{"numero_id": "bm-bmtnabi-1855-12-01-01", "volume": "bmtnabi_1855-12-01_01", "ocr_sha256": "b6aa9c7ac318cbafc79071e5f7189a3b24d7ce1e0e034402442d3b204eaa05ae", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1855/12/01_01/bmtnabi_1855-12-01_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551201-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1855-12-01-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-12-01_01#c001", "volume": "bmtnabi_1855-12-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "377", "page_fin": "380", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551201-01.2.1", "titre_corps": "J. Raff über R. Wagner.", "titre_sommaire": "J. Raff über R. Wagner.", "signature_source": "C", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "377", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551201-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3928, "texte": "J. Raff über R. Wagner.\n\nDie Wagner-Frage. Kritisch beleuchtet von\nJoachim Raff. Erster Theil. Wagner's letzte künst-\nlerische Kundgebung im „Lohengrin\". Braun-\nschweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg\nund Sohn. 1854. 286 Seiten in kl. Bvo. Preis\n1 % Thlr.\nWir warteten bisher auf das Erscheinen des zweiten\nTheiles; doch scheint dieses sich in die Länge zu ziehen,\ngleich Wagner's Opern-Dicht-Compositionen. Daher nach-\nträglich einige Bemerkungen über den ersten Theil; er\nbietet zu viele Merkwürdigkeiten, als dass man ihn mit\nStillschweigen übergehen könnte.\nHerr Raff besitzt so ziemlich alle Eigenschaften eines\nguten Schriftstellers im zukünftigen Sinne.\nZuerst verachtet er die Kritik gründlich und sagt:\n„Die Feindschaften, die ich mir durch die gegenwärtige\nSchrift erwecke, würden mich besorgt machen, wenn ich\nsie zählte; aber sie werden mir wegen ihrer Unzählbarkeit\nunwahrnehmbar.\" Er sei unbesorgt. WTir wüssten wirklich\nnicht, wen Herr Raff beleidigen könnte; die deutschen Ca-\npellmeister, welche von ihm unschickliche Angriffe erfahren,\nwerden ja über die eigentliche Quelle solches Zornes nicht\nim Zweifel sein.\nSodann besitzt er einen Styl, den wir nur mit dem\nWorte „klobig\" bezeichnen können. „Der erste Versuch,\nder fertig gegebenen Melodie eine zweite beizugesellen, ist\nals die Geburt des Contrapunktes anzusehen. Da man es\nzu jener Zeit bloss mit gleichen rhythmischen Grössen zu\nthun hatte, so setzte man die beiden Melodieen Note ge-\ngen Note. Auf diesem Standpunkte bleiben alle Musici ste-\nhen, welche das Theorem Wagner's, dass jede Note einer\nMelodie nur die Spitze des unter ihr stehenden Accordes\nsei, für mehr als einen Spass halten. Es ist die rüdeste Art\ndes Contrapunktes, gewährt aber den Harmonisten das\nLabsal, dass sie jeder Melodie-Note einen centnerschweren\nAccord und einen Siebenmeilenstiefel-Bass anhängen dür-\nfen, wodurch sie dem musicalischen Pöbel als profunde\nKöpfe imponiren können.\" (S. 74 75.)\nFerner die Gabe, alle Gegenden, über die er nicht\noricntirt ist, durch eigene Phantasie zu illuminiren. Und\nnoch manche andere Schönheit.\nWie man schon hat bemerken können, spricht er nicht\nbloss bewundernd, sondern auch im Tone heftigen Tadels\nvon seinem Helden. „Der Stil Mozart's und Beethoven's\",\nsagt er weiterhin in demselben Sinne, „ist nicht der mono-\ndische, harmonische, sondern symphonistische, polyphone.\nDiesem Stil gegenüber ist Wagner's Theorie vom vertical-\naccordlichen Aufbau der Harmonie über dem Grundbasse\nund der darüber liegenden monodischen Melodie gerades-\nwegs zu verwerfen. Er selbst erreicht jene bewunderns-\nwerlhe Höhe musicalischer Beredsamkeit, auf die man ihm\nmit Entzücken folgt, nur in den Momenten, wo er seiner\nTheorie in unwillkürlichem, aber glücklichem Selbstverges-\nsen untreu wird. ... Es sind schöne Momente, wo er sich\nseiner seemännischen Ansichten von Harmonie entweder\nnoch nicht bewusst geworden oder nicht mehr erinnerlich\nwar. Preiswürdige Inconsequenz, welche ihren Urheber zu\nden Sternen trägt.\" (S. 85 86.) Hier hat man die\nQuintessenz seiner Weisheit. Welche Anschauung vom in-\nneren Wesen der menschlichen Natur wird erfordert, um\nso aus dem Abnormen und der Inconsequenz gesunde,\npreiswürdige Productionen erklären zu können! Durch die-\nses Auseinanderreissen der Theorie und Praxis bei Wagner\nkommt Raff mit Prof. Hinrichs zusammen, dessen Schrift-\nchen von 1853 auch schon wieder verschollen ist. Wag-\nner selbst wird mit Recht gegen solche verzweifelte Aus-\nflüchte seiner Verehrer protestiren, und wir halten in glei-\ncher Weise fest an der Uebereinstimmung zwischen Theorie\nund Praxis, wenn auch unser Urtheil im Uebrigen ganz\nanders lautet. Aber lehrreich sind solche Experimente im-\nmer und erklärlich auch; denn will man die Wagner'sche\nKunsterscheinung durchaus zu etwas Grösserem machen,\nals sie ist, so muss man allerdings sonderbare Wege einschla-\ngen. Hält Herr Raff sich laut des Vorwortes lür eines der"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "378", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551201-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5188, "texte": "Enfants perdus, welche einen Generalsturm auf die aus\n\\\nBornirtheit, Trägheit und Gehässigkeit aufgeführten Zwing-\nburgen der Menschheit unternehmen, dann können wir ihm\nversichern, dass er eine Position inne hat, die nicht zu hal-\nten ist—übrigens mag er wohl ein verlorener Knabe sein,\nes kommt uns selber so vor.\nAuch mit der Alliterations-Poesie, der Stabreimerei,\ndie in dem Kunstwerke der Zukunft eine grosse Rolle spie-\nlen soll, ist er gar nicht zufrieden. „Wagner ist in seinen\nletzten Speculationen auf die unselige Idee verfallen, eine\narchaistische Art der Diction (die Alliterations-Poesie) wie-\nder aufzuwecken, und macht nicht übel Miene, eine Gram-\nmatik (natürlich auch ein Lexikon) zu schreiben, worin man\nden musicalischen Ausdruck nach dem so gestaltet sprach-\nlichen fertig vorfinden könnte. Man würde dadurch bald in\nStand gesetzt sein, zu singen, wie zu sprechen, d. h. jedes\nWort erhielte nachgerade seine typische rrusicalische Be-\ntonung, und schliesslich würde man eines Morgens den\npreussischen Staats Anzeiger (warum nicht lieber die Neue\nZeitschrift für Musik ?) ohne Schwierigkeiten abzusingen in\nder höchst angenehmen Verfassung sein. Schade, dass Wag-\nner sein Material nicht von Hause aus mit dem der Gebrü-\nder Grimm vereinigt hat.\" (S. 100—101.) Das soll Witz\nsein, klingt aus dem Munde eines Wagnerianers aber ein\nwenig unanständig. Sonst stimmen wir ihm hier in der\nSache bei, wie auch bei manchen anderen Bemerkungen.\nEr spottet über das Gral-Motiv, über die Orchester-Erläute-\nrung und sagt über das so genannte Duett zwischen Elsa\nund Ortrud, das wir bei der Aufführung noch immer ha-\nben beklatschen hören: „Elsa singt den schon abgesunge-\nnen Text noch einmal ab, und Ortrud bringt den ihrigen\nhinzu, der ziemlich ungeschickt behandelt ist, weil und ob-\ngleich in demselben ein Vers vier Mal wiederholt ist. Ein\nwinziger Fetzen Ensemble im ersten Abschnitte des mehr-\nerwähnten Liebes-Duettes ist ebenfalls äusserst ärmlich auf\neine ziemlich ekelige Text-Wiederholung und einen jener\nvon Wagner ewig und ewig wiederholten und banalisirten\nTremolo-Crescendo-Effecte basirt, die als reines Dilettanten-\nfutter nur in italiänischen Vollblut-Opern in solcher Aus-\ndehnung consumirt werden sollten.\" (S. 121.) Sehr gut.\nEr will überhaupt erst den Wagner annehmen, nachdem\ner ihn gehörig sortirt hat; wer es aber anders macht, sagt\ner, „ wer an die Mit- und Nachwelt das Postulat der Brutto-\nAnnahme der Wagner'schen Erscheinung stellt, dem sei\nhier ohne Rückhalt gesagt, dass er entweder mangelhaft\ngebildet oder übel gewillt ist.\" (S. 123.) Das Postulat\nstellt aber Wagner selbst, stellt es unzweideutig und un-\ngenirt in allen seinen Schriften; folglich ist er entweder\nmangelhaft gebildet oder übel gewillt. Mag wohl sein; ko-\nmisch ist nur, dass ein Mann seiner Partei solches deduci-\nren muss.\nAnlangend die Betheiligung des Chors in Lohengrin,\nmeint Herr Raff' zwar: „Mir ist keine Oper bekannt, in\nwelcher dem Chor solche Unmittelbarkeit und Wahrheit\nder Haltung verliehen wäre, wie hier\" (S. 123; es wäre\nrichtig, wenn er gesagt hätte: keine Oper bekannt, in wel-\ncher die Absicht des Verfassers war, dem Chor etwas\nder Art zu verleihen), urtheilt dann aber über das geprie-\nsene Geschrei, welches angestimmt wird, als der Schwanen-\nreiter auf seinem Hippogryphen die Scheide stromauf rei-\ntet, es sei „das Erzeugniss eines geistreichen und wohl-\nintentionirten (warum mit Friedrich dem Grossen nicht lie-\nber sagen: „wohlaffectionirten« ?), aber nicht genügend\nausgebildeten Musikers. Denjenigen, welche den „ „Schwa-\nnenchor\"\" für ein/Meisterstück gehalten wissen wollen\n(z. B. Liszt), gebe ich einfach auf, das Nöthige zu studiren\nund mich dann zu widerlegen; was aber Wagner selbst\nanlangt, so bin ich, falls er mit meiner Meinung unzufrie-\nden sein sollte, erbötig, mich die nöthige Zeit und Mühe\nnicht gereuen zu lassen und ihm zu zeigen, wie er es\ngänzlich unbeschadet, vielmehr zum Vortheil seiner Inten-\ntion— hätte besser machen können.\" (S. 125.) Das klingt\nja fast Lessingisch! aber eben desshalb ist es blosse Plus-\nmacherei; ein vernünftiger, besonnener Mann spräche hier\nganz anders. Am Ende wird bei der „Wagnerfrage\" noch\nherausbraten, dass nicht Herr Richard Wagner, sondern\neigentlich Herr Joachim Raff der grosse Mann ist.\nDer Leser sei so gut und nehme die folgenden Mit-\ntheilungen aus dem Buche auch noch mit dieser Erwartung\nentgegen. „ Wagner's Modulations-Theorie stellt in An-\nsehung des Charakters der Tonarten Grundsätze auf, ver-\nmöge deren man aus der entlegensten Tonart nach c aus-\nweichen muss, wenn ein einziges Wort einen Sinn aus-\ndrückt, der jener Tonart entspricht. Man hat Exempel im\nLohengrin, wo er seiner Theorie gemäss modulirt. Aber\ner erlaube mir die schlichte Bemerkung, dass seine Theorie\nzum Absurden führt und dass sie selbst absurd ist. Wenn\ner eine Beweisführung dafür verlangt, so steht sie ihm zu\nDiensten.\" (S. 132—133.)\n„Die wahre, echte Melodie erträgt den Ziergesang\nnicht; möchten Sie dazu noch eines Erfahrungs-Beweises\nbedürfen, so sehen Sie alle guten Erzeugnisse der deut-\nschen Lyrik von Schubert bis auf mich.\" (S. 157.)\nEs steht wörtlich so auf der angeführten Seite; er wurde"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "379", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551201-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4924, "texte": "doch selber roth darüber und setzte daher als Entschuldi-\ngung hinzu: „ Ich erwähne meiner nur, weil in diesem Au-\ngenblicke die Zahl derer in Deutschland, die in diesem\nFache Besseres leisten, sehr gering ist.\" Also sind doch\nnoch Bessere da; warum verschweigt er denn diese „Bes-\nseren\" da, wo es darauf ankam, das Beste zu nennen?\nHerr Raff ist uns eine ganz gleichgültige Person; aber als\nwir dieses lasen, haben wir uns in seiner Seele geschämt.