{"numero_id": "bm-bmtnabi-1856-02-09-01", "volume": "bmtnabi_1856-02-09_01", "ocr_sha256": "4493ae15c3ca0be743319a86ef7de2c441623742c5fc34c0ca45761a73de18a7", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1856/02/09_01/bmtnabi_1856-02-09_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560209-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1856-02-09-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-02-09_01#c001", "volume": "bmtnabi_1856-02-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "41", "page_fin": "41", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560209-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "41", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560209-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 302, "texte": "Inhalt.\nUeber Jenny Lind und geistige Tonfarbe im Gesänge. Von —tz—. Beurtheilungen: Th. Gouvy, Vier Serenaden für\nPianoforte. Sonate in G-dur. Von L. Kindscher. Tages- und Unterhaltungsblatt (Carneval in Köln Mozarlfeier in\nBarmen Marschner's „Goldschmied\" in Dresden Mozartfeier in Wien in Hannover)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-02-09-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-02-09_01#c002", "volume": "bmtnabi_1856-02-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "41", "page_fin": "45", "image_debut": 1, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560209-01.2.2", "titre_corps": "Ueber Jenny Lind und geistige Tonfarbe im Gesange.", "titre_sommaire": "Ueber Jenny Lind und geistige Tonfarbe im Gesange.", "signature_source": "tz", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "41", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560209-01.1.1", "debut_caractere": 304, "fin_caractere_exclue": 3773, "texte": "Ueber Jenny Lind\nund geistige Tonfarbe im Gesange.\n\nDie künstlerische Laufbahn von Jenny Lind ist durch\ndie hohe Vollendung ihres Gesanges zu einer der glänzend-\nsten der Gegenwart geworden. Von dem ersten Erschei-\nnen an erregte die Künstlerin enthusiastische Bewunderung,\nund auch heute ist die Reihe ihrer Triumphe nicht ge-\nschlossen. Ihre Leistungen sind unerreicht geblieben durch\ndas Seelenvolle, Sympathische ihres Tones, durch dessen\ngeistige Färbung, die jede Stimmung, jeden Affect mit so\nüberzeugender Wahrheit auszudrücken vermag, dass sie\nden Hörer wie durch Zauber in das Seelenleben, welches\nsie schildert, hineinzieht und ihn zu folgen zwingt, so weit\ner zu folgen vermag. So allgemein, wie dieses geistige Ton-\nElement als Haupt-Ursache der bewältigenden Wirkung\nihres Gesanges anerkannt wird, eben so selten begegnet\nman klarem Verständnisse, wie es der Künstlerin möglich\nwird, die Charakteristik des Tones bis zur grössten Be-\nstimmtheit zu entwickeln und durchzuführen.\nAm häufigsten hört man diese Eigenschaft der genia-\nlen Künstler-Natur, der höchsten Erregbarkeit der Phan-\ntasie der Sängerin unmittelbar zuschreiben, indem sie es\nvermöge, sich mit solcher Lebhaftigkeit in die geschilderten\nSeelen-Zustände zu versetzen, dass sie dieselben wie in\nWirklichkeit durchlebe, und desshalb der Ton den ergrei-\nfenden Charakter der Wahrheit naturgemäss erhalten müsse.\nZu dieser Ansicht verleiten gewöhnlich die irrigen Voraus-\nsetzungen, Gefühl und Ausdruck seien von der Natur so\ngleichmässig und eng verbunden, dass man von dem Grade\ndes letzten auf den des ersten zurückschliessen könne,\nund sodann, es handle sich im Gesänge um die Wirklich-\nkeit von Beiden.\nWenn wir diese Ansichten zu widerlegen versuchen,\nso geschieht es vornehmlich, um dem schädlichen Einflüsse\nentgegen zu wirken, welchen sie auf das Gesang-Studium\nausüben.\nStefen de la Madeleine sagt in seinen\npletes du chant:\n„Das Gefühl ist der angenehme oder unangenehme\nEindruck, den gewisse Dinge auf ein lebendes Wesen her-\nvorbringen, wonach es die einen sucht, die anderen flieht.\nDer Ausdruck das Zeichen hiefür steht im Verhältnisse\nzu der Vollkommenheit der Organe, wodurch er in die Er-\nscheinung tritt. Dürfen wir z. B. schliessen, dass der Affe,\nder Hund lebhafter fühlen, als der Fisch, dessen Bewegun-\ngen für uns vollkommen ausdruckslos bleiben? Die Mittel\ndes Ausdrucks für den Menschen beruhen in der Geberde,\nin der Energie der Gesten, in dem Spiel der Gesichtsmus-\nkeln, in der relativen Lebhaftigkeit des Blickes, in dem\nKlange der Stimm? u. s. w. Je nachdem ihm diese Aus-\ndrucksmittel individuel zugetheilt sind, drückt der Mensch\nseine Gefühle mehr oder minder leicht und bestimmt aus.\nWer diese Mittel ganz oder theilweise entbehrt, kann in-\ndess mit tieferem Gefühle begabt sein als der, dem sie in\nvollem Maasse zugetheilt sind und der davon nur zu häufig\neinen täuschenden Gebrauch macht. Auch findet man oft,\ndass die am tiefsten und zartesten fühlenden Naturen ihre\nGefühle mit einem Rückhalt manifestiren, der sie bei ober-\nflächlicher Beobachtung kalt erscheinen lässt.8\nWollte man daher im Leben die mehr oder minder\ngewandte Benutzung der Ausdrucksmittel als Maassstab\nfür das Gefühl anlegen, so würde man sich in den meisten\nFällen täuschen. Für die Beurtheilung des Sängers aber,\nselbst wenn er zu der Zahl der wenigen Auserlesenen ge-\nhörte, welchen die Natur die höchsten Gaben von Gefühl\nund Ausdruck verliehen, würde dieser Maassstab ein völlig"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "42", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560209-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5082, "texte": "trügerischer werden, weil der Ausdruck im Gesänge nicht\nauf Natur-, sondern auf Kunst-Wahrheit beruht.\nDie Kunst im Allgemeinen hat nicht die Natur, son-\ndern die möglichst frappante Nachahmung derselben in\nidealer, ästhetischer Gestaltung zum Zwecke. Für die bil-\ndenden Künste liegt diese Wahrheit zu sehr auf der Hand,\num verkannt zu werden; für den Gesang dagegen ist sie\nweniger augenfällig, so dass man nur selten klarem Ver-\nständnisse darüber begegnet. Wie der Maler die Natur, so\nmuss der Sänger die verschiedensten Gemüthsstimmungen\nund Affecte nach dem Leben studiren, sich des Zusammen-\nhanges klar bewusst werden, wodurch sie sich namentlich\nim Klange der Stimme offenbaren, und sie dann künstle-\nrisch nachbilden. Bei diesem Studium wird er gewahren,\ndass jede Bewegung der Seele in der Geberde, besonders\nin den Gesichtszügen, ihren Wiederhall findet, und dass\nsie es sind, welche einzig und allein der Stim-\nme den entsprechenden Klang geben, nicht\naber die innere Bewegung an und für sich. Wer\nden Zügen den Ausdruck eines bestimmten Seelen-Zustan-\ndes gibt, ohne ihn zu empfinden, verleiht der Stimme die\nentsprechende Farbe, während sie völlig ausdruckslos bleibt,\nso lange die Züge den Charakter der Gleichgültigkeit be-\nhalten, wenn auch die heftigste Leidenschaft die Seele be-\nwegt. In einem Missverhältnisse zwischen Gesichts-Aus-\ndruck und Gefühl kann man die Verlegenheit, die Absicht\nder Täuschung zu erkennen geben, der Physiognomie und\ndem Klange der Stimme aber einen verschiedenen Aus-\ndruck zu verleihen, ist völlig unmöglich. Jeder Zweifel in\nder Tragweite dieser Erscheinungen wird durch einen mit\nHülfe des Spiegels leicht anzustellenden Versuch schwin-\nden; er wird beweisen, dass von den Gesichtszügen allein\nWahrheit des Ausdrucks abhängt. Ein dem Wortlaute\nnach freundlicher Gruss lässt sich z. B. durch Veränderung\nder Züge in eine Aeusserung des Vorwurfs, der Drohung,\ndes Spottes, des Unwillens verwandeln. Jede Verzerrung\nderselben entstellt die Stimme und gibt ihr einen mehr\noder minder widerwärtigen Klang.\nAlle angegebenen Einwirkungen auf den Sprach-Ton\nmanifestiren sich in verstärktem Maasse im Gesang-Tone,\nweil er als erhöhte Potenz des ersteren zu betrachten ist.\nBeide beruhen auf demselben Mechanismus des Stimm-Ap-\nparates, nur mit dem Unterschiede, dass der Gesang-Ton\neine entwickeltere Bewegung der Organe nöthig macht,\nwie sie sein entwickelteres tonliches Element erfordert. Der\nSänger muss demnach jede Verzerrung der Züge vermei-\nden, wenn er keine Misstöne hervorbringen will, sodann\ndem Gesichte einen bestimmten charakteristischen Ausdruck\ngeben, wenn er bestimmte Seelen-Zustände durch den Ton\nin die Erscheinung treten lassen will.\nDer eine Theil dieser zwiefachen Aufgabe umfasst die\nrein materielle Tonbildung, die Beherrschung der Stimme\nohne bestimmten Ausdruck, unter Vermeidung jeglicher\nVerzerrung der zum Stimm-Werkzeuge gehörigen Organe,\nin allen Graden von Kraft, Fülle, Weichheit und Beweg-\nlichkeit; der zweite die geistige Tonbildung, die Verbindung\ndes fehlerfreien Gesang-Tones mit geistiger Farbe durch\ndie Mimik. Die geistige Tonbildung hat somit eben sowohl\nihre Technik, ihren Mechanismus, wie die materielle. So\nlange nur der erste Theil der Aufgabe gelös't ist, erhebt\nsich der Gesang-Ton nicht über die Wirkung eines schö-\nnen Instrumentes, er behält eine rein instrumentale Farbe;\nerst durch die Lösung des zweiten gewinnt er geistiges\nLeben, geistige Farbe und erhebt sich hoch über alles\nAndere, was zur Ton-Erzeugung gebraucht wird. Der\nSänger muss demnach durch die Gesichtszüge die verschie-\ndensten Stimmungen und Affecte darstellen und den\nAusdruck derselben ungezwungen und frei mit dem Tone\nverbinden lernen. Es eröffnet sich ihm sonach gerade\nda, wo die meisten Sänger die technischen Studien als be-\nendet betrachten, ein neues, weites Feld derselben, weil es\nungemein schwierig ist, den Ausdruck der Züge in allen\nLagen der Stimme, auf den verschiedensten Vocalen, zer-\nrissen durch die Consonanten, namentlich bei deren Anhäu-\nfung in unseren nordischen Idiomen, und in allen Bewegun-\ngen durchzufuhren. Nur durch das ausdauerndste Studium\ngelangt man zum Ziele; denn auch der glücklichst organi-\nsirte Sänger wird nur periodisch geistige Farbe gewinnen,\nwenn er ihren Mechanismus nicht mit vollem Bewusstsein\nzu bemeistern gelernt hat, und immer wieder in die todte,\nrein instrumentale zurückfallen. Seine Leistungen werden\nsich nie über den unbefriedigenden Eindruck eines Bildes\nerheben, dem es an Einheit der Farbe fehlt.\nUm den Vortrag zu wirklich künstlerischer Hohe und\nAbrundung zu bringen, muss der Sänger ferner das gei-\nstige Verständniss des Tonstückes besitzen. Er muss das-\nselbe zu dem Ende analytisch durchforschen, sich über den\n«J '\nVortrag im Ganzen und Einzelnen klar werden und die\nWirkungen nach allen Richtungen hin erwägen und fest-\nstellen. Der Sänger, welcher sich auf die glückliche Einge-\nbung des Augenblickes verlässt, wird das Schicksal des\nImprovisators theilen, der seine guten und schlechten Tage\nhat; er wird nie Künstler ersten Ranges werden."