gegen einander\nmit eigener hand und Sigel verbunden, den 21. Jan. Ao.\nChi. 1616 im 14n. Jahr der Regierung unsers Allergnä-\ndigsten Königs Jacobs 11. George Rickner. George Soro-\nmersett.\"\nZehn Jahre früher, 1613 im August, wurden hier die\nersten englischen Musicanten in Dienst genommen: zwei\nStück; denn es findet sich ein „Verzeichnuss, was Unser\nGnediger Fürst und Herr den beiden Englischen Mu-\nsicanten zum jährlichen Depso lange dieselben in\nS. F. G. untertenigen Dienste, auss gnaden Vermacht\",\nvon Hans Albrecht eigenhändig unterschrieben. Von dem\nEinen finden sich auch Namen und Bestallung:\n„Von Gottes gnaden Wir Hans Albrecht H. z. M.\nbekennen hiemit, dass Wir den, Kunstreichen\nWilhelm Hanss Coweri envor unsern und\nDiener bestellt und angenommen, Bestellen und annehmen\nihn auch hiemit wissentlich derogestalt undt also, das er\nUns zu welcher Zeit wir es begehren und Ihn fordern las-\nsen werden, mit seinen Musical Instrumenten, seinem be-\nsten Vleiss und Vermögen nach, uffwertig und zugegen\nsein, und sich daran nichts behindern lassen soll, demselben\nauch in Unterthenigen gehorsam zu geleben und nachzu-\nkommen, er sich gnugsam verpflichtet hat. Hergegen und\nfür solche seine Uffwartung und Dienst haben Wir verspro-\nchen Ihm jehrlich, so lange Wir Ihn in solchen Dienst be-\nhalten, reichen und geben zu lassen 50 Thaler, jeden 32\nSchilling hiesiger wehrung, so wol auch zwey Kleider, und\nan deputatwie folget: 1 Drömbt Roggen, 1 Drömbt Ger-\nsten, 1 feist Schwein, 1 Schaf, % Kuh, % (Tonne) But-\nter, % (Tonne) Hering, 20 Pfund Rotscher (kleine Hering),\n'/,« Kabbelar (?), 20 Pfund Spürten (Sprotten), 1 Schock\nEyer, 10 gense, 10 Hunner (Hühner), 1 scheffel saltz.\nDa auch in Künftig besagter Unser Musicant, demselben\nwie obstehet, in einem oder andern über zu Versieht [d. i.\nwider Erwarten] nicht nachkommen oder geleben wurde,\nwollen wir jederzeit mass und macht haben, denselben ab-\ndancken, und ihme solchen Dienst aufkündigen zu lassen.\nUrkundlich etc. Gegeben uff vnserm Fürstl. Hause Güstrow\nden 6. August Ao. 613.\"\nDem vierten oder vielmehr fünften Engländer, John\nStendle, begegnen wir 1625, er mag also mit Wilhelm\nDaniel's Bande zusammenhangen. Seine Bestallung ist den\n2. Januar 1625 ausgefertigt, und werden ihm darin „zum\ngäntzlichen Unterhalt\" jährlich 400 Gulden zugesichert.\nDasselbe erhielten auch der Cornetist Hermann Grimm\nund der Posaunist Christoff Hasselberg (wahrscheinlich ein\nSachse, er schreibt „Gistro\", statt Güstrow), beide im Sep-\ntember 1623 angenommen. Um diese Zeit wurde es auch\nin Deutschland schon hier und dort Sitte, den Künstlern\nstatt der Naturalien-Lieferung das Gehalt in baarem Gelde\nauszahlen zu lassen.\nMit diesen Mitteln und einigen Inländern suchte man\neine kleine Hof-Capelle zu Stande zu bringen. Junge Bur-\nsche, die zur Musik Lust hatten, sandte der Herzog auch\nwohl auf seine Kosten zu auswärtigen Meistern. Zu den\nangesehensten Instrumentisten gehörte dieser Zeit der Eng-\nländer Walter Rowe, der bedeutendste aller von Eng-\nland herübergekommenen Musiker, der daher auch leicht\nam kurfürstlich brandenburgischen Hofe zu Berlin eine\nfeste und angenehme Stellung fand. Es ist derselbe, den\nH. Albert von Königsberg in einer ehrenvollen Zuschrift\neinen „berühmten Musicanten\" nennt, der mehrfach fürst-\nliche Personen, besonders Prinzessinnen, in der Musik un-\nterwies, nämlich auf der Viola die er wunder-\nvoll gespielt haben soll, von dessen Lebens-Umständen aber\nnoch weiter nichts bekannt geworden ist, so dass schon\nMattheson (in der Ehrenpforte, S. 5) sagte: „Ich hätte\ngern mehr Nachricht von demselben.\" Viele Nachricht über\nihn kann ich nun eben nicht bieten, doch einige Zeilen von\nseiner Hand, eine Quittung wegen Michael Rode, den er\nim Auftrage des Herzogs informirte, und woraus zugleich\nseine Anwesenheit in Güstrow ersichtlich ist. Das echt\nenglische Deutsch lautet:\n„Ich Untenbenante, bekenne Das ich Von Sr. Fürst-\nlich Durchlauchtigkeit hoff Rehntmeister, Herrn Joachim\nLehman, hundert Reichsthaller in specie auf Abrechnungk,\nwegen michel Rohdt, empfangen hab, die ich auf der Viol-\ndegamba Lehmen soll, Vermegen der contracht, welches\n[d. i. laut des Contractes, welcher] also Lautet, als auff ein\nJahr wegen die Lehr oder Unterrichtungk auf der Violl de\ngamba 100 thall. Vor Kostgeld auf ein Jahr 65 Reichs-\nthall. Wege, Losament bett Und wäsch 15 thall. Und dan\nVor ein Viol de gamba 25 thall. thutt 205 thall. Restimir"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "256", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551110-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2072, "texte": "also wan die Lehr Jahr aussist hundert Und fünff Reichs-\nthailer in specie, thue ihn hiemit quittiren. Datum gusterow\nden 12. Mai 1626. Walter Rowe, Fürstl. Branden!).\nVioliste.a \\\nRowe's Schüler Mich. Rohde wurde von dem folgen-\nden Herzog Adolf Friedrich 1636 wieder in Dienst ge-\nnommen. In Hans Albrecht's Capelle dienten ausser den\nschon Erwähnten noch Wilhelm Hess (bestallt den 6. Aug.\n1613), Everhart Stippemann (best. d. 13. Sept. 1615),\nLautenist Wilh. Westphal (1623 mit 370 Fl.) und Jo-\nhann Vierdanck (Sept. 1631). Capellmeister war Wilhelm\nBrade; wie lange, weiss ich freilich nicht zu sagen. In sei-\nner Bestallung vom 10. August 1618 steht, dass er „je-\nder Zeit seinen Chorum musicum sampt den Instrumenten\ninstruct und fertig halten, Und Uns darmit, wo und zu\nwelcher Zeit wirs begehren, oder es sonsten die gelegen-\nheit erlürdern wird, uffwertig erscheinen soll und will, Ge-\nstalt er dan auch sol befehligt sein, Über die andere\nkanten, so wir bey Hoff in Uffwartung haben, billiger mas-\nsen zu commendiren, Und sie, nebenst seinen beiden\nsöhnen, Und andern, die wir seiner Unterweisung unter-\ngeben möchten, zu guter Uebung anzuhalten.\" Er bekam\ngar 1000 Gulden. Von Anweisungen über Mitwirkung\nbeim Gottesdienste in den Kirchen ist selten mehr die Rede,\nzum Theil wohl desshalb, weil den Engländern nur die\nweltliche Musik geläufig war. Man kann also hierin ihren\nEinlluss wahrnehmen; ebenfalls in der zunehmenden Be-\nliebtheit der Saiten-Instrumente, auf denen sie Meister wa-\nren. Auch die wiederholt als gutes Deutsch gebrauchte Be-\nzeichnung „Musical Instrumenoffenbart die herr-\nschend gewordene Vorliebe für englische Musik und Musi-\ncanten. Und so dürfen wir den Engländern zu einer Zeit,\nwo die Kunst aus eigenen Mitteln bei uns nicht fort wollte,\neinigen Einlluss auf Norddeutschland beimessen. Dieser\nhört aber mitdemüberhandnehmendenKriege\nsowohl für die Musik wie für das Drama voll-\nständig auf; denn nach dem Kriege, als die Kunst all-\nmählich wieder Muth fasste, sah man nicht mehr nach Eng-\nland, sondern nach Frankreich und Italien."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-11-10-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-11-10_01#c002", "volume": "bmtnabi_1855-11-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "256", "page_fin": "258", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551110-01.2.2", "titre_corps": "Berliner Briefe.", "titre_sommaire": "Berliner Briefe.", "signature_source": "G. E", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "256", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551110-01.1.4", "debut_caractere": 2074, "fin_caractere_exclue": 4933, "texte": "Berliner Briefe.\n\nj Idomeneo von Mozart „Das Wort des Herrn\", Ora-\ntorium von H. Küster Hiob, Oratorium von\nK. Löwe.]\nDen 4. November 1855.\nMozart's Idomeneo ging zur Feier des Geburtstages\ndes Königs in Scene und hat seitdem vier Aufführungen\nerlebt. Nicht bloss an unserer Bühne, deren Annalen nur\nvon einer einmaligen Einstudirung, im Jahre 1806, und\nsechs Wiederholungen berichten, sondern überhaupt hat\ndiese Oper fast gar keinen Anklang beim Publicum gefun-\nden. Zwar sind einzelne Ensembles und Chöre in Privat-\nkreisen häufig, hin und wieder auch in Concerten bis auf\ndie neueste Zeit zur Aufführung gekommen; Musiker und\nMusikgelehrte haben oft genug auf die ernste, edle Hal-\ntung des Ganzen, auf den musicalischen Reichthum in der\nBehandlung des Orchesters hingewiesen; Popularität aber\nhat der Idomeneo dessen ungeachtet nicht erringen können.\nAuch jetzt erwarten wir nicht, ihn lange Zeit auf der Bühne\nzu sehen; aber wir erkennen es dankbar an, dass die Wun-\nsche derer, die sich nicht damit begnügen können, Jahr\naus, Jahr ein dieselben Werke zu hören, berücksichtigt\nworden sind. Wir finden es sehr begreiflich, dass der\nNicht-Musiker, dem die Musik nur als Ganzes und in ihrer\nVerbindung mit dem Worte eine lebendige Bedeutung hat,\nwenig Vergnügen an dieser lang gedehnten Kette getrage-\nner Arien findet, in denen der Reiz charakteristischer und\ndramatischer Melodie sich noch nicht zu voller Blüthe ent-\nwickelt hat; er vermag es ja nicht, die hier und da zer-\nstreuten Gedanken des Genius unter der staubigen Hülle\nzu erkennen, die sie überall verbirgt. Für den Musiker\naber, ja, lür jeden tiefer Blickenden stellt sich das Verhält-\nniss anders. Mozart ist noch nicht frei von den Fesseln der\nGluck'schen und der italiänischen Tradition; aber um so\nreiner und ernster erscheint gerade in diesem Werke der\nIdealismus seines Strebens, der nichts Unedles, oberfläch-\nlich Gefallendes duldet, um so rührender die Sorgfalt, die\ner überall, wo seine Kräfte ihn weit genug tragen, der Aus-\narbeitung des Werkes gewidmet hat. So ist namentlich die\nOrchester-Behandlung, sowohl in den Recitativen als in\nden Arien, ausserordentlich reich und fesselnd; am wenig-\nsten entwickelt scheint uns die Behandlung des Gesanges,\nder es wohl nicht an melodischem Flusse, aber an drama-\ntischer Bestimmtheit fehlt; einzelne Ensembles und Chöre\nsind von solcher Vollendung, dass auch das grössere Publi-\ncum dadurch hingerissen wird. Die Ausführung der Oper\nwar nicht recht aus Einem Gusse, was wir indess den Sän-\ngern bei dem von der heutigen Gewöhnung vielfach ab-\nweichenden Stile derselben nicht zum Verbrechen anrech-\nnen wollen. In einzelnen Theilen leisteten die Damen Kö-\nster (Elektra), Wagner (Idamante) und T u c z e k (Ilia)\nrecht Befriedigendes.