{"numero_id": "bm-bmtnabi-1856-01-26-01", "volume": "bmtnabi_1856-01-26_01", "ocr_sha256": "bf639930033badca6f5299b0ab2da67d64cba784e122118d136502e19696ab95", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1856/01/26_01/bmtnabi_1856-01-26_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560126-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1856-01-26-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-01-26_01#c001", "volume": "bmtnabi_1856-01-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "25", "page_fin": "25", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560126-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "25", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560126-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 338, "texte": "Inhalt.\n0. Jahn's W. A. Mozart. I. Von L. B. F. Ed. Wilsing: Ps. 129, für vier Chöre und Orchester. Von K.\n<- Aus Amsterdam (Oper, F. Hiller u. s. w.). Von S. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, 11. Concert des Männergesang-\nVereins, 111. Soiree für Kammermusik Dessau, Musikschule Berlioz in Weimar Schlesingers Nationallieder Utrecht)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-01-26-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-01-26_01#c002", "volume": "bmtnabi_1856-01-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "25", "page_fin": "26", "image_debut": 1, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560126-01.2.2", "titre_corps": "W. A. Mozart.", "titre_sommaire": "W. A. Mozart.", "signature_source": "Otto Jahn", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "25", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560126-01.1.1", "debut_caractere": 340, "fin_caractere_exclue": 3862, "texte": "W. A. Mozart.\nVon Otto Jahn.\nI.\nDie werthvollste Festgabe zur hundertjährigen Feier\nvon Mozart's Geburtstage hat Prof. 0. Jahn der musicali-\nschen Welt durch das Werk dargebracht, welches obigen\nTitel führt. Wir sind der Verlagshandlung (Breitkopf &\nHärtel in Leipzig) Dank schuldig, dass sie wenigstens den\nersten Theil gerade jetzt erscheinen liess, wo die allge-\nmeine Theilnahme, ja, eine gewisse Aufregung durch ganz\nDeutschland in Bezug auf die Säcularfeier Mozart's den\nFreunden der Tonkunst die freudige Gewissheit gibt, dass\nder Sinn für die wahre Musik noch überall lebendig ist, die\nsichere Bürgschaft, dass den gesunden Geschmack des deut-\nschen Volkes der Aufguss auf narkotisches Notenkraut und\nder Brand überpfefferter Ton-Gerichte stets anwidern wird,\neine Kundgebung gegen die Poesie-Musiker und Pro-\ngrammatisten, wie sie kaum schlagender gedacht werden\nkann. So wird denn auch Jahn's Werk, das gerade jetzt\nvielleicht mehr gelesen werden dürfte als zu jeder anderen\nZeit, einen ausgebreiteten und nachhaltigen Einfluss üben\nauf die Klärung des Dunstkreises, welcher den Blick in das\nreine Wesen der Tonkunst immer mehr zu trüben droht,\nund auf die Feststellung der Begriffe über das Musicalisch-\nSchöne. Die geschickte, wahrheitsgetreue Ausführung eines\nplastischen Lebensbildes des grössten Musikers aller Völker\nund Zeiten wird den nechhaltigen Eindruck nicht verfehlen,\nden es stets auf das gegenwärtige Geschlecht macht, wenn\nein geistiger Heros der Vorwelt, in seiner ganzen überwäl-\ntigenden Erscheinung heraufbeschworen, einmal wieder un-\nter die Menschen von heute tritt.\nN\nJahn hat den Leser durch die Zuschrift an seinen\nFreund, Prof. Gust. Hartenstein, über die Entstehung sei-\nnes Werkes, über die Grundsätze, die er bei seinen Nach-\nforschungen und während der Bearbeitung des umfassen-\nden Stoffes unwandelbar festhielt, über das Ziel seines Be-\nstrebens ausführlich (XXXIV Seiten) aufgeklärt.\nDieses Ziel war, „die ganze Individualität Mozart's dem\nLeser klar und lebendig vor die Seele zu stellen\".\nDer Geist, in welchem er die künstlerische Indi-\nvidualität Mozart's durchforscht und aufgefasst hat, geht aus\nfolgenden Worten hervor: „Wer, herangereift zu der Fä-\nhigkeil, die Kunst als solche aufzufassen und zu empfinden,\nsich Mozart hingibt, muss dauernd von ihm gefesselt wer-\nden, aber mit der Freiheit, alles, was sonst schön und gross\nist, mit Wärme und Liebe zu umfassen; denn auch von\nMozart gilt, was Aristophanes so schön von Sophokles sagt,\ndass er wie im Leben so nach dem Tode liebenswürdig\ngern gewähren lasse.\"\nNun freilich! Zu dieser Freiheit gelangen wir —so ist\nwenigstens auch unsere Erfahrung gerade durch die\nLiebe zu Mozart und durch das Studium seiner Werke am\nsichersten, und es ist uns fast eben so unbegreiflich, wie\nes Bewunderern Mozart's, z. B. Ulibitschef, möglich gewor-\nden ist, die Augen vor dem Genie Beethoven'« zu ver-\nschliessen, als es uns auf der anderen Seite unerklärlich\nist, wie ausschliessliche Verehrer Beethoven's die reine\nKunstschönheit Mozart's jemals verkennen konnten. Wir\nsprechen von Kunstverständigen und von wirklich begabten\nKünstlern; von jenen, denen dieGährung lieber ist als der\nWein, das Ringen nach dem Schönen, wenn auch noch so\nvergeblich, lieber als das Schöne selbst, kann natürlich un-\nter Vernünftigen gar nicht die Rede sein.\nDie Behandlung des Historischen charakterisirt\nJahn dagegen auf folgende Weise:\n„Ihr letztes Ziel ist die Wahrheit, und nur diese zu\nfinden und darzustellen habe ich mich bemüht. Keine Rück-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "26", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560126-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2529, "texte": "sieht auf Andere hat mich bewogen, zu verschweigen, was\niür das Versländniss Mozart's als Mensch und Künstler\nnothwendig oder wichtig war; eben so wenig habe ich je\nverschwiegen oder zu verdecken gesucht, was zu seinem\nNachtheil sprechen konnte. Das Urtheil über ihn als voll-\nendeten Künstler steht fest und konnte vielleicht nur in\nEinzelheiten schärfer bestimmt und begründet werden; das\nUrtheil über den sich bildenden Künstler und über den\nMenschen kann erst durch das, was hier vorgelegt wird,\nsicher gefasst werden. Allerdings ist es eine Freude für\nmich, dass in jeder Beziehung die Bewunderung wie die\nAchtung und Liebe zu Mozart gesteigert, ja, zum Theil\nerst fest begründet wird. Aber um nichts in der Welt\nmöchte ich, dass man meine Darstellung Mozart's lür eine\napologetische ansähe. Nach meiner Ueberzeugung thut man\ngrossen Männern Unrecht, wenn man ihre Schwächen be-\nO\nschönigen oder wegläugnen will; man hat Alles ge-\nthan, wenn man sie zu verstehen sucht, so wie\nsie waren.\"\nSo weit der vorliegende erste Theil des Werkes es be-\nweist, ist der Verfasser diesem einzig richtigen Grundsatze\neines Biographen gewissenhaft treu geblieben. Die neue\nLebensbeschreibung Mozart's trägt die Urkundlichkeit als\ncharakteristisches Zeichen überall sichtbarlich an der Stirn.\nSie ist die Frucht eines diplomatischen Fleisses, wie er im\nbesten Sinne nur bei deutschen Philologen existirt. Wie\nschwierig es ist, bei einer solchen vorherrschend prüfenden\nund sichtenden Thätigkeit den Sinn lür die Form der Dar-\nstellung der Ergebnisse jener Thätigkeit sich zu bewahren\nund das Ganze nicht als eine kritische Untersuchung, son-\ndern als ein lebendiges Bild hinzustellen, kann nur derje-\nnige ermessen, der ähnliche Arbeiten versucht hat. Da nun\nder Verfasser auch die Scheu der meisten Leser „vor An-\nmerkungen, Excursen, Citaten u. s. w. als der grausamen\nRüstung der Pedanterie\" kennt, so „hat er sich bestrebt,\nso zu schreiben, dass der Text ein in sich abgeschlossenes\nGanzes bildet, der zu seinem Verständnisse der Anmerkun-\ngen nicht bedarf, und wen nach ihrer Gelehrsamkeit nicht\nO\nverlangt, der kann sie getrost bei Seite liegen lassen.\" (S.\nXXX.) Das ist nun doch nicht ganz so, wie es diese Worte\nder Vorrede erwarten lassen; denn die Anmerkungen ent-\nhalten nicht bloss gelehrte Nachweisungen, sondern oft\nauch anziehende und charakteristische Zusätze, namentlich\nin den Auszügen aus Briefen.\nDoch wir wollen uns zunächst zu den Quellen und\nHülfsmitteln wenden, welche dem Verfasser zur Benutzung\nzu Gebote standen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-01-26-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-01-26_01#c003", "volume": "bmtnabi_1856-01-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "26", "page_fin": "29", "image_debut": 2, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560126-01.2.3", "titre_corps": "Beurtheilung.", "titre_sommaire": "Beurtheilung.", "signature_source": "K", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "26", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560126-01.1.2", "debut_caractere": 2531, "fin_caractere_exclue": 4628, "texte": "Beurtheilung.\n\nFriedrich Eduard Wilsing: De profundis, Ps.\n129 [Luther: 130].