{"numero_id": "bm-bmtnabi-1856-03-01-01", "volume": "bmtnabi_1856-03-01_01", "ocr_sha256": "c04a50a346be5479ea1f069fd459c28e223d423af9de6aa8367c1e621d281541", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1856/03/01_01/bmtnabi_1856-03-01_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560301-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1856-03-01-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-03-01_01#c001", "volume": "bmtnabi_1856-03-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "65", "page_fin": "65", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560301-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "65", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560301-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 320, "texte": "Inhalt.\nJoh, Seb. Bach's Werke. Von E. K. Eine traditionelle Thatsache. Von A. Schindler. Prolog zur Mozartfeier\nin Wien. Von Joh. Gabriel Seidl. Achtes Gesellschafts-Concert zu Köln (11. Sinfonie von Beethoven A. Rubinstein Lorelei\nvon F. Hiller). Aus Lille. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln Frankfurt Wien Mailand)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-03-01-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-03-01_01#c002", "volume": "bmtnabi_1856-03-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "65", "page_fin": "67", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560301-01.2.2", "titre_corps": "Joh. Seb. Bach’s Werke.", "titre_sommaire": "Joh. Seb. Bach’s Werke.", "signature_source": "E. 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Lief.\nFürstliche Theilnehmer 98 Fürstliche Theilnehmer 97\nAusserdeutsche. . . .155 Ausserdeutsche. ... 163\nDeutsche Bürger . . .282 Deutsche Bürger . . .287\nInsgesammt . . 535 Insgesammt . . 547\nDiese äusserliche Bezeugung weis't auf ein innerliches\nBedürfniss und ist ein Zeichen der Liebe, welche wenig-\nstens dem Namen unseres grössten Tonmeisters gezollt\nwird. Sei es auch, dass sein Wirken Vielen verborgen\nbleibe, die sich unter seine Freunde zählen, doch bleibt es\nbemerkenswerth, dass trotz widerstrebender Zeitgewalten\ndas vaterländische Unternehmen, dessen Begründung ein\nLieblings-Gedanke des früh vollendeten Mendelssohn gewe-\nsen, unaufhaltsam fortschreitet. Widerstrebende Zeitgewal-\nten, welche Kampf und Stärkung bringen, sind neben Krie-\ngesfurcht, Materialismus und Theurung hauptsächlich zwei:\ndie neuzeitliche Schule der Zukunft, welche mit und wider\nWillen Bach's Ehre bezeugt, und der leidenschaftliche An-\ngriff eines berliner Musikgelehrten, der unter dem Namen\nRobert Zimmer, Gedanken beim Erscheinen des\ndritten Bandes der Bach-Gesellschaft. Berlin, Wil-\nhelm Herz. 1854. 8. 16 S.,\nmit Heftigkeit gegen das Directorium der Bach-Gesellschaft\nüberhaupt, mit Gehässigkeit gegen C. F. Becker insbe-\nsondere aufgetreten ist. Die Persönlichkeit des Angriffes\nmusste empfindlich treffen, weil sie nicht in allen Punkten\nunbegründet war, da C. F. Becker in seinen musik-literari-\nschen Arbeiten manche sonderbare Blossen gegeben hat,\nund wird ihn vorsichtiger machen. Wer z. B. Becker's\n„371 vierstimmige Choralgesänge von J. S. Bach\" (Leip-\nzig, 1831, 3. Auflage), aufmerksam durchliest, der wird\nerstaunen, mehrere Choräle anzwei Stellen unverändert\nabgedruckt zu finden, z. B.:\nHilf Gott, dass mir gelinge, Nr. 302 = 199.\n0 Mensch, bewein'dein Sünde gross, Nr. 306=201.\nAn Wasserflüssen Babylon, Nr. 309 = 5.\nLiebster Jesu, wir sind hier. Nr. 328 = 131.\nAber auch im Uebrigen sind die Mahnungen Robert Zim-\nmer's, ihrer gehässigen Form entkleidet, wohl zu beachten.\nDenn erstens ist es die Weitsichtigkeit des Unternehmens,\nwelche manchen deutschen Familienvater mit Sorge erfül-\nlen muss, wenn er nach massiger Berechnung auf 30 Jahr-\ngänge warten und dalür 150 Thlr. zahlen soll. Zweitens\nist die Wieder-Veröfientlichung solcher Instrumentalien, die\nlängst in Aller Händen sind, vielen Theilnehmern auffallend\ngewesen. Beiden Besorgnissen zu begegnen und die Theil-\nnehmer zu beruhigen, würde das Directorium der Bach-\nGesellschaft mit geringer Mühe im Stande sein, wenn es:\n1) möglichst ausführlich bekannt machte, in welcher\nFolge entweder das ganze Werk oder etwa die nächsten\n6 —lO Jahrgänge erscheinen sollen, wobei vornehmlich\nund zunächst Rücksicht zu nehmen wäre auf bisher un-\nedirte Werke;\n2) sich darüber äusserte, ob einzelne Bände und\nzu welchem Preise sie abgegeben werden,\nLetzteres, um solche Theilnehmer herbei zu rufen,\nwelche vielleicht des einzelnen Bandes bedürftig, das Ganze\naber zu erwerben unvermögend wären."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "66", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560301-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4977, "texte": "Nun beweisen die Abrechnungen, die dem zweiten und\ndritten Jahrgange beige'ügt sind, dass\na) Einzahlungen geschehen sind für den ersten\nJahrgang 202-{-57 Ex 259\nbj Wieder-Abdrücke des ersten Jahr-\ngangs 100 + 50 Ex 150\nmacht im Ganzen . . 409 Ex.\nDas Verzeichniss der Mitglieder der Bach-Gesellschaft\nvom ersten Jahrgange ergibt aber 403 ; also scheinen min-\ndestens 6 Nicht-Mitgliedern(4o9 4o3=6)Einzel-Exe-\nmplare zugestanden zu sein. Zwar können diese 6 unter den\nspäter Hinzugetretenen sich befinden, da der zweite Jahr-\ngang 485 Mitglieder aufweis't. Um dieses sicher zu ermes-\nsen, müssen wir die späteren Jahres-Abrechnunc;en erwar-\nten, welche gleich den zwei bisherigen jedesmal die Ein-\nzahlungen mit Anführung des Jahrganges namhaft machen.\nUeber die Berechtigung der Mitglieder, Pränumeration und\nandere Befugnisse spricht sich das Statut, welches dem er-\nsten Bande vorgedruckt ist, nur unvollkommen aus. Jeden-\nfalls wäre doch erwünscht, hierüber vollständige Auskunft\nzu erhalten, vornehmlich des guten Zweckes willen, dass\ndie Theilnahme sich auch unter minder Bemittelte verbrei-\nten möge. Und sollten auch, was wir kaum voraussetzen\nmögen, in solchem Falle etwa ein Sechstel bis ein Fünftel\nder stetigen Abonnenten (Mitglieder) ausfallen, so würde\nsich der Ausfall decken, indem für einzelne Werke sicher-\nlich genügend ersetzende Einzel-Abnehmer hinzuträten. Um\ndiese herbei zu ziehen, wäre nur nöthig, die Jahres-Liefe-\ni'ung lange vor deren Erscheinung namhaft zu machen und\nstrenge auf Pränumeration zu bestehen. Letzteres\nscheint nicht der Fall gewesen zu sein, da lange nach Er-\nscheinung des ersten Bandes mit 403 Abnehmern erst\n202 Einzahlungen in der erstjährigen Abrechnung er-\nwähnt sind.\nRobert Zimmer's Buch hat ausserdem veranlasst, dass\nüber die Urschriften der Inventionen und Sinfonieen des\ndritten Jahrgangs nochmalige sorgfältige Nachforschung\nStatt gefunden hat, deren Ergebniss war, dass der grim-\nmige Widersacher den Process verlor und die Bach-Gesell-\nschalt mit ihrer Edition vollkommen gerechtfertigt erschien\n(s. die Vorrede dieses fünften Bandes). Daneben hat aber\nauch für diesen Jahrgang die Direction der Bach-Gesell-\nschaft es nicht fehlen lassen an sorgfältigster Kritik, indem\nder diesmalige Herausgeber, nicht C. F. Becker, sondern\nW. R u s t, mit diplomatischer Aengstlichkeit den genauesten\nBericht erstattet über die Quellen dieser Ausgabe. Das ist\ndankenswerth; es überzeugt das Publicum von der Echt-\nheit der Ueberlieferung und belehrt daneben über die Grösse\nund Schwierigkeit der Ausführung. Minder erwünscht ist\ndagegen, wenn die erste Blattseite des Vorwortes (S. XIII.)\nmit didaktischen Tendenzen hervortritt, indem von\nVergleichungen der Styl-Arten Bach's nach sei-\nnen Lebens-Perioden, welche doch eingeständlich (S.\nXIV. unten) in vielen Fällen unerweisbar sind, der Ausgang\ngenommen wird, um die Reihenfolge der Cantaten zu recht-\nfertigen. Mag aucÜdieses Princip einiges ästhetisch-histo-\nrische Recht besitzen, in jedem Falle möchten wir es so-\nwohl hier als bei Beethoven, Schiller und Anderen nur mit\nVorsicht und Bescheidenheit anwenden, um zu verhüten,\ndass alles Schönheitsleben zum Schul-Exercitium de-\nmonstrirt werde. Und darum scheint uns das Princip\nder Nützlichkeit nicht so gar verächtlich, dem gemäss\nwir vorziehen würden, künstlerisch vollendete, wohllautende,\nleicht ausführbare, und bisher unbekannte Werke durchaus\nin den Vordergrund zu stellen, so lange kein objectives\nPrincip der Reihenfolge gefunden ist.\nDie diesjährigen zehn Cantaten sind von sehr verschie-\ndenem Werthe; vielleicht ist es eine Laune des Wider-\nspruchs, dass uns die lebhaft empfohlenen minder vorzüg-\nlich erscheinen. Von höchster Tonschönheit sind die 21.,\n23., 25. Cantate, deren erste freilich in der Wort-Decla-\nmation, die dritte im Wort-Inhalt nicht anmuthend, dage-\ngen mit einer künstlerischen Weisheit ausgeführt sind, die\nNiemand ausser dem alten Bach jemals besessen hat; dazu\nsind sie mit mässig geschulten Kräften wohl ausführ-\nbar, und diese Rücksicht ist es, die wir dem Directorium\nder Bach-Gesellschaft zu geneigter Erwägung stellen möch-\nten, da dessen übrigens volles Vertrauen verdienende Lei-\ntung eben hier sorgloser zu verfahren scheint. Es könnte\ndem Fortgange des Unternehmens schaden, wenn den ge-\nlehrten Forschern überwiegend zu Gute käme, was doch\nallem Volke zugehört. Wird Bach auch nie in gemeine Po-\npularität versinken, so ist doch gar Vieles aus seinen Wer-\nken dem Volke zugänglich, und da bitten wir denn im Na-\nmen mancher Musik-Directoren und anderer Kunstfreunde,\nden Weg zu ebnen, nicht zum Vortheil didaktisch-histori-\nscher Concerte oder geistreicher Studien und Vorlesungen,\nsondern zum Besten der Kirchenchöre und Singvereine;\ndiesen zu Liebe ist räthlich, den absonderlichen Wer-\nken nicht zu grossen Raum zu geben.\nDie 21. (diesjährige erste) Cantate über:\n„Ich hatte viel Bekümmerniss\", beginnt mit einem fünf-\nstimmigen Instrumentalsatze von edler, milder Schwermuth;"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "67", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560301-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4614, "texte": "der erste Chor, frei fugirt, ist zu Anfang etwas leicht ge-\nhalten; der Tiefsinn des Inhalts äussert sich erst gegen das\nEnde in dem doppel-zweistimmigen Schlusssatze des Chors\nS. 11. Die drei folgenden Soli sind eindringlich, aber\nschwierig, überkünstlich; von gewaltiger Wirkung dagegen\nund vollendeter -fasslicher Tonschönheit der Chor: „Was\nbetrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir?\nHarre auf Gott!