{"numero_id": "bm-bmtnabi-1855-12-08-01", "volume": "bmtnabi_1855-12-08_01", "ocr_sha256": "635b5aa80e3e0fdfa31698486a4f8356980b540495d0cb1376980dcda5a5bd06", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1855/12/08_01/bmtnabi_1855-12-08_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551208-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1855-12-08-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-12-08_01#c001", "volume": "bmtnabi_1855-12-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "385", "page_fin": "388", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551208-01.2.1", "titre_corps": "Die Tonwerke des XVI. und XVII. 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Mit Bedacht nennt sie\nsich jetz' nicht zweite „Auflage\", sondern nur zweite Aus-\ngabe; der Druck ist der alte geblieben, nur das Portrait\ndes Verfassers ist weggelassen; dagegen ist der Titel neu\ngedruckt und auch ein zweites, kleines Vorwort hinzuge-\nkommen. Sodann sind am Ende vier Biälter der zweiten\nAusgabe beigelügt, enthaltend ein Verzeichniss bisher un-\nbekannter Drucke englischer Tonsetzer aus der Zeit um\n1600, die Dr. Ritnbault (rühmlichst bekannt als Heraus-\ngeber des Messias und des Samson in der neuen Pracht-\nAusgabe der Werke Iländel's und mehrerer werthvollen\nBeiträge zur englischen Musik- und Literatur-Geschichte)\nunter dem Titel: Bibliolheca MadrigaUana, A bibliographi-\ncal account of the musical and poeiieal works published in\nEngland during the lö. and 17. centuries etc., im Jahre\n1847 in London publicirte.\nVon den verschiedenen Sammelwerken Becker's ist\ndas vorliegende das mühsamste und zweckmässigste; das\nmühsamste, weil der Verfasser weder Vorgänger hatte, noch\nalle aufgezählten Musicalien in einer Bibliothek beisammen\nfand, daher nach Erschöpfung seiner eigenen reichhaltigen\nSammlung zu mancherlei literarischen Hülfsmitteln greifen\nmusste; und das zweckmässigste nennen wir es, weil es in\nder That eine gute Idee war, in einem übersichtlichen Ka-\ntaloge den musicalischen Reichthum jener Zeiten zu ver-\nanschaulichen. Daraus erhellt, dass Becker's Arbeit sehr\nempfehlenswert!! ist und wir derselben eine weitere Ver-\nbreitung, als sie bis jetzt gefunden hat, aufrichtig wünschen\nmüssen. Zudem ist der frühere Preis, 2/2 Thaler, bei die-\nser neuen Ausgabe auf zwei Thaler ermässigt, so dass also\nauch von dieser Seile der Verleger dem Käufer entgegen\ngekommen ist.\nGehen wir nun näher prüfend auf die Leistung ein, so\nkönnen wir allerdings folgende Bemerkungen nicht zurück-\nhalten. Wir dürften um so mehr dazu berechtigt sein, da\nwir schon seit Jahren mit dem Buche vertraut sind und\nmanche Correcturen und Zusätze in unser Hand-Exemplar\neingetragen haben.\nZunächst zog der neue Anhang aus Rimbault's Ver-\nzeichniss unsere Aufmerksamkeit auf sich. Da ist zum Bei-\nspiel schon bei der ersten Ausgabe Spalte 59 von Becker\nein Werk dieses Titels aufgeführt:\n„ Bird, W., Psalmes, Sonels and Songs of sadness and\npietie, made into musick Bve\nsome of themgoing ab\ncoppies, are here truly correclcd; and Colher being\nsongs veri rare and\nblished for the recrealion of all such as delight in\nmusicke, by William Byr\nof the QueensMaj. 1588.\nIn Quart.\"\nIm neuen Anhange, Spalte 347, steht aber:\n»Psalmes, Sonets, and\nmade into Musicke of Bve parts: whereof some of\nthem going abroad am\npies, are heere truely corrected, and th'other being\nSongs very rare and\nblished, for the recrealion\n31usiche: hy William Byrd, one of the Gent,\nof the Queenes Majesties honorable Chappel. Prin-\nted by Thomas East, the assigne of W. Byrd, and\nare to be sold at the dwelling house of the said 7.\nEast, by Paules wharf1588.\nRegiae Majestatis.— In Quart. Enth. 35 Gesänge. \"\n\n*).\n*) Die Tonwerke des 16. und 17. Jahrhunderts, oder systema-\ntisch-chronologische Zusammenstellung der in diesen zwei\nJahrhunderten gedruckten Musicalien. Zweite, mit einem An-\nhange vermehrte Ausgabe. Leipzig, Verlag von Ernst Flei-\nscher. 1855. 358 Spalten oder 178 Seiten in gr. 4."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "386", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551208-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4458, "texte": "Dieses ist doch wohl Ein und dasselbe Werk? Decker sagt\nkein Wort darüber, sondern schreibt in aller Gemüthsruhe\nbeide Titel nach einander hin. Was soll der Unerfahrene\ndamit machen, und was soll man überhaupt davon denken?\nWäre übrigens die doppelte und mit verschiedener Ortho-\ngraphie angeführte Composition Bird's das einzige Versehen\ndieser Art, so wären wir sicher die Letzten, die solches rü-\ngen würden. Aber einen Schritt weiter haben wir schon\nwieder dasselbe; Spalte 255:\n„Bird, IV., Songs of sun\nand others of myrth,\nVoyces. London. 1589. In Quart.\"\nUnd nun Spalte 347 wieder:\n„ Songs of siindrie natures,\nof rnyrth, fit for all\nrnade and composed\nand VL. Parts, and published for the delight of all\nsuch as take pleasure\nBy By rd, one of the\nthe Queenes Majesties\nted at London by Thomas Este, the assigne of Wil-\nliam Byrd, and are\nsayd T. Este, beeing in Aldersgate streete, at the\nsigne of the black horse, 1 589. In Quart. Entb.\n14 Gesänge zu 3 Stimmen, 11 Ges. zu 4 St.,\n12 Ges. zu 5 St. und 10 Ges. zu 6 Stimmen.\"\nHier ist zwar die zweite Titel-Angabe nach Rimbault voll-\nständiger und möchte sich in so fern recht fertigen lassen;\naber jedenfalls erwartet man doch eine kleine Hinweisung\nauf die frühere Angabe. Wahrscheinlich erschien die zweite\nAuflage des genannten beliebten Werkes von Bird 1610;\nBecker wiederholt sieben Spalten weiter den hier vollstän-\ndig mitgetheilten Titel mit derselben Umständlichkeit und\nsogar mit seiner Inhalts-Angabe („Enth. 14 Gesänge zu 3\nStimmen, 1 1 Gesänge zu 4 Stimmen4 u. s. w.), sagt aber\nmit keinem Worte, dass er dieses Werk schon früher ver-\nzeichnet und dass wir es hier mit einer zweiten Auflage\nzu thun haben. Wie soll man das nennen? Raum-Erspar-\nniss oder Bequemlichkeit? Gäbe er z. B. beim Jahre 1610\nden Titel folgender Maassen an:\n„W. Bird, Songs of sundrie natures etc. lmprinted at\nLondon by Lucretia Este, the assigne of William\nBarley, 1610 4. Zweite, unveränderte Auflage\nvon 1585, Nr.?\"\nso wäre in zwei bis drei Zeilen alles Nöthige gesagt und\ndurch den ersparten Raum zugleich lür einige andere Werke\nPlatz gemacht.\nDie bemerkte uribehülfliche Notirung ist auch wieder\nnicht etwa ein vereinzeltes Beispiel, sondern geht durch\ndas ganze Werk Becker's und bringt so erhebliche Nach-\ntheile hervor, dass wir nicht umhin können, uns durchaus\ndagegen zu erklären. An vielen Stellen tritt sie viel auffal-\nlender hervor, so unter Anderem bei einem der beliebtesten\nWerke aus der Blüthezeit der altenglischen Musik:\n„ The First Booke of Songes\nTablature for the L\nDowland.\"\nVon diesem gibt der Anhang den Titel zuerst Spalte 349\nals 1597, Sp. 350 als 1600, Sp. 351 als 1603, Sp.\n353 als 1608, Sp. 355 als 1613 erschienen an, jedes-\nmal den ganzen, fast buchstäblich gleichen Titel von zwölf\nenggedruckten Zeilen, so dass die li'inf Auflagen dieser\nEinen Composition sechszig Zeilen in Anspruch nehmen\nund dennoch sich erst der Leser die verschiedenen Drucke\nzusammen suchen muss, und jedesmal (also fünfmal in\nsieben auf einander folgenden Spalten) mit der Beschrei-\nbung: „Enthält 21 Gesänge und eine Galliarde für zwei\nSpieler auf einer Laute\", von welcher das Letztere auf dem\nenglischen Titel schon deutlicher gesagt ist. Zum Glück sind\nauf dem Titel selber die Ausgaben bemerkt, sonst würde\nman bei all der Weitschweifigkeit nicht einmal darüber\netwas Gewisses erfahren. Nehmen wir nun den Druck von\n1597 als den ersten an, was ist dann mit dieser Notiz:\n„Boxvi and, J., The first\nof foure parts, with\ndon. 1595\",\nwelche bei Becker in dem alten Drucke Spalte 277 steht,\nanzufangen? Wohl kann man sich irren; aber so das Rich-\ntige und Unrichtige neben einander zu stellen, ohne es ein-\nmal zu bemerken, ist doch stark. Dass Dowland 1595\nnoch gar nicht sein First Booke hat erscheinen\nlassen, ersieht Jeder leicht aus dieser unserer Anführung;\naber müssen wir erst Becker so etwas aus seinem eigenen\nWerke beweisen? Konnte er im Anhange Dowland's Com-\nposition sechszig Zeilen widmen und war nicht im Stande,\nhinzuzufügen: „Aber meine frühere Angabe Sp. 277 be-\nruht auf einem Irrthume, zu dem mich dieses oder jenes\nBuch verlührte\"? Worauf soll man sich denn am Ende ver-\nlassen, wenn nicht auf solche Arbeiten, deren alleiniger\nWerth in zuverlässigen Angaben besteht?\nBesonders auffällig ist die Confusion, welche sich bei\nder Anführung eines Tonwerkes von Morley offenbart. Von\ndiesem ist, wie von einer ganzen Reihe anderer,\nder Titel wieder zwei Mal abgedruckt, zuerst im alten"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "387", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551208-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4877, "texte": "Drucke und sodann im neuen Anhange; dort nach Spalte\n257 heisst er:\nMorley,Th., The Triump\nsixe voyces; composed\nNewly published by Thom. Morley, Batchelor\nof Musicke, and Gentleman of his (?) Majesties\nhonourable chappel. London. 1601. Enth. 24 (?)\nGesänge von J. Benet (?), R. Carlton, M. Caven-\ndish, W. Cobbold, Mich. Este, J. Farmer, E. Gib-\nbons, J. Hilton, J. Holmes, Th. Hunt, E. John-\nson (?), R. Jones, G. Kirbye, J. Lesley(?), G. Mar-\nlon, J. Milton, Th. Morlay (?), John Mundy, R.\nNicholson (?), Dan. Norcome, Th. Tomkins, Th.\nWeilkes(?) und J. Wilby(?)\";\nhier nach Sp. 350 aber mit folgenden Variationen:\n„The Triumphs of Oriana, to five and six voices; com-\nposed by divers several auethors. Newly published\nby Thomas Morley, Batchelor of Musicke, and\nGentleman of hir (?) Majesties honourable chappel.\nIn London :Printed\nof Thomas Morley. 1601. ln Quart. Enth. 14\nGesänge zu 5 St. und 11 (? 14 u. 11 sind 25!)\nzu 6 St. von J. Bennet (?), R. Carlton, M. Caven-\ndish, W. Cobbold, M. Este, J. Farmer, E, Gibbons,\nJ. Hilton, J, Holmes, Tb. Hunt (nichts von E.\nJohnson?), U. Jones, G. Kirbye, J. Lisley (?), G.\nMarson, J. Milton, Th. Morley (?), J. Mundy, R.\nNicolson (?), D. Norcone, Th. Tomkins, Th. Wal-\nkes (?) und J. Wilbye(?).u\nAlso: 24 oder 25 Gesänge, Benet oder Bennet, Johnson\nda oder nicht da, Lesley oder Lisley, Morlay oder Morley,\nNicholson oder Nicolson, Weilkes oder Walkes, Wilby oder\nWilbye ? das ist hier die Frage.\nFerner, da wir doch einmal beim Fragen sind: heisst\nder italiänische Madrigalen-Componist Bertani (Sp. 325) oder\nBertamy (Sp. 347)? der Franzose A. Bocsset (Sp. 191)\noder A. Boisset (S. 358)? der Engländer, von welchem in\nLighton's Sammelwerk Compositionen stehen sollen, D. Bull\n(Sp. 187) oder J. Bull (5p.356)? Danyel (5p.257) oder\nDaniel (Sp. 352)? Converso (Sp. 205) oder Conversi (Sp.\n347)? Coperario (Sp. 115) oder Coprario (Sp. 352)?\nsind von den Arien des Corkine nach Sp. 278 beideTheile\nim Jahre 1610, oder ist nach Sp. 354 der eine 1610,\nder andere aber 1612 erschienen ? u. s. w. u. s. w.\nAlle diese Ausstellungen haben sich ergeben bloss durch\nVergleichung des neuen, kaum sechs Seiten lüllenden An-\nhanges mit dem voraufgehenden Verzeichnisse; dieses letz-\ntere, also das eigentliche Werk Becker's, haben wir lür sich\nnoch gar nicht durchgenommen. Ja, wir bemerken aus-\ndrücklich, dass wir von dem erwähnten Anhange noch nicht\ndie Hälfte auf diese Art vergleichend durchgegangen sind,\nweil, verdriesslich gemacht durch die sich ergebenden Re-\nsultate, uns vor der Hand die Lust dazu fehlt. Wir lassen\nalso einen muthmoasslich sehr ansehnlichen Haufen von Feh-\nlern aller Art hier unbesprochen; die vorliegenden werden\ngenügen, um ein für die Zuverlässigkeit des Verfassers al-\nlerdings nicht sehr schmeichelhaftes Urtheil hinreichend zu\nbegründen.