{"numero_id": "bm-bmtnabi-1856-03-08-01", "volume": "bmtnabi_1856-03-08_01", "ocr_sha256": "a4d287bda691a56076cc0ac594ef6e88a12e064c0545e7fd5f6895d61ea02dd2", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1856/03/08_01/bmtnabi_1856-03-08_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560308-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1856-03-08-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-03-08_01#c001", "volume": "bmtnabi_1856-03-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "73", "page_fin": "73", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560308-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "73", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560308-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 305, "texte": "Inhalt.\nKritische Präliminarien zu W. H. Riehl's Hausmusik. Von A. Schindler. Nachschrift von L. B. Riehl's Hausmusik.\nVon Ed. K. 1. Der Musik-Verlag in Deutschland. 2. Sinfonie von E. Franck. I. Von L. B. Tages- und Ü nter hall u ngs-\nblatt (Köln Kunst-Nachrichten Jahres-Bericht der Deutschen Tonhalle)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-03-08-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-03-08_01#c002", "volume": "bmtnabi_1856-03-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "73", "page_fin": "78", "image_debut": 1, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560308-01.2.2", "titre_corps": "Kritische Präliminarien zu W. H. Riehl’s „Hausmusik“.", "titre_sommaire": "Kritische Präliminarien zu W. H. 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Diese Manöver haben of-\nfenbar keinen anderen Zweck, als die bevorstehenden Ur-\ntheile um ihre Geltung zubringen. Die Anrufung der Capta-\ntio benevolentiae Seitens des unverständigen Publicums ist\nzwischen den Zeilen zu lesen, die Hülfe zu thätlicher\nAnnuliirung der kritischen Aussprüche oftmals sogar ziem-\nlich laut gefordert. Zu welcher von beiden der in des Ton-\nsetzers Geleitsbrief stehende Satz: „Ich glaube darum fast,\nwer meinen Büchern Freund ist, der wird es auch meinen\nLiedern werden, und wer meine Bücher nicht leiden mag,\ndem werden auch meine Lieder nicht gefallen\", zu zählen,\nweiss der Verfasser dieser Präliminarien nicht mit Bestimmt-\nheit zu sagen; das aber weiss er, dass er ein aufrichtiger\nFreund der Riehl'schen Bücher und dennoch ein entschie-\ndener Gegner seiner Hausmusik ist, mithin eine Ausnahme\nvon der vom Schriftsteller-Componisten aufgestellten Regel.\nW. H. Riehl's Bücher bekunden in erfreulicher Weise\nden Mann der Wahrheit. Er will offenbar mit Wahrheit\nwirken, nämlich durch das, was Jeder aus sich und aus den\nvorhandenen Ueberlieferungen schöpft, zur festen überzeu-\ngungskräftigen Meinung ausbildet und lür Wahrheit hält.\nDiesen Charakter wünscht der Verfasser den culturhistori-\nsehen Schriften Riehl's im Allgemeinen zu vindiciren, nicht\naber seinen musicalischen. Hätte die Kritik bei Erscheinung\nseiner musicalischen Charakterköpfe die ihr gebührende\nPflicht streng erlüllt und das Geschäft nicht der literari-\nschen, in Sachen der Musik gänzlich unwissenden Camera-\nderie überlassen*), die Veröffentlichung dieser Pseudo-Haus-\nmusik, mit Harnisch und Lanze bewaffnet, wäre vielleicht\nunterblieben, oder sie wäre ohne diese Zuthaten hübsch\nbescheiden und anspruchslos vor uns hingetreten, ohne\nvorab zu verkündigen, dass sich ihr Componist „technisch\nsicherer weiss im Notenschreiben als im Bücherschreiben\"\nWorte, die grauenhaft wirken bei kritischer Prüfung\nseines compositorischen Erstlingswerkes. Mag der Meister\nin Schilderung staatlicher Zustände und Verhältnisse zu-\nweilen mit einem übervollen Maasse von Zuversicht und\nSelbstvertrauen seine Blicke über die Welt laufen lassen,\nvom Schüler im musicalischen Handwerke fordern wir\nBescheidenheit und Demuth, erstere den Mitstrebenden,\nletztere der Kunst als solcher gegenüber.\nNicht zum ersten Male hat Schreiber dieser Prälimi-\nnarien die Ehre, Herrn Riehl gegenüber zu stehen. Das\nerste Mal geschah es 1848 im Album lür Leben, Kunst\nund Wissen (Aachen, unter Redaction von Dr. W. Smets)\ngegen den Aufsatz: „Mendelssohn als nationaler Tondich-\nter\", in der Allgem. Zeitung vom 6. December 1847**).\n\n*) Wie diese Freunde Riehl's sich jetzt wiederum hrrvorthun,\nfindet sich in den Beilagen zur Allg. Zeitung vom 24. und\n25. Deceraber v. J. (Vgl. unten die Nachschrift der Redaction.l\n**) In diesem Aufsatze stellt unter Anderem: „Wollte Mendels-\nsohn doch sogar in die Concertsäle das kunstreiche Gewehe\ndes Contrapunktes wieder einschmuggeln, welches die Mehr-\nzahl der Musiker fast schon wie das verlorene Geheimniss\nder mittelalterlichen Bauhütten anzusehen pflegte Men-\ndelssohn war fast allein der Glückliche, der in den echten\nFormen des deutschen Geistes für die grössere Oeffenüichkeit\nschreiben durfte; er commandirte in den letzten Jahren recht"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "74", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560308-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5278, "texte": "Damals schon fand ich not h wendig, dem jungen, unerfah-\nrenen Beurtheiler musicalischer Dinge und Personen ernste\nWinke zu geben, dass Bei esenheit in unserem Fache noch\nkeineswegs berechtige, so apodiktische, nicht wenig Mit-\nstrebende verletzende Sätze auszusprechen, die alles inne-\nren Haltes entbehren, überdies noch grobe Y\\ idersprüche\nan der Stirn tragen. Jener Aufsatz erscheint in den Cha-\nrakterköpfen wieder, die auffallendsten Ungereimtheiten sind\nzwar meist beseitigt, dennoch erträgt das Ganze keine ein-\ngehende Kritik, wie nicht wenige der anderen Köpfe gleich-\nfalls, wie nicht minder auch Beethoven's Kopf, der schon\nbei Gelegenheit der bonner Monumentfleier 1845 von\nHerrn Riehl in der Allg. Zeitung illustrirt worden.\nReferent fühlt sich nicht von so starker Constitution,\num das Gesammte dieser Pseudo-Hausmusik einer Prü-\nfung unterziehen zu können. Wer vermöchte wohl, ein hal-\nbes Hundert Lieder in Einem Zuge zu mustern und, wie\nhier im Falle geschehen muss, mit den im Geleitsbriefe auf-\ngestellten Lehrsätzen zu vergleichen, ob Theorie und\nPraxis in Einklang stehen? Es soll sich daher meine Theil-\nnahme lediglich auf die Lieder aus dem siebenzehnten Jahr-\nhundert beschränken, anderen zu solch unerfreulicher Ar-\nbeit Berufenen das Andere überlassend, um es unter die\nkritische Lupe zu legen. Schuldige Rücksicht auf längst\nbewährte Leistungen in dieser Art Gesangmusik, z. B. auf\nL. Erk und Andere, deren Existenz Herrn Riehl unbekannt\nzu sein scheint, fordern gleichfalls zu ernster Besprechung\ndes vorliegenden Werkes auf.\nSeite IV. des Geleitsbriefes sagt Herr Riehl, dass er\ndarauf ausginge, sich die Dichter musicalisch abzucon-\nterfeien. Weiter lesen wir dort: „Soll man ein Lied von\nPaul Flemming oder Simon Dach ganz in demselben Style\nsetzen, wie ein Lied von Göthe? .... Hat nicht auch die\nMusik eine gewisse Ausdruckslähigkeit iür den historischen\nGeist? .... Die Aufgabe, „ „Dichter zu componiren\" %\nist noch eine ziemlich neue und zugleich eine sehr reiche\nlür den musicalischen Lyriker. . . . Die musicalische Cha-\nrakteristik soll man überhaupt immer nur im Allgemeinen\nund Ganzen nehmen, wie der Teufel die Bauern. In wie\nweit mir dies bei den vorliegenden historisch-musicalischen\nLieder-Skizzen (was?) gelungen ist, das mögen die Recen-\nscnten unter sich (wie?) ausmachen.\" Ben Akiba, sprich:\nWar wohl nach deiner alten Welt-Erfahrung schon solch\njugendlicher Muthwilie da bei Componisten, die ihr Erst-\nlingswerk vorgelegt? Will Herr Riehl nicht wohl glauben\nmachen, seine sämmtlichen Lieder seien im Styl der Zeit-\nEpochen, denen die Dichtungen angehören, componirt?\nScheint er nicht auch sagen zu wollen, er zähle sich zu den\nwenigen Eximirten, welche „Dichter zu componiren\" ver-\nstehen, und habe seine Aufgabe in diesem Sinne gelös't?\nWenn anders, so begreife ich den Mann und sein Thun\nganz irrig. Wo wäre dann die Quelle so vieler herausfor-\ndernden Sentenzen zu suchen?\nDa liegen nun verschiedene Gesang-Compositionen klei-\nneren und grösseren Umfanges aus der zweiten Hallte des\nsiebenzehnten Jahrhunderls vor mir, den von der Kunst-\ngeschichte anerkannten Meistern Hammersch mi dt,\nSchütz und Stadel mayer angehörend. Vergebens\nsuche ich darin eine leise Spur solcher Factur, wie sie fast\njedes eine der Riehl'schen Lieder aufweis't. Ich w ende mich\nzu Händel, zu den Bachen*) und anderen Meistern des\nachtzehnten Jahrhunderts, die Lieder geschrieben, steige\nhinauf bis zu Zumsteg und suche in dieser Gattung von\nHinterlassenschaft wiederum vergebens nach Präcedentien\nzu den Riehl'schen Liedern. Nirgends Verdoppelungen aller\nund jeglicher Intervalle, sogar der grossen Terz, z. B. Nr.\n3; nirgends eine Spur von Vollgriffigkeit, wie sie fast auf\njedem Blatte der Riehl'schen Lieder zu sehen. Dies allein\nschon reicht hin, um dem Ganzen den Charakter der Mo-\ndernität aufzuprägen. Was soll man aber erst sagen zu den\nunzähligen Schuh rböckcn, als : Octaven- und Quinten-Fort-\nschreitungen, Vernachlässigung des naturgemässen Fort-\nschreitens verminderter Intervalle, präcipitirte Modulationen,\nfreies Anschlagen der schreiendsten Dissonanzen ohne Ver-\nanlassung des Gedichtes? z. B. Nr. 3, Nr. 4 u. A, Ferner\nbegnügt sich unser Componist nicht mit einfacher Füh-\nrung des Basses, wie die alten und älteren Gesang-Compo-\nnisten, sogar Franz Schubert, in der Regel gethan; er liebt,\nseinen Grundbass häufig mit der Octave in die Contra-\nTöne hinab zu führen, ohne zu beachten, welche Kluft da-\ndurch zwischen der ungetheilten Harmonie in der ein-\nauch wohl zweigestrichenen Octave entsteht. So thun e&\nnur einzelne Componisten der jüngsten Zeit und die Zu-\n\neigentlich die Musik und das Publicum Er war zu klug,\nals dass er nicht mitunter den Grillen des Zeitgeschmacks\nsich gelügt hätte; aber er war auch zu stolz, als dass er dies\njemals hätte offen merken lassen.... Er hat oft als ein wah-\nrer Diplomat componirt.\" Am meisten aber überraschte darin\ndie Proclamirung Mendelssohn's als Gründer der histo-\nrischen Schule.\n*) Herr Riehl belehrt uns auch, dass viele Einzelnummern der\nSeb. Bach'schen Kirchen-Cantaten unserem Ohr eben nicht\nmehr recht wie Kirchenmusik, wohl aber wie die gediegenste\nHausmusik klingen. Seite IV. Manche Leute sehen überall\nGespenster, Herr Riehl dagegen Hausmusik. Mehr als wun-\nderlich !"