\" ln diesen Tönen hat jeder Athemzug\nmehr Kraft, als hundert moderne Kirchen-Concertstückchen\nvergeblich sich abmühen, zu haben. Der zweite Theil die-\nser Cantate dem Bach'schen Herkommen gemäss wahr-\nscheinlich nach der Predigt gesungen—schlägt noch höhere\nSaiten an: Jesus selbst wird angeredet, er selbst gibt Ant-\nwort in dem wunderklaren Duett voll mvstischen Sternen-\n%)\nglanzes; canonische Verständigkeit und selige Weisheit\nsind zu einem festen Bilde verbunden. Der hierauf folgende\nChor ist eine Fuge zum Choral, mit Posaunen begleitet;\nden Cantus firmusgibt die Melodie „Wer nur den lieben\nGott lässt walten\", die drei übrigen Stimmen fugiren dazu\ndie Worte aus Psalm 116, 7. Der Schlusschor über\nOffenbarung 5, 12: „Würdig ist das Lamm\", reizt un-\nwillkürlich zur Vergleichung mit dem Messias-Schlusschor.\nWährend hier die Händel'sche Weise sich lieblich und er-\nhaben, rührend und glänzend, und bei aller Hoheit doch\nleichtfasslich ausspricht, so hat dagegen der Bach'sche Chor\neinen tiefen Abgrund von ahnungsvoller Herrlichkeit, einen\nstolzen Ton von dunklem, fernem Glänze.\nVon den folgenden Cantaten scheinen uns die 23.:\n„Du wahrer Gott und David's Sohn\", und die 25.: „Es\nist nichts Gesundes an meinem Leibe\", die bedeutendsten\nund auslührbarsten. Wir enthalten uns, das Einzelne wei-\nter durchzugehen, zumal, da der sorgfältige Herausgeber\nso Vieles dankenswerth erläutert, Anderes zum Urtheil vor-\nbereitet hingestellt hat. Also genüge uns, den nachdenksa-\nmen Leser auf einige Besonderheiten flüchtig aufmerksam\nzu machen, an denen Bach'sche Art und Kunst in Gutem\nund Bösem zu Tage tritt.\nZuerst einige Sätze von wundersamer Schönheit, die\nwir den Solosängern zur Ansicht empfehlen nicht bloss\nzum Ueben, sondern zum Genüsse, zu wahrem Erlebnisse\nder Seelenmalerei und Seelendarstellung, welche S. Bach\neigenthümlich ist; es sind (andere nicht unbedeutende jetzt\nübergehend) folgende vier Sätze: die Tenor-Arie Cant.\n22, S. 84: „Mein Alles in Allem, mein ewiges Gut\" ; die\nSopran-Arie Cant.2s, S. 180: „Oeffne meinen schlich-\nten Liedern, Jesu, Deiner Gnaden Ohr\"; die Alt-Arie\nCant. 27, S. 228: „Willkommen will ich sagen, wenn\nder Tod ans Bette tritt\"; das doppelte „Halleluja\" in Te-\nnor und Alt Cant. 29, S. 301, 314. ln derselben\nCantate ist der Chor S. 288 bemerkenswerth, der auf\ndieselben Töne gebaut ist wie das Gratias agimus und\nDona nobis pacemder H-moll-Messe, hier zu den Worten:\n„Wir danken Dir und verkündigen Deine Wunder\".\nGanz ungeniessbar dagegen ist in derselben Cantate S. 307\ndie vertrackte Sopran-Arie: „Gedenk' an uns in Deiner\nLiebe\"; ähnlicher Art die scheussliche Modulation, welche\nS. 176, Zeile 5, T. 2 angewandt wird, vielleicht um den\n„Sünden-Aussatz\" der Textesworte abzumalen; in ver-\nwandtem krankhaftem Anklänge die folgende Bass-Arie\nS. 17 7. „ Ach, wo find' ich Armer Rath I\" —in diesen\nSätzen ist wirklich etwas von dem verschrieenen Rococo-\nStyle.\nSchliesslich bemerken wir einige Wunderlichkeiten des\nAlten im Einzelnen: so die auffallende, doch nicht übel\nklingende Quinten-Parallele S. 20, T. 8, zwischen der Alt-\nstimme und den beiden Geigen; ähnlich S. 230, T. 9,\nzwischen Alt und Orgel-Discant, minder lieblich als die vo-\nrige, doch im raschen Durcheilen erträglich.—Eben so ist\ndie seltsame Secunden-Parallele S. 46, T. 18, im zweiten\nAchtel durch ihre Raschheit fast unmerklich, zugleich ein\nZeugniss der nur Bach eigentümlichen Selbstständig-\nkeit jeder Stimme, die sich bis zum Eigensinne durchsetzt\nund eben damit oft zur siegenden Schönheit wird. So ist\nauch merkwürdig, vielleicht beispiellos, die Auflösung einer\nSecunde nach oben, welche S. 157, T. 2, im vierten\nViertel von dem Sopran und der ersten Geige vollzogen wird:\ngleichsam ein wechselseitiges Drängen und Stossen und\nForttreiben, das wieder auf dem Eigensinne der Melodieen\nberuht und hier sehr wohl zum Texte passt, als Tonma-\nlerei der Worte: „Es ist nichts Gesundes an meinem Leibe\nvor Deinem Dräuen.\"\nDruckfehler sind uns beim ersten Lesen keine aufge-\nfallen; doch kann man fragen, ob S. 43, T. 3, im Con-\ntinuo nicht das letzte Achtel fis sein muss, statt f; mög-\nlich ist f, aber unnöthig hart, und unwahrscheinlich wegen\ndes folgenden Tactes.\n\nE. K."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-03-01-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-03-01_01#c003", "volume": "bmtnabi_1856-03-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "67", "page_fin": "68", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560301-01.2.3", "titre_corps": "Eine traditionelle Thatsache.", "titre_sommaire": "Eine traditionelle Thatsache.", "signature_source": "A. Schindler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "67", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560301-01.1.3", "debut_caractere": 4616, "fin_caractere_exclue": 4858, "texte": "Eine traditionelle Thatsache.\n\nBei Erwähnung der Mozartfeier zu Wien in Nr.\n6 dieser Musik-Zeitung lies't man unter Anderem ein Citat\naus Nr. 9 der wiener „ Blätter iür Musik\", welches besagt,\ndass Herr L i s z t zwei neue Vortrags-Momente in"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "68", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560301-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4199, "texte": "der Ouvertüre zur Zauberflöte, als nahe liegende Effecte,\naufgefunden habe, nämlich die Accentuirung des vierten\nViertels im Thema, dann die Weglassung der gewohnten\nLigaturen bei den drei 2#-c?wr-Accorden.\nMeine langjährige Stellung am kaiserlichen Hof-Opern-\ntheater zu Wien (von 1830 bis 1854) setzt mich in Stand,\nhiermit die Versicherung geben zu können, dass die beiden\nersten Tactc im Thema genannter Ouvertüre von dem Or-\nchester dieses kaiserlichen Kunst-Instituts nach Vorschrift\nder Partitur stets piano vorgetragen, das zweite und vierte\nViertel aber des dritten und vierten Tactes accentuirt\nwurden.—Den anderen Fall betreffend, erklärt der Unter-\nzeichnete, dass die Ligaturen bei den drei\nauf der Tradition beruhen und sowohl im Theater an\nder Wien wie im Rärnthnerthor-Theater seit Mozart's Zeit\nübereinstimmend beachtet worden sind. Dafür, wie über-\nhaupt iür Bewahrung aller Mozart'schen Traditionen im\nTheater und im Concertsaale verstanden die beiden Capell-\nmeister Jos. Weigl und Ign. v. Seyfried, Zeitgenos-\nsen Mozart's und dessen eifrige Jünger, bestens zu sorgen.\nWir jüngeren Dirigenten, darunter auch Franz und Vin-\ncenz Lachner, folgten getreulich dem Beispiele unserer\nAltmeister. Dies zur Steuer der Wahrheit, damit diese\nund auch noch andere traditionelle Thatsachen ihre Geltung\nnoch länger fort bewähren können und nicht jeder Willkür\nweichen müsssen.\nDarmstadt, den 14. Februar 1856.\nWilh. Reuling,\nk. k. Hof-Opern-Capellmeister a. D.\nWenn ich mir erlaube, vorstehender Erklärung des\nHerrn Capellmeisters Reuling ergänzend hinzuzufügen,\ndass dessen künstlerische Beobachtungen in Wien bereits\nvor 1824 beginnen, und dass er die Classiker noch in der\nguten Zeit der Concerts spiritue—zum Theil unter Lei-\ntung seines Lehrers Seyfried kennen gelernt, so wird\ndies sein Zeugniss in obiger Sache noch gewichtiger ma-\nchen. Meine Beobachtungen auf dem wiener Musikboden,\ndie bis 1812 zurückgehen, bestätigen diese traditionelle\nThatsache gleichfalls *). Der Modus aber, wie die hoch-\nwichtige Auffindung des Herrn Liszt von den Blättern für\nMusik zu Markte gebracht wird, ist wohl geeignet, lür das\nin Wien noch haften gebliebene Restchen von unmittel-\nbaren Ueberlieferungen unserer drei Classiker sehr be-\nsorgt zu machen, zumal dort nur wenige Männer noch am\nLeben sein sollen, welche die gute, lehrreiche Epoche bis\n1830 mit durchgemacht haben. Und wie viele aus diesem\nHäuflein mögen sich wohl um Traditionen, überhaupt um\nhöhere Kunst-Interessen bekümmern? Man ist ja in Wien,\nnicht in London, nicht in Paris. Lassen wir indess nicht\nalle Hoffnung lür Besserung der Musik- und Theater-Zu-\nstände in der Kaiserstadt schwinden. Seit Jahreslauf sitzt\nin der „Monatschrift\" ein Areopag über Kunst-Ange-\nlegenheiten zu Gericht, wie das alte Wien niemals Aehn-\nliches gesehen. Diesem Vereine ausgezeichneter Männer,\ndenen Wahrheit und Recht über Alles gehen, wird es wohl\ngelingen, die dort wuchernde Routine zu bannen, die Pro-\ntection der Charlatanerie, käme sie gleichwohl von hoher\nBehörde, zu schwächen und sonach eine bessere Aera an-\nzubahnen. Wollen nur die Musen diesen seltenen Kunst-\nschützern Geduld und Ausdauer verleihen; denn die An-\nstrengungen sind unverkennbar herculischer Art.\nDarmstadt.\n*) In Norddeutschland ist der Vortrag der fraglichen Accorde\nohne Ligatur der gewöhnliche, und ich wurde schon als\nKnabe belehrt, dass er eine wichtige symbolische Bedeutung\nhabe. Als ich mir später aus musicalischen Gründen erlaubte,\ndaran zu zweifeln (da mir diese Dreiklänge auf der Domi-\nnante nur als eine um die Dauer eines halben Tactes verlän-\ngerte Wiederholung der Dreiklänge des Grundtones, mit de-\nnen die Ouvertüre beginnt, erschienen), wurde mir immer\n(jedoch stets von Eingeweihten, z. B. B. A. Weber, Friedr.\nSchneider u. s. w.) die geheimnissvolle Autorität und Tra-\ndition entgegen gehalten. Dass es mit der letzteren sich an-\nders verhält, zeigen die obigen Erklärungen. Ich weiss nicht,\nob die Original-Partitur Mozart's noch vorhanden ist. Es\nkäme dann auf die Schreibart der Accorde nach dem Prie-\nstermarsche im zweiten Acte an, da sie von da ohne Zweifel\nin die Ouvertüre zu Anfange und in der Mitte übertragen\nsind. L. B.\n\nA. Schindler."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-03-01-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-03-01_01#c004", "volume": "bmtnabi_1856-03-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "68", "page_fin": "69", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560301-01.2.4", "titre_corps": "Prolog zur Mozartfeier in Wien.", "titre_sommaire": "Prolog zur Mozartfeier in Wien.", "signature_source": "Johann Gabriel Seidl", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "68", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560301-01.1.4", "debut_caractere": 4201, "fin_caractere_exclue": 4934, "texte": "Prolog zur Mozartfeier in Wien.\n\nEin Geist des Ernstes gebt durch diese Räume,\nGleich einem Herold, der gemess'nen Schritts\nDie Reih'n durchwandelt, bis sich die Gemüther\nGesammelt, und das Herz die Stimmung fand\nZum selt'nen Feste, das sich vorbereitet.\nUnd solch ein selt'nes Fest vereint auch uns;\nWohl selten! Doch wie nenn' ich's? Jubelfest?