\nUeberhaupt scheint Becker seinem Werke schon etwas\nentfremdet zu sein. In der Einleitung sagte er 1847 : „Hier\nsei an alle diejenigen, welchen ein glücklicher Zufall mehr\noder weniger dergleichen Werke entgegen geführt hat*),\ndie Bitte um bereitwillige Mittheilung derselben ausgespro-\nchen : denn wie in allen Dingen, so auch hier, führt nur ein\ngemeinschaftliches Bemühen zum Ziele. Jeder Bei-\ntrag, der diese Literatur erweitert, ja, auch nur in genauer\nBeschreibung von Werken besteht, die mir nicht im Origi-\nnal vorlagen, ist willkommen, wird sorgfältig aufbewahrt\nund sicher früher oder später der OefTentlichkeit übergeben\nwerden.\" (S. XI.) In dem jetzt hinzugekommenen zweiten\nVorworte haben wir uns vergebens nach einem Worte um-\ngesehen, in welchem er diese Bitte wiederholte, Bericht ab-\nlegte über das Eingegangene, danach Verschiedenes im Texte\nverbesserte, oder dergleichen; und sind doch schon acht\nJahre seither verflossen! Oder wollte Becker es sich so\nwenig wie möglich merken lassen, dass diese „zweite\" Aus-\ngabe nur eine Titel-Ausgabe ist? Nach seiner Vorrede\nsollte man fast so etwas vermuthen; es wäre dieses aber\nnicht bloss unnütz, sondern auch unnöthig, weii es jedem\nVernünftigen gleich sein muss, ob die Bücher-Titel eben\njetzt oder schon vor zehn Jahren gedruckt wurden, wenn\nsie nur überhaupt zuverlässig sind.\nWollten wir in ähnlicher Weise das ganze Werk\ndurchgehen, wie oben eine Ecke des Anhanges, so müssten\nuns mehrere Bogen dieser Zeitung zu Gebote stehen, was\ndoch nicht der Fall ist. Lassen wir uns überhaupt auf das-\nselbe ausführlicher ein, als auf manches andere, so ge-\n\n*) Der Wortsinn drückt hier nicht das aus, was der Verfasser\nsagen wollen; „dergleichen Werbe\" müsste nicht im Accusa-\ntiv, sondern im Dativ stehen (also „mehr oder weniger von\ndergleichen Werken\", d. i. eine grössere oder geringere\nAnzahl davon), sonst würde man beim Mehr oder Weniger\ndes Entgegenführens an die grössere oder geringere Entfer-\nnung denken, was doch absurd ist. Weiss der Himmel, wir\nMusicanten schreiben noch immer einen schönen Stylum!"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "388", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551208-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 296, "texte": "schiebt es in der guten Ueberzeugung, dass es seiner An-\nlage nach brauchbar und, was die Ausarbeitung anlangt,\nsehr schwierig, aber nicht sehr dankbar ist, und dass die\nKritik ihrerseits sich von dem Vorwurfe, es ungeprüft der\nVergessenheit überlassen zuhaben, frei machen muss.\n(Schluss folgt.]"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-12-08-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-12-08_01#c002", "volume": "bmtnabi_1855-12-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "388", "page_fin": "389", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551208-01.2.2", "titre_corps": "Ein Virtuose in Ausiralien.", "titre_sommaire": "Ein Virtuose in Ausiralien.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "388", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551208-01.1.4", "debut_caractere": 298, "fin_caractere_exclue": 4895, "texte": "Ein Virtuose in Ausiralien.\nWishka Haus er, der ungarische Violin-Virtuose,\nreis'te von Californien über Tahiti, wo er am 6. October\n1854 ein öffentliches und kurz darauf ein Hof-Concert\nvor der barfüssigen Königin Pomare gab, nach Sydney\nin Australien. Er gibt selbst eine Schilderung| von\nSydney und den Ereignissen seines ersten Concertes, wel-\nche wir auszugsweise mittheilen:\n„Sydney liegt sehr schön zwischen zwei Vorgebirgen,\nwelche den Hafen schützen, in dem Wälder von Masten\nmit den Flaggen aller Nationen prangen. Sydney ist der\nBrennpunkt des Handels auf dem stillen Meere; Melbourne\nkann wegen seiner ungünstigen Lage nicht dagegen ankom-\nmen. Ferner ist Sydney der Sitz der Regierung von Neu-\nSüd-Wales. Paläste, drei Theater, Bankgebäude, Waisen-\nhaus, Hospitäler, Schulen, ein Observatorium, sogar eine\nUniversität zeichnen es aus; die ganze Physiognomie der\nStadt, das unaufhörliche Rennen und Jagen von Menschen\naller Nationen, der Luxus, die Spielhäuser und ihre un-\nglaubliche Pracht, alles das zeigt uns, dass wir uns in einer\nWeltstadt von neuem, universellem Styl befinden. Nicht\nnur alle Strassen sind mit Gas beleuchtet, sondern auch\ndie Zifferblätter säm mll iet er öffentlicher Uhren strahlen\nNachts wie die Sonnen. Allein die Architektur, obwohl hier\nund da prächtig, ist geschmacklos, und das Strassenpflaster\nabscheulich.\n„Mit mehreren Deutschen stndirte ich die Merkwür-\ndigkeiten und Eigentümlichkeiten Sydney's. Der Mittel-\npunkt der Stadt, Victoria Place, ist voller Buchhandlungen,\nLesehallen, Kaffeehäuser, Conditoreien, Gasthöfe, Juwelier-\nund Goldläden u. s. w. u. s. w. Und welch ein Durchein-\nander aller Zungen und Zonen! Engländer, Irländer, Ame-\nricaner, Deutsche, „ „ grün\"\" und unbeholfen, hässliche\nPapuas, Chinesen, vor Allen Goldjäger, Abenteurer, Juden\nAlle, so bunt, so entgegengesetzten Charakters, vereinigt\nin Einer Religion, der Anbetung des Mammon!\n„Sinnlichkeit und Gier nach Gewinn sind noch\nvorherrschend in dieser Colonie, die zuerst von Schwind-\nlern, Dieben und ähnlichem Gelichter aus England bevöl-\nkort wurde. Alles ist unnatürlich hier, am meisten die Be-\ndingungen des Lebens. Unter vier Pfund täglich kann\nman gar nicht einiger Maassen anständig existiren. Dazu\nernähren die glücklichen Goldjäger beinahe 500 Spielhäu-\nser, meist palastartige, feenhart eingerichtete, in denen Tau-\nsende ihr Lehen zu- und umbringen. Eines derselben gibt\nwöchentlich zwei grosse Diners umsonst, zu denen jeder\nin schwarzen Frack und Zubehör Gekleidete Zutritt und\nvöllige Freiheit hat, so viel Champagner zu trinken, als er\nwill. Nach Tische wird natürlich gespielt.\n„Nachdem ich mir Sydney besehen, machte ich\nnicht eben in rosiger Laune meine Aufwartung bei den\nverschiedenen Zeitungs-Redactionen. Zuerst kam ich in\neinen prächtigen Palast, in dessen Flur ich unter den Tau-\nsenden von Anschlagzetteln auch die Bekanntmachung fand,\ndass der Herr Redacteur nur gegen Bezahlung seiner Zeit\nzu sprechen sei die Stunde 10 Shill., die halbe 6, die\nViertelstunde o Shill. Ich kaufte mir von dem Neger in ro-\nther Livree ein Stunden-Billet und ward von einem barschen,\nträgen Herrn mit folgenden Worten empfangen: „„ Sie sind\nKünstler und kommen von Europa, hier Geld zu machen?\" \"\nlch erzählte ihm von Californien, Südamerica, Otaheiti,\nwodurch er etwas freundlicher wurde, nichts desto weniger\naber ohne Umstände forderte, ich solle eine bestimmte\nSumme zahlen, wenn ich nicht durchfallen wolle. Ich sagte,\nich wolle es mir überlegen, und verliess den Press-Haifisch.\nAndere seiner Genossen fand ich freundlicher und anstän-\ndiger.\n„Ich hatte fabelhafte Kosten für mein Concert, aber\ndie Eintrilts-Preise sind auch fabelhaft: eine Loge lünf Pfund,\nParquet-Loge zwei Pfund, Parterre zehn Shill. So kam es\nnur auf ein tolles Haus an.\"\nEs war voll genug; aber auf dem Wege dahin wurde\nder Virtuose mitsammt seinem schwarzen Frack und weis-\nsen Glace-Handschuhen vom Kutscher umgeworfen und\ntotal concertunlähig quant ä la toilette gemacht. Er rief:\n„Ein Königreich für einen Frack!\" und ein ehrlicher deut-\nscher Schneider verkaufte ihm einen lür acht Pfund. Aber,\no Himmel! als Hauser auftrat, wurde er vom ganzen ersten\nRange angezischt und angedonnert denn der Frack war\nblau und nicht schwarz, und halle gelbe Metali-\nknöpfe! Der Künsller musste abtreten. Der Director des\nConcertes wurde vorgefordert und erzählte de- und weh-\nmüthig die verhängnissvolle Geschichte, worauf er denn die\ngnädige Erlaubniss erhielt, den Virtuosen wieder vorzufüh-\nren. 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Noch in dieser Woche findet das grosse Liszt-Con-\ncert Statt, in dem, wie Kossak bemerkt, der Kampf zwi-\nschen Consonanz und Dissonanz zur Entscheidung kommen\n«011. Tumultuarisch rücken die Vorkämpfer heran, in gelas-\nsener Ruhe harrt das Publicum der Dinge, die kommen\nwerden. Und diese gelassene Ruhe wird wohl eine Zeit lang\ndauern. Berlin ist nicht so leicht aufzuregen, wenigstens\nnicht, wenn es sich um eine so gründliche Aufregung han-\ndelt, als die jetzt beabsichtigte sein würde. Inzwischen ist\nLiszt bereits in Berlin angekommen und leitet die Proben\nzu seinen Compositionen. Es hat sich ein Comite gebildet,\naus Männern von sehr verschiedenen Richtungen bestehend\n(die Herren Marx, Stern, v. Bülow und Laub sind mehr oder\nweniger der neuen Richtung zugethan; ausserdem sind Mit-\nglieder des Comite's die M.-D. Grell, Neilhardt, Dorn und\nder Hof-Musikhändler Bock), um Liszt Festlichkeiten zu be-\nreiten. Die erste derselben, eine Matinee, an der sich viele\nder besten musicalischen Kräfte Berlins betheiligten, fand\nbereits gestern Statt. Der M.-D. Grell hielt eine kurze Be-\nvviilkommungs-Rede. Darauf begann das Concert, das uns\nCompositionen von Beethoven (das grosse B-dur-Quartett),\nMendelssohn (Stücke aus dem Elias), Bach (G-moll-Fuge,\nvom Concertmeister Laub vortrefflich vorgetragen), Liszt\n(Gesang aus dem Buch der Lieder), Meyerbeer (Duo über\nThemata aus dem Nordstern von Vieuxtemps und Kullak)\nund Gluck (Scene aus dem Orpheus) zu Gehör brachte.\nLiszt selbst sprach nichts. Die zweite Festlichkeit wird in\neinem Souper bestehen, das nach Beendigung des Concertes\nStatt finden soll. Die Zahl der Theilnehmer ist, wie es\nscheint, nicht unbedeutend. Wir finden es ehrenwerth und\nliebenswürdig, dass die Musiker Berlins einen so bedeuten-\nden Gast festlich und freundschaftlich aufnehmen; man würde\naber irren, wenn man daraus schon auf einen Sieg der mo-\ndernen Compositions-Richtung schliessen wollte.