\nEinmal erblickt er Wagner in der Wolfsschlucht, dann\nbei Berlioz, dann in den Hugenotten. So lässt er sich über\ndas Bass-Clarineüen-Solo, weiches A. B. Marx nicht genug\nzu loben weiss, also aus: „Ich werfe Wagr.er'n nicht gern\nReminiscenzen vor, so wie ich auch in einigen anderen\nDingen die möglichste Discrelion (!) gegen ihn beobachte;\naber diese Ideen-Association ist denn doch ein wenig zu\nauffallend:\n(Hugen., A. 5). Eben so wenig kann ich mich an der Ein-\nleitung zum dritten Aufzuge erlaben. Es fehlt ihr nicht an\nFeuer und an einem gewissen Glänze; aber ersteres zündet\nnicht und letzterer blendet nicht, man kann der Sache also\nganz ohne Gefahr näher treten und sie mit Müsse besehen.\nDa entdeckt man denn bald die Kahlheit der Ideen, zu sa-\ngen die Seichtigkeit des Ilomophonislen, der hier auch den\nvon ihm bis zum Ekel verbrauchten Effect, eine plane Me-\nlodie unter „ „schwirrende\"\" Geigen-Figuren zu legen, so\nkrass wie möglich ausbeutet Was Dilettanten sagen,\ndenen er gern mit Massen imponirt, kümmert mich nicht.\nDie Speculation auf den Dilettantismus ist übrigens entwe-\nder Wagner's schwache Seite überhaupt nicht, oder aber\ner hält sich unwillkürlich für besser, als er ist.\" (S. 180\n181.) Wieder ein interessantes Entweder—Oder.\nDen Wendepunkt der Oper im dritten Acte bis zum\nSchlüsse, wo es sich um das lederne Geheimniss dreht, be-\nhandelt Herr Raff vollständig im Tone einer Parodie. Als\nim Brautgemache keine der Fragen Elsa's zu dem gewünsch-\nten Ziele führt, „würde sie vielleicht\", sagt er, „zu dem\nletzten berühmten Mittel greifen, zu der unwiderstehlichen\nOhnmacht. Aber eben als dieser Effect angebahnt wird,\ndringt der Geächtete mit vier Bewaffneten ins Gemach, um\ndem Ritter vermuthlich nicht bloss „ „des Fingers Spitze\"\",\nsondern wo möglich die Kehle abzuschneiden. Elsa stösst\neinen „ „fürchterlichen Schrei\" \" aus und reicht dem Lo-\nhengrin das Schwert, welches am Ruhebette lehnt; dieser\nhat denn auch kaum noch Zeit, sich umzuwenden und\nFriedrich, der schon nach ihm ausholt, niederzustossen.\nDass es mit der Ohnmacht jetzt erst recht Ernst ist, ver-\nsteht sich; aber der Gralritter quittirt für ein- und allemal\neine Position, wo er vor der Zunge seiner Frau eben so\nwenig sicher ist, als vor dem Hinterhalt seiner Feinde, mit\nden elegischen Worten: „ „Weh! nun ist all unser Glück\ndahin!\" \" —Er verlässt den Palast, wie Adam das Paradies\n(? nicht ganz, Adam nahm die Frau mit), und geht ans\nScheide-Ufer, wo der Heerbann sich zum Ungarnzuge ver-\nsammelt. Elsa ist schon vorher dort eingetroffen; sie ist\nmehr „„leidvoll\"\" als „„freudvoll\"\" und sieht beinahe\naus, als wollte sie mit der schönen Pensionärin im „„schwar-\nzen Domino\" \" singen :\nAch, diese Nacht,\nDie ich durchwacht,\nHat Unheil mir gebracht.\nIn der That, es ist keine Kleinigkeit, in dem letzten halben\nActe einer Oper dreimal nach einander in Ohnmacht fallen\nund beim vierten Male todt sein zu müssen. Dazu gehört\nDisposition. Lohengrin rechtfertigt sich wegen des an\nFriedrich begangenen Todtschlages, den ihm der König bil-\nliger Weise auf „„Haben\"\" schreibt; er belehrt alsdann\ndie hohe Versammlung über den Gral und erwähnt auch\nmit Rührung seines Papa's. Elsa bereut ihren Vorwitz; der\nKönig und die Cavaliere, welche an dem „„Schützer\"\"\nihren Spass haben, weil sie „ „von ihm geiührt, des Sieg's\nbewusst\" \" sind, laden ihn höflich ein, zu bleiben; er selbst\ngeht auch ungern von seiner jungen Frau fort, die im\nGrunde keinen anderen Fehler hat, als dass sie eben eine\nFrau ist; wer weiss, was jetzt geschähe, wenn nicht recht-\nzeitig die Ankunft des Schwans erfolgle, welcher mit ele-\ngisch naiver Grazie mitten in den süssen Jammer hinein-\nschwimmt!\" (S. 210 211.) Alles mit der „möglichsten\nDiscretion\" gesagt. Er geberdet sich wie ein Italiäner, der\nvor seinem Heiligen auf den Knieen liegt und in dieser Si-\ntuation sich über ihn lustig macht.\nDenn ein Heiliger bleibt ihm Herr Wagner bei allem\ndem, wie folgende Aussprüche lehren. „Wagner bleibt un-\nverkiimmert das ewige Verdienst der Begründung jenes\nneuen Stils, in welchem Wort und Tonsprache zu untrenn-\nbarem Ausdrucksmittel in Einer und derselben Individuali-\ntät und gemeinsamer Wirkung nach aussen vereinigt, den\nStoff und seine Disposition im Musik-Drama von ihrer Na-\ntur, der des erhöhten Sprach-Vermögens aus, bestimmen\nund darstellen, wodurch die formale Unfreiheit und Nega-\ntion beim bisherigen Kunstschaffen in allen Gattungen der\nmit Musik combinirten Kunstwerke für ein- und allemal ge-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "380", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551201-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2081, "texte": "hoben sind.\" (S. 198.) „Eines Tages wird man vielleicht\ndie typisch-schöne Darstellung des von Wagner erschauten\nIdeals ins Leben treten sehen. Alsdann wird erst die Kunst-\ngeschichte ganz und gar wissen, woran sie mit Wagner\nist: das Kriegsgeschrei zwieträchtiger Parteien wird ver-\nstummt sein; eine neue Generation wird das neue Kunst-\nwerk liebevoll hegen und pflegen und seinem Schöpfer einen\nEhrenplatz neben Aeschylus, Shakespeare und Beethoven\nanweisen.\" (S. 251—252.) „Das Kunstwerk Wagner's,\nwie es im Lohengrin sich ausprägt, ist principiel die grösst-\nmögliche Erweiterung der Symphonie Beethoven's und Ber-\nlioz'. Wenn ich sage: Erweiterung, so kann ich hinzufügen:\nBegränzung und Erfüllung. Der Stoff ist subjectiv bestimmt\nund geformt, wie bei jener Symphonie; die Motive des Pa-\nthos und der romantischen Dialektik sind vergegenständ-\nlicht; das Pathos selbst ist in Personen und Situationen\nverlegt, aber diese sind im Sinne des subjectiven Musikers\ntypisch generalisirt. Die wirklichen Objecte der Schilderun-\ngen gelangen, wenn reel, zur Erscheinung, werden im an-\nderen Falle symphonisch dargestellt. Wollen wir einen\nVergleich herbeiziehen, so können wir sagen: Das Wag-\nner'sche Kunstwerk verhält sich zum Beethoven-Berlioz'-\nschen, wie das tragische Kunstwerk zum lyrischen der\nGriechen. Der Lohengrin ist, was die dramatische Form\nanlangt, in dem Maasse organisch, als der Faust anorga-\nnisch, und steht gleichzeitig in Hinsicht der symphonischen\nForm auf dem Höhenpunkte der Rhetorik Beethoven's, was\nseine subjective Richtung, in welcher der dramatische Vor-\nwurf mit nichten im Sinne der Aussenwelt, sondern im\nGanzen und Grossen aus der Seele des Gesammt-Dichters\nheraus objectivirt wird, genügend ins Licht stellt.\" (S.\n270 271.)\nAn Herrn Raff liegt nunmehr die Schuld nicht, wenn\nman nach dieser höchst klaren, kühnen und tiefsinnigen\nAuseinandersetzung sich noch nicht zu seinem Glauben be-\nkehren will. Als allseitige Charakteristik dieses Schriftstel-\nlers dürften beigebrachte Proben ihren Zweck erfüllen,\nund weiter beabsichtigten wir nichts.\n\nC."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-12-01-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-12-01_01#c003", "volume": "bmtnabi_1855-12-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "380", "page_fin": "382", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551201-01.2.2", "titre_corps": "George Onslow.", "titre_sommaire": "George Onslow.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "380", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551201-01.1.4", "debut_caractere": 2083, "fin_caractere_exclue": 4961, "texte": "George Onslow.\nEine biographische Skizze von J. F. Halévy.\nGelesen in der öffentlichen Jahressitzung der Academie des Beaux\nArts zu Paris den 6. October 1855.\n(Schluss. S. Nr. 46 und 47.)\nDie Irrthümer, welche namentlich durch den Artikel\n„Onsiow\" in Lexikon der Tonkunst in Bezug auf\ndas Verhältniss zwischen Beethoven und Onsiow verbreitet\nworden sind, widerlegt Gathy vollständig durch innere und\näussere Beweisgründe. Die letzteren sind übrigens bei der-\ngleichen Dingen doch immer die Hauptsache. Onslow's\nWitwe schreibt ihm: „Mr. Onsiow na jamais ete ä\nson seul maitre de composition, ä Paris, a ete Mr. Reicha.\"\nUnd F&is äussert sich wörtlich eben so und fügt hinzu:\n„Onsiow hat Beethoven gar nicht gekannt. Uebrigens hat\nes auch niemals weniger Aehnlichkeit zwischen dem Genie\neines Componisten und dem Talente eines anderen gege-\nben, als zwischen Beethoven und Onsiow. Ja, noch mehr.\nLetzterer sprach mit mir öfter über die Compositionen je-\nnes grossen Mannes mit einer Art von Antipathie; er be-\ngriff ihn nur in seiner ersten Periode. Je mehr Beethoven's\nGenie sich in seiner eigentümlichen Originalität entwickelte,\ndesto weniger Sympathie fand er bei Onsiow.\" —Daher kam\nes denn auch, dass Onsiow die Kälte des Publicums im\nConservatoire bei seinen eigenen Sinfonieen der „augen-\nblicklichen Vorliebe desselben für Beethoven\" zu-\nschrieb.\nUebrigens hat die deutsche Kritik die gründliche\nnämlich, nicht diejenige, die da schreibt, um Bogen zu fül-\nlen und Bücher zu machen niemals die Angabe lür halt-\nbar befunden, dass Beethoven Einfluss auf Onsiow gehabt\nhabe; jede Vergleichung eines Quartetts von diesem mit\neinem Quartett von jenem, selbst von Op. 18 an, ge-\nschweige denn einer Sinfonie des Einen und des Anderen,\nmusste nothwendig eine solche Behauptung widerlegen.\nDass Mozart hauptsächlich Onslow's Vorbild gewesen, ist\nsicher, und wir stimmen darin mit Gathy's Meinung über-\nein; allein unserer Ansicht nach war es doch nur Eine Seite\nMozart's, welche ihn vorzüglich anzog, nämlich die Detail-\nArbeit in dessen Quintetten und namentlich in dessen Quar-\ntetten. Die dramalisehe Kraft Mozart's, seine Phantasie,\nwelche die Arbeit in Lohn nahm und mit dem steifleinenen\nRiesen Contrapunkt ihr Spiel trieb, so wie seine seelenvolle\nMelodik blieben ihm fremd; eine eigentliche Nachahmung\nMozart's kann man eben desshalb in Onslow's Sachen nicht\nfinden, dazu waren die musicalischen Naturen Beider viel\nzu verschieden. Onsiow behält eine gewisse Originalität;\naber sie besteht nicht im Genialen, sondern im Interessan-\nten, und dies hatte besonders lür die Ausführenden einen\nsehr grossen Reiz und verschaffte seiner Musik trotz der\nCombinationen des Verstandes, der darin vorherrscht, ja,\nbei Vielen gerade desswegen, eine gewisse Popularität in\nDeutschland. Mit seinem Urtheil über Beethoven steht übri-\n* gens Onsiow unter den berühmten Componisten seiner"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "381", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551201-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4972, "texte": "Zeit nicht allein da; C. M. von Weber'» londerbare Verken-\nnung des grossen Mannes ist bekannt*), und der hochver-\nehrte Senior der deutschen Tondichter in Kassel hat sich\nauch erst spät mit den genialen Erzeugnissen der letzten\nPeriode Beethoven's— vielleicht auch jetzt noch nicht ganz\nbefreunden können.\nUeber den Unfall auf der Jagd bei Nevers erfahren\nwir noch durch Gathy, dass die verhängnissvolle Kugel\naus dem Rohr des Herrn von Jouville kam, des Besitzers\nvon St. Augustin, der auf diesem seinem Landsitze die\nJagd-Partie selbst veranstaltet hatte. Man kann sich die\nVerzweiflung des Mannes denken!\nNach dem von erwähnten Besuche bei dem\nGrafen Murat zog sich Onslow eine starke Erkältung auf\neinem Spazirgange zu; indess waren ihre Folgen bereits\nglücklich überstanden, und Niemand der Seinigen, in deren\nMitte er den darauf folgenden Sonntag zubrachte, ahnte\neinen Unfall, als er ganz unerwartet noch in derselben Nacht\nauf den Montag den 3. October, um fünf Uhr Morgens,\nverschied. Sein Freund Murat erholte sich noch einmal von\nseiner Krankheit und hielt vier Wochen darauf, obschon\nnoch leidend, in einer Sitzung der Akademie von Clermont-\nFerrand dem Dahingeschiedenen eine warme Erinnerungs-\nrede. Bald darauf ging auch er heim.