\nWie? oder Todtenfeier? Wiegenfeier?\nJa Wiegenfeier! Ju b e 1-Wiegenfeier!\nDie Hand der Muse reiss' entzwei den Sehleier,\nDen ein Jahrhundert wob um diesen Tag,\nAn dem ihr Schoosskind in der Wieg* einst lag,\nSie führ' uns hin, wo schweigend an dem Flügel\nDas Kind dem Spiele seiner Schwester lauscht,\nBis, mächtig sprengend seiner Jugend Zügel,\nEs sich im süssen Nektar selbst berauscht;"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "69", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560301-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3950, "texte": "Sie zeig' uns, wie in seinem zarten Herzen\nDie Riesenflamme brennt und loht und glüht,\nUnd wie sich Vaterlieb' in bangen Schmerzen\nNicht anzufeuern, nein, zu dämpfen müht.\nSie zeig' uns, wie der stille Wunderknabe\nMit schwacher Hand vollbringt, was Meister ehrt;\nSie zeig' uns, wie er kraft der Himmelsgabe\nDie Welt den Namen „Mozart\" sprechen lehrt;\nWie's ihn nach Sieg um Sieg in Deutschlands Gauen,\nIn Frankreichs Weltstadt, an der Themse Strand,\nIn Hollands Dünen, in Italiens Auen\nDoch wieder heimzieht in sein Vaterland.\nSie zeig' uns, wie der kleine Tonbezwinger,\nBeargwöhnt, dass ein Ring sein Talisman,\nDen gold'nen Reifen lächelnd streift vom Finger\nUnd ohne Zauber mehr noch zaubern kann.\nSie zeig' uns, wie er wächst in ihren Gnaden,\nDurch ihre Macht vorgreifend jeder Zeit;\nVor ihm der Ruhm auf allen seinen Pfaden\nUhd hinter ihm her die Unsterblichkeit.\nEin Mann als Jüngling, steht er da vollendet:\nNichts hemmt des grossen Geistes Siegerlauf!\nWohin er sich im Reich der Töne wendet,\nSpringt Schloss und Riegel willig vor ihm auf.\nEr hat's gesagt und hat's bewährt im Schaffen:\n„Der Funke thut's, nicht eitel Müh' und Zwang;\nEs lässt sich nicht ergrübein, nicht erraffen,\nTief aus dem Herzen kommt der rechte Klang!\"\nUnd der, der stand ihm zu Gebot, das Schöne,\nDas Ideal, die unbewusste Norm,\nDie Poesie im Zauberkleid der Töne,\nDie höchste Wahrheit in der klarsten Form\nOb auf den Brettern, die das Leben spiegeln,\nOb an der Wiege, wo die Mutter fleht:\nEr weiss der Menschheit Räthsel zu entsiegeln,\nWie er ein einzeln Menschen herz versteht.\nEr lös't in tongewalt'ge Symphonieen\nDer Instrumente Wettkampf spielend auf,\nUnd gibt zum Kleinod ernsten Melodieen\nMuthwiH'gen Scherz auch neckend mit in Kauf.\nSo gross im Kleinen selbst, und Selbst er immer,\nUnd stets voll Maass, gemüthlich, warm und wahr,\nStellt, angeglüht schon von des Jenseits Schimmer,\nIm letzten Werk er sich am grössten dar.\nWTir kennen ihn wozu ihn näher schildern?\nEin Zweifel war's an jedem, der ihn kennt.\nSein geistig Bild steht klar vor Aller Augen,\nSein leiblich Bild, sein Antlitz steht vor Euch,\nEin frommes Denkmal treuer Künstlerhand,\nVon unsres Dankes frischem Kranz «mschlungen.\nDoch Leib ist Staub und Staub verweht. Wohin\nAn jenem stürmischen December-Abend\nSein Staub versenkt ward? G'nug, dass er uns blieb!\nIst jedes Herz doch, das ihn treu erkennt\nUnd ganz erfühlt, sein lebend Monument.\nAm Flügel, wo sein Lied erklingt, im Stübchen,\nWo sein Quartett der Kenner Herzen schmelzt,\nIm hellen Saal, wo seine Symphonieen\nDer Hörer athemlose Menge fesselt,\nWie auf der Bühne, wenn der Zauberflöte\nGeheimnissvolle Märchenwelt sich aufthut,\nWenn Don Juan's toller Uebermuth die Hölle\nGen Himmel hetzt, wenn schalkhaft Figaro\nDie Perlenschnur der Melodie'n entrollt,\nUnd wie im Dome, wenn zur hohen Wölbung\nDas „Dies iracu markdurchschauernd dröhnt,\nDas sich der Künstler, ahnend, dass die Flamme,\nDie früh gebrannt, sich früh verzehren muss,\nIm Vorbewusstsein nahen Tod's gesungen\nDort dort und dort und überall ist Platz\nFür Mozart's Denkmal. Hat der Nachwelt Dank\nDie Stätte seiner ersten Wiegenfeier\nIhm reich geschmückt, wie's seines Ruhmes werth,\nLasst nicht die Stätte seiner hundertsten\nDes Schmucks entbehren, der Euch selbst nur ehrt!\nUns aber gönnt den Anlauf gönnt die Weihe!\nZusammen stand, was sich zur Kunst bekennt;\nDie sonst wetteifernd eigne Bahnen wandeln,\nWie wer der Kunst im Stillen Opfer bringt:\nIn trauter Eintracht sind sie hier vereint,\nDen Meister Aller nach Gebühr zu ehren.\nDie Stimmung, dünkt mir, fand sich. Alles lauscht!\nEin Wink! Der Strom der Melodie'n entrauscht\nUnd herbeschworen steht Er selber da,\nDem diese Sonn' einst in die Wiege sah!\nEr selbst im Feuermantel seiner Töne,\nSo ewig jung, wie ewig jung das Schöne,\nUm frei von jeder Schranke, jedem Joch,\nSich selbst die Bürgschaft, uns den Trost zu geben:\n„Wer also lebt nach hundert Jahren noch,\nDer wird auch sein Jahrtausend überleben!\"\n\nJohann Gabriel Seidl."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-03-01-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-03-01_01#c005", "volume": "bmtnabi_1856-03-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "69", "page_fin": "71", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560301-01.2.5", "titre_corps": "Achtes Gesellschafts-Concert in Köln im Casinosaale.", "titre_sommaire": "Achtes Gesellschafts-Concert in Köln im Casinosaale.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "69", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560301-01.1.5", "debut_caractere": 3952, "fin_caractere_exclue": 4998, "texte": "Achtes Gesellschafts-Concert in Köln\nim Casinosaale.\nDinstag, den 26. Februar.\nI. 1) Sinfonie Nr. 11. von L. van Beethoven; 2)\nSopran-Arie von Mozart (mit obligater Violine), gesungen\nvon Frau Marie Reclam; 3) Concert für Pianoforte und\nOrchester, componirt und gespielt von Anton Rubin-\nstein. ll. 4) Ouvertüre zur Oper „Dimitri\" von A.\nRubinstein; 5) „ Lorelei % Gedicht von Wolfg. Mül-\nler, componirt für Soli, Chor und Orchester von F. Hil-\nler; 6) Solostücke für Pianoforte von A. Rubinstein;\n7) Ouvertüre zur „Olympia\" von Spontini.\nDie Sinfonie wurde vortrefflich aufgeführt—ein Urtheil,\ndem wohl Niemand desswegen widersprechen wird, weil\ndem ersten Hornisten einige hohe Töne im Larghetto miss-\nglückten. Denn auf eine Einzelheit, so störend sie für den\nAugenblick ist, kommt es nicht an, sondern auf den Ein-\ndruck des Ganzen, auf den Geist, der die Ausführung durch-\nweht, auf das Ebenmaass in der Darstellung des Kunst-\nwerkes, auf die richtige und feine Zeichnung des Vortrags\ndurch das ganze Orchester, nicht auf die Virtuosität des"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "70", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560301-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4517, "texte": "Einzelnen. Es gibt kaum eine andere Sinfonie, welche einen\nsolchen harmonischen Wohllaut, in Verbindung mit den\nausdrucksvollsten Melodieen, in so ungetrübter Klarheit, in\nso keuscher Reinheit von Anfang bis zu Ende ausströmte.\nDas Larghetto ist in dieser Beziehung von Beethoven selbst\nkaum übertroffen worden, was keineswegs ausschliesst, dass\nspäter Adagios an Erhabenheit der Ideen und grossartiger\nDarstellung und Entwicklung derselben es überragen. Es\nliegt übrigens in dieser Sinfonie, welche die höchste Potenz\ndes Mozart'schen Styles ist, eine ganze Menge von Keimen\nder späteren Beethoven'schen Saat. Die grossen Hebel, mit\nwelchen Beethoven die Gemüthswelt der Zuhörer bewegt,\nder Inhalt und Gang der Melodie, die rhythmische Bewe-\ngung, der Wohlklang der Harmonie, das Festhalten und\nstete Durchklingen der Hauptgedanken und die Steigerung\nderselben in der anhaltenden Wiederholung durch innere\nMittel, denen die äusseren nur als mitwirkend, nicht aber\nals Hauptsache hinzutreten • das alles ist schon in der\nzweiten Sinfonie da. Wenn sich namentlich die neue und\neigentümliche Behandlung des rhythmischen Elementes\nerst von der dritten Sinfonie (Eroica) ab entwickelt, so fin-\nden sich doch auch in der zweiten schon höchst wirksame\nAnfänge derselben, welche durch die genaueste Beachtung\nder Accentuation, zu deren Bezeichnung sich Beethoven\ndes Sforzandobedient, hervorzuheben sind. Man vergleiche\nz. B. in der Coda des ersten Allegro die Stelle:\nHier beruht die Hauptwirkung auf dem antispastischen Ge-\ngentritt der beiden Accente des zweiten und dritten Vier-\nteis im dritten Tacte:\nwobei das zweite sf durch den Eintritt der Hörner, Trom-\npeten und Pauken scharf markirt wird. Eben so darf im\nzweiten Theile des Trio's vom Scherzo der Accent auf das\nfis des zweiten Tactes nicht übersehen werden. Die beab-\nsichtigte Betonung ist folgende:\nDie Arie von Mozart (wenn wir nicht irren, zum Ido-\nmeneo nachcomponirt) wurde von Frau Reclam recht\nschön gesungen und von Herrn Pixis auf der Violine in\nTon und Ausdruck trefflich begleitet.\nHöchst interessant war das Auftreten von Anton\nRubinstein, wofür wir der Concert-Direction sehr dank-\nbar sein müssen. Es ist leider der Fluch unserer Zeit und\nder Zustände der Kritik, dass von einem gesunden, maass-\nhaltenden, wohlwollenden Urtheile über neue Erscheinun-\ngen in der Kunstwelt fast nirgends mehr die Rede ist;\neine solche wird entweder in den Himmel gehoben oder\nmit Füssen getreten. Das Erste, so anmaassend es oft ge-\nnug auftritt, ist am Ende so gefährlich nicht; denn\ndas Schmelzen der Flügel des Ikarus an der Sonne bleibt\ndoch niemals aus, und du sublime au ridicule il n'y a qu'un\npas. Das Zweite aber, das unbedingte Absprechen über ein\njunges Talent, das Herabziehen desselben in den Roth, ist\nnur zu oft eine Versündigung an dem menschlichen Geiste\nund seinem Streben. Die Kritik soll allerdings das Kunst-\nschöne wahren und Richtungen, die davon abweichen, nach\nbestem Wissen und Gewissen entschieden entgegentreten;\ndazu bedarf es aber der Bitterkeit, Grobheit und des bos-\nhaften Spottes keineswegs, am wenigsten dann, wenn der\nCharakter und das persönliche Auftreten des Künstlers\ndurchaus nicht dazu herausfordern. Zu diesen Bemerkungen\nkommen wir, indem wir uns der Aeusserungen E. Kossak's\nin der Berliner Montagspost über Rubinstein erinnern.\nKossak hat selbst in der Sache nur in einigen Stücken\nRecht, die Form aber, in welcher er seinen Tadel vorbringt,\nist durch nichts zu rechtfertigen, und der Spott war durch\ndie Benutzung der anti-russischen politischen Stimmung\ndes deutschen Publicums zur Parteinahme gegen einen\nrussischen Künstler obenein sehr wohlfeil zu haben*). Uns\nist Rubinstein als ein junger Künstler erschienen, an wel-\nchem wir neben dem ganz aussergewöhnlichen Können\nauch ein ernstes und hochstrebendes Wollen achten,\nwenn wir auch weit davon entfernt sind, denjenigen unter\nseinen Freunden beizustimmen, welche in seinen Compo-\nsitionen schon einen vollendeten Uebergang dieses Wollens\nzur preiswürdigen That finden. Eine eminente Virtuosi-\ntät lässt sich ohne geniale Natur-Anlage nicht erreichen,\nund da jene in der Kunst ihre volle Berechtigung\n\n*) Kossak führt ihn mit den Worten ein: „A. R., früher Wun-\nderkind in Berlin, jetzt russischer Virtuose.