\nSchon das letzte Concert des Orchester-Vereins\ngab einen Beweis, wie schwierig das berliner Publicum in\ndiesem Punkte ist. Da der neu gegründete Orchester-Verein\nvorzugsweise die Tendenz hat, neuere Werke zur Kennt-\nniss des Publicums zu bringen, so findet man in den Con-\ncerten desselben fast alle die Elemente, die dem Neuen eini-\nger Maassen geneigt oder wenigstens dem alten Schlendrian\nabgeneigt sind, zusammen. Es sind excentrische und blasirte\nNaturen darunter; aber wir kennen auch viele Abonnenten,\ndie jene Frische des Gemülhes sich bewahrt haben, welche für\nein wahrhaft geistiges Leben Grund-Bedingung ist, und\ndoch sehr wohl das Echte und Nachhaltige von dem Ober-\nflächlichen nnd Unreifen zu unterscheiden wissen. Wenn\nnun Joachim, der Liebling des berliner Publicums, vor\ndiesem Auditorium, das keine principiellen Gegner des Neuen\nin seiner Mitte zählt, seine Ouvertüre zu Heinrich\nIV. zur Aufführung brachte, so waren wenigstens die gün-\nstigsten Bedingungen für einen Erfolg vorhanden. Trotz al-\nlem dem ist ihm ein solcher nicht geworden. Der Beifall\nv.ar sehr lau, und die öffentliche Meinung spricht sich fast\ndurchweg ungünstig über das neue Werk aus. Wir unse-\nrerseits erkennen gern eine gewisse Kühnheit in dem Auf-\nbau des Ganzen an; aber diese Kühnheit kann uns den\nMangel der Schönheit nicht ersetzen. Namentlich der Theil\nder Ouvertüre, dem das erste Thema zu Grunde liegt,\nleidet an einer Gewaltsamkeit der harmonischen Combinalion\nund an einer so grellen Farbenwahl in der Instrumentirung\n(neu mögen diese Instrumentations-Effecte sein, aber es\nkommt doch auch darauf an, dass sie nothwendige Conse-\nquenzen einer an sich künstlerischen Idee seien), wie es bis\njelzt in der That unerhört war. Dasselbe gilt von dem\nSchlüsse, der marschartig gehalten ist. Nur einige Stellen\nder Ouvertüre, namentlich eine Art Nachsatz zum zweiten\nThema, sind maassvoller und wohlthuender gehalten. Uebri-\ngens ist das Ganze nicht in strenger thematischer Form ge-\narbeitet. Wie dies alles nun zu der Leichtigkeit und Lie-\nbenswürdigkeit passt, die wir in dem Shakespeare'schen\nDrama trotz aller Derbheiten und Ausgelassenheiten be-\nwundern, ist noch weniger einzusehen. Wir haben eben den\nAusdruck „ wohlthuend\" gebraucht. Wir fügen hinzu, dass\nwir sehr wohl wissen, dass die bloss wohlthuenden Kunst-\nwerke eben so einseitig sind. Dem menschlichen Geiste ziemt\ndie Strenge der Arbeit und des Kampfes. Aber wir müssen\ndie berechtigt© Dissonanz von dem bacchantischen Taumel"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "390", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551208-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3730, "texte": "unterscheiden, der nicht in dem Ueberwinden der Gegen-\nsätze, sondern in den Gegensätzen selbst seine Lust findet.\nDiese Art von Fortschritt ist Verfall; denn was ist Verfall\nanders, als das Auseinanderfallen einer Sache in ihre Ele-\nmente? Diese Art von Leben ist Tod. Unmittelbar nach der\nOuvertüre von Joachim kamen Stücke aus dem Lohengrin\nzur Aufführung fFrauenzug, Marsch, Brautlied), die fast auf\ndas gesamnate Publicum eine sehr wohllhuendc Wirkung\nmachten, da sie selbst in ihren stärksten Inslrumcntalions-\nEffecten sehr weich und mild im Vergleich mit dem eben\nGehörten klangen. Sie sind keineswegs bedeutend in der\nErfindung, aber innig und mit einem feinen Gefühle für\nHarmonie. Namentlich in dem Frauenzuge liegt für uns eine\nsehr glückliche Mischung von feierlichem Ernste und weib-\nlicher Anmulh. Das Brautlied ist ein gefühlvolles deutsches\nLied. Gegen den Marsch Hessen sich die meisten Bedenken\nerheben, da die gebrochenen Scplimen-Accorde immer einen\nweichlichen Charakter haben und daher zu den vollen Tönen\ndes Blech-Orchesters wenig geeignet sind. In demselben\nConcerte hörten wir noch von Clara Schumann Beel-\nhoven's Es-dur-Concert und von Joachim Schumann'»\nViolin-Phanlasie. Beide Künstler gaben ausserdem noch ein\neigenes Concert, in dem uns namentlich Joachim durch den\nmeisterhaften Vortrag der G-moll-Fuge von Bach zur Be-\nwunderung hinriss. Als ausübender Künstler besitzt er voll-\nständig jene kraftvolle Lebendigkeit, jenes besonnene und\nernste Feuer, das gleich weit entfernt ist von zerstörender\nUnruhe und von begeisterungsloser Verständigkeit. Clara\nSchumann spielte die gefühlvolle Sonate von Beethoven\nadieux, l'absence et le retour\" mit Innigkeit und Zartheit.\nBeide zusammen trugen die Kreutzer-Sonate und eine rei-\nzende ,4-rfMr-Sonate von Mozart vor.\nIn Kürze erwähne ich, dass wir in einem Concerte der\nHerren Zech uud Grunwald ein Rondo von Schubert\nfür Ciavier und Violine (H-mollj und das JEs-dw-Quartett\nvon Schumann in (liessender und correcter Ausführung\nhörten und an den vorzüglichen Lieder-Vorträgen der Frau\nWurst unsere grosse Freude hatten. In anderen Concer-\nten kamen ein Andante und Scherzo von Mendelssohn aus\ndessen Nachlasse, das schon im vorigen Jahre von uns be-\nsprochene phantasiereicheD-rfur-Quartett von Wen dt und\ndas eben so geistreich erfundene, als meisterhaft durchge-\narbeitete F-dur-Quartelt von R. Schumann zur Auffüh-\nrung.— Die k. Oper gab zum Namenstage der Königin\nSpontini's Olympia, in der Fräul. Wagner als Statira\ndie grossartige königliche Leidenschaft der Witwe Alexan-\nders in fast vollendeter Weise zur Erscheinung brachte.\nDie Nibelungen von Dorn sind auch in diesem Winter\nwiederum mit glücklichem Erfolg zur Aufführung gekom-\nmen.— Die Sing-Akademie feierte das Todtenfest durch\ndas im vorigen Jahre ausführlich von uns besprochene Re-\nquiem von C h e r u bi n i und eine Motette von Bach: „ Got-\ntes Zeit ist die allerbeste Zeit\", die namentlich indem Bass-\nSolo: „Heute wirst du mit mir im Paradiese sein\", das\nvon der Altstimme mit einer Choral-Melodie begleitet wird,\nsich zu einer fast überirdischen Innigkeit des Ausdrucks er-\nhebt. Je kleiner in diesem Stücke die Zahl der selbststän-\ndigen Stimmen ist, die mit einander zu vereinigen waren,\num so harmonischer und durchsichtiger ist der Bau des\nGanzen. Auch das erste Abonnements-Concert des Dom-\nChors machte das Publicum mit einer bisher noch nicht\ngehörten Motette von Bach: „Komm, Jesu, komm\", be-\nkannt, die ebenfalls zu seinen klareren und lieblichen Wer-\nken gehört. Der Glanzpunkt dieses Concertes war aber das\n(sechszehnstimmige) Crucißxus von Caldara in der acht-\nstimmigen Teschner'schen Bearbeitung, über das ich eben-\nfalls bereits im vorigen Jahre berichtete.\n\nG. E."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-12-08-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-12-08_01#c004", "volume": "bmtnabi_1855-12-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "390", "page_fin": "392", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551208-01.2.4", "titre_corps": "Aus Mecklenburg.", "titre_sommaire": "Aus Mecklenburg.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "390", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551208-01.1.6", "debut_caractere": 3732, "fin_caractere_exclue": 5726, "texte": "Aus Mecklenburg.\nII.\nAus dem folgenden Schlusslheile meines Berichtes dürfte Jeder\ndie Ueberzeuguug gewinnen, dass es mit der Concert- und sonsti-\ngen Musik in Mecklenburg noch weit trauriger bestellt ist, als mit\nder theatralischen. Der einzige Ort, in welchem einiger Maassen\nerträgliche Concerte Statt finden, ist Rostock. In Rostock und Wis-\nmar hat sich überhaupt schon seit einer Reihe von Jahren ein\ngrösserer Sinn für Musik kund gegeben, als in Schwerin. Die ge-\ndiegenen Concerte des so ehrenwerthen früheren städtischen Musik-\nDirectors Weber werden von seinem Nachfolger Schulz so ziemlich\nin derselben Weise fortgesetzt, nur mit grösserer Berücksichtigung\nneuerer Werke. Neben Mozart und Beethoven stehen Mendelssohn,\nSchumann, Gade, Taubert, Litolff und Andere auf dem Programme.\nDen besten Reweis für den Musiksinn der Rostocker liefert die\nThatsachc, dass die Quartett-Musik hier ihr Publicum findet; ich\nhörte selbst von Damen aus keineswegs exclusiv musicalischen Krei-\nsen, die Quartette wären ihnen das Liebste. In Schwerin dagegen\nhat ein einjähriger Versuch gelehrt (ich will lieber sa~ : soll ge-\nlehrt haben), dass die Quartette dort eine Unmöglichkeit sind. Ro-\nstock ist also hier zu Lande die einzige Stadt, welcher die Gele-\ngenheit geboten ist, Instrumental-Musik in verschiedenen. Stilen und\nin ziemlicher Vollständigkeit zu hören.\nWas hat dagegen Schwerin, die Haupt- und Residenzstadt des\nLandes, mit seiner „Capelle\" aufzuweisen? In Schwerin finden gar\nkeine regelmässigen Concerte Statt, und zähle ich Alles zusammen,\nso sind seit Menschengedenken, seit zwanzig Jahren, dort an Sin-\nfonieen aufgeführt: C-mollvon Beethoven zwei Mal, Pastoral-Sin-\nfonie, Sinfonie von Gade Nr. 1, von Schumann Nr. 2, vielleicht\nnoch eine oder zwei andere. Das ist alles, was man hier von der\ngesammten Instrumental-Musik hat hören können. Früher, als die\nCapelle noch vollzählig war, wurde Manches geübt und im Bade-\norte Doberan Jedermann unentgeltlich dargeboten, doch meisten-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "391", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551208-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 8013, "texte": "theils rauschende Musik. Jetzt zählt die Capelle wenig über ein\nDutzend zum Theil invalider Mitglieder, denen für Opernmusik so\nviel Hoboisten von der Militärmusik hinzugefügt werden, dass ein\nOrchester von beinahe vierzig Personen zusammen kommt. Diesem\nConglomerate geht augenblicklich durchaus die Fähigkeit ab, Beet-\nhoven'sche Sinfonieen in künstlerischer Beziehung genügend vor-\nzutragen. Es fehlt Lust, Einheit, Verständniss, und bei den\nHoboisten auch die Vorbildung. Verstehen diese letzteren, durch\ndas starke Marschblasen verdorben, doch nicht einmal im Theater\nmit ihren Instrumenten reine Töne hervor zu bringen; ein sauberes\npp. kennt man hier gar nicht mehr, noch weniger contrastirende\nWirkungen der verschiedenen Instrumenten-Gattungen. Manche,\nz. B. der Oboebläser, sind einmal gute Musiker gewesen. Die Alten\nsind alt, und die neuen Zukömmlinge unreif. Natürlich glauben\nunsere Musiker nicht, dass es so mit ihnen bestellt ist. Es sind\nnun beinahe zwei Jahre, dass man die Pastoral-Sinfonie spielte, die\nHoboisten machten sich allein darüber her. Der Dirigent derselben,\nein Herr Bontemps, hielt es für überflüssig, erst die Partitur ein-\nzusehen, die er jederzeit aus der Theater-Bibliothek hätte bekom-\nmen können, sondern leitete die Aufführung nach dem\nNotenblatte der ersten Violinstimme. Sie glauben viel-\nleicht, ich übertreibe. O nein! ich habe den Zettel in Händen ge-\nhabt, auf welchem besagter Dirigent solches als eine halbe Helden-\nthat selbst bezeugte. Es bedarf also keines Beweises weiter, dass\n»ich zu der Unfähigkeit Dünkel und Leichtsinn gesellt haben. Wo-\nhin die Herrschaft dieser drei Tugenden uns endlich führen wird,\nist schwer abzusehen, da auch der neue Intendant, v. Flotow, sich\ngewiss nicht für bessere Pflege unserer grossen deutschen Instru-\nmental-Musik aufopfern wird. Flolow's eigene Musik ist ja leider\nder Art, dass man bei ihr „ganz wieder verlernt, dass ein Beetho-\nven da gewesen ist\". Dazu ist seine Composition dem Stile nach\neinzig auf Opernmusik beschränkt; einem Manne von seinem Leicht-\nsinne als Künstler trauen wir aber zu, dass er das auch nicht mag,\nwas er nicht kann. Hierzu nehme man noch die Verflachung un-\nseres tonangebenden Hofadels (von dem der Intendant in solchen\nDingen fast allein abhängt), der offen gesteht, dass Mozart veraltet\nundößeethoven langweilig sei. Selbst Beethoven's Fidelio wäre un-\nausstehlich, sagte mir einmal eine sehr hochgestellte Gnädige. Die-\nser Ton ist herrschend in diesen Kreisen, Erhebung des Geistes\ngewährt ihnen die Kunst nicht, sondern Lirum Larum. Es sind die\ngeschworenen Anbeter alles Seichten und Erbärmlichen. Mit solchem\nPublicum kann Flotow allerdings vielleicht nicht ohne zeitweiligen\nErfolg Experimente nach seinem Geschmacke vornehmen. Sollte es\nihm hier gelingen, mit seiner Kunstweise festen Fuss zu fassen, so\nist die Zeit, in welcher Mecklenburg einmal gute Musik rbekommt,\nnoch gar nicht abzusehen. Ohne Prophetengabe zu besitzen, traue\nich mir doch zu, solches zu prophezeien. Ich will aber nicht gesagt\nhaben, dass er durchdringt; man kann nicht wissen, von woher\neinmal bessere Kräfte kommen mögen. Der Bürgerstand\nhat im -.Ganzen Sinn für die bessere Kunst; nur ist ein Unglück,\ndass ergeben kein Ganzes ist, dass die vorhandenen Kräfte aus tau-\nsend kleine Ursachen und Schwächen sieh wirkungslos zersplittern.