\nOnslow's Gattin war ein Fräulein de Fontanges.\nEr hat einen Sohn und zwei Töchter hinterlassen, alle ver-\nheirathet, jedoch keinen Enkel seines Namens; wohl aber\nlebt der Name in den Söhnen seines Bruders fort. Von den\nClavierspielern seiner Zeit schätzte er Stephen Heller am\nmeisten, dem auch sein einziger Besuch bei seiner letzten\nAnwesenheit in Berlin galt.\nIm Jahre 1847 war Onslow in Köln bei der Feier\ndes niederrheinischen Musikfestes, für welches er stets\ngrosse Theilnahme bewiesen hatte. Das Comite hatte ihn\neingeladen, seine neueste Sinfonie aufzulühren. Auch Spon-\ntini war anwesend. Die Haupt-Auflührungen: Händel's\nMessias, Mendelssohn's 114. Psalm, Beethoven's\nSinfonie, Spontini's Ouvertüre und zweiter Act der Olym-\npia, dirigirte H. Dorn. Onslow hatte im Aeusseren etwas\nImponirendes, Vornehmes, Lordartiges, das aber nur in\ndie Ferne wirkte; denn bei Annäherung, die er auch den\nUnberechtigtsten leicht machte oder wenigstens nie übel\ndeutete, verschwand dasselbe unter der elegantesten Hal-\ntung und Höflichkeit, und bei genauerer Bekanntschaft un-\nter einer Freundlichkeit und Zuvorkommenheit, welche so-\ngar zuweilen übertrieben scheinen konnten, ihren eigent-\nlichen Grund jedoch keineswegs in Falschheit oder Heuche-\nlei, sondern in jener Gutmüthigkeit hatten, die man bei ge-\nbildeten Franzosen des alten Regime's häufig fand und die\ndem Weltmanne einen liebenswürdigen Anstrich von Ge-\nmüthlichkeit gab, heutzutage übrigens immer seltener wird.\nDenn jetzt gibt es in der grossen Welt ja nur Blasirte\noder Egoisten.\nOnslow wurde in Köln bei seinem Auftreten mit rau-\nschendem Applaus begrüsst und überhaupt öffentlich und\nin Privat-Cirkeln auf vielfache Weise gefeiert; eine Sere-\nnade vom Männergesang-Vereine, eine festliche Fahrt auf\ndem Rheine nach dem Siebengebirge und Anderes der Art\nwurde veranstaltet. Seine Sinfonie—es ist (wenn wir nicht\nirren) die dritte, mit dem Andante oder der Romanze aus\nseinem ersten Clavier-Duo für Orchester instrumentirt\nerhielt einen Succes d'estime,namentlich das erste Allegro\nund das Andante; das Allegro ist unstreitig der beste Satz,\nwie wir das auch damals schon in dem Berichte über das\nMusikfest in der Kölnischen Zeitung aussprachen. Das Me-\nnuetto ist schwach, und der letzte Satz, eine Sturm-Male-\nrei, Coup de ventüberschrieben, musste als eine sonder-\nbare Zugabe erscheinen, da sie sich an und für sich nicht\nüber das Gewöhnliche erhebt und zum Charakter des er-\nsten Satzes gar nicht passt.\nOnslow hatte aber eine Freude über die sorgfältige\nEinübung und die treffliche Ausführung seiner Composition,\nwelche so gross war, dass er sie gar nicht bergen konnte.\nEr war durchaus kein Dirigent; seine ruhelose Haltung,\nseine Lebhaftigkeit in Bewegung beider Arme und das Mie-\nnenspiel, das jeden Eindruck einer gut ausgeführten Stelle\nwiederspiegelte, erregten eine Heiterkeit, deren Ausbruch\nnur die allgemeine hohe Achtung vor dem ausserordent-\nlichen Talente des Componisten unterdrückte. Wenn aber\njemals das Orchester der niederrheinischen Musikfeste seine\nTüchtigkeit und Unzerstörbarkeit bewährt hat, so war es\nbei dieser Gelegenheit. Nun freilich, Franz Hartmann\nstand an der Spitze.\nDiesen trefflichen Künstler lernte Onslow damals per-\nsönlich kennen, schätzen und lieben, so wie er denn über-\nhaupt von den Leistungen des kölner Quartetts (F. Hart-\nmann, F. Derckum, F. Weber, B. Breuer) entzückt war,\nnamentlich als dasselbe eines Abends in einer Privat-Ge-\nsellschaft ein neues Quartett, welches er im Manuscripte\nvorlegte, a vista ganz vorzüglich vortrug.\nIm März 1849 widmete Onslow in Erinnerung dieser\nTage den Herren F. Hartmann, Michael DuMont,\n\n*) Vergl. Jahrgang 1853 dieser Zeitung, Nr. 20 vom 12., und\nNr. 22 vom 26. November."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "382", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551201-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 819, "texte": "Alb. Hei mann, F. Derckum und Ad. Breuer sein\nzweiunddreissigstes Quintett in D-moll lür zwei\nViolinen, zwei Violen und Violoncell, Op. 78, in demsel-\nben Jahre bei Brandus in Paris und bei Kistner in Leipzig\nerschienen. Er übersandte sein eigenhändiges Manuscript\nund schrieb auf die Vorderseite der ersten Violinstimme:\n„Manuscrit de VAutcur ojfert par lai ä Mr. Hartmann\ncomme un temoignage de sa haute estimeu *). Dem Gan-\nzen fügte er einen Brief an die oben Genannten bei, in\nwelchem er sich unter Anderem so äussert: „ ga n'est\npas assez: fai voula quun temoignage artistique, qu une\ncomposition inspiree par Yoiis-memes demnt dans le monde\nmusical la constante expression des sentimens que mon coeur\nVous a voues. Veuillez aeeepter im Quintuor que fai ecrit\npoar Vous etc. —Paris, 18. Mars 1849. George Onslow.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-12-01-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-12-01_01#c004", "volume": "bmtnabi_1855-12-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "382", "page_fin": "383", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551201-01.2.3", "titre_corps": "Aus Mecklenburg.", "titre_sommaire": "Aus Mecklenburg.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "382", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551201-01.1.6", "debut_caractere": 821, "fin_caractere_exclue": 7218, "texte": "Aus Mecklenburg.\nI.\nDen Zeitpunkt verschiedener Veränderungen in unserem sonst\nsehr stabilen Lande wähle ich, um Ihnen versprochener Maassen\nüber hiesige Musik einige Mittheilungen zu machen. Im Ganzen\nsieht es hier freilich eben so aus, als anderswo, doch gestalten die\nengen Verhältnisse Manches eigentümlich, und das eben ist „der\nHumor davon\".\nSieht man von dem so genannten Hoftheater des Grossherzogs\nzu Mecklenburg-Slrelitz ab und wie die Sachen jetzt stehen,\ndarf man solches unbedenklich thun —, so besitzt Mecklenburg nur\nzwei Theater, ein Stadttheater in Rostock und ein Hoftheater mit\n„Hof-Intendanten\", „Hof-Schauspielern\", „Hof-Opernsängern\" und\n„Hof-Opernsängerinnen\" in Schwerin. Das rostocker Theater ist\nin letzterer Zeit, wie eine rechtschaffene Jungfer, fast alle Jahre\neinmal zu Fall gekommen. Tritt dieses Schicksal ein, so stäubt die\nganze Bande aus einander, und man muss denken, nun werde die\nKunst hier langen Winterschlaf halten. Aber weit gefehlt ! Schon\nist ein neuer „Direetor\" oder, wie das ehrlichere siebenzehnte\nJahrhundert sagte, „Komödiantenmeister\" unterwegs, um die Hin-\nterlassenschaften der Verschiedenen zu erhandein, der Stadt das\nGebäude abzudingen und so den Anfang des Endes aufs Neue zu\nbeginnen. Wenn's hoch kommt, pflegen die Väter „der Stadt\" dem\nMeister wohl den Mieihzins zu erlassen, doch mit der Neben-Be-\ndingung, er möge hinfort Costume und Decorationen etwas mehr\nbedenken; weiter thut die Stadt hier nichts, und hat nie etwas ge-\nthan, als raisonnircn, sobald es schlecht ging. Dabei wird immer\nfort gespielt „in gut und bösem Wetter\". Nach dem Sprüchwort\nwird alle Trübsal durch die Zeit geboren und durch die Zeit wie-\nder vernichtet. Beim Theater, kann man sagen, ist der Leichtsinn\ndie Mutter und der Leichtsinn der Arzt aller Uebel. Dieser ewige\nLeichtsinn 1 Man hat sich bei Theater-Bauten um passende Gene-\nral-Inschriften vielfach den Kopf zerbrochen und immer so etwas\nvon dem griechischen Sich-Seibst-Erkennen, oder dem Shakespeare'-\nschen Welt-Darsteilen u. dgl. Einfliessen lassen. Sollte ich einmal\num meine Meinung befragt werden, so würde ich vorschlagen, in\ngüldenen Buchstaben nicht mehr und nicht weniger hinzumalen,\nals das Verslein: „Ich halr mein' Sach' auf Nichts gestellt, Juchhe!\"\nOb die Opern in Deutschland irgendwo mehr abgeschrieen wer-\nden, als in Hamburg im Grossen und in Rostock im Kleinen, ist\ndie Frage; ich glaube nicht. Hier schreit man, dass die Haide\nwackelt, ein Kraut, welches bekanntlich sehr fest sitzt. Die Mund-\nstellung der Singenden pflegt 45 Grad über dem Horizont zu sein;\ngenaue Beobachtungen ergeben, dass sich ein heulender Hund so\nziemlich in derselben Situation befindet.\nDer Intendant des Schweriner Hoftheaters, Geh. Hofrath Zöllner,\nist im verflossenen Sommer gestorben. Man sagt, er habe den\nSchlag bekommen, oder noch deutlicher: er habe sich aus der\nmenschlichen Gesellschaft abgedrückt, nachdem er Fortuna im Spiel\nzu sehr auf die Probe gestellt. Die Leitung des Theaters ist bei-\nnahe zwanzig Jahre hindurch seinen Händen anvertraut gewesen.\nEr war ziemlich arbeitsam; aber weil er Vieles, was einer der un-\ntergeordneten Beamten nicht allein hätte thun können, sondern\nauch thun müssen, selbst besorgte, so griff er Anderen ins Recht\nund stiftete dadurch bei all seinem Schreiben und Anordnen kei-\nnen erheblichen Nutzen. Der Regisseur war eine Null unter ihm\nund durfte sich nur so weit mausig machen, als es demselben ge-\nlang, den Herrn Geh. üofrath für sich zu gewinnen. Es w:ar sol-\nches in den letzten Jahren zwar der Fall, doch ist nichts desto\nweniger die Regie oft in höchst traurigem Zustande gewesen. Noch\nschlimmer stand sich der Musik-Director (einen „Capcllmeistei\"\nwerden Sie in ganz Mecklenburg vergebens suchen, es möchte denn\nein nomineller sein). Dieser hatte nicht einmal die allcrnothdürftig-\nsien Befugnisse, er durfte nicht das Geringste unternehmen. Sollte\nirgend eine neue Oper aufgeführt werden, so erfuhr er solches\nofficiel erst, wenn ihm die Partitur ins Haus geschickt wurde; von\nBeräthung mit ihm über dieses und jenes Product war nicht die\nRede. Wollte Jemand von den nur sehr spärlichen Proben di.spe.n-\nsirt sein, so wandte er sich an den Geh. Hofrath; sagte dann der\narme Direetor: „Es ist für Sie und für das Ganze nöthig, dass Sie\nanwesend sind!\" bekam er einfach zur Antwort: „Der Herr Geh.\nHofrath haben's mir erlaubt\"; und ein gewisser St. bekräftigte wohl\nnoch: „Ja, der Herr Geh. Hofrath haben's erlaubt!\" Es kam auch\ngenug vor, dass der Musik-Director sich mit seinen Musicanten ver-\nsammelt hatte, aber noch nicht beginnen konnte, weil keine Noten\nda waren. „Herr Musik-Director, was soll denn heute gemacht\nwerden?\" fragte Dieser und Jener. „Ja,\" antwortete er achsel-\nzuckend, „ich weiss nicht.\" In diesem Zustande verharrte die Com-\npagnie, bis ein gewisser St, mit der Partitur sichtbar wurde, unter\ngrossem Bückling sagend: „Der Herr Geh. Hofrath haben (z. ß.\nYv7agner's fliegenden Holländer) zur Probe bestimmt.\" Auswärtigen\nLesern mag solches unglaublich scheinen, aber seinen eigenen Ohren\npflegt man zu trauen, und jedes Orchester-Mitglied kann* es bezeu-\ngen. Musik-Director war in den letzten zehn Jahren und ist noch\njetzt Herr Mühlenbruch, Sohn eines mecklenburgischen Gutsbe-\nsitzers, schon in den Fünfzigern Ein sanftmüthiger, gelinder Mann,\nder von seinen Musikern vielfach gelobt wird, zum Theil aber nur\ndesshalb, weil es ihm nicht schwer fällt, zu sagen: „Zweimal zwei\nist fünf oder sechs.