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "43", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560209-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5247, "texte": "Wir reden indess der Berechnung auf Koslen der Be-\ngeisterung nur anscheinend das Wort. Der Künstler soll\nsich seiner Inspiration überlassen, aber nur mit grösstef\nVorsicht und erst dann, wenn ihm die durch die materiel-\nlen und geistigen Studien erworbenen Qualitäten, von wel-\nchen wir sprachen, so zur zweiten Natur geworden sind,\ndass er auch im Momente höchster Begeisterung die Glän-\nzen idealer, ästhetischer Darstellung nicht überschreitet.\nDenn wer sich dem stolzen Rosse der Begeisterung anver-\ntraut, ohne es bändigen gelernt zu haben, wird sicherlich\nin den Koth geworfen. Die begeisterte Stimmung aber,\nwelche den Künstler zu dem Höchsten emporschwingt, was\ner individuel zu leisten vermag, ist wesentlich von dem ver-\nschieden, was wir im Eingange andeuteten; denn in der\nWirklichkeit des Gefühls liegt kein Element\nkünstlerischen Schaffens. Der Sänger, welcher bei\nder Schilderung tiefen Schmerzes sich so ergreifen liesse,\ndass er in Thränen ausbräche, würde nicht singen können;\nder Maler, der bei gleicher Aufgabe der Darstellung fort-\nwährend die Thränen in den Augen hätte, würde Pinsel\nund Palette zur Seite legen müssen.\nWir möchten, nachdem wir die Mittel des Ausdrucks\ndurch geistige Tonfarbe in ihrem hohen Werthe anschau-\nlich gemacht haben, einer Lieberschätzung derselben entge-\ngentreten. Die Künstler, welche diese Mittel kennen und\nanwenden, können sie keineswegs mit demselben Erfolge\ngebrauchen. Nur die Fähigkeit besitzen sie dadurch, dasje-\nnige zum Ausdrucke zu bringen, was sie nach individueller\nBegabung und geistiger Entwicklung zu empfinden vermö-\ngen. Der Mechanismus geistiger Tonfärbung wird daher\ndas wunderbare Werkzeug des genialen Künstlers, womit\ner alle Richtungen und Abstufungen seines eigenen Seelen-\nlebens darstellt; er bleibt ein völlig todtes in der Hand\neiner gefühllosen, prosaischen Natur. Die Gaben, welche\nder Künstler von der Vorsehung empfangen, bleiben somit\nendgültig das, was ihm die Rangstufe anweis't. Sie gibt in-\ndess nur grössere oder geringere Anlagen, und überlässt\nes ihm, mit dem Pfunde zu wuchern, aber keine ein-\nzige künstlerische Eigenschaft unmittelbar\nund d i r e c t.\nAuch Jenny Lind hat die vollendete Beherrschung der\ngeistigen Tonfarbe, obgleich sie den Stoff aus reichbegab-\ntester Künstlerseele schöpft, durch Studium erwerben müs-\nsen. Die Sängerin trat mit dieser hervorragenden, sie cha-\nrakterisirenden Eigenschaft schon vor dem achtzehnten Jahre\nauf, und desshalb könnte man glauben, die Vorsehung habe\nsie zu einer Ausnahme erkoren und sie mit den höchsten\nkünstlerischen Gaben unmittelbar überschüttet. In ihrem\njugendlichen Alter hatte sie indess eine grosse Reihe von\nJahren des ernstesten Studiums zurückgelegt. Als Kind von\nzehn und einem halben Jahre trat sie in die Stockholmer\nTheater-Schule und wurde dadurch Schülerin des schwedi-\nschen Hofsängers und Gesanglehrers der königlichen Fa-\nmilie, des Herrn Berg. Die Traditionen der classischen\nSchule hatte er durch den berühmten italiänischen Teno-\nristen Siboni empfangen, der seine letzte Lebens-Periode in\nKopenhagen als Gesanglehrer zubrachte. Durch ihn lernte\nBerg die geistige Tonfarbe würdigen, überzeugte sich aber\nauch, dass die Volltönigkeit der italiänischen Sprache, ihr\nReichthum an Vocalen und die südliche Beweglichkeit der\nPhysiognomie dem Italiäner fast unbewusst über alle Schwie-\nrigkeiten der Tonbildung weghelfen. Berg lebte mehrere\nJahre in Italien, trat dort auf einigen Bühnen auf, durch-\nforschte das Wesen der Stimme und entwickelte ihre ma-\nteriellen und' geistigen Eigenschaften bis zu wissenschaft-\nlicher Klarheit. Als ihn der Tod des Vaters plötzlich in die\nHeimat zurückrief, wurde er dort gefesselt und für die\nLeitung der Gesangclasse der Stockholmer Theater-Schule\ngewonnen. Wollen wir ein Bild seiner Methode geben, die\nwir während eines längeren Aufenthaltes Berg's in Deutsch-\nland kennen lernten, so können wir auf das verweisen, was\nwir in Nr. 149, 150 und 151 der Rheinischen Musik-\nZeitung von 1853 über Delsarte in Paris mittheilten. In\no\nder Behandlung des rein Technischen*) weichen Beide nur\nin einigen Details ab, während sie vollendete Tonbildung\nals höchste Aufgabe betrachten, Alles im Hinblicke daraul\nbehandeln und die geistigen Ton färben fortwäh-\nrend praktisch mit ihren Schülern durcharbei-\nten. Berg und Delsarte sind, soweit es uns bekannt ist,\ndie einzigen Gesanglehrer, welche in dieser Weise Mimik\nund Gesang in die engste Verbindung des Studiums brin-\ngen. Wollen wir eine nicht unwesentliche Verschiedenheit\nBeider hervorheben, so müssen wir darauf hinweisen, dass\nBerg das Lyrische, Delsarte das Declamatorische im Ge-\nsänge mit Vorliebe behandelt. Berg's Unterricht wirkt zu-\ndem im höchsten Grade anregend durch die grosse Leben-\ndigkeit und Aufmerksamkeit, womit er ihn ertheilt, durch\n\n*) Wir können nicht unterlassen, besonders darauf aufmerksam\nzu machen, dass Berg wie Delsarte die Stimme aus dem\nMedium mit sorgfältiger Vermeidung physischer\nErmüdung entwickelt. Die entgegengesetzte Behandlung,\ndas Forciren nach Höhe und Tiefe, hat uns in den letzten\nJahren wieder die traurigsten Folgen vor Augen gebracht.\nSie untergräbt die Kraft der Stimme, häufig sogar die der\nLunge, und sollte sanitäts-policeilich verboten werden."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "44", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560209-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5102, "texte": "das grosse Interesse für Kunst im Allgemeinen, das sich\ndarin ausspricht.\nAls Jenny Lind Berg's Schülerin wurde, erkannte er,\ntrotz der Schwäche des Organs, sofort die aussergewöhn-\nliche Begabung des Kindes. Er arbeitete fast täglich mit\nder viel versprechenden, genialen Schülerin eine Reihe von\nmehr als sechs Jahren hindurch, bis zu ihrem Auftreten\nauf der Stockholmer Bühne in der Rolle der Agathe im\nFreischütz, die nur durch den im vierzehnten Jahre eintre-\ntenden Stimmwechsel einige Monate unterbrochen wurde.\nDie Schülerin zeichnete sich während dieser Zeit nicht we-\nniger durch Genialität als durch den grössten, ausdauernd-\nsten fleiss, den festesten Willen, das Höchste in der Kunst\nzu erreichen, vor allen übrigen aus.\nWir glauben durch diese Mittheilungen die musicali-\nsche Ausbildung von Jenny Lind im Interesse der Kunst\nin das wahre Licht zu stellen. Derselben sind offenbar die\nwenigen Monate, welche sie einige Jahre später mit Garcia\nin Paris arbeitete, als physische Anstrengung in ihrem Be-\nrufe und geistige Aufregung in ihren Familien-Verhältnis-\nsen sie veranlassten, Stockholm zu verlassen, kaum zuzu-\nrechnen. Göthe sagt von Raphael: „Um ihn recht zu erken-\nnen, ihn recht zu schätzen, aber auch nicht ganz als einen\nGott zu preisen, der ohne Vater und Mutter erschienen\nwäre, muss man seine Vorgänger, seine Meister ansehen.\nDiese haben auf dem festen Boden der Wahrheit Grund\ngefasst, sie haben die breiten Fundamente emsig, ja, ängst-\nlich gelegt und mit einander wetteifernd die Pyramide in\ndie Höhe gebaut, bis er zuletzt, von allen diesen Vorthei-\nlen unterstützt, von dem himmlischen Genius erleuchtet,\nden letzten Stein des Gipfels aufsetzte, über und neben dem\nkein Anderer stehen kann.\"\nWir glauben der gefeierten Künstlerin nicht zu nahe\nzu treten, wenn wir diesen Ausspruch Göthe's auch auf\nsie anwenden, wenn wir behaupten, dass auch sie sich nur\nunter der Leitung eines so genialen Lehrers wie Berg, der\nauf dem festen Boden der Wahrheit Grund gefasst, so früh\nentwickeln konnte, um schon im achtzehnten Jahre als\nvollendete Künstlerin die glänzende Laufbahn zu betreten,\nauf der sie noch jetzt Alles überstrahlt. Wir lassen uns in\ndieser Ueberzeugung auch durch Jenny Lind selbst nicht\nbeirren, wenn sie in einem Briefe, der in Nr. 4 der leipzi-\nger Signale d. J. aufgenommen wurde, den oberflächlichen\nund für die Stimme so gefährlichen Unterricht der pariser\nund londoner Gesanglehrer*) anempfiehlt, ohne Berg's zu\ngedenken, der als kräftiger Fünfziger mit jugendlicher Gei-\nstesfrische auch jetzt noch in Stockholm wirkt. Wir er-\nblicken darin nur den Beweis, dass sie seinen Unterricht\nin zu früher Jugend empfing, um sich seines Werthes und\nEinflusses klar bewusst zu werden.\nWir kommen mit einigen Worten auf das vorjährige\nniederrheinische Musikfest zurück, weil dasselbe durch den\nVei gleich zwischen Jenny Lind und den mit ihr auftreten-\nden Künstlern den reichsten Stoff für das Studium des Zu-\nsammenhangs von Mimik und Tonfärbung bot, die interes-\nsantesten Gegensätze zur Anschauung brachte.\nJenny Lind stellt die Seelen-Zustände nicht nur durch\ndie Gesichtszüge dar, sondern auch durch die ganze kör-\nperliche Haltung. Durch unscheinbare Modificationen der-\nselben, die meist unbemerkt vorübergehen, entfernt sie\neinen jeden Widerspruch in ihrer äusseren Erscheinung\nund entwickelt in derselben eine so vollendete Harmonie,\ndass sie uns in geistiger, fast möchten wir sagen: verklär-\nter, Schönheit entgegentritt. Wer die Sängerin vor dem\nersten Chor der Schöpfung, den die Solostimme mit den\nWorten: „Mit Staunen sieht das Wunderwerk\", einleitet,\nbeobachtete, wird sich erinnern, wie sie die Gestalt vor\nEintritt des Gesanges allmählich vorbog, wie sie den Kopf\netwas erhob, den Blick belebte und über ihre ganze Er-\nscheinung den Ausdruck des Staunens breitete. Wer Jenny\nLind nur betrachten könnte, würde ein vollständiges Bild\ndes dargestellten Seelenlebens in sich aufnehmen. Dieser\nVollendung der Mimik, welche sie sogar in den engen\nGränzen, die dafür der Concert-Vortrag zieht, zu ent-\nwickeln vermag, entspricht die geistige Tonschönheit so\nsehr, dass dadurch die Materie völlig in den Hintergrund\ngedrängt wird. Wir betrachten es als einen der höchsten\nIriumphe der Kunst, dass Jenny Lind, nachdem ihre Stimme\ndurch die grossen Anstrengungen von Proben und Auflüh-\nrangen ipjrner angegriffener und rauher geworden war, ge-\nrade am letzten Tage das Mendelssohn'sche Lied: „Die\nSterne scheinen in stiller Nacht\", mit wahrhaft entzücken-\nder Innigkeit und Wahrheit sang.\nNur Eine Leistung des letzten Tages möchten wir aus\nder Erinnerung bannen, den Vortrag der Arie aus Beatrice\ndi Tenda.Jenny Lind führte darin zwar Passagen und Ver-\nzierungen von der höchsten Schwierigkeit mit bewunderns-\nwerther Sicherheit, Keckheit und Reinheit aus, aber leider\nmit Aufopferung des grössten Theiles der geistigen Farbe.\nDie Töne über dem c der dreigestrichenen Octave, nur mit\nsichtlicher Anstrengung hervorgepresst, verloren sogar\nvollständig den materiellen -Wohlklang. Die Kunstfertigkeit\n\n') S. Nr. 151 der Rheinischen Musik-Zeitung von 1853."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "45", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560209-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2555, "texte": "verleitete somit Jenny Lind einen Augenblick, der reinen,\nwahren Kunst und somit ihrem eigensten, innersten Wesen\nselbst untreu zu werden.