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "75", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560308-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4355, "texte": "kunfts-Musiker> Und dennoch losen wir auf der eilflen Seile\ndes Geleitsbriefes, dass Herr Riehl „überall nach einer He-\ngleitung gestrebt, weiche die Singstimme nicht überflute,\nsondern ihr diene, und die festen Umrisse der Melodie nur\nnoch bestimmter hervorzuheben geeignet sei.\" Noch lesen\nwir dort: „Auf den Schimmer des äusseren Effectes sind\nsie (die Lieder) gar nicht berechnet.\" Woher dieser hohe\nGrad von Verblendung und Selbsttäuschung bei einem\nManne, dessen Sinne nach anderen Richtungen hin so si-\nchere Beweise von Schärfe und Gesundheit gegeben haben?\nEr sieht den Balken im eigenen Auge nicht und wagt es\ndennoch, Steine zu werfen nach links und nach rechts.\nWäre es nothig, noch sprechendere Beispiele von Man-\ngelhaftigkeit musicalischer Bildung Seitens des Componisten\ndieser Lieder vor Augen zu legen, so fänden wir sie in\nNr. 1 und 6. Um den Charakter der Dichtung musicalisch\nrichtig abzucoriterfeien, bedarf es wenigstens einiger Kennt-\nniss vom psychischen Charakter der Tonarten. Zeigt wohl\nder Componist diese Kenntniss, wenn er das Gedicht\n„Schall der Nacht\" in dessen erster Hälfte in F-moll\n{Poco adagio) setzt ? Lässt sich wohl diese Moll-Tonart zum\nAusdrucke der Freude gebrauchen? In Nr. 6, „Lied\nder Freundschaft\", sehen wir aber eine der hervorragend-\nsten Spitzen der Riehl'schen Absonderlichkeiten. Das Lied\nsteht in B-dur.Schon im dritten Tacle kommt dem Com-\nponisten der Leite-Ton nach D in die Feder, und er schliesst\ndas erste rhythmische Glied in ab; alsdann wird ver-\nmittels des Leile-Tones G-moll nur flüchtig berührt, so-\ngleich aber mit dem Terz-Quart-Accord von E schwerfäl-\nlig zurück nach D-dur geschwenkt, und der erste Theil\ndes Liedes nicht regelrecht zur Dominante, auch nicht in\ndie Tonica zurückgeführt schliesst loul bonnement in dem\nganz fernen D-dur. Welche Verwandtschaft besteht wohl\nzwischen B-dur und D-dur, auch in Rücksicht auf psychi-\nsche Charakteristik? Ben Akiba wird zugestehen müssen,\ndass dieser vorliegende Fall ein funkelnagelneuer ist, folg-\nlich nie da gewesen. Zum Ueberflusse an pikanten Ueber-\nraschungen wird dem Schlüsse in folgender Schwanz\nangehängt und dann sans genein der Tonica fortgefahren.\nDas soll Hausmusik sein, geeignet, den musicalischen\nSinn der Jugend zu nähren, zu veredeln, das Gehör zu bil-\nden! Dies „ein musicalisches Brevier, eine musicalische\nHaus-Postille\" ! Soll ein Componist, der mit so hoch ge-\nschwollenen Backen vor das Publicum tritt und die Mit-\nstrebenden belehrt, wie man es machen soll, nicht zum\nallermindeslen Beweise liefern, dass er grammatica-\niisch richtig schreiben gelernt? Welche Auslegung trifft\nwohl des Componisten Geständniss: „Denn meine socialen\nund cuUurhistorischen Studien sind erst hervorgewachsen\naus meinen musicalischen\", wenn wir das Vorstehende zur\nSeite stellen ? Und dennoch darf Recensent versichern, dass\nes in der folgenden Liederreihe „aus der ciassischen Zeit\"\nnoch cl assisch er womöglich hergeht, so zwar, dass\ner sich zum bleibenden Angedenken Nr. 8 „Meeresstille\"\nund Nr. 13 „Gefunden\" unter Glas gelegt hat. Gegen\ndiese Beurtheilung hat der Componist einfach zu erklären,\ner habe alle die zahllosen Verstösse gegen Regel und Ge-\nsetz mit Absicht hingeschrieben. Darauf will ich meinerseits\nnicht anstehen, ihm die Anwartschaft auf einen ansehnli-\nchen Rang in der Classe der Zukunfts-Musiker in Aussicht\nzu stellen, da er bereits erfreuliche Befähigung dafür be-\nkundet hat.\nDiese saure Arbeit zu Ende führend, nur noch einige\nSätze über das Capilel vom Gebrauche der Moll-Tonarten\naus dem Geleitsbriefe: „Entschiedener neigen unsere bei-\nden tiefsinnigen Mystiker Bach und Beethoven zur\nTonart. Die Macht ihres Genius, die Ursprünglichkeit und\nEigenart ihrer künstlerischen Natur gab ihnen ein Recht\ndazu. ... So wurde der geheimnisvolle, gedankentiefe\nMoll-Gesang Beethoven's allmählich zur Hof- und Leib-\nTonart der Salon-Musicanten entweiht, und das blasirte,\nkranke, zerrissene, üherweibliche Wesen der feinen Welt hat\nsein erschreckend wahres Spiegelbild in dieser mark- und\nknochenlosen, von einer abenteuerlichen Modulation zur\nanderen umspringenden J/o//-Musik gefunden!\"\nNachfolgende Recensenten dieser Pseudo-Hausmusik\nmögen untersuchen, ob nicht etwa einige oder gar alle der\neben gehörten Eigenschaftswörter ebenfalls die beste An-\nwendung finden auf den grössten Theil dieser fünfzig Lieder."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "76", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560308-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5087, "texte": "Es wollen endlich diese Männer unter sich ausmachen,\noder mit Erlaubniss des Componisten ob die\nwenigen guten Melodieen, wie auch deren gute Anwendung\nals ausreichende Entschädigung für die so vielen der Har-\nmonie widerfahrenen Unbilden und für den schreienden\nMangel an Kunstwissenschaft hinzunehmen seien oder nicht.\nA. Schindler.\nNachschrift der Redaction. Auch wir haben\nnach Durchsicht der Riehl'schen „Hausmusik\" die Artikel\nin der äugst). Allg. Zeitung, geschrieben von München im\nDecember (24. und 25.), welche A. S. oben in der An-\nmerkung erwähnt, gelesen; nicht das unbedingte Lobprei-\nsen hat uns dabei in Erstaunen gesetzt—denn was erlebt\nman in dieser Beziehung nicht heutzutage?—, sondern dass\nein Recensent, der hier und auch in früheren Artikeln mit\nVerstand und Gesinnung gegen die verkehrten musicalischen\nRichtungen unserer Zeit auftritt, ein Beginnen rühmt, wel-\nches ebenfalls aus einer jener Richtungen hervorgegangen\nist. Denn was sind denn Riehl's Lieder in der grossen Mehr-\nzahl anders als R e fl e x i o n s - M u s i k ? Soll doch das Werk\nnach den eigenen Worten des Verfassers „eine musicali-\nsche Haus-Postille mit historisch-musicalischen\nPredigte n (!) über fünfzig Texte unserer besten Dichter\"\nsein, und gesteht er doch selbst, „dass er einen musica-\nlischen Commentar zu unseren besten Dichtern\" habe\nschreiben wollen! — Sind denn neuereInstrumental-Com-\npositionen von Berlioz, Liszt u. s. w. etwas Anderes als\nCommentare zu Poesieen? Riehl unterscheidet sich von den\nKomponisten der Zukunft nur dadurch, dass er ein Com-\nponist der Vergangenheit sein, dass er historisch com-\nponiren, „historisch stylisiren\" will, während jene phan-\ntastisch-prophetisch schreiben wollen. Das sind zwei ver-\nkrüppelte Zweige aus Einem ungesunden Stamme. Zwar\nmeint Riehl, dass ihm „aus der Anschauung der Dichter\nim Gewände ihrer Zeit ein musicalischer Zug, der die Zeit\ndes Dichters charakterisirte, unbewusst auch in die Kom-\nposition ihrer Lieder gekommen sei\" —: allein bei einem\nTonsetzer, in dessen Schöpfungen des Unbevvussten in der\nErfindung auch da, wo diese durch keine historische Ees-\nse! gehemmt war, nur sehr wenig ist, fällt es schwer, dort\nan eine Inspiration zu glauben, wo ein bestimmter Styl\ngetroffen werden sollte.\nNoch schwächer als das Unbewusste erscheint das Be-\nwusste, das da nothwendig ist, d. h. das Wissen und Kön-\nnen, das Handwerk des Musikers, in diesen Liedern. Wir\nstimmen darüber ganz mit dem Verfasser der obigen Kritik\nüberein und begreifen in der That nicht, wie der erwähnte\nBecensent in der augsb. Allg. Zeitung zu sagen wagt, dass\nRiehl's „ feinster musicalischer Sinn alle ungehörigen über-\nraschenden Modulationen vermieden und bei streng contra-\npunktiscliem Satze wirkliche volksthümliche Melodieen ge-\nschaffen habe'*! Freilich sieht er sich (gegen den Schluss)\ngenöthigt, einige „Härten\" dadurch zu entschuldigen, dass\n„der männliche, herbe Charakter der Schule Riehl's diese\nnicht ausschliesst und nicht ganz vermeiden kann\". Nun,\ndamit stehen wir ja auf einmal ganz auf dem Boden der\nneuesten Kritik, welche Ungeschicktheit und Bequemlichkeit\nin der Factur durch Charakter und Genie entschuldigt! -—\nUnd auch mit dem Grundsatze: „ Wer mich tadelt, versteht\nmich nicht\", den derselbe Beurtheiler zuletzt ganz unum-\nwunden ausspricht, läuft er spornstreichs in das Lager de-\nrer über, die er sonst bekämpft. Man würde jedoch fehl\nschiessen, wenn man seine Stimme als das Organ des mün-\nchener Geschmacks bezeichnen wollte; wenigstens lesen wir\nunter „München\" in der augsb. Allg. Zeitung vom 25.\nFebruar nach Bemerkungen über die conventionelle Stim-\nmung der gesellschaftlichen Rouls daselbst die Worte:\n„ Gäbe es nicht ein Mittel zwischen gelehrten Vorlesungen und\nmonotonen Zusammenkünften, etwa eine gesunde „ „ Haus-\nmusik\"\" nach culturhistorischen Vorlagen mit einleitender\nbescheidener Vorrede zur Aufbesserung des Geschmacks?\"\nUm die Sache gleich ganz abzuthun, lassen wir noch\neine Beurtheilung von einem anderen geehrten Mitarbeiter\nfolgen, welcher eben so wie A. S. und wir zu denen ge-\nhört, die diese Lieder „nie verstehen werden, weil ihnen\ndas rechte, echte Verständniss der Musik überhaupt abgeht\nund sie das Gesetz der Schönheit nicht hegreifen wollen\nund nicht würdigen können\" (A. A. Ztg. a. a. 0.). Nun,\nSolatium miseris, socios habuisse\nL. B.\nW. H. Riehl« Häusmusik. Dieses Buch des berühm-\nten Xotionul-Politikers, der auch in der musicalischen Kritik\nsich hervorgethan, bewährt seinen Ruhm auf dem kritischen\nGebiete durchaus, indem es in der kritisch-historischen Ein-\nleitung die richtigen Grundsätze darlegt, wie eine ordent-\nliche Hausmusik möge eingerichtet sein; und es beweis't\nzugleich, was wir auch anderweit schon erfahren, dass Kri-\ntik und Schöpferkraft oft weit aus einander liegen. Denn\nwie der theoretische Theil — nämlich die lange, doch in-\nteressant Geschriebene Vorrede — fast durchweg richtige,\nobwohl mit viel eitler Selbstspiegelung durchwürzte An-\nsichten ausspricht, so ist dagegen der praktische Theil, die\nfünfzig Lieder mit Riehl'schen Ton weisen, mit wenigen Aus-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "77", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560308-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5125, "texte": "nahmen theils vollständig dürre, theils modern krankhaft,\nund in Beiden ein Gegenzeugniss des Autors wider sich\nselbst, wider seine Grundsätze; es sind die Gedanken, die\nsich unter einander anklagen und entschuldigen.\nDie Vorrede, genannt „Tonsetzers Geleitbrief\", hebt\nan mit der eitlen Rede, sich selbst „schlicht und ehrlich\"\nzu benennen, was schlichte Leute selten thun; dass aber,\n8 wer seinen Büchern Freund sei, es auch den Liedern\nwerde\", ist eine kühne, mindestens gefährliche Voraus-\nsetzung, indem doch schon öfter der Fall vorgekommen\nist, dass z.B. „einßilder-Atlas zu einem naturwissenschaft-\nlichen Werke\" nicht nothwendig eben so gut ist, wie die-\nses.