\" Allerdings, wie soll man es unter so bewand-\nten Umständen anders machen? Ist z. B. nur Ein Horn oder nur\nEine Posaune anwesend, was hilft es, geltend zu machen, dass die\nPartitur drei oder vier verlangt? Darf man nicht auf die Antwort\ngefasst sein, den Meisten wäre es ganz gleich? und ist es alsdann\nnicht besser, gleich zu sagen: „Nun, ist nur Eine Stimme da, so\nlassen wir die anderen aus\"? Ich bemerke dagegen nur, dass\njede Nachgiebigkeit ihre Gränzen hat, und dass auch Herr Müh-\nlenbruch nicht so nachgiebig sein würde, wenn er sich kräftiger\nund in seinen Kunst-Ansichten sicherer fühlte, als es der Fall ist\nNicht zu den Wüsten gehört er, aber zu den Schwebenden. Das\n\n*) Das Manuscript des Quintetts wurde von F. Ilartmann dem\nQuartett-Vereine geschenkt und befindet sieh jetzt im Besitze\ndes Herrn Mich. DuMont. Onslow schrieb in Noten und Buch-\nstaben eine sehr deutliche, äusserst reinliche und zierliche\nHand."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "383", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551201-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7469, "texte": "beständige Laviren schafft keine Autorität; Herr Mühlenbruch hat\nsolches genug erfahren müssen, am empfindlichsten wohl in den\nletzten Jahren und besonders während des Interregnums, d. h.\nnach dem Ableben des Intendanten. Denn die interimistische Lei-\ntung des Instituts wurde nicht etwa dem Regisseur, auch nicht dem\nMusik-Director, oder Beiden vereint, übertragen, sondern einem\nHerrn, Namens Stocks, der Chor-Director am Theater ist und aus-\nserdem auch noch „Rendant4*, d. h. Dies und Das. Freilich zeigte\nsich bald, dass dies ein Missgriff war; die Confusion soll den Som-\nmer über, wo das Theater in dem Badeorte Doberan und in der\nSeestadt Wismar fungirt, arg gewesen sein. Herr Stoeks dürfte von\nder Musik nicht viel mehr los haben, als der gewesene Intendant.\nZrotzdcm war gerade er es, der die Gunst dieses Geh. Hofrathes\nsich zuwege zu bringen wusste durch stete Fügsamkeit, Meinungs-\nlosigkeit und Ehrerbietung bei gebogenem Rücken, freilich auch\nden inneren Widerwillen fast des gesammten übrigen Personals.\nSobald einmal bessere Zeiten kommen, wird sein Licht schnell er-\nlöschen; denn künstlerische Fähigkeiten besitzt er in keiner Weise.\nNichts ist drolliger, als wenn Herr Stocks einmal bei Abwesenheit\ndes Musik-Directors Opern-Aufführung leiten muss; er thut\nes denn auch höchst ungern, weil er wohl fühlt, dass jeder tact-\nsichere Orchestermann über sein Tactfächeln ein inneres Behagen\nempfindet. Aber wie er in ersterbender Devotion es Allen zuvor\nzu thun pflegt, so auch in der feinen Herausspürung dessen, was\nin der Luft liegt und „oben44 gefallen möchte. Er war es hiesigen\nOrtes, der sich mit dem blödesten Fanatismus an Wagner hängte,\ndurch endlose Proben und zahlreiche Aufführungen dessen drei\nOpern in drei auf einander folgenden Jahren hier zum Vorschein\nbrachte und daran für diese ganze Zeit die Mittel abnutzte und\ndie übrige Musik ruinirte. Man hat zwar oft gesagt, die Theater\nerwürben sich durch möglichst schnelle Vorführung neuer Werke\nein Verdienst, und ich will es in dieser Allgemeinheit auch wahr\nsein lassen, obwohl ich dasjenige Theater glücklich preise, dessen\nLeiter Alles zu prüfen und das wirklich Gute heraus zu finden\nwissen. Wenn aber die Sache so betrieben wird, wie hier gesche-\nhen, so entschwindet jedes Verdienst, und man muss sich entschie-\nden dagegen auflehnen. Vorn Verfolgen edler Zwecke ist da keine\nRede mehr, man hat sich als Partei constituirt und will gewisse\nDinge „durchsetzen44. Ob die Mittel ausreichen zur Vorführung, ob\ndas Publicum musicalisch reif zu solchen Experimenten ist, ob man\ndas Institut selbst dabei zu Grunde richtet, darauf wird keine Rück-\nsicht genommen. Viele unzweifelhaft gute Opern sind hier noch\ngar nicht zur Aufführung gekommen, andere bald wieder ver-\nschwunden. Bei dem immerwährenden Wechsel der Mitglieder für\ndie ersten Gesang-Partieen muss fast alljährlich das Repertoire\ngleichsam neugeschaffen und jedes erhebliche Stück „neu einstudirt44\nwerden. Der Leichtsinn, mit welchem solches geschieht, übersteigt\nalle Gränzen. Da soll z. B. nach mehrjähriger Pause der Fidelio\neinmal wieder gegeben werden. Die Sängerin der Leonore kann\ndie Partie nicht, hat sie noch nie gesungen, auch nie singen hören,\nund erklärt nach der zweiten Probe, mit der es abgethan sein soll,\nsie müsse wenigstens noch um eine gründliche Probe bitten. Herr\nStocks wird allerseits ersucht, für den folgenden Tag noch eine\nsolche zu veranlassen. Er verspricht es auch. Als nun aber das\nPersonal den anderen Tag zusammenkommt, hat man auf Befehl\ndes Geh. Hofrathes Wagner's rasenden Holländer vorzunehmen!\nHätte nicht der Sänger des Florestan rein aus Begeisterung für\ndas Werk mit der „Leonore44 das Ganze im Privathause beim Cia-\nvier durchgenommen, so würde die Aufführung gänzlich misslun-\ngen sein. Die Chöre in Fidelio waren traurig, wenn man die Aus-\nführung mit der herrlichen Composition vergleicht. Ueberhaupt sind\ndie Chöre aller Opern in den letzten Jahren schlecht einstudirt ge-\nwesen, die Wagnerseben ausgenommen. Herr Stocks erfreut sich\nungebildeter Ohren bei der Zukunfts-Musik allerdings eine Wohl-\nthat und eines der Haupt-Erfordernisse, wenn man dieselbe schön\nfinden soll. Daher wird ihm auch etwas schlimm zu Muthe, wenn\ner „reine44 Musik hören muss. Es ist Thatsache, dass er Mozart's\nOpern mit Widerstreben anhört und mitten im Stücke das Theater\nverlässt, sobald sein „Dienst'* zu Ende ist. Dieser Herr ist oder\ndarf ich sagen: war? der Hahn im Korbe unter denen, die sich\nin den leipziger Blättern herausstreichen Hessen als Propagandisten\nfür die musicalische Reform in Mecklenburg.\nVorläufig hat das Theater zu Schwerin in Herrn Steiner (früher\nin Dessau) einen so genannten artistischen Director erhalten. Wir\nsehen darin einen erfreulichen Schritt zum Besseren; denn nun\nliegt die Leitung doch wieder in den Händen eines Fach- und\nSachkenners. Der künftige Intendant, wer es auch sein wird, dürfte\nnicht viel mehr als eine Mittelsperson zwischen dem „Hofe44 und\ndem Theater vorstellen. Hoffen wollen wir denn auch, dass die Re-\ngie nunmehr einheitlich und lebendig gehandhabt werde. Das\nSchauspiel zeigte zwar nicht die Zerrissenheit der Oper; wie sehr\naber besonders das höhere Drama im Argen liegt, hat man unter\nAnderem an Aufführungen wie Faust, Minna von Barnhelm, Romeo\nund Julie u. s. w. wahrnehmen können. In der Schlussscene von\nShakespeare's Romeo und Julie ist es vorgekommen, dass der an-\nkommende Fürst den sich schuldig fühlenden Mönch mit den Wer-\nten (dem Recitativ!) aus Weber's Freischütz anredete: „Bist du es,\nheil'ger Mann? Gesegneter des Herrn!44 u. s. w.\nIm verflossenen Jahre, weil Wagner keine Oper mehr vorräthig\nhatte, suchte man einige andere Sachen hervor. So den Wasser-\nträger, der auch ziemlich gelang. Noch mehr Erfolg hatte der Som-\nmernachtstraum mit Mendelssohns Musik. Das Stück ist über Er-\nwarten wiederholt hier gegeben und gern gesehen. Viel trug eine\nsinnige Decoration dazu bei; doch nach Vieler Meinung auch die\nMusik, obwohl diese nach meinem Dafürhalten hier massig execu-\ntirt wurde und überhaupt die Shakespeare'sche Dichtung trübt. Aber\ndas stört Wenige; man ist an Mischwerke gewohnt und will Misch-\nwerke haben; von Formreinheit, von den besonderen Gesetzen je-\nder Kunst, von „reinen44 Kunstwerken muss man dem heutigen\nGeschlechte nichts sagen. Auch in so fern will ich die Aufführung\ndieses Sommernachtstraumes noch hervorheben, als bei dieser Gele-\ngenheit die Localpresse wieder Muth gewann, unverhohlen zu be-\nkennen, das wäre doch andere Musik, als die Wagner's. Niemand\nwagte darauf, diesen Unsterblichen in Schutz zu nehmen. Schon\ndaraus können Sie auf die Intelligenz seiner hiesigen Freunde einen\nSchluss machen; denn einige Gründe der Gegner Wagner's (Dilet-\ntanten, wie die anderen auch) waren leicht zu werfen. Es scheint\neine gewisse Periode hier ihrem Ende nahe zu sein, obwohl ich\nfür nichts einstehen will.\nUeber weitere Persönlichkeiten, über hiesige Sänger und Sän-\ngerinnen kann ich mich kurz fassen. Der oben genannte ehren-\nwerthe Sänger des Florestan heisst Herr Kühn; er ist vor Kurzem\nnach Dessau an das dortige Theater gegangen. Bassist Hintze wirkt\nhier schon viele Jahre mit Eifer und ohne Eifer; denn Verhältnisse,\nwie sie hier bestehen, stumpfen ab. Beide jetzige Tenoristen sind\nAnfänger. Von den Sängerinnen, Mad. Oswald und Fräul. Meier-\nhöffer, ist die erste nach guter Vorbereitung grossen Partieen ge-\nwachsen, die zweite kommt über eine gewisse Mittelmässigkeifc\nnicht hinaus."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-12-01-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-12-01_01#c005", "volume": "bmtnabi_1855-12-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "383", "page_fin": "384", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551201-01.2.4", "titre_corps": "Pariser Ausstellung.", "titre_sommaire": "Pariser Ausstellung.", "signature_source": "L. 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Herr G. Adam hatte drei Instrumente auf\nder Ausstellung, einen Concertflügel, ein so genanntes\nPianino und ein Piano in Tafel form; er ist der ein-\nzige Aussteller aus Preussen, dem in der XXVII. Classe\nder Industrie („Musicalische Instrumente\") die Auszeich-\nnung der Medaille erster Classe zu Theil geworden ist;\nausser ihm haben ein berliner und ein königsberger Piano-\nFabricant Medaillen zweiter Classe erhalten. Eben so ist\ndie „ehrenvolle Erwähnung\" seiner Arbeiter die einzige\nder Art für Preussen in Bezug auf Instrumentenbau.\nG. Adam's Instrumente sind durch diese Auszeich-\nnung den besten Fabricaten in Frankreich, und zwar von\nfranzösischen Sachverständigen selbst, gleichgestellt, und so\nwerden wir denn auch wohl in Deutschland zu der Ein-\nsicht kommen, dass wir das Gute, das wir daheim besitzen,\nnicht mit schwerem Gelde aus der Fremde zu beziehen\nbrauchen.\n\nL. 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Simröck in Bonn schreitet\nschnell vorwärts, indem die kürzlich erschienenen, Judas Macca-\nbäus und Josua, uns bereits wieder vorliegen. Abgesehen von\ndem hohen Interesse, welches der Musiker daran hat, zu beobach-\nten, wie Händel das ursprüngliche Wort des Textes behandelt,\nbietet diese Hand-Ausgabe auch dem weniger bemittelten Künstler\nund Dilettanten eine schöne Gelegenheit, sich die Sammlung der\nbesten Werke des unsterblichen Meisters anzuschaffen. Judas Mac-\ncabäus (178 Seiten) kostet 12 Frcs., Josua (140 S.) 8 Frcs. netto.\nDruck und Papier sind sehr gut.\nIn München starb am 14. November der königliche Hof-Mu-\nsik-Director Herr Jos. Moralt, Inhaber der goldenen Verdienst-\nMedaille und der Ehrenmünze des Ludwigs-Ordens. Er war gebo-\nren zu Schwetzingen bei Mannheim am 5. August 1775 und hatte\nsonach das 80. Lebensjahr bereits zurückgelegt. Der Verstorbene,\nder seine höhere musicalische Ausbildung bei dem Capellmeister\nPeter Winter erlangt hatte, war einer der ausgezeichnetsten Violi-\nnisten seiner Zeit und hatte sich als solcher bei den Kunstreisen,\ndie er mit seinen drei bereits vor ihm gestorbenen Brüdern in den\nJahren 1800 und 1806 durch Deutschland, die Schweiz, Frankreich\nund England unternahm, grosser Triumphe zu erfreuen. Schon\n1786 in die kurfürstliche Hofmusik in München eingetreten, wurde\ner im Jähre 1800 wegen seines schönen Violinspiels und seiner\nausgezeichneten Musik-Direction zum Concertmeister ernannt. Er\nleitete die damalige so ausgezeichnete italienische Oper in München\nbis zu deren Auflösung und wurde 1827 zum Hof-Musik-Director\nder deutschen Oper ernannt. (A. A. Z.)