\nIn den Proben sang Jenny Lind unter häufigem Wech-\nsel zwischen geistiger und instrumentaler Farbe, wobei die\nentsprechende Veränderung der Züge sich in interessante-\nster Weise verfolgen liess. Sie hat daher die Darstellung\nder verschiedensten Stimmungen durch die Tonfarbe offen-\nbar auch dann in der Gewalt, wenn sie völlig kalt bleibt,\nmithin den höchsten Gipfel der Kunst erreicht.\nWenn wir über die Wirkung des Missverhältnisses\nder Züge zu dem Ausdrucke, welchen der Sänger zu ge-\nben beabsichtigt, einige Bemerkungen anreihen, so wählen\nwir dazu die Vorträge des Herrn Schneider aus Leipzig.\nNach jenen von Jenny Lind waren sie unbedingt die bedeu-\ntendsten; wir lernten in Herrn Schneider einen mit schö-\nnen Stimmmitteln begabten, nachdenkenden Sänger kennen,\nder in echt künstlerischer Weise, frei von hohlem Pathos,\nEinfachheit und Wahrheit des Ausdrucks erstrebte. Leider\nhat er die Gewohnheit, seine Stimme mit einer Gezwun-\ngenheit zu gebrauchen, welche sich namentlich in einer\nSpannung der Lippen zeigt und seinem Organ einen nä-\nselnden Beiklang gibt. In dem Maasse, wie Herr Schneider\nseinen Vortrag zu beleben sucht, steigt jene Spannung, so\ndass er stets seinen eigenen Intentionen entgegentritt und\ngerade da am wenigsten gibt, wo er am meisten zu geben\nglaubt, und umgekehrt.\nMan kann daher die Beobachtung der Gesichtszüge\nund die Prüfung der eigenen dem Sänger nicht genug an-\nempfehlen, um dadurch seinen Sinn für Tonschönheit zu\nentwickeln und somit auf die Veredlung seiner Tonbildung\nselbst einzuwirken. Auch dem Kunstfreunde, ja, dem Mu-\nsiker von Fach darf sie als Mittel anempfohlen werden,\nsein Urtheil über Gesang zu berichtigen und zu verfeinern,\nweil sich in demselben nur zu häufig der crasseste Mate-\nrialismus ausspricht.\nWir hoffen, durch unsere Mittheilungen, die wir hier-\nmit schliessen, der Vernachlässigung geistiger Tonfarbe im\nGesänge wirksam entgegen zu treten, und durch die Be-\nleuchtung der musicalischen Ausbildung von Jenny Lind,\nso wie der Principien, welche Berg derselben zu Grunde\nlegte, das Wesen der Studien zur Anerkennung zu brin-\ngen, durch welche einzig und allein ihre Beherrschung er-\nworben werden kann. Wir stellen allen strebsamen jungen\nTalenten Jenny Lind als leuchtendes, vollendetes Vorbild\nhin; vielleicht bleibt sie unerreicht, aber sicher lührt der\nWeg, den wir bezeichneten, ihr näher, wenu er mit Ernst\nund festem Willen betreten wird.\n\ntz"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-02-09-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-02-09_01#c003", "volume": "bmtnabi_1856-02-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "45", "page_fin": "47", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560209-01.2.3", "titre_corps": "Für Pianoforte.", "titre_sommaire": "Für Pianoforte.", "signature_source": "Louis Kindscher", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "45", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560209-01.1.5", "debut_caractere": 2557, "fin_caractere_exclue": 4735, "texte": "Für Pianoforte.\n\nTh. Gouvy,4 Serenades\nköpf Sf Härtel. Cliaque 10\nNr. 1. Allegretio, F-dur, %. In einer von Venedigs\nWasserstrassen schwankt auf leicht bewegter Meeresfläche\neine Barke dahin. In ihr sitzt ein Jüngling, der in der lauen\nLuft einer sternenhellen Nacht seiner Angebeteten noch ein\nsüsses Abendständchen bringen will. Bald gelangt das\nleichte Fahrzeug an den ersehnten Ort; nun ruht das Ru-\nder, und flugs erklingt als Vorläuferin und Trägerin des\nGesanges die Mandoline mit ihren naiven, munter hüpfen-\nden Tonweisen. Aber über dem doppelten Accompagnement\ndes Instrumentes und der leise plätschernden Meereswogen\nschwebt und erhebt sich nun der seelenvolle Tenor, und\ndie feierliche Stille der Nacht begünstigt und erhöht den\nzauberischen Klang und Wiederklang, dass er noch um\nVieles reizender und köstlicher . Doch wo ist Refe-\nrent denn hingerathen? Er setzte sich ans Ciavier, um zu\nrecensiren, und da kamen ihm beim Spielen diese Bilder\nund Gedanken. Mögen Andere anders denken, gleichviel\nwird doch ein Jeder in dem Punkte übereinstimmen, dass\nin der Composition etwas liegt (und somit ist auch die\nRecension schon gegeben), das, aus Gemüth und überhaupt\nPhantasie entsprungen, wieder zu Gemüth und Phantasie\ngelangen muss. Und so ein Etwas thut eben resp. der\ngegenwärtigen gewöhnlichen Salon-Musik gegenüber\nauch ganz besonders noth, weil erstens nichts in dieser\nMusik liegt (viel Geschrei und wenig Wolle), und wo ganz\ninsbesondere die Salon-Blasirtheit mit all ihrer Ueber-\nspanntheit, Geschmack- und Reizlosigkeit sich so getreulich\nwiederspiegelt. Und wenn nun also diese moderne Salon-\nMusik in ihrer Ziererei, Effecthascherei, wilden Romantik,\nComplicirtheit, überhaupt in ihrer faden Allgemeinheit (oder\nbesser: All-Gemeinheit) wie Unkraut überhand zu nehmen\ndroht, so muss hier nothwendig die Sprache der Natur\n(und das ist zugleich die der wirklichen Poesie) entgegen-\ntreten, und da ist oder sei denn in dem Salon auch jeder\nneue Beitrag herzlich willkommen, wo eben dieser Vorzug\nder natürlichen Wahrheit und Einfachheit sich geltend\nmacht.\nSerenade 2. Allegro con As-dur, %. Die Haupt-\nAufgabe hat der Bass in seinen auf- und absteigenden Ac-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "46", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560209-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4766, "texte": "Cordbrechungen der Sechszehntheile zu lösen; jedoch ist\ndiese nicht zu schwierig. Gegen diese kurzen Töne hebt\nsich auch der Contrast der Oberstimme in ihrer mehr ge-\ntragenen Melodie besonders hervor. Die letztere ist über-\nhaupt gesund und frisch, natürlich und ansprechend, und\nihr Reiz wird noch durch den gemülhlichen Ausdruck ge-\nhoben. Einige Modulationen erscheinen zwar etwas kühn\nund blendend, doch sie beleidigen weder das Ohr, noch\nsind sie cokelt oder unnatürlich. Und hierin liegt denn\nüberhaupt auch eine sehr feine Gränzlinie, die manche Com-\nponisten gar nicht sehen.\nSerenade 3. Allegretto scherzandp, 11-moll, 3/\\, gibt\nwieder ein recht echtes italianisches Bild. Wie in Italien auf\nöffentlichen Plätzen das Volk zuströmt, wo die Musik einen\nöffentlichen Tanz ankündigt, so erscheint auch in vorliegen-\nder Composition so einer unter Castagnetten-Begleitung\ndes tanzenden Paares, wozu der Instrumentist als dritte\nPerson noch einen Gesang stellt, welcher, sich mit der\nSchwesterkunst eng verbindend, den Reiz und Genuss noch\num ein Bedeutendes erhöht. Die periodisch auftretende\nSingstimme erscheint hauptsächlich im Alt— da die Ober-\nstimme fortwährend den Tanz-Rhythmus zu vertreten hat\n—, aber springt wohl auch, der neueren Spielart gemäss,\nin die Oberstimme oder sogar Unterstimme der linken Hand\nüber, da- in der gegenwärtigen Technik es bekanntlich ver-\nlangt wird, dass auch unter Sprüngen und Pedalgebrauch\nzwei Hände so viel leisten müssen, als ehemals wohl\nvier. Die so geschmackvollen als geistigen Effecte der Com-\nposition können ihre reizvolle Wirkung auf Zuhörer und\nSpieler nicht verfehlen.\nSerenade 4. AUegro moderato, E-dur, 4/4. Der Com-\nponist entwickelt wieder andere, neue Instrumental-Effecte.\nDie getragene Gantilene in der rechten Hand wird zugleich\ndurch kurze Sechszehntel-Octaven umspielt und durch\nweite Accordgnffe der linken Hand in Achtelnoten beglei-\ntet. Oefters wollen zwar die fortdauernden Spannungen bei-\nder Hände mit einer Ermüdung der letzteren drohen, allein\ndanach fragt der Spieler nicht, da das Interesse an der Sa-\nche ihm Ausdauer und Kraft genug gibt; indem nämlich\nerstens die hier angewandten technischen Mittel natürlich\nund erfolgreich ihrem Zwecke in der Ausführung entspre-\nchen, und zweitens auch die ästhetische Anforderung ihre\nBefriedigung findet, auch schon darin, dass die interessante\nmelodische Cantilene sich durch die Begleitung hindurch-\nschlingt, wie bei einer aus der Vogel-Perspective überschau-\nten Gegend hier und da das strahlende Silberband eines\nFlusses.\n77t. Gouvy, Sonate pour le Piano. Leipsic, Breitkopf\nSf Härtel.Preis 1 Thlr.\nEs muss jedem Freunde der wahren Kunst eine Freude\nsein, wenn die in der letzten Zeit so mit Unrecht vernach-\nlässigte, ja, vergessene Ciavier-Sonate wieder zu ihrem vol-\nlen Rechte gelangt, das sie doch und insbesondere als\noberste und vorzüglichste Kunstform ANcgro, Adagio\n(Menuet, Scherzo), Rondo vor all dem neueren For-\nmenkram verdient. In ihr haben ja auch unsere drei Ton-\nHeroen mit ihre besten Werke niedergelegt, und so wie\nsie überhaupt eine Sinfonie lür das Ciavier genannt werden\nkann, ist sie auch historisch unstreitig erst das wirkliche\nVorbild zur nachmaligen Orchester-Sinfonie (begründet\ndurch Joseph Haydn) geworden. Nicht minder findet sich\nihr Typus in den vormaligen (classischen) Concert-Compo-\nsitionen lür virtuose Instrumental-Musik (Mozart, Beetho-\nven, Hummel, Viotti, Rode, Kreutzer, Spohr, Weber etc.)\nvor. Also sei auch nun jeder neue derartige Zuwachs, der\nnur irgend auf Beachtung Anspruch machen darf, hier will-\nkommen. Und so sei es denn auch der vorliegende, in wel-\nchem sich neben Ordnung und Form auch ein guter Ge-\nschmack und überhaupt ein Streben nach dem ästhetischen\nZiele deutlich ausspricht, so dass demnach vom Compo-\nnisten, wenn er den betretenen Weg für diese Gattung\nmit Lust und Liebe fortsetzt, lür die Zukunft nur Tüchti-\nges und Gutes zu erwarten steht.\nDer erste Satz, Allegro con 4/4> zeigt in\nder Melodie einen schönen natürlichen Fluss, Abwechslung\nund Mannigfaltigkeit, und dabei einen wohlgeordneten or-\nganischen Zusammenhang. Die Ausführung der ganzen So-\nnate überhaupt ist nicht mit grossen Schwierigkeiten ver-\nbunden, so dass auch Dilettanten sich an diesem Werke\nsowohl ergötzen als lördern können. Ein einziges Mal be-\nhauptet sich jedoch (im ersten Satze, S. 7, oben) ein recht\nwiderhaariger Rhythmus durch sechs volle Tacte hindurch\nin der linken Hana, der nicht nur schwer vom Spieler zu\nfassen ist, sondern sogar trotzdem, dass richtig gespielt\nwürde, als ein wirklicher rhythmischer Fehler angesehen\nwerden dürfte. Natürlicher und um Vieles leichter wäre\nz. B. im zweiten Tactviertel die Stellung der beiden Sechs-\nzehntheile nach der zweiten Achtelpause gewesen:"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "47", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560209-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1369, "texte": "Ferner will sich Seite 9, vorletzte Zeile, vorletzter Tact,\nein Querstand etwas bemerkbar machen, der wie nachstehend\ngemildert und beseitigt werden könnte, wo auch die Mo-\ndulation besser zu Anfang des Tactes:\nDer Miltelsatz, Andantino 4/4> ist\ngeschmackvoll und von gemüthlichem Ausdrucke, unter\nzweckmässiger und neuer Verwendung zugleich der tech-\nnischen Mittel, indem die rechte Hand zu einer (bald als\nUnter-, bald als Oberstimme geführten) Haupt-Melodie zu-\ngleich stetig auf die schlechten Achtelzeiten ihre gleichzei-\ntige Begleitung stellt, während der Bass, stets in Octaven\nfortschreitend, hier die guten Achtel zu markiren hat. (S.