\nAus dem Gebiete der geistlichen Musik habe ich Ihnen\nYon zwei neuen Oratorien zu berichten. „Das Wort"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "257", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551110-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5289, "texte": "des Herrn\" von Hermann Küster (bereits durch\nfolgende Oratorien bekannt: „Die Erscheinung des Kreu-\nzes\", „Hermann der Deutsche\", „Johannes der Evange-\nlist\") kam in der Petrikirche zur Aufführung. Es zerfällt\nin drei Abtheilungen und stellt in diesen in didaktischer\nWeise* mit Bibelworten den Geist des Christenthums nach\nseinen drei wesentlichsten Momenten: Glaube, Liebe, Hoff-\nnung, dar. Obschon ihm so alles dramatische Interesse ab-\ngeht, so bieten sich doch in der biblischen Lehre gewisse\ninnere und abstracte Gegensätze dar; überdies hat der Com-\nponist, von dem zugleich die Bearbeitung des Textes her-\nrührt, mit einer gewissen Consequenz eine äusserlich man-\nnigfaltige Darstellung dieses rein geistigen Inhalts erstrebt.\nZwar hat er auch in dieser Beziehung, um der Kirchlich-\nkeit willen und wir geben ihm darin nicht ganz Unrecht\n—, auf die gewohnten Färbungen Verzicht geleistet, in-\ndem er sich nur der Orgel, der Posaune und der Harfe\nals begleitender Instrumente bedient; durch geschickten\nWechsel aber in der Behandlung dieser Instrumente, da-\ndurch ferner, dass einzelne Chöre, und zwar bald für weib-\nliche, bald für männliche Stimmen allein, gesun-\ngen werden, entsteht so viel Mannigfaltigkeit, dass wir das\ngewohnte Orchester nicht vermisst haben. Die Composition\nselbst ist nicht überall gleich; doch sind einzelne Chöre,\nnamentlich die vier ersten, des Werkes von würdiger Hal-\ntung, lebendiger Entwicklung und sinniger Empfindung.\nAber nicht stets bleibt der Componist auf dieser Höhe. Na-\nmentlich in den Solis und auch in einigen Chören, die das\nWesen der Liebe verherrlichen sollen, neigt er sich zu\neiner weichlichen und ans Triviale gränzendenMelodik hin;\ndas Ideale ist nicht ohne Kampf und Gegensatz denkbar,\nund die wahre Versöhnung, die wahre Liebe erscheint nur\nin der That, nur in der Besiegung des Kampfes; mit der\nabstracten Versicherung der Liebe ist es nicht gethan.\nWie wir hören, wird das Werk zu Ostern noch einmal\naufgeführt werden, und wir wünschen es dem Componisten,\nder mit ernstem Streben ein reines, edles Gemüth verbin-\ndet. Auch diese Eigenschaften wollen wir in der Kunst\nnicht gering achten.\nDas zweite Oratorium, über das ich Ihnen zu berich-\nten habe, ist der „Hiob\" von Karl Löwe. Auch die\nfrüheren Oratorien Löwe's, obschon sie sowohl in der mu-\nsicalischen als in der dilettantischen Welt nur bedingte An-\nerkennung gefunden haben, sind dennoch in weite Kreise\ngedrungen und unseren Gesang-Vereinen zu einer wichti-\ngen Stütze iür ihre Uebüngen geworden. Ich glaube mich\nnicht zu irren, wenn ich den Hiob für das beste Oratorium\nLöwe's erkläre, für dasjenige, in dem er am originellsten,\nam phantasiereichsten erscheint. Zwar finden wir auch in\ndiesem Werke die Idee des Oratoriums, das vor allen Din-\ngen des breiten und gesättigten Ausdrucks allgemein\nmenschlicher Empfindungen bedarf, nicht erreicht; zwar\nfinden wir manche Längen, manche Trivialitäten: aber im\nEinzelnen enthält es so viele lebendige Gemüths- und Si-\ntuations-Schilderungen, so viele eigenthümliche musicalische\nZüge, dass man, wenn nicht befriedigt, so doch lebhaft an-\ngeregt wird. Löwe ist eine für sich abgeschlossene Indivi-\ndualität, die in der Musik-Geschichte unseres Jahrhunderts\nihren bestimmten Platz einnimmt und eben so wenig wird\nübersehen werden können, als man z. B. in einer vollstän-\ndigen Literatur-Geschichte die Balladen-Literatur übersehen\nkönnte. Sein Talent ist weniger das der musicalischen\nDurchführung, die alle Hülfsmittel der Modulation, der Va-\nriation, der Rhythmisirung, der Polyphonie verwendet, um\naus der Einheit die Mannigfaltigkeit und den Kampf zu er-\nzeugen ; auch nicht die rein musicalische Erfindung ist seine\nGrösse; sondern dies, dass er für die oft sehr eigenthümli-\nchen und nicht auf der allgemeinen Heerstrasse liegenden\nStimmungen eines Gedichtes den richtigen und zugleich den\nwärmsten, sinnlichsten Ton trifft, ist sein Verdienst. Auch\nhierin liegt etwas von musicalischer Erfindung, die man nur\ndarum nicht als solche fühlt, weil die weitere Entwicklung\nnicht nach rein musicalischen Gesetzen vor sich geht, son-\ndern ein musicalischer Gedanke, wie es der Fortgang des\nGedichtes mit sich bringt, den anderen verdrängt; und ob-\nschon nicht an dem Mangel an Einheit leidend, sind Löwe's\nBalladen doch nicht nach streng musicalischer Notwendig-\nkeit zusammengefügt; sie verdanken ihre Einheit nur der\nWiederkehr der Hauptgedanken und der Gleichmässigkeit\nder Stimmung. Wäre Wagner's Kritik der Geschichte der\nMusik streng und wissenschaftlich, so hätte er nicht über-\nsehen können, dass sein Grundsatz, die Musik solle nur\nMittel des Ausdrucks sein, von Löwe mit grosser Schärfe\nund Consequenz befolgt worden ist; er hätte ferner an\nLöwe lernen können, dass die Einseitigkeit dieses Grund-\nsatzes nicht ohne Gefahr ist. So zeigt sich denn auch in\ndem Hiob überall der Mangel musicalischer Technik als stö-\nrend, wo es sich um den Ausdruck einfacher lyrischer Em-\npfindungen handelt, wo die Musik also darauf angewiesen\nist, aus sich selbst die Mannigfaltigkeit und den Gegensatz\nhervor zu bringen. Meistens wird Löwe bei diesen Momen-\nten des Textes, die der Natur der Sache gemäss dem Chor\nzufallen, breit und langweilig; auch die grösseren Arien\nleiden daran. Am interessantesten sind die Recitative, und"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "258", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551110-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 914, "texte": "unter den Chören und Arien diejenigen, in denen eine ganz\nbestimmte Färbung der Situation dem Componisten zu\nHülfe kam, z. B. die Erscheinung Jehovah's im Gewitter,\nin der sich die Musik zu grosser dramatischer Lebendigkeit\nund Eindringlichkeit erhebt; das Gesicht des Eliphas, wo\ndem Freunde Hiob's Weisheitsreden in nächtlich unheim-\nlicher Stille, düster und gespenstig, ertönen. Als ein Cu-\nriosum hebe ich hervor, dass die drei Freunde Hiob's mit\neinem sehr geschickt gearbeiteten und ausdrucksvollen drei-\nstimmigen Recitativ auftreten. Da diese mehr recitativisch\ngehaltenen oder kurz charakteristischen Sätze einen grossen\nTheil des Oratoriums ausfüllen, so erlahmt unsere Theil-\nnahme nicht; doch rathen wir für spätere Aufführungen\nzur Kürze.\nNoch bleibt ein sehr reicher musicalischer Inhalt aus\nanderen Concert-Aufführungen zur Besprechung übrig, den\nich für meinen nächsten Brief aufheben muss.\n\nG. E."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-11-10-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-11-10_01#c003", "volume": "bmtnabi_1855-11-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "258", "page_fin": "258", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551110-01.2.3", "titre_corps": "Das Musikfest zu Heresford.", "titre_sommaire": "Das Musikfest zu Heresford.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "258", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551110-01.1.6", "debut_caractere": 916, "fin_caractere_exclue": 4515, "texte": "Das Musikfest zu Heresford.\n(Um der Geschichte gerecht zu werden, da es ein Theil\nder Aufgabe der Niederrheinischen Musik-Zeitung ist, auch\ndie grossen Musik-Aufführungen im Auslande in ihre Jahr-\nbücher einzutragen, geben wir eine durch Zufall etwas ver-\nspätete Correspondenz über das Fest in Heresford, welches\ndem zu Birmingham unmittelbar vorherging—vgl. Nr. 37\nvom 15. Sept. d. J.—, jedoch nur in gedrängtem Aus-\nzuge, zumal da diese englischen Musikfeste mit wenigen\nAusnahmen fast immer dasselbe bringen. Die Redact.)\nIn den Tagen vom 22. bis 25. August fand das dies-\njährige Musikfest in Heresford Statt. Die beiden unver-\nmeidlichen Oratorien, der Elias und der Messias, wurden\nmit bedeutenden und meist tüchtigen Kräften in der Ka-\nthedrale aufgelührt, was doch einen ganz anderen Eindruck\nmacht, als wenn man dieselbe Musik im Concertsaale hört.\nEs ist sehr lobenswerth, dass die Orthodoxie der Geistlich-\nkeit die Kirchen in England den musicalischen Aufführun-\ngen nicht verschliesst ;zu bedauern aber ist, dass die Ein-\ntritts-Preise so hoch gestellt werden, dass die Erbauung\nund der Kunstgenuss dennoch ein ausschliesslicher bleibt\nund nicht ins Volk dringen kann. Selbst in den Seitenschif-\nfen der Kirche, wo man schlecht hört, musste man seinen\nPlatz noch mit 3 Shill. 6 Pence erkaufen! Trotzdem füll-\nten bei der Aufführung des Messias 1111 Personen die\nKathedrale. Ausserdem wird noch an denThüren fürWohl-\nthätigkeits-Anstalten gesammelt, was dieses Mal eineTotal-\nsumme von 800 Pf. St. einbrachte, die aber wegen ihrer\nGeringlügigkeit (über 5000 Thlr.!) im Vergleich zu den\nfrüheren Einnahmen allgemeine Verwunderung erregte.\nEs ist bekannt, dass das englische Publicum das Ora-\ntorium mit grosser Ruhe, Geduld, Sammlung, ja, wirklicher\nAndacht anhört; wie stimmt aber dazu der laute Beifall in\nder Kirche, und sogar auch hier die abscheuliche Sitte des\nDa-capo-Verlangens? Gab doch sogar der Bischof von He-\nresford stets die Losung dazu! So mussten z.B. im Messias\nvier Arien wiederholt werden. Die Soli in diesem Orato-\nrium waren diesmal —ein seltener Fall ausschliesslich mit\nEngländern besetzt. Auch der Dirigent, Mr. Townshend\nSmith, war ein Engländer. Seine Leitung war nicht eben\nausgezeichnet, namentlich bei den Instrumentalsachen. Diese\nwerden jedoch auf unverantwortliche Weise bei den engli-\nschen Musikfesten vernachlässigt; ein paar Ouvertüren\n(Weber's Jubel-Ouverture, Sterndale Bennet's Wald-Nym-\nphe) und eine einzige Sinfonie von Mozart war alles, was\nman von reiner Orchester-Musik in den sieben Concerten\ndieser Festtage hörte.