\nIn seiner fzigen Zustande vermag er dem Adel nicht die Spitze\nzu bieten. Zunächst wäre erforderlich, dass die Stelle des Musik-\nDirectors mit einem energischen Manne besetzt wäre; dieser allein\nkönnte die vorhandenen Mittel zusammenbringen, den Rang-Unter-\nschied zwischen der invaliden Capelle und den Hoboisten (ja, sogar\nden „Stadt-Musicanten\" denn kommt's auf den Namen an, und\nwollt'ihr, Knechte des Standes-Adels, etwa unter euch selber wie-\nder ein neues Adelthum aufrichten? -) in gemeinsamer Kunst-\nübung ausgleichen und so Concerte veranlassen, nie nicht „zum\nDienst\" gehörten, aber wahrlich der Kunst den schönsten Dienst\nleisteten. Aber ein solcher ist nicht vorhanden; Keiner kann es,\nund Keiner mag es. Die Leutchen wollen bequem leben, wollen\nein Haus machen, wollen inStand und Würden gehen. Was Kunst,\nwas Arbeit, was Treue!\nWas an grösseren Voeal-Concerlen zu Stande kommt, geschieht\ndurch Privat-Vereine. Ein solcher Verein besteht seit langen Jah-\nren in Wismar. Dieser hat eine bedeutende Anzahl Oratorien und\ngrosserer Cantaten aufgeführt. Der Verein war vorzeiten, als der\nkunstsinnige Bürgermeister der Stadt ihn leitete, berühmt; jetzt\n(unter Leitung des Cantors Massmarin) kommt auch er dem Ge-\nfrierpunkte des mecklenburgischen Phlegma's immer näher. Ein gu-\ntes oder nur einiger Maassen befriedigendes Orchester hat ihm von\nje her gemangelt. —ln Rostock haben sich derartige gemischte\ngrössere Chöre nie lange gehalten, doch nach jeweiligem Verfall\nimmer bald wieder aufs Neue gebildet. Die Schuld wird wohl\nhauptsächlich an den Leitenden liegen, da besonders die rostocker\nDamen gern singen, nicht bloss zum Schrecken der Fensterschei-\nben in ihren häuslichen Gemächern, sondern auch öffentlich ge-\nmeinsam im schönen „Apollo-Saale\". Augenblicklich wird ein sol-\ncher Verein von einem Cantor Hagen geleitet. Aber was soll dabei\nherauskommen? Der Mann kann nur mit grosser Noth eine Par-\ntitur lesen, besitzt weder künstlerische noch allgemeine Bildung\nund benimmt sich beim Dirigiren auf eine Weise, die man nicht\nanders als roh bezeichnen kann. Die erste grössere Leistung, mit\nwelcher dieser Verein hervortrat, war Graun's Tod Jesu. Derselbe\nwurde am Charfreilage aufgeführt; eine bei Mantius in Berlin ge-\nbildete Sängerin Krüger aus Schwerin übernahm die schwierigsten\nSolo-Partieen. Wie das Ganze ging, können Sie wohl denken;\neigentlich dirigirte Fräul. Krüger, und durch solche Erlebnisse wer-\nden denn unsere Sängerinnen so von sich eingenommen. In der\nHauptprobe am Abende vor der Aufführung blies dem Herrn Ha-\ngen der Fagottist nicht nach Gefallen; er lümmelte ihn aus, es ent-\nstand Bauern-Scandai, der Mensch entfernte sich, und Herr Hagen\nHess das Solo („Weinet nicht, es hat überwunden der Löwe vom\nStamme Juda\") im vorletzten Chor vom Cello statt des Fagotts\nbegleiten. Dass hiermit gerade das Gegentheil von dem herauskom-\nmen musste, was der Componist beabsichtigte, verstand er in seiner\nEinfalt natürlich nicht. Graun wollte aber, dass dieses Solo des\nBasses entgegen der Klage des Chors wie ein stilles, feierliches\nTrostwort ertönen sollte, desswegen setzte er nur Fagotti sali und\nden Bass con organo dazu, während bei den einfallenden Klage-\nstrophen des Chors Violoncelli allein den Bass machen und sowohl\nFagott als Orgel schweigen. ln Schwefin ist durch das Theater-\nPersonal Athalie von Mendelssohn und Cherubini's Requiem aufge-\nführt worden, letzteres Ostern d. J., dazu die drei Hymnen Beet-\nhovens. (NB. Herr Chor-Dirigent Stocks braucht bei der Auffüh-\nrung keine gelehrten Gesichter zu schneiden, es ist ja seines Am-\ntes gar nicht, und gesetzt auch, einige Stellen gingen unrein, so\nwäre er doch der Letzte, der so etwas bemerken würde.) Wenige\nJahre nur besieht hier ein gemischter Gesang-Verein; seine Rich-\ntung ist mehr eine salonartige : grössere Productionen gelingen ihm\nselten. Von den Aufführungen nenne ich Mendelssohn's Lobgesang,\nHänders Samson, Schumann's Pilgerfahrt der Rose. Ungenügend\nwaren alle drei, doch fesselte der Samson durch seine innere Ge-\nwalt, die durch keine Ausführung ganz zu vernichten ist. Die bei-\nden anderen Werke Hessen gleichgültig; ja, soll ich's aufrichtig sa-\ngen, Schumanns pilgernde Rose machte einen höchst traurigen\nEindruck. Dirigent ist Herr Goltermann, ich glaube, ein Bruder\ndes bekannten Componisten gleichen Namens; er war hier früher\nam Theater Chor-Director, lebt jetzt aber von Clavier-Unterricht\nund ist als Clavierlehrer sehr gesucht. Im Ciavierfache und in der\nkleineren Gesang-Musik ist er auch recht wohl zu Hause, aber\ngrösseren Sachen ist er nicht gewachsen, würde sich auch damit\nwoht schwerlich befassen, wenn ein Anderer da wäre, der es bes-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "392", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551208-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1177, "texte": "ser könnte. Ich glaube nicht, dass die Lage des Herrn Goltermann\nsehr beneidenswerth ist; denn er muss sich vom Morgen bis an\nden Abend unter lauter „Rücksichtnehnaen\" bewegen. Vor nicht\nlanger Zeit bezeichnete man ihn als den künftigen Dirigenten des\nneu zu errichtenden Chors für geistliche Musik in der Schweriner\nHof- und Schlosskirche. Es ist aber nichts daraus geworden; denn\nHerr J. Schäffer aus Berlin hat die Stelle erhalten und bei Ein-\nweihung der neu erbauten Kirche, so wie bei der letzten fürstli-\nchen Taufe auch schon etwas producirt. Die beschränkten Mittel\nsind für den Chor kein geringes Hemmniss, noch mehr aber die\nhiesige grund-orlhodoxe Geistlichkeit, die für Kunst keinen Sinn\nhat, sondern nur den alten Singsang hören will. Herr Goltermann\nist mit dem Titel eines Hof-Pianisten abgespeis't, fünfhundert Thaler\njährlich dürften ihm lieber gewesen sein. Ueber die ersten Leistun-\ngen dieses geistlichen Chors oder vielmehr über eine erbärmlich\nstilisirte Lobhudelei desselben und des Herrn Schäffer entspann\nsich in hiesiger Zeitung ein kleiner Streit, an dem der Dirigent\nvoreiliger Weise sich auch betheiligte. 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December.\nDas Programm der ersten Abtheilung lautete: 1) Cherubini,\nOuvertüre zu den Abenceragen; 2) Friedr. Grützmacher, Con-\ncert für das Violoncello in A-moll, vorgetragen vom Componisten;\n3) Rob. Schumann, Requiem für Mignon für Chor, Soli und Or-\nchester; 4) Rieh. Wagner, eine Faust-Ouverture; 5) F. Men-\ndelssohn, Finale aus der Oper Lorelei. Die zweite Abtheilung\nfüllte Beethove n's Pastoral-Sinfonie.\nHerr Grüt z mach er aus Leipzig, Lehrer am dortigen Conser-\nvatorium, bewährte seinen Ruf als ausgezeichneter Violoncellspieler\nvollkommen. Sein Ton ist edel und schön, namentlich in der eigent-\nlichen Yioloncell-Region (in welcher übrigens allein von Ton auf\ndiesem Instrumente die Rede sein kann, da der Wetteifer desselben\nmit der Violine eben so abgeschmackt ist, als die Nachahmung der\nFlöte auf der Violine), und er ist Herr über alles, was den Aus-\ndruck betrifft, der für ihn durch Schwierigkeit nicht beinträchtigt\nwerden kann. Die Composition hat uns ebenfalls angesprochen; auch\nist es sehr lobenswerth, dass sie das Instrument vorwiegend in sei-\nnem Charakter berücksichtigt und nur an wenigen Stellen dem\nZeitgeschmack und der Virtuosität Concessionen macht.\nUeber Schumanns Requiem haben wir uns früher schon aus-\nführlich ausgesprochen; die Ausführung des schönen Werkes hätte,\nwas die Schattirung des Ausdrucks, besonders in den Piano's, be-\ntrifft, feiner sein können. Es thut uns leid, weil das Werk eine\nsolche Rücksicht vollkommen verdient, dass die Andeutungen, welche\nwir damals zu einem Prolog u. s. w. gegeben haben (Rhein. Musik-\nZeitung, IL Jahrg., Nr. 20, v. 15. Nov. 1851), bei der gegenwärti-\ngen Aufführung nicht berücksichtigt worden sind.\nRieh. Wagner's „Eine Faust-Ouverture\" mit dem Motto:\n„Der Gott, der mir im Busen wohnt,\nKann lief mein Innerstes erregen;\nDer über allen meinen Kräften thront,\nEr kann nach aussen nichts bewegen.\nUnd so ist mir das Dasein eine Last,\nDer Tod erwünscht, das Leben mir verhasst\"\nwurde 4ner zum ersten Male gehört, ging aber ohne Beifall vor-\nüber, indem der Versuch von einem paar Händen zum Applaus\nöhos allen Nachhall blieb. Die Musiker hatten dem Werke schon\nin den Proben das Urtheil gesprochen; wenn ein hiesiges Local-\nBlatt gerade das Gegentheil sagt, so ist dies eine bare Unwahr-\nheit. Es sollte uns jedoch nicht wundern, wenn diese (wie es schon\neinmal bei Gelegenheit der Aufführung des Lohengrin der Fall ge-\nwesen) in einer bekannten leipziger Zeitung als die Meinung des\nPublicums von Köln abgedruckt würde! Diese Art von Instrumen-\ntal-Musik, wie sie Berlioz und Wagner schreiben, in welcher jedes\nThema, ja, jedes Motiv und jede Figur etwas bedeuten, und zwar\netwas Aussermusicalisches bedeuten soll, wird bei allen Men-\nschen, Künstlern und Laien, welche in der Musik vor Allem etwas\nMusicalisch-Schönes verlangen, niemals Eindruck machen.\nEin paar hübsche Melodieen ä la Weber und Marschner, eine cha-\nrakteristische Violin-Figur ä la Coriolan von Beethoven, einige ver-\nhallende harmonische Klänge ä la Mendelssohn reichen aber dazu\nnicht hin, zumal wenn sie nur vereinzelt aus einem Durcheinander\nhervordringen, welches sich zu einem Bau von lauter Materialien\nohne Kitt, ohne Fundament und ohne Stil aufthürmt.\nWie anders sprach dagegen das unmittelbar darauf folgende Fi-\nnale aus Mendelssohns Lorelei an! Die Solo-Partie wurde von\nFräul. Auguste Brenken recht gut gesungen, mit klangvoller*\nauch durch Chor und Orchester dringender Stimme und mit einem\ndramatischen Ausdruck, welcher bei fortgesetztem Studium sich ge-\nwiss zu wahrhaft künstlerischen Leistungen steigern wird."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1855-12-08-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1855-12-08_01#c006", "volume": "bmtnabi_1855-12-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "392", "page_fin": "392", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551208-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "392", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551208-01.1.8", "debut_caractere": 4829, "fin_caractere_exclue": 6812, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\niitfftift. F. Hill er ist nach München abgereist, um dort\nseine Sinfonie in E-moll zu dirigiren. IL Wieniawski wird\nmorgen, Sonntag den 9. d. Mts., eine Matinee geben»\nBaraiesi.\" Das 2. Abonnements-Concert (am 24. Nov.) brachte\nuns ein mannigfaltiges Programm: Beethoven's 11. Sinfonie: den\n130. Psalm für Chor. Soli und Orchester von C. Reinecke (neu);\nMehul's La Chasse du jeune Henri (zum ersten Male); Zigeuner-\nleben, Chor mit Orchester von Rob. Schumann; Scene und Fi-\nnale aus Jessonda von Spohr; Cherubini's Ouvertüre zum\nWasserträger. Die Insirümentalstücke wurden gut ausgeführt, nur\ndas Scherzo der Sinfonie hätte etwas ruhiger gehalten werden mö-\ngen. Die neue Arbeit von Herrn M -D. Rei n ecke wurde mit gros-\nser Wärme aufgenommen und verdient den gespendeten Beifall in\njeder Hinsicht; der Stil ist klar und würdig, und das Ganze bekun-\ndet einen offenbaren Fortschritt des talentvollen Componisten. Nach\ndem ersten, breit ausgearbeiteten (vielleicht etwas zu langen) Chor\nfolgt ein Arioso für Sopran, dann ein Quartett mit Chor, darauf der\nSchluss-Chor. Wir zweifeln nicht, dass das Werk, sobald es veröf-\nfentlicht ist, allen Gesang-Vereinen und Concert-lnstituten sehr will-\nkommen sein wird. Fräul. Dannemann aus Elberfeld, Schü-\nlerin des Herrn Koch in Köln, erwarb als Jessonda, trefflich secun-\ndirt von Fräul. Mann als und einem sehr tüchtigen Di-\nlettanten als Nadori, rauschenden Beifall sowohl in der grossen Arie:\n„Die ihr Fühlende betrübet\", als in dem Finale. Sie besitzt eine\nsehr schöne, in allen Lagen gleichartige Stimme und intonirt sehr\nrein; wenn es ihr gelingt, woran wir nicht zweifeln, noch etwas\ngeistiger belebt zu werden und in der Technik der Coloratur sich\nzu vervollkommnen, so ist ihr eine glänzende Zukunft zu verheissen.