\n12, Zeile 2, Tact 1 müssen natürlich die drei letzten Bass-\nAchtel Octaven, statt Decimen, sein.) Auch dem bewegten\nFinale, Allegro assai, G-dur,4/4, fehlt es nicht an natür-\nlich-einfachen, gesunden Melodieen, wie an der kunstgerech-\nten Anordnung und Wiederholung der Hauptgedanken oder\nThema's. Auch hier herrscht Abwechslung und Mannigfal-\ntigkeit, wie im ersten Satze, und für eine leichte oder leich-\ntere Spielbarkeit NB. in der raschen Ausführung ist auch\nvom Componisten Sorge genug getragen. Einige Kleinig-\nkeiten hinsichtlich der Stimmführung würde derselbe in\nder Mittelstimme der zweiten Notenzeile bei genauer oder\nnäherer Prüfung abzuändern sich vielleicht bewogen ge-\nlühtt haben.\nGöthen.\n\nLouis Kindscher."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-02-09-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-02-09_01#c006", "volume": "bmtnabi_1856-02-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "47", "page_fin": "48", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560209-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "47", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560209-01.1.7", "debut_caractere": 1371, "fin_caractere_exclue": 5202, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nSiöin. Der Carneval hat während der grössten Hälfte der\nWoche sein Recht behauptet. In musicalischer Piücksicht brachte\ndie Gesellschaft „Augustin Casino\", welche zu allgemeinem\nBedauern einige Jahre lang geschwiegen, in ihrer humoristischen\nVorstellung am Faschings-Dinstage einige sehr gelungene Parodieen\nMeyerbeer'schcr Musik, z. B. des Finales der Hugenotten, des Krö-\nnungs-Chors aus dem Propheten, dessen Melodie, sehr hübsch ca-\nnonisch behandelt, zu einem Prolog benutzt war, in welchem erst\ndie acht Stimmen, eine nach der anderen erscheinend, dem Publi-\ncum „Guten Morgen\" boten, bis endlich eine kolossale Gestalt, von\neiner Schaar Knaben umgeben, aus dem Hintergrunde der Bühne\nvorschritt, und dieser Chor mit grosser Trommel und Becken en\ninasse „Guten Morgen\" plärrte! Da die Billets zu der Morgen-Vor-\nstellung in Zeit von einigen Stunden vergriffen waren, so willfahr-\nten die Darsteller dem Verlangen nach einer Wiederholung, welche\nan demselben Tage, Nachmittags 5 Uhr, Statt fand. Der Saal war\nbeide Male gedrückt voll; die Einnahme (dieses Jahr weit über\n1000 Thlr.) verwendet die Gesellschaft stets zu wohlthätigen Zwecken.\nDas Theater-Repertoire brachte von Sonnabend bis Mittwoch:\nWilhelm Teil von Rossini Die Räuber von Schiller Der Pro-\nphet von Meycrbcer Die Zauberflöte Don Juan bei stets\nvollem Hause. - Das Zuströmen der Fremden war in diesem Jahre\nso stark wie noch nie seit 1848.\n** Barnten. Der 27. Januar sah auch bei uns eine zahlreiche\nund andächtige Zuhörerschaar vereinigt, um des gefeierten Meisters\nDon Juan zu hören. „Wie? Theater in Barmen?'4 Das nicht;\nwir befanden uns im Gonccrtsaale, und wundern Sie Sich nur\nnoch mehr! wir konnten nicht einmal ein Orchester an diesem\nTage haben. „Und dennoch den Don Juan?\" Allerdings. Statt\nder wundervollen Klang-Verschiedenheit des Orchesters nichts als\nein Flügel, zuweilen von vier Händen, meistens nur von zweien in\nBewegung gesetzt; keine Scenerie, keine Decorationen, keine Co-\nslüme, kein Spiel, keine Schminke, keine Lampen, kein Champagner\noder Limonade gcizeuse, keine Reiter-Statue, keine Teufel, kein\nFeuerregen\nsik, bloss Mozart's Töne, bloss seine Melodieen und Rhythmen,\nvon schönen Stimmen künstlerisch und charakteristisch gesungen\nund von Reinecke am Pianofortc geschickt und so ausdrucksvoll,\nals dies Instrument es erlaubt, begleitet weiter nichts, und das\nResultat dennoch eine allgemeine Begeisterung, ein allgemeiner\nAusbruch der höchsten Verehrung für den Schöpfer eines solchen\nWerkes, mit Einem Worte: ein Triumph für die specifische Musik.\nMan sagt wohl: „Im Schlafrock gibt es keinen grossen Mann!\"\naber wenn er nur wirklich gross ist, so bleibt er es auch in jeder\nTracht. Mozart im Hauskleide fesselte mit seiner geistreichen Un-\nterhaltung, in welcher er die herrlichsten Ideen auf die einfachste\nWeise aussprach, die ganze Versammlung so zauberhaft, dass ein\nJeder die volle Ueberzeugung mit nach Hause nahm, dass das Voll-\nkommene in der Tonkunst nur durch die Selbstständigkeit ihrer\nPriester, durch ihre Unabhängigkeit von anderen Künsten, durch\ndie Weihe des rein musicalischen Genius erreicht werde.\nUnter dem Gesang-Personale erwarb Herr DuMont-Fier aus\nKöln den Preis; er sang die Partie des Don Juan mit so viel Wohl-\nklang und Sicherheit, namentlich aber mit so feinem Ausdruck des\nCharakters und mit so richtiger, der jedesmaligen Lage angemesse-\nnen Declamation, dass wir gar manchen Don Juan unserer gegen-\nwärtigen Bühnen herbei wünschten, um von diesem Vorbilde zu\nlernen. Auch der Leporello des Herrn Schiffer war gut, während\nin den übrigen, von hiesigen Dilettanten übernommenen Partieen\ndurchaus nichts verdorben wurde, und der Chor recht frisch mit-\nwirkte. Die Damen Mann (Donna Anna), Thelen (Elvira) und\nDannemann (Zerline) vertraten ihre Rollen auf lobenswerthe"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "48", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560209-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6641, "texte": "Weise, so dass das Ganze eine sehr befriedigende und des festli-\nchen Tages nach den gegebenen Verhältnissen ganz würdige Auf-\ntührung war.\nUnsere Soireen für Kammermusik haben am 19. Januar\nauch wieder begonnen.\nHeinrich Marschner's neueste dramatische Composition:\n„Der Goldschmied von Ulm\" von Mosenthal (s. Nr. 47. d. 81. vom\n24. Nov. 1855) ist zu Dresden in Scene gegangen und bereits in\nden ersten vierzehn Tagen acht Mal gegeben worden.\nlieber die Mozartfeier in Wien laufen allerlei Berichte und\nGerüchte in der Welt um, aus deren Zusammenstellung und Sich-\ntung so viel hervor zu gehen scheint, dass der Eindruck des Gan-\nzen sowohl durch Anordnung und Auswahl, als durch mangelhafte\nAusführung ein verfehlter gewesen. Nur die zwei Instrumental-\nslücke, die Ouvertüre zur Zauberflöte und die G-moZ/-Sinfonie, sol-\nlen nach den uns bis jetzt zugegangenen Nachrichten in genügen-\nder Weise aufgeiührt worden sein; alles Uebrige, von G. Seidl's\nProlog bis zum Finale aus Don Juan wird selbst von Blättern, die\nsehr entschuldigend und beschönigend auftreten, als misslungen\ndargestellt. Namentlich sollen das genannte Finale (besonders das\nMasken-Terzett) und mehrere Sätze aus dem geradezu ver-\nhunzt worden sein, wie man denn überhaupt sämmtliche Solisten\ngar wenig loben will und bei manchen von ihnen den geschmack-\nlosen, aller Pietät gegen Mozart crmangelnden, Vortrag ernst-\nlich rügt.\nAls Curiosum entheben wir den wiener „Blättern für Musik\"\nvon L. A. Zellner folgende Stellen über Franz Liszt. Herr Z. sagt\nin Nr. 9: „Die Aufführung der Ouvertüre und Sinfonie bewies,\ndass es nur auserlesenen Geistern gegeben ist, neue, ungeahnte\nReichtbümcr aus den Tiefen des Kunstwerkes hervor zu holen.\"\nEr weis t nun zum Beweis auf „zwei neue, von Liszt in der\nZauberflötcn-Ouverture angebrachte Vortrags-Momente\" hin, näm-\nlich: „die Accentuirung bloss des vierten Viertels im Thema\", und\n„die Weglassung der gewohnten (??) Ligaturen bei den drei B-dnr-\nAccorden\" in der Mitte!!! Was jeder Musikschüler, ich möchte sa-\ngen: jeder Orchesterdiener, weiss, was jedes Dilettanten-Orchester\nheutzutage von selbst thut, ohne dass der Dirigent daran zu erin-\nnern braucht, davon sagtHc. Zöllner: „Dass Liszt, und eben kein\nAnderer, diese anscheinend so nahe liegenden (!) Effecte fand,\ndiese Thatsache dürfte für die seltene geistige Höhe, auf welcher\ndieser Künstler steht, eines der unzähligen Zeugnisse abgeben.\"\nNun, Liszt wird sich für dieses Argument schönstens bedanken!\nZum Schluss auch noch folgende Stelle:'„Ueber Liszt's ausser-\ngewöhnliches Directions-Talent, das man sowohl bei der Auffüh-\nrung, besonders aber bei den Proben bewundern lernte, werden\nwir möglicher Weise die philiströse Bemerkung zu Gesicht bekom-\nmen, dass er einen präcisen Drei- oder Vierviertel-Tact nicht zu\nschlagen vermöge. Wahr Liszt dirigirt nicht den Tact, er diri-\ngirt den Vortrag; er battirt nicht metronomisch, er zeichnet den\nAusdruck; er.arbeitet selten mit dem stockbewehrten Arme, aber\nein Blick seines Auges, ein leises Nicken mit dem Kopfe, eine un-\nmerkliche Handbewegung sind die Elektromagnete, womit er den\nganzen Tonkörper leitet und belebt.\"\nHannover. Bei Gelegenheit der Mozartfeier daselbst schreifit\nder Hannover'sehe Courier: ~ Es handelte sich um eine\nRepräsentation der Tonkunst, deren Glanz, je heller er\nstrahlte, ein um so schöneres Licht auf die betreffende Anstalt und\nderen Lenker zurückwerfen musste. Mit neidischen Augen werden\nwir Berichte voll des Lobes und des Dankes für das genossene\nSchöne und Gute verfolgen; schmerzlichst empfinden wir es, hinter\nihnen allen zurückbleiben zu müssen und für unsere geliebte Va-\nterstadt nicht mit demselben frohen Bewusstsein, mit demselben\nStolze in die Schranken treten zu können. Freilich besitzt dieselbe\neine bedeutende Kunstanstalt, sie umschliesst musicalische Kräfte,\nwie sie selten vereint sind, sie besitzt einen Mann, dessen Name\nallein schon hinreicht, jeglicher Repräsentation der Kunst der Mu-\nsik einen strahlenden Glanz zu verleihen; denn dieser Mann ist\nder erste der jetzt lebenden deutschen Componisten, und als sol-\ncher anerkannt, hoch geehrt und gepriesen, so weit die deutsche\nMusik ihre Anhänger, ihre Jünger zählt: Heinrich Marsch-\nner! Bei der Feier eines solchen Nationalfestes, wie es am 27.