— Der Kern der Vorrede liegt in dem Vornehmen (S.\n111., Absatz 5), die Lieder nach Dichterschulen zu ordnen\nund den Tonsatz der Zeit des Poeten angemessen zu ge-\nstalten (IV., Absatz 3). Also ein offenbar und eingeständ-\nlich doctrinäres, lehrhaftes Unternehmen; das ist aber nicht\nHausmusik zur Seelenlust, wie zu Simon Dach's Zeit, wo\nder sinnige Albert in der Kürbishütte seine zarten Weisen\nsang, sondern Schulmusik zum Studium, vorausgesetzt, dass\ndie Schule richtig sei. So geht das Ganze, möge es sich\ndagegen wehren, wie es wolle, doch den lehrsamen Weg\nder leidigen historischen Concerle— und trollt daneben auf\ndem gemüthlichen Pfade zeitgemässer Stichwörter, die u. A.\nin der seltsamen Behauptung durchklingen, auch Händel\nund Bach gehören der Zopfzeit an! (S. IV., 5.) Nun,\nwenn es denn einmal muss gestichwörtelt sein, so sagen\nwir's rund heraus: die verschrieenen Zöpfe unserer Ur-\ngrossväter, wohlgemerkt nebst ihren Armen und Waden,\nsind uns doch lieber, als der moderne Jammerdenkling mit\nAugenkneifer und Cigarre; und der geringste Ton aus\nHändel's Tonbildern ist blutwärmer als alles zeitgemässe\nleipziger Lieder-Gewinsel. Zwar gibt der Verfasser auch\nHändel und Bach ihre Ehre, aber mit einem so zu sagen\ngnädigen Zugeständnisse, das ihrer Würde nicht ange-\nmessen ist.\nWenn nun darauf die Vorrede S. V. u ff', sich sehr\nbreit in Selbst-Recensionen ergeht, so ist das einerseits un-\nsäglich naiv für unser ohnehin kritisches Zeitalter, anderer-\nseits fordert es zu desto schärferer Frage heraus, ob denn\ndie Ausführung diesen Grundsätzen wirklich entspreche.\nSolcher Grundsätze lernen wir im weiteren Verlaufe meh-\nrere kennen. Zuerst S. VIII., 6: „Ich setzte durchweg\nStrophenlieder\" ; hiergegen ist das Lied Nr. 7, S. 13,\nin offenem Widerspruche und ohne Noth; denn Göthe's\nGeistesgruss (Hoch auf dem alten Thurme steht) ist in\nSinn und Klang eben sowohl Strophenlied wie der Erl-\nkönig, dessen unstrophische Dramatisirung durch Schu-\nbert der Verfasser (S. IV.) mit Recht ungenügend findet,\ntrotz aller musicalischen Schönheit. Einmal dagegen ist ein\nStropheniied gemacht aus einem Göthe'schen Gedichte, das\nman kaum dazu geeignet halten möchte: das mit der Ueber-\nschrift „Meeresstille\" (S. 14), wobei jedoch zu bemerken,\ndass Göthe's Schluss „Glückliche Fahrt\" hier weggeblie-\nben, wodurch das ganze Gedicht freilich ein anderes wird.\nlm Uebrigen, was die melodische Gestaltung angeht,\nso ist sie, wie bei den meisten Tonsetzern unserer Zeit,\narm, ohne schöpferische Fülle und Neuheit. Doch davon\nnahher.\nDer zweite Grundsatz verlautet S. X.: „Ich setzte Lie-\nder mit Clavier-Begleitung, nichtClavier-Begleitung\nmit Liedern.\" Ein sehr löblicher Grundsatz, der in der\ngesunden Vernunft begründet ist und allermindestens un-\nseren so genannten Volkslied-Sängern sollte eingebläut\nwerden, da jedes Kind begreift, dass das Volk in Wald\nund Flur zum Singen kein Ciavier mitschleppt, wie sehr\nauch allmählich alle Volksnatur zu verlöschen droht unter\ndem Geklapper des Rasselholzes, das ein gebildetes berli-\nner Stubenmädchen fast nicht mehr entbehren kann.— Also:\nJener Grundsatz in Ehren, aber die Ausführung?! Da\nfinden wir S. 4 ein „katholisches Volkslied\" (vgl. Vorrede\nS. V., 5) mit neuntactigem Clavier-Ritornell, in der Mitte\nauf gehaltenem Liedtone (S. 5, T. 10, 11) nochmals in-\nstrumentirend, endlich mit neuntactigem Ritornell wiederum\nschliessend. Dessgleichen Lied Nr. 3, 4, 5, wo die Clavie-\nrerei durchaus wesentlich und unentbehrlich ist, so auch\nNr. 7 und die meisten ähnlich. Auch die an sich treff-\nlichen und unantastbaren Grundsätze wegen des und\nMoll (S, XL) sind für die Ausführung, Lied Nr. 5, trotz\nder rechtfertigenden Selbst-Kritik (S. V., VI.) keineswegs\nmaassgebend gewesen. Endlich fehlt es auch nicht an dem\nmodernen italo-slawischen Septimen Gewimmer S. 19, wie\nsehr es auch S. XI. perhorrescirt werde.\nSolche logische Inconvenienzen könnte man tragen,\nwenn dagegen die Melodieen in sich schön, oder historisch\ntreu, oder charakteristisch wären. Die auf den Grund gra-\nbende Kritik fühlt sich jedoch in diesem Falle stets in Ver-\nlegenheit, indem die Schönheit allzeit das Unbe-\nö '\nweis bare ist und bleiben muss, wie sie das aller Zeiten\ngewesen. Aber einen Prüfstein gibt es doch: die geheime\nSeelenwirkung bei Unbefangenen, d. h. solchen, die\nnicht Riehfs Bücher gelesen, nicht auf etwas unerhört\nNeues gespitzt sind; und die leichte Behaltbarkeit\nder Melodieen, schon nach altem Grundsatze das beste"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "78", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560308-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3765, "texte": "Zeugniss echter Dichtung, die es an der Art hat, sich ins\nHerz zu graben und heimlich einzustehlen. Endlich zum\nDritten dar! man Horazens Wort nicht vergessen:\npetita placebit; was rran, hundert Mal wiederholt, nicht\nmüde wird, dos hat festes Leben in sich, ist plastisch un-\nwandelbar wirksam.\nLegen wir diese Maassstäbe an: die Seelenwirkung,\ndie Behaltbarkeit, die Wiederholungslähigkeit nun, es\nkann ja Jeder selbst erleben, wie sich hier die Riehl'schen\nLieder verhalten. Weit minderes Gewicht legen wir auf\ndas historische Costume, wie weit dieses in der er-\nsten Abtheilung „aus dem siebenzehnten Jahrhundert\" nach-\nzuahmen gelungen sei. Uns scheint, dass von den sämml-\nlichen sechs Liedern dieses Bezirkes keines die Stimme\njener Zeit spricht; am allerwenigsten aber das schöne Lied\nNr. 3, S. 6, dessen clavieriger Anfang mit moderner Nai-\nvetät in der Mitte der Tonart sich anmeldet und den gan-\nzen Tonsalz hindurch schwankt und zittert zwischen Men-\ndelssohn und Schubert. Auch das Bauernlied Nr. 4 hat\nkeinen Klang aus dem siebenzehnten Jahrhundert; ja, der\nneckische Clavierschluss im pariser Nipps-Styl ist um meh-\nrere Säcula vom Simplicissimo entlegen. - Am sangbar-\nsten ist wohl die zweite Abtheilung: „Aus der classischen\nZeit\"; lieblich das Schiller'sche „An der Quelle sass der\nKnabe\", doch nicht ganz liedhaft durchgehalten; treffend\ndas Hölderlin'sche „Sonst und Jetzt\" Nr. 10; ein we-\nnig wimmernd im berlin-leipziger Jargon das zarte Lied\nvon Claudius: „Es stand ein Sternlein\" ; missrathen, weil\nin sich unrnusicalisch, „Der Bauer\" von Bürger; u. s. w.\nDas „Seemannsgebet\" (Nr. 14) ist eine sentimentale Quän-\ngelei, die einen Matrosen hinterm Dintenfasse abmalt; nur\ndie letzte Hälfte, im Löwe'schen Balladen-Tone (S. 24),\ndem „ alten Admiral\" anklingend, zeigt Wahrheit und Kraft.\nIn der folgenden Abiheilung: „Aus den Tagen der\nRomantiker\", sind zwischen manchen langweiligen melodie-\nlosen Declamirereien (z. B. Nr. 18, 20, 21, 22, 28, 35)\neinzelne gute, ja, lebendig anmuthende Sätze, als Nr. 19,\n24, 32 doch hebt sich keines über das gewöhnliche Ni-\nveau der heut-üblichen Liederei; und wie sehr auch der Ver-\nfasser schlicht und ehrlich, künstlerisch classisch gesinnt,\nstrenger Verurtheiler der tollen Zukünftler (XV.) u. s. w.\nzu sein bekenne, welchen Grundsätzen wir unbedingt\nbeipflichten das alles macht noch nicht den schaffenden\nKünstler, und lür ein Tröpflein aus den Reben heiliger Ton-\nflut, für einen Goldklang aus Mozart's Liebesharfe geben\nwir alle „Tonsetzers Geleitsbriefe\" und ähnliche lehrhafte\nGrundsätzlichkeiten dieses Epigonen-Zeitalters, die unsri-\ngen mit eingerechnet.\nWie der Verfasser, ohne es zu merken, ganz die heu-\ntige Zeitstimme*) spricht, daher auch im Instrumentalen\ngewandter ist als im Vocalen (vergl. die schöne malerische\nClavierfigur zu dem nüchtern bildlosen Gesänge Nr. 40,S.\n72); wie er die weltschmerzlichen Modulationen gründlich\nverurlheilt (XI. unten) und doch dieses Fledermaus-Geflitter\nnicht meidet (s. auch Ritornell, S. 37); wie er die mannig-\nfaltigen Vortrags-Bezeichnungen mit Recht verabscheut\n(XIV., Absatz 4) und doch S. 37 die Ueberschrift wählt:\nAndante religiöse) — diese und geringere Widersprüche\nrechnen wir dem gewandten Vielschreiber nicht höher an\nals jedem Anderen, weil sie fast schon zum Zeit-Costume\ngehören. Nur warnen möchten wir, durch schöne Worte,\nwie jenes vom „Werden wie die Kinder\" (XIII, 3), oder\ndie Behauptung, der Verfasser sei „sicherer ein Noten- als\nein; Bücherschreiber\" (III., 3), u. A. sich nicht irre führen\nzu lassen, und nicht in diesem Buche zu suchen, was un-\nsterbliche Quellen unserer Volkslieder längst gespendet,\ntonbegabte Sänger neuester Zeit glücklich fortgesetzt ha-\nben, geistreicher Kriticismus aber nimmer erzeugen kann.\nE. K."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-03-08-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-03-08_01#c005", "volume": "bmtnabi_1856-03-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "78", "page_fin": "80", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560308-01.2.3", "titre_corps": "1. Der Musik-Verlag in Deutschland. 2. Sinfonie von Ed. Franck.", "titre_sommaire": "1. Der Musik-Verlag in Deutschland. 2. Sinfonie von Ed. Franck.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "78", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560308-01.1.6", "debut_caractere": 3767, "fin_caractere_exclue": 4885, "texte": "1. Der Musik-Verlag in Deutschland. 2. Sinfonie von\nEd. Franck.\nI.\nEs ist in unserer Zeit traurig um den Musik-Verlag bestellt.\n„Wie so? Je verbreiteter die Tonkunst, desto mehr Musik-\nhandlungen; je mehr Componislen, desto mehr Verleger\";\ndas ist freilich wahr, und wer all und jeden Fortschritt\nnach der Statistik beurtheilt, der kann uns leicht beweisen,\ndass der Musik-Verlag noch nie in solcher Blüthe gestan-\nden. Wenn er das Facit aus dem Verbrauch von Papier,\nvon Zink- und Stein-Piatten, von beweglichen und stehen-\nden Typen u. s. w. lür Notendruck in dem letzten Jahr-\nzehend gegen die früheren zieht, so wird er mit Behagen\ngewahr werden, dass die Zunahme der Notenköpfe die Ver-\nmehrung der Bevölkerung um hundert Procent übertrifft.\nMit gleichem Vergnügen wird er auf den Fortschritt der\nAusstattung hinzeigen, der allerdings auch in wesentlichen\n\n*) Daher auch manche Ketzerei der Leipziger (vergl. VIII., 5)\nihm im Blute sitzt, z. B. Ausser dem Vorredesischreiben noch\ndas üble italienische: „Tempis\" (XIII., 5) als Prural! was\nin Leipzig kaum so übel empfunden wird als in iMünchen,\nnächst \"den Alpen."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "79", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560308-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5162, "texte": "Dingcn, wie Schärfe und Deutlichkeit, gewonnen hat, haupt-\nsächlich aber in den verzierten Aushängeschildern der Ti-\ntelblätter sich breit macht, so dass Goria, Rosellen, F. Beyer\nund Consorlen in buirtgestickten Staatskleidern erscheinen,\nwährend Haydn, Mozart, Beethoven in groben Tuchröcken\neinhergehen.