\nAmsterdam, 20. November. In einem Concerte der Gesell-\nschaft Cacilia wurde in diesen Tagen die Sinfonie in E-moll von\nF. Hiller unter Direction unseres wackeren Veteranen van Bree\nvorzüglich gut aufgeführt. Diese edle und erhabene Composition\nbrachte auf das eben so zahlreiche als ausgezeichnete Publicum\neine schwer zu beschreibende Wirkung hervor, und es herrschte\nüberall nur Eine Stimme darüber, dass dieses Werk eines der\nschönsten musicalischen Erzeugnisse der letzten Zeit sei. Die be-\nvorstehende Aufführung desselben im Haag durch Herrn Hof-\nCapellmeister H. Lübeck wird eine Menge Kunstfreunde von hier\ndort hin ziehen.\nBerichtigung.\nIn Nr. 45, S. 353, Sp. 2, Zeile 14 v. 0., statt „V er legere\" lies\n„Vorlegere\" (das alte Wort für „Verleger\")."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "377", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551201-01.1.1", "texte": "J. Raff über R. Wagner.\n\nDie Wagner-Frage. Kritisch beleuchtet von\nJoachim Raff. Erster Theil. Wagner's letzte künst-\nlerische Kundgebung im „Lohengrin\". Braun-\nschweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg\nund Sohn. 1854. 286 Seiten in kl. Bvo. Preis\n1 % Thlr.\nWir warteten bisher auf das Erscheinen des zweiten\nTheiles; doch scheint dieses sich in die Länge zu ziehen,\ngleich Wagner's Opern-Dicht-Compositionen. Daher nach-\nträglich einige Bemerkungen über den ersten Theil; er\nbietet zu viele Merkwürdigkeiten, als dass man ihn mit\nStillschweigen übergehen könnte.\nHerr Raff besitzt so ziemlich alle Eigenschaften eines\nguten Schriftstellers im zukünftigen Sinne.\nZuerst verachtet er die Kritik gründlich und sagt:\n„Die Feindschaften, die ich mir durch die gegenwärtige\nSchrift erwecke, würden mich besorgt machen, wenn ich\nsie zählte; aber sie werden mir wegen ihrer Unzählbarkeit\nunwahrnehmbar.\" Er sei unbesorgt. WTir wüssten wirklich\nnicht, wen Herr Raff beleidigen könnte; die deutschen Ca-\npellmeister, welche von ihm unschickliche Angriffe erfahren,\nwerden ja über die eigentliche Quelle solches Zornes nicht\nim Zweifel sein.\nSodann besitzt er einen Styl, den wir nur mit dem\nWorte „klobig\" bezeichnen können. „Der erste Versuch,\nder fertig gegebenen Melodie eine zweite beizugesellen, ist\nals die Geburt des Contrapunktes anzusehen. Da man es\nzu jener Zeit bloss mit gleichen rhythmischen Grössen zu\nthun hatte, so setzte man die beiden Melodieen Note ge-\ngen Note. Auf diesem Standpunkte bleiben alle Musici ste-\nhen, welche das Theorem Wagner's, dass jede Note einer\nMelodie nur die Spitze des unter ihr stehenden Accordes\nsei, für mehr als einen Spass halten. Es ist die rüdeste Art\ndes Contrapunktes, gewährt aber den Harmonisten das\nLabsal, dass sie jeder Melodie-Note einen centnerschweren\nAccord und einen Siebenmeilenstiefel-Bass anhängen dür-\nfen, wodurch sie dem musicalischen Pöbel als profunde\nKöpfe imponiren können.\" (S. 74 75.)\nFerner die Gabe, alle Gegenden, über die er nicht\noricntirt ist, durch eigene Phantasie zu illuminiren. Und\nnoch manche andere Schönheit.\nWie man schon hat bemerken können, spricht er nicht\nbloss bewundernd, sondern auch im Tone heftigen Tadels\nvon seinem Helden. „Der Stil Mozart's und Beethoven's\",\nsagt er weiterhin in demselben Sinne, „ist nicht der mono-\ndische, harmonische, sondern symphonistische, polyphone.\nDiesem Stil gegenüber ist Wagner's Theorie vom vertical-\naccordlichen Aufbau der Harmonie über dem Grundbasse\nund der darüber liegenden monodischen Melodie gerades-\nwegs zu verwerfen. Er selbst erreicht jene bewunderns-\nwerlhe Höhe musicalischer Beredsamkeit, auf die man ihm\nmit Entzücken folgt, nur in den Momenten, wo er seiner\nTheorie in unwillkürlichem, aber glücklichem Selbstverges-\nsen untreu wird. ... Es sind schöne Momente, wo er sich\nseiner seemännischen Ansichten von Harmonie entweder\nnoch nicht bewusst geworden oder nicht mehr erinnerlich\nwar. Preiswürdige Inconsequenz, welche ihren Urheber zu\nden Sternen trägt.\" (S. 85 86.) Hier hat man die\nQuintessenz seiner Weisheit. Welche Anschauung vom in-\nneren Wesen der menschlichen Natur wird erfordert, um\nso aus dem Abnormen und der Inconsequenz gesunde,\npreiswürdige Productionen erklären zu können! Durch die-\nses Auseinanderreissen der Theorie und Praxis bei Wagner\nkommt Raff mit Prof. Hinrichs zusammen, dessen Schrift-\nchen von 1853 auch schon wieder verschollen ist. Wag-\nner selbst wird mit Recht gegen solche verzweifelte Aus-\nflüchte seiner Verehrer protestiren, und wir halten in glei-\ncher Weise fest an der Uebereinstimmung zwischen Theorie\nund Praxis, wenn auch unser Urtheil im Uebrigen ganz\nanders lautet. Aber lehrreich sind solche Experimente im-\nmer und erklärlich auch; denn will man die Wagner'sche\nKunsterscheinung durchaus zu etwas Grösserem machen,\nals sie ist, so muss man allerdings sonderbare Wege einschla-\ngen. Hält Herr Raff sich laut des Vorwortes lür eines der"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "378", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551201-01.1.2", "texte": "Enfants perdus, welche einen Generalsturm auf die aus\n\\\nBornirtheit, Trägheit und Gehässigkeit aufgeführten Zwing-\nburgen der Menschheit unternehmen, dann können wir ihm\nversichern, dass er eine Position inne hat, die nicht zu hal-\nten ist—übrigens mag er wohl ein verlorener Knabe sein,\nes kommt uns selber so vor.\nAuch mit der Alliterations-Poesie, der Stabreimerei,\ndie in dem Kunstwerke der Zukunft eine grosse Rolle spie-\nlen soll, ist er gar nicht zufrieden. „Wagner ist in seinen\nletzten Speculationen auf die unselige Idee verfallen, eine\narchaistische Art der Diction (die Alliterations-Poesie) wie-\nder aufzuwecken, und macht nicht übel Miene, eine Gram-\nmatik (natürlich auch ein Lexikon) zu schreiben, worin man\nden musicalischen Ausdruck nach dem so gestaltet sprach-\nlichen fertig vorfinden könnte. Man würde dadurch bald in\nStand gesetzt sein, zu singen, wie zu sprechen, d. h. jedes\nWort erhielte nachgerade seine typische rrusicalische Be-\ntonung, und schliesslich würde man eines Morgens den\npreussischen Staats Anzeiger (warum nicht lieber die Neue\nZeitschrift für Musik ?) ohne Schwierigkeiten abzusingen in\nder höchst angenehmen Verfassung sein. Schade, dass Wag-\nner sein Material nicht von Hause aus mit dem der Gebrü-\nder Grimm vereinigt hat.\" (S. 100—101.) Das soll Witz\nsein, klingt aus dem Munde eines Wagnerianers aber ein\nwenig unanständig. Sonst stimmen wir ihm hier in der\nSache bei, wie auch bei manchen anderen Bemerkungen.\nEr spottet über das Gral-Motiv, über die Orchester-Erläute-\nrung und sagt über das so genannte Duett zwischen Elsa\nund Ortrud, das wir bei der Aufführung noch immer ha-\nben beklatschen hören: „Elsa singt den schon abgesunge-\nnen Text noch einmal ab, und Ortrud bringt den ihrigen\nhinzu, der ziemlich ungeschickt behandelt ist, weil und ob-\ngleich in demselben ein Vers vier Mal wiederholt ist. Ein\nwinziger Fetzen Ensemble im ersten Abschnitte des mehr-\nerwähnten Liebes-Duettes ist ebenfalls äusserst ärmlich auf\neine ziemlich ekelige Text-Wiederholung und einen jener\nvon Wagner ewig und ewig wiederholten und banalisirten\nTremolo-Crescendo-Effecte basirt, die als reines Dilettanten-\nfutter nur in italiänischen Vollblut-Opern in solcher Aus-\ndehnung consumirt werden sollten.\" (S. 121.) Sehr gut.\nEr will überhaupt erst den Wagner annehmen, nachdem\ner ihn gehörig sortirt hat; wer es aber anders macht, sagt\ner, „ wer an die Mit- und Nachwelt das Postulat der Brutto-\nAnnahme der Wagner'schen Erscheinung stellt, dem sei\nhier ohne Rückhalt gesagt, dass er entweder mangelhaft\ngebildet oder übel gewillt ist.\" (S. 123.) Das Postulat\nstellt aber Wagner selbst, stellt es unzweideutig und un-\ngenirt in allen seinen Schriften; folglich ist er entweder\nmangelhaft gebildet oder übel gewillt. Mag wohl sein; ko-\nmisch ist nur, dass ein Mann seiner Partei solches deduci-\nren muss.\nAnlangend die Betheiligung des Chors in Lohengrin,\nmeint Herr Raff' zwar: „Mir ist keine Oper bekannt, in\nwelcher dem Chor solche Unmittelbarkeit und Wahrheit\nder Haltung verliehen wäre, wie hier\" (S. 123; es wäre\nrichtig, wenn er gesagt hätte: keine Oper bekannt, in wel-\ncher die Absicht des Verfassers war, dem Chor etwas\nder Art zu verleihen), urtheilt dann aber über das geprie-\nsene Geschrei, welches angestimmt wird, als der Schwanen-\nreiter auf seinem Hippogryphen die Scheide stromauf rei-\ntet, es sei „das Erzeugniss eines geistreichen und wohl-\nintentionirten (warum mit Friedrich dem Grossen nicht lie-\nber sagen: „wohlaffectionirten« ?), aber nicht genügend\nausgebildeten Musikers. Denjenigen, welche den „ „Schwa-\nnenchor\"\" für ein/Meisterstück gehalten wissen wollen\n(z. B. Liszt), gebe ich einfach auf, das Nöthige zu studiren\nund mich dann zu widerlegen; was aber Wagner selbst\nanlangt, so bin ich, falls er mit meiner Meinung unzufrie-\nden sein sollte, erbötig, mich die nöthige Zeit und Mühe\nnicht gereuen zu lassen und ihm zu zeigen, wie er es\ngänzlich unbeschadet, vielmehr zum Vortheil seiner Inten-\ntion— hätte besser machen können.\" (S. 125.) Das klingt\nja fast Lessingisch! aber eben desshalb ist es blosse Plus-\nmacherei; ein vernünftiger, besonnener Mann spräche hier\nganz anders. Am Ende wird bei der „Wagnerfrage\" noch\nherausbraten, dass nicht Herr Richard Wagner, sondern\neigentlich Herr Joachim Raff der grosse Mann ist.\nDer Leser sei so gut und nehme die folgenden Mit-\ntheilungen aus dem Buche auch noch mit dieser Erwartung\nentgegen. „ Wagner's Modulations-Theorie stellt in An-\nsehung des Charakters der Tonarten Grundsätze auf, ver-\nmöge deren man aus der entlegensten Tonart nach c aus-\nweichen muss, wenn ein einziges Wort einen Sinn aus-\ndrückt, der jener Tonart entspricht. Man hat Exempel im\nLohengrin, wo er seiner Theorie gemäss modulirt. Aber\ner erlaube mir die schlichte Bemerkung, dass seine Theorie\nzum Absurden führt und dass sie selbst absurd ist. Wenn\ner eine Beweisführung dafür verlangt, so steht sie ihm zu\nDiensten.\" (S. 132—133.)\n„Die wahre, echte Melodie erträgt den Ziergesang\nnicht; möchten Sie dazu noch eines Erfahrungs-Beweises\nbedürfen, so sehen Sie alle guten Erzeugnisse der deut-\nschen Lyrik von Schubert bis auf mich.\" (S. 157.)\nEs steht wörtlich so auf der angeführten Seite; er wurde"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "379", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551201-01.1.3", "texte": "doch selber roth darüber und setzte daher als Entschuldi-\ngung hinzu: „ Ich erwähne meiner nur, weil in diesem Au-\ngenblicke die Zahl derer in Deutschland, die in diesem\nFache Besseres leisten, sehr gering ist.\" Also sind doch\nnoch Bessere da; warum verschweigt er denn diese „Bes-\nseren\" da, wo es darauf ankam, das Beste zu nennen?\nHerr Raff ist uns eine ganz gleichgültige Person; aber als\nwir dieses lasen, haben wir uns in seiner Seele geschämt.