\nJanuar abgehalten wurde, musste Marschner als Repräsentant der\ndeutschen Musik an der Spitze der Festivitäten stehen, so erforder-\nten es die Rücksichten, die man theils dem übrigen Deutschland,\nthcils dem einheimischen Publicum schuldete, so erforderte es die\nAchtung, die Verehrung, die man dem Meister unter allen Umständen\nnie versagen darf, ohne zu gleicher Zeit in ihm die Musik und die\nKünstler zu verletzen. Um das zu erkennen, bedarf es nur eines\ngeringen Grades von Schickliehkeits-Gefühl. Alles dieses hat man\nhier in Hannover aber aus den Augen gesetzt; man hat allerdings,\num nicht gar zu sehr hinter den Bestrebungen des gesammten\nDeutschlands zurück zu bleiben, eine Feier des Tages durch Auf-\nführung des „Don Juan\" angekündigt, man hat einen Prolog\nsprechen lassen und ein Tableau mit Mozart's bekränzter Büste dem\nPublicum gezeigt; aber diese Feier hatte keine Weihe, keinen Ernst,\nund es ist von ihr nichts übrig geblieben, als die Ankündigung auf\nden Theaterzetteln; das Publicum, welches sich unter enornemZu-\ndrange an der Feier betheiligt hatte, so dass im ganzen Hause nicht\nEin Plätzchen unbesetzt geblieben war, verliess dasselbe missmuthig\nund unbefriedigt. Schon ehe die Vorstellung begann, machte\nsich das Erstaunen und die Verwunderung des Publicums, anstatt\ndes gefeierten Marschner den zweiten Capellmeister Fischer den\nDirigentensitz einnehmen zu sehen, durch laute Rufe nach dem\nErsteren Luft. Das Publicum fühlte sich, und mit vollem Rechte,\nverletzt, und eine tiefe Verstimmung machte sich bemerklich. So\nging die Ouvertüre wirkungslos vorüber. Trotzdem, dass die Oper\nhier lange nicht gegeben, ist doch die Erinnerung an die früheren\nAufführungen derselben unter Marschner's Direction noch zu frisch,\ndas Publicum kennt diese Musik, die mehr wie irgend eine andere\nins Volk gedrungen ist, zu genau, um sich durch ein gefühlloses\nAbspielen derselben befriedigt fühlen zu können. Von Nummer zu\nNummer aber wuchs die Verwunderung, die Missstimmung und\ndas Unbehagen\" u. s. w. Wie ist eine solche Rücksichtslosig-\nkeit, oder richtiger: eine so unverantwortliche Kränkung eines Mei-\nsters der Töne wie Marschner, möglich gewesen? Hat vielleicht der\nHerr Intendant der k. Bühne und Hofcapelle dadurch beabsichtigt,\nneben Marschncrs iNamcn in ganz Deutschland genannt zu werden?\nFürwahr! durch solche Thaten\nWird auch berühmt ein —!"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "41", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560209-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nUeber Jenny Lind und geistige Tonfarbe im Gesänge. Von —tz—. Beurtheilungen: Th. Gouvy, Vier Serenaden für\nPianoforte. Sonate in G-dur. Von L. Kindscher. Tages- und Unterhaltungsblatt (Carneval in Köln Mozarlfeier in\nBarmen Marschner's „Goldschmied\" in Dresden Mozartfeier in Wien in Hannover).\n\nUeber Jenny Lind\nund geistige Tonfarbe im Gesange.\n\nDie künstlerische Laufbahn von Jenny Lind ist durch\ndie hohe Vollendung ihres Gesanges zu einer der glänzend-\nsten der Gegenwart geworden. Von dem ersten Erschei-\nnen an erregte die Künstlerin enthusiastische Bewunderung,\nund auch heute ist die Reihe ihrer Triumphe nicht ge-\nschlossen. Ihre Leistungen sind unerreicht geblieben durch\ndas Seelenvolle, Sympathische ihres Tones, durch dessen\ngeistige Färbung, die jede Stimmung, jeden Affect mit so\nüberzeugender Wahrheit auszudrücken vermag, dass sie\nden Hörer wie durch Zauber in das Seelenleben, welches\nsie schildert, hineinzieht und ihn zu folgen zwingt, so weit\ner zu folgen vermag. So allgemein, wie dieses geistige Ton-\nElement als Haupt-Ursache der bewältigenden Wirkung\nihres Gesanges anerkannt wird, eben so selten begegnet\nman klarem Verständnisse, wie es der Künstlerin möglich\nwird, die Charakteristik des Tones bis zur grössten Be-\nstimmtheit zu entwickeln und durchzuführen.\nAm häufigsten hört man diese Eigenschaft der genia-\nlen Künstler-Natur, der höchsten Erregbarkeit der Phan-\ntasie der Sängerin unmittelbar zuschreiben, indem sie es\nvermöge, sich mit solcher Lebhaftigkeit in die geschilderten\nSeelen-Zustände zu versetzen, dass sie dieselben wie in\nWirklichkeit durchlebe, und desshalb der Ton den ergrei-\nfenden Charakter der Wahrheit naturgemäss erhalten müsse.\nZu dieser Ansicht verleiten gewöhnlich die irrigen Voraus-\nsetzungen, Gefühl und Ausdruck seien von der Natur so\ngleichmässig und eng verbunden, dass man von dem Grade\ndes letzten auf den des ersten zurückschliessen könne,\nund sodann, es handle sich im Gesänge um die Wirklich-\nkeit von Beiden.\nWenn wir diese Ansichten zu widerlegen versuchen,\nso geschieht es vornehmlich, um dem schädlichen Einflüsse\nentgegen zu wirken, welchen sie auf das Gesang-Studium\nausüben.\nStefen de la Madeleine sagt in seinen\npletes du chant:\n„Das Gefühl ist der angenehme oder unangenehme\nEindruck, den gewisse Dinge auf ein lebendes Wesen her-\nvorbringen, wonach es die einen sucht, die anderen flieht.\nDer Ausdruck das Zeichen hiefür steht im Verhältnisse\nzu der Vollkommenheit der Organe, wodurch er in die Er-\nscheinung tritt. Dürfen wir z. B. schliessen, dass der Affe,\nder Hund lebhafter fühlen, als der Fisch, dessen Bewegun-\ngen für uns vollkommen ausdruckslos bleiben? Die Mittel\ndes Ausdrucks für den Menschen beruhen in der Geberde,\nin der Energie der Gesten, in dem Spiel der Gesichtsmus-\nkeln, in der relativen Lebhaftigkeit des Blickes, in dem\nKlange der Stimm? u. s. w. Je nachdem ihm diese Aus-\ndrucksmittel individuel zugetheilt sind, drückt der Mensch\nseine Gefühle mehr oder minder leicht und bestimmt aus.\nWer diese Mittel ganz oder theilweise entbehrt, kann in-\ndess mit tieferem Gefühle begabt sein als der, dem sie in\nvollem Maasse zugetheilt sind und der davon nur zu häufig\neinen täuschenden Gebrauch macht. Auch findet man oft,\ndass die am tiefsten und zartesten fühlenden Naturen ihre\nGefühle mit einem Rückhalt manifestiren, der sie bei ober-\nflächlicher Beobachtung kalt erscheinen lässt.8\nWollte man daher im Leben die mehr oder minder\ngewandte Benutzung der Ausdrucksmittel als Maassstab\nfür das Gefühl anlegen, so würde man sich in den meisten\nFällen täuschen. Für die Beurtheilung des Sängers aber,\nselbst wenn er zu der Zahl der wenigen Auserlesenen ge-\nhörte, welchen die Natur die höchsten Gaben von Gefühl\nund Ausdruck verliehen, würde dieser Maassstab ein völlig"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "42", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560209-01.1.2", "texte": "trügerischer werden, weil der Ausdruck im Gesänge nicht\nauf Natur-, sondern auf Kunst-Wahrheit beruht.\nDie Kunst im Allgemeinen hat nicht die Natur, son-\ndern die möglichst frappante Nachahmung derselben in\nidealer, ästhetischer Gestaltung zum Zwecke. Für die bil-\ndenden Künste liegt diese Wahrheit zu sehr auf der Hand,\num verkannt zu werden; für den Gesang dagegen ist sie\nweniger augenfällig, so dass man nur selten klarem Ver-\nständnisse darüber begegnet. Wie der Maler die Natur, so\nmuss der Sänger die verschiedensten Gemüthsstimmungen\nund Affecte nach dem Leben studiren, sich des Zusammen-\nhanges klar bewusst werden, wodurch sie sich namentlich\nim Klange der Stimme offenbaren, und sie dann künstle-\nrisch nachbilden. Bei diesem Studium wird er gewahren,\ndass jede Bewegung der Seele in der Geberde, besonders\nin den Gesichtszügen, ihren Wiederhall findet, und dass\nsie es sind, welche einzig und allein der Stim-\nme den entsprechenden Klang geben, nicht\naber die innere Bewegung an und für sich. Wer\nden Zügen den Ausdruck eines bestimmten Seelen-Zustan-\ndes gibt, ohne ihn zu empfinden, verleiht der Stimme die\nentsprechende Farbe, während sie völlig ausdruckslos bleibt,\nso lange die Züge den Charakter der Gleichgültigkeit be-\nhalten, wenn auch die heftigste Leidenschaft die Seele be-\nwegt. In einem Missverhältnisse zwischen Gesichts-Aus-\ndruck und Gefühl kann man die Verlegenheit, die Absicht\nder Täuschung zu erkennen geben, der Physiognomie und\ndem Klange der Stimme aber einen verschiedenen Aus-\ndruck zu verleihen, ist völlig unmöglich. Jeder Zweifel in\nder Tragweite dieser Erscheinungen wird durch einen mit\nHülfe des Spiegels leicht anzustellenden Versuch schwin-\nden; er wird beweisen, dass von den Gesichtszügen allein\nWahrheit des Ausdrucks abhängt. Ein dem Wortlaute\nnach freundlicher Gruss lässt sich z. B. durch Veränderung\nder Züge in eine Aeusserung des Vorwurfs, der Drohung,\ndes Spottes, des Unwillens verwandeln. Jede Verzerrung\nderselben entstellt die Stimme und gibt ihr einen mehr\noder minder widerwärtigen Klang.\nAlle angegebenen Einwirkungen auf den Sprach-Ton\nmanifestiren sich in verstärktem Maasse im Gesang-Tone,\nweil er als erhöhte Potenz des ersteren zu betrachten ist.\nBeide beruhen auf demselben Mechanismus des Stimm-Ap-\nparates, nur mit dem Unterschiede, dass der Gesang-Ton\neine entwickeltere Bewegung der Organe nöthig macht,\nwie sie sein entwickelteres tonliches Element erfordert. Der\nSänger muss demnach jede Verzerrung der Züge vermei-\nden, wenn er keine Misstöne hervorbringen will, sodann\ndem Gesichte einen bestimmten charakteristischen Ausdruck\ngeben, wenn er bestimmte Seelen-Zustände durch den Ton\nin die Erscheinung treten lassen will.\nDer eine Theil dieser zwiefachen Aufgabe umfasst die\nrein materielle Tonbildung, die Beherrschung der Stimme\nohne bestimmten Ausdruck, unter Vermeidung jeglicher\nVerzerrung der zum Stimm-Werkzeuge gehörigen Organe,\nin allen Graden von Kraft, Fülle, Weichheit und Beweg-\nlichkeit; der zweite die geistige Tonbildung, die Verbindung\ndes fehlerfreien Gesang-Tones mit geistiger Farbe durch\ndie Mimik. Die geistige Tonbildung hat somit eben sowohl\nihre Technik, ihren Mechanismus, wie die materielle. So\nlange nur der erste Theil der Aufgabe gelös't ist, erhebt\nsich der Gesang-Ton nicht über die Wirkung eines schö-\nnen Instrumentes, er behält eine rein instrumentale Farbe;\nerst durch die Lösung des zweiten gewinnt er geistiges\nLeben, geistige Farbe und erhebt sich hoch über alles\nAndere, was zur Ton-Erzeugung gebraucht wird. Der\nSänger muss demnach durch die Gesichtszüge die verschie-\ndensten Stimmungen und Affecte darstellen und den\nAusdruck derselben ungezwungen und frei mit dem Tone\nverbinden lernen. Es eröffnet sich ihm sonach gerade\nda, wo die meisten Sänger die technischen Studien als be-\nendet betrachten, ein neues, weites Feld derselben, weil es\nungemein schwierig ist, den Ausdruck der Züge in allen\nLagen der Stimme, auf den verschiedensten Vocalen, zer-\nrissen durch die Consonanten, namentlich bei deren Anhäu-\nfung in unseren nordischen Idiomen, und in allen Bewegun-\ngen durchzufuhren. Nur durch das ausdauerndste Studium\ngelangt man zum Ziele; denn auch der glücklichst organi-\nsirte Sänger wird nur periodisch geistige Farbe gewinnen,\nwenn er ihren Mechanismus nicht mit vollem Bewusstsein\nzu bemeistern gelernt hat, und immer wieder in die todte,\nrein instrumentale zurückfallen. Seine Leistungen werden\nsich nie über den unbefriedigenden Eindruck eines Bildes\nerheben, dem es an Einheit der Farbe fehlt.\nUm den Vortrag zu wirklich künstlerischer Hohe und\nAbrundung zu bringen, muss der Sänger ferner das gei-\nstige Verständniss des Tonstückes besitzen. Er muss das-\nselbe zu dem Ende analytisch durchforschen, sich über den\n«J '\nVortrag im Ganzen und Einzelnen klar werden und die\nWirkungen nach allen Richtungen hin erwägen und fest-\nstellen. Der Sänger, welcher sich auf die glückliche Einge-\nbung des Augenblickes verlässt, wird das Schicksal des\nImprovisators theilen, der seine guten und schlechten Tage\nhat; er wird nie Künstler ersten Ranges werden."