\nDer Chor von Schumann, von C. G. P. Gräd ener gar sehr\nwirksam und pikant instrumentirt, musste wiederholt werden, sosehr\nelektnsirte er das Publicum; es ist ein allerliebstes Stück."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "385", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551208-01.1.1", "texte": "Die Tonwerke des XVI. und XVII. Jahrhunderts.\nVon C. F. Becker\nDiese systematisch und chronologisch geordnete Samm-\nlung der Titel aller in den genannten Jahrhunderten ge-\ndruckten Musicalien erschien zuerst 1847 in demselben\nVerlage, ward aber damals wenig gekauft, und wird desshalb\njetzt aufs Neue wieder vorgelegt. Mit Bedacht nennt sie\nsich jetz' nicht zweite „Auflage\", sondern nur zweite Aus-\ngabe; der Druck ist der alte geblieben, nur das Portrait\ndes Verfassers ist weggelassen; dagegen ist der Titel neu\ngedruckt und auch ein zweites, kleines Vorwort hinzuge-\nkommen. Sodann sind am Ende vier Biälter der zweiten\nAusgabe beigelügt, enthaltend ein Verzeichniss bisher un-\nbekannter Drucke englischer Tonsetzer aus der Zeit um\n1600, die Dr. Ritnbault (rühmlichst bekannt als Heraus-\ngeber des Messias und des Samson in der neuen Pracht-\nAusgabe der Werke Iländel's und mehrerer werthvollen\nBeiträge zur englischen Musik- und Literatur-Geschichte)\nunter dem Titel: Bibliolheca MadrigaUana, A bibliographi-\ncal account of the musical and poeiieal works published in\nEngland during the lö. and 17. centuries etc., im Jahre\n1847 in London publicirte.\nVon den verschiedenen Sammelwerken Becker's ist\ndas vorliegende das mühsamste und zweckmässigste; das\nmühsamste, weil der Verfasser weder Vorgänger hatte, noch\nalle aufgezählten Musicalien in einer Bibliothek beisammen\nfand, daher nach Erschöpfung seiner eigenen reichhaltigen\nSammlung zu mancherlei literarischen Hülfsmitteln greifen\nmusste; und das zweckmässigste nennen wir es, weil es in\nder That eine gute Idee war, in einem übersichtlichen Ka-\ntaloge den musicalischen Reichthum jener Zeiten zu ver-\nanschaulichen. Daraus erhellt, dass Becker's Arbeit sehr\nempfehlenswert!! ist und wir derselben eine weitere Ver-\nbreitung, als sie bis jetzt gefunden hat, aufrichtig wünschen\nmüssen. Zudem ist der frühere Preis, 2/2 Thaler, bei die-\nser neuen Ausgabe auf zwei Thaler ermässigt, so dass also\nauch von dieser Seile der Verleger dem Käufer entgegen\ngekommen ist.\nGehen wir nun näher prüfend auf die Leistung ein, so\nkönnen wir allerdings folgende Bemerkungen nicht zurück-\nhalten. Wir dürften um so mehr dazu berechtigt sein, da\nwir schon seit Jahren mit dem Buche vertraut sind und\nmanche Correcturen und Zusätze in unser Hand-Exemplar\neingetragen haben.\nZunächst zog der neue Anhang aus Rimbault's Ver-\nzeichniss unsere Aufmerksamkeit auf sich. Da ist zum Bei-\nspiel schon bei der ersten Ausgabe Spalte 59 von Becker\nein Werk dieses Titels aufgeführt:\n„ Bird, W., Psalmes, Sonels and Songs of sadness and\npietie, made into musick Bve\nsome of themgoing ab\ncoppies, are here truly correclcd; and Colher being\nsongs veri rare and\nblished for the recrealion of all such as delight in\nmusicke, by William Byr\nof the QueensMaj. 1588.\nIn Quart.\"\nIm neuen Anhange, Spalte 347, steht aber:\n»Psalmes, Sonets, and\nmade into Musicke of Bve parts: whereof some of\nthem going abroad am\npies, are heere truely corrected, and th'other being\nSongs very rare and\nblished, for the recrealion\n31usiche: hy William Byrd, one of the Gent,\nof the Queenes Majesties honorable Chappel. Prin-\nted by Thomas East, the assigne of W. Byrd, and\nare to be sold at the dwelling house of the said 7.\nEast, by Paules wharf1588.\nRegiae Majestatis.— In Quart. Enth. 35 Gesänge. \"\n\n*).\n*) Die Tonwerke des 16. und 17. Jahrhunderts, oder systema-\ntisch-chronologische Zusammenstellung der in diesen zwei\nJahrhunderten gedruckten Musicalien. Zweite, mit einem An-\nhange vermehrte Ausgabe. Leipzig, Verlag von Ernst Flei-\nscher. 1855. 358 Spalten oder 178 Seiten in gr. 4."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "386", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551208-01.1.2", "texte": "Dieses ist doch wohl Ein und dasselbe Werk? Decker sagt\nkein Wort darüber, sondern schreibt in aller Gemüthsruhe\nbeide Titel nach einander hin. Was soll der Unerfahrene\ndamit machen, und was soll man überhaupt davon denken?\nWäre übrigens die doppelte und mit verschiedener Ortho-\ngraphie angeführte Composition Bird's das einzige Versehen\ndieser Art, so wären wir sicher die Letzten, die solches rü-\ngen würden. Aber einen Schritt weiter haben wir schon\nwieder dasselbe; Spalte 255:\n„Bird, IV., Songs of sun\nand others of myrth,\nVoyces. London. 1589. In Quart.\"\nUnd nun Spalte 347 wieder:\n„ Songs of siindrie natures,\nof rnyrth, fit for all\nrnade and composed\nand VL. Parts, and published for the delight of all\nsuch as take pleasure\nBy By rd, one of the\nthe Queenes Majesties\nted at London by Thomas Este, the assigne of Wil-\nliam Byrd, and are\nsayd T. Este, beeing in Aldersgate streete, at the\nsigne of the black horse, 1 589. In Quart. Entb.\n14 Gesänge zu 3 Stimmen, 11 Ges. zu 4 St.,\n12 Ges. zu 5 St. und 10 Ges. zu 6 Stimmen.\"\nHier ist zwar die zweite Titel-Angabe nach Rimbault voll-\nständiger und möchte sich in so fern recht fertigen lassen;\naber jedenfalls erwartet man doch eine kleine Hinweisung\nauf die frühere Angabe. Wahrscheinlich erschien die zweite\nAuflage des genannten beliebten Werkes von Bird 1610;\nBecker wiederholt sieben Spalten weiter den hier vollstän-\ndig mitgetheilten Titel mit derselben Umständlichkeit und\nsogar mit seiner Inhalts-Angabe („Enth. 14 Gesänge zu 3\nStimmen, 1 1 Gesänge zu 4 Stimmen4 u. s. w.), sagt aber\nmit keinem Worte, dass er dieses Werk schon früher ver-\nzeichnet und dass wir es hier mit einer zweiten Auflage\nzu thun haben. Wie soll man das nennen? Raum-Erspar-\nniss oder Bequemlichkeit? Gäbe er z. B. beim Jahre 1610\nden Titel folgender Maassen an:\n„W. Bird, Songs of sundrie natures etc. lmprinted at\nLondon by Lucretia Este, the assigne of William\nBarley, 1610 4. Zweite, unveränderte Auflage\nvon 1585, Nr.?\"\nso wäre in zwei bis drei Zeilen alles Nöthige gesagt und\ndurch den ersparten Raum zugleich lür einige andere Werke\nPlatz gemacht.\nDie bemerkte uribehülfliche Notirung ist auch wieder\nnicht etwa ein vereinzeltes Beispiel, sondern geht durch\ndas ganze Werk Becker's und bringt so erhebliche Nach-\ntheile hervor, dass wir nicht umhin können, uns durchaus\ndagegen zu erklären. An vielen Stellen tritt sie viel auffal-\nlender hervor, so unter Anderem bei einem der beliebtesten\nWerke aus der Blüthezeit der altenglischen Musik:\n„ The First Booke of Songes\nTablature for the L\nDowland.\"\nVon diesem gibt der Anhang den Titel zuerst Spalte 349\nals 1597, Sp. 350 als 1600, Sp. 351 als 1603, Sp.\n353 als 1608, Sp. 355 als 1613 erschienen an, jedes-\nmal den ganzen, fast buchstäblich gleichen Titel von zwölf\nenggedruckten Zeilen, so dass die li'inf Auflagen dieser\nEinen Composition sechszig Zeilen in Anspruch nehmen\nund dennoch sich erst der Leser die verschiedenen Drucke\nzusammen suchen muss, und jedesmal (also fünfmal in\nsieben auf einander folgenden Spalten) mit der Beschrei-\nbung: „Enthält 21 Gesänge und eine Galliarde für zwei\nSpieler auf einer Laute\", von welcher das Letztere auf dem\nenglischen Titel schon deutlicher gesagt ist. Zum Glück sind\nauf dem Titel selber die Ausgaben bemerkt, sonst würde\nman bei all der Weitschweifigkeit nicht einmal darüber\netwas Gewisses erfahren. Nehmen wir nun den Druck von\n1597 als den ersten an, was ist dann mit dieser Notiz:\n„Boxvi and, J., The first\nof foure parts, with\ndon. 1595\",\nwelche bei Becker in dem alten Drucke Spalte 277 steht,\nanzufangen? Wohl kann man sich irren; aber so das Rich-\ntige und Unrichtige neben einander zu stellen, ohne es ein-\nmal zu bemerken, ist doch stark. Dass Dowland 1595\nnoch gar nicht sein First Booke hat erscheinen\nlassen, ersieht Jeder leicht aus dieser unserer Anführung;\naber müssen wir erst Becker so etwas aus seinem eigenen\nWerke beweisen? Konnte er im Anhange Dowland's Com-\nposition sechszig Zeilen widmen und war nicht im Stande,\nhinzuzufügen: „Aber meine frühere Angabe Sp. 277 be-\nruht auf einem Irrthume, zu dem mich dieses oder jenes\nBuch verlührte\"? Worauf soll man sich denn am Ende ver-\nlassen, wenn nicht auf solche Arbeiten, deren alleiniger\nWerth in zuverlässigen Angaben besteht?\nBesonders auffällig ist die Confusion, welche sich bei\nder Anführung eines Tonwerkes von Morley offenbart. Von\ndiesem ist, wie von einer ganzen Reihe anderer,\nder Titel wieder zwei Mal abgedruckt, zuerst im alten"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "387", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551208-01.1.3", "texte": "Drucke und sodann im neuen Anhange; dort nach Spalte\n257 heisst er:\nMorley,Th., The Triump\nsixe voyces; composed\nNewly published by Thom. Morley, Batchelor\nof Musicke, and Gentleman of his (?) Majesties\nhonourable chappel. London. 1601. Enth. 24 (?)\nGesänge von J. Benet (?), R. Carlton, M. Caven-\ndish, W. Cobbold, Mich. Este, J. Farmer, E. Gib-\nbons, J. Hilton, J. Holmes, Th. Hunt, E. John-\nson (?), R. Jones, G. Kirbye, J. Lesley(?), G. Mar-\nlon, J. Milton, Th. Morlay (?), John Mundy, R.\nNicholson (?), Dan. Norcome, Th. Tomkins, Th.\nWeilkes(?) und J. Wilby(?)\";\nhier nach Sp. 350 aber mit folgenden Variationen:\n„The Triumphs of Oriana, to five and six voices; com-\nposed by divers several auethors. Newly published\nby Thomas Morley, Batchelor of Musicke, and\nGentleman of hir (?) Majesties honourable chappel.\nIn London :Printed\nof Thomas Morley. 1601. ln Quart. Enth. 14\nGesänge zu 5 St. und 11 (? 14 u. 11 sind 25!)\nzu 6 St. von J. Bennet (?), R. Carlton, M. Caven-\ndish, W. Cobbold, M. Este, J. Farmer, E, Gibbons,\nJ. Hilton, J, Holmes, Tb. Hunt (nichts von E.\nJohnson?), U. Jones, G. Kirbye, J. Lisley (?), G.\nMarson, J. Milton, Th. Morley (?), J. Mundy, R.\nNicolson (?), D. Norcone, Th. Tomkins, Th. Wal-\nkes (?) und J. Wilbye(?).u\nAlso: 24 oder 25 Gesänge, Benet oder Bennet, Johnson\nda oder nicht da, Lesley oder Lisley, Morlay oder Morley,\nNicholson oder Nicolson, Weilkes oder Walkes, Wilby oder\nWilbye ? das ist hier die Frage.\nFerner, da wir doch einmal beim Fragen sind: heisst\nder italiänische Madrigalen-Componist Bertani (Sp. 325) oder\nBertamy (Sp. 347)? der Franzose A. Bocsset (Sp. 191)\noder A. Boisset (S. 358)? der Engländer, von welchem in\nLighton's Sammelwerk Compositionen stehen sollen, D. Bull\n(Sp. 187) oder J. Bull (5p.356)? Danyel (5p.257) oder\nDaniel (Sp. 352)? Converso (Sp. 205) oder Conversi (Sp.\n347)? Coperario (Sp. 115) oder Coprario (Sp. 352)?\nsind von den Arien des Corkine nach Sp. 278 beideTheile\nim Jahre 1610, oder ist nach Sp. 354 der eine 1610,\nder andere aber 1612 erschienen ? u. s. w. u. s. w.