\nEinmal erblickt er Wagner in der Wolfsschlucht, dann\nbei Berlioz, dann in den Hugenotten. So lässt er sich über\ndas Bass-Clarineüen-Solo, weiches A. B. Marx nicht genug\nzu loben weiss, also aus: „Ich werfe Wagr.er'n nicht gern\nReminiscenzen vor, so wie ich auch in einigen anderen\nDingen die möglichste Discrelion (!) gegen ihn beobachte;\naber diese Ideen-Association ist denn doch ein wenig zu\nauffallend:\n(Hugen., A. 5). Eben so wenig kann ich mich an der Ein-\nleitung zum dritten Aufzuge erlaben. Es fehlt ihr nicht an\nFeuer und an einem gewissen Glänze; aber ersteres zündet\nnicht und letzterer blendet nicht, man kann der Sache also\nganz ohne Gefahr näher treten und sie mit Müsse besehen.\nDa entdeckt man denn bald die Kahlheit der Ideen, zu sa-\ngen die Seichtigkeit des Ilomophonislen, der hier auch den\nvon ihm bis zum Ekel verbrauchten Effect, eine plane Me-\nlodie unter „ „schwirrende\"\" Geigen-Figuren zu legen, so\nkrass wie möglich ausbeutet Was Dilettanten sagen,\ndenen er gern mit Massen imponirt, kümmert mich nicht.\nDie Speculation auf den Dilettantismus ist übrigens entwe-\nder Wagner's schwache Seite überhaupt nicht, oder aber\ner hält sich unwillkürlich für besser, als er ist.\" (S. 180\n181.) Wieder ein interessantes Entweder—Oder.\nDen Wendepunkt der Oper im dritten Acte bis zum\nSchlüsse, wo es sich um das lederne Geheimniss dreht, be-\nhandelt Herr Raff vollständig im Tone einer Parodie. Als\nim Brautgemache keine der Fragen Elsa's zu dem gewünsch-\nten Ziele führt, „würde sie vielleicht\", sagt er, „zu dem\nletzten berühmten Mittel greifen, zu der unwiderstehlichen\nOhnmacht. Aber eben als dieser Effect angebahnt wird,\ndringt der Geächtete mit vier Bewaffneten ins Gemach, um\ndem Ritter vermuthlich nicht bloss „ „des Fingers Spitze\"\",\nsondern wo möglich die Kehle abzuschneiden. Elsa stösst\neinen „ „fürchterlichen Schrei\" \" aus und reicht dem Lo-\nhengrin das Schwert, welches am Ruhebette lehnt; dieser\nhat denn auch kaum noch Zeit, sich umzuwenden und\nFriedrich, der schon nach ihm ausholt, niederzustossen.\nDass es mit der Ohnmacht jetzt erst recht Ernst ist, ver-\nsteht sich; aber der Gralritter quittirt für ein- und allemal\neine Position, wo er vor der Zunge seiner Frau eben so\nwenig sicher ist, als vor dem Hinterhalt seiner Feinde, mit\nden elegischen Worten: „ „Weh! nun ist all unser Glück\ndahin!\" \" —Er verlässt den Palast, wie Adam das Paradies\n(? nicht ganz, Adam nahm die Frau mit), und geht ans\nScheide-Ufer, wo der Heerbann sich zum Ungarnzuge ver-\nsammelt. Elsa ist schon vorher dort eingetroffen; sie ist\nmehr „„leidvoll\"\" als „„freudvoll\"\" und sieht beinahe\naus, als wollte sie mit der schönen Pensionärin im „„schwar-\nzen Domino\" \" singen :\nAch, diese Nacht,\nDie ich durchwacht,\nHat Unheil mir gebracht.\nIn der That, es ist keine Kleinigkeit, in dem letzten halben\nActe einer Oper dreimal nach einander in Ohnmacht fallen\nund beim vierten Male todt sein zu müssen. Dazu gehört\nDisposition. Lohengrin rechtfertigt sich wegen des an\nFriedrich begangenen Todtschlages, den ihm der König bil-\nliger Weise auf „„Haben\"\" schreibt; er belehrt alsdann\ndie hohe Versammlung über den Gral und erwähnt auch\nmit Rührung seines Papa's. Elsa bereut ihren Vorwitz; der\nKönig und die Cavaliere, welche an dem „„Schützer\"\"\nihren Spass haben, weil sie „ „von ihm geiührt, des Sieg's\nbewusst\" \" sind, laden ihn höflich ein, zu bleiben; er selbst\ngeht auch ungern von seiner jungen Frau fort, die im\nGrunde keinen anderen Fehler hat, als dass sie eben eine\nFrau ist; wer weiss, was jetzt geschähe, wenn nicht recht-\nzeitig die Ankunft des Schwans erfolgle, welcher mit ele-\ngisch naiver Grazie mitten in den süssen Jammer hinein-\nschwimmt!\" (S. 210 211.) Alles mit der „möglichsten\nDiscretion\" gesagt. Er geberdet sich wie ein Italiäner, der\nvor seinem Heiligen auf den Knieen liegt und in dieser Si-\ntuation sich über ihn lustig macht.\nDenn ein Heiliger bleibt ihm Herr Wagner bei allem\ndem, wie folgende Aussprüche lehren. „Wagner bleibt un-\nverkiimmert das ewige Verdienst der Begründung jenes\nneuen Stils, in welchem Wort und Tonsprache zu untrenn-\nbarem Ausdrucksmittel in Einer und derselben Individuali-\ntät und gemeinsamer Wirkung nach aussen vereinigt, den\nStoff und seine Disposition im Musik-Drama von ihrer Na-\ntur, der des erhöhten Sprach-Vermögens aus, bestimmen\nund darstellen, wodurch die formale Unfreiheit und Nega-\ntion beim bisherigen Kunstschaffen in allen Gattungen der\nmit Musik combinirten Kunstwerke für ein- und allemal ge-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "380", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551201-01.1.4", "texte": "hoben sind.\" (S. 198.) „Eines Tages wird man vielleicht\ndie typisch-schöne Darstellung des von Wagner erschauten\nIdeals ins Leben treten sehen. Alsdann wird erst die Kunst-\ngeschichte ganz und gar wissen, woran sie mit Wagner\nist: das Kriegsgeschrei zwieträchtiger Parteien wird ver-\nstummt sein; eine neue Generation wird das neue Kunst-\nwerk liebevoll hegen und pflegen und seinem Schöpfer einen\nEhrenplatz neben Aeschylus, Shakespeare und Beethoven\nanweisen.\" (S. 251—252.) „Das Kunstwerk Wagner's,\nwie es im Lohengrin sich ausprägt, ist principiel die grösst-\nmögliche Erweiterung der Symphonie Beethoven's und Ber-\nlioz'. Wenn ich sage: Erweiterung, so kann ich hinzufügen:\nBegränzung und Erfüllung. Der Stoff ist subjectiv bestimmt\nund geformt, wie bei jener Symphonie; die Motive des Pa-\nthos und der romantischen Dialektik sind vergegenständ-\nlicht; das Pathos selbst ist in Personen und Situationen\nverlegt, aber diese sind im Sinne des subjectiven Musikers\ntypisch generalisirt. Die wirklichen Objecte der Schilderun-\ngen gelangen, wenn reel, zur Erscheinung, werden im an-\nderen Falle symphonisch dargestellt. Wollen wir einen\nVergleich herbeiziehen, so können wir sagen: Das Wag-\nner'sche Kunstwerk verhält sich zum Beethoven-Berlioz'-\nschen, wie das tragische Kunstwerk zum lyrischen der\nGriechen. Der Lohengrin ist, was die dramatische Form\nanlangt, in dem Maasse organisch, als der Faust anorga-\nnisch, und steht gleichzeitig in Hinsicht der symphonischen\nForm auf dem Höhenpunkte der Rhetorik Beethoven's, was\nseine subjective Richtung, in welcher der dramatische Vor-\nwurf mit nichten im Sinne der Aussenwelt, sondern im\nGanzen und Grossen aus der Seele des Gesammt-Dichters\nheraus objectivirt wird, genügend ins Licht stellt.\" (S.\n270 271.)\nAn Herrn Raff liegt nunmehr die Schuld nicht, wenn\nman nach dieser höchst klaren, kühnen und tiefsinnigen\nAuseinandersetzung sich noch nicht zu seinem Glauben be-\nkehren will. Als allseitige Charakteristik dieses Schriftstel-\nlers dürften beigebrachte Proben ihren Zweck erfüllen,\nund weiter beabsichtigten wir nichts.\n\nC.\n\nGeorge Onslow.\nEine biographische Skizze von J. F. Halévy.\nGelesen in der öffentlichen Jahressitzung der Academie des Beaux\nArts zu Paris den 6. October 1855.\n(Schluss. S. Nr. 46 und 47.)\nDie Irrthümer, welche namentlich durch den Artikel\n„Onsiow\" in Lexikon der Tonkunst in Bezug auf\ndas Verhältniss zwischen Beethoven und Onsiow verbreitet\nworden sind, widerlegt Gathy vollständig durch innere und\näussere Beweisgründe. Die letzteren sind übrigens bei der-\ngleichen Dingen doch immer die Hauptsache. Onslow's\nWitwe schreibt ihm: „Mr. Onsiow na jamais ete ä\nson seul maitre de composition, ä Paris, a ete Mr. Reicha.\"\nUnd F&is äussert sich wörtlich eben so und fügt hinzu:\n„Onsiow hat Beethoven gar nicht gekannt. Uebrigens hat\nes auch niemals weniger Aehnlichkeit zwischen dem Genie\neines Componisten und dem Talente eines anderen gege-\nben, als zwischen Beethoven und Onsiow. Ja, noch mehr.\nLetzterer sprach mit mir öfter über die Compositionen je-\nnes grossen Mannes mit einer Art von Antipathie; er be-\ngriff ihn nur in seiner ersten Periode. Je mehr Beethoven's\nGenie sich in seiner eigentümlichen Originalität entwickelte,\ndesto weniger Sympathie fand er bei Onsiow.\" —Daher kam\nes denn auch, dass Onsiow die Kälte des Publicums im\nConservatoire bei seinen eigenen Sinfonieen der „augen-\nblicklichen Vorliebe desselben für Beethoven\" zu-\nschrieb.\nUebrigens hat die deutsche Kritik die gründliche\nnämlich, nicht diejenige, die da schreibt, um Bogen zu fül-\nlen und Bücher zu machen niemals die Angabe lür halt-\nbar befunden, dass Beethoven Einfluss auf Onsiow gehabt\nhabe; jede Vergleichung eines Quartetts von diesem mit\neinem Quartett von jenem, selbst von Op. 18 an, ge-\nschweige denn einer Sinfonie des Einen und des Anderen,\nmusste nothwendig eine solche Behauptung widerlegen.\nDass Mozart hauptsächlich Onslow's Vorbild gewesen, ist\nsicher, und wir stimmen darin mit Gathy's Meinung über-\nein; allein unserer Ansicht nach war es doch nur Eine Seite\nMozart's, welche ihn vorzüglich anzog, nämlich die Detail-\nArbeit in dessen Quintetten und namentlich in dessen Quar-\ntetten. Die dramalisehe Kraft Mozart's, seine Phantasie,\nwelche die Arbeit in Lohn nahm und mit dem steifleinenen\nRiesen Contrapunkt ihr Spiel trieb, so wie seine seelenvolle\nMelodik blieben ihm fremd; eine eigentliche Nachahmung\nMozart's kann man eben desshalb in Onslow's Sachen nicht\nfinden, dazu waren die musicalischen Naturen Beider viel\nzu verschieden. Onsiow behält eine gewisse Originalität;\naber sie besteht nicht im Genialen, sondern im Interessan-\nten, und dies hatte besonders lür die Ausführenden einen\nsehr grossen Reiz und verschaffte seiner Musik trotz der\nCombinationen des Verstandes, der darin vorherrscht, ja,\nbei Vielen gerade desswegen, eine gewisse Popularität in\nDeutschland. Mit seinem Urtheil über Beethoven steht übri-\n* gens Onsiow unter den berühmten Componisten seiner"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "381", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551201-01.1.5", "texte": "Zeit nicht allein da; C. M. von Weber'» londerbare Verken-\nnung des grossen Mannes ist bekannt*), und der hochver-\nehrte Senior der deutschen Tondichter in Kassel hat sich\nauch erst spät mit den genialen Erzeugnissen der letzten\nPeriode Beethoven's— vielleicht auch jetzt noch nicht ganz\nbefreunden können.\nUeber den Unfall auf der Jagd bei Nevers erfahren\nwir noch durch Gathy, dass die verhängnissvolle Kugel\naus dem Rohr des Herrn von Jouville kam, des Besitzers\nvon St. Augustin, der auf diesem seinem Landsitze die\nJagd-Partie selbst veranstaltet hatte. Man kann sich die\nVerzweiflung des Mannes denken!\nNach dem von erwähnten Besuche bei dem\nGrafen Murat zog sich Onslow eine starke Erkältung auf\neinem Spazirgange zu; indess waren ihre Folgen bereits\nglücklich überstanden, und Niemand der Seinigen, in deren\nMitte er den darauf folgenden Sonntag zubrachte, ahnte\neinen Unfall, als er ganz unerwartet noch in derselben Nacht\nauf den Montag den 3. October, um fünf Uhr Morgens,\nverschied. Sein Freund Murat erholte sich noch einmal von\nseiner Krankheit und hielt vier Wochen darauf, obschon\nnoch leidend, in einer Sitzung der Akademie von Clermont-\nFerrand dem Dahingeschiedenen eine warme Erinnerungs-\nrede. Bald darauf ging auch er heim.\nOnslow's Gattin war ein Fräulein de Fontanges.\nEr hat einen Sohn und zwei Töchter hinterlassen, alle ver-\nheirathet, jedoch keinen Enkel seines Namens; wohl aber\nlebt der Name in den Söhnen seines Bruders fort. Von den\nClavierspielern seiner Zeit schätzte er Stephen Heller am\nmeisten, dem auch sein einziger Besuch bei seiner letzten\nAnwesenheit in Berlin galt.