\" Späterhin nennt\ner ihn „einen entarteten Schüler Berlins\" (!) Russland „sein\nzweites Vaterland\" u. s. w. Wie wir hier vernommen, ist\nRubinstein ein wirklicher Russe aus Moskau. Auch seine El-\ntern waren nicht eingewandert, sondern in Russland geboren."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "71", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560301-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5141, "texte": "hat und nur von denen missachtet werden kann, die niemals\nüber die Notwendigkeit der höchsten Vollendung der\nAusführung und über den Einfluss der vollständig über-\nwundenen Mechanik auf den geistigen Vortrag eines Ton-\nstückes nachgedacht haben, so gehört ein Pianist, der sein\nInstrument so vollkommen beherrscht wie Rubinstein, schon\nr . 1\ndadurch zu den bedeutenden Künstlern. Sein Spiel besteht\nkeineswegs bloss in „Schlagen\" und „Kriechen\", in „Pau-\nken\" und „Winseln\", sondern es hat im Verein mit einer\nfabelhaften Fertigkeit auch den Glanz und das Feuer der\nBegeisterung und die Farbe des Gesanges in den melodi-\nschen Stellen. Dass es trotzdem mehr Erstaunen erregt,\nals zur Seele dringt, liegt an den Compositionen; wo diese,\nwie z. B. in einigen Stellen des Concertes mit Orchester\nund in der Romanze für Piano allein, Gelegenheit dazu bie-\nten, da fehlte es keineswegs*an edlem und echt künstleri-\nschem Ausdrucke. Es hat uns desshalb besonders leid ge-\nthan, dass wir keine Composition eines anderen Meisters\nvon ihm haben vortragen hören. Was uns an seiner Be-\nhandlung des Instrumentes nicht behagt, ist die zu häufige\nund zu andauernde Anwendung der Verschiebung der Cla-\nviatur auf eine oder zwei Seiten; im raschen Tempo wird\ndas niemals eine schöne Wirkung machen, zumal mit Or-\nchester-Begleitung, und ein Adagio, wie dasjenige in Beet-\nhoven's G-dur-Concert, fällt nicht so leicht einem wie-\nder ein.\nWas nun die Compositionen Rubinstein's betrifft, die\nwir jetzt hier gehört haben, so haben uns die drei Salon-\nstücke (Romanze, Currente und Etüde) gar sehr\nangesprochen, auch abgesehen von dem Bestechenden des\nvortrefflichen Vortrags. Wenn sie Kossak mit „unermess-\nlichen Steppen\" vergleicht, in denen man „Pferd oder Cameel\nsein müsste, um ihre Annehmlichkeiten zu würdigen\", so\nbedauern wir, dass er keinen schicklicheren Platz gefunden\nhat, um den Seufzer jenes Viehhändlers beim Anblicke\neines Kleefeldes: „Wer hier doch ein Ochse wäre!\" wie-\nderzukäuen. Die genannten Stücke erregten auch beim Pu-\nblicum grossen Beifall. Dagegen blieb dasselbe bei der\nOuvertüre zur Oper Dimitri dermaassen kalt, dass sich\nam Schlüsse auch nicht Eine Hand rührte:—\npublic est Iß lecon du compositeur. Trotzdem ist diese\nOuvertüre doch nicht so ganz leer von musicalischem In-\nhalt, und der etwas tannhäusernde Schluss macht sogar\neinen gewissen Effect, freilich aber eben so wenig einen\nkünstlerischen, als sein Vorbild. Das Clavier-Concert (G-dur)\nmüssen wir als Ganzes für ein verfehltes Werk halten; der\nAnfang desselben verspricht viel, aber die Folge zeigt uns\n/ >\nein formloses Aneinander und Nebeneinander von genialen\nund trivialen Gedanken, von bedeutenden Ansätzen und\n- 0\nganz gewöhnlichen Verläufen, von inhalt-verheissenden Mo-\ntiven und leeren melodischen Phrasen, welche mitunter\nohne allen inneren Zusammenhang mit dem Ganzen stehen.\nEs thut uns leid, dass ein ungewöhnliches Talent, gepaart\nmit rastlosem Streben ins Weite und Grosse und mit auf-\nrichtiger Liebe zur Kunst, sich in das Wirre und Gesetz-\nlose einer Tagesrichtung zu verlieren droht, welche an die\nStelle des Idealismus und der Kunstwahrheit den Realis-\nmus und die rohe Natur, an die Stelle der vollendet schö-\nnen Form, ohne die kein Kunstwerk werden und bestehen\nkann, die regellose Willkür des subjectiven Einfalles setzt.\nMöchte doch ein guter Geist den jungen Künstler anregen,\ndiese undankbare Bahn zu verlassen, sich in die wahren\nMuster zu vertiefen und einen sicheren Besitz in Grund-\nvermögen anzulegen, ehe der unfehlbar bevorstehende Ban-\nkerott des neuesten artistischen ausbricht\nund die Papiere aller Betheiligten auf immer werthlos macht.\nF. Hiller's „Lorelei\", Gedicht von Wolfgang\nMüller, ein Gesangstück für Sopran-Solo (Lorelei) und\nTenor-Solo (Fischerknabe), Chor der Wasserfrauen und\nRebengeister (theils gesondert, theils vereint) und Orchester,\nim Sommer 1854 componirt und im November desselben\nJahres schon einmal hier aufgeführt, hat durch eine theil-\nweise Umarbeitung, welche sich auf den Gesang der Lore-\nlei, der die Katastrophe herbeiführt, erstreckt, sehr gewon-\nnen. Es weht über dem Ganzen der schöne Duft echter\nRomantik, d. h. jener Musik der Sehnsucht und Phantasie,\nwelche eine zauberische Märchenwelt innerhalb der Formen\nder Tonkunst durch den Verein lieblicher Melodieen mit\ndem Wohllaut ungesuchter und doch ungewöhnlicher Har-\nmonie und mit dem Reize von genial zusammengestellten\nInstrumentalklängen darzustellen weiss. Da wird nicht nach\nschreienden Dissonanzen gegriffen, Um den Riss durchs\nHerz handgreiflich offen zu legen, da werden die Gesang-\nweisen des Chors nicht von dem Orchester erstickt; denn\nsie sind für Menschen-, nicht für Instrumental-Stimmen ge-\nschrieben; da wogt es und webt, ohne zu brüllen und zu\nrasseln, es ist Alles Musik und dennoch moderne Musik—\nund das ist etwas Seltenes!\nDen Schluss des Concertes machte eine glänzende\nAufführung der Olympia-Ouverture von Spontini.\nDas Orchester bewährte sich hier wieder, wie bei der Sin-\nfonie; auch das sehr schwierige Concert von Rubinstein\nwurde bis auf den Schluss des letzten Satzes, welcher miss-\nglückte, recht gut begleitet."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-03-01-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-03-01_01#c009", "volume": "bmtnabi_1856-03-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "72", "page_fin": "72", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560301-01.2.6", "titre_corps": "Aus Lille.", "titre_sommaire": "Aus Lille.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "72", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560301-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2648, "texte": "Aus Lille.\nAnfangs Februar gab der hiesige Cäcilien-Gesangverein\nunter Leitung des Herrn Emil Stein kühler eine Soiree musi-\ncale im Saale der Academie de Musique, in welcher nur ernste Ge-\nsangmusik, u. A. das Kyrie und Sanctus aus der B-dur-Messe von\nMozart, das Ave verum von Schubert, 0 salutaris von Haydn,\nder Schlusschor aus Judas Maccabäus von Händel u. s. w., vor\nden Mitgliedern des Vereins und eingeladenen Zuhörern aufgeführt\nwurde. Ein französisches Blatt spricht sich darüber u. A. folgender\nMaassen aus: „Dieser Verein, der durch die gesellschaftliche Stel-\nlung seiner Mitglieder in ganz besonderen Verhältnissen steht, ver-\ndient, die allgemeine Aufmerksamkeit zu fesseln und anderen Städten\nals Muster zu dienen. Er enthält alle Elemente, welche die Förde-\nrung der Tonkunst verlangt, und indem er auf dem eingeschlage-\nnen Wege beharrt, wird er uns jene fast schon verschwundene\nClasse von Dilettanten wiederbringen, welche durch Natur-Anlage,\nBildung und unabhängige Stellung am besten im Stande sind, sich\nder Cultur der echten Musik zu weihen.\" Ueber den Schlusschor\nheisst es: „Welch ein Wunder, dass man eine Musik, welche über\nein Jahrhundert alt ist, so enthusiastisch applaudirt! Aber was ist\ndas auch für ein Styl 1 welche Grösse, welche Erhabenheit in die-\nsem Jubel eines ganzen Volkes, das dem Herrn lobsingt! Die feu-\nrige und kunstgerechte Ausführung war einer der schönsten Erfolge\ndes Concertes. Dieser Chor, das Sanctus von Mozart und das Ave\nverum von Schubert erwarben den rauschendsten Beifall. Möge\nHerr Steinkühler auf dieser Bahn beharren! Gewiss sind grosse\nSchwierigkeiten zu überwinden; aber wir hoffen, dass er es dahin\nbringen wird, uns seiner Zeit anch eines von den Meisterwerken,\nwie den Paulus, oder Elias, Christus am Oelberge, Damdde peni-\ntente oder ein ähnliches, vollständig vorzuführen. Dann wird er auf\nwürdige Weise das durchsetzen, was der Fürst von der Moskowa\nvor einigen Jahren in Paris begonnen hat.\" Es ist in der\nThat sehr erfreulich, dass solche Stimmen in Frankreich ertönen.\nAuch von anderer Seite wird uns bestätigt, dass der Eindruck je-\nner Aufführungen ein gewaltiger und der Triumph der wahren\nKunst vollständig gewesen sei. Auch im Orchester wirkten Dilettan-\nten nlit. Wenn Herr Steinkühler das französische Publicum der\nhöheren Stände zu überzeugen vermag, dass classische Musikstücke\nund der mehrstimmige Gesang doch einen ganz anderen Kunstge-\nnuss bieten, als zehn bis zwölf Romanzen, Cavatinen, Boleros und\nPotpourri-Ouverturen hintereinander, und wenn er ihre Mitwirkung\nzu fesseln weiss, so verdient er für diese herculische Arbeit einen\nganz besonderen Ehrenkranz."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-03-01-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-03-01_01#c010", "volume": "bmtnabi_1856-03-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "72", "page_fin": "72", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560301-01.2.7", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "72", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560301-01.1.8", "debut_caractere": 2650, "fin_caractere_exclue": 5246, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. Meyer beer's Nordstern ist Donnerstag den 28. Fe-\nbruar hier zum ersten Male aufgeführt worden. Die Soiree des\nHerrn Louis Brassin wird am Montag den 3. März im Hotel\nDisch Statt finden.