\nphoniatn sedeeim per\ncentu modulalus Friderico Guilielmo IV Regi Bo-\nrussorum Principi Potentissimo d. d. d. Berolini,\nsumtibus A. M. Schlesingeri. 103 S. Fol. Preis —.\nEin Trost in trüber Zeit, dass solche Werke noch\nmöglich sind, voll aufrichtigen Strebens und tüchtiger\nLeistung, wie das vorliegende grossartige Kirchenstück von\nWilsing, das sich freilich schon in dem guten Latein der\nUeberschrift ankündet als Boten der Vergangenheit; ob es\nihm nun desshalb gegeben ist, in Gegenwart und Zukunft\nzu wirken, wird die Erfahrung lehren. Wir, denen es ver-\nsagt ist, so Gewaltiges in ganzer grosser Leiblichkeit zu\nvernehmen, wie es etwa ein alter Dom darbieten möchte,\nwir müssen uns begnügen mit dem Schattenrisse der le-\nbendigen Gedanken, der gewaltigen, doch klar geordneten\nPartitur von 16 Menschenstimmen und 28 Instrumenten,\ndie zusammen auf 39 Notenzeilen dargestellt sind, dass\neinem Grünling blau vor den Augen wird- Die Klarheit\ndes Stiches und die Sorgfalt der Ausstattung erleichtert\ndie Auffassung.\nDas Ganze ist nach den Psalm-Versen in zwei Ilaupl-\ntheile gegliedert; den ersten bilden die zwei ersten Verse,\nder zweite von Seite 29 bis zu Ende umfasst die übrigen,\nist aber in sich selbst ebenfalls mehrfach gegliedert in\nRhythmen und Worten. Der erste Theil: „De profundis\nclamavi ad te, Domine exaudi me, fiant aures tuae atten-\ndentes in vocem deprecationis meae\", theilt sich nach den\nCommaten des grammatischen Satzes in fünf frei fugirte\nSätze, welche in einem volltönigen homophonen Dominant-\nSchlusse bei dem Schlussworte ausruhen, worauf\ndann die 58 Tacte des ersten Satzes (S. 4 —10) buch-\nstäblich wiederholt werden (S. 22 28), was allerdings\nmit einem dal § sich hätte haushälterischer schreiben lassen.\nDas Ritornell (22 Tacte) beginnt mit einem Solo der\nPauken, deren zwei Paare jedes ihre Tonica und Domi-\nnante darbringen, womit die harmonische und melodische\nDisposition des Ganzen, die sich mit seltener Bescheiden-\nheit innerhalb weniger Tonarten bewegt, passend vorbe-\ndeutet ist:"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "27", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560126-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2453, "texte": "Aus diesem einfachen, gleich in Engführung auftretenden\nThema des Ritornells entwickelt sich der Hauptsatz De\nprofundis, zuerst in 26 Tacten alle Grund-Ideen der Me-\nlodie zusammen fassend; aus den einzelnen Melismen ent-\nfalten sich die nächstfolgenden Sätze 32 Tacte lang bis\nzum vollen Schlüsse der Tonica. Der ganze erste Theil ist\nfolgender Maassen gegliedert:\n1. Einleitung (ritorn.) 22 Tacte, Dominantschluss Seite 2\n2. I. Hauptsatz 26 „ Dominante „ 6\n3. I. Nebensatz 32 „ Tonica * 10\n4. Ritorn. 3 „ (Tonica) * „10\n5. II. Hauptsatz 37 „ Mediante „14\n6. II. Nebensatz 19 „ Tonica »16\n7. III. Nebensatz 48 „ Dominante „22\n8. Ritorn. 4 „ (Tonica) „ 22\n9. I. H.-u. N.-Satz 58 „ Tonica „ 28\n10. Instrumentalschluss 1\nzusammen 250,\nwovon zwei Tacte abzurechnen sind wegen in einander ge-\nschobener Rhythmen des I. und II. Nebensatzes (S. 12,\n14), also die Gesammtzahl 248 Tacte, d. h. 240 mit 8\nTacten Füllungs-Rhythmen; eine klare, auf 3 und 4 oder\n8 und 12 gegründete Gliederung, die heuer selten gefun-\nden wird, aber keineswegs ein bloss äusserliches Rechen-\nExempel ist, wie aus den ähnlich getheilten achtstimmigen\nMotetten von S. Bach, aus dem Amen und Halleluja des\nMessias und an vielen anderen Orten bei unseren treff-\nlichen Alten zu erlernen ist, und worüber in wissenschaft-\nlicher Weise Marx' Compositions-Lehre reichliche Aus-\nkunft gibt.\nNeben dieser grossen rhythmischen Anlage ist zu be-\nwundern die Ruhe der Modulation, welche sich in dem ein-\nfachsten Umfange von Tonica, Dominante und Mediante\nmelodisch reich bewegt. Zwar enthält sich die Modulation\nnicht der schmerzlich modernen Minder-Septimen, wie sie\nauch den Reichthum moderner Instrumentation nicht ver-\nschmäht. Doch ist dieses alles auf sinn- und tongemässe\nWeise geschehen; selbst das Ungeheuerliche, in den Drei-\nklang der kleinen Secunde S. 6, 24) auszuwei-\nchen, ist zwar gewaltig wirkend, aber nicht verletzend,\nweil es wie ein Nothschrei sich im Zusammenklange aller\nStimmen vorübergehend erhebt in dieser Harmonie-Folge\n(S. 5, T. 11 — S. 6, T. 7):\nBei solcher Gliederung des Gerippes kommt ein kla-\nrer, wohl ordnender Verstand zu Tage; er kann die Melo-\ndie, die Tonschönheit weder machen noch ersetzen, aber\ner gibt ihr gesunden Grund und Spielraum zu schöner Aus-\nsprache. Wie steht es nun mit der Melodie, deren Schön-\nheit ja freilich unbeweisbar ist, aber doch anschaulich zu\nermessen steht und dem unbefangenen Blicke erkennbar ?\nWeisen wir sie einfach auf:"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "28", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560126-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4096, "texte": "Es ist ein gutes Verhältniss der beiden Hauptsätze,\ndass sie beide tonisch verwandt, melodisch unterschieden\nund jeder für sich charakteristisch sind; die Nebensätze sind\nminder glücklich gebaut, der erste ein wenig wimmerig,\ndessgleichen der dritte, durch chromatische Zerlösungen im\nThema. Der zweite Nebensatz ist edler gebildet und wohl\nnächst dem ersten Hauptsatze das bedeutendste zusammen-\nhangende Melisma des ersten Theiles; nur schadet dem\nEindrucke, dass dieser zweite Nebensatz nicht zuerst in\nder Singstimme allein hervortritt, sondern mit Fagott-\nTerzen überbaut, die hier desto schädlicher eindringen, weil\ndas erste Fagott in ziemlich heller Lage d c h singt, wo-\ngegen der Alt mit seinem h in tiefdunkler Lage\nauftritt. Das wäre denn freilich ein derbes Stück Neuzeit-\nlichkeit, indem die Menschen hier dem stummen Holze un-\ntergeordnet sind, und der Verfasser hätte seinen Tribut an\ndie Sterblichkeit gezahlt. Wie er sonst in einem nicht über-\nall kirchlichen Maasse sich der Minder-Septimen bedient,\nist vorhin erwähnt.\nMit einer solchen beginnt auch der zweite Ilaupltheii,\nS. 29 : Si iniquilates observaveris— und schwebt 1 1 Tacte\nzwischen den Minder-Septimen von A-moll und E-moll hin\nund her; höchst ausdrucksvoll aber geht gleich darauf der\nTenor zu milderen Tönen, durch den Dominant-Accord\nnach G-dur, der lieblich feuchten, in Thränen lächelnden\nTonart, die Händel in ähnlichem Sinne oft gebraucht, z. B.\nin der ersten Sopran-Arie des Maccabäus: „Fromme Thrä-\nnen, heisses Flehen4. Domine, quis sustinebit, S. 34,\nist bildlich und dringlich gesungen in leidentlichen, doch\nhoffnungs-ge wissen Tönen; aufs Höchste gesteigert erscheint\ndiese Stimmung S. 37 38, wo das anlänglich mehr reci-\ntirende Si iniquitatesetc. harmonisch geiüllt und leise fu-\ngirt wiederklingt. Die hierauf folgenden Sätze:\nie remissio est, speravit in te anima mea (S. 39 42), sind\nmatter, oft homophon, am Ende chromatisch und doch da-\nbei im Ganzen monoton gelührt; und dazu der fast stehend\ngewordene Schluss in den Dominant-Dreiklang\nzu allen diesen Sätzen! Da wird einem dann wohl zu Muthe,\naus der E- und H-Kegion urplötzlich herausgerissen zu\nwerden, S. 51, wo anima mea, durch Es nach Äs hin-\ndurch wandelnd, in Gzurückkehrt und dort eine Weile\nruht, sich verdüsternd zu G-mollvon wo aus gewaltiglich\nmodulirt wird, durch Es-Ges-F-As(S. 60) nach der Min-\nder-Septime auf E(S. 61), welche gleich dem „Barrabas\"\nin der Matthäus-Passion grässlich aufschreit. Hiernach aber\nkehrt der Gesang milder zurück zu dem Anfangs-Thema\n(des zweiten Haupttheils S. 29), um nochmals die Wen-\ndung von S. 37, 38 u. s. w. buchstäblich wieder-\nholt zu bringen. Unverändert ist nämlich S. 37, 5 bis 42,\n5 übertragen in 62, 2 67, 4; dann folgt ein kürzerer\nZwischensatz, der das erste Mal 21, das zweite Mal 19\nTacte enthält, mit umgelegten Stimmen bei gleicher Har-\nmonie; hierauf wieder wörtliche Uebertragung von 44, ö\nbis 46 fin. nach 69, 4 bis 71 fin. Den inneren Grund\ndieser Wiederholungen haben wir nicht ergründet; es ist\neine Abspannung nicht unwahrscheinlich, wenn zumal ähn-\nliche oder gleiche Modulationen in grossen Massen wieder-\nholt daher fahren.