\nNun ist es aber mit der Statistik in der Kunst eine\nfaule Sache. Sehen wir nicht auf das Wieviel und das Wie,\nsondern auf das Was im heutigen Musik-Verlage, so ent-\ndecken wir mit Schmerz, dass die hoch aufgestapelte Aernte\neines jeden Jahres wenig Korn, aber um so mehr Stroh\nenthält. Man wird sagen, das sei die Schuld der Compo-\nnisten, nicht der Verleger. Allein das ist nur zum Theil\nwahr. Das Schlimme bei der Sache ist, dass die Verleger\nsich meist gar nicht mehr an grössere Werke ernster Gat-\ntung wagen, dass der Liederkram und das Ciavierfutter lür\nden Heisshunger der Salongäste das Feld überwuchern. Es\nwird noch genug Musik von gediegenem Gehalt in Deutsch-\nland geschrieben, aber sie gelangt nicht in die Oeffentlich-\nkeit, und die Verfasser so mancher trefflichen Werke von\ngrösserem Umfange, wie Oratorien und Sinfonieen, müssen\nfroh sein, wenn sie dieselben nur hier und da wenigstens\nzur Aufführung bringen, was häufig genug noch obenein\nmit Opfern von ihrer Seite verbunden ist, da unsere jetzi-\ngen musicalischen Institute wohl die ausübenden Künstler\nbezahlen, die Componisten aber bloss ehren (nicht honori-\nren), und ihnen wohl gar noch die Kosten der Ausschrei-\nbung und Vervielfältigung der Stimmen aufbürden.\nDas ist kein erfreulicher Zustand. Durch die neuer-\ndings beliebten Preis-Ausschreibungen kann demselben nicht\nabgeholfen werden. Die Industrie, die Association muss sich\nder Sache bemächtigen und mit ihrem gewaltigen Hebel\neben so der Tonkunst unter die Arme greifen, wie sie es\nbereits bei der Malerei mit Glück versucht hat.\nDie bisherigen Vereine für die Tonkunst haben gewiss\nden besten Willen, aber sie greifen das Ding nicht beim\nrechten Flecke an. Die Ermunterung zum Schaffen von\npreiswürdigen Werken ist ganz löblich; allein der Miss-\ngriffe zu geschweigen, die bei dem Vorschreiben der Gat-\ntung, des Inhalts, beziehungsweise der Texte u. s. w. ge-\nthan werden, auch der Menschlichkeiten nicht zu gedenken,\ndie bei den Richtersprüchen mit unterlaufen an Lust und\nTrieb zum Componiren fehlt es ja keineswegs! Im Gegen-\ntheil, jeder, der die Schule riothdürftig durchgemacht hat,\nja, oft auch, wer ihr noch unreif entlaufen ist, setzt sich\nan den Schreibtisch oder an das Ciavier und componirt,\nund weil er einige Hundert Reminiscenzen im Kopfe hat,\nstellt er aus diesen eine Melodie zusammen, welche er sich\nso lange als seine eigene vorlügt, bis er sie lür eine neue\nWahrheit hält. Andere, von ehrenwerthem und tüchtigem\nFleisse, weil sie die musicalische Grammatik, sowohl die\nFormenlehre als die Syntax, gründlich inne haben, halten\nsich dadurch allein zum Schaffen befähigt. Nun, diese sind\nmir immer noch zehn Mal lieber als die Ritter vom Geiste\nund Stümper im Handwerk. Kurz, ich möchte lieber einen\nAreopag gegründet sehen, der Strafen auf das unbefugte\nComponiren setzte, als noch mehr Vereine entstehen, die\ndazu ermunterten. Das wahre Talent und vollends das Ge-\nnie treibt sich von selbst zum Schaffen, weil es eben nicht\nanders kann.\nFördernder lür die Kunst sind schon diejenigen Ver-\neine oder Staats-Institute, welche junge Talente nach abge-\nlegten Proben in ihrer Ausbildung unterstützen. Fragen\nwir aber die Erfahrung im Grossen, abgesehen von einzel-\nnen glänzenden Ausnahmen, so werden wir gestehen müs-\nsen, dass die Resultate auch hier in keinem Verhältnisse zu\ndem Aufwände der Mittel stehen. Die Akademieen wissen\ndavon nachzusagen; wie wenige z. B. von den römischen\nStipendiaten der Academie des in Paris sind aus-\ngezeichnete Componisten geworden! Auch diesen Vereinen\ngegenüber behaupte ich, dass das Talent viel leichter einen\nLehrer und Bildner als einen Verleger finde. Denn unter\nden Künstlern und Musikverständigen gibt es immer noch\neine Menge, die ohne Eigennutz sich des Talentes mit Freu-\nden annehmen. Wer aber den Verlegern etwas bringt, das\nnicht aus Mendelssohn's Nachlass ist, der darf nicht auf Er-\nhörung rechnen. Mendelssohn zog und zieht noch das\nist ihr Kunst-Ausdruck, und Mancher von ihnen (heilt die\nNaivetät eines mir bekannten Theater-Directors, der nach\ndem guten Ertrage einiger Stücke von Shakespeare seinen\nRegisseur ersuchte, dem Manne zu schreiben und ihm für\nein neues Stück ein anständiges Honorar zu bieten.\nDen richtigen Weg hat bis jetzt allein, so viel ich\nweiss, die Gesellschaft zur Beförderung der Tonkunst in\nHolland eingeschlagen, welche wenigstens einen Theil\nihrer Einnahme zur Herausgabe neuerer Werke an-\nwendet. Freilich hat auch sie in den letzten Jahren die\nPreis-Ausschreibungen überhand nehmen lassen; bei den\nspecifisch nationalen Zwecken derselben und bei den dorti-\ngen Kunstzuständen mag sich das jedoch rechtfertigen las-\nsen. In Deutschland, wo die Componisten wie Pilze aus\nder Erde emporschiessen, ist das Aufmuntern zum Schrei-\nben gar nicht nöthig. Aber Mittel und Wege zu\nschaffen, dass das Geschriebene in die Oeffent-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "80", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560308-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1526, "texte": "lichkeit komme und das Gute, das so oft im Dunkel\nverschimmelt, ans Licht gezogen werde, Verbreitung\nund Anerkennung finde, das thut noth.\nWie das zu erreichen sei? Auf demselben Wege, auf\nwelchem die grossen industriellen Unternehmungen unserer\nZeit zu Stande kommen, durch Vereinigung. Es handelt\nsich also darum, eine grosse Musikverlags- Gesell-\nschaf t in Deutschland zu bilden. Dass es dabei\nweniger auf den Cours der Actien, als auf die Dividende iür\ndie Kunst abgesehen sei, ist natürlich; dass jedoch die\nSache, bloss als Capital-Anlage betrachtet, ihre ehrlichen\nZinsen bringen dürfte, scheint mir eben so gewiss.\nIch werde in einem folgenden Artikel mir erlauben,\nden Vorschlag etwas näher zu beleuchten, was mir um so\neher vergönnt sein wird, da ich keine Oratio pro domo\nhalte. Ich mache zwar auch etwas „Hausmusik\", sogar\nKammermusik, allein die soll weder in Folio noch in Quarto\ngedruckt werden. Was mich bewogen hat, die Sache an-\nzuregen, ist die Erfahrung, welche ich in den letzten zehn\nJahrengemacht habe, dass viele bedeutende Werke,\ndie mir zu Gesicht und Gehör gekommen sind und auch\nin Aufführungen an mehreren Orten entschiedenen Beifall\ngefunden haben, dennoch nicht durch den Druck in die Oef-\nfentlichkeit gelangt sind; und neuerdings veranlasst mich\nnamentlich die Anhörung und Durchsicht der Sinfonie in\nG-moll von Ed. Franck, mich über die Hindernisse aus-\nzusprechen, welche heutzutage der Bekanntwerdung musi-\ncalischer Werke entgegenstehen, und ein Mittel vorzuschla-\ngen, sie zu beseitigen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1856-03-08-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1856-03-08_01#c006", "volume": "bmtnabi_1856-03-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "80", "page_fin": "80", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560308-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "80", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560308-01.1.8", "debut_caractere": 1528, "fin_caractere_exclue": 5731, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. Am Palmsonntage wird hier Händel's Messias\naufgeführt werden. Die Tenor-Partie wird Herr von Osten aus\nBerlin singen, der jungst in Holland, wo er sich noch befindet, in\nallen grösseren Städten mit grossem Erfolg aufgetreten ist.\nHerr Louis B rassin aus Leipzig gab am 3. d. Mts. eine gut\nbesuchte Soiree im Hotel Disch. Er spielte mit Herrn ß. Breuer\ndie Sonate von Mendelssohn für Piano und Yioloncell, eine\nPhantasie von T h a 1 b e r g, das „Kindermärcliien\" von J. Mosch e-\nles, eine italiänische Romanze von AI fr. Ja eil, und als er gerufen\nward, noch das grosse Scherzo von F. Chopin. Ausserdem sang\nFräuL Aug. Gebler die Sopran-Arie in F aus der „Schöpfung\"\nmit sehr wohlklingender Stimme, reiner Intonation und lieblichem\nVorträge der reizenden Verzierungen, und nächstdem ein Lied von\nMarschner; mehrere Mitglieder des M ä n n e r g e s a n g - V e r e i n s\ntrugen einige Gesänge mit Ausdruck vor. Dem noch sehr jugend-\nlichen Pianisten ist eine schöne Zukunft zu prophezeien, wenn er,\nwie wir hoffen, auf dem Wege des soliden Ciavierspiels beharrt\nund seinen grossen Lehrer Mo Scheies fortwährend zum Muster\nnimmt. Zu dieser Hoffnung berechtigt uns besonders der ausge-\nzeichnete Vortrag des G-mo/Z-Concertes von Moscheies, das Herr\nBrassin neulich in der philharmonischen Gesellschaft auswendig\nspielte—unstreitig die beste Leistung, die wir von ihm gehört ha-\nben. Die treffliche Composition fand eben so wie der Vortrag be-\ngeisterten Anklang bei der zahlreichen Versammlung.\nIn die Direction des Mozart-Vereins (dessen Protecto-\nrat der Herzog von Coburg bekanntlich angenommen) sind\nneuerdings gewählt worden: Meyer b e e r, M arschner, Lin d-\npaintner, F. Hiller, Liszt und F. Lachner. Auf den Hof-\ntheatern von Gotha, Weimar und Darmstadt haben Vorstel-\nlungen zum Besten des Vereins Statt gehabt; von fünfzehn ande-\nren Städten stehen solche in Aussicht.\nDer ausgezeichnete Violinist Adolf Köckert hat auf einer\nKunstreise durch die Schweiz namentlich in Bern, Frei bürg,\nLausanne, Genf u. s. w. eine Reihe von Concerten gegeben\nund überall den lebhaftesten Beifall geärntet. Von Genf ist er nach\nParis gegangen.\nDie deutsche Tonhalle hat ihren vierten Jahres-Bericht\nversandt als Rechenschaft und Einladung zu allgemeiner Theil-\nnahme. Sie zählt ausser 6 fürstlichen Gönnern 425 Mitglieder\n(darunter 157 in Mannheim, was der Stadt alle Ehre macht);\nden Vorstand bilden die Herren Dr. Barazetti, L. A. Bassermann,\nDr. Bensinger, K. F. Heckel, A. Schüssler. Das Eintrittsgeld beträgt\nein Drittel Thaler und der (widerrufliche) Jahrcs-Beitrag ebenfalls\nnur ein Drittel Thaler. Jeder Gesammt-Beitrag für mehrere Jahre,\nso wie freiwillige höhere Leistungen werden dankbar angenommen.\nDer Stand der Vereins-Casse (vom 1. Lenz- bis letzten Christ-Mo-\nnat) 1855 ist folgender:\nEinnahme:\n1) Aus voriger Rechnung . 469 Fl. 15 Kr.\n2) Eintrittsgeld 19 „ 15 „\n3) Beitrag der Mitglieder (so weit sie für 1855\nbis jetzt eingekommen) 134 „ 56 „\n4) Mehrleistungen und Geschenke .... 90 „ 44 „\nZusammen . . 714 Fl. 10 Kr.\nAusgabe:\n1) Schreibbedürfnisse ... 1 FL Kr.\n2) Druck- und Schreib-Kosten 35 ~ 8 „\n3) Post- und Send-Gebüh.ren 35 „ 28 „\n4) Für Preise verwendet . . 267 „ 12 „\n5) Bedienung und Verschied. 