\nDer berühmte Sänger Julius Stock hausen wird, wie wir\nmit Vergnügen hören, nächstens auch Köln besuchen. Ueber seine\nConcerte in Frankfurt a. M. lesen wir in den „Frankfurter Fa-\nmilienblättern\" U.A.: „Es ist uns lange kein Sänger vorgekommen,\nbei welchem die Erfordernisse eines wahrhaften und edeln Kunst-\ngesanges sich in so hohem Grade vereinigen, als bei Herrn Slock-\nhausen, der, mit bedeutendem musicalischem Talente und einer,\nwenn auch nicht grossen und vollen, doch umfangreichen, klaren\nund wohlklingenden Stimme begabt, dieses Talent nnd diese Stimme\nin jeder Hinsicht eifrig und gewissenhaft ausgebildet hat. Schöner\nTonansatz, edle Tonbildung, Kunst der Respiration, reine und rich-\ntige Vocalisation, ebenmässige und treffliche Verbindung der Re-\ngister, Leichtigkeit der Coloratur und des Trillers sind die hervor-\nstechenden Eigenschaften des Sängers. Neben ihm wurde FräoL\nVeith am meisten gefeiert, welche das Duett aus Rossini's Barbier\nmit Herrn Stockhausen und eine Arie aus den Puritanern sang;\nihre biegsame, wohllautende Glöckchenstimme scheint täglich an\nSchönheit, wie ihr Vortrag an Ausdruck zu gewinnen.\"\nNach der Mozartfeier in Frankfurt am Main, deren musi-\ncalische Wirkung am Locale (der Paulskirche) scheiterte, um welche\nsich aber der Dirigent Franz Messer durch tüchtiges und ener-\ngisches Einstudiren der Chöre verdient gemacht hat, gab man dem-\nselben ein festliches Abendessen, bei welchem ihm von den ver-\nschiedenen Vereinen ein kostbar gearbeiteter Dirigentenstab, ein\nsehr werthvoller silberner Pocal und eine durch künstlerische Schrift\nausgezeichnete Adresse überreicht wurde.\nWien. Am 17. Februar fand das dritte Concert der Gesell-\nschaft der Musikfreunde des österreichischen Kaiserstaates im gros-\nsen Redoutensaale Statt. Von neuen oder wenigstens hier selten\ngehörten Sachen wurden aufgeführt eine Concert-Öuverture von J.\nRietz und die von Rob. Schumann. Jos.\nHellmesberger trug das Violin-Concert von Beethoven mit\ngrossem Beifalle vor.\nMailand. Eine deutsche Familie in Mailand, den höheren\nStänden angehörig, wünscht junge Fräulein, welche sich in Italien\nin Musik, Gesang und Sprache ausbilden wollen, zu sich in Pension\naufzunehmen; für eine mütterliche, sittlich-religiöse Aufsicht wird\ngarantirt. Nähere Auskunft hierüber ertheilt die Kunst- und Musik-\nhandlung Fr. Glöggl & Sohn in Wien, Wallnerstrasse Nr. 262."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "65", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560301-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nJoh, Seb. Bach's Werke. Von E. K. Eine traditionelle Thatsache. Von A. Schindler. Prolog zur Mozartfeier\nin Wien. Von Joh. Gabriel Seidl. Achtes Gesellschafts-Concert zu Köln (11. Sinfonie von Beethoven A. Rubinstein Lorelei\nvon F. Hiller). Aus Lille. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln Frankfurt Wien Mailand).\n\nJoh. Seb. Bach’s Werke.\n\nDie Bach-Gesellschaft in Leipzig hat im December\n1855 die erste Lieferung des fünften Jahrgangs der Bach'-\nschen Werke herausgegeben.\nAuch diese Jahres-Ausgabe zeigt, gleichwie die frühe-\nren, ein steliges Wachsthum der Theilnahme, wie aus fol-\ngendem Vergleiche sich ergibt.\n1854. 1855.\nDecember. 4. Band. Decemb. 5. Band, 1. Lief.\nFürstliche Theilnehmer 98 Fürstliche Theilnehmer 97\nAusserdeutsche. . . .155 Ausserdeutsche. ... 163\nDeutsche Bürger . . .282 Deutsche Bürger . . .287\nInsgesammt . . 535 Insgesammt . . 547\nDiese äusserliche Bezeugung weis't auf ein innerliches\nBedürfniss und ist ein Zeichen der Liebe, welche wenig-\nstens dem Namen unseres grössten Tonmeisters gezollt\nwird. Sei es auch, dass sein Wirken Vielen verborgen\nbleibe, die sich unter seine Freunde zählen, doch bleibt es\nbemerkenswerth, dass trotz widerstrebender Zeitgewalten\ndas vaterländische Unternehmen, dessen Begründung ein\nLieblings-Gedanke des früh vollendeten Mendelssohn gewe-\nsen, unaufhaltsam fortschreitet. Widerstrebende Zeitgewal-\nten, welche Kampf und Stärkung bringen, sind neben Krie-\ngesfurcht, Materialismus und Theurung hauptsächlich zwei:\ndie neuzeitliche Schule der Zukunft, welche mit und wider\nWillen Bach's Ehre bezeugt, und der leidenschaftliche An-\ngriff eines berliner Musikgelehrten, der unter dem Namen\nRobert Zimmer, Gedanken beim Erscheinen des\ndritten Bandes der Bach-Gesellschaft. Berlin, Wil-\nhelm Herz. 1854. 8. 16 S.,\nmit Heftigkeit gegen das Directorium der Bach-Gesellschaft\nüberhaupt, mit Gehässigkeit gegen C. F. Becker insbe-\nsondere aufgetreten ist. Die Persönlichkeit des Angriffes\nmusste empfindlich treffen, weil sie nicht in allen Punkten\nunbegründet war, da C. F. Becker in seinen musik-literari-\nschen Arbeiten manche sonderbare Blossen gegeben hat,\nund wird ihn vorsichtiger machen. Wer z. B. Becker's\n„371 vierstimmige Choralgesänge von J. S. Bach\" (Leip-\nzig, 1831, 3. Auflage), aufmerksam durchliest, der wird\nerstaunen, mehrere Choräle anzwei Stellen unverändert\nabgedruckt zu finden, z. B.:\nHilf Gott, dass mir gelinge, Nr. 302 = 199.\n0 Mensch, bewein'dein Sünde gross, Nr. 306=201.\nAn Wasserflüssen Babylon, Nr. 309 = 5.\nLiebster Jesu, wir sind hier. Nr. 328 = 131.\nAber auch im Uebrigen sind die Mahnungen Robert Zim-\nmer's, ihrer gehässigen Form entkleidet, wohl zu beachten.\nDenn erstens ist es die Weitsichtigkeit des Unternehmens,\nwelche manchen deutschen Familienvater mit Sorge erfül-\nlen muss, wenn er nach massiger Berechnung auf 30 Jahr-\ngänge warten und dalür 150 Thlr. zahlen soll. Zweitens\nist die Wieder-Veröfientlichung solcher Instrumentalien, die\nlängst in Aller Händen sind, vielen Theilnehmern auffallend\ngewesen. Beiden Besorgnissen zu begegnen und die Theil-\nnehmer zu beruhigen, würde das Directorium der Bach-\nGesellschaft mit geringer Mühe im Stande sein, wenn es:\n1) möglichst ausführlich bekannt machte, in welcher\nFolge entweder das ganze Werk oder etwa die nächsten\n6 —lO Jahrgänge erscheinen sollen, wobei vornehmlich\nund zunächst Rücksicht zu nehmen wäre auf bisher un-\nedirte Werke;\n2) sich darüber äusserte, ob einzelne Bände und\nzu welchem Preise sie abgegeben werden,\nLetzteres, um solche Theilnehmer herbei zu rufen,\nwelche vielleicht des einzelnen Bandes bedürftig, das Ganze\naber zu erwerben unvermögend wären."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "66", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560301-01.1.2", "texte": "Nun beweisen die Abrechnungen, die dem zweiten und\ndritten Jahrgange beige'ügt sind, dass\na) Einzahlungen geschehen sind für den ersten\nJahrgang 202-{-57 Ex 259\nbj Wieder-Abdrücke des ersten Jahr-\ngangs 100 + 50 Ex 150\nmacht im Ganzen . . 409 Ex.\nDas Verzeichniss der Mitglieder der Bach-Gesellschaft\nvom ersten Jahrgange ergibt aber 403 ; also scheinen min-\ndestens 6 Nicht-Mitgliedern(4o9 4o3=6)Einzel-Exe-\nmplare zugestanden zu sein. Zwar können diese 6 unter den\nspäter Hinzugetretenen sich befinden, da der zweite Jahr-\ngang 485 Mitglieder aufweis't. Um dieses sicher zu ermes-\nsen, müssen wir die späteren Jahres-Abrechnunc;en erwar-\nten, welche gleich den zwei bisherigen jedesmal die Ein-\nzahlungen mit Anführung des Jahrganges namhaft machen.\nUeber die Berechtigung der Mitglieder, Pränumeration und\nandere Befugnisse spricht sich das Statut, welches dem er-\nsten Bande vorgedruckt ist, nur unvollkommen aus. Jeden-\nfalls wäre doch erwünscht, hierüber vollständige Auskunft\nzu erhalten, vornehmlich des guten Zweckes willen, dass\ndie Theilnahme sich auch unter minder Bemittelte verbrei-\nten möge. Und sollten auch, was wir kaum voraussetzen\nmögen, in solchem Falle etwa ein Sechstel bis ein Fünftel\nder stetigen Abonnenten (Mitglieder) ausfallen, so würde\nsich der Ausfall decken, indem für einzelne Werke sicher-\nlich genügend ersetzende Einzel-Abnehmer hinzuträten. Um\ndiese herbei zu ziehen, wäre nur nöthig, die Jahres-Liefe-\ni'ung lange vor deren Erscheinung namhaft zu machen und\nstrenge auf Pränumeration zu bestehen. Letzteres\nscheint nicht der Fall gewesen zu sein, da lange nach Er-\nscheinung des ersten Bandes mit 403 Abnehmern erst\n202 Einzahlungen in der erstjährigen Abrechnung er-\nwähnt sind.\nRobert Zimmer's Buch hat ausserdem veranlasst, dass\nüber die Urschriften der Inventionen und Sinfonieen des\ndritten Jahrgangs nochmalige sorgfältige Nachforschung\nStatt gefunden hat, deren Ergebniss war, dass der grim-\nmige Widersacher den Process verlor und die Bach-Gesell-\nschalt mit ihrer Edition vollkommen gerechtfertigt erschien\n(s. die Vorrede dieses fünften Bandes). Daneben hat aber\nauch für diesen Jahrgang die Direction der Bach-Gesell-\nschaft es nicht fehlen lassen an sorgfältigster Kritik, indem\nder diesmalige Herausgeber, nicht C. F. Becker, sondern\nW. R u s t, mit diplomatischer Aengstlichkeit den genauesten\nBericht erstattet über die Quellen dieser Ausgabe. Das ist\ndankenswerth; es überzeugt das Publicum von der Echt-\nheit der Ueberlieferung und belehrt daneben über die Grösse\nund Schwierigkeit der Ausführung. Minder erwünscht ist\ndagegen, wenn die erste Blattseite des Vorwortes (S. XIII.)\nmit didaktischen Tendenzen hervortritt, indem von\nVergleichungen der Styl-Arten Bach's nach sei-\nnen Lebens-Perioden, welche doch eingeständlich (S.\nXIV. unten) in vielen Fällen unerweisbar sind, der Ausgang\ngenommen wird, um die Reihenfolge der Cantaten zu recht-\nfertigen. Mag aucÜdieses Princip einiges ästhetisch-histo-\nrische Recht besitzen, in jedem Falle möchten wir es so-\nwohl hier als bei Beethoven, Schiller und Anderen nur mit\nVorsicht und Bescheidenheit anwenden, um zu verhüten,\ndass alles Schönheitsleben zum Schul-Exercitium de-\nmonstrirt werde. Und darum scheint uns das Princip\nder Nützlichkeit nicht so gar verächtlich, dem gemäss\nwir vorziehen würden, künstlerisch vollendete, wohllautende,\nleicht ausführbare, und bisher unbekannte Werke durchaus\nin den Vordergrund zu stellen, so lange kein objectives\nPrincip der Reihenfolge gefunden ist.\nDie diesjährigen zehn Cantaten sind von sehr verschie-\ndenem Werthe; vielleicht ist es eine Laune des Wider-\nspruchs, dass uns die lebhaft empfohlenen minder vorzüg-\nlich erscheinen. Von höchster Tonschönheit sind die 21.,\n23., 25. Cantate, deren erste freilich in der Wort-Decla-\nmation, die dritte im Wort-Inhalt nicht anmuthend, dage-\ngen mit einer künstlerischen Weisheit ausgeführt sind, die\nNiemand ausser dem alten Bach jemals besessen hat; dazu\nsind sie mit mässig geschulten Kräften wohl ausführ-\nbar, und diese Rücksicht ist es, die wir dem Directorium\nder Bach-Gesellschaft zu geneigter Erwägung stellen möch-\nten, da dessen übrigens volles Vertrauen verdienende Lei-\ntung eben hier sorgloser zu verfahren scheint. Es könnte\ndem Fortgange des Unternehmens schaden, wenn den ge-\nlehrten Forschern überwiegend zu Gute käme, was doch\nallem Volke zugehört. Wird Bach auch nie in gemeine Po-\npularität versinken, so ist doch gar Vieles aus seinen Wer-\nken dem Volke zugänglich, und da bitten wir denn im Na-\nmen mancher Musik-Directoren und anderer Kunstfreunde,\nden Weg zu ebnen, nicht zum Vortheil didaktisch-histori-\nscher Concerte oder geistreicher Studien und Vorlesungen,\nsondern zum Besten der Kirchenchöre und Singvereine;\ndiesen zu Liebe ist räthlich, den absonderlichen Wer-\nken nicht zu grossen Raum zu geben.