\nIm Jahre 1847 war Onslow in Köln bei der Feier\ndes niederrheinischen Musikfestes, für welches er stets\ngrosse Theilnahme bewiesen hatte. Das Comite hatte ihn\neingeladen, seine neueste Sinfonie aufzulühren. Auch Spon-\ntini war anwesend. Die Haupt-Auflührungen: Händel's\nMessias, Mendelssohn's 114. Psalm, Beethoven's\nSinfonie, Spontini's Ouvertüre und zweiter Act der Olym-\npia, dirigirte H. Dorn. Onslow hatte im Aeusseren etwas\nImponirendes, Vornehmes, Lordartiges, das aber nur in\ndie Ferne wirkte; denn bei Annäherung, die er auch den\nUnberechtigtsten leicht machte oder wenigstens nie übel\ndeutete, verschwand dasselbe unter der elegantesten Hal-\ntung und Höflichkeit, und bei genauerer Bekanntschaft un-\nter einer Freundlichkeit und Zuvorkommenheit, welche so-\ngar zuweilen übertrieben scheinen konnten, ihren eigent-\nlichen Grund jedoch keineswegs in Falschheit oder Heuche-\nlei, sondern in jener Gutmüthigkeit hatten, die man bei ge-\nbildeten Franzosen des alten Regime's häufig fand und die\ndem Weltmanne einen liebenswürdigen Anstrich von Ge-\nmüthlichkeit gab, heutzutage übrigens immer seltener wird.\nDenn jetzt gibt es in der grossen Welt ja nur Blasirte\noder Egoisten.\nOnslow wurde in Köln bei seinem Auftreten mit rau-\nschendem Applaus begrüsst und überhaupt öffentlich und\nin Privat-Cirkeln auf vielfache Weise gefeiert; eine Sere-\nnade vom Männergesang-Vereine, eine festliche Fahrt auf\ndem Rheine nach dem Siebengebirge und Anderes der Art\nwurde veranstaltet. Seine Sinfonie—es ist (wenn wir nicht\nirren) die dritte, mit dem Andante oder der Romanze aus\nseinem ersten Clavier-Duo für Orchester instrumentirt\nerhielt einen Succes d'estime,namentlich das erste Allegro\nund das Andante; das Allegro ist unstreitig der beste Satz,\nwie wir das auch damals schon in dem Berichte über das\nMusikfest in der Kölnischen Zeitung aussprachen. Das Me-\nnuetto ist schwach, und der letzte Satz, eine Sturm-Male-\nrei, Coup de ventüberschrieben, musste als eine sonder-\nbare Zugabe erscheinen, da sie sich an und für sich nicht\nüber das Gewöhnliche erhebt und zum Charakter des er-\nsten Satzes gar nicht passt.\nOnslow hatte aber eine Freude über die sorgfältige\nEinübung und die treffliche Ausführung seiner Composition,\nwelche so gross war, dass er sie gar nicht bergen konnte.\nEr war durchaus kein Dirigent; seine ruhelose Haltung,\nseine Lebhaftigkeit in Bewegung beider Arme und das Mie-\nnenspiel, das jeden Eindruck einer gut ausgeführten Stelle\nwiederspiegelte, erregten eine Heiterkeit, deren Ausbruch\nnur die allgemeine hohe Achtung vor dem ausserordent-\nlichen Talente des Componisten unterdrückte. Wenn aber\njemals das Orchester der niederrheinischen Musikfeste seine\nTüchtigkeit und Unzerstörbarkeit bewährt hat, so war es\nbei dieser Gelegenheit. Nun freilich, Franz Hartmann\nstand an der Spitze.\nDiesen trefflichen Künstler lernte Onslow damals per-\nsönlich kennen, schätzen und lieben, so wie er denn über-\nhaupt von den Leistungen des kölner Quartetts (F. Hart-\nmann, F. Derckum, F. Weber, B. Breuer) entzückt war,\nnamentlich als dasselbe eines Abends in einer Privat-Ge-\nsellschaft ein neues Quartett, welches er im Manuscripte\nvorlegte, a vista ganz vorzüglich vortrug.\nIm März 1849 widmete Onslow in Erinnerung dieser\nTage den Herren F. Hartmann, Michael DuMont,\n\n*) Vergl. Jahrgang 1853 dieser Zeitung, Nr. 20 vom 12., und\nNr. 22 vom 26. November."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "382", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551201-01.1.6", "texte": "Alb. Hei mann, F. Derckum und Ad. Breuer sein\nzweiunddreissigstes Quintett in D-moll lür zwei\nViolinen, zwei Violen und Violoncell, Op. 78, in demsel-\nben Jahre bei Brandus in Paris und bei Kistner in Leipzig\nerschienen. Er übersandte sein eigenhändiges Manuscript\nund schrieb auf die Vorderseite der ersten Violinstimme:\n„Manuscrit de VAutcur ojfert par lai ä Mr. Hartmann\ncomme un temoignage de sa haute estimeu *). Dem Gan-\nzen fügte er einen Brief an die oben Genannten bei, in\nwelchem er sich unter Anderem so äussert: „ ga n'est\npas assez: fai voula quun temoignage artistique, qu une\ncomposition inspiree par Yoiis-memes demnt dans le monde\nmusical la constante expression des sentimens que mon coeur\nVous a voues. Veuillez aeeepter im Quintuor que fai ecrit\npoar Vous etc. —Paris, 18. Mars 1849. George Onslow.\"\n\nAus Mecklenburg.\nI.\nDen Zeitpunkt verschiedener Veränderungen in unserem sonst\nsehr stabilen Lande wähle ich, um Ihnen versprochener Maassen\nüber hiesige Musik einige Mittheilungen zu machen. Im Ganzen\nsieht es hier freilich eben so aus, als anderswo, doch gestalten die\nengen Verhältnisse Manches eigentümlich, und das eben ist „der\nHumor davon\".\nSieht man von dem so genannten Hoftheater des Grossherzogs\nzu Mecklenburg-Slrelitz ab und wie die Sachen jetzt stehen,\ndarf man solches unbedenklich thun —, so besitzt Mecklenburg nur\nzwei Theater, ein Stadttheater in Rostock und ein Hoftheater mit\n„Hof-Intendanten\", „Hof-Schauspielern\", „Hof-Opernsängern\" und\n„Hof-Opernsängerinnen\" in Schwerin. Das rostocker Theater ist\nin letzterer Zeit, wie eine rechtschaffene Jungfer, fast alle Jahre\neinmal zu Fall gekommen. Tritt dieses Schicksal ein, so stäubt die\nganze Bande aus einander, und man muss denken, nun werde die\nKunst hier langen Winterschlaf halten. Aber weit gefehlt ! Schon\nist ein neuer „Direetor\" oder, wie das ehrlichere siebenzehnte\nJahrhundert sagte, „Komödiantenmeister\" unterwegs, um die Hin-\nterlassenschaften der Verschiedenen zu erhandein, der Stadt das\nGebäude abzudingen und so den Anfang des Endes aufs Neue zu\nbeginnen. Wenn's hoch kommt, pflegen die Väter „der Stadt\" dem\nMeister wohl den Mieihzins zu erlassen, doch mit der Neben-Be-\ndingung, er möge hinfort Costume und Decorationen etwas mehr\nbedenken; weiter thut die Stadt hier nichts, und hat nie etwas ge-\nthan, als raisonnircn, sobald es schlecht ging. Dabei wird immer\nfort gespielt „in gut und bösem Wetter\". Nach dem Sprüchwort\nwird alle Trübsal durch die Zeit geboren und durch die Zeit wie-\nder vernichtet. Beim Theater, kann man sagen, ist der Leichtsinn\ndie Mutter und der Leichtsinn der Arzt aller Uebel. Dieser ewige\nLeichtsinn 1 Man hat sich bei Theater-Bauten um passende Gene-\nral-Inschriften vielfach den Kopf zerbrochen und immer so etwas\nvon dem griechischen Sich-Seibst-Erkennen, oder dem Shakespeare'-\nschen Welt-Darsteilen u. dgl. Einfliessen lassen. Sollte ich einmal\num meine Meinung befragt werden, so würde ich vorschlagen, in\ngüldenen Buchstaben nicht mehr und nicht weniger hinzumalen,\nals das Verslein: „Ich halr mein' Sach' auf Nichts gestellt, Juchhe!\"\nOb die Opern in Deutschland irgendwo mehr abgeschrieen wer-\nden, als in Hamburg im Grossen und in Rostock im Kleinen, ist\ndie Frage; ich glaube nicht. Hier schreit man, dass die Haide\nwackelt, ein Kraut, welches bekanntlich sehr fest sitzt. Die Mund-\nstellung der Singenden pflegt 45 Grad über dem Horizont zu sein;\ngenaue Beobachtungen ergeben, dass sich ein heulender Hund so\nziemlich in derselben Situation befindet.\nDer Intendant des Schweriner Hoftheaters, Geh. Hofrath Zöllner,\nist im verflossenen Sommer gestorben. Man sagt, er habe den\nSchlag bekommen, oder noch deutlicher: er habe sich aus der\nmenschlichen Gesellschaft abgedrückt, nachdem er Fortuna im Spiel\nzu sehr auf die Probe gestellt. Die Leitung des Theaters ist bei-\nnahe zwanzig Jahre hindurch seinen Händen anvertraut gewesen.\nEr war ziemlich arbeitsam; aber weil er Vieles, was einer der un-\ntergeordneten Beamten nicht allein hätte thun können, sondern\nauch thun müssen, selbst besorgte, so griff er Anderen ins Recht\nund stiftete dadurch bei all seinem Schreiben und Anordnen kei-\nnen erheblichen Nutzen. Der Regisseur war eine Null unter ihm\nund durfte sich nur so weit mausig machen, als es demselben ge-\nlang, den Herrn Geh. üofrath für sich zu gewinnen. Es w:ar sol-\nches in den letzten Jahren zwar der Fall, doch ist nichts desto\nweniger die Regie oft in höchst traurigem Zustande gewesen. Noch\nschlimmer stand sich der Musik-Director (einen „Capcllmeistei\"\nwerden Sie in ganz Mecklenburg vergebens suchen, es möchte denn\nein nomineller sein). Dieser hatte nicht einmal die allcrnothdürftig-\nsien Befugnisse, er durfte nicht das Geringste unternehmen. Sollte\nirgend eine neue Oper aufgeführt werden, so erfuhr er solches\nofficiel erst, wenn ihm die Partitur ins Haus geschickt wurde; von\nBeräthung mit ihm über dieses und jenes Product war nicht die\nRede. Wollte Jemand von den nur sehr spärlichen Proben di.spe.n-\nsirt sein, so wandte er sich an den Geh. Hofrath; sagte dann der\narme Direetor: „Es ist für Sie und für das Ganze nöthig, dass Sie\nanwesend sind!\" bekam er einfach zur Antwort: „Der Herr Geh.\nHofrath haben's mir erlaubt\"; und ein gewisser St. bekräftigte wohl\nnoch: „Ja, der Herr Geh. Hofrath haben's erlaubt!\" Es kam auch\ngenug vor, dass der Musik-Director sich mit seinen Musicanten ver-\nsammelt hatte, aber noch nicht beginnen konnte, weil keine Noten\nda waren. „Herr Musik-Director, was soll denn heute gemacht\nwerden?\" fragte Dieser und Jener. „Ja,\" antwortete er achsel-\nzuckend, „ich weiss nicht.\" In diesem Zustande verharrte die Com-\npagnie, bis ein gewisser St, mit der Partitur sichtbar wurde, unter\ngrossem Bückling sagend: „Der Herr Geh. Hofrath haben (z. ß.\nYv7agner's fliegenden Holländer) zur Probe bestimmt.\" Auswärtigen\nLesern mag solches unglaublich scheinen, aber seinen eigenen Ohren\npflegt man zu trauen, und jedes Orchester-Mitglied kann* es bezeu-\ngen. Musik-Director war in den letzten zehn Jahren und ist noch\njetzt Herr Mühlenbruch, Sohn eines mecklenburgischen Gutsbe-\nsitzers, schon in den Fünfzigern Ein sanftmüthiger, gelinder Mann,\nder von seinen Musikern vielfach gelobt wird, zum Theil aber nur\ndesshalb, weil es ihm nicht schwer fällt, zu sagen: „Zweimal zwei\nist fünf oder sechs.\" Allerdings, wie soll man es unter so bewand-\nten Umständen anders machen? Ist z. B. nur Ein Horn oder nur\nEine Posaune anwesend, was hilft es, geltend zu machen, dass die\nPartitur drei oder vier verlangt? Darf man nicht auf die Antwort\ngefasst sein, den Meisten wäre es ganz gleich? und ist es alsdann\nnicht besser, gleich zu sagen: „Nun, ist nur Eine Stimme da, so\nlassen wir die anderen aus\"? Ich bemerke dagegen nur, dass\njede Nachgiebigkeit ihre Gränzen hat, und dass auch Herr Müh-\nlenbruch nicht so nachgiebig sein würde, wenn er sich kräftiger\nund in seinen Kunst-Ansichten sicherer fühlte, als es der Fall ist\nNicht zu den Wüsten gehört er, aber zu den Schwebenden. Das\n\n*) Das Manuscript des Quintetts wurde von F. Ilartmann dem\nQuartett-Vereine geschenkt und befindet sieh jetzt im Besitze\ndes Herrn Mich. DuMont. Onslow schrieb in Noten und Buch-\nstaben eine sehr deutliche, äusserst reinliche und zierliche\nHand."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "383", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551201-01.1.7", "texte": "beständige Laviren schafft keine Autorität; Herr Mühlenbruch hat\nsolches genug erfahren müssen, am empfindlichsten wohl in den\nletzten Jahren und besonders während des Interregnums, d. h.