\nEin längerer Instrumental-Satz, S. 72, 73, bringt et-\nwas Abkühlung, doch nichts wesentlich Neues, um das\nme salvabis vorzubereiten. Diese Worte, mit Anfang und\nSchluss des Gesammt-Textes verknüpft: Et me salvabis\nAmen— Speravi in te Domine—bilden ein grosses Tonge-\nmälde, das besondere Aufmerksamkeit verdient. Zuerst das\nme salvabis wird in 29 Tacten (S. 74 76) mit folgendem\nmehr wehmüthigen als zuversichtlichen Thema dargestellt:\nNach der ersten eilftactigeri Durchführung (S. 14) ertönt\naus der Tiefe wiederum das düstere Fundamental-Thema:\n; •\ndas gewisser Maassen den Grundklang des gesammten Ton-\nsatzes bildet, ein dunkles, schleierhaftes Wesen, das dem\nProfundis an sich wohl entspricht, aber endlich — der\nliebe Verfasser nehme dieses Urtheil in Liebe auf! — durch\nseine Unermüdlichkeit gründlich ermüdend wirkt. Wie sehr\nman auch durch die innere Mannigfaltigkeit der Wendun-\ngen bald überrascht, bald bewegt wird, das Herz findet"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "29", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560126-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4169, "texte": "keine Ruhe, nicht den seligen Frieden des Gebetes, das im\nechten Kunstwerke Bitte und Erfüllung zugleich darstel-\nlen soll, wie dieses in wundersamer Sprache bezeugen:\nS. Bach's sechsstimmiger Orgelsalz „ Aus tiefer Noth\",\nEccard's fünfstimmiger Motett-Choral über dieselben\nWorte, Gabrieli's siebenstimmiges Ego dixi Domine\nmiserere nobis sana animam\nmodum speravimus in le —wo das\nravimus in hellen, siegesgewissen Klängen sich ausspricht\nund durch geraden Rhythmus und Dur-Klang die gewon-\nnene Ruhe des seligen Gewissens abbildet. Solche Sieges-\nfreude als endlicher Schluss alles irdischen Ringens mag\ndiesem streitbewegten, zweifelmüthigen Zeitalter unbekannt\ngeworden sein; der Dichter nur sollte es nie vergessen, dass\nsein Werk des Schöpfers Werke versuche abzubilden, deren\nGangallzeit ist: Durch Nacht zum Lichte! nicht umgekehrt.\nDiese Betrachtung, die den Eindruck des ganzen Wil-\nsing'schen Werkes begleitet, drängt sich nun besonders\nbei den Schluss-Scenen auf. Amen Speravi Salvabis\nAmen, auf den letzten dreissig Seiten in vier geschiedenen\nund verschlungenen Sätzen ausgelegt, beruhen auf folgen-\nden Haupt-Themen:\nderen Melismen, aus dem zweiten entwickelt, neue Neben-\nsätze bilden, bis endlich der Schluss die letzten dreissig\nTacte in leichten rhythmischen und harmonischen Fort-\nschritten zum vollstimmigen Amen gelangt, das jedoch im\nleidig kalten Unisono jenes Thema's Nr. 1 nochmals ver-\nweilt (S. 102, T. 5 8), und dann erst in breiter Fülle\nbei den Sängern fünfstimmig, in den Instrumenten voll-\nstimmig— zum Abschlüsse kommt, und zwar in der Ton-\nart des Anfanges: E-moll.\nEin Mo/7-Schluss würde den alten Tonsetzern, zumal\nin grösseren Werken, unerhört oder unmöglich gewesen\nsein. Von bedeutenden Werken classischer Meister ist wohl\nnur die Matthäus-Passion mit solchem Schlüsse; sei es,\ndass S. Bach den Eindruck der düsteren Passion überwie-\ngen liess oder, wie ein kritischer Zweifler sich einmal aus-\nsprach, dass die Lesart unecht, das Manuscript vernachläs-\nsigt sei. Der Dw-Schluss ist ursprünglich Naturgesetz. Wie\nviel man auch versuche, der Natur zu entrinnen, sie behält\nendlich doch den Sieg und wird ihn auch hier behalten,\nentweder durch Herstellung jenes alten Tongesetzes in die\nKunstübung oder durch die Wirkung auf das Gemüth der\nEmpfangenden, die sich bei constanten auf\ndie Dauer nicht beruhigen werden, sondern im Stillen for-\ndern, was der Grundgehalt alles Tonlebens ist: die selige\nVersöhntheit künstlerisch darzustellen.\nAlles Vorige zusammenfassend, wird uns ein einfach\nabschliessendes Urtheil über das ganze Werk doch schwie-\nrig, da die beiden Theile desselben so ungleich sind. Der\nerste scheint uns vollendet schön, ungeachtet vorübergehen-\nder Unebenheiten im Einzelnen; der zweite ist reich an\neinzelnen Schönheiten u. a. den lieblichen, fast Palestri-\nnischen zwei- und dreistimmigen Zwischensätzen, erscheint\naber durch seine Länge gefährlich; denn einen Satz von\netwa 700 Tacten ohne Ruhepunkt würde selbst Richard\nWagner in solcher Weise nicht wagen. Die längsten Chor-\nsätze bei Bach und Händel betragen schwerlich 300 Tacte,\ndessgleichen die meisten einzelnen Sinfonie-Sätze. Davon\nabgesehen, finden sich auch im zweiten Theile erhebliche\nPunkte, Glanzlichter, auch Verweilungen (eine der schönsten\nz. B. das siebenstimmige SperaviS. 55, das sechsstimmige\nS. 44 u. a.), die das Gemüth fesseln; wie die Gesammt-\nwirkung sei, mögen Andere am lebendigen Ohr ermessen.\nDie lobenswerthe Ausstattung würde nichts verlieren,\nwenn circa zehn Seiten durch d. C. oder d. S. und durch\nHalbirung der langen Ritornell-Folioseiten, wo die Pausen\nwie Mücken auf dem Weltmeere herum schweben, einge-\nschmolzen würden. Druckfehler sind nicht zahlreich, auch\nin so fern nicht gefährlich, als eine Stimme die andere aus-\nlegt und corrigirt; Gewissens halber zählen wir jedoch die\nbemerkten auf:\nS. 6 Viola,T. 3 zu lesen statt\n„ 12 Alt 1V.„6 „ „\n„ 18 Viola, „2 „ „ e eis, „ eis c.\n„27 Basso I. ,2 „ „ f, „fis.\n„ 42 Clarinett IL „8 „ „\nn Sopr. I. „5 n „ „\n„ Basso 111. „1 „ , d, „ c.\n„50 Viola „ 8 „ „ eis, „ c.\n„51 „ 5,6 „ „ „ dis u. disis.\n„ 70 Viola IL„1 „ „ „\n» 75 „1 T)\nnBl Sopf. /. „0 „ „\n„103 Basso I.„8 „ „ „\n\nK."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-01-26-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-01-26_01#c011", "volume": "bmtnabi_1856-01-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "30", "page_fin": "31", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560126-01.2.4", "titre_corps": "Aus Amsterdam.", "titre_sommaire": "Aus Amsterdam.", "signature_source": "S", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "30", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560126-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5047, "texte": "Aus Amsterdam.\n\n[Deutsche Oper Frau von Marra Karo 1. Lehmann\nF. Hiller Felix Meritis und die Juden\nAlfred Jaell.]\nMitte Januar 1856,\nUngleich dem Dachse, der während des Winters sich\nin seinen Bau zurückzieht und schläft, wird Ihr amsterda-\nmer Correspondent jeden Winter einmal wach, uin Ihnen\nund Ihren Lesern einige Mittheilungen über die hiesigen\nmusicalischen Celebritäten zu machen. Ueber viel Unbedeu-\ntendes und Stümperhaftes würde ich Ihnen zu berichten\nhaben, wollte ich von vorn anfangen und eine gewissenhafte\nChronik schreiben; sehr ungalant würde ich namentlich sein\nmüssen, wollte ich die Leistungen mancher Damen schil-\ndern, die in den Concerten unseres berühmten Felix Me-\nritis sich und die Zuhörer mit langen, breiten und schwe-\nren Arien gequält haben. Erlassen Sie mir den undankba-\nren Theil jedes Berichtes, das Tadeln; mögen diejenigen,\ndie nicht in meinem heutigen Briefe genannt werden, sich\nihres unschuldigen Incognito's freuen und sich bedanken,\ndass ich es nicht verrathe.\nFrau von Marra verdient vor Allem rühmlich ausge-\nzeichnet zu werden. Eben so wie voriges Jahr haben wir\nihr auch diesen Winter hauptsächlich wieder das Zustande-\nkommen einer ganz leidlichen deutschen Oper zu verdan-\nken. Trotzdem, dass das Papier vom Taufscheine der Frau\nvon Marra, den ich aber nicht gesehen habe, im Laufe der\nZeit etwas gelb geworden sein soll, singt und trillert sie\nnoch immer in meisterhafter Weise, ist nie krank eine\nprächtige Eigenschaft bei einer Sängerin und hat die Göt-\nter des Paradieses zu ihren Sclaven gemacht. Wenn sie\nals Zigaretta in Herrn von Flotow's classischer Oper „In-\ndra\" Cigarren raucht und ihrem gutmüthigen Eheherrn\ntrillernd einen Rippenstoss nach dem anderen versetzt, dann\nwill der Jubel im Paradiese gar kein Ende nehmen. Wenn\nFrau von Marra, die wirklich eine geniale Künstlerin ist,\ndaran denken wollte, dass in Logen und Parterre auch\nLeute sitzen, dann würde ihr Spiel schwerlich etwas da-\ndurch verlieren, das ganze Publicum aber wesentlich dabei\ngewinnen.\nAusser oben genannter Indra, die hier volle Häuser\nmacht und daher oft gegeben wird, haben wir den Don\nJuan, Hugenotten, Romeo und Julie und noch einige Opern\nvon geringerem Werthe in recht anständiger Weise über\ndie Bretter gehen sehen, und hat namentlich das Verdienst\neiner aus den Vereinigten Staaten zurückgekehrten, in Eu-\nropa bisher noch wenig genannten Sängerin sehr wesent-\nlich zur guten Ausführung beigetragen. Diese Sängerin\nheisst Karoline Lehmann und ist, so viel ich weiss,\neine Dänin. Ich mache Ihre Leser mit einem Namen be-\nkannt, der wahrscheinlich in einigen Jahren in Deutschland\neinen guten Klang haben wird. Fräulein Lehmann ist noch\njung, hat eine überaus helle, runde und zugleich edle Stimme\nvon grossem Umfange Romeo und Donna Anna liegen\nbeide ohne Anstrengung in ihrer Stimme —, und wenn sie\nerst noch etwas Routine erlangt und mehr Wärme in ihren\nGesang legt, dann glaube ich, ihr eine schöne Zukunft pro-\nphezeien zu können. Ihre Donna Anna war eine vollendete\nLeistung im wahren Sinne des Wortes. Unser guter, stei-\nfer Tenorist Chrudimsky hält sich auch diesen Winter\nwieder recht wacker; Roberti hat einzelne gute Momente,\nist namentlich ein guter St. Bris und ein zweifelhafter Don\nJuan; das übrige Personal kann ruhig unerwähnt bleiben.