\nDagegen wird gesungen und gesungen am Mittag und\nam Abend; alles, was irgend einen Namen hat, muss heran,\nwenn auch mit schwerem Gelde erkauft. Da flötet und\ntrillert und girrt, oder donnert und brüllt dann jede Cele-\nbrität ihr Paradestück herunter, z. B. Miss Dolby ihr „\ntheseau, die Grisi ihre „ Casta diva\", die Novello ihren\n„Ocean, du Ungeheuer\", Mario seinen „Tesoro\" u. s. w.;\naber das ellenlange Programm sättigt doch noch nicht,\nes ras't das Volk und will sein Opfer haben\nes muss die Hälfte der Nummern zweimal hören! An einen\nhöheren, wahrhaft edeln Kunstgenuss, an ein Mitempfinden\nund Mitleben in den Tonschöpfungen ist da freilich nicht\nzu denken; es ist eitel Schwelgerei und Luxus. Und doch\nerhoben sich dieselben Schwelger wieder bei vier Chören\ndes Messias alle von ihren Sitzen und hörten sie stehend an 1\nNoch wollen wir erwähnen, dass der Wunderknabe\nArthur Napoleon in zweien von den gemischten Con-\ncerten mit grossem Beifalle einige Bravoursachen von Thal-\nberg, Liszt und Mendelssohn gespielt hat."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-11-10-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-11-10_01#c004", "volume": "bmtnabi_1855-11-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "258", "page_fin": "259", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551110-01.2.4", "titre_corps": "Zwietes Gesellschafts-Concert in Köln im Casinosaale.", "titre_sommaire": "Zwietes Gesellschafts-Concert in Köln im Casinosaale.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "258", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551110-01.1.6", "debut_caractere": 4517, "fin_caractere_exclue": 4761, "texte": "Zwietes Gesellschafts-Concert in Köln\nim Casinosaale.\nDinstag, den 6. November.\nDie Ouvertüre Op. 115, C-dur, von Beethoven; Concert\nfür Violine und Orchester in E-moll von Ed. Frank,\ngen von Herrn Concertmeister Th. Pixis; Sopran-Arie in H aus"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "259", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551110-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3824, "texte": "Mendelssohns Elias, gesungen von Fräul. Auguste Bren-\nken; Sinfonie Nr. IV. in B-dur von Niels W. Gade, und in\nder zweiten Abtheilung „Der Frühling\" aus J. Haydn's Jahres-\nzeiten bildeten das Programm.\nMit Vergnügen bemerkten wir bei der Ausführung der Ouver-\ntüre, des Violin-Concertes und der Sinfonie, dass das Orchester be-\nreits wieder einen grossen Schritt vorwärts auf der Bahn zum ein-\nheitlichen und ausdrucksvollen Zusammenspiel gemacht hat. Die\ngenannten Insirumentalsachen gingen sehr präcis, und die Sinfonie\nvon Gade, in welcher besonders die Saiten-Instrumente sich unter\nder Anführung von Pixis glänzend hervorthaten, gab ein sehr ge-\nlungenes Bild dieser feinen und lieblichen Composition, welches\nauch das grosse Publicum sichtbar erfreute. Nur beim Gesänge, so-\nwohl der Arie aus Elias als der Soli in den Jahreszeiten (wo es auch\neinmal an Präcision fehlte), war mehr Discretion in der Begleitung\nzu wünschen. Ein Orchester, welches viel im Theater einer Privat-\nUnternehmung spielen muss, ist dadurch leicht der Gefahr ausge-\nsetzt, die Aufmerksamkeit auf den feineren Ausdruck zu vernach-\nlässigen; es hat sich vor dem materiellen Abspielen der Noten zu\nhüten, wozu die Theater-Verhältnisse in der Provinz nur gar zu\nleicht verführen.\nDas Violin-Concert in E-moll von Ed. Frank ist eine\nsehr schöne, durchweg edel gehaltene Composition; es hat drei\nSätze, von denen der langsame mittlere durch einen überraschen-\nden Uebergang mit dem Finale zusammenhängt. Wiewohl diese\nbeiden letzten Sätze das Publicum am meisten ansprachen das\nAndante ist besonders eine reizende Schöpfung —so müssen wir\ndoch dem ersten Satze in Idee und Durchführung, in Erfindung\nder Motive und in Verwebung derselben, theils durch die Solo-\nVioline, theils durch die einzelnen Blas-Instrumente, zu einem\nschönen Ganzen von echt romantischer Farbe und tief poetischer\nStimmung, die Krone zuerkennen. Dürften wir einen Wunsch\näussern, so wäre es nur der nach einer Verkürzung der Cadenz\nauf dem langen Orgelpunkte gegen den Schluss hin und nach einer\ntheilweisen Beseitigung einzelner Schwierigkeiten der Solo-Partie,\nwelche uns wenigstens bei einmaligem Anhören nicht gerade\nwesentlich zum Charakter des Ganzen zu gehören schienen, und\nwelche nicht immer von anderen Spielern mit solcher Virtuosität\nüberwunden werden dürften, wie von Herrn Concertmeister Pixis,\nder sich durch den vortrefflichen Vortrag rauschenden Beifall und\nwohlverdienten Hervorruf erwarb.\nFräulein Auguste Brenken aus Soest in Westfalen, wie\nwir hören, eine Schülerin des Herrn Götze in Leipzig, sang die\nArie „Höre, Israel4' von Mendelssohn und die Sopran-Partie in\nHaydn's „Frühling\". Sie besitzt eine schöne, klare, volle Sopran-\nstimme yon bedeutendem Umfange und lobenswerther Egalität; ihre\nIntonation ist rein und sicher, und vermöge aller dieser Eigenschaf-\nten gelang es ihr denn auch, selbst durch den Vortrag jener etwas\narg monotonen und nur an ein paar Stellen des Allegro's sich zu\neinigem Schwung erhebenden Arie lebhaften Beifall zu erringen.\nDesto leuchtender strahlte ihr Ton in Haydn's Musik. Fräul. Bren-\nken wird sicher auf der Bühne eine Laufbahn machen, sie hat alle\nnöthigen Eigenschaften dazu; diese bedürfen nur der völligen Ent-\nwicklung und Ausbildung, wodurch dann auch ihr Gesang an Ein-\ndringlichkeit und Ausdruck gewinnen wird.\nDie Tenor- und Bass-Solo-Partieen waren bei den Herren A,\nPütz und M. DuMont-Fier in guten Händen; der vortreffliche\nVortrag der Arie „Schon eilet froh der Ackersmann\" erwarb Letz-\nterem eine lebhafte Beifallsspende, was hier bei Solostücken in-\nmitten eines Oratoriums etwas Seltenes ist. Der Chor war sehr\nzahlreich und in Kraft und zartem Ausdrucke gleich vorzüglich.\nDer Eindruck der Haydn'schen Musik war, wie das bei einer un-\nverbildeten Zuhörerschaft stets der Fall ist, ein bezaubernder."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-11-10-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-11-10_01#c005", "volume": "bmtnabi_1855-11-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "259", "page_fin": "260", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551110-01.2.5", "titre_corps": "Aus dem Taunus.", "titre_sommaire": "Aus dem Taunus.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "259", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551110-01.1.7", "debut_caractere": 3826, "fin_caractere_exclue": 6881, "texte": "Aus dem Taunus.\nAuf meinen Herbst-Streifereien durch den Taunus, bei denen\nes mir mehr um frische Luft und Natur zu thun ist, als um Kunst,\nmehr um das Echo der Berge und das Wehen des Windes in den\nWipfeln der Bäume, als um Musik zwischen vier Wänden, nehme\nich denn doch an den Abenden, die täglich länger werden, gern\nein Concert oder eine Oper mit in den Kauf, wenn sie nämlich\nnicht zu theuer sind. In Frankfurt war von Oper und Theater\nnoch nicht die Rede doch nein! es war sehr viel die Rede da-\nvon, d. h. im eigentlichen Sinne; im uneigentlichen aber meine\nich damit, dass' das Haus noch im Ausbau und in der Aus-\nschmückung des Innern begriffen war, folglich keine Vorstellungen\nStatt fanden. Geredet wurde aber viel von der Zukunft, nicht der\nWagner'schen, sondern der viel näheren, von welcher das lebende\nGeschlecht noch Gewinn ziehen soll, wenn es anders dazu aufge-\nlegt ist von der Zukunft des Theaters der freien Stadt Frankfurt,\nwelche Herr Roderich Benedix als Intendant herauf führen\nwird. Wie ich vernahm, war schon ein Theil des neuen Personals\nengagirt, und man hatte, um dasselbe nicht ganz unbeschäftigt zu\nlassen, vier Abonnements-Concerle im Saale des Hotels Weiden-\nbusch veranstaltet. Ich fand das erste auf meinem Wege, und be-\ngab mich zur festgesetzten Stunde in den gedachten Saal, in wel-\nchem die Akustik sehr rein ist, Wände, Decke und Fussboden\naber, wahrscheinlich des Contrastes wegen, den Zuschauer in Un-\ngewissheit darüber lassen, was sie bei ihrer Entstehung für eine\nFarbe getragen.\nDie frische, jugendliehe Stimme des Fräuleins Veith aus Köln\nüberraschte mich und das Publicum auf die erfreulichste Weise;\nneben einer sehr lieblichen Erscheinung und einem durchweg glei-\nchen und wohlklingenden Timbre der Stimme entwickelte die\njunge Künstlerin in einer Arie aus den Puritanern auch eine so\nbedeutende technische Fertigkeit, dass schallender Beifall nicht aus-\nbleiben konnte. Kurz nachher trat Fräul. Bertha Johannsen,\nebenfalls engagirtes Mitglied, auf und machte mit ihrer\nkräftigen Stimme und dem echt dramatischen Vortrage der grossen\nScene der Agathe im Freischütz wahrhaft Furore und mit Recht.\nAuch der Bariton, Herr Pichler, erwarb Beifall, so dass gleich\ndieses erste Concert ein sehr günstiges Vorurtheil für die zu er-\nwartende Oper erregte.\nZu einer guten Oper gehört aber auch ein gutes Orchester. Die\nOuvertüre zu Don Carlos von F. Ries, eines seiner besten Werke,\nzeigte, dass im frankfurter Orchester recht gute Kräfte sind; allein\ndie Ausführung der Musik von Beethoven zu Göthe's Egmont,\nwelche den zweiten Theil des Concertes füllte, erregte in mir be-\ndeutende Zweifel darüber, ob diese Kräfte durch den Dirigenten\nso ausgebildet und geleitet würden, dass ihre Gesammtleistung das\nOrchester zu dem Namen eines Kunst-Institutes berechtigen\ndürfe. Ich bemerkte gar auffallende Missgriffe, nicht nur in der\nAuffassung und den Tempo-Bestimmungen dieser wundervollen\nMusik, sondern auch in Bezug auf Dinge, welche jeder Musik-Di-\nrector wissen sollte, nämlich, dass die Schwänze, welche vielen"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "260", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551110-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1611, "texte": "Nummern angehängt sind, gar nicht von Beethoven herrühren; trotz-\ndem wurden sie hier wieder präsentirt! So viel ich mich erinnere,\nhat vor Kurzem ein Aufsatz in Ihrer Niederrheinischen Musik-\nZeitung über diese Musik und deren Aufführung gestanden; warum\nrichtet man sich nicht danach?