25 „ 38 „\nAb diese Ausgabe mit . . 364 „ 26 „\nSind vorräthig und gehen in die Rechnung fürs\nJahr 1856 über .......... 349 Fl. 44 Kr.\nDie eben gedachten Preise waren für drei Abendmahls-Gesänge\nHerrn A. F. Leder in Marienwerder 67 Fl. 12 Kr. und für eine\nSinfonie Herrn H. Neu mann in Heiligenstadt 200 Fl.\nIm verflossenen Jahre sind (im 8. und 9. Preis-Ausschreiben}\nausgesetzt worden für einen Männerchor-Gesang: „Göll, Vaterland,\nLiebe\", 12 Ducaten, und 18 Ducaien für einen Schiller-Festgesang.\nDie Bewerbungen um jenen Preis liegen, wie bereits öffentlich\nangezeigt, in der Beurtheilung, und die um letzteren sind vor dem\nMonat Mai dieses Jahres „der deutschen Tonhalle44 frei Mannheim\neinzusenden*).\n*) Wir ergreifen diese Gelegenheit, den von mehreren Seiten\nan uns zur Vermittluug an die Tonhade ergangenen Wunsch\nauszusprechen: bei der Wahl der Texte zu Preis-Compo-\nsitionen für Gesang strenger als bisher verfahren zu wollen.\nDie Red actio n."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "73", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560308-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nKritische Präliminarien zu W. H. Riehl's Hausmusik. Von A. Schindler. Nachschrift von L. B. Riehl's Hausmusik.\nVon Ed. K. 1. Der Musik-Verlag in Deutschland. 2. Sinfonie von E. Franck. I. Von L. B. Tages- und Ü nter hall u ngs-\nblatt (Köln Kunst-Nachrichten Jahres-Bericht der Deutschen Tonhalle).\n\nKritische Präliminarien zu W. H. Riehl’s „Hausmusik“.\nFünfzig Lieder deutscher Dichter in (ünf Abtheilungen,\nund zwar:\nI. Aus dem siebenzehnten Jahrhundert. 11. Aus der\nklassischen Zeit. 111. Aus den Tagen der Romantiker. IV.\nNach den Befreiungskriegen. V. Poeten der Gegenwart.\nVoraus geht „des Tonsetzers Geleitsbrief\". Stuttgart, bei\nCotta. XVI. und 88 S. Fol.\nDie wahrheitsliebende Kritik unserer verschrobenen\nZeit ist es schon gewohnt, mit Componisten zu thun zu\nhaben, die bemüht sind, durch Motivirungen und Erklärun-\ngen ihrer hochwichtigen Thaten in wunderlicher Art das\nkritische Geschäft zu erschweren. Diese Manöver haben of-\nfenbar keinen anderen Zweck, als die bevorstehenden Ur-\ntheile um ihre Geltung zubringen. Die Anrufung der Capta-\ntio benevolentiae Seitens des unverständigen Publicums ist\nzwischen den Zeilen zu lesen, die Hülfe zu thätlicher\nAnnuliirung der kritischen Aussprüche oftmals sogar ziem-\nlich laut gefordert. Zu welcher von beiden der in des Ton-\nsetzers Geleitsbrief stehende Satz: „Ich glaube darum fast,\nwer meinen Büchern Freund ist, der wird es auch meinen\nLiedern werden, und wer meine Bücher nicht leiden mag,\ndem werden auch meine Lieder nicht gefallen\", zu zählen,\nweiss der Verfasser dieser Präliminarien nicht mit Bestimmt-\nheit zu sagen; das aber weiss er, dass er ein aufrichtiger\nFreund der Riehl'schen Bücher und dennoch ein entschie-\ndener Gegner seiner Hausmusik ist, mithin eine Ausnahme\nvon der vom Schriftsteller-Componisten aufgestellten Regel.\nW. H. Riehl's Bücher bekunden in erfreulicher Weise\nden Mann der Wahrheit. Er will offenbar mit Wahrheit\nwirken, nämlich durch das, was Jeder aus sich und aus den\nvorhandenen Ueberlieferungen schöpft, zur festen überzeu-\ngungskräftigen Meinung ausbildet und lür Wahrheit hält.\nDiesen Charakter wünscht der Verfasser den culturhistori-\nsehen Schriften Riehl's im Allgemeinen zu vindiciren, nicht\naber seinen musicalischen. Hätte die Kritik bei Erscheinung\nseiner musicalischen Charakterköpfe die ihr gebührende\nPflicht streng erlüllt und das Geschäft nicht der literari-\nschen, in Sachen der Musik gänzlich unwissenden Camera-\nderie überlassen*), die Veröffentlichung dieser Pseudo-Haus-\nmusik, mit Harnisch und Lanze bewaffnet, wäre vielleicht\nunterblieben, oder sie wäre ohne diese Zuthaten hübsch\nbescheiden und anspruchslos vor uns hingetreten, ohne\nvorab zu verkündigen, dass sich ihr Componist „technisch\nsicherer weiss im Notenschreiben als im Bücherschreiben\"\nWorte, die grauenhaft wirken bei kritischer Prüfung\nseines compositorischen Erstlingswerkes. Mag der Meister\nin Schilderung staatlicher Zustände und Verhältnisse zu-\nweilen mit einem übervollen Maasse von Zuversicht und\nSelbstvertrauen seine Blicke über die Welt laufen lassen,\nvom Schüler im musicalischen Handwerke fordern wir\nBescheidenheit und Demuth, erstere den Mitstrebenden,\nletztere der Kunst als solcher gegenüber.\nNicht zum ersten Male hat Schreiber dieser Prälimi-\nnarien die Ehre, Herrn Riehl gegenüber zu stehen. Das\nerste Mal geschah es 1848 im Album lür Leben, Kunst\nund Wissen (Aachen, unter Redaction von Dr. W. Smets)\ngegen den Aufsatz: „Mendelssohn als nationaler Tondich-\nter\", in der Allgem. Zeitung vom 6. December 1847**).\n\n*) Wie diese Freunde Riehl's sich jetzt wiederum hrrvorthun,\nfindet sich in den Beilagen zur Allg. Zeitung vom 24. und\n25. Deceraber v. J. (Vgl. unten die Nachschrift der Redaction.l\n**) In diesem Aufsatze stellt unter Anderem: „Wollte Mendels-\nsohn doch sogar in die Concertsäle das kunstreiche Gewehe\ndes Contrapunktes wieder einschmuggeln, welches die Mehr-\nzahl der Musiker fast schon wie das verlorene Geheimniss\nder mittelalterlichen Bauhütten anzusehen pflegte Men-\ndelssohn war fast allein der Glückliche, der in den echten\nFormen des deutschen Geistes für die grössere Oeffenüichkeit\nschreiben durfte; er commandirte in den letzten Jahren recht"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "74", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560308-01.1.2", "texte": "Damals schon fand ich not h wendig, dem jungen, unerfah-\nrenen Beurtheiler musicalischer Dinge und Personen ernste\nWinke zu geben, dass Bei esenheit in unserem Fache noch\nkeineswegs berechtige, so apodiktische, nicht wenig Mit-\nstrebende verletzende Sätze auszusprechen, die alles inne-\nren Haltes entbehren, überdies noch grobe Y\\ idersprüche\nan der Stirn tragen. Jener Aufsatz erscheint in den Cha-\nrakterköpfen wieder, die auffallendsten Ungereimtheiten sind\nzwar meist beseitigt, dennoch erträgt das Ganze keine ein-\ngehende Kritik, wie nicht wenige der anderen Köpfe gleich-\nfalls, wie nicht minder auch Beethoven's Kopf, der schon\nbei Gelegenheit der bonner Monumentfleier 1845 von\nHerrn Riehl in der Allg. Zeitung illustrirt worden.\nReferent fühlt sich nicht von so starker Constitution,\num das Gesammte dieser Pseudo-Hausmusik einer Prü-\nfung unterziehen zu können. Wer vermöchte wohl, ein hal-\nbes Hundert Lieder in Einem Zuge zu mustern und, wie\nhier im Falle geschehen muss, mit den im Geleitsbriefe auf-\ngestellten Lehrsätzen zu vergleichen, ob Theorie und\nPraxis in Einklang stehen? Es soll sich daher meine Theil-\nnahme lediglich auf die Lieder aus dem siebenzehnten Jahr-\nhundert beschränken, anderen zu solch unerfreulicher Ar-\nbeit Berufenen das Andere überlassend, um es unter die\nkritische Lupe zu legen. Schuldige Rücksicht auf längst\nbewährte Leistungen in dieser Art Gesangmusik, z. B. auf\nL. Erk und Andere, deren Existenz Herrn Riehl unbekannt\nzu sein scheint, fordern gleichfalls zu ernster Besprechung\ndes vorliegenden Werkes auf.\nSeite IV. des Geleitsbriefes sagt Herr Riehl, dass er\ndarauf ausginge, sich die Dichter musicalisch abzucon-\nterfeien. Weiter lesen wir dort: „Soll man ein Lied von\nPaul Flemming oder Simon Dach ganz in demselben Style\nsetzen, wie ein Lied von Göthe? .... Hat nicht auch die\nMusik eine gewisse Ausdruckslähigkeit iür den historischen\nGeist? .... Die Aufgabe, „ „Dichter zu componiren\" %\nist noch eine ziemlich neue und zugleich eine sehr reiche\nlür den musicalischen Lyriker. . . . Die musicalische Cha-\nrakteristik soll man überhaupt immer nur im Allgemeinen\nund Ganzen nehmen, wie der Teufel die Bauern. In wie\nweit mir dies bei den vorliegenden historisch-musicalischen\nLieder-Skizzen (was?) gelungen ist, das mögen die Recen-\nscnten unter sich (wie?) ausmachen.\" Ben Akiba, sprich:\nWar wohl nach deiner alten Welt-Erfahrung schon solch\njugendlicher Muthwilie da bei Componisten, die ihr Erst-\nlingswerk vorgelegt? Will Herr Riehl nicht wohl glauben\nmachen, seine sämmtlichen Lieder seien im Styl der Zeit-\nEpochen, denen die Dichtungen angehören, componirt?\nScheint er nicht auch sagen zu wollen, er zähle sich zu den\nwenigen Eximirten, welche „Dichter zu componiren\" ver-\nstehen, und habe seine Aufgabe in diesem Sinne gelös't?\nWenn anders, so begreife ich den Mann und sein Thun\nganz irrig. Wo wäre dann die Quelle so vieler herausfor-\ndernden Sentenzen zu suchen?\nDa liegen nun verschiedene Gesang-Compositionen klei-\nneren und grösseren Umfanges aus der zweiten Hallte des\nsiebenzehnten Jahrhunderls vor mir, den von der Kunst-\ngeschichte anerkannten Meistern Hammersch mi dt,\nSchütz und Stadel mayer angehörend. Vergebens\nsuche ich darin eine leise Spur solcher Factur, wie sie fast\njedes eine der Riehl'schen Lieder aufweis't. Ich w ende mich\nzu Händel, zu den Bachen*) und anderen Meistern des\nachtzehnten Jahrhunderts, die Lieder geschrieben, steige\nhinauf bis zu Zumsteg und suche in dieser Gattung von\nHinterlassenschaft wiederum vergebens nach Präcedentien\nzu den Riehl'schen Liedern. Nirgends Verdoppelungen aller\nund jeglicher Intervalle, sogar der grossen Terz, z. B. Nr.\n3; nirgends eine Spur von Vollgriffigkeit, wie sie fast auf\njedem Blatte der Riehl'schen Lieder zu sehen. Dies allein\nschon reicht hin, um dem Ganzen den Charakter der Mo-\ndernität aufzuprägen. Was soll man aber erst sagen zu den\nunzähligen Schuh rböckcn, als : Octaven- und Quinten-Fort-\nschreitungen, Vernachlässigung des naturgemässen Fort-\nschreitens verminderter Intervalle, präcipitirte Modulationen,\nfreies Anschlagen der schreiendsten Dissonanzen ohne Ver-\nanlassung des Gedichtes? z. B. Nr. 3, Nr. 4 u. A, Ferner\nbegnügt sich unser Componist nicht mit einfacher Füh-\nrung des Basses, wie die alten und älteren Gesang-Compo-\nnisten, sogar Franz Schubert, in der Regel gethan; er liebt,\nseinen Grundbass häufig mit der Octave in die Contra-\nTöne hinab zu führen, ohne zu beachten, welche Kluft da-\ndurch zwischen der ungetheilten Harmonie in der ein-\nauch wohl zweigestrichenen Octave entsteht. So thun e&\nnur einzelne Componisten der jüngsten Zeit und die Zu-\n\neigentlich die Musik und das Publicum Er war zu klug,\nals dass er nicht mitunter den Grillen des Zeitgeschmacks\nsich gelügt hätte; aber er war auch zu stolz, als dass er dies\njemals hätte offen merken lassen.... Er hat oft als ein wah-\nrer Diplomat componirt.\" Am meisten aber überraschte darin\ndie Proclamirung Mendelssohn's als Gründer der histo-\nrischen Schule.