\nWenn ich zu den Concerten übergehe, so bildet die\nAufführung der „Zerstörung Jerusalems\" durch die\n„Maatschappy zur Beförderung der Tonkunst\" den Glanz-\npunkt des Winters. Der geniale Componist dirigirte selbst\nsein schönes Werk und war während seiner kurzen Anwe-\nsenheit dahier der Löwe des Tages. Ferdinand Hiller\nhat vor vielen anderen grossen Meistern Eines voraus; mit\ndem Dirigentenstocke in der Hand verkörpert er den Geist\nder Musik, im geselligen Verkehr aber und beim heiteren\nMahle ist er voll Witz und liebenswürdiger Laune, und man\nsieht in ihm nur den feinen Weltmann. Die Bewunderer\nvon Hiller's Musik finden sich daher durch das persönliche\nBekanntwerden mit dem Meister auf das angenehmste über-\nrascht. Wenn Amsterdam Herrn Hiller eben so gut gefal-\nlen hat, wie er den Amsterdamern, dann ist es mehr als\nwahrscheinlich, dass aus dieser Bekanntschaft später eine\nLiebschaft sich entwickelt, versteht sich, eine musicalische.\nNur in Einer Hinsicht vermuthe ich, dass Hiller sich\nhier getäuscht fühlte. Als er in Felix Meritis seine reizende,\nfrische und ausgelassene Sinfonie „Im Freien\" dirigirte,\nals ihm das Orchester einen Tusch blies und alle Hände\nin Bewegung waren, da mochte sein Auge vergebens unter\nden Zuhörern die wohlbekannte Gestalt seines gastfreund-\nlichen Wirlhes suchen. Hiller logirte hier bei einem Manne,\nder von allen Künstlern als ihr Mäcen betrachtet und ge-\nehrt wird, einem Manne, der fein gebildet, reich und ange-\nsehen ist, dem aber der Zutritt zu der Gesellschaft Felix\nMeritis untersagt ist, weil er ein Jude ist! Alle auswärti-\ngen Künstler, die während der letzten zwölf Jahre Amster-\ndam besucht haben, kennen diesen Mann, aber unser erstes\nKunst-Institut kennt ihn nicht, darf ihn nicht kennen, weil"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "31", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560126-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1963, "texte": "er ein Jude ist! Es darf ein Jude in Felix Meritis nicht ein-\nmal zur Ballotage vorgeschlagen werden. Ihre Leser wer-\nden Mühe haben, an einen so barocken Zustand zu glauben.\nDass sich unter den Juden mancher unangenehme und zu-\ndringliche Gast befindet, mag wahr sein; aber ich habe\nnoch nie gehört, dass die Juden ausschliesslich ein Patent\niür diese Eigenschaften besitzen. Es ist daher etwas Ab-\nnormes und Widersinniges, x4lle über Einen Kamm zu\nscheeren. Da hier Alles ruhig und bedächtig behandelt wird,\nselbst die Oberhausen-Arnheimer Bahn seit zwölf Jahren\njetzt vielleicht ihrer Vollendung entgegen zu gehen scheint,\nso darf man auch an einer gelegentlichen Abhülfe des ge-\nnannten Uebelstandes noch nicht ganz verzweifeln.\nAuch Alfred Jaell besuchte uns vor Kurzem und\nverschaffte uns Gelegenheit, seine wirklich grossartigen Fort-\nschritte zu bewundern, die er seit zehn Jahren gemacht,\nwo er zuerst als Wunderkind mit seinen damals schon\nrecht anerkennenswerthen Leistungen öffentlich hier auf-\ntrat. Jaell ist inzwischen ein recht tüchtiger Ciavierspieler\ngeworden und gab uns unter Anderem in Felix Meritis ein\nConcert von Liszt (Manuscript) zum Besten, das vor-\ntrefflich ausgeführt wurde, trotzdem dass unser Meister\nvan Bree in Ermangelung einer Partitur über Jaell's Kopfe\nweg dirigiren musste, wodurch besagter Kopf mehrere Male\nstark vom Tactstocke gefährdet war.\nDas eigentliche Virtuosenthum ist diesen Winter nur\nschwach hier vertreten gewesen. Während voriges Jahr\njeden Augenblick Listen für Concerte circulirten, so dass\nman zuletzt nach Frühling und Befreiung seufzte, lässt sich\ndagegen diese Saison sehr leidlich an. Die Liebhaberei für\ndie vielen Concerte ist auch seit ein paar Jahren hier ent-\nschieden im Abnehmen. Wir haben ausser der deutschen\nOper noch ein recht gutes deutsches Lustspiel, so wie\nfranzösisches Vaudeville, die den Concerten grossen Ab-\nbruch thun. Nur eine Jenny Lind kann hier noch reiche\nAusbeute holen.\n\nS."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-01-26-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-01-26_01#c012", "volume": "bmtnabi_1856-01-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "31", "page_fin": "32", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560126-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "31", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560126-01.1.7", "debut_caractere": 1965, "fin_caractere_exclue": 5530, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMöln. Das zweite Concert des Männergesang-Ver-\neins (den 20. Januar) hatte wieder ein zahlreiches Publicum an-\ngezogen. Neu waren zwei Lieder von H. Marschner: „Ich liebe,\nwas fein ist\" von J. v. Radenberg (eine feine Composition, jedoch\nwohl mehr im Quartett wirksam als im Chor), und „Sei unverzagt\"\n(musicalisch recht schön, die Auffassung des Schlusses sagt uns\naber nicht recht zu). Ferner „Der Fischerknabe\" von D. Hamm\nin Trier (hübsche Melodie für Bariton mit Brummstimmen, vor-\ntrefflich gesungen von Herrn M. DuMont-Fier) eine „Jagdscene\"\nvon K. A. Ritter in Bremen (mit Echo, sogar mit doppeltem!\nbleibt hinter seinem Vorbilde, Zöllner's Doppelständchen, weit zu-\nrück) zwei Volkslieder: 1) „Mei Mutter mag mi net\" von R.\nSeifert (sehr schön), 2) „Mei Maidl hat a Gesichtie\" von F. Sil-\ncher (ebenfalls schön). Der Vortrag war so vorzüglich wie immer.\nZwischen den Gesängen spielte Herr Louis Brassin, ein\nRheinländer aus Aachen, in Leipzig gebildet, Thalberg's Don-\nJuan-Phantasie für Pianoforte, eine Composition von sich (Poeme\nd'ctmoiir), die Serenade ilalienne von A. Jaell und das grosse\nScherzo von F. Chopin. Der junge Künstler erwarb durch sein\nreinliches und sehr fertiges Spiel, schöne Egalität des Anschlags\nin beiden Händen, perlende Geläufigkeit der Passagen verdienten\nBeifall.\nIn der dritten Soiree für Kammermusik, Dinstag, den\n22 d. Mts., spielte Herr Ed. Frank das grosse Quintett von R.\nSchumann, Op. 44, für Pianoforte u. s. w. mit ausgezeichneter\nBravour; die beiden mittleren Sätze sprachen das Publicum am\nmeisten an. Ausserdem hörten wir von Violin-Quartetten Mozart,\n]\\r. 7, D-dur, und Beethoven, Nr. 11, F-moll. Dem Vortrage\ndes letzteren hätten wir im Allgemeinen mehr Grossartigkeit und\nKraft gewünscht.\nDer Herr Graf Stainlein, ein ausgezeichneter Dilettant, des-\nsen Compositionen (z. B. Trio für Pianoforte, Viol. und Cello, So-\nnate für Pianoforte und Violoncell u. s. w., gedruckt bei Schott in\nMainz) sowohl durch die Erfindung als durch die Ausarbeitung\nfesseln und jedem Künstler von Fach Ehre machen würden, hält\nsich mit seiner Familie seit einigen Wochen hier auf.\nDessau. Am 1. April beginnt ein neuer Cursus der Musik-\nschul e von Theodor Schneider, Cantor und Chor-Director\nan der Schloss- und Stadtkirche. Der nach den Lehrsätzen Fried-\nrich Schneiders ertheilte theoretische Unterricht umfasst in einem\ndreijährigen Cursus Harmonielehre, Modulation, Rhythmus, Stim-\nmenführung, Contrapunkt, Melodiebildung, Formen- und Compo-\nsitions-Lehre, Nachahmung, doppelten Contrapunkt, Fugenbau, Par-\ntitur-Studium, Directions-Kenntniss. Ausser festgestellten prakti-\nschen Uebungen im Instrumental-Zusammenspiel und im Gesänge,\nso wie der Gelegenheit zur Mitwirkung in der herzoglichen Hof-\nCapelle, bieten sich dem Musiker vielfache Mittel zur Ausbildung,\nDas Honorar beträgt jährlich 48 Thlr. in vierteljährlichen Voraus-\nbezahlungen.\nBerlioz wird am 8. Februar in Weimar erwartet. Er wird,\nwie in früheren Jahren, das Concert des Orchester-Pensionsfonds\ndirigiren und diesmal seinen ganzen „Faust\" in vier Theilen zur\nAufführung bringen. Die Aufführung einer neuen Bearbeitung sei-\nnes „Benvenuto Cellini\" wird als Fest-Vorstellung am 16. Februar\nStatt finden.\nIn einer schönen, handlichen Ausgabe hat die S c h 1 e s i n g er' -sehe\nVerlagshandlung in Berlin 80 der schönsten Nationallieder al-\nler Völker für eine Singstimme mit Begleitung des Pianoforte\naus dem unendlich reichen Vorrathe der Volkslieder ausgewählt.\nAus der Heimat (Deutschland) sind 20 aufgenommen, beginnend mit"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "32", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560126-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2177, "texte": "„Was ist des Deutschen Vaterland\" und „Heil Dir im Siegerkranz\",\nschliessend mit dem „Preussischen Matrosenliede\" von Hauplner\nund Gödsche, welches in dem Festspiele am 15. October v. J. so\njubelnde Aufnahme gefunden hat. Grossbrilannien ist durch 4 Lie-\nder vertreten, beginnend mit „Rule Britannia\" und „God save the\nQueen'6, wobei zu bemerken ist, dass eine dem Inhalte und dem\nmusicalischen Ausdrucke nach vortreffliche deutsche Uebersetzung\nvon J. C. Grünbaum den sämmtlichen ausländischen Gesängen un-\ntergelegt ist. Frankreich zählt 8 Nationallieder (Vive Henri IVLa\nMarseillaise, Parlant pnur la Syr*ie, etc.), Holland die beiden „Wil-\nhelmus von Nassouwe\" und „Wien Neerlandsch Bloed\", Belgien seine\nBrabanqonne, Dänemark das von Meyerbeer in seiner Musik zu\nStruensee so glücklich benutzte vKong Christian slod an hoien Mast\"\nlind das feurige y,Danevang\", Schweden und Norwegen 3, Bussland,\ndas aus so vielen Volksstämmen zusammengesetzt, ist durch 25\nLieder vertreten, an deren Spitze das die Bussen vereinigende Kai-\nserlied von Alexis Lvoff, „Gott erhalte den Czaaren\", mit russi-\nschem, polnischem, deutschem Texte. Polen liefert 2, Ungarn 8,\nBöhmen 8, an deren Spitze das Hussitenlied „Pjsen Hussüka\", Ita-\nlien 12, das liederreiche Spanien und Portugal 18, Griechenland\nnur seinen Freiheits-Gesang, aus dem Griechischen von Franz Kug-\nler vortrefflich übersetzt, Nordamerica sein „ Yankee doodle\" und\nSüdamerica seine „Modinha\".