*)\nIn Wiesbaden habe ich auch allerlei Musik gehört, meist\ngute, mag aber Ihrem Herrn Berichterstatter von dort nicht vor-\ngreifen. Aus Schlangenbad muss ich Ihnen aber erzählen von\neinem merkwürdigen Concerte in der Rotunde des Curhauses,\nwelches ein einziger Musiker vor einer vornehmen Gesellschaft\ngab, die zwar nicht zahlreich, aber sehr aufmerksam war. Also\nein Pianist? Richtig. Herr Wilhelm Wülfinghoff trug in vier\nAbschnitten fünfzehn Ciavierstücke vor! Allein er hatte so viel\nAbwechslung in sein Programm gebracht und führte es mit so in-\nteressantem Vortrage und grosser technischer Gewandtheit durch,\ndass man sich in dem aristokratischen Familien-Cirkel ganz wohl\nund heimisch fühlte. Sehr überraschend, aber für beide Theile\nehrenvoll, für den Spieler und die Zuhörer, war es, dass Herr\nWülfinghoff lauter gute, meist classische, Musik vortrug in\neinem Badeorte und vor lauter hohen Herrschaften! ; denn Beet-\nhoven und die Pathetique), Mendelssohn (Lieder\nohne Worte), Chopin, Henselt, Field u. s. w. zierten das Pro-\ngramm; von Kunststücken gab Herr Wülfinghoff nur Eines zum\nBesten, Wfllmer's Lied von Reichardt für die linke Hand allein,\ndas er mit Fertigkeit und Ausdruck ausführte. ln Hornburg\nviel Virtuoserei, doch ein hübsches Orchester; sonst hauptsächlich\nKlang des Metalls an den Spieltischen. ***"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-11-10-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-11-10_01#c006", "volume": "bmtnabi_1855-11-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "260", "page_fin": "260", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551110-01.2.6", "titre_corps": "An die Redaction der Niederrh. M.-Z.", "titre_sommaire": "An die Redaction der Niederrh. M.-Z.", "signature_source": "Ferdinand Hiller", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "260", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551110-01.1.8", "debut_caractere": 1613, "fin_caractere_exclue": 4458, "texte": "An die Redaction der Niederrh. M.-Z.\nFerdinand Hiller.\nIn der letzten Nummer Ihres geschätzten Blattes wird des Ros-\nsini'sehen Stabat Mater Erwähnung gethan, mit der Bemer-\nkung, auch die von mir mitgetheilten Aeusserungen des berühmten\nMaestro klärten nicht vollständig darüber auf, ob jede fremde\nZuthat aus jener Composition auch ausgemerzt worden sei. Ich habe\nnur wenige Worte von dem gegeben, was mir Rossini darüber ge-\nsagt, weil der Hergang der Veröffentlichung des Stabat schon viel-\nfach besprochen worden. Aber auch die kleinen übrig gebliebenen\narchäologischen Zweifel werden verschwinden nach der Erzählung\nfolgenden kleinen Vorganges, dessen ich in den Plaudereien keine\nErwähnung gethan, um den wackeren Tadolini nicht zu verdriessen.\nEs ist indessen im Grunde eine zu unschuldige Sache und würde\nzur Veröffentlichung vielleicht auch zu geringfügig sein, wenn sie\nnicht aufs vollständigste \"zeigte, dass Rossini jeden Antheil Tado-\nlini's an seinem Stabat mit Stumpf und Stiel ausgemerzt.\nUnmittelbar vor der ersten Aufführung des Stabat nämlich, wel-\nche im Hause des Verlegers Xroupenas vor einem gewählten Kreise\nam Pianoforte Statt gehabt, hatte Tadolini unter dem Siegel des\nGeheimnisses Lablache; anvertraut, drei Stücke in dieser Compo-\nsition rührten von ihm, Tadolini, her. Herr Lablache, dem in der\nvordersten Reihe ein Ehrenplatz aufbewahrt worden, hatte hierauf\nTadolini gebeten, sich nicht allzu fern von ihm zu halten, und so-\nbald eines der von ihm componirten Stücke beginnen werde, ihm\ndies durch ein leises Kopfnicken anzudeuten. Der erste Chor hebt\nan, Lablache wirft einen Blick auf Tadolini; dieser aber schüttelt\nden Kopf; statt ihn bejahend zu verneigen. Bei der folgenden Num-\nmer schielt der Sänger wieder nach dem geheimen Componisten;\naber auch diesmal erhält er ein langsames Schütteln zur Antwort\nBei dem dritten Stücke neuer Blick und neues Schütteln; und „so\nging es natürlich fort bis ans Ende,\" sagte Rossini, „wo der arme\nTadolini, der von der Verdrängung seiner Compositionen nichts\ngewusst, etwas verwirrt vor Lablache da stand, bis die Sache sich\ndurch das Hinzukommen von Troupenas aufklärte. Man muss aber\ndiese stille Scene von Lablache darstellen sehen, um sie trotz ihrer\nUnbedeutewheit nie zu vergessen,\" setzte Rossini hinzu, „Sie kennen\nsein unvergleichliches komisches Genie, mit welchem er der klein-\nsten Begebenheit eine heitere und charakteristische Seite abzuge-\nwinnen weiss.\"\nDass Rossini's Stabat in seiner jetzigen Form ganz und gar von\nRossini herrührt, scheint mir über allen Zweifel fest zu stehen.\nErgebenst\n*) Der gedachte Aufsatz steht allerdings in Nr. 6 vom 6.\nAugust 1853. Allein was kann das helfen? Sie sind sehr\nkühn, verehrter Herr Correspondent, wenn Sie die Voraus-\nsetzung hegen, dass die Herren Musik-Directoren musicalische\nZeitungen lesenl Die Redaction."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-11-10-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-11-10_01#c007", "volume": "bmtnabi_1855-11-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "260", "page_fin": "260", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551110-01.2.7", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "260", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551110-01.1.8", "debut_caractere": 4460, "fin_caractere_exclue": 5685, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nH. Marschner, den wir beim dritten Abonnements-Con-\ncerte nebst seiner Gattin, geb. Jan da, hier in Köln begrüssen\nwerden, hat eine neue theatralische Composition von eigentüm-\nlichem Charakter vollendet. Es ist dies die Musik zu dem „Gold-\nschmied von Ulm\", einem dramatisirten Volksmärchen von Mo-\nsenthal, in drei Acten und in verschiedenen Tableaux. Ausser\neiner grossen Ouvertüre enthält die Partitur Lieder, Chöre und die\nHandlung und die Zauberwelt begleitende Musik. Wer den wun-\ndervollen Instrumentalsatz bei der Mondschein-Scene im Vampyr\nkennt und wer kennt ihn nicht? —, der wird wissen, was er\nvon Marschner in dieser Gattung der melodramatischen Musik zu\nerwarten hat. Das Werk ist dem Vernehmen nach von den Hof-\ntheatern zu Wien, Dresden und Berlin bereits angenommen.\nBerlin. Der Hofkirchen -Musik-Director Herr Emil Nau-\nmann, der in Dresden schwer erkrankt war, wird nächstens zu-\nrückkehren und sein Oratorium „Jerusalems Zerstörung durch Ti-\ntus'4 hier aufführen lassen. (Der Text ist von Herrn Geh. Postrath\nSchüller nach Kaulbach's Gemälde entworfen.)\nAls Gedächtnissfeier für Felix Mendelssohn führte der\nStern'sche Gesang-Verein dessen Oratorium „Elias\" am 8. d. auf."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "253", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551110-01.1.1", "texte": "Englische, französische und deutsche Musicanten im\nsiebenzehnten Jahrhundert am Hofe des Herzogs\nzu Mecklenburg-Güstrow.\nVon Dr. Chrysander.\nI.\nNachfolgende Mittheilungen bilden eine Ergänzung des\nauch in Nr. 39 und 40 dieser Zeitung abgedruckten Auf-\nsatzes über englische Komödien und über die ersten Opern\nin Norddeutschland, und vervollständigen besonders in mu-\nsicalischer Hinsicht das dort flüchtig gezeichnete Bild. Als\nurkundliche Mittheilungen aus einer noch so wenig erhell-\nten Zeit dürften sie ein etwas allgemeineres Interesse erre-\ngen und daher in einer Musik-Zeitung nicht am unrechten\nOrte stehen. Sämmtliche Acten befinden sich in dem „ Ge-\nheimen Haupt- und Staats-Archiv\" zu Schwerin.\nZwar sind es blosse Acten, Anstellungs- und Streit-\nGeschichten ; die Noten, die eigentliche Quelle für die Ge-\nschichte der Musik, fehlen gänzlich. Doch es ist gewiss,\nwenn auch noch viel zu wenig beherzigt, dass von vergan-\ngenen, abgeschlossenen Perioden der Tonkunst für uns\nnicht bloss die Compositionen Bedeutung haben, sondern\nebenfalls die damalige Musiklehre, wie auch die gesellschaft-\nliche Stellung der Tonkünstler, und dass Andeutungen über\nsolche Musik-Verhältnisse uns oft willkommener sein kön-\nnen, als ganze Stösse von alten Noten. Ich will meinen\nActen diesen Werth nun eben nicht beilegen; denn auch\ndie gedruckten und handschriftlichen Musicalien aus dieser\nZeit sind aus drei Ursachen sehr bedeutsam. Einmal konn-\nten der trübseligen Zeiten wegen wenige Sachen gedruckt\nwerden, und diese wenigen in nicht beneidenswerther Aus-\nstattung. Der Zustand war so arg, dass der grösste deut-\nsche Componist dieses ganzen Jahrhunderts, Heinrich\nSchütz, für seine besten Werke keinen Verleger fand\nund nur durch Unterstützung seines Fürsten (Georg 11. in\nDresden) und durch Beihülfe verschiedener Organisten als\nColporteure den Druck wagen konnte. „Erbärmlich und\nder Music nicht weniger als sonst andern freyen Künsten\nwiedrieg\" nennt er im Vorworte zum zweiten Theile sei-\nner Symphoniae Sacrae (Dresden, 1647) die Zeiten, und\nschon 1636, im Vorworte zum ersten Theile seiner Klei-\nnen Geistlichen Concerten, klagt er: „WElcher gestalt vn-\nter andern freyen Künsten, auch die löbliche Music, von\nden noch anhaltenden gefährlichen Kriegs-Läuflten in vn-\nserm lieben Vater-Lande, Teutscher Nation, nicht allein in\ngrosses Abnehmen gerathen, sondern an manchem Ort\ngantz niedergeleget worden, stehet neben andern allgemei-\nnen Ruinen vnd eingerissenen Unordnungen, so der vnse-\nlige Krieg mit sich zu bringen pfleget, vor männigliches\nAugen, ich erfahre auch solches wegen etzlicher meiner\ncomponirten Musicalischen Operselber, mit welchen ich\naus Mangel der Verlegere biss anhero, wie auch noch an-\njetzo, zurückstehen müssen, biss vielleicht der Allerhöchste\nbessere Zeiten förderlichst gnädig verleyhen wolle.