\n*) Herr Riehl belehrt uns auch, dass viele Einzelnummern der\nSeb. Bach'schen Kirchen-Cantaten unserem Ohr eben nicht\nmehr recht wie Kirchenmusik, wohl aber wie die gediegenste\nHausmusik klingen. Seite IV. Manche Leute sehen überall\nGespenster, Herr Riehl dagegen Hausmusik. Mehr als wun-\nderlich !"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "75", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560308-01.1.3", "texte": "kunfts-Musiker> Und dennoch losen wir auf der eilflen Seile\ndes Geleitsbriefes, dass Herr Riehl „überall nach einer He-\ngleitung gestrebt, weiche die Singstimme nicht überflute,\nsondern ihr diene, und die festen Umrisse der Melodie nur\nnoch bestimmter hervorzuheben geeignet sei.\" Noch lesen\nwir dort: „Auf den Schimmer des äusseren Effectes sind\nsie (die Lieder) gar nicht berechnet.\" Woher dieser hohe\nGrad von Verblendung und Selbsttäuschung bei einem\nManne, dessen Sinne nach anderen Richtungen hin so si-\nchere Beweise von Schärfe und Gesundheit gegeben haben?\nEr sieht den Balken im eigenen Auge nicht und wagt es\ndennoch, Steine zu werfen nach links und nach rechts.\nWäre es nothig, noch sprechendere Beispiele von Man-\ngelhaftigkeit musicalischer Bildung Seitens des Componisten\ndieser Lieder vor Augen zu legen, so fänden wir sie in\nNr. 1 und 6. Um den Charakter der Dichtung musicalisch\nrichtig abzucoriterfeien, bedarf es wenigstens einiger Kennt-\nniss vom psychischen Charakter der Tonarten. Zeigt wohl\nder Componist diese Kenntniss, wenn er das Gedicht\n„Schall der Nacht\" in dessen erster Hälfte in F-moll\n{Poco adagio) setzt ? Lässt sich wohl diese Moll-Tonart zum\nAusdrucke der Freude gebrauchen? In Nr. 6, „Lied\nder Freundschaft\", sehen wir aber eine der hervorragend-\nsten Spitzen der Riehl'schen Absonderlichkeiten. Das Lied\nsteht in B-dur.Schon im dritten Tacle kommt dem Com-\nponisten der Leite-Ton nach D in die Feder, und er schliesst\ndas erste rhythmische Glied in ab; alsdann wird ver-\nmittels des Leile-Tones G-moll nur flüchtig berührt, so-\ngleich aber mit dem Terz-Quart-Accord von E schwerfäl-\nlig zurück nach D-dur geschwenkt, und der erste Theil\ndes Liedes nicht regelrecht zur Dominante, auch nicht in\ndie Tonica zurückgeführt schliesst loul bonnement in dem\nganz fernen D-dur. Welche Verwandtschaft besteht wohl\nzwischen B-dur und D-dur, auch in Rücksicht auf psychi-\nsche Charakteristik? Ben Akiba wird zugestehen müssen,\ndass dieser vorliegende Fall ein funkelnagelneuer ist, folg-\nlich nie da gewesen. Zum Ueberflusse an pikanten Ueber-\nraschungen wird dem Schlüsse in folgender Schwanz\nangehängt und dann sans genein der Tonica fortgefahren.\nDas soll Hausmusik sein, geeignet, den musicalischen\nSinn der Jugend zu nähren, zu veredeln, das Gehör zu bil-\nden! Dies „ein musicalisches Brevier, eine musicalische\nHaus-Postille\" ! Soll ein Componist, der mit so hoch ge-\nschwollenen Backen vor das Publicum tritt und die Mit-\nstrebenden belehrt, wie man es machen soll, nicht zum\nallermindeslen Beweise liefern, dass er grammatica-\niisch richtig schreiben gelernt? Welche Auslegung trifft\nwohl des Componisten Geständniss: „Denn meine socialen\nund cuUurhistorischen Studien sind erst hervorgewachsen\naus meinen musicalischen\", wenn wir das Vorstehende zur\nSeite stellen ? Und dennoch darf Recensent versichern, dass\nes in der folgenden Liederreihe „aus der ciassischen Zeit\"\nnoch cl assisch er womöglich hergeht, so zwar, dass\ner sich zum bleibenden Angedenken Nr. 8 „Meeresstille\"\nund Nr. 13 „Gefunden\" unter Glas gelegt hat. Gegen\ndiese Beurtheilung hat der Componist einfach zu erklären,\ner habe alle die zahllosen Verstösse gegen Regel und Ge-\nsetz mit Absicht hingeschrieben. Darauf will ich meinerseits\nnicht anstehen, ihm die Anwartschaft auf einen ansehnli-\nchen Rang in der Classe der Zukunfts-Musiker in Aussicht\nzu stellen, da er bereits erfreuliche Befähigung dafür be-\nkundet hat.\nDiese saure Arbeit zu Ende führend, nur noch einige\nSätze über das Capilel vom Gebrauche der Moll-Tonarten\naus dem Geleitsbriefe: „Entschiedener neigen unsere bei-\nden tiefsinnigen Mystiker Bach und Beethoven zur\nTonart. Die Macht ihres Genius, die Ursprünglichkeit und\nEigenart ihrer künstlerischen Natur gab ihnen ein Recht\ndazu. ... So wurde der geheimnisvolle, gedankentiefe\nMoll-Gesang Beethoven's allmählich zur Hof- und Leib-\nTonart der Salon-Musicanten entweiht, und das blasirte,\nkranke, zerrissene, üherweibliche Wesen der feinen Welt hat\nsein erschreckend wahres Spiegelbild in dieser mark- und\nknochenlosen, von einer abenteuerlichen Modulation zur\nanderen umspringenden J/o//-Musik gefunden!\"\nNachfolgende Recensenten dieser Pseudo-Hausmusik\nmögen untersuchen, ob nicht etwa einige oder gar alle der\neben gehörten Eigenschaftswörter ebenfalls die beste An-\nwendung finden auf den grössten Theil dieser fünfzig Lieder."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "76", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560308-01.1.4", "texte": "Es wollen endlich diese Männer unter sich ausmachen,\noder mit Erlaubniss des Componisten ob die\nwenigen guten Melodieen, wie auch deren gute Anwendung\nals ausreichende Entschädigung für die so vielen der Har-\nmonie widerfahrenen Unbilden und für den schreienden\nMangel an Kunstwissenschaft hinzunehmen seien oder nicht.\nA. Schindler.\nNachschrift der Redaction. Auch wir haben\nnach Durchsicht der Riehl'schen „Hausmusik\" die Artikel\nin der äugst). Allg. Zeitung, geschrieben von München im\nDecember (24. und 25.), welche A. S. oben in der An-\nmerkung erwähnt, gelesen; nicht das unbedingte Lobprei-\nsen hat uns dabei in Erstaunen gesetzt—denn was erlebt\nman in dieser Beziehung nicht heutzutage?—, sondern dass\nein Recensent, der hier und auch in früheren Artikeln mit\nVerstand und Gesinnung gegen die verkehrten musicalischen\nRichtungen unserer Zeit auftritt, ein Beginnen rühmt, wel-\nches ebenfalls aus einer jener Richtungen hervorgegangen\nist. Denn was sind denn Riehl's Lieder in der grossen Mehr-\nzahl anders als R e fl e x i o n s - M u s i k ? Soll doch das Werk\nnach den eigenen Worten des Verfassers „eine musicali-\nsche Haus-Postille mit historisch-musicalischen\nPredigte n (!) über fünfzig Texte unserer besten Dichter\"\nsein, und gesteht er doch selbst, „dass er einen musica-\nlischen Commentar zu unseren besten Dichtern\" habe\nschreiben wollen! — Sind denn neuereInstrumental-Com-\npositionen von Berlioz, Liszt u. s. w. etwas Anderes als\nCommentare zu Poesieen? Riehl unterscheidet sich von den\nKomponisten der Zukunft nur dadurch, dass er ein Com-\nponist der Vergangenheit sein, dass er historisch com-\nponiren, „historisch stylisiren\" will, während jene phan-\ntastisch-prophetisch schreiben wollen. Das sind zwei ver-\nkrüppelte Zweige aus Einem ungesunden Stamme. Zwar\nmeint Riehl, dass ihm „aus der Anschauung der Dichter\nim Gewände ihrer Zeit ein musicalischer Zug, der die Zeit\ndes Dichters charakterisirte, unbewusst auch in die Kom-\nposition ihrer Lieder gekommen sei\" —: allein bei einem\nTonsetzer, in dessen Schöpfungen des Unbevvussten in der\nErfindung auch da, wo diese durch keine historische Ees-\nse! gehemmt war, nur sehr wenig ist, fällt es schwer, dort\nan eine Inspiration zu glauben, wo ein bestimmter Styl\ngetroffen werden sollte.\nNoch schwächer als das Unbewusste erscheint das Be-\nwusste, das da nothwendig ist, d. h. das Wissen und Kön-\nnen, das Handwerk des Musikers, in diesen Liedern. Wir\nstimmen darüber ganz mit dem Verfasser der obigen Kritik\nüberein und begreifen in der That nicht, wie der erwähnte\nBecensent in der augsb. Allg. Zeitung zu sagen wagt, dass\nRiehl's „ feinster musicalischer Sinn alle ungehörigen über-\nraschenden Modulationen vermieden und bei streng contra-\npunktiscliem Satze wirkliche volksthümliche Melodieen ge-\nschaffen habe'*! Freilich sieht er sich (gegen den Schluss)\ngenöthigt, einige „Härten\" dadurch zu entschuldigen, dass\n„der männliche, herbe Charakter der Schule Riehl's diese\nnicht ausschliesst und nicht ganz vermeiden kann\". Nun,\ndamit stehen wir ja auf einmal ganz auf dem Boden der\nneuesten Kritik, welche Ungeschicktheit und Bequemlichkeit\nin der Factur durch Charakter und Genie entschuldigt! -—\nUnd auch mit dem Grundsatze: „ Wer mich tadelt, versteht\nmich nicht\", den derselbe Beurtheiler zuletzt ganz unum-\nwunden ausspricht, läuft er spornstreichs in das Lager de-\nrer über, die er sonst bekämpft. Man würde jedoch fehl\nschiessen, wenn man seine Stimme als das Organ des mün-\nchener Geschmacks bezeichnen wollte; wenigstens lesen wir\nunter „München\" in der augsb. Allg. Zeitung vom 25.\nFebruar nach Bemerkungen über die conventionelle Stim-\nmung der gesellschaftlichen Rouls daselbst die Worte:\n„ Gäbe es nicht ein Mittel zwischen gelehrten Vorlesungen und\nmonotonen Zusammenkünften, etwa eine gesunde „ „ Haus-\nmusik\"\" nach culturhistorischen Vorlagen mit einleitender\nbescheidener Vorrede zur Aufbesserung des Geschmacks?\"\nUm die Sache gleich ganz abzuthun, lassen wir noch\neine Beurtheilung von einem anderen geehrten Mitarbeiter\nfolgen, welcher eben so wie A. S. und wir zu denen ge-\nhört, die diese Lieder „nie verstehen werden, weil ihnen\ndas rechte, echte Verständniss der Musik überhaupt abgeht\nund sie das Gesetz der Schönheit nicht hegreifen wollen\nund nicht würdigen können\" (A. A. Ztg. a. a. 0.). Nun,\nSolatium miseris, socios habuisse\nL. B.\nW. H. Riehl« Häusmusik. Dieses Buch des berühm-\nten Xotionul-Politikers, der auch in der musicalischen Kritik\nsich hervorgethan, bewährt seinen Ruhm auf dem kritischen\nGebiete durchaus, indem es in der kritisch-historischen Ein-\nleitung die richtigen Grundsätze darlegt, wie eine ordent-\nliche Hausmusik möge eingerichtet sein; und es beweis't\nzugleich, was wir auch anderweit schon erfahren, dass Kri-\ntik und Schöpferkraft oft weit aus einander liegen. Denn\nwie der theoretische Theil — nämlich die lange, doch in-\nteressant Geschriebene Vorrede — fast durchweg richtige,\nobwohl mit viel eitler Selbstspiegelung durchwürzte An-\nsichten ausspricht, so ist dagegen der praktische Theil, die\nfünfzig Lieder mit Riehl'schen Ton weisen, mit wenigen Aus-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "77", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560308-01.1.5", "texte": "nahmen theils vollständig dürre, theils modern krankhaft,\nund in Beiden ein Gegenzeugniss des Autors wider sich\nselbst, wider seine Grundsätze; es sind die Gedanken, die\nsich unter einander anklagen und entschuldigen.