\nAlle diese Ausstellungen haben sich ergeben bloss durch\nVergleichung des neuen, kaum sechs Seiten lüllenden An-\nhanges mit dem voraufgehenden Verzeichnisse; dieses letz-\ntere, also das eigentliche Werk Becker's, haben wir lür sich\nnoch gar nicht durchgenommen. Ja, wir bemerken aus-\ndrücklich, dass wir von dem erwähnten Anhange noch nicht\ndie Hälfte auf diese Art vergleichend durchgegangen sind,\nweil, verdriesslich gemacht durch die sich ergebenden Re-\nsultate, uns vor der Hand die Lust dazu fehlt. Wir lassen\nalso einen muthmoasslich sehr ansehnlichen Haufen von Feh-\nlern aller Art hier unbesprochen; die vorliegenden werden\ngenügen, um ein für die Zuverlässigkeit des Verfassers al-\nlerdings nicht sehr schmeichelhaftes Urtheil hinreichend zu\nbegründen.\nUeberhaupt scheint Becker seinem Werke schon etwas\nentfremdet zu sein. In der Einleitung sagte er 1847 : „Hier\nsei an alle diejenigen, welchen ein glücklicher Zufall mehr\noder weniger dergleichen Werke entgegen geführt hat*),\ndie Bitte um bereitwillige Mittheilung derselben ausgespro-\nchen : denn wie in allen Dingen, so auch hier, führt nur ein\ngemeinschaftliches Bemühen zum Ziele. Jeder Bei-\ntrag, der diese Literatur erweitert, ja, auch nur in genauer\nBeschreibung von Werken besteht, die mir nicht im Origi-\nnal vorlagen, ist willkommen, wird sorgfältig aufbewahrt\nund sicher früher oder später der OefTentlichkeit übergeben\nwerden.\" (S. XI.) In dem jetzt hinzugekommenen zweiten\nVorworte haben wir uns vergebens nach einem Worte um-\ngesehen, in welchem er diese Bitte wiederholte, Bericht ab-\nlegte über das Eingegangene, danach Verschiedenes im Texte\nverbesserte, oder dergleichen; und sind doch schon acht\nJahre seither verflossen! Oder wollte Becker es sich so\nwenig wie möglich merken lassen, dass diese „zweite\" Aus-\ngabe nur eine Titel-Ausgabe ist? Nach seiner Vorrede\nsollte man fast so etwas vermuthen; es wäre dieses aber\nnicht bloss unnütz, sondern auch unnöthig, weii es jedem\nVernünftigen gleich sein muss, ob die Bücher-Titel eben\njetzt oder schon vor zehn Jahren gedruckt wurden, wenn\nsie nur überhaupt zuverlässig sind.\nWollten wir in ähnlicher Weise das ganze Werk\ndurchgehen, wie oben eine Ecke des Anhanges, so müssten\nuns mehrere Bogen dieser Zeitung zu Gebote stehen, was\ndoch nicht der Fall ist. Lassen wir uns überhaupt auf das-\nselbe ausführlicher ein, als auf manches andere, so ge-\n\n*) Der Wortsinn drückt hier nicht das aus, was der Verfasser\nsagen wollen; „dergleichen Werbe\" müsste nicht im Accusa-\ntiv, sondern im Dativ stehen (also „mehr oder weniger von\ndergleichen Werken\", d. i. eine grössere oder geringere\nAnzahl davon), sonst würde man beim Mehr oder Weniger\ndes Entgegenführens an die grössere oder geringere Entfer-\nnung denken, was doch absurd ist. Weiss der Himmel, wir\nMusicanten schreiben noch immer einen schönen Stylum!"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "388", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551208-01.1.4", "texte": "schiebt es in der guten Ueberzeugung, dass es seiner An-\nlage nach brauchbar und, was die Ausarbeitung anlangt,\nsehr schwierig, aber nicht sehr dankbar ist, und dass die\nKritik ihrerseits sich von dem Vorwurfe, es ungeprüft der\nVergessenheit überlassen zuhaben, frei machen muss.\n(Schluss folgt.]\n\nEin Virtuose in Ausiralien.\nWishka Haus er, der ungarische Violin-Virtuose,\nreis'te von Californien über Tahiti, wo er am 6. October\n1854 ein öffentliches und kurz darauf ein Hof-Concert\nvor der barfüssigen Königin Pomare gab, nach Sydney\nin Australien. Er gibt selbst eine Schilderung| von\nSydney und den Ereignissen seines ersten Concertes, wel-\nche wir auszugsweise mittheilen:\n„Sydney liegt sehr schön zwischen zwei Vorgebirgen,\nwelche den Hafen schützen, in dem Wälder von Masten\nmit den Flaggen aller Nationen prangen. Sydney ist der\nBrennpunkt des Handels auf dem stillen Meere; Melbourne\nkann wegen seiner ungünstigen Lage nicht dagegen ankom-\nmen. Ferner ist Sydney der Sitz der Regierung von Neu-\nSüd-Wales. Paläste, drei Theater, Bankgebäude, Waisen-\nhaus, Hospitäler, Schulen, ein Observatorium, sogar eine\nUniversität zeichnen es aus; die ganze Physiognomie der\nStadt, das unaufhörliche Rennen und Jagen von Menschen\naller Nationen, der Luxus, die Spielhäuser und ihre un-\nglaubliche Pracht, alles das zeigt uns, dass wir uns in einer\nWeltstadt von neuem, universellem Styl befinden. Nicht\nnur alle Strassen sind mit Gas beleuchtet, sondern auch\ndie Zifferblätter säm mll iet er öffentlicher Uhren strahlen\nNachts wie die Sonnen. Allein die Architektur, obwohl hier\nund da prächtig, ist geschmacklos, und das Strassenpflaster\nabscheulich.\n„Mit mehreren Deutschen stndirte ich die Merkwür-\ndigkeiten und Eigentümlichkeiten Sydney's. Der Mittel-\npunkt der Stadt, Victoria Place, ist voller Buchhandlungen,\nLesehallen, Kaffeehäuser, Conditoreien, Gasthöfe, Juwelier-\nund Goldläden u. s. w. u. s. w. Und welch ein Durchein-\nander aller Zungen und Zonen! Engländer, Irländer, Ame-\nricaner, Deutsche, „ „ grün\"\" und unbeholfen, hässliche\nPapuas, Chinesen, vor Allen Goldjäger, Abenteurer, Juden\nAlle, so bunt, so entgegengesetzten Charakters, vereinigt\nin Einer Religion, der Anbetung des Mammon!\n„Sinnlichkeit und Gier nach Gewinn sind noch\nvorherrschend in dieser Colonie, die zuerst von Schwind-\nlern, Dieben und ähnlichem Gelichter aus England bevöl-\nkort wurde. Alles ist unnatürlich hier, am meisten die Be-\ndingungen des Lebens. Unter vier Pfund täglich kann\nman gar nicht einiger Maassen anständig existiren. Dazu\nernähren die glücklichen Goldjäger beinahe 500 Spielhäu-\nser, meist palastartige, feenhart eingerichtete, in denen Tau-\nsende ihr Lehen zu- und umbringen. Eines derselben gibt\nwöchentlich zwei grosse Diners umsonst, zu denen jeder\nin schwarzen Frack und Zubehör Gekleidete Zutritt und\nvöllige Freiheit hat, so viel Champagner zu trinken, als er\nwill. Nach Tische wird natürlich gespielt.\n„Nachdem ich mir Sydney besehen, machte ich\nnicht eben in rosiger Laune meine Aufwartung bei den\nverschiedenen Zeitungs-Redactionen. Zuerst kam ich in\neinen prächtigen Palast, in dessen Flur ich unter den Tau-\nsenden von Anschlagzetteln auch die Bekanntmachung fand,\ndass der Herr Redacteur nur gegen Bezahlung seiner Zeit\nzu sprechen sei die Stunde 10 Shill., die halbe 6, die\nViertelstunde o Shill. Ich kaufte mir von dem Neger in ro-\nther Livree ein Stunden-Billet und ward von einem barschen,\nträgen Herrn mit folgenden Worten empfangen: „„ Sie sind\nKünstler und kommen von Europa, hier Geld zu machen?\" \"\nlch erzählte ihm von Californien, Südamerica, Otaheiti,\nwodurch er etwas freundlicher wurde, nichts desto weniger\naber ohne Umstände forderte, ich solle eine bestimmte\nSumme zahlen, wenn ich nicht durchfallen wolle. Ich sagte,\nich wolle es mir überlegen, und verliess den Press-Haifisch.\nAndere seiner Genossen fand ich freundlicher und anstän-\ndiger.\n„Ich hatte fabelhafte Kosten für mein Concert, aber\ndie Eintrilts-Preise sind auch fabelhaft: eine Loge lünf Pfund,\nParquet-Loge zwei Pfund, Parterre zehn Shill. So kam es\nnur auf ein tolles Haus an.\"\nEs war voll genug; aber auf dem Wege dahin wurde\nder Virtuose mitsammt seinem schwarzen Frack und weis-\nsen Glace-Handschuhen vom Kutscher umgeworfen und\ntotal concertunlähig quant ä la toilette gemacht. Er rief:\n„Ein Königreich für einen Frack!\" und ein ehrlicher deut-\nscher Schneider verkaufte ihm einen lür acht Pfund. Aber,\no Himmel! als Hauser auftrat, wurde er vom ganzen ersten\nRange angezischt und angedonnert denn der Frack war\nblau und nicht schwarz, und halle gelbe Metali-\nknöpfe! Der Künsller musste abtreten. Der Director des\nConcertes wurde vorgefordert und erzählte de- und weh-\nmüthig die verhängnissvolle Geschichte, worauf er denn die\ngnädige Erlaubniss erhielt, den Virtuosen wieder vorzufüh-\nren. Hauser machte mit seiner einen Angriff auf\ndas überfeine Publicum der Halbwilden und eroberte ihre"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "389", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551208-01.1.5", "texte": "Gunst durch Rule Britannia mit Variationen von Onslow.\nAm Schlüsse bereitete man ihm einen Triumph, der ihn\nfür den Empfang entschädigte.\n\nBerliner Briefe.\n\n[Liszt in Berlin Concert e des Orchester-Vereins\nTon Stern Joachim's Ouvertüre zu Heinrich IV.\nClara Schumann und Joachim Concert der Herren\nZech und Grunwald Sing-Akadernie Dom-\nChor Königliche Oper.]\nde n 3. Deccmber 1855.\nObgleich die letzten vierzehn Tage im Ganzen weniger\nmitConcerten iiberliillt waren, als die vorangegangene Zeit,\nso bleibt mir doch ein hinlänglicher Stoff, um einen langen\nBericht darüber zu schreiben. Doch fast interessirt das Ver-\ngangene weniger als das, was uns in nächster Zukunft er-\nwartet. Noch in dieser Woche findet das grosse Liszt-Con-\ncert Statt, in dem, wie Kossak bemerkt, der Kampf zwi-\nschen Consonanz und Dissonanz zur Entscheidung kommen\n«011. Tumultuarisch rücken die Vorkämpfer heran, in gelas-\nsener Ruhe harrt das Publicum der Dinge, die kommen\nwerden. Und diese gelassene Ruhe wird wohl eine Zeit lang\ndauern. Berlin ist nicht so leicht aufzuregen, wenigstens\nnicht, wenn es sich um eine so gründliche Aufregung han-\ndelt, als die jetzt beabsichtigte sein würde. Inzwischen ist\nLiszt bereits in Berlin angekommen und leitet die Proben\nzu seinen Compositionen. Es hat sich ein Comite gebildet,\naus Männern von sehr verschiedenen Richtungen bestehend\n(die Herren Marx, Stern, v. Bülow und Laub sind mehr oder\nweniger der neuen Richtung zugethan; ausserdem sind Mit-\nglieder des Comite's die M.-D. Grell, Neilhardt, Dorn und\nder Hof-Musikhändler Bock), um Liszt Festlichkeiten zu be-\nreiten. Die erste derselben, eine Matinee, an der sich viele\nder besten musicalischen Kräfte Berlins betheiligten, fand\nbereits gestern Statt. Der M.-D. Grell hielt eine kurze Be-\nvviilkommungs-Rede. Darauf begann das Concert, das uns\nCompositionen von Beethoven (das grosse B-dur-Quartett),\nMendelssohn (Stücke aus dem Elias), Bach (G-moll-Fuge,\nvom Concertmeister Laub vortrefflich vorgetragen), Liszt\n(Gesang aus dem Buch der Lieder), Meyerbeer (Duo über\nThemata aus dem Nordstern von Vieuxtemps und Kullak)\nund Gluck (Scene aus dem Orpheus) zu Gehör brachte.\nLiszt selbst sprach nichts. Die zweite Festlichkeit wird in\neinem Souper bestehen, das nach Beendigung des Concertes\nStatt finden soll. Die Zahl der Theilnehmer ist, wie es\nscheint, nicht unbedeutend. Wir finden es ehrenwerth und\nliebenswürdig, dass die Musiker Berlins einen so bedeuten-\nden Gast festlich und freundschaftlich aufnehmen; man würde\naber irren, wenn man daraus schon auf einen Sieg der mo-\ndernen Compositions-Richtung schliessen wollte.