\nDie 21. (diesjährige erste) Cantate über:\n„Ich hatte viel Bekümmerniss\", beginnt mit einem fünf-\nstimmigen Instrumentalsatze von edler, milder Schwermuth;"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "67", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560301-01.1.3", "texte": "der erste Chor, frei fugirt, ist zu Anfang etwas leicht ge-\nhalten; der Tiefsinn des Inhalts äussert sich erst gegen das\nEnde in dem doppel-zweistimmigen Schlusssatze des Chors\nS. 11. Die drei folgenden Soli sind eindringlich, aber\nschwierig, überkünstlich; von gewaltiger Wirkung dagegen\nund vollendeter -fasslicher Tonschönheit der Chor: „Was\nbetrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir?\nHarre auf Gott!\" ln diesen Tönen hat jeder Athemzug\nmehr Kraft, als hundert moderne Kirchen-Concertstückchen\nvergeblich sich abmühen, zu haben. Der zweite Theil die-\nser Cantate dem Bach'schen Herkommen gemäss wahr-\nscheinlich nach der Predigt gesungen—schlägt noch höhere\nSaiten an: Jesus selbst wird angeredet, er selbst gibt Ant-\nwort in dem wunderklaren Duett voll mvstischen Sternen-\n%)\nglanzes; canonische Verständigkeit und selige Weisheit\nsind zu einem festen Bilde verbunden. Der hierauf folgende\nChor ist eine Fuge zum Choral, mit Posaunen begleitet;\nden Cantus firmusgibt die Melodie „Wer nur den lieben\nGott lässt walten\", die drei übrigen Stimmen fugiren dazu\ndie Worte aus Psalm 116, 7. Der Schlusschor über\nOffenbarung 5, 12: „Würdig ist das Lamm\", reizt un-\nwillkürlich zur Vergleichung mit dem Messias-Schlusschor.\nWährend hier die Händel'sche Weise sich lieblich und er-\nhaben, rührend und glänzend, und bei aller Hoheit doch\nleichtfasslich ausspricht, so hat dagegen der Bach'sche Chor\neinen tiefen Abgrund von ahnungsvoller Herrlichkeit, einen\nstolzen Ton von dunklem, fernem Glänze.\nVon den folgenden Cantaten scheinen uns die 23.:\n„Du wahrer Gott und David's Sohn\", und die 25.: „Es\nist nichts Gesundes an meinem Leibe\", die bedeutendsten\nund auslührbarsten. Wir enthalten uns, das Einzelne wei-\nter durchzugehen, zumal, da der sorgfältige Herausgeber\nso Vieles dankenswerth erläutert, Anderes zum Urtheil vor-\nbereitet hingestellt hat. Also genüge uns, den nachdenksa-\nmen Leser auf einige Besonderheiten flüchtig aufmerksam\nzu machen, an denen Bach'sche Art und Kunst in Gutem\nund Bösem zu Tage tritt.\nZuerst einige Sätze von wundersamer Schönheit, die\nwir den Solosängern zur Ansicht empfehlen nicht bloss\nzum Ueben, sondern zum Genüsse, zu wahrem Erlebnisse\nder Seelenmalerei und Seelendarstellung, welche S. Bach\neigenthümlich ist; es sind (andere nicht unbedeutende jetzt\nübergehend) folgende vier Sätze: die Tenor-Arie Cant.\n22, S. 84: „Mein Alles in Allem, mein ewiges Gut\" ; die\nSopran-Arie Cant.2s, S. 180: „Oeffne meinen schlich-\nten Liedern, Jesu, Deiner Gnaden Ohr\"; die Alt-Arie\nCant. 27, S. 228: „Willkommen will ich sagen, wenn\nder Tod ans Bette tritt\"; das doppelte „Halleluja\" in Te-\nnor und Alt Cant. 29, S. 301, 314. ln derselben\nCantate ist der Chor S. 288 bemerkenswerth, der auf\ndieselben Töne gebaut ist wie das Gratias agimus und\nDona nobis pacemder H-moll-Messe, hier zu den Worten:\n„Wir danken Dir und verkündigen Deine Wunder\".\nGanz ungeniessbar dagegen ist in derselben Cantate S. 307\ndie vertrackte Sopran-Arie: „Gedenk' an uns in Deiner\nLiebe\"; ähnlicher Art die scheussliche Modulation, welche\nS. 176, Zeile 5, T. 2 angewandt wird, vielleicht um den\n„Sünden-Aussatz\" der Textesworte abzumalen; in ver-\nwandtem krankhaftem Anklänge die folgende Bass-Arie\nS. 17 7. „ Ach, wo find' ich Armer Rath I\" —in diesen\nSätzen ist wirklich etwas von dem verschrieenen Rococo-\nStyle.\nSchliesslich bemerken wir einige Wunderlichkeiten des\nAlten im Einzelnen: so die auffallende, doch nicht übel\nklingende Quinten-Parallele S. 20, T. 8, zwischen der Alt-\nstimme und den beiden Geigen; ähnlich S. 230, T. 9,\nzwischen Alt und Orgel-Discant, minder lieblich als die vo-\nrige, doch im raschen Durcheilen erträglich.—Eben so ist\ndie seltsame Secunden-Parallele S. 46, T. 18, im zweiten\nAchtel durch ihre Raschheit fast unmerklich, zugleich ein\nZeugniss der nur Bach eigentümlichen Selbstständig-\nkeit jeder Stimme, die sich bis zum Eigensinne durchsetzt\nund eben damit oft zur siegenden Schönheit wird. So ist\nauch merkwürdig, vielleicht beispiellos, die Auflösung einer\nSecunde nach oben, welche S. 157, T. 2, im vierten\nViertel von dem Sopran und der ersten Geige vollzogen wird:\ngleichsam ein wechselseitiges Drängen und Stossen und\nForttreiben, das wieder auf dem Eigensinne der Melodieen\nberuht und hier sehr wohl zum Texte passt, als Tonma-\nlerei der Worte: „Es ist nichts Gesundes an meinem Leibe\nvor Deinem Dräuen.\"\nDruckfehler sind uns beim ersten Lesen keine aufge-\nfallen; doch kann man fragen, ob S. 43, T. 3, im Con-\ntinuo nicht das letzte Achtel fis sein muss, statt f; mög-\nlich ist f, aber unnöthig hart, und unwahrscheinlich wegen\ndes folgenden Tactes.\n\nE. K.\n\nEine traditionelle Thatsache.\n\nBei Erwähnung der Mozartfeier zu Wien in Nr.\n6 dieser Musik-Zeitung lies't man unter Anderem ein Citat\naus Nr. 9 der wiener „ Blätter iür Musik\", welches besagt,\ndass Herr L i s z t zwei neue Vortrags-Momente in"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "68", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560301-01.1.4", "texte": "der Ouvertüre zur Zauberflöte, als nahe liegende Effecte,\naufgefunden habe, nämlich die Accentuirung des vierten\nViertels im Thema, dann die Weglassung der gewohnten\nLigaturen bei den drei 2#-c?wr-Accorden.\nMeine langjährige Stellung am kaiserlichen Hof-Opern-\ntheater zu Wien (von 1830 bis 1854) setzt mich in Stand,\nhiermit die Versicherung geben zu können, dass die beiden\nersten Tactc im Thema genannter Ouvertüre von dem Or-\nchester dieses kaiserlichen Kunst-Instituts nach Vorschrift\nder Partitur stets piano vorgetragen, das zweite und vierte\nViertel aber des dritten und vierten Tactes accentuirt\nwurden.—Den anderen Fall betreffend, erklärt der Unter-\nzeichnete, dass die Ligaturen bei den drei\nauf der Tradition beruhen und sowohl im Theater an\nder Wien wie im Rärnthnerthor-Theater seit Mozart's Zeit\nübereinstimmend beachtet worden sind. Dafür, wie über-\nhaupt iür Bewahrung aller Mozart'schen Traditionen im\nTheater und im Concertsaale verstanden die beiden Capell-\nmeister Jos. Weigl und Ign. v. Seyfried, Zeitgenos-\nsen Mozart's und dessen eifrige Jünger, bestens zu sorgen.\nWir jüngeren Dirigenten, darunter auch Franz und Vin-\ncenz Lachner, folgten getreulich dem Beispiele unserer\nAltmeister. Dies zur Steuer der Wahrheit, damit diese\nund auch noch andere traditionelle Thatsachen ihre Geltung\nnoch länger fort bewähren können und nicht jeder Willkür\nweichen müsssen.\nDarmstadt, den 14. Februar 1856.\nWilh. Reuling,\nk. k. Hof-Opern-Capellmeister a. D.\nWenn ich mir erlaube, vorstehender Erklärung des\nHerrn Capellmeisters Reuling ergänzend hinzuzufügen,\ndass dessen künstlerische Beobachtungen in Wien bereits\nvor 1824 beginnen, und dass er die Classiker noch in der\nguten Zeit der Concerts spiritue—zum Theil unter Lei-\ntung seines Lehrers Seyfried kennen gelernt, so wird\ndies sein Zeugniss in obiger Sache noch gewichtiger ma-\nchen. Meine Beobachtungen auf dem wiener Musikboden,\ndie bis 1812 zurückgehen, bestätigen diese traditionelle\nThatsache gleichfalls *). Der Modus aber, wie die hoch-\nwichtige Auffindung des Herrn Liszt von den Blättern für\nMusik zu Markte gebracht wird, ist wohl geeignet, lür das\nin Wien noch haften gebliebene Restchen von unmittel-\nbaren Ueberlieferungen unserer drei Classiker sehr be-\nsorgt zu machen, zumal dort nur wenige Männer noch am\nLeben sein sollen, welche die gute, lehrreiche Epoche bis\n1830 mit durchgemacht haben. Und wie viele aus diesem\nHäuflein mögen sich wohl um Traditionen, überhaupt um\nhöhere Kunst-Interessen bekümmern? Man ist ja in Wien,\nnicht in London, nicht in Paris. Lassen wir indess nicht\nalle Hoffnung lür Besserung der Musik- und Theater-Zu-\nstände in der Kaiserstadt schwinden. Seit Jahreslauf sitzt\nin der „Monatschrift\" ein Areopag über Kunst-Ange-\nlegenheiten zu Gericht, wie das alte Wien niemals Aehn-\nliches gesehen. Diesem Vereine ausgezeichneter Männer,\ndenen Wahrheit und Recht über Alles gehen, wird es wohl\ngelingen, die dort wuchernde Routine zu bannen, die Pro-\ntection der Charlatanerie, käme sie gleichwohl von hoher\nBehörde, zu schwächen und sonach eine bessere Aera an-\nzubahnen. Wollen nur die Musen diesen seltenen Kunst-\nschützern Geduld und Ausdauer verleihen; denn die An-\nstrengungen sind unverkennbar herculischer Art.\nDarmstadt.\n*) In Norddeutschland ist der Vortrag der fraglichen Accorde\nohne Ligatur der gewöhnliche, und ich wurde schon als\nKnabe belehrt, dass er eine wichtige symbolische Bedeutung\nhabe. Als ich mir später aus musicalischen Gründen erlaubte,\ndaran zu zweifeln (da mir diese Dreiklänge auf der Domi-\nnante nur als eine um die Dauer eines halben Tactes verlän-\ngerte Wiederholung der Dreiklänge des Grundtones, mit de-\nnen die Ouvertüre beginnt, erschienen), wurde mir immer\n(jedoch stets von Eingeweihten, z. B. B. A. Weber, Friedr.\nSchneider u. s. w.) die geheimnissvolle Autorität und Tra-\ndition entgegen gehalten. Dass es mit der letzteren sich an-\nders verhält, zeigen die obigen Erklärungen. Ich weiss nicht,\nob die Original-Partitur Mozart's noch vorhanden ist. Es\nkäme dann auf die Schreibart der Accorde nach dem Prie-\nstermarsche im zweiten Acte an, da sie von da ohne Zweifel\nin die Ouvertüre zu Anfange und in der Mitte übertragen\nsind. L. B.\n\nA. Schindler.\n\nProlog zur Mozartfeier in Wien.\n\nEin Geist des Ernstes gebt durch diese Räume,\nGleich einem Herold, der gemess'nen Schritts\nDie Reih'n durchwandelt, bis sich die Gemüther\nGesammelt, und das Herz die Stimmung fand\nZum selt'nen Feste, das sich vorbereitet.\nUnd solch ein selt'nes Fest vereint auch uns;\nWohl selten! Doch wie nenn' ich's? Jubelfest?\nWie? oder Todtenfeier? Wiegenfeier?\nJa Wiegenfeier! Ju b e 1-Wiegenfeier!