\nMan schreibt uns aus Utrecht als Ergänzung zu dem Be-\nrichte in Nr. 50 vom 16. December v. J. über den „Verein zur\nBeförderung der Tonkunst\", dass in dieser Stadt ausser dem in\njenem Artikel genannten Musik-Institute noch ein anderes unter\ndem Namen Collegium Musicum Ultrajectinum bereits seit 225 Jah-\nren bestehe, gegenwärtig 100 Mitglieder zähle, in seinen Concerten\nSinfonieen und Ouvertüren der besten alten und neuen Meister\nunter Leitung des Herrn J. H. Kufferath aufführe und die be-\ndeutendsten Solisten, welche Holjand besuchen, dem Publicum vor-\nführe. Ferner sei der Sing-Verein zu erwähnen, der, etwa 80\nMitglieder stark, ebenfalls unter Leitung des genannten Herrn Mu-\nsik-Directors, hauptsächlich Oratorien aufführt."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "25", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560126-01.1.1", "texte": "Inhalt.\n0. Jahn's W. A. Mozart. I. Von L. B. F. Ed. Wilsing: Ps. 129, für vier Chöre und Orchester. Von K.\n<- Aus Amsterdam (Oper, F. Hiller u. s. w.). Von S. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, 11. Concert des Männergesang-\nVereins, 111. Soiree für Kammermusik Dessau, Musikschule Berlioz in Weimar Schlesingers Nationallieder Utrecht).\n\nW. A. Mozart.\nVon Otto Jahn.\nI.\nDie werthvollste Festgabe zur hundertjährigen Feier\nvon Mozart's Geburtstage hat Prof. 0. Jahn der musicali-\nschen Welt durch das Werk dargebracht, welches obigen\nTitel führt. Wir sind der Verlagshandlung (Breitkopf &\nHärtel in Leipzig) Dank schuldig, dass sie wenigstens den\nersten Theil gerade jetzt erscheinen liess, wo die allge-\nmeine Theilnahme, ja, eine gewisse Aufregung durch ganz\nDeutschland in Bezug auf die Säcularfeier Mozart's den\nFreunden der Tonkunst die freudige Gewissheit gibt, dass\nder Sinn für die wahre Musik noch überall lebendig ist, die\nsichere Bürgschaft, dass den gesunden Geschmack des deut-\nschen Volkes der Aufguss auf narkotisches Notenkraut und\nder Brand überpfefferter Ton-Gerichte stets anwidern wird,\neine Kundgebung gegen die Poesie-Musiker und Pro-\ngrammatisten, wie sie kaum schlagender gedacht werden\nkann. So wird denn auch Jahn's Werk, das gerade jetzt\nvielleicht mehr gelesen werden dürfte als zu jeder anderen\nZeit, einen ausgebreiteten und nachhaltigen Einfluss üben\nauf die Klärung des Dunstkreises, welcher den Blick in das\nreine Wesen der Tonkunst immer mehr zu trüben droht,\nund auf die Feststellung der Begriffe über das Musicalisch-\nSchöne. Die geschickte, wahrheitsgetreue Ausführung eines\nplastischen Lebensbildes des grössten Musikers aller Völker\nund Zeiten wird den nechhaltigen Eindruck nicht verfehlen,\nden es stets auf das gegenwärtige Geschlecht macht, wenn\nein geistiger Heros der Vorwelt, in seiner ganzen überwäl-\ntigenden Erscheinung heraufbeschworen, einmal wieder un-\nter die Menschen von heute tritt.\nN\nJahn hat den Leser durch die Zuschrift an seinen\nFreund, Prof. Gust. Hartenstein, über die Entstehung sei-\nnes Werkes, über die Grundsätze, die er bei seinen Nach-\nforschungen und während der Bearbeitung des umfassen-\nden Stoffes unwandelbar festhielt, über das Ziel seines Be-\nstrebens ausführlich (XXXIV Seiten) aufgeklärt.\nDieses Ziel war, „die ganze Individualität Mozart's dem\nLeser klar und lebendig vor die Seele zu stellen\".\nDer Geist, in welchem er die künstlerische Indi-\nvidualität Mozart's durchforscht und aufgefasst hat, geht aus\nfolgenden Worten hervor: „Wer, herangereift zu der Fä-\nhigkeil, die Kunst als solche aufzufassen und zu empfinden,\nsich Mozart hingibt, muss dauernd von ihm gefesselt wer-\nden, aber mit der Freiheit, alles, was sonst schön und gross\nist, mit Wärme und Liebe zu umfassen; denn auch von\nMozart gilt, was Aristophanes so schön von Sophokles sagt,\ndass er wie im Leben so nach dem Tode liebenswürdig\ngern gewähren lasse.\"\nNun freilich! Zu dieser Freiheit gelangen wir —so ist\nwenigstens auch unsere Erfahrung gerade durch die\nLiebe zu Mozart und durch das Studium seiner Werke am\nsichersten, und es ist uns fast eben so unbegreiflich, wie\nes Bewunderern Mozart's, z. B. Ulibitschef, möglich gewor-\nden ist, die Augen vor dem Genie Beethoven'« zu ver-\nschliessen, als es uns auf der anderen Seite unerklärlich\nist, wie ausschliessliche Verehrer Beethoven's die reine\nKunstschönheit Mozart's jemals verkennen konnten. Wir\nsprechen von Kunstverständigen und von wirklich begabten\nKünstlern; von jenen, denen dieGährung lieber ist als der\nWein, das Ringen nach dem Schönen, wenn auch noch so\nvergeblich, lieber als das Schöne selbst, kann natürlich un-\nter Vernünftigen gar nicht die Rede sein.\nDie Behandlung des Historischen charakterisirt\nJahn dagegen auf folgende Weise:\n„Ihr letztes Ziel ist die Wahrheit, und nur diese zu\nfinden und darzustellen habe ich mich bemüht. Keine Rück-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "26", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560126-01.1.2", "texte": "sieht auf Andere hat mich bewogen, zu verschweigen, was\niür das Versländniss Mozart's als Mensch und Künstler\nnothwendig oder wichtig war; eben so wenig habe ich je\nverschwiegen oder zu verdecken gesucht, was zu seinem\nNachtheil sprechen konnte. Das Urtheil über ihn als voll-\nendeten Künstler steht fest und konnte vielleicht nur in\nEinzelheiten schärfer bestimmt und begründet werden; das\nUrtheil über den sich bildenden Künstler und über den\nMenschen kann erst durch das, was hier vorgelegt wird,\nsicher gefasst werden. Allerdings ist es eine Freude für\nmich, dass in jeder Beziehung die Bewunderung wie die\nAchtung und Liebe zu Mozart gesteigert, ja, zum Theil\nerst fest begründet wird. Aber um nichts in der Welt\nmöchte ich, dass man meine Darstellung Mozart's lür eine\napologetische ansähe. Nach meiner Ueberzeugung thut man\ngrossen Männern Unrecht, wenn man ihre Schwächen be-\nO\nschönigen oder wegläugnen will; man hat Alles ge-\nthan, wenn man sie zu verstehen sucht, so wie\nsie waren.\"\nSo weit der vorliegende erste Theil des Werkes es be-\nweist, ist der Verfasser diesem einzig richtigen Grundsatze\neines Biographen gewissenhaft treu geblieben. Die neue\nLebensbeschreibung Mozart's trägt die Urkundlichkeit als\ncharakteristisches Zeichen überall sichtbarlich an der Stirn.\nSie ist die Frucht eines diplomatischen Fleisses, wie er im\nbesten Sinne nur bei deutschen Philologen existirt. Wie\nschwierig es ist, bei einer solchen vorherrschend prüfenden\nund sichtenden Thätigkeit den Sinn lür die Form der Dar-\nstellung der Ergebnisse jener Thätigkeit sich zu bewahren\nund das Ganze nicht als eine kritische Untersuchung, son-\ndern als ein lebendiges Bild hinzustellen, kann nur derje-\nnige ermessen, der ähnliche Arbeiten versucht hat. Da nun\nder Verfasser auch die Scheu der meisten Leser „vor An-\nmerkungen, Excursen, Citaten u. s. w. als der grausamen\nRüstung der Pedanterie\" kennt, so „hat er sich bestrebt,\nso zu schreiben, dass der Text ein in sich abgeschlossenes\nGanzes bildet, der zu seinem Verständnisse der Anmerkun-\ngen nicht bedarf, und wen nach ihrer Gelehrsamkeit nicht\nO\nverlangt, der kann sie getrost bei Seite liegen lassen.\" (S.\nXXX.) Das ist nun doch nicht ganz so, wie es diese Worte\nder Vorrede erwarten lassen; denn die Anmerkungen ent-\nhalten nicht bloss gelehrte Nachweisungen, sondern oft\nauch anziehende und charakteristische Zusätze, namentlich\nin den Auszügen aus Briefen.\nDoch wir wollen uns zunächst zu den Quellen und\nHülfsmitteln wenden, welche dem Verfasser zur Benutzung\nzu Gebote standen.\n\nBeurtheilung.\n\nFriedrich Eduard Wilsing: De profundis, Ps.\n129 [Luther: 130].\nphoniatn sedeeim per\ncentu modulalus Friderico Guilielmo IV Regi Bo-\nrussorum Principi Potentissimo d. d. d. Berolini,\nsumtibus A. M. Schlesingeri. 103 S. Fol. Preis —.