\nnach dem Ableben des Intendanten. Denn die interimistische Lei-\ntung des Instituts wurde nicht etwa dem Regisseur, auch nicht dem\nMusik-Director, oder Beiden vereint, übertragen, sondern einem\nHerrn, Namens Stocks, der Chor-Director am Theater ist und aus-\nserdem auch noch „Rendant4*, d. h. Dies und Das. Freilich zeigte\nsich bald, dass dies ein Missgriff war; die Confusion soll den Som-\nmer über, wo das Theater in dem Badeorte Doberan und in der\nSeestadt Wismar fungirt, arg gewesen sein. Herr Stoeks dürfte von\nder Musik nicht viel mehr los haben, als der gewesene Intendant.\nZrotzdcm war gerade er es, der die Gunst dieses Geh. Hofrathes\nsich zuwege zu bringen wusste durch stete Fügsamkeit, Meinungs-\nlosigkeit und Ehrerbietung bei gebogenem Rücken, freilich auch\nden inneren Widerwillen fast des gesammten übrigen Personals.\nSobald einmal bessere Zeiten kommen, wird sein Licht schnell er-\nlöschen; denn künstlerische Fähigkeiten besitzt er in keiner Weise.\nNichts ist drolliger, als wenn Herr Stocks einmal bei Abwesenheit\ndes Musik-Directors Opern-Aufführung leiten muss; er thut\nes denn auch höchst ungern, weil er wohl fühlt, dass jeder tact-\nsichere Orchestermann über sein Tactfächeln ein inneres Behagen\nempfindet. Aber wie er in ersterbender Devotion es Allen zuvor\nzu thun pflegt, so auch in der feinen Herausspürung dessen, was\nin der Luft liegt und „oben44 gefallen möchte. Er war es hiesigen\nOrtes, der sich mit dem blödesten Fanatismus an Wagner hängte,\ndurch endlose Proben und zahlreiche Aufführungen dessen drei\nOpern in drei auf einander folgenden Jahren hier zum Vorschein\nbrachte und daran für diese ganze Zeit die Mittel abnutzte und\ndie übrige Musik ruinirte. Man hat zwar oft gesagt, die Theater\nerwürben sich durch möglichst schnelle Vorführung neuer Werke\nein Verdienst, und ich will es in dieser Allgemeinheit auch wahr\nsein lassen, obwohl ich dasjenige Theater glücklich preise, dessen\nLeiter Alles zu prüfen und das wirklich Gute heraus zu finden\nwissen. Wenn aber die Sache so betrieben wird, wie hier gesche-\nhen, so entschwindet jedes Verdienst, und man muss sich entschie-\nden dagegen auflehnen. Vorn Verfolgen edler Zwecke ist da keine\nRede mehr, man hat sich als Partei constituirt und will gewisse\nDinge „durchsetzen44. Ob die Mittel ausreichen zur Vorführung, ob\ndas Publicum musicalisch reif zu solchen Experimenten ist, ob man\ndas Institut selbst dabei zu Grunde richtet, darauf wird keine Rück-\nsicht genommen. Viele unzweifelhaft gute Opern sind hier noch\ngar nicht zur Aufführung gekommen, andere bald wieder ver-\nschwunden. Bei dem immerwährenden Wechsel der Mitglieder für\ndie ersten Gesang-Partieen muss fast alljährlich das Repertoire\ngleichsam neugeschaffen und jedes erhebliche Stück „neu einstudirt44\nwerden. Der Leichtsinn, mit welchem solches geschieht, übersteigt\nalle Gränzen. Da soll z. B. nach mehrjähriger Pause der Fidelio\neinmal wieder gegeben werden. Die Sängerin der Leonore kann\ndie Partie nicht, hat sie noch nie gesungen, auch nie singen hören,\nund erklärt nach der zweiten Probe, mit der es abgethan sein soll,\nsie müsse wenigstens noch um eine gründliche Probe bitten. Herr\nStocks wird allerseits ersucht, für den folgenden Tag noch eine\nsolche zu veranlassen. Er verspricht es auch. Als nun aber das\nPersonal den anderen Tag zusammenkommt, hat man auf Befehl\ndes Geh. Hofrathes Wagner's rasenden Holländer vorzunehmen!\nHätte nicht der Sänger des Florestan rein aus Begeisterung für\ndas Werk mit der „Leonore44 das Ganze im Privathause beim Cia-\nvier durchgenommen, so würde die Aufführung gänzlich misslun-\ngen sein. Die Chöre in Fidelio waren traurig, wenn man die Aus-\nführung mit der herrlichen Composition vergleicht. Ueberhaupt sind\ndie Chöre aller Opern in den letzten Jahren schlecht einstudirt ge-\nwesen, die Wagnerseben ausgenommen. Herr Stocks erfreut sich\nungebildeter Ohren bei der Zukunfts-Musik allerdings eine Wohl-\nthat und eines der Haupt-Erfordernisse, wenn man dieselbe schön\nfinden soll. Daher wird ihm auch etwas schlimm zu Muthe, wenn\ner „reine44 Musik hören muss. Es ist Thatsache, dass er Mozart's\nOpern mit Widerstreben anhört und mitten im Stücke das Theater\nverlässt, sobald sein „Dienst'* zu Ende ist. Dieser Herr ist oder\ndarf ich sagen: war? der Hahn im Korbe unter denen, die sich\nin den leipziger Blättern herausstreichen Hessen als Propagandisten\nfür die musicalische Reform in Mecklenburg.\nVorläufig hat das Theater zu Schwerin in Herrn Steiner (früher\nin Dessau) einen so genannten artistischen Director erhalten. Wir\nsehen darin einen erfreulichen Schritt zum Besseren; denn nun\nliegt die Leitung doch wieder in den Händen eines Fach- und\nSachkenners. Der künftige Intendant, wer es auch sein wird, dürfte\nnicht viel mehr als eine Mittelsperson zwischen dem „Hofe44 und\ndem Theater vorstellen. Hoffen wollen wir denn auch, dass die Re-\ngie nunmehr einheitlich und lebendig gehandhabt werde. Das\nSchauspiel zeigte zwar nicht die Zerrissenheit der Oper; wie sehr\naber besonders das höhere Drama im Argen liegt, hat man unter\nAnderem an Aufführungen wie Faust, Minna von Barnhelm, Romeo\nund Julie u. s. w. wahrnehmen können. In der Schlussscene von\nShakespeare's Romeo und Julie ist es vorgekommen, dass der an-\nkommende Fürst den sich schuldig fühlenden Mönch mit den Wer-\nten (dem Recitativ!) aus Weber's Freischütz anredete: „Bist du es,\nheil'ger Mann? Gesegneter des Herrn!44 u. s. w.\nIm verflossenen Jahre, weil Wagner keine Oper mehr vorräthig\nhatte, suchte man einige andere Sachen hervor. So den Wasser-\nträger, der auch ziemlich gelang. Noch mehr Erfolg hatte der Som-\nmernachtstraum mit Mendelssohns Musik. Das Stück ist über Er-\nwarten wiederholt hier gegeben und gern gesehen. Viel trug eine\nsinnige Decoration dazu bei; doch nach Vieler Meinung auch die\nMusik, obwohl diese nach meinem Dafürhalten hier massig execu-\ntirt wurde und überhaupt die Shakespeare'sche Dichtung trübt. Aber\ndas stört Wenige; man ist an Mischwerke gewohnt und will Misch-\nwerke haben; von Formreinheit, von den besonderen Gesetzen je-\nder Kunst, von „reinen44 Kunstwerken muss man dem heutigen\nGeschlechte nichts sagen. Auch in so fern will ich die Aufführung\ndieses Sommernachtstraumes noch hervorheben, als bei dieser Gele-\ngenheit die Localpresse wieder Muth gewann, unverhohlen zu be-\nkennen, das wäre doch andere Musik, als die Wagner's. Niemand\nwagte darauf, diesen Unsterblichen in Schutz zu nehmen. Schon\ndaraus können Sie auf die Intelligenz seiner hiesigen Freunde einen\nSchluss machen; denn einige Gründe der Gegner Wagner's (Dilet-\ntanten, wie die anderen auch) waren leicht zu werfen. Es scheint\neine gewisse Periode hier ihrem Ende nahe zu sein, obwohl ich\nfür nichts einstehen will.\nUeber weitere Persönlichkeiten, über hiesige Sänger und Sän-\ngerinnen kann ich mich kurz fassen. Der oben genannte ehren-\nwerthe Sänger des Florestan heisst Herr Kühn; er ist vor Kurzem\nnach Dessau an das dortige Theater gegangen. Bassist Hintze wirkt\nhier schon viele Jahre mit Eifer und ohne Eifer; denn Verhältnisse,\nwie sie hier bestehen, stumpfen ab. Beide jetzige Tenoristen sind\nAnfänger. Von den Sängerinnen, Mad. Oswald und Fräul. Meier-\nhöffer, ist die erste nach guter Vorbereitung grossen Partieen ge-\nwachsen, die zweite kommt über eine gewisse Mittelmässigkeifc\nnicht hinaus.\n\nPariser Ausstellung.\n\nDer Fortschritt, den die Industrie der preussischen\nRheinprovinz im Clayierbau gemacht hat, ist durch die\nJury der Ausstellung zu Paris auf eine glänzende"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "384", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551201-01.1.8", "texte": "Weise öffentlich anerkannt worden, indem dieselbe dem\nPianoforte-Fabricanten\nGerhard Adam in Wesel\ndie silberne Medaille erster Classe, mithin die grösste\n0\nAuszeichnung nach den goldenen ver-\nliehen und dessen ersten Arbeitern (Conlremaitres et Col-\nlaborateurs) eine „ehrenvolle Erwähnung\" zuge-\nsprochen hat. Herr G. Adam hatte drei Instrumente auf\nder Ausstellung, einen Concertflügel, ein so genanntes\nPianino und ein Piano in Tafel form; er ist der ein-\nzige Aussteller aus Preussen, dem in der XXVII. Classe\nder Industrie („Musicalische Instrumente\") die Auszeich-\nnung der Medaille erster Classe zu Theil geworden ist;\nausser ihm haben ein berliner und ein königsberger Piano-\nFabricant Medaillen zweiter Classe erhalten. Eben so ist\ndie „ehrenvolle Erwähnung\" seiner Arbeiter die einzige\nder Art für Preussen in Bezug auf Instrumentenbau.\nG. Adam's Instrumente sind durch diese Auszeich-\nnung den besten Fabricaten in Frankreich, und zwar von\nfranzösischen Sachverständigen selbst, gleichgestellt, und so\nwerden wir denn auch wohl in Deutschland zu der Ein-\nsicht kommen, dass wir das Gute, das wir daheim besitzen,\nnicht mit schwerem Gelde aus der Fremde zu beziehen\nbrauchen.\n\nL. B.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nDie neue Ausgabe der Oratorien von Händel im Ciavier-\nAuszuge mit dem englischen Original-Texte und deut-\nscher Uebersetzung desselben bei N. Simröck in Bonn schreitet\nschnell vorwärts, indem die kürzlich erschienenen, Judas Macca-\nbäus und Josua, uns bereits wieder vorliegen. Abgesehen von\ndem hohen Interesse, welches der Musiker daran hat, zu beobach-\nten, wie Händel das ursprüngliche Wort des Textes behandelt,\nbietet diese Hand-Ausgabe auch dem weniger bemittelten Künstler\nund Dilettanten eine schöne Gelegenheit, sich die Sammlung der\nbesten Werke des unsterblichen Meisters anzuschaffen. Judas Mac-\ncabäus (178 Seiten) kostet 12 Frcs., Josua (140 S.) 8 Frcs. netto.\nDruck und Papier sind sehr gut.\nIn München starb am 14. November der königliche Hof-Mu-\nsik-Director Herr Jos. Moralt, Inhaber der goldenen Verdienst-\nMedaille und der Ehrenmünze des Ludwigs-Ordens. Er war gebo-\nren zu Schwetzingen bei Mannheim am 5. August 1775 und hatte\nsonach das 80. Lebensjahr bereits zurückgelegt. Der Verstorbene,\nder seine höhere musicalische Ausbildung bei dem Capellmeister\nPeter Winter erlangt hatte, war einer der ausgezeichnetsten Violi-\nnisten seiner Zeit und hatte sich als solcher bei den Kunstreisen,\ndie er mit seinen drei bereits vor ihm gestorbenen Brüdern in den\nJahren 1800 und 1806 durch Deutschland, die Schweiz, Frankreich\nund England unternahm, grosser Triumphe zu erfreuen. Schon\n1786 in die kurfürstliche Hofmusik in München eingetreten, wurde\ner im Jähre 1800 wegen seines schönen Violinspiels und seiner\nausgezeichneten Musik-Direction zum Concertmeister ernannt. Er\nleitete die damalige so ausgezeichnete italienische Oper in München\nbis zu deren Auflösung und wurde 1827 zum Hof-Musik-Director\nder deutschen Oper ernannt. (A. A. Z.)\nAmsterdam, 20. November. In einem Concerte der Gesell-\nschaft Cacilia wurde in diesen Tagen die Sinfonie in E-moll von\nF. Hiller unter Direction unseres wackeren Veteranen van Bree\nvorzüglich gut aufgeführt. Diese edle und erhabene Composition\nbrachte auf das eben so zahlreiche als ausgezeichnete Publicum\neine schwer zu beschreibende Wirkung hervor, und es herrschte\nüberall nur Eine Stimme darüber, dass dieses Werk eines der\nschönsten musicalischen Erzeugnisse der letzten Zeit sei. Die be-\nvorstehende Aufführung desselben im Haag durch Herrn Hof-\nCapellmeister H. Lübeck wird eine Menge Kunstfreunde von hier\ndort hin ziehen.\nBerichtigung.\nIn Nr. 45, S. 353, Sp. 2, Zeile 14 v. 0., statt „V er legere\" lies\n„Vorlegere\" (das alte Wort für „Verleger\")."}]}