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "43", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560209-01.1.3", "texte": "Wir reden indess der Berechnung auf Koslen der Be-\ngeisterung nur anscheinend das Wort. Der Künstler soll\nsich seiner Inspiration überlassen, aber nur mit grösstef\nVorsicht und erst dann, wenn ihm die durch die materiel-\nlen und geistigen Studien erworbenen Qualitäten, von wel-\nchen wir sprachen, so zur zweiten Natur geworden sind,\ndass er auch im Momente höchster Begeisterung die Glän-\nzen idealer, ästhetischer Darstellung nicht überschreitet.\nDenn wer sich dem stolzen Rosse der Begeisterung anver-\ntraut, ohne es bändigen gelernt zu haben, wird sicherlich\nin den Koth geworfen. Die begeisterte Stimmung aber,\nwelche den Künstler zu dem Höchsten emporschwingt, was\ner individuel zu leisten vermag, ist wesentlich von dem ver-\nschieden, was wir im Eingange andeuteten; denn in der\nWirklichkeit des Gefühls liegt kein Element\nkünstlerischen Schaffens. Der Sänger, welcher bei\nder Schilderung tiefen Schmerzes sich so ergreifen liesse,\ndass er in Thränen ausbräche, würde nicht singen können;\nder Maler, der bei gleicher Aufgabe der Darstellung fort-\nwährend die Thränen in den Augen hätte, würde Pinsel\nund Palette zur Seite legen müssen.\nWir möchten, nachdem wir die Mittel des Ausdrucks\ndurch geistige Tonfarbe in ihrem hohen Werthe anschau-\nlich gemacht haben, einer Lieberschätzung derselben entge-\ngentreten. Die Künstler, welche diese Mittel kennen und\nanwenden, können sie keineswegs mit demselben Erfolge\ngebrauchen. Nur die Fähigkeit besitzen sie dadurch, dasje-\nnige zum Ausdrucke zu bringen, was sie nach individueller\nBegabung und geistiger Entwicklung zu empfinden vermö-\ngen. Der Mechanismus geistiger Tonfärbung wird daher\ndas wunderbare Werkzeug des genialen Künstlers, womit\ner alle Richtungen und Abstufungen seines eigenen Seelen-\nlebens darstellt; er bleibt ein völlig todtes in der Hand\neiner gefühllosen, prosaischen Natur. Die Gaben, welche\nder Künstler von der Vorsehung empfangen, bleiben somit\nendgültig das, was ihm die Rangstufe anweis't. Sie gibt in-\ndess nur grössere oder geringere Anlagen, und überlässt\nes ihm, mit dem Pfunde zu wuchern, aber keine ein-\nzige künstlerische Eigenschaft unmittelbar\nund d i r e c t.\nAuch Jenny Lind hat die vollendete Beherrschung der\ngeistigen Tonfarbe, obgleich sie den Stoff aus reichbegab-\ntester Künstlerseele schöpft, durch Studium erwerben müs-\nsen. Die Sängerin trat mit dieser hervorragenden, sie cha-\nrakterisirenden Eigenschaft schon vor dem achtzehnten Jahre\nauf, und desshalb könnte man glauben, die Vorsehung habe\nsie zu einer Ausnahme erkoren und sie mit den höchsten\nkünstlerischen Gaben unmittelbar überschüttet. In ihrem\njugendlichen Alter hatte sie indess eine grosse Reihe von\nJahren des ernstesten Studiums zurückgelegt. Als Kind von\nzehn und einem halben Jahre trat sie in die Stockholmer\nTheater-Schule und wurde dadurch Schülerin des schwedi-\nschen Hofsängers und Gesanglehrers der königlichen Fa-\nmilie, des Herrn Berg. Die Traditionen der classischen\nSchule hatte er durch den berühmten italiänischen Teno-\nristen Siboni empfangen, der seine letzte Lebens-Periode in\nKopenhagen als Gesanglehrer zubrachte. Durch ihn lernte\nBerg die geistige Tonfarbe würdigen, überzeugte sich aber\nauch, dass die Volltönigkeit der italiänischen Sprache, ihr\nReichthum an Vocalen und die südliche Beweglichkeit der\nPhysiognomie dem Italiäner fast unbewusst über alle Schwie-\nrigkeiten der Tonbildung weghelfen. Berg lebte mehrere\nJahre in Italien, trat dort auf einigen Bühnen auf, durch-\nforschte das Wesen der Stimme und entwickelte ihre ma-\nteriellen und' geistigen Eigenschaften bis zu wissenschaft-\nlicher Klarheit. Als ihn der Tod des Vaters plötzlich in die\nHeimat zurückrief, wurde er dort gefesselt und für die\nLeitung der Gesangclasse der Stockholmer Theater-Schule\ngewonnen. Wollen wir ein Bild seiner Methode geben, die\nwir während eines längeren Aufenthaltes Berg's in Deutsch-\nland kennen lernten, so können wir auf das verweisen, was\nwir in Nr. 149, 150 und 151 der Rheinischen Musik-\nZeitung von 1853 über Delsarte in Paris mittheilten. In\no\nder Behandlung des rein Technischen*) weichen Beide nur\nin einigen Details ab, während sie vollendete Tonbildung\nals höchste Aufgabe betrachten, Alles im Hinblicke daraul\nbehandeln und die geistigen Ton färben fortwäh-\nrend praktisch mit ihren Schülern durcharbei-\nten. Berg und Delsarte sind, soweit es uns bekannt ist,\ndie einzigen Gesanglehrer, welche in dieser Weise Mimik\nund Gesang in die engste Verbindung des Studiums brin-\ngen. Wollen wir eine nicht unwesentliche Verschiedenheit\nBeider hervorheben, so müssen wir darauf hinweisen, dass\nBerg das Lyrische, Delsarte das Declamatorische im Ge-\nsänge mit Vorliebe behandelt. Berg's Unterricht wirkt zu-\ndem im höchsten Grade anregend durch die grosse Leben-\ndigkeit und Aufmerksamkeit, womit er ihn ertheilt, durch\n\n*) Wir können nicht unterlassen, besonders darauf aufmerksam\nzu machen, dass Berg wie Delsarte die Stimme aus dem\nMedium mit sorgfältiger Vermeidung physischer\nErmüdung entwickelt. Die entgegengesetzte Behandlung,\ndas Forciren nach Höhe und Tiefe, hat uns in den letzten\nJahren wieder die traurigsten Folgen vor Augen gebracht.\nSie untergräbt die Kraft der Stimme, häufig sogar die der\nLunge, und sollte sanitäts-policeilich verboten werden."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "44", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560209-01.1.4", "texte": "das grosse Interesse für Kunst im Allgemeinen, das sich\ndarin ausspricht.\nAls Jenny Lind Berg's Schülerin wurde, erkannte er,\ntrotz der Schwäche des Organs, sofort die aussergewöhn-\nliche Begabung des Kindes. Er arbeitete fast täglich mit\nder viel versprechenden, genialen Schülerin eine Reihe von\nmehr als sechs Jahren hindurch, bis zu ihrem Auftreten\nauf der Stockholmer Bühne in der Rolle der Agathe im\nFreischütz, die nur durch den im vierzehnten Jahre eintre-\ntenden Stimmwechsel einige Monate unterbrochen wurde.\nDie Schülerin zeichnete sich während dieser Zeit nicht we-\nniger durch Genialität als durch den grössten, ausdauernd-\nsten fleiss, den festesten Willen, das Höchste in der Kunst\nzu erreichen, vor allen übrigen aus.\nWir glauben durch diese Mittheilungen die musicali-\nsche Ausbildung von Jenny Lind im Interesse der Kunst\nin das wahre Licht zu stellen. Derselben sind offenbar die\nwenigen Monate, welche sie einige Jahre später mit Garcia\nin Paris arbeitete, als physische Anstrengung in ihrem Be-\nrufe und geistige Aufregung in ihren Familien-Verhältnis-\nsen sie veranlassten, Stockholm zu verlassen, kaum zuzu-\nrechnen. Göthe sagt von Raphael: „Um ihn recht zu erken-\nnen, ihn recht zu schätzen, aber auch nicht ganz als einen\nGott zu preisen, der ohne Vater und Mutter erschienen\nwäre, muss man seine Vorgänger, seine Meister ansehen.\nDiese haben auf dem festen Boden der Wahrheit Grund\ngefasst, sie haben die breiten Fundamente emsig, ja, ängst-\nlich gelegt und mit einander wetteifernd die Pyramide in\ndie Höhe gebaut, bis er zuletzt, von allen diesen Vorthei-\nlen unterstützt, von dem himmlischen Genius erleuchtet,\nden letzten Stein des Gipfels aufsetzte, über und neben dem\nkein Anderer stehen kann.\"\nWir glauben der gefeierten Künstlerin nicht zu nahe\nzu treten, wenn wir diesen Ausspruch Göthe's auch auf\nsie anwenden, wenn wir behaupten, dass auch sie sich nur\nunter der Leitung eines so genialen Lehrers wie Berg, der\nauf dem festen Boden der Wahrheit Grund gefasst, so früh\nentwickeln konnte, um schon im achtzehnten Jahre als\nvollendete Künstlerin die glänzende Laufbahn zu betreten,\nauf der sie noch jetzt Alles überstrahlt. Wir lassen uns in\ndieser Ueberzeugung auch durch Jenny Lind selbst nicht\nbeirren, wenn sie in einem Briefe, der in Nr. 4 der leipzi-\nger Signale d. J. aufgenommen wurde, den oberflächlichen\nund für die Stimme so gefährlichen Unterricht der pariser\nund londoner Gesanglehrer*) anempfiehlt, ohne Berg's zu\ngedenken, der als kräftiger Fünfziger mit jugendlicher Gei-\nstesfrische auch jetzt noch in Stockholm wirkt. Wir er-\nblicken darin nur den Beweis, dass sie seinen Unterricht\nin zu früher Jugend empfing, um sich seines Werthes und\nEinflusses klar bewusst zu werden.\nWir kommen mit einigen Worten auf das vorjährige\nniederrheinische Musikfest zurück, weil dasselbe durch den\nVei gleich zwischen Jenny Lind und den mit ihr auftreten-\nden Künstlern den reichsten Stoff für das Studium des Zu-\nsammenhangs von Mimik und Tonfärbung bot, die interes-\nsantesten Gegensätze zur Anschauung brachte.\nJenny Lind stellt die Seelen-Zustände nicht nur durch\ndie Gesichtszüge dar, sondern auch durch die ganze kör-\nperliche Haltung. Durch unscheinbare Modificationen der-\nselben, die meist unbemerkt vorübergehen, entfernt sie\neinen jeden Widerspruch in ihrer äusseren Erscheinung\nund entwickelt in derselben eine so vollendete Harmonie,\ndass sie uns in geistiger, fast möchten wir sagen: verklär-\nter, Schönheit entgegentritt. Wer die Sängerin vor dem\nersten Chor der Schöpfung, den die Solostimme mit den\nWorten: „Mit Staunen sieht das Wunderwerk\", einleitet,\nbeobachtete, wird sich erinnern, wie sie die Gestalt vor\nEintritt des Gesanges allmählich vorbog, wie sie den Kopf\netwas erhob, den Blick belebte und über ihre ganze Er-\nscheinung den Ausdruck des Staunens breitete. Wer Jenny\nLind nur betrachten könnte, würde ein vollständiges Bild\ndes dargestellten Seelenlebens in sich aufnehmen. Dieser\nVollendung der Mimik, welche sie sogar in den engen\nGränzen, die dafür der Concert-Vortrag zieht, zu ent-\nwickeln vermag, entspricht die geistige Tonschönheit so\nsehr, dass dadurch die Materie völlig in den Hintergrund\ngedrängt wird. Wir betrachten es als einen der höchsten\nIriumphe der Kunst, dass Jenny Lind, nachdem ihre Stimme\ndurch die grossen Anstrengungen von Proben und Auflüh-\nrangen ipjrner angegriffener und rauher geworden war, ge-\nrade am letzten Tage das Mendelssohn'sche Lied: „Die\nSterne scheinen in stiller Nacht\", mit wahrhaft entzücken-\nder Innigkeit und Wahrheit sang.\nNur Eine Leistung des letzten Tages möchten wir aus\nder Erinnerung bannen, den Vortrag der Arie aus Beatrice\ndi Tenda.Jenny Lind führte darin zwar Passagen und Ver-\nzierungen von der höchsten Schwierigkeit mit bewunderns-\nwerther Sicherheit, Keckheit und Reinheit aus, aber leider\nmit Aufopferung des grössten Theiles der geistigen Farbe.\nDie Töne über dem c der dreigestrichenen Octave, nur mit\nsichtlicher Anstrengung hervorgepresst, verloren sogar\nvollständig den materiellen -Wohlklang. Die Kunstfertigkeit\n\n') S. Nr. 151 der Rheinischen Musik-Zeitung von 1853."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "45", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560209-01.1.5", "texte": "verleitete somit Jenny Lind einen Augenblick, der reinen,\nwahren Kunst und somit ihrem eigensten, innersten Wesen\nselbst untreu zu werden.