\nDie Vorrede, genannt „Tonsetzers Geleitbrief\", hebt\nan mit der eitlen Rede, sich selbst „schlicht und ehrlich\"\nzu benennen, was schlichte Leute selten thun; dass aber,\n8 wer seinen Büchern Freund sei, es auch den Liedern\nwerde\", ist eine kühne, mindestens gefährliche Voraus-\nsetzung, indem doch schon öfter der Fall vorgekommen\nist, dass z.B. „einßilder-Atlas zu einem naturwissenschaft-\nlichen Werke\" nicht nothwendig eben so gut ist, wie die-\nses.— Der Kern der Vorrede liegt in dem Vornehmen (S.\n111., Absatz 5), die Lieder nach Dichterschulen zu ordnen\nund den Tonsatz der Zeit des Poeten angemessen zu ge-\nstalten (IV., Absatz 3). Also ein offenbar und eingeständ-\nlich doctrinäres, lehrhaftes Unternehmen; das ist aber nicht\nHausmusik zur Seelenlust, wie zu Simon Dach's Zeit, wo\nder sinnige Albert in der Kürbishütte seine zarten Weisen\nsang, sondern Schulmusik zum Studium, vorausgesetzt, dass\ndie Schule richtig sei. So geht das Ganze, möge es sich\ndagegen wehren, wie es wolle, doch den lehrsamen Weg\nder leidigen historischen Concerle— und trollt daneben auf\ndem gemüthlichen Pfade zeitgemässer Stichwörter, die u. A.\nin der seltsamen Behauptung durchklingen, auch Händel\nund Bach gehören der Zopfzeit an! (S. IV., 5.) Nun,\nwenn es denn einmal muss gestichwörtelt sein, so sagen\nwir's rund heraus: die verschrieenen Zöpfe unserer Ur-\ngrossväter, wohlgemerkt nebst ihren Armen und Waden,\nsind uns doch lieber, als der moderne Jammerdenkling mit\nAugenkneifer und Cigarre; und der geringste Ton aus\nHändel's Tonbildern ist blutwärmer als alles zeitgemässe\nleipziger Lieder-Gewinsel. Zwar gibt der Verfasser auch\nHändel und Bach ihre Ehre, aber mit einem so zu sagen\ngnädigen Zugeständnisse, das ihrer Würde nicht ange-\nmessen ist.\nWenn nun darauf die Vorrede S. V. u ff', sich sehr\nbreit in Selbst-Recensionen ergeht, so ist das einerseits un-\nsäglich naiv für unser ohnehin kritisches Zeitalter, anderer-\nseits fordert es zu desto schärferer Frage heraus, ob denn\ndie Ausführung diesen Grundsätzen wirklich entspreche.\nSolcher Grundsätze lernen wir im weiteren Verlaufe meh-\nrere kennen. Zuerst S. VIII., 6: „Ich setzte durchweg\nStrophenlieder\" ; hiergegen ist das Lied Nr. 7, S. 13,\nin offenem Widerspruche und ohne Noth; denn Göthe's\nGeistesgruss (Hoch auf dem alten Thurme steht) ist in\nSinn und Klang eben sowohl Strophenlied wie der Erl-\nkönig, dessen unstrophische Dramatisirung durch Schu-\nbert der Verfasser (S. IV.) mit Recht ungenügend findet,\ntrotz aller musicalischen Schönheit. Einmal dagegen ist ein\nStropheniied gemacht aus einem Göthe'schen Gedichte, das\nman kaum dazu geeignet halten möchte: das mit der Ueber-\nschrift „Meeresstille\" (S. 14), wobei jedoch zu bemerken,\ndass Göthe's Schluss „Glückliche Fahrt\" hier weggeblie-\nben, wodurch das ganze Gedicht freilich ein anderes wird.\nlm Uebrigen, was die melodische Gestaltung angeht,\nso ist sie, wie bei den meisten Tonsetzern unserer Zeit,\narm, ohne schöpferische Fülle und Neuheit. Doch davon\nnahher.\nDer zweite Grundsatz verlautet S. X.: „Ich setzte Lie-\nder mit Clavier-Begleitung, nichtClavier-Begleitung\nmit Liedern.\" Ein sehr löblicher Grundsatz, der in der\ngesunden Vernunft begründet ist und allermindestens un-\nseren so genannten Volkslied-Sängern sollte eingebläut\nwerden, da jedes Kind begreift, dass das Volk in Wald\nund Flur zum Singen kein Ciavier mitschleppt, wie sehr\nauch allmählich alle Volksnatur zu verlöschen droht unter\ndem Geklapper des Rasselholzes, das ein gebildetes berli-\nner Stubenmädchen fast nicht mehr entbehren kann.— Also:\nJener Grundsatz in Ehren, aber die Ausführung?! Da\nfinden wir S. 4 ein „katholisches Volkslied\" (vgl. Vorrede\nS. V., 5) mit neuntactigem Clavier-Ritornell, in der Mitte\nauf gehaltenem Liedtone (S. 5, T. 10, 11) nochmals in-\nstrumentirend, endlich mit neuntactigem Ritornell wiederum\nschliessend. Dessgleichen Lied Nr. 3, 4, 5, wo die Clavie-\nrerei durchaus wesentlich und unentbehrlich ist, so auch\nNr. 7 und die meisten ähnlich. Auch die an sich treff-\nlichen und unantastbaren Grundsätze wegen des und\nMoll (S, XL) sind für die Ausführung, Lied Nr. 5, trotz\nder rechtfertigenden Selbst-Kritik (S. V., VI.) keineswegs\nmaassgebend gewesen. Endlich fehlt es auch nicht an dem\nmodernen italo-slawischen Septimen Gewimmer S. 19, wie\nsehr es auch S. XI. perhorrescirt werde.\nSolche logische Inconvenienzen könnte man tragen,\nwenn dagegen die Melodieen in sich schön, oder historisch\ntreu, oder charakteristisch wären. Die auf den Grund gra-\nbende Kritik fühlt sich jedoch in diesem Falle stets in Ver-\nlegenheit, indem die Schönheit allzeit das Unbe-\nö '\nweis bare ist und bleiben muss, wie sie das aller Zeiten\ngewesen. Aber einen Prüfstein gibt es doch: die geheime\nSeelenwirkung bei Unbefangenen, d. h. solchen, die\nnicht Riehfs Bücher gelesen, nicht auf etwas unerhört\nNeues gespitzt sind; und die leichte Behaltbarkeit\nder Melodieen, schon nach altem Grundsatze das beste"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "78", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560308-01.1.6", "texte": "Zeugniss echter Dichtung, die es an der Art hat, sich ins\nHerz zu graben und heimlich einzustehlen. Endlich zum\nDritten dar! man Horazens Wort nicht vergessen:\npetita placebit; was rran, hundert Mal wiederholt, nicht\nmüde wird, dos hat festes Leben in sich, ist plastisch un-\nwandelbar wirksam.\nLegen wir diese Maassstäbe an: die Seelenwirkung,\ndie Behaltbarkeit, die Wiederholungslähigkeit nun, es\nkann ja Jeder selbst erleben, wie sich hier die Riehl'schen\nLieder verhalten. Weit minderes Gewicht legen wir auf\ndas historische Costume, wie weit dieses in der er-\nsten Abtheilung „aus dem siebenzehnten Jahrhundert\" nach-\nzuahmen gelungen sei. Uns scheint, dass von den sämml-\nlichen sechs Liedern dieses Bezirkes keines die Stimme\njener Zeit spricht; am allerwenigsten aber das schöne Lied\nNr. 3, S. 6, dessen clavieriger Anfang mit moderner Nai-\nvetät in der Mitte der Tonart sich anmeldet und den gan-\nzen Tonsalz hindurch schwankt und zittert zwischen Men-\ndelssohn und Schubert. Auch das Bauernlied Nr. 4 hat\nkeinen Klang aus dem siebenzehnten Jahrhundert; ja, der\nneckische Clavierschluss im pariser Nipps-Styl ist um meh-\nrere Säcula vom Simplicissimo entlegen. - Am sangbar-\nsten ist wohl die zweite Abtheilung: „Aus der classischen\nZeit\"; lieblich das Schiller'sche „An der Quelle sass der\nKnabe\", doch nicht ganz liedhaft durchgehalten; treffend\ndas Hölderlin'sche „Sonst und Jetzt\" Nr. 10; ein we-\nnig wimmernd im berlin-leipziger Jargon das zarte Lied\nvon Claudius: „Es stand ein Sternlein\" ; missrathen, weil\nin sich unrnusicalisch, „Der Bauer\" von Bürger; u. s. w.\nDas „Seemannsgebet\" (Nr. 14) ist eine sentimentale Quän-\ngelei, die einen Matrosen hinterm Dintenfasse abmalt; nur\ndie letzte Hälfte, im Löwe'schen Balladen-Tone (S. 24),\ndem „ alten Admiral\" anklingend, zeigt Wahrheit und Kraft.\nIn der folgenden Abiheilung: „Aus den Tagen der\nRomantiker\", sind zwischen manchen langweiligen melodie-\nlosen Declamirereien (z. B. Nr. 18, 20, 21, 22, 28, 35)\neinzelne gute, ja, lebendig anmuthende Sätze, als Nr. 19,\n24, 32 doch hebt sich keines über das gewöhnliche Ni-\nveau der heut-üblichen Liederei; und wie sehr auch der Ver-\nfasser schlicht und ehrlich, künstlerisch classisch gesinnt,\nstrenger Verurtheiler der tollen Zukünftler (XV.) u. s. w.\nzu sein bekenne, welchen Grundsätzen wir unbedingt\nbeipflichten das alles macht noch nicht den schaffenden\nKünstler, und lür ein Tröpflein aus den Reben heiliger Ton-\nflut, für einen Goldklang aus Mozart's Liebesharfe geben\nwir alle „Tonsetzers Geleitsbriefe\" und ähnliche lehrhafte\nGrundsätzlichkeiten dieses Epigonen-Zeitalters, die unsri-\ngen mit eingerechnet.\nWie der Verfasser, ohne es zu merken, ganz die heu-\ntige Zeitstimme*) spricht, daher auch im Instrumentalen\ngewandter ist als im Vocalen (vergl. die schöne malerische\nClavierfigur zu dem nüchtern bildlosen Gesänge Nr. 40,S.\n72); wie er die weltschmerzlichen Modulationen gründlich\nverurlheilt (XI. unten) und doch dieses Fledermaus-Geflitter\nnicht meidet (s. auch Ritornell, S. 37); wie er die mannig-\nfaltigen Vortrags-Bezeichnungen mit Recht verabscheut\n(XIV., Absatz 4) und doch S. 37 die Ueberschrift wählt:\nAndante religiöse) — diese und geringere Widersprüche\nrechnen wir dem gewandten Vielschreiber nicht höher an\nals jedem Anderen, weil sie fast schon zum Zeit-Costume\ngehören. Nur warnen möchten wir, durch schöne Worte,\nwie jenes vom „Werden wie die Kinder\" (XIII, 3), oder\ndie Behauptung, der Verfasser sei „sicherer ein Noten- als\nein; Bücherschreiber\" (III., 3), u. A. sich nicht irre führen\nzu lassen, und nicht in diesem Buche zu suchen, was un-\nsterbliche Quellen unserer Volkslieder längst gespendet,\ntonbegabte Sänger neuester Zeit glücklich fortgesetzt ha-\nben, geistreicher Kriticismus aber nimmer erzeugen kann.\nE. K.\n\n1. Der Musik-Verlag in Deutschland. 2. Sinfonie von\nEd. Franck.\nI.\nEs ist in unserer Zeit traurig um den Musik-Verlag bestellt.\n„Wie so? Je verbreiteter die Tonkunst, desto mehr Musik-\nhandlungen; je mehr Componislen, desto mehr Verleger\";\ndas ist freilich wahr, und wer all und jeden Fortschritt\nnach der Statistik beurtheilt, der kann uns leicht beweisen,\ndass der Musik-Verlag noch nie in solcher Blüthe gestan-\nden. Wenn er das Facit aus dem Verbrauch von Papier,\nvon Zink- und Stein-Piatten, von beweglichen und stehen-\nden Typen u. s. w. lür Notendruck in dem letzten Jahr-\nzehend gegen die früheren zieht, so wird er mit Behagen\ngewahr werden, dass die Zunahme der Notenköpfe die Ver-\nmehrung der Bevölkerung um hundert Procent übertrifft.\nMit gleichem Vergnügen wird er auf den Fortschritt der\nAusstattung hinzeigen, der allerdings auch in wesentlichen\n\n*) Daher auch manche Ketzerei der Leipziger (vergl. VIII., 5)\nihm im Blute sitzt, z. B. Ausser dem Vorredesischreiben noch\ndas üble italienische: „Tempis\" (XIII., 5) als Prural! was\nin Leipzig kaum so übel empfunden wird als in iMünchen,\nnächst \"den Alpen."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "79", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560308-01.1.7", "texte": "Dingcn, wie Schärfe und Deutlichkeit, gewonnen hat, haupt-\nsächlich aber in den verzierten Aushängeschildern der Ti-\ntelblätter sich breit macht, so dass Goria, Rosellen, F. Beyer\nund Consorlen in buirtgestickten Staatskleidern erscheinen,\nwährend Haydn, Mozart, Beethoven in groben Tuchröcken\neinhergehen.