\"\nZweitens ist Vieles verloren gegangen, und das Meiste\nhöchst selten geworden. Es ist das gewöhnliche Schicksal\naller Uebergangs-Perioden, dass man ihre Erzeugnisse nicht\nmehr achtet, sobald das Bessere da ist. Für die Geschichte\nist solches aber ein grosser Verlust, und man sollte end-\nlich einmal statt des in die Mode gekommenen sechszehn-\nten das siebenzehnte Jahrhundert ins Auge fassen und ret-\nten, was noch zu retten ist. Denn drittens sind die Com-\npositionen dieser Zeit eben desshalb so wichtig, weil in\nihnen alle wirklichen Anfänge unserer neuen Tonkunst ver-\nborgen liegen. Dieses zur Andeutung und, wär's möglich,\nzur Anregung; an einem anderen Orte werde ich bald Ge-\nlegenheit haben, ausführlicher darauf einzugehen.\nUm 1700, so viel ist schon aus den vorhergegange-\nnen Aufsätzen zu entnehmen gewesen, blühte auch in\nDeutschland allgemein die Oper, die „theatralische\" Com-\npositionsweise. Die Oper als ein aus gar verschiedenen Be-\nstandtheilen bestehendes Kunstwerk erfordert aber nicht\nbloss zu ihrer jedesmaligen Hervorbringung das Zusammen-\nwirken Mehrerer, sondern ihre erste Entstehung setzt noth-\nwendig schon eine bedeutende Ausbildung der einzelnen zü\nihr gehörenden Kunstzweige voraus. Man hat nun bisher"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "254", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551110-01.1.2", "texte": "nicht einmal die Vermuthung gewagt, dass solche Ausbil-\ndung in erheblichem Maasse schon im siebenzehnten Jahr-\nhundert in Deutschland Statt gefunden, und doch lässt es\nsich allenthalben urkundlich nachweisen und dadurch lür\ndiese erste Oper eine weit bessere Ansicht, als jetzt herr-\nschend ist, begründen. Was man schon in der Zeit be-\nmerkt hat, welche unmittelbar Mozart voraufging, die Aus-\nbildung einzelner Zweige, ist in ähnlicher Weise schon im\nsiebenzehnten Jahrhundert nachweisbar. Von diesem Ge-\nsichtspunkte aus betrachtet, gewinnen dürftige Notizen Le-\nben und Bedeutung.\n1. Engländer.\nDie ausgestorbene Linie Güstrow hatte in dieser Zeit\nin Mecklenburg die beste Capelle und that dafür, was die\nUmstände nur irgend erlaubten. In Güstrow waren zu\nAnfange des dreissigjährigen Krieges und früher auch M u-\nsicanten aus England, nämlich aus London, theils be-\nsuchsweise, theils im wirklichen Dienste anwesend. Wahr-\nscheinlich sind auch die englischen Komödianten dort\ngewesen, da sie in dem nahen Rostock waren; doch fehlen\ngewisse Zeugnisse. Während die Italiäner anfingen, den\nSüden Deutschlands sich zu Nutze zu machen, durchstreif-\nten die Engländer den Norden, und merkwürdig bleibt,\ndass sich diese fremdländischen Kunstbanden in unserem\nVaterlande herumtrieben unmittelbar vor den Kriegsban-\nden her. Hat denn Piaton nicht Recht, wenn er lehrt, dass\nmusicalische Umwälzungen auch immer politische im Ge-\nfolge haben ? Wir wollen es dahingestellt sein lassen. Aber\nso viel erhellt: Deutschland war damals ein Land lür Frei-\nbeuter.\nIn England war zu Shakespeare's Zeit besonders die\nInstrumental-Musik in einem blühenden Zustande. Es sind\ndaher auch lauter Instrumentisten, denen wir hier begeg-\nnen. Zuerst, freilich nicht als den Frühesten der Zeit nach,\nnenne ich den Wilhelm Daniel, Musikmeister von Lon-\ndon, welcher dem Herzog für 60 Thaler seinen Lehrjun-\ngen abtrat. Die Bescheinigung darüber lautet:\n„Nachdem, dem Hochwürdigen, Durchlauchtigen, Hoch-\ngebornen Fürsten und Herren, Herrn Hans Albrech-\nten, Coadjutoren des Stifllts Ratzeburgk, Hertzog zu Me-\nchelburgk etc. Meinem gnädigsten Fürsten und Herren, uff\ndero Fürstl. gnaden Begehren, ich unten benanler Wil-\nhelm Daniel von London den Richart Qvicken Musi-\ncant Jungen, welcher mir uff N e u n Jahr in die Lehre ver-\nschrieben und also noch Viertehalb Jahr, von dato an zu\nrechnen, bey mir hatte zu lernen gehabt, gegen 60 Rthlr.,\nwelche ich auch auss I. F. G. Durchl. Rent-Kammer alhier\nrichtig empfangen, mit sein des Richart Qvicken Bewilli-\ngung uff solche Vierte halb Jahr in Vnterthenigkeit Über-\nlassen und abgetretten habe, als haben I. F. G. Durchl.\ndahero vollenkommen macht und gewaldt, Sich desselbigen\nMusicant Jungens Richart Qvicken und seiner Dienste sol-\nche Zeit über Ihres gefallens zu gebrauchen, In massen\ndan auch derselbige dess Unterthenigen erbietens I. F. G.\nD. nach Verflossenen mehrgedachten Viertehalb Jahren\nwan I. F. G. D. seiner begehren werden, gegen bil liehen\nUnterhalt vor andern herren als ein Musicant weiters zu\ndienen und auff zu warten. Zu mehren Urkundt habe ich\ndieses Bekentnis nebenst gedachten Richart Qvicken, mit\neigenen banden wohl bedechtlich und freywillig Unterschrie-\nben. Datum Güstrow, den 11. January Anno 1623.\"\nDieser Verschreibung ist eine deutsche Uebersetzung\ndes in London wegen dieses Burschen gemachten Lehr-\nContractes beigelügt. Derselbe folgt hier vollständig, und\nersieht man aus diesem merkwürdigen und drolligen Acten-\nstücke, unter welchen Bedingungen damals jemand in Lon-\ndon das musicalische Handwerk ergreifen konnte.\n„Dises Zeugnus gibet zuerkennen, dass sich Richardt\nQuikh, Hanss Quikhen Burgers und Gewandschneiders in\nLondon Sohn, zu einem leer Jungen, bey Wilhelm Danie-\nlen Burgern und Musicanten zu London Selbsten eingestel-\nlet hat, desselben Kunst zu erlehrnen: und bey ihm (nach\naart der lehriungen) zu dienen von dem Fest Tag ahn [an]\nder Geburt unsers Erlösers jüngsthin, bis zu dem vollen\nend und termin neüner Jahr lang, welliche von der Zeit\nahn volkömlichen bis zu ende gehalten werden sollen;\nwelliche Zeit über gemelter Lehriung seinen Lehr Meister\ntreulich dienen solle, seine [d. i. des Meisters] heimligkheit\nverschweigen, seinen gebührlichen begehren in allem willig\nnachkommen. Seinem lehr-Meister keinen schaden zulügen,\nnoch zu sehen daz ihm sollicher von andern zugelügt werde,\nsondern daz er solliches eüsserst seines vermügens unter-\nlasse, oder seinen Meister hierinn gewarne; Er solle seine«\nLehr Meisters gut nit verwahrlosen, oder ungebührlicher\nweis einem andern aussleihen; Er solle keinen Diebstal be-\ngehen, noch sich in wehrender Zeit in Heurat einlassen. Er\nsoll nit mit Karten, würfllen oder im Bredt-spilen, oder\nsich einigerley unzulessüchen spiles gebrauchen, wardurch\nsein Meister einiges weges verlustigk werden möchte: Er\nsolle auch weder ömb sein eigen gelt oder anderer inner-\nhalb gemelter Zeit ohne erlaubnis seines Lehr Meisters\netwas kauffen noch verkauften; Er solle die Schenkhhäuser\nnit besuchen, noch sich unrechtmassiger weise weder bey\nTag noch bey Nacht von seines Meisters Diensten absentiren,"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "255", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551110-01.1.3", "texte": "Sonder er solle sich in allem und jedem als einem getrewen\nlehriungen wol anstehet, gegen seinem lehrmeister und der\nseinigen, so lang die Zeit seiner lehr Jahr wehret, verhal-\nten. Entgegen solle sein lehr Meister in obgemelter seiner\nKunst ihme nach all seinem besten vermugen [Vermögen]\nmit gebürlicher instruct- und correction unterweisen und\nlehren, beynebenst ihn auch mit Essen, Drinkhen, Klei-\ndung, Losierung, und aller anderen nothwendigkheit, nach\ngebrauch der Stadt London, gemelter Zeit über versehen.\nSolliches allens in gemein und besonders festigklich zu hal-\nten, haben sich obgemelte beide gegen einander\nmit eigener hand und Sigel verbunden, den 21. Jan. Ao.\nChi. 1616 im 14n. Jahr der Regierung unsers Allergnä-\ndigsten Königs Jacobs 11. George Rickner. George Soro-\nmersett.\"\nZehn Jahre früher, 1613 im August, wurden hier die\nersten englischen Musicanten in Dienst genommen: zwei\nStück; denn es findet sich ein „Verzeichnuss, was Unser\nGnediger Fürst und Herr den beiden Englischen Mu-\nsicanten zum jährlichen Depso lange dieselben in\nS. F. G. untertenigen Dienste, auss gnaden Vermacht\",\nvon Hans Albrecht eigenhändig unterschrieben. Von dem\nEinen finden sich auch Namen und Bestallung:\n„Von Gottes gnaden Wir Hans Albrecht H. z. M.\nbekennen hiemit, dass Wir den, Kunstreichen\nWilhelm Hanss Coweri envor unsern und\nDiener bestellt und angenommen, Bestellen und annehmen\nihn auch hiemit wissentlich derogestalt undt also, das er\nUns zu welcher Zeit wir es begehren und Ihn fordern las-\nsen werden, mit seinen Musical Instrumenten, seinem be-\nsten Vleiss und Vermögen nach, uffwertig und zugegen\nsein, und sich daran nichts behindern lassen soll, demselben\nauch in Unterthenigen gehorsam zu geleben und nachzu-\nkommen, er sich gnugsam verpflichtet hat. Hergegen und\nfür solche seine Uffwartung und Dienst haben Wir verspro-\nchen Ihm jehrlich, so lange Wir Ihn in solchen Dienst be-\nhalten, reichen und geben zu lassen 50 Thaler, jeden 32\nSchilling hiesiger wehrung, so wol auch zwey Kleider, und\nan deputatwie folget: 1 Drömbt Roggen, 1 Drömbt Ger-\nsten, 1 feist Schwein, 1 Schaf, % Kuh, % (Tonne) But-\nter, % (Tonne) Hering, 20 Pfund Rotscher (kleine Hering),\n'/,« Kabbelar (?), 20 Pfund Spürten (Sprotten), 1 Schock\nEyer, 10 gense, 10 Hunner (Hühner), 1 scheffel saltz.\nDa auch in Künftig besagter Unser Musicant, demselben\nwie obstehet, in einem oder andern über zu Versieht [d. i.\nwider Erwarten] nicht nachkommen oder geleben wurde,\nwollen wir jederzeit mass und macht haben, denselben ab-\ndancken, und ihme solchen Dienst aufkündigen zu lassen.\nUrkundlich etc. Gegeben uff vnserm Fürstl. Hause Güstrow\nden 6. August Ao. 613.\"\nDem vierten oder vielmehr fünften Engländer, John\nStendle, begegnen wir 1625, er mag also mit Wilhelm\nDaniel's Bande zusammenhangen. Seine Bestallung ist den\n2. Januar 1625 ausgefertigt, und werden ihm darin „zum\ngäntzlichen Unterhalt\" jährlich 400 Gulden zugesichert.\nDasselbe erhielten auch der Cornetist Hermann Grimm\nund der Posaunist Christoff Hasselberg (wahrscheinlich ein\nSachse, er schreibt „Gistro\", statt Güstrow), beide im Sep-\ntember 1623 angenommen. Um diese Zeit wurde es auch\nin Deutschland schon hier und dort Sitte, den Künstlern\nstatt der Naturalien-Lieferung das Gehalt in baarem Gelde\nauszahlen zu lassen.