\nIn den Proben sang Jenny Lind unter häufigem Wech-\nsel zwischen geistiger und instrumentaler Farbe, wobei die\nentsprechende Veränderung der Züge sich in interessante-\nster Weise verfolgen liess. Sie hat daher die Darstellung\nder verschiedensten Stimmungen durch die Tonfarbe offen-\nbar auch dann in der Gewalt, wenn sie völlig kalt bleibt,\nmithin den höchsten Gipfel der Kunst erreicht.\nWenn wir über die Wirkung des Missverhältnisses\nder Züge zu dem Ausdrucke, welchen der Sänger zu ge-\nben beabsichtigt, einige Bemerkungen anreihen, so wählen\nwir dazu die Vorträge des Herrn Schneider aus Leipzig.\nNach jenen von Jenny Lind waren sie unbedingt die bedeu-\ntendsten; wir lernten in Herrn Schneider einen mit schö-\nnen Stimmmitteln begabten, nachdenkenden Sänger kennen,\nder in echt künstlerischer Weise, frei von hohlem Pathos,\nEinfachheit und Wahrheit des Ausdrucks erstrebte. Leider\nhat er die Gewohnheit, seine Stimme mit einer Gezwun-\ngenheit zu gebrauchen, welche sich namentlich in einer\nSpannung der Lippen zeigt und seinem Organ einen nä-\nselnden Beiklang gibt. In dem Maasse, wie Herr Schneider\nseinen Vortrag zu beleben sucht, steigt jene Spannung, so\ndass er stets seinen eigenen Intentionen entgegentritt und\ngerade da am wenigsten gibt, wo er am meisten zu geben\nglaubt, und umgekehrt.\nMan kann daher die Beobachtung der Gesichtszüge\nund die Prüfung der eigenen dem Sänger nicht genug an-\nempfehlen, um dadurch seinen Sinn für Tonschönheit zu\nentwickeln und somit auf die Veredlung seiner Tonbildung\nselbst einzuwirken. Auch dem Kunstfreunde, ja, dem Mu-\nsiker von Fach darf sie als Mittel anempfohlen werden,\nsein Urtheil über Gesang zu berichtigen und zu verfeinern,\nweil sich in demselben nur zu häufig der crasseste Mate-\nrialismus ausspricht.\nWir hoffen, durch unsere Mittheilungen, die wir hier-\nmit schliessen, der Vernachlässigung geistiger Tonfarbe im\nGesänge wirksam entgegen zu treten, und durch die Be-\nleuchtung der musicalischen Ausbildung von Jenny Lind,\nso wie der Principien, welche Berg derselben zu Grunde\nlegte, das Wesen der Studien zur Anerkennung zu brin-\ngen, durch welche einzig und allein ihre Beherrschung er-\nworben werden kann. Wir stellen allen strebsamen jungen\nTalenten Jenny Lind als leuchtendes, vollendetes Vorbild\nhin; vielleicht bleibt sie unerreicht, aber sicher lührt der\nWeg, den wir bezeichneten, ihr näher, wenu er mit Ernst\nund festem Willen betreten wird.\n\ntz\n\nFür Pianoforte.\n\nTh. Gouvy,4 Serenades\nköpf Sf Härtel. Cliaque 10\nNr. 1. Allegretio, F-dur, %. In einer von Venedigs\nWasserstrassen schwankt auf leicht bewegter Meeresfläche\neine Barke dahin. In ihr sitzt ein Jüngling, der in der lauen\nLuft einer sternenhellen Nacht seiner Angebeteten noch ein\nsüsses Abendständchen bringen will. Bald gelangt das\nleichte Fahrzeug an den ersehnten Ort; nun ruht das Ru-\nder, und flugs erklingt als Vorläuferin und Trägerin des\nGesanges die Mandoline mit ihren naiven, munter hüpfen-\nden Tonweisen. Aber über dem doppelten Accompagnement\ndes Instrumentes und der leise plätschernden Meereswogen\nschwebt und erhebt sich nun der seelenvolle Tenor, und\ndie feierliche Stille der Nacht begünstigt und erhöht den\nzauberischen Klang und Wiederklang, dass er noch um\nVieles reizender und köstlicher . Doch wo ist Refe-\nrent denn hingerathen? Er setzte sich ans Ciavier, um zu\nrecensiren, und da kamen ihm beim Spielen diese Bilder\nund Gedanken. Mögen Andere anders denken, gleichviel\nwird doch ein Jeder in dem Punkte übereinstimmen, dass\nin der Composition etwas liegt (und somit ist auch die\nRecension schon gegeben), das, aus Gemüth und überhaupt\nPhantasie entsprungen, wieder zu Gemüth und Phantasie\ngelangen muss. Und so ein Etwas thut eben resp. der\ngegenwärtigen gewöhnlichen Salon-Musik gegenüber\nauch ganz besonders noth, weil erstens nichts in dieser\nMusik liegt (viel Geschrei und wenig Wolle), und wo ganz\ninsbesondere die Salon-Blasirtheit mit all ihrer Ueber-\nspanntheit, Geschmack- und Reizlosigkeit sich so getreulich\nwiederspiegelt. Und wenn nun also diese moderne Salon-\nMusik in ihrer Ziererei, Effecthascherei, wilden Romantik,\nComplicirtheit, überhaupt in ihrer faden Allgemeinheit (oder\nbesser: All-Gemeinheit) wie Unkraut überhand zu nehmen\ndroht, so muss hier nothwendig die Sprache der Natur\n(und das ist zugleich die der wirklichen Poesie) entgegen-\ntreten, und da ist oder sei denn in dem Salon auch jeder\nneue Beitrag herzlich willkommen, wo eben dieser Vorzug\nder natürlichen Wahrheit und Einfachheit sich geltend\nmacht.\nSerenade 2. Allegro con As-dur, %. Die Haupt-\nAufgabe hat der Bass in seinen auf- und absteigenden Ac-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "46", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560209-01.1.6", "texte": "Cordbrechungen der Sechszehntheile zu lösen; jedoch ist\ndiese nicht zu schwierig. Gegen diese kurzen Töne hebt\nsich auch der Contrast der Oberstimme in ihrer mehr ge-\ntragenen Melodie besonders hervor. Die letztere ist über-\nhaupt gesund und frisch, natürlich und ansprechend, und\nihr Reiz wird noch durch den gemülhlichen Ausdruck ge-\nhoben. Einige Modulationen erscheinen zwar etwas kühn\nund blendend, doch sie beleidigen weder das Ohr, noch\nsind sie cokelt oder unnatürlich. Und hierin liegt denn\nüberhaupt auch eine sehr feine Gränzlinie, die manche Com-\nponisten gar nicht sehen.\nSerenade 3. Allegretto scherzandp, 11-moll, 3/\\, gibt\nwieder ein recht echtes italianisches Bild. Wie in Italien auf\nöffentlichen Plätzen das Volk zuströmt, wo die Musik einen\nöffentlichen Tanz ankündigt, so erscheint auch in vorliegen-\nder Composition so einer unter Castagnetten-Begleitung\ndes tanzenden Paares, wozu der Instrumentist als dritte\nPerson noch einen Gesang stellt, welcher, sich mit der\nSchwesterkunst eng verbindend, den Reiz und Genuss noch\num ein Bedeutendes erhöht. Die periodisch auftretende\nSingstimme erscheint hauptsächlich im Alt— da die Ober-\nstimme fortwährend den Tanz-Rhythmus zu vertreten hat\n—, aber springt wohl auch, der neueren Spielart gemäss,\nin die Oberstimme oder sogar Unterstimme der linken Hand\nüber, da- in der gegenwärtigen Technik es bekanntlich ver-\nlangt wird, dass auch unter Sprüngen und Pedalgebrauch\nzwei Hände so viel leisten müssen, als ehemals wohl\nvier. Die so geschmackvollen als geistigen Effecte der Com-\nposition können ihre reizvolle Wirkung auf Zuhörer und\nSpieler nicht verfehlen.\nSerenade 4. AUegro moderato, E-dur, 4/4. Der Com-\nponist entwickelt wieder andere, neue Instrumental-Effecte.\nDie getragene Gantilene in der rechten Hand wird zugleich\ndurch kurze Sechszehntel-Octaven umspielt und durch\nweite Accordgnffe der linken Hand in Achtelnoten beglei-\ntet. Oefters wollen zwar die fortdauernden Spannungen bei-\nder Hände mit einer Ermüdung der letzteren drohen, allein\ndanach fragt der Spieler nicht, da das Interesse an der Sa-\nche ihm Ausdauer und Kraft genug gibt; indem nämlich\nerstens die hier angewandten technischen Mittel natürlich\nund erfolgreich ihrem Zwecke in der Ausführung entspre-\nchen, und zweitens auch die ästhetische Anforderung ihre\nBefriedigung findet, auch schon darin, dass die interessante\nmelodische Cantilene sich durch die Begleitung hindurch-\nschlingt, wie bei einer aus der Vogel-Perspective überschau-\nten Gegend hier und da das strahlende Silberband eines\nFlusses.\n77t. Gouvy, Sonate pour le Piano. Leipsic, Breitkopf\nSf Härtel.Preis 1 Thlr.\nEs muss jedem Freunde der wahren Kunst eine Freude\nsein, wenn die in der letzten Zeit so mit Unrecht vernach-\nlässigte, ja, vergessene Ciavier-Sonate wieder zu ihrem vol-\nlen Rechte gelangt, das sie doch und insbesondere als\noberste und vorzüglichste Kunstform ANcgro, Adagio\n(Menuet, Scherzo), Rondo vor all dem neueren For-\nmenkram verdient. In ihr haben ja auch unsere drei Ton-\nHeroen mit ihre besten Werke niedergelegt, und so wie\nsie überhaupt eine Sinfonie lür das Ciavier genannt werden\nkann, ist sie auch historisch unstreitig erst das wirkliche\nVorbild zur nachmaligen Orchester-Sinfonie (begründet\ndurch Joseph Haydn) geworden. Nicht minder findet sich\nihr Typus in den vormaligen (classischen) Concert-Compo-\nsitionen lür virtuose Instrumental-Musik (Mozart, Beetho-\nven, Hummel, Viotti, Rode, Kreutzer, Spohr, Weber etc.)\nvor. Also sei auch nun jeder neue derartige Zuwachs, der\nnur irgend auf Beachtung Anspruch machen darf, hier will-\nkommen. Und so sei es denn auch der vorliegende, in wel-\nchem sich neben Ordnung und Form auch ein guter Ge-\nschmack und überhaupt ein Streben nach dem ästhetischen\nZiele deutlich ausspricht, so dass demnach vom Compo-\nnisten, wenn er den betretenen Weg für diese Gattung\nmit Lust und Liebe fortsetzt, lür die Zukunft nur Tüchti-\nges und Gutes zu erwarten steht.\nDer erste Satz, Allegro con 4/4> zeigt in\nder Melodie einen schönen natürlichen Fluss, Abwechslung\nund Mannigfaltigkeit, und dabei einen wohlgeordneten or-\nganischen Zusammenhang. Die Ausführung der ganzen So-\nnate überhaupt ist nicht mit grossen Schwierigkeiten ver-\nbunden, so dass auch Dilettanten sich an diesem Werke\nsowohl ergötzen als lördern können. Ein einziges Mal be-\nhauptet sich jedoch (im ersten Satze, S. 7, oben) ein recht\nwiderhaariger Rhythmus durch sechs volle Tacte hindurch\nin der linken Hana, der nicht nur schwer vom Spieler zu\nfassen ist, sondern sogar trotzdem, dass richtig gespielt\nwürde, als ein wirklicher rhythmischer Fehler angesehen\nwerden dürfte. Natürlicher und um Vieles leichter wäre\nz. B. im zweiten Tactviertel die Stellung der beiden Sechs-\nzehntheile nach der zweiten Achtelpause gewesen:"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "47", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560209-01.1.7", "texte": "Ferner will sich Seite 9, vorletzte Zeile, vorletzter Tact,\nein Querstand etwas bemerkbar machen, der wie nachstehend\ngemildert und beseitigt werden könnte, wo auch die Mo-\ndulation besser zu Anfang des Tactes:\nDer Miltelsatz, Andantino 4/4> ist\ngeschmackvoll und von gemüthlichem Ausdrucke, unter\nzweckmässiger und neuer Verwendung zugleich der tech-\nnischen Mittel, indem die rechte Hand zu einer (bald als\nUnter-, bald als Oberstimme geführten) Haupt-Melodie zu-\ngleich stetig auf die schlechten Achtelzeiten ihre gleichzei-\ntige Begleitung stellt, während der Bass, stets in Octaven\nfortschreitend, hier die guten Achtel zu markiren hat. (S.\n12, Zeile 2, Tact 1 müssen natürlich die drei letzten Bass-\nAchtel Octaven, statt Decimen, sein.) Auch dem bewegten\nFinale, Allegro assai, G-dur,4/4, fehlt es nicht an natür-\nlich-einfachen, gesunden Melodieen, wie an der kunstgerech-\nten Anordnung und Wiederholung der Hauptgedanken oder\nThema's. Auch hier herrscht Abwechslung und Mannigfal-\ntigkeit, wie im ersten Satze, und für eine leichte oder leich-\ntere Spielbarkeit NB. in der raschen Ausführung ist auch\nvom Componisten Sorge genug getragen. Einige Kleinig-\nkeiten hinsichtlich der Stimmführung würde derselbe in\nder Mittelstimme der zweiten Notenzeile bei genauer oder\nnäherer Prüfung abzuändern sich vielleicht bewogen ge-\nlühtt haben.