\nEin Trost in trüber Zeit, dass solche Werke noch\nmöglich sind, voll aufrichtigen Strebens und tüchtiger\nLeistung, wie das vorliegende grossartige Kirchenstück von\nWilsing, das sich freilich schon in dem guten Latein der\nUeberschrift ankündet als Boten der Vergangenheit; ob es\nihm nun desshalb gegeben ist, in Gegenwart und Zukunft\nzu wirken, wird die Erfahrung lehren. Wir, denen es ver-\nsagt ist, so Gewaltiges in ganzer grosser Leiblichkeit zu\nvernehmen, wie es etwa ein alter Dom darbieten möchte,\nwir müssen uns begnügen mit dem Schattenrisse der le-\nbendigen Gedanken, der gewaltigen, doch klar geordneten\nPartitur von 16 Menschenstimmen und 28 Instrumenten,\ndie zusammen auf 39 Notenzeilen dargestellt sind, dass\neinem Grünling blau vor den Augen wird- Die Klarheit\ndes Stiches und die Sorgfalt der Ausstattung erleichtert\ndie Auffassung.\nDas Ganze ist nach den Psalm-Versen in zwei Ilaupl-\ntheile gegliedert; den ersten bilden die zwei ersten Verse,\nder zweite von Seite 29 bis zu Ende umfasst die übrigen,\nist aber in sich selbst ebenfalls mehrfach gegliedert in\nRhythmen und Worten. Der erste Theil: „De profundis\nclamavi ad te, Domine exaudi me, fiant aures tuae atten-\ndentes in vocem deprecationis meae\", theilt sich nach den\nCommaten des grammatischen Satzes in fünf frei fugirte\nSätze, welche in einem volltönigen homophonen Dominant-\nSchlusse bei dem Schlussworte ausruhen, worauf\ndann die 58 Tacte des ersten Satzes (S. 4 —10) buch-\nstäblich wiederholt werden (S. 22 28), was allerdings\nmit einem dal § sich hätte haushälterischer schreiben lassen.\nDas Ritornell (22 Tacte) beginnt mit einem Solo der\nPauken, deren zwei Paare jedes ihre Tonica und Domi-\nnante darbringen, womit die harmonische und melodische\nDisposition des Ganzen, die sich mit seltener Bescheiden-\nheit innerhalb weniger Tonarten bewegt, passend vorbe-\ndeutet ist:"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "27", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560126-01.1.3", "texte": "Aus diesem einfachen, gleich in Engführung auftretenden\nThema des Ritornells entwickelt sich der Hauptsatz De\nprofundis, zuerst in 26 Tacten alle Grund-Ideen der Me-\nlodie zusammen fassend; aus den einzelnen Melismen ent-\nfalten sich die nächstfolgenden Sätze 32 Tacte lang bis\nzum vollen Schlüsse der Tonica. Der ganze erste Theil ist\nfolgender Maassen gegliedert:\n1. Einleitung (ritorn.) 22 Tacte, Dominantschluss Seite 2\n2. I. Hauptsatz 26 „ Dominante „ 6\n3. I. Nebensatz 32 „ Tonica * 10\n4. Ritorn. 3 „ (Tonica) * „10\n5. II. Hauptsatz 37 „ Mediante „14\n6. II. Nebensatz 19 „ Tonica »16\n7. III. Nebensatz 48 „ Dominante „22\n8. Ritorn. 4 „ (Tonica) „ 22\n9. I. H.-u. N.-Satz 58 „ Tonica „ 28\n10. Instrumentalschluss 1\nzusammen 250,\nwovon zwei Tacte abzurechnen sind wegen in einander ge-\nschobener Rhythmen des I. und II. Nebensatzes (S. 12,\n14), also die Gesammtzahl 248 Tacte, d. h. 240 mit 8\nTacten Füllungs-Rhythmen; eine klare, auf 3 und 4 oder\n8 und 12 gegründete Gliederung, die heuer selten gefun-\nden wird, aber keineswegs ein bloss äusserliches Rechen-\nExempel ist, wie aus den ähnlich getheilten achtstimmigen\nMotetten von S. Bach, aus dem Amen und Halleluja des\nMessias und an vielen anderen Orten bei unseren treff-\nlichen Alten zu erlernen ist, und worüber in wissenschaft-\nlicher Weise Marx' Compositions-Lehre reichliche Aus-\nkunft gibt.\nNeben dieser grossen rhythmischen Anlage ist zu be-\nwundern die Ruhe der Modulation, welche sich in dem ein-\nfachsten Umfange von Tonica, Dominante und Mediante\nmelodisch reich bewegt. Zwar enthält sich die Modulation\nnicht der schmerzlich modernen Minder-Septimen, wie sie\nauch den Reichthum moderner Instrumentation nicht ver-\nschmäht. Doch ist dieses alles auf sinn- und tongemässe\nWeise geschehen; selbst das Ungeheuerliche, in den Drei-\nklang der kleinen Secunde S. 6, 24) auszuwei-\nchen, ist zwar gewaltig wirkend, aber nicht verletzend,\nweil es wie ein Nothschrei sich im Zusammenklange aller\nStimmen vorübergehend erhebt in dieser Harmonie-Folge\n(S. 5, T. 11 — S. 6, T. 7):\nBei solcher Gliederung des Gerippes kommt ein kla-\nrer, wohl ordnender Verstand zu Tage; er kann die Melo-\ndie, die Tonschönheit weder machen noch ersetzen, aber\ner gibt ihr gesunden Grund und Spielraum zu schöner Aus-\nsprache. Wie steht es nun mit der Melodie, deren Schön-\nheit ja freilich unbeweisbar ist, aber doch anschaulich zu\nermessen steht und dem unbefangenen Blicke erkennbar ?\nWeisen wir sie einfach auf:"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "28", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560126-01.1.4", "texte": "Es ist ein gutes Verhältniss der beiden Hauptsätze,\ndass sie beide tonisch verwandt, melodisch unterschieden\nund jeder für sich charakteristisch sind; die Nebensätze sind\nminder glücklich gebaut, der erste ein wenig wimmerig,\ndessgleichen der dritte, durch chromatische Zerlösungen im\nThema. Der zweite Nebensatz ist edler gebildet und wohl\nnächst dem ersten Hauptsatze das bedeutendste zusammen-\nhangende Melisma des ersten Theiles; nur schadet dem\nEindrucke, dass dieser zweite Nebensatz nicht zuerst in\nder Singstimme allein hervortritt, sondern mit Fagott-\nTerzen überbaut, die hier desto schädlicher eindringen, weil\ndas erste Fagott in ziemlich heller Lage d c h singt, wo-\ngegen der Alt mit seinem h in tiefdunkler Lage\nauftritt. Das wäre denn freilich ein derbes Stück Neuzeit-\nlichkeit, indem die Menschen hier dem stummen Holze un-\ntergeordnet sind, und der Verfasser hätte seinen Tribut an\ndie Sterblichkeit gezahlt. Wie er sonst in einem nicht über-\nall kirchlichen Maasse sich der Minder-Septimen bedient,\nist vorhin erwähnt.\nMit einer solchen beginnt auch der zweite Ilaupltheii,\nS. 29 : Si iniquilates observaveris— und schwebt 1 1 Tacte\nzwischen den Minder-Septimen von A-moll und E-moll hin\nund her; höchst ausdrucksvoll aber geht gleich darauf der\nTenor zu milderen Tönen, durch den Dominant-Accord\nnach G-dur, der lieblich feuchten, in Thränen lächelnden\nTonart, die Händel in ähnlichem Sinne oft gebraucht, z. B.\nin der ersten Sopran-Arie des Maccabäus: „Fromme Thrä-\nnen, heisses Flehen4. Domine, quis sustinebit, S. 34,\nist bildlich und dringlich gesungen in leidentlichen, doch\nhoffnungs-ge wissen Tönen; aufs Höchste gesteigert erscheint\ndiese Stimmung S. 37 38, wo das anlänglich mehr reci-\ntirende Si iniquitatesetc. harmonisch geiüllt und leise fu-\ngirt wiederklingt. Die hierauf folgenden Sätze:\nie remissio est, speravit in te anima mea (S. 39 42), sind\nmatter, oft homophon, am Ende chromatisch und doch da-\nbei im Ganzen monoton gelührt; und dazu der fast stehend\ngewordene Schluss in den Dominant-Dreiklang\nzu allen diesen Sätzen! Da wird einem dann wohl zu Muthe,\naus der E- und H-Kegion urplötzlich herausgerissen zu\nwerden, S. 51, wo anima mea, durch Es nach Äs hin-\ndurch wandelnd, in Gzurückkehrt und dort eine Weile\nruht, sich verdüsternd zu G-mollvon wo aus gewaltiglich\nmodulirt wird, durch Es-Ges-F-As(S. 60) nach der Min-\nder-Septime auf E(S. 61), welche gleich dem „Barrabas\"\nin der Matthäus-Passion grässlich aufschreit. Hiernach aber\nkehrt der Gesang milder zurück zu dem Anfangs-Thema\n(des zweiten Haupttheils S. 29), um nochmals die Wen-\ndung von S. 37, 38 u. s. w. buchstäblich wieder-\nholt zu bringen. Unverändert ist nämlich S. 37, 5 bis 42,\n5 übertragen in 62, 2 67, 4; dann folgt ein kürzerer\nZwischensatz, der das erste Mal 21, das zweite Mal 19\nTacte enthält, mit umgelegten Stimmen bei gleicher Har-\nmonie; hierauf wieder wörtliche Uebertragung von 44, ö\nbis 46 fin. nach 69, 4 bis 71 fin. Den inneren Grund\ndieser Wiederholungen haben wir nicht ergründet; es ist\neine Abspannung nicht unwahrscheinlich, wenn zumal ähn-\nliche oder gleiche Modulationen in grossen Massen wieder-\nholt daher fahren.\nEin längerer Instrumental-Satz, S. 72, 73, bringt et-\nwas Abkühlung, doch nichts wesentlich Neues, um das\nme salvabis vorzubereiten. Diese Worte, mit Anfang und\nSchluss des Gesammt-Textes verknüpft: Et me salvabis\nAmen— Speravi in te Domine—bilden ein grosses Tonge-\nmälde, das besondere Aufmerksamkeit verdient. Zuerst das\nme salvabis wird in 29 Tacten (S. 74 76) mit folgendem\nmehr wehmüthigen als zuversichtlichen Thema dargestellt:\nNach der ersten eilftactigeri Durchführung (S. 14) ertönt\naus der Tiefe wiederum das düstere Fundamental-Thema:\n; •\ndas gewisser Maassen den Grundklang des gesammten Ton-\nsatzes bildet, ein dunkles, schleierhaftes Wesen, das dem\nProfundis an sich wohl entspricht, aber endlich — der\nliebe Verfasser nehme dieses Urtheil in Liebe auf! — durch\nseine Unermüdlichkeit gründlich ermüdend wirkt. Wie sehr\nman auch durch die innere Mannigfaltigkeit der Wendun-\ngen bald überrascht, bald bewegt wird, das Herz findet"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "29", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560126-01.1.5", "texte": "keine Ruhe, nicht den seligen Frieden des Gebetes, das im\nechten Kunstwerke Bitte und Erfüllung zugleich darstel-\nlen soll, wie dieses in wundersamer Sprache bezeugen:\nS. Bach's sechsstimmiger Orgelsalz „ Aus tiefer Noth\",\nEccard's fünfstimmiger Motett-Choral über dieselben\nWorte, Gabrieli's siebenstimmiges Ego dixi Domine\nmiserere nobis sana animam\nmodum speravimus in le —wo das\nravimus in hellen, siegesgewissen Klängen sich ausspricht\nund durch geraden Rhythmus und Dur-Klang die gewon-\nnene Ruhe des seligen Gewissens abbildet. Solche Sieges-\nfreude als endlicher Schluss alles irdischen Ringens mag\ndiesem streitbewegten, zweifelmüthigen Zeitalter unbekannt\ngeworden sein; der Dichter nur sollte es nie vergessen, dass\nsein Werk des Schöpfers Werke versuche abzubilden, deren\nGangallzeit ist: Durch Nacht zum Lichte! nicht umgekehrt.