\nMit diesen Mitteln und einigen Inländern suchte man\neine kleine Hof-Capelle zu Stande zu bringen. Junge Bur-\nsche, die zur Musik Lust hatten, sandte der Herzog auch\nwohl auf seine Kosten zu auswärtigen Meistern. Zu den\nangesehensten Instrumentisten gehörte dieser Zeit der Eng-\nländer Walter Rowe, der bedeutendste aller von Eng-\nland herübergekommenen Musiker, der daher auch leicht\nam kurfürstlich brandenburgischen Hofe zu Berlin eine\nfeste und angenehme Stellung fand. Es ist derselbe, den\nH. Albert von Königsberg in einer ehrenvollen Zuschrift\neinen „berühmten Musicanten\" nennt, der mehrfach fürst-\nliche Personen, besonders Prinzessinnen, in der Musik un-\nterwies, nämlich auf der Viola die er wunder-\nvoll gespielt haben soll, von dessen Lebens-Umständen aber\nnoch weiter nichts bekannt geworden ist, so dass schon\nMattheson (in der Ehrenpforte, S. 5) sagte: „Ich hätte\ngern mehr Nachricht von demselben.\" Viele Nachricht über\nihn kann ich nun eben nicht bieten, doch einige Zeilen von\nseiner Hand, eine Quittung wegen Michael Rode, den er\nim Auftrage des Herzogs informirte, und woraus zugleich\nseine Anwesenheit in Güstrow ersichtlich ist. Das echt\nenglische Deutsch lautet:\n„Ich Untenbenante, bekenne Das ich Von Sr. Fürst-\nlich Durchlauchtigkeit hoff Rehntmeister, Herrn Joachim\nLehman, hundert Reichsthaller in specie auf Abrechnungk,\nwegen michel Rohdt, empfangen hab, die ich auf der Viol-\ndegamba Lehmen soll, Vermegen der contracht, welches\n[d. i. laut des Contractes, welcher] also Lautet, als auff ein\nJahr wegen die Lehr oder Unterrichtungk auf der Violl de\ngamba 100 thall. Vor Kostgeld auf ein Jahr 65 Reichs-\nthall. Wege, Losament bett Und wäsch 15 thall. Und dan\nVor ein Viol de gamba 25 thall. thutt 205 thall. Restimir"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "256", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551110-01.1.4", "texte": "also wan die Lehr Jahr aussist hundert Und fünff Reichs-\nthailer in specie, thue ihn hiemit quittiren. Datum gusterow\nden 12. Mai 1626. Walter Rowe, Fürstl. Branden!).\nVioliste.a \\\nRowe's Schüler Mich. Rohde wurde von dem folgen-\nden Herzog Adolf Friedrich 1636 wieder in Dienst ge-\nnommen. In Hans Albrecht's Capelle dienten ausser den\nschon Erwähnten noch Wilhelm Hess (bestallt den 6. Aug.\n1613), Everhart Stippemann (best. d. 13. Sept. 1615),\nLautenist Wilh. Westphal (1623 mit 370 Fl.) und Jo-\nhann Vierdanck (Sept. 1631). Capellmeister war Wilhelm\nBrade; wie lange, weiss ich freilich nicht zu sagen. In sei-\nner Bestallung vom 10. August 1618 steht, dass er „je-\nder Zeit seinen Chorum musicum sampt den Instrumenten\ninstruct und fertig halten, Und Uns darmit, wo und zu\nwelcher Zeit wirs begehren, oder es sonsten die gelegen-\nheit erlürdern wird, uffwertig erscheinen soll und will, Ge-\nstalt er dan auch sol befehligt sein, Über die andere\nkanten, so wir bey Hoff in Uffwartung haben, billiger mas-\nsen zu commendiren, Und sie, nebenst seinen beiden\nsöhnen, Und andern, die wir seiner Unterweisung unter-\ngeben möchten, zu guter Uebung anzuhalten.\" Er bekam\ngar 1000 Gulden. Von Anweisungen über Mitwirkung\nbeim Gottesdienste in den Kirchen ist selten mehr die Rede,\nzum Theil wohl desshalb, weil den Engländern nur die\nweltliche Musik geläufig war. Man kann also hierin ihren\nEinlluss wahrnehmen; ebenfalls in der zunehmenden Be-\nliebtheit der Saiten-Instrumente, auf denen sie Meister wa-\nren. Auch die wiederholt als gutes Deutsch gebrauchte Be-\nzeichnung „Musical Instrumenoffenbart die herr-\nschend gewordene Vorliebe für englische Musik und Musi-\ncanten. Und so dürfen wir den Engländern zu einer Zeit,\nwo die Kunst aus eigenen Mitteln bei uns nicht fort wollte,\neinigen Einlluss auf Norddeutschland beimessen. Dieser\nhört aber mitdemüberhandnehmendenKriege\nsowohl für die Musik wie für das Drama voll-\nständig auf; denn nach dem Kriege, als die Kunst all-\nmählich wieder Muth fasste, sah man nicht mehr nach Eng-\nland, sondern nach Frankreich und Italien.\n\nBerliner Briefe.\n\nj Idomeneo von Mozart „Das Wort des Herrn\", Ora-\ntorium von H. Küster Hiob, Oratorium von\nK. Löwe.]\nDen 4. November 1855.\nMozart's Idomeneo ging zur Feier des Geburtstages\ndes Königs in Scene und hat seitdem vier Aufführungen\nerlebt. Nicht bloss an unserer Bühne, deren Annalen nur\nvon einer einmaligen Einstudirung, im Jahre 1806, und\nsechs Wiederholungen berichten, sondern überhaupt hat\ndiese Oper fast gar keinen Anklang beim Publicum gefun-\nden. Zwar sind einzelne Ensembles und Chöre in Privat-\nkreisen häufig, hin und wieder auch in Concerten bis auf\ndie neueste Zeit zur Aufführung gekommen; Musiker und\nMusikgelehrte haben oft genug auf die ernste, edle Hal-\ntung des Ganzen, auf den musicalischen Reichthum in der\nBehandlung des Orchesters hingewiesen; Popularität aber\nhat der Idomeneo dessen ungeachtet nicht erringen können.\nAuch jetzt erwarten wir nicht, ihn lange Zeit auf der Bühne\nzu sehen; aber wir erkennen es dankbar an, dass die Wun-\nsche derer, die sich nicht damit begnügen können, Jahr\naus, Jahr ein dieselben Werke zu hören, berücksichtigt\nworden sind. Wir finden es sehr begreiflich, dass der\nNicht-Musiker, dem die Musik nur als Ganzes und in ihrer\nVerbindung mit dem Worte eine lebendige Bedeutung hat,\nwenig Vergnügen an dieser lang gedehnten Kette getrage-\nner Arien findet, in denen der Reiz charakteristischer und\ndramatischer Melodie sich noch nicht zu voller Blüthe ent-\nwickelt hat; er vermag es ja nicht, die hier und da zer-\nstreuten Gedanken des Genius unter der staubigen Hülle\nzu erkennen, die sie überall verbirgt. Für den Musiker\naber, ja, lür jeden tiefer Blickenden stellt sich das Verhält-\nniss anders. Mozart ist noch nicht frei von den Fesseln der\nGluck'schen und der italiänischen Tradition; aber um so\nreiner und ernster erscheint gerade in diesem Werke der\nIdealismus seines Strebens, der nichts Unedles, oberfläch-\nlich Gefallendes duldet, um so rührender die Sorgfalt, die\ner überall, wo seine Kräfte ihn weit genug tragen, der Aus-\narbeitung des Werkes gewidmet hat. So ist namentlich die\nOrchester-Behandlung, sowohl in den Recitativen als in\nden Arien, ausserordentlich reich und fesselnd; am wenig-\nsten entwickelt scheint uns die Behandlung des Gesanges,\nder es wohl nicht an melodischem Flusse, aber an drama-\ntischer Bestimmtheit fehlt; einzelne Ensembles und Chöre\nsind von solcher Vollendung, dass auch das grössere Publi-\ncum dadurch hingerissen wird. Die Ausführung der Oper\nwar nicht recht aus Einem Gusse, was wir indess den Sän-\ngern bei dem von der heutigen Gewöhnung vielfach ab-\nweichenden Stile derselben nicht zum Verbrechen anrech-\nnen wollen. In einzelnen Theilen leisteten die Damen Kö-\nster (Elektra), Wagner (Idamante) und T u c z e k (Ilia)\nrecht Befriedigendes.\nAus dem Gebiete der geistlichen Musik habe ich Ihnen\nYon zwei neuen Oratorien zu berichten. „Das Wort"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "257", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551110-01.1.5", "texte": "des Herrn\" von Hermann Küster (bereits durch\nfolgende Oratorien bekannt: „Die Erscheinung des Kreu-\nzes\", „Hermann der Deutsche\", „Johannes der Evange-\nlist\") kam in der Petrikirche zur Aufführung. Es zerfällt\nin drei Abtheilungen und stellt in diesen in didaktischer\nWeise* mit Bibelworten den Geist des Christenthums nach\nseinen drei wesentlichsten Momenten: Glaube, Liebe, Hoff-\nnung, dar. Obschon ihm so alles dramatische Interesse ab-\ngeht, so bieten sich doch in der biblischen Lehre gewisse\ninnere und abstracte Gegensätze dar; überdies hat der Com-\nponist, von dem zugleich die Bearbeitung des Textes her-\nrührt, mit einer gewissen Consequenz eine äusserlich man-\nnigfaltige Darstellung dieses rein geistigen Inhalts erstrebt.\nZwar hat er auch in dieser Beziehung, um der Kirchlich-\nkeit willen und wir geben ihm darin nicht ganz Unrecht\n—, auf die gewohnten Färbungen Verzicht geleistet, in-\ndem er sich nur der Orgel, der Posaune und der Harfe\nals begleitender Instrumente bedient; durch geschickten\nWechsel aber in der Behandlung dieser Instrumente, da-\ndurch ferner, dass einzelne Chöre, und zwar bald für weib-\nliche, bald für männliche Stimmen allein, gesun-\ngen werden, entsteht so viel Mannigfaltigkeit, dass wir das\ngewohnte Orchester nicht vermisst haben. Die Composition\nselbst ist nicht überall gleich; doch sind einzelne Chöre,\nnamentlich die vier ersten, des Werkes von würdiger Hal-\ntung, lebendiger Entwicklung und sinniger Empfindung.\nAber nicht stets bleibt der Componist auf dieser Höhe. Na-\nmentlich in den Solis und auch in einigen Chören, die das\nWesen der Liebe verherrlichen sollen, neigt er sich zu\neiner weichlichen und ans Triviale gränzendenMelodik hin;\ndas Ideale ist nicht ohne Kampf und Gegensatz denkbar,\nund die wahre Versöhnung, die wahre Liebe erscheint nur\nin der That, nur in der Besiegung des Kampfes; mit der\nabstracten Versicherung der Liebe ist es nicht gethan.\nWie wir hören, wird das Werk zu Ostern noch einmal\naufgeführt werden, und wir wünschen es dem Componisten,\nder mit ernstem Streben ein reines, edles Gemüth verbin-\ndet. Auch diese Eigenschaften wollen wir in der Kunst\nnicht gering achten.