\nNun ist es aber mit der Statistik in der Kunst eine\nfaule Sache. Sehen wir nicht auf das Wieviel und das Wie,\nsondern auf das Was im heutigen Musik-Verlage, so ent-\ndecken wir mit Schmerz, dass die hoch aufgestapelte Aernte\neines jeden Jahres wenig Korn, aber um so mehr Stroh\nenthält. Man wird sagen, das sei die Schuld der Compo-\nnisten, nicht der Verleger. Allein das ist nur zum Theil\nwahr. Das Schlimme bei der Sache ist, dass die Verleger\nsich meist gar nicht mehr an grössere Werke ernster Gat-\ntung wagen, dass der Liederkram und das Ciavierfutter lür\nden Heisshunger der Salongäste das Feld überwuchern. Es\nwird noch genug Musik von gediegenem Gehalt in Deutsch-\nland geschrieben, aber sie gelangt nicht in die Oeffentlich-\nkeit, und die Verfasser so mancher trefflichen Werke von\ngrösserem Umfange, wie Oratorien und Sinfonieen, müssen\nfroh sein, wenn sie dieselben nur hier und da wenigstens\nzur Aufführung bringen, was häufig genug noch obenein\nmit Opfern von ihrer Seite verbunden ist, da unsere jetzi-\ngen musicalischen Institute wohl die ausübenden Künstler\nbezahlen, die Componisten aber bloss ehren (nicht honori-\nren), und ihnen wohl gar noch die Kosten der Ausschrei-\nbung und Vervielfältigung der Stimmen aufbürden.\nDas ist kein erfreulicher Zustand. Durch die neuer-\ndings beliebten Preis-Ausschreibungen kann demselben nicht\nabgeholfen werden. Die Industrie, die Association muss sich\nder Sache bemächtigen und mit ihrem gewaltigen Hebel\neben so der Tonkunst unter die Arme greifen, wie sie es\nbereits bei der Malerei mit Glück versucht hat.\nDie bisherigen Vereine für die Tonkunst haben gewiss\nden besten Willen, aber sie greifen das Ding nicht beim\nrechten Flecke an. Die Ermunterung zum Schaffen von\npreiswürdigen Werken ist ganz löblich; allein der Miss-\ngriffe zu geschweigen, die bei dem Vorschreiben der Gat-\ntung, des Inhalts, beziehungsweise der Texte u. s. w. ge-\nthan werden, auch der Menschlichkeiten nicht zu gedenken,\ndie bei den Richtersprüchen mit unterlaufen an Lust und\nTrieb zum Componiren fehlt es ja keineswegs! Im Gegen-\ntheil, jeder, der die Schule riothdürftig durchgemacht hat,\nja, oft auch, wer ihr noch unreif entlaufen ist, setzt sich\nan den Schreibtisch oder an das Ciavier und componirt,\nund weil er einige Hundert Reminiscenzen im Kopfe hat,\nstellt er aus diesen eine Melodie zusammen, welche er sich\nso lange als seine eigene vorlügt, bis er sie lür eine neue\nWahrheit hält. Andere, von ehrenwerthem und tüchtigem\nFleisse, weil sie die musicalische Grammatik, sowohl die\nFormenlehre als die Syntax, gründlich inne haben, halten\nsich dadurch allein zum Schaffen befähigt. Nun, diese sind\nmir immer noch zehn Mal lieber als die Ritter vom Geiste\nund Stümper im Handwerk. Kurz, ich möchte lieber einen\nAreopag gegründet sehen, der Strafen auf das unbefugte\nComponiren setzte, als noch mehr Vereine entstehen, die\ndazu ermunterten. Das wahre Talent und vollends das Ge-\nnie treibt sich von selbst zum Schaffen, weil es eben nicht\nanders kann.\nFördernder lür die Kunst sind schon diejenigen Ver-\neine oder Staats-Institute, welche junge Talente nach abge-\nlegten Proben in ihrer Ausbildung unterstützen. Fragen\nwir aber die Erfahrung im Grossen, abgesehen von einzel-\nnen glänzenden Ausnahmen, so werden wir gestehen müs-\nsen, dass die Resultate auch hier in keinem Verhältnisse zu\ndem Aufwände der Mittel stehen. Die Akademieen wissen\ndavon nachzusagen; wie wenige z. B. von den römischen\nStipendiaten der Academie des in Paris sind aus-\ngezeichnete Componisten geworden! Auch diesen Vereinen\ngegenüber behaupte ich, dass das Talent viel leichter einen\nLehrer und Bildner als einen Verleger finde. Denn unter\nden Künstlern und Musikverständigen gibt es immer noch\neine Menge, die ohne Eigennutz sich des Talentes mit Freu-\nden annehmen. Wer aber den Verlegern etwas bringt, das\nnicht aus Mendelssohn's Nachlass ist, der darf nicht auf Er-\nhörung rechnen. Mendelssohn zog und zieht noch das\nist ihr Kunst-Ausdruck, und Mancher von ihnen (heilt die\nNaivetät eines mir bekannten Theater-Directors, der nach\ndem guten Ertrage einiger Stücke von Shakespeare seinen\nRegisseur ersuchte, dem Manne zu schreiben und ihm für\nein neues Stück ein anständiges Honorar zu bieten.\nDen richtigen Weg hat bis jetzt allein, so viel ich\nweiss, die Gesellschaft zur Beförderung der Tonkunst in\nHolland eingeschlagen, welche wenigstens einen Theil\nihrer Einnahme zur Herausgabe neuerer Werke an-\nwendet. Freilich hat auch sie in den letzten Jahren die\nPreis-Ausschreibungen überhand nehmen lassen; bei den\nspecifisch nationalen Zwecken derselben und bei den dorti-\ngen Kunstzuständen mag sich das jedoch rechtfertigen las-\nsen. In Deutschland, wo die Componisten wie Pilze aus\nder Erde emporschiessen, ist das Aufmuntern zum Schrei-\nben gar nicht nöthig. Aber Mittel und Wege zu\nschaffen, dass das Geschriebene in die Oeffent-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "80", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18560308-01.1.8", "texte": "lichkeit komme und das Gute, das so oft im Dunkel\nverschimmelt, ans Licht gezogen werde, Verbreitung\nund Anerkennung finde, das thut noth.\nWie das zu erreichen sei? Auf demselben Wege, auf\nwelchem die grossen industriellen Unternehmungen unserer\nZeit zu Stande kommen, durch Vereinigung. Es handelt\nsich also darum, eine grosse Musikverlags- Gesell-\nschaf t in Deutschland zu bilden. Dass es dabei\nweniger auf den Cours der Actien, als auf die Dividende iür\ndie Kunst abgesehen sei, ist natürlich; dass jedoch die\nSache, bloss als Capital-Anlage betrachtet, ihre ehrlichen\nZinsen bringen dürfte, scheint mir eben so gewiss.\nIch werde in einem folgenden Artikel mir erlauben,\nden Vorschlag etwas näher zu beleuchten, was mir um so\neher vergönnt sein wird, da ich keine Oratio pro domo\nhalte. Ich mache zwar auch etwas „Hausmusik\", sogar\nKammermusik, allein die soll weder in Folio noch in Quarto\ngedruckt werden. Was mich bewogen hat, die Sache an-\nzuregen, ist die Erfahrung, welche ich in den letzten zehn\nJahrengemacht habe, dass viele bedeutende Werke,\ndie mir zu Gesicht und Gehör gekommen sind und auch\nin Aufführungen an mehreren Orten entschiedenen Beifall\ngefunden haben, dennoch nicht durch den Druck in die Oef-\nfentlichkeit gelangt sind; und neuerdings veranlasst mich\nnamentlich die Anhörung und Durchsicht der Sinfonie in\nG-moll von Ed. Franck, mich über die Hindernisse aus-\nzusprechen, welche heutzutage der Bekanntwerdung musi-\ncalischer Werke entgegenstehen, und ein Mittel vorzuschla-\ngen, sie zu beseitigen.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. Am Palmsonntage wird hier Händel's Messias\naufgeführt werden. Die Tenor-Partie wird Herr von Osten aus\nBerlin singen, der jungst in Holland, wo er sich noch befindet, in\nallen grösseren Städten mit grossem Erfolg aufgetreten ist.\nHerr Louis B rassin aus Leipzig gab am 3. d. Mts. eine gut\nbesuchte Soiree im Hotel Disch. Er spielte mit Herrn ß. Breuer\ndie Sonate von Mendelssohn für Piano und Yioloncell, eine\nPhantasie von T h a 1 b e r g, das „Kindermärcliien\" von J. Mosch e-\nles, eine italiänische Romanze von AI fr. Ja eil, und als er gerufen\nward, noch das grosse Scherzo von F. Chopin. Ausserdem sang\nFräuL Aug. Gebler die Sopran-Arie in F aus der „Schöpfung\"\nmit sehr wohlklingender Stimme, reiner Intonation und lieblichem\nVorträge der reizenden Verzierungen, und nächstdem ein Lied von\nMarschner; mehrere Mitglieder des M ä n n e r g e s a n g - V e r e i n s\ntrugen einige Gesänge mit Ausdruck vor. Dem noch sehr jugend-\nlichen Pianisten ist eine schöne Zukunft zu prophezeien, wenn er,\nwie wir hoffen, auf dem Wege des soliden Ciavierspiels beharrt\nund seinen grossen Lehrer Mo Scheies fortwährend zum Muster\nnimmt. Zu dieser Hoffnung berechtigt uns besonders der ausge-\nzeichnete Vortrag des G-mo/Z-Concertes von Moscheies, das Herr\nBrassin neulich in der philharmonischen Gesellschaft auswendig\nspielte—unstreitig die beste Leistung, die wir von ihm gehört ha-\nben. Die treffliche Composition fand eben so wie der Vortrag be-\ngeisterten Anklang bei der zahlreichen Versammlung.\nIn die Direction des Mozart-Vereins (dessen Protecto-\nrat der Herzog von Coburg bekanntlich angenommen) sind\nneuerdings gewählt worden: Meyer b e e r, M arschner, Lin d-\npaintner, F. Hiller, Liszt und F. Lachner. Auf den Hof-\ntheatern von Gotha, Weimar und Darmstadt haben Vorstel-\nlungen zum Besten des Vereins Statt gehabt; von fünfzehn ande-\nren Städten stehen solche in Aussicht.\nDer ausgezeichnete Violinist Adolf Köckert hat auf einer\nKunstreise durch die Schweiz namentlich in Bern, Frei bürg,\nLausanne, Genf u. s. w. eine Reihe von Concerten gegeben\nund überall den lebhaftesten Beifall geärntet. Von Genf ist er nach\nParis gegangen.\nDie deutsche Tonhalle hat ihren vierten Jahres-Bericht\nversandt als Rechenschaft und Einladung zu allgemeiner Theil-\nnahme. Sie zählt ausser 6 fürstlichen Gönnern 425 Mitglieder\n(darunter 157 in Mannheim, was der Stadt alle Ehre macht);\nden Vorstand bilden die Herren Dr. Barazetti, L. A. Bassermann,\nDr. Bensinger, K. F. Heckel, A. Schüssler. Das Eintrittsgeld beträgt\nein Drittel Thaler und der (widerrufliche) Jahrcs-Beitrag ebenfalls\nnur ein Drittel Thaler. Jeder Gesammt-Beitrag für mehrere Jahre,\nso wie freiwillige höhere Leistungen werden dankbar angenommen.\nDer Stand der Vereins-Casse (vom 1. Lenz- bis letzten Christ-Mo-\nnat) 1855 ist folgender:\nEinnahme:\n1) Aus voriger Rechnung . 469 Fl. 15 Kr.\n2) Eintrittsgeld 19 „ 15 „\n3) Beitrag der Mitglieder (so weit sie für 1855\nbis jetzt eingekommen) 134 „ 56 „\n4) Mehrleistungen und Geschenke .... 90 „ 44 „\nZusammen . . 714 Fl. 10 Kr.\nAusgabe:\n1) Schreibbedürfnisse ... 1 FL Kr.\n2) Druck- und Schreib-Kosten 35 ~ 8 „\n3) Post- und Send-Gebüh.ren 35 „ 28 „\n4) Für Preise verwendet . . 267 „ 12 „\n5) Bedienung und Verschied. 25 „ 38 „\nAb diese Ausgabe mit . . 364 „ 26 „\nSind vorräthig und gehen in die Rechnung fürs\nJahr 1856 über .......... 349 Fl. 44 Kr.\nDie eben gedachten Preise waren für drei Abendmahls-Gesänge\nHerrn A. F. Leder in Marienwerder 67 Fl. 12 Kr. und für eine\nSinfonie Herrn H. Neu mann in Heiligenstadt 200 Fl.\nIm verflossenen Jahre sind (im 8. und 9. Preis-Ausschreiben}\nausgesetzt worden für einen Männerchor-Gesang: „Göll, Vaterland,\nLiebe\", 12 Ducaten, und 18 Ducaien für einen Schiller-Festgesang.\nDie Bewerbungen um jenen Preis liegen, wie bereits öffentlich\nangezeigt, in der Beurtheilung, und die um letzteren sind vor dem\nMonat Mai dieses Jahres „der deutschen Tonhalle44 frei Mannheim\neinzusenden*).\n*) Wir ergreifen diese Gelegenheit, den von mehreren Seiten\nan uns zur Vermittluug an die Tonhade ergangenen Wunsch\nauszusprechen: bei der Wahl der Texte zu Preis-Compo-\nsitionen für Gesang strenger als bisher verfahren zu wollen.\nDie Red actio n."}]}