\nSchon das letzte Concert des Orchester-Vereins\ngab einen Beweis, wie schwierig das berliner Publicum in\ndiesem Punkte ist. Da der neu gegründete Orchester-Verein\nvorzugsweise die Tendenz hat, neuere Werke zur Kennt-\nniss des Publicums zu bringen, so findet man in den Con-\ncerten desselben fast alle die Elemente, die dem Neuen eini-\nger Maassen geneigt oder wenigstens dem alten Schlendrian\nabgeneigt sind, zusammen. Es sind excentrische und blasirte\nNaturen darunter; aber wir kennen auch viele Abonnenten,\ndie jene Frische des Gemülhes sich bewahrt haben, welche für\nein wahrhaft geistiges Leben Grund-Bedingung ist, und\ndoch sehr wohl das Echte und Nachhaltige von dem Ober-\nflächlichen nnd Unreifen zu unterscheiden wissen. Wenn\nnun Joachim, der Liebling des berliner Publicums, vor\ndiesem Auditorium, das keine principiellen Gegner des Neuen\nin seiner Mitte zählt, seine Ouvertüre zu Heinrich\nIV. zur Aufführung brachte, so waren wenigstens die gün-\nstigsten Bedingungen für einen Erfolg vorhanden. Trotz al-\nlem dem ist ihm ein solcher nicht geworden. Der Beifall\nv.ar sehr lau, und die öffentliche Meinung spricht sich fast\ndurchweg ungünstig über das neue Werk aus. Wir unse-\nrerseits erkennen gern eine gewisse Kühnheit in dem Auf-\nbau des Ganzen an; aber diese Kühnheit kann uns den\nMangel der Schönheit nicht ersetzen. Namentlich der Theil\nder Ouvertüre, dem das erste Thema zu Grunde liegt,\nleidet an einer Gewaltsamkeit der harmonischen Combinalion\nund an einer so grellen Farbenwahl in der Instrumentirung\n(neu mögen diese Instrumentations-Effecte sein, aber es\nkommt doch auch darauf an, dass sie nothwendige Conse-\nquenzen einer an sich künstlerischen Idee seien), wie es bis\njelzt in der That unerhört war. Dasselbe gilt von dem\nSchlüsse, der marschartig gehalten ist. Nur einige Stellen\nder Ouvertüre, namentlich eine Art Nachsatz zum zweiten\nThema, sind maassvoller und wohlthuender gehalten. Uebri-\ngens ist das Ganze nicht in strenger thematischer Form ge-\narbeitet. Wie dies alles nun zu der Leichtigkeit und Lie-\nbenswürdigkeit passt, die wir in dem Shakespeare'schen\nDrama trotz aller Derbheiten und Ausgelassenheiten be-\nwundern, ist noch weniger einzusehen. Wir haben eben den\nAusdruck „ wohlthuend\" gebraucht. Wir fügen hinzu, dass\nwir sehr wohl wissen, dass die bloss wohlthuenden Kunst-\nwerke eben so einseitig sind. Dem menschlichen Geiste ziemt\ndie Strenge der Arbeit und des Kampfes. Aber wir müssen\ndie berechtigt© Dissonanz von dem bacchantischen Taumel"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "390", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551208-01.1.6", "texte": "unterscheiden, der nicht in dem Ueberwinden der Gegen-\nsätze, sondern in den Gegensätzen selbst seine Lust findet.\nDiese Art von Fortschritt ist Verfall; denn was ist Verfall\nanders, als das Auseinanderfallen einer Sache in ihre Ele-\nmente? Diese Art von Leben ist Tod. Unmittelbar nach der\nOuvertüre von Joachim kamen Stücke aus dem Lohengrin\nzur Aufführung fFrauenzug, Marsch, Brautlied), die fast auf\ndas gesamnate Publicum eine sehr wohllhuendc Wirkung\nmachten, da sie selbst in ihren stärksten Inslrumcntalions-\nEffecten sehr weich und mild im Vergleich mit dem eben\nGehörten klangen. Sie sind keineswegs bedeutend in der\nErfindung, aber innig und mit einem feinen Gefühle für\nHarmonie. Namentlich in dem Frauenzuge liegt für uns eine\nsehr glückliche Mischung von feierlichem Ernste und weib-\nlicher Anmulh. Das Brautlied ist ein gefühlvolles deutsches\nLied. Gegen den Marsch Hessen sich die meisten Bedenken\nerheben, da die gebrochenen Scplimen-Accorde immer einen\nweichlichen Charakter haben und daher zu den vollen Tönen\ndes Blech-Orchesters wenig geeignet sind. In demselben\nConcerte hörten wir noch von Clara Schumann Beel-\nhoven's Es-dur-Concert und von Joachim Schumann'»\nViolin-Phanlasie. Beide Künstler gaben ausserdem noch ein\neigenes Concert, in dem uns namentlich Joachim durch den\nmeisterhaften Vortrag der G-moll-Fuge von Bach zur Be-\nwunderung hinriss. Als ausübender Künstler besitzt er voll-\nständig jene kraftvolle Lebendigkeit, jenes besonnene und\nernste Feuer, das gleich weit entfernt ist von zerstörender\nUnruhe und von begeisterungsloser Verständigkeit. Clara\nSchumann spielte die gefühlvolle Sonate von Beethoven\nadieux, l'absence et le retour\" mit Innigkeit und Zartheit.\nBeide zusammen trugen die Kreutzer-Sonate und eine rei-\nzende ,4-rfMr-Sonate von Mozart vor.\nIn Kürze erwähne ich, dass wir in einem Concerte der\nHerren Zech uud Grunwald ein Rondo von Schubert\nfür Ciavier und Violine (H-mollj und das JEs-dw-Quartett\nvon Schumann in (liessender und correcter Ausführung\nhörten und an den vorzüglichen Lieder-Vorträgen der Frau\nWurst unsere grosse Freude hatten. In anderen Concer-\nten kamen ein Andante und Scherzo von Mendelssohn aus\ndessen Nachlasse, das schon im vorigen Jahre von uns be-\nsprochene phantasiereicheD-rfur-Quartett von Wen dt und\ndas eben so geistreich erfundene, als meisterhaft durchge-\narbeitete F-dur-Quartelt von R. Schumann zur Auffüh-\nrung.— Die k. Oper gab zum Namenstage der Königin\nSpontini's Olympia, in der Fräul. Wagner als Statira\ndie grossartige königliche Leidenschaft der Witwe Alexan-\nders in fast vollendeter Weise zur Erscheinung brachte.\nDie Nibelungen von Dorn sind auch in diesem Winter\nwiederum mit glücklichem Erfolg zur Aufführung gekom-\nmen.— Die Sing-Akademie feierte das Todtenfest durch\ndas im vorigen Jahre ausführlich von uns besprochene Re-\nquiem von C h e r u bi n i und eine Motette von Bach: „ Got-\ntes Zeit ist die allerbeste Zeit\", die namentlich indem Bass-\nSolo: „Heute wirst du mit mir im Paradiese sein\", das\nvon der Altstimme mit einer Choral-Melodie begleitet wird,\nsich zu einer fast überirdischen Innigkeit des Ausdrucks er-\nhebt. Je kleiner in diesem Stücke die Zahl der selbststän-\ndigen Stimmen ist, die mit einander zu vereinigen waren,\num so harmonischer und durchsichtiger ist der Bau des\nGanzen. Auch das erste Abonnements-Concert des Dom-\nChors machte das Publicum mit einer bisher noch nicht\ngehörten Motette von Bach: „Komm, Jesu, komm\", be-\nkannt, die ebenfalls zu seinen klareren und lieblichen Wer-\nken gehört. Der Glanzpunkt dieses Concertes war aber das\n(sechszehnstimmige) Crucißxus von Caldara in der acht-\nstimmigen Teschner'schen Bearbeitung, über das ich eben-\nfalls bereits im vorigen Jahre berichtete.\n\nG. E.\n\nAus Mecklenburg.\nII.\nAus dem folgenden Schlusslheile meines Berichtes dürfte Jeder\ndie Ueberzeuguug gewinnen, dass es mit der Concert- und sonsti-\ngen Musik in Mecklenburg noch weit trauriger bestellt ist, als mit\nder theatralischen. Der einzige Ort, in welchem einiger Maassen\nerträgliche Concerte Statt finden, ist Rostock. In Rostock und Wis-\nmar hat sich überhaupt schon seit einer Reihe von Jahren ein\ngrösserer Sinn für Musik kund gegeben, als in Schwerin. Die ge-\ndiegenen Concerte des so ehrenwerthen früheren städtischen Musik-\nDirectors Weber werden von seinem Nachfolger Schulz so ziemlich\nin derselben Weise fortgesetzt, nur mit grösserer Berücksichtigung\nneuerer Werke. Neben Mozart und Beethoven stehen Mendelssohn,\nSchumann, Gade, Taubert, Litolff und Andere auf dem Programme.\nDen besten Reweis für den Musiksinn der Rostocker liefert die\nThatsachc, dass die Quartett-Musik hier ihr Publicum findet; ich\nhörte selbst von Damen aus keineswegs exclusiv musicalischen Krei-\nsen, die Quartette wären ihnen das Liebste. In Schwerin dagegen\nhat ein einjähriger Versuch gelehrt (ich will lieber sa~ : soll ge-\nlehrt haben), dass die Quartette dort eine Unmöglichkeit sind. Ro-\nstock ist also hier zu Lande die einzige Stadt, welcher die Gele-\ngenheit geboten ist, Instrumental-Musik in verschiedenen. Stilen und\nin ziemlicher Vollständigkeit zu hören.\nWas hat dagegen Schwerin, die Haupt- und Residenzstadt des\nLandes, mit seiner „Capelle\" aufzuweisen? In Schwerin finden gar\nkeine regelmässigen Concerte Statt, und zähle ich Alles zusammen,\nso sind seit Menschengedenken, seit zwanzig Jahren, dort an Sin-\nfonieen aufgeführt: C-mollvon Beethoven zwei Mal, Pastoral-Sin-\nfonie, Sinfonie von Gade Nr. 1, von Schumann Nr. 2, vielleicht\nnoch eine oder zwei andere. Das ist alles, was man hier von der\ngesammten Instrumental-Musik hat hören können. Früher, als die\nCapelle noch vollzählig war, wurde Manches geübt und im Bade-\norte Doberan Jedermann unentgeltlich dargeboten, doch meisten-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "391", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551208-01.1.7", "texte": "theils rauschende Musik. Jetzt zählt die Capelle wenig über ein\nDutzend zum Theil invalider Mitglieder, denen für Opernmusik so\nviel Hoboisten von der Militärmusik hinzugefügt werden, dass ein\nOrchester von beinahe vierzig Personen zusammen kommt. Diesem\nConglomerate geht augenblicklich durchaus die Fähigkeit ab, Beet-\nhoven'sche Sinfonieen in künstlerischer Beziehung genügend vor-\nzutragen. Es fehlt Lust, Einheit, Verständniss, und bei den\nHoboisten auch die Vorbildung. Verstehen diese letzteren, durch\ndas starke Marschblasen verdorben, doch nicht einmal im Theater\nmit ihren Instrumenten reine Töne hervor zu bringen; ein sauberes\npp. kennt man hier gar nicht mehr, noch weniger contrastirende\nWirkungen der verschiedenen Instrumenten-Gattungen. Manche,\nz. B. der Oboebläser, sind einmal gute Musiker gewesen. Die Alten\nsind alt, und die neuen Zukömmlinge unreif. Natürlich glauben\nunsere Musiker nicht, dass es so mit ihnen bestellt ist. Es sind\nnun beinahe zwei Jahre, dass man die Pastoral-Sinfonie spielte, die\nHoboisten machten sich allein darüber her. Der Dirigent derselben,\nein Herr Bontemps, hielt es für überflüssig, erst die Partitur ein-\nzusehen, die er jederzeit aus der Theater-Bibliothek hätte bekom-\nmen können, sondern leitete die Aufführung nach dem\nNotenblatte der ersten Violinstimme. Sie glauben viel-\nleicht, ich übertreibe. O nein! ich habe den Zettel in Händen ge-\nhabt, auf welchem besagter Dirigent solches als eine halbe Helden-\nthat selbst bezeugte. Es bedarf also keines Beweises weiter, dass\n»ich zu der Unfähigkeit Dünkel und Leichtsinn gesellt haben. Wo-\nhin die Herrschaft dieser drei Tugenden uns endlich führen wird,\nist schwer abzusehen, da auch der neue Intendant, v. Flotow, sich\ngewiss nicht für bessere Pflege unserer grossen deutschen Instru-\nmental-Musik aufopfern wird. Flolow's eigene Musik ist ja leider\nder Art, dass man bei ihr „ganz wieder verlernt, dass ein Beetho-\nven da gewesen ist\". Dazu ist seine Composition dem Stile nach\neinzig auf Opernmusik beschränkt; einem Manne von seinem Leicht-\nsinne als Künstler trauen wir aber zu, dass er das auch nicht mag,\nwas er nicht kann. Hierzu nehme man noch die Verflachung un-\nseres tonangebenden Hofadels (von dem der Intendant in solchen\nDingen fast allein abhängt), der offen gesteht, dass Mozart veraltet\nundößeethoven langweilig sei. Selbst Beethoven's Fidelio wäre un-\nausstehlich, sagte mir einmal eine sehr hochgestellte Gnädige. Die-\nser Ton ist herrschend in diesen Kreisen, Erhebung des Geistes\ngewährt ihnen die Kunst nicht, sondern Lirum Larum. Es sind die\ngeschworenen Anbeter alles Seichten und Erbärmlichen. Mit solchem\nPublicum kann Flotow allerdings vielleicht nicht ohne zeitweiligen\nErfolg Experimente nach seinem Geschmacke vornehmen. Sollte es\nihm hier gelingen, mit seiner Kunstweise festen Fuss zu fassen, so\nist die Zeit, in welcher Mecklenburg einmal gute Musik rbekommt,\nnoch gar nicht abzusehen. Ohne Prophetengabe zu besitzen, traue\nich mir doch zu, solches zu prophezeien. Ich will aber nicht gesagt\nhaben, dass er durchdringt; man kann nicht wissen, von woher\neinmal bessere Kräfte kommen mögen. Der Bürgerstand\nhat im -.Ganzen Sinn für die bessere Kunst; nur ist ein Unglück,\ndass ergeben kein Ganzes ist, dass die vorhandenen Kräfte aus tau-\nsend kleine Ursachen und Schwächen sieh wirkungslos zersplittern.