\nDas zweite Oratorium, über das ich Ihnen zu berich-\nten habe, ist der „Hiob\" von Karl Löwe. Auch die\nfrüheren Oratorien Löwe's, obschon sie sowohl in der mu-\nsicalischen als in der dilettantischen Welt nur bedingte An-\nerkennung gefunden haben, sind dennoch in weite Kreise\ngedrungen und unseren Gesang-Vereinen zu einer wichti-\ngen Stütze iür ihre Uebüngen geworden. Ich glaube mich\nnicht zu irren, wenn ich den Hiob für das beste Oratorium\nLöwe's erkläre, für dasjenige, in dem er am originellsten,\nam phantasiereichsten erscheint. Zwar finden wir auch in\ndiesem Werke die Idee des Oratoriums, das vor allen Din-\ngen des breiten und gesättigten Ausdrucks allgemein\nmenschlicher Empfindungen bedarf, nicht erreicht; zwar\nfinden wir manche Längen, manche Trivialitäten: aber im\nEinzelnen enthält es so viele lebendige Gemüths- und Si-\ntuations-Schilderungen, so viele eigenthümliche musicalische\nZüge, dass man, wenn nicht befriedigt, so doch lebhaft an-\ngeregt wird. Löwe ist eine für sich abgeschlossene Indivi-\ndualität, die in der Musik-Geschichte unseres Jahrhunderts\nihren bestimmten Platz einnimmt und eben so wenig wird\nübersehen werden können, als man z. B. in einer vollstän-\ndigen Literatur-Geschichte die Balladen-Literatur übersehen\nkönnte. Sein Talent ist weniger das der musicalischen\nDurchführung, die alle Hülfsmittel der Modulation, der Va-\nriation, der Rhythmisirung, der Polyphonie verwendet, um\naus der Einheit die Mannigfaltigkeit und den Kampf zu er-\nzeugen ; auch nicht die rein musicalische Erfindung ist seine\nGrösse; sondern dies, dass er für die oft sehr eigenthümli-\nchen und nicht auf der allgemeinen Heerstrasse liegenden\nStimmungen eines Gedichtes den richtigen und zugleich den\nwärmsten, sinnlichsten Ton trifft, ist sein Verdienst. Auch\nhierin liegt etwas von musicalischer Erfindung, die man nur\ndarum nicht als solche fühlt, weil die weitere Entwicklung\nnicht nach rein musicalischen Gesetzen vor sich geht, son-\ndern ein musicalischer Gedanke, wie es der Fortgang des\nGedichtes mit sich bringt, den anderen verdrängt; und ob-\nschon nicht an dem Mangel an Einheit leidend, sind Löwe's\nBalladen doch nicht nach streng musicalischer Notwendig-\nkeit zusammengefügt; sie verdanken ihre Einheit nur der\nWiederkehr der Hauptgedanken und der Gleichmässigkeit\nder Stimmung. Wäre Wagner's Kritik der Geschichte der\nMusik streng und wissenschaftlich, so hätte er nicht über-\nsehen können, dass sein Grundsatz, die Musik solle nur\nMittel des Ausdrucks sein, von Löwe mit grosser Schärfe\nund Consequenz befolgt worden ist; er hätte ferner an\nLöwe lernen können, dass die Einseitigkeit dieses Grund-\nsatzes nicht ohne Gefahr ist. So zeigt sich denn auch in\ndem Hiob überall der Mangel musicalischer Technik als stö-\nrend, wo es sich um den Ausdruck einfacher lyrischer Em-\npfindungen handelt, wo die Musik also darauf angewiesen\nist, aus sich selbst die Mannigfaltigkeit und den Gegensatz\nhervor zu bringen. Meistens wird Löwe bei diesen Momen-\nten des Textes, die der Natur der Sache gemäss dem Chor\nzufallen, breit und langweilig; auch die grösseren Arien\nleiden daran. Am interessantesten sind die Recitative, und"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "258", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551110-01.1.6", "texte": "unter den Chören und Arien diejenigen, in denen eine ganz\nbestimmte Färbung der Situation dem Componisten zu\nHülfe kam, z. B. die Erscheinung Jehovah's im Gewitter,\nin der sich die Musik zu grosser dramatischer Lebendigkeit\nund Eindringlichkeit erhebt; das Gesicht des Eliphas, wo\ndem Freunde Hiob's Weisheitsreden in nächtlich unheim-\nlicher Stille, düster und gespenstig, ertönen. Als ein Cu-\nriosum hebe ich hervor, dass die drei Freunde Hiob's mit\neinem sehr geschickt gearbeiteten und ausdrucksvollen drei-\nstimmigen Recitativ auftreten. Da diese mehr recitativisch\ngehaltenen oder kurz charakteristischen Sätze einen grossen\nTheil des Oratoriums ausfüllen, so erlahmt unsere Theil-\nnahme nicht; doch rathen wir für spätere Aufführungen\nzur Kürze.\nNoch bleibt ein sehr reicher musicalischer Inhalt aus\nanderen Concert-Aufführungen zur Besprechung übrig, den\nich für meinen nächsten Brief aufheben muss.\n\nG. E.\n\nDas Musikfest zu Heresford.\n(Um der Geschichte gerecht zu werden, da es ein Theil\nder Aufgabe der Niederrheinischen Musik-Zeitung ist, auch\ndie grossen Musik-Aufführungen im Auslande in ihre Jahr-\nbücher einzutragen, geben wir eine durch Zufall etwas ver-\nspätete Correspondenz über das Fest in Heresford, welches\ndem zu Birmingham unmittelbar vorherging—vgl. Nr. 37\nvom 15. Sept. d. J.—, jedoch nur in gedrängtem Aus-\nzuge, zumal da diese englischen Musikfeste mit wenigen\nAusnahmen fast immer dasselbe bringen. Die Redact.)\nIn den Tagen vom 22. bis 25. August fand das dies-\njährige Musikfest in Heresford Statt. Die beiden unver-\nmeidlichen Oratorien, der Elias und der Messias, wurden\nmit bedeutenden und meist tüchtigen Kräften in der Ka-\nthedrale aufgelührt, was doch einen ganz anderen Eindruck\nmacht, als wenn man dieselbe Musik im Concertsaale hört.\nEs ist sehr lobenswerth, dass die Orthodoxie der Geistlich-\nkeit die Kirchen in England den musicalischen Aufführun-\ngen nicht verschliesst ;zu bedauern aber ist, dass die Ein-\ntritts-Preise so hoch gestellt werden, dass die Erbauung\nund der Kunstgenuss dennoch ein ausschliesslicher bleibt\nund nicht ins Volk dringen kann. Selbst in den Seitenschif-\nfen der Kirche, wo man schlecht hört, musste man seinen\nPlatz noch mit 3 Shill. 6 Pence erkaufen! Trotzdem füll-\nten bei der Aufführung des Messias 1111 Personen die\nKathedrale. Ausserdem wird noch an denThüren fürWohl-\nthätigkeits-Anstalten gesammelt, was dieses Mal eineTotal-\nsumme von 800 Pf. St. einbrachte, die aber wegen ihrer\nGeringlügigkeit (über 5000 Thlr.!) im Vergleich zu den\nfrüheren Einnahmen allgemeine Verwunderung erregte.\nEs ist bekannt, dass das englische Publicum das Ora-\ntorium mit grosser Ruhe, Geduld, Sammlung, ja, wirklicher\nAndacht anhört; wie stimmt aber dazu der laute Beifall in\nder Kirche, und sogar auch hier die abscheuliche Sitte des\nDa-capo-Verlangens? Gab doch sogar der Bischof von He-\nresford stets die Losung dazu! So mussten z.B. im Messias\nvier Arien wiederholt werden. Die Soli in diesem Orato-\nrium waren diesmal —ein seltener Fall ausschliesslich mit\nEngländern besetzt. Auch der Dirigent, Mr. Townshend\nSmith, war ein Engländer. Seine Leitung war nicht eben\nausgezeichnet, namentlich bei den Instrumentalsachen. Diese\nwerden jedoch auf unverantwortliche Weise bei den engli-\nschen Musikfesten vernachlässigt; ein paar Ouvertüren\n(Weber's Jubel-Ouverture, Sterndale Bennet's Wald-Nym-\nphe) und eine einzige Sinfonie von Mozart war alles, was\nman von reiner Orchester-Musik in den sieben Concerten\ndieser Festtage hörte.\nDagegen wird gesungen und gesungen am Mittag und\nam Abend; alles, was irgend einen Namen hat, muss heran,\nwenn auch mit schwerem Gelde erkauft. Da flötet und\ntrillert und girrt, oder donnert und brüllt dann jede Cele-\nbrität ihr Paradestück herunter, z. B. Miss Dolby ihr „\ntheseau, die Grisi ihre „ Casta diva\", die Novello ihren\n„Ocean, du Ungeheuer\", Mario seinen „Tesoro\" u. s. w.;\naber das ellenlange Programm sättigt doch noch nicht,\nes ras't das Volk und will sein Opfer haben\nes muss die Hälfte der Nummern zweimal hören! An einen\nhöheren, wahrhaft edeln Kunstgenuss, an ein Mitempfinden\nund Mitleben in den Tonschöpfungen ist da freilich nicht\nzu denken; es ist eitel Schwelgerei und Luxus. Und doch\nerhoben sich dieselben Schwelger wieder bei vier Chören\ndes Messias alle von ihren Sitzen und hörten sie stehend an 1\nNoch wollen wir erwähnen, dass der Wunderknabe\nArthur Napoleon in zweien von den gemischten Con-\ncerten mit grossem Beifalle einige Bravoursachen von Thal-\nberg, Liszt und Mendelssohn gespielt hat.\n\nZwietes Gesellschafts-Concert in Köln\nim Casinosaale.\nDinstag, den 6. November.\nDie Ouvertüre Op. 115, C-dur, von Beethoven; Concert\nfür Violine und Orchester in E-moll von Ed. Frank,\ngen von Herrn Concertmeister Th. Pixis; Sopran-Arie in H aus"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "259", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551110-01.1.7", "texte": "Mendelssohns Elias, gesungen von Fräul. Auguste Bren-\nken; Sinfonie Nr. IV. in B-dur von Niels W. Gade, und in\nder zweiten Abtheilung „Der Frühling\" aus J. Haydn's Jahres-\nzeiten bildeten das Programm.\nMit Vergnügen bemerkten wir bei der Ausführung der Ouver-\ntüre, des Violin-Concertes und der Sinfonie, dass das Orchester be-\nreits wieder einen grossen Schritt vorwärts auf der Bahn zum ein-\nheitlichen und ausdrucksvollen Zusammenspiel gemacht hat. Die\ngenannten Insirumentalsachen gingen sehr präcis, und die Sinfonie\nvon Gade, in welcher besonders die Saiten-Instrumente sich unter\nder Anführung von Pixis glänzend hervorthaten, gab ein sehr ge-\nlungenes Bild dieser feinen und lieblichen Composition, welches\nauch das grosse Publicum sichtbar erfreute. Nur beim Gesänge, so-\nwohl der Arie aus Elias als der Soli in den Jahreszeiten (wo es auch\neinmal an Präcision fehlte), war mehr Discretion in der Begleitung\nzu wünschen. Ein Orchester, welches viel im Theater einer Privat-\nUnternehmung spielen muss, ist dadurch leicht der Gefahr ausge-\nsetzt, die Aufmerksamkeit auf den feineren Ausdruck zu vernach-\nlässigen; es hat sich vor dem materiellen Abspielen der Noten zu\nhüten, wozu die Theater-Verhältnisse in der Provinz nur gar zu\nleicht verführen.\nDas Violin-Concert in E-moll von Ed. Frank ist eine\nsehr schöne, durchweg edel gehaltene Composition; es hat drei\nSätze, von denen der langsame mittlere durch einen überraschen-\nden Uebergang mit dem Finale zusammenhängt. Wiewohl diese\nbeiden letzten Sätze das Publicum am meisten ansprachen das\nAndante ist besonders eine reizende Schöpfung —so müssen wir\ndoch dem ersten Satze in Idee und Durchführung, in Erfindung\nder Motive und in Verwebung derselben, theils durch die Solo-\nVioline, theils durch die einzelnen Blas-Instrumente, zu einem\nschönen Ganzen von echt romantischer Farbe und tief poetischer\nStimmung, die Krone zuerkennen. Dürften wir einen Wunsch\näussern, so wäre es nur der nach einer Verkürzung der Cadenz\nauf dem langen Orgelpunkte gegen den Schluss hin und nach einer\ntheilweisen Beseitigung einzelner Schwierigkeiten der Solo-Partie,\nwelche uns wenigstens bei einmaligem Anhören nicht gerade\nwesentlich zum Charakter des Ganzen zu gehören schienen, und\nwelche nicht immer von anderen Spielern mit solcher Virtuosität\nüberwunden werden dürften, wie von Herrn Concertmeister Pixis,\nder sich durch den vortrefflichen Vortrag rauschenden Beifall und\nwohlverdienten Hervorruf erwarb.\nFräulein Auguste Brenken aus Soest in Westfalen, wie\nwir hören, eine Schülerin des Herrn Götze in Leipzig, sang die\nArie „Höre, Israel4' von Mendelssohn und die Sopran-Partie in\nHaydn's „Frühling\". Sie besitzt eine schöne, klare, volle Sopran-\nstimme yon bedeutendem Umfange und lobenswerther Egalität; ihre\nIntonation ist rein und sicher, und vermöge aller dieser Eigenschaf-\nten gelang es ihr denn auch, selbst durch den Vortrag jener etwas\narg monotonen und nur an ein paar Stellen des Allegro's sich zu\neinigem Schwung erhebenden Arie lebhaften Beifall zu erringen.