\nGöthen.\n\nLouis Kindscher.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nSiöin. Der Carneval hat während der grössten Hälfte der\nWoche sein Recht behauptet. In musicalischer Piücksicht brachte\ndie Gesellschaft „Augustin Casino\", welche zu allgemeinem\nBedauern einige Jahre lang geschwiegen, in ihrer humoristischen\nVorstellung am Faschings-Dinstage einige sehr gelungene Parodieen\nMeyerbeer'schcr Musik, z. B. des Finales der Hugenotten, des Krö-\nnungs-Chors aus dem Propheten, dessen Melodie, sehr hübsch ca-\nnonisch behandelt, zu einem Prolog benutzt war, in welchem erst\ndie acht Stimmen, eine nach der anderen erscheinend, dem Publi-\ncum „Guten Morgen\" boten, bis endlich eine kolossale Gestalt, von\neiner Schaar Knaben umgeben, aus dem Hintergrunde der Bühne\nvorschritt, und dieser Chor mit grosser Trommel und Becken en\ninasse „Guten Morgen\" plärrte! Da die Billets zu der Morgen-Vor-\nstellung in Zeit von einigen Stunden vergriffen waren, so willfahr-\nten die Darsteller dem Verlangen nach einer Wiederholung, welche\nan demselben Tage, Nachmittags 5 Uhr, Statt fand. Der Saal war\nbeide Male gedrückt voll; die Einnahme (dieses Jahr weit über\n1000 Thlr.) verwendet die Gesellschaft stets zu wohlthätigen Zwecken.\nDas Theater-Repertoire brachte von Sonnabend bis Mittwoch:\nWilhelm Teil von Rossini Die Räuber von Schiller Der Pro-\nphet von Meycrbcer Die Zauberflöte Don Juan bei stets\nvollem Hause. - Das Zuströmen der Fremden war in diesem Jahre\nso stark wie noch nie seit 1848.\n** Barnten. Der 27. Januar sah auch bei uns eine zahlreiche\nund andächtige Zuhörerschaar vereinigt, um des gefeierten Meisters\nDon Juan zu hören. „Wie? Theater in Barmen?'4 Das nicht;\nwir befanden uns im Gonccrtsaale, und wundern Sie Sich nur\nnoch mehr! wir konnten nicht einmal ein Orchester an diesem\nTage haben. „Und dennoch den Don Juan?\" Allerdings. Statt\nder wundervollen Klang-Verschiedenheit des Orchesters nichts als\nein Flügel, zuweilen von vier Händen, meistens nur von zweien in\nBewegung gesetzt; keine Scenerie, keine Decorationen, keine Co-\nslüme, kein Spiel, keine Schminke, keine Lampen, kein Champagner\noder Limonade gcizeuse, keine Reiter-Statue, keine Teufel, kein\nFeuerregen\nsik, bloss Mozart's Töne, bloss seine Melodieen und Rhythmen,\nvon schönen Stimmen künstlerisch und charakteristisch gesungen\nund von Reinecke am Pianofortc geschickt und so ausdrucksvoll,\nals dies Instrument es erlaubt, begleitet weiter nichts, und das\nResultat dennoch eine allgemeine Begeisterung, ein allgemeiner\nAusbruch der höchsten Verehrung für den Schöpfer eines solchen\nWerkes, mit Einem Worte: ein Triumph für die specifische Musik.\nMan sagt wohl: „Im Schlafrock gibt es keinen grossen Mann!\"\naber wenn er nur wirklich gross ist, so bleibt er es auch in jeder\nTracht. Mozart im Hauskleide fesselte mit seiner geistreichen Un-\nterhaltung, in welcher er die herrlichsten Ideen auf die einfachste\nWeise aussprach, die ganze Versammlung so zauberhaft, dass ein\nJeder die volle Ueberzeugung mit nach Hause nahm, dass das Voll-\nkommene in der Tonkunst nur durch die Selbstständigkeit ihrer\nPriester, durch ihre Unabhängigkeit von anderen Künsten, durch\ndie Weihe des rein musicalischen Genius erreicht werde.\nUnter dem Gesang-Personale erwarb Herr DuMont-Fier aus\nKöln den Preis; er sang die Partie des Don Juan mit so viel Wohl-\nklang und Sicherheit, namentlich aber mit so feinem Ausdruck des\nCharakters und mit so richtiger, der jedesmaligen Lage angemesse-\nnen Declamation, dass wir gar manchen Don Juan unserer gegen-\nwärtigen Bühnen herbei wünschten, um von diesem Vorbilde zu\nlernen. Auch der Leporello des Herrn Schiffer war gut, während\nin den übrigen, von hiesigen Dilettanten übernommenen Partieen\ndurchaus nichts verdorben wurde, und der Chor recht frisch mit-\nwirkte. Die Damen Mann (Donna Anna), Thelen (Elvira) und\nDannemann (Zerline) vertraten ihre Rollen auf lobenswerthe"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "48", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560209-01.1.8", "texte": "Weise, so dass das Ganze eine sehr befriedigende und des festli-\nchen Tages nach den gegebenen Verhältnissen ganz würdige Auf-\ntührung war.\nUnsere Soireen für Kammermusik haben am 19. Januar\nauch wieder begonnen.\nHeinrich Marschner's neueste dramatische Composition:\n„Der Goldschmied von Ulm\" von Mosenthal (s. Nr. 47. d. 81. vom\n24. Nov. 1855) ist zu Dresden in Scene gegangen und bereits in\nden ersten vierzehn Tagen acht Mal gegeben worden.\nlieber die Mozartfeier in Wien laufen allerlei Berichte und\nGerüchte in der Welt um, aus deren Zusammenstellung und Sich-\ntung so viel hervor zu gehen scheint, dass der Eindruck des Gan-\nzen sowohl durch Anordnung und Auswahl, als durch mangelhafte\nAusführung ein verfehlter gewesen. Nur die zwei Instrumental-\nslücke, die Ouvertüre zur Zauberflöte und die G-moZ/-Sinfonie, sol-\nlen nach den uns bis jetzt zugegangenen Nachrichten in genügen-\nder Weise aufgeiührt worden sein; alles Uebrige, von G. Seidl's\nProlog bis zum Finale aus Don Juan wird selbst von Blättern, die\nsehr entschuldigend und beschönigend auftreten, als misslungen\ndargestellt. Namentlich sollen das genannte Finale (besonders das\nMasken-Terzett) und mehrere Sätze aus dem geradezu ver-\nhunzt worden sein, wie man denn überhaupt sämmtliche Solisten\ngar wenig loben will und bei manchen von ihnen den geschmack-\nlosen, aller Pietät gegen Mozart crmangelnden, Vortrag ernst-\nlich rügt.\nAls Curiosum entheben wir den wiener „Blättern für Musik\"\nvon L. A. Zellner folgende Stellen über Franz Liszt. Herr Z. sagt\nin Nr. 9: „Die Aufführung der Ouvertüre und Sinfonie bewies,\ndass es nur auserlesenen Geistern gegeben ist, neue, ungeahnte\nReichtbümcr aus den Tiefen des Kunstwerkes hervor zu holen.\"\nEr weis t nun zum Beweis auf „zwei neue, von Liszt in der\nZauberflötcn-Ouverture angebrachte Vortrags-Momente\" hin, näm-\nlich: „die Accentuirung bloss des vierten Viertels im Thema\", und\n„die Weglassung der gewohnten (??) Ligaturen bei den drei B-dnr-\nAccorden\" in der Mitte!!! Was jeder Musikschüler, ich möchte sa-\ngen: jeder Orchesterdiener, weiss, was jedes Dilettanten-Orchester\nheutzutage von selbst thut, ohne dass der Dirigent daran zu erin-\nnern braucht, davon sagtHc. Zöllner: „Dass Liszt, und eben kein\nAnderer, diese anscheinend so nahe liegenden (!) Effecte fand,\ndiese Thatsache dürfte für die seltene geistige Höhe, auf welcher\ndieser Künstler steht, eines der unzähligen Zeugnisse abgeben.\"\nNun, Liszt wird sich für dieses Argument schönstens bedanken!\nZum Schluss auch noch folgende Stelle:'„Ueber Liszt's ausser-\ngewöhnliches Directions-Talent, das man sowohl bei der Auffüh-\nrung, besonders aber bei den Proben bewundern lernte, werden\nwir möglicher Weise die philiströse Bemerkung zu Gesicht bekom-\nmen, dass er einen präcisen Drei- oder Vierviertel-Tact nicht zu\nschlagen vermöge. Wahr Liszt dirigirt nicht den Tact, er diri-\ngirt den Vortrag; er battirt nicht metronomisch, er zeichnet den\nAusdruck; er.arbeitet selten mit dem stockbewehrten Arme, aber\nein Blick seines Auges, ein leises Nicken mit dem Kopfe, eine un-\nmerkliche Handbewegung sind die Elektromagnete, womit er den\nganzen Tonkörper leitet und belebt.\"\nHannover. Bei Gelegenheit der Mozartfeier daselbst schreifit\nder Hannover'sehe Courier: ~ Es handelte sich um eine\nRepräsentation der Tonkunst, deren Glanz, je heller er\nstrahlte, ein um so schöneres Licht auf die betreffende Anstalt und\nderen Lenker zurückwerfen musste. Mit neidischen Augen werden\nwir Berichte voll des Lobes und des Dankes für das genossene\nSchöne und Gute verfolgen; schmerzlichst empfinden wir es, hinter\nihnen allen zurückbleiben zu müssen und für unsere geliebte Va-\nterstadt nicht mit demselben frohen Bewusstsein, mit demselben\nStolze in die Schranken treten zu können. Freilich besitzt dieselbe\neine bedeutende Kunstanstalt, sie umschliesst musicalische Kräfte,\nwie sie selten vereint sind, sie besitzt einen Mann, dessen Name\nallein schon hinreicht, jeglicher Repräsentation der Kunst der Mu-\nsik einen strahlenden Glanz zu verleihen; denn dieser Mann ist\nder erste der jetzt lebenden deutschen Componisten, und als sol-\ncher anerkannt, hoch geehrt und gepriesen, so weit die deutsche\nMusik ihre Anhänger, ihre Jünger zählt: Heinrich Marsch-\nner! Bei der Feier eines solchen Nationalfestes, wie es am 27.\nJanuar abgehalten wurde, musste Marschner als Repräsentant der\ndeutschen Musik an der Spitze der Festivitäten stehen, so erforder-\nten es die Rücksichten, die man theils dem übrigen Deutschland,\nthcils dem einheimischen Publicum schuldete, so erforderte es die\nAchtung, die Verehrung, die man dem Meister unter allen Umständen\nnie versagen darf, ohne zu gleicher Zeit in ihm die Musik und die\nKünstler zu verletzen. Um das zu erkennen, bedarf es nur eines\ngeringen Grades von Schickliehkeits-Gefühl. Alles dieses hat man\nhier in Hannover aber aus den Augen gesetzt; man hat allerdings,\num nicht gar zu sehr hinter den Bestrebungen des gesammten\nDeutschlands zurück zu bleiben, eine Feier des Tages durch Auf-\nführung des „Don Juan\" angekündigt, man hat einen Prolog\nsprechen lassen und ein Tableau mit Mozart's bekränzter Büste dem\nPublicum gezeigt; aber diese Feier hatte keine Weihe, keinen Ernst,\nund es ist von ihr nichts übrig geblieben, als die Ankündigung auf\nden Theaterzetteln; das Publicum, welches sich unter enornemZu-\ndrange an der Feier betheiligt hatte, so dass im ganzen Hause nicht\nEin Plätzchen unbesetzt geblieben war, verliess dasselbe missmuthig\nund unbefriedigt. Schon ehe die Vorstellung begann, machte\nsich das Erstaunen und die Verwunderung des Publicums, anstatt\ndes gefeierten Marschner den zweiten Capellmeister Fischer den\nDirigentensitz einnehmen zu sehen, durch laute Rufe nach dem\nErsteren Luft. Das Publicum fühlte sich, und mit vollem Rechte,\nverletzt, und eine tiefe Verstimmung machte sich bemerklich. So\nging die Ouvertüre wirkungslos vorüber. Trotzdem, dass die Oper\nhier lange nicht gegeben, ist doch die Erinnerung an die früheren\nAufführungen derselben unter Marschner's Direction noch zu frisch,\ndas Publicum kennt diese Musik, die mehr wie irgend eine andere\nins Volk gedrungen ist, zu genau, um sich durch ein gefühlloses\nAbspielen derselben befriedigt fühlen zu können. Von Nummer zu\nNummer aber wuchs die Verwunderung, die Missstimmung und\ndas Unbehagen\" u. s. w. Wie ist eine solche Rücksichtslosig-\nkeit, oder richtiger: eine so unverantwortliche Kränkung eines Mei-\nsters der Töne wie Marschner, möglich gewesen? Hat vielleicht der\nHerr Intendant der k. Bühne und Hofcapelle dadurch beabsichtigt,\nneben Marschncrs iNamcn in ganz Deutschland genannt zu werden?\nFürwahr! durch solche Thaten\nWird auch berühmt ein —!"}]}