\nDiese Betrachtung, die den Eindruck des ganzen Wil-\nsing'schen Werkes begleitet, drängt sich nun besonders\nbei den Schluss-Scenen auf. Amen Speravi Salvabis\nAmen, auf den letzten dreissig Seiten in vier geschiedenen\nund verschlungenen Sätzen ausgelegt, beruhen auf folgen-\nden Haupt-Themen:\nderen Melismen, aus dem zweiten entwickelt, neue Neben-\nsätze bilden, bis endlich der Schluss die letzten dreissig\nTacte in leichten rhythmischen und harmonischen Fort-\nschritten zum vollstimmigen Amen gelangt, das jedoch im\nleidig kalten Unisono jenes Thema's Nr. 1 nochmals ver-\nweilt (S. 102, T. 5 8), und dann erst in breiter Fülle\nbei den Sängern fünfstimmig, in den Instrumenten voll-\nstimmig— zum Abschlüsse kommt, und zwar in der Ton-\nart des Anfanges: E-moll.\nEin Mo/7-Schluss würde den alten Tonsetzern, zumal\nin grösseren Werken, unerhört oder unmöglich gewesen\nsein. Von bedeutenden Werken classischer Meister ist wohl\nnur die Matthäus-Passion mit solchem Schlüsse; sei es,\ndass S. Bach den Eindruck der düsteren Passion überwie-\ngen liess oder, wie ein kritischer Zweifler sich einmal aus-\nsprach, dass die Lesart unecht, das Manuscript vernachläs-\nsigt sei. Der Dw-Schluss ist ursprünglich Naturgesetz. Wie\nviel man auch versuche, der Natur zu entrinnen, sie behält\nendlich doch den Sieg und wird ihn auch hier behalten,\nentweder durch Herstellung jenes alten Tongesetzes in die\nKunstübung oder durch die Wirkung auf das Gemüth der\nEmpfangenden, die sich bei constanten auf\ndie Dauer nicht beruhigen werden, sondern im Stillen for-\ndern, was der Grundgehalt alles Tonlebens ist: die selige\nVersöhntheit künstlerisch darzustellen.\nAlles Vorige zusammenfassend, wird uns ein einfach\nabschliessendes Urtheil über das ganze Werk doch schwie-\nrig, da die beiden Theile desselben so ungleich sind. Der\nerste scheint uns vollendet schön, ungeachtet vorübergehen-\nder Unebenheiten im Einzelnen; der zweite ist reich an\neinzelnen Schönheiten u. a. den lieblichen, fast Palestri-\nnischen zwei- und dreistimmigen Zwischensätzen, erscheint\naber durch seine Länge gefährlich; denn einen Satz von\netwa 700 Tacten ohne Ruhepunkt würde selbst Richard\nWagner in solcher Weise nicht wagen. Die längsten Chor-\nsätze bei Bach und Händel betragen schwerlich 300 Tacte,\ndessgleichen die meisten einzelnen Sinfonie-Sätze. Davon\nabgesehen, finden sich auch im zweiten Theile erhebliche\nPunkte, Glanzlichter, auch Verweilungen (eine der schönsten\nz. B. das siebenstimmige SperaviS. 55, das sechsstimmige\nS. 44 u. a.), die das Gemüth fesseln; wie die Gesammt-\nwirkung sei, mögen Andere am lebendigen Ohr ermessen.\nDie lobenswerthe Ausstattung würde nichts verlieren,\nwenn circa zehn Seiten durch d. C. oder d. S. und durch\nHalbirung der langen Ritornell-Folioseiten, wo die Pausen\nwie Mücken auf dem Weltmeere herum schweben, einge-\nschmolzen würden. Druckfehler sind nicht zahlreich, auch\nin so fern nicht gefährlich, als eine Stimme die andere aus-\nlegt und corrigirt; Gewissens halber zählen wir jedoch die\nbemerkten auf:\nS. 6 Viola,T. 3 zu lesen statt\n„ 12 Alt 1V.„6 „ „\n„ 18 Viola, „2 „ „ e eis, „ eis c.\n„27 Basso I. ,2 „ „ f, „fis.\n„ 42 Clarinett IL „8 „ „\nn Sopr. I. „5 n „ „\n„ Basso 111. „1 „ , d, „ c.\n„50 Viola „ 8 „ „ eis, „ c.\n„51 „ 5,6 „ „ „ dis u. disis.\n„ 70 Viola IL„1 „ „ „\n» 75 „1 T)\nnBl Sopf. /. „0 „ „\n„103 Basso I.„8 „ „ „\n\nK."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "30", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560126-01.1.6", "texte": "Aus Amsterdam.\n\n[Deutsche Oper Frau von Marra Karo 1. Lehmann\nF. Hiller Felix Meritis und die Juden\nAlfred Jaell.]\nMitte Januar 1856,\nUngleich dem Dachse, der während des Winters sich\nin seinen Bau zurückzieht und schläft, wird Ihr amsterda-\nmer Correspondent jeden Winter einmal wach, uin Ihnen\nund Ihren Lesern einige Mittheilungen über die hiesigen\nmusicalischen Celebritäten zu machen. Ueber viel Unbedeu-\ntendes und Stümperhaftes würde ich Ihnen zu berichten\nhaben, wollte ich von vorn anfangen und eine gewissenhafte\nChronik schreiben; sehr ungalant würde ich namentlich sein\nmüssen, wollte ich die Leistungen mancher Damen schil-\ndern, die in den Concerten unseres berühmten Felix Me-\nritis sich und die Zuhörer mit langen, breiten und schwe-\nren Arien gequält haben. Erlassen Sie mir den undankba-\nren Theil jedes Berichtes, das Tadeln; mögen diejenigen,\ndie nicht in meinem heutigen Briefe genannt werden, sich\nihres unschuldigen Incognito's freuen und sich bedanken,\ndass ich es nicht verrathe.\nFrau von Marra verdient vor Allem rühmlich ausge-\nzeichnet zu werden. Eben so wie voriges Jahr haben wir\nihr auch diesen Winter hauptsächlich wieder das Zustande-\nkommen einer ganz leidlichen deutschen Oper zu verdan-\nken. Trotzdem, dass das Papier vom Taufscheine der Frau\nvon Marra, den ich aber nicht gesehen habe, im Laufe der\nZeit etwas gelb geworden sein soll, singt und trillert sie\nnoch immer in meisterhafter Weise, ist nie krank eine\nprächtige Eigenschaft bei einer Sängerin und hat die Göt-\nter des Paradieses zu ihren Sclaven gemacht. Wenn sie\nals Zigaretta in Herrn von Flotow's classischer Oper „In-\ndra\" Cigarren raucht und ihrem gutmüthigen Eheherrn\ntrillernd einen Rippenstoss nach dem anderen versetzt, dann\nwill der Jubel im Paradiese gar kein Ende nehmen. Wenn\nFrau von Marra, die wirklich eine geniale Künstlerin ist,\ndaran denken wollte, dass in Logen und Parterre auch\nLeute sitzen, dann würde ihr Spiel schwerlich etwas da-\ndurch verlieren, das ganze Publicum aber wesentlich dabei\ngewinnen.\nAusser oben genannter Indra, die hier volle Häuser\nmacht und daher oft gegeben wird, haben wir den Don\nJuan, Hugenotten, Romeo und Julie und noch einige Opern\nvon geringerem Werthe in recht anständiger Weise über\ndie Bretter gehen sehen, und hat namentlich das Verdienst\neiner aus den Vereinigten Staaten zurückgekehrten, in Eu-\nropa bisher noch wenig genannten Sängerin sehr wesent-\nlich zur guten Ausführung beigetragen. Diese Sängerin\nheisst Karoline Lehmann und ist, so viel ich weiss,\neine Dänin. Ich mache Ihre Leser mit einem Namen be-\nkannt, der wahrscheinlich in einigen Jahren in Deutschland\neinen guten Klang haben wird. Fräulein Lehmann ist noch\njung, hat eine überaus helle, runde und zugleich edle Stimme\nvon grossem Umfange Romeo und Donna Anna liegen\nbeide ohne Anstrengung in ihrer Stimme —, und wenn sie\nerst noch etwas Routine erlangt und mehr Wärme in ihren\nGesang legt, dann glaube ich, ihr eine schöne Zukunft pro-\nphezeien zu können. Ihre Donna Anna war eine vollendete\nLeistung im wahren Sinne des Wortes. Unser guter, stei-\nfer Tenorist Chrudimsky hält sich auch diesen Winter\nwieder recht wacker; Roberti hat einzelne gute Momente,\nist namentlich ein guter St. Bris und ein zweifelhafter Don\nJuan; das übrige Personal kann ruhig unerwähnt bleiben.\nWenn ich zu den Concerten übergehe, so bildet die\nAufführung der „Zerstörung Jerusalems\" durch die\n„Maatschappy zur Beförderung der Tonkunst\" den Glanz-\npunkt des Winters. Der geniale Componist dirigirte selbst\nsein schönes Werk und war während seiner kurzen Anwe-\nsenheit dahier der Löwe des Tages. Ferdinand Hiller\nhat vor vielen anderen grossen Meistern Eines voraus; mit\ndem Dirigentenstocke in der Hand verkörpert er den Geist\nder Musik, im geselligen Verkehr aber und beim heiteren\nMahle ist er voll Witz und liebenswürdiger Laune, und man\nsieht in ihm nur den feinen Weltmann. Die Bewunderer\nvon Hiller's Musik finden sich daher durch das persönliche\nBekanntwerden mit dem Meister auf das angenehmste über-\nrascht. Wenn Amsterdam Herrn Hiller eben so gut gefal-\nlen hat, wie er den Amsterdamern, dann ist es mehr als\nwahrscheinlich, dass aus dieser Bekanntschaft später eine\nLiebschaft sich entwickelt, versteht sich, eine musicalische.