\nDesto leuchtender strahlte ihr Ton in Haydn's Musik. Fräul. Bren-\nken wird sicher auf der Bühne eine Laufbahn machen, sie hat alle\nnöthigen Eigenschaften dazu; diese bedürfen nur der völligen Ent-\nwicklung und Ausbildung, wodurch dann auch ihr Gesang an Ein-\ndringlichkeit und Ausdruck gewinnen wird.\nDie Tenor- und Bass-Solo-Partieen waren bei den Herren A,\nPütz und M. DuMont-Fier in guten Händen; der vortreffliche\nVortrag der Arie „Schon eilet froh der Ackersmann\" erwarb Letz-\nterem eine lebhafte Beifallsspende, was hier bei Solostücken in-\nmitten eines Oratoriums etwas Seltenes ist. Der Chor war sehr\nzahlreich und in Kraft und zartem Ausdrucke gleich vorzüglich.\nDer Eindruck der Haydn'schen Musik war, wie das bei einer un-\nverbildeten Zuhörerschaft stets der Fall ist, ein bezaubernder.\n\nAus dem Taunus.\nAuf meinen Herbst-Streifereien durch den Taunus, bei denen\nes mir mehr um frische Luft und Natur zu thun ist, als um Kunst,\nmehr um das Echo der Berge und das Wehen des Windes in den\nWipfeln der Bäume, als um Musik zwischen vier Wänden, nehme\nich denn doch an den Abenden, die täglich länger werden, gern\nein Concert oder eine Oper mit in den Kauf, wenn sie nämlich\nnicht zu theuer sind. In Frankfurt war von Oper und Theater\nnoch nicht die Rede doch nein! es war sehr viel die Rede da-\nvon, d. h. im eigentlichen Sinne; im uneigentlichen aber meine\nich damit, dass' das Haus noch im Ausbau und in der Aus-\nschmückung des Innern begriffen war, folglich keine Vorstellungen\nStatt fanden. Geredet wurde aber viel von der Zukunft, nicht der\nWagner'schen, sondern der viel näheren, von welcher das lebende\nGeschlecht noch Gewinn ziehen soll, wenn es anders dazu aufge-\nlegt ist von der Zukunft des Theaters der freien Stadt Frankfurt,\nwelche Herr Roderich Benedix als Intendant herauf führen\nwird. Wie ich vernahm, war schon ein Theil des neuen Personals\nengagirt, und man hatte, um dasselbe nicht ganz unbeschäftigt zu\nlassen, vier Abonnements-Concerle im Saale des Hotels Weiden-\nbusch veranstaltet. Ich fand das erste auf meinem Wege, und be-\ngab mich zur festgesetzten Stunde in den gedachten Saal, in wel-\nchem die Akustik sehr rein ist, Wände, Decke und Fussboden\naber, wahrscheinlich des Contrastes wegen, den Zuschauer in Un-\ngewissheit darüber lassen, was sie bei ihrer Entstehung für eine\nFarbe getragen.\nDie frische, jugendliehe Stimme des Fräuleins Veith aus Köln\nüberraschte mich und das Publicum auf die erfreulichste Weise;\nneben einer sehr lieblichen Erscheinung und einem durchweg glei-\nchen und wohlklingenden Timbre der Stimme entwickelte die\njunge Künstlerin in einer Arie aus den Puritanern auch eine so\nbedeutende technische Fertigkeit, dass schallender Beifall nicht aus-\nbleiben konnte. Kurz nachher trat Fräul. Bertha Johannsen,\nebenfalls engagirtes Mitglied, auf und machte mit ihrer\nkräftigen Stimme und dem echt dramatischen Vortrage der grossen\nScene der Agathe im Freischütz wahrhaft Furore und mit Recht.\nAuch der Bariton, Herr Pichler, erwarb Beifall, so dass gleich\ndieses erste Concert ein sehr günstiges Vorurtheil für die zu er-\nwartende Oper erregte.\nZu einer guten Oper gehört aber auch ein gutes Orchester. Die\nOuvertüre zu Don Carlos von F. Ries, eines seiner besten Werke,\nzeigte, dass im frankfurter Orchester recht gute Kräfte sind; allein\ndie Ausführung der Musik von Beethoven zu Göthe's Egmont,\nwelche den zweiten Theil des Concertes füllte, erregte in mir be-\ndeutende Zweifel darüber, ob diese Kräfte durch den Dirigenten\nso ausgebildet und geleitet würden, dass ihre Gesammtleistung das\nOrchester zu dem Namen eines Kunst-Institutes berechtigen\ndürfe. Ich bemerkte gar auffallende Missgriffe, nicht nur in der\nAuffassung und den Tempo-Bestimmungen dieser wundervollen\nMusik, sondern auch in Bezug auf Dinge, welche jeder Musik-Di-\nrector wissen sollte, nämlich, dass die Schwänze, welche vielen"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "260", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551110-01.1.8", "texte": "Nummern angehängt sind, gar nicht von Beethoven herrühren; trotz-\ndem wurden sie hier wieder präsentirt! So viel ich mich erinnere,\nhat vor Kurzem ein Aufsatz in Ihrer Niederrheinischen Musik-\nZeitung über diese Musik und deren Aufführung gestanden; warum\nrichtet man sich nicht danach?*)\nIn Wiesbaden habe ich auch allerlei Musik gehört, meist\ngute, mag aber Ihrem Herrn Berichterstatter von dort nicht vor-\ngreifen. Aus Schlangenbad muss ich Ihnen aber erzählen von\neinem merkwürdigen Concerte in der Rotunde des Curhauses,\nwelches ein einziger Musiker vor einer vornehmen Gesellschaft\ngab, die zwar nicht zahlreich, aber sehr aufmerksam war. Also\nein Pianist? Richtig. Herr Wilhelm Wülfinghoff trug in vier\nAbschnitten fünfzehn Ciavierstücke vor! Allein er hatte so viel\nAbwechslung in sein Programm gebracht und führte es mit so in-\nteressantem Vortrage und grosser technischer Gewandtheit durch,\ndass man sich in dem aristokratischen Familien-Cirkel ganz wohl\nund heimisch fühlte. Sehr überraschend, aber für beide Theile\nehrenvoll, für den Spieler und die Zuhörer, war es, dass Herr\nWülfinghoff lauter gute, meist classische, Musik vortrug in\neinem Badeorte und vor lauter hohen Herrschaften! ; denn Beet-\nhoven und die Pathetique), Mendelssohn (Lieder\nohne Worte), Chopin, Henselt, Field u. s. w. zierten das Pro-\ngramm; von Kunststücken gab Herr Wülfinghoff nur Eines zum\nBesten, Wfllmer's Lied von Reichardt für die linke Hand allein,\ndas er mit Fertigkeit und Ausdruck ausführte. ln Hornburg\nviel Virtuoserei, doch ein hübsches Orchester; sonst hauptsächlich\nKlang des Metalls an den Spieltischen. ***\n\nAn die Redaction der Niederrh. M.-Z.\nFerdinand Hiller.\nIn der letzten Nummer Ihres geschätzten Blattes wird des Ros-\nsini'sehen Stabat Mater Erwähnung gethan, mit der Bemer-\nkung, auch die von mir mitgetheilten Aeusserungen des berühmten\nMaestro klärten nicht vollständig darüber auf, ob jede fremde\nZuthat aus jener Composition auch ausgemerzt worden sei. Ich habe\nnur wenige Worte von dem gegeben, was mir Rossini darüber ge-\nsagt, weil der Hergang der Veröffentlichung des Stabat schon viel-\nfach besprochen worden. Aber auch die kleinen übrig gebliebenen\narchäologischen Zweifel werden verschwinden nach der Erzählung\nfolgenden kleinen Vorganges, dessen ich in den Plaudereien keine\nErwähnung gethan, um den wackeren Tadolini nicht zu verdriessen.\nEs ist indessen im Grunde eine zu unschuldige Sache und würde\nzur Veröffentlichung vielleicht auch zu geringfügig sein, wenn sie\nnicht aufs vollständigste \"zeigte, dass Rossini jeden Antheil Tado-\nlini's an seinem Stabat mit Stumpf und Stiel ausgemerzt.\nUnmittelbar vor der ersten Aufführung des Stabat nämlich, wel-\nche im Hause des Verlegers Xroupenas vor einem gewählten Kreise\nam Pianoforte Statt gehabt, hatte Tadolini unter dem Siegel des\nGeheimnisses Lablache; anvertraut, drei Stücke in dieser Compo-\nsition rührten von ihm, Tadolini, her. Herr Lablache, dem in der\nvordersten Reihe ein Ehrenplatz aufbewahrt worden, hatte hierauf\nTadolini gebeten, sich nicht allzu fern von ihm zu halten, und so-\nbald eines der von ihm componirten Stücke beginnen werde, ihm\ndies durch ein leises Kopfnicken anzudeuten. Der erste Chor hebt\nan, Lablache wirft einen Blick auf Tadolini; dieser aber schüttelt\nden Kopf; statt ihn bejahend zu verneigen. Bei der folgenden Num-\nmer schielt der Sänger wieder nach dem geheimen Componisten;\naber auch diesmal erhält er ein langsames Schütteln zur Antwort\nBei dem dritten Stücke neuer Blick und neues Schütteln; und „so\nging es natürlich fort bis ans Ende,\" sagte Rossini, „wo der arme\nTadolini, der von der Verdrängung seiner Compositionen nichts\ngewusst, etwas verwirrt vor Lablache da stand, bis die Sache sich\ndurch das Hinzukommen von Troupenas aufklärte. Man muss aber\ndiese stille Scene von Lablache darstellen sehen, um sie trotz ihrer\nUnbedeutewheit nie zu vergessen,\" setzte Rossini hinzu, „Sie kennen\nsein unvergleichliches komisches Genie, mit welchem er der klein-\nsten Begebenheit eine heitere und charakteristische Seite abzuge-\nwinnen weiss.\"\nDass Rossini's Stabat in seiner jetzigen Form ganz und gar von\nRossini herrührt, scheint mir über allen Zweifel fest zu stehen.\nErgebenst\n*) Der gedachte Aufsatz steht allerdings in Nr. 6 vom 6.\nAugust 1853. Allein was kann das helfen? Sie sind sehr\nkühn, verehrter Herr Correspondent, wenn Sie die Voraus-\nsetzung hegen, dass die Herren Musik-Directoren musicalische\nZeitungen lesenl Die Redaction.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nH. Marschner, den wir beim dritten Abonnements-Con-\ncerte nebst seiner Gattin, geb. Jan da, hier in Köln begrüssen\nwerden, hat eine neue theatralische Composition von eigentüm-\nlichem Charakter vollendet. Es ist dies die Musik zu dem „Gold-\nschmied von Ulm\", einem dramatisirten Volksmärchen von Mo-\nsenthal, in drei Acten und in verschiedenen Tableaux. Ausser\neiner grossen Ouvertüre enthält die Partitur Lieder, Chöre und die\nHandlung und die Zauberwelt begleitende Musik. Wer den wun-\ndervollen Instrumentalsatz bei der Mondschein-Scene im Vampyr\nkennt und wer kennt ihn nicht? —, der wird wissen, was er\nvon Marschner in dieser Gattung der melodramatischen Musik zu\nerwarten hat. Das Werk ist dem Vernehmen nach von den Hof-\ntheatern zu Wien, Dresden und Berlin bereits angenommen.\nBerlin. Der Hofkirchen -Musik-Director Herr Emil Nau-\nmann, der in Dresden schwer erkrankt war, wird nächstens zu-\nrückkehren und sein Oratorium „Jerusalems Zerstörung durch Ti-\ntus'4 hier aufführen lassen. (Der Text ist von Herrn Geh. Postrath\nSchüller nach Kaulbach's Gemälde entworfen.)\nAls Gedächtnissfeier für Felix Mendelssohn führte der\nStern'sche Gesang-Verein dessen Oratorium „Elias\" am 8. d. auf."}]}