\nIn seiner fzigen Zustande vermag er dem Adel nicht die Spitze\nzu bieten. Zunächst wäre erforderlich, dass die Stelle des Musik-\nDirectors mit einem energischen Manne besetzt wäre; dieser allein\nkönnte die vorhandenen Mittel zusammenbringen, den Rang-Unter-\nschied zwischen der invaliden Capelle und den Hoboisten (ja, sogar\nden „Stadt-Musicanten\" denn kommt's auf den Namen an, und\nwollt'ihr, Knechte des Standes-Adels, etwa unter euch selber wie-\nder ein neues Adelthum aufrichten? -) in gemeinsamer Kunst-\nübung ausgleichen und so Concerte veranlassen, nie nicht „zum\nDienst\" gehörten, aber wahrlich der Kunst den schönsten Dienst\nleisteten. Aber ein solcher ist nicht vorhanden; Keiner kann es,\nund Keiner mag es. Die Leutchen wollen bequem leben, wollen\nein Haus machen, wollen inStand und Würden gehen. Was Kunst,\nwas Arbeit, was Treue!\nWas an grösseren Voeal-Concerlen zu Stande kommt, geschieht\ndurch Privat-Vereine. Ein solcher Verein besteht seit langen Jah-\nren in Wismar. Dieser hat eine bedeutende Anzahl Oratorien und\ngrosserer Cantaten aufgeführt. Der Verein war vorzeiten, als der\nkunstsinnige Bürgermeister der Stadt ihn leitete, berühmt; jetzt\n(unter Leitung des Cantors Massmarin) kommt auch er dem Ge-\nfrierpunkte des mecklenburgischen Phlegma's immer näher. Ein gu-\ntes oder nur einiger Maassen befriedigendes Orchester hat ihm von\nje her gemangelt. —ln Rostock haben sich derartige gemischte\ngrössere Chöre nie lange gehalten, doch nach jeweiligem Verfall\nimmer bald wieder aufs Neue gebildet. Die Schuld wird wohl\nhauptsächlich an den Leitenden liegen, da besonders die rostocker\nDamen gern singen, nicht bloss zum Schrecken der Fensterschei-\nben in ihren häuslichen Gemächern, sondern auch öffentlich ge-\nmeinsam im schönen „Apollo-Saale\". Augenblicklich wird ein sol-\ncher Verein von einem Cantor Hagen geleitet. Aber was soll dabei\nherauskommen? Der Mann kann nur mit grosser Noth eine Par-\ntitur lesen, besitzt weder künstlerische noch allgemeine Bildung\nund benimmt sich beim Dirigiren auf eine Weise, die man nicht\nanders als roh bezeichnen kann. Die erste grössere Leistung, mit\nwelcher dieser Verein hervortrat, war Graun's Tod Jesu. Derselbe\nwurde am Charfreilage aufgeführt; eine bei Mantius in Berlin ge-\nbildete Sängerin Krüger aus Schwerin übernahm die schwierigsten\nSolo-Partieen. Wie das Ganze ging, können Sie wohl denken;\neigentlich dirigirte Fräul. Krüger, und durch solche Erlebnisse wer-\nden denn unsere Sängerinnen so von sich eingenommen. In der\nHauptprobe am Abende vor der Aufführung blies dem Herrn Ha-\ngen der Fagottist nicht nach Gefallen; er lümmelte ihn aus, es ent-\nstand Bauern-Scandai, der Mensch entfernte sich, und Herr Hagen\nHess das Solo („Weinet nicht, es hat überwunden der Löwe vom\nStamme Juda\") im vorletzten Chor vom Cello statt des Fagotts\nbegleiten. Dass hiermit gerade das Gegentheil von dem herauskom-\nmen musste, was der Componist beabsichtigte, verstand er in seiner\nEinfalt natürlich nicht. Graun wollte aber, dass dieses Solo des\nBasses entgegen der Klage des Chors wie ein stilles, feierliches\nTrostwort ertönen sollte, desswegen setzte er nur Fagotti sali und\nden Bass con organo dazu, während bei den einfallenden Klage-\nstrophen des Chors Violoncelli allein den Bass machen und sowohl\nFagott als Orgel schweigen. ln Schwefin ist durch das Theater-\nPersonal Athalie von Mendelssohn und Cherubini's Requiem aufge-\nführt worden, letzteres Ostern d. J., dazu die drei Hymnen Beet-\nhovens. (NB. Herr Chor-Dirigent Stocks braucht bei der Auffüh-\nrung keine gelehrten Gesichter zu schneiden, es ist ja seines Am-\ntes gar nicht, und gesetzt auch, einige Stellen gingen unrein, so\nwäre er doch der Letzte, der so etwas bemerken würde.) Wenige\nJahre nur besieht hier ein gemischter Gesang-Verein; seine Rich-\ntung ist mehr eine salonartige : grössere Productionen gelingen ihm\nselten. Von den Aufführungen nenne ich Mendelssohn's Lobgesang,\nHänders Samson, Schumann's Pilgerfahrt der Rose. Ungenügend\nwaren alle drei, doch fesselte der Samson durch seine innere Ge-\nwalt, die durch keine Ausführung ganz zu vernichten ist. Die bei-\nden anderen Werke Hessen gleichgültig; ja, soll ich's aufrichtig sa-\ngen, Schumanns pilgernde Rose machte einen höchst traurigen\nEindruck. Dirigent ist Herr Goltermann, ich glaube, ein Bruder\ndes bekannten Componisten gleichen Namens; er war hier früher\nam Theater Chor-Director, lebt jetzt aber von Clavier-Unterricht\nund ist als Clavierlehrer sehr gesucht. Im Ciavierfache und in der\nkleineren Gesang-Musik ist er auch recht wohl zu Hause, aber\ngrösseren Sachen ist er nicht gewachsen, würde sich auch damit\nwoht schwerlich befassen, wenn ein Anderer da wäre, der es bes-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "392", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18551208-01.1.8", "texte": "ser könnte. Ich glaube nicht, dass die Lage des Herrn Goltermann\nsehr beneidenswerth ist; denn er muss sich vom Morgen bis an\nden Abend unter lauter „Rücksichtnehnaen\" bewegen. Vor nicht\nlanger Zeit bezeichnete man ihn als den künftigen Dirigenten des\nneu zu errichtenden Chors für geistliche Musik in der Schweriner\nHof- und Schlosskirche. Es ist aber nichts daraus geworden; denn\nHerr J. Schäffer aus Berlin hat die Stelle erhalten und bei Ein-\nweihung der neu erbauten Kirche, so wie bei der letzten fürstli-\nchen Taufe auch schon etwas producirt. Die beschränkten Mittel\nsind für den Chor kein geringes Hemmniss, noch mehr aber die\nhiesige grund-orlhodoxe Geistlichkeit, die für Kunst keinen Sinn\nhat, sondern nur den alten Singsang hören will. Herr Goltermann\nist mit dem Titel eines Hof-Pianisten abgespeis't, fünfhundert Thaler\njährlich dürften ihm lieber gewesen sein. Ueber die ersten Leistun-\ngen dieses geistlichen Chors oder vielmehr über eine erbärmlich\nstilisirte Lobhudelei desselben und des Herrn Schäffer entspann\nsich in hiesiger Zeitung ein kleiner Streit, an dem der Dirigent\nvoreiliger Weise sich auch betheiligte. Krähwinkel oder Teterow.\nFür heule Adieu!\n\nViertes Gesellschafts-Concert in Köln\nim Gasinosaale.\nDinstag, den 4. December.\nDas Programm der ersten Abtheilung lautete: 1) Cherubini,\nOuvertüre zu den Abenceragen; 2) Friedr. Grützmacher, Con-\ncert für das Violoncello in A-moll, vorgetragen vom Componisten;\n3) Rob. Schumann, Requiem für Mignon für Chor, Soli und Or-\nchester; 4) Rieh. Wagner, eine Faust-Ouverture; 5) F. Men-\ndelssohn, Finale aus der Oper Lorelei. Die zweite Abtheilung\nfüllte Beethove n's Pastoral-Sinfonie.\nHerr Grüt z mach er aus Leipzig, Lehrer am dortigen Conser-\nvatorium, bewährte seinen Ruf als ausgezeichneter Violoncellspieler\nvollkommen. Sein Ton ist edel und schön, namentlich in der eigent-\nlichen Yioloncell-Region (in welcher übrigens allein von Ton auf\ndiesem Instrumente die Rede sein kann, da der Wetteifer desselben\nmit der Violine eben so abgeschmackt ist, als die Nachahmung der\nFlöte auf der Violine), und er ist Herr über alles, was den Aus-\ndruck betrifft, der für ihn durch Schwierigkeit nicht beinträchtigt\nwerden kann. Die Composition hat uns ebenfalls angesprochen; auch\nist es sehr lobenswerth, dass sie das Instrument vorwiegend in sei-\nnem Charakter berücksichtigt und nur an wenigen Stellen dem\nZeitgeschmack und der Virtuosität Concessionen macht.\nUeber Schumanns Requiem haben wir uns früher schon aus-\nführlich ausgesprochen; die Ausführung des schönen Werkes hätte,\nwas die Schattirung des Ausdrucks, besonders in den Piano's, be-\ntrifft, feiner sein können. Es thut uns leid, weil das Werk eine\nsolche Rücksicht vollkommen verdient, dass die Andeutungen, welche\nwir damals zu einem Prolog u. s. w. gegeben haben (Rhein. Musik-\nZeitung, IL Jahrg., Nr. 20, v. 15. Nov. 1851), bei der gegenwärti-\ngen Aufführung nicht berücksichtigt worden sind.\nRieh. Wagner's „Eine Faust-Ouverture\" mit dem Motto:\n„Der Gott, der mir im Busen wohnt,\nKann lief mein Innerstes erregen;\nDer über allen meinen Kräften thront,\nEr kann nach aussen nichts bewegen.\nUnd so ist mir das Dasein eine Last,\nDer Tod erwünscht, das Leben mir verhasst\"\nwurde 4ner zum ersten Male gehört, ging aber ohne Beifall vor-\nüber, indem der Versuch von einem paar Händen zum Applaus\nöhos allen Nachhall blieb. Die Musiker hatten dem Werke schon\nin den Proben das Urtheil gesprochen; wenn ein hiesiges Local-\nBlatt gerade das Gegentheil sagt, so ist dies eine bare Unwahr-\nheit. Es sollte uns jedoch nicht wundern, wenn diese (wie es schon\neinmal bei Gelegenheit der Aufführung des Lohengrin der Fall ge-\nwesen) in einer bekannten leipziger Zeitung als die Meinung des\nPublicums von Köln abgedruckt würde! Diese Art von Instrumen-\ntal-Musik, wie sie Berlioz und Wagner schreiben, in welcher jedes\nThema, ja, jedes Motiv und jede Figur etwas bedeuten, und zwar\netwas Aussermusicalisches bedeuten soll, wird bei allen Men-\nschen, Künstlern und Laien, welche in der Musik vor Allem etwas\nMusicalisch-Schönes verlangen, niemals Eindruck machen.\nEin paar hübsche Melodieen ä la Weber und Marschner, eine cha-\nrakteristische Violin-Figur ä la Coriolan von Beethoven, einige ver-\nhallende harmonische Klänge ä la Mendelssohn reichen aber dazu\nnicht hin, zumal wenn sie nur vereinzelt aus einem Durcheinander\nhervordringen, welches sich zu einem Bau von lauter Materialien\nohne Kitt, ohne Fundament und ohne Stil aufthürmt.\nWie anders sprach dagegen das unmittelbar darauf folgende Fi-\nnale aus Mendelssohns Lorelei an! Die Solo-Partie wurde von\nFräul. Auguste Brenken recht gut gesungen, mit klangvoller*\nauch durch Chor und Orchester dringender Stimme und mit einem\ndramatischen Ausdruck, welcher bei fortgesetztem Studium sich ge-\nwiss zu wahrhaft künstlerischen Leistungen steigern wird.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\niitfftift. F. Hill er ist nach München abgereist, um dort\nseine Sinfonie in E-moll zu dirigiren. IL Wieniawski wird\nmorgen, Sonntag den 9. d. Mts., eine Matinee geben»\nBaraiesi.\" Das 2. Abonnements-Concert (am 24. Nov.) brachte\nuns ein mannigfaltiges Programm: Beethoven's 11. Sinfonie: den\n130. Psalm für Chor. Soli und Orchester von C. Reinecke (neu);\nMehul's La Chasse du jeune Henri (zum ersten Male); Zigeuner-\nleben, Chor mit Orchester von Rob. Schumann; Scene und Fi-\nnale aus Jessonda von Spohr; Cherubini's Ouvertüre zum\nWasserträger. Die Insirümentalstücke wurden gut ausgeführt, nur\ndas Scherzo der Sinfonie hätte etwas ruhiger gehalten werden mö-\ngen. Die neue Arbeit von Herrn M -D. Rei n ecke wurde mit gros-\nser Wärme aufgenommen und verdient den gespendeten Beifall in\njeder Hinsicht; der Stil ist klar und würdig, und das Ganze bekun-\ndet einen offenbaren Fortschritt des talentvollen Componisten. Nach\ndem ersten, breit ausgearbeiteten (vielleicht etwas zu langen) Chor\nfolgt ein Arioso für Sopran, dann ein Quartett mit Chor, darauf der\nSchluss-Chor. Wir zweifeln nicht, dass das Werk, sobald es veröf-\nfentlicht ist, allen Gesang-Vereinen und Concert-lnstituten sehr will-\nkommen sein wird. Fräul. Dannemann aus Elberfeld, Schü-\nlerin des Herrn Koch in Köln, erwarb als Jessonda, trefflich secun-\ndirt von Fräul. Mann als und einem sehr tüchtigen Di-\nlettanten als Nadori, rauschenden Beifall sowohl in der grossen Arie:\n„Die ihr Fühlende betrübet\", als in dem Finale. Sie besitzt eine\nsehr schöne, in allen Lagen gleichartige Stimme und intonirt sehr\nrein; wenn es ihr gelingt, woran wir nicht zweifeln, noch etwas\ngeistiger belebt zu werden und in der Technik der Coloratur sich\nzu vervollkommnen, so ist ihr eine glänzende Zukunft zu verheissen.\nDer Chor von Schumann, von C. G. P. Gräd ener gar sehr\nwirksam und pikant instrumentirt, musste wiederholt werden, sosehr\nelektnsirte er das Publicum; es ist ein allerliebstes Stück."}]}