\nDie Hand der Muse reiss' entzwei den Sehleier,\nDen ein Jahrhundert wob um diesen Tag,\nAn dem ihr Schoosskind in der Wieg* einst lag,\nSie führ' uns hin, wo schweigend an dem Flügel\nDas Kind dem Spiele seiner Schwester lauscht,\nBis, mächtig sprengend seiner Jugend Zügel,\nEs sich im süssen Nektar selbst berauscht;"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "69", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560301-01.1.5", "texte": "Sie zeig' uns, wie in seinem zarten Herzen\nDie Riesenflamme brennt und loht und glüht,\nUnd wie sich Vaterlieb' in bangen Schmerzen\nNicht anzufeuern, nein, zu dämpfen müht.\nSie zeig' uns, wie der stille Wunderknabe\nMit schwacher Hand vollbringt, was Meister ehrt;\nSie zeig' uns, wie er kraft der Himmelsgabe\nDie Welt den Namen „Mozart\" sprechen lehrt;\nWie's ihn nach Sieg um Sieg in Deutschlands Gauen,\nIn Frankreichs Weltstadt, an der Themse Strand,\nIn Hollands Dünen, in Italiens Auen\nDoch wieder heimzieht in sein Vaterland.\nSie zeig' uns, wie der kleine Tonbezwinger,\nBeargwöhnt, dass ein Ring sein Talisman,\nDen gold'nen Reifen lächelnd streift vom Finger\nUnd ohne Zauber mehr noch zaubern kann.\nSie zeig' uns, wie er wächst in ihren Gnaden,\nDurch ihre Macht vorgreifend jeder Zeit;\nVor ihm der Ruhm auf allen seinen Pfaden\nUhd hinter ihm her die Unsterblichkeit.\nEin Mann als Jüngling, steht er da vollendet:\nNichts hemmt des grossen Geistes Siegerlauf!\nWohin er sich im Reich der Töne wendet,\nSpringt Schloss und Riegel willig vor ihm auf.\nEr hat's gesagt und hat's bewährt im Schaffen:\n„Der Funke thut's, nicht eitel Müh' und Zwang;\nEs lässt sich nicht ergrübein, nicht erraffen,\nTief aus dem Herzen kommt der rechte Klang!\"\nUnd der, der stand ihm zu Gebot, das Schöne,\nDas Ideal, die unbewusste Norm,\nDie Poesie im Zauberkleid der Töne,\nDie höchste Wahrheit in der klarsten Form\nOb auf den Brettern, die das Leben spiegeln,\nOb an der Wiege, wo die Mutter fleht:\nEr weiss der Menschheit Räthsel zu entsiegeln,\nWie er ein einzeln Menschen herz versteht.\nEr lös't in tongewalt'ge Symphonieen\nDer Instrumente Wettkampf spielend auf,\nUnd gibt zum Kleinod ernsten Melodieen\nMuthwiH'gen Scherz auch neckend mit in Kauf.\nSo gross im Kleinen selbst, und Selbst er immer,\nUnd stets voll Maass, gemüthlich, warm und wahr,\nStellt, angeglüht schon von des Jenseits Schimmer,\nIm letzten Werk er sich am grössten dar.\nWTir kennen ihn wozu ihn näher schildern?\nEin Zweifel war's an jedem, der ihn kennt.\nSein geistig Bild steht klar vor Aller Augen,\nSein leiblich Bild, sein Antlitz steht vor Euch,\nEin frommes Denkmal treuer Künstlerhand,\nVon unsres Dankes frischem Kranz «mschlungen.\nDoch Leib ist Staub und Staub verweht. Wohin\nAn jenem stürmischen December-Abend\nSein Staub versenkt ward? G'nug, dass er uns blieb!\nIst jedes Herz doch, das ihn treu erkennt\nUnd ganz erfühlt, sein lebend Monument.\nAm Flügel, wo sein Lied erklingt, im Stübchen,\nWo sein Quartett der Kenner Herzen schmelzt,\nIm hellen Saal, wo seine Symphonieen\nDer Hörer athemlose Menge fesselt,\nWie auf der Bühne, wenn der Zauberflöte\nGeheimnissvolle Märchenwelt sich aufthut,\nWenn Don Juan's toller Uebermuth die Hölle\nGen Himmel hetzt, wenn schalkhaft Figaro\nDie Perlenschnur der Melodie'n entrollt,\nUnd wie im Dome, wenn zur hohen Wölbung\nDas „Dies iracu markdurchschauernd dröhnt,\nDas sich der Künstler, ahnend, dass die Flamme,\nDie früh gebrannt, sich früh verzehren muss,\nIm Vorbewusstsein nahen Tod's gesungen\nDort dort und dort und überall ist Platz\nFür Mozart's Denkmal. Hat der Nachwelt Dank\nDie Stätte seiner ersten Wiegenfeier\nIhm reich geschmückt, wie's seines Ruhmes werth,\nLasst nicht die Stätte seiner hundertsten\nDes Schmucks entbehren, der Euch selbst nur ehrt!\nUns aber gönnt den Anlauf gönnt die Weihe!\nZusammen stand, was sich zur Kunst bekennt;\nDie sonst wetteifernd eigne Bahnen wandeln,\nWie wer der Kunst im Stillen Opfer bringt:\nIn trauter Eintracht sind sie hier vereint,\nDen Meister Aller nach Gebühr zu ehren.\nDie Stimmung, dünkt mir, fand sich. Alles lauscht!\nEin Wink! Der Strom der Melodie'n entrauscht\nUnd herbeschworen steht Er selber da,\nDem diese Sonn' einst in die Wiege sah!\nEr selbst im Feuermantel seiner Töne,\nSo ewig jung, wie ewig jung das Schöne,\nUm frei von jeder Schranke, jedem Joch,\nSich selbst die Bürgschaft, uns den Trost zu geben:\n„Wer also lebt nach hundert Jahren noch,\nDer wird auch sein Jahrtausend überleben!\"\n\nJohann Gabriel Seidl.\n\nAchtes Gesellschafts-Concert in Köln\nim Casinosaale.\nDinstag, den 26. Februar.\nI. 1) Sinfonie Nr. 11. von L. van Beethoven; 2)\nSopran-Arie von Mozart (mit obligater Violine), gesungen\nvon Frau Marie Reclam; 3) Concert für Pianoforte und\nOrchester, componirt und gespielt von Anton Rubin-\nstein. ll. 4) Ouvertüre zur Oper „Dimitri\" von A.\nRubinstein; 5) „ Lorelei % Gedicht von Wolfg. Mül-\nler, componirt für Soli, Chor und Orchester von F. Hil-\nler; 6) Solostücke für Pianoforte von A. Rubinstein;\n7) Ouvertüre zur „Olympia\" von Spontini.\nDie Sinfonie wurde vortrefflich aufgeführt—ein Urtheil,\ndem wohl Niemand desswegen widersprechen wird, weil\ndem ersten Hornisten einige hohe Töne im Larghetto miss-\nglückten. Denn auf eine Einzelheit, so störend sie für den\nAugenblick ist, kommt es nicht an, sondern auf den Ein-\ndruck des Ganzen, auf den Geist, der die Ausführung durch-\nweht, auf das Ebenmaass in der Darstellung des Kunst-\nwerkes, auf die richtige und feine Zeichnung des Vortrags\ndurch das ganze Orchester, nicht auf die Virtuosität des"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "70", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560301-01.1.6", "texte": "Einzelnen. Es gibt kaum eine andere Sinfonie, welche einen\nsolchen harmonischen Wohllaut, in Verbindung mit den\nausdrucksvollsten Melodieen, in so ungetrübter Klarheit, in\nso keuscher Reinheit von Anfang bis zu Ende ausströmte.\nDas Larghetto ist in dieser Beziehung von Beethoven selbst\nkaum übertroffen worden, was keineswegs ausschliesst, dass\nspäter Adagios an Erhabenheit der Ideen und grossartiger\nDarstellung und Entwicklung derselben es überragen. Es\nliegt übrigens in dieser Sinfonie, welche die höchste Potenz\ndes Mozart'schen Styles ist, eine ganze Menge von Keimen\nder späteren Beethoven'schen Saat. Die grossen Hebel, mit\nwelchen Beethoven die Gemüthswelt der Zuhörer bewegt,\nder Inhalt und Gang der Melodie, die rhythmische Bewe-\ngung, der Wohlklang der Harmonie, das Festhalten und\nstete Durchklingen der Hauptgedanken und die Steigerung\nderselben in der anhaltenden Wiederholung durch innere\nMittel, denen die äusseren nur als mitwirkend, nicht aber\nals Hauptsache hinzutreten • das alles ist schon in der\nzweiten Sinfonie da. Wenn sich namentlich die neue und\neigentümliche Behandlung des rhythmischen Elementes\nerst von der dritten Sinfonie (Eroica) ab entwickelt, so fin-\nden sich doch auch in der zweiten schon höchst wirksame\nAnfänge derselben, welche durch die genaueste Beachtung\nder Accentuation, zu deren Bezeichnung sich Beethoven\ndes Sforzandobedient, hervorzuheben sind. Man vergleiche\nz. B. in der Coda des ersten Allegro die Stelle:\nHier beruht die Hauptwirkung auf dem antispastischen Ge-\ngentritt der beiden Accente des zweiten und dritten Vier-\nteis im dritten Tacte:\nwobei das zweite sf durch den Eintritt der Hörner, Trom-\npeten und Pauken scharf markirt wird. Eben so darf im\nzweiten Theile des Trio's vom Scherzo der Accent auf das\nfis des zweiten Tactes nicht übersehen werden. Die beab-\nsichtigte Betonung ist folgende:\nDie Arie von Mozart (wenn wir nicht irren, zum Ido-\nmeneo nachcomponirt) wurde von Frau Reclam recht\nschön gesungen und von Herrn Pixis auf der Violine in\nTon und Ausdruck trefflich begleitet.\nHöchst interessant war das Auftreten von Anton\nRubinstein, wofür wir der Concert-Direction sehr dank-\nbar sein müssen. Es ist leider der Fluch unserer Zeit und\nder Zustände der Kritik, dass von einem gesunden, maass-\nhaltenden, wohlwollenden Urtheile über neue Erscheinun-\ngen in der Kunstwelt fast nirgends mehr die Rede ist;\neine solche wird entweder in den Himmel gehoben oder\nmit Füssen getreten. Das Erste, so anmaassend es oft ge-\nnug auftritt, ist am Ende so gefährlich nicht; denn\ndas Schmelzen der Flügel des Ikarus an der Sonne bleibt\ndoch niemals aus, und du sublime au ridicule il n'y a qu'un\npas. Das Zweite aber, das unbedingte Absprechen über ein\njunges Talent, das Herabziehen desselben in den Roth, ist\nnur zu oft eine Versündigung an dem menschlichen Geiste\nund seinem Streben. Die Kritik soll allerdings das Kunst-\nschöne wahren und Richtungen, die davon abweichen, nach\nbestem Wissen und Gewissen entschieden entgegentreten;\ndazu bedarf es aber der Bitterkeit, Grobheit und des bos-\nhaften Spottes keineswegs, am wenigsten dann, wenn der\nCharakter und das persönliche Auftreten des Künstlers\ndurchaus nicht dazu herausfordern. Zu diesen Bemerkungen\nkommen wir, indem wir uns der Aeusserungen E. Kossak's\nin der Berliner Montagspost über Rubinstein erinnern.\nKossak hat selbst in der Sache nur in einigen Stücken\nRecht, die Form aber, in welcher er seinen Tadel vorbringt,\nist durch nichts zu rechtfertigen, und der Spott war durch\ndie Benutzung der anti-russischen politischen Stimmung\ndes deutschen Publicums zur Parteinahme gegen einen\nrussischen Künstler obenein sehr wohlfeil zu haben*). Uns\nist Rubinstein als ein junger Künstler erschienen, an wel-\nchem wir neben dem ganz aussergewöhnlichen Können\nauch ein ernstes und hochstrebendes Wollen achten,\nwenn wir auch weit davon entfernt sind, denjenigen unter\nseinen Freunden beizustimmen, welche in seinen Compo-\nsitionen schon einen vollendeten Uebergang dieses Wollens\nzur preiswürdigen That finden. Eine eminente Virtuosi-\ntät lässt sich ohne geniale Natur-Anlage nicht erreichen,\nund da jene in der Kunst ihre volle Berechtigung\n\n*) Kossak führt ihn mit den Worten ein: „A. R., früher Wun-\nderkind in Berlin, jetzt russischer Virtuose.\" Späterhin nennt\ner ihn „einen entarteten Schüler Berlins\" (!) Russland „sein\nzweites Vaterland\" u. s. w. Wie wir hier vernommen, ist\nRubinstein ein wirklicher Russe aus Moskau. Auch seine El-\ntern waren nicht eingewandert, sondern in Russland geboren."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "71", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560301-01.1.7", "texte": "hat und nur von denen missachtet werden kann, die niemals\nüber die Notwendigkeit der höchsten Vollendung der\nAusführung und über den Einfluss der vollständig über-\nwundenen Mechanik auf den geistigen Vortrag eines Ton-\nstückes nachgedacht haben, so gehört ein Pianist, der sein\nInstrument so vollkommen beherrscht wie Rubinstein, schon\nr . 