\nNur in Einer Hinsicht vermuthe ich, dass Hiller sich\nhier getäuscht fühlte. Als er in Felix Meritis seine reizende,\nfrische und ausgelassene Sinfonie „Im Freien\" dirigirte,\nals ihm das Orchester einen Tusch blies und alle Hände\nin Bewegung waren, da mochte sein Auge vergebens unter\nden Zuhörern die wohlbekannte Gestalt seines gastfreund-\nlichen Wirlhes suchen. Hiller logirte hier bei einem Manne,\nder von allen Künstlern als ihr Mäcen betrachtet und ge-\nehrt wird, einem Manne, der fein gebildet, reich und ange-\nsehen ist, dem aber der Zutritt zu der Gesellschaft Felix\nMeritis untersagt ist, weil er ein Jude ist! Alle auswärti-\ngen Künstler, die während der letzten zwölf Jahre Amster-\ndam besucht haben, kennen diesen Mann, aber unser erstes\nKunst-Institut kennt ihn nicht, darf ihn nicht kennen, weil"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "31", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560126-01.1.7", "texte": "er ein Jude ist! Es darf ein Jude in Felix Meritis nicht ein-\nmal zur Ballotage vorgeschlagen werden. Ihre Leser wer-\nden Mühe haben, an einen so barocken Zustand zu glauben.\nDass sich unter den Juden mancher unangenehme und zu-\ndringliche Gast befindet, mag wahr sein; aber ich habe\nnoch nie gehört, dass die Juden ausschliesslich ein Patent\niür diese Eigenschaften besitzen. Es ist daher etwas Ab-\nnormes und Widersinniges, x4lle über Einen Kamm zu\nscheeren. Da hier Alles ruhig und bedächtig behandelt wird,\nselbst die Oberhausen-Arnheimer Bahn seit zwölf Jahren\njetzt vielleicht ihrer Vollendung entgegen zu gehen scheint,\nso darf man auch an einer gelegentlichen Abhülfe des ge-\nnannten Uebelstandes noch nicht ganz verzweifeln.\nAuch Alfred Jaell besuchte uns vor Kurzem und\nverschaffte uns Gelegenheit, seine wirklich grossartigen Fort-\nschritte zu bewundern, die er seit zehn Jahren gemacht,\nwo er zuerst als Wunderkind mit seinen damals schon\nrecht anerkennenswerthen Leistungen öffentlich hier auf-\ntrat. Jaell ist inzwischen ein recht tüchtiger Ciavierspieler\ngeworden und gab uns unter Anderem in Felix Meritis ein\nConcert von Liszt (Manuscript) zum Besten, das vor-\ntrefflich ausgeführt wurde, trotzdem dass unser Meister\nvan Bree in Ermangelung einer Partitur über Jaell's Kopfe\nweg dirigiren musste, wodurch besagter Kopf mehrere Male\nstark vom Tactstocke gefährdet war.\nDas eigentliche Virtuosenthum ist diesen Winter nur\nschwach hier vertreten gewesen. Während voriges Jahr\njeden Augenblick Listen für Concerte circulirten, so dass\nman zuletzt nach Frühling und Befreiung seufzte, lässt sich\ndagegen diese Saison sehr leidlich an. Die Liebhaberei für\ndie vielen Concerte ist auch seit ein paar Jahren hier ent-\nschieden im Abnehmen. Wir haben ausser der deutschen\nOper noch ein recht gutes deutsches Lustspiel, so wie\nfranzösisches Vaudeville, die den Concerten grossen Ab-\nbruch thun. Nur eine Jenny Lind kann hier noch reiche\nAusbeute holen.\n\nS.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMöln. Das zweite Concert des Männergesang-Ver-\neins (den 20. Januar) hatte wieder ein zahlreiches Publicum an-\ngezogen. Neu waren zwei Lieder von H. Marschner: „Ich liebe,\nwas fein ist\" von J. v. Radenberg (eine feine Composition, jedoch\nwohl mehr im Quartett wirksam als im Chor), und „Sei unverzagt\"\n(musicalisch recht schön, die Auffassung des Schlusses sagt uns\naber nicht recht zu). Ferner „Der Fischerknabe\" von D. Hamm\nin Trier (hübsche Melodie für Bariton mit Brummstimmen, vor-\ntrefflich gesungen von Herrn M. DuMont-Fier) eine „Jagdscene\"\nvon K. A. Ritter in Bremen (mit Echo, sogar mit doppeltem!\nbleibt hinter seinem Vorbilde, Zöllner's Doppelständchen, weit zu-\nrück) zwei Volkslieder: 1) „Mei Mutter mag mi net\" von R.\nSeifert (sehr schön), 2) „Mei Maidl hat a Gesichtie\" von F. Sil-\ncher (ebenfalls schön). Der Vortrag war so vorzüglich wie immer.\nZwischen den Gesängen spielte Herr Louis Brassin, ein\nRheinländer aus Aachen, in Leipzig gebildet, Thalberg's Don-\nJuan-Phantasie für Pianoforte, eine Composition von sich (Poeme\nd'ctmoiir), die Serenade ilalienne von A. Jaell und das grosse\nScherzo von F. Chopin. Der junge Künstler erwarb durch sein\nreinliches und sehr fertiges Spiel, schöne Egalität des Anschlags\nin beiden Händen, perlende Geläufigkeit der Passagen verdienten\nBeifall.\nIn der dritten Soiree für Kammermusik, Dinstag, den\n22 d. Mts., spielte Herr Ed. Frank das grosse Quintett von R.\nSchumann, Op. 44, für Pianoforte u. s. w. mit ausgezeichneter\nBravour; die beiden mittleren Sätze sprachen das Publicum am\nmeisten an. Ausserdem hörten wir von Violin-Quartetten Mozart,\n]\\r. 7, D-dur, und Beethoven, Nr. 11, F-moll. Dem Vortrage\ndes letzteren hätten wir im Allgemeinen mehr Grossartigkeit und\nKraft gewünscht.\nDer Herr Graf Stainlein, ein ausgezeichneter Dilettant, des-\nsen Compositionen (z. B. Trio für Pianoforte, Viol. und Cello, So-\nnate für Pianoforte und Violoncell u. s. w., gedruckt bei Schott in\nMainz) sowohl durch die Erfindung als durch die Ausarbeitung\nfesseln und jedem Künstler von Fach Ehre machen würden, hält\nsich mit seiner Familie seit einigen Wochen hier auf.\nDessau. Am 1. April beginnt ein neuer Cursus der Musik-\nschul e von Theodor Schneider, Cantor und Chor-Director\nan der Schloss- und Stadtkirche. Der nach den Lehrsätzen Fried-\nrich Schneiders ertheilte theoretische Unterricht umfasst in einem\ndreijährigen Cursus Harmonielehre, Modulation, Rhythmus, Stim-\nmenführung, Contrapunkt, Melodiebildung, Formen- und Compo-\nsitions-Lehre, Nachahmung, doppelten Contrapunkt, Fugenbau, Par-\ntitur-Studium, Directions-Kenntniss. Ausser festgestellten prakti-\nschen Uebungen im Instrumental-Zusammenspiel und im Gesänge,\nso wie der Gelegenheit zur Mitwirkung in der herzoglichen Hof-\nCapelle, bieten sich dem Musiker vielfache Mittel zur Ausbildung,\nDas Honorar beträgt jährlich 48 Thlr. in vierteljährlichen Voraus-\nbezahlungen.\nBerlioz wird am 8. Februar in Weimar erwartet. Er wird,\nwie in früheren Jahren, das Concert des Orchester-Pensionsfonds\ndirigiren und diesmal seinen ganzen „Faust\" in vier Theilen zur\nAufführung bringen. Die Aufführung einer neuen Bearbeitung sei-\nnes „Benvenuto Cellini\" wird als Fest-Vorstellung am 16. Februar\nStatt finden.\nIn einer schönen, handlichen Ausgabe hat die S c h 1 e s i n g er' -sehe\nVerlagshandlung in Berlin 80 der schönsten Nationallieder al-\nler Völker für eine Singstimme mit Begleitung des Pianoforte\naus dem unendlich reichen Vorrathe der Volkslieder ausgewählt.\nAus der Heimat (Deutschland) sind 20 aufgenommen, beginnend mit"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "32", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560126-01.1.8", "texte": "„Was ist des Deutschen Vaterland\" und „Heil Dir im Siegerkranz\",\nschliessend mit dem „Preussischen Matrosenliede\" von Hauplner\nund Gödsche, welches in dem Festspiele am 15. October v. J. so\njubelnde Aufnahme gefunden hat. Grossbrilannien ist durch 4 Lie-\nder vertreten, beginnend mit „Rule Britannia\" und „God save the\nQueen'6, wobei zu bemerken ist, dass eine dem Inhalte und dem\nmusicalischen Ausdrucke nach vortreffliche deutsche Uebersetzung\nvon J. C. Grünbaum den sämmtlichen ausländischen Gesängen un-\ntergelegt ist. Frankreich zählt 8 Nationallieder (Vive Henri IVLa\nMarseillaise, Parlant pnur la Syr*ie, etc.), Holland die beiden „Wil-\nhelmus von Nassouwe\" und „Wien Neerlandsch Bloed\", Belgien seine\nBrabanqonne, Dänemark das von Meyerbeer in seiner Musik zu\nStruensee so glücklich benutzte vKong Christian slod an hoien Mast\"\nlind das feurige y,Danevang\", Schweden und Norwegen 3, Bussland,\ndas aus so vielen Volksstämmen zusammengesetzt, ist durch 25\nLieder vertreten, an deren Spitze das die Bussen vereinigende Kai-\nserlied von Alexis Lvoff, „Gott erhalte den Czaaren\", mit russi-\nschem, polnischem, deutschem Texte. Polen liefert 2, Ungarn 8,\nBöhmen 8, an deren Spitze das Hussitenlied „Pjsen Hussüka\", Ita-\nlien 12, das liederreiche Spanien und Portugal 18, Griechenland\nnur seinen Freiheits-Gesang, aus dem Griechischen von Franz Kug-\nler vortrefflich übersetzt, Nordamerica sein „ Yankee doodle\" und\nSüdamerica seine „Modinha\".\nMan schreibt uns aus Utrecht als Ergänzung zu dem Be-\nrichte in Nr. 50 vom 16. December v. J. über den „Verein zur\nBeförderung der Tonkunst\", dass in dieser Stadt ausser dem in\njenem Artikel genannten Musik-Institute noch ein anderes unter\ndem Namen Collegium Musicum Ultrajectinum bereits seit 225 Jah-\nren bestehe, gegenwärtig 100 Mitglieder zähle, in seinen Concerten\nSinfonieen und Ouvertüren der besten alten und neuen Meister\nunter Leitung des Herrn J. H. Kufferath aufführe und die be-\ndeutendsten Solisten, welche Holjand besuchen, dem Publicum vor-\nführe. Ferner sei der Sing-Verein zu erwähnen, der, etwa 80\nMitglieder stark, ebenfalls unter Leitung des genannten Herrn Mu-\nsik-Directors, hauptsächlich Oratorien aufführt."}]}