1\ndadurch zu den bedeutenden Künstlern. Sein Spiel besteht\nkeineswegs bloss in „Schlagen\" und „Kriechen\", in „Pau-\nken\" und „Winseln\", sondern es hat im Verein mit einer\nfabelhaften Fertigkeit auch den Glanz und das Feuer der\nBegeisterung und die Farbe des Gesanges in den melodi-\nschen Stellen. Dass es trotzdem mehr Erstaunen erregt,\nals zur Seele dringt, liegt an den Compositionen; wo diese,\nwie z. B. in einigen Stellen des Concertes mit Orchester\nund in der Romanze für Piano allein, Gelegenheit dazu bie-\nten, da fehlte es keineswegs*an edlem und echt künstleri-\nschem Ausdrucke. Es hat uns desshalb besonders leid ge-\nthan, dass wir keine Composition eines anderen Meisters\nvon ihm haben vortragen hören. Was uns an seiner Be-\nhandlung des Instrumentes nicht behagt, ist die zu häufige\nund zu andauernde Anwendung der Verschiebung der Cla-\nviatur auf eine oder zwei Seiten; im raschen Tempo wird\ndas niemals eine schöne Wirkung machen, zumal mit Or-\nchester-Begleitung, und ein Adagio, wie dasjenige in Beet-\nhoven's G-dur-Concert, fällt nicht so leicht einem wie-\nder ein.\nWas nun die Compositionen Rubinstein's betrifft, die\nwir jetzt hier gehört haben, so haben uns die drei Salon-\nstücke (Romanze, Currente und Etüde) gar sehr\nangesprochen, auch abgesehen von dem Bestechenden des\nvortrefflichen Vortrags. Wenn sie Kossak mit „unermess-\nlichen Steppen\" vergleicht, in denen man „Pferd oder Cameel\nsein müsste, um ihre Annehmlichkeiten zu würdigen\", so\nbedauern wir, dass er keinen schicklicheren Platz gefunden\nhat, um den Seufzer jenes Viehhändlers beim Anblicke\neines Kleefeldes: „Wer hier doch ein Ochse wäre!\" wie-\nderzukäuen. Die genannten Stücke erregten auch beim Pu-\nblicum grossen Beifall. Dagegen blieb dasselbe bei der\nOuvertüre zur Oper Dimitri dermaassen kalt, dass sich\nam Schlüsse auch nicht Eine Hand rührte:—\npublic est Iß lecon du compositeur. Trotzdem ist diese\nOuvertüre doch nicht so ganz leer von musicalischem In-\nhalt, und der etwas tannhäusernde Schluss macht sogar\neinen gewissen Effect, freilich aber eben so wenig einen\nkünstlerischen, als sein Vorbild. Das Clavier-Concert (G-dur)\nmüssen wir als Ganzes für ein verfehltes Werk halten; der\nAnfang desselben verspricht viel, aber die Folge zeigt uns\n/ >\nein formloses Aneinander und Nebeneinander von genialen\nund trivialen Gedanken, von bedeutenden Ansätzen und\n- 0\nganz gewöhnlichen Verläufen, von inhalt-verheissenden Mo-\ntiven und leeren melodischen Phrasen, welche mitunter\nohne allen inneren Zusammenhang mit dem Ganzen stehen.\nEs thut uns leid, dass ein ungewöhnliches Talent, gepaart\nmit rastlosem Streben ins Weite und Grosse und mit auf-\nrichtiger Liebe zur Kunst, sich in das Wirre und Gesetz-\nlose einer Tagesrichtung zu verlieren droht, welche an die\nStelle des Idealismus und der Kunstwahrheit den Realis-\nmus und die rohe Natur, an die Stelle der vollendet schö-\nnen Form, ohne die kein Kunstwerk werden und bestehen\nkann, die regellose Willkür des subjectiven Einfalles setzt.\nMöchte doch ein guter Geist den jungen Künstler anregen,\ndiese undankbare Bahn zu verlassen, sich in die wahren\nMuster zu vertiefen und einen sicheren Besitz in Grund-\nvermögen anzulegen, ehe der unfehlbar bevorstehende Ban-\nkerott des neuesten artistischen ausbricht\nund die Papiere aller Betheiligten auf immer werthlos macht.\nF. Hiller's „Lorelei\", Gedicht von Wolfgang\nMüller, ein Gesangstück für Sopran-Solo (Lorelei) und\nTenor-Solo (Fischerknabe), Chor der Wasserfrauen und\nRebengeister (theils gesondert, theils vereint) und Orchester,\nim Sommer 1854 componirt und im November desselben\nJahres schon einmal hier aufgeführt, hat durch eine theil-\nweise Umarbeitung, welche sich auf den Gesang der Lore-\nlei, der die Katastrophe herbeiführt, erstreckt, sehr gewon-\nnen. Es weht über dem Ganzen der schöne Duft echter\nRomantik, d. h. jener Musik der Sehnsucht und Phantasie,\nwelche eine zauberische Märchenwelt innerhalb der Formen\nder Tonkunst durch den Verein lieblicher Melodieen mit\ndem Wohllaut ungesuchter und doch ungewöhnlicher Har-\nmonie und mit dem Reize von genial zusammengestellten\nInstrumentalklängen darzustellen weiss. Da wird nicht nach\nschreienden Dissonanzen gegriffen, Um den Riss durchs\nHerz handgreiflich offen zu legen, da werden die Gesang-\nweisen des Chors nicht von dem Orchester erstickt; denn\nsie sind für Menschen-, nicht für Instrumental-Stimmen ge-\nschrieben; da wogt es und webt, ohne zu brüllen und zu\nrasseln, es ist Alles Musik und dennoch moderne Musik—\nund das ist etwas Seltenes!\nDen Schluss des Concertes machte eine glänzende\nAufführung der Olympia-Ouverture von Spontini.\nDas Orchester bewährte sich hier wieder, wie bei der Sin-\nfonie; auch das sehr schwierige Concert von Rubinstein\nwurde bis auf den Schluss des letzten Satzes, welcher miss-\nglückte, recht gut begleitet."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "72", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560301-01.1.8", "texte": "Aus Lille.\nAnfangs Februar gab der hiesige Cäcilien-Gesangverein\nunter Leitung des Herrn Emil Stein kühler eine Soiree musi-\ncale im Saale der Academie de Musique, in welcher nur ernste Ge-\nsangmusik, u. A. das Kyrie und Sanctus aus der B-dur-Messe von\nMozart, das Ave verum von Schubert, 0 salutaris von Haydn,\nder Schlusschor aus Judas Maccabäus von Händel u. s. w., vor\nden Mitgliedern des Vereins und eingeladenen Zuhörern aufgeführt\nwurde. Ein französisches Blatt spricht sich darüber u. A. folgender\nMaassen aus: „Dieser Verein, der durch die gesellschaftliche Stel-\nlung seiner Mitglieder in ganz besonderen Verhältnissen steht, ver-\ndient, die allgemeine Aufmerksamkeit zu fesseln und anderen Städten\nals Muster zu dienen. Er enthält alle Elemente, welche die Förde-\nrung der Tonkunst verlangt, und indem er auf dem eingeschlage-\nnen Wege beharrt, wird er uns jene fast schon verschwundene\nClasse von Dilettanten wiederbringen, welche durch Natur-Anlage,\nBildung und unabhängige Stellung am besten im Stande sind, sich\nder Cultur der echten Musik zu weihen.\" Ueber den Schlusschor\nheisst es: „Welch ein Wunder, dass man eine Musik, welche über\nein Jahrhundert alt ist, so enthusiastisch applaudirt! Aber was ist\ndas auch für ein Styl 1 welche Grösse, welche Erhabenheit in die-\nsem Jubel eines ganzen Volkes, das dem Herrn lobsingt! Die feu-\nrige und kunstgerechte Ausführung war einer der schönsten Erfolge\ndes Concertes. Dieser Chor, das Sanctus von Mozart und das Ave\nverum von Schubert erwarben den rauschendsten Beifall. Möge\nHerr Steinkühler auf dieser Bahn beharren! Gewiss sind grosse\nSchwierigkeiten zu überwinden; aber wir hoffen, dass er es dahin\nbringen wird, uns seiner Zeit anch eines von den Meisterwerken,\nwie den Paulus, oder Elias, Christus am Oelberge, Damdde peni-\ntente oder ein ähnliches, vollständig vorzuführen. Dann wird er auf\nwürdige Weise das durchsetzen, was der Fürst von der Moskowa\nvor einigen Jahren in Paris begonnen hat.\" Es ist in der\nThat sehr erfreulich, dass solche Stimmen in Frankreich ertönen.\nAuch von anderer Seite wird uns bestätigt, dass der Eindruck je-\nner Aufführungen ein gewaltiger und der Triumph der wahren\nKunst vollständig gewesen sei. Auch im Orchester wirkten Dilettan-\nten nlit. Wenn Herr Steinkühler das französische Publicum der\nhöheren Stände zu überzeugen vermag, dass classische Musikstücke\nund der mehrstimmige Gesang doch einen ganz anderen Kunstge-\nnuss bieten, als zehn bis zwölf Romanzen, Cavatinen, Boleros und\nPotpourri-Ouverturen hintereinander, und wenn er ihre Mitwirkung\nzu fesseln weiss, so verdient er für diese herculische Arbeit einen\nganz besonderen Ehrenkranz.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. Meyer beer's Nordstern ist Donnerstag den 28. Fe-\nbruar hier zum ersten Male aufgeführt worden. Die Soiree des\nHerrn Louis Brassin wird am Montag den 3. März im Hotel\nDisch Statt finden.\nDer berühmte Sänger Julius Stock hausen wird, wie wir\nmit Vergnügen hören, nächstens auch Köln besuchen. Ueber seine\nConcerte in Frankfurt a. M. lesen wir in den „Frankfurter Fa-\nmilienblättern\" U.A.: „Es ist uns lange kein Sänger vorgekommen,\nbei welchem die Erfordernisse eines wahrhaften und edeln Kunst-\ngesanges sich in so hohem Grade vereinigen, als bei Herrn Slock-\nhausen, der, mit bedeutendem musicalischem Talente und einer,\nwenn auch nicht grossen und vollen, doch umfangreichen, klaren\nund wohlklingenden Stimme begabt, dieses Talent nnd diese Stimme\nin jeder Hinsicht eifrig und gewissenhaft ausgebildet hat. Schöner\nTonansatz, edle Tonbildung, Kunst der Respiration, reine und rich-\ntige Vocalisation, ebenmässige und treffliche Verbindung der Re-\ngister, Leichtigkeit der Coloratur und des Trillers sind die hervor-\nstechenden Eigenschaften des Sängers. Neben ihm wurde FräoL\nVeith am meisten gefeiert, welche das Duett aus Rossini's Barbier\nmit Herrn Stockhausen und eine Arie aus den Puritanern sang;\nihre biegsame, wohllautende Glöckchenstimme scheint täglich an\nSchönheit, wie ihr Vortrag an Ausdruck zu gewinnen.\"\nNach der Mozartfeier in Frankfurt am Main, deren musi-\ncalische Wirkung am Locale (der Paulskirche) scheiterte, um welche\nsich aber der Dirigent Franz Messer durch tüchtiges und ener-\ngisches Einstudiren der Chöre verdient gemacht hat, gab man dem-\nselben ein festliches Abendessen, bei welchem ihm von den ver-\nschiedenen Vereinen ein kostbar gearbeiteter Dirigentenstab, ein\nsehr werthvoller silberner Pocal und eine durch künstlerische Schrift\nausgezeichnete Adresse überreicht wurde.\nWien. Am 17. Februar fand das dritte Concert der Gesell-\nschaft der Musikfreunde des österreichischen Kaiserstaates im gros-\nsen Redoutensaale Statt. Von neuen oder wenigstens hier selten\ngehörten Sachen wurden aufgeführt eine Concert-Öuverture von J.\nRietz und die von Rob. Schumann. Jos.\nHellmesberger trug das Violin-Concert von Beethoven mit\ngrossem Beifalle vor.\nMailand. Eine deutsche Familie in Mailand, den höheren\nStänden angehörig, wünscht junge Fräulein, welche sich in Italien\nin Musik, Gesang und Sprache ausbilden wollen, zu sich in Pension\naufzunehmen; für eine mütterliche, sittlich-religiöse Aufsicht wird\ngarantirt. Nähere Auskunft hierüber ertheilt die Kunst- und Musik-\nhandlung Fr. Glöggl & Sohn in Wien, Wallnerstrasse Nr. 262."}]}